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Marijana Dokoza

DIE STIMME

Roman


© Dittrich Verlag ist ein Imprint

der Velbrück GmbH, Weilerswist-Metternich 2018

Lektorat: Markus Lorenz

Satz: Gaja Busch

Umschlaggestaltung: Guido Klütsch

Printed in Germany

ISBN 978-3-947373-15-4

eISBN 978-3-947373-45-1

»Schließe das Unmögliche aus, und das, was übrig bleibt, egal wie unlogisch es erscheinen mag, muss die Wahrheit sein.«

Sherlock Holmes

Inhalt

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Kapitel VIII

Kapitel IX

Kapitel X

Kapitel XI

Kapitel XII

Kapitel XIII

Kapitel XIV

Kapitel XV

Kapitel XVI

Kapitel XVII

Kapitel XVIII

Kapitel XIX

Kapitel XX

Kapitel XXI

Kapitel XXII

Kapitel XXIII

Kapitel XXIV

Kapitel XXV

Kapitel XXVI

Kapitel XXVII

Kapitel XXVIII

Kapitel XXIX

Kapitel XXX

Kapitel XXXI

Kapitel XXXII

Kapitel XXXIII

Kapitel XXXIV

Kapitel XXXV

Kapitel XXXVI

Kapitel XXXVII

Kapitel XXXVIII

Kapitel XXXIX

Kapitel XL

Kapitel XLI

Kapitel XLII

Kapitel XLIII

Kapitel XLIV

Kapitel XLV

Kapitel XLVI

Kapitel XLVII

Kapitel XLVIII

Kapitel XLIX

Kapitel L

Kapitel LI

Kapitel LII

Kapitel LIII

Kapitel LIV

Kapitel LV

Kapitel LVI

Kapitel LVII

Kapitel LVIII

Kapitel LIX

Kapitel LX

Kapitel LXI

Kapitel LXII

Kapitel LXIII

Kapitel LXIV

Kapitel LXV

Kapitel LXVI

Kapitel LXVII

Kapitel LXVIII

I

Reglos und still lag sie da. Ihr schmächtiges, schmerzgeplagtes Gesicht sah jetzt sorgenfrei aus. Es war nicht starr, wie bei anderen Toten, und die langen, noch immer schwarzen Haare umrahmten in einer Art wirrer Ordnung ihren Kopf. Auf der kleinen Totenbahre lag ein schmächtiger Körper, der viele Jahre gelebt und sich trotz etlicher Qualen bis zum Ende heroisch gewehrt hatte. Sie hatte sich nichts zuschulden kommen lassen, doch diejenigen, die sie in der Vergangenheit verletzt hatten, standen jetzt mit betretenem Blick neben der Bahre.

Kiara saß bei ihr und weinte. Sie konnte nicht glauben, dass die alte Frau nicht mehr lebte. Warum war das Schicksal nur so grausam zu einem so guten Menschen wie Johanna? Sie versank in Gedanken.

Zur Beisetzung der alten Frau waren nur wenige erschienen, nur die engsten Verwandten und Kiara. Das machte sie noch wütender. Tränen liefen über ihr Gesicht, doch sie wusste nicht genau, woher dieser tiefe Schmerz kam, hatte sie Johanna doch nur so kurze Zeit gekannt. Plötzlich kam ihr das Leben schmutzig und verlogen vor. Es gab so viele Menschen, die nur auf ihre eigenen Vorteile bedacht waren und über Leichen gingen, um ihre Ziele zu erreichen. Vor lauter Aufregung wurde Kiara übel. Ihre innere Wut brachte sie zum Nachdenken. Es gab nichts Bestandloseres als das Leben.

Kiara betrachtete ihre Mitmenschen nach Johannas Tod mit anderen Augen. Sie konnte der brutalen, finsteren, materialistischen Welt, in der man die unglückliche alte Frau wegen ihrer Armut, ihres ungewöhnlichen Aussehens und ihres Buckels verachtet hatte, nichts Gutes mehr abgewinnen. Von seinen Mitmenschen verachtet zu werden, war schrecklich, aber nicht das Schlimmste, denn noch schlimmer war es, selbst Verachtung zu empfinden. Genau diese Erkenntnis bewahrte Kiara davor, beim Anblick der alten Frau, die von allen im Stich gelassen worden war, die unentwegt ums Überleben gekämpft und den verschiedensten Krankheiten der modernen Gesellschaft standgehalten hatte, zu resignieren. Johannas langes Leben war gepflastert gewesen mit erlittenen Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten, und zum Schluss war sie als Opfer menschlicher Brutalität schmachvoll vor ihrem Wohnhaus zusammengebrochen. Die Leute waren stundenlang an ihrer Leiche vorbeigegangen, und erst am nächsten Tag hatte man festgestellt, dass sie tot war. Die Ärzte hatten keine natürliche Todesursache diagnostizieren können. Man hatte sie auf das Bett in ihrem kleinen Zimmer gelegt. Am nächsten Tag war eine entfernte Verwandte mit ihrer Tochter gekommen, um sich um die Beerdigung zu kümmern.

Kiara empfand großes Mitleid und dachte über dieses grausame menschliche Verhalten nach. Es verstärkte in ihr den Drang, anderen Menschen zu helfen. Künftig wollte sie nichts mehr mit den Leuten zu tun haben, die keinerlei Mitleid mit Hilfsbedürftigen hatten. Auf einmal kam ihr alles so bedeutungslos vor, auch die Tatsache, dass sie eine junge, schöne und ehrgeizige Frau war, die eine Zukunft vor sich hatte, von der andere nur träumen konnten.

Sie ging bei Johannas Beerdigung im Dorf nicht mit, sondern kehrte über dieselbe Straße, die sie vor etwa einer Stunde hochgelaufen war, wieder zurück. Die Leute wunderten sich darüber, dass sie weinte, aber es war ihr gleichgültig. Es waren Fremde, die sie nicht verstanden, die Menschen wie Johanna nicht sahen und ihnen nicht helfen wollten, wenn sie Hilfe nötig hatten. Sie fragte sich, warum die Menschen so gefühllos waren, sie verstand sie nicht mehr und fühlte sich vollkommen hilflos. Kiara hatte Angst. Sie konnte nicht fassen, dass sie das Leben vor nicht allzu langer Zeit noch wundervoll gefunden hatte. Wie ironisch, dachte sie – eine Achtundzwanzigjährige, die tatsächlich glaubte, das Leben sei wundervoll.

Vollkommen in ihre Gedanken versunken, bemerkte sie nicht, wie ein schwarzer Mercedes auf sie zufuhr und die Straße überquerte. Plötzlich hörte sie ein Bremsen, den Aufprall eines Autos auf einen menschlichen Körper – und dann Stille. Kiara fiel zu Boden. Das Einzige, was sie spürte, war ein dumpfer Schmerz, kurz darauf sah sie nichts mehr. Sie konnte weder etwas sehen, hören oder spüren … noch machte ihr das etwas aus. Auf einmal sah sie die alte Johanna, ganz in Weiß gekleidet, gen Himmel schweben. Johanna lächelte gutmütig und schaute mit ihren freundlichen Augen, die selbst beim herzlosesten Menschen Güte hervorzurufen vermochten, auf sie herab. Es schien, als wollte sie etwas sagen.

II

»Kiara … Kiara«, hörte sie eine vertraute Stimme.

»Kiara, wie fühlst du dich?«, wiederholte Henning, als er sich über sie beugte. Er wirkte besorgt. Kiara sah sich verwirrt um.

»Wo bin ich, was ist geschehen? Wo ist Johanna?«

Henning wusste nicht, was er ihr antworten sollte. Die Ärzte hatten ihn darauf hingewiesen, dass Kiara Ruhe brauche und jede Aufregung zu vermeiden sei. Er wunderte sich, dass sie nach einer Johanna fragte; er wusste nicht, dass sie eine Person mit diesem Namen kannte. Sie hatte sie noch nie erwähnt. Henning schrieb ihre Äußerungen dem Schock zu, den sie durch den Unfall erlitten hatte.

»Kiara, beruhige dich, du darfst dich nicht aufregen«, redete er behutsam auf sie ein.

»Henning, was ist mit Johanna? Ich habe sie vorhin gesehen, sie wollte mir etwas sagen …«

Henning wusste nicht, was er erwidern sollte. Er wusste nicht, ob sie wirres Zeug sprach oder wieder zurechnungsfähig war, und ließ deshalb einen Arzt kommen.

»Die junge Frau steht noch unter Schock und kann sich offenbar an nichts mehr erinnern. In einigen Stunden wird es ihr besser gehen«, bekam er vom Arzt zu hören.

Kiara sah wohl, dass der Arzt sich mit ihrem Freund unterhielt, konnte aber nicht hören, um was es sich handelte. Sie sah ihre Mutter Rosie, die weinend an der Krankenzimmertür stand und dem Gespräch zuhörte. Das wunderte sie kaum, war ihre Mutter doch eine sehr ängstliche Person. Als der Anruf gekommen und sie über den Unfall benachrichtigt worden war, hatte sie sich augenblicklich ins Krankenhaus begeben und erst aufgehört zu weinen, als Kiara die Augen geöffnet hatte, und selbst dann hatte sie, blass vor Angst, ihre Tochter angeschaut, als würde diese jeden Moment zerbrechen, obwohl man ihr versichert hatte, dass der Zustand der Patientin nicht kritisch sei. Nachdem sie dem Arzt aufmerksam zugehört hatte, trat sie nun vorsichtig an Kiaras Bett.

»Alles wird wieder gut, mein Schatz. Du hast dir nur ein bisschen wehgetan. Hab keine Angst. Du musst versuchen, ein wenig zu schlafen«, sagte sie mit sanfter Stimme.

Kiara war jedoch viel zu angespannt, um einzuschlafen, und selbst wenn sie es geschafft hätte, die Gedanken aus ihrem Kopf zu vertreiben, wäre sie viel zu nervös gewesen. Sie wollte endlich in Erfahrung bringen, warum niemand wusste, was mit der alten Johanna geschehen war. Die im Zimmer anwesenden Personen wussten weder, was mit ihr geschehen war, noch, wer Johanna überhaupt war. Allmählich glaubte Kiara, dass sie sich alles nur eingebildet hatte. Und doch schien alles so wirklich.

»Guten Tag! Verzeihen Sie die Störung, darf ich hereinkommen?«

Kiara, Henning und Rosie fuhren auf, als sie die unbekannte Stimme hörten, die von der Tür her kam.

»Ich bin Marcus. Sie sind vor mein Auto gerannt und ich habe Sie angefahren«, sagte der junge Mann, etwas ängstlich Kiaras Reaktion abwartend, bevor er zögerlich eintrat.

Sie schaute ihn nur an und deutete schweigend auf einen Stuhl links neben ihrem Bett. Marcus fühlte sich unwohl. Er wusste nicht, was er noch sagen sollte.

»Entschuldigen Sie, es war meine Schuld. Ich hätte vorsichtiger sein sollen. Zum Glück sind Sie nicht schlimmer verletzt worden …«, sagte er, aber Kiara unterbrach ihn sofort.

»Halb so wild. Es ist ja nichts passiert. Ich bezweifle außerdem, dass Sie mich überfahren könnten. Ich bin unverwüstlich, müssen Sie wissen. Wie geht es Ihnen? Ist mit Ihrem Auto alles in Ordnung? Ich war’s schließlich, die ohne zu schauen, ja fast wie ein Zombie die Straße überquert hat«, entschuldigte sich Kiara.

Marcus war die ganze Situation unangenehm. Er hatte nicht damit gerechnet, dass sich die junge Frau, die er beinahe totgefahren hätte, bei ihm entschuldigen würde.

»Im Übrigen wäre die Welt nicht viel ärmer ohne mich …«, fügte sie hinzu, woraufhin Marcus innehielt, weil ihn ihre Bemerkung irritierte – eine Bemerkung, die ihr an dieser Stelle angebracht geschienen hatte, weil sie merkte, dass er sich in der Gegenwart ihrer Mutter und Hennings nicht wohl fühlte.

›Wenn ich so etwas von mir gebe, kann man das ja verstehen, aber dass diese Person so etwas sagt, ist wirklich eine Schande‹, dachte er.

Seine Familie war der Auffassung, dass Marcus Costava nur einen wahren Grund hatte, unglücklich zu sein: seine unerklärlichen Alpträume. Marcus litt, das bescheinigten ihm die Psychiater, die ihn in den vergangenen zehn Jahren behandelt hatten, an »wiederkehrenden Wahnvorstellungen«. Diese Wahnvorstellungen waren, so die Ärzte, die Widerspiegelung einer Unzufriedenheit, auch wenn er selbst nicht wusste, worauf diese Unzufriedenheit beruhte. Er war jung, erfolgreich, besaß ein eigenes Unternehmen zur Parfümproduktion und war auch bei den Frauen sehr beliebt. Die Richtige war ihm bisher allerdings noch nicht begegnet – die Frau, der er sein ganzes Vermögen zu Füßen legen würde. Da er aber erst dreiunddreißig Jahre alt war, war es noch zu früh, um sich ernsthaft Sorgen darüber zu machen.

»Sie dürfen so etwas nicht sagen, Sie sind doch noch jung«, sagte Marcus zu der Frau, die seinetwegen im Krankenhaus lag.

Kiara lachte nur, ohne zu antworten.

»Ich bitte Sie noch einmal, mir zu verzeihen! Ich werde für die Behandlungskosten und alles andere aufkommen«, bot Marcus an.

»Das wird nicht nötig sein«, sagte Kiara und schüttelte den Kopf.

Marcus zuckte daraufhin seufzend mit den Schultern, entschuldigte sich noch ein letztes Mal, hinterließ seine Handynummer und betonte, sie solle nicht zögern und sich sofort bei ihm melden, falls sie irgendwann einmal seine Hilfe benötige, und verließ dann den Raum. Henning blieb regungslos sitzen. Ihm hatte Marcus ganz und gar nicht gefallen, auch nicht die Art, wie Kiara ihn ansah. Vorwürfe konnte er ihr jedoch nicht machen, da sie ihm keinen konkreten Anlass dazu gegeben hatte. Er wartete noch, bis sie eingeschlafen war, und machte sich dann auf den Heimweg.

III

Kiara erwachte im Morgengrauen und begann sogleich, ihre Sachen zusammenzusuchen. Sie wollte keine Minute länger im Krankenhaus bleiben, obwohl der Arzt ihr empfohlen hatte, noch einen oder zwei Tage zur Beobachtung dazubleiben. Nicht einmal den Arztbrief wollte sie abwarten. Sie hatte eigentlich damit gerechnet, dass Henning bei ihr sein würde, wenn sie aufwachte, nun aber war es schon Mittag und er war noch immer nicht da. Kiara wollte gerade ihre Tasche nehmen, als ein Blumenlieferant an die Tür klopfte und ihr einen mit einem Gruß versehenen Blumenstrauß überreichte. Sie klappte die Karte auf und las laut vor: »Ich hoffe, dass es Ihnen heute Morgen gut geht. Rufen Sie mich bitte an, wenn Sie Hilfe brauchen! Marcus.«

Kiara fiel ein, dass sie sich Marcus gar nicht vorgestellt hatte. Wahrscheinlich hatte er ihren Namen ihrer Krankenakte entnommen. Sie versuchte, über das, was geschehen war, nicht mehr nachzudenken, steckte die Karte in ihre Tasche und ließ die Blumen im Zimmer zurück.

›Kein Mann ist so oberflächlich wie Henning! Die Unzuverlässigkeit in Person‹, dachte sie, als sie die Tür hinter sich zuzog.

Henning war oberflächlich. Die Menschen, die er kennen lernte, beurteilte er gewöhnlich nach ihrem Äußeren, und hatte er erst einmal eine feste Meinung über jemanden gefasst, behielt er diese auch bei. Er konnte die Lebensauffassung sensibler und nachdenklicher Menschen, wie Kiara es war, nicht nachvollziehen, die Einstellung von Menschen, die sich um Hilfsbedürftige kümmerten und für die Phantasie und Idealismus – ähnlich wie in trivialen Liebesromanen – eine sehr wichtige Rolle spielten. Henning verstand sie nicht; sie hingegen fand immer wieder eine Rechtfertigung für sein Verhalten und hoffte inständig, dass sie irgendeine menschliche Eigenschaft, die sie als wertvoll erachtete, in ihm finden würde.

Es fiel ihr schwer, die Geschehnisse der vergangenen Tage zu verarbeiten, weil sie sich mit den darauf folgenden Ereignissen, die geradezu unfassbar schienen, auseinandersetzen musste. Kiara kam es vor, als gäbe es zwei verschiedene Realitäten – in der einen gab es die schmächtige alte Johanna, und in der anderen wusste kein Mensch von ihrer Existenz. Wie war es möglich, dass niemand von Johanna gehört hatte? Sie führte all das auf den Schock zurück, den sie bei ihrem Unfall erlitten hatte, und beschloss, alles wieder zu vergessen. Ihr Gemütszustand hatte sich wieder stabilisiert, als sie ihre kleine Wohnung betrat, in der Henning manchmal über Nacht blieb. Die Versuche ihrer Mutter Rosie, die schon eine ganze Weile alleine wohnte, sie dazu zu überreden, vorübergehend zu ihr zu ziehen, stießen bei ihr auf taube Ohren. Kiara lehnte ihr Angebot vehement ab und wollte sogar schon am nächsten Tag wieder zur Arbeit zu gehen.

Sie arbeitete als Wissenschaftlerin in einem renommierten medizinischen Institut, das sich der Erforschung menschlicher Anomalien verschrieben hatte. Bereits vor Beginn ihres Studiums war sie mit diesem Fachgebiet in Berührung gekommen, als sie auf einen Zeitungsartikel über die dreijährige Luhra Fernandez gestoßen war.

Luhra hatte ihren Namen von Nonnen bekommen, die sie 1936 in einem Wald in Portugal aufgefunden hatten. Die Leute hatten ihr den Namen »Nachtkind« gegeben. Man hatte das kleine Mädchen des Nachts gefunden, und sie war von den anderen Kindern als Monster ausgelacht worden, weil sie kein Gesicht hatte. Den Grund dafür kannte niemand. Manche Leute behaupteten, dass es sich um eine angeborene Krankheit handele, andere, dass sie von einem wilden Tier angegriffen worden sei. Aber genau wie David Lopez, der auch von Nonnen gefunden worden war – allerdings in einem Wald in Peru –, hatte auch das Mädchen viele Jahre später keinen Mund, keinen Oberkiefer und keine Nase mehr. Die Geschichte des Mädchens war Kiara nicht bekannt, aber, wie viele andere auch, hatte sie vorher schon von David Lopez gehört und war überzeugt, dass die Geschichte, die man sich über ihn erzählte, der Wahrheit entsprach. Warum dieser intelligente Junge unter seinen Altersgenossen keine Freunde hatte finden können, war ihr unbegreiflich. Glücklicherweise hatte ein Heim für ihn eine Reise nach Großbritannien und genügend Geld für eine kosmetische Operation organisiert. Die schwierigsten Eingriffe hatte der Chirurg Adam Jackson vorgenommen, ohne dafür eine Gegenleistung zu verlangen. Er und seine Frau hatten danach beschlossen, David zu adoptieren. Nach zahlreichen Operationen war es David schließlich gelungen, ein normales Leben zu beginnen. Was mit Luhra geschehen war, wusste dagegen niemand. Man hatte nie wieder etwas von ihr gehört.

Kiara hatte sich schon immer dazu berufen gefühlt, hoffnungslosen Menschen zu helfen. Daher beschloss sie, dem medizinischen Fachbereich einer der kleinsten, aber renommiertesten Universitätsstädte nicht nur Deutschlands, sondern auch Europas, anzugehören: Tübingen. In diesem kleinen, am Neckar gelegenen Städtchen fand sie ihr zweites Zuhause. Aufgewachsen war sie in einem kleinen Ort in der Nähe von Stuttgart, wohin sie im Alter von zehn Jahren mit ihrer Familie gezogen war, weil ihr Vater in Stuttgart gearbeitet hatte. Als dieser bei einem besonders tragischen Vorfall, der den Einwohnern Stuttgarts noch lange in Erinnerung bleiben sollte, verunglückt war, zog Kiaras Mutter Rosie zusammen mit ihrer Tochter nach Tübingen. Wenige Jahre später kehrte Rosie aus beruflichen Gründen jedoch wieder nach Stuttgart zurück.

Adrian Horst, Kiaras Vater, war unter äußerst bizarren Umständen in einem Aufzug des Salamiherstellungsunternehmens »Marc & Co.« verunglückt. Gegenüber der Salamifabrik hatte ein Haus gestanden, von dem plötzlich Ratten, die eine alte Frau in ihrer Wohnung gehalten hatte, herabgefallen waren. Die Frau hatte überraschend ins Krankenhaus eingeliefert werden müssen, und die Ratten waren ihr gefolgt, da sie von ihr Futter bekommen hatten. Augenzeugen hatten berichtet, die Ratten seien so fett und schwer gewesen, dass sie sich nicht auf dem Dach hätten halten können, und seien deswegen auf die Passanten herabgefallen und hätten schließlich in der Salamifabrik Zuflucht gesucht. Die Polizei hatte die Straße zwar abgesperrt, aber einige Personen waren trotzdem von den Ratten gebissen worden. Unterdessen befand sich Adrian mit zwei weiteren Personen in einem Aufzug, der nach oben hin geöffnet war. Eine von ihnen war Silvia Wieter. Sie hielt eine frühgotische Skulptur aus dem Naumburger Dom in den Händen, die sie vom Chef des Unternehmens geschenkt bekommen hatte und in ihrem Museum ausstellen wollte. Als sie das Tier sah, fing sie zu schreien an und die Skulptur wurde gegen Adrians Kopf geschleudert, fiel zu Boden und zerbrach. Ein tragisches Ende für Kiaras Vater, der auf der Stelle tot war. Aber das war nicht das einzige Unglück gewesen. Die Ratten waren in der Fabrik zwischen die Maschinen geraten und zusammen mit dem Salamifleisch in kleine Stücke zerhackt worden. Drei von mehreren Dutzend Menschen, die diese Salami dann gekauft und verzehrt hatten, waren später ihren Vergiftungen erlegen. Hinterher wurde bestätigt, dass die Vergiftung ursächlich auf die Ratten zurückzuführen war.

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Volume:
421 p. 2 illustrations
ISBN:
9783947373451
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