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Sir Arthur Conan Doyle

Eine Skandalgeschichte im Fürstentum O...

Saga

Eine Skandalgeschichte im Fürstentum O... Coverbild/Ilustration: ShutterstockCopyright © 1891, 2020 Arthur Conan Doyle und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726619010

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 2.0

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Eine Skandalgeschichte im Fürstentum O . . . .

Ich hatte mich vor kurzem verheiratet und daher in letzter Zeit nur wenig von meinem Freunde Sherlock Holmes gesehen. Mein eigenes Glück und meine häuslichen Interessen nahmen mich völlig gefangen, wie es wohl jedem Mann ergehen wird, der sich ein eigenes Heim gegründet hat, während Holmes, seiner Zigeunernatur entsprechend, jeder Art von Geselligkeit aus dem Wege ging. Er wohnte noch immer in unserem alten Logis in der Bakerstrasse, begrub sich unter seinen alten Büchern und wechselte zwischen Cocaïn und Ehrgeiz, zwischen künstlicher Erschlaffung und der aufflammenden Energie seiner scharfsinnigen Natur. Noch immer wandte er dem Verbrecherstudium sein ganzes Interesse zu, und seine bedeutenden Fähigkeiten, sowie seine ungewöhnliche Beobachtungsgabe liessen ihn den Schlüssel zu Geheimnissen finden, welche die Polizei längst als hoffnungslos aufgegeben hatte. Von Zeit zu Zeit drang irgend ein unbestimmtes Gerücht über seine Thätigkeit zu mir. Ich hörte von seiner Berufung nach Odessa wegen der Morbaffäre Trepoff, von seiner Aufklärung der einzig dastehenden Tragödie der Gebrüder Atkinson in Trimonale und schliesslich von der Mission, die er im Auftrage des holländischen Herrscherhauses so taktvoll und erfolgreich zu Ende geführt hatte. Sonst wusste ich von meinem alten Freund und Gefährten wenig mehr als alle Leser der täglichen Zeitungen.

Eines Abends, es war am 20. März 1888, führte mich mein Weg durch die Bakerstrasse; ich kam gerade von einer Konsultation her, da ich wieder meine Privatpraxis aufgenommen hatte. Als ich mich der wohlbekannten Thür näherte, ergriff mich der unwiderstehliche Drang, Holmes aufzusuchen, um zu erfahren, welcher Angelegenheit er augenblicklich sein aussergewöhnliches Talent widmete. Seine Zimmer waren glänzend erleuchtet, und beim Hinaufsehen gewahrte ich den Schatten seiner grossen, mageren Gestalt. Den Kopf auf die Brust gesenkt und die Hände auf dem Rücken, durchmass er schnell und eifrig das Zimmer. Ich kannte seine Stimmungen und Angewohnheiten viel zu genau, um nicht sofort zu wissen, dass er wieder in voller, Thätigkeit war. Er hatte sich aus seinen künstlich erzeugten Träumen emporgerafft und war nun einem neuen Rätsel auf der Spur. Ich zog die Glocke und wurde in das Zimmer geführt, das ich früher mit ihm geteilt hatte.

Sein Benehmen war nicht übermässig herzlich zu nennen. Das war bei ihm überhaupt selten der Fall, und doch hatte ich das Gefühl, dass er sich freute, mich zu sehen. Er sprach kaum ein Wort, aber nötigte mich mit freundlichem Gesicht in einen Lehnstuhl, reichte mir seinen Cigarrenkasten herüber und zeigte auf ein Likörschränkchen in der Ecke. Dann stellte er sich vor das Feuer und betrachtete mich in seiner sonderbar forschenden Manier.

„Die Ehe bekommt dir, Watson,“ bemerkte er. „Ich glaube, du hast siebeneinhalb Pfund zugenommen, seit ich dich zuletzt sah.“

„Sieben,“ antwortete ich.

„Wirklich? Ich hätte es für etwas mehr gehalten. Nur eine Kleinigkeit mehr, Watson. Und du praktizierst wieder, wie ich bemerke; du erzähltest mir nichts von deiner Absicht, wieder ins Joch gehen zu wollen.“

„Woher weisst du es denn?“

„Ich sehe es, ich folgere eg eben. Ich weiss auch, dass du kürzlich in einem tüchtigen Unwetter draussen gewesen bist, und dass du ein sehr ungeschicktes, nachlässiges Dienstmädchen haben musst.“

„Mein lieber Holmes,“ sagte ich, „nun hörʻ auf; vor einigen Jahrhunderten würden sie dich wahrscheinlich verbrannt haben. Ich habe allerdings am vorigen Donnerstag eine Landtour gemacht und kam furchtbar durchnässt und beschmutzt nach Hause, aber woraus du das schliessen willst, weiss ich doch nicht, da ich ja sofort meine Kleider wechselte. Und Marie Johanne ist wirklich unverbesserlich, meine Frau hat ihr schon den Dienst gekündigt, aber um alles in der Welt, wie kannst du das wissen?“

Er lachte in sich hinein und rieb seine schnulen nervösen Hände.

„Das ist doch so einfach,“ meinte er; „meine Augen sehen deutlich, dass auf der Innenseite deines linken Stiefels, die gerade jetzt vom Licht erhellt wird, das Leder durch sechs nebeneinander laufende Schnitte beschädigt ist. Das kann nur jemand gethan haben, der sehr achtlos den getrockneten Schmutz von den Rändern der Sohle abkratzen wollte. Daher meine doppelte Vermutung, dass du erstens bei schlechtem Wetter ausgegangen bist, und zweitens, ein besonders nichtswürdiges, stiefelaufschlitzendes Exemplar der Londoner Dienstbotenwelt hast. Und was nun deine Praxis betrifft, so müsste ich doch wirklich schwachköpfig sein, wenn ich einen Herrn, der nach Jodoform riecht, auf dessen rechtem Zeigefinger ein schwarzer Fleck von Höllenstein prangt, während die Erhöhung seiner linken Brusttasche deutlich das Versteck seines Stethoskops verrät, nicht auf der Stelle für einen praktischen Arzt halten würde.“

Ich musste lachen, mit welcher Leichtigkeit er diese Folgerungen entwickelte. „Wenn ich deine logischen Schlüsse anhöre, erscheint mir die Sache lächerlich einfach, und ich glaube es ebensogut zu können,“ bemerkte ich. „und doch überrascht mich jeder Beweis deines Scharfsinnes aufs neue, bis du mir den ganzen Vorgang erklärt hast. Nichtsdestoweniger sehe ich genau so gut wie du.“

„Sehr richtig,“ entgegnete er, steckte sich eine Cigarette an und warf sich in den Lehnstuhl. „Du siehst wohl, aber du beobachtest nicht. Der Unterschied ist ganz klar. Du hast z. B. häufig die Stufen gesehen, die vom Flur in dies Zimmer hinaufführen.“

„Sehr häufig.“

„Wie oft?“

„Nun sicher einige hundertmal.“

„Dann wirst du mir auch wohl sagen können, wieviel es sind?“

„Wieviel? Nein, davon habʻ ich keine Ahnung.“

,,Siehst du wohl, du hast zwar gesehen, aber nicht beobachtet. Das meine ich ja eben. Ich weiss ganz genau, dass die Treppe siebzehn Stufen hat, weil ich nicht nur gesehen, sondern auch beobachtet habe. — A propos, da ich dein Interesse für meine kleinen Kriminalfälle kenne, — du hattest sogar die Güte, eine oder zwei meiner geringen Erfahrungen aufzuzeichnen, — wird dich vermutlich auch dies interessieren.“ Er reichte mir einen Bogen dicken, rosenfarbenen Briefpapiers, der geöffnet auf dem Tisch lag. „Dies Schreiben kam mit der letzten Post an, bitte lies vor.“

Der Brief, der weder Datum noch Unterschrift und Adresse trug, lautete: ,,Ein Herr, der Sie in einer sehr bedeutungsvollen Angelegenheit zu sprechen wünscht, wird Sie heute abend um dreiviertel acht aufsuchen. Die Dienste, die Sie unlängst einem regierenden europäischen Hause erwiesen, geben den Beweis, dass man Ihnen Dinge von allerhöchster Wichtigkeit anvertrauen kann. Dies Urteil wurde uns von allen Seiten bestätigt. Bitte also zur bezeichneten Zeit zu Hause zu sein, und es nicht falsch zu deuten, wenn Ihr Besucher eine Maske trägt.“

,,Dahinter steckt ein Geheimnis,“ bemerkte ich. „Kannst du dir das erklären?“

„Bis jetzt habe ich noch keine Anhaltspunkte. Es ist aber ein Hauptfehler, ohne dieselben Vermutungen aufzustellen. Unmerklich kommt man so der Theorie zuliebe zum Konstruieren von Thatsachen, statt es umgekehrt zu machen. Doch was schliesst du aus dem Brief selbst?“

Ich prüfte sorgfältig Schrift und Papier.

,,Der Schreiber lebt augenscheinlich in guten Verhältnissen,“ meinte ich, bemüht, das Verfahren meines Freundes so getreu als möglich zu kopieren. „Das Papier ist sicher kostspielig, es ist ganz besonders stark und steif.“

„Ganz richtig bemerkt,“ sagte Holmes. „Auf keinen Fall ist es englisches Fabrikat. Halte es mal gegen das Licht.“

Ich that es und sah links als Wasserzeichen ein grosses E. und C. und auf der rechten Seite ein fremdartig aussehendes Wappen in das Papier gestempelt. „Nun, was schliesst du daraus?“ fragte, Holmes.

„Links ist der Namenszug des Fabrikanten.“

,,Gut, aber rechts?“

„Ein Wappen als Fabrikzeichen, ich kenne es jedenfalls nicht,“ antwortete ich.

,,Dank meiner heraldischen Liebhaberei, kann ich es dir verraten,“ sagte Holmes. „Es ist das Wappen des Fürstentums O.“

,,Dann ist der Fabrikant vielleicht Hoflieferant,“ meinte ich.

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30 p. 1 illustration
ISBN:
9788726619010
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