Read the book: «Ein Quantum Zeit»

Font::

VOLKMAR JESCH


Meiner Mutter Christina Jesch

Im Andenken an meinen Vater Prof. Dr. Dietrich Jesch

VOLKMAR JESCH


WAHRSCHEINLICHE ZUFÄLLE SELTSAME WIRKLICHKEIT WUNDERBARER KOSMOS


Originalausgabe

1. Auflage 2016

Verlag Komplett-Media GmbH

2016, München/Grünwald

www.komplett-media.de

ISBN: 978-3-8312-5771-3

Lektorat: Herbert Lenz

Korrektorat: Julia Feldbaum

Umschlaggestaltung: HAUPTMANN & KOMPANIE Werbeagentur, Zürich

Satz: Daniel Förster, Belgern

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

Dieses Werk sowie alle darin enthaltenen Beiträge und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrecht zugelassen ist, bedarf der vorherigen schriftlichen Zustimmung des Verlags. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Bearbeitungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das Recht der öffentlichen Zugänglichmachung.

Inhalt

VORWORT

SAMSTAG

Ein ko(s)mischer Unfall

SONNTAG

Nur weg von hier

Nicht allein

Schicksal

Zufall

Wahrscheinlichkeit

Seltsam, diese Zeit

Vertrackte Zeit

Ordnung

Woher kommt die Zeit?

Was ist Zeit?

MONTAG

Ortswechsel

Überall Energie

Energie ohne Ende

Von Ordnung und Unordnung

Zahlen über Zahlen

DIENSTAG

Parallele Zeitlinien

Veränderung des Blickwinkels

Entropie2

Kosmische Größenordnungen

Irgendwas ist immer

Unordnung als System?

Zeitumkehr

Was ist denn nun wirklich Zeit?

Sinneseindrücke

Jedem seine Zeit

Auch der Raum ist variabel?

Alles ist Energie

MITTWOCH

Kleinigkeiten

Ganz klein

Skurrile Quantenwelt

Beginn einer neuen Ära

Die Stabilität der Materie oder warum die Elektronen nicht

in den Atomkern fallen

Unstete Quantenwelt

Unwirkliche Quantenwelt

Irreales Unscharfes

Schneller als das Licht in der Zeit zurück

Revolution in der Medizin

DONNERSTAG

Das Universum entwickelt sich fort

Was ist das, unser Universum?

Eroberung des Weltraums

Gigantische Entfernungen

Kosmische Größenordnungen

Das Universum wird noch größer

Wo fing die Reise an?

Der Anfang von allem

Über-All

Die Entschlüsselung des Anbeginns der Welt

Und es ward Licht

Wo ist das Licht heute?

Symmetriebruch

Die größte Inflation aller Zeiten

Zeit ohne Ende – Woher kommen eigentlich die Sterne und Planeten?

Kosmische Sternschnuppen

Materie am Limit

Finstere Mächte

Das unerklärlich Dunkle am Kosmos

Gefahren des Weltalls

Es hat »Chirp« gemacht

FREITAG

Eine gute Entscheidung

Grundfragen des Seins

Das Bindeglied der Reise durch Zeit und Raum

Zeitwahrnehmung

Naturkonstanten

Planck-Konstanten

Ist der Raum mit Äther gefüllt?

Dann ist der Raum weg

Über den Anfang der Welt hinaus

Kosmische Konstanten

Sind wir allein?

Fantastische Welten

In welcher Welt leben wir?

Wie wird der Zufall zur Wahrscheinlichkeit?

SAMSTAG

Überraschendes

Schöne Quantenwirklichkeit

Gespenstische Verbindung

Sprung durch den Raum

Die Zukunft der Technik

SONNTAG

Erstaunliches

Endnoten

VORWORT

Die Zeit tickt. Irgendwas ist immer. Doch warum gerade das jetzt passieren konnte und andere Dinge niemals geschehen werden, ist schon einer näheren Betrachtung wert. Können wir das Geschehene wieder rückgängig machen, vielleicht mittels einer Zeitreise oder indem wir die Zeit einfach anhalten? Hat der rätselhafte Mikrokosmos Einfluss auf die empfundene Realität? Können wir einem künftigen Missgeschick ausweichen, lässt sich die Zukunft exakt berechnen? Was passiert tatsächlich außerhalb unserer begrenzten Wahrnehmungsfähigkeit?

Wie kommt man dazu, den Büchern über moderne Erkenntnisse der Physik ein weiteres hinzuzufügen? Es ist das Interesse an den grundlegenden Fragen unseres Daseins. Um das Ausmaß des physikalischen Weltbildes jenseits unserer Alltagsrealität nur annähernd begreifen zu können, zieht man sich in einen stillen Raum zurück und steigt mit viel Zeit und Energie tief in die Materie ein.

Unverzüglich tauchten folgenschwere Fragen auf: Was passiert just in diesem stillen Raum mit der Zeit? Warum lassen sich beide von Materie und Energie beeinflussen, die in Gestalt ihrer schattenhaften Geschwister heimlich das kosmische Zepter schwingen?

Dies führt zu dem Ansporn, die komplizierten naturwissenschaftlichen Phänomene verstehen zu können und zu einem verständlichen Weltbild zusammenzufügen, gefolgt von dem Impuls, den Weg der Forscher und die Auswirkung ihrer Einsichten auf unsere Existenz nachzuvollziehen.

Ein Teil der hierbei ausgewerteten Literatur findet sich im Anhang. Juristen gehen bekanntlich den Dingen gerne auf den Grund, der sich hier allerdings bei näherer Betrachtung als unscharf und wenig tragfähig erweist sowie an die Grenzen menschlicher Vorstellungskraft führt.

Als Leser dieses Buches brauchen Sie keine physikalischen Vorkenntnisse. Neugierde und die Fähigkeit, zu staunen, sind ausreichende Voraussetzungen.

Es besteht die Gefahr, dass sich Ihr Weltbild verändert. Aber damit passiert nichts anderes, als das, was diese Welt nun einmal antreibt. πάντα ῥεῖ – alles fließt.

Noch vor Weitergabe des Manuskriptes an den Verlag haben viele das Werk gelesen und mir nützliche Hinweise gegeben, die der Verständlichkeit zugutegekommen sind. Stellvertretend für alle Testleser möchte ich mich bei Claudia Casper bedanken, die mir auch bei der Endfassung hilfreich zur Seite stand.

Ganz besonderen Dank schulde ich Prof. Dr. Paul Fumagalli, Institut für Experimentalphysik, Universität Berlin, für die sorgfältige Durchsicht des Manuskriptes und die wertvollen Hinweise.

Außerordentlich dankbar bin ich meiner Familie für die Geduld mit dem wissbegierigen Autor.

Berlin im Sommer 2016

Volkmar Jesch

SAMSTAG

Ein ko(s)mischer Unfall

Die Reise gleicht einem Spiel;

es ist immer Gewinn und Verlust dabei

und meist von der unerwarteten Seite.

Johann Wolfgang von Goethe,

Dichter und Naturforscher

Sintflutartiger Regen prasselte auf Blech, anfangs klang es melodisch, als ob ein Klavierspieler stakkato spielen würde, mit einem rhythmischen Abstoßen der Finger von den Tasten, und dann hörte es sich eher an wie ein unablässiges Trommelfeuer in einer Schlacht. Abertausende Wassertropfen zerplatzten auf der Windschutzscheibe, wurden in kleinere Tröpfchen zerlegt, bevor sie von den Scheibenwischern weiter in Richtung Autobahn gedrückt wurden, wo ihre gravitationsbedingte Reise ein abruptes Ende fand. Immer mehr Regentropfen suchten den Weg zur Erde, als ob der Himmel alle seine Schleusen geöffnet hätte. Es war Abend, tief hängende, regenschwere Wolken bedeckten den Himmel, und doch war es nicht dunkel. Der Wasserfilm auf dem Metall und dem Glas der Autos, ebenso wie die Wasserschicht auf der Fahrbahn, reflektierten das helle Licht der Scheinwerfer, gepaart mit dem roten Licht der Heckleuchten der vorausfahrenden Fahrzeuge. Es war ein zittriges Bild vorwärtsstrebender Automobile, das die Lichtstrahlen im Gehirn der Insassen projizierten.

Lea hatte ihre Fahrweise den widrigen Umständen angepasst und würde die Autobahn bald verlassen. Es ging in den Skiurlaub. Bei diesem Tempo dürfte sie in einer knappen Stunde an ihrem Zielort inmitten der italienischen Alpen sein, wie ihr das Navigationssystem bescheinigte. Endlich. Sie freute sich auf schneebedeckte Berge, in der Sonne glitzernde Pisten und ahnte nicht die Katastrophe, die sich anbahnte.

Plötzlich schaltete ihr Bewusstsein um auf Zeitlupenmodus. Ihre Aufmerksamkeit wurde gefangen von einem Wassertropfen, der scheinbar entgegen jeder Schwerkraft erst die Windschutzscheibe emportippelte und sich dann kreiselnd in Richtung Himmel verabschiedete. Ein kleiner Moment für die Ewigkeit, würde sie später denken, wie ihr ein winziger Wassertropfen, aller Schwerkraft trotzend, die grundlegende Veränderung ihres Lebensweges ankündigte.

Ein pinkfarbener Lippenstift segelte im Schneckentempo an ihr vorbei, sich gemächlich um seine Achse drehend, gefolgt von einem torkelnden Eyeliner und der offenen Handtasche, an Langsamkeit kaum noch zu überbieten.

Im Bruchteil einer Sekunde war sie von fliegenden Gegenständen umgeben, die ihre plötzliche Beschleunigung durch eine auf das Heck des Wagens wirkende Kraft erhalten hatten. Sie hörte den Regen nicht mehr, nur noch den Knall, verursacht durch den Aufprall des nachkommenden Fahrzeuges, spürte die schleudernde Bewegung, in die ihr Auto versetzt wurde und der sie machtlos ausgesetzt war.

Es war aber irgendwie mehr als die Bewegung des Wagens im Raum oder das Umherschwirren der Gegenstände in der Fahrgastzelle des Autos. Sie war im Zentrum des Geschehens, alles drehte sich um sie, sie war die einzige Konstante in einer Umgebung, wo die Dinge einer neuen Kraft gehorchten. Die Leitplanke kam auf sie zu. Schlimm fand Lea das nicht, in diesem Moment eher komisch. Wieso bewegte sich die Leitplanke, und sie selbst verharrte im Raum?

Dann war auf einen Schlag alles dunkel in ihr. Die Verformung von eineinhalb Tonnen Blech, einhergehend mit einer plötzlichen Hitzeentwicklung, bekam sie schon nicht mehr mit.

SONNTAG

Nur weg von hier

Das Gestern ist fort – das Morgen noch nicht da.

Leb also heute.

Pythagoras,

griechischer Mathematiker und Philosoph

Alles war schön warm und weich. Eine unendliche Ruhe umgab sie. Vorsichtig öffnete Lea die Augen. Sie musste blinzeln. Die Sonne schien ihr direkt ins Gesicht. Langsam drehte sie den Kopf zur Seite, um der direkten Sonneneinstrahlung zu entkommen.

Sie lag in einem Bett, alles war weiß um sie herum, die Bettdecke, ein Stuhl, die Wand. Sie drehte sich auf die andere Seite. Auch draußen vor dem Fenster war alles weiß. Schnee! Was war mit ihr geschehen? Wo war sie? In diesem Moment ging die Tür auf. Eine Krankenschwester betrat das Zimmer. Oh Gott, ein Krankenhaus, bestimmt ist sie schwer verletzt, dachte Lea.

»Ich sehe, Sie sind wieder wach geworden, schön«, sagte die Schwester, die einen angenehmen italienischen Akzent hatte. »Bei Ihrer Einlieferung waren Sie sehr aufgeregt und brauchten Ruhe. Sie haben die ganze Nacht durchgeschlafen und den Vormittag auch. Es ist jetzt mittags, 12:30 Uhr.«

»Moment, was ist denn passiert?«, fragte Lea und kramte in ihrem Gedächtnis nach Erinnerungen. »Ich kann mich an nichts Schlimmes erinnern. Ich habe Urlaub, bin auf dem Weg in die Berge und …«, stammelte sie.

»… und Sie hatten einen Unfall«, vervollständigte die Schwester den Satz. »Jemand ist auf Ihr Auto aufgefahren. Sie sind aber nur leicht an der Schulter verletzt, deswegen haben wir Ihnen einen Verband angelegt. Und Sie haben eine kleine Beule am Kopf. Haben Sie Schmerzen?«

»Nein«, antwortete Lea und bemerkt erst jetzt den Verband am rechten Arm.

»Es ist nicht ungewöhnlich, dass Sie sich an den Unfall und die unmittelbare Zeit danach nicht erinnern«, sagte die Schwester. »Sie hatten eine temporäre Amnesie. Das kommt häufig vor.«

Lea richtete sich langsam im Bett auf, was mühelos und ohne Schmerzen gelang. Sie tastete die Schulter, den Arm und die Beule ab, auch schmerzfrei. Wenigstens etwas. Sie beruhigte sich und sagte: »Ich bin auf dem Weg in den Skiurlaub. Ich möchte so bald wie möglich weiterfahren. Wann kann ich die Klinik verlassen? Die paar Schrammen sind doch nicht der Rede wert. Und Schmerzen habe ich keine.«

»So schnell geht das nicht«, sagte die Krankenschwester, »die Ärzte bestehen auf eingehenderen Untersuchungen, die erst am morgigen Montag stattfinden können. Außerdem ist Ihr Auto sicherlich nicht fahrbereit.«

Ach, du meine Güte. Ihr Auto, daran hatte sie noch gar nicht gedacht. Mutlos sank sie ins Kissen zurück.

»Jetzt, wo Sie wieder wach sind, möchte ich Ihren Blutdruck messen und Ihnen Blut abnehmen«, sagte die Schwester. »Wenn Sie wollen, bringe ich Ihnen anschließend eine Kleinigkeit zu essen.«

Dankbar nahm sie an. Der Blutdruck war in Ordnung. Das Essen tat ihr gut.

Ihre Handtasche mit dem Smartphone war auch da. Als sie das Gerät einschaltete, schickte sie als Erstes eine SMS an ihre Freunde, mit denen sie sich ein Chalet teilen wollte, und beschrieb kurz, was passiert war. Sie sollten sich keine Sorgen machen. Hatten sie natürlich schon. Während des Schreibens ging eine Vielzahl von SMS und Telefonnachrichten ein. Sie würde später telefonieren. Erstmal sollte die SMS ihre Freunde beruhigen.

Sie schloss die Augen und genoss die Sonne, die ihr Gesicht erwärmte. Sie versuchte, sich zu erinnern, was in der Nacht geschehen war. Es gelang ihr nicht. Sie wusste nur noch, wie sie losgefahren war und wie sie auf eine Leitplanke zusteuerte. Mehr nicht. Erschöpft schlief sie wieder ein.

Später wurde ihr Bett auf die Terrasse geschoben, sie spürte die frische Bergluft und ein wenig die Nachmittagssonne, die sich jetzt einen Weg durch die Schneeflocken bahnte. Es hatte leicht zu schneien begonnen. Sie störte das nicht. Die Terrasse war überdacht, und es war ihr nicht kalt im Bett. Sie nickte nochmals ein.

Nicht allein

Was man als Blindheit des Schicksals bezeichnet,

ist in Wirklichkeit bloß die eigene Kurzsichtigkeit.

William Faulkner,

Schriftsteller

Als sie wieder aufwachte, war es Spätnachmittag. Die Sonne ging gerade unter. Hätte man das Abendrot gemalt und auf eine Postkarte gebannt, hätte es kitschig ausgesehen. Sie war nach dem vielen Schlaf wunderbar erholt. Physisch hatte sie den gestrigen Unfall bestens weggesteckt. Die leichte Schulterprellung, die man bei ihrer Einlieferung noch in der Nacht diagnostiziert hatte, spürte sie nicht.

Doch psychisch ging es ihr alles andere als gut. Das Licht der tief stehenden Sonne brach sich wunderbar in den verschneiten Bäumen, doch ihr erschien alles irreal. Die Szenerie mutete seltsam an. Sie lag in einem Krankenhaus, genauer auf der Terrasse eines Krankenhauses. Sie hatte einen Unfall gehabt. Wie furchtbar. Die letzten Stunden hatte sie dann doch noch nicht verarbeitet.

An Skifahren war mit der geprellten Schulter natürlich nicht mehr zu denken. Das war ihr inzwischen klar. Doch eigentlich schmerzte sie vielmehr, ihr geliebtes Auto vermutlich verloren zu haben. So einen Verlust konnte sie nur schwer verwinden. Es ging ihr dabei nicht ums Geld. Es war ihr erstes Auto, mit dem sie auch den letzten Urlaub mit ihrem Vater gemacht hatte, bevor dieser … Daran mochte sie jetzt nicht denken. Es war auch schon über zwei Jahre her. Möglicherweise konnte man den Wagen reparieren. Sie wusste gar nicht, wohin man ihn gebracht hatte. Wenn sie aus dem Krankenhaus kam, wollte sie sich gleich darum kümmern. Sie malte die Umrisse des Autos in die Luft. Das Bild des Fahrzeuges zerplatzte wie eine Seifenblase.

Nachdem sie den ersten Schreck überwunden hatte, kam sie ins Grübeln. Was sollte sie nur in einer Klinik machen? Sie war so voller Tatendrang und langweilte sich. Spätestens in zwei, drei Tagen wollte sie die Mauern des Krankenhauses nur noch von außen sehen. Ein Buch hatte sie nicht mitgenommen, wer nimmt schon ein Buch mit in den Skiurlaub, wo man nach dem Après-Ski froh ist, wenn man rechtzeitig zum Schlafen kommt. Lesen mit Alkohol im Blut geht gar nicht. Wenn doch wenigstens ihre beste Freundin hier wäre, mit der sie sonst alle Nöte und Sorgen teilte. Sie suchte nach ihrem Smartphone, doch man hatte nur das Bett auf die Terrasse geschoben. Die Handtasche mit dem Handy war nicht dabei, lag vermutlich noch in ihrem Zimmer. Sie wollte das warme Bett nicht verlassen. Dann würde sie eben später telefonieren.

Immer wieder kramte sie in ihrem Gedächtnis, wie es zu diesem vermaledeiten Unfall hatte kommen können. Sie konnte sich an die Zeit erinnern, als sie auf die Leitplanke zugesteuert war. Dieser kurze Ausschnitt ihrer Fahrt, der offensichtlich nur einige Sekundenbruchteile gedauert hatte, war unauslöschlich in ihr Gedächtnis eingebrannt, in einer quasi unendlichen Filmschleife. So kam es ihr vor, als sich ihr mehr und mehr Details einer Handlung offenbarten, die sich in Zeitlupe vor ihr abgespielt hatte. »Vor ihr« war der richtige Ausdruck. Sie hatte im Mittelpunkt gestanden. Sie war plötzlich im Raum stehen geblieben, während sich die Welt um sie gedreht hatte. Der Zeitraum davor war weg, der Zeitraum danach auch.

Sie konnte sich erinnern, wie sie zu Hause losgefahren war, dass alles glatt gegangen war und es zu regnen begonnen hatte. Und sie wusste inzwischen wieder, wie sie im Krankenwagen aufgewacht war, neben dem feschen Rettungssanitäter, der ihr zugelächelt hatte. Seltsam, diese sporadischen Erinnerungen, heftig für einen kurzen, intensiven Moment, umgeben von einem dunklen Nichts.

Dann stieg Zorn in ihr hoch. Ihre Miene verfinsterte sich, und der Groll auf ihren Unfallgegner wuchs. Es war doch alles so schön gelaufen. Am Vorabend der Abreise hatte sie noch die Wohnung aufgeräumt, die zunehmende Unordnung wieder beseitigt, damit es perfekt war, wenn sie zurückkehrte. Gestern war sie noch morgens beim Friseur gewesen, war ohne Stau auf der Autobahn vorangekommen, sodass der eintretende Regenschauer ihren Zeitplan nicht nachhaltig durcheinandergebracht hatte. Alles war bestens durchorganisiert. Dann musste sie dieses unwahrscheinliche Pech ereilen und alle Planungen über den Haufen werfen. Am liebsten wollte sie jetzt aufstehen und irgendwohin tanzen gehen. Sie fühlte sich absolut fit und unternehmungslustig, war aber im Bett gefangen. Mitten in ihren trübseligen Gedanken hörte sie auf einmal, wie jemand in ihrer Nähe sprach.

»Grämen Sie sich nicht so sehr wegen des Autounfalls. Der Wolkenbruch war richtig stark, da kann ein Fahrzeug schon einmal ins Schleudern kommen. Auch wenn Sie Ihr Auto sehr gemocht haben, es wird ein neues geben.« Und er zog auch gleich ein Resümee seines Einwurfs: »Wer weiß, wofür die plötzliche Wendung in Ihrem Leben gut ist.«

Sie blickte erstaunt auf, drehte ihren Kopf nach links und schaute ihn verdutzt an. Sie hatte gar nicht gemerkt, dass ein Mann neben ihr an einem Tisch saß. Er war älter als sie, in den besten Jahren, würde man wohl sagen. Eine sympathische Erscheinung. Nur woher wusste er von ihrem Unfall? Warum war ihm bekannt, dass sie mit ihrem Auto ins Schleudern gekommen war? Und woher, um alles in der Welt, wusste er, dass sie ihr kleines Auto so sehr geliebt hatte. Er ließ ihr keine Zeit, zu antworten, fuhr fort, als ob er auch diese Gedanken erraten hatte.

»Entschuldigen Sie, dass ich Sie beobachtet habe und jetzt so unvermittelt anspreche. Nachdem Sie sich hin- und hergewälzt haben und dann in ihrer Mimik mal Zufriedenheit, Erstaunen und auch Zorn zu lesen waren, nahm ich an, dass Sie erst kürzlich angekommen sind und die Gründe hierfür analysieren. Ich dachte zunächst, Sie seien beim Skifahren gestürzt, wie eigentlich alle Patienten hier, zumal ich ihre leichten Hin- und Herbewegungen als rhythmisches Wedeln beim Skifahren interpretiert hatte. Nachdem Sie mit trauriger Miene die Konturen eines Fahrzeuges in die Luft gemalt haben, kam mir in den Sinn, dass Sie die Drehbewegungen vielleicht mit einem Auto gemacht haben, schlichtweg geschleudert sind. Ich kam zu dem wahrscheinlichen Schluss, dass Sie einen Autounfall hatten. Autounfall-Opfer werden hier selten eingeliefert. Ich hoffe, dass Ihre Verletzungen nicht so schlimm sind.«

Sie war zunächst perplex über seine gute Beobachtungsgabe, fing sich aber gleich wieder. Seine Stimme war äußerst angenehm, und sie war froh, dass sie mit jemandem reden konnte.

»Ach nein, es sind nur ein paar Schrammen an der Schulter«, antwortet sie. »Das ist nicht so schlimm.«

»Na, dann werden Sie bald wieder entlassen werden können«, murmelte er, hoffte aber jetzt schon das Gegenteil.

»Ja, das erwarte ich auch«, sagte sie. Der Himmel war jetzt glutrot. Obwohl es ein wenig kühler geworden war, war ihr Bett immer noch schön warm und weich. Die Terrassenbeleuchtung ging an.

»Wir hatten heute Morgen viel Schneefall und immer wieder nur kurze Phasen, in denen die Sonne schien. Mittags sind die Wolken aufgerissen, und wir können einen wundervollen Sonnenuntergang beobachten, bevor es bestimmt gleich wieder zu schneien anfängt.« Seine sonore Stimme gefiel ihr, und es tat ihr gut, über belanglose Dinge zu reden. Er fuhr fort: »Für die nächsten Tage ist noch mehr Schnee angesagt. In der ganzen Alpenregion soll in den nächsten Tagen sehr viel Neuschnee fallen.«

»Da werden sich meine Freunde aber freuen«, sagte sie. »Da sind einige Experten dabei, die das Tiefschneefahren lieben. Und im Neuschnee lässt sich besonders gut wedeln.«

»Na ja«, warf er ein. »Der Schnee wird wohl eher unwetterartig herunterkommen. Die Wetterlage ist nicht gerade konstant für die nächsten Tage. Sehen Sie es positiv, und freuen Sie sich, dass Sie hier so gut untergebracht sind und nicht unbedingt nach draußen müssen.«

Doch die Erinnerung an den Unfall war zu frisch. Sie war immer noch in ihren trüben Gedanken gefangen, und so hörte sie sich auf einmal sagen:

»Ich kann mich nicht so richtig freuen. Viel schlimmer als die paar Schrammen ist es, dass mein Auto kaputt ist. Ich habe gestern Abend auch wirklich Pech gehabt. Ich bin noch nicht einmal so weit gekommen, wie die anderen, die sich erst beim Skifahren verletzen. Ich wurde schon auf dem Weg dahin in einen Unfall verwickelt. Ich bin schon ein Unglücksrabe!«

»Denken Sie nicht so«, warf er ein, »bei diesem Wolkenbruch war es nicht unwahrscheinlich, dass ein Unfall passiert. Seien Sie froh, dass er so glimpflich abgelaufen ist, wenn Sie schon einen Unfall erleben mussten.«

Doch so einfach konnte sie ihren Gedankengang nicht verlassen: »Ich gebe es ja zu: Ich hadere mit meinem Schicksal.« Sie erwartete seinen Zuspruch. In ihr keimte der Wunsch, dass er ihren Schicksalsschlag bestätigte. Das hätte ihr gutgetan. Doch es kam anders.

Age restriction:
0+
Release date on Litres:
30 July 2025
Volume:
492 p. 5 illustrations
ISBN:
9783831257713
Copyright Holder::
Bookwire
Download format:

Similar books