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Inger Gammelgaard Madsen

Der Reiniger: Neue Spuren - Teil 4

Saga Egmont

Der Reiniger: Neue Spuren - Teil 4

übersetzt aus dem Dänischem von Kirsten Vesper nach

Sanitøren

Copyright © 2017, 2018 Inger Gammelgaard Madsen und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

All rights reserved

ISBN: 9788711970553

1. Ebook-Auflage, 2018

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach

Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

4: Neue Spuren

Der Selbstmord eines Justizvollzugsbeamten war nichts, das lange Nachrichtenwert behielt. Auch eine bei einem Autounfall tödlich verunglückte Strafverteidigerin nicht. Doch dass deren Vater, Karl Dallerup, der darüber hinaus ein respektierter Richter am Obersten Gerichtshof war, eine Woche darauf spurlos verschwand und nun seit 48 Stunden gesucht wurde, erweckte die toten Nachrichten wieder zum Leben.

Anne Larsen hatte im Laufe der Woche mehrfach versucht, die Erlaubnis des Chefredakteurs zu bekommen, den mysteriösen Zufall zu verfolgen, den sie darin gefunden hatte, dass sowohl der Justizvollzugsbeamte Julius Habekost als auch die Strafverteidigerin Vivian Elsted eine besondere Verbindung zu dem Mörder Patrick Asp hatten, der zudem in der Institution Enner Mark einsaß, wo Julius Habekost arbeitete. Doch der Chefredakteur hatte sie – Gott weiß wie viele Male – daran erinnert, dass sie Kriminalreporterin und keine Ermittlerin sei und dass sie berichten und nicht ermitteln solle. Anne fiel es jedoch schwer, das abzulegen. An diesem Selbstmord war irgendetwas merkwürdig und die beiden Beamten waren schnell freigekommen. Sie vertraute natürlich der DUP und Roland Benitos Ermittlungen, trotzdem nagte etwas an ihr.

Aber nun ging sie wieder zum Chef, denn das Erste, was sie untersucht hatte, war, ob Karl Dallerup irgendwie ebenfalls etwas mit Patrick Asp zu tun hatte und Bingo – er war in dem Mordfall vor zehn Jahren der Richter gewesen und derjenige, der den Hammer auf den Tisch gehauen und gesagt hatte: „Lebenslänglich!“ – also, wenn es ein amerikanischer Richterstuhl gewesen wäre, denn hier in Dänemark benutzten die Richter keinen Hammer, was viele missverstanden hatten.

„Das ist zehn Jahre her, Anne!“ Der Chefredakteur schaute sie dennoch interessiert an und kaute am Brillengestell.

„Genau, es sieht aus, als ob dieser alte Fall etwas mit dem Ganzen zu tun hat.“

Der Chefredakteur sah skeptisch aus, dann schüttelte er den Kopf. Eigentlich hatte er sie bloß über eine Pressekonferenz zum Verschwinden des Richters in Kenntnis gesetzt, die die Ostjütländische Polizei gerade angekündigt hatte.

„Hör doch mal“, versuchte Anne es erneut. „Ein Gefangener ist an einer gefährlichen Überdosis Drogen gestorben und …“

„Du weißt genau, dass uns das nie bestätigt wurde, weder von der Polizei noch von dem Gefängnis …“

„Der Institution“, korrigierte Anne.

„Was? Ach so, ja, der Institution … aber du hast das nur von einem zufälligen, aufgebrachten Gefangenen, dem du in einem Gefängnisgang begegnet bist, und …“

„Das war kein zufälliger Gefangener. Das war er. Patrick Asp. Das Bindeglied zwischen den Verstorbenen – und dem verschwundenen Richter. Er hatte Julius Habekost beschuldigt, schuld daran zu sein, dass dieser Spider an Drogen gestorben ist, und ich finde bloß, es ist noch verdächtiger, dass wir so gar nichts über diesen Todesfall erfahren und dass das nach einer politischen Entscheidung aussieht. Ist es nicht genau das, was wir Journalisten ans Licht bringen sollen, sodass die Bevölkerung weiß, was sich im bestgesichertsten Gefängnis des Landes abspielt, in das ihre Steuergelder fließen?“ Anne hatte sich warm geredet und spürte ihre Wangen glühen.

„Ja, aber der Selbstmord und der Autounfall sind ja bereits vergessene Fälle, Anne. Stell dir doch mal vor, was wir in diesen beiden Familien, die ein Familienmitglied verloren haben, wieder aufwühlen.“

„Glaubst du denn, die haben das vergessen?“

„Nein, selbstverständlich nicht, aber sollen sie zusätzlich zu der Trauer auch noch überlegen, ob es gar kein Selbstmord und ein Unfall waren, sondern Mord?“

„Wir sind ja nicht das Extrablatt, daher müssen sie so etwas natürlich nicht machen. Aber ob sich Familie Dallerup nicht auch ihre Gedanken macht, wenn Karl Dallerup spurlos verschwindet, nur eine Woche, nachdem seine Tochter bei diesem Autounfall gestorben ist?“

„Soetwas kommt doch vor. Ein Unglück kommt selten allein, weißt du … Aber jetzt geh mal zu dieser Pressekonferenz, ja? Die Polizei wünscht sich die Hilfe der Öffentlichkeit.“

„Okay, na dann.“

„Denk daran, bei der Sache zu bleiben, ja, Anne?“

Anne verließ ein wenig irritiert das Büro des Chefredakteurs und begab sich an ihren Platz. Die Redaktion war menschenleer. Die meisten waren losgezogen, um Stoff zu sammeln, sodass die Lokalstation am Leben erhalten werden konnte. Nur Noa Maria saß an ihrem Platz am Fenster und arbeitete.

Flash war zusammen mit Jytte unterwegs, aber Ninna Bak, eine der vielen anderen Kameraleute der Redaktion, kam gerade mit dem Aufzug aus der Tiefgarage und ging an ihren Platz ein Stückchen hinter Anne. Eigentlich hieß sie Ninna Bak Özkan und hatte einen türkischen Vater. Das sah man ihr nur nicht an, sie hatte die blonden Haare von ihrer Mutter und die dunklen Augen von ihrem Vater.

„Ah, du, Ninna! Hast du Zeit, mit mir einen Abstecher zum Polizeipräsidium zu machen?“

Ninna drehte sich zu ihr um. Sie war dabei, rosafarbenen Labello auf die Lippen aufzutragen. Sie nickte.

„Was machen wir da?“

„Es gibt eine Pressekonferenz wegen des Richters.“

„Der, der verschwunden ist?“ Ninna stopfte den Lippenpflegestift zurück in die Tasche.

„Ja, Karl Dallerup.“

„Die Polizei lädt ja normalerweise nicht gerade ein, wenn es sich ‚nur‘ um eine Suche handelt.“

„Es geht ja auch um einen Richter des Obersten Gerichtshofs, Ninna“, sagte Anne mit Nachdruck.

„Okay, ich bin in zwei Sekunden soweit.“

Die Pressekonferenz, die in der Vormittagssonne vor dem Polizeipräsidium stattfand, war nicht besonders gut besucht. Anne wunderte sich. Natürlich war die Tochter mit ihrem Status als Pressedarling bekannter gewesen. Karl Dallerup war, soweit Anne wusste, nie in den Medien aufgetreten, wer kannte ihn daher eigentlich? Nicht mal Media House Denmark war erschienen.

Ein Polizeidirektor, den Anne nicht kannte, kümmerte sich um die Presse. Zügig skizzierte er den Fall.

Der 65-jährige Karl Dallerup war am Sonntagmorgen aus seinem Zuhause verschwunden, von wo aus er zum Mollerup Golf Club in Risskov gefahren war. Der Polizeidirektor erklärte, Karl Dallerups schwarzer Land Rover sei verlassen und mit offenen Türen auf dem Parkplatz des Golfclubs gefunden worden. Vernehmungen hätten ergeben, dass Karl Dallerup nicht auf dem Golfplatz aufgetaucht war. Er war also ohne Zeugen von dem Parkplatz verschwunden.

„Daher möchten wir die Öffentlichkeit um Hilfe bitten. Karl Dallerup trug über einem weißen Hemd einen hellblauen Pullover der Marke Pringle mit schwarz-weißem Rautenmuster auf der Brust, eine dunkle Hose und schwarze Ecco Golfschuhe mit roten Schnürsenkeln. Wenn jemand am Sonntagmorgen beim Golfclub und in dessen Umgebung etwas Verdächtiges beobachtet hat was auch immer -, erbitten wir Ihren Anruf“, schloss der Polizeidirektor und ließ seinen Blick mit gestresster Miene, die nicht zu weiteren Fragen einlud, über die kleine Versammlung schweifen.

„War der Richter deprimiert?“, fragte dennoch ein Journalist der Aarhuser Lokalzeitung hinter Anne.

„Nein, Familie und Freunden zufolge gab es dafür keinerlei Anzeichen.“ Schnell deutete er auf den Nächsten mit erhobener Hand.

„Was ist mit dem Tod seiner Tochter vor einer Woche? Das muss die Familie doch hart getroffen haben.“

„Natürlich, aber Selbstmord gilt als ausgeschlossen.“

„Dann vermuten Sie also, dass ein Verbrechen geschehen ist?“

„Das können wir leider nicht ausschließen, nachdem das Auto auf dem Parkplatz zurückgelassen wurde.“

„Kidnapping?“, wollte ein anderer wissen.

„Auch das können wir nicht ausschließen.“

„Ein Richter des Obersten Gerichtshofes kann ja viele Feinde haben. Was ist mit Insassen, die Dallerup hinter Gitter gebracht hat? Vielleicht kürzlich Entlassene?“, fragte Anne.

Der Polizeidirektor sah sie einen kurzen Augenblick schweigend an, bevor er antwortete.

„Das haben wir bei unseren Ermittlungen natürlich berücksichtigt.“

Anne dachte ein bisschen an die Ermahnung des Chefredakteurs, bei der Sache zu bleiben. Eigentlich hätte sie den Polizeidirektor sonst gerne gefragt, ob sie sich der Verbindung sowohl von Karl Dallerup als auch seiner verstorbenen Tochter zu dem Mörder Patrick Asp bewusst waren, dass die Tochter ihn erfolglos verteidigt und ihr Vater ihn zu lebenslänglich verurteilt hatte. Aber sie wusste nur zu gut, dass es genau das war, von dem der Chefredakteur gemeint hatte, dass sie es nicht tun sollte, und selbstverständlich hatte er Recht damit, dass es ein bisschen dünn war, solange nicht die Rede von Mord in einigen der Fälle war.

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