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Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Christa Keussen
Ausgewählte Kommentare zu DER WEG DER VAMPIRE
„Rice leistet gute Arbeit, den Leser von Beginn an in die Geschichte hineinzuziehen, mit wunderbaren Beschreibungen, die über das reine Zeichnen des Hintergrundes hinausgehen....schön geschrieben und extrem schnell zu lesen.“
--Black Lagoon Reviews (über Turned – Gewandelt)
„Eine ideale Geschichte für junge Leser. Morgan Rice leistet gute Arbeit, eine interessante Wendung herauszuarbeiten…erfrischend und ungewöhnlich. Die Serie dreht sich um ein Mädchen…ein außergewöhnliches Mädchen!…Einfach zu lesen, doch extrem rasant… Bedingt jugendfrei.“
--The Romance Reviews (über Turned – Gewandelt)
„Packte meine Aufmerksamkeit von Anfang an und ließ nicht locker… diese Geschichte ist ein fantastisches Abenteuer, von Beginn an rasant und actionreich. Es ist kein langweiliger Moment zu finden.“
--Paranormal Romance Guild {über Turned- Gewandelt}
„Vollgepackt mit Action, Romantik, Abenteuer und Spannung. Lasst es euch nicht entgehen, und verliebt euch ganz von Neuem.“
--vampirebooksite.com (über Turned – Gewandelt)
„Eine tolle Geschichte, und vor allem die Art von Buch, die man nachts nicht weglegen kann. Das Ende war ein Cliffhanger, der so spektakulär war, dass man sofort das nächste Buch kaufen möchte, nur um herauszufinden, wie es weitergeht.“
--The Dallas Examiner {über Loved – Vergöttert}
„Ein Buch, das TWILIGHT und VAMPIRE DIARIES Konkurrenz macht, und dazu führen wird, dass man bis zur letzten Seite nicht genug davon bekommt! Wer Abenteuer, Liebe und Vampire mag, liegt mit diesem Buch genau richtig!“
--vampirebooksite.com (über Turned – Gewandelt)
„Morgan Rice erweist sich erneut als äußerst talentiert im Geschichtenerzählen…Dies wird eine große Bandbreite an Lesern ansprechen, darunter die jüngeren Fans des Vampir/Fantasy-Genres. Das Ende ist ein unerwarteter Cliffhanger, der Sie schockieren wird.“
--The Romance Reviews (über Loved – Vergöttert)
Über Morgan Rice
Morgan Rice schrieb die Nr. 1-Bestseller DER WEG DER VAMPIRE, eine bisher elf Teile umfassende Jugend-Serie, die großteils bereits auf Deutsch erschienen ist; die Nr. 1-Bestseller-Serie THE SURVIVAL TRILOGY, ein postapokalyptischer Thriller, der aus bisher zwei Bänden besteht; und die epische Nr. 1-Bestseller-Fantasy-Serie DER RING DER ZAUBEREI, die bisher aus dreizehn Bänden besteht und großteils bereits auf Deutsch erhältlich ist.
Morgans Bücher sind als Hörbuch und gedruckte Ausgaben erschienen, und Übersetzungen der Bücher sind auf Deutsch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Portugiesisch, Japanisch, Chinesisch, Spanisch, Holländisch, Türkisch, Ungarisch, Tschechisch und Slowakisch erschienen (mit weiteren Sprachen in Arbeit).
Sämtliche Bücher von Morgan Rice werden demnächst in deutscher Sprache erhältlich sein.
Bitte besuchen Sie auch www.morganricebooks.com, wo Sie sich in die E-Mail-Liste eintragen, ein Gratis-Buch und andere kleine Geschenke erhalten, die Gratis-App herunterladen, exclusiv aktuelle Neuigkeiten erfahren, sowie über Facebook und Twitter Kontakt halten können. Morgan freut sich auf Ihren Besuch!
Bücher von Morgan Rice
DER RING DER ZAUBEREI
QUESTE DER HELDEN (Band #1)
MARSCH DER KÖNIGE (Band #2)
LOS DER DRACHEN (Band #3)
RUF NACH EHRE (Band #4)
SCHWUR DES RUHMS (Band #5)
ANGRIFF DER TAPFERKEIT(Band #6)
A RITE OF SWORDS – RITUS DER SCHWERTER (Band #7)
A GRANT OF ARMS – GEWÄHR DER WAFFEN (Band #8)
A SKY OF SPELLS – HIMMEL DER ZAUBER (Band #9)
A SEA OF SHIELDS – MEER DER SCHILDE (Band #10)
demnächst auf Deutsch erhältlich
A REIGN OF STEEL – REGENTSCHAFT DES STAHLS (Band #11)
A LAND OF FIRE – LAND DES FEUERS (BAND #12)
A RULE OF QUEENS – DIE HERRSCHAFT DER KÖNIGINNEN (BAND #13)
DIE TRILOGIE DES ÜBERLEBENS
ARENA EINS: DIE SKLAVENTREIBER (BAND #1)
ARENA TWO – ARENA ZWEI (Band #2)
DER WEG DER VAMPIRE
GEWANDELT (Band #1 Der Weg Der Vampire)
VERGÖTTERT (Band #2 Der Weg Der Vampire)
VERRATEN (Band #3 Der Weg Der Vampire)
BESTIMMT (Band #4 Der Weg Der Vampire)
BEGEHRT (Band #5 Der Weg Der Vampire)
BETROTHED – VERMÄHLT (Band #6)
VOWED – GELOBT (Band #7)
FOUND – GEFUNDEN (Band #8)
RESURRECTED – ERWECKT (Band #9)
demnächst auf Deutsch erhältlich
CRAVED – ERSEHNT (Band #10)
FATED – BERUFEN (Band #11)


Hören Sie sich die VAMPIRE JOURNALS-Serie im Hörbuch-Format an!
Copyright © 2012 by Morgan Rice
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Dieses Werk ist fiktional. Namen, Figuren, Unternehmen, Organisationen, Orte, Ereignisse und Vorfälle entstammen entweder der Fantasie des Autors oder werden fiktional verwendet. Jede Ähnlichkeit zu realen Personen, lebendig oder tot, ist rein zufällig.
“Will und Geschick sind stets in Streit befangen.
Was wir ersinnen, ist des Zufalls Spiel,
Nur der Gedank ist unser, nicht sein Ziel.”
--William Shakespeare, HamletIn der Übersetzung von Wilhelm von Schlegl
KAPITEL EINS
Caitlin Paine stand im Hinterzimmer von Pete´s Bar, zusammen mit Caleb, Sam, Polly und einem Dutzend Polizeibeamter, und starrte durch das zertrümmerte Fenster in die Nacht, die hell erleuchtet war von den vielen Blaulichtern. Sie fragte sich, was zur Hölle mit ihrer Tochter passiert sein konnte. Scarlet, die Liebe ihres Lebens, war irgendwo dort draußen, rannte durch die Nacht, allein, vermutlich verängstigt und der Gedanke daran zerriss sie innerlich. Was Caitlin noch mehr schmerzte, als der Gedanke daran, dass Scarlet vermisst wurde, war, zu was Scarlet geworden war; ihre Erinnerungen an sie; ihr letzter Blick auf sie, bevor sie durch das Fenster gesprungen war. Das war nicht ihre Tochter.
Das war etwas anderes.
Caitlin schauderte bei dem Gedanken daran, und doch, obwohl sie versuchte, es abzuschütteln, wusste sie, dass es die Wirklichkeit war. Sie hatte sich mit der Idee die ganze Zeit herumgeschlagen, darum gekämpft, nicht zu glauben, dass Scarlet nicht mehr länger ein Mensch war, dass Scarlet wirklich ein Vampir war. Caitlin hatte sich mit Aiden auseinandergesetzt, mit dem Priester, mit Caleb und vor allem mit sich selbst, hoffend, wünschend, es wäre etwas anderes. Aber jetzt gab es nichts mehr zu kämpfen. Sie hatte keine Erklärungen mehr.
Caitlins Herz klopfte schnell, als sie in die Nacht sah. Dieses Mal hatte sie es selbst gesehen, mit ihren eigenen Augen. Ihr Mädchen hatte sich verwandelt, sie hatte diesen Mann ausgesaugt, hatte eine übermenschliche Stärke gewonnen. Sie hatte diesen riesigen Mann gegen die Wand geworfen, als wäre er ein Zahnstocher – und sie war so schnell in die Nacht gesprungen, innerhalb eines Augenzwinkerns, dass es keine Frage mehr gäbe, ob sie noch menschlich war. Es gab auch keine Möglichkeit, das wusste Caitlin, dass sie sie fangen würden. Sie wusste, dass die Polizei ihre Zeit verschwendete.
Dieses Mal war es allerdings anders, da sie nicht die einzige war, die es miterlebt hatte. Caitlin hatte den Ausdruck auf Calebs Gesicht gesehen, auf Pollys und Sams und sie konnte es in ihren Augen lesen: ein Ausdruck von Schock, eine Angst vor dem Übernatürlichen. Scarlet, die Person, die sie alle am meisten auf der Welt geliebt hatten, war nicht mehr Scarlet.
Dies war der Stoff, aus dem Alpträume und Märchen gemacht wurden, etwas, womit Caitlin nie gerechnet hätte, es in ihrem Leben zu sehen. Es veränderte nicht nur ihren Blick auf Scarlet, sondern auf die ganze Welt. Wie konnten solche Dinge wirklich existieren? Wie konnte dieser Planet mehr als nur Menschen beherbergen?
“Mrs. Paine?”
Caitlin wendete sich ab und sah, dass ein Polizeibeamter neben ihr Stand, Stift und Block in der Hand, und sie ungeduldig anschaute.
“Haben Sie meine Frage gehört?”
Caitlin, zitternd, geschockt, schüttelte langsam ihren Kopf.
“Es tut mir leid”, antwortete sie mit heiserer Stimme. “Das habe ich nicht.”
“Ich sagte: wo glauben Sie, könnte Ihre Tochter hingegangen sein?”
Caitlin seufzte bei dem Gedanken daran. Wäre es noch die alte Scarlet, könnte sie diese Frage leicht beantworten. Zu einer Freundin, ins Fitnessstudio, auf ein Date, das Fußballfeld….
Aber bei der neuen Scarlet hatte sie keine Ahnung.
“Ich wünschte, ich wüsste es”, sagte sie schließlich.
Ein anderer Beamter trat vor.
“Gibt es irgendwelche Freunde, zu denen sie vielleicht gegangen ist?” fragte er. “Einen festen Freund?”
Bei den Worten fester Freund drehte Caitlin sich um und durchsuchte den Raum mit ihren Blicken, auf der Suche nach einem Zeichen von dem mysteriösen Jungen, der in die Bar gestürzt war. Sage, hatte er gesagt. So einfach, nur ein Wort, als wenn sie wissen müsste, wer er war. Caitlin musste zugeben, dass sie noch nie jemanden wie ihn getroffen hatte. Er strahlte mehr Macht aus, als jeder andere, den sie getroffen hatte, und er war eher ein erwachsener Mann als ein Teenager. Er war komplett in schwarz gekleidet gewesen und seine glänzenden Augen und die gemeißelten Wangenknochen ließen ihn aussehen, als wenn er aus einem anderen Zeitalter stammte.
Am Seltsamsten aber war, was er mit den Einheimischen in der Bar gemacht hatte. Sie wusste, dass Caleb und Sam ziemlich gut auf sich selbst aufpassen konnten – aber dieser Junge hatte einen schnellen Sieg erreicht, wo sie nicht in der Lage zu waren und hatte alle Männer in Sekundenbruchteilen niedergeschlagen. Wer war er? Warum war er hier gewesen?
Und warum hatte er nach Scarlet gesucht?
Als sie sich jetzt jedoch umsah, konnte Caitlin ihn nicht entdecken. Sage war ebenfalls irgendwie verschwunden. Was für eine Verbindung hatte er zu Scarlet? fragte sie sich. Ihre Mutterinstinkte sagten ihr, dass die Beiden irgendwie zusammen waren. Aber wer war er? Das Geheimnis wurde immer größer.
Caitlin fühlte sich nicht bereit, das der Polizei gegenüber zu erwähnen; es war alles zu verrückt.
“Nein”, log Caitlin mit zitternder Stimme. “Nicht, dass ich wüsste.”
“Sie haben gesagt, hier war noch ein Junge, der an der Auseinandersetzung beteiligt war?” fragte ein anderer Beamter. “Kennen Sie seinen Namen?”
Caitlin schüttelte ihren Kopf.
“Sage”, mischte sich Polly ein und kam einen Schritt näher. “Er sagte, sein Name wäre Sage.”
Aus irgendeinem Grund hatte Caitlin es ihnen nicht sagen wollen; sie fühlte sich, als müsse sie ihn beschützen. Und sie fühlte auch, dass Sage ebenfalls kein Mensch war – und sie wollte das nicht der Polizei sagen, damit nicht wieder jeder dachte, sie wäre verrückt.
Der Polizist schrieb seinen Namen auf und sie fragte sich, was er damit anstellen würde.
“Was ist mit diesem ganzen Abschaum hier?” presste Polly hervor und schaute sich betroffen um. “All diese Idioten, die uns angegriffen haben? Möchten Sie sie nicht verhaften?”
Die Polizisten schauten sich unangenehm berührt an.
Einer von ihnen räusperte sich.
“Wir haben bereits Kyle verhaftet, den Mann, der Ihre Tochter angegriffen hat”, sagte der Beamte. “Was die anderen angeht, also, um ehrlich zu sein, da steht ihr Wort gegen das von Ihnen – und sie sagen alle, dass Sie die Auseinandersetzung angefangen haben.”
“Das haben wir nicht!” sagte Caleb und ging wütend einen Schritt auf ihn zu, einen Verband um seinen Kopf tragend. “Wir sind hier reingekommen, um meine Tochter zu suchen—und sie haben versucht, uns aufzuhalten.”
“Wie ich schon gesagt habe”, sagte der Beamte, “Ihr Wort steht gegen deren. Sie sagten, Sie hätten den ersten Schlag gelandet – und ehrlich gesagt, sehen sie schlechter aus als Sie! Wenn wir die anderen verhaften, müssen wir auch Sie verhaften.”
Caitlin starrte sie mit schwelender Wut an.
“Was ist mit meiner Tochter?” fragte sie. “Wie planen Sie, sie zu finden?”
“Ma’am, ich kann Ihnen versichern, dass alle unserer verfügbaren Kräfte da draußen auf der Suche nach ihr sind”, sagte der Polizist. “Aber es ist furchtbar schwer, jemanden zu finden, wenn wir nicht wissen, wo er hingegangen ist – oder warum. Wir brauchen ein Motiv.”
“Sie sagten, sie sei gerannt”, sagte ein anderer Beamter und trat einen Schritt nach vorn. “Wir verstehen das nicht. Warum sollte sie wegrennen? Sie waren bereits da. Sie war mit Ihnen zusammen. Sie war in Sicherheit. Also, warum sollte sie wegrennen?”
Caitlin sah Caleb und die anderen an und sie alle sahen unsicher zurück.
“Ich weiß es nicht”, sagte sie ehrlich.
“Warum haben Sie dann nicht versucht, sie aufzuhalten?” fragte ein weiterer Polizist. “Oder hinter ihr herzurennen?”
“Sie verstehen das nicht”, sagte Caitlin in dem Versuch, Licht auf die Sache zu werfen. “Sie ist nicht nur weggerannt; sie ist gesprungen. Es war wie…einem Reh zuzusehen. Wir hätten sie nicht fangen können, auch wenn wir es versucht hätten.”
Die Beamten sahen sich skeptisch an.
“Möchten Sie mir damit sagen, dass unter allen Erwachsenen hier, nicht einmal einer versucht hat, sie zu fangen? Was ist sie, eine Art Olympiasiegerin?” spottete er skeptisch.
“Haben Sie heute Abend etwas getrunken, Ma’am?” fragte sie ein anderer Polizist.
“Hören Sie zu”, fauchte Caleb und ging einen weiteren Schritt auf sie zu, “meine Frau erfindet das nicht nur. Ich habe es auch gesehen. Wir alle hier haben es gesehen: ihr Bruder und seine Frau auch. Wir vier. Denken Sie, dass wir uns alle etwas einbilden?”
Der Beamte hielt eine Hand hoch.
“Kein Grund sich zu verteidigen. Wir spielen alle im selben Team. Aber versetzen Sie sich doch mal in unsere Situation: Sie erzählen mir, dass Ihr Kind schneller als ein Reh gelaufen ist. Offensichtlich macht das keinen Sinn. Vielleicht sind Sie alle noch erledigt von dem Kampf. Manchmal sind die Dinge nicht so, wie sie scheinen. Alles, was wir sagen, ist, dass das alles nicht zusammen passt.”
Der Beamte tauschte einen skeptischen Blick mit seinen Partnern.
“Wie ich schon gesagt habe, unsere Einheiten suchen nach Ihrer Tochter. In neun von zehn Fällen kommen davongelaufene Kinder wieder nach Hause. Oder zu einem Freund. Also ist mein Rat an Sie: gehen Sie nach Hause und bleiben Sie da. Ich wette, dass alles, was hier passiert ist, so war, dass sie die Regeln ein bisschen brechen wollte und einen Drink in einer Erwachsenen-Bar einnehmen wollte und dann sind die Dinge ein wenig aus dem Ruder gelaufen. Vielleicht hat sie einen Typen in der Bar getroffen. Als Sie ankamen, ist sie vielleicht verschwunden, weil es ihr peinlich war. Gehen Sie nach Hause, ich wette, sie wartet dort schon auf Sie”, schloss der Beamte ab, als hätte sich damit alles geklärt.
Caitlin schüttelte überwältigt von Frustration ihren Kopf.
“Sie verstehen das nicht”, sagte sie. “Sie kennen meine Tochter nicht. Scarlet geht nicht in Bars. Und sie reißt keine fremden Männer auf. Sie kam hierhin, weil sie litt. Sie kam hier hin, weil sie nirgendwo anders hingehen konnte. Weil sie etwas brauchte. Sie kam hierher, weil sie sich verwandelt. Verstehen Sie nicht? Verwandelt.”
Die Beamten sahen sie an, als wenn sie verrückt wäre; Caitlin hasste diesen Blick.
“Verwandelt?” wiederholten sie, als hätte sie ihren Verstand verloren.
Caitlin seufzte verzweifelt.
“Wenn Sie sie nicht finden, könnten Menschen dort draußen verletzt werden.”
Die Beamten runzelten die Stirn.
“Verletzt? Was erzählen Sie da? Hat Ihre Tochter Menschen verletzt? Ist sie bewaffnet?”
Caitlin schüttelte ihren Kopf, jenseits jeder Frustration. Diese lokalen Beamten würden sie nie verstehen; sie verschwendete nur ihren Atem.
“Sie ist unbewaffnet. Sie hat nie eine Menschenseele verletzt. Aber wenn Ihr Männer sie nicht finden, werden sie nicht in der Lage sein, sich vor ihr zu retten.”
Die Polzisten sahen sich gegenseitig an, als wenn sie sich einig wären, dass Caitlin verrückt wäre und dann drehten sie sich um und gingen in den nächsten Raum.
Als Caitlin sah, wie sie weggingen, drehte sie sich um und schaute hinaus, durch das zerbrochene Glas in die Nacht.
Scarlet, dachte sie. Wo bist Du? Komm zu mir nach Hause, Baby. Ich liebe Dich. Es tut mir leid. Was immer ich getan habe, was Dich wütend gemacht hat. Es tut mir leid. Bitte komm nach Hause.
Das verrückteste war, wurde Caitlin klar, dass, als sie an Scarlet dort draußen dachte, allein in der Nacht, sie sich keine Sorgen um sie machte.
Sie machte sich um alle anderen Sorgen.
KAPITEL ZWEI
Kyle saß auf der Rückbank des Polizeiwagens, die Hände hinter dem Rücken gefesselt, starrte auf das Gitter vor ihm und fühlte sich anders als je zuvor. Etwas veränderte sich in ihm, er wusste nicht, was es war, aber er konnte es in sich gären fühlen. Es erinnerte ihn an die Zeit, in der er noch Heroin genommen hatte, der erste Rausch, als die Nadel die Haut durchbohrte. Dieses neue Gefühl war wie eine sengende Hitze, die durch seine Venen lief – begleitet von einem Gefühl von unvorstellbarer Kraft. Er fühlte sich überwältigt durch Kraft, als wenn seine Venen aus seiner Haut herausspringen würden, weil sein Blut in ihm anschwoll. Er fühlte sich stärker als je zuvor in seinem Leben, die Haut prickelte ihm im Gesicht und im Nacken. Die Kraftentfaltung in ihm war etwas, was er nicht verstand.
Aber Kyle war es egal; solange die Kraft da war, begrüßte er sie. Er sah durch verschwommene Augen, wie die Welt sich rot färbte, und langsam wieder Gestalt annahm. Hinter dem Gitter konnte er die beiden Polizisten sehen.
Als das Klingeln in seinen Ohren nachließ, verstand er auch langsam ihr Gespräch, am Anfang noch gedämpft.
“Dieser Täter wird für lange Zeit weg sein”, sagte der eine zu dem anderen.
“Habe gehört, er ist gerade erst draußen. Pech für ihn.”
Die Polizisten begannen zu lachen und der blecherne Ton schnitt direkt durch Kyles Kopf. Der Wagen fuhr den Highway hinunter, mit Blaulicht, und Kyle wurde sich langsam bewusst, wo er war. Er war auf derselben Straße Neun, auf dem Weg zurück ins Gefängnis, in dem er die letzten fünf Jahre seines Lebens verbracht hatte. Er erinnerte sich langsam wieder an die Nacht: die Bar…das Mädchen…er war gerade dabei, sie zur Frau zu machen, als…etwas passiert war. Die kleine Schlampe hatte ihn gebissen.
Die Realität stürzte über ihm zusammen. Sie hatte ihn gebissen.
Kyle versuchte seinen Hals zu erreichen – die beiden Bissspuren, die dort pochten – aber er wurde aufgehalten; er bemerkte, dass seine Hände hinter dem Rücken gefesselt waren.
Kyle bewegte seine Arme und zu seinem Erstaunen, brachen die Handschellen entzwei ohne dass er sich dafür anstrengen musste. Er hielt verwundert seine Handgelenke hoch, sah sie an und war geschockt von seiner eigenen Stärke. Waren die Handschellen schlecht gefertigt? Er sah sie baumelnd vor sich und fragte sich: Wie konnte er das getan haben?
Kyle fuhr sich an den Hals und fühlte die beiden Löcher an seinem Hals, sie brannten, als hätte sie ihm etwas in die Venen gespritzt. Er sah auf die kaputten Handschellen und fragte sich: Existieren Vampire wirklich? War das möglich?
Kyle grinste breit. Es war an der Zeit, es herauszufinden.
Kyle nahm die kaputten Handschellen und klopfte damit an das Gitter vor ihm.
Die beiden Polizisten drehten sich zu ihm herum, und dieses Mal lachten sie nicht; dieses Mal waren ihre Gesichter starr vor Schock. Kyles Hände waren frei, seine Handschellen zerbrochen und sie hingen an ihm herunter, während er weiterhin grinsend damit an das Gitter tippte.
“Heilige Scheiße”, sagte der eine zu dem anderen. “Hast Du ihn nicht gefesselt, Bill?”
“Doch, habe ich. Da bin ich mir sicher. Ich habe ihn super eng gefesselt.”
“Nicht fest genug”, knurrte Kyle.
Einer der Polizisten griff nach seiner Waffe, während der andere auf die Bremsen trat.
Aber nicht schnell genug. Mit einer unfassbaren Geschwindigkeit griff Kyle das Metallgitter, riss es heraus, als wäre es ein Zahnstocher und warf es auf den Vordersitz.
Kyle stürzte sich auf den Cop auf dem Beifahrersitz, schlug ihm die Waffe aus der Hand und schlug ihn so hart mit dem Ellbogen, dass das Genick des Polizisten knackte.
Der andere Polizist versuchte ihm auszuweichen und das Auto schlingerte über den Highway, als Kyle zu ihm hinüberkam, seinen Hinterkopf packte und den Kopf auf das Lenkrad schlug. Ein Krachen ertönte und das Blut des Polizisten spritzte durch den Innenraum, und besudelte Kyle von oben bis unten. Da das Auto außer Kontrolle war, versuchte Kyle aus dem Auto zu greifen und den Reifen zu stoppen –aber es war zu spät.
Das Auto brach aus und geriet auf die Gegenspur, die Sirenen ertönten immer noch laut, als es in ein entgegenkommendes Auto krachte.
Kyle flog durch die Windschutzscheibe, mit dem Kopf zuerst, landete hart auf der Straße und überschlug sich mehrfach, während der Wagen, ebenfalls auf der Seite, hinter ihm her rutschte. Ein Auto kam Kyle entgegen, seine Bremsen kreischten, aber zu spät – Kyle fühlte, wie seine Brust zerschmettert wurde, als das Auto ihn überfuhr.
Das Auto hielt kreischend an, während Kyle dort lag, schwer atmend und eine Frau in ihren Dreißigern herausgerannt kam, schreiend, weinend, und zu Kyle rannte, der auf seinem Rücken lag.
“Oh mein Gott, sind Sie in Ordnung?” fragte sie gehetzt. “Ich habe versucht, rechtzeitig anzuhalten. Oh mein Gott. Ich habe einen Mann umgebracht! Oh mein Gott!”
Die Frau war hysterisch, kniete über ihm und wiegte sich vor und zurück.
Plötzlich öffnete Kyle seine Augen, setzte sich auf und sah auf die Frau vor ihm.
Ihr Weinen hörte auf, als sie ihn ansah, geschockt, die Augen geweitet im Scheinwerferlicht.
Kyle grinste, lehnte sich über sie und senkte seine riesigen Fänge, die wuchsen und wuchsen, in ihren Hals.
Es war das größte Gefühl seines Lebens.
Die Frau kreischte, als er ihr Blut trank, sich selbst füllte, bis sie schlaf in seinen Armen lag.
Kyle sprang befriedigt auf seine Beine, drehte sich um sich selbst und betrachtete den leeren Highway.
Er richtete seinen Kragen, glättete sein Hemd und nahm den ersten Schritt. Es gab eine Menge, was dieser Stadt heimgezahlt werden musste – und es würde alles mit Scarlet beginnen.
KAPITEL DREI
Sage flog durch die Nacht, in den aufkeimenden Sonnenaufgang, die ersten, zarten Sonnenstrahlen beschienen eine Träne auf seiner Wange, die er schnell wegwischte. Er war erschöpft, übernächtigt, weil er die ganze Nacht geflogen war, auf der Suche nach Scarlet. Er war sich sicher, dass er sie mehrmals in der Nacht entdeckt hatte, nur um sich dann zu einem fremden Mädchen hinabzustürzen, die geschockt war, ihn vor sich landen zu sehen, und dann wieder abzuheben. Langsam fragte er sich, ob er sie je finden würde.
Scarlet war nirgendwo zu finden und Sage konnte es nicht verstehen. Ihre Verbindung war so stark, er war sich sicher gewesen, dass er in der Lage wäre, sie zu fühlen, dass sie ihn zu sich führen würde. Er konnte nicht verstehen, was passiert war. War sie gestorben?
Sages einzige Vermutung war, dass sie emotional so aufgewühlt war, dass alle ihre Sinne blockiert waren und er sie deshalb nicht erspüren konnte; oder vielleicht war sie in einen tiefen Schlaf gefallen, was Vampire häufig taten, nachdem sie von ihrem ersten Menschen getrunken hatten. Für einige war es auch tödlich, das wusste er, und sein Herz tat weh bei dem Gedanken an sie dort draußen, ganz allein. Würde sie wieder aufwachen?
Sage flog niedrig, aber so schnell, dass er nicht entdeckt werden konnte, an allen bekannten Orten vorbei, an denen sie zusammen gewesen waren – ihre Schule, ihr Haus, überallhin, wo er sich sie vorstellen konnte – und nutzte dabei seine super scharfe Sicht um die Bäume und die Straßen nach ihr abzusuchen.
Als die Sonne höher stieg und Stunde nach Stunde verstrich, wusste Sage schließlich, dass die Suche keinen Sinn mehr machte. Er würde warten müssen, bis sie auftauchte oder bis er sie wieder fühlen könnte.
Sage war erschöpft, auf eine Art und Weise, wie er es nie zuvor gewesen war. Er fühlte, wie seine Lebenskraft zu schwinden begann. Er wusste, dass er nur noch Tage hatte, bis er selbst starb und als er einen anderen Schmerz in seiner Brust, seinen Armen und seinen Schultern spürte, wusste er, er begann, innerlich zu sterben. Er fühlte, dass er diese Erde bald verlassen würde – und er hatte seinen Frieden damit geschlossen. Er wollte seine letzten Tage nur noch mit Scarlet verbringen.
Mit keinem weiteren Ziel für seine Suche, kreiste Sage über dem Anwesen seiner Familie am Hudson und schaute darauf herunter. Er umkreiste es immer wieder, wie ein Adler und fragte sich, ob er sie noch ein letztes Mal sehen sollte? Er wusste nicht, was das bringen sollte. Sie alle hassten ihn dafür, dass er ihnen Scarlet nicht ausgeliefert hatte; und er musste zugeben, dass er sie auch hasste. Das letzte Mal, als er von hier fortgegangen war, hatte er seine sterbende Schwester im Arm gehalten und Lore war auf dem Weg gewesen, Scarlet umzubringen. Er wollte sie nicht wiedersehen.
Und doch konnte er nirgendwo anders hin.
Während er flog, hörte Sage ein Klopfen und als er näherkam sah er einige seiner Cousins, die Bretter vor die Fenster hielten und hämmerten. Eines nach dem anderen, verbarrikadierten sie ihren Landsitz und Sage sah dutzende seiner Cousins, die davonflogen. Er war fasziniert. Offensichtlich war irgendetwas passiert.
Sage musste es herausfinden. Ein Teil von ihm wollte wissen, wo sie hingingen, was aus seiner Familie werden würde – und ein größerer Teil von ihm wollte wissen, ob sie eine Idee hätten, wo Scarlet steckte. Vielleicht hatte einer von ihnen etwas gesehen oder gehört. Vielleicht hatte Lore sie überwältigt. Er musste es wissen; es war das einzige, was ihm noch blieb.
Sage sank hinab zu dem Anwesen seiner Familie, landete auf der hinteren Marmorterrasse, vor der großen Treppe, die zu der hinteren Tür, einer großen, antiken, französischen Tür, führte.
Als er sich ihr näherte, öffnete sie sich plötzlich und er sah seine Mutter und seinen Vater, die heraustraten und ihn mit einem strengen, missbilligendem Blick ansahen.
“Was machst Du wieder hier?” fragte seine Mutter, als wäre er ein unwillkommener Eindringling.
“Du hast uns einmal getötet”, sagte sein Vater. “Unsere Leute hätten überleben können, wenn Du nicht gewesen wärst. Bist Du gekommen, um uns noch einmal zu töten?”
Sage runzelte die Stirn; er war die Missbilligung seiner Eltern so müde.
“Wo geht Ihr alle hin?” fragte Sage.
“Was denkst, Du denn, wohin?”, antwortete sein Vater. “Sie haben den großen Rat zum ersten Mal seit Tausend Jahren einberufen.”
Sage sah sie geschockt an.
“Boldt Castle?” fragte er. “Ihr geht zu den Tausend Inseln?”
Seine Eltern blickten finster zurück.
“Was kümmert es Dich?” sagte seine Mutter.
Sage konnte nicht glauben, was er da hörte. Der große Rat war seit einer Ewigkeit nicht mehr zusammengetroffen und alle von ihrer Art auf einem Platz, das konnte nichts Gutes bedeuten.
“Aber warum?” fragte er. “Warum wird er einberufen, wenn wir alle sowieso sterben?”
Sein Vater trat einen Schritt vor und lächelte, während er seinen Finger hob und ihn gegen Sages Brust stieß.
“Wir sind nicht wie Du”, knurrte er. “Wir ergeben uns nicht kampflos. Wir werden die größte Armee bilden, die es jemals gegeben hat, wenn wir alle an einem Ort versammelt sind. Die Menschheit wird dafür bezahlen. Wir werden Rache nehmen.”
“Rache wofür?” fragte Sage. “Die Menschheit hat damit nichts zu tun. Warum solltet Ihr unschuldige Menschen verletzen?”
Sein Vater lächelte ihn an.
“Dumm bis zum Ende”, sagte er. “Warum sollten wir nicht? Was haben wir zu verlieren? Was wollen sie tun, uns umbringen?”
Sein Vater lachte und seine Mutter fiel ein, während sie beide Arm in Arm an ihm vorbeigingen, unsanft seine Schulter anstießen und sich auf ihren Flug vorbereiteten.
Sage rief hinter ihnen her: “Ich erinnere mich an eine Zeit, in der Ihr edel wart” sagte er. “Aber jetzt, seid Ihr nichts mehr. Weniger als nichts. Ist es das, wozu Euch die Verzweiflung macht?”
Sie drehten sich um und verzogen das Gesicht.
“Dein Problem, Sage, ist, dass, obwohl Du einer von uns bist, Du unsere Art nie verstanden hast. Zerstörung ist alles, was wir jemals wollten. Nur Du, einzig und allein Du, bist anders.”
“Du bist das Kind, das wir nie verstanden haben”, sagte seine Mutter. “Und Du hast es nie versäumt, uns zu enttäuschen.”
Sage fühlte einen Schmerz, der ihn durchfuhr, er fühlte sich zu schwach, um zu reagieren.
Als sie sich rumdrehten, um zu verschwinden, fand Sage keuchend die Kraft hinter ihnen her zu schreien: “Scarlet! Wo ist sie? Sagt es mir!”
Seine Mutter drehte sich um und lächelte breit.
“Oh, mach Dir keine Sorgen mehr um sie”, sagte seine Mutter. “Lore wird sie finden und uns alle retten. Oder er wird bei dem Versuch sterben. Und wenn wir weiterleben, glaube nicht, mein Schatz, dass es dann noch einen Platz für Dich bei uns geben wird.”
Sage errötete.
“Ich hasse Dich!”, schrie er. “Ich hasse Euch Beide!”
Seine Eltern drehten sich nur lächelnd um, traten auf das Marmorgeländer und verließen ihn in die Nacht.
Sage stand einfach dort und sah ihnen zu, wie sie verschwanden, in den Himmel, und seine verbleibenden Cousins sich zu ihnen gesellten. Er stand dort ganz allein, vor seiner mit Brettern vernagelten Heimat, mit nichts, was ihm geblieben war. Seine Familie hasste ihn – und er hasste sie ebenfalls.
Lore. Sage fühlte einen frischen Ausbruch von Entschlossenheit, als er an ihn dachte. Er durfte ihn Scarlet nicht finden lassen. Trotz all des Schmerzes in ihm, wusste er, er musste seine Kräfte ein letztes Mal bündeln. Er musste Scarlet finden.
Oder bei dem Versuch sterben.
KAPITEL VIER
Caitlin saß auf dem Beifahrersitz ihres Pickups, erschöpft, untröstlich, während Caleb unerbittlich die Straße 9 hinauf- und herunterfuhr, wie er es schon seit Stunden tat, um die Straßen abzusuchen. Es dämmerte und Caitlin sah durch die Windschutzscheibe auf den ungewöhnlichen Himmel. Sie wunderte sich, dass der Tag bereits anbrach. Sie waren die ganze Nacht herumgefahren, sie beiden auf den Vordersitzen und Sam und Polly auf der Rückbank, hatten ihre Augen über die Straßen und Büsche schweifen lassen und nach Scarlet gesucht. Einmal waren sie mit quietschenden Reifen stehengeblieben, da Caitlin gedacht hatte, sie hätte sie gesehen – nur, um dann zu erkennen, dass es eine Vogelscheuche war.
Caitlin schloss für einen Moment die Augen, ihre Lider fühlten sich so schwer und geschwollen an, und durch sie blitzten die Lichter der entgegenkommenden Wagen, von dem endlosen Verkehr, der die ganze Nacht nicht abgerissen war. Ihr war nach Weinen zumute.
Caitlin fühlte sich so hohl innerlich, wie eine schlechte Mutter, da sie nicht genug dagewesen war für Scarlet – dafür, dass sie nicht an sie geglaubt hatte, sie nicht verstanden hatte, nicht für sie dagewesen war, als sie sie gebraucht hatte. Irgendwie fühlte Caitlin sich verantwortlich für all das. Und sie wollte sterben bei dem Gedanken, ihre Tochter nicht wiederzusehen.
Caitlin begann zu weinen und schnell öffnete sie ihre Augen und wischte sich die Tränen fort. Caleb nahm ihre Hand, aber sie schüttelte sie ab. Caitlin wandte ihren Kopf zum Fenster, um ein bisschen Privatsphäre zu finden, wollte allein sein – wollte sterben. Ohne ihr kleines Mädchen im Leben blieb ihr nichts mehr.
Caitlin fühlte eine beruhigende Hand auf ihrer Schulter. Sie drehte sich um und sah, dass Sam sich vorgelehnt hatte.
“Wir sind die ganze Nacht herumgefahren”, sagte er. “Es gibt kein Zeichen von ihr. Wir haben jeden Zentimeter auf der 9 abgesucht. Die Cops suchen auch nach ihr, mit viel mehr Autos. Wir sind alle erschöpft und haben keine Ahnung, wo sie sein könnte. Vielleicht ist sie schon zu Hause und wartet auf uns.”
“Das sehe ich genauso”, sagte Polly. “Ich sage, wir sollten nach Hause. Wir brauchen eine Pause.”
Plötzlich hörte sie ein lautes Hupen und Caitlin sah erschrocken auf und sah einen LKW, der ihnen entgegenkam, da sie auf der falschen Seite fuhren.
“CALEB!” schrie Caitlin.
Caleb wich in der letzten Sekunde aus, zurück auf die richtige Straßenseite und verpasste den LKW nur um Zentimeter.
Caitlin schaute ihn mit klopfendem Herzen an und der erschöpfte Caleb starrte zurück, seine Augen rot vor Müdigkeit.
“Was war das?” fragte sie.
“Es tut mir leid”, sagte er. “Ich muss weggedöst sein.”
“Dies tut niemandem von uns gut”, sagte Polly. “Wir brauchen eine Pause. Wir müssen nach Hause. Wir sind alle erschöpft.”
Caitlin zweifelte, aber endlich, nach einem langen Augenblick, nickte sie.
“In Ordnung. Bring uns nach Hause.”
*
Caitlin saß auf ihrer Couch, als die Sonne aufging und schaute durch ein Fotoalbum mit Fotos von Scarlet. Die Erinnerungen von Scarlet in jedem Alter überfluteten sie. Caitlin fuhr sanft mit ihrem Daumen über die Fotos und wünschte mehr als alles andere, sie könnte Scarlet jetzt hier bei sich haben. Sie würde alles dafür geben, sogar ihr eigenes Herz und ihre Seele.
Caitlin hielt die zerrissene Seite aus dem Buch in der Hand, die sie in dem Buchladen gefunden hatte, mit dem antiken Ritual, dass Scarlet gerettet hätte, wenn Caitlin rechtzeitig zurück gekommen wäre, das sie davon geheilt hätte, ein Vampir zu werden. Caitlin zerpflückte die Seite in Tausend Teile und warf sie auf den Boden. Sie landeten neben Ruth, ihrem großen Husky, die winselte und sich an Caitlins Seite zusammenrollte.
Die Seite, das Ritual, das Caitlin einst so viel bedeutet hatte, war jetzt nutzlos. Scarlet hatte sich bereits an einem Menschen vergangen und kein Ritual konnte sie jetzt noch retten.
Caleb, Sam und Polly, die ebenfalls in dem Raum waren, waren jeder für sich verloren in ihrer eigenen Welt, alle hingen auf dem Sofa oder den Stühlen herum, und alle waren bereits eingeschlafen, oder zumindest fast. Sie alle lagen in der dichten Stille und warteten darauf, dass Scarlet durch die Tür käme – und alle ahnten, dass das nicht passieren würde.
Plötzlich klingelte das Telefon. Caitlin sprang auf und hob mit zitternder Hand ab. Sie ließ den Hörer mehrmals fallen, bis sie endlich ans Ohr hielt.
“Hallo, hallo, hallo?” sagte sie. “Scarlet, bist Du das? Scarlet!?”
“Ma’am, hier ist Officer Stinton”, erklang eine männliche Stimme.
Caitlins Herz wurde schwer, als ihr klar wurde, dass es nicht Scarlet war.
“Ich rufe Sie nur an, um Ihnen mitzuteilen, dass wir Ihre Tochter noch nicht gefunden haben.”
Caitlins Hoffnungen fielen in sich zusammen. Sie nahm das Telefon fester in die Hand und drückte es verzweifelt.
“Sie strengen sich nicht genug an”, kochte sie.
“Ma’am, wir tun alles, was wir können—”
Caitlin wartete nicht auf den Rest seiner Antwort. Sie schlug den Hörer auf, griff das Telefon, ein altes aus den 80ern, riss die Schnur aus der Wand, hob es über den Kopf und warf es mit aller Gewalt auf den Boden.
Caleb, Sam, und Polly sprangen auf, unsanft aus dem Schlaf gerissen und sahen sie an, als wäre sie verrückt geworden.
Caitlin sah hinunter auf das Telefon und bemerkte, dass sie es vielleicht war.
Caitlin stürmte durch den Raum, öffnete die Tür zu ihrer großen Veranda und setzte sich in einen Schaukelstuhl. Es war kalt in der Morgendämmerung, aber das war ihr egal. Sie war betäubt.
Sie verschränkte die Arme fest vor der Brust und schaukelte und schaukelte in der kalten Novemberluft. Sie schaute auf die Straße, die von dem Licht eines neuen Tages beschienen wurde und sah keinen Menschen, kein einziges Auto, alle Häuser lagen noch still da. Alles war still. Eine perfekte, ruhige Vorstadtstraße, alles so wie es sein sollte. Perfekt normal.
Aber nichts, das wusste Caitlin, war normal. Plötzlich hasste sie diesen Ort, den sie so viele Jahre geliebt hatte. Sie hasste die Stille, sie hasste die Ruhe. Was würde sie nicht für ein wenig Chaos geben, etwas, was die Stille zerstörte, für Bewegung, für Ihre Tochter, die auftauchte.
Scarlet, betete sie, als sie ihre Augen schloss, weinend, komm zurück zu mir, Baby. Bitte komm zurück zu mir.
KAPITEL FÜNF
Scarlet Paine spürte, wie sie durch die Luft schwebte, das Flattern von Millionen kleiner Flügel im Ohr fühlte sie, wie sie immer höher stieg. Sie schaute sich um, um zu sehen, dass sie von einem Schwarm von Fledermäusen getragen wurde, die sie umgaben, sie klammerten sich an die Rückseite ihres Shirts und trugen sie durch die Luft.
Scarlet wurde durch die Wolken getragen, durch den schönsten Sonnenaufgang, den sie je gesehen hatte, der ganze blutrote Himmel war in Feuer getaucht. Sie verstand nicht, was passiert war, aber irgendwie hatte sie keine Angst. Sie spürte, dass sie sie irgendwohin trugen, und das Kreischen und Flattern um sie herum fühlte sich vertraut und familiär an.
Bevor Scarlet verstehen konnte, was passiert war, setzten die Fledermäuse sie sanft ab, vor dem größten Schloss, dass sie je gesehen hatte. Es hatte alte Steinwände und sie stand vor einem enormen, gewölbten Tor. Die Fledermäuse flogen hoch und verschwanden, ihr Flattern wurde leiser.
Scarlet stand vor der Tür und langsam öffnete sie sich. Ein gelbes Licht drang heraus und Scarlet wollte durch diese Tür gehen.
Scarlet trat über die Schwelle, ging in das Licht und kam in die größte Kammer, die sie je gesehen hatte. Im Inneren, aufgereiht in Perfektion, sie ansehend, stand eine Armee von Vampiren, alle in schwarz gekleidet. Sie schwebte zu ihnen hinüber, sah auf sie hinunter, als wäre sie ihr Führer.
Wie ein Mann erhoben sie gemeinsam ihre Hände und schlugen sich damit auf die Brust. “Du hast eine Nation geboren”, riefen sie im Gleichklang, das Echo erschall laut von dem Wänden wieder. “Du hast eine Nation geboren!”
Die Vampire ließen einen lauten Ruf erklingen und als sie das taten, nahm Scarlet es in sich auf, sie fühlte dass sie endlich ihre eigenen Leute gefunden hatte.
Scarlets Augen flogen auf, als sie von dem Geräusch von zersplittertem Glas erwachte. Sie lag mit dem Gesicht nach unten auf Zement, ihre Wange drückte dagegen, kalt und feucht. Sie sah, wie Ameisen auf sie zu krabbelten und legte ihre Hand auf den rauen Zement, um sich aufzusetzen und sie wegzufegen.
Scarlet war kalt und hatte Schmerzen, ihr Nacken und Rücken taten von dem Schlaf in dieser unbequemen Position weh. Vor allem war sie desorientiert, es machte ihr Angst, dass sie ihre Umgebung nicht erkannte. Sie lag unter einer kleinen Brücke, als der Sonnenaufgang über ihr hineinbrach. Es stank nach Urin und schalem Bier und Scarlet sah, dass der Zement über und unter mit Graffiti besprüht war und als sie sich umsah, entdeckte sie viele leere Bierdosen und gebrauchte Nadeln. Sie stellte fest, dass sie an einem schlechten Ort war. Sie sah sich blinzelnd um und hatte keine Ahnung, wo sie war, oder wie sie hergekommen war.
Erneut erklang das Geräusch von splitterndem Glas, begleitet von schlurfenden Schritten und Scarlet drehte sich schnell um, alle ihre Sinne in Alarmbereitschaft.
Ungefähr drei Meter entfernt standen vier Penner, die betrunken oder auf Drogen aussahen – oder einfach nur gewalttätig. Unrasierte, ältere Männer, die sie anstarrten, als wäre sie ein Spielzeug, das lüsterne Grinsen in ihrem Gesicht enthüllte gelbe Zähne. Aber sie waren stark, das konnte sie sehen, breit und kräftig und auf Grund der Art, wie sich ihr näherten, einer von ihnen warf Bierflaschen kaputt, konnte sie sehen, dass ihre Absichten nicht freundlich waren.
Scarlet versuchte sich daran zu erinnern, wie sie an diesen Ort gekommen war. Es war ein Ort, an den sie niemals freiwillig gegangen wäre. War sie hierhin gebracht worden? Ihr erster Gedanke war, dass sie vielleicht vergewaltigt worden war; aber sie sah an sich hinunter und fand sich selbst voll eingekleidet wieder und wusste, das war es nicht. Sie dachte zurück und versuchte sich an den vorigen Abend zu erinnern.
Aber es war alles nur ein schmerzhafter Schatten. Einzelne Momente blitzten vor ihr auf: eine Bar auf der Straße 9…eine Auseinandersetzung…aber es war alles so verschwommen. Sie konnte sich nicht recht an die Details erinnern.
“Du weißt, dass Du unter unserer Brücke bist, oder?” fragte einer der Penner sie, als sie näherkamen. Scarlet stemmte sich auf Hände und Knie und dann auf ihre Füße, innerlich zitternd, aber sie wollte sich die Angst nicht ansehen lassen.
“Niemand darf hierher kommen, ohne die Maut zu bezahlen”, sagte ein anderer.
“Es tut mir leid”, sagte sie. “Ich weiß nicht, wie ich hier hingekommen bin.”
“Das war Dein Fehler”, sagte ein anderer mit einer tiefen, knurrenden Stimme und lächelte sie dabei an.
“Bitte”, sagte Scarlet und versuchte, dabei hart zu klingen, aber ihre Stimme zitterte, als einen Schritt zurückwich, “ich möchte keinen Ärger. Ich gehe jetzt. Es tut mir leid.”
Scarlet drehte sich um, um zu verschwinden, mit klopfendem Herzen, als sie plötzlich Schritte hörte, die hinter ihr herrannten und einen Arm fühlte der sich um sie schlang und ein Messer, das sich in Brust bohrte. Ein Würgen überkam sie bei dem Gestank nach Bier aus seinem Atem.
“Nein, das tust Du nicht, Liebling”, sagte er. “Wir haben uns doch gerade erst kennengelernt.”
Scarlet kämpfte, aber der Mann war zu stark für sie, seine Bartstoppeln kratzten ihr im Gesicht, als er sein Gesicht an ihrem rieb.
Direkt standen auch die anderen drei vor ihr und Scarlet schrie auf, kämpfte mit aller Gewalt, aber schon fühlte sie die Hände, die an ihrem Oberkörper herunterfuhren. Einer von ihnen erreichte ihren Gürtel.
Scarlet bockte und drehte sich, versuchte wegzukommen – aber sie waren zu stark. Einer von ihnen öffnete ihren Gürtel, warf ihn davon und sie hörte das Klingen von Metall auf Zement.
“Bitte, lasst mich gehen!” schrie Scarlet während sie sich wand.
Der vierte Penner griff ihre Jeans an der Taille und begann sie herunterzuziehen. Scarlet wusste, dass, wenn sie jetzt nichts täte, sie verletzt werden würde.
Etwas in ihr schnappte ein. Sie verstand nicht, was es war, aber es überwältigte sie komplett, eine Energie flutete sie, stieg von den Zehen bis in ihre Fingerspitzen. Sie fühlte eine sengende Hitze, die ihre durch die Schultern fuhr, durch ihre Arme und die Hände. Ihr Gesicht wurde rot und am ganzen Körper standen ihr die Haare zu Berge und sie fühlte ein Feuer, das in ihr brannte. Sie fühlte eine Stärke, die sie nicht verstand, wusste plötzlich, dass sie stärker war als diese Männer, stärker, als alles im Universum.
Dann fühlte sie noch etwas anderes: eine animalische Wut. Es war ein neues Gefühl. Sie hatte nicht länger den Wunsch, von hier wegzukommen – jetzt wollte sie genau hier bleiben und diese Männer dafür bezahlen lassen. Sie auseinanderreißen, Stück für Stück.
Und schließlich fühlte sie noch eine Sache: Hunger. Ein tiefer, nagender Hunger, der gestillt werden wollte.
Scarlet lehnte sich zurück und knurrte, ein Geräusch, das sogar sie selbst erschreckte; ihre Fänge wuchsen, während sie sich zurücklehnte und den Mann trat, der ihr an die Jeans gegangen war. Der Tritt war so voller Wut, er ließ den Mann fast sechs Meter durch die Luft fliegen, bis er mit dem Kopf gegen eine Betonwand schlug. Er sackte bewusstlos in sich zusammen.
Die anderen traten zurück und ließen sie los, die Münder weit geöffnet vor Schock und Angst, während sie Scarlet anstarrten. Sie schauten, als hätten sie verstanden, dass sie einen sehr großen Fehler begangen hatten.
Bevor sie reagieren konnten, wirbelte Scarlet herum und schlug den Mann, der sie gehalten hatte mit ihrem Ellbogen, und traf seinen Kiefer so hart, dass er sich zweimal um sich selbst drehte und dann bewusstlos zu Boden ging.
Scarlet drehte sich um, fauchend und sah die beiden anderen an wie ein Tier seine Beute. Die beiden Penner standen mit vor Angst geweiteten Augen vor ihr und Scarlet hörte ein Geräusch und schaute an einem hinunter, um festzustellen, dass er sich in die Hose gepinkelt hatte.
Scarlet bückte sie, hob ihren Gürtel auf und ging beiläufig auf sie zu.
Der Mann stolperte Rückwärts.
“Nein!” wimmerte er. “Bitte! Ich habe es nicht so gemeint!”
Scarlet sprang nach vorne und legte den Gürtel um den Hals des Mannes. Dann hob sie ihn mit einer Hand hoch, die Füße baumelten über dem Boden, der Mann japste und versuchte sich am Gürtel festzuhalten. Sie hielt ihn hoch über dem Kopf bis er sich nicht mehr bewegte und tot zu Boden fiel.
Scarlet drehte sich rum und sah den letzten Mann an, der weinte und zu verängstigt zum Weglaufen war. Ihre Fänge wurden länger, sie ging auf ihn zu und versenkte sie in seinem Hals. Er schüttelte die Arme und dann, nach wenigen Augenblicken, lag er in einer Blutlache.
Scarlet hörte ein entferntes Huschen und sah sich um, um festzustellen, dass der erste Penner langsam auf die Beine kam. Er sah sie panisch an und versuchte auf Händen und Knien davon zu krabbeln.
Sie stürzte sich auf ihn.
“Bitte tu mir nicht weh”, wimmerte er heulend. “Ich habe es nicht so gemeint. Ich weiß nicht, was Du bist, aber ich habe es nicht so gemeint.”
“Ich bin mir sicher, dass Du es nicht so gemeint hast”, antwortete sie mit einer dunklen, unmenschlichen Stimme. “So wie ich es auch nicht so meine, was ich jetzt tue.”
Scarlet packte ihm am Rücke seines Shirts, wirbelte ihn herum und warf ihn mit ganzer Kraft – gerade nach oben.
Der Penner flog wie eine Rakete, direkt gegen die Brücke, sein Kopf und seine Schultern krachten gegen den Zement, der Klang von fallendem Schutt erfüllte die Luft, da sie ihn halb durch die Brücke geworfen hatte. Dort hing er, steckte fest und seine Beine baumelten unter ihm.
Scarlet sprang mit einem Sprung auf die Brücke und sah zu, wie sein Oberkörper im Beton steckte, er schrie, sein Kopf und seine Schultern steckten fest und er war nicht in der Lage, sich zu bewegen. Er wackelte in dem Versuch, sich zu befreien.
Aber das konnte er nicht. Er saß in der Falle für den nächsten Wagen, der vorbeifahren würde.
“Hol mich hier raus!” verlangte er.
Scarlet lächelte.
“Vielleicht beim nächsten Mal”, sagte sie. “Genieß den Verkehr.”
Scarlet drehte sich um, sprang ab und flog in den Himmel, die Schreie des Mannes wurden leiser und leiser, während sie höher und höher stieg, weg von diesem Ort, immer noch keine Ahnung, wo sie war, aber es interessierte sie auch nicht länger. Nur eine Person stahl sich in ihren Kopf: Sage. Sein Gesicht schwebte vor ihrem geistigen Auge, sein perfekt gestaltetes Kinn, seine Lippen, seine ausdrucksstarken Augen. Sie konnte seine Liebe für sie spüren. Und ihr ging es genauso.
Sie wusste nicht, wo ihr Zuhause war in dieser Welt, aber es interessierte sie auch nicht, solange sie mit ihm zusammen war.
Sage, dachte sie. Warte auf mich. Ich komme zu Dir.
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