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Wolfram Knauer

Black and Blue

Louis Armstrong – Sein Leben und seine Musik

Reclam

Eine Liste mit Links zu den im Buch besprochenen Aufnahmen und Filmausschnitten sowie weitere Informationen finden Sie unter: www.reclam.de/black_and_blue

2010, 2021 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Coverabbildung: Tom Hanley / Alamy Stock Photo

Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Made in Germany 2021

RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

ISBN 978-3-15-961878-4

ISBN der Buchausgabe 978-3-15-011323-3

www.reclam.de

Inhalt

  Louis Armstrong

  »Basin Street Blues«

  »Chicago Breakdown«

  »Cake Walkin’ Babies from Home«

  »Struttin’ With Some Barbecue«

  »Swing That Music«

  »I Love Jazz!«

  »High Society«

  »Cultural Exchange«

  »It’s a Wonderful World«

  »When It’s Sleepy Time Down South«

  »I Hope Gabriel Likes My Music«

  Literaturhinweise

  Verweise auf wichtige Aufnahmen

  Playlist

  Über den Autor

  Dank

Louis Armstrong

Louis Armstrong war der vielleicht erste Star, und er ist bis heute ein Markenzeichen des Jazz. Viele der von ihm gespielten Stücke gingen ins Standardrepertoire des Jazz ein, wurden – bis in die Gegenwart – gecovert oder gesampelt. Sein Name ist selbst Uneingeweihten bekannt, Menschen, die noch nie ein Jazzkonzert besucht haben und den Sänger von ›Hello Dolly‹ und ›What a Wonderful World‹ in seinen frühen, so einflussreichen Aufnahmen der Hot Five und Hot Seven nicht erkennen würden.

Louis Armstrong ist Legende und Mythos, und er selbst hat an beidem kräftig mitgestrickt. Die Legende beginnt schon mit seinem Geburtsdatum. Sein ganzes Leben lang feierte »Satchmo«, wie er von seiner Fangemeinde liebevoll genannt wurde, seinen Geburtstag am 4. Juli, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag. Das Jahr seiner Geburt gab er stets als 1900 an – fürwahr ein amerikanischer Mythos, so alt wie das Jahrhundert, das durch seine Musik geprägt werden sollte. Zweifel an seinem Geburtsjahr wurden Anfang der 1980er Jahre laut, als der Jazzhistoriker und Armstrong-Biograph James Lincoln Collier die Hypothese aufstellte, der Trompeter sei in Wahrheit zwei Jahre zuvor, am 4. Juli 1898 geboren.1 Mit Hilfe des in New Orleans lebenden Regionalhistorikers Tad Jones deckte der Journalist Gary Giddins in seiner Armstrong-Biographie 1988 dann das tatsächliche Datum, den 4. August 1901, auf, das seither als das wahrscheinlich korrekte gehandelt wird,2 und belegt, dass Armstrong sich irgendwann um 1918 ein Jahr älter machte, als er wirklich war. An den Legenden arbeitete Armstrong selbst fleißig mit, etwa in zwei von ihm verfassten Autobiographien oder in zahlreichen autobiographischen Skizzen, die er an Freunde und Journalisten schickte, und von denen sich einige im Louis Armstrong Archive in Queens, New York, einsehen lassen.


Louis Armstrong spielt sich selbst im Film New Orleans, 1947. (Fotoarchiv, Jazzinstitut Darmstadt)

Wenn auch nicht genauso alt wie das Jahrhundert, so bleibt Armstrong doch gewissermaßen so alt wie der Jazz. Dieses Buch erzählt die Geschichte von Louis Armstrong, der als Trompeter die Entwicklung des Jazz prägte, der als Sänger eine neue Klangfarbe in die Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts brachte und der als Entertainer zu einem der beliebtesten Künstler Amerikas wurde. Es erzählt zugleich die Geschichte seiner Musik, die Menschen bewegte, die Musiker auswendig kannten, die bis heute im kollektiven kulturellen Gedächtnis der Welt weiterlebt und in ihrer Balance von Virtuosität, swing und Energie nach wie vor ein Lächeln auf das Gesicht all jener zaubert, die sie zum ersten oder zum wiederholten Male hören.

Eine erste, erheblich kürzere Fassung dieses Buches erschien 2010. Seither haben weitreichende politische Entwicklungen in den Vereinigten Staaten auch den Blick auf die Kultur des Landes beeinflusst: der erste schwarze Präsident, der zwischenzeitliche Siegeszug eines rigiden Populismus, Polizeigewalt und terroristische Attentate auf Schwarze und eine breite Bewegung, die sich dem strukturellen Rassismus in System und Gesellschaft entgegenstellt. Die Bewegung Black Lives Matter bestimmte einen Großteil des Diskurses der Trump-Ära, und sie ließ die Welt mit Erstaunen auf ein Land blicken, das in vielem so fortschrittlich ist, dem es aber bislang nie gelungen war, die eigene Erbsünde – den Mord an der indigenen Bevölkerung, die Sklaverei, den rassistischen Hass – in der breiten Gesellschaft aufzuarbeiten.

Dabei bietet die Geschichte der schwarzen Musik so viele Beispiele dafür, wie Kultur Brücken bauen und versöhnen kann. Die afroamerikanische Musik hat das 20. Jahrhundert wohl stärker geprägt als irgendein anderes kulturelles Phänomen. Louis Armstrong wurde als einer ihrer Stars dementsprechend von allen Seiten beäugt, mal hoffnungsvoll, mal skeptisch, mal zustimmend, mal ablehnend. Lange Zeit wurde ihm vorgeworfen, sich dem weißen Publikum anzubiedern, ein »Onkel Tom« zu sein und bei allem Erfolg die Ziele seiner eigenen Community aus den Augen verloren zu haben. In den letzten Jahren hat sich diese Einschätzung allerdings geradezu umgekehrt. Nun wird Armstrong als politisch bewusster Künstler gefeiert, der seinen afroamerikanischen Erfahrungsschatz einzusetzen verstand, um sowohl sein schwarzes wie auch sein weißes Publikum zu erreichen. In dieser Lesart scheint in seinem breiten Grinsen, in den mit übertriebenem Lachen gespickten Ansagen ein wohl gesetztes double entendre durch – jene Mehrdeutigkeit, die afroamerikanische Sprache seit der Sklaverei nutzte, damit schwarze Amerikaner sich untereinander verständigen konnten, ohne dass die Weißen auch nur den Anflug einer Ahnung hatten, worum es wirklich ging. Die vorgebliche »Unterwerfung« unter einen weißen Manager ist in dieser Lesart ein geschickter Schachzug, mit dem sich auf die Realität der gesellschaftlichen Verhältnisse reagieren lässt, weil dieser innerhalb des von Weißen beherrschten Musikbusiness effektiver arbeiten konnte, als ein schwarzer Agent dies je hätte tun können. Somit werden Armstrong fast schon subversive kulturelle Strategien zugeschrieben, mit denen er fast unmerklich gesellschaftliche Perspektiven verändern konnte.

Es ist also eine bewusste Entscheidung, dieser erheblich überarbeiteten neuen Auflage meiner Armstrong-Biographie den Titel »Black and Blue« zu geben und es damit nach einer frühen Aufnahme des Stücks von Fats Waller zu benennen, mit der Armstrong der politischen Forderung von Gleichberechtigung und gleicher menschlicher Würde Ausdruck verlieh. Denn bei aller Fröhlichkeit war seine Musik immer auch ein gesellschaftliches Statement. Die Tatsache allein, dass er, der Junge aus dem Armenviertel von New Orleans, zum Kulturbotschafter seines Landes werden konnte, zeigt die Wirksamkeit der Strategien, die Armstrong anwandte, um die Welt ein Stück besser zu machen.

Egal wie man ihn sieht, Louis Armstrong steht auf einem Sockel, nicht nur für Jazzfans. In New Orleans gibt es eine überlebensgroße Statue des Trompeters, und die Verehrung, die man bei seinen Fans genauso spürt wie etwa in der Dauerausstellung des Louis Armstrong House Museum oder in vielen Veröffentlichungen über ihn, trägt Züge einer Heldenverehrung. Dabei taugt Armstrong paradoxerweise gerade deshalb zum heldenhaften Vorbild, weil er nie ein Held sein wollte, weil er sich selbst auch nie so verstand. Es war seine Authentizität, die Menschen zu Lebzeiten anzog und bis heute fasziniert. Eine Authentizität, die sich durch seine Stimme genauso mitteilt wie durch sein Trompetenspiel, durch seine Worte genauso wie durch seine Gesten.

Good Ole Satchmo, der gute alte Satchmo: Selbst in den Denkmälern für ihn aber, ob sie nun aus Bronze sind oder Vinyl oder Papier, wirken die Strategien weiter, mit denen Armstrong die Welt verändern wollte. Er schuf seine Kunst aus dem Wissen seiner Community heraus, und er schuf sie mit dem Bewusstsein, für diese zu sprechen. Er schuf sie aber auch in Kenntnis der Musikindustrie des 20. Jahrhunderts, für die Verkäuflichkeit und Verkaufszahlen an erster Stelle standen. Es war Louis Armstrong, der viele weiße amerikanische Hörer und bald seine Fans auf der ganzen Welt erstmals mit dem Vokabular des schwarzen Amerika vertraut machte. Seine Popularität sorgte für einen Wandel der Klangideale in der Musik, für neue Performancepraktiken, für ein geändertes Bewusstsein dessen, was Showmanship bedeutet. Sein Gesang beeinflusste die großen Sängerinnen und Sänger von Bing Crosby über Ella Fitzgerald und Billie Holiday bis Frank Sinatra. Seine improvisatorischen Fähigkeiten machten aus der Ensemblekunst Jazz eine Musik, in der das Solo im Mittelpunkt stand. Seine Bühnenpräsenz hatte Einfluss auf Chuck Berry im Rock oder Michael Jackson in der Popmusik. Seine Fähigkeit, jedem Stück Musik mit seiner Stimme oder seinem Instrument den eigenen Stempel aufzudrücken, ermöglichte ihm größte stilistische Offenheit bei der Repertoirewahl. Und sie ist ein Beispiel für die Produktivität des Jazz – eine Kunst, in der es eben nie um Allgemeingültigkeit geht, sondern immer nur darum, was just in diesem Moment, in dieser klanglichen Umgebung, mit diesen Musikerkollegen und vor diesem Publikum wahr ist. In der Musik könne man nicht posieren, sagte Armstrong einmal, man könne sich nicht verstellen. Deshalb mag man vielleicht das hehre Heldendenkmal Armstrong hinterfragen, wie man dieser Tage Denkmälern ganz allgemein reservierter gegenübersteht. Es zu stürzen aber ist unmöglich, denn es entsteht jedes Mal neu vor uns, wenn wir bewusst in seine Musik hineinhören.

Nur wenige andere Jazzmusiker haben einen ähnlichen Status erreicht: Duke Ellington vielleicht, Charlie Parker, Miles Davis und John Coltrane – aber das war es dann auch schon. Armstrongs Kunst hat, wenn überhaupt, ein wenig darunter gelitten, dass insbesondere die All-Star-Besetzungen, mit denen er ab Mitte der 1940er Jahre meist auftrat, ihn als Musterbeispiel eines angejahrten und etwas post-authentischen Dixieland abstempelten und dass viele Jazzfreunde, die moderneren Stilen zugetan waren, ihn daher vielleicht noch als Relikt alter Zeiten und als Jazzlegende akzeptierten, die Kreativität aber nicht mehr würdigen konnten oder wollten, die er bis an sein Lebensende in seine Musik legen konnte. Er selbst hatte mit dem Aufkommen des Bebop seine Probleme, die neueren Entwicklungen des Jazz in einer Linie mit dem zu sehen, was ihm die ewigen Werte des Jazz waren: swing, Melodik, eine harmonische Komplexität, die dennoch immer noch in direkter Beziehung zu den harmonischen Wurzeln der interpretierten Stücke stand, Sanglichkeit, Tanzbarkeit, Lebensfreude. Vielleicht war seine Entscheidung, mit den All Stars zurück zu seinen eigenen stilistischen Wurzeln zu gehen, auch eine ganz bewusste. Die Entwicklung zu Swing und Bigband-Jazz hatte er in den 1930er Jahren ja noch mitgemacht, aber der Umbruch der 1940er – da hieß es Paroli bieten, die eigenen ästhetischen Wertvorstellungen nicht nur in Interviews hochzuhalten, sondern in seiner Musik eine Alternative hören zu lassen.

Aber davon später. Armstrongs Geschichte beginnt in New Orleans, der Geburtsstadt des Jazz, und Armstrongs Biographie ist eng mit dieser Stadt im Mississippi-Delta verbunden, auch wenn er mit dreiundzwanzig Jahren aus ihr wegzog und bis an sein Lebensende anderswo leben sollte, erst in Chicago, dann in New York.

Kapitel 1

»Basin Street Blues«

Kindheit und Jugend in New Orleans (1901–1922)

New Orleans

New Orleans um die Jahrhundertwende war eine musikalische Stadt. Man muss sich die akustischen Verhältnisse des French Quarter, jener spanisch und französisch geprägten Altstadt der Mississippi-Metropole, vor Augen halten, um zu verstehen, was mit dem Schmelztiegel der Kulturen gemeint ist, von dem auch in Jazzbüchern immer wieder die Rede ist. Subtropisches Klima, Häuser mit kühlenden Innenhöfen, eine enorm gut tragende Akustik und eine bunte ethnische Vielfalt der Bewohner. New Orleans war eine Stadt der Sinnesfreude. Und das Rotlichtviertel Storyville, in dem etliche Musiker Arbeit fanden, gehörte mit zu den bekanntesten Sündenmeilen der Welt. Noch heute kann man im French Quarter Klänge über ganze Häuserblocks hinweg hören, Gesang, Trommeln, die Calliope, also die Dampforgel der Mississippi-Dampfer, Straßenmusiker oder einfach nur den Straßenlärm – all dies vermischt zu einem Klangbrei, in dem das Schlagwort des Melting Pot, also des kulturellen Schmelztiegels, akustisch erfahrbar wird.

Der Staat Louisiana war 1682 vom Entdecker Robert Cavelier de La Salle zu französischem Gebiet erklärt worden. Die Stadt New Orleans wurde 1717 als Nouvelle-Orléans vom Schotten John Law gegründet, der der französischen Regierung eng verbunden war. Lange Jahre war Louisiana und seine Hafenstadt New Orleans für Frankreich das, was später Australien für die Briten war: eine Strafkolonie, in die die französische Gerichtsbarkeit Verbrecher und unliebsame Gesellen expedierte. Die Einwohner der Stadt allerdings rebellierten gegen den Zustrom von »Deserteuren, Schmugglern und anderen zwielichtigen Gestalten«. Agenten zogen durch Europa und überredeten Franzosen und vor allem auch Deutsche zur Übersiedlung auf den neuen Kontinent. Im 18. Jahrhundert kamen so fast 10 000 Deutsche nach New Orleans. Die Bevölkerung der Stadt am Mississippi-Delta setzte sich also zusammen aus ernsthaften Siedlern, ausgemusterten französischen Soldaten, amerikanischen Ureinwohnern, früheren Insassen französischer Anstalten und Gefängnisse sowie Prostituierten, die 1721 aus Paris zur Strafe nach New Orleans verschifft worden waren. Die Bevölkerung nahm ständig zu; zu den schon erwähnten Einwanderern kamen auch afrikanische Sklaven – damals noch meist Afrikaner der ersten Generation. Im Verlauf des Siebenjährigen Krieges fiel Louisiana an Spanien – was die Einwohner von New Orleans allerdings erst zwanzig Monate später erfuhren. 1788 wurden große Teile der Stadt bei einem Feuer vernichtet; der Wiederaufbau führte zu dem noch heute erhaltenen Stadtbild mit vielen spanisch beeinflussten Architekturteilen. Im Jahr 1800 gab Spanien Louisiana wieder an Frankreich zurück. Napoleon Bonaparte, der öffentlich bekannt gab, er werde nie wieder von diesem Landstrich in Amerika lassen, verkaufte den Staat schon drei Jahre später für 60 Millionen Francs an Thomas Jefferson, den Präsidenten der Vereinigten Staaten. Neue Einwanderer aus Frankreich, Deutschland, Spanien, Italien, Irland und anderswo brachten ihre eigene Kultur mit und pflegten deren Traditionen auch in New Orleans. Diese kulturelle Vielfalt ist ursprünglich gemeint, wenn man von New Orleans als dem Schmelztiegel spricht, aus dem später der Jazz entstand. Die Stadt besaß das erste feste Opernhaus der Vereinigten Staaten und war im 19. Jahrhundert bekannt für die besten und modernsten Opernaufführungen Amerikas, vergleichbar mit dem Programm der großen europäischen Häuser. Beauftragte der Oper reisten regelmäßig nach Paris, um Musiker zu engagieren, Sänger für ein Engagement nach New Orleans zu holen oder neue Opernproduktionen zu akquirieren. All das hatte durchaus direkten Einfluss auf den späteren Jazz, da viele junge Musiker der Stadt ihren Instrumentalunterricht beispielsweise bei französischen Klarinettisten oder deutschen Klavierlehrern erhielten, Musiklehrern übrigens, die oft – da sie aus dem »gesitteten« Europa stammten – die strengen Regeln der Unterscheidung zwischen Schwarz und Weiß nicht gar so ernst nahmen wie dies in Amerika Usus war.3

Auch Louis Armstrong, so viel sei schon hier angemerkt, war ein Fan der Oper. In einem Interview mit dem Historiker Richard Meryman erzählte er 1966, wie er in seiner Jugend neben frühen Jazzplatten (der Original Dixieland Jazz Band beispielsweise) Platten von Enrico Caruso, Amelita Galli-Curci und Luisa Tetrazzini hörte4 – Platten, die sich nach seinem Tod in seiner Sammlung fanden.5

New Orleans ist eine Hafenstadt und war damit ein Hauptumschlagplatz für die Sklavenschiffe, die von Westafrika aus den Neuen Kontinent anfuhren. Für das Leben der Sklaven wurden spezielle Regeln aufgestellt, die von den französischen Kolonialherren in Louisiana als Code Noir (Black Codes) seit 1724 festgeschrieben waren und auf einem Edikt basierten, das Louis XIV. bereits 1685 erlassen hatte, um das Leben und den Handel mit Sklaven zu reglementieren. So durften die Sklaven beispielsweise keine Religion außer der römisch-katholischen ausüben, sie durften keine Waffen und nicht einmal einen größeren Stock tragen, sie durften sich nicht ohne Anwesenheit mindestens eines Weißen versammeln. Diese Gesetze sollten zuvorderst das Verhältnis zwischen weißen Herren und schwarzen Sklaven klären und jegliches Verlangen der Schwarzen nach Freiheit unterbinden. Sie verboten darüber hinaus Mischehen, was allerdings nicht verhinderte, dass es sehr bald Kinder aus gemischten Verhältnissen gab. Für diese wurde vor allem von den Schwarzen der Begriff »Creole« benutzt, der zuvor von den Weißen nur für Kinder aus französisch-spanischen Mischehen verwandt worden war. Die Verwirrung hält bis heute an: In Louisiana stand die Bezeichnung lange Zeit für jeden, der im französisch kolonialisierten Louisiana geboren war, bevor es Teil der Vereinigten Staaten wurde. Meist wurde das Wort allerdings zur Bezeichnung von Kindern mit einem weißen und einem schwarzen Elternteil gebraucht – mit französischem oder spanischem Background. Von der Wortherkunft her stammt creole übrigens vom portugiesischen crioulo oder dem spanischen criollo, die beide einen Schwarzen (Sklaven) bezeichnen, der in seines Herrn (und oft Vaters) Haus geboren wurde.

Vor allem die freien Schwarzen in New Orleans nannten sich selbst »créoles de couleur«. 1861 lebten in 13 000 schwarze Sklaven in der Stadt und immerhin 11 000 freie »gens de couleur« oder »Persons of Color« – die sich übrigens sehr bewusst von den anderen Schwarzen abzusetzen versuchten, auch nachdem sie im Louisiana Legislative Code von 1894 als Schwarze klassifiziert und ihnen ihre zuvor zugestandenen Privilegien entzogen wurden. Creole zu sein, bedeutete eine gesellschaftliche Besserstellung, eine Unterscheidung, die von den Creoles auch nach der Emanzipation 1865 eingefordert wurde.6 Nach dem Bürgerkrieg waren viele kreolische Musiker Musiklehrer geworden, die den nunmehr freien Schwarzen das Spiel auf europäischen Instrumenten beibrachten. Der Komponist Louis Moreau Gottschalk, der im 19. Jahrhundert erfolgreich Salonpiecen schrieb, war ein weißer kreolischer Musiker. Und auch im frühen Jazz gab es etliche Musiker, die sich ihres kreolischen Backgrounds sehr bewusst waren. Insbesondere bei Musikern mit französischen Namen kann man sich ziemlich sicher sein, kreolische Wurzeln zu finden – Achille und George Baquet oder Armand Piron sind bekannte Beispiele, aber auch Sidney Bechet, Honoré Dutrey und Barney Bigard, die zu verschiedenen Zeiten mit Louis Armstrong spielten. Der Pianist Jelly Roll Morton hieß ursprünglich Ferdinand Joseph La Menthe und hatte ebenfalls kreolische Wurzeln. Und natürlich gab es The Creole Band, in der Armstrongs großer früher Trompetenkonkurrent Freddie Keppard spielte und die 1921 in King Oliver’s Creole Jazz Band aufging, mit der Satchmo 1923 seine ersten Plattenaufnahmen machen sollte. Die Creoles lebten meist »downtown«, und die Schwarzen mit vornehmlich afrikanischen Vorfahren (»Black-Blacks«) »back o’ town«, in der ärmsten Gegend der Stadt.7

All die musikalischen Traditionen der Einwanderer wurden in New Orleans weiter gepflegt: die französische Oper, irische und schottische Volksmusik, das deutsche Liedgut (es gab etliche deutschsprachige Liedertafeln), dazu die spanisch-lateinamerikanische Habanera, mexikanische Mariachi-Bands und viele andere Formen von Musik. Die Schwarzen hatten auf dem Congo Square die einmalige Gelegenheit, ihre eigene Musik und ihre eigenen Tänze unter Polizeiaufsicht zu zelebrieren. Dabei spielten sie auf Pfeifen und Fideln, Banjos und Triangeln, Trommeln und Tamburinen. Die freien Schwarzen passten sich bald der weißen Tradition formeller Bälle an, zu denen vor allem europäische Tanz- und Salonmusik gespielt wurde. Bei Bällen für die Weißen konnten freie Schwarze sich in der Regel in einem abgetrennten Teil des Saales aufhalten. In der Oper war der zweite Rang für Schwarze reserviert. So hatten sie Zugang sowohl zu den nach wie vor gepflegten Überresten der afrikanischen Musiktradition auf dem Congo Square als auch zu allen Formen europäischer Musiktradition. Es war also nichts Besonderes, einen Schwarzen auf der Straße Opernmelodien singen zu hören. Natürlich spielten die Marschkapellen eine wichtige Rolle, die im Bürgerkrieg die Truppen angefeuert hatten und deren Instrumente zum Ende des 19. Jahrhunderts oft in Trödelläden billig verscherbelt wurden, was vielen Schwarzen ihr erstes Instrument bescherte. Schließlich waren unter den freien Schwarzen eine ganze Reihe ausgebildeter Musiker – zum Teil auch solche, die ihre Ausbildung in Europa erhalten hatten. In den 1830er Jahren gab es gar eine Negro Philharmonic Society mit mehr als hundert Mitgliedern.8 All das war Teil des musikalischen Schmelztiegels, aus dem heraus der Jazz entstand.

Der Congo Square übrigens, der lange als Synonym für eine der wenigen kulturellen Freiheiten der Schwarzen in New Orleans galt, wurde um die Jahrhundertwende umbenannt in Beauregard Square. Anfang der 1970er Jahre entstand um ihn herum der Louis Armstrong Park, in dem eine Statue des Trompeters steht. Den ursprünglichen Ort darin nennt die Stadt inzwischen wieder Congo Square.

Geburt und Jugend

Louis Daniel Armstrong wurde am 4. August 1901 in der Jane Alley geboren, einer Art Durchgangsweg zwischen Perdido und Poydras Street nahe dem French Quarter. Seine Mutter wohnte in einem kleinen, heruntergekommenen Holzhaus, das aus einem vielleicht 60 Quadratmeter großen Raum bestand, der durch senkrechte Holzbohlen in so etwas Ähnliches wie »Zimmer« aufgeteilt war. Das Viertel war »back o’ town«, eine arme, eher anrüchige Gegend der Stadt, in der viele Tagelöhner, Kleinkriminelle und Prostituierte lebten. Ein Jazzenthusiast wollte das Haus 1964 vor dem Abriss bewahren, kaufte es für 50 Dollar und schenkte die baulichen Überreste dem New Orleans Jazz Museum. Dessen Mitarbeiter allerdings schafften es nicht, den Termin der Abbruchfirma einzuhalten und kamen erst zum Abtransport, als die Hütte bereits verbrannt war.9


So sahen die Häuser in der Jane Alley aus, in der Louis Armstrong geboren wurde. Dieses Foto stammt aus den 1950er Jahren; 1956 wurde der gesamte Block abgerissen. (Fotoarchiv, Jazzinstitut Darmstadt)

Armstrongs Mutter Mayann war gerade mal fünfzehn Jahre alt, als Louis geboren wurde. Sein Vater William (Willie) Armstrong verließ die Familie kurz nach der Geburt des Sohnes. Zwei Jahre später kamen er und Mayann noch einmal zusammen und hatten ein zweites Kind, Armstrongs Schwester Beatrice, die Louis zeitlebens immer »Mama Lucy« nannte. Willie Armstrong fand 1902 einen Job in einer Terpentinfabrik, in der er bis zu seinem Tod 1933 arbeitete. Kurz nach der Geburt von Beatrice ließen sich die Eltern endgültig scheiden.

Mayann hatte Louis in den ersten Jahren seines Lebens in der Obhut seiner Großmutter Josephine gelassen. Die war gläubige Katholikin und sorgte dafür, dass der Junge getauft wurde und regelmäßig in die Kirche und die Sonntagsschule ging. In der Kirche, sagte er später, habe er sein Gesangstalent entwickelt.10 Mit fünf Jahren kam er zur Mutter zurück, die ihr Geld als Haushaltshilfe bei weißen Familien verdiente und wahrscheinlich auch als Prostituierte arbeitete. Armstrong selbst erzählte später: »Wenn sie denn anschaffte, dann tat sie es stets im Verborgenen. Jeder, ob Kirchenmann oder Raufbold, behandelte sie mit dem angemessenen Respekt.«11

Erste musikalische Eindrücke

Überall war Musik in New Orleans, und Armstrong war schon als Kind davon begeistert. In einem Interview mit Richard Meryman sagte er 1966:

Als ich 4 oder 5 Jahre alt war, trug ich noch Kinderröcke und lebte mit meiner Mutter in der Jane Alley in einem Ort, den man Brick Row nannte – viel Zement, Mietzimmer, ein wenig wie ein Motel. Gleich um die Ecke auf der Perdido Street war die Funky Butt Hall – ein alter Schuppen, heruntergekommen, mit Löchern in den Wänden. An den Samstagabenden konnte meine Mutter uns nie finden, weil wir diese Musik hören wollten. Vor dem Tanz spielte die Band eine halbe Stunde vor dem Saal. Und wir Kinder legten unsere kleinen Tänze hin. Wenn ich jemals Buddy Bolden gehört habe, dann muss es dort gewesen sein.12

Buddy Bolden ist ein Stück Jazzlegende. Er war schon um die Jahrhundertwende ein in New Orleans gefeierter Kornettist, dem man nachsagte, er könne so laut spielen, dass man ihn noch auf der anderen Seite des Lake Pontchatrain hörte (der allerdings bei New Orleans etwa 38 Kilometer breit ist). Um 1905, also etwa zu der Zeit, von der Armstrong berichtet, war Bolden eine Berühmtheit in seiner Heimatstadt. Er spielte in den Kneipen der Stadt, bei Umzügen, privaten Festen, in Tanzsälen und Parks. Mehr und mehr aber hatte er Anflüge geistiger Umnachtung, und 1907 übernahm der Posaunist Frank Dusen seine Band. Bolden wurde in eine geschlossene Psychiatrie in Jackson, Louisiana, eingewiesen, wo er 1931 starb. Wie der Kornettist Bolden wirklich klang, ist nicht durch Tondokumente überliefert. Zeitgenossen lobten seinen Sound, seinen rhythmischen Drive, die emotionale Kraft seiner Musik, einen gewissen archaischen Ansatz, insbesondere im Vergleich zu den braveren Tanzkapellen der Stadt.13 Bolden hatte viele Musiker beeindruckt, unter ihnen die Kornettisten Freddie Keppard und Bunk Johnson, die ein wenig älter als Armstrong waren und Boldens Stil sehr bewusst auf ihre eigene musikalische Vorstellung übertrugen. Für Armstrong war das alles später eine Traditionslinie, in der er auch sich sah: »Ich denke immer an diese alten großartigen Cats in New Orleans – Joe (Oliver) und Bunk (Johnson) und (Lorenzo) Tio und Buddy Bolden – und wenn ich meine Musik spiele, dann höre ich sie. Sie haben immer so schön phrasiert, konzentrierten sich immer auf die Melodie«14. Was Armstrong allerdings aus dieser Tradition machte, wenn er sich später in seinen Hot Five und Hot Seven aus dem Kollektiv des New-Orleans-Ensembles löste, um mit seinem eigenen Solokonzept zu glänzen, das hat neben der Tradition auch etwas Zukunftsweisendes und ist neben Fortführung gewiss auch ein Bruch mit den Traditionen aus New Orleans.

Seine musikalische Karriere allerdings begann Armstrong erst einmal als Sänger. Schon als Junge hatte er Kohlen auf der Straße angepriesen: »Steinkohle, meine Damen, fünf Cents pro Wassereimer.« Die Verkaufsgesänge waren damals so üblich wie es hierzulande die Marktschreier auf dem Hamburger Fischmarkt sind. Man hörte sie überall, wo Straßenhändler ihre Ware feilboten, Fisch, Wassermelonen, Obst, Gemüse, Shrimps, Holz oder eben Kohle. Man nennt diese Gesänge »street cries« oder »street hollers«, und sie werden zusammen mit den Worksongs, den Arbeitsgesängen auf den Plantagen also, und mit den Spirituals der schwarzen Kirchengemeinden als wichtige Vorformen der afroamerikanischen Musik des 20. Jahrhunderts angesehen. Eine gewisse Archaik schwingt in ihnen mit, aber zugleich versuchten die Verkäufer auch etwas von ihrer eigenen Persönlichkeit in diese Ausrufe zu legen, weil sie ja Aufmerksamkeit erregen und die Konkurrenz übertönen sollten. »Stone cole, ladies, five cents a water bucket« also sang Louis Armstrong, seine Hände wie ein Sprachrohr an den Mund gelegt. Es gibt Feldaufnahmen solcher »street cries«, die in Intonation und Ausdruck ihre Verwandtschaft zum Blues deutlich machen.

Für Armstrong waren diese Klänge so vertraut wie die Dampforgel der Mississippi-Schaufelradboote. Mit einigen Freunden gründete er ein Vokalquartett, mit dem sie in der damals üblichen Barbershop-Manier auf der Straße auftraten. Das war damals nichts Außergewöhnliches; man konnte durchaus in einer Bar oder eben im Friseursalon (barber shop) Männer in vierstimmigen Gesang ausbrechen hören. Der Barbershop-Gesang war eine populäre Tradition, die insbesondere in den amerikanischen Südstaaten auch bei Afroamerikanern gepflegt wurde. Es handelt sich dabei um eine Art improvisierten Harmoniegesang, bei dem der erste Tenor (lead) die Melodie singt, der zweite Tenor einen Harmonieton darüber, der Bass die harmonische Basis legt und der Bariton die Harmonie auffüllt, mal unter-, mal oberhalb der Melodiestimme. Die Improvisation findet dabei also weniger in der Melodieerfindung statt als vielmehr im Entstehen immer neuer, spannender, »schöner« Zusammenklänge. Das ist durchaus vergleichbar den Gesangstraditionen in der schwarzen Kirche, nur konnten die Sänger im Quartett, im dichten Aufeinander-hören, noch viel weiter in ihren harmonischen Experimenten gehen als dies im Chor der Kirchengemeinde möglich gewesen wäre. Noch heute kann man die Tradition des Barbershop-Gesangs erleben, auf der Bühne genauso wie ab und an und nicht weniger improvisiert als zu Armstrongs Zeiten in der U-Bahn von New York oder Chicago.

Mit seinen Sängerfreunden ging Louis besonders gern ins Rotlichtviertel der Stadt, wo er von Zockern und Zuhältern bezahlt wurde, die die schwarzen Jungs als akustische Werbung für ihre jeweiligen Aktivitäten benutzten. Später erinnerte er sich an seine damals noch helle Stimme, mit der er den Tenorpart übernommen habe. Außerdem habe er die Slide Whistle (Kolbenflöte) gespielt,

ganz wie eine Posaune. Ich konnte die einzelnen Tonpositionen darauf genau fühlen. […] Nachdem wir gesungen hatten, reichten wir den Hut herum. Manchmal kriegten wir so einen ganzen Dollar am Abend. Meine Mutter, die die Wäsche einer weißen Familie in einer Zinnwanne über einem heißen Kohlenfeuer im Hof der Familie auf der Canal Street wusch, kriegte nicht mehr als einen Dollar am Tag. Das war gutes Geld damals.15

Für Armstrong war diese Quartetterfahrung jedenfalls eine wichtige musikalische Schule. Hier lernte er, auf andere zu hören. Hier lernte er, mit der Bluestonalität kreativ umzugehen. Hier lernte er, wie wichtig der Einsatz auch schauspielerischer Fähigkeiten sein konnte, um sein Publikum zu begeistern. Hier lernte er, wie man eine Melodie sicher phrasierte; hier lernte er eine Begleitstimme zu entwickeln, die harmonisch zur Melodie des Songs passt; hier lernte er eine Art der Intonation, die tief in afroamerikanischer Erfahrung verankert war. Vor allem aber lernte er, improvisatorisch im Ensemble seinen eigenen Ton zu finden, einen Ton, der sich in das Zusammenspiel aller einpasste und den Ensemblesound dabei in der entstehenden harmonischen Spannung über die Stimme des Einzelnen erhob. Man hört all diese Lehren in Armstrongs Musik, in seinen Aufnahmen mit Joe King Oliver, in denen ihm als zweitem Kornettisten eine oft ganz ähnliche Aufgabe des harmonischen Auffüllens zukam, in seinen Hot-Five- und Hot-Seven-Aufnahmen der späten 1920er Jahre, in denen er um die notwendige Abwechslung des Bandklangs im Verlauf der Stücke wusste. Und insbesondere hört man sie in seinen Vokalaufnahmen spätestens ab Anfang der 1930er Jahre, in denen er all diese Erinnerungen an die Straßen von New Orleans in eine kunstvolle wie ursprüngliche Interpretation einfließen ließ.

Colored Waif’s Home for Boys

Am 1. Januar 1913 feierte Louis das Neue Jahr gemeinsam mit seinen Freunden und sang mit ihnen auf der Straße. Um Mitternacht gab es Feuerwerk: Die Leute feuerten mit allem, was sie hatten, auch mit Pistolen und Flinten. Armstrong hatte sich den 38er-Revolver seines Vaters stibitzt und schoss sechsmal in die Luft. Er wurde wegen Gefährdung der öffentlichen Ordnung und Ruhestörung über Nacht ins Kittchen gesteckt und am nächsten Tag ins Erziehungsheim für Farbige, ins »Colored Waif’s Home for Boys«. Diese Strafe war zugleich ein Glücksfall für Armstrong – nicht unbedingt weil er Manieren und gesellschaftliche Normen beigebracht bekam, sondern vor allem weil er hier seinen ersten formalen Musikunterricht erhielt.

Der Leiter des Heims, Joseph Jones, hatte um 1911 einige alte Instrumente gekauft – zwei Hörner, eine Piccoloflöte, ein Baritornhorn, eine Trommel und ein Signalhorn – und kurz darauf die erste Band seiner Anstalt gegründet. Es gab Vorbilder für solche Heimkapellen. So hatte in Charleston, South Carolina, Reverend Daniel Joseph Jenkins 1891 das Jenkins-Waisenhaus gegründet und bald darauf zwei professionelle Musiker angeheuert, die den Kindern Musikunterricht geben sollten. Er war sich sicher, dass dieser Unterricht und die Bandpraxis den Kindern Disziplin beibringen würden, und als Nebeneffekt sammelte die Truppe Geld fürs Waisenhaus. Die Jenkins Orphanage Band jedenfalls tourte bald die ganze Ostküste der Vereinigten Staaten entlang und war später sogar in Europa zu hören.

Ob Jones von Jenkins’ Bemühungen wusste, ist nicht bekannt, jedenfalls gewann er 1912 den Hornisten Peter Davis, der einige Brass-Bands in der Stadt gecoacht hatte, als Lehrer für Instrumentalunterricht. Davis leitete zugleich die Band, den Chor und das Gesangsquartett des Heims. Er war anfangs skeptisch und sah in Armstrong lediglich einen weiteren jugendlichen Straftäter, von dem nichts als Ärger zu erwarten war. Zugleich aber glaubte er an die positive und pädagogische Kraft der Musik und ermutigte seine Schützlinge, zu einem Instrument zu greifen. Armstrong maulte zuerst, ließ sich dann aber doch zum Tamburin überreden. Wenig später gab ihm Davis ein Althorn, mit dem er immer nur »umpah, umpah« machen musste, und schließlich ein Kornett, auf dem er bald das Wecksignal, den Zapfenstreich und Ähnliches spielen konnte. Als der andere Kornettspieler der Band entlassen wurde, brachte Davis ihm bei, die Melodie von ›Home Sweet Home‹ zu intonieren. Zuvor habe Louis nie ein Instrument in der Hand gehabt, erinnerte sich Davis in einem Interview fast dreißig Jahre später.16 Es muss eine Art natürliches Talent gewesen sein, oder um Armstrong selbst sprechen zu lassen: »Ich hatte schließlich mein ganzes Leben lang gesungen, und ich sagte mir, dass ein Althorn auch nur ein Instrument ist, das im Duett mit der Brassband singt, genauso wie eine Bariton- oder Tenorstimme dies im Quartett tat.«17

Davis jedenfalls fand Armstrongs Talent so vielversprechend, dass er ihm ab und zu Privatstunden gab. Der Schlagzeuger Paul Barbarin erinnerte sich später, Armstrong mit der Heimkapelle gehört zu haben: »Er stach heraus unter den anderen. Sein Ton war selbst als Kind schon mächtig.«18 Zutty Singleton sah ihn etwa zur selben Zeit und erinnert sich:

Wir sind extra nah rangegangen, um zu sehen, ob er diese Töne auch wirklich selbst spielt. Wir konnten einfach nicht glauben, dass er in so kurzer Zeit so gut zu spielen gelernt hatte. Ich weiß es noch genau, er spielte ›Maryland, My Maryland‹. Und wie er diese Melodie nahm, das swingte wie wild.19

Aber nicht nur Zeitzeugen erinnern sich an Armstrong, auch die Lokalzeitung hebt ihn in einem Artikel vom 31. Mai 1913 heraus, nennt ihn gar den »Leiter der Band«. Gemeint ist damit wohl eher die Rolle des Zeremonienmeisters, des Grand Marshalls, der vor der Band hermarschierte und das Publikum anfeuerte. Armstrong hatte nämlich bereits ein Gespür dafür entwickelt, was Wirkung erzielte: Er lief schon mal zum Scherz mit nach außen gestellten Füßen oder brach in wilde, komische Tänze aus. »Wir spielten ziemlich gut«, erinnerte sich Armstrong später, »natürlich nicht wie Joe Oliver und Manuel Perez in der Onward Band. Aber wir spielten regelmäßig für die Social Clubs.«20

Diese Social Clubs in New Orleans waren sowohl Treffpunkt als auch Freundeskreis und eine Art soziales Netzwerk, insbesondere für die afroamerikanische Bevölkerung. Man traf sich regelmäßig, feierte zusammen, organisierte Paraden, nahm geschlossen an den Mardi-Gras-Umzügen teil und engagierte für all dies gerne auch Bands, wenn man nicht sogar eine eigene Brassband hatte, die mit Uniform und Schirmmütze und den Insignien des Vereins durch die Straße zog. Die Social Clubs bereiteten ihren verstorbenen Mitgliedern große Begräbnisse mit Trauermusik auf dem Weg zum Friedhof und fröhlicher Musik auf dem Weg zurück: jene legendären New Orleans Funerals, die bis heute ein Teil der Jazzgeschichte der Stadt sind.

Armstrong lernte also sein Handwerk im Waisenhaus. Und viele Aspekte seiner späteren Kunst fanden hier bereits ihre erste Manifestation: die Kraft, eine lange Melodie halten zu können; das rhythmische Feeling, das sich auf dem Tamburin oder in seinen komischen Tänzen ausdrücken konnte; das Verlangen danach, sein Publikum zu unterhalten. Von der Musik, die Armstrong in der Waisenhaus-Kapelle spielte, ist nichts überliefert, aber eine Annäherung an die Spielfreude mag ein Tonfilmbeispiel der Jenkins Orphanage Band geben, das für eine Wochenschau 13 Jahre später in Charleston gedreht wurde und das man auf Videoplattformen oder der Website des Jenkins Institute findet. Etwa 25 Jungen stehen in Banduniform und spielen eine gleichermaßen von Ragtime und Marsch beeinflusste Musik, während zwei jugendliche Zeremonienmeister vor der Band tanzen und wild dirigieren. Vor allem die Outtakes des knapp elfminütigen Filmdokuments faszinieren: Nahaufnahmen von ernsthaft-konzentrierten Zehnjährigen, eine Szene mit Vortänzerinnen und Vortänzern, deren Bewegungen mal den damals gerade noch populären Charleston-Tanz heraufbeschwören, dann aber auch bereits die improvisatorischen Moves späterer Hip-Hop-Tänzer21.

Armstrong blieb zwei Jahre im Heim und wurde dann in die Obhut seines Vaters entlassen, der sich bereit erklärt hatte, auf ihn aufzupassen – auch wenn er wahrscheinlich eher an einem billigen Babysitter für die beiden Söhne interessiert war, die er mit einer neuen Frau hatte. Wenig später lebte Louis wieder bei Mutter und Großmutter.

Armstrong verschleierte zwar sein Geburtsdatum; über seine Herkunft und die durchaus harten Fakten seiner Jugend aber sprach er recht offen. Die Not seiner Kindheit mag ein Grund dafür gewesen sein, dass er sein ganzes Leben lang Menschen auch finanziell aushalf, wo immer er konnte. Der Posaunist Preston Jackson erinnerte sich, wie sich während einer Tournee in den 1930er Jahren gegen 18 Uhr eine Schlange in der Lobby des Hotels bildete, in dem Armstrong abgestiegen war. Der kam irgendwann herunter und verteilte unter den Wartenden Geld.22 Zugleich aber war sich Satchmo auch bewusst, dass seine Karriere ihn zum Vorbild für viele Jugendliche machte, die wie er eine schwere Jugend durchlebten. 1955 schickte sein Manager Joe Glaser ihm einen Stapel Briefe von Jungen, die im Milne Boys Home in New Orleans ein Instrument erlernten. Armstrong hatte dem Waisenhaus Geld gespendet, damit die dort vorhandenen Instrumente repariert und ein Musiklehrer angestellt werden konnte. »Ich bin einer von denen, die ein Horn blasen werden«, schreibt ihm der junge Sylvester Thomas. »Sie werden mich einmal Master Armstrong nennen.«23 Das Milne Boys Home, das von 1933 bis 1986 bestand und wo in späteren Jahren eine Plakette an Armstrong erinnerte, war das Nachfolgeheim des Colored Waif’s Home, in dem Louis seine ersten Musikstunden erhalten hatte. Peter Davis, sein Musiklehrer, unterrichtete dort noch bis 1949.

Erste Jobs

Das Kornettspiel jedenfalls, das Armstrong im Heim erlernt hatte, war nun eine willkommene zusätzliche Einnahmequelle. Die Schule besuchte er nicht mehr, was er später immer bedauert hat. Er musste seine Mutter und Schwester unterstützen, kaufte ein verbeultes Kornett in einem Pfandhaus und verdiente sein Geld mit Musik. Die erste Band, mit der er auftrat, bestand aus ihm, einem Pianisten und einem Schlagzeuger. Sie spielten in einer Spelunke namens Matranga’s, und Armstrong nahm 1,25 Dollar pro Abend ein – damals eine Menge Geld. Der Gig begann um 8 Uhr abends und dauerte bis zum Morgengrauen. Armstrongs Mutter Mayann kam gegen Mitternacht vorbei und brachte etwas zu essen. Um 4 oder 5 Uhr morgens kamen die Huren ins Matranga’s und gaben der Band ein Trinkgeld, damit sie den Blues spielte. Nach dem Gig ging Armstrong nach Hause, legte sich ein paar Stunden hin und arbeitete dann in einem Kohlenhof oder lud Bananendampfer aus. Einmal kam Joe Oliver vorbei im Matranga’s, hörte sich Armstrong an und meinte: »Ich kann das alte Kornett einfach nicht mehr sehen. Ich werde dir ein neues Horn geben.« Oliver nahm ihn unter seine Fittiche, lud ihn nach Hause zum Essen ein, gab ihm Aufgaben aus einem unbekannten Übungsbuch und spielte mit ihm im Duett.24

»In jeder Band gab es in diesen frühen Tagen in New Orleans wenigstens einen Musiker, der Noten lesen konnte«, erklärte Armstrong 1960 in einem Fernsehinterview.25 Meist sei das der Trompeter, der Kornettist oder gegebenenfalls der Pianist gewesen. Der Grund war einfach: Es brauchte wenigstens einen Musiker, der die Melodiestimme spielen und die neuen Stücke, die in den Notengeschäften ankamen, dem Rest der Band vermitteln konnte. Danach, so Armstrong, hätten sich die Musiker übers Wochenende zurückgezogen und geprobt. Das sei dann nicht anders gelaufen als in den Vokalquartetten, in denen er mitgewirkt habe: Man musste die Melodiestimme kennen und dazu in der Lage sein, eine passende Begleitstimme dazu zu bilden. Bei den Stunden mit Oliver ging es um beides: sichere Melodieerfindung und den Einsatz einer effektvollen Komplementärstimme.

Ein weiterer einflussreicher Mann in Armstrongs Jugend war Benny Williams. »Black Benny«, wie er allgemein genannt wurde, spielte die Bass und die Trap Drum in verschiedenen Brass-Bands der Stadt, etwa der populären Tuxedo Brass Band. Armstrong schaute zu ihm auf, und Black Benny begleitete den jungen Kornettisten fast väterlich und machte andere Musiker der Stadt auf ihn aufmerksam, den Sopransaxophonisten Sidney Bechet etwa oder den Posaunisten Edward »Kid« Ory.

Auch Ory – 1886 auf einer Plantage circa 45 Kilometer flussaufwärts von New Orleans geboren – hatte seine ersten musikalischen Erfahrungen mit Gesang gemacht. Allerdings nicht mit Barbershop-Gesang, sondern mit dem Summen von populären Schlagern in einem »humming quartet«. Einer der vier Sänger übernahm die Melodie, die drei anderen sorgten für dreistimmigen, wenn nicht gar vierstimmigen Harmoniegesang, erzählte er später.26 Ory jedenfalls erkannte Armstrongs Talent und bot ihm an, er könne bei ihm einsteigen. Als Orys Kornettist Joe Oliver 1918 New Orleans verließ, um nach Chicago zu gehen, nahm Armstrong, der aushilfsweise bereits einige Male in Orys Brassband mitgespielt hatte, seinen Platz ein. Er war sozusagen der Kronprinz, gehörte bereits 1918 zu den vielversprechendsten Musikern der Mississippi-Metropole. Armstrong war gerade mal siebzehn Jahre alt, sein Repertoire war noch relativ klein, doch er lernte schnell.

»Er hatte ein exzellentes Gehör und ein großartiges Gedächtnis«, erinnerte sich Edward Ory später. »Man musste ihm ein neues Stück nur vorsummen oder vorpfeifen, dann war er sofort drin. Und wenn er ein Stück einmal gespielt hatte, vergaß er es nie mehr. Innerhalb von nur sechs Monaten hatte jeder in New Orleans von ihm gehört.«27 Eines der Stücke, in dem der junge Kornettist in Orys Band hervortrat, hatte Armstrong selbst mitgebracht. Er habe es ›Get Off Katie’s Head‹ genannt, so Ory, habe die Musik und den Text selbst verfasst und sogar einen kleinen Tanz eingebaut. Dann habe er den Titel für 50 Dollar an den Pianisten und Musikverleger Clarence Williams verkauft, der in der Urheberrechtsmeldung 1919 als Komponist den Geiger Armand J. Piron angab. ›I Wish I Could Shimmy Like My Sister Kate‹ hieß das Stück in dieser Version und wurde 1922 zu einem populären Hit überall in den Vereinigten Staaten. Armstrong habe nicht einmal das versprochene Honorar gesehen.28

Joe Oliver war wie andere Musiker nach Chicago gegangen, weil der für die amerikanische Navy zuständige Minister in Washington im August 1917, also vier Monate nach Eintritt der Vereinigten Staaten in den Ersten Weltkrieg, die Prostitution im Umkreis von fünf Meilen um alle Navy-Stützpunkte verbieten ließ. Die Kommunalpolitiker, die durchaus um die Wirtschaftskraft des Rotlichtbezirks wussten, versuchten in Washington zu intervenieren, aber das Ministerium blieb hart: »Entweder schließt ihr das Rotlichtviertel, oder die Streitkräfte werden es tun«, ließ der Minister dem Bürgermeister mitteilen. Zwei Wochen später verabschiedete der Stadtrat die Verordnung, und am 12. November 1917 endete die Geschichte von Storyville als einer der größten Sündenmeilen der Welt. Mit dem neuen Gesetz verloren nicht nur die Prostituierten ihre Arbeit, sondern genauso viele Wirte und mit ihnen auch die Musiker.

Nun stellte die Schließung von Storyville nicht den einzigen Grund dar, warum Musiker ihr Glück anderswo versuchten. Schon zuvor waren Musiker aus New Orleans im Zuge einer allgemeinen Migration aus dem Süden fortgegangen, um an der Westküste, in San Francisco oder Los Angeles, oder aber in New York, St. Louis oder Chicago ihr Glück zu versuchen. Die Schließung des Rotlichtviertels aber ließ auch Musiker, die eigentlich nicht aus der Stadt fortwollten, ihre Meinung überdenken. In New Orleans war mit Musik einfach kein Geld mehr zu verdienen. Und von den Kollegen, die fortgegangen waren, kamen begeisterte Rückmeldungen nach Hause: Dort draußen würde richtig nach Musik verlangt, hieß es in ihren Briefen, und, dass Musiker aus New Orleans überall einen guten Ruf besäßen.

Joe Oliver also ging 1918 nach Chicago. Jelly Roll Morton hatte es kurz zuvor an die Westküste gezogen. Kid Ory entschied sich 1919 ebenfalls, nach Kalifornien zu gehen, und er wollte Armstrong mitnehmen. Der lehnte aber ab, weil er fürchtete, fern der Heimat zu stranden. In späteren Jahren kam Ory dann immer wieder mal mit seinem jungen Schützling zusammen. So spielte er zwischen 1925 und 1927 in verschiedenen Besetzungen der Hot Five und Hot Seven. 1930 kehrte er nach Kalifornien zurück und musste über zehn Jahre lang erst auf einer Hühnerfarm, später im Büro einer Eisenbahngesellschaft arbeiten, um sich über Wasser zu halten. In den 1940er Jahren schaffte er ein Comeback und wurde als einer der Veteranen des frühen Jazz gefeiert. Mit Armstrong wirkte er 1947 im Film New Orleans mit, kam außerdem 1957 als Special Guest zu den Armstrong All Stars auf die Bühne des Newport Jazz Festivals und trat schließlich 1962 während eines Engagements in Disneyworld im nachgebauten Schaufelraddampfer »Mark Twain« als Gast der All Stars auf.

Daisy

Irgendwann um 1917/18 leistete Armstrong sich den Luxus, ein Grammophon zu kaufen. Er erzählte später, dass er sich vor allem Platten der aus New Orleans stammenden weißen Original Dixieland Jazz Band mit dem Klarinettisten Larry Shields gekauft habe, aber auch Caruso und andere klassische Hits. Er lebte nach wie vor mit seiner Mutter zusammen, bis er im Alter von achtzehn Jahren seine erste Frau heiratete, Daisy, eine 21-jährige Prostituierte. Er hatte sie in einer der Spelunken kennengelernt, in denen er spielte. Sie hatten eine Affäre, die Armstrong später in seiner Autobiographie sehr anschaulich beschreibt.

Die junge Ehe war von Streit und Handgreiflichkeiten geprägt, die von beiden Seiten ausgingen. Armstrong wird es daher nicht unrecht gewesen sein, dass seine Arbeit ihn immer wieder aus New Orleans fortführte. 1922 trennten sich die Ehepartner endgültig. Daisy fuhr 1925 nach Chicago, wo Armstrong bereits seit zwei Jahren lebte, und versuchte, ihn für sich zurückzugewinnen. Er aber hatte sich vor Gericht die Scheidungspapiere erstritten und war bereits wieder verheiratet. Daisy kehrte nach New Orleans zurück und traf ihren früheren Mann nur noch wenige Male, 1931 etwa, als Armstrong zum ersten Mal wieder in seine Heimatstadt kam, oder bei einem Konzert 1949, als sie mit dem Hinweis um freien Eintritt bat, sie sei schließlich »Mrs. Louis Armstrong«. Dessen vierte und letzte Frau war ebenfalls anwesend, was zu einiger Verwirrung führte. Es ist nicht überliefert, ob die beiden Mrs. Armstrongs sich miteinander unterhalten haben.29 Daisy starb 1950 in Gretna, Louisiana.

Brassbands

Neben Engagements in Nightclubs, Bordellen und Spelunken wirkte Armstrong auch in einer der vielen Brass-Bands in New Orleans mit. Diese waren nach dem Bürgerkrieg zu einem lebendigen Teil der afroamerikanischen Kultur in der Hafenstadt geworden und bei den unterschiedlichsten Gelegenheiten zu hören: bei Umzügen, Paraden etwa zum Karneval, bei öffentlichen Parties im Park oder bei den legendären Jazzbegräbnissen. Armstrong spielte das zweite Kornett in der Tuxedo Brass Band, die vom Kornettisten Oscar »Papa« Celestin geleitet wurde. Die Band, bestätigte er 1954 in seiner Autobiographie über sein Leben in New Orleans, sei neben der Onward Brass Band, in der Joe Oliver und Emmanuel Perez Kornett spielten, »die heißeste in der Stadt« gewesen. Für eine Weile teilten sich diese beiden Bands die lukrativsten Gigs, aber »nachdem Joe Oliver nach Chicago ging, bekam die Tuxedo Brass Band alle Begräbnisse und Paraden«.30 Celestin – geboren 1884 in Napoleonville, Louisiana – hatte bereits mit einigen Brass-Bands gespielt, bevor er 1904 nach New Orleans zog. 1910 übernahm er die Leitung der vom Posaunisten William Ridgley gegründeten Tanzkapelle in der Tuxedo Dance Hall, mit der er bis 1932 auftrat. Die Wirtschaftskrise zwang ihn, die Musik aufzugeben, und er konnte erst nach dem Zweiten Weltkrieg wieder eine neue Band zusammenstellen, die in New Orleans vor allem als Touristenattraktion gefeiert wurde. Durch seine ursprüngliche Band gingen neben Armstrong auch viele andere später bekannte Musiker, Alphonse Picou etwa oder die Klarinettisten Jimmie Noone und Johnny Dodds, die später in Armstrongs Bands spielen sollten. Neben der Onward und der Tuxedo gab es noch weitere namhafte Brass-Bands in der Stadt, etwa die Eureka, Superior und Excelsior Brass Bands.

Es existieren keine Tonaufnahmen aus diesen frühen Jahren in New Orleans. Das Tuxedo Orchestra ging erst Mitte der 1920er Jahre ins Studio, und dann ohne Armstrong. In diesen Aufnahmen von 1925 hört man eine lebendige Musik, die allerdings in der Form weit steifer klingt als das, was mittlerweile in Chicago oder New York gespielt wurde. Im ersten Teil des ›Original Tuxedo Rag‹ kann man die Aufgabenteilung der verschiedenen Instrumentengruppen gut nachvollziehen, die Leadfunktion des Kornetts, die Umspielungen der Klarinette, die Basisarbeit der Posaune. Im zweiten Teil hört man Breaks, kurze unbegleitete Solopassagen jeweils zum Ende der achttaktigen Phrasen, die von den Instrumenten abwechselnd genommen werden: ein Tailgate-Posaunenglissando, ein Banjo-, Klavier- und Saxophonbreak sowie ein Duo-Kornettbreak, nicht unähnlich jenen, die Armstrong und Joe Oliver 1923 in der Creole Jazz Band auf Platte gebannt hatten. Der Verlauf der Aufnahme wirkt eher statisch in der Wiederholung der beiden Teile, die einzig durch die Breaks sowie durch Klangeffekte wie Growls, also die raue Intonation des Kornetts, aufgelockert werden.

»Wenn man in New Orleans keinen Blues spielen konnte, kriegte man die Jobs bei den Schwarzen nicht«, erinnerte sich der Bassist Pops Foster, »und wenn man die Tänze der Cajuns nicht konnte, dann kriegte man bei denen keine Jobs. Den Weißen war es egal, was man spielte«.31 Die Tuxedo Band galt als Ragtime-Band, spielte keine Blues und trat deshalb weniger in der schwarzen Community, eher bei Shows und vornehmen Parties auf. Und doch sind die Aufnahmen von 1925 ein Beispiel dafür, wie die Tanzmusik der Zeit geklungen haben mag, die in größeren Tanzsälen oder auf den Mississippi-Dampfern gespielt wurde. Es ist allerdings das Tuxedo Orchestra, das wir hier hören, eine Besetzung mit Klavier und Banjo, und nicht eine der Marschkapellen, in der auch Armstrong in seiner Jugend durch die Stadt marschiert war.

Bei den Umzügen und Festen im Park ging es wilder zu, archaischer, Blues-durchtränkter. Um sich zu vergegenwärtigen, wie solche Bands geklungen haben mögen, muss man auf erheblich späteres Material zurückgreifen, Aufnahmen etwa der Eureka Brass Band von 1951 oder der Young Tuxedo Brass Band von 1958. Deren ›Bourbon Street Parade‹ auf der LP JAZZ BEGINS wird von einer Marschkapelle mit drei Trompeten, drei Posaunen, Altsaxophon, Tenorsaxophon, hoher Es-Klarinette, Sousaphon, Snare- und Basstrommel im kollektiv improvisierten Zusammenspiel aller Instrumente vorgetragen. Die Klarinette und die Posaune haben dabei klare Rollenzuweisungen, die ein wenig von dem abweichen, was man sonst in diesem Genre erwarten würde: Insbesondere kommt hier die Leadfunktion der hohen Klarinette zu. Darunter fundiert die Posaune harmonisch oder verziert mit Tailgate-Partien, wirkungsvollen Glissandi, die mit lang ausholendem Posaunenzug gespielt werden. Das Sousaphon liefert die intensive rhythmische und harmonische Grundierung; die Trommler treiben das ganze voran. Die größte improvisatorische Freiheit hat der Trompeter, der sich in einem Solo über diesen kollektiven Klangteppich der Band erheben darf. So ähnlich mag geklungen haben, was Armstrong begeisterte, wenn er die Marschkapellen durch die Stadt ziehen sah.

Fate Marable

In New Orleans, kommentiert Tom Stoddard in der von ihm herausgegebenen Autobiographie des Kontrabassisten Pops Foster, ging man durch verschiedene Stadien der Lehre, bevor man als professioneller Musiker ernst genommen wurde. Man begann als Amateur, bis man, wenn es gut lief, einen erfahrenen Musiker fand, der einen unter seine Fittiche nahm. Und wenn man talentiert und hartnäckig genug war, nahm der einen schon mal auf einen Gig mit und zahlte vielleicht sogar einen Dollar dafür. Das konnte eine Chance sein, denn die Bandleader buchten ihre Gigs meist selbst, und sie waren immer auf der Suche nach jungen Talenten. Nur wenige Musiker konnten allerdings von der Musik allein leben; die meisten hatten bürgerliche Berufe, »Friseur wie Buddy Bolden, Gipser wie Johnny St. Cyr, Klempner wie Alphonse Picou, Zigarrenmacher wie Manuel Perez, Schauermann wie Pops Foster«.32

1919 engagierte der Pianist und Bandleader Fate Marable Armstrong. Der hatte den älteren Musiker schon zuvor oft gehört, wann immer er zum Mississippi ging und der Dampforgel eines der Schaufelraddampfer zuhörte, die von Marable gespielt wurde, um potentielle Fahrgäste zu Ausflügen auf den Booten zu animieren. Die Streckfus-Reederei, für die Marable seit 1907 arbeitete, hatte 1889 als schwimmender Paketdienst begonnen und ab 1901 Ausflugsboote hinzugenommen, von denen es 1920 fünf Stück gab. Sie waren reine Veranstaltungsboote, beförderten weder Reisepassagiere noch Ladung. Sie fuhren den Mississippi auf und ab, von New Orleans über Natchez, Memphis, St. Louis bis nach Davenport, Iowa, wo die Schiffe meistens den Winter über festmachten. Es gab unterschiedliche Ausflugsprogramme, Tagestrips etwa, die morgens begannen und bis spätabends gingen, oder Nachtexkursionen von halb neun abends bis gegen Mitternacht. Es gab Riverboats, die jeden Tag zu ihrem Anlegeplatz zurückkehrten, und andere, die den Mississippi Hafen für Hafen abfuhren und an Orte, die keine eigenen Ballsäle besaßen, ein wenig Vergnügung brachten.

Die meisten der Bands, die in den Salons der Boote zum Tanz aufspielten, waren weiß, nicht anders als ihr Publikum. Die Ausnahme war der Montagabend, an dem jeweils eines der Boote nach St. Louis fuhr und die Band für ein schwarzes Publikum spielte. Am besten besucht waren die Wochenenden mit einer Tanzveranstaltung am Freitagabend, zwei am Samstag und mindestens einer weiteren am Sonntag.33 Wenn die Musiker länger auf dem Schiff unterwegs waren, erhielten sie 35 Dollar pro Woche plus Kost und Logis an Bord. Pops Foster, der zur selben Zeit in der Band war wie Armstrong, erinnert sich, dass der Job eigentlich recht angenehm gewesen sei: »Du spieltest Musik, die [den Streckfus-Leuten] gefallen musste, nicht dem Publikum. Solange die glücklich waren, hattest du einen Job.«34

Armstrong reiste drei Sommer lang mit Marable auf der »S. S. Sydney«. Wie schon das Barbershop Quartett seiner Jugend, seine Zeit im Colored Waif’s Home oder die Abende mit Joe Oliver, so war auch das Engagement bei Marable für ihn eine wichtige Schule. Anders als bei Kid Ory nämlich, der selbst nicht sonderlich notenfest war, wurde genau das von den Musikern auf dem Riverboat erwartet. Marable und der Mellophon-Spieler der Band, Davey Jones, halfen Armstrong dabei, notenfest zu werden, ein Übriges taten die täglichen Proben, die bis zu zwei Stunden dauern konnten und bei denen oft Captain Joe Streckfus persönlich vorbeischaute, um mit einer Uhr in der Hand das Tempo mitzustoppen – 70 Schläge die Minute für Foxtrotts, 90 für One-Steps. Genauso nützlich war eine andere Seite dieses Engagements: Bei Marable eignete Armstrong sich ein großes Repertoire aktueller Schlager- und Blueskompositionen an. Am Abend waren insgesamt 14 Nummern zu spielen, erinnerte sich Foster später, und alle zwei Wochen wechselte das Repertoire. Man konnte die Stücke ausdehnen, sie waren in der Regel also weit länger als die Beispiele solch früher Musik auf der zeitlich begrenzten Schellackplatte erahnen lassen. Die weißen Kapellen an Bord, die oft auch Geigen in ihren Reihen hatten, spielten eher seichte Musik; und auch Marable hatte Walzer und Polkas im Programm, daneben aber eben auch Ragtimes, Blues und andere Titel, die in New Orleans gerade populär waren. Seine Band galt als »schwimmendes Konservatorium«, durch das neben Armstrong und Foster auch zahlreiche andere Musiker gingen, der Trompeter Henry Red Allen etwa, der Gitarrist Johnny St. Cyr und die Schlagzeuger Baby Dodds und Zutty Singleton. Fate Marable ging 1924 mit seinen Society Syncopators für Plattenaufnahmen ins Studio, die deutlich auf den Charleston-verrückten Tanzmarkt gerichtet waren. ›Pianoflage‹ ist ein gutes Beispiel, stark durcharrangiert und ohne nennenswerte Improvisation. Pops Foster jedenfalls, der bei diesen Aufnahmen nicht mehr mit dabei war, hat nichts Gutes über sie zu sagen: »Wenn du versuchst so zu spielen wie die Typen damals, dann bist du tot!«

Bei einer der Schiffstouren in den Norden traf Armstrong 1920 übrigens auch den Kornettisten Bix Beiderbecke. »Der war ein niedlicher Junge«, erinnerte sich Satchmo, der ja gerade mal zwei Jahre älter als Beiderbecke war, »er kam immer runter, um die Bands zu hören, und ging dann heim, um zu üben, was er gehört hatte.«35 Später machte Beiderbecke, wann immer er in Chicago war, einen Abstecher in den Lincoln Gardens, wo Armstrong mit King Olivers Creole Jazz Band auftrat. Tatsächlich entwickelte er in etwa zeitgleich mit Armstrong seinen eigenen Stil, lyrischer, sanfter, aber nicht weniger einflussreich auf die Jazzgeschichte.

In seiner Autobiographie versichert Armstrong, dass er Beiderbecke immer verehrt habe, auch und gerade wegen seines lyrischen Ansatzes: »Wenn du einen Typen mit einem so reinen Ton wie Bix hast, dann ist es völlig egal, wie laut die anderen spielen, sein Ton wird durch alles durchscheinen.« Beiderbecke wiederum sei laut Schlagzeuger Ralph Berton unglaublich selbstkritisch gewesen, aber wann immer er Armstrong hörte, habe er einfach nur gestrahlt.36 Armstrong war sich der Konkurrenz auf seinem Instrument durchaus bewusst, aber er hatte – vielleicht, weil Beiderbecke so deutlich anders spielte und sicher auch, weil er früh starb, 1931, mit gerade mal achtundzwanzig Jahren – kein Problem damit, den Kollegen später als einen der ganz Großen anzuerkennen. »Ich hatte all seine Platten. ›Singin’ the Blues‹, sein Solo über ›From Monday On‹, Mann, wie schön: whap ba boo-dee… boo-da de-za-na.«37

Kapitel 2

»Chicago Breakdown«

Goin’ to Chicago, King Oliver (1923–1925)

Chicago

Joseph Nathan Oliver wurde 1881 in einer kleinen Gemeinde am Mississippi River geboren und zog bereits als Kind nach New Orleans. Ab 1908 spielte er in den Brassbands der Stadt, und schnell wurden andere Musiker auf den Kornettisten aufmerksam. Bald gehörte er verschiedenen der großen Marsch- und Tanzkapellen der Stadt an: unter anderem der Onward Brass Band, der Eagle Brass Band, dem Original Superior Orchestra und der Magnolia Band. Er spielte in Kid Orys Band, in der er auch seinen »Adelstitel« »King« Oliver erhielt, bevor er sich 1918 entschied, nach Chicago zu gehen – in die Windy City, das Industrie- und Handelszentrum im Norden, wo die Arbeit mehr Geld versprach als im New Orleans der auf Druck der Navy geschlossenen Lasterhöhlen. Andere namhafte Kollegen hatten die Stadt bereits verlassen und sich in Chicago niedergelassen: Freddie Keppard etwa, Sugar Johnny Smith, Mutt Carey und Manuel Perez.

Wir befinden uns in den 1920er Jahren, in der Zeit der Prohibition in Amerika. Der Volstead Act, der den Verkauf und Genuss von alkoholischen Getränken verbot, wurde im Oktober 1919 verabschiedet und erst vierzehn Jahre später, im Dezember 1933, durch Präsident Roosevelt wieder aufgehoben. Eine trockene Zeit war es dennoch nicht – im Gegenteil: Der Alkoholhandel blühte, wurde aber wegen des Gesetzes nicht von legalen Firmen betrieben, sondern von der florierenden Unterwelt. Das Chicago Al Capones ist weder Legende noch Einzelfall: Eine Situation wie in Chicago, wo die lokale Mafia das Sagen hatte – nicht nur beim äußerst lukrativen Alkoholschmuggel und -handel, sondern auch bei der Besetzung von Posten und Pöstchen in der Stadtverwaltung, vom einfachen Polizisten bis hinauf zum Bürgermeister –, gab es damals auch in anderen Städten. Bekanntestes Beispiel ist Kansas City, wo ein korrupter Bürgermeister die Exzesse der Vergnügungsindustrie überhaupt erst ermöglichte und so ideale Entstehungsbedingungen für exzellenten Jazz schuf.

In Chicago jedenfalls fanden die schwarzen Musiker gute Arbeitsbedingungen vor. Bevor der Gangsterkrieg 1927 richtig losging, war das Leben in den Kneipen auch noch ein wenig sicherer. Danach berichteten viele Musiker von Schießereien und der vertraglichen Verpflichtung, bei solchen Störungen auf jeden Fall weiterzuspielen. Auch das Unterhaltungsgewerbe begann unter den Bedingungen zu leiden, was genauso ein Grund für die Übersiedlung vieler Musiker nach New York war wie zuvor die Schließung des Storyville-Viertels in New Orleans ein Grund für den Umzug nach Chicago.

Joe »King« Oliver

Als Oliver 1918 in der Windy City ankam, wartete tatsächlich Arbeit auf ihn. Er spielte gleichzeitig in den Bands des Klarinettisten Lawrence Duhe und des Bassisten Bill Johnson und gründete 1920 seine eigene Band, mit der er im Dreamland Café, einem bekannten Tanzschuppen der Stadt, auftrat. Die Besetzung dieser Band entsprach im Großen und Ganzen bereits der, mit der er 1923 seine ersten und erfolgreichsten Schallplattenaufnahmen machte. Die Musiker aus New Orleans hielten in Chicago zusammen, und fast alle Musiker seiner Band waren wie er aus Lousiana in den Norden gekommen: der Posaunist Honore Dutrey, der Klarinettist Johnny Dodds, der Kontrabassist Ed Garland und der Schlagzeuger Minor »Ram« Hall. Nur die Pianistin Lil Hardin stammte aus Memphis, sie war nach einem Musikstudium an der Fisk University 1917 nach Chicago gelangt und arbeitete dort für Notenverlage. Es gab damals noch den Beruf des »song plugger«, bei dem Pianisten die neuesten Notenhits eines Verlags interessierten Kunden vorspielten und/oder sangen, um sie vom Kauf zu überzeugen.

Mit dieser Band jedenfalls erhielt Oliver im Mai 1921 ein Engagement im Pergola Dancing Pavilion in San Francisco. Der dortige Manager hatte Kid Ory gehört und eigentlich ihn engagieren wollen, doch der hatte bereits andere Pläne und empfahl Oliver. Zu Beginn ihrer Westküstentournee schloss sich die Band einer Vaudeville-Show an, in der die Musiker eine Art Südstaaten-Atmosphäre heraufbeschwören sollten, indem sie in Arbeits- und Farmklamotten auftraten – ein geradezu ikonisches Foto der Oliver-Band in Latzhosen aus dieser Zeit sollte es später es in fast sämtliche Bücher über den frühen Jazz schaffen.38 Am 17. Juni 1922 kehrte Oliver zurück nach Chicago und spielte mit der nun sogenannten King Oliver’s Creole Jazz Band im Lincoln Gardens auf der schwarzen South Side Chicagos. Mit dem Namen der Band lehnte er sich an andere Ensembles an, die das Wort Creole im Titel führten, insbesondere die Creole Band des Trompeters Freddie Keppard, die zwischen 1914 und 1918 große Erfolge auf den amerikanischen Varietébühnen gefeiert hatte. Die Konnotationen des Wortes Creole sind dabei vielfältig: Sie umfassen den Stolz auf die Abstammung von »free persons of color«, also noch vor der Abschaffung der Sklaverei freigelassenen Sklaven, aber auch auf einen helleren Teint der Hautfarbe – hier steht Creole dann für das, was anderswo als »Mulatte«, »Quadroon«, »Octoroon« bezeichnet wurde. Der früheren Creole Band übrigens gehörte auch der Bassist Bill Johnson an, mit dem Oliver gleich nach seiner Ankunft in Chicago spielte und der seinerseits in einigen der ersten Aufnahmen Olivers aus dem Jahr 1923 zu hören ist – als Banjospieler und mit einer kurzen Vokaleinlage, wenn er im ›Dippermouth Blues‹ in einem Break laut und anfeuernd »Oh Play That Thing!« ruft.


The King Oliver Band, 1922 (v. l. n. r.): Minor »Ram« Hall, Honore Dutrey, King Oliver, Lil Hardin, David Jones, Johnny Dodds, James Parloo, Ed Garland (Fotoarchiv, Jazzinstitut Darmstadt)

Der Lincoln Gardens war Anfang des Jahrhunderts als Royal Gardens eröffnet worden. Bill Johnson und seine Original Creole Band hatten 1918 hier gespielt. 1921 wurde der Ballsaal umbenannt, und in der Lokalzeitung wurde vom Lincoln Gardens meist vor allem wegen der Kleinkriminalität um das Veranstaltungslokal herum berichtet. Von Trinkorgien liest man, von Schlägereien, Schießereien und dem einen oder anderen Mord. Tausend Menschen konnten in dem Saal unter einer Spiegelkugel an der Decke tanzen – in der Aufmachung durchaus vergleichbar mit Diskotheken der 1970er Jahre. Ende 1924 brannte der Lincoln Gardens aus und wurde 1925 wiedereröffnet. Nun hieß der Saal erst New Charleston Café, dann Café de Paris, bevor er wahrscheinlich im Zuge von Mafiastreitereien durch eine Bombe zerstört wurde.

Creole Jazz Band

Im Sommer 1922 entschloss sich Oliver, seine Band um einen zweiten Kornettisten zu erweitern, eine Rolle, die er selbst in der Band von Manuel Perez gespielt hatte oder Bunk Johnson in der von Buddy Bolden. Er mag sich auch an die Stunden erinnert haben, die er dem jungen Louis Armstrong einst in New Orleans gegeben hatte. Jedenfalls schickte er ihm ein Telegramm und lud ihn ein, Mitglied der Creole Jazz Band in Chicago zu werden. Er erweiterte damit die Bandbesetzung aus Kornett, Posaune, Klarinette und Rhythmusgruppe um ein zweites Kornett, vielleicht auch, weil er in Louis Armstrong Potential sah, das sein musikalisches Konzept bereichern konnte. Oliver wusste durchaus, dass der junge Armstrong technisch besser war als er, dass er einen moderneren Ansatz besaß, rhythmisch, melodisch und harmonisch eine reichere Erfindungsgabe. Aber er sagte, wie Lil Armstrong später erzählte: »Solange er in meiner Band spielt, wird er sich nicht vordrängeln können. Hier bin immer noch ich der King.«39

Armstrong ließ sich nicht lang bitten. Andere Musiker hatten ihm zuvor angeboten, New Orleans mit ihnen zu verlassen, Kid Ory etwa, als er an die Westküste gehen wollte, oder sogar Fletcher Henderson, der Anfang 1922 durch die Stadt kam und Armstrong für sein Orchester engagieren wollte. Der aber fühlte sich seiner Heimatstadt noch zu stark verbunden – oder er war von den Angeboten einfach nicht genügend überzeugt. Als Oliver ihm allerdings sein Telegramm schickte und ihn dringend bat, nach Chicago zu kommen, reagierte er innerhalb nur weniger Tage. Um den 8. Juli 1922 kam er in Chicago an. Oliver war der väterliche Freund und Mentor. Zu ihm blickte Armstrong auf, für ihn nahm er auch diese Reise ins Ungewisse in Kauf. Und finanziell verbesserte sich etliches für ihn. Wo er zuvor in New Orleans gerade mal 1,50 Dollar pro Abend verdient hatte, bekam er in Chicago 7,50 Dollar, also 52,50 Dollar pro Woche, dazu Trinkgelder, die diese Summe leicht noch einmal verdoppelten. Das entsprach mehr als dem Doppelten dessen, was ein Arbeiter damals verdiente.

Das Repertoire der Band im Lincoln Gardens bestand aus populären Hits, die sich mit Eigenkompositionen Olivers und bald auch Armstrongs sowie Blues und Tanzmusik in verschiedenen Tempi abwechselten. Bud Freeman, ein junger weißer Saxophonist, der mit seinen Freunden damals regelmäßig im Lincoln Gardens vorbeischaute, berichtete, dass die Band den Abend mit eher seichten tagesaktuellen Schlagern begonnen habe, die schon mal bis zu zehn oder fünfzehn Minuten dauern konnten.40 Wenn das Publikum dann angeheizt war und auf die Tanzfläche strömte, kamen die »heißeren« Titel. Laut Baby Dodds hatte die Band am frühen Abend noch einen anderen Job in einem Restaurant, bei dem sie »dinner music« spielen musste, ihr übliches Bandrepertoire, ein paar Walzer und tagesaktuelle Schlager. Dynamisch ging es also von wild bis soft: Teilweise spielte die Band einzelne Stellen zur Abwechslung so sanft, dass man die Füße der Tänzer hören konnte.41 Man tanzte Charleston, Black Bottom oder Bunny Hug. Es gab Showeinlagen, etwa wenn die Instrumente Tiergeräusche nachahmten, wenn Baby Dodds den Shimmy tanzte, während er weiter Schlagzeug spielte, wenn Bill Johnson im Liegen Bass spielte, oder wenn Armstrong eine seiner Tanzeinlagen zum Besten gab, die schon das Publikum in New Orleans begeistert hatten. In einigen Stücken spielte Louis auch die Slide Whistle (Kolbenflöte), eine Art Ulkinstrument, das sich sonst vor allem im Instrumentarium von Schlagzeugern befand, die zu Beginn des Jahrhunderts für alle komischen Soundeffekte zuständig waren. Solche musikalischen Slapstick-Nummern brachten der Band im Lincoln Gardens Riesenapplaus ein. Jazz war damals eben vor allem Unterhaltungsmusik, und neben dem musikalischen Drive, neben dem faszinierenden Zusammenspiel der Musiker und den Soli etwa von Armstrong gehörten auch solche Clownerien mit dazu, das Publikum zu unterhalten. Wobei wir hier ein wenig vorgreifen müssen, denn wir werden gleich die Aufnahmen diskutieren, die diese Zeit dokumentieren, und sie zeigen: Ja, die Slide Whistle und andere Bühnenaktionen Armstrongs stammten aus der Tradition des Vaudeville. Sie sind aber immer in Verbindung mit der großen Virtuosität zu sehen, die er auf dem Kornett zeigte. Andere Kornettisten nutzten eine ganze Reihe an Gimmicks, Dämpfer- und sonstigen Klangeffekten, um ihre Soli interessant zu machen oder das Publikum zu einer Reaktion zu bewegen. Bei Armstrong aber stand grundsätzlich der musikalische Effekt an erster Stelle. Die Arpeggien, die er in seinen Soli oder hinter Oliver einbrachte, mögen für den einen oder anderen im Publikum wie ein effektheischender Instrumental-Gimmick gewirkt haben, ein Kornett, das sich gebar wie eine Klarinette. Für Armstrong aber waren solche Figuren zugleich ein Schritt hin zur Abstraktion seines späteren Solostils, eine Entfernung von der melodischen Paraphrase hin zur harmonischen Umspielung, die in neue, einprägsame Melodiephrasen mündet.


King Oliver’s Creole Jazz Band (v. l. n. r.): Baby Dodds (Schlagzeug), Honore Dutrey (Posaune), King Oliver (Kornett), Louis Armstrong (Kornett), Bill Johnson (Bass), Johnny Dodds (Klarinette), Lil Hardin (später Armstrong) (Piano) (Fotoarchiv, Jazzinstitut Darmstadt)

Die schwarzen Bands in Chicago ließen sich im Großen und Ganzen zwei Lagern zuordnen: Es gab eingespielte Ensembles, die in den Theatern und größeren Ballsälen auftraten, und es gab die oft mit Musikern aus New Orleans bestückten Bands, die in den Cabarets und Nightclubs zu hören waren. Die Theaterorchester – sie nannten sich oft auch so, etwa Erskine Tate and His Vendome Theatre Orchestra – spielten meist im Loop, dem Geschäfts- und Entertainmentzentrum Chicagos. Zu ihrem Repertoire zählte Tanzmusik genauso wie klassische Ouvertüren, populäre Schlager oder W. C. Handys ›Memphis Blues‹. Die New-Orleans-Bands, die eher auf der South Side, dem schwarzen Viertel der Stadt, zu hören waren, klangen im Vergleich dazu rauer, archaischer. In ihrer Musik standen das kollektive Zusammenspiel und die Improvisation im Vordergrund. Einige Musiker waren in beiden Welten zu Hause – so auch Louis Armstrong, dessen Karriere in King Olivers New-Orleans-Band begonnen hatte, bevor er nach seiner Rückkehr aus New York im November 1925 in Erskine Tate’s Vendome Theatre Orchestra und ähnlichen Bands landete. Armstrong war mit allen Spielorten der Stadt vertraut, vom Lincoln Gardens, der sich vor allem an ein junges schwarzes Publikum richtete, über das Dreamland Café, ein von Schwarzen betriebenes »black and tan«, das also ein gemischtes Publikum anzog, bis zum Sunset Café, einem der teuersten Clubs auf der South Side, das sich vornehmlich an eine weiße Kundschaft richtete.

Aufnahmen mit der Creole Jazz Band

Hier nun beginnt die Geschichte des Jazzmusikers Louis Armstrong, die nicht nur aus Erzählungen und Augenzeugenberichten bekannt, sondern auch durch Aufnahmen dokumentiert ist. Der Jazz als eine improvisierte Musik ist auf die Tonaufzeichnung unbedingt angewiesen. Hätte es diese nicht gegeben, so wäre wahrscheinlich auch der Jazz nicht zu einer so einflussreichen Kunst geworden.

Die ersten Platten der Jazzgeschichte waren 1917 von der Original Dixieland Jazz Band eingespielt worden, einer weißen Kapelle aus New Orleans, deren Engagement im Reisenweber’s Café in New York Schlagzeilen machte. Ihre Musik spiegelt die Brassband-Tradition der Stadt am Delta wider und brachte dabei etwas weitaus Lebendigeres auf die Bühne, als New York es bis dahin gekannt hatte. New Yorks schwarze Kapellen waren zu dieser Zeit eher im Ragtime zu Hause, in einer Mischung aus Polka, Marschmusik, Walzer und Broadwayschlager. Die scheinbar unkontrollierte Polyphonie der Original Dixieland Jazz Band war also etwas Neues und die Tierstimmenimitationen, für die das Quintett bekannt war, willkommene Showeinlagen. Die Musiker behaupteten wie viele spätere Jazzmusiker auch, sie könnten keine Noten lesen und ihre Musik sei jedes Mal neu erfunden. Der Bandleader Nick La Rocca gab Erklärungen ab wie: »Ich weiß nicht mehr, wie viele Pianisten wir ausprobierten, bis wir einen fanden, der keine Noten lesen konnte.«42 Tatsächlich aber belegen verschiedene Aufnahmen derselben Stücke, dass nicht nur der formale Ablauf, sondern auch die einzelnen Stimmen bis ins Kleinste festgelegt waren – vielleicht nicht aufgeschrieben, aber auf jeden Fall eingeübt und gemerkt. 1917 also ging die ODJB, wie sie bald genannt wurde, ins Studio und ihre Aufnahmen von ›Livery Stable Blues‹ und ›Dixieland Jass Band One-Step‹ vom 26. Februar gelten als die ersten Aufnahmen der Jazzgeschichte. Über diesen Ruhm wurde später durchaus gestritten, denn tatsächlich gab es schwarze Bands, die bereits zuvor Aufnahmen vorgelegt hatten, aber sowohl der Erfolg der ODJB als auch ihre Musizierhaltung, die jene der schwarzen New-Orleans-Kapellen der Zeit widerspiegelte, rechtfertigen die historische Bedeutung, die ihren ersten Aufnahmen beigemessen wurde.

Das Schicksal wollte es also, dass die ersten Tondokumente einer afroamerikanischen Musik von einer weißen Kapelle eingespielt wurden. Der schwarze Trompeter Freddie Keppard, so erzählt man sich, sollte noch vor den Aufnahmen der ODJB von der Plattenfirma Victor Records angeheuert werden. Er weigerte sich jedoch – der Legende nach, weil er meinte, Schallplatten würden es Nachahmern erleichtern, seinen individuellen Stil und seine Stücke zu stehlen. Sidney Bechet, selbst ein begnadeter Geschichtenerzähler, relativierte die Legenden um Keppards Plattenengagement:

Irgendjemand hat mal aufgebracht, dass Freddie die Geheimnisse um seine Musik verstecken wolle. Er deckte beim Spielen oft ein Taschentuch über seine Trompete, so dass man seine Finger nicht sehen konnte, und irgendein Kritiker schrieb dann, Freddie habe Angst, Platten einzuspielen. Dabei hatte Freddie nur Spaß gemacht. Jeder Musiker weiß, daß man gar nichts lernt, wenn man die Finger eines anderen Musikers beobachtet. Man lernt, indem man zuhört, es gibt keinen anderen Weg, nicht, wenn du ein wirklicher Musiker bist. Du kannst die Töne nicht finden, indem du sie beobachtest, du musst sie fühlen, wenn du sie spielst. Wir haben oft über das Schallplattengeschäft gesprochen, und aus seinen Antworten kann ich nur schließen: Freddie meinte, wenn er Platten aufnähme, dann würde die ganze Musikmacherei zu einem regelrechten Geschäft, danach würde es ihm einfach keinen Spaß mehr machen.43

Keppard sah in der Schallplatte, folgt man der Erzählung Bechets, einen Grad an Kommerzialisierung, die dem Jazz seine Ursprünglichkeit nehmen und den direkten Kontakt zwischen Musikern und ihrem Publikum verhindern würde. Der Jazz also lebte schon zu seinen Anfangszeiten von seiner Unmittelbarkeit.

Nach den Aufnahmen der ODJB von 1917 folgten ab 1920 Aufnahmen schwarzer Kapellen. So spielte die Sängerin Mamie Smith mit ihren Jazz Hounds am 14. Februar 1920 zwei Seiten für das Label OKeh Records ein und legte sechs Monate später einen veritablen Hit mit dem ›Crazy Blues‹ vor, der sich innerhalb nur eines Monats 75 000-mal verkaufte. Und Kid Orys 1922 in Kalifornien eingespielte erste Instrumentalaufnahmen der schwarzen Jazzgeschichte hatten wir bereits erwähnt. Die jungen Plattenfirmen erkannten einen neuen Markt für afroamerikanische Musik innerhalb der schwarzen Community. Und Olivers Aufnahmen aus dem Jahr 1923 dokumentieren die Weiterentwicklung des Genres Jazz quasi in Echtzeit.

Zwischen dem 5. April und dem 24. Dezember 1923 nahm die Creole Jazz Band insgesamt 37 Titel auf – Dokumente eines kunstvollen New Orleans Jazz, die den Reifeprozess eines der wichtigsten Vertreter dieser Musik nachvollziehbar machen und auch den Unterschied in den ästhetischen Haltungen Olivers, des Mentors, und Armstrongs, des Schülers und Vorreiters dessen, was kommen sollte. Viele der Titel sind in mehreren Versionen erschienen, was uns aufschlussreiche Vergleiche der kollektiven Improvisationspassagen, der Solobreaks und der Ausführung der grundlegenden Arrangements erlaubt.

Die ersten Aufnahmen entstanden in Richmond, Indiana, einer Stadt etwa vierhundert Kilometer südlich von Chicago. Dort befand sich eine Klaviermanufaktur, die Starr Piano Company, die um 1915 jährlich 15 000 Klaviere produzierte. Sie beschäftigte allein in Richmond 750 Menschen und hatte die Gennetts, denen die Fabrik mittlerweile gehörte, zu einer den reichsten Familien der USA gemacht. Überall im Land gab es Läden der Firma Starr, in denen man Klaviere und Flügel, auch Walzeninstrumente und die dazugehörigen Klavierwalzen kaufen konnte. 1877 hatte Thomas Edison seinen Zylinderphonographen auf den Markt gebracht, und um 1910 hatte man einen neuen Standard entwickelt, die Schallplatte. Starr war mit den Vertriebsmöglichkeiten eines großen Konzerns ein idealer Mitspieler auf diesem Markt, und ab 1916 stellte die Firma eigene Phonographen her. Da die Produktion von Hardware nur dann Sinn macht, wenn es auch die zugehörige Software gibt, stieg Starr zugleich ins Plattengeschäft ein. 1917 richtete die Firma ein Presswerk in Richmond, ein Aufnahmestudio in Manhattan und ein zweites ebenfalls in Richmond ein. Da Starr Records so deutlich mit der Klavierbaufirma und ihrem großen Vertriebsnetz verbunden war, entkoppelte Henry Gennett die beiden Abteilungen und änderte den Namen des Labels in Gennett. So, hoffte er mit Recht, würden seine Platten auch von unabhängigen Geschäften verkauft werden, nicht nur in den Starr-Klavierhäusern.

Das Studio auf dem Fabrikgelände der Klavierbaufirma hatte allerdings ein Problem: Es lag direkt neben einer Eisenbahnlinie, und wenn die Dampflokomotiven keine 50 Meter von der Hütte vorbeidonnerten, machte nicht nur der Lärm die Aufnahmen unmöglich, sondern die Vibrationen zerstörten zugleich die empfindlichen Wachsmatrizen, mit denen damals aufgezeichnet wurde. Das Studio war etwa 38 mal 9 Meter groß und hatte einen durch Doppelglasscheiben abgetrennten Kontrollraum. Man hatte Sägemehl zwischen die innere und äußere Wand gepackt, um den Raum möglichst schalldicht zu machen. Die Wände waren von der Decke bis zum Boden mit Teppichen behängt, und der Sound dementsprechend so trocken, dass die Musiker sich schon mal beschwerten, sie müssten sich anbrüllen, selbst wenn sie nur Meter voneinander entfernt stünden.44

Das Label schickte Scouts nach Chicago, um Bands zu engagieren, die erfolgreiche Produktionen versprachen. Im August 1922 gingen die weißen New Orleans Rhythm Kings ins Gennett-Studio in Richmond. Paul Mares, der Kornettist der Band, hatte sich viel bei King Oliver abgeschaut, vor allem dessen beeindruckende Dämpfertechnik. Im Juli 1923 kam es in Richmond sogar zur ersten Gemeinschaftsproduktion von schwarzen und weißen Musikern in der Geschichte des Jazz, als die Rhythm Kings zusammen mit dem Pianisten Jelly Roll Morton einige Aufnahmen einspielten.

Am 5. April 1923 aber bestiegen erst einmal die Musiker der King Oliver Creole Jazz Band einen Zug, der sie nach Richmond, Indiana, brachte. Sie gingen in ein Studio voll mit akustischen Aufnahmetrichtern und nahmen mehr als zwei Dutzend Takes auf, bevor sie sich am nächsten Tag wieder auf die Rückreise machten.

Die Studiotechnik war damals noch rein mechanisch. Sowohl für die Aufnahme als auch für die Wiedergabe kamen also ausschließlich mechanische Mittel zum Einsatz. Grob erklärt: Die Musiker standen vor einem großen Aufnahmetrichter, der mit einer Nadel verbunden war. Die Vibrationen der Luft sorgten dafür, dass diese Nadel in einen rotierenden Wachszylinder oder eine rotierende Wachsplatte einen vertikalen Schnitt machte, dessen unterschiedliche Tiefe der Schwingungsfrequenz und Amplitude des gespielten Tons und Klangs entsprach. Mit der Zeit wurde die Aufnahmetechnik immer professioneller: In einer Abhandlung über die Geschichte der Schallplatte heißt es:

Das Klavier steht aus schalltechnischen Gründen auf einem Podest; mehrere große und kleine Aufnahmetrichter ragen in den Raum, der einen ziemlich kahlen Eindruck vermittelt. Von der Aufnahmemaschine, die im Nebenraum steht, ist nichts zu sehen: Die Laufgeräusche sollen nicht ›mitgeschnitten‹ werden. […] Die Dynamik, d. h. Lautstärke und Brillanz einer Schallplatte, sind abhängig von der Anordnung der Instrumentengruppen während der Aufnahmesitzung. Eine Korrektur der einmal geschnittenen Matrize ist nicht möglich.45

Erst ab etwa 1925 wurden elektrische Aufnahmeverfahren zum Studiostandard, die ein wesentlich größeres Frequenzspektrum garantierten, die Töne natürlicher und voller aufzeichneten.

Für Jazzmusiker war die elektrische Aufnahmetechnik vor allem auch deshalb von Bedeutung, weil sie nun in ihren tatsächlichen Bandbesetzungen ins Studio gehen konnten. Bei mechanischen Aufnahmen wurden die Bandmitglieder in festgelegten Abständen zum Aufnahmetrichter aufgestellt. Der Posaunist George Brunis bei den New Orleans Rhythm Kings etwa musste auf eine seitliche Wand blasen, der Schlagzeuger Baby Dodds durfte auf King Olivers Aufnahmen von 1923 meist gerade mal auf Holzblöcken und den Rändern von Snare und Bass Drum spielen. Kontrabässe und Klavierbegleitungen gingen bei solchen Aufnahmen meist ganz unter, weshalb die Bassstimme oft von Tuba oder Basssaxophon übernommen wurde.

King Olivers Band war in Hochform. Die Musiker hatten zwei Jahre lang im Lincoln Gardens gespielt und kannten ihr Repertoire in- und auswendig. Die gut zwei Dutzend Takes führten schließlich zu neun veröffentlichten Titeln, darunter gleich einige der hörenswertesten Einspielungen dieser Besetzung, der ›Dippermouth Blues‹ etwa, ›Froggie Moore‹, ›Chimes Blues‹ oder ›Weatherbird Rag‹. Die restlichen alternativen Takes sind nie veröffentlicht worden, die Masterplatten wurden Ende der 1920er Jahre vernichtet. Die Besetzung besteht aus Oliver und Armstrong, Kornett; Honore Dutrey, Posaune; Johnny Dodds, Klarinette; Lil Hardin, Klavier; Bill Johnson, Banjo; und Baby Dodds, Schlagzeug. Ein Kontrabass ist nicht zu hören. Lil Hardin erzählte später von der Aufnahmesitzung:

Wir mussten alle in diesen großen Trichter spielen. Joe und Louis standen nebeneinander, wie sie das immer taten, aber man konnte keinen Ton von Joe hören, nur Louis. Dann meinten die: ›Da müssen wir was ändern‹, und positionierten Louis etwa viereinhalb Meter weiter weg in die Ecke.46

Die Anekdote wurde oft wiederholt; ob sie stimmt, ist durchaus fraglich: Armstrong war damals schon Profi genug, seinen Ton der Situation anpassen zu können.

Die Musik dieser Aufnahmen zeigt den Geist des kollektiven Zusammenspiels. ›Just Gone‹ etwa ist ein vollständig im Kollektiv der Band gespieltes Stück, kein Solo, nicht einmal ein kurzer Solobreak, wie sie im frühen kollektiven Jazz sonst oft eingesetzt werden, um die Spannung aufzufangen, die sich in den Takten zuvor aufgebaut hatte. Olivers Musiker kommen sich so gut wie nie in die Quere. Die Aufgabenteilung der Melodieinstrumente – Lead-Kornett, harmonisierende Begleitung der Leadstimme durch das zweite Kornett, Grundierung durch die Posaune, Umspielung im hohen Register durch die Klarinette – ist vorgegeben, und doch wechselt immer wieder die Führung ab. Wenn man den beiden Kornettisten lauscht, meint man die räumliche Entfernung der beiden hören zu können, von der Hardin berichtete. Oliver spielt selbstbewusst, Armstrong darf harmonische Zweitstimmen intonieren, oft nicht mehr als lang gehaltene Harmonietöne, die halb- oder ganztaktig wechseln. Er erfindet aber immer wieder auch kleine Melodien, wie Kontrapunkte zur Leadstimme, die andeuten, wohin es einmal mit ihm gehen wird, schnelle Umspielungen des Themas, rhythmisch mutig, harmonisch die Grundlage ausweitend. Oft füllt er Phrasenenden auf, spielt sogenannte »fills« am Ende von Phrasen Olivers und entspricht damit seinem Part im Ruf-Antwort-Schema, das man in der afroamerikanischen Musik so oft findet. Häufig erzeugt seine Stimme ganz bewusste Dissonanzen zur Kornettstimme Olivers, die aber immer gleich wieder aufgelöst werden.

Im ›Canal Street Blues‹ hört man im fünften Chorus ein rhythmisch besonders mitreißendes Arrangement, in dem insbesondere die beiden Kornette harmonisch parallel gehen. Es folgt ein Klarinettensolo über einer vom Banjo gespielten Basslinie (Johnson war ja eigentlich Bassist), mit harmonischer Begleitung des Klaviers und Baby Dodds an den Holzblöcken. In ›Weatherbird Rag‹ (aber auch im ›Snake Rag‹) sind jene legendären Duo-Breaks zu hören, mit denen Armstrong und Oliver im Lincoln Gardens ihr Publikum begeisterten. Solche harmonisierten Duo-Breaks mögen eingespielte Klischees gewesen sein; ihren Ursprung hatten sie den Aussagen von Zeitzeugen gemäß aber in der Improvisation. »Joe spielte am Ende des ersten Teils, was er im Break machen wollte«, berichtet etwa der Klarinettist Buster Bailey, der Anfang 1924 mit der Band spielte. »Louis hörte zu und behielt das im Kopf, und wenn der Break dann kam, dann spielten sie den Break einfach zusammen.«47 Armstrong erzählt, dass Oliver sich zu ihm hinüberbeugte, wenn die Band in vollem Schwung war, vielleicht vier oder fünf Takte vor dem Break, und ihm auf seinem Instrument die Positionen der Töne zeigte, die er im Break spielen wollte.48 Im ›Weatherbird Rag‹ lassen sich solche Zeitzeugenberichte noch heute nachvollziehen: Der Duo-Break orientiert sich an einer chromatischen Phrase, die Oliver hier zum Ende des ersten Achttakters eines jeden Chorus spielt, unmittelbar bevor der Break den zweiten Achttakter beginnt. Das kleine Duett, das man hier hört, war sicher schon etliche Male von den beiden Kornettisten genauso gespielt worden, und doch ist es ein gutes Beispiel dafür, wie solche Breaks aus der Improvisation heraus geboren wurden. Vor allem kann man sich in ›Weatherbird‹ gut vorstellen, wie sehr das Publikum nach solchen Breaks getobt haben wird – sie sind nicht etwa zirzensische Kunststücke, sondern dramaturgische Höhepunkte eines musikalischen Ablaufs, der von Beginn bis Schluss geplant ist und im kollektiven Erspielen des Stücks immer neue Wandlungen und Steigerungen erfährt.

Neben solchen aus der Improvisation heraus geborenen Duo-Breaks gibt es übrigens auch zahlreiche, die offenbar auf Vorabsprachen basierten, quasi Teil des Arrangements waren, wie sich nachweisen lässt, wenn man die verschiedenen Aufnahmen der Stücke vergleicht, etwa in ›Sweet Lovin’ Man‹, ›Where Did You Stay Last Night? ‹, ›Sobbin’ Blues‹, ›Alligator Hop‹, ›Working Man Blues‹, ›Camp Meeting Blues‹, ›The Southern Stomps‹ oder dem ›Riverside Blues‹.

Ein kurioses Beispiel findet sich in ›I Ain’t Gonna Tell Nobody‹, aufgenommen im Oktober 1923. Es handelt sich um einen Titel, der in seiner Schmissigkeit sicher auf dem Tanzparkett gut ankam, in dem Armstrong allerdings nicht sonderlich zur Wirkung kommt. Im drittletzten Chorus jedenfalls findet sich ein weiteres Beispiel eines Duo-Breaks: Etwa bei 2: 12 Minuten hört man Oliver eine Phrase hervorheben, die gleich darauf zweimal als Duo-Break erklingt. Im vorletzten Chorus ist offenbar ein ähnlicher doppelter Duo-Break geplant, aber beim ersten der beiden (etwa bei 2: 40) ist nur ein Kornett zu hören, und statt Olivers Stimme wie zuvor in Terzparallelen zu spielen, nimmt Armstrong sie beim zweiten Break gleich danach im Unisono. Was da genau passiert war, darüber kann man nur spekulieren: Hatte Armstrong den ersten Break verpasst und wollte im zweiten auf Nummer sicher gehen, wie Brian Harker vermutet?49 Oder war das, was uns beim genauen Hinhören wie ein Fehler erscheint, für die Musiker der Creole Jazz Band gar nicht so schlimm, weil sie eh aus einer improvisatorischen Haltung heraus musizierten, in der es, sofern der Drive des Rests stimmte, auf solche Details nicht ankam?

Man denkt gerade beim frühen Jazz oft an Musiker, die vor allem improvisierten und keine Notenvorlagen benötigten. Und tatsächlich ist die Fähigkeit zum improvisatorischen Umgang mit dem musikalischen Material grundlegende Voraussetzung für diese Art von Musik. Doch auch die frühen Jazzmusiker waren nicht einfach »Naturbegabungen«, auch sie waren professionelle Musiker, und neben improvisatorischen Fähigkeiten gehörte zu ihrem Handwerkszeug auch die Fähigkeit, Noten lesen zu können. Olivers Band war gewiss kein »Brillenorchester«, seine Creole Jazz Band nutzte Notenvorlagen meistens nur als Erinnerungsstütze. Wenn es aber Noten gab, dann hatte Oliver dafür gesorgt, dass die Titel der Stücke nicht zu lesen waren, damit andere Musiker im Publikum ihm nichts abschauen konnten. Um der Band klarzumachen, welches Stück als nächstes drankam, spielte er einfach den Beginn, und der Rest stimmte ein.50 Während des Stückes gab er durch Fußstampfen Signale, etwa, um einen Break oder einen weiteren Chorus einzuzählen.51 In New Orleans hatte Oliver auf beides Wert gelegt: das Notenlesen genauso wie die Fähigkeit zu improvisieren. In der Creole Jazz Band war Johnny Dodds, heißt es, ein mäßiger Notist mit exzellentem Gedächtnis, und von Honore Dutrey ist überliefert, dass er schon mal Cello-Parts von populären Schlagern zur Hilfe nahm, wenn es keine Posaunenstimmen gab. Der Musikwissenschaftler Lawrence Gushee vermutet, dass etwa ›Sweet Lovin’ Man‹ oder zumindest die Posaunenstimme in ›Jazzin’ Babies Blues‹ (beide vom Juni 1923) von Noten gespielt wurden.52

Tatsächlich gibt es zwischen »improvisiert« und »notiert« allerdings eine Reihe an Zwischenstufen. Im Jazz spricht man beispielsweise von »Head Arrangements«, wenn Arrangements nicht niedergeschrieben, sondern von den Musikern so verinnerlicht werden, dass sie auch ohne Noten den gleichen Ablauf, die gleichen Stimmen spielen. Solche Head Arrangements sind insbesondere in den blueslastigen Bigband-Arrangements etwa des Orchesters von Count Basie in den späten 1930er, frühen 1940er Jahren üblich gewesen, in dem sich ursprünglich improvisatorisch erfundene Riffs in der Erinnerung der Musiker zu Head Arrangements verfestigten. Nicht anders wird es bei Oliver gewesen sein, dessen Band ihr Repertoire ja bereits seit zwei Jahren Abend für Abend im Lincoln Gardens gefestigt hatte – da bedurfte es für die Plattenaufnahme keiner Niederschrift, sondern allerhöchstens einer klaren Absprache, was die Länge und den genauen Ablauf der Einspielung betraf.

Solche Head Arrangements also entstanden in der Absprache zwischen den Bandmitgliedern. Man kann sich das ganz bildlich vorstellen: Armstrong oder Oliver bringen ein Thema mit, sagen den Musikern, wie sie sich den Ablauf etwa vorstellen.

Lass uns alle zusammen anfangen, eine Einleitung, zweimal das erste und zweimal das zweite Thema. Lasst uns im B-Teil Breaks einbauen, und zwar jeweils zum Ende der beiden Achttakter, also in Takt 7 und 8 sowie 15 und 16. Dann kommt ein Kornettsolo über das zweite Thema. Noch einmal das erste Thema und schließlich eine kurze Coda.

Wer immer das Stück mitbrachte, spielte die Melodie auf seinem Instrument vor. Die anderen Bläser probierten verschiedene Melodien aus, die darüber oder darunter passten. Dann gab es einen ersten Durchgang. Man diskutierte den Verlauf, mögliche melodische oder harmonische Alternativen. Man hörte aufeinander und sprach darüber, damit man sich bei all dem kollektiven Zusammenspiel nicht in die Quere kam. Am Ende der Probe stand ein Grundgerüst des Stücks, das in den nächsten Tagen noch verfeinert, aber im Großen und Ganzen nicht mehr abgeändert wurde.

Hört man sich insbesondere die Titel an, von denen es mehr als eine Aufnahme gibt, dann wird das Prozedere schnell deutlich: Einige der Stimmen scheinen identisch zu sein, und die berühmten Duo-Breaks von Armstrong und Oliver sind klar vorab geplant. Man findet teilweise notengetreue Übereinstimmungen in quasi allen Bläserstimmen, und zwar auch in Partien, die im ersten Höreindruck völlig improvisiert scheinen. Die Übergänge zwischen Komposition, Head Arrangement und Improvisation sind also tatsächlich fließend. Die wirkliche Improvisation betrifft oft nur Kleinigkeiten, Verzierungen, Variationen, Details, nicht aber den Formablauf als solchen.

Auf der Bühne war die Situation übrigens eine komplett andere. Im ›Tiger Rag‹ etwa oder im ›Dippermouth Blues‹ habe es, wird berichtet, bei Konzerten schon mal elf oder zwölf Solochorusse gegeben.53 Der Trompeter Wild Bill Davison erzählt, er habe Oliver und Armstrong 125 Chorusse über den ›Tiger Rag‹ spielen hören.54 Und Preston Jackson weiß von 50 Chorussen mit unzähligen hohen Cs und am Ende dem F darüber.55 Der Schlagzeuger George Wettling erinnert sich an ein fünfundvierzigminütiges ›High Society‹, doch mag ihm da die Erinnerung vielleicht doch einen Streich gespielt haben.56 Auf jeden Fall stand dort nirgends ein Tontechniker, der bei etwa 2:45 Minuten ein Zeichen gab, damit die Musiker wussten, dass sie zum Schluss kommen mussten. Im Konzert war es möglich, noch einen Chorus dranzuhängen. Und in New Orleans spielte man gewiss auch tagesaktuelle Schlager länger als drei Minuten. Von 1951 stammt etwa eine Dokumentaraufnahme der Eureka Brass Band, in der sie George Gershwins ›Lady Be Good‹ fast zehn Minuten lang interpretiert. Das ist nicht unbedingt die ganze Zeit über musikalisch interessant, macht aber anschaulich, dass im täglichen Geschäft des Musikmachens die Längenvorgaben der Schellackplatte kaum eine Rolle spielten. Armstrong selbst erzählt: »Wir haben die Stücke quasi auf der Arbeit geprobt und mussten sie dann für die Aufnahme nur noch auf die richtige Zeit zurechtschneiden. Dann war es gar kein Problem, diese Aufnahmen zu machen.«57

Olivers Glanzstück der ersten Aufnahmesitzung ist der ›Dippermouth Blues‹, ein Stück von Armstrong, dessen Titel auf seinen Spitznamen »Dippermouth«, »Schöpfkellenmund«, anspielt, den er wegen seines kraftvollen Tons erhalten hatte. Oliver spielt ein emotionales Solo, in dem er die Dämpfertechniken benutzt, für die er weithin bekannt war. Für Oliver habe man die Dämpfer erfunden, sollte Jelly Roll Morton später loben. Er setzte dazu nicht nur verschiedene Dämpfer vom Abflusspümpel bis zum Kindersandförmchen ein, sondern auch die effektvolle »wa-wa«-Technik, bei der er die Hand oder einen Dämpfer vor den Schallbecher des Kornetts hielt, um so den Klang des Instruments zu verändern. Sein Solo zeichnet sich durch einen sicheren Ton aus, zeigt nicht so sehr melodische Erfindungsgabe als vielmehr ein trefflich ausbalanciertes Spiel hinsichtlich Rhythmik, Timing, Dynamik und Sound. Dieses Solo wurde von vielen Trompetern seiner Zeit bewundert und Note für Note nachgespielt.

Die Aufnahmesitzung aber enthält auch die ersten Soli des jungen Louis Armstrong. Im ›Chimes Blues‹ spielt er ein kraftvolles Solo, das aus nicht mehr als einer Melodiephrase besteht, die er den Harmonien entsprechend sequenziert. Das Ganze ist offenbar ziemlich genau geplant, und so wurde später gemutmaßt, Oliver selbst habe das Solo konzipiert und Armstrong zugewiesen, allerdings hört man insbesondere in der Schlussphrase die improvisatorische Energie, mit der Armstrong am liebsten aus dem festen Melodieschema ausbrechen und das Ganze rhythmisch und harmonisch anreichern möchte.

Es wird oft und gern darauf hingewiesen, dass Armstrong aus der kollektiven Faktur des New-Orleans-Ensembles eine Solokunst geschaffen habe, dass er (zusammen mit Bechet und wenigen anderen) der erste große Solist des Jazz gewesen sei. Das ist sicher richtig, und doch sollte man nicht vergessen, dass er diese solistische Meisterschaft aus dem Geist des Kollektivs im New Orleans Jazz heraus entwickelt hatte, aus dem Wissen um die harmonischen Funktionen in der Band, um die Bedeutung der Stimmen im Vokalquartett. Der Autor Thomas Brothers hat das treffend umschrieben: Armstrong habe »die Kraft und den Reichtum kollektiver Improvisation in einer einzigen Linie« zusammengefasst.58 Man hört das bereits in einigen seiner frühen Soli, im ›Chimes Blues‹ mit Oliver etwa, in dem er Melodie- und Harmoniestimme quasi nacheinander spielt, im Vertrauen darauf, dass die Harmoniestimme im Gedächtnis des Hörers die Melodiestimme ergänzt. Wer Armstrongs Musik einzig als intuitiv erzieltes Ergebnis eines natürlichen Talents beschreibt, tut ihm nämlich Unrecht. Zur Kunst gehörte auch bei Armstrong das Wissen um Stimmführung, um harmonische Spannung, um Kadenzen und um die Wirkung von Dissonanzen und ihrer Auflösung. Armstrong mag kein Musiktheoretiker gewesen sein, aber er wusste genau, wie er all solche Techniken einzusetzen hatte, um die besten Effekte zu erzielen. Wie er das alles gelernt habe, fragte ihn Richard Hadlock später, und Armstrongs Antwort lautete: »Ich denke, Singen und Spielen ist dasselbe.«59 Er wusste genau, was er dem Vokalquartett seiner Jugend zu verdanken hatte. Er selbst hätte seine Spielweise nie als »analytisch fundiert« beschrieben, aber ein Chorus wie jener über den ›Chimes Blues‹ von 1923 ist anders als durch ein analytisches Bewusstsein für den musikalischen Prozess gar nicht zu erklären.

Am eindrucksvollsten aber ist Armstrong in ›Froggie Moore‹, einer Aufnahme, in der deutlich wird, wohin seine Reise gehen wird. Armstrong zeigt hier ein neues, von Oliver klar abweichendes rhythmisches Konzept. Er geht weit freier mit der Melodie um, nutzt Ansatz, Attack und vor allem auch das Vibrato seiner Tongebung, um das Solo zum Swingen zu bringen. Wer immer damals diese Aufnahmen hörte, muss sich bewusst gewesen sein, dass da ein Musiker heranreifte, der in eine ganz andere Richtung zielte als die doch sehr Ensemble-orientierte Musik seiner Kollegen: auf eine Musik, in der das Ganze, also die Bandleistung, genauso wie das Einzelne, das Solo der Musiker, einem dramaturgischen Gesamtziel unterlagen.

Armstrong betonte sein ganzes Leben lang, wie stark King Oliver ihn beeinflusst habe. Die Dämpfertechnik aber beispielsweise, für die Oliver so bekannt war, fand, von wenigen frühen Ausnahmen abgesehen (Bessie Smith’s ›Reckless Blues‹ vom Januar 1925 beispielsweise), nie wirklich ihren Weg in Armstrongs Spiel. Er variierte weniger den Sound als vielmehr die Melodie.

Armstrongs Präsenz in der Band blieb nicht ohne Folgen – auch für Oliver. Der Ältere war zwar der King, aber in den 1923 dokumentierten Aufnahmen hört man auch, dass er dem Neuen gegenüber, das Armstrong da mitbrachte, durchaus aufgeschlossen war. In ›Mabel’s Dream‹ beispielsweise, eingespielt im September 1923, spielt Oliver drei Solo-Chorusse. Jeder Chorus baut auf den davor gespielten auf, bringt etwas mehr insbesondere an rhythmischer Komplexität ins Spiel, gerät etwas stärker ins Swingen. Und während er in den beiden ersten Chorussen doch sehr nah am Thema bleibt, löst sich Oliver im letzten Chorus, in dem er darüber hinaus zum Dämpfer greift, fast auch melodisch vom Thema und färbt alles in Sound, Rhythmik und Melodik ein. Zwei Takes existieren von dieser Aufnahme, und es wird recht deutlich, wie stark sich Oliver allein in dem Dreivierteljahr, in dem die Band in Aufnahmen dokumentiert ist, durch Armstrong hat beeinflussen lassen. Übrigens gibt es noch eine dritte Aufnahme dieser Nummer vom Oktober 1923, in der Armstrongs Zweitstimme während des Oliver-Solos weitaus deutlicher zu hören ist.

›Where Did You Stay Last Night‹ hatte Armstrong unter dem Titel ›Wind and Grind‹ bereits in New Orleans für die Band Kid Orys verfasst. In den beiden Fassungen des ›Riverside Blues‹ ist es interessant auf die Solostimme Armstrongs zu horchen. Seine Töne sitzen nicht auf dem Beat, auch nicht synkopierend dazwischen, sondern bilden leicht vom Beat abweichende Akzente, eine Spielweise, die man gemeinhin als Off-Beat-Phrasierung bezeichnet.

Vom Oktober 1923 schließlich stammt eine Aufnahme des ›Camp Meeting Blues‹, die aus anderem Grund jazzgeschichtlich interessant ist. Das dritte Thema des Stücks nämlich entspricht ziemlich exakt dem Thema von Duke Ellingtons ›Creole Love Call‹ von 1927. King Oliver war empört und schrieb im Oktober 1928, ein Jahr nach der ersten Aufnahme des ›Creole Love Call‹ einen Brief an die Rechtsabteilung der Plattenfirma Victor, in dem er darauf hinwies, »dass diese Nummer von mir geschrieben wurde und am 11. Okt. 1923, Nr. 570230, unter dem Titel Camp Meeting Blues zum Urheberrecht angemeldet wurde«. Oliver bekam mit seiner berechtigten Klage wegen eines simplen Formfehlers kein Recht: Die von ihm genannte Nummer der Urheberrechtsanmeldung gehörte tatsächlich zu seinem ›Temptation Blues‹; den ›Camp Meeting Blues‹ hatte er wahrscheinlich vergessen zu registrieren.

Die Band war verständlicherweise stolz auf die von ihr eingespielten Schallplatten, und sie machte kräftig Werbung – etwa bei Straßenumzügen durch Chicago, bei denen die Band spielte und ein großes Transparent für den ›Dippermouth Blues‹ warb.60 Die Band besaß eigentlich ein großes Repertoire, hätte, wie der Schlagzeuger Baby Dodds bezeugt, ohne Probleme fünf Stunden am Stück spielen können, ohne einen Titel wiederholen zu müssen. Nach dem Beginn ihrer Plattenkarriere allerdings schränkten die Musiker das Repertoire marktgerecht ein, zum einen, weil sie auf diese Weise ihre neuen Platten promoten wollten, zum anderen, weil das Publikum eben genau nach den aufgenommenen Titeln verlangte. Viele der Stücke, die Oliver 1923 einspielte, sind Eigenkompositionen; im Lincoln Gardens mussten sie darüber hinaus sicher auch jede Menge an tagesaktuellen Schlagern spielen.

Oliver machte nicht nur für Gennett Aufnahmen, sondern auch für andere Plattenfirmen. Die ›Dippermouth Blues‹-Straßen-Bewerbung beispielsweise galt nicht der Gennett-Aufnahme vom April 1923, sondern einer Aufnahme für das Label OKeh vom 23. Juni. Es war nicht unüblich, dass Künstler für mehrere Plattenfirmen dieselben Stücke einspielten. Exklusive Plattenverträge, mit denen Künstler an ein Label gebunden werden sollten, wurden erst später üblich. Neben OKeh und Gennett kam im Oktober noch Columbia und im Dezember das Label Paramount hinzu. Diese parallele Vermarktung bot den Musikern vor allem die Chance, mehr Platten zu verkaufen und damit mehr Geld zu verdienen. Als heutige Hörer haben wir dadurch aber auch die reizvolle Gelegenheit, Stücke in mehreren Varianten zu hören, aufgenommen in unterschiedlichen Studios und unter verschiedenen Sound- und Aufnahmebedingungen. Am ausgewogensten wirken die Aufnahmen für das OKeh-Label im Juni und Oktober; in ihnen hatte der Toningenieur auch keine Probleme, den Klang des Schlagzeugs einzufangen – der Schrecken aller Toningenieure dieser frühen Zeit. Im OKeh-›Dippermouth Blues‹ jedenfalls erahnt man auch Baby Dodds’ Tom-Toms, und im OKeh-›Working Man Blues‹ hört man leise die Becken im Hintergrund – man muss allerdings sehr genau hinhören, weil das Schlagzeug ein wenig hinter dem perkussiven Banjo-Sound verschwindet und sich daneben eher mit Holzblöcken in den Vordergrund drängt.

Oliver war nicht der einzige Musiker, der Stücke für verschiedene Plattenlabels aufnahm; insbesondere Duke Ellington ist ein gutes weiteres Beispiel dafür. Der allerdings nutzte die meisten Neuaufnahmen für Variationen im Arrangement, stellte Solo-Reihenfolgen um oder veränderte die Orchestrierung einzelner Ensemblechorusse. Oliver dagegen behielt in diesen frühen Aufnahmen zumeist das gleiche Arrangement bei – es gehörte schließlich einerseits zu seinem täglichen Standardrepertoire und andererseits war Musikern in dieser frühen Phase der Schallplattenindustrie noch lange nicht klar, dass sie ein Dokument schufen, anhand dessen ihre Kunst auch der Nachwelt erhalten und von dieser beurteilt werden würde.

Die Creole Jazz Band trat übrigens nicht nur in Chicago auf. Vom Frühjahr 1924 ist eine Rezension eines Auftritts in South Bend, Indiana, erhalten, die uns Teile ihres Konzertrepertoires überliefert: ›Dipple Mouth‹ (also ›Dippermouth Blues‹), ›High Society‹, ›St. Louis Blues‹, ›The Eccentric‹. Und dann wird da noch ein Duett vermerkt, das Armstrong mit Lil Hardin gespielt habe: ›Tears‹. Das Stück war 1923 von der Creole Jazz Band aufgenommen worden, um aber eine Vorstellung davon zu erhalten, wie Armstrong im Duo mit Lil geklungen haben mag, empfiehlt sich eine Aufnahme aus den 1960er Jahren, in der der Trompeter zu Hause zu der Aufnahme King Olivers spielt.61 Hier hört man ihn im Vordergrund, und auch wenn mehr als 40 Jahre ins Land gegangen waren und sich sein Stil verändert hat, ist der melodische Ansatz deutlich zu erkennen, den man ansonsten in den Aufnahmen von 1923 eher im Hintergrund erahnen muss.

Vielleicht ist an dieser Stelle ein Vergleich mit Aufnahmen angebracht, die Freddie Keppard in den 1920er Jahren machte, ein Trompeter, der in Chicago als größter Konkurrent Olivers galt. Er war im Sunset Café mit einer zwölfköpfigen Kapelle zu hören, in der es mit ihm und dem Kornettisten Fats Williams eine ähnliche Konstellation gab wie in der Creole Jazz Band mit Oliver und Armstrong: Williams war für die Lead-Stimme zuständig und Keppard für den Jazz, also das spielerische Element.62 Keppard habe die höchsten Töne klar wie auf einer Flöte spielen können, erzählt Jelly Roll Morton und betont, Armstrong habe ihm in dieser Beziehung nicht das Wasser reichen können.63 Auf den erhaltenen Aufnahmen Keppards ist zumindest seine sichere Tongebung zu erleben, in ›Here Comes the Hot Tamale Man‹ etwa, das er im Juni 1926 in kleiner Besetzung des Orchesters von Doc Cook einspielte – einen Monat später ist die größer besetzte Fassung bereits weit weniger interessant. Cooks Arrangements waren meist reichlich theatralisch, wie sich in ›So This Is Venice‹ von 1924 vergegenwärtigen lässt, einem Titel, der hierzulande unter ›Ein Mops kam in die Küche‹ bekannt ist, in dem Keppard mal ›O Sole Mio‹ interpoliert und dann für einen vollen Chorus sein Instrument lautmalerisch »zum Lachen« bringt. Keppard sei halt ein Clown gewesen, urteilte Armstrong später, der schnelle Beifall sei ihm wichtiger gewesen als die Musik.64 Unter eigenem Namen existieren vom September 1926 nur zwei Titel Freddie Keppards auf Schallplatte, in denen er einen markant-kraftvollen, von stakkato-phrasierten Tönen geprägten Stil zeigt (etwa in ›Stock Yard Strut‹), eine antreibende Ensemblemusik, die jedoch meilenweit von den melodischen Erfindungen entfernt ist, die Armstrong zur selben Zeit spielte. Immerhin sei er in seinen besten Momenten ein »soul musicians« gewesen, attestiert Armstrong, ein Musiker mit emotionaler Tiefe also.65 ›Stock Yard Strut‹ und ›Salty Dog‹ vom September 1926 allerdings waren zugleich Keppards letzte Aufnahmen. Der Erfolg weit jüngerer Musiker und die verpassten Chancen einer größeren Karriere mögen ihn immer mehr deprimiert und zum Alkohol gezogen haben. Im Sommer 1933 verstarb er mit gerade einmal 44 Jahren an den Folgen einer Tuberkuloseinfektion.

Die junge Chicagoer Szene

Neben den Tänzern im Lincoln Gardens waren auch junge weiße Musiker auf Armstrong und die Oliver-Band aufmerksam geworden. Sie nahmen sich die schwarzen Profis aus New Orleans zum Vorbild, schlichen in die Tanzsäle oder hielten sich hinter der Bühne auf, um möglichst jeden Ton mitzukriegen. Zugleich besorgten sie sich die Platten und spielten viele der Stücke mit der Dringlichkeit nach, die sie im Lincoln Gardens erlebt hatten. Neben Oliver orientierten sie sich auch an weißen Kapellen wie der Original Dixieland Jazz Band oder den New Orleans Rhythm Kings. Ihre Nachahmung betraf die Themen, die Art und Weise kollektiv zu improvisieren, betraf aber erstmals auch die Nachahmung einzelner Vorbilder. In die Jazzgeschichte ging vor allem ein Kreis von Freunden ein, die gemeinsam die Austin High School besuchten und insbesondere von Olivers Band begeistert waren. Die »Austin High School Gang« bestand aus Musikern wie dem Trompeter Jimmy McPartland, dem Klarinettisten Frank Teschemacher, dem Saxophonisten Bud Freeman, dem Gitarristen Eddie Condon und dem Schlagzeuger Dave Tough. Wie stark der Einfluss Olivers und Armstrongs auf diese jungen Musiker war, zeigen ihre eigenen ersten Aufnahmen, die sich am Ideal der Creole Jazz Band orientierten.

›Buddy’s Habits‹ etwa – ein Stück in klassischer Ragtime-Form (AA BB A CCCC) mit einem Slide-Whistle-Solo Armstrongs im ersten C-Teil und einem Duo-Break der beiden Kornettisten im zweiten C-Teil – wird im Februar 1924 von der Bucktown Five eingespielt, einer Besetzung junger weißer Chicagoer Musiker um den Kornettisten Muggsy Spanier und den Klarinettisten Volly De Faut, und die Aufnahme entspricht erkennbar dem Vorbild des Oliver-Arrangements. Der Platz des Slide-Whistle-Solos kommt bei der Aufnahme der jungen weißen Chicagoer dem Posaunisten zu. Und in Spaniers Spiel hört man deutlich, dass dieser sich Phrasen aus Olivers Band abgeschaut hatte, und zwar beim gleich alten Armstrong und nicht etwa beim Bandleader. Vor allem aber wird in diesen Aufnahmen deutlich, dass die rhythmische Energie der Creole Jazz Band die jungen weißen Musiker beeindruckt haben musste, etwa im B-Teil, den sie weit swingender vortragen als die Oliver Band und in dem man ahnt, welche Spuren die neue rhythmische Grundhaltung hinterlassen hatte, die sich insbesondere in Armstrongs Spiel widerspiegelte.

Übrigens suchten nicht nur die jungen Chicagoer Musiker Olivers Band im Lincoln Gardens auf, sondern auch national bekannte Stars kamen vorbei. Baby Dodds etwa erinnert sich an Paul Whiteman, Guy Lombardo oder Paul Ash, die in den Lincoln Gardens kamen, wenn sie anderswo in Chicago ein Engagement hatten.

Ende der Creole Jazz Band

Warum die Creole Jazz Band Anfang 1924 auseinanderging, ist nicht bekannt, aber Geld mag eine Rolle gespielt haben. Dabei ging es sowohl um die Honorare für Aufnahmesitzungen als auch um die Aufteilung der Gage im Lincoln Gardens. Dort habe Oliver Ende 1923 95 Dollar pro Musiker und Woche erhalten, aber nur je 75 Dollar ausgezahlt. Johnny und Baby Dodds, erzählte Lil Armstrong später, hätten das herausgefunden, ihm Prügel angedroht und die Band verlassen.

Olivers Aufnahmen von 1923 gelten als Musterbeispiel des New Orleans Jazz, auch wenn Experten immer wieder bezweifelten, ob diese so kunstvoll durchgeformte Musik wirklich der in ihrer Vorstellung weit archaischer gedachten Musik in New Orleans entsprach. Schlagzeuger Baby Dodds immerhin bezeugt: »Die Oliver-Band war da ganz traditionell. Joe machte alles gemäß der Tradition in New Orleans.«66 Und selbst Armstrong war schon damals der Tradition so stark verbunden, dass er seinen Bandkollegen bald auf die Nerven fiel, wenn er immer wieder von den Brassbands seiner Heimatstadt schwärmte.67 Zwischen April und Dezember 1923 hatte die King Oliver Creole Jazz Band insgesamt 37 Tracks eingespielt, 30 verschiedene Titel. Es ist eine Musik, die im Geiste des New Orleans Jazz lebt, in der Blues, Ragtime und die populären Schlager der Zeit verarbeitet werden, die eine kollektive Energie zu erzeugen vermag und doch in Ansätzen schon andeutet, was daraus wohl mal werden kann. King Oliver ist der Chef der Band, aber Armstrong der virtuose Star, bestaunt, bewundert, gefeiert.

King Oliver war auch nach Auflösung der Creole Jazz Band weiterhin ein gefragter Musiker. Als er 1927 nach New York ging, hatte er einen gefeierten Auftritt im Savoy Ballroom, der ihm das Angebot eines festen Engagements im Cotton Club einbrachte. Oliver lehnte ab, weil er die Gage als unter seinem Wert empfand. Duke Ellington war die zweite Wahl, und für ihn war der jahrelange Gig im Cotton Club der Start seiner weltweiten Karriere. Oliver tourte und nahm bis 1931 Platten mit seinen Dixie Syncopators auf, deren Musik nun viel stärker arrangiert war als zuvor. Gesundheitsprobleme ließen ihn die Soli an jüngere Kollegen abgeben, und als ihm nach einer Zahnfleischvereiterung fast sämtliche Zähne gezogen wurden, konnte er überhaupt nicht mehr spielen. Er ließ sich in Savannah, Georgia, nieder und verdiente sich seinen Lebensunterhalt als Aufseher in einem Billardsalon. Er sparte auf ein Gebiss, mit dem er hoffte, wieder spielen zu können. Armstrong hatte ihn noch einmal gesehen, als er im September 1937 auf Südstaaten-Tournee in Savannah Station machte. Auf der Straße wollte er etwas bei einem der Straßenhändler kaufen und erschrak, als er in diesem seinen früheren Mentor erkannte. Er gab ihm alles Geld, das er bei sich hatte, sammelte bei seinen Bandkollegen und lud ihn zum Konzert an dem Abend ein. Oliver ging in ein Leihhaus, kaufte sich einen Anzug und einen Hut und sah, wie Satchmo sich erinnert, »so scharf aus wie der alte Joe Oliver von 1915«.68 Wenig später, am 10. April 1938, starb Oliver mit 52 Jahren an einer Gehirnblutung. Armstrong bestand zeitlebens darauf, Oliver sei an einem gebrochenen Herzen gestorben. Sein Leichnam wurde nach New York überführt, und beim Trauergottesdienst, der vom späteren Bürgerrechtler Adam Clayton Powell Jr. geleitet wurde, spielte Armstrong Trompete. »Es wäre schön gewesen«, wird er zitiert, »wenn es eine Parade für ihn gegeben hätte.«

Kapitel 3

»Cake Walkin’ Babies from Home«

Fletcher Henderson, Clarence Williams und Bessie Smith

New York

King Oliver hatte Armstrong mit Lil Hardin bekannt gemacht, der Pianistin, die in seiner Band bereits gespielt hatte, als er an die Westküste gereist war. Hardin stammte ursprünglich aus Memphis und hatte erst in Schule und Kirche und schließlich an der renommierten Fisk University in Nashville Musik studiert. 1918, als sie 20 Jahre alt war, zog sie mit ihrer Mutter nach Chicago und arbeitete bald in einem Musikgeschäft, in dem sie Kunden die Noten der neuesten Hits vorspielte. Anfang der 1920er Jahre machte sie sich dann aber auch einen Namen auf den Bühnen der Stadt, erst als Teil der Creole Band, noch bevor diese mit King Oliver identifiziert wurde, dann als Solopianistin in verschiedenen Clubs, in denen sie gern als »Hot Miss Lil« angepriesen wurde. Sie arbeitete gerade im Dreamland Café, als Armstrong 1922 nach Chicago kam, aber Oliver engagierte sie schnell für seine umgestaltete Band. Hardins Biograph James L. Dickerson erklärt, dass Oliver es sicher als Imagegewinn ansah, eine so attraktive Frau in seiner Band zu haben, dass darüber hinaus aber auch andere Qualitäten bei der Wahl eine Rolle gespielt hätten, ihr absolutes Gehör, ihre musikalische Vorbildung, die Notenkenntnisse. Sie half den Musikern, indem sie etwa deren Stücke niederschrieb und das Urheberrecht für sie sicherte. »Sie war nicht die Seele, sondern das Gehirn der Band«, schreibt Dickerson.69 Alle, auch Armstrong, waren von ihrer musikalischen Erfahrung und ihrem Gespür fürs Geschäft beeindruckt; sie wiederum beeindruckte Satchmos enormes Talent, sein Ideenreichtum und der nuancierte Einsatz seines Instruments. Sie probten zusammen, probierten Dinge aus, und sie ermutigte ihn, als er an einem relaxteren rhythmischen Ansatz arbeitete, den er sich von Bunk Johnson abgeschaut hatte, einer gemächlicheren Art, leicht hinter dem Beat zu phrasieren. Bald waren sie ein Paar und nannten einander »sweetheart«. Beide waren noch an frühere Ehepartner gebunden, ließen sich jedoch schnell scheiden und heirateten schließlich am 7. Februar 1924. Die Braut trug, wie die Lokalzeitung berichtete, »ein Pariser Abendkleid aus weißem Crêpestoff, verziert mit Glaskristallen und silbernen Perlen«. Zu den Gästen, die namentlich aufgeführt sind, gehörte die gesamte Band von King Oliver und einige andere Freunde aus New Orleans, etwa Tommy Ladnier. »Das Paar erhielt viele schöne Geschenke.«70

Die junge Ehefrau übernahm umgehend das Management ihres Mannes. Bei Oliver hatte Armstrong die zweite Geige gespielt (also das zweite Kornett). Die Reaktion der Kollegen wie auch der Presse aber war so positiv, dass Lil der festen Überzeugung war, er würde als freischaffender Solist besser wahrgenommen werden. Im Sommer 1924 schickte der New Yorker Pianist und Bandleader Sam Wooding Armstrong ein Telegramm und lud ihn ein, als dritter Trompeter in seiner Band zu spielen und dabei vor allem die »Hot Soli« zu übernehmen. Hätte Armstrong angenommen, wäre es gut möglich gewesen, dass er 1925 mit Wooding nach Europa gereist wäre, wo der Pianist über mehrere Jahre tourte. Armstrong aber lehnte ab, da er bereits das Angebot angenommen hatte, mit dem Fletcher Henderson Orchestra im New Yorker Roseland Ballroom aufzutreten. Henderson hatte Armstrong schon Anfang 1922 in New Orleans gehört und ihm einen Platz in seiner New Yorker Band angeboten. Damals hatte Armstrong unter anderem deshalb abgelehnt, weil Henderson seinen Freund, den Schlagzeuger Zutty Singleton, nicht mitengagieren wollte.71

1924 leitete Henderson ein Orchester, dessen populärer Erfolg bald nur mit dem des weißen Bandleaders Paul Whiteman vergleichbar war. Seine Band wurde schnell zum Modell für fast jedes Jazzorchester der 1920er Jahre und darüber hinaus. Henderson selbst hatte in Atlanta Naturwissenschaften studiert und wollte sich eigentlich an der Columbia University in New York für Chemie einschreiben. Dann sprang er für einen Freund ein, der als Pianist in einer Kapelle auf einem Ausflugsboot spielte. Dieser Aushilfsjob dauerte länger als geplant, und er merkte, dass ihm Musik mehr Spaß machte als das Studium und dass mit ihr außerdem gutes Geld zu verdienen war. Er arbeitete für den Musikverlag, den der Komponist W. C. Handy mit einem Partner gegründet hatte, begleitete Bluessängerinnen und nahm Schallplatten für das Label Black Swan auf. Auf solchen Platten wurde er zum ersten Mal als Bandleader genannt. Die Gruppen, die er da leitete, waren allerdings zunächst reine Studiobands. Das änderte sich erst Anfang 1924 mit einem festen Engagement im gerade eröffneten Club Alabam im Kellergewölbe unter dem Nora Bayes Theatre am Broadway. Hier spielte Henderson zum Tanz für ein wohlhabendes weißes Publikum und eine Handvoll schwarzer Prominenter, begleitete außerdem die Revuetruppe auf der Bühne sowie Gesangseinlagen. Im Juli wechselte er in den Roseland Ballroom, wo sein Orchester bis 1931 jede Saison als Hausband spielen sollte.

Als Armstrong in New York eintraf, muss er recht enttäuscht gewesen sein: Chicago hatte eine größere Musikszene. Vor allem gab es an der Ostküste keine vergleichbar große Gemeinschaft an Musikern, die ursprünglich aus New Orleans kamen, auch in der Fremde zusammenhielten, zu alledem aber ihre musikalische Ästhetik in diesem relativ geschlossenen Kreis intakt hielten. Und wenn New York stilistisch auch weit vielfältiger aufgestellt war, so gab es doch keine Band, die auch nur annähernd dem ästhetischen Ideal der Creole Jazz Band nahegekommen wäre.

Nun mochte Chicago vielleicht Anfang der 1920er Jahre zumindest aus Armstrongs Sicht die lebendigere Musikszene besessen haben, New York aber war das Zentrum der amerikanischen Musikindustrie. New York war der Haupteinwanderungshafen in die Vereinigten Staaten, und viele Immigranten blieben in der Stadt am Hudson hängen. So gibt es noch heute Stadtviertel, die zumindest von der Erinnerung an die ethnische Kultur früherer Bevölkerungsgruppen geprägt sind: das russische Viertel, das polnische Viertel, Chinatown, Little Italy und sogar ein deutsch geprägtes Viertel, in dem man noch bis in die 1980er Jahre deutsche Bäckereien und Konditoreien finden konnte. New York besitzt die größte jüdische Gemeinde der Welt. Und darüber hinaus etablierte sich der Stadtteil Harlem seit der Jahrhundertwende als Magnet für die afroamerikanischen Intellektuellen.

Harlem war ursprünglich ein wohlhabendes weißes Viertel gewesen. Etwa zu Beginn des 20. Jahrhunderts aber zogen immer mehr Schwarze, die vom Land oder aus anderen Städten nach New York kamen, nach Harlem, und die Weißen suchten sich neue Wohnungen oder bauten Häuser in anderen Stadtteilen. In den 1920er Jahren war Harlem der wichtigste städtische Bezugspunkt schwarzer Amerikaner: nicht Ghetto, sondern Identifikation. Harlem strotzte vor Wohlstand, die schwarzen Mittelschichtbürger besaßen schöne, große Wohnungen, genossen den Zugang zum Central Park, die breiten Boulevards, das lebendige Nachtleben. Viele vor allem aus dem Süden zugereiste Schwarze konnten hier eine urbane Atmosphäre erleben, ohne die eigene Community zu vermissen, ohne in die stärker weiß geprägten anderen Stadtteile gehen zu müssen. Und umgekehrt wurde Harlem auch zu einem beliebten Ausflugsziel weißer New Yorker oder weißer New-York-Besucher. Der Schriftsteller und Fotograf Carl van Vechten, der in den 1920er Jahren viele der bedeutendsten schwarzen Künstler und Intellektuelle zu seinen Freunden zählte, führte seine weißen amerikanischen wie europäischen Freunde immer wieder nach Harlem, in den Cotton Club oder in andere Tanz- und Showpaläste der 1920er Jahre.

Harlem stand damals also noch nicht, wie später, für die Auswirkungen einer zunehmenden Verslumung der Großstädte, sondern für eine lebendige, spannende, weltgewandte Kultur. Und die Musik spielte da eine wichtige Rolle. Der Stadtteil gab zwei Kunstausformungen ihren Namen: der »Harlem Renaissance«, einer vor allem literarischen Bewegung der 1920er Jahre, und dem »Harlem Stride Piano«, mit dem man eine New Yorker Variante des Ragtimes bezeichnete, die deutlich stärker swingte und außerdem Improvisation weit mehr bevorzugte als der klassische Ragtime. Der Harlem Renaissance gehörten Schriftsteller, Dichter und Intellektuelle an, die durchaus ihre Schwierigkeiten mit Blues und Jazz hatten, weil sie solche Musikformen als eine Art Volkskunst betrachteten, als etwas, das sie in New York gerade hatten hinter sich lassen wollten. Sie setzten eher auf afroamerikanische Komponisten: am besten auf Männer wie William Grant Still, dessen Afro-American Symphony Gebrauch von schwarzen Themen machte, ansonsten aber eher der sinfonischen Tradition Europas anhing. Ein Komponist wie Duke Ellington wurde gerade noch akzeptiert, weil man bereits seinen frühesten Kompositionen anhörte, dass sie zwar aus dem Geist afroamerikanischer Geschichte heraus verfasst worden waren und mit dem Vokabular der aktuellen Pop- und Tanzmusik interpretiert wurden, dass es dahinter aber einen Gestaltungswillen gab, der das alles künstlerisch überhöhte und der Musik eine enorme emotionale Tiefe verlieh. Mit dem Blues und seinen subkulturellen Verbindungen hatten etliche Vertreter der Harlem Renaissance dagegen weit größere Schwierigkeiten, verwiesen diese doch eher auf die »folk roots«, erinnerten an Sklaverei und die ländliche Herkunft vieler der in Harlem gelandeten Familien.

Die Harlem Renaissance füllte im Bereich der Künste die Forderung des Soziologen und frühen Bürgerrechtlers W. E. B. Du Bois mit Leben, Afroamerikanern die Chance guter und höherer Bildung zu geben, die sie zu gesellschaftlichen Führungspositionen befähigen würden. Du Bois wiederum war quasi der Gegenspieler des schwarzen Pädagogen und Bürgerrechtsaktivisten Booker T. Washington, der im Atlanta Compromise 1895 eine Vereinbarung mit Politikern der Südstaaten ausgehandelt hatte, die den Schwarzen Rechtssicherheit zusicherte, aber keine rechtliche Gleichstellung forderte, ihnen zugleich den Zugang zu einfacher Bildung und damit zu handwerklichem Erfolg erleichterte. »In allen gesellschaftlichen Angelegenheiten«, sagte er in seiner oft zitierten Rede vor der Atlanta Cotton States and International Exposition, »können wir so separat voneinander sein wie die einzelnen Finger und zugleich eins wie die Hand, die es braucht den Fortschritt zu besiegeln.« Diese auch in den 1920er Jahren noch aktuellen Diskurse sind mitzudenken, wenn man über den Stolz auf Harlem, die heimliche Hauptstadt des schwarzen Amerikas, spricht oder über die insbesondere dort wahrgenommene schwarze Kulturszene, zu der nun auch Louis Armstrong gehörte.

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18 March 2025
Volume:
328 p. 14 illustrations
ISBN:
9783159618784
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