Read the book: «Verbotene Spiele»
Will Berthold
Verbotene Spiele
Zärtlichkeit in kleinen Raten
Roman
Saga
Verbotene SpieleVerbotene Spiele. Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof Forlag A/S Copyright © 2017 by Will Berthold Nachlass, represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de). Originally published 1980 by Heyne Verlag, Germany. Copyright © 1980, 2019 Will Berthold und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711727140
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com
Eigentlich hatte ich nur über das Wochenende nach Mainbach kommen wollen, doch dabei war ich blindlings in diese brisante Geschichte gestolpert, die mir ihren Griff an die Kehle setzte, mich von einer turbulenten Situation in die andere hetzte, und schließlich mein Leben völlig veränderte.
Wenn ich vorher gewußt hätte, daß ich ausgerechnet hier hängenbleiben würde, wäre es vielleicht nicht einmal der rassigen Nancy gelungen, mich zu einem Besuch dieser Stadt zu verführen.
Doch es war Frühling, das Quartal der Torheiten, und die Star-Stewardeß der Inter-Air war mir gestern in Frankfurt so unerwartet in den Weg gelaufen wie ein Lottotreffer.
Wir kannten uns von Acapulco oder von Bangkok oder von Rio de Janeiro her-weder sie noch ich wußten es genau zu sagen –, denn wir waren beide Vagabunden der Luft, gewohnt, die Kontinente zu wechseln wie Kleingeld.
Wenn ich mit meiner Boeing zur Landung ansetzte, startete Nancy gerade in eine andere Richtung. Mitunter reichte es zu einem Plausch, zu einem Flirt, dann mußte ich weiter und drehte mich noch einmal um, sah Nancy Pepper, das große schlanke Mädchen mit den dunklen Augen, sah sie lachen und winken, und nur der Wind vergriff sich an ihr.
Es war ein Flirt der kleinen Gesten und der großen Pausen.
Bis gestern.
Ich hatte in der Hotelhalle des Intercontinental gesessen, mit dem Rücken zum Eingang, und aus Langeweile eine Zeitung von vorne bis hinten gelesen. Flugzeugentführung. Aktiensturz. Ein Kalb mit drei Köpfen. Wieder eine Priesterehe.
Ich begann, die Zeitung von hinten nach vorne zu lesen, sie wurde nicht interessanter. Ich gab es auf, auf die Amerikanerinnen mit den betonierten Gesichtern in den tiefen Klubsesseln zu sehen, die herumsaßen, wie in einer Wartehallte des Lebens, obwohl ihre Zukunft doch nur ihre Vergangenheit sein konnte.
Es ging mich nichts an; ohnedies hatte ich meine eigenen Sorgen. Ich war am Boden zerstört – eine ziemlich fatale Situation für einen Flugkapitän.
Jedenfalls drohte mir auch dieser Abend in der Hand zu bleiben wie ein abgerissener Koffergriff.
Ich hörte Schritte hinter mir, sah aber nicht auf. Jemand beugte sich über mich: »Nicht zu fassen«, sagte eine helle Stimme, »Michael Merks.«
Ein Mädchen hielt mir die Hände vor die Augen, und ich horchte der Stimme nach: Juliane? Eileen? Oder Betsy?
Dann erkannte ich Nancy und wußte, daß sie allein besser war als die drei anderen zusammen.
Auf einmal roch die Hotelhalle nicht mehr nach morbidem Parfum – das frühlingshafte Prickeln war durch die Drehtüre ins Haus gespült worden.
»Was machst du hier?« fragte sie.
»Urlaub«, antwortete ich, »unfreiwillig.« Ich zog sie an die Bar. »Und du?«
»Zwangspause«, versetzte sie. »Bis Montag.«
»In Frankfurt?«
»Nichts gegen Frankfurt«, entgegnete sie lachend, »aber es wäre mir lieber gewesen, das Fahrgestell unseres Jets hätte auf dem Pariser Flughafen Orly gestreikt, statt hier.«
Wir nahmen einen Whisky on the rocks, und ich ließ den Zufall hochleben, der mir dieses aparte Mädchen beschert hatte: Nancy Pepper, 27, war die Tochter einer thailändischen Mutter und eines englischen Geschäftsmannes. Sie hatte leicht vorspringende Backenknochen, ein flächiges Gesicht mit den mandelförmigen Augen der Eurasierin. Sie war in den Staaten aufgewachsen, finanziell unabhängig, ungewöhnlich selbständig, und sie hatte Verstand und Geschmack.
Als ich sie ansah, schritt ich in Gedanken bereits über eine gemähte Wiese.
Die Zeit der Trübsal war vorbei, ich war entschlossen, die Gelegenheit beim Schopf zu fassen, und dieser Schopf war reizvoll, appetitlich, löwenmähnig, von blauschwarzer Tönung.
Wir hatten weder Alkohol noch Umwege nötig. Wir sangen sofort ein Lied ohne Worte. Stumm, doch zweistimmig. Es übertönte den Motorlärm des Leihwagens, der uns über die Autobahn nach Mainbach karrte.
Eine großartige Stadt, in die Schleife des Flusses geschmiegt wie eine schöne Frau in die Arme ihres Liebhabers. Sitz eines Bischofs und Hort der Bildung. Anmutig, verträumt, historisch und verfressen. Ein zartblauer Himmel über den grünen Weinbergen. Sinfonie von Lebenslust und Rebensaft. Die Bewohner leben zwischen Arbeit und Erfolg, zwischen Tratsch und Trott, gottes-fürchtig und sangesfroh. Mainbach ist kleiner als die Nachbarstadt Würzburg, fast so alt wie Bamberg und weit anheimelnder als Frankfurt.
Mainbach und ich standen in vertrauter Distanz.
Wir kannten uns gut, vielleicht zu gut.
Ich war hier aufgewachsen und hatte die Stadt vor einem guten Jahrzehnt verlassen müssen, als mir ihr idyllisches Pflaster zu heiß geworden war:
Ich hatte keine Dummheit, und schon gar kein Verbrechen begangen.
Ich hatte mich lediglich in das begehrteste Mädchen der Stadt verliebt – nicht ohne Erfolg.
Die Erinnerung an Lydia Kübrich hatte ich längst verdrängt, aber jetzt wurde sie in allen Ecken und Enden, in jeder Straße und auf jedem Platz wieder freigeschaufelt. Überall prangte der Name des mächtigen Industriekonzerns und wurde mir vorgehalten wie einem Kampfstier das rote Tuch.
Ich lief nicht dagegen an.
Ich war viel zu verwundert; meine Heimatstadt hatte sich verändert. Sie war jünger geworden, moderner, sie hatte sich mit mondänen Hochhäusern und komfortablen Wohnanlagen garniert, sie hatte ihr fast 1200 Jahre altes Gesicht liften lassen, und so wirkten die Passanten, vor allem die weiblichen, keineswegs wie Provinzler.
Man sah ihnen an, daß sie in Großstädten einkauften und ihren Urlaub auf Teneriffa oder in St. Moritz verbrachten.
»Wie fühlt sich der verlorene Sohn der Stadt?« fragte Nancy.
»Leicht verwirrt«, entgegnete ich. »Vor allem wegen der verwunschenen Prinzessin an seiner Seite.«
Sie hängte sich bei mir ein, wir schritten durch die Hauptstraße. Den Passanten riß es die Köpfe förmlich herum. Manche erkannten mich, verspätet, aber die meisten starrten uns wohl wegen meiner eurasischen Begleiterin an, die durch die Stadt schritt wie über einen Laufsteg, eine Botschafterin der großen weiten Welt.
Als erster erkannte mich ein vormals verhaßter Mitschüler: Franz-Joseph Hühnlein, früher ein Streber, ein Schwätzer. Er war dick und stolz geworden, Schulrat durch politische Verbindungen und Laiendirigent aus Wichtigtuerei und Wonne.
»Wieder mal im Lande?« hudelte er seinen Universal-Kalauer herunter, gab mir die Hand und starrte dabei Nancy an: »Wo wohnst du? Wenn du etwas brauchst«, er warf sich in die Brust, »ich habe jetzt Beziehungen. Wirklich außergewöhnlich gute Beziehungen.«
Er ließ sich nicht so leicht abschütteln. Wir bildeten eine kleine Insel auf dem Gehsteig. Gaffer umstanden uns wie Verunglückte.
Wir mußten eine Art Fahrerflucht verüben.
»Der Mann hat mich mit seinen Augen förmlich aufgespießt«, sagte Nancy.
»Kunststück«, entgegnete ich lachend. »Schließlich ist er ja auch ein Spießer.«
»Bist du der Vogel, der das eigene Nest beschmutzt?«
»Ich bin das schwarze Schaf, das weise Sprüche schmettert«, antwortete ich.
Ich wußte nicht, warum mich die späte Wiederbegegnung mit meiner Heimatstadt so erregte. Vielleicht war es die Arroganz des Globetrotters. Oder heimliche Sehnsucht, hier still genüßlich und friedlich zu leben. Oder die Erinnerung an Lydia Kübrich, die Jugendfreundin, war wie eine schlecht vernarbte Wunde wieder aufgebrochen.
Nancy verliebte sich regelrecht in diese Stadt: Sie kannte London, Paris, Rom, New York, kannte die Weltstädte so gut wie die Lebeplätze der High Society, und so war für sie Mainbach genau der Ort, auf den sie hereinfallen mußte.
Wir liefen uns die Füße wund und merkten es nicht.
Wir zählten die Weinstuben und die Kirchen, und gaben es auf, als wir uns die Zahl nicht mehr merken konnten.
Ich beabsichtigte nicht, eine Begegnung mit den Küb-richs zu suchen, aber wie von selbst schritt ich auf einmal an ihrer residenzartigen Villa entlang, vorbei an der hohen weißen Mauer, an der sich Neid und Gerüchte die Köpfe einrannten.
»Erinnerungen?« fragte Nancy.
»Wenn ich dich betrachte, zählt nur die Gegenwart«, antwortete ich, »aber wer in dieser Stadt nicht aufgewachsen ist, kann sie nicht kennen. Nicht ihre geistige Inzucht, nicht die kühle Hitze, mit der hier die Bürger ihre Träume und Triebe ausschwitzen.«
»Wie kann man nur so häßlich über eine so schöne Stadt urteilen?« fragte Nancy.
»Nicht nur über diese: Überall«, entgegnete ich, »wo die Mucker der Natur eine Schürze umhängen, ist Mainbach: Am Main, an der Mosel, am Rhein, von der Etsch bis an den Belt.«
»Sie sehen nicht aus wie Mucker«, sagte Nancy.
»Sie sind es natürlich auch nicht alle«, erwiderte ich und blieb vor dem Villenportal der Kübrichs stehen.
Ein Gärtner sprengte den Rasen.
Die Garagentür stand offen. Vier Boxen unter einem Dach. Fast bescheiden, wenn man das Wirtschaftsimperium der Kübrichs kannte. Aktienpakete der Automobil-industrie. Interessen am Stahlmarkt. Verflechtungen mit dem Bank- und dem Versicherungsgewerbe.
Das Werk eines Mannes, der noch keine fünfzig war.
Martin Kübrich, Lydias Bruder, hatte einen mittleren Familienbetrieb in einen mächtigen Konzern verwandelt.
»Hier zum Beispiel wohnt einer, der eigentlich auch ein Außenseiter in Mainbach ist«, sagte ich, »und doch die Stadt beherrscht. Mein Beinahe-Schwager. Ein Vielfraß des Erfolges. Unersättlich, wenn’s um das Verdienen, noch gieriger, wenn’s um Frauen geht.«
»Und dieser Sexual-Kannibale bin ich«, sagte ein großer schlanker Mann, der aus der Garage hervortrat.
Er hatte ein straffes Gesicht, einen herausfordernden Gang, eine aggressive Sicherheit.
Ich hatte Kübrich seit der verjährten Romanze mit seiner kleinen Schwester nicht mehr gesehen, aber er schien keinen Tag älter geworden zu sein.
»Tag, Mike«, begrüßte er mich, als hätten wir uns erst vor einer halben Stunde getrennt. »Komplimente für deinen Geschmack, Luftikus«, setzte er hinzu und nahm hemmungslos Maß bei Nancy.
Seine Augen wurden starr, rund und dunkel wie die Mündung einer Zwillings-Flinte.
Unser Hotel lag auf einer Anhöhe über dem Fluß. Es bot einen herrlichen Ausblick über eine sanft-wilde Landschaft, aber noch großartiger war für mich der Anblick in unserem Apartement.
Ich hielt Nancy in meinen Armen, streichelte ihren Kopf, ihren Nacken, ihren Rücken. Ich zog sie so fest an mich, daß es schmerzte, und wir spürten gleichzeitig flu-tend-drängende Hitze. Ihr Herz schlug in meinen Händen, die ihren Körper zu erschließen suchten.
Ich war 38, kein heuriger Hase mehr, doch ein hartgesottener Junggeselle. Mein Mund wurde spröde, ausgetrocknet vom Verlangen, doch meine Worte gingen streunen.
»Ich«, sagte ich zu Nancy, ohne zu lügen oder zu übertreiben, »ich mag dich!« Sie hob den Kopf, horchte meinen Worten nach, Worten, die sie mir nicht zugetraut hatte.
»Wie lange?« fragte sie.
»Sehr lange«, antwortete ich.
»Nicht länger?« fragte sie, zärtlich und spöttisch zugleich. Meine Hände streichelten ihren Körper, suchten und fanden ein Echo der Zärtlichkeit.
»Sei froh, daß ich am Montag weiterfliege. Ziemlich weit«, sagte Nancy. »Nach Tokio.«
Dann schwiegen wir. Die Stunde wurde zum Kuppler, der Raum zu einem Paradies der Zärtlichkeit. Die Gegenwart warf uns ihr Fangnetz über die Körper, als die Dämmerung über die Weinberge kletterte und sich in unser Zimmer wie ein Einstiegdieb schlich.
Wir wurden satt und waren doch schon wieder hungrig aufeinander. Unsere Herzen schlugen in einem Takt, wir atmeten mit einer Lunge.
Wir verlängerten ein letztes Mal unsere blaue Stunde, aber dann ging es nicht mehr, es war schon spät, und wir hatten Martin Kübrichs Einladung zum Jahresfest der Condordia e. V. angenommen.
»Gefällt dir der Mann?« fragte ich Nancy.
Sie streckte gerade ihren ranken Körper der Dusche entgegen – er mußte bei der Erschaffung von Eva Modell gestanden haben –, ein kräftiger Wasserstrahl prasselte auf ihre Haut.
»Ein interessanter Typ«, überschrie sie den Lärm.
»Und gefährlich«, entgegnete ich. »Brandgefährlich.«
»Für dich oder für mich?« rief sie übermütig zurück.
»Vielleicht für uns beide«, sagte ich, ohne zu wissen, wie nahe ich der Wahrheit gekommen war. Unser Weekend war dabei, uns in ein Abenteuer zu jagen, das uns bald über den Kopf wachsen sollte: Eine heiße Story von Heuchelei und Erpressung, von Mord und Sex, zelebriert von ehrsamen Honoratioren, die anders lieben wie du und ich.
Zwar sollte ich Martin Kübrich erst in nächster Zeit richtig kennenlernen, aber ich wußte, daß das Geld bei ihm Religion und Profession war. Der Rohstoff der Macht. Macht über die Mitbürger, Macht über seine Mitarbeiter, Macht über die Frauen. Er beherrschte die Klaviatur, und er hatte keine Hemmungen, auch auf die schwarzen Tasten zu drücken.
Schon als Lydia und ich einander geliebt hatten, war Martins Dynamik klar zu erkennen gewesen. Im Gegensatz zum alten Kübrich, der mich am liebsten aus der Stadt gepeitscht hätte, hatte er sich aus unserer Romanze herausgehalten. Sie war ihm wohl zu unwichtig erschienen. Er fieberte seinem Ziel entgegen, er dampfte vor Ungeduld am Startplatz wie ein wilder Hengst.
Wir waren grundverschieden, doch wir hatten eine Gemeinsamkeit: dieselbe Passion für das Fliegen – bei ihm wurde es Hobby, bei mir Beruf.
Nancy stieg aus der Wanne, wir begegneten uns auf halbem Weg, küßten uns. Ein Körper steckte den andern in Brand, aber die Zeitnot gebot uns, ihn unter Kontrolle zu halten.
Eine halbe Stunde später erschien der Fahrer unseres Gastgebers im Hotel, um uns abzuholen. Als ich Nancy in ihrem Abendkleid sah, wurde ich neidisch auf mich selbst: Wie scheel müßten erst die Augen der anderen sein?
Wir brauchten uns nicht durch das Gewühl der Prominenz zu pflügen: Das exotische Aussehen meiner Begleiterin, ihr federnder Gang, ihre natürliche Eleganz bahnten uns eine Gasse der Bewunderung.
Martin Kübrich, Ehrenpräsident der Concordia e. V., zugleich Mäzen und Verächter dieser Bürgervereinigung, stand am anderen Ende des Saals und winkte uns schon von weitem zu.
Er sah blendend aus, und er wußte es auch. Er wirkte lässig, liebenswürdig-arrogant. Frauen drängten sich an ihn heran: Kein Wunder, schließlich ist der Erfolg der Sexappeal des Mannes.
Martin küßte Nancy die Hand und geleitete sie an ihren Platz, es war der Platz an seiner Seite.
Ich saß ihnen gegenüber, schüttelte Hände und erwiderte Komplimente. Im übrigen wertete ich diesen Abend als Auftakt zu weiterer Zweisamkeit. Gelegentlich sah ich auf die Uhr, dann folgte Nancy meinem Blick und lächelte mir zu.
In sechs, sieben Stunden würde alles überstanden sein, und wir könnten einander wieder gehören. Zwei volle Nächte lang.
Es war eine Ehre, wenn auch eine langweilige, zu einer Veranstaltung dieses Kreises geladen zu werden.
Nur wer zur Concordia e. V. gehörte, hatte Rang und Namen in dieser Stadt. Offiziell diente der Nobelverein der Musikpflege, tatsächlich wurde hier der Kuchen Mainbachs in politische, geschäftliche und kulturelle Scheiben zerschnitten und verteilt. Eine Hand wusch die andere, und so blieben sie alle sauber, dienten dem Schönen, Wahren, Guten und halfen dem Nächsten wie sich selbst.
Vermutlich würde es einer dieser Abende werden, die mit Goethe beginnen, über Beethoven fortgesetzt werden, um schließlich bei Wein, Weib und Gesang zu enden. Bald würde sich das Huhn um den Spieß und der Spießer um das Huhn drehen.
Rotgesichtig, getragen von der eigenen Wichtigkeit, trat Franz-Joseph Hühnlein an das Dirigentenpult. Seine Frackbrust war schon durchschwitzt, bevor er den Taktstock hob. Er dirigierte mit Wucht und Verve, ein Furtwängler aus der Westentasche, und seine Schmalzlocke flog im gleichen Rhythmus mit.
Da er sich nach seiner Darbietung immer wieder verbeugte, verlängerte er den Applaus.
Schließlich mußte er doch dem Festredner Platz machen.
Dieser war mehr hager als schlank, hatte ein ausgemergeltes Gesicht, kurzgeschnittene Haare, leicht vorstehende Schneidezähne. Seine Worte waren laut und flach, doch die Versammelten hörten ihm mit den beflissenen Gesichtern von Musterschülern zu.
»Wer ist das?« fragte ich Martin Kübrich.
»Der Vorsitzende des Kuratoriums: Professor Titus Hellberg, Ritter vom Heiligen Grab«, in seinen Augen lichterte Spott, »und ein Schürzenjäger vor dem Herrn.« Kübrich gab sich keine Mühe, seine Stimme zu dämpfen: »Außerdem ist er mein Schwiegervater. Übrigens ein Jahr jünger als ich.« Er hob sein Glas. »Weitere Auskünfte gefällig?«
»Seit wann bist du verheiratet?«
»Seit fünf Jahren«, entgegnete Kübrich. »Ziemlich glücklich. Meine Frau ist zur Zeit auf Reisen.«
»– und so heben wir das Glas und trinken auf den Geist des Abendlandes, der die Welt mit Humanität befruchtet hat«, schloß Professor Hellberg unter dem tosenden Beifall der Zuhörer seine Rede.
»Warum fragst du mich nicht nach Lydia?« fragte Kübrich unvermittelt.
»Aus Takt«, entgegnete ich.
»Aus Stolz«, erwiderte er. »Sie lebt im Rheinland. Verheiratet. Zwei Kinder. Nicht sehr glücklich.« Er prüfte den Wein mit Kennermiene. »Du hättest damals nicht vor ihr davonlaufen sollen.«
»Ich bin nicht vor Lydia davongelaufen«, antwortete ich, heftiger als ich wollte, »sondern vor eurem Scheißgeld.«
»Dann sieh nur gut zu«, erwiderte er mit satter Miene, »daß dich unser Scheißgeld nicht eines Tages noch einholt.« Ohne Übergang wandte er sich an Nancy: »Hat er mich bei Ihnen angeschwärzt?«
»Ist das denn noch nötig?« ging sie auf seinen Ton ein.
»Auch ein schlechter Ruf verpflichtet.«
»Poussieren Sie Ihre Sünden?« fragte Nancy – und Kübrich lachte wie ein gezähmtes Raubtier.
Kübrich war witzig und geschickt, ein erfahrener Draufgänger, zugleich forsch wie zurückhaltend. Er zeigte, was er konnte, er ließ seinen Charme spielen, und er traf auf Anhieb bei Nancy den richtigen Ton.
Hatte er bei ihr eine Chance?
Ich glaubte es nicht, solange ich nicht daran glauben mußte.
»Fairer Wettbewerb«, wandte er sich an mich. »Kämpfen wir um Nancy mit offenem Visier?« Er sprach wie im Scherz, aber wir wußten alle drei, daß es ihm ernst war.
»In Ordnung«, entgegnete ich. »Ich fürchtete schon, daß du mir Nancy abkaufen wolltest.«
»Hält er Sie für käuflich?« fragte er Nancy.
»Haben Sie sich solcherlei Eroberungen noch nie gekauft?« schoß sie zurück.
»Na ja«, versetzte er scheinbar zerknirscht. »Von einer bestimmten Größenordnung an ist Geld in solcherlei Fällen richtig lästig.«
»Sie Ärmster«, parierte Nancy, »hat Sie der Erfolg zu einem vegetarischen Tiger gemacht?«
»Vielleicht zu einem Haifisch mit Herz«, schloß er die Debatte. »Du erlaubst?«
Er entführte Nancy aufs Parkett.
Der Vereinsdirigent nutzte seine Chance, mir seine stolzeste Errungenschaft zu präsentieren:
»Darf ich dir meine Gattin vorstellen.« Er schaffte spielend zwei Formfehler in einem Satz, »Helga, das ist ein ehemaliger Mit...«
Sie war wesentlich jünger als ihr Mann, brünett, attraktiv, chic von der Stange. Mir fiel sofort auf, daß sie für alle Männer im Saal Augen hatte, sofern man ihren eigenen abzog.
Sie behandelte Hühnlein wie einen Hahnrei, und wenn ich die Blicke der Vereinsbrüder richtig deutete, war er es wohl auch.
»Tanzen Sie?« ging sie ohne Zeitverlust zum Angriff über.
Der Schulrat sah uns nach. Unverwandt. Er sah aus, als hätte sich eine Brille mit Dunst beschlagen.
Helga Hühnlein tanzte geschickt und rhythmisch. Sie duftete nach einem aufreizenden süßlichen Parfüm. Ihre Bewegungen waren katzenhaft-sinnlich. Und wie zufällig drängte sie sich an mich heran, als tanzten wir nicht in einem Ballsaal, sondern in einem Schlafzimmer.
Im Gedränge prallten wir mit Kübrichs seltsamen Schwiegervater zusammen.
»Pardon, Nymphie«, sagte der Professor, »halt dich bereit ... wir machen danach noch weiter.«
Nancy war natürlich der Mittelpunkt. Auch auf dem Parkett. Sie tanzte gerne, weich, geschmeidig, und Kübrich paßte sich geschickt ihren Schritten an.
Die Umstehenden betrachteten ihn mit wissenden Gesichtern, mich musterten sie, als trüge ich bereits Hörner.
Es amüsierte mich.
Nancy tat immer, was sie wollte, und im Moment wollte sie mich. Wenn man von vorneherein wußte, daß man der Sieger war, wurde der Wettkampf mit einem Multimillionär zu einem reinen Vergnügen. Gemessen an Kübrich war ich ein armer Teufel – und doch ließen ihn seine Millionen im Stich.
»Eifersüchtig?« fragte mich Helga Hühnlein. »Martin ist der geborene Verführer.«
»Freie Bahn dem Tüchtigen.«
»Sie sind unklug«, sagte sie und drängte sich wieder intimaufdringlich an mich: »Sie sollten anders rechnen.«
»Wie zum Beispiel?« fragte ich zerstreut.
»Zum Beispiel: Aus eins mach zwei«, erwiderte sie.
Ich brachte sie zu ihrem Mann zurück.
Hinter der blassen Tünche eines großbürgerlichen Vergnügens spürte ich eine unbestimmte Spannung. Ich witterte einen Kreis im Kreis: Distanzierte Worte zu vertrauten Gesten. Verschwörerblicke. Eine feile Intimität, nur Eingeweihten zugänglich.
Ich erinnerte mich an den Zwischenfall auf dem Parkett: ›Nymphi‹ hatte Professor Hellberg meine Partnerin genannt. Weiterfeiern im privaten Zirkel?
Das konnte ganz harmlos sein – aber warum benahmen sich hier einige Honoratioren, als hätten sie eine gemeinsame Leiche im Keller?
Unsinn. In Mainbach gab es nur auf dem Friedhof Leichen. Für Geheimnisse war diese Stadt zu klein und zu geschwätzig.
Hier war der Wohlstand die Straßenkleidung und die Moral das Einstecktuch: Wer sich einen Kurzurlaub von Sauberkeit und Ordnung pflücken wollte, fuhr in die Sündenbabel Frankfurt oder München.
Der Wein, dachte ich, dieser schwere, erdige Wein. Wenn man zuviel trinkt, werden die Gesichter biederer Honoratioren zu Lüstlingsfratzen und das deutsche Liedergut zur Massenorgie.
Der Dirigent trat wieder an sein Pult. Er warf sich in die Hühnlein-Brust und intonierte nach der Leier: Schnulze mit Schmiß. Die Stimmung kam in Fahrt, bald würde die Schunkelei beginnen. Schon wirkte der Alkohol als Beifallverstärker, doch wenn sich der Dirigent verbeugte, fahndeten seine Augen verstohlen und vergeblich nach seiner Frau, nach ›Nymphi‹.
Erst als mir ihre Abwesenheit auffiel, erinnerte ich mich, daß sie mir schon vor einer Weile an der Garderobe im Mantel begegnet war und sich in ihrem Gesicht mehr Erwartung als Ermüdung gespiegelt hatte.
Helga Hühnlein pflegte wohl die musikalische Liebhaberei ihres Mannes auf ihre Weise zu nutzen – doch das war nicht mein Problem.
Die mißliche Vorstellung, daß für einen in den Urlaub geschickten Flugkapitän zumindest vorläufig die Zeit der Höhenflüge vorbei sein würde, begann mir die Laune zu verderben.
»Sorgen?« fragte mich Martin Kübrich und schaute mich an, als durchschaute er mich bereits.
»Und wenn ich sie hätte, würde ich sie vor dir nicht ausbreiten wie Mist«, entgegnete ich gereizt.
»Du solltest dich besser mit mir stellen«, antwortete er.
Ich mußte wirklich zu viel getrunken haben, denn es schien mir, als wäre sein Gesicht mit Schadenfreude imprägniert.
»Nichts gegen dich«, erwiderte ich, »aber du bist mir nicht so wichtig, wie du vielleicht annimmst.«
Wir suchten gleichzeitig auf dem Parkett Nancy mit den Augen, Nancy, um die sich ein ganzes Rudel von Provinz-Schwerenötern riß, mit schlechtem Englisch und mit eckigen Bewegungen.
»Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie mich solche Worte erfrischen«, entgegnete der Industriemagnat lachend. Er klopfte mir auf die Schulter. »Ich hab’ dich noch nie im Leben unterschätzt, Alter«, sagte er mit gespielter Bewunderung. »Nur solltest auch du mich richtig einschätzen.«
Es klang wie eine Warnung, die in Hühnleins flotter Hurrah-Musik untergehen mußte.
Es war soweit: Das Vergnügen kletterte auf die Stühle und Menschen, die einander nicht ausstehen konnten, umarmten sich stürmisch. Nicht alle. Denn was ich jetzt, mehr mechanisch als interessiert beobachtete, war nicht von den Geistern des Weines suggeriert: Das Signalement der Blicke. Die schnellen Gesten. Der heimliche Abgang in den Schuhen des Diebes.
Einige schlichen sich nach draußen wie Verschwörer, sicher nicht zu einem Königsmord, eher zu verbotenen Spielen.
Nancy kam zurück.
Und diesen Moment nutzte Kübrich zur Überrumpelung: »Ihr kommt doch noch mit?«
»Wohin?« fragte ich hölzern.
»Zu mir«, entgegnete er und zeigte Nancy sein knappes, gutsitzendes Lächeln, »ein ganz kleiner, erlesener Kreis.«
Sie sah mich an.
Ich gähnte demonstrativ.
Sie zögerte.
»Eine halbe Stunde bloß«, sagte Kübrich.
»Gut«, erwiderte Nancy. »Auf einen Drink.«
Als wir im Wagen saßen, hatte ich sogleich das Gefühl, daß es ein Gifttrunk werden würde, obwohl mir Nancys zärtlichen Hände stumm verhießen, wie wir die verlorene Zeit wieder einholen würden.
Der Frühling hatte das Maintal erobert, die Nacht duftete nach Flieder, die Veilchen waren schon verblüht, aber als wir die Kübrich-Residenz betraten, ahnte ich, daß sie in diesem Hause im Verborgenen blühen könnten, Hundsveilchen.
Sicher war dieser Luxuspalast als eine goldene Mausefalle für Nancy und mich gedacht, aber ich folgte der Einladung mit mehr Neugier als Beklemmung.
Vermutlich würde Martin Kübrich die Gelegenheit nutzen, seine Legionen von Macht und Luxus aufmarschieren zu lassen – doch wem sollten sie imponieren?
»Ich darf vorausgehen?« sagte er.
Nancy und ich blieben stehen.
Unter uns lag die Stadt, noch schön im Schlaf. Der Mond spiegelte sich in der Flußschleife. Es sah aus, als trüge Mainbach einen Hermelinbesatz.
Die Nacht war warm, die Luft lind, aber Nancy lehnte sich fröstelnd an mich, als witterte sie, daß wir mit dem Betreten des Hauses unweigerlich in ein wildes Abenteuer von Gier und Klatsch, Heuchelei und Erpressung, Macht und Mord verwickelt würden.
Martin Kübrich trug seinen Smoking so lässig wie seine Millionen. Er zeigte sein knappes, sehr männliches Lächeln, das den harten Zug um den Mund nicht wegwischte. Es war erstaunlich, wie wenig er Lydia ähnelte, seiner kleinen Schwester, die mir vor meiner Vertreibung aus der Stadt vor gut zehn Jahren so viel bedeutet hatte.
Es war mir klar, daß ich die späte Einladung nur meiner Begleiterin verdankte und daß unser Gastgeber mir Nancy gewissermaßen als Eintrittspreis abverlangen wollte.
Ein solches Begehren fand ich unverschämt und reizvoll, denn Miß Pepper, die Star-Stewardeß der Inter-Air war gefeit gegen Geld und List. Sie kannte die Großen der Welt nebst ihren Schwächen. Luxus war für sie Alltag, Verschwendung, Taschengeld. Sie war im letzten Urlaub mit einem texanischen Ölmillionär auf Safari im afrikanischen Busch gewesen, ohne daß der Großwildjäger einen Tiger noch die schöne Eurasierin erlegt hätte.
»Du hast ganz recht,« raunte mir Kübrich mit seinem verblüffenden Gespür für die Gedanken anderer zu: »Heute sitzt du bei ihr fest im Sattel. Aber kommt Zeit, kommt Rat –«
»– kommt Geld, kommt Bett«, spottete ich.
»Führt ihr Geheimgespräche?« fragte Nancy.
Sie stand zwischen uns, genau in der Mitte, das Zünglein an der Waage; sie neigte sich zu mir, legte die Arme um meine Schultern, zog mich an sich, setzte meine Sinne in Flammen.
»Unser Gastgeber«, erwiderte ich und deutete auf Kübrich, »hat gerade Überlegungen angestellt, wie er mich aus dem Feld schlagen – und dich in seine Arme ziehen könnte.«
»Falls Sie das schaffen würden«, versetzte Nancy mit feingewobener Ironie, »hätten Sie es auch verdient.«
»Zukunftsmusik für Taubstumme«, sagte ich zu unserem Gastgeber und wartete darauf, daß er mich mit Alkohol traktieren würde, als könnte er mich unter den Tisch trinken.
Es gehörte zu seinen Tricks, sich immer anders zu geben, als man es erwartete: Auf einmal trug er mitternachtsblaue Höflichkeit. Die große, spärlich, doch nicht sparsam eingerichtete Wohnhalle half ihm dabei. Ich überlegte, wieviel Geld wohl dazu gehören mochte, um dem Besucher diese aufwendige Augenweide scheinbarer Bescheidenheit vorzugaukeln.
»Bleibt ihr beim Wein?« fragte der Hausherr und ließ uns allein, um in den Keller zu gehen.
Daß wir nicht allein im Hause waren, wußten wir nicht nur, sondern konnten es auch hören. Von nebenan, seltsam gedämpft, wie gefiltert, hörten wir Stimmen und Lachen. Dann wieder Geräusche, die sich wie Geplätscher anhörten. Fast ein Geisterspuk, doch weder Nancy noch ich glaubten an Gespenster.
»Warum sind wir eigentlich hierhergekommen?« fragte ich meine Begleiterin.
»Warum hätten wir es nicht tun sollen?« entgegnete sie.
»Zu neugierig?«
»Zu eifersüchtig?« konterte Nancy.
Sie lachte und legte ihre Hand auf meinen Arm. »Ich werte das als Kompliment«, setzte sie hinzu, »und eine Frau braucht Komplimente.«
Ich stand auf und sah mich im Raum um.
Auf der gegenüberliegenden Wand hing ein Porträt. Das Bild einer jungen Frau, in zärtliche, ein wenig müde Pastelltöne getaucht: Ein schmales, mädchenhaftes Gesicht. Türkisaugen, umrahmt von kastanienroten Haaren. Vielleicht waren es die Gegensätze, die dieses Porträt so faszinierend machten: Scheu neben Trotz, Jugendfrische neben früher Resignation.