Read the book: «Die Jugendlichen und ihre Suche nach dem neuen Ich»

Die Autorin

Inge Seiffge-Krenke ist Professorin für Entwicklungspsychologie. Sie hat 2020 den EARA Lifetime Achievement Award für ihre herausragenden Beiträge zur Erforschung des Jugendalters erhalten. Sie ist Psychoanalytikerin (DPV) für Erwachsene, Kinder und Jugendliche und als Supervisorin in der Aus- und Weiterbildung tätig.
Inge Seiffge-Krenke
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2., aktualisierte Auflage 2021
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-041752-6
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-041753-3
epub: ISBN 978-3-17-035715-0
Inhalt
1 1 Einleitung: Adoleszenz – die Zeit, in der die Identitätsentwicklung zentrale Bedeutung gewinnt
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3 2 Theorien zur Identitätsentwicklung
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5 2.1 Identitätsentwicklung als Lebensaufgabe nach Erik H. Erikson
6 2.1.1 Erik H. Erikson: Der Begründer der psychoanalytischen Identitätstheorie und seine ganz persönliche Identitätskrise
7 2.1.2 Das Phasenmodell der menschlichen Entwicklung
8 2.2 Die klassischen Theorien der Identitäts- entwicklung: Erikson und Marcia
9 2.2.1 Eriksons Konzept der Identitätsentwicklung im Jugendalter
10 2.2.2 Der Ansatz von Marcia
11 2.2.3 Weitere Identitätskonzeptionen
12 3 Selbst und Identität in der Kindheit und im jungen Erwachsenenalter und die Zentralität der adoleszenten Identitäts- entwicklung
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14 3.1 Selbst- und Identitätsentwicklung in der Kindheit
15 3.1.1 Selbstwahrnehmung in der frühen Kindheit
16 3.1.2 Selbstwahrnehmung und Selbstcharakterisierung in der mittleren Kindheit
17 3.2 Die Zentralität der Adoleszenz für die Selbst- und Identitätsentwicklung
18 3.2.1 Bedeutende Entwicklungsvoraussetzungen für die Zentralität der Adoleszenz
19 3.2.2 Spannungsbogen zwischen nicht abgeschlossener Hirnentwicklung, Verfrühung der körperlichen Reife und Verspätung der Identitätsentwicklung
20 3.3 Und wie geht’s weiter im jungen Erwachsenenalter?
21 3.3.1 Identität als Kombination von Exploration und Commitment
22 3.3.2 Auffallende Veränderungen in den letzten Jahren: Mehr Exploration, Instabilität und eine starke Selbstfokussierung bei jungen Erwachsenen
23 4 Die Suche nach dem neuen Ich bei männlichen Jugendlichen
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25 4.1 Die Veränderung der Beziehungen zwischen Vätern und Söhnen und ihre Folgen für die Identitätsentwicklung
26 4.1.1 Sind Söhne noch der »Spiegel« des Vaters?
27 4.1.2 Sind »neue Väter« förderlicher für die Identität von Söhnen?
28 4.1.3 Exploration und die Bedeutung des Väterlichen
29 4.1.4 Väter, die die Identitätsentwicklung ihrer Söhne nicht stützen können
30 4.2 »Haben und Zeigen«: Identitätsentwicklung und Körperselbst im Kontext von Freunden und der Clique
31 4.2.1 Veränderte Selbstwahrnehmung und Körperwahrnehmung
32 4.2.2 Freunde als Ansprechpartner, mit Freunden geteilte neue Erfahrungen
33 4.2.3 Bedeutung der Jungenclique: »Haben und Zeigen«
34 4.3 Oszillieren zwischen Identitätsbarrieren und -erweiterungen: Homophobie und riskantes Verhalten
35 4.3.1 Vermeidung zu großer Nähe bei der Identitätskonstruktion, riskante Explorationen
36 4.3.2 Identität im Gewaltkontext: Bullying
37 4.4 Erweiterung der Identität durch Zugang zu romantischen Partnern
38 4.5 Aggression, die »Leerstelle Vater« und ihre Bedeutung für die Identitätsentwicklung
39 4.6 Stabilität und Veränderung der Identitäts- dimensionen im Jugendalter, langsamere Entwicklung der Jungen
40 5 Die Suche nach dem neuen Ich bei weiblichen Jugendlichen
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42 5.1 Identitätsherausforderungen durch die körperliche Reife: Bedeutung der Körperscham, von Narzissmus und Entfremdung
43 5.1.1 Attraktivität, Figurprobleme und Körper- entfremdung als typische Merkmale des adoleszenten Körperkonzeptes
44 5.1.2 Bedeutung der Körperscham
45 5.1.3 Das negativere Körperbild von Mädchen: Seit Jahrzehnten konstant
46 5.1.4 Die Vermarktung des weiblichen Körpers
47 5.2 Ein neuer Blick auf das Selbst: Die relationale Identität der Mädchen in Freundschaftsbeziehungen
48 5.2.1 Die Berücksichtigung des Erlebens anderer, Schamentwicklung und Fortschritte in der Kontrolle von negativen Emotionen
49 5.2.2 Strenge Normen und starke Geschlechts- typisierungen in der Gruppe der Mädchen
50 5.2.3 Intimer Austausch und Co-rumination: Potentiale und Gefahren für die Identitätsentwicklung
51 5.3 Identifikatorische Prozesse, aber auch Gefahren durch die Gleichgeschlechtlichkeit von Mutter und Tochter
52 5.3.1 Eltern als Identitätsbremse – besonders stark bei Mädchen
53 5.3.2 Wenn die Differenzierung misslingt: Die Tochter als Selbstobjekt der Mutter
54 5.4 Unterstützung der Weiblichkeit und die selektive Identifizierung mit dem Vater
55 5.4.1 Die Bedeutung des Vaters für die Entwicklung der Weiblichkeit seiner Tochter
56 5.4.2 Die tüchtige Tochter: Identifizierung mit Differenz
57 5.5 Der Beitrag der romantischen Partner: Noch Platz fürs Selbst?
58 5.5.1 Positive und negative Einflüsse von Partnerschaften
59 5.5.2 Verwirrende Gefühle: »Freunde« oder »Lover«?
60 5.5.3 Noch Platz fürs Selbst: Ein spezifisch weibliches Problem?
61 5.6 Verringerung der Geschlechtsunterschiede über die Jugendzeit, verstärkte Exploration der Mädchen
62 6 Sexuelle Identität und bisexuelles Schwanken als normales Entwicklungs- phänomen
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64 6.1 Männliche oder weibliche Identität
65 6.1.1 Entwicklungsverlauf und Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Jugendlichen
66 6.1.2 Homosexualität und Bisexualität als sexuelle Orientierung
67 6.1.3 Transgender und das dritte Geschlecht
68 6.2 Bisexuelles Schwanken als Entwicklungs- phänomen
69 6.2.1 Ursprünge des Konzepts der Bisexualität bzw. des bisexuellen Schwankens
70 6.2.2 Bisexuelles Schwanken speziell im Jugend- alter: das Fünfphasenmodell von Blos
71 6.3 Einige Illustrationen: Bisexuelles Schwanken bei Horney und Colette, ihre Verdeutlichung im Mädchentagebuch
72 6.3.1 Bisexuelles Schwanken bei Karen Horney
73 6.3.2 Bisexuelles Schwanken bei Colette
74 6.3.3 Bisexuelles Schwanken in Mädchentage- büchern
75 6.4 Bisexuelles Schwanken und der Verzicht auf die Phantasie, beide Geschlechter zu sein
76 6.4.1 Bisexualität und vollständiger Ödipuskomplex
77 6.4.2 Die Bedeutung der Doppelidentifikation und der Optimierungsdruck
78 7 Schule, Werte, Sinn
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80 7.1 Identität und Schule
81 7.1.1 Bloß kein Streber sein
82 7.1.2 Schulstress, Zukunftsangst und Orientierungsprobleme
83 7.2 Werte, Ideale, Religion – noch eine Stütze der Identität?
84 7.2.1 Jugendliche Identitäten im Veganismus
85 7.2.2 Politische Verantwortung übernehmen: Fridays for future
86 7.2.3 Sinnkrisen und religiöse Werte
87 8 Auf der Suche nach Resonanz: Identitäts- konstruktion durch alte und neue Medien
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89 8.1 Identitätsexploration: Die Sicht auf das Selbst in Tagebüchern
90 8.1.1 Das fortgesetzte Gespräch zur Exploration der eigenen Identität
91 8.1.2 Analysen zur Ich-Entwicklung in Jugend- tagebüchern verschiedener Generationen
92 8.2 Das Internet als ideales Medium zur Identitätsentwicklung?
93 8.3 Im Spiegel der anderen: Soziale Medien und Smartphones
94 8.3.1 In ständiger Verbindung bleiben: das Smartphone
95 8.3.2 Im Spiegel der anderen: Selbstvergewisserung mit der Kamera
96 8.3.3 Narrative Identität, die Verführung zur beschönigenden Selbstdarstellung und die Erfindung von Biographien
97 8.4 Gefährliche Foren
98 8.5 Warum in der Adoleszenz und warum mehr Mädchen?
99 9 Das »narzisstische Zeitalter« und ein verändertes Elternverhalten als Einfluss- faktoren auf die Identitätsentwicklung
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101 9.1 Identitätsentwicklung und narzisstische Phänomene in der Adoleszenz
102 9.1.1 Empirische Belege für die Perspektive der Spiegelung des Selbst im anderen
103 9.1.2 Weitergehende starke Selbstfokussierung und Exploration der eigenen Identität im jungen Erwachsenenalter
104 9.2 Das »Zeitalter des Narzissmus« und familiendynamische Veränderungen, die zu einer erhöhten Selbstfokussierung und einer verzögerten Identitätsentwicklung beitragen
105 9.2.1 Gesellschaftliche Veränderungen: Das »narzisstische Zeitalter«
106 9.2.2 Familiendynamische Einflüsse: Narzisstischer »Missbrauch« durch die Eltern, elterliche Separationsängste und zu viel Unterstützung
107 9.3 Ineinandergreifen von normaler und pathologischer Entwicklung
108 9.3.1 Der ganz normale Narzissmus?
109 9.3.2 Wenn man nichts wert ist
110 10 Der Einfluss des kulturellen Kontexts auf die Identitätsentwicklung
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112 10.1 Entwicklung der ethnischen Identität: Besonderheiten bei adoptierten Jugendlichen
113 10.2 Herausforderungen für Jugendliche mit Migrationshintergrund
114 10.3 Identität und Familienbeziehungen in verschiedenen Kulturen
115 10.3.1 Ähnliche Identitätsentwicklung bei Jugendlichen aus vielen Ländern
116 10.3.2 Eltern als Identitätsbremse – ein universelles Phänomen?
117 10.4 Identitätsstress: Der Blick über den Tellerrand
118 11 Integration und Ausblick
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120 Die Bedeutung konzeptueller Differenzierungen
121 Die Schnittstelle zwischen Normalität und Pathologie
122 Warum ist die Adoleszenz so zentral für die Identitätsentwicklung?
123 Differentielle Befunde: Unterschiede in der Identitätsentwicklung von Jungen und Mädchen
124 Geschlechtsidentität – keine einfache Entwicklung
125 Wertorientierungen und ihre Bedeutung für die Identitätsentwicklung
126 Die Spiegelmetapher und die neuen Medien
127 Sind Eltern hilfreich bei der Identitätskonstruktion?
128 Universalität von Identitätsexploration und problematischem elterlichen Einfluss
129 Literatur
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Einleitung: Adoleszenz – die Zeit, in der die Identitätsentwicklung zentrale Bedeutung gewinnt
Auf die Idee, die Adoleszenz sei erst der »Vorwaschgang« für die Identitätsentwicklung, könnte man kommen, wenn man sich die Forschung zur Identitätsentwicklung anschaut. So wurden zwar in der Meta-Analyse zur Identitätsentwicklung von Jane Kroger und Kollegen (2010) auch Jugendliche einbezogen, der Schwerpunkt lag aber deutlich im jungen Erwachsenenalter. Die Ergebnisse sind über die vielen einbezogenen Länder hinweg recht einheitlich und zeigen, dass die Identitätsentwicklung bei Jugendlichen im Sinne einer Operationalisierung der Eriksonschen Konstrukte (als Kombination von Exploration und Commitment) gerade erst zaghaft begonnen hat und bis zu ihrem Abschluss noch fast 20 Jahre vergehen werden. Auch dann entwickeln Menschen ihre Identität weiter, besonders heute, wo die Brüchigkeit von Beziehungen und beruflichen Perspektiven häufig Neuorientierungen und Anpassungen in der Identität erfordern.
Dennoch, Erikson, dessen Konzeption diesem Buch zugrunde liegt, hatte meiner Ansicht nach recht: Auch wenn die Identitätsentwicklung prinzipiell ein lebenslanger Prozess ist, kommt der Adoleszenz diesbezüglich doch eine besondere Bedeutung zu. Heute verorten wir die Identitätsentwicklung keineswegs deshalb zentral in der Adoleszenz, weil wir sie, wie Erikson, als in der Adoleszenz für weitgehend abgeschlossen halten, sondern deshalb, weil es keinen Lebensabschnitt gibt, in dem so viele sozial-kognitive Lernprozesse in schneller Folge durchlaufen werden, die für die Entwicklung der Identität aus Beziehungen wichtig und notwendig sind.
Meine These ist, dass sich Identität aus Beziehungen entwickelt (Seiffge-Krenke, 2012a), und die Voraussetzungen für diese relationale Identität sind in keinem Lebensabschnitt so bedeutsam und veränderbar wie in der Adoleszenz. Tatsächlich sind sogar die raschen emotionalen und kognitiven Lernprozesse eine Voraussetzung dafür, dass sich die Identität der Jugendlichen so rasch verändern kann – körperlich, aber auch psychisch und sozial. Auch Susan Harter beschäftigte sich eingehend mit den Facetten dieser Entwicklung und beschrieb und untersuchte die »possible selves« (Harter et al., 1997), die sie zum einen auf kognitive Fortschritte, zum anderen auf den Sozialisationsdruck der Adoleszenz (d. h. die zunehmende Anpassung an erwachsene Rollen und Werte) zurückführt.
Bei der Untersuchung der Lernprozesse, die zum adoleszenten Identitätsstatus führen, ist auffällig, dass in der frühen Kindheit eher die Selbstwahrnehmung und Selbstbeschreibung, in der mittleren und späten Kindheit und verstärkt auch noch in der Adoleszenz eher das Selbstkonzept untersucht wurden. Alle drei Komponenten sind wichtig, aber Identität ist noch umfangreicher und komplexer und umfasst sehr viele verschiedene Facetten.
Erikson (1968) definierte Identität als »ein Gefühl für sich selbst, das aus der Integration vergangener, gegenwärtiger und zukünftiger Erfahrungen resultiert« (S. 36), und betonte sowohl Kontinuität als auch Veränderung über Zeiten und Kontexte. Wir werden also einen komplexeren Ansatz wählen, um diese Gleichheit und Kontinuität über Zeiten und Kontexte zu verdeutlichen. Er wird die geschlechtsspezifische Identitätsentwicklung, die Einflüsse der Familie durchaus auch im Sinne einer »Identitätsbremse« (Seiffge-Krenke, 2012a) und die starke Abhängigkeit der Identitätsentwicklung vom Entwicklungskontext, kulturellen Einflüssen und den Wandel in der Identitätsentwicklung über die Lebenspanne aufgreifen und zeigen, welche zentrale Entwicklungsprozesse in der Adoleszenz stattfinden – auch wenn die Identitätsentwicklung noch lange nicht abgeschlossen ist. Die Spiegelmetapher, die für die Entwicklung im Säuglings- und Kleinkindalter wichtig ist für die Unterscheidung von Ich und Nicht-Ich, erfährt in der Adoleszenz durch die besonderen Fähigkeiten von Jugendlichen eine ganz neue Erweiterung. Sehr viele verschiedenen Perspektiven von anderen Menschen wahrzunehmen, zu integrieren und sich »im Spiegel der anderen« zu sehen und zu erkennen, wird wichtig und lässt sich zum einem an der ungewöhnlich hohe Rate an selbstreflexiven Aktivitäten, aber auch an der intensiven Nutzung der sozialen Medien festmachen.
Dieser Entwicklungsprozess ist nicht ohne Gefährdungen, wie wir am Ende sehen werden. Die Adoleszenz als zentrale Schnittstelle für die Identität kann also zur beschleunigten Weiterentwicklung, aber auch zur Stagnation, ja zur Krise mit psychischen und körperlichen Symptomen führen.
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Theorien zur Identitätsentwicklung
Die klassischen Theorien der Identitätsentwicklung, jene von Marcia und Erikson, sind auch Grundlage dieses Buches. Die Theorie von Erikson ist jedoch umfangreicher als jene von Marcia, denn sie schließt ein Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung ein, in der die Identitätsentwicklung nur eine, wenngleich zentral wichtige Phase darstellt. Außerdem, und dies ist für unsere heutigen multikulturellen Gesellschaften wichtig, hat er eine eindeutige kulturelle Perspektive in seinem Werk und sieht die Identitätsentwicklung immer als abhängig vom kulturellen und Entwicklungskontext.
Ich möchte zunächst auf Erikson selber, seinen Lebensweg, seine Schriften eingehen, bevor das Stufenmodell und dann seine spezifischen Annahmen zur Identitätsentwicklung dargestellt werden. Es ist tatsächlich wichtig, die Identitätsentwicklung in einen größeren Kontext zu stellen, denn sie beginnt und endet keineswegs mit der Adoleszenz. Dies gilt heute in noch viel stärkerem Masse als zu Zeiten Eriksons. Die Adoleszenz schafft nur, wie in Kapitel 3 (
Kap. 3) dargestellt, die besonderen Voraussetzungen für ein beschleunigtes Voranschreiten der Identität, und die sind auch notwendig, denn in dieser Phase kommen gänzlich neue Aufgaben auf das Individuum zu. Nach Erikson haben Marcia und in der Folge einige andere Forscher die Identitätskonzeptionen übernommen. Auch dies wird Gegenstand dieses Kapitels sein. Die detaillierten Untersuchungsergebnisse finden sich dann aber ausführlich in Kapitel 3 (
Kap. 3).
2.1 Identitätsentwicklung als Lebensaufgabe nach Erik H. Erikson
Erik Homburger Erikson (* 15. Juni 1902 bei Frankfurt am Main; † 12. Mai 1994 in Harwich, Massachusetts, USA) war einer der bedeutendsten Vertreter der psychoanalytischen Ich-Psychologie nach dem 2. Weltkrieg. Mit seiner Weltoffenheit, seiner kreativen Energie und seinem liebenswürdigen Humor gilt er als einer der letzten Grandseigneurs seines Fachgebietes (Conzen, 2002). Erikson hat es verstanden, klinische Tätigkeit, gesellschaftskritisches Engagement und ethische Prinzipen zusammenzubringen. Er trat gegen Gewaltherrschaft, Krieg und Rassismus ein und prägte in den 1960 und 1970er Jahren das Denken einer ganzen Generation und insbesondere auch die amerikanische Studentenbewegung. Als er 1992 im Alter von fast 92 Jahren starb, würdigte der damalige Präsident Bill Clinton ihn als herausragenden Wissenschaftler und steten Anwalt der Humanität. Das von ihm entwickelte Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung nimmt innerhalb seiner Theorie einen besonderen Platz ein, darin ist die Identitätsentwicklung im Jugendalter zentral. Biographische Erfahrungen und Brüche beeinflussten seine Identität und entsprechend auch sein Werk.