Read the book: «Nelly - Die Ponys kommen»
Ursula Isbel-Dotzler
Nelly
Die Ponys kommen
SAGA Egmont
Nelly - Die Ponys kommen
Copyright © 1996, 2018 Ursula Isbel-Dotzler und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
All rights reserved
ISBN: 9788711804506
1. Ebook-Auflage, 2018
Format: EPUB 2.0
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Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com
Unser Schwarzwaldhof Zum Rössle war vor mehr als hundert Jahren eine Poststation. Damals hielten hier die Postkutscher und wechselten ihre „Rösser“. Die Kutschpferde waren nach den langen Wegen über steile Berghänge, durch Wälder und Täler müde und erschöpft und konnten im Stall des Rösslehofs ausruhen. Sie wurden getränkt und gefüttert, während die Stallknechte frische Pferde vor die Postkutschen spannten. Und in der alten Schankstube, die jetzt unsere Küche ist, gab es Bier und eine warme Mahlzeit für die Postkutscher und ihre Fahrgäste.
Das ist lange her. Aber unser Hof wird hier im Tal auch heute noch Zum Rössle oder Rösslehof genannt, so wie in alter Zeit, als es noch Postkutschen gab.
Nur kein Streß!
„Wenn sie da ist“, sagt Emma, „feiern wir ein Fest. Ich lade meine Freundinnen ein, und Sammy muß kommen, und dann bringen wir Lady ein Ständchen. Wir hängen Luftballons in die Bäume, und …“
Ich tippe mir an die Stirn. „Quatsch! Du hast sie wohl nicht alle? Ein Pferd ist doch kein Pop-Star. Lady dreht durch, wenn wir hier so einen Zirkus veranstalten.“
Unser Bruder Daniel hebt die Nase aus dem Buch, das er gerade liest. „Und laß dir bloß nicht einfallen, die gackernden Tussis aus deiner Klasse einzuladen. Sonst landest du mit deinen Tanten in adlermäßigem Tempo vor dem Gartentor“, droht er.
„Sie gackern nicht“, sagt Emma beleidigt.
„Nein, du hast recht. Sie schnattern“, stimmt Dani zu.
Jetzt ist es Zeit, eine vernünftige Rede zu halten. „Also, mal ohne Spaß“, sage ich. „Lady muß sich erst mal an die neue Umgebung gewöhnen. So ein Ortswechsel ist für ein Pferd genauso schwierig wie für einen Menschen. Lady braucht Zeit und Ruhe, um sich bei uns einzugewöhnen. Und je weniger Volk um sie herumspringt, desto besser.“
Meine kleine Schwester sieht mich an. In ihren runden braunen Augen ist ein verwunderter Ausdruck.
Emma kann sich schwer vorstellen, daß jemand Ruhe braucht. Sie liebt jede Menge Trubel. Immerhin antwortet sie nicht: Ist mir egal, trotzdem! wie sonst, wenn sie etwas nicht einsehen will.
Draußen regnet es. Eigentlich mag ich Regen, aber heute wünsche ich die dunklen Wolken, die tief über dem Rösslehof hängen, in die Wüste Gobi oder sonstwohin.
Der erste Tag, an dem Lady zu uns kommt, soll ein Tag voller Sonne sein. Ich habe mir ausgemalt, wie ich sie auf die Wiese führe, auf der jetzt Sommerblumen blühen – Lichtnelken, Kerbel, wilder Salbei und Butterblumen. Die Wiese, die Dani und ich und unser Vater mit Draht eingezäunt haben.
Während der Arbeit hatte ich immer dieses Bild vor Augen: wie die graue Stute Lady im schönsten Sonnenschein ihre ersten Schritte in ihrer neuen Heimat macht und unter den alten Obstbäumen grast. An Regen hab ich dabei nie gedacht. Aber vielleicht ändert sich das Wetter ja bis morgen noch.
Auch Emma scheint bestimmte Vorstellungen von Ladys Ankunft zu haben. Daß sie anders sind als meine, ist ganz natürlich. Wir sind sehr verschieden. Das hat nichts damit zu tun, daß Emma erst acht ist und damit vier Jahre jünger als ich. Nur unser Bruder Dani macht keine Pläne. Er nimmt die Dinge so, wie sie kommen.
„August muß mal raus“, sagt er. „Sieht denn das keiner? Er steht schon ewig an der Tür und tritt von einer Pfote auf die andere.“
„Dann geh du doch mit ihm.“
„Keine Zeit“, murmelt Dani. „Ich muß büffeln.“
Dabei weiß ich genau, daß er eins von seinen Büchern über Flechten und Moose oder seltene Käfer liest. Mit der Schule hat das nichts zu tun. Doch ich sage nichts mehr. Ich will sowieso zum Supermarkt ins Dorf radeln, um Karotten für Lady zu kaufen. Da kann August mitkommen, er ist es gewöhnt, neben dem Fahrrad herzulaufen. August ist sogar ziemlich verkehrssicher. Man muß nur aufpassen, wenn irgendwo ein anderer Hund oder eine fremde Katze auftauchen. Dann kann August unberechenbar sein.
Wie man sich denken kann, ist August unser Hund. Er ist ein echter Deutscher Schäferhund, nur stimmt mit seinen Ohren etwas nicht. Sein linkes Ohr steht nach oben, während das rechte Ohr nach unten geknickt ist. Deshalb wollten ihn die Leute, die ihn als Welpe gekauft hatten, auch nicht mehr haben. Sie sagten, das mit Augusts Ohren wäre ein „Zuchtfehler“ und wollten ihn ins Tierheim bringen.
Daß man einen Hund aus so einem Grund hergeben kann, finde ich total abartig. Mit Tierliebe hat das nichts zu tun. Doch unser Großvater, der Tierarzt ist, bekam Wind von der Sache und brachte August zu uns. Das war vor zwei Jahren. Seitdem gehört August zur Familie, und wir lieben ihn alle.
Ich ziehe meinen Regenumhang an, setze die Kapuze auf und schlüpfe in die Gummistiefel. August springt um mich herum. Auf der Hutablage der Garderobe sitzt Kukirol, unser alter Papagei, und äugt mit schiefgelegtem Kopf auf uns hinunter.
„Auf Wiedersehen!“ krächzt er. „Beehren Sie mich bald wieder.“
Kukirol ist nicht immer so höflich. Sein früherer Besitzer hatte eine Eisenwarenhandlung. Er hat Kukirol so allerhand beigebracht, was nicht gerade vom Feinsten ist. Zum Beispiel kann Kukirol rülpsen wie ein betrunkener Matrose. Er kennt auch jede Menge Schimpfworte und ein paar Flüche. „Kruzitürken“ ist noch der harmloseste Fluch, den er kann.
Ich öffne die Haustür und mache sie blitzschnell wieder hinter mir und August zu, damit Kukirol nicht ausbüxt. Er kann verteufelt schnell sein, wenn er will, obwohl er kein Meister im Fliegen ist.
Es regnet wie verrückt. August macht das nichts aus. Er hebt sein Bein am Holunderbaum und pinkelt lange. Ich hole mein Fahrrad aus dem Nebengebäude, das wir Remise nennen, und stelle fest, daß im Vorderreifen keine Luft mehr ist. Da ich den Reifen erst vorgestern aufgepumpt habe, hat er wohl einen Platten.
„August“, sage ich und seufze, „wir müssen zu Fuß gehen.“
August ist alles recht. Hauptsache, er darf mit. Während wir über die kiesbestreute Auffahrt gehen, erzähle ich ihm von Lady. Das tue ich jetzt ungefähr schon zum zwanzigsten Mal, aber August hat nichts gegen Wiederholungen. Er hört mir immer aufmerksam zu, auch wenn er nebenbei nach Hunden, Katzen, Mäusen, Kaninchen und feindlichen Traktoren Ausschau hält und sein Bein an jeder wichtigen Ecke und jedem wichtigen Baumstamm hebt.
„Du wirst sie mögen“, sage ich. „Bestimmt. Man muß Lady einfach liebhaben. Sie ist so sanft und freundlich, weißt du, und so schön! Ich hoffe, daß ihr Freunde werdet, und daß du oft zu ihr auf die Koppel gehst. Denn eigentlich sollte ein Pferd nicht so allein sein. Und wenn Ladys Bein wieder gesund wird, werdet ihr vielleicht eines Tages gemeinsam über die Wiesen laufen. Pferde können sehr schnell sein. Aber du bist auch schnell. Du bist der schnellste Hund, den ich kenne.“
August sieht zu mir auf und wedelt mit dem Schwanz. Er ist naß wie ein Biber.
Ich glaube, für August ist das Leben ein einziges Abenteuer. Immer macht er ein Gesicht, als wollte er sagen: Toll! Und was passiert als nächstes?
Eigentlich ist es das ja auch, ein Abenteuer. Nur gibt es angenehme und unangenehme Abenteuer. Für mich gehört die Schule eigentlich eher zur unangenehmen Sorte.
Ich fände es besser, auf andere Weise zu lernen. Statt stundenlang im Klassenzimmer herumzusitzen, würde ich lieber von verschiedenen Menschen etwas lernen. Von meinem Vater, wie man Kranke mit pflanzlichen Mitteln heilt, zum Beispiel. Oder von Kathi, meiner Mutter, wie man malt und näht und Wolle verspinnt, wie man lacht und andere tröstet. Von Großvater, wie man mit Tieren umgeht und sie wieder gesund macht, wenn ihnen etwas fehlt.
Von Daniel hätte ich gern Unterricht über die Entwicklung der Pflanzen und Tiere, denn darüber weiß er unheimlich viel. Auch Bücher können wunderbare Lehrer sein. Doch an Schulbücher denke ich dabei weniger. Die sind meistens so trocken und langweilig geschrieben, daß einem der Spaß am Lesen und Lernen total vergeht. Am liebsten lese ich Pferdebücher.
Im Supermarkt treffe ich meine Freundin Sammy. Sie wohnt zwei Dörfer weiter. In ihrem Dorf gibt es keinen Laden, nur ein Gasthaus.
„He, Nelly, zu dir wollte ich gerade!“ sagt Sammy. „Wann kriegt ihr euer Pferd?“
„Morgen“, antworte ich und packe alle Karotten, die in der Kiste liegen, in eine große Tüte.
„Okay, dann komme ich morgen vorbei.“
Ich sehe Sammy an. Ihre Augen erinnern mich immer an einen Husky, weil sie ganz hell und blaugrün sind. So eine Augenfarbe habe ich sonst noch bei keinem Menschen gesehen. Das Gespräch mit Daniel und Emma geht mir durch den Kopf. Wenn Emma schon ihre Freundinnen nicht einladen kann, ist es wohl auch nicht gerecht, wenn ich Sammy kommen lasse. Außerdem habe ich doch selbst gesagt, daß nicht zu viele Leute um Lady herumspringen sollen.
„Du“, antworte ich, „sei nicht sauer, aber mir wär’s lieber, wenn du erst ein paar Tage später kommen würdest. Sagen wir Donnerstag?“
Sammys blaugrüne Augen nehmen einen mißtrauischen Ausdruck an. Ich habe sogar das Gefühl, daß sich ihre kurzgeschnittenen blonden Haare sträuben wie bei einem Terrier, der eine Ratte wittert. „Warum?“ fragt sie. „Willst du mich nicht dabeihaben?“
Ich weiß, jetzt muß ich aufpassen. Ich nehme noch eine Tüte voller Äpfel für Lady und versuche dabei, Sammy zu erklären, worum es geht. Sammy ist ein bißchen empfindlich, besonders in letzter Zeit, seit sie diese Probleme mit ihren Eltern hat.
„Das ist es nicht. Ich möchte schon, daß du dabei bist, echt!“ versichere ich. „Aber dann hätte Emma auch das Recht, die Kids aus ihrer Klasse einzuladen. Wir wollen einfach nicht, daß dieser erste Tag für Lady zu laut und stressig wird.“
„Durch mich hätte sie bestimmt keinen Streß“, erwidert Sammy. Es klingt beleidigt.
„Das hab ich doch gar nicht gesagt. Aber je mehr Volk da ist …“
„So! Ich bin also Volk für dich. Schon recht, alles klar.“
Sammy dreht sich um, läßt ihren Einkaufswagen stehen, in dem Kartoffelchips und Negerküsse, zwei Colaflaschen und jede Menge Fmchtgummitüten liegen, und düst los. Ich sehe nur noch ihre borstigen Haarspitzen wie einen fliegenden Igel zwischen den Regalen. Dann höre ich, wie die Glastür hinter der Kasse zufällt.
Mit meinen Tüten im Arm bleibe ich zurück. Das Wasser tropft noch aus meinen Haaren, von meiner Nasenspitze und vom Saum meines Regenumhangs. Und ich fühle mich ganz genauso, wie ich aussehe: wie ein begossener Pudel.
Halleluja!
Ich habe schon mal besser geschlafen als in dieser Nacht. Immer wieder wache ich auf und denke an tausend Sachen. Vor allem an Lady, die schöne graue Stute. Aber auch an den Streit mit Sammy.
Eigentlich war es ja kein richtiger Streit. Sammy hat mich bloß nicht verstanden, oder sie wollte mich nicht verstehen. Natürlich muß ich noch einmal über alles mit ihr reden. Aber erst, wenn sie sich wieder beruhigt hat. Manchmal kommt Sammy mir wie ein Rumpelstilzchen vor, das sich vor Wut selbst in den Boden stampft. Dann läßt man sie besser in Ruhe, einen Tag oder so. Irgendwann kommt schon der Augenblick, in dem man wieder ganz vernünftig mit ihr reden kann.
Draußen rauscht und rinnt der Regen. Sonst hat dieses Geplätscher eine einschläfernde Wirkung auf mich, besonders in der Schule. In dieser Nacht ist es genau umgekehrt. Ich könnte davon aus der Haut fahren. So bin ich hellwach, als im Morgengrauen plötzlich die Tür aufgerissen wird.
Emma steht wie ein Nachtgespenst im Schlafanzug auf der Schwelle. „Ich kann nicht schlafen!“ jammert sie.
„Und wenn du nicht schläfst, brauchen’s andere auch nicht zu tun“, sage ich. Doch ich bin ausnahmsweise ganz froh, daß sie da ist. Ich hebe die Bettdecke hoch und rücke zur Seite.
Emma schlüpft darunter und kuschelt sich eng an mich. August, der am Fußende liegt, seufzt. So hat er es gern. Je mehr Leute aus unserer Familie mit ihm in einem Bett liegen, desto besser ist es.
„Diese ekelhafte Nacht hört und hört nicht auf“, murmelt Emma. „Vielleicht kommt der Morgen überhaupt nicht, nie wieder? Woher weiß man eigentlich, daß es immer wieder Tag wird, Nelly? Du, ich halte das Warten nicht mehr aus! Ich glaube, ich zerplatze, oder ich drehe durch, oder ich kriege Pickel …“
Irgendwie verstehe ich sie. „Es dämmert ja schon“, sage ich tröstend. „Bestimmt ist es bald fünf. Dann kommt Lady in … Paß mal auf, in ungefähr vier oder fünf Stunden wird sie gebracht.“
„Was?“ flüstert Emma entsetzt. „So lange müssen wir noch warten?“ Sie wälzt sich auf die Seite und stöhnt.
Damit sie ruhiger wird, erzähle ich ihr eine selbsterfundene Geschichte von einem Mann, der so dick war, daß er in keinen Sessel mehr paßte und schließlich auch nicht mehr durch seine eigene Tür kam. Er blieb einfach im Türrahmen stecken.
Emma kichert. Plötzlich hört sie damit auf, und ich merke, daß sie eingeschlafen ist.
Ich lausche ihren regelmäßigen Atemzügen. Sie bläst ein bißchen im Schlaf. „Psschscht-pfütthhh!“ macht sie. Seltsam, irgend etwas fehlt plötzlich. Was ist es bloß? Ich halte Emma den Mund zu. Jetzt höre ich es – oder vielmehr, ich höre es nicht: Es hat aufgehört zu regnen.
Kukirol hat seinen Pfeifkessel-Tag. Der Papagei kann pfeifen wie ein Wasserkessel. Das übt er heute ausgiebig, während wir auf Lady warten. Wir sitzen alle vor dem Haus – unsere Eltern, Daniel, Emma und ich, dazu August und die Katzen Milly und Molly. Kukirol hat auf dem Küchenfenster Posten bezogen. Er pfeift so schrill, daß einem fast die Ohren abfallen.
„Gut, daß ich so tierliebend bin“, sagt Chris, unser Vater. „Sonst würde ich diesen nervigen Vogel jetzt irgendwo im tiefsten Wald aussetzen.“
Zum Glück hat es nicht wieder angefangen zu regnen. Aber die Sonne scheint auch nicht. Vom tiefgezogenen Dach unseres Schwarzwaldhauses tropft es noch. Emma kaut an ihren Zöpfen und baumelt mit den Beinen.
Ich bin mindestens so aufgeregt wie sie. Ich zupfe am ausgefransten Saum meiner Jeans und denke: Warum kommen sie nicht endlich? Spätestens um zehn, hat Großvater gesagt, und es ist doch schon … Jetzt höre ich das Geräusch eines Motors.
Emma ist aufgesprungen. Manchmal ist sie schneller als der Schall.
„Ich schätze, sie sind da“, sagt Dani. Er versucht lässig zu klingen, aber ich sehe, daß seine Nasenspitze weiß wird. Das ist immer so, wenn er aufgeregt ist.
Schon biegt der Landrover mit dem Pferdeanhänger um das Gebüsch aus Jasminsträuchern. Herr Holz sitzt am Steuer. Hinterdrein fährt unser Großvater mit seinem grünen Volvo.
Emma hopst auf und nieder wie ein Springfrosch. „Ich dreh’ durch, gleich dreh’ ich durch!“ ruft sie unentwegt.
Ich renne los. August bellt und läuft hinter mir her, dem Landrover entgegen. In meinem Herzen jubiliert und frohlockt es. Lady! Die graue Stute ist da und darf für immer bei uns bleiben! Das ist fast mehr Glück, als ein einzelner Mensch aushalten kann.
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