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Viveca Lärn
Eddie und die beste Freundin der Welt
Deutsch von Angelika Kutsch
Zeichnungen von Eva Eriksson
Saga
Eddie macht eine Busreise
Ich bin ein echter Busreisender. Niemand kann mich rausschmeißen, dachte Eddie und fühlte in seiner Jackentasche nach. Da lag die Fahrkarte, wo sie hingehörte. Und sie war der Beweis, dass er ein echter Busreisender war. Es ist noch gar nicht lange her, da hat Arne ihn zum Busbahnhof in Göteborg gebracht. Als sie dort ankamen, war der Platz voller Busse, vielleicht fünfunddreißig Stück, und auf dem schmutzigsten Bus stand Lysekil-Express. Der gefiel Eddie am besten, und mit dem sollte er fahren. Auf dem Schild stand 840.
Eddie sah sich vorsichtig um. Wo waren die anderen 839 Busse geblieben, das musste man sich wirklich fragen. Hoffentlich waren sie nicht geradewegs ins Meer gefahren.
Arne hatte Eddie eine kleine Papiertüte aus weichem weißen Papier gegeben. Das war keine Spucktüte für den Fall, dass es Eddie schlecht wurde, oder für irgendwas anderes Dummes, nein, sie war fast bis oben hin mit Süßigkeiten gefüllt, Gummibärchen, Lakritzschnecken und Pfefferminzbonbons. Und das war nicht das einzige Gepäck, das Eddie dabeihatte. Da war auch noch sein Rucksack. In dem lagen zwei T-Shirts, ein bisschen Unterwäsche, eine Taschenlampe, eine leere Schnupftabakdose, der Sultanol-Spray gegen sein Asthma, ein Donald-Duck-Heft von 1993 und das Schraubglas mit der Wasserschildkröte Maxon Jonsson. Eddie hatte Löcher in den Deckel gebohrt, damit Maxon Jonsson während der Reise Luft kriegte.
Arne kümmerte sich um alles für Eddie im Bus. Er ging hin und her und musterte kritisch jeden Platz in dem leeren Bus. Zuerst inspizierte er die Plätze gleich hinterm Busfahrer, schien aber nicht ganz zufrieden zu sein.
«Gute Lüftung! An und für sich ganz gut für Allergiker», sagte er. «Aber zu unruhig. Das kann ja richtig gefährlich werden. Stell dir mal vor, da kommt eine Horde Tanten durch die Vordertür reingestürmt und legt sich sofort mit dem erstbesten Fahrgast an. Und das bist du! Vielleicht haben sie sogar rot karierte Einkaufswagen dabei, mit denen sie zuschlagen können. Und es können noch viel schlimmere Sachen passieren. Falls der Busfahrer ohnmächtig wird und überm Lenkrad zusammensackt – dann musst du eingreifen und fahren, Eddie!»
«Wa-, wa-, was», sagte Eddie und seine Unterlippe begann zu zittern. «Ich kann doch keinen Bus fahren. Ich bin doch erst sieben Jahre alt.»
«Gerade deswegen sollst du ja auch nicht hier sitzen. Dafür sorg ich schon», sagte Arne zufrieden. «Da hast du Glück.»
Sie bahnten sich einen Weg durch den fast unheimlich leeren und stillen Bus. Es war nicht mal richtig hell da drinnen, nein, es war schummrig und es roch nach alten Bananen.
Als sie zum ersten Platz hinter der Mitteltür kamen, leuchtete Arnes Gesicht auf.
«Der ist gut», sagte er. «Hier hast du genügend Platz für die Beine und brauchst dich nicht wie eine Ziehharmonika zusammenzufalten.»
Eddie guckte auf seine kurzen Beine runter. Die Jeans waren fast sauber.
«Das wird prima, Harne», sagte er begeistert. «Hier setz ich mich hin. Hier hab ich genügend Platz für die Beine und muss sie nicht wie eine Ziehharmonika zusammenfalten.»
«Ich heiß Arne», sagte Arne, aber seine Stimme klang nicht böse.
«Genau», antwortete Eddie. «Jetzt fällt’s mir wieder ein.»
Bewundernd guckte er seinen großen Bruder an. Arnes runde Brillengläser waren ganz frisch geputzt und blank. Das waren sie meistens. Weil Arne sich nichts entgehen lassen wollte. Er wusste tatsächlich fast alles, obwohl er doch erst zehn Jahre alt war. Zum Beispiel, wie Zentralschlösser funktionieren. Eddie wäre froh gewesen, wenn Arne im selben Bus wie er mit nach Lysekil gefahren wäre. Aber das wagte er nicht laut zu sagen. Das hätte Arne nicht gefallen.
«Und außerdem sprichst du nicht mit fremden Leuten», schärfte Arne ihm mit strenger Stimme ein. «Fremde Leute wollen dir bloß Kokain aufschwatzen.»
«Ih. Dann nehm ich aber nur ein kleines Stück. Was ist das übrigens?», fragte Eddie. Er fand, es klang irgendwie lecker. Coca-Cola mochte er sehr gern. Von Kokain bekam man wahrscheinlich noch mehr Nasenkribbeln.
Arne seufzte. «Das ist Rauschgift! Weißt du denn gar nichts vom Leben?»
Er fasste nach Eddies Handgelenk. Dort saß ordentlich befestigt Arnes eigene Swatch-Armbanduhr mit Tigerband aus Kunststoff. Plötzlich bereute er es, dass er sie verliehen hatte.
«Pass bloß gut auf meine Tiger-clock auf», sagte er. Er sprach es englisch aus. Teiger-clock sagte er. «Kannst du denn jetzt die Uhr?»
«O ja», sagte Eddie. «Zehn nach neun.»
«Das war es, als wir von zu Hause losgefahren sind, Blödmann», sagte Arne gereizt. «Es ist sinnlos, dass ich dir meine Uhr leihe, wenn du sie doch nicht kannst, das ist dir ja wohl klar. Dann ist es besser, ich trage sie selbst.»
«Aber ich kann die Uhr, Arne», sagte Eddie eifrig. «Frag mich mal, wie spät es ist.»
«Das hab ich grad getan, und da hast du gesagt, es ist zehn nach neun, Blödmann. Das war es doch vor einer Stunde.»
«Ich hab vergessen, dass wir jetzt Winterzeit haben», sagte Eddie listig und beide fingen an zu lachen. Eddie zog die Jackenärmel bis über die Hände, damit Arne seine Uhr vergaß.
In dem Augenblick kam der Busfahrer. Er sah die Jungen nicht einmal an, sondern zog seine Jacke aus, die er an einen Haken in der Fahrerecke hängte. Dann öffnete er seine Fahrkartentasche und holte eine magnetische Karte hervor, die er in dem grünen Fahrkartenapparat stempelte.
«Hast du das gesehen?», fragte Arne. «Der arme Fahrer, der muss auch bezahlen, obwohl er den Bus fährt.»
Der Fahrer hatte fettige Haare und ernste blaue Augen. Er guckte in den Rückspiegel, stellte das Radio ein und dann startete er den Motor.
«Hilfe», flüsterte Eddie. «Jetzt fährt er los, du musst aussteigen, Harne, tu’s nicht!»
Arne presste die Lippen zusammen. Er wünschte, der Bus nach Lysekil wäre kleiner. Eddie sah in diesem hier so winzig aus.
Seine Brillengläser beschlugen. Er versetzte Eddie einen Stoß gegen die Schulter, sodass Eddie auf den Sitz plumpste.
«Tschau, Eddie!», sagte er.
Eddie blinzelte und schluckte.
«Tschau, Arne», flüsterte er.
Arne sprang bei der Mitteltür hinaus und blieb mit den Händen in den Taschen an der Haltestelle stehen. Als der Bus anfuhr, gab er Eddie ein Zeichen, indem er den Kopf ein wenig zurückwarf, und lächelte lieb mit seinen neuen, großen, schiefen Zähnen. Er stellte den Schirm seiner Mütze aufrecht.
Eddie versuchte, auch ein bisschen zu lächeln. Anstelle von Schneidezähnen hatte er eine Lücke und er hatte keine Schirmmütze. Er winkte Arne mit beiden Händen und fühlte, wie es sich in seinem Bauch komisch zusammenkrampfte, als ob er tausend runtergefallene Pflaumen gegessen hätte.
Der Bus rollte davon. Eddie presste das Gesicht gegen die Fensterscheibe. Die war ganz kalt. Er konnte in die Autos runtergucken. In einem Rückfenster sah er einen flauschigen Hund mit großen Ohren. Eddie seufzte ein bisschen. Er durfte nicht mit Hunden zusammenkommen. Nicht mit einem einzigen. Dann kriegte er Asthma.
Ein bisschen wurde er auch deswegen nach Lysekil geschickt. Dort sollte er ein paar Herbsttage verbringen. Sein Papa Lennart hatte sich in den Kopf gesetzt, dass Meeresluft gut für Eddie wäre. Er selber würde achtundzwanzig Tage in ein Heim gehen, wo er «trocken» werden sollte. Das heißt, er sollte lernen, keinen Alkohol mehr zu trinken. Und Arne? Ja, der musste ausgerechnet heute zum Zahnarzt, weil er eine Zahnspange kriegte. Später würde er mit einem anderen Bus nach Lysekil hinterherkommen.
Was für ein Durcheinander! Eddie seufzte wieder. Wenn er selbst hätte entscheiden dürfen, wäre er zu Hause an seinem kleinen Bach geblieben. Dort wusste er, wie alles war. Und nachts hätte er in seinem eigenen Bett gelegen und den Lichtschein betrachtet, der immer dann über die Zimmerdecke wanderte, wenn unten auf der Landstraße ein Auto vorbeifuhr. Das war Geborgenheit. Nicht irgendeine fremde, schreckliche Stadt am großen, kalten, tiefen Meer.
«Bei meiner Schwester geht’s euch gut», hatte Lennart zufrieden gesagt. «Atme ordentlich durch, Eddie, wenn du schon mal am Meer bist. Das ist gut für dich.»
Eddie baumelte mit den Beinen. Er überlegte, wie alt man werden musste, bis sie zum Fußboden reichten. Wenn seine Tante ihn nun mal nicht abholen kam! Das sähe ihr richtig ähnlich. Sie hatte so eine kreischige Stimme und eine wütende Stirn.
«Ach, Eddie, hätte ich ihn abholen sollen? Wie sollte ich mir das merken – ich hab doch so viel zu tun. Ich muss Weißwäsche waschen und Buntwäsche und die Spüle putzen und noch so einiges. Wer ist das übrigens – Eddie?»
Lennarts ältere Schwester Ann-Sofie hatte überhaupt keine Ähnlichkeit mit ihrem kleinen Bruder. Wenn Lennart nüchtern war und ein kariertes Hemd trug, sah er fast wie Elvis Presley aus. Ann-Sofie sah eher aus wie ein japanischer Ringkämpfer oder wie eine der Frauen bei der Essensausgabe in der Schule. Und außerdem hatte sie vier riesige erwachsene Kinder, die alle einen Ring im Ohr trugen. Aber die waren von zu Hause ausgezogen, zum Glück. Eddie wurde fast ein bisschen wütend, als er daran dachte, dass Ann-Sofie vergessen könnte, ihn vom Bus abzuholen, wenn er ankam. Stand wahrscheinlich zu Hause und briet Fisch oder legte ein Riesenpuzzle, so ein ganz langweiliges, das hundertsechzehn Schwäne zeigte, die zwischen Eisschollen herumschwimmen. Oder sie blätterte in einem Versandhauskatalog mit der neuesten Damenunterwäsche und melierten Herrenunterhemden.
Der Bus fuhr über die Brücke über den Göta-Fluss und Eddie schaute zur Hafeneinfahrt hinüber. Die Herbstluft war klar und kalt, er konnte also ganz weit sehen. Warum durfte er nicht hier in Göteborg bleiben? Hier gab es doch reichlich Meeresluft? Er sah sogar eine Möwe. Aber Quallen gab es in Göteborg genauso wie in Lysekil. Von allem Gefährlichen, was es im Meer gibt, sind Quallen das Gefährlichste. Das fand Eddie jedenfalls. Haie: kein Problem. U-Boote: auch leicht reinzulegen. Aber Quallen! Denen war nicht beizukommen. Die konnten unschuldige Menschen wer weiß wie lange verfolgen und sie verbrennen, sodass sie zwei Tage mit kühlen Umschlägen im Bett liegen mussten. Und vier Augen haben die. Wenn die Quallen müde werden, können sie mit zwei Augen schlafen und mit den anderen beiden Augen gucken und weiter Leute verfolgen. Und sobald sie einen Arm oder ein Bein erwischen, fangen sie an, mit ihren schrecklichen Fäden zu brennen, sodass die armen Menschen fast verbrennen. Als Eddie klein war, ist er selbst mal schwer verbrannt worden an den Armen und am Hals. Genau in Lysekil. Eine gefährliche Stadt. Mit Eddies Bach war das doch was anderes – da gab es nicht eine einzige Qualle.
Er hatte eine weite Reise vor sich und wusste nicht, wie er sich die Zeit vertreiben sollte. Er beschloss, schielen zu lernen. Arne konnte das prima. Ob Quallen wohl schielen können? Eddie wollte sie übertrumpfen. Er versuchte, auf seine Nase zu gucken. Das war der beste Trick. Aber man musste aufpassen (sagte Arne immer), dass der Wind nicht drehte und gleichzeitig der Hahn krähte, denn sonst schielt man bis in alle Ewigkeit. Eddie spürte keinen Wind und er sah auch keinen Hahn, Eddie konnte also intensiv trainieren. In Kungälv stieg eine einzige Person zu, eine griesgrämige Frau mit braunem Regenmantel und roter Baskenmütze.
Wo die sich wohl hinsetzt, dachte Eddie nervös und umklammerte die Fahrkarte in seiner Tasche. Genau wie er befürchtet hatte, war das eine Frau ohne Manieren. Sie kam den Mittelgang mit einem Haufen Tragetaschen in den Händen entlang und ließ sich auf den Sitz neben Eddie plumpsen. Er rutschte näher ans Fenster. Die Frau guckte ihn freundlich an und holte eine Banane hervor. Als sie sie geschält hatte und anfing zu essen, verließ der Bus die Haltestelle und fuhr weiter nach Norden. Da holte sie noch eine Banane heraus.
«Da ist eine Banane für dich», sagte die Frau zu Eddie.
«Iss nur, du siehst so mickrig aus. Und jetzt, wo der Wind von vorn bläst, müssen wir Menschen zusammenhalten.»
Eddie sah die Frau lange an. Dann streckte er einen Arm in die Luft und blieb so eine Weile sitzen.
«Ist was mit dir, Kind?», fragte die Frau besorgt.
«Aber wir haben doch keinen Wind von vorn», flüsterte Eddie. «Es bläst überhaupt kein Wind im Bus.»
Da lachte die Frau. «Nun iss mal, Kind, damit du groß und stark wirst.» Sie klopfte ihm auf die Schulter und dann sah sie geradeaus auf die Straße.
So sind sie wohl, die Leute aus Lysekil, dachte Eddie, während er die Banane aß. Die merken sogar im Bus, wenn draußen der Wind von vorn bläst.
Tante Ann-Sofie
Der Bus erreichte Lysekil und rollte langsam die Pier entlang, nah an den Schiffen, Eddie spähte übers Meer. Ob er hier noch Boden unter den Füßen hatte? In seinem Bach hatte er das. Wenn ihm etwas in seinen Bach fiel – und das passierte hin und wieder –, konnte er es fast immer wieder rausholen. Hier am Meer war vermutlich alles schlimmer. Eddie kontrollierte, dass Arnes Armbanduhr noch fest an seinem Arm saß. Er spürte förmlich Arnes festen Griff im Nacken, während er, Eddie, zu erklären versuchte, warum Arnes Armbanduhr auf dem Meeresboden lag. Eddie schluckte, dann fing er an zu lachen. Was sollte das eigentlich? Er hatte sie ja noch gar nicht verloren. Er tastete seinen Nacken ab. Keine packende Hand.
«Südhafen!», rief der Busfahrer und Eddie stieg schnell aus.
Ann-Sofie sah er sofort. Da stand sie und unterhielt sich mit einer anderen Frau, während sie den Bus anstarrte. Dann ließ sie die andere Frau stehen und kam auf Eddie zu. Sie schüttelte ihm etwas feierlich die Hand und sie sah freundlich aus, obwohl sie nicht lächelte.
«Da bist du ja», sagte sie. «Du siehst aus, als ob du was zu essen brauchtest. Hast du keinen Koffer?»
Eddie schüttelte den Kopf. Sie gingen über den Marktplatz. Am anderen Ende lag eine ziemlich große, verlockende Imbissbude. Aber leider duftete es nach nichts.
«Ist dein Papa jetzt in diesem Heim?», fragte Ann-Sofie.
Eddie nickte.
«Er soll lernen, nicht mehr zu trinken», sagte er. «Wenn er ganz trocken ist, kommt er nach Hause.»
«Das werden wir ja sehen», sagte Ann-Sofie und seufzte.
«Was siehst du?», fragte Eddie höflich.
«Na, eben das», fauchte Ann-Sofie.
Eddie lächelte ein bisschen unsicher. Sie kamen an einem Stand vorbei, an dem ein Mann frische Krabben verkaufte. Eddie guckte weg. Wenn der nun auch Quallen verkaufte! In Lysekil gab es bestimmt massenhaft Quallen. Vielleicht aßen die Leute ja anstelle von Käse oder Wurst Quallen als Brotbelag! Knäckebrot mit gebratener Qualle, das schmeckte wahrscheinlich nicht besonders gut.
«Dann sag ich einfach, ich bin Vegetarier», sagte Eddie entschlossen zu sich selbst.
«Was hast du gesagt?», fragte Ann-Sofie.
«Na, eben das», sagte Eddie.
Seine Tante ging mit sehr energischen Tantenschritten, sodass Eddie fast neben ihr herlaufen musste. Er wünschte, sie hätte ihn an die Hand genommen. Viele Tanten machten das, wenn sie mit einem Kind spazieren gingen. Kein Rowdy würde sich trauen, so eine zusammengeschweißte Gesellschaft auch nur anzugucken. Nicht mal die großen schrecklichen Jungen mit den kahl rasierten Köpfen und Sicherheitsnadeln in den Backen.
In dem Augenblick nahm Ann-Sofie ihn bei der Hand, und zwar ziemlich fest. Es war wunderbar, obwohl ihre Hand so groß und rissig war und ganz rot. Eddie war plötzlich sehr fröhlich und hatte Lust, zu pfeifen und zu schielen und auf einem Bein zu hüpfen.
«Was machst du?», fragte Ann-Sofie.
«Das», sagte Eddie und kicherte.
Ann-Sofies Mann hieß Malkolm und er saß oft auf dem Sofa. Das heißt auf der Bank in der Küche. Da saß er, weil er von dort so gut sehen konnte. Ja, eigentlich sah er den Fernseher und die Keksdose und die Wanduhr, aber vor allen Dingen sah er das Fenster. Und da Ann-Sofie so fleißig aufräumte und ihre Fenster oft putzte, konnte er auch richtig durch die Fenster hindurchsehen. Bei Eddie zu Hause konnte man das meistens nicht.
Von seinem Platz aus betrachtete Malkolm das Meer durchs Fenster. Oder die See, wie Malkolm sagte. Das ganze große Meer, das sich über den halben Erdball erstreckt, von der kleinen Stadt Lysekil bis zur Polizeischule in New York (das hatte Arne gesagt) – all das Wasser, viele Liter, nannte Malkolm die See.
So sind die meisten Leute in dieser Gegend, behauptete Eddies Papa. Ließen sich von nichts beeindrucken. Nennen das Meer die See. Man muss sich fragen, wie sie einen Bach nennen würden. Vielleicht eine kleine Wasserpfütze. Sehr komisch.
Eddie guckte aufs Meer. Er stellte sich vor, dass die Welle, die gerade gegen die Klippen bei Lysekil rollte, vielleicht vor drei Wochen in den USA gewesen war. Allein das. Diese Welle hatte vielleicht Michael Jackson baden gesehen, Maxon Jaxon, wie Eddie ihn nannte. Er schüttelte den Kopf. Die Sache mit dem Meer konnte er nicht begreifen. Und dann nennt Malkolm es die See!
Malkolm hatte kräftige Unterarme und dicke Hände mit Sommersprossen drauf. Er trug fast immer einen blauen Overall, und wenn er den auszog, konnte man sehen, dass M/S Gullan auf seinem T-Shirt stand. Das war übrigens sehr leicht zu lesen, das T-Shirt war nämlich ein bisschen zu klein für Malkolms breiten Brustkorb. Die Buchstaben waren also sehr breit und deutlich. Das Schiff, auf dem Malkolm arbeitete, hieß M/S Gullan. Gut, dass er so ein T-Shirt hatte. Dann wusste er doch jeden Morgen, wo er hingehen musste. Malkolm hatte rötliches Haar, ein bisschen dünn, und seine Gesichtshaut war ganz rot und aufgesprungen. Aber seine Augen waren hellblau und lieb. Malkolm redete nicht viel. Meistens guckte er aus dem Fenster. Wenn er was sagte, ging es fast nur ums Wetter. Er sagte, ob es sich ändern würde. Ob mehr Wolken aufziehen würden oder weniger. Ob der Wind zu- oder abnehmen würde. Klarere Sicht oder Nebel. Mehr Sonne oder weniger.
Arne nannte Malkolm «Wetterfrosch». Oh, Arne konnte so witzig sein. Eddie hatte Sehnsucht nach ihm. Er guckte auf seine Armbanduhr. Arnes Uhr. Ann-Sofie und Malkolm konnten sicher sehen, dass das eine Uhr war, die für einen größeren Jungen als Eddie bestimmt war.
«Setz dich zu Malkolm», sagte Ann-Sofie ungeduldig und zeigte auf die Küchenbank. «Steh nicht so rum.»
Eddie kapierte gar nichts. Er guckte auf seine nackten Füße, die auf einem Flickenteppich mitten in der Küche standen. Durfte man nicht einfach so rumstehen? Vielleicht musste man in Lysekil immer sitzen?
«Ja, komm und setz dich», sagte Malkolm freundlich.
«Ich glaub, der Wind frischt ein bisschen auf. Möchte wissen, ob wir Sturm zum Wochenende kriegen.»
«Möchte wissen, wann Arne kommt», sagte Eddie.
«Das dauert wohl noch ein bisschen», sagte Malkolm tröstend.
«Ja, Gott sei Dank», sagte Ann-Sofie. Sie kniete sich hin und begann, mit einem Lappen die Backofenklappe zu bearbeiten.
Eddie seufzte und schaute zu den Wellen, die gegen die Klippen schlugen.
«Darf ich rausgehen?», fragte er.
«Geh nur nicht in die See», sagte Ann-Sofie.
«Nein», sagte Eddie, «ich geh in die andere Richtung.»
Ann-Sofie und Malkolm brachen in Gelächter aus. Ann-Sofie hatte ein kurzes, hohles Lachen, während Malkolm eher ein dunkles Glucksen zwischen den Zähnen hervorstieß. Eddie hoffte, dass sie nicht allzu oft lachten, während er in Lysekil war. Vor allen Dingen nicht über ihn.
«Die See ist überall», sagte Malkolm. «Du kommst immer an die See, wohin du auch gehst.»
Johanna aus dem blauen Haus
Eddies Füße glitten in die Turnschuhe. Er hatte die Schnürsenkel nicht aufgeknüpft, als er sie ausgezogen hatte, es ging also schnell. Erstaunlich, dass Ann-Sofie gar nicht über seine nicht aufgeknüpften Schnürsenkel geschimpft hatte. Manchmal war sie witzig. Aber sonst dachte sie meistens an ernste Kleinigkeiten. Eddie konnte kaum fassen, wie sie alles schaffte. Aber das mit den Schuhen war ihr jedenfalls entgangen. Eddie lächelte vor sich hin, als er die Tür hinter sich schloss und losging in die Stadt Lysekil.
Hier sah es wirklich anders aus. Die Häuser standen sehr nah beieinander und rundherum waren viele Zäune. Aber das waren keine Zäune mit Stacheldraht und schweren Schlössern an den Pforten gegen Feinde. Und sie waren auch nicht unter Strom wie die Zäune um Kuhweiden auf dem Lande. Nein, es waren ganz freundliche Zäune aus Holz, das in verschiedenen freundlichen Farben gestrichen war. Manche Zäune waren auch gar nicht gestrichen. Sie schmiegten sich dicht an die Häuser. Für Gärten war also nicht viel Platz. Das fand Eddie gut. Sein Papa hatte gesagt, die Jungen könnten ihrer Tante helfen, Laub zu harken und Unkraut zu jäten, aber da hatte er sich geirrt. Kein Land in Sicht, wo man Unkraut jäten könnte, weder bei Ann-Sofies Haus noch bei den anderen in der Umgebung.
Eddie folgte der Straße, bis er eine noch schmalere Straße fand, die bergauf führte und sich in andere enge Straßen und noch engere Gassen aufteilte. Eddie fühlte sich wichtig. Es gibt nicht viele, die einfach so durch eine fremde Stadt bummeln. Jedenfalls nicht viele Siebenjährige. Vielleicht erwachsene Männer aus Australien, die Bänder aus Krokodilleder um ihre Hüte trugen. Ein bisschen unsicher fühlte er sich. Was für ein Glück, dass die Quallen nicht an Land kommen können, das tun sie doch wohl nicht?
Keinem Menschen begegnete er, während er sich einen hohen Hügel hinaufquälte. Aber als er die Kuppe erreichte, war er froh, denn hier gab es so manches zu sehen. Erstens mal massenhaft Meer und einen Badestrand mit Kiosk (geschlossen! Das war an den Fensterluken zu erkennen). Aus dem Berg ragte ein Trampolin hervor und am Sandstrand ging ein alter Mann entlang und harkte. Die Leute in Lysekil waren wirklich sehr ordentlich. Harkten sogar ihre Strände. Eddie musste laut lachen. Er stellte sich vor, er würde anfangen, an seinem Bach zu Hause zu harken. Das würde aussehen! Womöglich auch noch staubsaugen. Jedes einzelne Blatt aufsaugen. Oh, oh, wie unordentlich, so darf das in der Natur aber nicht sein. Und dann die Steine putzen, das muss man, zum Wochenende soll es hübsch werden am Bach. Vielleicht noch den Baumstumpf dahinten mit ein bisschen Möbelpolitur bearbeiten. Eddie bog sich vor Lachen, dass er fast einen Krampf im Bauch kriegte. Der alte Mann, der den Strand harkte, war weit entfernt. Er konnte nicht böse werden und herkommen und Eddie verhauen, nein, hier in Lysekil konnte man in aller Ruhe lachen. Papa würde staunen, wenn Eddie den Staubsauger zum Bach runterschleppte! Eddie musste noch mehr lachen. Woher sollte er Strom kriegen? Wahrscheinlich musste er den Stecker in die Nase stecken. Und Arne würde richtig sauer werden. Was würden denn die Nachbarn sagen, so was war wichtig für Arne. Curt Diesel von der Tankstelle würde den Kopf schütteln und seine Frau Alma würde die Augen verdrehen.
«Wie kann einer so ganz für sich allein lachen?»
Eddie war augenblicklich still, als er die schnippische Stimme hörte, und im selben Augenblick entdeckte er die Besitzerin der Stimme. Es war ein Mädchen von etwa siebeneinhalb Jahren.
«Ach», sagte Eddie mutig, «gibt’s auch Mädchen in Lysekil? Das hat mir keiner im Bus aus Göteborg erzählt.»
Das klang frech. Eddie fand, er redete fast wie Arne, und fügte keck hinzu:
«Rate mal, worüber ich lache.»
Das Mädchen schüttelte den Kopf und starrte Eddie mit großen braunen Augen an.
Eddie zeigte zum Strand.
«Guck dir den Alten an. Der hat einen Putzfimmel. Er fegt die Natur.»
Eddie fing wieder an zu lachen, aber das Mädchen lächelte nur ein wenig.
«Das ist Kaspar», sagte sie. «Er harkt die Quallen zusammen, damit sie uns nicht im Weg sind, wenn wir baden. Das verstehst du ja wohl.»
Eddie wurde blass.
«Ach ja, natürlich», sagte er. «Das hatte ich gerade vergessen. Dass die Quallen freitags in die Stadt kommen.»
Das Mädchen fing auch an zu lachen. Ihr fehlten oben und unten die Schneidezähne. Das Loch war ganz schwarz.
«Wollen wir spielen?», fragte sie.
So was hatte Eddie noch nie jemand gefragt. Wollen wir spielen! Er sah sich um, aber hinter ihm war niemand. Sie meinte tatsächlich Eddie und niemanden anders. Sonst ging Eddie immer nur mit, wenn sich sein großer Bruder mit seinen Freunden traf. «Eddie kriegt man gratis dazu, wenn man mit Arne spielen will», sagten Mimi und Maria Magnusson oft, die in Arnes Klasse gingen.
Das Mädchen wartete die Antwort nicht ab. Es lief zum Badeplatz hinunter und Eddie lief hinterher. Das war so mühselig, dass er einen Schuh verlor. Aber wer hat Zeit, sich um solche Kleinigkeiten zu kümmern, wenn man in Lysekil spielt? Sie liefen bis zum Badeplatz hinunter und blieben erst am Drehkreuz stehen.
«Wo hast du denn deinen Schuh gelassen?», fragte das Mädchen.
Eddie zeigte zum Hügel hinauf, wo der Turnschuh einsam und verlassen lag.
«Da!», keuchte er.
Das Mädchen lachte.
«Du bist vielleicht komisch», sagte es. «Wie heißt du?»
«Eddie.»
«Eddie!» Das Mädchen schien das Wort zu schmecken.
«Ein guter Name», stellte es fest. «Genau wie Elvis Presley! Meine Mama hat ‹Acapulco› auf Video, gekauft, nicht geliehen. Das ist mit Elvis Presley.»
Eddie nickte. «Und du, wie heißt du?»
«Johanna», sagte das Mädchen, «Johanna Andersson. Ich wohn da oben in dem blauen Haus. Wo wohnst du?»
Eddie guckte hinauf zu den Häusern, die sich über ihnen drängten. Sie unterschieden sich nicht besonders voneinander, nur ein bisschen in der Farbe. Ann-Sofies Haus konnte er nicht entdecken. Er meinte, es sei grün oder rot, aber jetzt sah alles so durcheinander aus.
Johanna wurde ungeduldig.
«Wo wohnst du, Eddie, hab ich gefragt!» Wie komisch sie redete, man merkte es jetzt, wo sie lauter sprach. Sie sprach die Wörter fast wie Eddies Papa aus. Eddie hatte plötzlich große Sehnsucht nach seinem Papa. Der hätte Ann-Sofies Haus bestimmt wieder erkannt.
Eddie sah sich unschlüssig um. Schließlich entdeckte er ein wirklich tolles Haus. Es lag ein wenig entfernt rechts, ganz nah beim Hafen. Ein braunes Haus mit einem lustigen Balkon. Und unten war das Haus viel schmaler als oben. Fast wie ein Karussell.
«Da!», rief er und zeigte nach rechts. «Da wohn ich.»
Johanna war sehr erstaunt.
«Mensch», sagte sie, «du wohnst in der Curman’schen Villa?»
«Ja», erwiderte Eddie. «Das alte Haus gehört meiner Tante.»
«Dann bist du also ein Millionär?», fragte Johanna ein bisschen misstrauisch.
«Das kann man so sagen», antwortete Eddie. «Aber das macht nichts. Wir spielen trotzdem zusammen.»
Was ein Millionär war, das wusste er. Arne und Eddie hatten einmal eine alte Frau kennen gelernt, als sie zusammen mit Mimi in Dänemark gewesen waren, und die alte Frau hatte erzählt, wie anstrengend es war, Millionär zu sein. Dauernd musste man sein Geld zählen. Man hatte kaum Zeit, ein Eis zu essen.
«Aber richtig zu Hause bin ich in einem Wald bei Kungälv», sagte Eddie.
Jetzt kam der Quallenmann auf sie zu, die Harke über der Schulter.
«Hej, Kaspar!», rief Johanna.
Er trug orangefarbenes Ölzeug und hohe grüne Stiefel.
«Hej, Johanna. Jetzt kannst du wieder baden», antwortete Kaspar. Er starrte Eddie an.
«Wen hast du denn da bei dir?», fragte er.
«Das ist Eddie», antwortete Johanna stolz. «Eddie Presley.»
«Aha», sagte Kaspar. «Na, jetzt könnt ihr jedenfalls baden.»
«Wollen wir?», fragte Johanna.
Eddie zögerte.
«Aber ist es denn kein Herbst in Lysekil?», fragte er.
Johanna lachte wieder. Ein ganz besonderes Lachen hatte sie. Das klang, als ob jemand etwas auf den Küchenfußboden fallen ließe. Eddie kam nicht dahinter, was es war.
«Klar ist es Herbst», sagte Johanna. «Dann kann man baden, denn dann sind die Badegäste endlich weg, sagt Großmutter.»
Sie gingen zur Badebucht. Tief drinnen in der Bucht war Sandstrand, und das Wasser war bis weit hinaus flach. Aber Johanna schlug den Weg in die entgegengesetzte Richtung ein, wo das Wasser tiefer war. Sie gingen einen fast unsichtbaren, aber ordentlichen Weg entlang, der in den Berg hineingesprengt war. Er hatte dieselbe auffallende graurosa Farbe wie die Felsen und hier und da war ein Papierkorb aufgestellt, und wenn es ein wenig bergauf ging, waren da kleine Treppenstufen. Der Wind fuhr in Johannas Haare, sodass sie hoch aufwehten. Plötzlich sprang sie über einen Stein und lief zum Meer hinunter, auf einen hölzernen Steg hinaus, der nicht hoch, aber lang war.
Eddie folgte ihr mit einem gewissen Zögern. Zwischen den Holzbalken des Stegs waren hier und da ziemlich weite Abstände. Dazwischen konnte man das Wasser sehen. Wenn man wollte. Eddie wollte aber nicht. Obwohl er Besitzer eines kleinen Baches war, fühlte er sich ein bisschen unsicher.
Am äußersten Ende des Steges legte Johanna sich auf den Bauch, den Kopf über dem Stegrand. Sie spähte ins Wasser. Eddie legte sich schnell daneben und starrte auf die Wasseroberfläche. Jetzt fühlte er sich fast wie an seinem Bach.
«Nicht viele Haie», sagte er.
Johanna lachte und schüttelte den Kopf. Sie lachte offenbar gern.
«Ich guck nach Krabben», sagte sie. «Aber ich seh keine.»
Er überlegte, ob Johanna seine große Jungen-Armbanduhr bemerkt hatte. Er ließ die Arme auf das Wasser hinunterhängen und die Uhr blinkte schön im Sonnenschein. Das tigergefleckte Armband saß nur ein wenig locker.
Eine ganze Weile lagen sie still da.
«Ich seh immer noch keine Krabben», sagte Johanna.
«Nicht eine einzige.»
«Und ich seh keine Haie», sagte Eddie. «Aber es ist viel schrecklicher, keine Haie zu sehen als keine Krabben!»
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