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Walter Laufenberg

Tage des Terrors. Tatsachenroman

Saga

Tage des Terrors. TatsachenromanCoverbild / Illustration: Shutterstock Copyright © 2000, 2020 Walter Laufenberg und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726576702

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk

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Bis auf die Orts- und Zeitangaben sowie ein paar Figuren der Zeitgeschichte ist im folgenden alles frei erfunden. Jeder Name, jede Person, Handlung und Einstellung, ebenso jedes Gefühl, Urteil und Vorurteil. Und auch mit Ihrer Zeit, liebe Leserin, lieber Leser, hat dieses Buch natürlich nichts zu tun. Etwaige Übereinstimmungen mit Lebenden oder auch Nichtlebenden, mit ihren Äußerungen und sonstigen Taten, können deshalb nur Zufall sein, sind also nicht dem Autor anzulasten. Vielmehr müßte den Grund dafür jeder bei sich selbst suchen.

1.

Berlin, Frauenhaftanstalt Lehrter Straße. Eher Fluch als Adresse. Und der Hochsicherheitstrakt, das kranke Herz des schwerblütigen Gebäudekomplexes, ist der gräßlichste Fluch. Ist wie eines dieser Schwarzen Löcher im All, in denen eine ganze Welt verschwunden ist. Die Wirklichkeit einer vergessenen Art von Lebewesen. Verloren. Doch in diesem Schwarzen Loch gab es plötzlich Unruhe. Denn einer aus der Welt der Menschen war zu den Verschwundenen herabgestiegen. Was selten geschah. Um so verständlicher, daß Renate Hobbes viele Klopfzeichen und Zurufe zu hören kriegte, als sie nun über die langen, leeren Gänge geführt wurde. Hin zu dem Besprechungszimmer, wo sie mit ihrem Rechtsanwalt und dem Ermittlungsrichter eingeschlossen wurde. Der Richter mußte dabei sein, wußte sie. Wenn er in dem Moment auch nicht ermitteln durfte, bloß zuhören. Als zwar stummer, aber immer noch gefährlicher Augen- und Ohrenzeuge.

„Untersuchungsgefangene Renate Hobbes“, hatte die Schließerin gesagt und sie wieder so verliebt angesehen, als sie die Gefangene aus ihrer Einzelzelle abholte, „Ihr Wahlverteidiger will mit Ihnen sprechen.“

Jetzt saß die Gefangene da, eine Frau von Mitte dreißig, die unter dem kalten Neonlicht, faltig-grau im Gesicht und mit seltsam leeren Handbewegungen, eher wie eine Endvierzigerin wirkte. Sie begrüßte ihren Wahlverteidiger mit einem bemühten Lächeln.

„Frag nicht, wie es mir geht, Mani“, sagte sie, „und starr mich nicht so an. Sag mir lieber, wie es weitergeht.“

„Ich finde, die Sache läuft gut“, tröstete der Anwalt sie. „Die Staatsanwaltschaft hat nur heiße Luft in der Flinte. Du hast doch die Akte gelesen?“ Und als sie leicht nickte. „Nun, erkennst du dich darin wieder?“

Der Ermittlungsrichter sah so unbeteiligt drein wie möglich. Der Anwalt strahlte soviel Optimismus aus, wie ihm nötig schien. Die Frau zwischen den beiden Männern sah sich hilflos nach den kahlen Wänden um und schwieg. Dann griff sie mit der linken Hand in ihr volles, dunkles Haar und drehte versonnen Löckchen um den Zeigefinger. Der Richter hielt sich hinter seinem ausdruckslosen Pokerface versteckt. Der Verteidiger blieb der Strahlemann, doch wurde er zunehmend unruhiger, je länger seine Mandantin schwieg. Daß sie sich nur nicht durch meine saloppe Frage zu einer Äußerung verleiten läßt, die gegen sie verwandt werden kann. Davor muß ich sie bewahren. Aber noch ehe er seine Frage mit einem nächsten Satz wegwischen konnte, stöhnte Renate Hobbes auf: „Nein, ich erkenne mich nicht darin. Ich erkenne überhaupt nichts mehr hier, hier in diesem...“

„Reiß dich zusammen, Renate“, unterbrach er sie schnell, „du weißt, es geht um sehr viel. Und du darfst dich dabei nicht als unwichtig ansehen.“

Der stumme Zeuge hätte zu gern nachgehakt, hätte gern gewußt, wobei die Beklagte nicht unwichtig sein sollte. Aber das hier war die Sprechzeit ihres Verteidigers, nicht seine. Und so sagte er sich: Keine Frage, es geht natürlich um den demnächst anstehenden ersten Verhandlungstermin in der Sache Renate Hobbes. Und war, was er am liebsten war: beruhigt.

„Ja, ja“, sagte die Gefangene endlich. Sehr nachdenklich geworden. „Ja, – daß ich nicht unwichtig bin, das sage ich mir täglich, seit ich hier einsitze. Seit über einem Jahr sage ich mir das nun schon, Tag für Tag. Und du willst mir das jetzt auch noch einreden. Hast du mir sonst nichts zu sagen, Manfred?“

Ihr Ton war zuletzt energisch geworden, protestierend und fordernd. So daß ihr Anwalt sich beeilte, zu beschwichtigen: „Alles gut, alles gut, wirklich alles. Aber ich nehme an, daß du noch Fragen hast zu den Angaben in der Akte.“

„Fragen? – Nicht direkt Fragen. Aber mir fiel auf, eine der drei Roben, die mich verknacken wollen, ist eine Frau.“

„Das stimmt.“

„Das gefällt mir nicht. Ich habe so ein unbestimmtes Gefühl, als ob mir von daher die größte Gefahr droht. – Und auf meine Gefühle kann ich mich verlassen.“

„Da kann ich dich beruhigen“, war der Anwalt wieder ganz ihr Seelsorger. „Frau Kleine Sextro, diese Richterin, die ist eine sehr ausgeglichene und immer freundliche Frau. Sie ist übrigens in deinem Alter. Ich habe sie noch heute früh im Gericht gesprochen. Da war sie so verstört. Irgendwelche Schmierfinken hatten an die Wand neben ihrer Haustür geschrieben: Es liegt was in der Luft – nicht nur auf der Straße! Sie war ganz aufgeregt, als sie mir das erzählte. Unerhört so was, habe ich ihr gesagt.“

Etwas blitzte auf in den Augen der Beklagten, als sie jetzt ihren Anwalt ansah. Der Ermittlungsrichter kriegte das nicht mit. Jetzt wußte Rechtsanwalt Schallenberg seine Mandantin mit dem Wichtigsten versorgt, mit dem, was sie am dringendsten brauchte. Mit Hoffnung. Er war mit dem Start seiner kleinen Plauderei zufrieden. Die Verständigung hatte geklappt. Der stumme Zeuge war offenbar für die Hintertöne taub. So konnte der Anwalt das lockere Gespräch zielstrebig fortsetzen, konnte schnell zur Sache kommen. Renate Hobbes war hellwach und spielte wunderbar mit, immer noch mit dem Zeigefinger Löckchen drehend. Wie gelangweilt. Wenn nur nicht der lauernde Blick uns verrät, mit dem sie mich ansieht, überlegte Schallenberg. Doch der Ermittlungsrichter sah vor sich hin, offensichtlich über die Harmlosigkeit des Gesprächs glücklich.

Schallenberg suchte die richtige Wendung, die ihn auf Frieder Fehlhaber bringen würde. Klar, daß sie über Frieder was hören will. Klar, daß sie Tag und Nacht an ihren Frieder denkt. Der jetzt so allein ist wie sie. Und ich könnte ihr gute Nachricht bringen. Das aber wieder so auszudrücken, daß ich mich nicht dem Verdacht aussetze, mit den Terroristen gemeinsame Sache zu machen, ihr Postillion in Anwaltsrobe zu sein, das ist die Schwierigkeit.

Doch dann endlich hatte er es. „Vorweihnachtszeit“, sagte er orakelhaft. „Friederfüllt die Welt, in der doch noch so viel passieren kann, ehe das Jahr wirklich zuende ist. Ja, so viel. Aber jedenfalls im Moment geht es gut, ist alles beim alten. Ja, alles noch beim alten.“

Renate Hobbes sah ihn aufmerksam an. Köstlich, dieses Wort friederfüllt, triumphierte es in ihr. Und alles noch beim alten. Das hieß also, daß auch Frieder noch nicht verurteilt war, daß er wartete wie sie. Er in Stuttgart-Stammheim, das wußte sie. Und nun wußte sie auch, daß er nicht auf seinen Prozeß wartete, sondern auf seine Befreiung. Die also noch vor Ende der Jahres durchgeführt werden sollte. Da blieb nicht mehr viel Zeit, aktiv zu werden.

Leider auch nicht mehr für weitere Erklärungen. Die Schließerin kam mit ihrem filmreif rasselnden Schlüsselbund. „Die Sprechzeit ist zuende“, sagte sie.

„Alles, alles mögliche Gute“, wünschte die Untersuchungsgefangene ihrem Anwalt zum Abschied. Und der wunderte sich nicht. Er wußte, daß sie verstanden hatte.

„Geht in Ordnung“, sagte er beim Hinausgehen.

Der Untersuchungsrichter trottete hinter ihm her, stumm, wie es seines Amtes war. Er könnte in seinem Bericht über dieses Gespräch nicht viel bringen, überlegte er. Nur, daß die Beklagte und ihr Anwalt über Weihnachten gesprochen haben, das könnte er hineinschreiben. Und natürlich die Bemerkungen über die Richterin Kleine Sextro. Ja, die natürlich auch. Eine Überlegung, die brisanter war, als der Untersuchungsrichter ahnte.

2.

Was ist nur los mit ihr? Sie ist nicht wie sonst, wenn ich sie abhole, fiel ihm auf. Sie ist so verstört. Als hätte sich heute die ganze Tristesse dieser öden Gerichtsflure auf sie gestürzt. Dieser Gänge ohne Anfang und ohne Ende. Als hätte ihr enges, kahles Richterzimmerchen mit der seelenlosen Nummer 1035 an der Tür und den paar geschmacklos zusammengewürfelten Möbelstücken sie in die Zange genommen. Dieses kleine Gesicht, so blaß. Und diese ausgeknipsten Augen, erschrak er.

„Laß uns nur ganz schnell gehen, Rainer“, flüsterte sie, als sie ihre Richterrobe auf den Kleiderbügel und in den Schrank hängte. Überhastig, aber ordentlich wie immer, dachte er. Er wollte ihre Aktentasche nehmen, wie gewöhnlich. Diese kleine Hilfe, nie der Rede wert, doch das Mindeste, was er hier in der für ihn fremden Welt für sie tun konnte. Aber sie war schneller als er, packte die Tasche mit beiden Händen, drückte sie fest an sich und hastete hinaus auf den Flur, überließ es ihm, den Schlüssel nach außen zu stecken, ihn herumzudrehen und rauszuziehen. Und klaubte ihm gleich darauf den Schlüssel aus der Hand, übertrieben energisch, wie er fand. Und schob ihn zum Fahrstuhl. „Frag mich jetzt nichts“, sagte sie, als er den Mund aufmachen wollte. Panik, überlegte er, die ganze Frau eine einzige Panik. Und zog es vor, sie nicht weiter zu behelligen.

„Was ist nur mit unserer Richterin Kleine Sextro los“, sagte der Pförtner zu dem Polizisten, der neben ihm stand. „So ist die ja noch nie hier durchgerannt. Schmeißt einem den Schlüssel beinahe an den Kopf. Und nichts wie weg, ohne jeden Gruß. Ohne uns einen schönen Feierabend zu wünschen. Also so was.“

„Da kann ich notfalls drauf verzichten“, meinte der Polizist. „Aber wer war denn das sonderbare Subjekt, das sie abgeholt hat?“

„Das? – Na, ihr Mann, der Maler.“

„Eine Richterin – und ihr Mann ein Maler?“

„Ja, aber ein richtiger Maler. Ein Kunstmaler oder wie der sich nennt. Also nicht so ein Anstreicher.“

„Um so schlimmer. Den könnte man ja wenigstens noch brauchen. Aber so einen, nee.“

Kaum aus dem Bus ausgestiegen, auf den letzten paar hundert Metern Heimweg, kam Rainer dann doch mit der Frage heraus: „Also, Annemarie, nun sag schon. Was ist los? Hat es Ärger gegeben im Büro?“

„Was heißt hier Ärger gegeben“, kam es mehr resigniert als tadelnd. „Bei mir kann es keinen Ärger geben, wie du weißt. Weil ich keinen Chef habe. Bei mir gibt es nur Fälle. Immer andere Fälle. Ärgerliche auch. Und unangenehme. Und der neueste Fall ist wieder so einer. Ein höchst unangenehmer. Ein Terroristenprozeß.“

„Na und? Für dich doch nichts Neues.“

„Nein, eigentlich nichts Neues. Da hast du recht. Aber diesmal ist doch alles anders als sonst. Viel, viel schlimmer.“

„Warum?“

„Still jetzt“, herrschte sie ihn flüsternd an. Passanten kamen ihnen entgegen. Ein harmloses älteres Paar. Danach noch ein paar Kinder. Kein Grund für diese Geheimnistuerei, wurde Rainer ärgerlich. „Also, was ist nun? Wieso steht jetzt ein Terroristenprozeß an, der anders ist als sonst, viel schlimmer?“

Sie waren am Gartentörchen angelangt. Sie schob ihn so ungeduldig wie stumm hindurch und ins Haus. Und als die Haustür hinter ihnen ins Schloß gefallen war und er gerade einen Satz vorformuliert hatte, der mit Unverschämtheit, mich so herumzuschubsen, beginnen sollte, sagte sie: „Weil – na weil die Beklagte Renate Hobbes heißt.“

„Renate Hobbes, Renate Hobbes“, überlegte Rainer Kleine Sextro laut, „den Namen hast du doch – ja, davon hast du schon oft, ja, sag mal, ist das denn nicht – tatsächlich?“

„Ja, tatsächlich. Die Beklagte ist meine Klassenkameradin Renate Hobbes“, kam es fast tonlos, „meine alte Freundin, von der ich dir schon so oft erzählt habe.“

Und nach einer Pause, die er ihr gelassen hatte, um sie nicht noch zusätzlich zu irritieren: „Meine einzige Freundin. Die ich seit dem Anfang des Studiums nicht mehr gesehen habe. Du weißt ja, ich bin mit meinen Eltern schon nach den ersten Semestern nach Bonn gezogen und habe dort studiert. Renate war hier an der Freien Universität geblieben. Damit war etwas zuende gegangen, was wir immer als die schönste und intensivste Freundschaft empfunden hatten, zu der junge Menschen überhaupt fähig sind. Wir haben uns nie mehr wiedergesehen, seitdem unsere Wege so auseinandergelaufen waren. Nie mehr. Sonderbarerweise. Und irgendwann dann auch nicht mehr geschrieben oder angerufen. Wie so was einschläft auf die Entfernung. Na ja, neue Menschen, neue Kontakte. Aber jetzt begegnet sie mir in einer Akte, die auf meinen Tisch kommt. Als leibhaftige Beklagte. Strafsache Renate Hobbes. Jetzt soll ich sie verurteilen wegen der Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung und der Beihilfe zur Entführung und zum Mord.“

Nun machte Rainer Kleine Sextro einen ebenso verstörten Eindruck wie seine Frau. Es dauerte eine ganze Weile, bis er sagen konnte: „Aber das kannst du doch nicht machen. – Ich meine, sie verurteilen. – Deine Freundin Renate. Das kannst du doch nicht tun.“

„Ja, das kann ich nicht tun, da hast du recht. – Aber ich kann es auch nicht lassen.“

„Was?“

„Ich kann sie auch nicht einfach nicht verurteilen. Ich kann mich nicht rausstehlen aus dieser Sache.“

„Aber sicher kannst du. Du kannst dich als Richterin doch selbst ablehnen. Wegen Befangenheit.“ Soviel wußte Rainer von der Stellung einer Richterin. Und er brachte sein Fachwissen mit einem gewissen Stolz an.

„Du weißt ja schon gut Bescheid in meinem Job.“

„Danke für das Lob.“

„Aber dann weißt du auch, was der Geschäftsverteilungsplan des Gerichts ist. Das ist das oberste Gesetz des Gerichts, ist quasi unsere Bibel. Dahinter steht das Gerichtsverfassungsgesetz. Das gibt jedem Angeklagten einen Anspruch auf den sogenannten gesetzlichen Richter, das heißt auf einen Richter, der zufällig und nicht per Beschluß oder durch sonstige Manipulation ausgewählt wurde. Deshalb wird die Justitia immer mit verbundenen Augen dargestellt. – Und der Geschäftsverteilungsplan regelt eben nicht nur, welche Akte welchem Richter auf den Tisch gelegt wird, er regelt auch die Vertretung, das heißt wer wen vertreten muß.“

„Du sagst es. Du kannst dich also vertreten lassen.“

„Sehr richtig. Mich selbst ablehnen, mich vertreten lassen, das würde ich am liebsten tun.“ Und nach einer Pause, während der sie im Zimmer auf und ab lief: „Wenn ich nicht wüßte, wer mich dann vertreten müßte: Dr. Grotan. Wenn ich nicht wüßte, was für ein Terroristenfresser der Mann ist. Und was für ein Weiberhasser dazu. – Nein, Rainer“, brach sie plötzlich in Tränen aus, „nein, diesem Richter nicht, dem kann ich Renate nicht ausliefern.“

„Das heißt, dann willst du also selbst...“

„Nein!“ schrie sie, „ich will nicht, ich muß! – Ich selbst muß über Renate zu Gericht sitzen. Ich muß meine beste, meine einzige Freundin verurteilen“, lief sie heulend ins Schlafzimmer.

3.

Der schwarze Schnee der Großstadt, er ließ keine vorweihnachtliche Stimmung aufkommen. Dieses scheußliche schwarze Streugut, das die Stadt neuerdings einsetzte, mit Schnee vermischt war es einfach überall. Auf den Straßen als plattgefahrener Schneedreck. Auch auf den Bürgersteigen, mit Hundekot angereichert. Und sogar die Wege durch die Vorgärtchen waren schwärzlich von Streugut. Mitgeschleppt von den Profilsohlen der zwei Millionen Menschen, die aufregenden Feiertagen entgegengingen.

Es liegt was in der Luft – nicht nur auf den Straßen. So wurden die Leute von Beschriftungen gewarnt, die in den letzten Nächten an immer mehr Mauern und Bauzäunen erschienen waren.

Anfang Dezember des Jahres 1979. Früher Wintereinbruch. Und Berlin wurde – je mehr Schnee fiel – immer düsterer. Die Zeitungen versuchten abzulenken. Sie erklärten in ausführlichen Darstellungen, wieviel besser die neue Methode sei, gegen die Schneemassen und gegen Glatteis anzukämpfen. Sie verurteilten das bisher verwendete Salz als Umweltfeind Nummer eins. Sie appellierten an das Mitgefühl der Hunde- und Katzenfreunde und trafen damit Hunderttausende mitten ins Herz. Ja, es ging um die schmerzenden Pfoten und das unwillkürliche Ablekken des Salzes, um unmenschliche Tierquälerei also, mit der nun endlich Schluß gemacht werde. Die Alleebäume mußten ebenfalls herhalten. Das viele Grün, der Stolz der Berliner, sei in höchster Gefahr, erfuhr man jetzt täglich aus der Morgenzeitung. Winter für Winter habe das Salz sie an den Wurzeln gepackt. Es gehe nicht an, daß man länger die Augen davor verschließe, daß man das vielgerühmte Grün der Stadt ermorde, diese lebenswichtige grüne Lunge Berlins verkommen lasse. Wenn die vielbesungene Berliner Luft bleiben solle, was sie war, dann dürften die baumbestandenen Straßen nicht zu Pökelalleen verkommen und so weiter.

Als Annemarie Kleine Sextro an dem Morgen aus dem Haus getreten war, hatte sie an der Wand neben ihrer Tür gelesen: Es liegt was in der Luft – nicht nur auf den Straßen. Mit dicken Pinselstrichen flüchtig hingeschmiert, rot. Und wo der Pinsel neu angesetzt worden war, mit frischer Farbe aus dem Eimer, da war es runtergelaufen von den Buchstaben, in dicken roten Tropfen, die wie Blut angetrocknet waren. Nasen, hatte sie gedacht, Nasen würde Rainer das nennen. Der Täter könne nicht einmal eine glatte Wand anstreichen, würde er schimpfen. So ein Stümper und so fort. Sie fuhr sich mit der Hand ins Gesicht und bemerkte die verlegene Handbewegung erst, als sie die Kälte spürte. Als ob der Tod persönlich einen anfaßt, durchfuhr es sie. So kalte Hände, das kenne ich sonst an mir nicht. Sie nahm sich vor, nächstens die Handschuhe schon vor dem Hinausgehen anzuziehen, nicht erst auf dem Weg zum Bus.

Der Dreck, der vieltonnenweise über alle Straßen und Bürgersteige verteilt worden war, wurde zum Stadtgespräch. Das Granulat, wie das neue Streumittel offiziell hieß. Aber der schöne Name nützte auch nichts. In den Leserbriefspalten der Tageszeitungen gifteten Autofahrer die Umweltschützer an. Sie rechneten heile Katzenpfoten und gerettete Bäume gegen die Blechschäden auf, gegen blutende Köpfe und ausgefallene Arbeitszeit, wenn der Wagen auf dem Eis wegrutscht, unaufhaltsam, weder auf die Bremse noch auf die Steuerung reagierend, weil das Salz fehlt. Und dieses Granulat verlängere nur noch den Bremsweg, wetterten sie gegen die Neuerer los.

Der erste, der Annemarie Kleine Sextro an diesem Morgen im Berliner Kammergericht begegnet war, abgesehen von den schwerbewaffneten Polizisten und dem Pförtner, die unten im Eingang eine furchterregende Schleuse aus Barrieren, grimmigen Mienen, Fragen und Kontrollblicken aufgebaut hatten, – der erste Kollege war Manfred Schallenberg. Ausgerechnet dieser Schallenberg, hatte sie gedacht. Würde mich nicht wundern, wenn der von der bedrohlichen Schrift neben unserer Tür wüßte.

„Guten Morgen, Frau Kleine Sextro“, rief er schon aus etlichen Metern Entfernung.

„Guten Morgen, Herr Schallenberg.“ Wohldosiert, nicht zu freundlich, nicht zu distanziert.

„Sie sehen ja aus wie halberfroren“, blieb er bei ihr stehen. „Mußten Sie so lange auf den Bus warten?“

„Er weiß also Bescheid, überlegte sie. Er weiß, was mich erschreckt hat. Ist doch klar. Als ihr Wahlverteidiger steckt er mit ihr und ihren Kumpanen unter einer Decke. Bemüht leger sagte sie: „Ich kann das Durchleuchten im Eingang nicht vertragen. Wohl so eine Art Filzallergie, was ich da habe.“

„Daß Sie das sagen? Wo Sie doch auf der anderen Seite stehen“, tat er verwundert. „Bei mir ist das ja was anderes. Ich träume nachts schon von Kontrollen, so zuwider ist ...“

„Als Richterin stehe ich weder auf der einen noch auf der anderen Seite, Herr Schallenberg. Die vielen Durchleuchtungen scheinen Ihre Erinnerung an die Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit zu verdunkeln.“

„Ja, sehr richtig, Rechts-Staatlichkeit, daran darf nicht gerüttelt werden“, lachte er. Und wiederholte „Rechts-Staatlichkeit“, indem er den Begriff dehnte und zur Nahkampfwaffe verbog.

„Nur gut, daß Sie mir das nicht im Ernst nachsagen können, Herr Schallenberg. Oder?“

„Erbetteln Sie sich nicht von mir Ihre Absolution. Ich bin nicht Ihr Seelsorger, ich bin Anwalt, – guten Morgen, Frau Richterin.“

„Guten Morgen auch Ihnen, Herr Rechts-Anwalt“, dehnte sie das Wort, wie er es gemacht hatte. Er eilte laut lachend weiter. Lachen kann der Mann, einfach toll. Er hätte Vertreter werden sollen statt Anwalt. Eigentlich hätte ich ihn ja Herr Links-Anwalt nennen müssen, überlegte sie im Weitergehen. Aber das wäre eine Beleidigung. – Obwohl, eigentlich könnte Schallenberg das nicht als Beleidigung empfinden. Er nicht.

Sie betrat ihr Zimmer gleichzeitig mit dem Büroboten. Woitolla, wie immer im grauen Anzug und mit Schlips und Kragen, die grauen Haare akkurat gescheitelt und gewellt. Böse Zungen tuschelten, daß er sich jeden Morgen mit der Brennschere den Kopf in Ordnung bringen müsse. Ach, Unsinn, ich sollte meinen Kopf in Ordnung bringen. Annemarie Kleine Sextro mochte den Alten. Und der spürte das. Er schätzte ihre Freundlichkeit gegenüber den unteren Rängen, wie er zu sagen pflegte. Und ihre Gewohnheit, manchmal ein paar Worte mit ihm zu plaudern, nutzte er manches Mal ganz schön aus.

„Das mit den Kontrollen unten im Eingang ist ja schrecklich“, seufzte er. „Nun bin ich doch schon elf Jahre hier tätig, und jetzt tun die, als ob ich ein gefährlicher Verbrecher wäre. Immer wieder mich ausweisen müssen und mich abtasten lassen. Können wir nicht mal wieder was anderes machen als diese Terroristenprozesse, Frau Richterin?“

Klar, er wollte sich wieder ein Plauderpäuschen verschaffen. Warum auch nicht. Das mit dem Wir fand Annemarie köstlich. Trotzdem warf sie nur ein „Ja, sehr unangenehm“ hin und hantierte hastig mit den Akten und Büchern auf ihrem Schreibtisch. Und der Bote verstand und ging. Ist mir unverständlich, warum manche Kollegen den Mann so grob behandeln. Woitolla versteht es doch meisterhaft, sich diskret zurückzuziehen. Spürbar, daß er einmal bessere Zeiten gesehen hat, wie er selbst es nennt. Selbständiger Schneidermeister. Den Konkurrenzkampf nicht durchgehalten, wie er sagt. Dann Chefverkäufer in einem der führenden Modehäuser. Und jetzt auf Nummer Sicher im öffentlichen Dienst. Ein Versager halt, hat er die Schultern hochgezogen, als er mir das erzählt hat. Beim ersten wie beim zweiten und dritten Mal. Und ich, ich habe Verständnis gezeigt. Ich bin ja ebenfalls im öffentlichen Dienst. Also habe auch ich versagt? Schon dachte sie wieder an Schallenberg und seinen Hohn: Rechts-Staatlichkeit. – Nein, das soll man mir nicht nachsagen können. Und auch nicht, daß ich versagt hätte. Da muß ich durch!

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Volume:
470 p. 1 illustration
ISBN:
9788726576702
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