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Inhaltsverzeichnis

  Prolog

  Eins

  Zwei

  Drei

  Vier

  Fünf

  Sechs

  Sieben

  Acht

  Neun

  Zehn

  Elf

  Zwölf

  Dreizehn

  Vierzehn

  Fünfzehn

  Sechzehn

  Siebzehn

  Achtzehn

  Neunzehn

  Zwanzig

  Einundzwanzig

  Zweiundzwanzig

  Dreiundzwanzig

  Vierundzwanzig

  Fünfundzwanzig

  Sechsundzwanzig

  Siebenundzwanzig

  Achtundzwanzig

  Neunundzwanzig

  Dreißig

  Einunddreißig

  Zweiunddreißig

  Dreiunddreißig

  Vierunddreißig

  Epilog

  Danksagung

  Wonderland-Playlist

  Die Autorin

GedankenReich Verlag

N. Reichow

Neumarkstraße 31

44359 Dortmund

www.gedankenreich-verlag.de

MY SOUL IN YOUR HANDS

(Band 3)

Text © Kristin Ullmann, 2021

Cover & Umschlaggestaltung: nach einem Konzept von Marie Graßhoff

Lektorat/Korrektorat: Luise Deckert

Satz & Layout: Phantasmal Image

Piktogramme: Christina Ullmann

Innengrafiken © shutterstock

E-Book: Grit Bomhauer

ISBN 978-3-947147-72-4

© GedankenReich Verlag, 2021

Alle Rechte vorbehalten.

Dies ist eine fiktive Geschichte.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.




Der aufgebrachte Vater trug das Gewicht eines unschuldigen Lebens auf seinen Schultern, als er neben seiner Frau über hervorstehende Wurzeln imposanter Drehbäume und durch dichte Gräser eilte.

»Lewis! Das führt doch zu nichts«, keuchte diese verzweifelt und schluckte bittere Tränen hinunter. »Den Schutzschild um uns kann ich nicht mehr lange aufrechterhalten. Ich werde zu schwach.« Sie blieb stehen und drehte sich panisch im Kreis.

Noch war die kleine Familie alleine auf dem Kornfeld mit den violetten Ähren, die in der lauen Luft Wonderlands unbeirrt einen Tanz aufführten. Doch sie konnte spüren, wie die Gefahr ihre kleine Familie einzuholen drohte.

»Liebling.« Lewis versuchte seine Frau mit einem eindringlichen Blick gleichermaßen zu beruhigen und zum Weiterlaufen zu drängen. »Wir werden nicht kampflos aufgeben. So kann unsere Geschichte nicht enden. Das Leben unserer Tochter hat doch gerade erst begonnen.«

Er stellte sich seiner großen Liebe gegenüber, strich ihr eine dunkelrote Strähne aus dem Gesicht und ließ seine Finger auf ihrer Wange verweilen.

Das Mädchen, das bei dem Geschaukel durch das Rennen des Vaters eingeschlafen war, erwachte langsam aus seinem Traum. Es schaute zu seinen Eltern auf und brach mit einem Niesen die eingekehrte Stille.

Die Gesichtszüge ihrer Mutter wurden weicher und Entschlossenheit leuchtete in ihren Augen. Sie nickte ihrem Mann zu und lief voraus.

Die Familie flüchtete weiter über Felder und schlängelte sich dann zwischen dicht nebeneinander wachsenden Bäumen hindurch. Tagelang suchten sie Unterschlupf in ausgehöhlten Zwirbelbäumen, tranken frisches Flusswasser und ruhten sich hinter leer stehenden Hütten kurz aus.

Sie hatten plötzlich ihr Zuhause verlassen müssen und dachten seitdem nur noch über ein Entkommen nach. Doch dass sie kein Ziel vor Augen hatten, ließ den Wettkampf gegen die Zeit als ungerecht erscheinen.

Die Kleine bekam davon jedoch nicht viel mit. Sie beobachtete lieber die malerische Kulisse, die über ihr vorbeizog.

Zum Stillen musste die Familie jedes Mal den sichersten Ort in ihrer Umgebung ausmachen, denn während des Fütterns konnte die verzweifelte Mutter den schützenden Schild um sie herum nicht aufrechterhalten. In diesen quälenden Minuten spitzte Lewis die Ohren wie ein Raubtier, das seine Beute anvisierte. Dabei war es seine eigene Familie, die auf dem Silbertablett präsentiert wurde.

Lewis vernahm das sanfte Rauschen eines Flusses neben ihnen. Dieser reflektierte die Sonnenstrahlen und funkelte in seiner satten orangen Farbe.

In der Ferne hörte er einen Ast knacken und wandte sich in einem Sekundenbruchteil dem Geräusch zu. Etwas hatte die fliegenden Schaukelpferdchen aufgescheucht, die nun oberhalb des Nebelschleiers in Aufruhr klackernd aneinanderstießen.

Seine Frau hob schnell den Blick und richtet sich mit der Kleinen im Arm auf. In diesem Moment wurde ihr klar, dass all das Davonlaufen vergebens war. Sie spürte die Präsenz ihres Feindes, ehe sie ihn sah.

»Er ist hier«, hauchte sie.

Aus einem Gestrüpp trat eine kleine Gestalt ins Tageslicht. Lewis schob sich instinktiv vor seine Frau und sein Kind und drängte beide an den Baumstamm zurück, weg von dem Fremden. Überraschenderweise hob der Winzling seine Hände, als wolle er die junge Familie beruhigen.

»Ich bin hier, um zu helfen«, sagte er mit einer weichen Stimme.

Doch davon ließ sich das Paar nicht täuschen, denn sie wussten, dass er trotz seiner zierlichen Statur eines der mächtigsten Wesen Wonderlands war.

»Du möchtest uns helfen? Dass ich nicht lache. Wir wissen, was uns erwartet«, blaffte Lewis.

»Du Narr. Er will nur sie.« Der Kleine deutete auf die Mutter, die ihre Tochter noch mehr an sich drückte. »Und genau ihretwegen bin ich hier, denn mein Gebieter wird nicht aufgeben, ehe er sie bestraft hat. Aber du und deine Tochter werdet nur zu seinem Ziel werden, wenn du dich ihm in den Weg stellst.«

»Wieso solltest du uns warnen und Lewis die Chance geben, zu verschwinden?«, rief die Frau wütend. »Du machst doch alles, was der König dir befiehlt!«

Die zierliche Figur verschränkte die Arme vor der Brust. »Natürlich tue ich das. Er ist immerhin der König. Aber ich habe nur die Anordnung, gegen dich vorzugehen. Es war nie die Rede von deiner Familie. Wir sind nicht ungerecht.«

»Pah!«, stieß Lewis verächtlich aus. »Was für ein schlechter Scherz. Du willst dem Kind die Mutter nehmen. Und mir meine Geliebte.« Seine Stimme bebte vor Zorn. »Also verrate mir, was daran gerecht sein soll.«

Der Feind trat näher und hob die Nase in die Höhe, damit er größer wirkte. »Ich habe meine Befehle, so wie deine Frau auch ihre hatte. Mach mich nicht dafür verantwortlich, dass sie sich auf die falsche Seite geschlagen hat. Zudem solltest du froh sein, dass ich den König davon abhalten konnte, eine Schwangere zur Rechenschaft zu ziehen.«

Diese Aussage verschlug Vater und Mutter die Sprache.

»Dieses Kind wird eines Tages noch von Nutzen sein. Mit der Stärke von euch beiden in seinen Adern … Unvorstellbar, wozu sie fähig sein könnte.« Die gelben Iriden des kleinen Mannes blitzten gierig auf. Dann wandte er hektisch den Blick zur Seite. »Er kommt. Ich erlaube dir«, wieder zeigte er auf die Mutter, »deinen Mann und deine Tochter in Sicherheit zu bringen, oder sie werden mit dir bestraft.«

Ohne zu zögern, tat Lewis’ Frau das, von dem ihr Mann gehofft hatte, dass sie es nicht tun würde. Erhobenen Hauptes trat sie hinter seinem schützenden Körper hervor und überreichte ihm mit Tränen in den Augen ihr Kind.

»Pass gut auf sie auf. Finde für sie eine andere Mutter und für dich eine neue Liebe. Werdet glücklich.« Dann hauchte sie erst ihrer Tochter einen Kuss zwischen die unschuldigen, rubinroten Augen und schließlich küsste sie ihren Gemahl zum Abschied. »Ihr habt kein Leben auf der Flucht verdient. Einzig meinetwegen stecken wir in dieser Lage. Ich muss mit den Konsequenzen leben. Es war immerhin allein meine Entscheidung, auf White als nächsten König zu setzen. Ich wollte doch nur unsere Zukunft sichern.«

»Nein. Nein, Liebling. Du hast dich geändert. Du stehst in keinerlei Verbindung mehr zu Mirror. Er kann dich für nichts bestrafen, das Ewigkeiten zurückliegt.«

Seine Frau presste die Lippen aufeinander und schluckte schwer. »Ich liebe euch, vergesst das nicht.«

Dann schritt sie hinter den dicken Stamm des Zwirbelbaumes und zeichnete eine Linie in die Luft. Sogleich leuchtete diese auf und ein Spalt öffnete sich. Ein Spalt in eine andere Welt.

Lewis verfolgte mit Schrecken, wie sie ihm mit dem Erschaffen eines Portals einen Ausweg bot. »Ich kann das nicht. Nicht ohne dich.«

»Du musst. Ihretwillen.«

Sie schloss die Augen und atmete tief durch, verinnerlichte unwillkürlich das Bild ihres verängstigen Mannes mit ihrem Kind in den Armen. Ihr Kind, das sie wohl nie wiedersehen würde. Sie hielt die Augen geschlossen, als sie sich am Stamm entlang aus dem Sichtfeld ihrer Familie tastete. Erst als sie sich sicher war, dass ihre Liebsten sie nicht mehr sehen konnten, öffnete sie die Lider. Dann sammelte sie alle verbleibende Kraft in sich, um ihrem Schicksal mutig entgegenzutreten.

»Gute Entscheidung«, meinte das kleine Männlein, das selbst unauffällig einen Kloß im Hals hinunterschluckte.

»Danke, Bayard«, flüsterte sie. »Danke, dass du sie entkommen lässt.«

Das Hufgetrappel auf dem blauen Waldboden kündigte ihren Richter an.

Aber dass sie ihre Familie in Sicherheit wusste, bestärkte ihre aufrechte Haltung. Nun hatte sie nichts mehr zu verlieren. Was war ihr Leben schon wert, wenn sie es nicht weiter mit ihren Geliebten teilen konnte?

Die Soldaten hielten mit großem Abstand zu ihr an. Nur ein Hengst blieb so nahe bei ihr stehen, dass sie seinen stinkenden Atem riechen konnte. Sie verzog allerdings keine Miene. Nein. Sie hob den Kopf und starrte in die zufriedenen Augen des Herrschers über Wonderland.

»König Heart«, sagte sie mit keiner einzigen Gefühlsregung in ihrer Stimme, denn die Genugtuung würde sie ihm nicht geben.

»Whites Sympathisantin«, schleuderte er ihr entgegen, ehe er abstieg und auf sie zuschritt.

Auch Bayard trat wieder aus dem Hintergrund nach vorne und gesellte sich zu seinem Freund.

»Nun sieh mal einer an.« Der Winzling tippte sich verspielt an das Kinn. »Wir haben sie gleichzeitig gefunden. Welch wunderbarer Tag, nicht wahr?« Bay war der beste Schauspieler, den Wonderland zu bieten hatte.

»Wahrlich, mein Freund. Ab heute gibt es eine Ratte weniger, habe ich gehört«, höhnte der König mit tiefer Stimme.

Die beiden Männer unterhielten sich weiter, ohne der Mutter Beachtung zu schenken. Als wäre sie nur Dreck zwischen den Hufen eines Mastschweines. Schließlich drehte der König ihr doch seinen Kopf zu und beäugte sie abschätzig.

»Du und deine leuchtende Ausstrahlung. So unschuldig. Gute Tarnung.« Er ging auf sie zu und hob ihr Kinn mit einem dicken Finger an. »Ich wäre nie darauf gekommen, dass du einer von Whites Spionen bist. Immerhin hast du oft genug mit deinen Kräften auch meiner Familie zur Seite gestanden. Dass du dich aber für den falschen Bruder entscheidest … Welch Verschwendung.«

»Er ist der Erstgeborene«, fauchte sie.

»Er ist ein Bastard! Du hast deine Zeit vergeudet.«

»Ob ehelich oder nicht, er hat das Anrecht auf den Thron. Und er ist Euch überlegen. Ich habe nur dafür gesorgt, dass ich auf der stärkeren Seite stehe.«

Der König lachte auf. »Du hättest ihm nach Mirror folgen sollen. Warum könnt ihr Parasiten mein schönes Wonderland nicht in Ruhe lassen?«

»Ihr habt ihm ein Reich gegeben, das kaputt war.«

»Und du hast ihm genug Wondies gebracht, damit er das Land noch weiter zerstören kann.«

Nie würde sie König Heart gegenüber zugeben, dass sie das leider zu spät begriffen hatte, denn sie hatte an Gerechtigkeit geglaubt und daran, dass Rab White Wonderland wieder für sich einnehmen würde. Sie hatte sich gut mit dem Herrscher Mirrors stellen wollen, damit sie auch im neuen Wonderland einen Platz haben würde. Dass genau dieses Denken ihren Tod bedeutete, war reinste Ironie.

Als könnte das Mädchen in Lewis’ Armen die Verzweiflung seiner Mutter spüren, wurde es unruhig. Ein weiteres Zeichen dafür, dass für ihn die Zeit gekommen war, sich von seiner Liebsten loszusagen, sodass ihr Kind eine Chance auf Leben bekam. Er wusste, er durfte nicht länger lauschen und damit riskieren, entdeckt zu werden. Also sog er tief Wonderlands warme Luft ein.

»Ich liebe dich. Ileria, ich werde dich nie vergessen«, flüsterte er gleich einem Windhauch und schritt durch den Spalt.

»Mein König, mein Freund«, meldete sich Bay zu Wort und fuhr sich durch sein zerzaustes türkises Haar, »wäre es nicht Verschwendung, jemanden mit solch einer Kraft wie der ihren auszulöschen?«

Der Angesprochene drehte sich dem Winzling zu. »Was schwebt dir vor?«

Bayard umkreiste den Herrscher Wonderlands und seine Beute. Dabei gab er vor, nachzudenken, obwohl er längst einen Plan hatte. »Was, wenn wir sie zur Strafe in ein Gefängnis werfen, damit sie uns weiterhin nützlich sein kann?« Dann riss er die Augen so weit auf, dass nicht mehr viel gefehlt hätte und sie wären ihm aus dem Schädel gefallen. »Kein Gefängnis. Besser.« Er schielte zu dem Gewässer, das ruhig seine Bahn zog. »Wir können sie an den Fluss binden. Sie kann sich darauf frei bewegen, aber ihn nie wieder verlassen. In ein paar Jährchen wird sie dem Wahnsinn verfallen. Bis dahin wird sie Eurer Majestät zu Diensten stehen, dafür kann ich sorgen. Für sie wird es die reinste Folter.« Sein höhnisches Grinsen unterstrich seinen scheinbar hinterlistigen Gedankengang.

»Das ist eine schrecklich gemeine Idee, mein Freund. Sie gefällt mir. Whites Sympathisanten haben es nicht anders verdient.« Der König wandte sich wieder Ileria zu. »Du, meine Liebe, wirst weiter in den Diensten meiner Familie und mir zu stehen. Ich weiß, du hast Mann und Kind. Sie werden dich besuchen können und du darfst deine Tochter aufwachsen sehen. Solange, bis dich der Wahnsinn holt.« Grübelnd kratzte sich Wonderlands Regent am Kinn. »Ach ja, du wirst White weiterhin Wondies geben. Aber nur gebrochene Seelen. Für die haben wir sowieso keine Verwendung. Sie bringen lediglich unnötiges Chaos in unser schönes Land. Sollen sie sich in Mirror austoben.« Zufrieden strahlte er Bay an. »Bereite den Fluch vor.«

Ileria sah zu dem Männlein, als der König ihnen den Rücken zuwandte.

»Danke«, flüsterte sie dem kleinen Mann zu, was dieser mit einem verschwörerischen Zwinkern quittierte.

Dann verfluchte Bayard Ileria und band sie als Geist an das Gewässer. Er ließ ihr sogar die Möglichkeit, sich als Projektion ihrer selbst zumindest für kurze Zeit ihrer Familie abseits des Flusses zu widmen. Doch Bay wusste nicht, dass Ileria Mann und Kind in eine andere Welt gebracht hatte und ihre Ewigkeit in Einsamkeit verbringen würde.


»Nein«, wimmerte ich. »Nein.« Immer wieder.

»Cathrine, beruhige dich. Du träumst«, hörte ich eine sanfte Stimme sagen. Sofort spürte ich Fingerspitzen an meinen Schläfen kreisen.

Ich schlug die Lider auf und sah direkt in wunderschöne Augen. Ein mitfühlender Blick schlich sich in die weißen Iriden und bestätigte mir, dass ich in der Wirklichkeit war, denn diese Intensität könnte ich nie in einem Traum spüren.

»Danke, Al«, brachte ich mit kratziger Stimme hervor und wischte mir den Schweiß von der Stirn.

Dieser Ablauf war in den letzten Wochen zu unserem Ritual geworden. Ich brauchte Al als Bestätigung dafür, dass ich wach war. Immer wieder träumte ich von einem verglasten Wonderland, einer Menschenwelt mit allerhand Tücken oder Lewis’ Geschichte – Ilerias Geschichte – meiner Geschichte. Jene, die ich durch Hetties Fähigkeiten in Lewis und Bay gelesen hatte und die mir die Luft zum Atmen geraubt hatte.

Die ersten Nächte nach unserer Reise durch Mads Traumwelt hatte ich wachgelegen, mich hin und her gewälzt, endlose Minuten an die dunkle Holzdecke gestiert, mich nicht getraut, ins Land der Träume überzugehen. Als ich gemerkt hatte, dass Al nachts in den kalten Fluren des Schlosses unterwegs gewesen war, hatten wir beschlossen, uns Gesellschaft zu leisten.

Wie schon so oft streichelte Al solange über meine Wangen, bis sich mein Herzschlag wieder normalisierte.

Er stahl sich jeden Abend in mein Zimmer auf der Südseite des Schlosses, denn ohne ihn konnte ich nicht mehr einschlafen. Und nicht mehr aufwachen. Wir brauchten unsere Nähe, was eine unausgesprochene Tatsache war. So wie vieles zwischen uns. Bei dem Gedanken, dass ich in Sicherheit war, füllte ich meine Lungen langsam mit Luft und entließ sie mindestens ebenso bedächtig.

»Besser?«, hakte Al nach.

»Besser.«

Er stand auf und öffnete die schweren Vorhänge.

Ich lief zu ihm und vergewisserte mich, dass das Wonderland vor uns nicht mit Glas überzogen war. War es nicht. Und wie auch an jedem Tag davor fiel mir erneut ein Stein vom Herzen.

Doch nicht nur mir ging es offenbar so. Als angespannter Körper nahm ebenfalls eine weniger steife Haltung ein. Ich griff nach seiner Hand und schmiegte meinen Kopf an seine starke Schulter. Still starrten wir auf Wonderlands Schlossplatz und ich beobachtete Soldaten, die tüchtig über den Hof marschierten.

»Es ist völlig absurd. Von hier oben sieht es fast so aus, als wäre es ein normaler Tag wie jeder andere.« Al schnaubte aufgebracht.

»Es ist ein Tag wie jeder andere. Solange wir keinen Plan haben, wie wir deinen«, ich räusperte mich, »wir White stürzen, wird das unsere Normalität sein.« Ich spürte Als Blick auf mir ruhen, doch ich starrte weiter auf das Treiben unter uns.

»Kriegsplanung, Kampfvorbereitung, die Suche nach den Seelenessenzen. Wie konnte das unsere Normalität werden?«

In Gedanken ging ich die vergangenen Ereignisse durch, welche uns zu den Wracks gemacht hatten, die wir momentan waren.

Kaum zu glauben, dass alles mit Al begonnen hatte. Seit seinem Eindringen in Wonderland war alles aus dem Ruder gelaufen. Die Suche nach ihm hatte uns und vor allem meine Schwester in Gefahr gebracht. Ich hatte Ilerias Hilfe angenommen – nein, ich konnte sie in meinen Gedanken nicht Mutter nennen – und damit Mad der Königin auf dem Präsentierteller serviert. Lächerlich, dass ich gedacht hatte, der Kampf durch den Irrgarten, um zu Mad zu gelangen, hätte mir alles abverlangt, aber sich durch scheinbar endlose Träume zu schlagen und Freundschaften aufs Spiel zu setzen, war eine ganz andere Nummer gewesen.

Und nun waren wir hier.

Die Grenze hielt nicht mehr lange stand, weswegen sich Het und Xander den Kopf zermarterten, um eine Lösung für dieses Problem zu finden. Bay und Lewis halfen ihnen dabei.

Allerdings herrschte Spannung zwischen den Parteien, denn keiner vertraute dem anderen. Hettie war sauer auf Bay und Lewis, weil sie ihr nicht eher erzählt hatten, wie Lewis und Ileria zu mir standen. Die beiden hatten Het erst gemeinsam mit mir deren Vergangenheit lesen lassen.

Hinzu kam, dass Gilbert mich mied, weil ich ihn auf den Thron gestoßen hatte, wofür er seiner Meinung nach noch nicht bereit war. Nun war sein schlimmster Albtraum Realität geworden und er musste Wonderland vor einem Krieg bewahren oder es sogar durch einen hindurchführen.

Mad distanzierte sich ebenfalls von mir. Für sie war ich zwar nicht länger das Monster, das sie in den Schatten stellte, jedoch traute sie mir nicht mehr, wie sie es einst getan hatte.

Wenigstens ließen sich Dee und Dum von keinem Zerwürfnis ablenken und halfen Gen und Eve bei der Suche nach den Seelenessenzen. Die Brüder waren der Meinung, dass die beiden Hüllen ihre eigenen Seelen besser aufspüren konnten. Wie ein Magnet, der einen anderen anzog.

Ohne die vier bei der Erkundung des Schlossgeländes zu unterstützen, hatten sich Humpty und Hopp aus dem Staub gemacht. Sie verbrachten schätzungsweise ihre Tage wieder mit einer Tasse Tee an der vergammelten Tafel mitten im Wald.

Steph blieb die meiste Zeit in dem Heilzimmer, das in weiser Voraussicht im Schloss während unserer Abwesenheit extra eingerichtet worden war. So fit, wie sie nach ihrem Erwachen geschienen hatte, war sie nicht. Sie war nur einen Tag später zusammengebrochen und schlief seitdem die meiste Zeit.

Wir machten uns alle Sorgen, aber die Heilerin und auch Bay beteuerten, dass es ihr gut gehe. Immerhin hätte sie das Alter von Xander und Hettie haben sollen, steckte nun aber in dem Körper einer jungen Frau.

»Das kann einen schon mitnehmen«, waren Bays Worte gewesen.

Jeder hatte also für etwas oder sich selbst zu sorgen. Deshalb blieb nur Al konstant an meiner Seite. Wir kümmerten uns um alles und jeden und versuchten, die Arbeit der anderen zu erleichtern. So reisten wir zwischen Grenze und Schloss hin und her und spielten dabei Vermittler für Hettie und Bay, halfen den Schattenbrüdern bei der Suche nach den Essenzen und unterstützten den mürrischen Gilbert bei der Neuaufstellung seiner Soldaten. Dadurch hatten Al und ich kaum eine ruhige Minute.

Umso mehr schätzten wir beide den gemeinsamen Morgen, bevor er wieder sein eigenes Gemach aufsuchen würde. Es waren stille Minuten, die nur uns gehörten, in denen wir den Alltag verdrängten und uns ohne viel Worte Gesellschaft leisteten.

Ich schüttelte den Kopf.

Schalte deine Gedanken aus, Cat. Gib dir eine kurze Pause, bis dich das Chaos erneut einholt.

»Komm«, sagte Al und öffnete das Fenster. Frische Luft durchflutete das Zimmer und er führte mich wieder zurück zum Bett. »Ich denke, wir haben noch ein paar Minuten.«

Er rutschte an das stabile Kopfteil mit den aufwendigen Schnitzereien und zog mich auf seinen Schoß. Ich lehnte mich an seine Brust und ließ mich auf seinen regelmäßigen Herzschlag ein. Dann griff ich nach seiner freien Hand, die andere streichelte bereits besänftigend meine Seite und fuhr jeden kleinen Knöchel entlang.

Wir verschränkten unsere Finger, öffneten sie und umschlossen sie erneut. Es war hypnotisierend. Seine Brust drückte sich immer wieder gegen meinen Rücken, und sein Atem kitzelte meinen Nacken.

Schritte auf dem Flur holten mich wieder zurück in die Realität und ich ergab mich dem Beginn des Tages. Also schob ich mich lautlos von ihm und blieb auf dem Rücken liegen, als er zur Tür schlich und auf den Gang spähte. Ich brauchte nicht aufsehen, um zu merken, dass er sich nicht noch einmal umdrehte. Das machte er nie.


»Steph war kurz wach und richtet euch Grüße aus«, sagte ich und dehnte meinen Hals, da die Muskulatur noch recht steif war. »Lagebericht?«

»Nichts Neues. Wir haben einzig die unvollständige Skizze von Mirror«, meinte Xander und wischte verärgert über das Stück Pergament.

Entgegen seiner Worte war ich beeindruckt, was er bereits für Details hinzugefügt hat. Verwirrt schaute zwischen ihm und Het hin und her.

»Was hindert dich daran, sie fertigzustellen?«

»Ich bräuchte meinen Sohn, weil ich mir bei einigen Positionen der verfeindeten Fraktionen nicht sicher bin. Aber du nimmst ihn andauernd in Beschlag.« Ich verengte meine Augen, denn Xander hatte den Unterton angeschlagen, den er mir gegenüber häufiger verwendete.

Kurz bevor wir in die Traumwelt aufgebrochen waren, hatte ich gedacht, wir kämen allmählich miteinander klar. Er war endlich nett zu mir gewesen, nachdem er mich hatte umbringen wollen, um White seine größte Machtquelle zu nehmen – wo keine Cat, da keine Kinderseele.

Allerdings stand noch etwas zwischen Xander und mir. Bisher hatten wir beide nicht darüber gesprochen, dass sein Sohn meinetwegen in Wonderland gelandet war. Aber ich ging davon aus, dass er bereits von Bay erfahren hatte, wie dieser Al nur in den Irrgarten gerufen hatte, um mir meinen sehnlichsten Wunsch zu erfüllen. Ansonsten wäre er in Mirror sicher und nicht in unser Durcheinander verwickelt.

Um nicht in eine Diskussion mit Papa Ice zu geraten, beschloss ich, seine flapsige Antwort zu überhören, und wandte mich meiner Mutter zu.

»Wo sind Bay und Lewis?«

»Die sehen gerade nach der Grenze.«

»Dort will ich jetzt auch hin.«

Hettie biss sich wieder auf die Lippen, wie immer, wenn ich über Lewis sprach. Sie sah ihn als Konkurrenz, das spürte ich. Ich konnte es ihr nicht verübeln, denn ich hatte ihr vor den Ereignissen in letzter Zeit nicht oft genug gezeigt, wie dankbar ich dafür war, dass sie meine Mutter war. Aber seit der Lesung seiner Vergangenheit hatte ich keine fünf Worte mit ihm gewechselt. Ich wusste nicht, wann ich mich endlich dazu aufraffen würde, mit ihm zu sprechen.

Seine Anwesenheit hielt mich allerdings nicht davon ab, zur Grenze zu wollen. Ich wandte den anderen meinen Rücken zu, um mich auf den Weg zu machen.

»Könntest du das Prinzchen holen?«, bat mich Xander, nachdem ich die Tür geöffnet hatte.

»König«, verbesserte Hettie ihren Liebsten. »Er ist mit Mad im Trainingssaal.«

Wie mir geheißen, lief ich über den Hofplatz, wo Al schon auf mich wartete.

»Dein Vater braucht dich zum Fertigstellen der Skizze«, erinnerte ich ihn gleich.

Er seufzte. »Mist, ich wusste, ich habe was vergessen.«

Ich musterte ihn. »Hast du nicht. Du gehst ihm aus dem Weg.« Erwartungsvoll sah ich ihn an.

Aber wieder rückte er nicht mit der Sprache heraus, was bei der Familie Ice abgesehen von dem Fluch, den seine eigene Mutter ihm auferlegt hatte, im Argen lag. Ich hatte Xander schon mehrmals gebeten, mit Al darüber zu sprechen, da ich keine Geheimnisse vor seinem Sohn haben wollte. Aber bisher hatte Ice gekniffen. Und nun ging der ahnungslose Al neben mir her und strafte jede Wache mit einem strengen Blick, die uns einen Moment zu lange anstarrte.

Kein Wunder. Für die Soldaten waren wir nur Gestalten aus einer Geschichte. Wir bekamen oft mit, wie sie sich über uns die Mäuler zerrissen. Nicht zuletzt machten sie uns für das Chaos verantwortlich. Und ich konnte es ihnen nicht verdenken, sie hatten schließlich recht. Keiner von ihnen vermisste die Königin, aber dafür deren klare Strukturen. Sie waren es gewohnt, Befehle auszuführen, statt Ewigkeiten auf kleine Botengänge gesandt zu werden, die zu nichts führten.

So glotzten uns auch die Wachen neben der massiven Tür des Trainingssaals merkwürdig an, als sie einen Schritt zur Seite machten. Trotz allem Getratsche hatten sie Respekt vor uns.

Al drückte die Tür auf und ich vernahm Mads gequältes Stöhnen. Sie hatte in den letzten Wochen bereits viel im Training erreicht. Eine Bestätigung für mich, dass ich sie gewaltig unterschätzt hatte.

»Guten Morgen«, rief ich durch den Saal.

Gilbert, der über Mad kniete und sie auf den Boden gepresst hielt, blickte zu mir auf.

»Du darfst mich nicht nur mit deinen Armen wegdrücken, sondern mit dem gesamten Oberkörper«, wies er meine Schwester an.

Mad schloss beschämt die Augen und Röte, die definitiv nicht vom Training stammte, kroch auf ihre Wangen.

»Ist Mad ihr Traum immer noch peinlich?«, fragte mich Al leise, während Gil ihr auf die Beine half.

»Natürlich. Sie war schließlich über Jahre hinweg in ihren eigenen Cousin verschossen«, flüsterte ich zurück. »Dass er das mitbekommen hat, setzt dem Ganzen die Krone auf.« Ich sammelte ein bereitliegendes Handtuch vom Boden auf und warf es dem zukünftigen König zu.

»Xander braucht dich im Ratsraum.«

Gil tupfte sich den Schweiß vom Gesicht und rieb sich auch über die Oberarme, ehe er Mad das benutzte Tuch in die Hand drückte. Diese schaute angeekelt von dem durchnässten Lappen zu Gil.

»Mad, trainiere deinen Oberkörper. Froggy wird dir helfen. Bis dann.« Daraufhin marschierte er demonstrativ zwischen mir und Al hindurch. Die Tür knallte, als er den Saal verließ.

Ich schüttelte den Kopf. »Zicke.«

»Er wird nicht ewig auf dich sauer sein«, meinte Mad. Anscheinend wollte sie mich beruhigen, was mich nur wütender machte.

Al drückte sachte meine Schulter. »Komm, wir sehen nach Gen und Eve.«

»Nein«, erwiderte ich und seufzte. »Das mache ich allein. Geh bitte zu Xander und hilf ihm, diese Skizze zu beenden. Vielleicht übersehen wir die ganze Zeit eine Möglichkeit, näher an White heranzukommen.«

Er strich über meinen Arm und schenkte mir einen verständnisvollen Blick. »Treffen wir uns zum Mittagessen?«

»Ich weiß nicht, ob ich da sein werde. Eigentlich möchte ich zur Grenze, dazu muss ich aber zuerst die Schattenbrüder finden.«

»Gut. Dann sehen wir uns, sobald du wieder zurück bist.«

Während Al dem eingeschnappten König hinterherging und Mad mit Froggy weitertrainierte, nahm ich einen der neuentdeckten Geheimwege zu den Kellergewölben. Es hatte auch seine guten Seiten, viel Zeit im Schloss zu verbringen. Leider zu spät. Hätte ich diesen Gang gekannt, bevor ich gegen die Königin gekämpft hatte, hätte ich mich für den Seelenraub anschleichen können und es wäre vielleicht anders ausgegangen.

Beispielsweise ohne einen abgetrennten Kopf.

Ich erwartete, Gen und Eve an der Stelle anzutreffen, wo sie gestern ihre Suche beendet hatten, doch ich fand nur die Schattenbrüder vor. Das Pulsieren meiner Kette in ihrer Gegenwart war ein Segen – eine willkommene Erinnerung an das, was früher gewesen war. Eine Konstante, die hoffentlich bleiben würde.

Ich fasste an die mit Rauchschwarz gefüllten Perlen, als ich näher an die Schattengänger heranschritt.

»Guten Morgen, Dee und Dum«, grüßte ich sie und hätte sie am liebsten in eine Umarmung geschlossen.

Doch sosehr ich es auch wollte, ich konnte sie nicht mehr so spüren wie früher. Seitdem sie das Hauptportal zerstört hatten und neben Bay die einzige Möglichkeit waren, das Schloss zu besuchen oder zu verlassen, waren ihre Kräfte auf Sparflamme gesetzt. Sie waren sogar zu schwach, um die kleinsten Dinge wie einen Stein in die Höhe zu heben.

»Gen und Eve nehmen sich heute eine Auszeit«, erklärte Dum, bevor ich nachfragen konnte.

Age restriction:
0+
Release date on Litres:
18 September 2024
Volume:
344 p. 58 illustrations
ISBN:
9783947147724
Copyright Holder::
Bookwire
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