Read the book: «Fremde Treue»
William McIlvanney
Fremde Treue
Aus dem Englischen von Conny Lösch
Verlag Antje Kunstmann
Für Liam
Here’s a nice jungle: glades of trust Disturbed by parakeets of lust, Pools of deceptive calm where need Bathes among crocodiles of greed
Eins
1
AUFGEWACHT MIT RODEO IM KOPF. Spaß haben tut weh, stimmt’s? Dabei ging’s gestern Abend weniger darum als um Betäu bung mit Whisky. Langsam ließ die Wirkung nach und die Schmerzen wurden schlimmer. Wie immer.
Ich habe diesen Tag nicht gewollt. Wer hat ihn bestellt? Versucht’s doch nebenan. Ich vergrub mich ins Kissen. Sinnlos. Ein schlafloses Kissen. Wie nennt man so was noch mal? Hypallage? Meine Lehrer. Haben mir alles beigebracht, was ich nicht wissen muss.
Ich stand auf und begab mich auf Schmerztablettensafari. Viele Möglichkeiten gab es nicht, wo welche sein konnten. Im Schlafzimmer, unwahrscheinlich. Blieben das Wohnzimmer, die kleine Küche, der Flur und das Bad. Wobei der Flur schon mal ausschied. Da war nichts, worin man sie hätte aufbewahren können, es sei denn, ich hatte sie heimtückisch unter dem Teppich versteckt. Küche und Bad waren am wahrscheinlichsten. Kombinieren und schlussfolgern. Zum Glück war ich ein guter Detective.
Ich suchte in Schränken mit alten Rasierklingen und mehr Geschirr, als ich jemals benutzen würde, fand meine Zauberpillen dann aber im Wohnzimmer hinter den Türmchen mit dem Kleingeld, das ich so ungern in den Taschen behielt. Ich holte mir ein Glas Wasser und schluckte zwei, wobei ich gleich das Gefühl hatte, das sei nicht genug – als würde man zwei Anwärter von der Polizeischule aussenden, einen Aufstand niederzuschlagen.
Ich setzte mich ins Wohnzimmer. Allmählich kehrte meine Erinnerung zurück, was mir gar nicht recht war, denn schon ging es wieder los. Ich heulte. Ungefähr seit einem Monat immer dasselbe. Jeder neue Tag begann mit Tränen. Andere Menschen machten Gymnastik. Ich heulte. Nichts Dramatisches, keine herzzerreißenden Schluchzer. Nur stille und unerbittliche Tränen. Sie ließen einfach nicht von mir ab. Zum Glück dauerte es nicht lange.
Nach ein paar Minuten war’s vorbei. Ich wischte mir mit der Hand übers Gesicht und stand auf. Immerhin war heute der Tag, an dem ich endlich etwas dagegen unternehmen wollte. Mindestens eine der beiden Personen, denen ich von meinem Vorhaben erzählt hatte, hielt mich für verrückt. Ich habe nie behauptet, es nicht zu sein – allerdings bin ich auch nicht verrückter als andere. Solange wir Berichte von schweren Unruhen frühstücken und vor dem Zubettgehen Bilder nationaler Katastrophen wie Schlaftabletten zu uns nehmen, soll mich niemand für nicht ganz richtig im Kopf erklären.
Ich ließ mir eine Badewanne ein und legte mich hinein, als wäre Waschen kein rein physisches Ritual. Heile mich, heiliges Wasser, und bereite mich auf die Dinge vor, die da kommen mögen. Ich glaube nicht, dass es funktionierte, aber das heiße Wasser tat meinem Kopf gut. Während ich den Whisky ausschwitzte, ging der Pesthauch meiner Gedanken in den aufsteigenden Wasserdampf über und hob sich wie ein Nebelschleier.
Vielleicht hatte Brian doch ein bisschen recht. Ich war zwar nicht verrückt, aber möglicherweise dumm. Wir hatten eine Leiche. Aber hatten wir auch ein Verbrechen? Wenn ja, dann keins, das sich in den Gesetzbüchern fand. Andererseits glaube ich sowieso nicht so richtig an die Bücher. Mr Bumble hat sich geirrt. Das Gesetz ist kein Esel. Viel schlimmer. Das Gesetz ist ein hinterhältiges Arschloch. Es weiß genau, was es tut, keine Angst. Es wurde extra so angelegt.
Ich habe oft genug mitbekommen, wie das funktioniert – die Verwirrung des Beschuldigten wächst, während sich das juristische Possenspiel um ihn herum entfaltet. Man kann sehen, wie sein Blick trübe wird, Panik ihn überfällt und er schließlich kapituliert. Er kann seine vermeintliche Tat nicht mehr erkennen. Nur die anderen wissen noch, wovon die Rede ist. Es ist ihr Spiel. Und er ist der Ball.
Ich war bei Verhandlungen, bei denen ich den Angeklagten auf die Bank gesetzt hatte und schon nach fünfzehn Minuten am liebsten aufgestanden wäre, um das Wort zu seiner Verteidigung zu ergreifen. »Hört mal«, hatte ich schreien wollen, »ich habe diesen Mann auf der Straße gefasst, wo er lebt. Wart ihr da überhaupt schon mal?« Aber sie fuhren mit ihrer Privatparty fort, lauschten Präzedenzfällen wie Lieblingssongs, übten sich in Wortspielereien, spendeten sich gegenseitig Beifall. Ab und zu wurde inmitten des Kauderwelsch die Stimme des Beschuldigten vernehmbar, leise, sehnsüchtig und meist seltsam, wie eine mit schottischem Akzent vorgetragene lateinische Rede. Erbärmliches menschliches Fleisch, gebrechlich und voller Sommersprossen, lugte durch einen Riss im Hermelin gewand und wurde schnell wieder verdeckt. Wer stört hier unser kleines Moralitätenspiel? Der Kerl kennt nicht mal den Text.
Diese Richter, dachte ich, während das Wasser abkühlte. Ich erledige einen Großteil meines Nachdenkens in der Badewanne. Vielleicht gehörte das zu den Vorteilen einer Mietwohnung ohne Dusche. Richter aber waren der wirklichen Welt so nahe wie der Dalai-Lama. Sie hatten kaum Ahnung von der alltäglichen Tretmühle der Menschen, über die zu urteilen sie sich anmaßten, von einer verständnisvollen Einsicht ins menschliche Herz ganz zu schweigen. Ein ums andere Mal donnerte eine gereizte Stimme vom Olymp und stellte eine Frage, die fassungslos machte: »Ein Transistor? Was genau meinen Sie damit?«
»UB40? Ist das eine naturwissenschaftliche Formel?«
»Keine naturwissenschaftliche, Euer Ehren. Eine amtliche. Ein Antragsformular auf Arbeitslosenhilfe.«
»Ein Antrag auf Arbeitslosenhilfe? Und was soll das sein?«
Wenn man ihrem Klub beitreten wollte, musste man dann sein Gehirn am Eingang abgeben? Welche seltsamen, in Port getränkten und Vorurteilen marinierten Köpfe steckten unter diesen Perücken?
»Anwälte«, sagte ich zur Badezimmerdecke. Wer kann ihnen vertrauen? Sie stopfen sich Verbrechen in die Brieftaschen und erklären sich selbst zu Säulen der Gesellschaft. Ihre Honorare sind der reinste Steuerbetrug, aber wer wollte sie drankriegen, wenn nicht sie selbst? »Ein ausgezeichneter Anwalt« war eine Formulierung, die ich oft zu hören bekam. Das war zutreffend, wenn nicht mehr gemeint war als Geschick bei juristischen Spielchen. Aber was bedeutete sie wirklich? Intelligenz ist ein geschlossener Schaltkreis. Und sollte auf keinen Fall einer bleiben. Holt man Anwälte von der Bühne, die der Gerichtssaal für sie ist, wissen viele von ihnen Tränen nicht mehr von Regen zu unterscheiden.
Man kann wohl sagen, dass ich mir in Bezug auf meinen Job allmählich keine Illusionen mehr machte. Ich stieg aus der Wanne und zog den Stöpsel, wischte jede Andeutung einer Gezeitenmarke weg, noch während das Wasser abfloss. Die Technik hatte ich mir angeeignet, seit ich alleine wohnte. Dadurch war die Wanne leichter zu reinigen. (Laidlaws praktische Haushaltstipps für alleinstehende Männer: Erste Auflage in Vorbereitung.)
Ich trocknete mich ab. Nackt wie ich war, missfiel mir mein zunehmend schwabbeliger Bauch. Mit Klamotten war’s nicht so schlimm. Außerdem zog man ihn sowieso meist ein, zwängte sich in ein Korsett der Eitelkeit. Im Badezimmer betrachtete ich meinen Nabel und fand ihn größer, als mir lieb war. Ach, die gute alte Zeit, als ich noch ein Haus verschlingen und eine Brauerei trinken konnte und mein Bauch trotzdem einem unverbiegbaren Brett glich.
Andeutungen von Sterblichkeit wölbten sich unter dem Handtuch hervor. Früher schien ich für die Ewigkeit gemacht. Früher spielte früher kaum eine Rolle. Mein Leben war ein unentdeckter Kontinent und ich der einzige Forschungsreisende. Und was hatte ich gefunden? Äh, na ja, das Leben ist … durcheinander. Gebt mir noch ein paar Jahre, dann komme ich dahinter. Aber wie viele Jahre habe ich noch? Neuerdings vergingen sie so schnell. Als würde man kurz innehalten, eine Sicherung reparieren und eh man sichs versah, war schon wieder ein Jahr vorbei.
Ich erinnere mich, irgendwo eine Theorie darüber gelesen zu haben, warum die Zeit schneller vergeht, je älter man wird. Im Kern lautete sie folgendermaßen: wenn man zehn ist, ist ein Jahr ein Zehntel des eigenen Lebens; ist man vierzig, ist ein Jahr ein Vierzigstel des eigenen Lebens. Und ein Vierzigstel ist viel weniger als ein Zehntel. Ich war über vierzig. Die Stellen hinter dem Komma auszurechnen war mir zu mühsam. Aber das Prinzip leuchtete mir ein.
Trotzdem war es seltsam. Das Bewusstsein meiner Sterblichkeit gab mir Auftrieb. Ein psychischer Adrenalinschub durchzuckte mich und verjagte die letzten verbliebenen Nebelschwaden aus meinem Kopf. Wenn man seinen Erfahrungen treu bleibt, braucht man das Alter nicht fürchten. Es bringt einen dem Verstehen näher. Und das hatte ich immer gewollt. Mal sehen, ob es mir glücken würde.
Ich zog eine frische Unterhose an. Es fängt im Kleinen an … ich legte eine neue Klinge in den Rasierer. Drückte Schaum aus der Dose in die Hand. Seifte meine Wangen ein, mein Kinn, meine Oberlippe. Den Schnurrbart von neulich hatte ich wieder abgeschafft. Man hatte mir den Polizisten damit zu deutlich angesehen – er gehörte zum Standard, wie der Dienstausweis. Ich blickte in den schmalen runden Spiegel wie in ein Bullauge und ein schwimmendes, weißbärtiges Gesicht starrte zurück. Hoffentlich würde ich auch die entsprechende Weisheit besitzen, wenn ich erst einmal so alt war, wie ich aussah.
Als ich meinem verschwommenen Gesicht mit der Klinge Kontur gab, rückte mit meinem Kinn auch das Bevorstehende in den Blick. Ich hatte eine Woche. Ein Monat war vergangen, seit etwas sehr Schlimmes passiert war, und die Zeit hatte ich gebraucht, um mir diese Woche vom Polizeidienst freizunehmen, zumindest vom offiziellen. Ich hatte mir meinen Arbeitsurlaub verdient.
Ich wollte ermitteln, aber auf meine Art. Seit meinen Anfängen bei der Glasgower Polizei hatten mich meine Vorgesetzten einhellig als »eigenbrötlerisch« bezeichnet, als hätten sie es aus meiner Akte abgelesen. Fast war es zu einer Ergänzung meines Rangs geworden. Jack Laidlaw, Eigenbrötler. Na ja, sie hatten recht. Ich bin ein Eigenbrötler. Ihnen war gar nicht klar, wie sehr. Wenn ich schon für Anwälte nicht viel übrighatte, dann für Polizisten noch weniger. Seit Jahren arbeitete ich gegen mein innerstes Wesen an.
Wie oft hatte ich das Gefühl, den Falschen zu dienen? Wie oft den Eindruck, die schlimmsten Ungerechtigkeiten entsprangen nicht persönlichen, sondern institutionellen, finanziellen oder politischen Umständen? Das Verbrechen hinter dem Verbrechen hatte mich schon immer fasziniert, das unantastbare Netz aus legal verankerter sozialer Ungerechtigkeit, auf die der jeweilige Fall kraftlos verweist.
Ein Pariser Graffiti hatte einmal gelautet: »Zeigt man mit dem Finger auf den Mond, sieht der Trottel nur den Finger.« Vielleicht hatte ich jetzt lange genug auf den Finger geschaut.
Meine Ausflüchte ruhten, meine persönlichen Harpyien verdarben mir mein Selbstwertgefühl und machten sich über meine bisherige Tätigkeit lustig. Wenn ich schon Detective war, dann wollte ich jetzt endlich etwas aufdecken. Es wurde Zeit, einen Gang höher zu schalten und das Beste aus meinen Fähigkeiten zu machen.
Denn ich war mit einem Tod konfrontiert, den ich begreifen musste. Ein Fall, dem ich zwar mit polizeilichen Methoden nachgehen konnte, nicht aber in polizeilichem Auftrag. Ermittler, ermittle gegen dich selbst. Ein Mensch war tot. Einer, den ich vermutlich mehr geliebt hatte als irgendjemanden sonst.
Niemand hatte von einem »Verbrechen« gesprochen. Aber sein Sterben schien mir ungerecht, vor Sinnlosigkeit strotzend, wie ich es selten erlebt hatte. Und ich hatte viel erlebt. Dieser Mensch hatte voller Potenzial gesteckt, war so lebendig gewesen und hatte seinen sinnlosen – sind sie das nicht alle? – Tod so wenig verdient. Das wusste ich.
Und ich musste es wissen. Er war mein Bruder.
Es klingelte an der Tür. Das Geräusch veränderte die Bedeutung meiner Gedanken. Sich psychisch zu wappnen und damit zu drohen, eigene Erfahrungen mental zu verrechnen, ist das eine. Geistige Selbstbeweihräucherung aber in Geschehen umzusetzen, die Intensität der eigenen Gefühle gegen die Fakten anzuführen und abzuwarten, was sich daraus ergibt, ist etwas ganz anderes. Ähnlich wie der Unterschied zwischen einem Trainings- und einem Meisterschaftskampf. Der Gong verkündet: »Ring frei!« Du bist auf dich allein gestellt. Die Nähe einer anderen Person verdeutlicht dies nur.
Ich latschte barfuß mit Rasierschaum an den Ohren und auf der Oberlippe zur Tür. Dabei überfiel mich eine kleine Offenbarung: die Welt ist gefährlich. So leben wir heutzutage. Die von mir gemietete Wohnung befand sich in einem alten sanierten Wohnblock. Als er gebaut wurde, konnte jeder das Haus von der Straße durch die Tür betreten. Jetzt war das anders. Die Haustür unten war verschlossen. Man musste auf eine Klingel drücken. Jemand musste einen Hörer abnehmen. Wurde man erkannt, ertönte der Summer. Man trat ein und ging zur Wohnungstür. Ließ sich durch einen Spion betrachten. Bestand man den Test, ging die Tür auf.
Es war ein Wohnblock am Rande von Glasgow, nicht das Schloss von Otranto. Wer hier lebte, besaß nicht viel, das zu stehlen sich lohnte. Vielleicht einen Videorekorder. Wir hatten Angst vor uns selbst. Es gab mal eine Zeit, in der Männer und Frauen stolz waren, jemandem die Tür zu öffnen. Was war mit uns geschehen?
War das relevant für den Tod meines Bruders? Mir kam es vor, als sei möglicherweise alles relevant. Ich legte meine Hand aufs Telefon. Herein, fremde Welt. Ich werde dich genauer im Auge behalten als je zuvor. Dann nahm ich den Hörer ab.
2
»HALLO?«
»Hallo, Jack?«
Brian Harkness. Wer sollte es sonst so früh am Morgen sein? Mein Zustand in letzter Zeit hatte den Sozialarbeiter in Brian geweckt.
»Alles klar, Brian.«
Ich drückte auf den Summer und machte auf. Als Brian eintrat und die Tür ins Schloss fiel, rasierte ich mich noch. Er kam ins Bad und setzte sich auf den Wannenrand.
»Na, Brian.«
»Jack.«
Er betrachtete mich mit einem Blick, an dem eigentlich ein Stethoskop hätte hängen müssen.
»Wie geht’s?«, fragte er. »Warst du wieder drauf?«
»Sprich Klartext.«
»Hast du wieder gesoffen?«
»Brian. Ich bekomme Alkohol auf Rezept.«
Witzig-kluge Bemerkungen: Die Balancierstange, mit der wir über das Drahtseil tanzen. Ich spülte mir die Seife aus dem Gesicht.
»Mein Gott, ich mache mir Sorgen. Was tust du dir an? Niemand weiß, wo du bist. Im Dezernat bist du so beliebt wie ein Frettchen im Kaninchenstall. Wir sehen dich nur noch im Dienst. Dann verschwindest du. Hierher?«
Er sah sich um. Ich trocknete mir das Gesicht ab.
»Brian«, sagte ich. »Warum trägst du kein Blümchenkleid?«
»Was?«
»Wenn du die Rolle meiner Mutter übernehmen möchtest, solltest du dich entsprechend kleiden.«
»Halt die Klappe und hör mir einmal im Leben zu, ja?«
»Meine Mama hat nie so mit mir gesprochen. Die Zeiten ändern sich.«
»Jack, du musst dich zusammenreißen.«
»Das hat sie allerdings auch gesagt. Wenn du wirklich meine Mutter sein willst, dann mach uns was zu essen. Ich zieh mich an.«
Er starrte, wie Angehörige von Krankenhauspatienten diese manchmal anstarren, wenn sie sich unbeobachtet fühlen. Aber ich bin nicht umsonst Detective. Seiner Miene konnte ich entnehmen, dass er sich fragte, ob der Patient wusste, wie schlimm es um ihn stand. Kopfschüttelnd ging er in die Küche.
Ich war froh, dass er sich zunächst verzog. Dadurch ließ der Druck nach. In Wirklichkeit fühlte ich mich meiner selbst nicht besonders sicher. Während ich mir das feuchte, verstrubbelte Haar kämmte, nahm ich irgendwie verzögert wahr, was er gesagt hatte, seine nachvollziehbaren Bedenken, seine berechtigten Einwände. Die verknoteten Haare ziepten und ein paar blieben im Kamm hängen, aber ich vermisste sie nicht. Wenigstens war mir mein Haar geblieben. Es war so dicht wie eh und je und frei von Grau. Aber wenn es mir ins Gedächtnis rief, wer ich einmal war, was sonst vermochte dies zu tun?
Brian hatte recht. Mein Leben war ein entsetzliches Durcheinander. Miguel de Unamuno hatte etwas geschrieben, das auf mich zutraf. Wenn es mir nur wieder eingefallen wäre. Ich las eine ganze Menge Philosophie, fast schon fieberhaft, wie einer der kurz vor dem Eintreffen des Henkers noch verzweifelt die versteckte Eisensäge sucht. Unamuno hatte die Behauptung aufgestellt: Wenn ein Mensch das Gefühl für seine eigene Kontinuität verliert, dann war’s das. Er hat’s verkackt und ist im Arsch. Tut mir leid, Miguel, wenn das nicht korrekt zitiert war.
So ging es mir. Ich hatte das Gefühl für meine Kontinuität verloren. Ich improvisierte mich von einem Tag auf den anderen. Ich wusste nicht mehr, wer ich war. Das Leben, das ich zu konstruieren geglaubt hatte, war in sich zusammengefallen. Zum Beispiel meine Familie. Ich hatte sie immer für das Zentrum meines Lebens gehalten. Jetzt war ich unwiderruflich von Ena getrennt und sah meine Kinder nur noch nach terminlicher Absprache. Meine Beziehung zu Jan befand sich in einem sinnlichen Schwebezustand – ein frei dahintreibendes Bett, das in keinerlei sozialer Struktur verankert war. Mir war nicht klar, was ich ihr über den Liebesakt hinaus zu bieten hatte. Ich lebte von einem Job, an dem ich täglich zweifelte. Und gerade als ich glaubte unterzugehen, und jede noch so kleine Bestätigung der Sinnhaftigkeit des Lebens hätte gebrauchen können, war mein Bruder, der in meinen schlimmsten Zeiten wichtiger für mich gewesen war als ich selbst, vor ein Auto gelaufen. Zufall. Oder nicht?
Irgendetwas in mir musste glauben, dass es keiner war. Ich wollte aber auch nicht behaupten, er hätte sich selbst umgebracht. Also was wollte ich behaupten? Ich weiß es nicht. Vielleicht hatte ich Schuldgefühle. Jedes Mal, wenn eine von mir geliebte Person starb, hatte ich mich schuldig gefühlt. Ich hatte nie genug Zeit mit demjenigen verbracht, ihn nie genug geschätzt, als er noch am Leben war, ihm nie genug gegeben.
Aber die Schuld, so glaubte ich seltsamerweise, lag nicht nur bei mir.
In dieser Hinsicht war ich seit jeher großzügig. Ich wollte immer so viele Menschen wie möglich, einschließlich mich selbst, in jeden einzelnen Fall verstricken, in dem ich zu ermitteln hatte. Wenn es nach mir ginge, säße die gesamte Weltbevölkerung auf der Anklage bank. Wir würden alle aussagen, unsere traurigen Geschichten erzäh len. Und dann gäbe es einen massenhaften Freispruch, wir würden alle fortgehen und es noch einmal versuchen. (Aber verraten Sie meinem Vorgesetzten beim Crime Squad nicht, dass ich das gesagt habe.)
Scott, mein toter Bruder, war inzwischen zum Zentrum dieses manischen Gefühls geworden, das ich so lange unterdrückt hatte. Ich wollte unbedingt, dass sein Tod mehr bedeutete, als es den Anschein hatte. Wenn der Reichtum seines Lebens am Nummernschild eines zufällig herannahenden Wagens enden konnte und es das gewesen war, dann war ich bereit, den Laden meiner Überzeugungen dichtzumachen und mein Verständnis von Moral am Ausgang abzugeben. Die Welt war ein Bingo-Stand.
Aber das wollte ich nicht. Ich brauchte Scott im Tod genauso wie im Leben. Ich brauchte ein sinnhaftes Wiedersehen zwischen uns.
Als ich sah, dass Brian in der Tür stand und mich beobachtete, hörte ich auf so zu tun, als würde ich das Badezimmer aufräumen. Er tarnte den Überwachungsversuch mit Konversation.
»Wie soll ich was zu essen machen?«, fragte er. »Womit denn, bitte schön? Dein Kühlschrank könnte in einem Schaufenster stehen. Es ist absolut nichts drin. Was soll ich kochen? Suppe aus Fenstervorhängen? Ich hab den Teekessel aufgesetzt. Wenigstens Wasser hast du noch, soweit ich gesehen habe.«
»Ich führe ein genügsames Leben, Brian.«
»Genügsam? Du bist eine Ein-Mann-Hungerkatastrophe.«
»Eier«, sagte ich.
»Stimmt. Vier Eier in einer Plastikpackung. Das ist alles.«
»Dann koch sie. Und mach Toast. Für jeden zwei, dazu Kaffee.«
»Dein Brot hat Ähnlichkeit mit Badezimmerfliesen.«
»Getoastet merkt man’s gar nicht.«
»Okay, Egon.«
Während er in der Küche ein Feinschmeckerfrühstück zauberte, ging ich ins Schlafzimmer. Ich zog mich an und legte meine schwarze Lederjacke aufs Bett – ein vielseitiges Kleidungsstück, auf einer Cocktailparty war man damit ebenso gut angezogen wie auf der Hunderennbahn. Ich wusste nicht, wohin es mich verschlagen würde. Im Schrank fand ich die Reisetasche. Was sollte ich reintun, das war die Frage. Wenn’s ums Packen geht, bin ich ein hoffnungsloser Fall. Normalerweise schiebe ich es bis zur allerletzten Minute auf, nur um eine Ausrede zu haben, falls es schiefgeht.
Ich wollte circa eine Woche weg. Im Schrank hingen fünf saubere Hemden, die ich aufgehängt hatte, weil ich kein Bügeleisen besaß. Gott segne den Trockner. Aber es bedeutete, dass ich mir jetzt überlegen musste, wie ich sie zusammenlegte. Erst mal alle zuknöpfen, dann mit der Vorderseite nach unten aufs Bett legen, jeweils an der Schulter einschlagen, die Ärmel umklappen, den Rest zusammenfalten, und schon stand man vor einem tadellos ordentlichen Objekt. (Rubrik Privates: Haushaltshilfe gesucht, alle Tätigkeiten.)
Fünf Hemden müssten reichen, außerdem das, welches ich anhatte, jedenfalls wenn ich noch zwei Pullover einsteckte, mit denen ich Schmutzränder am Kragen verstecken konnte, sollte sich dies als notwendig erweisen. Ich packte alles ein, wovon ich dachte, dass ich es gebrauchen könnte, und hielt mich dabei an Laidlaws unfehlbare Packerregel: vom Kopf bis zu den Füßen, alles zwei Mal überprüfen. Ein zweites Paar Schuhe hatte ich vergessen. Ich packte sie ein. Okay. Schuhe. Sieben Paar Socken. Sieben Unterhosen, ungebügelt. Fünf Hemden. Zwei T-Shirts für unter den Rollkragenpullover, falls sich herausstellen sollte, dass die Hemden am zweiten Tag nicht mehr tragbar waren. Zwei Krawatten, sollte förmliche Garderobe gefragt sein. Zwei Extrahosen, geschickt eingerollt, um Knitterfalten zu vermeiden. Ein Jackett.
Der Kulturbeutel. Ich ging ins Badezimmer und steckte alles, was ich brauchte, hinein, kam damit zurück und packte ihn ein. Die Reisetasche sah nicht gut aus. Sie beulte sich tumorartig an mehreren Stellen aus. Aber der Reißverschluss ging zu. Ich fand meine Migränetabletten und stopfte sie in eine der Seitentaschen. Sankt Georg war bereit.
Brian auch. Wir setzten uns an den Tisch am Fenster und frühstückten. Sah aus, als sollte es ein schöner Tag werden. Ich hatte keinen Regenmantel eingepackt.
»Der Toast ist anstrengend«, behauptete Brian. »So was sollte man nur in Gruppen essen. Für einen ist das zu viel, man braucht eine ganze Kaumannschaft.«
»Ich mag ihn so. Man hat mehr davon, schiebt sich sein Essen nicht einfach in den Mund und schluckt es herunter. Der Toast fordert Aufmerksamkeit.«
Aber ich wusste, unser varietéreifes Geplänkel ließ sich nicht ewig fortsetzen. Die Darsteller der Hauptvorstellung warteten schon hinter den Kulissen.
»Jack, was hoffst du zu beweisen?«
»Was ich damit beweisen kann.«
»Ganz toll. Komm schon, Jack. Scott ist tot. Er wurde überfahren. Er war betrunken. Gibst du dem Fahrer die Schuld?«
»Natürlich gebe ich nicht dem Fahrer die Schuld, Brian, werd endlich erwachsen. Wieso sollte ich dem Fahrer die Schuld geben?«
»Worum geht es dir dann? Willst du den Verkehr verklagen?«
»Ich will einfach dahinterkommen. In meiner Freizeit. Wem schade ich damit?«
»Dir selbst, würde ich sagen.«
»Egal. Was hast du heute vor?«, fragte ich und wechselte den Kurs.
»Mit Bob Lilley arbeiten. Sein Partner hat auch gerade frei. Aber nicht aus Gründen der Unzurechnungsfähigkeit.«
»Aha. Steht was an?«
»Nicht weit vom Fluss wurde eine Leiche gefunden. Gegenüber der Rotunda. Noch nicht identifiziert. Mit einem Strick um den Hals.«
Die Rotunda war ein altes, frisch saniertes Gebäude, das jetzt ein angesagtes Speiselokal beherbergte, ein Symbol des neuen Glasgow.
Auf der anderen Seite des Clyde befanden sich die heruntergekommenen Gegenden, in denen die Industrie vor sich hin krepierte. Ich dachte an die in hell erleuchteten Räumen Trinkenden und Speisenden und den Toten, verlassen in der Dunkelheit auf der anderen Seite des Wassers, dort, wohin das Licht nicht reichte. Vielleicht war es meiner Stimmung geschuldet, aber die Gegenüberstellung dieser beiden Bilder erschien mir wie ein Wappen unserer Zeit. Motto: Lebet in Saus und Braus und kümmert euch einen Scheiß um die anderen.
»Laut vorläufiger Einschätzung war er süchtig. Bob hat den Bericht. Anscheinend hat er sich kürzlich erst den Arm gebrochen. Und so wie’s aussieht, haben sie ihm auch ordentlich zugesetzt, bevor er getötet wurde. Sämtliche Finger sind gebrochen.«
»Ich glaube, meine Eier sind gerade schlecht geworden«, sagte ich. »Kompliment an den Koch. Wenn du ihn nur bitten würdest, das nächste Mal beim Essen die Klappe zu halten.«
Wir räumten die traurigen Reste der Mahlzeit auf und Brian bestand darauf, dass wir abspülten.
»Die Bude hier ist so schon deprimierend genug«, sagte er. »Wenn noch ein Berg schmutziges Geschirr dazukommt, steckst du demnächst den Kopf in den Ofen.«
»Ist Elektro.«
»Dann brutzelst du dich eben in der Pfanne zu Tode.«
»Hab gar nicht gemerkt, wie spät es ist«, sagte ich, als ich das Küchenhandtuch aufhängte. Bald würde ich es waschen müssen. Allmählich machte ich das nasse Geschirr damit schmutziger. »Ich bin später aufgestanden als geplant. Jan müsste bald hier sein.«
»Jan kommt?«
»Ich dachte, wir gehen ins Lock und essen was zu Mittag. Dann bringt sie mich zum Bahnhof.«
»Zu welchem?«
»Central Station.«
Brian hob abwehrend die Hand.
»Schweig, das genügt«, sagte er. Er nahm die Hand ans Kinn wie Sherlock auf einem alten Druck und zeigte mit dem Finger auf mich. »Graithnock.«
»Mein Gott, du bist gut«, sagte ich. »Da hat Scott gewohnt.«
»Rückkehr zum Schauplatz des Verbrechens. Nur dass es kein Verbrechen gibt.« Er war freundlich zu meinem Schweigen, erfüllte es mit Worten. »Dann kommt Jan also?«
»So war’s gedacht. Ein Abschiedsessen, bevor ich mich ins Hinterland begebe.«
»Wie soll’s mit euch beiden weitergehen?«
»Ach, sie ist toll«, sagte ich. »Was für eine fantastische Frau.«
»Danach hab ich nicht gefragt.«
»Brian. Ich stecke so tief in der Scheiße, dass ich damit ganz Russland düngen könnte. Woher soll ich wissen, was später wird? Ich weiß, dass ich sie liebe. Was auch immer das bedeutet. Aber was ich damit anfange, muss ich erst noch herausfinden. Leg deine Frage auf Eis.«
»Jedenfalls hab ich ein Problem«, sagte er, »wenn Jan kommt. Ich wollte dir meinen Wagen geben.«
»Du brauchst ihn doch.«
»Ich nehme den von Morag. Sie kann sowieso nicht mehr fahren, so weit wie sie ist. Sie würde vom Rücksitz aus lenken müssen.«
Morag war im achten Monat schwanger. Es war ihr Zweites. Stephanie war fünfzehn Monate alt. Trödeln war nicht ihr Ding.
»Sicher?«
»Ich werde mir vorkommen wie in einem Autoskooter, aber schon okay.«
»Hey, danke. Das hilft sehr. Bist ja doch nicht so unausstehlich, wie ich dachte.«
»Hab eine Schwäche für Verrückte. Du hättest Ena nicht den Wagen überlassen sollen.«
»Sie hat ihn dringender gebraucht als ich. Wegen der Kinder.«
»Aber wie komme ich jetzt nach Hause? Ich hatte gehofft, du könntest mich fahren.«
»Mach ich.«
»Aber du triffst dich doch mit Jan.«
»Dann kommst du eben mit.«
»Oh nein, das ist zu intim.«
»Brian, wir gehen mittagessen, nicht ins Kino in die letzte Reihe. Wir sind inzwischen wohlerzogene Erwachsene, mein Kleiner. Ich denke, das kriegen wir hin.«
Während wir auf Jan warteten, fragte mich Brian nach Ena und den Kindern. Ich hatte sie am Vortag gesehen, am Sonntag, dem Tag des Kindes, dem Sabbat der Agnostiker, an dem überall in der westlichen Welt abtrünnige Väter flüchtige Blicke auf das Einzige werfen, woran sie in ihrer Ehe noch glauben. Sie bringen Aufnahmeanträge für Sportvereine, schlecht sitzende Kleidung und Bücher mit, die niemals gelesen werden.
Ich war einer von ihnen. Die Vorstellung deprimierte mich. Wie würde das in ein paar Jahren aussehen? Wenn ich nicht an einem Samstag starb, verloren sie einen Fremden. Durch diese Überlegungen versehrt, wandte ich mich ab. Ich war auf einen anderen schlimmen Gedanken gestoßen. Ein zu großer Teil meines geistigen Mobiliars schien heutzutage aus Verzweiflung gezimmert.
Als Jan hupte, war ich froh. Ich nahm meine Reisetasche für voraussichtlich eine Woche, und Brian und ich traten hinaus ins grelle Sonnenlicht. Brian winkte Jan, hob die Hände und nickte in meine Richtung. Übersetzt hieß das: »Er ist schuld.« Sie lächelte. Ihr Lächeln war eine wunderschöne Absolution.
Im Wagen küssten wir uns, Jan und ich, nichts Heißes, vergewisserten uns nur kurz, ob das Kontrolllämpchen noch brannte. Nachdem sie angefahren war, sah sie in den Rückspiegel.
»Er fährt uns hinterher«, sagte ich. »Er kommt mit.«
»Meinst du, dass du Unterstützung brauchst?«
»Brian borgt mir seinen Wagen. Ich muss ihn nach Hause bringen. Was hätte ich sonst…«
»Jack.« Sie verstand es, einen mit dem eigenen Namen zu streicheln. »War nur Spaß, okay? Hauptsache wir haben überhaupt ein bisschen Zeit zum Reden.«
Bei ihrer Stimme und ihrem Duft regten sich Hormone in mir, wurden unruhig und dachten: Okay, vielleicht werden wir hier doch noch gebraucht.
Immer wenn man glaubt, man sei schon tot, kitzelt einen das Leben an den Füßen.
3
WO KOMMEN SIE HER, DIESE ZEITEN? Vor Personen haben sie keinen Respekt. Du hast entschieden, dass ein Tag einfach nur schlimm ist. Ihn in den tristesten Grautönen gemalt, und plötzlich blendet er dich mit Farben, von denen du gar nicht wusstest, dass es sie gibt. Und lockt dich in einen Hinterhalt aus Freude. So war das im Lock 27.
Wir aßen draußen an Holztischen. Ein Ort, der Jan und mir schon ein paar Mal etwas bedeutet hatte, träge Getränke und lange Gespräche, die über gewundene Umwege ins Bett führten, zwischendurch pflückten wir hier und da in unseren unterschiedlichen Vergangenheiten ein Blümchen, und ihr Mund verwandelte sich in einen unglaublichen Organismus, so exotisch wie eine Seeanemone. Ich verliebte mich vorübergehend unsterblich in ihr linkes Ohrläppchen. Solche Zeiten.
Heute gab es die Orchesterfassung von allem zusammen. Die Einzelheiten, die diese Wirkung erzielten, schienen für sich genommen gar nicht so überwältigend. Aber die Noten zu Solveigs Song sehen auch nicht nach viel aus, zumindest nicht in meinen Augen. (Ein Lehrer in der Schule hat sie mir einmal gezeigt.) Gehört, lässt die Musik einen schmelzen.
Jan und Brian teilten sich eine Flasche Weißwein. Ich blieb beim Perrier, weil ich noch eine gewisse Strecke fahren wollte. Wir aßen. Redeten. Das war’s.
Aber da draußen war der Mai, legte Spuren aus Duft in die Luft wie Geheimnisse, denen man auf den Grund gehen möchte, bis sie einen unter sich begraben. Das Sonnenlicht prahlte mit dem Kanal–schaut mal, was ich mit Wasser anstellen kann – und ein junges Pärchen mit Kind ging am Ufer auf und ab, Leute redeten und lachten, man hatte das Gefühl, gar keiner so schlechten Spezies anzugehören, und ich dachte, was für ein tolles Spiel wir hier spielten. Am liebsten hätte ich es eingerahmt. So kann es bleiben.
Nachdem mich Jan und Brian während des Essens feinfühlig wegen meiner unzureichenden Begabung im Alleineleben aufgezogen hatten (Scott wurde nicht erwähnt), bestand Brian darauf zu bezahlen und sich die Beine am Kanal zu vertreten.
»Weißt du, was du tust?«, fragte Jan.
»Ich glaube schon.«
»Wär mal was Neues.«
»Ach komm, Jan. Du nicht auch noch.«
»Ich vor allen anderen.«
Ihr Gesicht befand sich im Sonnenlicht und ihrem durchdringenden Blick war nicht leicht standzuhalten. Sie sah aus, als könnte sie, wie es so schön heißt, ›das Tun der Menschen ganz durchschauen‹. In meinem Fall muss ihr das leichtfallen, dachte ich. Es gab genügend Bekenntnisse, auf die sie sich hätte beziehen können. Aber sie widersprach mir.
»Wer bist du überhaupt? Ich kenne dich immer noch nicht. Ich dachte es. Aber in letzter Zeit komme ich mir vor, als würde ich jemanden in einer Menschenmenge suchen. Bis ich den Arm gepackt habe, von dem ich glaube, dass es deiner ist, stellt sich heraus, dass er einem anderen gehört. Das liegt nicht nur an Scotts Tod. Das war vorher auch schon so. Aber jetzt ist es schlimmer geworden. Zum Beispiel das, was du jetzt vorhast. Was hat dich dazu gebracht?«
»Die Beerdigung, denke ich.«
»Die Beerdigung?«
»Ich glaube, ja. Es gibt keine guten, Jan. Aber das war die schlimmste. Scott war nicht anwesend. Hör auf zu grinsen. Ich habe nicht damit gerechnet, dass er mit den Trauergästen hereinspaziert kommt. Ich meine, ich habe ihn nicht unter den Trauernden gespürt. Außer vielleicht bei David und Alan. Die Kinder wussten nicht, was los war. Aber zumindest ihr Entsetzen war echt. Und Anna war natürlich verletzt. Aber mein Gott, sie war so kalt. Weißt du, hinterher gab es nichts. Nichts. Kein Würstchen im Schlafrock, keine einzige Tasse Tee. Wir standen ein paar Minuten vor dem Krematorium her um. Fremde, die sich anschauen, als sei der Gastgeber nicht erschienen. Scotts Direktor hat mit mir gesprochen. »Sie müssen der Bruder sein. Er war ein guter Lehrer.« Ein guter Lehrer? Schieb es dir in den Arsch. Er war sehr viel mehr als nur ein guter Lehrer. Und außerdem wissen wir alle, dass er zum Schluss auch gar kein so guter Lehrer mehr war. Nur warum, wissen wir nicht. Keiner von uns hatte eine Ahnung. ›Gut.‹ Das Wort regt mich auf. Das ist keine persönliche Reaktion. Das ist ein Kästchen auf einem Fragebogen. Mangelhaft, gut, ausgezeichnet. Zutreffendes bitte ankreuzen. Ein paar andere haben auch noch mit mir gesprochen. Ein gewisser John Strachan zum Beispiel. Mit ihm muss ich vor allem reden. Damals war ich zu benommen. Wir sind alle in die Autos gestiegen und weggefahren. Hätte auch ein Fußballspiel gewesen sein können.«
»Jack, das ist nun mal so.«
»Aber so begräbt man keinen Hund, Jan. So begräbt man nicht meinen Bruder. Das steht fest. Ich mag zu dem Zeitpunkt betäubt gewesen sein, aber sogar da war mir klar, das reicht nicht. Wussten die überhaupt, womit sie es zu tun haben? Er war ein toller Mensch, weißt du? Ich habe ihn gekannt, als er noch er selbst war. In seinem Kopf war mehr los als auf einem Ameisenhügel. Er hat gemalt. Hat versucht zu schreiben. Stand auf alles Mögliche. Er war achtunddreißig, als er starb. Wie zum Teufel konnte das passieren?«
»Es war ein Unfall.«
»Ich weiß, dass es ein Unfall war, Jan. Aber wo hat der Unfall angefangen? Das will ich rausbekommen. Mitten auf der Straße? Am Bordstein? Im Pub, bevor er rausgegangen ist? Damit, dass er zu viel getrunken hat? Mit den Gründen, wegen denen er zu viel getrunken hat? Wann hat der Unfall angefangen? Und warum? Wann hat das Leben meines Bruders seinen Sinn verloren? Sodass es jahrelang ziellos umhertrieb, bis er schließlich vor ein Auto lief? Warum? War um hat es sich verloren, bis wir’s unter dem Auto gefunden haben? Das will ich wissen, Jan. Warum kommen die Besten um und den Schlimmsten geht es prächtig? Ich will’s wissen.«
Und das obwohl ich beim Wasser geblieben war. Ich konnte von Glück sagen, dass ich keinen Whisky getrunken hatte. Wenige Minuten zuvor hatte ich noch ewig hier bleiben wollen. Jetzt war die Idylle zerstört. Mit meinen Worten hatte ich sie verregnet. Die Sonne schien noch, und die Menschen waren auch noch da, aber in meinen Augen sahen sie jetzt anders aus. Ich glaube, ich nahm es ihnen ein bisschen übel. Und ich glaube, Jan nahm es mir übel.
»Ich weiß nicht, wie lange noch, Jack«, sagte sie.
Die Bemerkung hätte überraschend kommen sollen. Aber Liebe hat eine eigene Grammatik. Unausgesprochene Sätze werden gewechselt und verstanden. Ich war nicht überrascht. Eine vertraute Furcht tauchte plötzlich im Sonnenlicht auf, wie eine Flosse in einer strahlend blauen Bucht.
»Ich hatte nie vor, mich in eine Bande Guerilleros zu verlieben. Du kannst nicht jeden Tag einen neuen Kampf aufnehmen. Gruppensex war noch nie mein Ding. Wenn wir uns lieben, ist das das Allerbeste. Aber abgesehen davon, wer bist du? Ich weiß nie, wer aus dem Bett steigt, ganz zu schweigen davon, wer sich zu mir legt. Ich brauche meinen eigenen Jack Laidlaw. Ich bin jetzt dreißig.«
In letzter Zeit hatte sie davon gesprochen, dass sie ein Kind wollte. Ich weiß, dass ich ihre erste Wahl als Vater war, aber auch nur die erste. Sie schien ein gewisses Potenzial in meinen Genen zu vermuten, mit dem richtigen Training, das ich offensichtlich nicht gehabt hatte, würde man es zum Vorschein bringen können. Die Scharfsichtigkeit von Frauen verblüffte mich. Sie können eine ganze Beziehung in ein Lächeln projizieren und eine Zukunft in eine einzige Umarmung. Sie können in einem Versprechen nisten, von dem man nicht einmal weiß, dass man es gegeben hat. Jan sah eine Zukunft für uns beide, aber wenn ich es nicht tat, dann sah sie eben eine für sich. Ich konnte ihren Impuls verstehen. Ich war nicht der Einzige, der in die Dunkelheit über dem Bett starrte und um mich herum das Alter wispern hörte. Jan hörte ihre eigenen düsteren Stimmen. Irgendwo in ihrem Inneren spürte sie hoffnungsvoll Nachwuchs auflodern, gesichtslos wie flammende Kerzen. Kam er nicht nach mir, kam er nach einem anderen. Aber ihr lief die Zeit davon. Tat sie das nicht immer, bei uns allen?
»Geh und nimm dir deine Woche«, sagte sie. »Wir sehen uns, wenn du wieder da bist.«
Fast hätte ich Worte zu meiner Verteidigung ergriffen, widerstand der Versuchung aber. Ich spürte, in welcher Richtung sie sich bewegte, möglicherweise von mir weg. Sie hatte aufgehört, im Hotel zu arbeiten, und führte jetzt gemeinsam mit zwei Freundinnen ein kleines Restaurant. Ihr Leben war geordnet und erfolgreich. Ich dagegen schien rückwärts zu streben. Manchmal hatte ich das Gefühl, zu Fuß unterwegs zu sein, während alle anderen fuhren. Als hätte mein Leben das Rad noch nicht erfunden. Vielleicht in dieser Woche. Immerhin würde Jan warten. Das Gericht hatte sich bis auf nächste Woche vertagt.
Brian wartete nicht weit entfernt und ich rief ihn. An ihrem Wagen verabschiedeten Jan und ich uns abwägend und sie sagte mir tonlos durch die Windschutzscheibe, dass sie mich liebte. Dann fuhr ich Brian nach Hause. Im Wagen redeten wir nicht viel. Draußen vor seinem Haus blieb er an der offenen Autotür stehen.
»Denk dran, Jack«, sagte er. »Polizisten dürfen sich noch weniger herausnehmen als Zivilisten. Mach keine Dummheiten, jedenfalls keine richtig dummen. Und bleib in Verbindung. Sei’s nur, um mir zu sagen, wie’s dem Wagen geht. Ich möchte von dir hören. Und vielleicht brauche ich auch deinen Rat bei unseren Ermittlungen.«
Eine vorbereitete Rede. Ich fand das rührend.
»Ich rufe alle paar Kilometer an«, sagte ich.
»Au ja. Und lass dir einen Tipp von einem guten Detective geben: Wenn du in einen fremden Wagen steigst, schau immer zuerst ins Handschuhfach.«
Wir winkten und ich fuhr los. Erst nach einer ganzen Weile fiel mir wieder ein, was er gesagt hatte. Ich drückte auf den Knopf am Handschuhfach, die Klappe sprang auf und eine Flasche Antiquary fiel mir in die Hand. Ich legte sie wieder rein und machte zu.
Ich dachte an Menschen in Fabeln, die sich auf Reisen begeben: Sie werden von schönen Frauen gewarnt und bekommen einen Zaubertrank mit, der ihnen helfen soll, das Unbekannte zu überstehen.
4
GRAITHNOCK LIEGT NICHT WEIT von Glasgow entfernt, nur knapp über zwanzig Meilen. Trotzdem brauchte ich fünfzig Minuten. Ich brach keine Geschwindigkeitsrekorde. Je näher ich meinem Ziel kam, desto mehr schwand meine Zuversicht.
Ich dachte, Anna würde sich wohl kaum freuen, mich zu sehen. Nach der Beerdigung hatte ich sie zwei Mal angerufen und mit einem Kühlschrank gesprochen. Jede einzelne Antwort kam kompakt und kalt wie ein Eiswürfel zurück. Sie selbst hatte keine Fragen. Beim dritten Mal war sie nicht mehr drangegangen und seither überhaupt nicht mehr. Keine Ahnung, was mit ihr los war. Ich hatte das Gefühl, in eine Nebelbank zu fahren. So was macht langsamer.
Ich versuchte, Anhaltspunkte zu finden. Das war nicht einfach. Wenn ich Scott zum Zeitpunkt seines Todes schon kaum noch gekannt hatte, wie standen dann meine Chancen, Anna kennenzulernen? Richtig nah war ich Scott zuletzt vor zwei Monaten gewesen. Er hatte angerufen und war dann bei mir zu Hause in diesem besonderen Zustand der Trunkenheit aufgetaucht, in dem man erstaunlich nüchtern wirkt. Seine Worte wirkten wie in Stein gemeißelt. Die erste Stunde war ich eher herablassend besorgt, bis ich allmählich selbst blau wurde. Wir tranken, was ich im Haus hatte.
Was für ein Abend. Später gingen wir aus, fielen in Kneipen ein wie in feindliche Länder und lieferten uns einen Wettstreit, wer in kürzester Zeit den gröbsten Unsinn reden konnte. Wir lagen ungefähr gleichauf. Wie bei den meisten Säufern ging es vor allem um amüsanten Kummer, wir nutzten die Alchemie des Alkohols, um unser Elend in einen Schwank zu verwandeln.
Das gelang uns auf unterschiedliche Weise jeweils sehr gut. Scott wurde grotesk charmant. Ich nicht. Er sprach Fremde übertrieben höflich mit »mein werter Herr« und »mein guter, guter Mann« an. Die Bestellung eines Getränks gestaltete er feierlich genug, um von Fanfarenstößen begleitet zu werden. Er legte Münzen auf den Tresen, wie ein Antiquar Raritäten präsentiert. Schlug vier verschiedenen Frauen in vier verschiedenen Bars vor, gemeinsam durchzubrennen. Aber wenn er Sir Galahad of the Bevvy war, so war ich Mordred. Meine Stimmung kleidete sich schwarz. Wer eine Bemerkung an mich richtete, musste damit rechnen, dass ich ihr in die unschuldige Seele starrte und Verwerfliches darin entdeckte. Ich war so unausstehlich, ich konnte es kaum ertragen, neben mir zu sitzen.
Ich erinnere mich glücklicherweise nur verschwommen an eines der letzten Pubs, in dem wir landeten. Es war das Reid’s of Pertyck, glaube ich – auf jeden Fall eine Kneipe mit einer Art höher gelegenen Galerie mit Tischen und Stühlen. Ich stand an der Bar. Ich muss etwas bestellt haben. Scott saß auf der Galerie an einem Tisch. Vielleicht verwirrte ihn die Umgebung, versetzte ihn in eine andere Zeit an einen anderen Ort. Er fing an, von seinem Platz aus Getränke zu bestellen, und zwar so, dass sich ein paar Köpfe fragend zu ihm umdrehten. In einigen Glasgower Pubs wird Großspurigkeit nicht gern gesehen.
»Die Runde ist an mir, so glaube ich«, schrie Scott. »Ein weiterer Krug Gerstensaft, mein Wirt. Und bringe er mir die Rechnung.« Zum Glück hatte er die Worte an mich gerichtet.
Er warf einen zerknitterten Fünf-Pfund-Schein Richtung Tresen. Ein kleiner Mann hob ihn auf und behielt ihn in der geschlossenen Hand. Zu dem Zeitpunkt bekam ich bereits nicht mehr viel mit. Aber das schon. Mordred hatte sich einen gemeinen Tunnelblick zu eigen gemacht. Nur Schlechtes drang noch zu mir durch. Ich streckte die Hand aus, die Fläche nach oben. Der kleine Mann sah mich fragend an. Dann tippte ich mir mit dem linken Zeigefinger auf die rechte Hand, keine schlechte Leistung in Anbetracht meines Zustands.
»Die«, sagte ich und schloss die Hand zur Faust. »Oder die.«
Der kleine Mann rückte die fünf Pfund heraus, aber ungern.
»Hab nur Spaß gemacht«, sagte er.
»Wenn das Spaß war«, sagte ich, »dann bist du so witzig wie Arthur Askey.«
Ich bezahlte und brachte die Getränke an unseren Tisch, keinen Gerstensaft, sondern Gin Tonic für Scott und eine Bloody Mary für mich, was nur folgerichtiger Ausdruck meiner Stimmung war, sonst trank ich so was nie. Die fünf Pfund gab ich Scott zurück.
»Nein, nein«, sagte er. »Verschenk das Geld. Die Leute sollen saufen!«
»Benimm dich«, sagte ich.
Der kleine Mann kam wieder.
»Hey, du. Hab nur Spaß gemacht«, sagte er.
»Was bist du?«, fragte ich. »Ein verfluchter Wellensittich? Haben sie dir keinen anderen Spruch beigebracht? Komm in einem Monat wieder, wenn du einen Satz dazugelernt hast.«
»Hör mal gut zu«, sagte der Kleine und packte mich am Arm.
Ich schüttelte ihn ab und er setzte sich auf den Boden. Hätte, wie man so schön sagt, hässlich werden können, nur dass ich ihm aufhalf.
»Hab nur Spaß gemacht«, beharrte er.
»Ich auch«, sagte ich. »Vergessen wir’s.«
»Na schön«, erwiderte er. »Hauptsache ihr wisst, dass ich Spaß gemacht hab.«
Die wiederholte Behauptung rief erneut den Dämon in mir wach.
»Tut mir leid, dass ich dich von deiner Sitzstange geschubst hab«, sagte ich.
Zum Glück drehte sich der Mann nicht noch einmal um. Aber es folgten genuschelte Bemerkungen, Scott begleitete die verhalten vorgetragenen Drohungen mit einem Grinsen, als handelte es sich um ein Konzert zu seinen Ehren. Auf wundersame Art und Weise kamen wir ohne weiteren Ärger dort raus und auch aus der nächsten Bar, zum Schluss holten wir uns noch was zum Mitnehmen und fuhren mit dem Taxi zurück zu mir nach Hause.
Der Abend mündete in dem, worum es eigentlich ging. Wir waren ebenbürtige Katastrophen. Ich denke, Scott war mit dem Ziel einer gemeinsamen Teufelsaustreibung zu mir gekommen, ein vereintes Ad-acta-Legen der wilderen Träume, die wir früher in unserem Zimmer im Haus unserer Eltern ersponnen hatten. Er hatte begonnen sich einzugestehen, wie entsetzlich seine Ehe gescheitert war, und musste dieses Eingeständnis mit mir, dem Hüter unserer alten Träume, teilen. Auch kannte er meine Situation und ich denke, er vermutete, sie könne bald auch die seine sein. Vielleicht wollte er das Terrain mit jemandem sondieren, der dort bereits heimisch war.
Ich wünschte jetzt, ich hätte ihm besser helfen können. Zu dem Zeitpunkt waren wir beide zu gekränkt. Während wir tranken und bis spät in die Nacht redeten, entdeckten wir eine neue Art von brüderlicher Rivalität. Du glaubst, du wurdest verletzt? Schau dir meine Narben an. Dein Kompass ist kaputt? Meine Ambitionen haben Wundbrand. Frauen wurden ausufernd analysiert. Gewichtige Behauptungen über das Wesen von Beziehungen aufgestellt und vergessen. Mädchen aus der Vergangenheit, die längst in unbekannte Ehen geflohen und, soweit wir wussten, auch schon wieder geschieden waren, wurden namentlich heraufbeschworen und im schummrigen Licht der Nostalgie betrachtet. Wir knieten vor ihnen nieder wie vor Altären, an die wir den Glauben nicht hätten verlieren dürfen. Wir stießen gegen das Unverständliche und Unsagbare und blieben erschöpft liegen.
Um circa halb vier Uhr morgens setzte sich Scott plötzlich auf, wo er gelegen hatte, und starrte wie ein Visionär in die Ferne.
»Ich bin hergekommen, um dir etwas zu sagen«, erklärte er. »Ich hätte es dir längst sagen sollen.«
Er sah mich an und schaute weg. Was auch immer er zu sagen hatte, es fiel ihm nicht leicht.
»Ich werde Anna verlassen«, kündigte er an, legte sich wieder hin und schlief ein.
Am nächsten Morgen wusch er sich, benutzte meinen Rasierer und kehrte kleinlaut zu ihr zurück. Danach hatte ich ihn noch ein paar Mal gesehen, aber immer nur flüchtig bei Veranstaltungen anderer.
Das war meine letzte echte Erinnerung an ihn und es war keine so schlechte. Sollen sich diejenigen, die glauben, das Leben sei in Korrektheit messbar, doch schönere letzte Erinnerungen auf den Leib wünschen. Der verrückte Abend blieb mir im Gedächtnis. Und ließ mich grinsen. Denn trotz all seiner Verletztheit hatte er irgendwie auch darübergestanden. Sein Schmerz war so groß wie der Traum, von dem er glaubte, dass er ihm verwehrt bliebe. An dem Schmerz festzuhalten bedeutete auch, an dem Traum festzuhalten. Das war einer der Gründe, warum ich ihm sein Sterben nicht verzeihen konnte. Und einer der Gründe, weshalb ich jetzt zu Anna fuhr.
Wer war Anna? Ich war nie richtig dahintergekommen. Ich wusste, wie sie aussah, klein und zierlich mit einem lieben Gesicht. Seit ihrer Heirat mit Scott hatten sie und ich Höflichkeiten stets wie versiegelte Briefumschläge ausgetauscht. Wer wusste schon, welche Komplikationen darin steckten? Vielleicht würde ich es jetzt herausfinden.
Links sah ich Fenwick, wo Brian Harkness vor seiner Hochzeit mit Morag bei seinem Vater gelebt hatte. Ich war dem alten Herrn mehrfach begegnet. Und hatte ihn gemocht. Ich spielte mit dem Gedanken, ihn zu besuchen, meinen Abstieg in was auch immer mich in Graithnock erwartete zu verschieben. Brians Vater und ich hatten einiges gemeinsam. Auch er hatte für Polizisten nicht viel übrig. Aber bis nach Graithnock waren es nur noch wenige Minuten – schon zu spät, um sich zu verstecken.
Ich fuhr durch die Einbahnstraßen, bis ich eine Telefonzelle entdeckte. Dann suchte ich einen Parkplatz, denn ich wollte mich noch vor meinem Gespräch mit Anna bei John Strachan melden. Er hatte mir bei der Beerdigung erzählt, er sei noch kurz vor Scotts Tod mit ihm zusammen gewesen. Ich denke, ich wollte mich gegen die Möglichkeit absichern, dass mir Anna einsilbig antwortete. Wenn sie mir wirklich nichts erzählen würde, konnte ich ihrem Schweigen trotzen und meine Reise hätte sich trotzdem gelohnt. Ich rief in Scotts Schule an.
»Guten Tag. Glebe Academy.«
Eine Schreibmaschine im Hintergrund und eine Stimme, die etwas sagte, das ich nicht hören konnte – die köstlichen Geräusche der Normalität, die für einen Zwangscharakter wie Süßigkeiten im Schaufenster sind und er wird zum kleinen Jungen, der nicht anders kann, als sie anzustarren, weil ihm das Geld für einen Einkauf fehlt.
»Glebe Academy. Ja?«
»Guten Tag. Kann ich bitte Mr Strachan sprechen?«
»Wer ist am Apparat, bitte?«
»Mein Name ist Laidlaw. Jack Laidlaw. Ich bin Scotts Bruder.«
Beinahe hätte ich gesagt: »Ich war Scotts Bruder.« Trauer ist häufig so wohlerzogen, dass sie sich selbst verknotet. Am anderen Ende vernahm ich eine Stille, die ich nicht verstand.
»Oh, Mr Laidlaw.« Dann sagte sie etwas, dass sich mir an die Brust heftete wie ein Anstecker. »Sie hatten einen wunderbaren Bruder, Mr Laidlaw. Wir vermissen ihn sehr, Schüler wie Lehrer.«
Mir gefiel nicht nur, was sie sagte, mir gefiel auch die Atemlosigkeit in ihrer Stimme, die Spontaneität, mit der sie es sagte und die Hürde ihrer eigenen Befangenheit überwand. Ihre Worte waren nicht einstudiert.
»Danke«, sagte ich.
»Ich hole Mr Strachan.«
Als er sich meldete, erkannte ich seine Stimme nicht und mir wurde bewusst, dass ich ihn vielleicht gar nicht wiedererkennen würde, wenn ich ihn traf.
»Hallo, Mr Laidlaw?«
»Mr Strachan. Entschuldigen Sie die Störung. Ich weiß, dass Sie sehr viel zu tun haben. Aber ich bin heute in Graithnock und habe mich gefragt, ob es möglich wäre, dass wir uns unterhalten? Über Scott. Ich würde es einfach gerne besser verstehen. Tut mir leid, dass ich Sie so überfalle, aber können wir uns vielleicht treffen? Wenn’s auch nur für eine halbe Stunde ist?«
Er zögerte kaum.
»Kommen Sie doch heute Abend zu mir«, sagte er.
»Sind Sie sicher?«
»Absolut. Sind Sie später noch da?«
»Auf jeden Fall.«
»Okay. Tut mir leid, dass ich keine Zeit mehr habe, Mhairi vorzuwarnen, sonst hätten Sie mit uns essen können. Aber kommen Sie danach, wenn das in Ordnung ist.«
»Das ist wunderbar.«
Er gab mir die Adresse. Ich war erleichtert. Zu Hause würde ich ihn auf jeden Fall erkennen.
»Sagen wir um sieben. Wollen hoffen, dass die Kinder bis dahin im Bett sind.«
»Ausgezeichnet. Bis später. Ich bin Ihnen sehr dankbar.«
»Kein Problem. Scott ist es wert, sich über ihn zu unterhalten.«
Seine Worte und die der Sekretärin waren Balsam auf meiner Seele. Zwei Menschen stimmten mir in meinem Gefühl zu. Ich gehörte einem Kommando zur Bekämpfung der Gleichgültigkeit gegenüber Scotts Tod an. Jetzt war ich bereit, mit Anna zu sprechen, war mit größerer Autorität ausgestattet als nur meiner eigenen Manie. Ich kehrte zum Wagen zurück.
5
SCOTT UND ANNAS HAUS WAR DAS LETZTE in einer Reihe. Die Bäume auf der Straße ragten trotzig aus dem sich wölbenden Asphalt. Als ich zwischen zwei davon parkte, fiel mir gleich das Schild ins Auge. Es steckte im Sandsteinkies des Vorgartens. Darauf stand »zu verkaufen«.
Ich stieg aus, ging über den Weg zur Tür und klingelte. Man hörte schon dem Klingeln an, dass niemand darauf reagieren würde, es verhallte in der hohlen Stille. Es hatte etwas von einem Besuch im Mausoleum. Ich schaute durch das vorhanglose Wohnzimmer fenster. Der Raum war vollkommen ausgeräumt. Dort wo Scotts Gemälde gehangen hatten, waren die Wände heller.
In meiner Erinnerung hängte ich eines der Bilder wieder auf. Eine große Leinwand, die von einem gemalten Küchenfenster beherrscht wurde. Im Vordergrund auf dem Abtropfgitter standen Geschirr, Pfannen, Kochutensilien. Durch das Fenster sah man eine trostlose Stadt mit verwahrlosten Menschen, Kränen und Schornsteinen. Die Menschen wirkten wie Teile der Gebäude, wie von ihnen versklavt. Ich erinnere mich an ein Gesicht hinter dem geschlossenen Fenster eines Wohnblocks, das wie durch ein Gitter nach draußen blickte. Scott hatte mir erklärt, es solle ein Widerhall des Betrachters sein. Ich erinnere mich an das Gesicht eines Mannes, das im glühenden Licht seines Schweißbrenners zu zerfließen schien, als wollte er sich selbst einschmelzen. Das Ganze war mit großer naturalistischer Detailtreue gemalt, bis hin zu den erkennbar proletarischen Gesichtern unter den Mützen, aber insgesamt wirkte es wie eine Albtraumvision. Links vom Küchenfenster befand sich – wie ein ungenau eingefügter Maßstab auf einer wahnwitzigen Karte – ein kleines quadratisches Bild. Es war in Bonbonfarben angelegt und stand in lebhaftem Kontrast zur Szene draußen. Es zeigte ein idealisiertes Tal in den Highlands mit Heidepflanzen und einem Cottage, aus dessen Schornstein Rauch aufstieg. Ein Hirte und sein Hund gingen darauf zu. Scott hatte das Gemälde »Scotland« genannt.
Dann wurde es wieder zum hellen Fleck an der Wand. So einfach war es, eine so verbitterte Vision auszulöschen. Der Raum war der von irgendjemandem, niemandem. Selbst der Teppichboden war weg. Anna war immer schon sparsam gewesen.
Ich knirschte über den Kies und ging ums Haus herum. In der Mauer am Garten war eine Holztür. Sie war verschlossen. Ich setzte meinen Fuß auf den Türgriff, zog mich hoch und sprang auf der anderen Seite herunter. Hinten war nur ein kleiner Schuppen, eine Garage und ein kleines Stück Rasen. Gärtnern war keine von Scotts Leidenschaften gewesen.
Ich spazierte eine Weile umher, spähte durchs Küchenfenster. Alles leer und sauber. Anna war immer eine gute Hausfrau gewesen. Ich betrachtete den Rasen und erinnerte mich, an ein paar sonnigen Sonntagen mit Scott, Anna und Ena hier auf Decken gesessen zu haben. Die Kinder spielten um uns herum und wir tranken Bier. Unsere zerfaserten Gespräche hingen noch in der Luft. Unsere Pläne waren Staubpartikel, die die Sonne zum Vorschein bringt.
Die Tür zum Schuppen war nicht abgeschlossen. Ich sah hinein. Da standen ein alter rostiger Rasenmäher, ein Rechen, ein paar Holzlatten, eine kleine Tüte mit Ölfarben, fast alle Tuben restlos ausgedrückt. Das war’s schon?
Ich hatte das Gefühl, zufällig auf eine archäologische Ausgrabungsstätte gestoßen zu sein. Schon jetzt war kaum noch zu erraten, wer hier gelebt hatte, es sei denn, man bediente sich der Technik der Experten und schuf ein ausgeklügeltes Theoriegebäude auf Grundlage der einzigen Fakten, die dieses nicht stützten. Scotts Hinterlassenschaft war der Marktwert des Hauses und diese Handvoll Abfall hier.
Dann sah ich es. Erst war ich nicht sicher. Es stand hinter ein paar Brettern, die Vorderseite zeigte zur Wand. Ich hielt es für ein Brett, dann fiel mir der Glanzlack auf und ich merkte, dass es ein Rahmen war, und zog es heraus. Scotts Gemälde, »Scotland«.
Als ich das Bild hochhielt, konnte ich es nicht fassen. Was war zwischen ihnen vorgefallen, dass Anna so etwas machte. Sie wusste, wie viel Scott das Bild bedeutet hatte. Ich war wütend.
Ich fand einen alten schwarzen Müllsack und steckte das Bild hin ein. Dann verließ ich den Schuppen und schloss die Tür, legte es auf dem Garagendach ab. Dann kletterte ich über die Pforte und nahm das Bild. Ich war gerade dabei, es im Kofferraum meines Wagens zu verstauen, als ein Nachbar auf mich zukam. Ich kannte ihn nicht.
»Entschuldigung«, sagte er. »Was machen Sie da?«
»Ich wollte jemanden besuchen«, sagte ich.
»Besichtigungen nur nach Vereinbarung.«
»Ich habe schon genug gesehen.«
»Was haben Sie da?«
»Wer zum Teufel sind Sie?«, fragte ich. »Der Hüter der Vorstadt?«
Kaum hatte ich es gesagt, tat es mir leid. Der Mann hatte ja recht. Er hatte gesehen, wie sich ein Fremder im Garten eines leer stehenden Hauses herumtrieb.
»Schauen Sie«, sagte ich.
Ich holte meinen Ausweis heraus und zeigte ihn.
»Ich bin Scott Laidlaws Bruder und habe nur etwas abgeholt, das für mich dagelassen wurde. Ein Bild, das Scott gemalt hat.«
Er wartete darauf, dass ich es ihn anschauen ließ. Das konnte er aber vergessen.
»Na schön«, sagte er. Er ließ es sich gnädig durch den Kopf gehen. Anscheinend glaubte er, seine Meinung würde mich interessieren. Warum benehmen sich manche Leute derartig gestelzt, aus so geringem Anlass?
»Ich denke, dass alles seine Ordnung hat.«
»Ach was?«, sagte ich, klappte den Kofferraum zu und stieg in den Wagen.
Auf der Fahrt ärgerte ich mich, weil ich wütend geworden war. Halte den Köter im Zaum. Mein Zorn galt nicht ihm, sondern einem anderen. Ich spürte ihn in mir, verschlossen und bereit, er brauchte nur noch eine Angriffsfläche.
6
KAUM SAH ICH JOHN STRACHAN um circa zehn nach sieben, erinnerte ich mich auch schon wieder an ihn. Eigentlich hatte ich gehofft, später einzutreffen, es aber nicht länger ausgehalten. Ich hatte mir die neue Innenstadt angesehen, die Scott so schrecklich gefunden hatte, und mich in ein Café gesetzt. Den Wagen hatte ich auf einem Parkplatz stehen lassen und war zu Fuß gegangen. Aber meine Ungeduld hatte mir trotzdem einen Streich gespielt.
»Jack, nicht wahr?«, fragte er.
Wir gaben uns die Hand.
»Ich bin John. Komm rein.«
»Das ist sehr nett.«
»Nein.« Er schüttelte den Kopf. »Ich habe selbst das Bedürfnis zu reden.«
Ein großer Mann mit Brille, der kaum älter sein konnte als Anfang dreißig. Er besaß die besorgte, zerstreute Ausstrahlung, die vermuten ließ, dass die Rechenaufgaben in seinem Kopf unlösbar waren. Er trug Jeans und einen ausgeleierten Pulli.
Er führte mich ins Wohnzimmer und stellte mir Mhairi vor. Sie war klein und dick und hatte ein glänzendes rundes Gesicht, wie ein Kloß, von dem man weiß, dass nichts Schlechtes in ihm steckt. Sie trug Jeans und ein weites, geblümtes Oberteil. John stellte mir auch die Kinder vor, Catriona und Elspeth, oder besser gesagt, er erklärte mir, wie sie hießen, während sie um uns herumtobten.
Die Kinder taten, was Kinder häufig tun, sie überführten die Banalität des Augenblicks in ein Spiel. Und wie immer bei solchen Spielen, kannte niemand außer ihnen selbst die Regeln. Dieses hier beinhaltete, dass Catriona, die wohl um die acht Jahre alt war, die hässlichste Fratze zog, derer sie fähig war, und sie Elspeth direkt vor die Nase hielt, das Ganze begleitet von einem hupenden Geräusch. Dann rannte sie zwischen den Möbeln hin und her und blieb an der unzugänglichsten Stelle stehen, die sie finden konnte. Elspeth, ungefähr fünf, rannte ihr hinterher, verzog das Gesicht auf die gleiche Weise, machte das gleiche Geräusch und rannte ebenfalls davon. Und wie bei so vielen Kinderspielen hatte sich niemand eine Regel dafür ausgedacht, wann es zu Ende sein sollte.
Die drei Erwachsenen waren vorübergehend fasziniert, vielleicht angesichts eines so mühelosen Ausstoßes von genügend Energie, um eine Kleinstadt hell zu erleuchten.
»Ich hoffe, ich bin nicht zu früh«, sagte ich.
»Ach was«, erwiderte Mhairi.
Sie sagte es erstaunt, als wollte sie das Absonderliche meiner Bemerkung hinterfragen. Das starre Zeitverständnis, das ich voraussetzte, schien ihr fremd. Teilweise durch Beobachtung, teilweise aus eigener Erinnerung, hatte ich eine Vorstellung davon, wie es ihnen erging. Mhairi stand an der Küchentür, vor Resignation leicht benommen, wie jemand, der auf einen Bus wartet, von dem er allmählich animmt, dass er auf dieser Strecke gar nicht verkehrt. Ich konnte mir die verheißenen Orte vorstellen, die vorne angeschrieben standen: »wenn die Kinder älter sind«, »mehr Zeit für mich« und »Dinge, die ich immer schon mal machen wollte«.
»Ich denke, wir sollten mit Jack ins Wohnzimmer gehen«, sagte Mhairi.
Zu dritt gingen wir weiter. Catriona und Elspeth bedrohten unsere Konzentration aus der Ferne, wie Gewehrfeuer auf den Hügeln im Umkreis eines Forts.
Ins Wohnzimmer zu gehen bedeutete, John und Mhairi näherzukommen, ins Kontrollzentrum dessen vorzustoßen, was sie ausmachte. Eingerichtet war es angreifbar eklektizistisch. Der Boden war lackiert, darauf lag ein indischer Teppichläufer. Die Stühle passten nicht zueinander, waren aber alt und hübsch, vermutlich ihrer Bequemlichkeit wegen ausgewählt. Jemand hatte sich an Makramee versucht. An den Wänden hingen afrikanische Masken und ein Gemälde von Scott, das ich noch nicht kannte. Während ich es betrachtete, sagten sie nichts. Bücher machten einen Großteil des Inventars aus. Es gab zwei große Regale und zwei kleinere. Eines war schwarzen Autoren gewidmet – George Jackson, Baldwin, Cleaver, Biko, Mandela, Achebe. Ich konnte mir vorstellen, wie ihre Freunde hier saßen. Sie tranken Wein und unterhielten sich sehr ernsthaft über wichtige Themen. Es wäre einfach gewesen, sich über sie lustig zu machen. Aber ich hatte das Gefühl, mich in einem Bunker der Anständigkeit aufzuhalten, in dem zwei Menschen sich bemühten, Werte zu finden, die ihr Leben auf ehrliche Weise bewohnbar machten.
»Was glaubt ihr, worum es in dem Bild geht?«, fragte ich und setzte mich.
Es war eine Persiflage auf da Vincis Abendmahl. Fünf Männer an einem Tisch, sie schauten den Betrachter an. Der Mann in der Mitte hatte kein Gesicht. Seine Hände lagen an seiner Seite. Die anderen vier waren bärtig. Einer hätte Scott sein können. Die Mahlzeit und die Kleidung waren modern. Die Perspektive erlaubte dem Betrachter, auf die noch leeren Teller zu blicken. Der Teller in der Mitte war weiß. Auf den anderen vier war jeweils ein Gesicht zu erkennen, das ruhige und traurige Gesicht eines Mannes Mitte fünfzig, der den Betrachter anschaute. Es gab noch andere Elemente, aber ich hatte keine Zeit, sie genau zu studieren. Mir gefiel das Bild nicht. Es schien mir zu abgeleitet, nicht von da Vinci, sondern von einer sich selbst äußerlichen Idee, einer Vorstellung, die es nicht erfolgreich verinnerlicht hatte.
»Ich bin nicht sicher«, sagte John. »Vielleicht will er sagen, dass die vier sich von dem Mann in der Mitte ernähren? Von seinem Identitätsverlust.«
»So was in der Art«, sagte Mhairi. »Jedenfalls mag ich es gerne. Aber Scott hat es uns nie erklärt.«
Wir betrachteten es alle kurz.
»Schön dich kennenzulernen«, sagte Mhairi. »Scott hat viel von dir erzählt. Black Jack hat er dich manchmal genannt. Aber das war nett gemeint. Wir vermissen ihn sehr.«
»Ich auch«, sagte ich. »Nicht, dass ich ihn in letzter Zeit so wahnsinnig oft gesehen hätte. Aber er war immer für mich da gewesen. Wie Geld auf der Bank. Und plötzlich kommt der Wall Street Crash. Ohne ihn fühle ich mich verarmt.«
»Er war jemand ganz Besonderes«, sagte John. »Die Schüler reden viel über ihn. Ich glaube, ein paar Mädchen aus der sechsten Klasse hatten sich wohl vorgestellt, ihn später zu heiraten.«
»Wir haben ihn und Anna oft gesehen«, sagte Mhairi. »Neuerdings nicht mehr so häufig zusammen. Aber dann ist er eben alleine gekommen.«
»Anna«, sagte ich. »Ich wollte sie heute besuchen. Das Haus steht zum Verkauf. Ging ganz schön schnell.«
Sie sahen einander an.
»Du weißt, wie schlimm es zwischen den beiden stand, als Scott gestorben ist?«, fragte John.
»Ich dachte, ich wüsste es. Aber vielleicht habe ich es drastisch unterschätzt. Keine Ahnung, wie’s dir bei der Beerdigung gegangen ist, John. Aber ich fand die Atmosphäre schwer erträglich. Ich weiß, dass Anna irgendwie auf ihre Art damit klarkommen muss, aber bitte, das ging zu weit.«
»Ich glaube, ich kann sie verstehen«, sagte Mhairi. »Ich weiß nicht, ob ich es genauso gemacht hätte. Aber vielleicht hätte ich auch gar nicht den Mut gehabt.«
Ich wartete.
»Eigentlich waren sie getrennt, als Scott starb. Sie haben noch im selben Haus gelebt, aber es war vorbei, ohne dass sie es sich eingestanden hätten. Anna muss ihn wohl beinahe gehasst haben. Ich denke, auf der Beerdigung wollte sie Heucheleien vermeiden. Anna kann sehr eigensinnig sein.«
»Scott auch, Mhairi«, sagte John. »Dazu hatte er aber eine Menge Charme. Wenn man allerdings an seiner Fassade kratzte, stieß man ganz schnell auf Granit.«
»Was, glaubt ihr, ist zwischen den beiden schiefgelaufen?«, fragte ich.
Sie lächelten und schüttelten die Köpfe.
»Ich weiß«, sagte ich. »Vergesst die Frage.«
»Nein«, sagte John. »Ich denke, so gut, wie wir sie gekannt haben, da hat es schon ein paar Hinweise gegeben. Aber wie will man sich da zum Schiedsrichter machen? Man erlebt sie nur hin und wieder außerhalb ihrer privatesten Sphäre und bekommt mit, dass jetzt ein anderes Spiel gespielt wird.«
»Das stimmt«, sagte Mhairi. »Weißt du, was mir aufgefallen ist? Es ist immer ein Zeichen, wenn ein Pärchen in der Öffentlichkeit überreagiert. Das Gespräch kommt auf ein bestimmtes Thema und beide übertreiben maßlos. Man begreift, dass es ihnen gar nicht darum geht, sondern um etwas ganz anderes. Der Anlass liefert nur den Vorwand für eine sehr viel tiefere Feindschaft. Wenn das passiert, steht es schlecht um die Beziehung, weil die Betreffenden aufgehört haben, das Problem lösen zu wollen. Sie verwenden das Thema nur noch als Treibstoff, um sich zu streiten.«
»Ich weiß, was du meinst«, sagte John. »Weißt du, wann mir das bei Scott und Anna aufgefallen ist? Weißt du noch, eine der ersten Gelegenheiten? Die Diskussion über die Privatschulen? Erinnerst du dich?«
Mhairi atmete aus und schüttelte den Kopf.
»Kann ich mich an den Vietnamkrieg erinnern? Das war schrecklich. Ich dachte, Scott würde handgreiflich werden.«
»Das hätte er nie gemacht. Aber weiter als er hätte man mit Worten auch nicht gehen können.«
»Privatschulen?«, fragte ich.
»Das war Annas Idee«, sagte Mhairi. »Sie wollte, dass David und Alan eine Privatschule besuchen. Das war an einem Abend hier, wir waren zu viert. Ich glaube, Anna hat das Thema absichtlich in Gesellschaft anderer angesprochen, um zu sehen, ob sie von unserer Seite aus Unterstützung bekommt.«
»Wohl kaum«, sagte John. »Ich lehre, wo ich lehre, weil ich dran glaube. Es geht nicht nur ums Geld. Auch wenn das helfen mag, so wenig es auch ist.«
»Oh, wir drei waren uns einig. Aber Anna hatte trotzdem das Recht auf eine eigene Meinung. Scott war außer sich. Als er fertig war, fing ich an zu glauben, ich sei vielleicht doch Annas Ansicht. Verzeih mir, aber so wie er sich an dem Abend benommen hat, war das wirklich nicht in Ordnung.«
»Keine Sorge«, sagte ich. »Das glaube ich dir. Liegt wohl in der Familie.«
»Als hätte sie versucht, den Sinn seines Lebens zu untergraben«, sagte John.
Catriona und Elspeth kamen wie Molotowcocktails ins Zimmer gerast und explodierten.
»Kommt schon, Mädchen«, sagte Mhairi matt.
Na schön, erwiderte Knut der Große: Weicht zurück ihr Wellen. Sie hatten sich ein anderes Spiel ausgedacht. Dieses war weniger kompliziert als das letzte und fiel in Sachen Raffinesse deutlich dagegen ab. Jetzt ging es ausschließlich um Dezibel.
»Naja, naja, naja, naja«, sagte Catriona. »Naja, naja, naja, naja, naja.«
»Najo, najo, najo«, ergänzte Elspeth. »Najo, najo, najo. Najo, najo, najo.«
Dabei war der Text noch besser als die Melodie. Mhairi nickte John zu.
»Sch!«, sagte John, wie ein Mann, der versucht, einen Waldbrand auszupusten. »Mhairi und ich dachten, wir beide könnten ins Pub gehen. Uns dort unterhalten.«
Mhairi lächelte mich an und nickte. Ich war ihnen dankbar, nicht nur weil uns der Ortswechsel Kommunikation ermöglichen würde, sondern weil ich die beiden mochte und mir nicht noch einmal vorstellen wollte, ihre Kinder zu erschießen.
»Sicher, dass du klarkommst, Liebes?«, fragte John.
Die Frage war berechtigt.
»Hab’s bis jetzt noch immer überlebt. Ich stecke die beiden ins Bett. Ihr bleibt doch nicht lange, oder?«
»Nein. Wir gehen ins Akimbo. Okay?«
John gab ihr und den Kindern jeweils einen Kuss. Ich bedankte mich bei Mhairi und winkte Catriona und Elspeth zu.
»Vielleicht sehen wir uns mal wieder unter weniger traurigen Umständen.«
»Das hoffe ich«, sagte ich. »Würde mich sehr freuen.«
7
UNTERWEGS MIT JOHN STRACHAN tauchte ich viel zu rasch aus den Tiefen meiner Beschäftigung mit Scotts Tod in einen gewöhnlichen Abend auf. Ich verspürte so etwas wie die psychische Entsprechung der Taucherkrankheit. Mit meiner Umgebung konnte ich nichts anfangen.
Ich kam mir hier fremd vor. Dennoch kannte ich die Stadt sehr gut. Fünf oder sechs Jahre hatte ich mit meiner Familie hier gelebt, als mein Vater – ein unverbesserlicher Träumer unerfüllter Träume–wieder einmal einen seiner vielen Neuanfänge gestartet hatte, der wie immer an der Begegnung mit der harten Realität gescheitert war. Aber heute Abend schien mir die Stadt unvertraut. Vielleicht betrachtete ich sie weniger als den Ort, an dem ich mich aufhielt, sondern als den, an dem Scott nicht mehr war, eine bebaute Fläche, die meinen Bruder ebenso mühelos und effektiv verschluckt hatte wie ein Ozean ein sinkendes Schiff.
Plötzlich wollte ich mich nicht mehr im Akimbo Arms, einem Pub, das ich nur flüchtig kannte, von Anonymität überrollen lassen. Ich brauchte einen Ort, an dem ich Scott stärker spürte.
»John«, sagte ich. »Was würdest du sagen, wenn wir nicht ins Akimbo gehen? Wir könnten meinen Wagen holen und zum Bushfield Hotel fahren. Ich brauche sowieso noch ein Zimmer für die Nacht.«
»Klar«, sagte er. »Ich gehe da auch hin und wieder mal einen trinken. Schon okay.«
Das Bushfield war ein umgebautes Privathaus. Hauptsächlich ein Pub, aber es gab auch noch an die zehn Gästezimmer. Katie und Mike Samson, denen es gehörte, hatten Scott gut gekannt. Ich war einige Male nach der Sperrstunde noch dort gewesen, hatte getrunken und gesungen. Die liebreizend füllige Katie war Scott sehr zugetan gewesen. Vielleicht hatte Mike ihn auch gemocht. Aber bei ihm konnte man sich nicht sicher sein. Er war groß und schlank und vermittelte manchmal den Eindruck, man bräuchte einen Elektrobohrer, um herauszubekommen, was in seinem Kopf vor sich ging. Zusammen waren sie Melodie und Oberstimme, Mike ergänzte Katies Lebensfreude durch eine gewisse schwermütige Unterströmung.
Ich parkte vor dem Hotel und nahm meine Reisetasche aus dem Auto. Als ich mit John Strachan eintrat, durchquerte Katie gerade den Flur, ging von der Bar in die Küche.
»Habt ihr wohl ein Zimmer für einen fremden Wandersmann?«, fragte ich.
»Oh, Jack«, rief sie.
Sie blieb stehen, starrte mich an. Ich glaubte zu wissen, was ihr Blick bedeutete. Der Anblick seines großen Bruders bestätigte ihr noch einmal, dass Scott tot war. Scott würde nie wieder dort stehen, wo ich jetzt stand. Da Katie Katie war und so spontan wie das Atmen, trieb ihr der Gedanke Tränen in die Augen. Sie kam mit offenen Armen auf mich zu und schloss mich darin ein, sodass Luftholen schwierig war. Die Reisetasche knallte auf den Boden. Gerade als ich mich zum dritten Mal runterbeugen wollte, ließ sie von mir ab.
»Du bist dürr wie ein Strich«, sagte sie.
»Durchtrainiert und schlank, Katie.«
»Keine Ausreden. Was hast du gegessen? Oder besser: Was hast du nicht gegessen?«
»Ich bin der schlechteste Koch in ganz Großbritannien.«
»Ach Jack. Dein Bruder hat’s mir erzählt.« Sie meinte meine Ehe. »Ein Unglück kommt selten allein, was?«
Ich wollte ihr John Strachan vorstellen, aber sie kannte ihn bereits. Natürlich. Sie behandelte selbst seltene Gäste wie entfernte Verwandte. Sie scheuchte John an die Bar und ging mit mir nach oben, um mir mein Zimmer zu zeigen. Es war frisch gestrichen und wunderbar sauber.
»Da ist das beste«, sagte sie. »Ein paar von den anderen werden auch noch renoviert. Wir haben außerdem zwei Dänen über Nacht da. Und einen Gast aus Irland, der wohnt schon fast eine Woche hier.«
Ich packte die Tasche nicht aus. Erklärte, ich wolle in Glasgow anrufen. Sie erlaubte nicht, dass ich das Münztelefon benutzte, sondern ging mit mir runter in die Küche. Zum Glück erkannte mich der Hund Buster wieder, wobei mir das nicht grundsätzlich Immunität vor seinem bedrohlichen Knurren garantierte. Sie ließ mich allein und ich wählte Brian Harkness’ Nummer.
»Hallo?«
»Hallo Morag«, sagte ich. »Hier ist …«
»Ich weiß schon, dass du’s bist. Dein Brummen würde ich überall erkennen. Black Jack Laidlaw, der verrückte Detective.«
Schön, wenn einen die Leute mögen.
»Wo bist du?«, fragte sie.
»In Graithnock. Immer noch in Graithnock.«
»Wo in Graithnock?«
»Ich checke gerade in einem kleinen Hotel ein. Bin eben angekommen.«
»Sei nicht blöd«, sagte sie. Morag war von einer Direktheit, wie sie häufig mit authentischer Großzügigkeit einhergeht. Freundlichkeit war für sie etwas so Natürliches, dass sie sich nicht die Mühe machte, sie förmlich einzukleiden. »Du bist gerade mal vierzig Minuten von uns entfernt. Schieb deinen Hintern in den Wagen und komm her.«
Ich nahm mir nicht die Zeit zu erklären, dass es lange vierzig Minuten waren. Der Wagen würde es schaffen, aber mein Kopf nicht. Im Hintergrund konnte ich Familienleben durchs Telefon hören, wie eine alte Melodie, an die ich mich erinnerte, deren Text ich aber vergessen hatte. Ich wollte niemanden dort mit meiner düsteren Verbissenheit anstecken.
»Ich muss noch ein paar Leute treffen, Morag.«
»Jack, was meinst du, wem du was vormachen kannst? Du sitzt in einem Zimmer so groß wie ein Sarg und betrinkst dich. Deine Gewohnheiten sind bekannt. Komm her, hier bekommst du was Anständiges zu essen und Gesellschaft. Brian hat mir von deinem Kühlschrank erzählt. Er meinte, du könntest ihn als neuwertig verkaufen. Wenn du dich nicht selbst um dich kümmern kannst, dann lass es wenigstens hin und wieder andere für dich tun.«
»Es ist aber so, Morag«, sagte ich, »ich hab gerade an meinem ersten Whisky genippt. Und du weißt ja, wie das manchmal ist, wenn einem auf einen Schlag alles klar wird. Ich dachte, ich bleib noch ein bisschen dabei und schaue mal, ob ich mich an den Geschmack gewöhnen kann. Danach noch Auto zu fahren wäre blöd.«
»Du bist ein hoffnungsloser Fall. Dann kommst du also nicht?«
»Heute Abend nicht, du Wunderbare. Aber ich schreibe es mir in meinen überfüllten Terminkalender. Wie geht es Stephanie und dem geheimnisvollen Gast?«
»Steph geht’s gut. Der andere tritt wie eine ganze Fußballmannschaft. Hör mal. Bald werden wir dich richtig füttern. Und wenn wir dich an einen Tropf hängen. Keine Ausrede. Willst du Brian sprechen?«
»Bitte, Morag. Ist er da?«
»Ja. Ich kauf ihm die ganzen Geschichten über den Crime Squad nicht ab und dass er ständig Überstunden machen muss. Als hinge das Schicksal der Nation von der Aufklärung eines Einbruchs in Garthamlock ab. Ich hole ihn. Pass auf dich auf, hörst du?«
»Bin hier so sicher wie ein Ei im Kuchen, Morag. Danke.«
»Dann haben Morags Verführungskünste nicht gereicht, dich zu überreden?«, fragte Brian. »Wobei, wenn ich’s mir überlege, so wie sie mir zusetzt … Hast du was dagegen, wenn ich zu dir runterkomme? Kannst du mir ein Zimmer besorgen?«
»Ich würde jederzeit mit dir tauschen«, sagte ich. »Also, wie ist es heute gelaufen?«
»Du zuerst«, sagte Brian.
Ich fing an, ihm eine kurze Zusammenfassung zu geben, und hatte das Gefühl, mit dem Finger Bilder in die Luft zu zeichnen. Dann wurde mir bewusst, dass ich Brians Schweigen als Skepsis interpretierte. Vielleicht sind Zwangsvorstellungen grundsätzlich nicht vermittelbar. Was hatte ich ihm zu erzählen? Ich war in einem leeren Haus gewesen. Hatte ein zurückgelassenes Gemälde gefunden. Ich hatte einen Lehrer, seine Frau und seine Familie getroffen. Das alles war so interessant wie die Schulaufsätze, die man in seiner Kindheit schreibt: »Was ich am Wochenende gemacht habe.« Ich hatte den Eindruck, weniger von meinen Erlebnissen zu berichten, als meine Symptome zu beschreiben. Brians Antwort bestand in einer Diagnose, die kaum Hoffnung machte.
»Du lieber Gott, Jack«, sagte er. »Was soll das alles für einen Sinn haben?«
»Sag ich nicht«, erwiderte ich. »Egal, wie sieht’s bei dir aus?«
Ich glaube, Brian war erleichtert, wieder über die Realität sprechen zu dürfen. Buster betrachtete mich vom Boden aus, als würde er Brians Meinung über mich teilen.
»Meece Rooney«, sagte Brian. »Kennst du den?«
»Meece? Den kenne ich.«
»Tja, du hast ihn gekannt«, sagte Brian. »Er ist tot.«
»Du meinst, das war er? Der Tote auf der Brache?«
»Meece Rooney. Hör zu. Jemand hat behauptet, er hätte Medizin studiert. Weißt du was darüber?«
»Meece hat’s ungefähr einen Monat lang auf der Uni ausgehalten«, sagte ich. »Dann fand er, es müsse schnellere Wege der Selbstfindung geben. Wenn Meece behauptet hat, er habe Medizin studiert, meinte er, dass er das Etikett auf der Hustensaftflasche gelesen hat.«
Ich zuckte mit den Schultern. Trauer kann egoistisch sein. Ich hatte nichts gegen Meece. Nichts gegen ihn gehabt. Im allgemeinen Vergleich mit anderen lästigen Personen, war er nicht die schlimmste gewesen, mit der man es zu tun bekommen konnte. Der Daumen zeigte fast nach oben. Soweit ich wusste, war er eher Opfer als Täter gewesen. Ein Fantast, der beschlossen hatte, seine Fantasien mit Heroin zu sublimieren. Aber wenn der Tod meines Bruders schrecklich war, warum dann seiner nicht? Er musste ebenso für jemanden Anlass zur Trauer liefern.
»Er hat gedealt, weißt du«, sagte Brian.
Der Daumen ging runter. Sich auf den Weg in die Hölle zu machen ist das eine. Den allgemeinen Verkehr dorthin umzuleiten etwas ganz anderes.
»Ich habe den Kontakt zu ihm verloren«, sagte ich. »Ich wusste nicht, dass er gedealt hat. Ist aber natürlich logisch. Was hast du noch?«
»Nicht viel bis jetzt. Wir haben ihn bis in eine Einzimmerwohnung in Hyndland zurückverfolgt. Angeblich hat er dort mit einer Frau zusammengewohnt. Übrigens hat der Bericht aus der Pathologie ergeben, dass er sich wohl erst vor Kurzem den Arm gebrochen hat. Die Nachbarn sagen nicht viel. Wir wissen noch nicht, wie sie heißt. Aber anscheinend war sie auch auf dem Zeug. Und jetzt ist sie nicht mehr da. Ihre Klamotten auch nicht. Auf einer der ungespülten Tassen war Lippenstift. Und Kaffeereste, die noch nicht mal eingetrocknet waren.«
»Du glaubst, sie weiß, wer’s war?«
»Sieht so aus.«
»Dann hat sie sich aus gesundheitlichen Gründen in Luft aufgelöst.«
»Bist ein Genie.«
»Ich denke nur laut nach. Sei kein Klugscheißer.«
»Das hab ich von dir«, sagte er.
»Mag sein, dass du’s von mir hast, aber ich hab’s dir nicht beigebracht. Trotzdem interessant. Zumindest grenzt es den Fokus ein bisschen ein.«
»Was meinst du?«
»Na ja, mit einem Junkie hat man Probleme, oder? Junkies verstehen was von schlechter Gesellschaft. Und davon gibt es da draußen jede Menge. Ihre Beweggründe sind Eintagsfliegen. Manchmal sterben sie, noch keine vierundzwanzig Stunden nachdem sie das Licht der Welt erblickten. Das macht ihre Motive so schwer nachvollziehbar.«
»Mh-hm.«
»Aber so wie Meece gestorben ist, scheint der Mord geplant gewesen zu sein. Jeder Finger einzeln gebrochen, das spricht nicht gerade für Spontanität. Das heißt, vielleicht wurden ihm Fragen gestellt. Oder ein besonderes Tötungsritual durchgezogen. Auf jeden Fall war es durcharrangiert. Und das Verschwinden der Frau bestätigt das. Vielleicht wusste sie, was passieren würde oder dass etwas passiert war, und sie hatte Todesangst. Und sich deshalb aus ihrem alten Leben verabschiedet.«
»Und?«
»Ist nur eine Vermutung. Aber du brauchst Informanten. Was ist die größte Angst eines Süchtigen?«
»Dass ihm der Stoff ausgeht.«
»Korrekt. Wer ist für diese Leute Gott?«
»Derjenige, der ihnen welchen beschafft.«
»Ich glaube nicht, dass du nach einer verlorenen Seele suchst, die mal einen schlechten Tag hatte. Ich denke, du suchst wichtigere Leute.«
Ich wusste nicht, ob Brian aus Ehrfurcht vor meinem forensischen Genie schwieg oder weil ihn meine Ausführungen eingeschläfert hatten.
»Na ja«, sagte er. »Danke, dass du uns so ausführlich erklärt hast, was wir bereits wissen.«
Wir lachten.
»Dafür müsstest du auf der Polizeischule schon mal die Mindestpunktzahl bekommen.«
Wir redeten noch ein bisschen weiter, aber nicht mehr über dieses Thema. Brians Reaktion hatte meine Befangenheit durchlässig gemacht. Die Probleme anderer scheinen so viel einfacher als die eigenen. Vielleicht hatte es mir Spaß gemacht, in Bezug auf Meece Rooneys Tod den Detective raushängen zu lassen, weil ich den von Scott nicht einmal ansatzweise verstand. Wie ein Mann im Krieg, der sich mit einer Partie Schach ablenkt. Ich hatte mich auf einen Fall gestürzt, der für mich rein abstrakt war. Dabei hatte ich das gar nicht gewollt. Ich hatte meine eigenen Sorgen. Was hatte ich überhaupt mit Meece am Hut? Er war Brians und Bobs Problem. Und so sollte es auch bleiben.
»Okay«, sagte Brian. »Ach übrigens, Bob Lilley sagt, wenn du keine Anfälle mehr hast, hätten wir dich gerne dabei.«
»Gut«, sagte ich. »Sag ihm, wenn er ab und zu mal einen Anfall hätte, würde mir das Hoffnung machen. Es wäre Beleg dafür, dass er am Leben ist. Sag ihm, er könnte bei Madame Tussauds einziehen, ohne dass jemand was merkt.«
»Ich komme mir vor wie eine Valentinskarte«, sagte Brian, »wenn ich so viele liebevolle Botschaften übermitteln soll.«
»Tschüs«, sagte ich.
Ich legte ziemlich laut auf und Buster knurrte mich an, stellte seine Dobermannohren auf.
»Halt die Klappe, Buster«, sagte ich. »Die Welt steht Schlange, um auf mich einzudreschen, und du kommst als Letzter dran. Wir sehen uns später.«
Wir starrten einander an. Einer der Vorteile von großen Sorgen ist, dass einem kleinere Probleme unwichtig erscheinen. Alles eine Frage der Perspektive. Ich hatte das Gefühl, Buster heftiger beißen zu können als er mich.
8
ICH STELLTE MIR EINE PARTY VOR. Das fällt mir nicht schwer. Dieses Wort hat meine Fantasie immer zuverlässig in fabel hafte Gefilde geschickt, wie Eldorado.
Eine große Party. Sie fand in einem Haus im Marrenden Drive statt, eine Straße in Troon, nicht weit von Graithnock entfernt. Troon ist eine interessante schottische Kleinstadt. Lange hatte sie vor allem aus einer Werft bestanden. War aber außerdem ein belieb tes Seebad gewesen, das einige Betuchte zu ihrem Wohnort auserko ren hatten. Wie das meiste Schottische war sie daher vom Wesen her zwiespältig. Troon war gleichzeitig derb und vornehm. Besucher mussten die Derbheit selbst aufspüren. Das Vornehme war offensichtlicher. Einem Durchreisenden sei die Annahme verziehen, man habe die Möwen hier stubenrein erzogen.
Aber die bescheidene Vornehmheit spaltete sich ihrerseits in zwei Hälften, denn sie verbarg nicht nur den Umstand, dass die Menschen ein sehr viel härteres Leben führten, als der Ort vermuten ließ, sondern auch, dass es einige wenige von ihnen sehr viel leichter hatten als andere. Hier gab es beträchtlichen Wohlstand. Und am Marrenden Drive hatte er sich niedergelassen. In ihrer beinahe calvinistischen Ehrlichkeit wirkte die Straße wie ein geheimer und erstaunlich üppiger Garten, in dem Reichtümer unaufdringlich blühten und anschließend versteinerten.
Das Haus, in dem die Party stattgefunden hatte, war groß und befand sich auf einem Privatgrundstück. In jener Nacht musste es hell erleuchtet gewesen sein, wie eine Kleinstadt. Sein Besitzer war für eine gewisse verschwenderische Großzügigkeit bekannt. Er hieß Dave Lyons und hatte zahlreiche Geschäftsinteressen, wobei möglicherweise nur er wusste, welche. Abgesehen von dem Haus im Marrenden Drive, besaß er noch eines in Edinburgh, von dem aus er seinen Geschäften nachging. Auf der Party waren vielleicht sechzig oder siebzig Menschen gewesen. Die Gästeliste vielfältig. Dave Lyons war ein Selfmademan, der wie viele von uns in seiner Jugend mit dem Gedanken an Rebel lion gespielt hatte und bis heute lose Freundschaften zu Menschen aus allen möglichen gesellschaftlichen Bereichen pflegte. Die Party sollte Ausdruck seines sozial eklektischen Lebens mit all seinen disparaten Elementen sein, die sich in herzlicher Feieratmosphäre miteinander versöhnten.
Im Verlauf des Abends verteilten sich die Gäste im gesamten Haus, wie das häufig bei Partys so ist. Ein paar Leute standen in der Küche, gefangen in der Falle einer jener alkohollastigen Diskussionen über ein gerade höchst aktuelles Thema. Im Esszimmer pickten einige an den Resten des sehr beeindruckenden Buffets. Im geräumigen Wohnzimmer lief Musik und es wurde hemmungslos getanzt. Wer wusste schon so genau, was sich in den anderen Räumen abspielte. Oben, in dem von Dave Lyons so bezeichneten Fernsehzimmer, saßen vier oder fünf Leute und sahen eine Sendung. Sie schienen gar nicht zu bemerken, dass jemand hereingekommen war, sich hinter ihre Stühle stellte und das Geschehen auf dem Bildschirm über ihre Köpfe hinweg verfolgte. Nur das, was er wenig später machte, entging ihnen keineswegs.
Im Zimmer brannte kein Licht, nur der Fernseher flimmerte. Im friedlichen Halbdunkel, in dem Menschen mit Gläsern in den Händen entspannten, musste das Geschehen wie ein Luftangriff auf einen Badestrand gewirkt haben. Eine sehr große Kristallvase flog wie ein tödliches Geschoss über die Köpfe hinweg und knallte auf den Bildschirm. Der Fernseher, der auf einem übertrieben dekorativen Bein stand, kippte hintenüber, knallte auf den Boden, wo er Berichten zufolge mit einem nicht unmusikalischen Klirren seiner Eingeweide den Geist aufgab. Jemand ließ ein Glas fallen. Eine Frau schrie. Panische Bewegungen im Dunkeln, die an die Nachwirkungen eines Terroranschlags erinnerten. Jemand schaltete das Licht ein. Der Mann, der den Anwesenden wohlwollend zunickte, schien zu glauben, er nähme eine Parade zu seinen Ehren ab. Wie sich herausstellte, handelte es sich um Scott Laidlaw.
Den Treibstoff meiner Fantasie hatte Anna geliefert – vermittelt über John und Mhairi Strachan. Aber ich vermute, meine Vorstellung wich nicht allzu sehr von den Tatsachen ab. Anna hatte Mhairi den gesamten Abend anscheinend in allen lebhaften Details geschildert. Das Ganze habe sich ihr, wie Anna meinte, ins Gedächtnis gebrannt. Es musste gehörig Eindruck hinterlassen haben. Für Anna waren das dramatische Worte, ein sozialer Diskurs, der in meinen Augen normalerweise nicht authentischer wirkte als das Lächeln einer Stewardess. Sie hatte außerdem gesagt, das Ereignis habe für sie das Fass zum Überlaufen gebracht, und in diesem etwas weniger vollmundigen Satz glaubte ich den sonst von ihr gewohnten Tonfall wiederzuerkennen.
Anna hatte gewissenhaft sämtliche im Kontext relevanten Einzelheiten von Scotts sozialer Banausenhaftigkeit gesammelt und in aller Ausführlichkeit nicht nur vor Mhairi ausgebreitet. Ich dachte, dies entspringe vielleicht dem Bedürfnis nach Rechtfertigung, das Menschen zum absehbaren Ende einer Beziehung überfällt – wie ein Kundschafter, der die Nachfolgenden auffordert, die Flanken zu decken. Ich konnte mir vorstellen, wie sie die Runde gemacht hatte – ähnlich wie ich es bei Freunden erlebt hatte, die öffentlich Gericht über ihre früheren Bindungen hielten, um klarzustellen, dass es keinen Grund mehr gab, noch länger zusammenzubleiben.
Ich musste zugeben, dass sie nicht ganz unrecht hatte. Es schien, als hätte sie die Unmöglichkeit, mit Scott zusammenzuleben, in flagranti erwischt. Nachdem John Strachan mir die Geschichte erzählt hatte, blieben wir eine Weile schweigend in der Lounge des Bushfield Hotel sitzen. Er trank sein Bier, ich meinen Whisky. Scotts großspuriger Irrsinn war gleichermaßen faszinierend wie unverständlich. Vor meinem geistigen Auge spielte sich die Szene immer wieder ab, wie die Melodie einer durchgedrehten Fiddle – Laidlaws Abschied vom gesellschaftlichen Leben. Aber waren auch Worte gefallen? Was hatte sein Verhalten zu bedeuten?
»Dieser Dave Lyons«, sagte ich. »Hab schon von ihm gehört, aber nicht von Scott. Irgendwann haben Scott und Anna ihn wohl gemeinsam erwähnt. Hat Scott sich mit ihm überworfen?«
»Ich weiß es nicht. Ich habe gedacht, die beiden hätten sich früher besser gekannt, als sie noch jünger waren. Vielleicht war’s so eine Beziehung, die einfach aus Gewohnheit überlebt. Ohne dass die beiden noch wirklich wussten, warum.«
»Ich habe mich gefragt, weshalb Scott es auf den Fernseher abgesehen hatte. War er wegen Lyons’ Reichtum verbittert? Ein Fernseher scheint mir doch eine ziemlich schäbige Zielscheibe. Wer hat denn keinen? Ist nicht unbedingt das Erste, was man mit einem Rockefeller assoziiert.«
»Nein«, sagte John Strachan. »Damit bringt man niemanden auf die Barrikaden. Tod den unterdrückerischen Fernsehapparatbesitzern …«
»Kennst du ihn?«
»Dave Lyons? Hab ihn mal gesehen, aber persönlich nie kennengelernt.«
»Dann hast du auch keine Telefonnummer von ihm?«
John Strachan sah mich an und fing an zu lachen. Er schüttelte den Kopf.
»Ganz schön unverblümt. Was hast du vor? Anrufen und sagen: ›Hallo, es geht um Ihren kaputten Fernseher?‹«
»Nein«, sagte ich. »So schroff bin ich nicht. Ich würde anrufen und sagen: ›Hallo, schön, dass wir uns sprechen. Also, es geht um Ihren kaputten Fernseher.‹«
»Ach so, na dann ist ja gut«, sagte er. »Jetzt, wo ich das weiß, kann ich dir helfen. Ich kenne jemanden, der die Nummer haben müsste. Ich versuch’s mal.«
Er ging raus an das Münzetelefon im Flur und ich holte uns weitere Getränke an der Bar. Allmählich ging es hier lebhafter zu. Die Gesten wurden ausladender. Es hatten sich drei Gruppen gebildet. Ich wurde einem der dänischen Hausgäste vorgestellt. Sein Name war Sören, was mich sofort für ihn einnahm. Aber anders als Kierkegaard schien er noch nie Angst gehabt zu haben, sein Gesicht ähnelte dem eines Babys, das gerade zum ersten Mal gekitzelt wird. Seine Laune war ansteckend. Anscheinend sollte es noch eine lange Nacht im Bushfield werden.
John Strachan kam mit der Nummer und einer Adresse zurück. Der Anblick des frischen Biers auf seinem Platz schien ihn nervös zu machen. Er musste allmählich zurück zu Mhairi. Ich dankte ihm für seine Hilfe und wir unterhielten uns noch ein bisschen, ich erzählte ihm, wie sehr mich das Gemälde von den fünf Männern am Tisch interessierte.
Als er weg war, ging ich zum Münztelefon und wählte die Nummer, die er mir gegeben hatte. Die Stimme, die sich meldete, klang kräftig und selbstbewusst.
»Ja?«
»Hallo. Ist da Mr Lyons?«
»Am Apparat. Wer ist denn dran?«
»Entschuldigen Sie die Störung. Mein Name ist Jack Laidlaw, ich bin Scott Laidlaws Bruder.«
»Ach, hallo. Hat mir wirklich leidgetan, als ich das mit Scott erfahren habe. Ein schrecklicher Verlust.«
»Ja. Ich bin gerade in Ayrshire, Mr Lyons, auf einer Art Reise in die Vergangenheit. Ich muss mir über meine Gefühle in Bezug auf Scotts Tod klar werden und habe mich gefragt, ob ich sie vielleicht diese Woche irgendwann mal sprechen dürfte.«
Er hatte nicht geklungen wie ein Mann, der lange zögern würde.
»Entschuldigung, aber woher haben Sie meine Nummer?«
Jetzt war es an mir zu zögern, da ich nicht wusste, woher ich die Nummer hatte. Ich hörte leise etwas im Hintergrund, das ich für Mozart hielt.
»Als ich Scotts Papiere durchgesehen habe, hat mir das Schicksal Ihre Nummer in die Hände gespielt.« Mir war meine Formulierung peinlich, sie war mir einfach so rausgerutscht. Auch hatte ich es ziemlich unheilvoll klingen lassen: Hallo hier spricht der Tod, Sie sind als Nächstes dran.
»Ich meine, ich habe Ihre Telefonnummer gefunden. Und ich dachte, da Sie ein Freund von Scott waren, würde ich mich gerne mit Ihnen unterhalten. Ich hatte gegen Ende hin ein bisschen den Kontakt zu ihm verloren und hätte nur gerne ein klareres Bild.«
»Papiere?«, fragte er. »Was für Papiere?«
Eine seltsame Frage, um nicht zu sagen unverschämt. Das interessierte mich. Anscheinend gab es möglicherweise Papiere, deretwegen Dave Lyons sich Sorgen machen musste. Mit meinem halbherzigen Ausweichmanöver schien ich auf etwas gestoßen zu sein. Ich beschloss, vorsichtiger vorzugehen.
»Zwischen Scotts Sachen.«
»Na ja, also ich hab diese Woche sehr viel zu tun. Normaler weise wäre ich in Edinburgh und da wäre es sowieso nicht gegangen. Aber diese Woche arbeite ich von zu Hause aus. Tut mir leid, aber mein Zeitplan ist sehr eng.«
»Würde gar nicht lange dauern, Mr Lyons. Da ist etwas ganz Bestimmtes, worüber ich mit Ihnen reden möchte.«
»Was mag das sein?«
Papiere, bedeutende Papiere, hoffte ich, würde mein vorübergehendes Schweigen signalisieren.
»Ist ein bisschen zu kompliziert, um es am Telefon näher auszuführen.«
Ich vermutete, sein Schweigen bedeutete, dass er mit sich rang, ob es besser war, mich jetzt gleich abzuwürgen, oder erst mal zu sehen, was ich in der Hand zu haben glaubte. Da war etwas. Ich spürte das.
»Ich sag Ihnen was. Diese Woche ist wirklich sehr voll. Und viel Zeit habe ich nicht für Sie. Aber morgen. Da habe ich mittags ein Geschäftsessen im Cranston Castle House. Wenn Sie ungefähr um zwei Uhr dort sind? Dann können wir uns vielleicht ein paar Minuten herausnehmen. Aber nur ein paar Minuten. Mehr geht nicht.«
»Wunderbar«, sagte ich. »Vielen Dank.«
»Wissen Sie, wo das ist?«
»Nicht genau. Aber ich werd’s finden.«
»Schön, also dann, bis morgen.«
Ich freute mich auf die Begegnung mit ihm. Als ich in die Lounge zurückkehrte, kam der Abend in Fahrt. Die Gespräche streiften alles Mögliche. Der fröhliche Däne und ich stellten fest, dass wir beide Kris Kristofferson mochten. Ein Fremder sprach mir sein Beileid aus und erzählte mir, ein alter Mann namens Sanny Wilson habe Scott an dem Abend, an dem er starb, in einer Bar gesehen. Sanny hatte dem Mann etwas erzählt, an das er sich erinnerte. Scott habe irgendwann gesagt: »Der Mann im grünen Mantel ist noch einmal gestorben.« Ich war fasziniert. Der Mann sagte, wenn ich morgen Abend da sei, würde er versuchen, Sanny Wilson mitzubringen, damit der mir selbst davon erzählte. Ich sagte, ich wolle da sein.
Nach der Sperrstunde blieben die Hotelgäste in der Lounge. Ein Gitarrist, der nach einem Auftritt in einem anderen Pub hergekommen war, beschloss ebenfalls, über Nacht zu bleiben. Wir sangen ein bisschen. In den Pausen führte ich lange ausufernde Gespräche mit Katie, der ich alles Mögliche über mich selbst offenbarte. Als ich zum ersten Mal an die Reihe kam, sang ich Cycles. Später, als sich die Stimmung dank des Alkoholpegels etabliert hatte, bekamen die anderen The Learig von mir zu hören, gut möglich, dass es Scotts Lieblingslied war. Zur Belohnung bekam ich jede Menge gute Ratschläge, wie ich Cranston Castle House am besten finden würde.
Ich wäre noch viel länger geblieben, so gut war’s, nur wollte ich noch ein paar Gehirnzellen für den nächsten Tag aufsparen. Ich verabschiedete mich von allen, als hätte ich sie mein Leben lang gekannt. Bevor ich nach oben ging, holte ich noch Scotts Gemälde und die Flasche Whisky aus dem Wagen. In diesem Moment erschien es mir ungeheuer dringend. Als ich wieder hereinkam, hatte ich eine geniale Idee. Zu diesem Zeitpunkt kam mir nicht in den Sinn, dass sie ähnlich genial war wie Caesars Einfall, zum Kapitol zu gehen. Ich rief Jan an. Zum Glück meldete sich niemand.
In meinem Zimmer packte ich Scotts Gemälde aus und stellte es an die Wand. Ich zog mich aus, setzte mich aufs Bett und betrachtete die Schottlandbilder. Dann öffnete ich die Flasche Whisky, kommunizierte mit der Kunst und unterhielt mich lange mit dem Antiquary, erinnerte mich an alte Zeiten. Später löschte ich das Licht und legte mich ins Bett.
Plötzlich erwachte ich in der Dunkelheit mit zwei Gedanken, so hell und klar wie Nachtlichter.
Der Mann auf dem Bild mit den fünf anderen trug einen grünen Mantel.
Wie stirbt man zwei Mal?
Zwei
9
EINE KÜCHE AM MORGEN kann ein Garten der Sinne sein. Das Sonnenlicht scheint durchs Fenster, als hätte William Blake den Auftrag bekommen, die Unantastbarkeit des Alltäglichen zu verkünden. Die Kaffeemaschine gluckerte wie der Puls der Normalität. Das Aroma, das sie verströmte, wanderte ziellos umher, lud alle ein, ihm zu folgen. Eine Frau stand im Sonnenlicht, schnitt Gemüse klein. Die opulenten Düfte, die dadurch freigesetzt wurden, ließen eine Wiese im Zimmer entstehen. Ein Mann saß am Tisch, trank Kaffee. Der Becher in seiner Hand wärmte diese brüderlich, versicherte ihm, dass wir alle Teil desselben Prozesses sind. Heute Morgen bin ich deine Tasse, später kannst du die eines anderen sein. Der Mann hatte gut gefrühstückt. Ein Hund döste auf dem sonnenbeschienenen Boden, öffnete träge ein Auge und betrachtete die Welt. Der Raum gab ihnen Kraft. Er erzeugte ein Gefühl von Hoffnung, vergangene Fehlschläge wurden begraben, neue Möglichkeiten geboren. Vielleicht hatte Gott Adam und Eva den angebissenen Apfel abgenommen, ihn sanft per Handauflegen ganz gemacht, wieder an den Baum gehängt und gesagt: ›Versucht’s noch einmal.‹ So ein Gefühl.
Als wäre Raum nur Raum und Gegenwart nur Gegenwart, aber wir dringen mit der Vergangenheit in sie ein, verkom plizieren sie mit unserer Zukunft. Der Mann am Tisch war ich und Katie die Frau am Schneidbrett. Individualisiert man den Augenblick, bewahrt man ihn nicht, sondern verliert ihn. Der Raum war immer noch derselbe, aber wir waren eine unglückliche Frau und ein wüten der Mann. Dadurch löste er sich auf in einen Strom. Wenn die Welt ein frischer roter Apfel war, dann war ich der Wurm darin.
Ich war einfach nur Jack Laidlaw, der seinen Kaffee trank und überlegte, was er als Nächstes tun konnte, um seinen Verständnishunger zu zügeln. Katie war eine überarbeitete Frau, die Suppe kochte. Nicht einmal der Hund war ein idealer Vertreter seiner Spezies. In seinem Pelz saßen Flöhe aus Banalität. Buster hatte ein ernsthaftes Problem mit seiner Aggressivität. Zufällig waren wir hier aufeinandergetroffen. Mike war irgendwo an einem geheimnisvollen Ort, an dem er sich meistens aufhielt, auch wenn er bei einem war.
Ich war mit einem Gedanken aufgewacht, der mich nicht verlassen hatte. Während ich badete, mich rasierte, anzog und hörte, dass Katie den anderen Gästen Frühstück machte, hatte die Idee bereits an der Peripherie meines Bewusstseins gespielt. Während des Frühstücks in der Küche rief ich sie zu einer ernsthaften Aussprache zu mir ins Haus. In meiner Besessenheit schien mir dies ein neuer, bedeutender Ansatz in der Auseinandersetzung mit Scotts rätselhaftem Tod zu sein. Ich dachte, ich sollte Katie auffordern, darüber nachzudenken. Und das tat ich.
»Frauen, Katie«, sagte ich. Es muss mehr nach einem sehnsüchtigen Ausdruck meines Begehrens geklungen haben als nach der Frage, die ich mir selbst laut stellte.
»Wie bitte?«
»Frauen. Scott. So wie er am Ende drauf war, da muss es doch irgendwo eine Frau gegeben haben.«
»Anna gab es.«
»Hast du sie gekannt?«
»Ich wusste, wer’s ist. Wurde mir mal auf der Straße gezeigt. Aber ich hab nie mit ihr gesprochen. Ich glaube nicht, dass sie sich viel mit dem Personal abgegeben hat.«
Die Zunge der giftigen Natter schoss heraus und zog sich wieder zurück. Ich wusste, wie gern Katie Scott gehabt hatte. Vielleicht war ihre Zuneigung nicht rein platonisch gewesen. Vielleicht hatte sie einen verbrauchten Mann in ihm gesehen, den sie gerne gerettet hätte, so wie Frauen dies manchmal tun.
»Nein«, sagte ich. »Anna meine ich nicht. Zwischen ihm und ihr war es vorbei. Da muss eine andere gewesen sein. Er hat schonungslos gelebt. Mir fällt nur ein Mittel gegen diese Art von Schmerz ein, und in der Hinsicht war er nicht viel anders als ich.«
Katie fand, dass Gemüseschneiden vollkommene Konzentration erforderte.
»Was denkst du?«, fragte ich.
»Woher soll ich das wissen?«
»Katie. Was du über die Menschen in deiner Umgebung nicht weißt, hat Platz auf einem Penny. Pass auf, dass du nicht ein paar Finger mit in die Suppe gibst. Du legst es drauf an.«
Beinahe hätte sie das Schneidbrett gespalten. Sie drehte sich zu mir um, das Messer noch in der Hand. Eine beeindruckende Frau. Ich glaubte entfernt im Hintergrund den Ritt der Walküren zu hören und tat, als wollte ich mich unter dem Tisch verstecken.
»Nicht werfen«, sagte ich.
Buster bekam mit seinem ausgezeichneten Spürsinn stets alles mit, kapierte aber nicht, worum es ging und fing an zu knurren. Witze prallten an ihm ab. Abwägen bedeutete für Buster die Beschäftigung mit der Frage, ob er zuerst ins rechte oder ins linke Bein beißen sollte.
»Übrigens ist dein Hund dämlich«, sagte ich. »Du solltest ihm ein frisches Gehirn einpflanzen lassen. Ich bezahl es dir.«
»Lass Buster in Frieden. Du verstehst ihn nicht, es steckt sehr viel Liebe in ihm.«
»Er ist ein dummes Arschloch. Am besten rasierst du ihm den Schädel und tätowierst National Front drauf.«
Sie legte das Messer hin. Dann starrte sie die Wand an.
»Jack«, sagte sie. »Warum bist du so wütend? Das ist ein Hund. Und die Fragen, die du stellst, sind sehr persönlich. Worüber Scott und ich uns unterhalten haben, bleibt unter uns.«
»Was soll das, Katie? Sprichst du von der Unantastbarkeit der Pub-Beichte? Für wen hältst du mich? Den Steuerprüfer? Ich bin sein Bruder, Herrgottnochmal. Ich habe ihn geliebt.«
»Willst du noch Kaffee?«, fragte sie.
»Ich will Antworten«, sagte ich.
Sie seufzte und wischte sich die Hände an der Schürze ab, dann nahm sie eine frische Tasse und eine Untertasse, stellte sie mir gegenüber auf den Tisch. Anschließend holte sie die Kaffeekanne, schenkte mir nach und sich selbst ein. Trug die Kanne zurück. Dann kam sie und setzte sich zu mir. Sie nahm eine Zigarette aus meinem Päckchen, zündete sie an und gab sie mir. Ich liebe die Art, wie Frauen aus einem flüchtigen Augenblick eine Zeremonie machen. Mag sein, dass Gesellschaft eine maskuline Verzerrung der Realität ist, Zivilisation ist jedenfalls feminin. Kleine Freundlichkeiten entwaffneten mich.
»Was ist los, Jack?«, fragte sie.
»Katie«, sagte ich. »Mein Leben ist über mir zusammengebrochen. Und ich versuche, es wieder aufzubauen. Ganz einfach.«
»Wann werden Männer nur erwachsen? Ich sehe dich immer noch in kurzen Hosen vor mir.«
Wie auf ein Stichwort sah ich wieder rot.
»Wir spielen in unterschiedlichen Stücken mit«, sagte sie.
»Was?«
»Männer und Frauen. Wir spielen in unterschiedlichen Stücken. Frauen sind realistisch. Ihr wollt immer ein großes Drama inszenieren, das es gar nicht gibt.«
Sie trank ihren Kaffee schwarz. Und sah mich unverwandt an. Mit ihrer Laune hatte sie sich den Morgen und die damit verbundenen Beschäftigungen abgeschminkt wie überschüssiges Make-up. Ich sah sie deutlich vor mir, vielleicht zum allerersten Mal. Sie wirkte nachdenklich, verständnisvoll und ein bisschen auch des ganzen Theaters überdrüssig. Wo sie gewesen war und was sie durchgemacht hatte, hatte sich auf ihrem Gesicht eingeschrieben, und die Spannung zwischen ihrer Vergangenheit und ihrer Weigerung, sich von dieser unterkriegen zu lassen, verlieh ihr Würde.
»So wie Mike«, sagte sie. »Wir können keine Kinder bekommen. Was heißt das? Das ist eine traurige Sache, mit der man zu leben lernt. Ein dunkler Ort im eigenen Kopf. Aber man kann drum herum für Helligkeit sorgen. Nur er nicht. Für ihn ist es ein göttlicher Fluch. Die Welt hat es scheinbar ganz besonders auf ihn abgesehen. Um ihm das Leben zu vermiesen. Wir hätten schon vor Jahren ein Kind adoptieren können. Aber er musste dagegen angehen, nach seinen eigenen Bedingungen. Um sich selbst zu beweisen. Und jetzt ist es zu spät.«
Ihre Worte öffneten sanft eine Tür. Dahinter verbarg sich der Muff toter Träume, ein Dachboden der gespenstischen Sehnsüchte, Kinderklamotten, die nie ein Kind tragen würde. Ich sah ihren Schmerz und den Mut, mit dem sie ihn ertrug. Ich dachte an Jan und verstand sie ein bisschen besser. Sie würde sich ersparen wollen, was Katie durchmachte. Und sie hatte recht.
»Mike«, sagte Katie. »Drama, Drama. Unterschiedliche Stücke.«
Mike rückte in meinen Blick, all die düstere Verkrampftheit in ihm. Er war ein Zwist mit der Welt, eine tosende Stille. Ich sah ihn als verbissenen Anklageführer gegen das Leben, der vergebens alles daransetzte, dass es die Kränkung zurücknahm, die es ihm zugefügt hatte. Aber ich konnte ihn verstehen.
»Komisch, Katie«, sagte ich. »Aber ich sehe es umgekehrt. Ich denke, oft sind es die Frauen, die Melodramen inszenieren. Nämlich dann, wenn sie Folgen über ihre Ursachen hinaus aufbauschen. Ich habe Frauen gekannt, die Opern sangen, wenn ihnen was angebrannt ist. Ich werde verrückt, weil mein Bruder tot ist. Nicht weil ein Knopf an meinem Hemd fehlt.«
Wir sahen einander über den Tisch wie über Niemandsland hinweg an, wahrten den Waffenstillstand.
»Aber ich liebe sie trotzdem«, sagte ich.
Katie lächelte, beugte sich rüber und berührte meine Hand. »Und ich kann euch auch meistens tolerieren«, sagte sie. »Frag ruhig.«
»Gab es andere Frauen? Für Scott.«
»Hat er es dir nicht gesagt?«
Ich dachte an das, was er mir in der Nacht in meiner Wohnung hatte sagen wollen.
»Ich glaube, vielleicht war er kurz davor gewesen. Aber ich weiß es nicht. Wir hatten ein bisschen den Kontakt verloren. Eine Zeit lang hätten wir auch auf unterschiedlichen Kontinenten leben können.«
»Es gab jemanden«, sagte sie.
Die Bedeutung ihrer Worte nahm vor meinen Augen Gestalt an, so solide wie die Tür zu der geheimnisvollen Kammer in Scotts Leben, die ich nie betreten hatte. Ich zögerte davor, selbst als sein Bruder. Ich wollte nicht in seiner Abwesenheit in seiner Intimsphäre her umschnüffeln. Aber etwas in mir war darauf angewiesen, dass sie sich öffnete. Nur Katie konnte das für mich bewerkstelligen, aber sie machte keinerlei Anstalten. Ich wartete. Sie wartete, trank ihren Kaffee. Hierfür gab es Regeln, das begriff ich. Man konnte nicht einfach so hereinplatzen. Zuerst musste man feierlich seinen Respekt erweisen, Katie leitete die Zeremonie.
»Ich glaube, ich war die Einzige, der er es erzählt hat«, sagte sie.
Sie starrte auf den Tisch, schloss ein letztes Mal ihr Geheimnis fest in die Arme, bevor sie es in die Welt entließ. Ich glaubte zu sehen, was es ihr bedeutet haben musste. Es ist immer ein Liebesbrief, wenn ein anderer einem erzählt, wer er wirklich ist. Man erlangt Bedeutung in dessen Leben. An Scotts Vertrauen gewachsen wollte Katie ihn nicht hintergehen. Sie musste sich selbst überreden, es mir zu verraten.
»Irgendwie hab ich ihn auch geliebt, weißt du?«, sagte sie. »Ich glaube, das haben viele. Dabei konnte er furchtbar nerven, dein Scott. Aber selbst wenn er es tat, merkte man immer, wie verletzlich er war. Vor ein paar Monaten hab ich mich schrecklich mit ihm zerstritten. Er war nicht er selbst. Zwei Wochen lang ist er nicht mehr hergekommen. Du hast keine Ahnung, wie mir das zugesetzt hat. Ich dachte, ein Teil meines Lebens ist weg. Als er dann wieder hereinspaziert kam, war das für mich wie Weihnachten. Das beste Geschenk aller Zeiten. Er konnte einen Tag heller strahlen lassen.«
Sie trank ihren Kaffee.
»Ellie hat sie geheißen«, sagte sie plötzlich. »Sie war Lehrerin, kinderlos. Mehr weiß ich nicht.«
»Hat sie mit ihm zusammen gearbeitet?«
»Jack.«
Sie machte eine lange, gedehnte Anschuldigung aus meinem Namen. Jetzt wo sie mich in ihr Heiligtum vorgelassen hatte, wollte sie verhindern, dass ich alles dort zertrampelte.
»Was glaubst du, was Scott gemacht hat, Jack? Mir Fotos gezeigt? Er hat sie vielleicht drei oder vier Mal erwähnt, in den frühen Morgenstunden. Hat immer nur von ›Ellie‹ gesprochen, keinen Nachnamen genannt. Und ich hab nicht nachgefragt. Ich weiß, dass sie ihm viel bedeutet hat. Und dass ihm die Schuldgefühle zugesetzt haben. Anscheinend war Schluss zwischen den beiden und ich habe ein bisschen mit ihm gelitten. Auf die Einzelheiten kam es nicht an. Er hatte Liebeskummer. Hätte ich da nach ihrer Telefonnummer fragen sollen? Seine Wunden mussten versorgt werden, das habe ich gemacht.«
»Aber wer war sie? Wo hat sie gewohnt?«
Kaum hatte ich es gesagt, wusste ich, dass ich die Tür zugeschlagen hatte. Sie starrte mich an, als wollte sie die Linse eines Mikroskops scharf stellen. Was haben wir hier für eine seltsame Kreatur? Mühsam unterdrückte sie ihre Verärgerung.
»Wieso gehst du nicht ins Krematorium und siebst die Asche durch?«
»Wenn ich glauben könnte, dass es hilft, würde ich das machen«, erwiderte ich.
Ich starrte durch die Linse zu ihr zurück. Welch seltsame Kreatur hält mich für eine seltsame Kreatur?
Sie stand auf, nahm ihre Tasse und meine, obwohl sie noch nicht leer war, ging zur Spüle und wusch beide aus. Dann machte sie mit der Suppe weiter. Mir kamen möglicherweise unwürdige Gedanken in Bezug auf Katie. Vielleicht waren ihre Gründe, nicht über die unbekannte Ellie zu sprechen, weniger nobel als sie vorgab. Vielleicht gehörte Eifersucht dazu. Auch Selbstgerechtigkeit hatte ich im Verdacht. Normalerweise ist dies eine kosmetische Art, die Wahrheit zu beschönigen, ähnlich einer gepuderten Perücke auf einem verlausten Kopf.
Katie hatte ihren Suppentopf zum Kochen gebracht und die Flamme kleiner gestellt.
»Buster«, sagte sie.
Buster erkannte seinen Namen. Er war wohl doch nicht so dumm, wie ich geglaubt hatte. Katie nahm die Leine, die an einem Haken an der Küchentür hing.
»Wenn das überkocht«, sagte sie, »drehst du’s bitte runter, ja? Ich geh mit Buster raus, damit er sein Geschäft verrichtet.« Als sie weg waren, dachte ich über die euphemistische Formulierung nach. Mein Vater hatte sich genauso ausgedrückt: »Geh mit Bacchus raus, damit er sein Geschäft verrichtet«. Oder Judie. Oder Rusty. Oder Tara. Wir hatten viele Hunde und ich hab sie immer gemocht, vorausgesetzt, sie litten nicht an Größenwahn und hielten sich für die wahren Hausherren. Die Formulierung erinnerte mich an meine Familie, an die Zeit, als wir noch zu viert zusammen wohnten. Ich dachte an die Möglichkeiten, die es damals zu geben schien, und wie sie seltsamerweise dazu geführt hatten, dass ich jetzt allein in der Küche des Bushfield Hotel saß. Die anderen drei waren tot. Ich war froh, dass meine Eltern Scotts Tod nicht hatten erleben müssen. Irgendwie fühlte ich mich für die anderen drei verantwortlich. Wir hatten versucht, eine Art ehrlichen Vertrag mit der Welt einzugehen, aber jetzt kam es mir vor, als hätte die Welt uns betrogen. Das Mindeste, was uns zustand, war rückblickendes Verstehen und ich war hergekommen, um es einzufordern.
Ich hob den Hörer und wählte die Nummer der Glebe Academy. Dieselbe nette Frau wie gestern ging an den Apparat. John Strachan sei noch im Unterricht, sie wolle ihn aber holen. Während ich wartete, überlegte ich, dass ich mehr über diesen verschlossenen Raum in Scotts Leben erfahren musste, in den ich dank Katie einen kurzen Blick hatte werfen dürfen. Wenn ich nicht durch die Tür kam, vielleicht kam ich durchs Fenster. Im Gespräch mit John Strachan würde ich vorsichtig sein müssen, denn ich war nicht sicher, was er wusste. Ich war nicht einmal sicher, was ich wusste. Annäherung über Umwege.
»Hallo?«
»Hallo, John. Hier ist Jack Laidlaw.«
»Hallo, Jack.«
Ein Kneipenbesuch mästet Intimität.
»Verzeihung, dass ich schon wieder störe und dich aus dem Unterricht reiße.«
»Kein Problem. Die Klasse ist mehr oder weniger zivilisiert, trotzdem hoffe ich, der Saal steht noch, wenn ich wieder zurückkomme.«
»Es geht um …« Etwas, auf das ich erst langsam hinarbeiten muss. Also, lass mich meine Spuren verwischen, indem ich sage … »ich habe mich gefragt, ob Scott nicht noch ein paar Sachen in der Schule gelassen hat. Ich meine, er hat ja nicht gewusst, dass er nicht mehr wiederkommt. Ich dachte an Papiere und solche Sachen. Etwas, das mir helfen könnte, zu verstehen, was ihn zum Schluss umgetrieben hat.«
»Kann sein.«
»Wahrscheinlich macht es viel Mühe, aber ob du wohl für mich nachsehen könntest? In seinem Klassenraum? Ob da irgendwas ist? Etwas, das uns Hinweise liefern könnte.«
Ich versuchte die darauffolgende Pause zu interpretieren. Würde er sich weigern?
»Sein Büro«, sagte er, »ist schon wieder neu besetzt. Wusstest du das? Da ist jetzt jemand anders drin, war ein sehr begehrter Raum. Tolle Fenster für den Kunstunterricht.«
Ich konnte verstehen, warum er gezögert hatte. Er hatte mir nicht vermitteln wollen, wie schnell Scotts Tod zur praktischen Verwaltungssache geworden war. Der Tod des einen ist des anderen helles Tageslicht.
»Ich denke, der Saal wurde ausgeräumt«, sagte er. »Aber ich gehe heute hin und sehe nach, da könnte durchaus noch was sein.«
»Danke, John. Ach, noch was«, sagte ich beiläufig, denn jetzt kam ich zum eigentlichen Grund meines Anrufs. »Ellie irgendwie? Das ist eine Frau, mit der ich gerne reden würde. Aber ich weiß nicht, wie sie weiter heißt. Sagt dir der Name was?«
Dieses Mal war die Pause undurchdringlich. Wusste er von Scott und ihr? Erriet er instinktiv, was ich gerade erst über die beiden erfahren hatte? Oder sagte ihm der Name einfach nur nichts? So langsam wie die Antwort schließlich kam, vermutete ich, dass sich außerirdische Materie in seinen Gedanken festgesetzt und die Zahnräder zum Stillstand gebracht hatte.
»Tja«, sagte er. »Ich weiß nicht. Ist kein ungewöhnlicher Name. Hier hat mal eine Frau gearbeitet, eine Ellie. Aber ich weiß nicht, ob du die meinst. Ist inzwischen auch gar nicht mehr da. Ellie Mabon. Meinst du Ellie Mabon?«
Das wusste ich nicht. Aber wenn man im Dunkeln schießt, sollte man sich lieber ansehen, was man getroffen hat. Vielleicht ist es ja das, worauf man es abgesehen hatte.
»Keine Ahnung«, sagte ich. »Kann sein. Danke jedenfalls.«
»Schon gut«, sagte er schließlich, wobei er sich vielleicht fragte, wofür ich ihm dankte. »Ich kümmere mich um Scotts Klassenraum. Und rufe an, wenn ich was finde.«
»Ich werde heute unterwegs sein, John.«
»Wenn ich dich nicht persönlich erwische, schau ich einfach später im Bushfield vorbei. Irgendwann am Abend, okay? Ich muss los, mal sehen, ob die wilde Meute schon unruhig geworden ist. Wiedersehen.«
»Wiedersehen.«
Ich legte auf und suchte Katies Telefonbuch. Oben hörte ich jemanden herumgehen und stellte mir vor, wie Mike in dem Psychogefängnis, das er sich selbst gebaut hatte, auf und ab ging. Das Buch lag hinter dem Brotkasten. Typisch Katie. Wir waren gar nicht so verschieden wie sie glaubte.
Beim dritten Mabon fand ich eine Ellie. Der erste war nicht drangegangen. Der zweite klang nach einem unglaublich alten Mann, der mir unbedingt von einem Problem mit seinen Rohrleitungen im Haus erzählen wollte. Ich versprach schließlich, mich darum zu kümmern. Der dritte war eine gute Adresse in Graithnock. Die Stimme klang kurz angebunden mit einem interessanten Unterton, wie ein sinnlicher Körper im strengen Kostüm.
»Hallo?«
»Entschuldigen Sie die Störung, möglicherweise habe ich die falsche Nummer. Ich suche eine Ellie Mabon.«
»Am Apparat.«
Ich wusste sofort, dass sie’s war. Vorübergehend lähmte die Erkenntnis meine Sprechmuskeln. Sie wusste nicht, wie eng wir miteinander verbunden waren oder was ich über sie wusste.
»Hallo?«
»Entschuldigung«, sagte ich. »Mein Name ist Jack Laidlaw. Ich bin Scotts Bruder.«
Sie übte eine Weile lang atmen.
»Oh Gott«, sagte sie. »Eure Stimmen sind sich so ähnlich.«
»Sie haben Scott gekannt«, sagte ich. Nicht unbedingt eine meiner hellsten Bemerkungen.
»Na ja, wir haben nicht nur miteinander telefoniert, falls Sie das meinen.« Dann spürte ich, wie ihr bewusst wurde, dass sie zu schnell zu viel von sich preisgab. Als sie sich wieder zu Wort meldete, klang sie wie eine Frau, die sich gerade das Kleid zurechtzupft. »Wir haben an derselben Schule unterrichtet, vielleicht wissen Sie das.«
»Ja, das weiß ich. Können wir uns treffen und darüber reden?«
»Wie bitte?«
»Verzeihen Sie, das muss Ihnen seltsam vorkommen. Aber es fällt mir schwer, Scotts Tod zu akzeptieren. Ich bin noch dabei, es zu begreifen, und spreche mit Leuten, die ihn gekannt haben. Verstehen Sie? Ich dachte, vielleicht können wir uns unterhalten.«
»Da haben Sie recht«, sagte sie. »Das klingt wirklich seltsam.«
»Hab ich mir gedacht.«
»Was wollen Sie von mir hören?«
»Ich weiß nicht.«
»Also, wenn Sie es nicht wissen, ich weiß es auch nicht. In Ordnung?«
»Nicht so richtig«, sagte ich. »Kommen Sie, bitte. Das ist doch eigentlich halb so wild.«
»Wild? Hören Sie. Was mich betrifft, könnten Sie mit Ihrem Anliegen direkt aus dem Dschungel am Amazonas kommen. Warum kehren Sie nicht einfach dorthin zurück?«
Das Gespräch verlief nicht optimal. Ich hatte das Gefühl, dass mich nur noch Sekunden davon trennten, diesen Faden zu verlieren. Aber zwei Sachen waren mir aufgefallen: die Bemerkung, sie habe mit Scott nicht nur telefoniert, war ein codiertes Eingeständnis und das wusste sie. Wenn sie so entrüstet war, wie sie tat, wieso hatte sie noch nicht aufgelegt? Ihre Strategie bestand darin, mich aus ihrem Leben herauszuhalten. Das hatte ich begriffen. Ich konnte es sogar nachvollziehen. Aber ich durfte es mir nicht leisten, mich damit einverstanden zu erklären. Vielleicht brauchte ich etwas, das sie mir würde sagen können. Ihre Schwäche bestand darin, nicht aufzulegen, bevor sie sicher war, dass sie mich endgültig abgeschreckt hatte. Ich wusste, dass ich nur eine einzige Karte auszuspielen hatte.
»Sie wohnen in der Sycamore Road 28«, sagte ich und las die Adresse aus dem Telefonbuch ab. »Ich bin sicher, das finde ich.«
»Was? Hören Sie mal. Ich bin verheiratet.« Sie dachte darüber nach und verbesserte sich. »Glücklich verheiratet. Ich kann es nicht gebrauchen, dass Sie mein Leben durcheinanderbringen. Was soll mein Mann denken?«
»Wann kommt er nach Hause?«, fragte ich.
»Um halb sieben.« Sie hatte es gesagt, bevor ihr bewusst wurde, wie unverschämt die Frage war. Was sie nur noch wütender machte. »Was zum Teufel geht Sie das alles an?«
»Mrs Mabon«, sagte ich. »Ich will Ihr Leben nicht durcheinanderbringen. Was hätte ich davon? Ich will nur reden. Ich kann nachmittags kommen, niemand muss etwas davon mitbekommen.«
»Ich habe Nachbarn.«
»Wir können an der Tür stehen bleiben.«
»Was ist mit den Kindern?«
»Mrs Mabon, Sie haben gar keine.«
Schweigen.
»Heute Nachmittag. Okay?«
»Ich glaube Ihnen nicht.«
»Vielleicht sollten Sie’s aber.«
»Auf keinen Fall. Fahren Sie zur Hölle«, sagte sie und legte auf, als wollte sie mir eine runterhaun.
Ich blieb mit dem Hörer sitzen und schämte mich. Bis ich aufgelegt hatte, wusste ich bereits, dass ich das Angedrohte nicht durchziehen konnte. Es stand mir nicht zu. Was Katie gesagt hatte, stimmte. Ich siebte Asche. Und sollte sie doch ruhen lassen.
Katie kam mit Buster zurück. Sie sah aus, als wüsste sie, wie richtig sie gelegen hatte. Ich hatte ein schlechtes Gewissen wegen dem, was ich in ihrer Abwesenheit getan hatte, und das Gefühl, ihr mit meiner Hartnäckigkeit recht gegeben zu haben. Dass ich die Suppe hatte überkochen lassen, machte es nicht besser. Als Katie kein Wort darüber verlor, sondern nur die Flamme kleiner stellte, fühlte ich mich noch schlechter. Buster war der Herzlichste im Raum. Das bedeutete, dass es Zeit war zu gehen.
Ich holte meine Jacke. Als ich wieder runterkam, schaute ich in die Küche. Katie klopfte Fleisch, als wäre es mein Kopf.
»Ich bin dann mal weg, Katie«, sagte ich. »Danke fürs Frühstück. Bis später.«
Sie drehte sich um, sah an mir vorbei.
»Bleibst du den ganzen Tag fort?«, fragte sie.
»Ist das eine Frage oder eine Bitte?«
Fast hätte sie gegrinst. Mit einer wegwerfenden Handbewegung schickte sie mich raus.
10
»GUS. ALLES KLAR? Wahrscheinlich denkt ihr, in Wirklichkeit heiße ich Angus. Aber das zeigt nur, wie beschränkt ihr seid. Ratet, na los. Hundert Mal dürft ihr raten. Und werdet nicht mal annähernd draufkommen.«
Einige gingen kaum ernsthaft auf die Herausforderung ein (unter anderem wurde Angustura‹ vorgeschlagen), ich gehörte nicht zu ihnen. Ich stand inmitten der Heiterkeit und fragte mich, was ich hier eigentlich wollte, in Graithnock und in meinem Kopf. Der Katie-Samson-Effekt war noch spürbar.
Ich war vom Bushfield weggefahren und hatte in der Innenstadt geparkt, meiner zwanghaften Vorliebe für Fußmärsche nachge geben. Die Stadt interessierte sich nicht dafür. Ich war eine Weile im gewöhnlichen Alltag herumspaziert und mir dabei so randständig vorgekommen wie ein religiöser Fanatiker mit einer Botschaft auf einem Transparent, die sich nur ihm alleine erschließt.
Seit ich hergekommen war, ging es mir noch schlechter. Vielleicht hatte Katie recht damit, dass wir in unterschiedlichen Stücken spielen. Auf jeden Fall schien ich ein anderes Drama zu inszenieren als die anderen. Verbissen hatte ich mich an eine düstere Rachetragödie als Vorlage gehalten und war in einem Varietétheater gelandet. Hierfür fehlte mir der Text. Ich konnte nichts anderes sein als ein Teil des Publikums.
»Falsch, falsch. Alles falsch. Ich will euch in eurer abgrundtiefen Ahnungslosigkeit aufklären. Die Antwort ist … Achtung, gleich kommt’s …«
Die Antwort lautete offensichtlich Gustavus – »wie Adolphus«. Na ja, eigentlich hieß er Gustave, da seine Vorfahren von Schweden nach Frankreich ausgewandert waren und den Namen entsprechend adaptiert hatten. Ursprünglich aber hatte er Gustavus geheißen. Der kräftig gebaute Mann, der seine exotischen Wurzeln erläuterte, wirkte so schottisch wie Haggis. Seine Begabung, die Wahrheit mit Lügen auszuschmücken, und die dankbaren Reaktionen, die sein Talent hervorrief, bestätigten mich in dem Gefühl der Aussichtslosigkeit meines Anliegens.
Wir alle sind Experten der Täuschung, begrüßen die Verschleierungen anderer wie alte Freunde. Im Gedränge der Masken, von denen viele meine eigenen waren, konnte ich nicht erwarten, die Wahrheit über den Tod meines Bruders zu entdecken. Hier ist niemand außer uns Lügnern.
Aber bis das Kabarett vorbei war, hatte ich dank einer kleinen Offenbarung erneut Hoffnung geschöpft. Obwohl sie so unbeständig war wie ein Dunstschleier auf einem Spiegel, hatte ich den Glauben an die Möglichkeit eines Verstehens noch nicht ganz aufgegeben. Mir wurde bewusst, wer gesprochen hatte.
Scott hatte ihn mehr als einmal mir gegenüber erwähnt und ich war überzeugt, ihn früher, als ich jünger war, in der Stadt gesehen zu haben, wobei mich die Auswirkungen des Alterns dessen unsicher werden ließen. Sein Name war Gus McPhater. Vermutlich war Gus die Kurzform für Angus. Der Umstand, dass er dies gerade mehrere Minuten lang wortreich geleugnet hatte, ließ es umso wahrscheinlich werden.
Er war der Baron von Münchhausen des Akimbo Arms. Die Lügen, die er erzählte, waren legendär. Laut Scotts unregelmäßiger Berichte mir gegenüber, hatte Gus McPhater die Queen Mary entworfen (»Aber irgendein Arschloch hat die Pläne geändert. Deshalb ist sie nie das Schiff geworden, das sie hätte sein können!«), sämtliche James-Bond-Romane verfasst (»Ian Fleming hat mir eine Pauschale gezahlt. Ich mach mir nichts aus Publicity«), sowie den ersten Minirock geschneidert und der nichts ahnenden Öffentlichkeit aus rein egoistisch voyeuristischen Motiven untergejubelt (»in meinem Alter nimmt man, was man kriegt«). Früher war er bei der Handels marine gewesen.
Ich stand an der Bar. Durch den Rundbogen, der diesen Raum mit der Lounge verband, konnte ich erkennen, dass dort kaum jemand war. Zwei ältere Damen mit Plastiktüten neben sich saßen auf der Polsterbank und tranken, bekräftigten leise nickend die Bemerkungen ihres Gegenübers. In der Bar war nicht viel mehr los. Neben dem Künstler und mir selbst saßen noch zwei Männer, die sich mit Pferderennen beschäftigten, und ein junger Mann, der so entrückt wirkte wie in transzendentaler Meditation versunken, außerdem ein lautstark arbeitsloser Maurer, der einen Overall trug, als rechnete er damit, jeden Augenblick aufgefordert zu werden, etwas zu bauen. Aus Scotts Erzählungen erkannte ich auch den großen Barmann wieder. Sein Name war Harry und er wirkte so zufrieden wie ein Rechabiter bei einer Weinprobe. Ich erinnerte mich, wie Scott einen von Gus McPhaters Sprüchen wiedergegeben hatte: »Harry ist für ein interessantes Gespräch so gut zu gebrauchen wie ein Hexenschuss beim Tanzen.«
Es war die Zeit kurz nach Öffnung, wenn ein Pub langsam erwacht, der neue Tag im alten beginnt, als hätte der Vormittag gestottert. Der Eimer war randvoll gefüllt mit Eis. Der Linoleumboden noch frei von Zigarettenstummeln. Trotz der Staubpartikel im Sonnenlicht waren die Fenster klar genug zum Durchgucken.
Aber während ich mir Scotts Abende hier ausmalte, bevölkerte ich die Leere. Hier war einer seiner Orte gewesen, ein kleiner Teil seines Geistes war noch hier. Ich hielt eine kurze Séance für meinen Bruder ab, beschwor lebendige Gesichter und laute Nächte herauf, sah sein Grinsen, so abrupt wie einen Sonnenstrahl, wenn ihm gefiel, was man sagte. Ich sah den angestrengten Ausdruck, wenn er fand, man müsse ihm zustimmen, obwohl er einen nicht davon hatte überzeugen können. Ich sah, wie seine Augen strahlten, wenn er versuchte, sich das Lachen zu verkneifen. Und dann hörte ich es, wenn es schließlich aus ihm herausplatzte. Er musste so manchen wilden Abend hier verbracht haben. Er hatte so intensiv gelebt. Der Gedanke war meine Trauerfeier für ihn. Wer brauchte schon Besitztümer, eine Karriere, offizielle Errungenschaften? Ein Leben will gelebt werden. Es kommt allein darauf an, wie man sich verhält, wer man ist und was man tut. Auch das war nicht von Bestand. Aber solange man hier war, sorgte es für Licht – war es der Docht im Kerzenwachs der Zeit. Scotts Flamme war erloschen, aber hier konnte ich den Rauch fast noch riechen, der entstanden war, als sie ausgeblasen wurde.
Ich sah zur grotesken Erscheinung des Gus McPhater hinüber. Auch er hatte sich in der Umlaufbahn dieses Lichts bewegt, wenn auch nur am Rande. Er saß an einem kleinen runden Resopaltisch, vor sich ein Drittel Glas Bier. Er starrte zu Boden. Seine kurze Vorstellung war beendet. Jetzt verspürte er die Leere des Schauspielers, der gerade seine Rolle abgelegt hat. Ich glaubte an den Schweigenden mehr als an den Geräuschvollen, trotz des Gelächters der anderen.
Als ich ihn betrachtete, erkannte ich viel mehr als eine amüsante Nummer. Vielleicht konnte er mir etwas über Scott erzählen. Aber was hatte es für einen Sinn, sich mit einem berufsmäßigen Aufschneider zu unterhalten? Dann fiel mir noch etwas ein, das mir Scott über ihn erzählt hatte. Seine einzige Tochter war jung gestorben und das hatte ihn über Jahre zum Einsiedler gemacht. Als er wieder ins Leben zurückkehrte, hatte er sich einen Panzer aus Lügen zugelegt. Ich erinnere mich, dass Scott, der Paradoxa liebte, gesagt hatte: »Seine Gabe ist Bescheidenheit.« Ich denke, er meinte damit, dass er lieber eine Vielzahl von Menschen sein wollte, die er nicht war, als einfach nur er selbst zu sein. »Sein Geschwätz ist ein Kiebitz«, hatte Scott behauptet. »Er führt einen hin, wo er nicht ist. Denn dort, wo er ist, ist er viel zu verletzbar.«
Ich ging dorthin, wo er war.
»Verzeihung«, sagte ich. »Sind Sie Gus McPhater?«
Er blickte langsam auf, und als sich unsere Blicke trafen, fiel ihm auch sein Text wieder ein.
»Das ist korrekt, junger Mann«, sagte er.
Er ließ sich keinerlei Erstaunen darüber anmerken, dass ihn ein Fremder mit seinem Namen ansprach. Vielleicht war er es gewohnt. Vielleicht hielt er mich für einen Autogrammjäger.
»Darf ich Sie auf ein Getränk einladen?«
»Das ist durchaus gestattet.«
»Ein Pint McEwan’s?«
»Korrekt.«
Er trank aus, was er noch hatte, und reichte mir das Glas. Ich ging an die Bar. Harry nahm meine Bestellung hin wie ein weiteres kleines Geschwür am Hintern des Hiob. Ich kehrte mit einem Pint Heavy zu Gus McPhater zurück und stellte mein frisches Glas Soda and Lime auf dem Tisch neben ihm ab. Als ich mich setzte, sah ich, dass er den Inhalt meines Glases analysierte.
»Bist du Alkoholiker, mein Sohn?«, fragte er.
Ich konnte nicht anders, als über die unschuldige Verdrehtheit seiner Vermutung zu lachen.
»Noch nicht«, sagte ich. »Aber gib mir zwei Wochen, dann kann ich’s werden. Nein, ich muss noch fahren.«
»Na, das ist schlau«, sagte er. »Alkohol macht Birne hohl, hab ich recht? Finger weg!«
Seine Worte waren so offensichtlich einstudiert und wurden so schelmisch vorgetragen, dass ich kurz fürchtete, er wolle die Liste fortsetzen.
In einer Paniksekunde sah ich mich McPhaters Thesaurus des riskanten Genussmittelkonsums ausgesetzt – Alkohol ist kein Ausweg, keine Lösung, kein Durstlöscher etc …
»Ich bin Jack Laidlaw«, sagte ich. »Scotts Bruder.«
An seiner Reaktion merkte ich, dass Scott mit seiner Einschätzung richtig gelegen hatte und meine Hoffnung berechtigt war. Er war ein Mann, der Öffentliches und Privates unterscheiden konnte. Führungen seiner Persönlichkeit bot er nur Touristen an. Als solcher war ich nicht hier. Er zog eine Grimasse und atmete mehrere Sekunden lang aus, als wollte er sich all dessen entledigen, das er dem Fremden gegenüber, der ich nicht war, gesagt hätte. Als er mich ansah, machte sich sein schüchterner Blick mit mir bekannt.
»Natürlich«, sagte er. »Hätte dich gleich erkennen müssen. Hab dich vor vielen Jahren schon ein paar Mal gesehen. Da warst du aber noch ein Junge und ein kleines bisschen speziell, erinnere ich mich.«
In meiner Jugend war ich laut.
»Du bist Polizist.«
»Heute nicht«, sagte ich.
»Ach, Scott«, sagte er. »Hat mir leidgetan, als ich’s gehört hab. Weißt du, was ich dachte? Kein Scheiß. Warum nicht ich? Ich meine, Jeanie und ich verstehen uns ganz gut. Mal abgesehen von dem ein oder anderen Waterloo. Aber ich hab alles gemacht, was ich zu machen hatte. Weißt du, was ich meine? Scott hatte noch so viel vor sich. Vielleicht hätte ich freiwillig mit ihm getauscht, hätte ich die Chance gehabt. Vielleicht auch nicht, man weiß nie. Vielleicht aber schon. Und er ist der Einzige, abgesehen von meiner Familie, über den ich so was sagen würde. Ein paar gibt’s, die würde ich sogar noch schubsen, wenn das Auto kommt. Bei deinem Scott war das anders.«
»Na, da kann ich dir nicht widersprechen.«
»Danke für das Bier, mein Sohn. Scheint eine Angewohnheit der Laidlaws zu sein. Scott hat mir auch einige ausgegeben.«
Er nahm einen Schluck Bier.
»Das war schlimm. Ist immer schlimm. Aber das war besonders schlimm.«
»Hast du ihn oft gesehen, bevor er verunglückt ist?«
Er sah sich in der Bar um, als suchte er in seiner Erinnerung nach Scotts Platz hier.
»Nun«, sagte er. »Ich hoffe, es macht dir nichts aus, dass ich das sage, Jack, oder? Aber Scott war nicht mehr derselbe, als er gestorben ist. Ich meine, ich weiß, dass es ein Unfall war. Aber so, als wäre er selbst vorher schon der Unfall gewesen. Als hätte er bloß die Adresse noch nicht gefunden. Sagt man doch so, als hätte er die Stelle gesucht, wo’s passieren soll.«
Er fuhr fort mit seiner Leier und ich lauschte einigermaßen interessiert, aber er sagte nichts, was ich nicht schon wusste. Wenigstens sprach ich mit jemandem, der Scott gekannt hatte und mir das Gefühl gab, weniger fremd in der Stadt zu sein. Dabei war alles so allgemein, als hätte sich die Komplexität meines Bruders innerhalb eines einzigen Monats in Klischees verwandelt – »nicht glücklich in seiner Ehe«, »zu tief ins Glas geschaut«, »jammerschade um einen so guten Menschen«. Ich suchte Scott, nicht das Phantom eines desillusionierten Westschotten.
Wie einer, der beim Umgraben des Gemüsebeetes plötzlich auf einen menschlichen Knochen stößt, sagte Gus McPhater plötzlich etwas, dem ich nachgehen wollte.
»Ich hab ihn an dem Abend gesehen.«
»Wie bitte?«
»Scott. Hab ihn an dem Abend gesehen.«
»Wo?«
»Wo wohl?«, fragte er. »Hier. Hab ihn hier gesehen. An dem Abend, an dem er gestorben ist.«
»Wann?«
»Ein paar Stunden vorher, denke ich.«
»Wie war er?«
»Hatte gut getankt. So war er. Konnte eine ganze Menge Gin Tonics vernichten. Kein Wunder, dass er sich mit den Leuten angelegt hat. Vorher war er schon in ein paar anderen Kneipen gewesen, würde ich sagen. Sternhagelvoll. Kam rein, als wär’s ein Saloon und er Billy the Kid.«
So viel Aggression passte nicht zu Scott. Ich erinnerte mich an sein altmodisch galantes Getue bei unserem letzten gemeinsamen Besäufnis. Es hatte mein Bild von ihm geprägt. Aber auch Katie Samson hatte einen ungewöhnlichen Streit erwähnt. Dann der Zwischenfall auf der Party. Und jetzt beschrieb ihn auch Gus McPhater, als wäre er ein anderer. Als Stammgast im Akimbo Arms musste Gus so einige wütende Männer erlebt haben. Scotts wildes Benehmen beschrieb er mit der Autorität des Experten. Ich sah, wie er den Augenblick in Gedanken festhielt, ihn genüsslich abwägte.
»Mein Gott«, sagte er. »Hier drin sieht man sie alle. Wenn man bloß lange genug wartet. Diejenigen, die sich nur schnell besaufen wollen, und die, die sich selbst auf dem Grund des Glases suchen. Manche sind nur noch ein Bier davon entfernt, sich die Pulsadern aufzuschlitzen. Und ich sage dir, genau so war Scott an dem Abend. Ein Mann mit schlimmen Gedanken.«
Ich fragte mich, was das für schlimme Gedanken gewesen sein mochten. Ich glaubte, dass er insgesamt unglücklich in seinem Leben gewesen war. Und ich vermutete, dass die Verzweiflung gegen Ende zugenommen hatte, als wäre zu dem Gebräu aus Kummer, das sein Dasein vergiftete, noch eine letzte Zutat hinzugekommen. Diese wollte ich ausfindig machen. Ich fragte mich, ob es das wundersame zweifache Sterben des Mannes im grünen Mantel gewesen sein konnte.
»Du hast gesagt, er hat sich mit Leuten gestritten«, fragte ich. »Gab’s da jemand Bestimmten?«
»Oh ja. Den gab es.«
»Wer war das?«
»Na, so wie Scott reinkam, hätte man denken können, irgendwer. Aber ich weiß noch, als Scott explodiert ist, hab ich gedacht, dass er ihn die ganze Zeit gesucht hat.«
»Wen?« Ich gierte nach einem weiteren Namen, auf den ich mich stürzen konnte, etwas Konkretes, das meine Vermutungen in klareres Licht rücken würde. »Wer war’s?«
»Fast Frankie White.«
Jetzt hatte ich einen Namen, aber er machte alles nur noch undeutlicher. Die Ironie dabei war, dass ich den Namen kannte und er einiges hätte klarstellen müssen. Fast Frankie White (›The Ladies’ Delight‹) war ein Kleinkrimineller. Er gehörte in meine Welt, nicht in die von Scott. Ich konnte mir nicht vorstellen, weshalb Scott sich mit ihm gestritten haben sollte. Vielleicht war der Zoff aus dem Moment heraus entstanden.
»Haben sie sich geprügelt?«, fragte ich.
»Nur Worte. Böse Worte.«
»Worum ging’s?«
»Das weiß ich nicht.«
»Du musst doch eine Idee haben.«
»Na ja.«
Er trank sein Glas aus. Ich holte ihm noch eins, um seinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen.
»Also, Scott war zuerst da. Kam vor Frankie. Und hat Doppelte gekippt. Er hat sich mit niemandem angelegt, aber man hat schon gemerkt, dass die Kanone entsichert war. Wie wild um sich geguckt hat er, als würde er etwas suchen, dann ist Frankie aufgetaucht und da war klar, dass er’s gewesen ist. Scott ist direkt auf ihn zu. Ich halte nicht viel von Frankie White. Kennst du den?«
»Ich kenn ihn.«
»Dann weißt du, was ich meine. Ist nicht der Schlimmste von allen, aber der eigenen Tochter würde man ihn auch nicht vorstellen. An dem Abend hat Scott aber angefangen. Frankie hatte noch nicht mal was zu trinken bestellt, da ist Scott schon auf ihn los. Laut und heftig gestritten haben sie. Frankie ist aufgestanden, und ich hab gehört, wie er gesagt hat: ›Scheiß drauf. Das hab ich nicht nötig. Ich bin raus.‹ Dann ist er gegangen. Und Scott hat hinter ihm hergeschrien: ›Genau! Hau ab und lass dich nirgends mehr blicken! Von der Menschheit verabschieden sollst du dich! Ich weiß, was du getan hast!‹ Und das war’s. Ein paar von den anderen Jungs haben Scott gefragt, worum’s ging. Aber er wollte es nicht sagen. Und ist danach auch nicht mehr lange geblieben. Hab mich gefragt, ob er Frankie hinterher ist. Egal, worum es ging, für Scott war’s noch nicht vorbei.«
Jetzt schon. Scott hatte ein paar seltsame Verhaltenshieroglyphen hinterlassen, die ich nicht zu deuten wusste. Ein Streit mit Fast Frankie White war die seltsamste davon. Eigentlich hatten sie nicht genug gemeinsam, um sich zuzunicken, geschweige denn zu streiten. Dass Scott sich derart über Frankie aufgeregt hatte, dass er ihn verflucht hatte, war unfassbar. Außerdem lebte Frankie meinen Informationen zufolge inzwischen irgendwo in London.
Ich fragte Gus McPhater noch ein bisschen weiter aus, aber der Nebel lichtete sich nicht. An der Bar bestellte ich eine Pizza (›ein echter Klassiker‹, hatte Gus McPhater behauptet), und während mein Mund den Kampf aufnahm, versuchte ich in Gedanken dahinterzukommen, wohin mich diese neue Information führte. Nicht viel weiter. Aber sie war seltsam genug, um erneut den Dämon in mir zu wecken, der darauf beharrte, dass es sich bei Scotts Tod um keinen reinen Verkehrsunfall handelte. Vielleicht lohnte es sich, den Termin mit Dave Lyons wahrzunehmen. Ich versuchte bereits darüber hin auszusehen.
»Fast Frankie«, sagte ich zu Gus McPhater. »Weißt du, wo der ursprünglich herkommt?«
»Weiß das überhaupt jemand?«, fragte er. »Irgendwo hier aus der Gegend, das schon. Aber mit konkreten Angaben hat er’s nie so gehabt, der gute alte Frankie. Hauptsächlich stammt er aus seiner eigenen Fantasie, denke ich.«
Gus McPhater stieg weiter in meinem Ansehen. Er kannte Frankie White bis zu den Fingerabdrücken. Ich ließ ihm an der Bar noch ein Bier bereitstellen und ging. Aber Gus war besser in der Beurteilung anderer Menschen als von Speisen. Ich hatte nicht aufgegessen.
Die Pizza war tatsächlich ein Klassiker – circa aus dem ersten Jahrhundert nach Christus.
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