Read the book: «Hella Hell»
Unni Drougge
Hella Hell
Roman
Saga
Mein Dank gilt
Ann-Marie Skarp. Mit Herz, Intelligenz, Humor, Enthusiasmus, Großzügigkeit und Klugheit hast du mir den Weg gewiesen. Deine Stärke hat mich nicht nur beim Schreiben inspiriert, sondern auch beim Leben. Wenn ich doch eines Tages so sein könnte wie du!
Anne Ralf. Wie eine wahre Schönheitschirurgin hast du Defekte ausgebessert, wie eine raffinierte Kosmetikerin der Sache ihren besonderen Pfiff gegeben, und wie eine hellhörige Seelsorgerin den Kern der Geschichte bloßgelegt. Du bist eine wahre Lektoratsdämonin!
Niclas. Meiner wirklichen Stütze. Du warst immer da. Sogar dann, wenn Hella Hell in mir aufs Schlimmste ihr Unwesen trieb.
Nonno. Geliebte Teenietochter! Du bist in jeder Hinsicht besser als ich, du mein zähes kleines Wuschel.
Erster Teil
1
Jo. Jojo. Jocke. Jukka. Juck. Jucken. Ficken ... du hast meine verkohlte Seele zum Glühen gebracht. Wie eine brennende Zündschnur streckte ich mich zu dir hin. Du warst der Schatz am Ende des Regenbogens, den ich endlich mit meinen sehnsüchtigen Händen umschloß.
Jojo. Dieser Kosename, den ich dir gegeben habe, streichelt meinen Gaumen wie eine warme Sommerbrise. Ich spreche ihn noch einmal aus, jetzt gewürzt mit dem Zischlaut meines Leidens.
Muß das Bild festhalten ... das Salz der beiden Meere, die einander an Jütlands nördlichstem Zipfel begegnen ... die Wärme in der Kuhle im weißen Sand ... das Schimmern von Skagens berühmtem Licht ..., damit ich niemals dieses vollendete Kunstwerk vergessen kann, bis du ...
Liebe Leute, die Ihr dies hier lest: Könnt Ihr nicht versuchen, zu verstehen, ehe Ihr verurteilt?
Die Begegnung der beiden Meere verursacht lebensgefährliche Strömungen. Und in der sonnigen Grube strecktest du, mein Jo, deine wohlgeformten Arme nach mir aus. Deine Arme mit dem dunklen Flaum, der deinen köstlichen Fohlenspeck bedeckte. Ich öffnete die Tuborg-Flasche mit den Zähnen, ein Trick, den ich schon als Kind gelernt hatte, und den du witzig fandest. Und du lachtest, als du den Flaschenhals an deine geöffneten Lippen hieltst, die zu zwei glänzenden dicken Schnecken wurden. Mich traf ein kurzes Funkeln deiner in Metall gefaßten Dolce-e-Gabbana-Sonnenbrille, die ich dir gekauft hatte, und in der ich mein eigenes Spiegelbild erahnen konnte, hingerissen angesichts dieses weizenblonden Knabenwesens ohne auch nur einem einzigen Haar auf der Brust (die drei, die sich hervorgewagt hatten, hatte ich dir mit meinen silberfarbenen Fingernägeln ausgerissen). Ich weiß noch genau, wie ich meinen Blick über einen betörend glatten Bauch und dann weiter hinunter zu den nur angedeuteten dunklen Schamhaaren wandern ließ, die den Rahmen bildeten um das herrlichste ... ach, wenn irgendjemand das alles doch verstehen könnte! Mein Joy Boy!
Die wirbelnden Ströme der Anziehung zogen mich hinab in die tiefste Finsternis der Einsamkeit, und ich werde nach besten Kräften versuchen, unsere Geschichte zu erzählen und mein trauriges Schicksal offenzulegen, meine quälende Sehnsucht nach diesen Johnnies, die alle nur Vorübungen für die Begegnung mit Jocke waren, meinem Smash-Hit.
Oder hatte es eine Vorlage gegeben, vielleicht sogar ein Original? Ich muß nachdenken.
2
Am letzten Tag im März des Jahres 1958 schnitt die Hebamme in Lund meine Nabelschnur durch. Ich wurde mit einer Glückshaube und einem triumphierenden Schrei geboren. Mein Vater war während der letzten Stunden der Wehen auf dem Krankenhausflur hin- und hergelaufen und hatte dabei eine hochgradig krebserregende John Silver ohne Filter nach der anderen geraucht. Wie die meisten Ärzte dachte er nur an Komplikationen und pathologische Zustände und hatte sich bereits grauenhafte Kreißsaal-Dramen ausgemalt, zum Beispiel Ersticken, Nabelschnurriß und Schädigungen des zentralen Nervensystems (damals waren vorgeburtliche Diagnosetechniken und Ultraschall noch nicht erfunden). Als er dann meinen roten kleinen Kopf sah, den die Gebärmutter länglich und spitz zurechtgeformt hatte, rief er: »Ah! Eine kleine Nofretete!«
Von diesem Moment an war ich Papas Augenstern und genoß eine ruhige und harmonische Kindheit im behüteten Stadtviertel Professorstaden, das, anders als andere Vororte mit schönen Namen, wirklich hielt, was dieser Name versprach. Ich wuchs also im geborgenen Kultureservat der Gelehrten heran, und sowohl auf mütterlicher als auch auf väterlicher Seite streckten sich prachtvolle Verästelungen akademischer Meriten und Erfolge aus.
Daß mein Vater sehr früh an Lungenkrebs starb, kann als Erklärung für meine seelische Disharmonie nicht ausreichen. Da ich doch immerhin bei seinem Tod schon sechs Jahre zählte, war ich nach allgemein akzeptierter psychologischer Auffassung bereits ein fertiger Mensch, dessen grundlegende Bedürfnisse befriedigt worden waren. Während der folgenden Jahre wurde ich von mir selbst und von meiner Umgebung als offenes und tatkräftiges Mädchen mit jungenhaften Interessen betrachtet. Zu diesen Interessen gehörten beispielsweise Bogenschießen, später Projektionslehre (was mir sowohl in Zeichnen als auch in Mathematik Spitzennoten einbrachte) und eifriges Engagement in einem Hundeliebhaberverein, wo die Dressur von Spürhunden zu meiner Spezialität wurde (meine Mutter hatte, wie viele Nachbarn auch, einen Labrador angeschafft).
Meine Pubertät fiel in eine Zeit, in der die sexuelle Freiheit energisch auf den Schild gehoben wurde. Inges und Stens sexualtherapeutische Kolumnen in der Boulevardpresse wurden in munterer Gesellschaft laut vorgelesen und verbreiteten sich wie erogene Ringe durch die bürgerlichen Stadtviertel Lunds, in denen das Fremdgehen wütete wie ein Lauffeuer. Der Orgasmus wurde wie ein Niesen beschrieben, nur eben am anderen Ende. Natürlich und gesund, aber ansonsten kein Grund zur Aufregung. Natürlich war dabei reichlich Heuchelei mit ihm Spiel, aber diese Haltungen standen der akademischen Bohème ebenso gut wie Isländerpullover, Bart oder Das Kapital.
Nein, die erste Etappe auf meinem Weg zum Erwachsenenleben konnte ich unter einem zumeist pastellgetönten Himmel zurücklegen. Bis ich dann mit fünfzehn Jahren über die Ziellinie stolperte, und zwar in doppelter Hinsicht. Das Streben nach Gleichberechtigung hatte bei den freisinnigen Intellektuellen von Lund Wurzeln geschlagen, weshalb der oberste Wunsch auf meinem Wunschzettel erfüllt wurde und außerdem allgemeinen Beifall fand: ein Moped. Eine Puch Dakota. Und damals trug niemand einen Helm.
Ich fuhr auch nicht in den Straßengraben. Aber mitten auf der friedlichen Wohnstraße lag ein dicker Stein. Ein Wackerstein, den nur das Schicksal dort hingelegt haben konnte, und zwar gleich hinter einer Kurve. Es kam, wie es kommen mußte. Das Schicksal oder der Stein eröffneten meine Zukunft. Ich kollidierte mit diesem Brocken, fiel vom Moped und wurde mit vorübergehender Amnesie ins Krankenhaus gebracht. Als ich wieder zu mir kam und in das verängstigte Gesicht meiner Mutter blickte (ich war ihr einziges Kind), nannte ich sie zum ersten und letzten Mal »miese Fotze«. Meine rational gesonnene Mama betrachtete das als Beweis dafür, daß ich vorübergehend den Verstand verloren hätte und beschloß sofort, einzugreifen und das Sommerhaus in Åhus zu kaufen, auf das sie schon länger ein Auge geworfen hatte. Ich brauchte Ruhe und Klimawechsel und sie brauchte Urlaub von ihren Krebskranken (ich habe wohl noch nicht erwähnt, daß sie Professorin für Onkologie war).
Und in Åhus stolperte ich dann im auf diese Episode folgenden Sommer über Hiob. Ich stolperte im wahrsten Sinne des Wortes. Ich hatte mir nicht nur eine kräftige Gehirnerschütterung zugezogen, ich hatte mir außerdem den Fuß gebrochen und mußte mich auf Krücken dahinschleppen. Auf dem weißen Sandstrand, den eiskalte Wellen mit höhnischem Glucksen beleckten, traf ich mit der Krücke ein im Sand vergrabenes Jungenbein. Erschrocken trat ich auf meinen gebrochenen Fuß und kippte um. Das Bein, das ich mit der Krücke getroffen hatte, gehörte Hiob. Er öffnete seine vollen Lippen und sagte: »Huch!« Das war vorläufig alles, aber seine Augen glitzerten wie das Meer vor uns, und das Schicksal wollte, daß wir uns gleich am selben Abend wieder begegneten. Am selben Strand, den wir beide intuitiv aufgesucht hatten. Der Blitz schlug zwischen mir und Hiob a prima vista ein, und ich konnte ja nicht ahnen, daß er erst dreizehn war, als diese Feuerkugel uns funkensprühend umschwirrte. Und so kam es, daß ich an diesem sternenklaren Abend mein Jungfernhäutchen von einer für diesen Zweck überaus geeigneten Apparatur zerfetzen ließ. Das alles trug sich im Freien zu, unter einem mit Silber gepfefferten Himmel, der mich im entscheidenden Moment des Verschmelzens mit einem Funkenregen überschüttete. Das, was sich zwischen uns zutrug, war weder ein romantischer Mondscheinkitsch noch ein unbeholfenes erstes Herumgemache. Nein, es waren die Freuden des Erwachsenenlebens, die ihre Becher in unsere durstigen Kehlen ergossen, während wir noch über die kindliche Fähigkeit verfügten, die Ekstase auszudehnen. Unsere Körper waren ein funkelnder Vergnügungspark, in dem jede Synapse zu einer Paradenummer wurde ... ich kann das nicht erklären. Es war eben etwas ganz Besonderes. Und es geschah dieses Mal. Aber das war genug.
Als Hiobs Mutter uns unter dem umgedrehten Fischerboot ertappte, war es schon spät, und wir gingen mit einer Trennungsangst auseinander, die vermutlich nur Frühgeburten erleben, wenn sie zum Abschied von der Schwerelosigkeit des Mutterleibes gezwungen werden. Wir gelobten einander ewige Liebe, und die setzten wir heimlich am Strand und im Tannenwald in die Tat um, bis die Sommerferien dann zu Ende gingen.
Sowie ich am ersten Schultag nach Hause gekommen war, rief ich Hiob an. Seine Mutter meldete sich mit rauher, tonloser Stimme. Hiob war aus unerfindlichen Gründen auf das Dach eines Busses geklettert und bei seinem kühnen Sprung auf eine Hochspannungsleitung mehr oder weniger verkohlt.
Als diese entsetzliche Hiobsbotschaft mich erreicht hatte, war auch ich total vernichtet.
Der Rest meiner Kindheit ist wie Asche im Wind, er kann unmöglich zu einer festen Form zusammengefügt werden.
3
Ich bin Hiob auf irgendeine Weise wohl in die Ewigkeit gefolgt, aber das geht mir erst jetzt auf, wo ich auf unseren kurzen Sommer zurückblicke. Hiob hatte den Ton für mein zukünftiges Liebesleben vorgegeben.
Ich werde versuchen, den innersten Kern meiner tiefgreifenden Erkenntis des erhabenen Knabenideals darzustellen. Die Frage ist: Was, abgesehen von meiner verqueren Neigung, unterscheidet Knaben dermaßen frappant von Männern, oder, genauer gesagt, was unterscheidet Knaben von Knaben?
Ein Rausch, Ihr Lieben. Wie dann, wenn das Rauscherlebnis eingesetzt hat und ich in den freien Flug übergehe, der mich von den Ketten der Angst erlöst. Ich koste dieses Gefühl von Freiheit aus, und das Wort Ferien taucht auf. Die erste jubelnde Ferienminute, mit all ihren guten Freiheitsverheißungen, das ist es. Davon sprudeln die ganz besonderen Knaben zwischen zwölf und achtzehn. Ihre Körper strahlen diese Verheißung von Freiheit aus. Aber das Alter allein ist noch nicht ausreichend. Selbst einem bildschönen Jüngling kann dieser zündende Funke fehlen. Es braucht ein Schimmern der Haut, der blanken Brust (die unbedingt und auf jeden Fall haarlos sein muß), der Augen und der Haare. Diese quellreine Frische darf nicht von Rasierwasser, Haargel, Haartönung oder anderen von Erwachsenen erfundenen artfremden Dingen verfälscht werden. Das Bewegungsschema muß ein wenig gleichgültig sein, schlaksig und unsynchronisiert, ja, sogar ein Hauch von achtloser Lässigkeit kann akzeptiert werden. Kleidung und Accessoires müssen intuitiv den ungeschriebenen Regeln der Straßenmode angepaßt sein. Ja, ohne Asphaltatmosphäre geht es nicht. Bewerbungen von ordentlich gekämmten Musterknaben sind zwecklos.
Ich habe oft darüber nachgedacht, was diese unwiderstehlichen Charmetrolle auszeichnet, die ich während all der Jahre nur beschnuppern oder nur leicht berühren mußte, damit unter meinem Nabel Volten geschlagen wurden. Sie zeichnet eine komplexe Mischung aus Schlingeln und Lümmeln aus – Schlümmeln –, in der trotz der Büffelmanieren eine herzzerreißende Betroffenheit zum Ausdruck kommt. Sie haben etwas Geschlechtsloses, das ans Androgyne grenzt, sind aber trotzdem geil wie die Karnickel. Ich habe die Zutaten zu diesem seltsamen Kompott nie ganz durchschaut, aber diese stromgeladenen Schlümmel, diese Johnnies, Joy Boys – diese göttlichen Toren! – sind beseelt von einem fremden Element, das ich als smash bezeichnen würde. Sie sind eine ganz besondere Spezies, deren Erforschung ich mein ganzes Leben geweiht habe. An dieser Stelle muß ich betonen, daß hier keinesfalls die Rede von einem Übermenschenideal ist, es geht eher um ein Wesen, das ich einmal gekostet habe, und dessen Süße jegliche irdische Ekstase übertrifft.
4
Nach Hiobs übereiltem Dahinscheiden wurde ich in die Jugendpsychiatrie eingewiesen, wo die Diagnose Depression gestellt wurde (meine Mutter sprach lieber von Schulmüdigkeit). Nach meiner Entlassung wurde ich umgehend zum Apfelsinenpflücken in einen israelischen Kibbuz geschickt. Ein Aufenthalt in einem Kibbuz galt damals als nützliche Erfahrung und empfehlenswerter Milieuwechsel. Obwohl viele Linksintellektuelle dem Staat Israel kritisch gegenüberstanden, entsprach die Idee des Kibbuzlebens doch ihren sozialistischen Träumen.
Die Therapeutin meinte, ich hätte meine Trauer um Hiob verarbeitet, doch ich hatte Hiob einfach nur in mein Unterbewußtsein verbannt, wo er ungestört herumspuken konnte. In dem Jahr, das ich in Israel verbrachte, verlustierte ich mich neurotisch und zwanghaft mit jungen Hippieknaben, die es aus allen wohlhabenden Ecken der Welt dorthin verschlagen hatte. Ich lernte South-African-Steve, Brazil-Gabriel, Brit-Rod, Swiss-Pascal, American-Henry, Australian-Dave und so weiter und so fort kennen.
Bei meiner Ankunft war ich in einem Kibbuz in der Negev-Wüste einquartiert worden, aber wie die meisten neugierigen Jugendlichen packte ich meine Habseligkeiten und setzte mich ans Rote Meer ab, wo das Hippieleben mit seinen illegal errichteten Barackenorten im verminten Sinai-Gebiet lockte. Als eingefleischte Individualistin hatte ich das starre, kleinkarierte Kibbuzleben bald satt bekommen. Jetzt aber ließ ich mich zwischen Korallenriffs, Cafés und Cannabispfeifchen sorglos umhertreiben. Eine meiner Wohnungen bestand aus einem würfelförmigen, leeren und rostigen Riesentank, der durch ein rundes Loch im Dach zugänglich war, von dem aus man sich dann an einem Seil nach unten ließ. Im Sommer war es in diesem Container unerträglich heiß, weshalb ich mich am Strand niederließ. Ab und zu verdingte ich mich in einer der vielen Bars von Eilat für einen Lauselohn als Kellnerin oder Küchenhilfe, und ich verbrachte einen Monat ohne irgendwelche Unterbrechungen unter Beduinen und Beatniks an der Ostküste der Sinai-Halbinsel, bis der Spätherbst eintraf. Dann lernte ich zu meinem Glück Daniel kennen, the big dark gay, der einfach alle kannte. Meine Bekanntschaft mit Daniel erwies sich, als der Winter ins Gelobte Land kam, als für mich reservierte Rettungsleine.
Ich arbeitete bis spät in der Nacht im Papa Paris, einer beliebten Bar am Marktplatz, die einem kleinen französischsprechenden fetten Juden gehörte. Eines Abends hatte ich South-African-Steve schon einige Biere serviert, und die hatten ihm Mut gemacht, seiner Enttäuschung über mich freien Lauf zu lassen. Er war der erste Junge nach Hiob gewesen, dem ich den Zutritt zu meiner seitdem eifrig frequentierten Venusgrotte gestattet hatte, und er hatte seither immer wieder voller Staunen von meinen sexuellen Eroberungen auf diesem mit Knabenpracht gedeckten Büfett gehört. Nach South-African-Steve hatte ich mich selten mit nur einer Beute pro Tag zufriedengegeben. Es kam vor, daß ich zwischen Morgengrauen und Abenddämmerung vier verschiedene Jünglinge vernaschte. Einige verliebten sich ein wenig in mich, doch ich eilte weiter, gejagt von einer brennenden Sehnsucht, dem unstillbaren Drang nach immer neuen Knabendelikatessen. Aber an diesem Abend beugte South-African-Steve sich über den Tresen, schob mir seine hübsche Larve entgegen und flüsterte: »Very soon you will be raped, Hella.«
Ich fand seine durch Drohungen getarnte Verbitterung albern und antwortete mit einem Schnauben. Ich muß noch einmal darauf hinweisen, daß dies alles sich in den siebziger Jahren abspielte, also ehe tödliche Krankheiten sich als Trittbrettfahrerinnen an die Körperflüssigkeiten zu heften begannen. Es war eine Zeit, in der die sexuelle Freiheit wie ein heiliges Mantra gepriesen wurde. Sie erinnern sich doch sicher an die Maxime make love, not babies.
An diesem Abend also hatte ich mich mit einem jungen Niederländer mit olivenfarbener Haut und üppigen gelbbeigen Locken verabredet. Er gehörte zum Schönsten, das ich je gesehen hatte, und er ließ sich bereitwillig von meinem Interesse einfangen. Deshalb gab er mir die Adresse eines halbfertigen Hauses im Zentrum von Eilat, wo er immer übernachtete. Doch als ich die Baustelle erreichte, war dort alles leer, weshalb ich meinen Schlafsack in einem Zimmer aufrollte, in dem auf dem Boden eine Luftmatratze lag. Ich nahm also an, daß ich das Nachtquartier des schönen Niederländers gefunden hatte. Die eben erst eingesetzten Fensterscheiben waren mit großen Kreuzen bemalt worden, damit niemand aus alter Gewohnheit versuchte, dort einzusteigen. Ich schlief fast sofort ein, nachdem ich eine Zigarette geraucht hatte, um die Moskitos zu vertreiben. Ich wurde davon geweckt, daß mir der Atem ausging. Auf mir und meinem Schlafsack lag das Biest, ein dunkler Typ mit leuchtenden Augäpfeln, der sich hart gegen mich preßte. Er keuchte wie nach einem Marathonlauf, und er war groß und breit und stank bestialisch. Über mir hing eine wahre Knoblauchwolke, die Abgase ausspuckte, und dieser Primat versuchte also – und das war das Schlimmste –, er versuchte doch tatsächlich, mich zu küssen. Mein erster Versuch, um Hilfe zu rufen, wurde davon erstickt, daß er seine grotesk dicken und behaarten Hände um meinen Hals legte und dermaßen zudrückte, daß vor meinen Augen bereits der Tod tanzte. Ich ließ meinen ganzen Körper so schlapp wie möglich werden. Vergewaltigung ist immer noch besser als Ersticken. Er zog die Sache mit seinem heiseren feuchten Keuchen durch und erdreistete sich sogar, mir seine widerliche Viehzunge in den Mund zu stecken. Aber ich war bereit! Als die Atemzüge des Grobians anfingen, eine höchst unpassende Ähnlichkeit mit dem aufzuweisen, was ich als näherrückenden männlichen Höhepunkt kennengelernt hatte, bohrte ich energisch meine Zähne in diese harte Zunge, die so groß war wie ein komplettes Filetsteak, biß sogar ein Stück ab, riß es mit den Zähnen heraus (meine Kieferpartie war immer schon kräftig, und ich kann mit dem Mund die meisten Handgriffe durchführen), und sein heiseres Gebrüll wäre vermutlich noch in Ägypten zu hören gewesen, wenn das nicht die frischeingesetzten Fenster verhindert hätten. Mit Müh und Not konnte ich meinen Kopf befreien, ohne daß mein Skalp in seiner Faust hängenblieb, die fast meinen gesamten Hinterkopf umklammert hielt. Mit dem ekelhaften Fleischfetzen im Mund, dessen beißendscharfes Blut in meinen Hals sickerte, konnte ich entkommen. Ich rannte und rannte, bis ich den einzigen Club erreichte, der so spät noch geöffnet hatte. Ich hatte den Zungenkadaver inzwischen in meine Hand gespuckt, und nun steuerte ich einen Tisch an, an dem Männer und Frauen saßen. Unter ihnen auch der große, starke Daniel mit seinem Afrolook und seinen dicken goldenen Ohrringen. Ich hustete Blut, brach zusammen und erklärte meine prekäre Situation.
Am nächsten Morgen kämmten Daniel und der örtliche Mafiaboß mit mir im Schlepptau ganz Eilat nach dem Verbrecher durch.
Muß ich noch erwähnen, daß mir meine nemesis divina gewährt wurde? Wir fanden den Vergewaltiger, der, in sich zusammengesunken tief im Dunkeln einer schäbigen Bierkneipe, längst nicht mehr so überdimensional wirkte. Daniel hatte eine Zigarette im Mund, als er auf den Übeltäter zuging. Der zitterte am ganzen Leib und versuchte es mit Ausflüchten, die er in seiner nunmehr nuschelnden und kaum verständlichen Zunge vorbrachte. Nach einer Salve von funkensprühenden arabischen Flüchen, mit denen, ungeachtet ihrer ethnischen Herkunft, alle in Israel um sich warfen, drückte Daniel seine Zigarette auf der Wange des Delinquenten aus. Die einzige Regung, die sich in dessen Gesicht zeigte, waren Fieberschauer. Vielleicht hätte er mit seiner amputierten Zunge lieber ein Krankenhaus aufsuchen sollen.
Während meiner restlichen Zeit in Israel schlief ich jede Nacht neben Daniel. Er wurde der erste in einer langen Reihe schwuler Seelenfreunde.
Erwachsene Homosexuelle waren für mich von nun an ein niemals bewußt begonnenes, aber nichts destotrotz bewußt abgeschlossenes Kapitel. (Mit einer Ausnahme, auf die ich später noch zurückkommen werde).
Ansonsten verflogen meine Jugendjahre in alle Himmelsrichtungen wie eine Schar verängstigter Sperlinge mitsamt dem einen oder anderen Kanarienvogel, doch auch diese kleinen gelben Farbtupfer verloren bald ihre Leuchtkraft.