Read the book: «Tradition und Erneuerung im Ringen um die Zukunft»

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Der Autor


Nach dem Studium der Orientalistik und Klassischen Philologie hat Prof. Dr. Udo Steinbach zur Zeitgeschichte und Politik des Vorderen Orients geforscht. 1976–2007 war er Direktor des Deutschen Orient-Instituts in Hamburg. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören der politische und gesellschaftliche Wandel in den arabischen Ländern, der Türkei und Iran, die Stellung religiöser und ethnischer Minderheiten in nahöstlichen Gesellschaften sowie die Stellung des Nahen Ostens im internationalen System.

Udo Steinbach

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Umschlagabbildung: Skyline von Tripolis. Foto: Mirko Keilbert.

1. Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

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ISBN 978-3-17-031338-5

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-031339-2

epub: ISBN 978-3-17-031340-8

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Inhaltsverzeichnis

1  Vorbemerkung

2  Einführung – ein wechselvolles Jahrhundert

3  1 Das 18. Jahrhundert – Vorabend der Neuzeit

4  1.1 Der lange Niedergang der Osmanen

5  1.2 Persische Wirren

6  1.3 Afghanistan – ein neuer Staat entsteht

7  1.4 Russlands Eintritt in den Vorderen Orient

8  2 Zwischen Diktat und Erneuerung – die europäische Herausforderung

9  2.1 Fürsorgliche Vereinnahmung

10  2.2 Der Angriff auf Ägypten

11  2.3 Von Reformen zu Abhängigkeit und Einmischung

12  2.3.1 Der Weg in die Falle

13  2.3.2 Flächendeckende Unterwerfung

14  3 Das Jahrhundert der Reformen

15  3.1 Der »kranke Mann« am Bosporus

16  3.2 Irans Weg aus dem Mittelalter

17  3.3 Afghanistan – ein junger Staat gewinnt Konturen

18  4 Die Erneuerung in Kultur und Lebenswelten

19  4.1 Selbstvergewisserung im Islam

20  4.2 »Wir sind ein Teil Europas«

21  4.3 Auf der Suche nach einer Synthese

22  5 Der Eintritt ins revolutionäre Jahrhundert

23  5.1 Die Mutter der Revolutionen – Iran 1906

24  5.2 Sonnenuntergang oder Morgenröte? – Die »Jungtürken« an der Macht

25  5.3 Die »Jungafghanen« und die Modernisierung Afghanistans

26  5.4 Der kurze Frühling im Kaukasus

27  6 Figuren auf dem Schachbrett von Machtpolitik

28  6.1 Erster Weltkrieg und europäisches Design

29  6.2 Die neue politische Landkarte

30  6.3 Das Drama der Pariser Friedensverhandlungen

31  7 Signale des Aufbruchs – das säkulare Paradigma

32  7.1 Das Ende des Kalifats – es lebe die Nation

33  7.1.1 Der Weg zu den Wurzeln des Arabertums

34  7.1.2 Der Kemalismus als radikale Alternative

35  7.1.3 Iran, »Land der Arier« – Nationalismus zwischen historischem Stolz und schiitischem Sonderweg

36  7.1.4 Der »arabische Nationalismus« – Theorie und Wirklichkeit

37  7.1.5 Die zionistische Bewegung

38  7.2 Attraktiv und umstritten – der »linke« Weg der Entwicklung

39  8 Zwischen Emanzipation und Fremdbestimmung

40  8.1 Die Türkische Republik – ein historischer Beginn

41  8.2 Iran unter seiner letzten Dynastie

42  8.3 Afghanistans spannungsvoller Übergang

43  8.4 Die arabischen Völker vor der imperialistischen Herausforderung

44  8.4.1 Die Ausbildung der Staatenwelt

45  8.4.2 Palästina – Vorspiel zu einem Weltkonflikt

46  8.5 Der Zweite Weltkrieg

47  9 Der Nahe Osten nach dem Zweiten Weltkrieg

48  9.1 Die Türkei und die europäische Chimäre

49  9.2 Iran – vom Kaisertum zur Revolution

50  9.3 Afghanistan am Scheideweg

51  9.4 Die arabischen Völker – revolutionäre Hochzeit und Ernüchterung

52  9.4.1 Die arabische Einheit – eine Fata Morgana

53  9.4.2 Konturen einer »arabischen Staatenwelt«

54  9.4.3 Kairo 1952 – die Revolution in Ägypten und ihre Folgen

55  9.4.4 Nach dem Sechs-Tage-Krieg (Juni 1967) – Stagnation im Zeichen von Religion und Autokratie

56  9.4.5 1989 – das verpasste Schicksalsjahr

57  9.5 Israel – von der »jüdischen Heimstätte« zur regionalen Supermacht

58  9.6 Palästina – ein gordischer Knoten

59  9.7 Konfliktregion südlicher Kaukasus

60  10 Der sozio-kulturelle Aufbruch – Ringen um die Moderne

61  10.1 Befruchtung und Brückenschlag

62  10.2 Verwerfungen, Gräben und Konflikte

63  11 Zwischen Revolutionen und Terror

64  11.1 Die Zerstörung Afghanistans

65  11.2 Die iranische Revolution und die Folgen

66  11.3 Das Kalifat von Raqqa – oder: Die dschihadistische Revolution

67  12 Der Weg in die Sackgasse – die große Revolte

68  13 Im Schatten der Weltmächte

69  13.1 Eine neue Weltmacht betritt die nahöstliche Bühne

70  13.2 Das Erdöl – eine politische Ressource

71  13.3 Wenn Elefanten kämpfen, leidet das Gras

72  13.4 Gründung der Opec – die Erdölproduzenten emanzipieren sich

73  13.5 Die Invasion in Afghanistan – der Anfang vom Ende der Sowjetunion

74  13.6 Amerikas verpasste Chancen

75  13.7 war on terrorism

76  13.8 Washington sucht den Ausgang

77  13.9 Moskau, Brüssel und Peking sondieren ihre Rollen

78  14 Der Zusammenbruch der Ordnung: 2014–2020

79  15 Der Nahe Osten geht nicht unter – Ausblick auf die neue Ordnung

80  Anmerkungen

81  Literaturverzeichnis

82  Abbildungsverzeichnis

83  Register

84  Personenregister

85  Sach- und Ortsregister

Vorbemerkung

Gegenstand des Buches ist die Geschichte des Vorderen Orients im 20. Jahrhundert. Dabei handelt es sich um eine der ereignisreichsten und dramatischsten Epochen dieses Raumes seit der Zerstörung des Kalifats in Bagdad durch die Mongolen im Jahr 1258.

Politisch beginnt das 20. Jahrhundert des Vorderen Orients mit der Verfassungsrevolution in Persien im Jahr 1906. Bürgerliche Kräfte in einem breiten gesellschaftlichen Spektrum ringen dem Herrscher eine Verfassung ab. Sie definiert seine Machtausübung und stärkt die Gesellschaft ihm gegenüber. Zugleich suchen sich iranisch-nationalistische Kräfte auf diese Weise der Einmischung durch europäische Mächte zu entledigen. Dieses doppelte Ringen nach innen wie nach außen kann als Vorzeichen über der politischen Entwicklung der gesamten Region im 20. Jahrhundert verstanden werden.

Wesentliche Weichenstellungen aber waren bereits im vorangegangenen Jahrhundert vorgenommen worden; deshalb war es notwendig, in der Darstellung den Blick auf diesen Zeitraum auszuweiten. Und da das chronologische Ende des 20. Jahrhunderts nicht auch das Ende der politischen und ideologischen Dynamiken bedeutete, die dieses Jahrhundert bewegt haben, musste die Darstellung auf die ersten beiden Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts übergreifen.

Geographisch wird der Vordere Orient verstanden als der Raum von Nordafrika bis an die Grenze zum indischen Subkontinent. Diese Zusammenschau ist durch zwei Perspektiven gerechtfertigt: Zum einen ergibt sich aus der Prägung durch die islamische Religion und aus der politischen Interaktion in der Neuzeit ein hohes Maß an Kohärenz. Zum anderen hebt sich dieser Großraum geographisch wie geschichtlich deutlich von benachbarten Räumen ab – dem europäischen, dem russisch-zentralasiatischen, dem indischen und dem subsaharisch-afrikanischen.

Die zeitliche Eingrenzung ergibt sich aus der Perspektive der Gegenwart. Unübersehbar sind die Staaten und Gesellschaften im Vorderen Orient in eine tiefe Krise geraten. Sie ist geprägt durch Instabilität politischer Systeme, zwischenstaatliche Konflikte und machtpolitische Rivalitäten, gesellschaftliche Verwerfungen, ethnische Gegensätze und aus der Religion abgeleitete Gewalt. Der Zerfall von Staaten, die nach dem Ende des Ersten Weltkriegs entstanden sind, wird nicht mehr ausgeschlossen. Die Missachtung staatlicher Souveränität ist geradezu ein Prinzip des außenpolitischen und militärischen Handelns regionaler und internationaler Akteure geworden.

Aus der Perspektive der Gegenwart ergibt sich somit die Frage nach der Ursache und den Triebkräften für den Verfall des vorderorientalischen Großraums in einen buchstäblich chaotischen Zustand. Der Blick fällt dabei auf den Beginn des 20. Jahrhunderts. Nach einem Jahrhundert von Reformprozessen und von Bemühungen, sich der unabweisbaren Tatsache europäischer politischer und wirtschaftlicher Überlegenheit und imperialistischer Aggressivität zu stellen, kam es 1906 mit der Verfassungsrevolution in Iran zu einem ersten tiefen Bruch in der traditional bestimmten Ausübung von Herrschaft. Ihr folgte die jungtürkische Revolution; und mit dem Ende des Osmanischen Reichs war die Zukunft des Vorderen Orients insgesamt geöffnet. Seine Geschicke traten in ein neues Stadium.

Seither ist die Geschichte des Vorderen Orients in ständiger Bewegung. Wirklich »revolutionär« im streng politikwissenschaftlichen Sinn1 war sie wohl nur in wenigen Umbrüchen – so etwa im Falle der khomeinistischen Ablösung der iranischen Monarchie durch eine »Islamische Republik«. In vielen Fällen handelte es sich eher um Staatsstreiche unterschiedlicher Akteure, um Revolten im Sinne des Aufbegehrens gegen bestehende »Verhältnisse« oder um mehr oder minder gewalthafte Widerstands- und Befreiungsbewegungen. Gleichwohl – die Ablösung des Osmanischen Reichs durch die Gründung der Türkischen Republik, die Machtübernahme Nassers in Ägypten oder der Ba’th-Partei im Irak und in Syrien waren mehr als nur Staatsstreiche, führten sie doch zu einer nachhaltigen Ablösung überkommener Eliten und Machtstrukturen sowie zum Aufbau neuer Formen von Herrschaft und staatlicher Ordnung. Und selbst der kurzlebige marxistische Coup in Kabul (1978/79) war der Beginn eines langfristigen Prozesses politischen und gesellschaftlichen Wandels.

In der Selbstwahrnehmung der Akteure war ihr Tun eine »Revolution«. Ob »Revolution«, »Revolte«, »Staatsstreich«, »Widerstand«, »Aufbegehren« oder »Befreiung« – alle diese Ereignisse lassen die Geschichte des Vorderen Orients im 20. Jahrhundert als eine Abfolge bewegter Dramen auf der Suche nach einer neuen Ordnung erscheinen. Im Folgenden werden Begriffe wie »Revolution«, »Revolte« etc. nicht streng definiert (wenn das überhaupt möglich ist) oder gegeneinander abgegrenzt. Sie sind vielmehr Chiffren für einschneidende Ereignisse politischer und gesellschaftlicher Natur, von denen die neuere Geschichte des Vorderen Orients so erfüllt ist. Dass diese beständig von widerstreitenden geistig-kulturellen und religiösen Tatbeständen und Strömungen unterfüttert werden, ist eine Eigenheit dieses Raumes, in dem die Religion noch immer ein bestimmender Faktor des privaten und öffentlichen Lebens ist.

Als die Formel vom »Ende der Geschichte« nach dem Zerfall der Sowjetunion in die Welt gesetzt wurde, zeichnete sich bereits ab, dass es sich dabei um einen fundamentalen Irrtum handelte. Nicht nur im Vorderen Orient – aber eben gerade dort mit besonderer Heftigkeit – kam es zum Ausbruch gewalthaften Handelns mit der Folge bisher nicht gekannter Erschütterungen. Der Terrorismus war die Spitze dieses Eisbergs. Die »Geschichte« ging also weiter, und so stellt sich die Frage nach ihrer Richtung. Darauf zum gegenwärtigen Zeitpunkt eine konkrete Antwort zu geben, wäre ein verwegenes Unterfangen. Aber um in die Zukunft zu schauen, muss man die Geschichte und ihre Wirkkräfte kennen. Die Revolte, die ab 2011 auch den arabischen Raum zu verwandeln begonnen hat (drei Jahrzehnte nach der Revolution in Iran), lässt erste Eckpunkte des künftigen Geschehens erkennen: Ein enormer Druck wird von der Zivilgesellschaft ausgehen; von Männern und (vor allem) Frauen, die sich, was Bildung und Information betrifft, in globalisierten Räumen bewegen. Der Stellenwert der Religion, die zu politischem Missbrauch vielfältiger Art instrumentalisiert worden ist, innerhalb der politischen Systeme und gesellschaftlichen Ordnungen wird sich verändern. Verändern werden sich auch die Mechanismen wirtschaftlichen Handelns, die von Netzwerken sehr unterschiedlicher Natur, welche sich als überlebt und entwicklungshemmend erwiesen haben, zum eigenen Vorteil und zum Schaden der Gesellschaften bedient worden sind.

Über Jahrzehnte ist der Vordere Orient Gegenstand eines starken öffentlichen Interesses. An dieses richtet sich die hier vorgelegte Darstellung. Die geographische Ausdehnung des Raumes und die Vielfalt der Entwicklungen über ein Jahrhundert in ihm zwangen zu einer konzentrierten Darstellung. Deswegen wurde auf einen detaillierten Apparat von Anmerkungen und Erläuterungen verzichtet. Eine umfangreiche Online-Bibliographie (https://dl.kohlhammer.de/978-3-17-031338-5) soll Hilfestellung bei weiterreichendem Interesse leisten. Mit Blick auf den breiten Kreis der Interessenten wurde auf Literatur in den orientalischen Sprachen (und im Russischen) verzichtet. Zahlreiche der in die Bibliographie aufgenommenen Titel enthalten ausführliche Überblicke über Quellen und originale Dokumente.

Wie stets bei Arbeiten über den Nahen Osten stellte die Umschrift von Orts- und Eigennamen, Begriffen, Parteien und Organisationen, Buchtiteln und Zitaten eine Herausforderung eigener Art dar. In Betracht kamen Arabisch, Persisch, Osmanisch-Türkisch, Aserbaidschanisch-Türkisch, Hebräisch, Kurdisch und Paschtu sowie Russisch. Ein erheblicher Grundbestand an Namen und Begriffen entstammen der arabischen Sprache. Nun ist aber der Lautstand der Aussprache arabischstämmiger Wörter im Persischen und Osmanischen sehr unterschiedlich. So klafft zwangsläufig beständig eine Diskrepanz zwischen der wissenschaftlichen Umschrift nach den Grundsätzen der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft und der tatsächlichen Aussprache im Persischen und Osmanischen. (Für das heutige Türkisch wurde die gängige türkische Orthographie verwendet.) Dies geht so weit, dass selbst bei der eigentlich korrekten Assimilierung des arabischen Artikels (al-) an bestimmte nachfolgende Konsonanten um der gesprochenen und gehörten Aussprache willen Unregelmäßigkeiten und Widersprüche in Kauf genommen wurden. Erwähnt werden muss schließlich auch, dass die Wiedergabe orientalischer Sprachen im Englischen und Französischen sehr unterschiedlich ausfällt. England und Frankreich aber waren über Jahrzehnte des vergangenen Jahrhunderts die Mächte, an deren Lautstände die Eliten die Umschrift ihrer Sprachen ausgerichtet haben. Auch hier wurde der dem Leser (etwa aus den Medien) vertrauten Schreibweise Vorrang vor wissenschaftlichem Purismus eingeräumt. Akronyme in allen Sprachen wurden in der Mehrheit nach großem Anfangsbuchstaben klein geschrieben, um das Schriftbild einheitlich zu gestalten (also: Uno, Nato, Hamas, Palmach etc.).


Berlin, im April 2021Udo Steinbach

Einführung – ein wechselvolles Jahrhundert

Am Sonntag, dem 29. Juni 2014 und Beginn des Fastenmonats Ramadan, erging ein Manifest an die anderthalb Milliarden Muslime der Welt: Hiermit werde das »Kalifat« ausgerufen – »hier weht die Flagge des Islamischen Staates, die Flagge des Monotheismus. Ihr Schatten bedeckt das Land von Aleppo bis Diyala« (mithin von Nordwest-Syrien bis zur iranischen Grenze). Fortan sei Abu Bakr al-Baghdadi al-Quraischi »Kalif Ibrahim« der »Führer der Gläubigen«, dem qua Gottes Befehl alle Muslime Gefolgschaft zu schwören hätten. »Die Legalität aller Emirate, Staaten, Gruppen und Organisationen wird null und nichtig durch die Expansion der Autorität des Emirats und die Ankunft seiner Truppen«. Wenige Tage später, am 4. Juli, hatte der »Kalif« in der im 12. Jahrhundert erbauten Moschee des Nur ad-Din Zangi in Mossul seinen einzigen Auftritt: In der khutba (Freitagspredigt) verkündete er die Rückkehr zu Glanz und Größe des islamischen Gottesstaates, die Erfüllung des Versprechens Gottes.2

Dies war mehr als Polittheater, auch wenn bereits drei Jahre später mit der Eroberung von Mossul (bei der die fast tausend Jahre alte Nuri-Moschee weitgehend zerstört wurde) und Raqqa dem bizarren – aber brutalen – Treiben bereits wieder ein Ende gesetzt wurde. 1924 war das Kalifat der Osmanen per Beschluss des Parlaments der Türkischen Republik abgeschafft worden ( S. 183). Fragen nach der Rechtmäßigkeit des türkischen Schritts, nach dem Volk, aus dem das neue Kalifat hervorgehen sollte, und nach der Qualifikation des Kalifen waren auf islamischen Konferenzen – freilich ohne konkrete Ergebnisse – erörtert worden. Dann verschwand das Interesse daran; und der real existierende Nationalstaat, der gerade in Gestalt der jungen Türkischen Republik seine Lebenskraft überzeugend zu manifestieren schien, verkörperte die Staatlichkeit der Zukunft. Der Nationalstaat – und nicht mehr die islamische umma – war die politische Ordnung auch der Muslime. In ihr würden die Muslime den Herausforderungen der Zukunft erfolgreich begegnen.

In seiner Absurdität, in der aber zugleich ein Kern geschichtlicher Wahrheit, ein verblasster Traum muslimischer Sehnsüchte und Irritation über eine unbefriedigende Gegenwart zu erkennen sind, reflektiert das Konstrukt des Islamischen Kalifats die Widersprüche des Verlaufs der Geschichte des Vorderen Orients im 20. Jahrhundert. Tatsächlich ist dieses das wechselvollste Jahrhundert in der Geschichte der Völker Nordafrikas und des Nahen und Mittleren Ostens, soweit die Erinnerung zurückreicht. Die Dynamik der Brüche seit seinem Beginn erwächst aus der Verdichtung politischer, gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und kultureller Prozesse durch das 19. Jahrhundert hindurch. Mit dem Zusammenbruch der alten Ordnungen am Ende des Ersten Weltkriegs bildet sich eine neue, tiefgreifend veränderte geopolitische, gesellschaftliche und kulturelle Landschaft aus. Neue Rechtfertigungen von Herrschaft werden gesucht und getestet. »Der Westen« ist die elementare politische und geistige Herausforderung; auf sie wird keine Antwort gefunden, die »Authentizität« und »Moderne« verbindet. Die gleichzeitigen Revolutionen in Iran (1906) und im Osmanischen Reich (1908) stehen am Anfang dieser langen Kette von Umbrüchen, die Totgeburt eines »Islamischen Kalifats« an seinem Ende.

Der Ausgang des Ersten Weltkriegs bedeutet eine tiefe Zäsur. Das gilt gleichermaßen für Europa und den Nahen und Mittleren Osten. Auf den Trümmern des Habsburgischen wie des Osmanischen Reichs entstehen neue Staaten und politische Ordnungen. Europa betreffend, wurden nicht zuletzt die in den Pariser Friedensverhandlungen 1919 getroffenen Entscheidungen mitursächlich für die Katastrophe, in die der Kontinent in den folgenden Jahrzehnten abgeglitten ist; sie gipfelte in den menschlichen, materiellen und kulturellen Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs. Dessen Verwüstungen vor Augen, machten sich weitsichtige Persönlichkeiten daran, die Grundlagen einer neuen europäischen Ordnung zu legen. Das Bekenntnis zu Menschenrechten, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und gemeinsamer wirtschaftlicher Entwicklung wurde der Kern der Dynamik des Zusammenwachsens europäischer Staaten und Gesellschaften zu einer neuen Form der Gemeinschaft.

Den Vorderen Orient betreffend verliefen die Entwicklungen weniger eruptiv und dramatisch; sie zeigten aber auch dort schwere, bis in die Gegenwart nachwirkende Folgen. In indirekter oder direkter Herrschaft spannten europäische Mächte, geleitet von imperialistischen und kolonialistischen Zielen, einen Herrschaftsschirm über der Region zwischen Nordafrika und dem indischen Subkontinent auf. Unter ihm bestand zwar relative Stabilität. Aber die Auseinandersetzung mit dem europäischen Imperialismus band die politischen Energien der Eliten und verhinderte somit – von Ausnahmen abgesehen – politische und gesellschaftliche Erneuerung und wirtschaftliche Entwicklung, welche eigenständige und stabile neue Ordnungen hätten begründen können. Als der Wandel nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs an Dynamik gewann, war er von gewalthaften Brüchen und Konflikten im Inneren der jungen Staaten wie im regionalen Zusammenhang gekennzeichnet. Die Auseinandersetzung mit dem Staat Israel, der 1948 ins Leben trat, sollte über Jahrzehnte für das politische Handeln insbesondere der arabischen Staatsführungen wesentlich bestimmend werden. Zugleich sahen sich die neuen Eliten, die mit der Erringung der Unabhängigkeit die Voraussetzung für eine umfassende Modernisierung ihrer politischen Institutionen und gesellschaftlichen Ordnungen zu schaffen suchten, erneut in eine globale Machtkonstellation verstrickt, die einer Entfaltung der politischen und wirtschaftlichen Potentiale und Eigenheiten entgegenstand, welche den Interessen und Ordnungsvorstellungen der neuen Regimes in Übereinstimmung mit dem Willen ihrer Völker entsprochen hätte. Die Reformdynamik kam an ihr Ende und machte einer lähmenden und stagnierenden Machtausübung Platz: Die Regimes begannen, sich auf klientelistische Netzwerke zu stützen; Herrschaft war auf den Erhalt ihrer Macht und auf die Verteilung der mit ihr verbundenen Profite ausgerichtet. Die Mitbestimmung der Bürger wurde zur Gefährdung des Machterhalts. Deren Wohlfahrt lag außerhalb des Ziels und Zwecks von Herrschaft.

Hinter der Tatsache von Stagnation und Fremdbestimmung begannen sich Kräfte zu formieren, die ihre Gesellschaften auf eine neue Grundlage zu stellen suchten. Sie schöpften ihren Anspruch auf Authentizität aus der islamischen Religion und der ihr innewohnenden Veränderungsdynamik. Im schiitisch geprägten Iran wurde Anfang 1979 das überkommene System der Monarchie gestürzt. Zeitgleiche Bestrebungen im Raum des sunnitisch geprägten Nordafrika und Nahen Ostens führten zu keinen nachhaltigen, stabilen Ergebnissen. In wachsendem Maße breitete sich diffuse Gewalt aus. Sie fand in den Terrorattentaten von New York und Washington am 11. September 2001 einen ersten Höhepunkt. Der fehlgeleitete Versuch der USA im Frühjahr 2003, durch eine militärische Intervention im Irak die Einrichtung demokratischer Institutionen zu erzwingen und damit die Voraussetzung für politische Stabilität zu schaffen, bedeutete schließlich das Fanal für die flächendeckende Ausbreitung vornehmlich religiös begründeter Gewalt im Nahen Osten und in Nordafrika, ja global und mit Ausläufern nach Europa.

Die Selbstverbrennung eines jungen Mannes im wirtschaftlich armen Herzen Tunesiens am 17. Dezember 2010 setzte weite Teile der arabischen Welt in Flammen. Die sich dramatisch ausbreitende Protestwelle von Millionen von Menschen im gesamten arabischen Raum vollzog sich im Zeichen des Rufs nach Respekt vor der Würde der Bürger seitens der Regierenden. Dieses Ideal war keiner spezifischen Weltanschauung, Ideologie oder Religion geschuldet. Im Mittelpunkt der Forderungen standen die Ausarbeitung von Verfassungen und die Durchführung von Wahlen.

Zahlreiche Widerstände und Fehlentwicklungen haben – von Tunesien abgesehen – die Revolte der Jahre 2011/12 erst einmal in der politischen Sackgasse enden lassen. Sie ist durch politische Restauration, Armut, Unterentwicklung und Bevölkerungsexplosion gekennzeichnet, begleitet von religiösem Fanatismus und politischem Radikalismus. Auswanderung und Flucht sind Symptome der Hoffnungslosigkeit. Auf der Suche nach einer neuen Ordnung hat sich vorerst Gewalt seitens unterschiedlichster Akteure und Ideologien krebsartig im Vorderen Orient ausgebreitet. Mit Blick auf die Dynamik zu Beginn dieser »dritten arabischen Revolte«3 – nach der ersten (in den frühen zwanziger) und der zweiten (in den fünfziger und sechziger Jahren) – ist es statthaft, vorherzusagen, dass damit nicht das letzte Wort der Geschichte gesprochen ist.

Aus der Distanz (und aus der Perspektive europäischer selektiver Erinnerungskultur und Arroganz) betrachtet, erscheint vielen Europäern der Raum seiner islamischen Nachbarschaft als »hoffnungsloser Fall« mit Blick auf politische und gesellschaftliche Erneuerung, wirtschaftliche Entwicklung (jenseits von Öl und Gas) und stabile demokratische Institutionen. Demgegenüber lässt ein vorurteilsfreier, aber zugleich empathischer Blick auf die Geschichte das Engagement, ja den Enthusiasmus und die Ernsthaftigkeit der Anstrengungen hervortreten, mit welchen durch das 20. Jahrhundert hindurch die umfassende Erneuerung der Grundlagen von Staat und Gesellschaft angestrebt worden ist. Die mit diesen Erneuerungsbestrebungen untrennbar verbundene Frage, in welcher Weise Tradition, Religion und durch die Geschichte gewachsene Identitäten bewahrt werden könnten, bedeutete freilich eine zusätzliche Bürde auf diesem Weg. Die Gesellschaften Europas hatten in den geschichtlichen Umbrüchen seit der Französischen Revolution und zumal während des 20. Jahrhunderts im Guten und Bösen letztlich aus dem Fundus der eigenen Geschichte und ihrer geistigen und politischen Errungenschaften schöpfen können. Demgegenüber waren die Nachbarn Europas im Nahen Osten und Nordafrika unabweisbar gezwungen, sich mit Werten, Normen und geistigen Dynamiken auseinanderzusetzen, die in Europa, also außerhalb ihres historischen Orbits, ihren Ursprung hatten. Darüber hinaus waren sie seit dem 19. Jahrhundert zunehmend in politische und wirtschaftliche Abhängigkeit, mit dem Ende des Ersten Weltkriegs gar in Unterlegenheit geraten. Die Entstehung des auf europäische Werte gegründeten Staates Israel schließlich bedeutete eine weitere schwere politische und psychologische Bürde auf dem Weg insbesondere der arabischen Gesellschaften zu einer neuen und selbstbestimmten Definition ihres Platzes in der Welt.

Bereits vor dem Ende des Ersten Weltkriegs hatten in Iran und im Osmanischen Reich revolutionäre Kräfte die Grundlagen der Herrschaft erschüttert. 1906 sah sich der Schah gezwungen, der Einführung einer Verfassung zuzustimmen; zwei Jahre später setzte ein Putsch der »Jungtürken«, die sich auf Teile der Armee stützten, die Wiedereinsetzung der Verfassung von 1876 seitens des Sultans durch. Die kemalistische Revolution nach der 1923 erfolgten Gründung der Türkischen Republik markierte radikale Wegzeichen für die künftige Entwicklung des gesamten Nahen und Mittleren Ostens. Im benachbarten Persien bewunderte Reza Khan das kemalistische Experiment. Zwar machte er das Land 1925 nicht zu einer Republik, sondern erneuerte nach dem Ende der Qadscharen-Dynastie die Monarchie als Reza Schah Pahlawi. Aber die Türkei Atatürks war ihm Vorbild bei der Umwandlung Irans.

Der arabische Raum trat – nach Ansätzen in der Zwischenkriegszeit – mit der Revolution der Freien Offiziere in Ägypten 1952 in ein revolutionäres Zeitalter ein. Überkommene Regimes fielen oder gerieten unter starken Wandlungsdruck; in zahlreichen Staaten entstanden politische Systeme, die sich an europäischen Ordnungsvorstellungen orientierten. Alle arabischen Staaten, deren Eliten dies anstrebten, traten in die Unabhängigkeit ein – im Falle Algeriens nach einem blutigen Ringen mit der französischen Kolonialmacht.

Die Gründung des Staates Israel 1948 hat den Verlauf der Geschichte des Nahen Ostens nachhaltig beeinflusst. Die Haltung zum jüdischen Staat war Gegenstand innenpolitischer Kontroversen und Konflikte innerhalb der arabischen Staaten und unter ihnen (später auch in Bezug auf Iran und die Türkei). Die Herausforderung, die sich mit der Existenz Israels stellte, hat auch die Stellung der Staaten der Region im internationalen System mitgeprägt.

Die Revolution in Iran 1979 war ein einschneidendes Ereignis. Sie begann als Protest breiter Teile der Bevölkerung gegen soziale und wirtschaftliche Missstände, vom Frühjahr 1978 an stand sie zunehmend unter der Führung eines Geistlichen. Gestützt auf sein Charisma errichtete Ayatollah Khomeini eine »Islamische Republik«. Damit suggerierte er eine Synthese von politischer Moderne und Verwurzelung in (schiitisch)islamischer Tradition. Zugleich demonstrierte er die völlige Unabhängigkeit gegenüber der Einflussnahme auswärtiger Mächte, namentlich der USA.

Zeitgleich mit der Revolution in Iran, die zu einer »islamischen« umgemünzt wurde, fand im Nachbarland Afghanistan eine marxistisch-leninistische Revolution statt. Auch sie beendete die Monarchie, sie fand aber keine Akzeptanz in der Bevölkerung. Indem die Sowjetunion die Revolution durch eine militärische Intervention zu retten suchte, bewirkte sie einen nachhaltigen Zerfall des Landes. Mitte der neunziger Jahre übernahm eine islamistische Miliz die Herrschaft in Kabul. In ihrem Milieu nistete sich mit al-Qa’ida eine Terrororganisation ein, die am 11. September 2001 in New York und Washington zuschlug.

Die Bilder der brennend zusammenstürzenden Türme des World Trade Center waren das Fanal eines war on terrorism, der bald eine globale Dimension erhielt. An der Spitze der – nach ihrem Selbstverständnis – kriegführenden Parteien standen die USA; neben ihnen waren zahlreiche andere Staaten aus Europa, dem Nahen Osten, Asien und Afrika involviert. Gegner im »Krieg gegen den Terrorismus« waren wesentlich militante Gruppierungen, die auf der Grundlage eines zu einer totalitären Ideologie umgeschmiedeten »Islam« den dschihad gegen den Rest der – in ihren Augen »heidnischen« – Welt führten. Auf den Trümmern der bestehenden Gesellschaften sollte unter der »Souveränität Gottes« am Ende ein islamisches Kalifat entstehen.

Im Rückblick waren die – so unterschiedlichen – Revolutionen in Iran und Afghanistan in den Jahren 1978/79 das Vorspiel zu den Umbrüchen im arabischen Raum, die 2011 ein neues Kapitel in dessen Geschichte eingeleitet haben. Die Selbstverbrennung eines frustrierten und verzweifelten jungen Gemüsehändlers im zentraltunesischen Sidi Buzid am 17. Dezember 2010 wurde das Fanal der »dritten arabischen Revolte«. Die Forderung nach Würde, die Millionen von Jugendlichen zwischen Marokko und Jemen erhoben, einte sie für einen Augenblick. Nach ersten Erfolgen endete die Dynamik zunächst in der Sackgasse. Radikal islamistische Gruppen, von denen während der revolutionären Ereignisse selbst nichts zu hören gewesen war, kehrten auf die Bühne zurück und suchten das Vakuum, die Ratlosigkeit und die Verwirrung zu nutzen, ihre menschenverachtende Ideologie in die politische Wirklichkeit zu projizieren.

An diesem Tiefpunkt der Geschichte des Nahen und Mittleren Ostens stehen die Gesellschaften und ihre Führungseliten vor der Herausforderung, neue Ordnungen zu schaffen, die im 21. Jahrhundert Bestand haben, weil sie den elementaren Erwartungen der Menschen auf Bürgerrechte und Entwicklung entsprechen.

Die hier vorgelegte Darstellung hebt auf die vielfältige Dynamik in den Gesellschaften des Vorderen Orients und Nordafrikas ab. In dieser Wahrnehmung wendet sie sich gegen das in Deutschland verbreitete gleichsam essentialistische Klischee von notorischer Stagnation, Entwicklungsunfähigkeit, Modernisierungsunwilligkeit und Gewaltgeneigtheit; weithin werden diese mit »dem Islam« in Verbindung gebracht. Den langen Weg zu erkennen, den die Menschen und ihre Gesellschaften im Verlaufe des vergangenen Jahrhunderts gegangen sind, Entwicklungen, Veränderungen, ja zahlreiche Brüche und Rückschläge einzuordnen, negativ konnotiertem Defaitismus entgegenzutreten, ist aber die Voraussetzung, eine positive Perspektive auf den Weg aus der Sackgasse aufzutun, in der sich die Region zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Buches befindet.

Es ist Mode geworden, die Krisen und Blockaden dieses Raumes der Einmischung auswärtiger Mächte – bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs Europas und seither der USA – zuzuschreiben. Namentlich letzteren wird eine geradezu diabolische Entschlossenheit unterstellt, amerikanische politische und wirtschaftliche Interessen rücksichtslos durchzusetzen. Das ist keine vollständig unbegründete Einschätzung: Die ungeniert imperialistische Politik europäischer Mächte und später der USA hat den Gang der Dinge wesentlich bestimmt – und zugleich die Verschwörungstheorien und Abwehrreflexe genährt, die in den nahöstlichen Gesellschaften immer wieder zu gewalthaftem Aufbegehren geführt haben.

Ein unvoreingenommener Blick freilich kann nicht übersehen, dass die letzten Gründe für die Fehlentwicklungen in den nahöstlichen Gesellschaften selbst und namentlich im Versagen ihrer Eliten liegen, die Herausforderungen anzunehmen, die sich seit Beginn des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart gestellt haben. Diese erst haben die Staaten so geschwächt, dass sie ein Spielball der Manipulation durch auswärtige Mächte werden konnten. Unumgängliche Reformen wurden aufgeschoben oder allenfalls halbherzig angegangen, die Machtpolitik einzelner Persönlichkeiten oder politischer Gruppen haben Energien vergeudet, die besser für Erneuerung und die Gewinnung breiter politischer und gesellschaftlicher Akzeptanz für diese Erneuerung hätten genutzt werden können.

Geographie und Geschichte haben die Räume, welche südlich und östlich an das Mittelmeer angrenzen, unauflöslich mit Europa verbunden. Diese Selbstverständlichkeit steht über der Geschichte, aber auch der Zukunft beider Räume. Die künftige Interaktion freilich muss von anderer Art sein, als dies durch das 19. und insbesondere auch durch das 20. Jahrhundert hindurch der Fall gewesen ist. Gesucht wird ein neues Ethos der Partnerschaft. Das bedeutet auf europäischer Seite einen Paradigmenwechsel: An die Stelle einer »exklusiven« Wahrnehmung, welche in der islamischen Nachbarschaft den Anderen oder das Andere gesehen hat, muss eine »inklusive« Wahrnehmung treten, d. h. das Bewusstsein, dass die Zukunft gemeinsam und auf Augenhöhe gestaltet wird. Vor dem Hintergrund eines globalen Systems der Mächte, das in einen tiefgreifenden Wandel eingetreten ist, wird die Stellung Europas darin wesentlich auch von der Qualität seiner Beziehungen zu seiner islamischen Nachbarschaft abhängen.

Vorstehende Skizze lässt das inhaltliche Spektrum und den geographischen Rahmen erkennen, die Gegenstand der Darstellung sind: der Raum zwischen Nordafrika und Afghanistan. Bei aller Diversität der Völker, Gesellschaften und staatlichen Ordnungen bestehen Interdependenzen geschichtlicher, kultureller, sprachlicher, religiöser und politischer Art. Die Darstellung bliebe unvollständig, wenn nicht auch Russland Aufmerksamkeit zuteilwürde. Im Zuge seiner territorialen Expansion in Richtung auf das Kaspische und das Schwarze Meer wurde das Zarenreich seit dem 18. Jahrhundert auch zu einem Akteur im Vorderen Orient. Bis zu dessen Ende rang es mit dem Osmanischen Reich um die Vorherrschaft im Raum des Schwarzen Meeres und der Meerengen zum Mittelmeer, mit dem britischen Empire in Persien und Afghanistan um die Abgrenzung von Macht- und Einflusszonen. Seit dem Vertrag von Küςük Kaynarca (1774; im Nordosten des heutigen Bulgarien gelegen) als Schutzmacht der orthodoxen Christen anerkannt, wetteiferte Russland mit anderen europäischen Großmächten um Mitbestimmung über das Schicksal des Osmanischen Reichs. In Zentralasien und im Kaukasus waren Millionen von Muslimen Bürger des russischen Reichs. Unter ihnen kam es im 19. Jahrhundert zu Erneuerungsbewegungen, die – nicht zuletzt über Aserbaidschan – in den benachbarten islamischen Raum ausstrahlten. Auch die bolschewistische Revolution vom Oktober/November 1917 und ihre Folgen haben ideologische und politische Kräfte freigesetzt, die über weite Strecken des 20. Jahrhunderts die Geschicke aller Völker des Nahen Ostens und Nordafrikas mitbestimmt haben. Die Türkei, Iran und Afghanistan waren die ersten Staaten, mit denen der junge Sowjetstaat 1921 Verträge abschloss. In Gestalt der Sowjetunion hat Moskau nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die machtpolitische Rolle des Zarenreichs im Nahen und Mittleren Osten fortgesponnen.

Der rote Faden der Darstellung ist die Frage nach den geschichtlichen Zusammenhängen und Abläufen, die in die komplexe Konfliktlage der Gegenwart mündeten. In immer dichterem Rhythmus und mit wachsender Zerstörungskraft treiben die Ereignisse seit den zeitgleichen Revolutionen in Teheran und Kabul (1978/79) den Vorderen Orient in den show down, der von der Ausrufung des »Islamischen Kalifats« (2014) markiert wird. Externe Interventionen in Afghanistan, im Irak, in Jemen, Syrien und Libyen verschärfen interne Konfliktkonstellationen.

Diese neueren Entwicklungen aber sind als Fortsetzung und Ergebnisse revolutionärer Umbrüche zu verstehen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihren Anfang nahmen. Das gilt für die Verfassungsrevolution in Iran (1906), das Vorspiel zu der Revolution, die siebzig Jahre später in der Errichtung einer »Islamischen Republik« mündete. Es gilt aber auch für die Revolution der »Jungtürken«, in der es ebenfalls um die (Wieder-)Einführung einer Verfassung ging. Sie konnte aber den Niedergang des Osmanischen Reichs nicht aufhalten, dessen Ende dann das Tor zu einer weitreichenden Neuordnung des Vorderen Orients öffnete. Diese freilich entsprach nur zum Teil den Vorstellungen und Wünschen der Völker, weshalb sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs neue Eliten gegen sie auflehnten und nach Lösungen suchten, die im Einklang mit dem Willen und dem Selbstverständnis der Völker stehen würden.

1 Das 18. Jahrhundert – Vorabend der Neuzeit

Für den Nahen und Mittleren Osten bedeutet das 18. Jahrhundert einen Zeitraum des Übergangs. In ihm werden die Weichen für seinen Eintritt in die Neuzeit gestellt. Die beiden Mächte, die über Jahrhunderte die Geschichte geprägt haben, haben längst an Vitalität verloren. Das Safawidenreich erlischt 1722. Auf seinem Boden schaffen lokale »Condottieri« Staatswesen, die ihre Gründer kaum überleben. Erst gegen Ende des Jahrhunderts entsteht mit der Dynastie der Qadscharen ein dauerhafter und relativ stabiler iranischer Staat. Das Osmanische Reich ist mit der gescheiterten zweiten Belagerung von Wien (1683) in eine Epoche fortschreitender äußerer und innerer Schwäche eingetreten. Es verliert zunehmend an machtpolitischem Gewicht. Mit der »orientalischen Frage« verbindet sich der Ausgang des Ringens der europäischen Mächte um die Aufteilung des Erbes des Reichs. Unter den Vorzeichen dieses Ringens ist der Gang der Geschichte seit dem Ende des Jahrhunderts verlaufen.

Neben der politischen Macht ist zugleich die wissenschaftlich-technologische und wirtschaftliche Überlegenheit unabweisbar, welche die Grundlage der europäischen Expansion werden sollte. Damit ist für die islamisch geprägten Völker die Frage aufgeworfen, was die Gründe für die Unterlegenheit sind. Neben der Herausforderung zu politischer Selbstbehauptung stellt sich die Herausforderung der geistigen Modernisierung. Für die Menschen im Raum zwischen Marokko und dem Hindukusch beginnt die Suche nach einer Identität, in der die Tradition, und d. h. wesentlich die islamische Religion, und europäische geprägte Normen und Institutionen koexistieren. Diese Frage nach der Identität sollte über zwei Jahrhunderte unterschiedlich beantwortet werden und ist selbst in der Gegenwart noch die Wurzel für nicht nur geistig-kulturelle, sondern auch für politische Konflikte.

Mit der Schwäche der politischen Ordnungen im Vorderen Orient und Nordafrika gehen der machtpolitische und wirtschaftliche Aufstieg europäischer Mächte in der Region und deren immer nachhaltigere Einflussnahme auf die Mächtekonstellation im Nahen Osten einher. Am Ende des Jahrhunderts lässt die napoleonische Expansion nach Ägypten (1798) die politische, militärische und wirtschaftliche Überlegenheit der europäischen Mächte über das Osmanische Reich erkennen. Zugleich beginnen sich Frankreich, England und Russland immer stärker in die Innen- und Außenpolitik Persiens einzumischen. Mit dem Friedensschluss von Küςük Kaynarca 1774 und der Festigung seiner Machtstellung im südlichen Kaukasus ist auch Russland zu einer Nahostmacht geworden.

1.1 Der lange Niedergang der Osmanen

Im September 1683 musste der osmanische Feldherr Kara Mustafa Pascha die Belagerung Wiens abbrechen. Noch einmal hatte sich Konstantinopel angeschickt, seine Machtposition auf dem Balkan zu konsolidieren und auszuweiten. Am 13. Juli begann die Belagerung von Wien. In der Schlacht am Kahlenberg am 11. September versetzte eine Allianz europäischer Armeen den osmanischen Belagerern eine vernichtende Niederlage. Das war der Beginn einer Kette von Rückschlägen; und gegen Ende des 18. Jahrhunderts war unübersehbar, dass die osmanischen Heere ihre Überlegenheit und das Osmanische Reich seinen Schrecken verloren hatten.

Die gescheiterte Belagerung brachte einige grundlegende Tatbestände auf den Punkt, die die Stärke des Reichs strukturell unterminiert hatten. Mit dem Tod Sultan Süleymans »des Prächtigen« (1520–1566) hatte es den Zenit seiner politischen Machtentfaltung, wirtschaftlichen Stärke und kulturellen Schöpferkraft erreicht. Ein innerer Niedergang setzte ein, auch wenn dieser freilich im 17. Jahrhundert wiederholt von politischer Erholung unterbrochen war. Mit den Entdeckungen der Seewege zu den östlichen Teilen der Erde durch europäische Seefahrer seit dem Ende des 15. Jahrhunderts hatten sich die Handelsströme zu verändern begonnen. Die klassischen Handelsrouten zwischen Europa und dem Mittelmeer im Westen und Asien im Osten verloren an Bedeutung. Die Schwächung der ökonomischen Grundlage hatte die Schwächung der Zentralgewalt und mithin die Stärkung zentrifugaler Kräfte im Reich zur Folge. Die Verstrickung der Prinzen und Sultane in die Intrigen des Hofes und des Harems bedeutete einen Verlust an Führungsstärke, der nur epochenweise durch kraftvolle Persönlichkeiten unter den Großwesiren aufgewogen werden konnte. Zunehmend gerieten die Sultane auch unter den Einfluss der Janitscharen, einer Truppe, die zeitweise zur Soldateska degenerierte, die kaum noch von der politischen oder militärischen Führung kontrolliert werden konnte.

Der Niedergang des Osmanischen Reichs im Verlauf des 18. Jahrhunderts war ebenso wenig ein linearer Prozess wie die Gestaltung seiner Beziehungen zu Europa. Gelegentliche militärische Siege und innere Reformen schienen den Bestand des Reichs zeitweilig zu konsolidieren. Auch werden die Beziehungen zu den europäischen Mächten keineswegs durch politische und militärische Konflikte hinreichend beschrieben. Denn in Europa eröffnete das Schwinden der »türkischen« Bedrohung neue Perspektiven auf die osmanische und islamische Kultur. Wenige Jahre nach der gescheiterten Belagerung von Wien eroberten die Erzählungen von 1001 Nacht Europa im Sturm; 1704 erschien in Frankreich die erste Übersetzung in eine europäische Sprache. Denker und Dichter des 18. Jahrhunderts brachten ihre Kritik an den politischen und gesellschaftlichen Zuständen in Europa im Gegenbild »orientalischer« Zustände zum Ausdruck. In der berühmten Ringparabel in Lessings Drama »Nathan der Weise« schließlich werden Judentum, Christentum und Islam als gleichwertig beschrieben. Und in seinem »West-Östlichen Diwan« flüchtet sich der Dichter Goethe in den »reinen Osten, Patriarchenluft zu kosten«.

Auf der osmanischen Seite öffneten sich Hofkultur und Architektur europäischen Einflüssen. Die »Tulpenzeit« (lale devri) unter Ahmed III. (1703–1730) war gekennzeichnet durch einen kultiviert-verschwenderischen Lebensstil. Man vertrieb sich die Tage mit Schach und Muschelspiel, ergötzte sich an Poesie und Musik. Zu den Glanzleistungen höfischer Selbstdarstellung zählte die Gartenbaukunst. Neue farbenprächtige Tulpenarten wurden gezüchtet. Wie auch im zeitgenössischen Europa wurden für Tulpenzwiebeln teilweise kleine Vermögen ausgegeben. Auch in die Architektur drangen europäische Stilelemente ein. Nach dem Muster von Versailles wurden märchenhafte Paläste und Gärten angelegt. Moscheen wurden durch europäisch-barocke Stilelemente geschmückt. 1727 wurde durch den ungarischen Renegaten Ibrahim Müteferrika offiziell der Buchdruck eingeführt. Die zahlreichen in der Folgezeit gedruckten Werke trugen nicht unwesentlich zu einem neuerlichen kulturellen Aufblühen des politisch niedergehenden Reichs bei. Aber diese lichten Momente im Prozess des Niedergangs konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass Kreativität und Originalität der osmanisch-islamischen Kultur der Vergangenheit angehörten.

Die Absetzung Ahmeds III. markiert das Ende sowohl der nach außen scheinbar so idyllischen Atmosphäre im Reich als auch der entspannten wechselseitigen Begegnung mit den europäischen Mächten. In den von zahlreichen Kriegen – vor allem gegen Russland und Österreich – gekennzeichneten Jahrzehnten danach hatte das Osmanische Reich trotz einiger Verluste seinen Bestand im Großen und Ganzen noch halten können. Erst mit dem Frieden von Küςük Kaynarca, der einen 1768 mit Russland ausgebrochenen Krieg beendete, musste es territoriale Einbußen und Demütigungen hinnehmen, die seinem Status als eine den europäischen Mächten ebenbürtige Großmacht ein unwiderrufliches Ende bereiteten. Die Hohe Pforte – so benannt nach dem Tor zum Sitz des Großwesirs in Konstantinopel – musste sich bereit erklären, das Khanat der islamischen Krimtataren in die »Unabhängigkeit« zu entlassen (womit es unter den Einfluss des Zarenreichs geriet). Unmittelbar nach diesem Ereignis fielen der Landstrich zwischen Bug und Dnjepr sowie mehrere Festungen (unter ihnen Asow) und ein großes Gebiet im nördlichen Kaukasus (die sog. Kabardei) unter russische Kontrolle. Dem Gesandten des Zaren in Konstantinopel wurde das Recht zugesprochen, bei der Pforte die Belange der Donaufürstentümer Moldau und Walachei zu vertreten. Ferner musste die osmanische Staatsführung Russland ein Schutzrecht für die orthodoxen Christen auf osmanischem Territorium einräumen. Ähnlich war bereits früher – in der »Kapitulation«4 von 1740 – Frankreich die Schutzherrschaft über die Katholiken und die mit Rom unierten lokalen christlichen Religionen des Reichs zugestanden worden. Zu diesem Zweck erhielt Russland das Recht, überall im Osmanischen Reich Konsulate einzurichten. Russland durfte auf dem Schwarzen Meer eine Handelsflotte unterhalten, die die Meerengen Bosporus und Dardanellen ungehindert passieren konnte.

Angesichts der mit dem Friedenvertrag sichtbar werdenden Schwäche des Reichs schien dessen anhaltender Zerfall programmiert. Wenn sich dieser noch fast anderthalb Jahrhunderte hinzog, war das nicht zuletzt den Rivalitäten geschuldet, die zwischen den vier europäischen Großmächten: England, Frankreich, Österreich-Habsburg und Russland hinsichtlich der Verteilung des Fells des Bären bestanden. Die »orientalische Frage« war gestellt; um ihre Antwort sollte bis zum Ende des Reichs gerungen werden. Auf der anderen Seite aber hat die osmanische Staatsführung immer neue Anläufe unternommen, das Reich auf allen Gebieten zu modernisieren, die ihr mit Blick auf dessen Überleben gegenüber dem Andringen der


Abb. 1: Die »Hohe Pforte« (Bab-ı ali), der Eingang zum Amtssitz des Großwesirs in Konstantinopel, zur Zeit Mahmuds II.

europäischen Mächte geboten erschienen. Insofern ist die Geschichte des Osmanischen Reichs zwischen 1774 und 1918 mehr als nur ein Abgesang. Sie lässt vielmehr erkennen, ein wie hohes Maß an Selbstbehauptungswillen sowie an Kraft zu Erneuerung und Veränderung in Staat und Gesellschaft noch steckten.

Mit dem Verlust der Herrschaft über die muslimischen Krimtataren begann die Staatsführung, die islamische Dimension in der Stellung des Großherrn aus der Familie Osman zu entdecken. Sie besann sich auf den Tatbestand, dass Selim I. (1512–1520) bei seiner Eroberung von Kairo (1517) die Würde des Kalifen, d. h. des geistig-religiösen Oberhaupts der Muslime, angenommen hatte. Nach der Eroberung Bagdads, der Hauptstadt des abbasidischen Kalifats, durch die Mongolen (1258) hatte ein Schattenkalifat in Kairo überlebt, das nun auf den neuen Herrscher überging. Zunächst sollte der Kalifenwürde in der Politik der Osmanen keine signifikante Bedeutung beigemessen werden. Mit dem Verlust immer weiterer muslimischer Teile des Reichs konnte über diese jedoch immerhin eine spirituelle Verbindung zu den ehemaligen Untertanen des Sultans aufrechterhalten werden. Wie noch darzustellen sein wird, ließ sich die Beschwörung des Kalifats instrumentalisieren, um politische Machtansprüche zu legitimieren. Die Entscheidung des Parlaments der Türkischen Republik im März 1924, das Kalifat abzuschaffen, unterstrich schließlich noch einmal den besonderen Stellenwert dieser Institution – auch wenn sie zu diesem Zeitpunkt kaum mehr war als eine leere Hülle in Gestalt einer historischen Reminiszenz – in der Geschichte des Nahen Ostens im 20. Jahrhundert. Damit war definitiv die islamische Staatsidee durch europäisch-nationalstaatliche politische Ordnungsvorstellungen abgelöst.

1.2 Persische Wirren

Auch für Iran5 ist das 18. Jahrhundert eine Epoche des Übergangs. »Persien auf dem Weg in die Neuzeit« hat Hans Robert Roemer seine »Iranische Geschichte von 1350–1750« überschrieben. 1501 hatte sich Isma’il (1487–1524) zum Schah über das Land – mit der Hauptstadt Täbris – erklärt. Er entstammte dem turksprachigen sufischen (d. h. islamisch-mystischen) Orden der Safawiyya6 im aserbaidschanischen Ardabil, der sich im Laufe des 15. Jahrhunderts zunehmend der schiitischen Glaubensrichtung zugewandt hatte. Mit seiner Machtübernahme setzte Isma’il eine umfassende Schiitisierung des Landes ins Werk: Das Bekenntnis zur Zwölfer-Schi’a, dem Hauptstrom unter den Varianten des schiitischen Islams, sollte das bestimmende Merkmal der Identität der Untertanen des safawidischen Reichs werden. (Unterschiedliche Ausprägungen der türkischen Sprachfamilie blieben – von kurzen Perioden abgesehen – bis 1925, dem Ende der Qadscharen-Dynastie, die Sprache der herrschenden Dynastien.)

Mit der Dynastie der schiitischen Safawiden war den Osmanen nicht nur ein politischer Gegner, sondern auch ein religiöses und kulturelles Widerlager erwachsen. Namentlich unter den turkmenischen Nomaden in Ostanatolien hatte die junge Dynastie eine beträchtliche Anhängerschaft. Als die Aufstände und Unruhen dort für die osmanische Herrschaft bedrohlich zu werden begannen, holte Sultan Selim (1512–1520) zum Schlag gegen sie aus. Schah Isma’il eilte der bedrohten Anhängerschaft zu Hilfe. Am 23. August 1514 kam es bei der ostanatolischen Ortschaft Çaldıran zur Schlacht: Sie endete mit einer vernichtenden Niederlage für den iranischen Herrscher. Isma’il überlebte das Desaster und konnte bis zu seinem Tode seine Herrschaft konsolidieren. Als er starb, war Iran in etwa (von Teilen Aserbaidschans und Khorasans abgesehen) in der bis heute gegebenen territorialen Gestalt entstanden. Anders als die neue Staatenwelt des Nahen Ostens, die nach dem Ende des Osmanischen Reichs (1918) wesentlich von den europäischen Mächten vorgezeichnet worden ist, hat Iran eine jahrhundertelange Tradition der Staatlichkeit in den bestehenden Grenzen.

Als Ergebnis der Schlacht von Çaldıran waren die Grenzen auf dem anatolischen Hochland weitgehend abgesteckt. Zugleich aber war damit die Grundlage für eine religiös-»systemische« Rivalität gelegt: Das vom Sultan (Kalifen) regierte Osmanische Reich stand für die sunnitische »Katholizität«, die Herrscher Irans für den schiitischen Legitimitätsanspruch (welcher freilich seit seinen Anfängen im 7. Jahrhundert durch die Geschichte hindurch eher die Rolle des Herausforderers gespielt hatte). In der Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts hat das kaum eine Rolle gespielt. Erst mit der Gründung der Islamischen Republik Iran (1979) sollte diese religiöse Dichotomie die Politik im Nahen Osten gelegentlich wieder konfessionalistisch einfärben.

Nur einmal kam es in späteren Kriegen zu einer wesentlichen territorialen Verschiebung zwischen den beiden Staaten: 1534 eroberten die Osmanen Bagdad und das Zweistromland bis Basra. Zwar war es den Schiiten Irans gestattet, die Heiligtümer in Kerbela und Nadschaf, den nach Mekka und Medina heiligsten Plätzen ihres Glaubens, zu besuchen. Mit der osmanischen Herrschaft aber begann eine jahrhundertelange Ära der Marginalisierung der Schiiten im Zweistromland. Und auch noch die Briten setzten nach dem Ersten Weltkrieg auf die arabischen Sunniten als staatstragende politische und gesellschaftliche Schicht, obwohl sie im 19. Jahrhundert zu einer religiösen Minderheit geworden waren. Erst nach dem Sturz des Diktators Saddam Husain durch die amerikanische Intervention 2003 sollten die arabischen Schiiten die Macht in Bagdad übernehmen. (Damit wuchs auch wieder der Einfluss des schiitischen Iran im Zweistromland.)

Schah Sultan Husain (reg. 1694–1722) war der letzte Herrscher der Safawiden. Harte steuerliche Belastung namentlich der ländlichen Bevölkerung in Verbindung mit einer rigorosen Durchsetzung der Schi’a nicht zuletzt in den – sunnitischen – afghanischen Teilen des Reichs führten zu verbreiteten Unruhen. Der Todesstoß kam vonseiten des afghanischen Stammes der Ghilzai aus den Gebieten um Kandahar. Unter der Führung von Mir Mahmud eroberten sie 1722 Isfahan, seit Schah Abbas (1587–1629) Hauptstadt des safawidischen Reichs. Schah Sultan Husain wurde abgesetzt. Ein kurzes Interregnum sunnitischer Herrschaft setzte ein.

In der Ära der Safawiden sind weitreichende Weichenstellungen in der Geschichte Irans auf dem Weg in die Neuzeit vorgenommen worden. Die trostlosen Verhältnisse bei deren Untergang dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass wichtige Voraussetzungen der Neuzeit Persiens auf sie zurückgehen: so das Persische als Amtssprache (während ein türkisches Idiom die Umgangssprache unter der Herrscherfamilie blieb), die heutigen Staatsgrenzen, das Bekenntnis zur Zwölfer-Schi’a, die bis 1979 bestehende monarchische Staatsform, das architektonische und städtebauliche Gesicht urbaner Zentren, der Zentralismus der staatlichen Verwaltung, die Symbiose der Persisch sprechenden Bevölkerung mit starken Minderheiten nichtpersischer, vor allem türkischer Zunge sowie das Bündnis zwischen der schiitischen Geistlichkeit und den Basarkaufleuten.

Tatsächlich ist die Zwölfer-Schi’a7 unter Schah Isma’il, dem Begründer der safawidischen Dynastie, zur Staatsreligion Irans gemacht worden. Damit war der Grundstein für den starken Einfluss gelegt, den die schiitischen Theologen in der Folgezeit, namentlich auch im 19. Jahrhundert (und dann wieder im Gefolge der Machtübernahme Ayatollah Khomeinis in der Islamischen Republik, S. 445) ausüben sollten. Seit dem 13. Jahrhundert lag die Kernfunktion ihres Wirkens in der Befähigung zum idschtihad, d. h. in der selbstständigen Rechtfindung auf dem Weg rationaler Auslegung des Korans und der Prophetenüberlieferungen. (Der Titel eines zum idschtihad befähigten Geistlichen ist der diesem Begriff verwandte mudschtahid.) Der 12. Imam – als der noch verborgene Souverän – würde eines Tages als Erlöser (mahdi) eine endgültig gerechte und legitime Ordnung auf Erden errichten. Aber in der Zeit seiner Abwesenheit würde es eben an den Theologen sein, den Gläubigen in ihrem persönlichen wie öffentlichen Leben die rechte Leitung zu vermitteln. Solange die Safawiden selbst ihre Macht aus einer unmittelbar göttlichen Legitimation ableiteten, waren die Herrscher die höchste irdische Autorität. Unter Abbas I. hat die Macht der Safawiden als gottgesandtes Königtum ihren Höhepunkt erfahren. Mit seinem Tode setzte eine lange Phase der Schwäche der Herrscher ein; daraus resultierte die Stärkung des Einflusses der Geistlichkeit auf deren Entscheidungen. Unter den Qadscharen (1796–1925) sollten daraus zeitweilig politische Konflikte zwischen Teilen des Klerus und den Herrschern erwachsen.

Wie im Osmanischen Reich hatten sich auch in Persien seit dem Ende des 16. Jahrhunderts die kulturellen Kontakte zu Europa intensiviert. So erfahren wir von Gesandtschaften Ludwigs XIV. und Peters des Großen im Jahre 1708 und 1715. Auch Persien seinerseits entsandte diplomatische Missionen u. a. nach Frankreich. Mochten diese Unternehmungen auch in erster Linie Handelsinteressen entspringen, so hatten sie doch zugleich eine Bedeutung für die kulturelle, vor allem für die künstlerische Entwicklung des Landes. Mit ihnen kamen abendländische ästhetische Ideen nach Persien, auch Künstler und Handwerker. In der Malerei ist dies besonders augenfällig.

1722 endete die safawidische Ära. Die Herrschaft afghanischer Stämme, die ihr ein Ende bereitet hatten, sollte indessen nicht von langer Dauer sein. Nadir Khan, 1688 in der nordöstlichen Provinz Khorasan geboren, wurde der neue starke Mann in Iran. Ein militärischer Abenteurer – in heutiger Terminologie ein warlord (er hatte in den mächtigen Stamm der Afschar eingeheiratet) –, gab er zunächst vor, im Namen eines safawidischen Thronanwärters zu kämpfen – so nannte er sich zunächst Tahmasp quli Khan (»Sklave des [safawidischen] Tahmasp«). Auf diese Weise gelang es ihm, eine starke Streitmacht gegen die Invasoren zu mobilisieren. 1729 wurden die Afghanen aus Isfahan vertrieben. Osmanische Versuche, Teile Aserbaidschans zu besetzen, wurden zurückgeschlagen. 1736 gab Nadir den Vorwand auf, für die safawidische Sache zu kämpfen, und ließ sich selbst zum Schah ausrufen; Nadir Khan stieg zu Nadir Schah auf.

Nadirs Herrschaft war kriegerisch geprägt. In unablässigen Feldzügen eroberte er umfangreiche Gebiete in Afghanistan und im Nordwesten Indiens. Mit den militärischen Anstrengungen freilich gingen keine Bemühungen einher, die administrativen und finanzpolitischen Grundlagen für eine neue Staatsbildung zu schaffen. Die Ausgaben für seine riesige Armee wurden mit Einnahmen gedeckt, die aus dem Volk gepresst wurden. Willkürherrschaft und exzessive Besteuerung führten schließlich zu Unruhe unter der Bevölkerung. 1747 wurde er ermordet; damit war der rasche Zerfall seines Erbes eingeleitet.

Auch die folgende Herrschaft war nur von kurzer Dauer. Aus den Machtkämpfen ging 1758 Karim Khan Zand als Herrscher hervor – nach über siebenhundertjähriger turk- oder mongolischstämmiger Herrschaft zum ersten Mal wieder ein Herrscher persischer Herkunft. Karim Khan machte Schiraz zu seiner Hauptstadt. Auch er gab vor, für einen safawidischen Prätendenten zu kämpfen. So bezeichnete er sich auch nicht als Schah, sondern lediglich als wakil (»Stellvertreter«; auch wakil ar-ra’aya, Vertreter des Volkes). Nach den unruhigen und wirtschaftlich ruinösen Jahren der Herrschaft Nadirs konzentrierte er sich auf die materielle Entwicklung des Landes. Eine maßvolle Besteuerung und die Förderung der Landwirtschaft führten zu einer spürbaren Hebung des Lebensstandards der Untertanen. Unter seiner Herrschaft kam es auch zu weiteren Kontakten mit europäischen Handelsmächten, namentlich den Niederlanden und England. Mit seinem Tod 1779 endete die kurze friedliche Epoche: Unter seinen Brüdern und Verwandten brachen Machtkämpfe aus.

Karim Khan Zand freilich war es nicht erspart geblieben, seine Herrschaft gegen innere und äußere Gegner behaupten zu müssen. Unter ihnen waren die turksprachigen Qadscharen, deren Siedlungsgebiete sich in Mazandaran im Nordosten Persiens befanden. Aus den Kämpfen um die Nachfolge Karim Khans ging Agha Muhammad Khan Qadschar als Sieger hervor. Er wurde der Gründer einer Dynastie, mit deren Namen der Eintritt Persiens in die Neuzeit verbunden ist. Nach einem Jahrhundert von Zerfall, gefolgt von kurzlebiger Neugründung der zentralen Staatsmacht begründete Muhammad Khan 1796 eine Dynastie von beachtlicher Dauerhaftigkeit. Unter ihr sollte ein tiefgreifender Wandel von Staat und Gesellschaft einsetzen.

1.3 Afghanistan – ein neuer Staat entsteht

Die Anfänge der Staatlichkeit Afghanistans gehen auf die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts zurück. Freilich, die Erhebung der Ghilzai gegen die Safawiden kann noch nicht als eine Art erster Schritt in Richtung auf die Entstehung eines eigenständigen Staatswesens auf afghanischem Territorium gewertet werden. Dies geschah erst Jahrzehnte später. Durch die Geschichte war das Land am Hindukusch, für das im 19. Jahrhundert die Bezeichnung »Afghanistan« aufkam, abwechselnd der östliche Teil der einander ablösenden Staaten auf dem Boden Persiens, bzw. der westliche Teil zentralasiatischer Reiche oder das nordwestliche Glacis von auf indischem Boden errichteten Herrschaften gewesen. Stets aber befanden sich Teile des Landes in den Händen von mächtigen und selbstständigen Stämmen und Stammesverbänden. Wie auch noch in der Gegenwart bildeten unter ihnen die Paschtunen die größte Gruppe. Die Stammeskonföderationen der Abdali in Südwestafghanistan und der Ghilzai in Südostafghanistan vereinten jeweils mehrere der großen Stämme. Sie sind überwiegend Sunniten, Paschtu ist ihre Sprache. Die zahlenmäßig zweitgrößte Volksgruppe stellten die Tadschiken. Diese Bezeichnung wird bis heute für alle Persisch sprechenden Sunniten und jene Teile der Bevölkerung verwendet, die sich keiner ethnischen Kategorie zuordnen lassen. Weitere größere Gruppen waren die turko-mongolischstämmigen schiitischen Hazara sowie Usbeken, Turkmenen und Belutschen.

Die Kämpfe um die Nachfolge Nadir Schahs und die fortschreitende Schwäche der Mogulherrschaft in Indien ließen in Afghanistan ein politisches Vakuum entstehen. Damit war Raum für eine eigenständige Staatsgründung zwischen Iran, dem indischen Subkontinent und dem Kaleidoskop staatlicher Gebilde in Zentralasien entstanden. Noch im Jahr 1747 wählte die herkömmliche Versammlung paschtunischer Stämme, loya jirga (dschirga), bei Kandahar Ahmad Khan (geb. 1722) zum ersten »König der Afghanen«. Er entstammte dem Zweig der Sado innerhalb der Stammeskonföderation der Abdali. Unter Nadir Schah hatte er dessen Leibgarde befehligt und sich als Feldherr einen Namen gemacht. Seinen Beinamen, durr-e daran (»Perle der Ländereien«), den er während dieser jirga erhalten haben soll, soll er eigenmächtig in den Titel durr-e durran (»Perle unter Perlen«) umgewandelt haben. Damit habe er seine bescheidene Stellung als primus inter pares zum Ausdruck bringen wollen. Aus dieser Selbstbezeichnung sollte sich künftig der Name der ganzen Stammesföderation der Abdali ableiten: Durrani. Die loya jirga von 1747 gilt in der nationalafghanischen Geschichtsschreibung als der Beginn des afghanischen Staates. Andere Quellen freilich wissen nichts von einer loya jirga, sondern beschreiben die Machtübernahme Ahmad Khans als Ergebnis kühner Machtpolitik.

Ahmad Schah Durranis Herrschaft ist durch eine endlose Folge von Kämpfen und Kriegen gekennzeichnet. Als er 1772 starb, erstreckte sich »afghanisches« Territorium nahezu auf das gesamte Gebiet zwischen dem Amu-Darya und dem Indischen Ozean sowie zwischen Delhi und Nischapur. Er hatte keine verbindliche Regelung seiner Nachfolge getroffen, so dass unter seinen Söhnen ein Kampf um die Nachfolge entbrannte. Auch hinterließ er kein gefestigtes, zentral regiertes Staatswesen; sein »Reich« entsprach einem lockeren Herrschaftsverbund paschtunischer und nicht-paschtunischer Stämme, die er nur indirekt beherrschte. Timur Schah (1748–1793), einer seiner Söhne und sein Nachfolger, konnte das Reich nur notdürftig zusammenhalten. Er verlegte die Hauptstadt nach Kabul. An der Wende zum 19. Jahrhundert bestiegen gleich mehrere Herrscher wiederholt den Thron. Das Durrani-Reich zerfiel in einzelne Machtzentren wie Herat, Kandahar und Peschawar, die Kabul herausforderten.

1823 war die Herrschaft der Sadozai erloschen. An ihrer Stelle etablierte sich eine andere Linie der Durrani-Föderation: die Mohammedzai. Dost Mohammed (geb. 1793), der 1826 Kabul und die angrenzenden Gebiete eroberte, wurde ihr erster Herrscher. Es gelang ihm, die staatliche Gewalt wieder zu stabilisieren; 1834 erhielt er in Kabul den Titel Emir. Dann zogen dunkle Wolken in Gestalt des sich verschärfenden britisch-russischen Gegensatzes über dem Land auf. Davon wird weiter unten zu sprechen sein. Nach dem Scheitern der ersten Invasion der Briten (1839–1842, S. 71) übernahm Dost Mohammed 1843 abermals die Herrschaft. In zahlreichen Feldzügen unterwarf er sich Teile »Afghanistans«, die zum Teil seit dem Ende der Sadozai ein politisches Eigenleben geführt hatten. Bei seinem Tode im Jahre 1863 hatte er das Land wiedervereinigt. Erst nach einem Jahrhundert, das über weite Strecken durch äußere Einmischung und innere Machtkämpfe gekennzeichnet sein sollte, wurde der Herrschaft der Durrani 1973 ein Ende bereitet.

1.4 Russlands Eintritt in den Vorderen Orient

Der nordwestliche Rand des Nahen Ostens wird durch den Gebirgszug des Kaukasus markiert. Durch die Geschichte hindurch ist er Schauplatz machtpolitischen Ringens unter den großen Mächten im Vorderen Orient gewesen. Um die Zeitenwende kämpften Römer und Perser dort um die Vorherrschaft. Im 7. Jahrhundert brachten arabische Heere den Islam in einen Raum, in dem sich früh unterschiedliche Ausformungen des Christentums ausgebreitet hatten. Seit dem 11. Jahrhundert begannen seldschukische Türken in die Region einzudringen. Neben Georgiern und Armeniern wurden sie eine – bis in die Gegenwart präsente – dritte die Geschichte des südlichen Kaukasus bestimmende Ethnie. Seit dem 16. Jahrhundert rivalisierten das Osmanische und das Safawidische Reich um die Kontrolle der gebirgigen Region, die zugleich eine Brücke zwischen dem Vorderen Orient und Zentralasien darstellt. Neben dem georgischen Königreich war die politische Landschaft durch zahlreiche meist von muslimischen Kleinfürsten beherrschte »Khanate« gekennzeichnet.

Ende des 18. Jahrhunderts betrat mit Russland eine neue Großmacht die machtpolitische Bühne. Der Friede von Küςük Kaynarca (1774), der den fünften osmanisch-russischen Krieg beendete, hatte die Voraussetzung für die Annektierung der Krim und die Ausweitung der russischen Herrschaft über die nördliche Küste des Schwarzen Meeres unter Katharina II. (reg. 1762–1796) geschaffen. Damit aber war zugleich das Tor zum Kaukasus geöffnet worden. Zwar sollte dieser Raum – namentlich der südliche Kaukasus mit den heutigen Staaten Georgien, Armenien und Aserbaidschan – als solcher mit Blick auf das politische Geschehen im Nahen Osten kaum eine signifikante Rolle spielen, aber mit dem Vordringen Russlands dort wurde er ein Schauplatz, auf dem und über den die zaristische Macht ihren Anspruch anmeldete, ein Mitspieler im Nahen und Mittleren Osten zu sein. Früher als andere europäische Mächte, insbesondere England, Frankreich oder Habsburg, hat Russland, ausgehend von seinen Eroberungen im südlichen Kaukasus, territoriale Ansprüche auf Gebiete des Osmanischen Reichs und Persiens erhoben und durchgesetzt. Und auch unter dem Aspekt der geistig-kulturellen Entwicklung sollte der schrittweise vollzogenen Vereinnahmung der kaukasischen Region durch Russland eine Bedeutung für den angrenzenden Vorderen Orient zukommen: Von den Muslimen im Zarenreich – in Zentralasien und im Kaukasus, namentlich an der Wolga und im multiethnischen und multikulturellen Tiflis (Tbilisi) und Baku – sind Impulse der Modernisierung auf die nahöstliche Nachbarschaft im Osmanischen Reich und in Persien übergesprungen.

Mit der Gründung der Sowjetunion zu Beginn der 1920er Jahre war Moskau mit den Entwicklungen und Problemen im Inneren des sozialistischen Riesenreichs weitgehend absorbiert und seit 1941 auf den Krieg gegen Nazideutschland ausgerichtet. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aber begann die Kremlführung, wieder expansionistisch zu denken: Mit Blick auf den Nahen Osten war das gegenüber der Türkei, Iran und in den achtziger Jahren gegenüber Afghanistan der Fall. Die Politik des russischen Präsidenten Vladimir Putin (Beginn seiner ersten Präsidentschaft: 2000) in der Krise um Syrien nach 2011 kann man als Reflex der langen Tradition Russlands als Nahostmacht verstehen. Die Tatsache schließlich, dass die ideologischen Wurzeln nicht weniger Aktivisten der zionistischen Bewegung in linksrevolutionären Vereinigungen im Zarenreich des ausgehenden 19. bzw. frühen 20. Jahrhunderts lagen (dazu gehörten auch Teile Polens und Litauen), hat in Moskau zunächst Erwartungen genährt, den jungen Staat Israel in sowjetische Interessen im Nahen Osten einbinden zu können.

Im Rückblick muss wenigstens beiläufig an die Herrschaft der mongolischen Goldenen Horde seit 1237 erinnert werden, deren Territorium mit der Hauptstadt Sarai an der unteren Wolga große Teile der südrussischen Steppe umfasste, deren Bevölkerung, namentlich der türkisch-tatarische Teil, sich zur islamischen Religion bekannte. Das Khanat, dem auch das Großfürstentum Moskau tributpflichtig war, hatte fast zweieinhalb Jahrhunderte Bestand. Im Verlauf des 15. Jahrhunderts spalteten sich die Khanate Kazan (1438), Krim (1441) und Astrachan (1485) von der Goldenen Horde ab. Diese selbst fand erst 1502 ihr definitives Ende. Die Eroberung von Kazan an der mittleren Wolga 1552 durch Ivan IV. (»der Schreckliche«, rus. grozny, 1530–1584) besiegelte die Unterwerfung des Khanats der Tataren unter die Herrschaft des Moskauer Reichs.

Mit Peter dem Großen (1672–1725) wurde der Zugang zum Kaspischen und Schwarzen Meer Ziel russischer Expansionspolitik. Dabei ging es zunächst vornehmlich um Handelsinteressen: Der Zar suchte eine Landverbindung zum indischen Subkontinent. Nach Lage der Dinge bedeutete das, dass Russland zunehmend in Gebiete vordrang, die zum Teil islamisch geprägt waren. Vor allem die westlich und nördlich an das Schwarze Meer angrenzenden Gebiete standen in teils engerer teils lockerer Anbindung an das Osmanische Reich. In den Gebieten östlich des Schwarzen Meeres und im Kaukasus rivalisierte das Zarenreich mit den Staatsbildungen auf persischem Boden. Die Eingliederung muslimischer Territorien im Zuge des Vordringens in Richtung auf das Schwarze Meer musste Russland mithin früher oder später in offenen Konflikt mit den muslimischen Herrschern bringen. Die erste Etappe auf dem Weg Russlands zum Schwarzen Meer war die osmanische Festung Asow: Zar Peter eroberte sie 1696. Seit 1714 wurden wiederholt Expeditionen, Gesandtschaften oder als Handelsreisen getarnte Erkundungsfahrten in den Raum des Kaspischen Meeres und nach Zentralasien unternommen. 1717 kam ein Handelsvertrag mit dem – noch safawidischen – Persien zustande. Nach Beendigung des Nordischen Krieges (1721) wurden diese ersten kommerziellen Kontakte militärisch ausgebaut und gefestigt. Dabei profitierte der Zar von den Turbulenzen im Gefolge des Endes der Safawiden-Herrschaft. Derbent fiel im August 1722; gegen Ende des Jahres wurde die Provinz Gilan besetzt, im Juli 1723 Baku erobert. In einem Vertrag, den der persische Unterhändler im September 1723 mit der russischen Regierung in St. Petersburg abschloss, wurden Derbent, Baku und die am südlichen Ufer des Kaspischen Meeres gelegenen Provinzen Gilan, Mazandaran und Astarabad Russland zugesprochen. Letztere war der Stammsitz der turkmenischen Qoyunlu, aus deren Mitte gegen Ende des Jahrhunderts die Dynastie der Qadscharen hervorgehen sollte ( S. 58). Einer weiteren Ausdehnung der russischen Macht stand bis auf Weiteres noch das Osmanische Reich entgegen. Tatsächlich hatte Russland seine Kräfte überdehnt. Der gleichzeitige Kampf gegen den osmanischen Einfluss und das unter Nadir Schah wiedererstarkte Persien überforderte die russischen Ressourcen. 1735 gab Russland die Eroberungen in Persien auf. Bis zum Ende des Jahrhunderts sollte das linke Ufer des Flusses Terek, genauer: die befestigte Linie nördlich des Kaukasus und der beiden Kabardeien, die russische Südgrenze in der Kaukasusregion bilden.

Unter Katharina II. erlebten die Expansionspläne eine Neuauflage. Bereits ein Jahr nach ihrer Thronbesteigung wurde die Festung Mozdok errichtet und die »Kaukasische Linie« durch neue Kosakensiedlungen erweitert. Der damit beschleunigte Prozess der Siedlungskolonisation im Nordkaukasus schuf zugleich Ausgangspunkte für zukünftige Expansionen und militärische Machtausübung in Kaukasien. Eine weitere Folge war der Krieg gegen die Osmanen von 1768–1774, in dessen Verlauf russische Truppen in Richtung Tiflis vorstießen. In dem bereits genannten Friedensvertrag von Küςük Kaynarca wurde der Fluss Kuban als Grenze zwischen Osmanischem und Russischem Reich festgelegt und das Krimkhanat – als wichtigster Verbündeter der Osmanen in der Region – russischer Herrschaft einverleibt. Dann stagnierte die Expansion. Nunmehr waren es wiederum die Perser, die den Druck auf Georgien erhöhten, was König Irakli II. (reg. 1744–1798, Kartli und Kachetien) bewog, sich unter russischen Schutz zu stellen. Im Vertrag von Georgievsk von 1783 verpflichtete er sich, das russische Protektorat anzuerkennen und seine Streitkräfte in den Dienst des Russischen Reichs zu stellen. Russland garantierte die territoriale Integrität des georgischen Königreichs und versprach militärische und politische Hilfe gegen Bedrohungen von außen. Der Vertrag garantierte zugleich den königlichen Status der georgischen Bagratiden-Dynastie.

In der Folgezeit kam Russland seinen Verpflichtungen nicht nach. Im November 1783 marschierten zwar zwei russische Bataillone mit vier Kanonen in Tiflis ein, aber damit waren weder der Schutz der Stadt noch die russischen Ansprüche abgesichert. Und Russland stand abseits, als qadscharische Truppen unter Agha Muhammad Khan im Mai 1795 Tiflis stürmten und die Stadt fast völlig zerstörten. St. Petersburg reagierte mit einer Kriegserklärung, doch der Tod Katharinas und der Machtantritt Pauls I. (reg. 1796–1801) im November 1796 unterbrachen den Feldzug. Über die Winkelzüge Fath Ali Schahs im Zusammenhang mit der von Napoleon vom Zaun gebrochenen internationalen Krise wird unten gesprochen ( S. 61). Die Aktivierung der russischen Außenpolitik in diesem Zusammenhang sollte sich auch in den südlichen Regionen Kaukasiens auswirken: Am 18. Januar 1801 unterzeichnete Zar Paul I. das »Manifest zur Errichtung der russischen Herrschaft über das georgische Königtum«. Sein Tod am 12. März 1801 führte zunächst zu neuen Diskussionen über die weitere Vorgehensweise. Nach einigem Zögern bekräftigte Alexander I. (1801–1825) am 12. September 1801 in Moskau die Entscheidung seines Vorgängers, Ostgeorgien zu annektieren. Es wurde russisches Gouvernement; 1811 erlosch die Königsherrschaft in Georgien. Giorgi XII. war der letzte König.

Ausgehend von dort, erfolgte in den nächsten zweieinhalb Jahrzehnten die systematische Unterwerfung und Eingliederung südkaukasischer Gebiete. Im Laufe des 1804 ausbrechenden russisch-persischen Krieges verlor der Schah eine Reihe der Khanate auf dem Boden des heutigen Aserbaidschan sowie weitere Gebiete Georgiens: Im Friedensvertrag von Gulistan vom Oktober 1813 musste er die Zugehörigkeit der Gebiete von Karabach, Gändschä, Schäki, Schirvan, Derbent, Quba, Baku, Talysch, Dagestan, Imeretien, Gurien, Mingrelien und Abchasien zum russischen Reich anerkennen. Die Bemühungen des Schahs, die verlorenen Gebiete zurückzuerobern, verliefen kontraproduktiv: Im zweiten russisch-persischen Krieg von 1826 bis 1828 folgte die Eingliederung der Khanate Eriwan und Nachitschewan. Im Vertrag von Turkmentschai im Februar 1828 musste Persien seiner Ansprüche auf alle Gebiete nördlich des Aras entsagen. Tiflis war der Sitz der kaukasischen Statthalterschaft und das kulturelle Zentrum des Südkaukasus.

Abb. 2: Die russische Expansion im Kaukasus 1800–1864.

Die flächendeckende Beherrschung der transkaukasischen Gebiete machte schließlich auch die Unterwerfung des nördlichen Kaukasus und seines Vorlandes unumgänglich. Hatte man ursprünglich lediglich die Verbindung zwischen Tiflis und Russland in Gestalt der Georgischen Heerstraße, welche Ende des 18. Jahrhunderts gebaut worden war, sichern wollen, so begann 1817 die Unterwerfung der Völker des nördlichen Kaukasus zwischen dem Kaspischen und dem Schwarzen Meer. Sie sollte erst nach einem halben Jahrhundert zahlloser Feldzüge und einzelner militärischer Operationen abgeschlossen werden. Hintergrund des zähen Widerstands gegen die zahlen- und ausrüstungsmäßig überlegene russische Armee war die Tatsache, dass es zeitweise gelang, die ethnisch und sprachlich zersplitterten Bergvölker (rus. gorzy) zu gemeinsamem Handeln zusammenzuführen. Die »ideologische« Grundlage der Gemeinsamkeit war eine politisch und religiös militante Variante des sufischen Islam, wie er in den Gemeinschaften der Naqschbandiyya und Qadiriyya gepflegt wurde. Die Muriden, d. h. die »Eingeweihten«, sahen sich als verschworene Gemeinschaft jenseits der sie trennenden Unterschiede. Die gemeinsamen militärischen Operationen verstanden sie als ghazawat, als (islamische) Kriegszüge.

Unter den Führern ragt – neben anderen – Imam Schamil hervor. 1797 als Angehöriger des Stammes der Awaren in Dagestan geboren, hatte er eine herkömmliche islamisch-religiöse Ausbildung genossen. 1834 wurde er zum Imam unter den dagestanischen Muriden gewählt. Nach einer Reihe militärischer Erfolge begann er um 1840 mit dem Aufbau eines regelrechten Staatswesens, um dem Widerstand eine festere Grundlage zu geben. Das Kaukasische Imamat erhielt ein stehendes Heer, ein Postwesen, eine Steuerverwaltung und ein eigenes islamisches Gerichtswesen. Mit der Vernichtung eines gegen ihn entsandten großen russischen Heeres erlebte er 1845 den Höhepunkt seiner Macht. Dann sank sein Stern, nicht zuletzt auch deshalb, da Russland nach dem Ende des Krimkrieges (1853–1856) seine militärische Präsenz im Kaukasus stärken konnte. Im August 1859 ergab er sich einer russischen Übermacht. Nach Kaluga verbannt, unternahm er 1870 eine Pilgerreise nach Mekka und starb im März 1871 in der Nähe von Medina.

Nach dem Sieg über Schamil konnten die militärischen Anstrengungen im Nordwesten des Kaukasus verstärkt werden. Dort leisteten die Tscherkessen, Abchasen und andere kleinere Völker – außerhalb der muridischen religiös-politischen Struktur – weiterhin Widerstand. Hier nahm ein Krieg der verbrannten Erde besondere Grausamkeit an. 1860 fasste die russische Führung den Plan, einen Teil der Bevölkerung nach Kriegsende umzusiedeln bzw. ins Osmanische Reich zu vertreiben. Die Schätzung der von der Vertreibung Betroffenen schwankt stark: Die Zahlen liegen zwischen 500 000 und 1,5 Mio. Menschen, die in Anatolien, Syrien, Palästina, Ägypten, im Irak und anderswo angesiedelt wurden. Nach 1991 wurde der 21. Mai zum Gedenktag an die Vertreibungen: An diesem Tag des Jahres 1864 – nach dem alten julianischen Kalender – wurde der Krieg offiziell als beendet erklärt.

Zeitgleich mit den Kriegen im nördlichen Kaukasus vollzog sich die Expansion Russlands in Zentralasien. Ende des 19. Jahrhunderts hatte das Zarenreich eine gemeinsame Grenze mit dem gesamten Nahen und Mittleren Osten – von der Westküste des Schwarzen Meeres bis zur Nordostgrenze Afghanistans. Weiter nach Westen hin übte es zeitgleich – beginnend mit dem Freiheitskampf der Griechen in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts – einen erheblichen Einfluss auf das Streben der ethnisch slawischen bzw. religiös christlich-orthodoxen Völker auf dem Balkan nach Unabhängigkeit aus. Die Tatsache schließlich, dass Moskau seit dem 18. Jahrhundert die Rolle einer Schutzmacht der orthodoxen Christen reklamierte, ließ den Arm des Zaren bis tief in die arabischen Kerngebiete des Osmanischen Reichs hineinreichen. So war Russland im doppelten Sinn eine Nahostmacht geworden: Zum einen spielte es im Konzert der Großmächte einen gewichtigen Part, wenn es um Gebietsansprüche gegenüber den Nahostmächten bzw. um die Aufteilung politischer Einflusssphären ging. Zum anderen hat Moskau auch mit Blick auf innenpolitische Entwicklungen im Osmanischen Reich, in Iran und Afghanistan erheblichen Einfluss genommen. Bereits Mitte des 16. Jahrhunderts wurde mit den Tataren ein muslimisches Volk in den russischen Staat aufgenommen. Mit den Eroberungen in Zentralasien und im Kaukasus verstärkte sich der Anteil der Muslime an der Gesamtbevölkerung des Zarenreichs. Der Prozess der Integration in die russische Gesellschaft, die weithin europäische Züge aufwies, beflügelte die Diskussion um die Modernisierung des Islams insgesamt. Diese wiederum strahlte auf die Muslime im Nahen Osten aus ( S. 132). Eine besondere Nähe zwischen Russland und der muslimischen Nachbarschaft ergab sich im südlichen Kaukasus. Die geistige Elite unter den aserbaidschanischen Türken (sowie Georgiern und Armeniern), die seit Beginn des 19. Jahrhunderts in Russland vereinnahmt wurden, nahm an den Bestrebungen um die Modernisierung Russlands in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts teil. Dies blieb nicht ohne Auswirkungen auf die Elite in dem Teil Aserbaidschans, der zu Iran gehörte. Tiflis im Südkaukasus und Täbris in Persien wurden Zentren kultureller und politischer Kommunikation, deren Resonanz auch noch unter den türkischen Eliten in Konstantinopel feststellbar war. Das ist der Grund, weshalb der Kaukasus in die vorliegende Darstellung des Vorderen Orient aufgenommen worden ist.

2 Zwischen Diktat und Erneuerung – die europäische Herausforderung

Vorstehende Ausführungen haben den Nahen Osten geographisch und historisch abgesteckt, wie er sich an der Wende des 18. zum 19. Jahrhundert darstellte und Gegenstand dieses Buches ist. (Die Gebiete Nordafrikas waren zu dieser Zeit bis auf Marokko Teil des Osmanischen Reichs.) Mit der Herausforderung durch den europäischen Imperialismus konfrontiert, begann für den Raum zwischen dem Atlantischen Ozean und dem Hindukusch, dem Kaukasus/Zentralasien und dem Sudan ein neuer historischer Abschnitt. Die überkommenen politischen Ordnungen sollten ebenso unter den Druck des Wandels geraten wie die gesellschaftlichen Strukturen, die Lebensstile und kulturellen Identitäten der Menschen.

Im weitesten und allgemeinsten Sinn war die »orientalische Frage« gestellt. Diese aber war eine Frage aufseiten der europäischen Mächte – und darin sollte bis weit ins 20. Jahrhundert das Problem liegen: Wer würde vom Zerfall des Osmanischen Reichs und der Schwäche der übrigen politischen Ordnungen profitieren? Die Entwicklungen im Vorderen Orient würden weithin durch Konstellationen von Machtinteressen bestimmt werden, die außerhalb desselben lagen. Über die Jahrhunderte hatten zahllose Kontakte friedlicher und kriegerischer, politischer, wirtschaftlicher und kultureller Natur zwischen »Europa« und seiner islamisch geprägten engeren und weiteren Nachbarschaft bestanden. Reisende hatten die Kunde von Mächten, Menschen, Sitten und Gebräuchen mitgeteilt, die in Europa mit Staunen aufgenommen worden waren. Entdecker hatten bislang unbekannte Räume in den Orbit europäischer wirtschaftlicher und politischer Interessen gebracht. Im Raum zwischen Ostasien und dem Mittelmeer waren die Handelsverbindungen, die von Portugiesen, Spaniern, Holländern, Franzosen und Engländern geknüpft worden waren, durch Niederlassungen und Stützpunkte gefestigt worden. Aber im Verlauf des 18. Jahrhunderts hatte sich die Qualität der Kontakte und Beziehungen zwischen Asien und Europa zu verändern begonnen. Mehr und mehr wurden aus Kontakten auf Augenhöhe politische Überwältigung und wirtschaftliche Ausbeutung. Einem imperialistischen Design folgend, wurden Handels- und Wirtschaftsinteressen zunehmend militärisch abgestützt, drangen europäische Armeen ins Innere asiatischer Länder vor und richteten eigenständige Verwaltungen ein. Mit dem nüchternen, von Interessen geleiteten Kalkül ging – ein Nebenschauplatz der Aufklärung in Europa – die »Entzauberung Asiens«8 einher.

Das Vordringen der britischen Ostindien Kompanie (British East India Company) auf dem indischen Subkontinent in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts sollte für den Nahen und Mittleren Osten unmittelbare Bedeutung haben. Bereits im 17. Jahrhundert hatte sie im Südosten und in Bengalen Handelsniederlassungen errichtet. Der Zerfall des Mogulreichs und das Entstehen zahlreicher kleinerer und größerer unabhängiger Herrschaften im 18. Jahrhundert erleichterten es, die lokalen Machthaber gegeneinander auszuspielen und britischem Einfluss zu unterwerfen. Das bedeutete nicht zuletzt die Einführung eines eigenen Steuer- und die Durchsetzung des britischen Rechtssystems. Auch griff die Company militärisch in die bewaffneten Konflikte ein. 1803 kam Delhi unter britische Oberhoheit und bis zum Ausbruch des »großen Aufstands« (great mutiny) gegen die britische Herrschaft, der 1857/58 weite Teile des Nordens Indiens erfasste, waren die Briten bis an jene natürlichen Grenzen des Subkontinents vorgestoßen, die seit 1947 Pakistan von Afghanistan trennen sollten. Nach der Niederschlagung des Aufstands wurde Indien der britischen Krone unterstellt. Damit erlosch das Mogulreich auch formal und Großbritannien übte nunmehr über große Teile des Subkontinents eine direkte Herrschaft aus; 1876 wurde Königin Victoria (1819–1901) zur »Kaiserin von Indien« ausgerufen. Viceroy war nunmehr der offizielle Titel des Generalgouverneurs mit Sitz in Kalkutta. Die britische Expansion in Südasien und das Vorstoßen Russlands in Zentralasien mündete in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in das great game, in das Iran verstrickt und das bestimmend für die Entstehung Afghanistans werden sollte. Auf britischer Seite ging es in dem »Spiel« wesentlich darum, eine geopolitische Barriere gegen einen Vorstoß Russlands auf den indischen Subkontinent zu errichten.

Im geopolitischen Denken und Handeln der europäischen Mächte hatten das Mittelmeer und der Raum des Osmanischen Reichs, Persiens, des Kaukasus, Zentralasiens und Afghanistans einen hohen Stellenwert. Besondere strategische Brennpunkte waren die Meerengen von Bosporus und Dardanellen sowie der Suezkanal, der 1869 eröffnet wurde. Die Kontrolle Russlands über die türkischen Meerengen und dessen ungehinderter Zugang vom Schwarzen ins Mittelmeer würden die Machtverhältnisse im Mittelmeerraum zu Lasten Englands und Frankreichs, aber auch – mit Blick auf den Balkan – Österreichs verändern. Des Weiteren war die Kontrolle des Suezkanals für England mit Blick auf seine südasiatischen Besitzungen und fernöstlichen Handelsbeziehungen von essentieller Bedeutung. Der Erwerb Zyperns durch England im Jahr 1878 machte die Insel zu dessen militärischem Vorposten am Rande des Osmanischen Reichs. Eine von England dominierte Landbrücke zwischen dem Mittelmeer und dem indischen Subkontinent beflügelte die Phantasie der Politiker in London. Zugleich waren Persien und Afghanistan die Fortsetzung der geopolitischen Räume Zentralasiens und Nordwestindiens, in denen Russland und England im great game um Machtstellung und Territorien rivalisierten. Eifersüchtig wachten die beiden Mächte darüber, dass politischer und wirtschaftlicher Einfluss zwischen dem Mittelmeer und dem Indus-Tal nicht einseitig zum Vorteil des jeweils anderen gereichten.

Mit der Industrialisierung in Europa zu Beginn des 19. Jahrhunderts stieg die Dringlichkeit der Suche sowohl nach Rohstoffen als auch nach Absatzmärkten für europäische industrielle Produkte. Baumwolle, Rohseide sowie andere agrarische Erzeugnisse ließen die begehrlichen Blicke vor allem Englands, Frankreichs und Italiens auf Ägypten, die Levante und Nordafrika fallen. Vor diesem Hintergrund galt es, politische Rahmenbedingungen zu schaffen, die europäischen Produkten einen privilegierten Zugang zu den Märkten in der nah- und mittelöstlichen Nachbarschaft gewährleisten würden. Neben direkter und indirekter politischer und militärischer Einmischung war die wachsende Präsenz von Beratern in Verwaltung, Militärwesen und Wirtschaft ein Instrument, den Vorrang europäischer Interessen sicherzustellen. Außer Industrieprodukten und Handelswaren boten sich die Herrscher im Raum des Osmanischen Reichs auch als »Partner« für lukrative Banken- und Kapitalgeschäfte an. Damit aber war diesen eine Falle gestellt: Denn zunehmend gerieten sie in wirtschaftliche und politische Abhängigkeit, mit der eine wachsende finanzielle Verschuldung einherging. Ein Weg war beschritten, an dessen Ende die Kontrolle des gesamten Finanzwesens der Regierungen durch europäische Hauptstädte stehen sollte. Im Falle Algeriens im 19. und im 20. Jahrhundert sowie Libyens nach dem Ersten Weltkrieg wurden ganze Staaten siedlerkolonialistisch vereinnahmt. Algerien, dessen militärische Unterwerfung 1830 begonnen hatte, wurde 1848 zum französischen Staatsgebiet und die Provinzen Oran, Algier und Constantine zu Départements erklärt. Italien ging nicht ganz so weit; 1934 aber erklärte die faschistische Regierung in Rom Libyen zur Kolonie und zur »vierten Küste« (quarta sponda)Italiens. Auch der Unterstützung der zionistischen Bewegung durch England nach dem Ersten Weltkrieg lag – neben anderen – das geopolitische Interesse zugrunde, die Landbrücke zwischen dem Mittelmeer und dem indischen Subkontinent durch einen von Großbritannien abhängigen Stützpunkt abzusichern.

Die kolonialistischen Eliten Europas haben nicht versäumt, die zunehmende Einflussnahme zwischen Atlantik und Hindukusch (um nur bei dem hier zur Diskussion stehenden Raum zu bleiben) propagandistisch zu verbrämen. Es handle sich um eine »Mission«, eine selbstauferlegte Verpflichtung, so lautete der kolonialistische Diskurs weithin unter den europäischen Kolonialmächten. Diese mission civilisatrice würde unterentwickelten, politisch und kulturell zurückgebliebenen Völkern die Errungenschaften von – europäischem – Fortschritt und Aufklärung bringen. Im Extrem müssten überkommene, diesem »Fortschritt« entgegenstehende Traditionen abgeschafft, zumindest aber »modernisiert« werden. Wenn der Aktionismus der »Mission« auch nicht ausschließlich auf den von der islamischen Kultur geprägten Raum beschränkt war, so stand dieser doch ganz besonders im Fokus. Es entstand ein politischer und kultureller Anpassungsdruck, der das Verhalten der islamischen Gesellschaften und ihrer Eliten bis in die Gegenwart bestimmt.

Das Ende des Ersten Weltkriegs schien die Chance eines Neubeginns unter dem Banner der Selbstbestimmung der Völker zu eröffnen. Aber noch immer waren die europäischen Mächte vom Dünkel ihrer Überlegenheit verblendet und nicht bereit, ihre Beziehungen zu den Völkern im Nahen und Mittleren Osten auf eine neue Grundlage zu stellen. Die Wahnvorstellung von ihrer »Mission«, geleitet von ihren politischen und wirtschaftlichen Interessen, ließ sie ein System von »Mandaten« errichten, über das sie die Völker in die Zivilisation zu führen vorgaben. Das hat deren Entwicklung über die folgenden Jahrzehnte blockiert. Die neuen Eliten, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Führung der Staaten und Gesellschaften in den ehemaligen Mandaten und Protektoraten in Nordafrika und im Vorderen Orient übernahmen, haben deshalb Wege beschritten, die auf die Loslösung von den, ja auf die Herausforderung der Paradigmen westlicher politischer, gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und kultureller Entwicklung gerichtet waren. Dabei verloren sie freilich bald das Ziel der Wohlfahrt der Bürger ihrer Gesellschaften aus den Augen; sie verfingen sich in machtpolitischem Ehrgeiz sowie dem Streben nach persönlichem wirtschaftlichem Gewinn. So geriet der ganze Raum zwischen Nordafrika und Afghanistan in eine umfassende, von politischen Konflikten, weltanschaulicher Radikalität, sozialer und wirtschaftlicher Verelendung und schließlich von Flüchtlingsströmen gekennzeichnete Krise.

2.1 Fürsorgliche Vereinnahmung

Ein Graben war aufgerissen: zwischen der als überlegen propagierten europäischen Kultur, die durchaus auch nicht selten als »christlich« konnotiert wurde, auf der einen und der als rückständig herabgestuften Zivilisation, deren Unterlegenheit angeblich in einem als »mittelalterlich« abgewerteten Islam gründete, auf der anderen Seite. Europas Verantwortung würde es sein, Licht in den dunklen Teil der Menschheit zu bringen, die Last der Zivilisierung auf sich zu nehmen. »Take up the White Man’s burden …«, wie es in einem 1899 verfassten berühmten Gedicht von Rudyard Kipling (1865–1936) heißt. Und sein Zeitgenosse Evelyn Baring (1841–1917), der erste Generalkonsul in Kairo nach der Besetzung Ägyptens durch britische Truppen im Jahr 1882, verwehrte sich in seinem zweibändigen Bericht9 gegen den Vorwurf, der »Englishman« sei als Eroberer gekommen: »He came not as a conqueror, but in the familiar garb of a saviour of society.« Das Werk Lord Cromers ist der Bericht einer »Rettungsaktion«. Und so bilanziert er nach einem Vierteljahrhundert seines Wirkens in Ägypten im letzten Absatz seiner Ausführungen:

»Where once the seeds of true Western civilisation have taken root so deeply as is now the case in Egypt, no retrograde forces, however malignant they may be, will in the end be able to check germination and ultimate growth. The seeds which Ismail Pasha and his predecessors planted produced little but rank weeds. The seeds which have now been planted are those of true civilisation. They will assuredly bring forth fruit in due season. Interested antagonism, ignorance, religious prejudice, and all the forces which cluster round an archaic and corrupt social system, may do their worst. They will not succeed. We have dealt a blow to the forces of reaction in Egypt from which they can never recover, and from which, if England does her duty towards herself, towards the Egyptian people, and towards the civilised world, they will never have a chance of recovering.«

Ein Jahrhundert später liest der Leser diese Zeilen mit Fassungslosigkeit; ihm stellt sich eine ganz andere Wirklichkeit dar. Ja, die britische Verwaltung hatte Ägypten Fortschritte gebracht: auf dem Gebiet der Wirtschaft, aber auch der Entfaltung eines pluralistischen Spektrums von politischen und gesellschaftlichen Ideen sowie neuen Impulsen kultureller Kreativität. Welche Wege aber haben das Land und mit ihm weite Teile des Nahen Ostens in die Wirrnisse, ja das Chaos seit Beginn des 21. Jahrhunderts geführt? Vieleicht ging es den Briten und den anderen europäischen Kolonialmächten gar nicht um eine »zivilisatorische Mission«; vielleicht war die »true Western civilisation« nur ein Feigenblatt, das die Blöße der machtpolitischen und wirtschaftlichen Interessen bedecken sollte. Dieser Verdacht erscheint nach der Lektüre der Widmung Lord George N. Curzons, die er seinem 1892 erschienenen Buch über Persien und die persische Frage voranstellt, nicht unbegründet:

»To / The Officials, Civil and Military in India / Whose hands uphold / The noblest fabric yet heard / by the genius of a conquering nation / I dedicate this work / The unworthy tribute of the pen to a cause / which by justice or with the sword / it is their high mission to defend / But whose ultimate safegard is the spirit / of the British people«.10

Lord Curzon war u. a. als Vizekönig von Indien (1899–1905) und britischer Außenminister (1919–1924, d. h. in den für die Weichenstellungen im Nahen Osten entscheidenden Jahren) eine der einflussreichsten Persönlichkeiten in London, welche die britische koloniale und imperiale Politik der Zeit bestimmten.

Auch Deutschland kann von der Attitude dieses »fürsorglichen« Kolonialismus nicht freigesprochen werden. Carl Heinrich Becker (1876–1933) gilt als der Begründer der Islamwissenschaft in Deutschland. Mit der Gründung des Hamburger Kolonialinstituts im Jahre 1908 wurde er auf einen Lehrstuhl für das Studium des modernen Islams berufen. In den folgenden Jahren entstanden die meisten seiner – insbesondere auf Afrika als Schwerpunkt kolonialistischer Politik des Deutschen Reichs nach 1871 bezogenen – kolonialpolitischen Beiträge. Nach dem Krieg wurde er unter verschiedenen Reichskanzlern Kultusminister. Die »Zivilisierung« der kolonisierten Völker könne den Kolonialismus rechtfertigen und sei »Auftrag« der weißen Kolonialherren. Hauptsache sei, dass »die Zivilisation vordringt, und das ist doch schließlich die moralische Rechtfertigung der Kolonisation«.11 Diese gebe schließlich »in kulturellen und materiellen Werten, die sie den Einheimischen bringt, einen moralischen Ersatz für das, was sie ihnen nimmt«. Und endlich sei die Kolonisation geradezu eine moralische Verpflichtung der Europäer, die sich »nach manchen Irrgängen des Idealismus ohne Selbstüberhebung ihrer Überlegenheit bewusst geworden [sind], die sie zu Vormündern und Erziehern der niederen Rassen prädestiniert«. Die »Islampolitik« sei für das Deutsche Reich das geeignete Mittel, seine Interessen in seinen von Muslimen bewohnten Kolonialgebieten durchzusetzen.

Noch das Mandatssystem, in dessen Rahmen die europäischen Mächte nach dem Ende des Ersten Weltkriegs die nationalistischen Bestrebungen der arabischen Völker ins Leere laufen ließen, war durch das Argument gerechtfertigt, diese gleichsam an die Hand nehmen und sie zu politischer Mündigkeit führen zu müssen ( S. 166). Ja, noch im Februar 2005 verabschiedete die französische Nationalversammlung ein Gesetz, in dem in Artikel vier festgehalten wurde, dass die Schulbücher künftig die positive Rolle Frankreichs in den Kolonien erwähnen müssen. Erst nach massiven Protesten in Frankreich selbst sowie aus den nordafrikanischen Ländern wurde dieser Artikel 2007 aus dem Gesetz gestrichen.

Neben der politischen hatte die Wahrnehmung des islamischen Orients in Europa auch eine kulturelle Dimension. Sie wird heute weithin als »Orientalismus« bezeichnet. Der »Orient« wird zum Raum einer gleichsam alternativen Lebensform; zum Raum einer Zuflucht für Menschen, die eine Auszeit aus der politischen, geistig-kulturellen, wissenschaftlich-technischen Wirklichkeit ihrer europäischen Gesellschaften suchen. Sie verschreiben sich einer »orientalischen« Lebensweise, die als antirationalistisch emotional und dumpf geheimnisvoll wahrgenommen wird. Gefühle, nicht zuletzt erotischer Natur werden ausgelebt. Der Europäer gibt sich Empfindungen, ja Ausschweifungen hin, die zu hegen, ja öffentlich zu machen in seinem heimischen Ambiente nicht mehr statthaft ist. Schon Goethe hatte sich – freilich noch auf seine klassisch-luzide Art – in seinem 1819 erschienenen »West-Östlicher Diwan« auf eine »Hegire« begeben. Im ersten Gedicht dieser Sammlung spielt er damit auf die Auswanderung des Propheten Muhammad von Mekka nach Medina im Jahr 622 (arab. hidschra) an. »Nord und West und Süd zersplittern, / Throne bersten, Reiche zittern, / Flüchte du, im reinen Osten / Patriarchenluft zu kosten«. Die folgenden Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts sehen einen Strom von Malern und Fotographen, Dichtern und Literaten (namentlich Reiseschriftstellern), Intellektuellen und Forschern, die sich als Reisende in den »Orient« begeben. Sie haben auf ihren jeweiligen Gebieten zahllose Zeugnisse davon abgelegt. Die Welt des Orients fasziniert durch die Spuren des Zerfalls und zivilisatorische Rückständigkeit. Insbesondere die Malerei schwelgt in immer neuen Variationen der Schwüle des Harems.

In einem Buch, das bei seinem Erscheinen 1978 hohe Wellen nicht nur in der Fachwelt der Nahostexperten schlug, hat Edward Said (1935–2003) den kulturellen »Orientalismus« in die politische Dimension der europäischen Kolonisierung des islamischen Raumes gerückt.12 Die zentrale These des Buches: »Orientalism. Western Conceptions of the Orient«, besagt, der »Westen« habe den »Orient« mithilfe seiner wissenschaftlichen, künstlerischen und theologischen »Orientalisten« vereinnahmt und erfunden, um vor dieser Folie die eigene Überlegenheit und Rationalität sowie den Anspruch auf weltweite kulturelle und politische Dominanz zu untermauern. »Orientalismus« versteht Said als ein kulturspezifisches System der Machtausübung. Der so geschaffene europäische Orient sei durch westliche Wissenschaft und Kunst in einer Weise bewahrheitet worden, dass er zwanghaft den »Orientalen« habe auferlegt werden können. So sei der Orient orientalisiert worden.

Die Dichotomie von Orient und Okzident sieht er tief in der Geschichte Europas verankert. Dementsprechend öffnet Said einen langen Rückblick, der ihn bis zu den Griechen des 5. Jahrhunderts vor Christus zurückführt: Die Vernichtung der Perser durch die Griechen wird bei dem Dramatiker Aischylos (525–456 v. Chr.) und dem Historiker Herodot (etwa 490–420 v. Chr.) als Strafe für die Überschreitung des Bosporus, der gottgesetzten Grenze zwischen Europa und Asien, verstanden. Im Zeitalter des Kolonialismus wird das unüberbrückbare Nebeneinander von Orient und Okzident von dem englischen Dichter Rudyard Kipling (1865–1936) bestätigt: »Oh, East is East, and West is West, and never the twain shall meet«, heißt es in seinem 1889 erschienenen Gedicht »The Ballad of East and West«. Die Orientalisierung des Orients aber ist nicht nur ein Produkt der Imagination; vielmehr ist die Beziehung zwischen Okzident und Orient auf Macht, Herrschaft und Hegemonie gegründet. Essentialistische Vorstellungen über den Orient gerinnen zu Sinnlichkeit, despotischer Machtausübung, abartiger geistiger Verfasstheit, Realitätsverweigerung und zivilisatorischer Rückständigkeit. So bereitet »Orientalismus« als Gemisch von Ideen, Vorstellungen, Klischees und Lerninhalten gleichsam den Boden und die Rechtfertigung für imperialistische Machtausübung. In dem Maße, in dem sich handfeste politische sowie handels- und finanzpolitische Interessen auf den Orient richteten, deckten sich die Erkenntnisse der Wissenschaft bzw. die Beschreibungen der Reisenden mit dem, was die Politiker für ratsam und angemessen hielten. Auf dem Höhepunkt des britischen Zugriffs auf den Orient, d. h. während des Ersten Weltkriegs und unmittelbar danach, wurde solche Expertise mit Blick auf imperialistische Interessen im Nahen Osten geradezu zielgerichtet abgefragt und die Experten wurden zeitweise unmittelbar in den Machtapparat integriert. Ihre persönliche Sympathie mit, ja ihr Enthusiasmus für den Orient verband sich auf diese Weise mit einem Sendungsbewusstsein bei der Neugestaltung des Nahen Ostens nach dem Ende des Osmanischen Reichs. In diesem Sinn widmet Said im letzten Teil seines Buches neben anderen T. E. Lawrence, Gertrude Bell und St. John Philby ( S. 168) breitere Aufmerksamkeit.

Edward Saids Buch hat viel Kritik nicht zuletzt vonseiten der Nahostwissenschaftler in England und den USA erfahren. Die Wissenschaftler sahen sich unterschätzt und in der Integrität ihres wissenschaftlichen Ansatzes missverstanden. Daran ist aus deren Sicht natürlich viel Richtiges. Gleichwohl spiegelt sich in der Radikalität der Thesen Edward Saids jene Dynamik wider, die die imperialistische Attitüde der europäischen Mächte gegenüber dem Osmanischen Reich und der Nachfolgeordnung des Nahen und Mittleren Ostens nun einmal aufweisen sollte. Als Palästinenser, der von einer der Folgen dieser Ordnung, der Entstehung des Staates Israel und dem damit geschaffenen »Nahostkonflikt«, unmittelbar betroffen war, musste er diesbezüglich besonders sensibilisiert sein. Nach seinem eigenen Bekenntnis fühlte er sich in seinem amerikanischen Umfeld zeitlebens als Außenseiter (»out of place«). Diese Erfahrung verschärfte sich nach dem Sechs-Tage-Krieg (Juni 1967), der in den USA auch als Sieg des Westens über den arabischen Nationalismus gefeiert wurde. Als politischer Intellektueller trat Said für einen binationalen palästinensisch-jüdischen Staat ein. So war sein wissenschaftliches Denken in ähnlicher Weise politisiert, wie er es den »Orientalisten« unterstellte. Tatsächlich aber sollte die Niederlage von 1967 einen nachhaltigen Einfluss auf das geistige Klima in weiten Teilen der islamischen Welt ausüben ( S. 396).

Die von Said aufgerissene Dichotomie von Orient und Okzident, Morgenland und Abendland, islamische Welt und Westen sollte eine politische, militärische, wirtschaftliche und kulturelle Dimension haben. Die Art der Begegnung würde nicht dialogisch auf Augenhöhe erfolgen, sie würde konflikthaft ausgetragen werden: zwischen einem Akteur, der sich selbst als stark und überlegen sah, und einem Gegenüber, das als schwach und überlebt wahrgenommen wurde. Im Spannungsfeld zwischen Kompromiss, Synthese und Reform auf der einen und Konflikt auf der anderen Seite sollten seit der Mitte des 19. Jahrhunderts viele Varianten möglich sein. Der Auseinandersetzung um die und mit der Religion und deren Stellung in der politischen und gesellschaftlichen Ordnung würde ein besonderer Stellenwert zukommen. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts löste die These vom clash of civilizations des amerikanischen Politikwissenschaftlers Samuel Huntington eine weltweite Debatte aus ( S. 537). Unter den civilizations war insbesondere die islamische angesprochen. Zwischen ihr und Europa sah Huntington eine »blutige Grenze«. Die – nicht selten emotional eingefärbte – Intensität, mit der die Debatte geführt wurde, ließ erkennen, dass auch am Ende des 20. Jahrhunderts die Frage nach der Qualität der Beziehungen zwischen dem Westen und der islamischen Welt offen war – und damit auch die Antwort auf die Frage nach dem Ergebnis des Prozesses der »Modernisierung« unter den vom Westen vorgegebenen Parametern.

2.2 Der Angriff auf Ägypten

Ein militärischer Angriff markiert die neue Qualität der Beziehungen zwischen Europa und seiner nahöstlichen Nachbarschaft. Er setzt zugleich tiefstgreifende Wandlungsprozesse im Raum zwischen Nordafrika und Persien in Gang. Am 1. Juli 1798 landete eine französische »Expedition« bei Alexandria auf ägyptischem Boden. Ihr Führer: General Napoleon Bonaparte, der im Auftrag des seit 1795 in Paris herrschenden Direktoriums handelte. Hinter dem Unternehmen stand ein imperialistisches Design: Der Rivale England sollte im Mittelmeer getroffen, sein Seehandel geschädigt und ihm der Landweg nach Indien, seinem reichsten Besitz, versperrt werden. Frankreich würde einen Stützpunkt für seine weitere Expansion im Orient gewinnen und eine neue Kolonie, die die kolonialen Verluste auf dem amerikanischen Kontinent wettmachen würde. Zwei Wochen nach der Landung bei Alexandria kam es an den Pyramiden bei Kairo zur Schlacht. Die kurze Ansprache, die Napoleon vor Eröffnung der Schlacht hielt, ist berühmt geworden; sie macht die Tragweite des Geschehens aus französischer Sicht deutlich:

»Soldaten! Ihr seid in diesen Landstrich gekommen, um ihn der Barbarei zu entreißen, die Zivilisation in das Morgenland zu bringen und diesen schönen Teil der Welt dem Joch Englands zu entreißen. Wir werden kämpfen. Denkt daran, dass von diesen Monumenten 40 Jahrhunderte auf euch herabblicken.«

Die Schlacht dauerte nur wenige Stunden. Der Haufen der verrotteten mittelalterlichen »Mamluken« war kein ernst zu nehmender Gegner einer modernen europäischen Armee.

Dieses Ereignis ist in vieler Hinsicht bedeutsam für die Geschichte des Vorderen Orients insgesamt seither. Zunächst einmal bestätigte die militärische Unterlegenheit gegenüber einer europäischen Macht die Schwäche der politischen Herrschaft und ihrer Institutionen als solcher. Seit 1517 war Ägypten Teil des Osmanischen Reichs und seither hatte sich dort politisch nichts Grundlegendes verändert. Eine schmale turko-tscherkessische Militäraristokratie der »Mamluken« machte die Herrschaft unter sich aus; die Zeit der großen Mamlukensultane, die das Land am Nil seit der Mitte des 13. Jahrhunderts beherrscht und einer Epoche den Namen gegeben hatten, war lange vorbei. Die Hohe Pforte, d. h. die Regierung in Konstantinopel, überließ die ständig miteinander rivalisierenden politischen und militärischen Faktionen in Kairo weitgehend sich selbst, wenn nur die jährlichen Abgaben eingingen.

Neben der politischen und militärischen Schwäche war die Tatsache schockierend, dass der französische Vorstoß nicht mehr Randgebiete des Osmanischen Reichs betraf, von denen es in den vergangenen hundert Jahren, bereits zahlreiche verloren hatte – vor allem an Russland und Österreich. Der europäische Vorstoß zielte diesmal auf ein Kernland, das über Jahrhunderte dessen islamische Identität bestätigt hatte. Noch immer zog die theologische Lehrstätte der Azhar (gegründet 972) Studenten aus allen Teilen des Reichs an. In gewisser Weise war deshalb mit der Eroberung Kairos ein Teil der Legitimation des Sultans (und Kalifen) in Konstantinopel weggebrochen.

Abb. 3: Die »Schlacht bei den Pyramiden« am 21. Juli 1798. »Europa« stößt das Tor zum »Orient« auf.

Kennzeichnend für die Wahrnehmung, mit der Europa künftig seiner islamischen Nachbarschaft gegenübertreten sollte, war der »Stil«, in dem das militärische Unternehmen in Gang gesetzt, ja gleichsam inszeniert wurde. Dem Ego des kommandierenden Generals entsprach die Vorstellung, auf den Spuren Alexanders des Großen und Cäsars zu wandeln. Neben den etwa 25 000 Soldaten führte er einen Tross von Wissenschaftlern mit, unter denen sich bedeutende Orientalisten, aber auch Geographen und Statistiker befanden. Ihnen war die Aufgabe gestellt, den unbekannten Orient für die europäische Wissenschaft zu erschließen. Die Gründung des Institut d’Egypte (1798), der 1802 die Veröffentlichung der Description de l’Egypte folgte, die zu einem Markstein bei der entstehenden Orientalistik werden sollte, war Ausdruck eines Interesses, das über das politische hinausging, zugleich aber auch einer kulturellen Erhöhung Europas, das den Orient bereits als Objekt geistiger Vereinnahmung betrachtete.

Nach anfänglichen Erfolgen sollte die »Expedition« kläglich scheitern. Der weitere Vorstoß nach Syrien, bei dem die französischen Truppen auch brutale Grausamkeiten an osmanischen Soldaten begingen, kam an der Feste Akkon (Saint-Jean d’Acre) nach zwei Monaten vergeblicher Belagerung im Frühjahr 1799 zum Erliegen. Der Rückmarsch geschah unter großen Strapazen und war von der Tatsache überschattet, von der Heimat abgeschnitten zu sein, nachdem die Engländer unter Admiral Nelson bereits im August 1798 die französische Flotte bei Abukir in der Nähe von Alexandria vernichtet hatten. An diesem Ort ging im Juli 1799 auch ein osmanisches Entsatzheer mit 18 000 Soldaten an Land. Noch einmal sollten sich das militärische Genie Napoleons und die moderne europäische Kriegführung überlegen zeigen: 5000 Mann Infanterie und 1000 Mann Kavallerie bereiteten dem osmanischen Heer am 25. Juli eine vernichtende Niederlage. Eine geschickte Propaganda verklärte Napoleon in der Heimat zum Helden. Vom Direktorium zurückgerufen, ging er am 23. August heimlich an Bord. Am 9. Oktober landete er in Fréjus, wo er als Hoffnungsträger begeistert empfangen wurde. Am 9. November 1799 stürzte er durch einen Staatstreich das Regime des Direktoriums und öffnete den Weg, auf dem er »Konsul auf Lebenszeit« und 1804 »Kaiser der Franzosen« wurde. Seine in Ägypten im Stich gelassene Armee kapitulierte 1801 gegen ein englisches und osmanisches Entsatzheer und wurde – auf englischen Schiffen – nach Frankreich zurückgebracht.

Bonaparte verlor keine Zeit, am Nil eine französisch geprägte Zivilisation zu schaffen. Die Gründung des Institut d’Egypte war u. a. mit dem Auftrag verbunden, den Ägyptern das Licht der Aufklärung zu bringen. Zwei französische Blätter erschienen, welche die Vorzüge des Fortschritts und die Verdienste des Fortschrittsbringers priesen – aber nur von wenigen Einheimischen gelesen und verstanden wurden. Die Feudalordnung, die Napoleon auch hier zerschlagen wollte, war im Morgenland viel fester mit dem Islam verbunden als in Frankreich das Ancien Régime mit der Kirche. Auch wenn er einen Burnus (einen nordafrikanischen Kapuzenmantel) anlegte und sich »Ali Bounabardis« nennen ließ, blieb er ein Ungläubiger und ein Fremdling, auf den der Zorn Allahs herabgefleht wurde.

Das Dokument, das der Nachwelt die Schärfe des Zusammenstoßes zwischen dem Modernisierungsfuror Napoleons und seiner Umgebung auf der einen und der tiefen Verwurzelung der Ägypter in ihrer – nicht zuletzt religiösen – Tradition verdeutlicht, ist die Chronik des Historikers und Schriftstellers Abd ar-Rahman al-Dschabarti (1754–1829).13 Napoleon war nicht nur als Vorkämpfer eines französischen Imperialismus im Mittelmeerraum oder als Mann, der seine politischen Ambitionen wissenschaftlich beflügelt wissen wollte, gekommen. Er kam ganz wesentlich auch als Propagandist der Werte der Französischen Revolution und damit einer Moderne, die den globalen Anspruch erhob, jene Ordnungen und Wertvorstellungen zu stürzen, die in der Wahrnehmung eines aufgeklärten Europäers keinen Bestand mehr hatten. Imperialistisches und propagandistisches Design gingen Hand in Hand. Nach dem Bericht al-Dschabartis hatte Napoleon bereits in einer Bekanntmachung nach der Landung in Alexandria verkündet, er sei gekommen, das Recht aus der Hand der Unrechttuer zu befreien – womit er expressis verbis die Herrschaft der Mamluken ansprach. Ausdrücklich verwahrte er sich gegen den Vorwurf, die Religion der Ägypter zerstören zu wollen; die Franzosen seien ebenfalls echte Muslime. Den Schluss dieser Bekanntmachung bildeten Befehle und Weisungen an die ägyptische Bevölkerung. Wie ein roter Faden durchzieht die tiefe Kluft zwischen der Besatzungsmacht und den Einheimischen den Bericht des Gelehrten. Auch wird immer wieder deutlich, wie wenig die Ägypter von den Segnungen der »modernen« französischen Verwaltung hielten. Die französische Kokarde als Zeichen des ihnen vonseiten des französischen Generals entgegengebrachten Respekts weisen sie zurück: »Doch unser Ansehen bei Gott und unseren Brüdern, den Muslimen, wird sinken«. Auch das Versprechen, die korrupte und verrottete osmanisch-mamlukische durch eine gute und gerechte Verwaltung zu ersetzen und für allgemeinen Wohlstand zu sorgen, konnte die Ägypter nicht versöhnlich stimmen. »Man sagte: ›Ein gesegnetes Jahr und ein glücklicher Tag, wenn die ungläubigen Hunde fortziehen!‹« Zwei Mal, im Oktober 1798 und im Juni 1800, kam es zu Erhebungen gegen die Besatzungsmacht. Dabei kam es auch zu Übergriffen gegen einheimische Christen, die der Kollaboration beschuldigt wurden. Am 14. Juni 1800 wurde General Kléber ermordet, den Napoleon als Oberkommandierenden zurückgelassen hatte. Für einen Augenblick taucht so etwas wie anerkennende Verwunderung über die Art und Weise auf, wie die Franzosen, »dieses Volk, das sich durch die Vernunft regiert und nicht von der Religion leiten lässt«, das Gerichtsverfahren durchführen: nämlich auf der Grundlage sorgfältiger Beweisaufnahme und eines differenzierten Urteils, das sogar einen der Verdächtigen freispricht.

2.3 Von Reformen zu Abhängigkeit und Einmischung
2.3.1 Der Weg in die Falle

Nach der Vertreibung der Franzosen aus Ägypten (1801) durch osmanische Truppen mit britischer Unterstützung war in Kairo ein Machtkampf ausgebrochen. Während die alten turko-tscherkessischen Seilschaften darum rangen, wieder die Macht zu übernehmen, suchte der Sultan in Konstantinopel genau das zu verhindern. Nach langem Ringen erkannte er Mehmet Ali als osmanischen Statthalter in Kairo an. Um 1770 in Kavala geboren und selbst von nicht eindeutig bestimmbarer ethnischer Zuordnung, war er Mehmet Ali der Führer des lokalen militärischen Kontingents gewesen, das dem Aufruf des Sultans zur Expedition nach Ägypten gegen die Franzosen gefolgt war. Dabei hatte es sich um etwa 300 Soldaten vornehmlich albanischer Herkunft gehandelt.

Mehmet Ali sollte zum ersten und zugleich umfassendsten Reformer auf dem Boden des Osmanischen Reichs und darüber hinaus im Vorderen Orient werden, der radikale Lehren sowohl aus der Schwäche des Reichs und seiner Provinzen als auch aus der Überlegenheit Europas zog, von welcher Ägypten soeben einen Vorgeschmack erhalten hatte. In seiner langen Regierungszeit (1805–1848) legte er die Grundlagen eines modernen, nach europäischem Vorbild aufgebauten Staates. Dennoch wurde Ägypten 1876 mit der Schaffung der Caisse de la Dette Publique unter europäische Finanzverwaltung gestellt: der erste Schritt in Richtung auf die vollständige Kontrolle des Landes, die mit der britischen Besatzung 1882 eingeleitet wurde. Wie konnte das geschehen?

Die Aufmerksamkeit Mehmet Alis galt in allererster Linie der Armee. Ohne grundsätzlich und formell die Oberhoheit des Sultans in Frage zu stellen, sollte sie die Sicherheit und außenpolitische Handlungsfähigkeit des jungen Staates, die durch eigene Interessen Ägyptens bestimmt sein würde, gewährleisten. Vor allem war sie das Instrument des Herrschers, ehrgeizige Pläne territorialer Expansion zu verwirklichen. Voraussetzungen dafür aber waren vom Staat forcierte wirtschaftliche, namentlich auch industrielle Entwicklung und technische Erneuerung. Zugleich übernahm der Staat die Kontrolle über die landwirtschaftliche Produktion und die daraus erzielten Einnahmen. Dafür freilich mussten die institutionellen Voraussetzungen geschaffen werden. Nach der Entmachtung der einheimischen Notabeln begann Mehmet Ali, eine auf Aushebung beruhende Armee nach europäischem Vorbild aufzustellen.

Wirtschaftliche Modernisierung und die Verwirklichung weitreichender politischer und militärischer Ziele waren nicht voneinander zu trennen. Der Aufbau von Fabriken vonseiten des Staates war zum einen an den militärischen Bedürfnissen orientiert. Darüber hinaus sollte sich die ägyptische Wirtschaft gegen wachsenden Druck insbesondere englischer Importe behaupten können. Um eine exportfähige Textilindustrie aufzubauen, bedurfte es der Zentralisierung der finanziellen Ressourcen des Staates. Sie wurde mit der Ausschaltung der mamlukischen Machtstrukturen, die wesentlich auf der Steuerpacht beruht hatten, erreicht.

Zur Durchsetzung seiner Ziele bedurfte Mehmet Ali europäischer Erkenntnisse und Produktionsmethoden. Unter den Experten, die er ins Land holte, dominierten die Franzosen. Sie standen an der Spitze der Ausbilder der Armee; man fand sie in den entstehenden Industriebetrieben und in der Verwaltung. In den Bereichen wie Technik, Medizin, Pharmazie, Veterinärmedizin, Landwirtschaft und Verwaltung entstanden Fachschulen, die von Ausländern geleitet wurden. Das Erlernen von Fremdsprachen, namentlich des Französischen, wurde besonders gefördert.

Zugleich wurden junge Ägypter zum Studium ins Ausland geschickt. Der ersten Studentenmission, die zum Studium technischer Fertigkeiten und Fachgebiete sowie der Sprache nach Frankreich geschickt wurde, war ein junger Mann beigeordnet, der in den kommenden Jahrzehnten in vielen Bereichen des Erziehungswesens und der Verwaltung eine nachhaltige Rolle spielen sollte: Rifa’a at-Tahtawi (1801–1873). Von ihm wird unten noch zu sprechen sein.

Parallel zu der Modernisierung im Inneren verfolgte der Herrscher in Kairo eine Außenpolitik, die imperialistische Züge trug. Sie hatte drei Stoßrichtungen: die Erschließung von Märkten, von Rohstoffquellen sowie die Kontrolle von Handelswegen. Mit dem Sieg über die Wahhabiten auf der Arabischen Halbinsel, der in der Zerstörung von Dir’iyya, dem Stammsitz der Familie Sa’ud gipfelte (1818), sicherte sich Mehmet Ali die Kontrolle über den Transithandel auf dem Roten Meer und dessen östliche Küste. Zwischen 1820 und 1823 wurde der Sudan erobert; damit kontrollierte er Teile des Afrikahandels. Einem Ersuchen des Sultans in Konstantinopel folgend (der de iure noch immer sein Oberherr war), entsandte er 1825 seine Armee nach Griechenland, um die osmanische Armee dort im Kampf gegen die aufständischen Griechen zu unterstützen. Auch dabei verfolgte er eigenständige Interessen: Bei einem Sieg würde er den Handel im östlichen Mittelmeer kontrollieren. Jetzt aber zogen europäische Mächte der ägyptischen Expansion eine rote Linie. Besonders in London wurden die wirtschafts- und handelspolitischen Ziele Kairos als Bedrohung eigener Wirtschaftsinteressen empfunden. Vor Navarino vernichtete im Oktober 1827 ein britisch-französisch-russischer Flottenverband die ägyptisch-türkische Flotte. Sie wurde von Ibrahim Pascha (1789–1848), einem Sohn Mehmets, kommandiert.

Damit aber war der Ehrgeiz des ägyptischen Herrschers nicht gebrochen. Seit langem hatte er ein Auge auf (Groß-)Syrien geworfen. Für seine Industrieprojekte benötigte er syrische Rohstoffe, namentlich Holz für den Schiffbau, darüber hinaus Seide und Öl für den Export. Unter einem letztlich belanglosen Vorwand ließ Mehmet Ali 1831 seine Truppen – wiederum unter dem Oberbefehl von Ibrahim Pascha – in Syrien einmarschieren. Die Truppen überschritten das Taurusgebirge und drangen tief nach Anatolien ein. Bei Konya fügten sie Ende 1832 der im Neuaufbau befindlichen Armee des Sultans eine schwere Niederlage zu. Noch nachhaltiger als im Falle Griechenlands sahen jetzt europäische Mächte ihre eigenen politischen, aber zunehmend auch wirtschaftlichen Interessen gefährdet. Mit einem geschwächten Osmanischen Reich ließ sich gut leben; eine neue starke Macht Ägypten im Vorderen Orient war in europäischen Hauptstädten nicht hinnehmbar. Über den Vorderen Orient hinaus hatte London auch seine Stellung auf dem indischen Subkontinent im Blick.

Ibrahim Pascha war gekommen, um zu bleiben. Das ließen die nach ägyptischem Vorbild in die Wege geleiteten drakonischen Maßnahmen forcierter wirtschaftlicher Entwicklung (aber auch die gesellschaftlichen Reformen – u. a. die Gleichstellung von Muslimen und Christen) erkennen. Die Aussicht, dass sich Ägypten dauerhaft in der Levante festsetzen würde, führte für einen Augenblick zu einem Schulterschluss zwischen Konstantinopel und London. Unter dem Druck beider Regierungen musste Mehmet Ali die eroberten Gebiete aufgeben, seine Armee wurde drastisch verkleinert und die Flotte aufgelöst. Politisch und militärisch geschwächt, musste er sich darüber hinaus einem Handelsabkommen unterwerfen (1841), das europäischen Mächten entschiedene Vorteile gegenüber den ägyptischen Konkurrenten einräumte. Seine wichtigsten Bestimmungen betrafen die Aufhebung der Monopole, das Verbot protektionistischer Maßnahmen und die Festlegung von Zollsätzen zugunsten europäischer Waren.

Damit war ein Experiment zum Scheitern gebracht, das dem einsetzenden europäischen Imperialismus im Vorderen Orient ein Gegengewicht hatte in die Waagschale werfen sollen. Für einen kurzen Zeitraum war »Arabien«, d. h. der Vordere Orient, als ein eigenständiger geopolitischer Raum in Erscheinung getreten. Und mit Blick auf Ägypten sollte sich eine dauerhafte Verschiebung der machtpolitischen Großwetterlage im Osmanischen Reich ergeben: Für die verbleibende Zeit des Fortbestehens des Osmanischen Reichs wurde Ägypten zunehmend zum Fokus bei der Durchsetzung vor allem britischer Interessen zwischen dem Mittelmeer und dem Indischen Ozean – ein Umstand, der mit der Eröffnung des Suezkanals (1869) an Bedeutung gewann. Zugleich bot Kairo eine alternative Bühne für die Entfaltung kultureller und intellektueller Erneuerung im Osmanischen Reich; dies namentlich während der Jahrzehnte der repressiven Herrschaft Abdülhamits II. (1876–1909). Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde das Land am Nil zum Dreh- und Angelpunkt der militärischen Operationen gemacht, die darauf gerichtet waren, das Osmanische Reich zu Fall zu bringen.

Trotz des imperialistischen Diktats, das Mehmet Ali und Ibrahim Pascha hinzunehmen gezwungen waren, setzten die Nachfolger, Sa’id (reg. 1854–1863) und Isma’il (reg. 1863–1879) die Modernisierung Ägyptens fort. Unter den wachsamen Blicken aus Paris und London aber war das Land zugleich gezwungen, sich weiter den Einflüssen und Interessen europäischer Wirtschafts- und Finanzkreise zu öffnen. Der aufwendige Lebensstil der Herrscher sowie kostspielige Bauprojekte – nicht zuletzt der Suezkanal – führten zu einer wachsenden Verschuldung der Regierung; in den siebziger Jahren nahm sie dramatische Formen an. Immer tiefer geriet der Herrscher in Kairo in die Abhängigkeit von ausländischen Finanzinteressen. Das änderte sich auch nicht grundsätzlich, als England 1875 die Aktienanteile Ägyptens an der Suezkanalgesellschaft kaufte. 1876 gründeten die – privaten und staatlichen – Gläubiger die Caisse de la Dette Publique;Ägypten wurde unter Finanzverwaltung gestellt. Als Isma’il aufbegehrte – 1867 war ihm vom Sultan der Titel eines Khediven (Vizekönig) verliehen worden – setzten London und Paris in Konstantinopel 1879 seine Absetzung durch; er ging ins Exil.

Die verbreitete Proteststimmung fand insbesondere unter den mittleren Rängen des Offizierskorps Gehör. Oberst Ahmad Orabi (1839–1911) war der Wortführer derer, die die Losung »Ägypten den Ägyptern« verbreiteten, einer Allianz von Offizieren, politisch liberalen Kräften sowie religiösen und intellektuellen Persönlichkeiten. Ihre Forderung richtete sich auf die Einführung einer Verfassung. Die Aussicht aber auf eine Regierung, die auf Eigenständigkeit pochen und sich ausländischen Interessen weniger gefügig zeigen würde, ließ in Europa die Entscheidung reifen, sich militärisch einzumischen. Im Juli 1882 besetzten britische Soldaten Alexandria, im September rückten sie in Kairo und in die Suezkanalzone ein. Orabi wurde verhaftet und in die Verbannung nach Ceylon (heute: Sri Lanka) geschickt. Bis zur Entlassung des Landes in die – völkerrechtliche – Unabhängigkeit 1922 wurde Ägypten in einer Art der indirect rule von einem britischen Generalkonsul regiert. Erst 1956 sollten sich die britischen Soldaten – auf Druck wiederum eines ägyptischen Offiziers, Gamal Abd an-Nasirs (Nasser) – aus der Suezkanalzone endgültig zurückziehen.

2.3.2 Flächendeckende Unterwerfung

Bereits vor der Begründung der britischen Dominanz am Nil hatte auch Frankreich im Mittelmeerraum seine Macht zu Lasten der osmanischen Herrschaft ausgeweitet. 1830 hatte es begonnen, Algerien systematisch zu unterwerfen. Ausgehend von Differenzen in einem handelspolitischen Disput zwischen Paris und Algier hatte es einen regelrechten Krieg gegen den Dey (Titel des osmanischen Regenten in Algier) vom Zaun gebrochen. Am 5. Juli streckte dieser vor dem Expeditionsheer die Waffen. Danach setzte – gegen einen hartnäckigen Widerstand, der in den ersten Jahren mit dem Namen Abd al-Qadirs (1808–1883) verbunden war – Zug um Zug die schließlich flächendeckende Unterwerfung des Landes ein. Damit war zugleich ein Prozess der Landnahme durch vornehmlich französische Siedler verbunden. Bereits 1848 wurden Algerien zum französischen Staatsgebiet und die Provinzen Oran, Algier und Constantine zu Départements erklärt. Ein Beschluss des Senats in Paris von 1865 machte alle Bewohner Algeriens zu Franzosen. Sie unterstanden einem speziell geschaffenen muslimischen Rechtsstatut (statut musulman), das sie von öffentlichen Ämtern ausschloss und ihnen das Wahlrecht verweigerte – es sei denn, sie waren bereit, ihren muslimischen Rechtsstatus (besonders im Ehe- und Erbrecht) zugunsten des Code Napoléon aufzugeben. Mit der zugunsten der colons erfolgenden Verteilung weiter Ländereien nahm die französische Herrschaft den Charakter eines Siedlerkolonialismus an. Bis zur Erreichung der Unabhängigkeit (1962) waren die muslimischen Algerier Bürger zweiter und dritter Klasse. Ihnen blieben elementare Bürgerrechte vorenthalten; so war das Französische alleinige Amts- und Unterrichtssprache. Lediglich in einer kleinen Zahl von staatlich beaufsichtigten Koranschulen war der Gebrauch des Arabischen erlaubt.

Mit der Festigung kolonialer Strukturen in Algerien war in Paris der Appetit geweckt: Nun bot sich Tunesien als nächster Schauplatz an, einverleibt zu werden. Wie Ägypten besaß auch Tunesien im Osmanischen Reich im 19. Jahrhundert ein hohes Maß an Selbstständigkeit. Ahmad Bey (1837–1855) war ein Reformer, der sich an Mehmet Ali in Ägypten orientierte. Diesem kam er in seinem Ehrgeiz, eine neue Armee aufzubauen, nahe. Mit Bezug auf Ausbildung und Ausrüstung wandte er sich vor allem an Frankreich. Dies sowie ehrgeizige Infrastruktur- und Bauvorhaben taten ein Übriges, auch Tunesien in die Schuldenfalle zu treiben. 1869 führte der Anstieg der Verschuldung zum Bankrott des Landes. Der Bey musste seine Souveränität an eine internationale Finanzkommission abtreten.

In den 1870er Jahren verständigten sich die europäischen Mächte über die Aufteilung von Gebieten des Osmanischen Reichs im Mittelmeerraum. Auf dem Berliner Kongress (1878) war schließlich diesbezüglich Einvernehmen erzielt worden. Nachdem Zypern unter britische Herrschaft geraten war (1878), suchte Frankreich, das seinen Einfluss im Mittelmeerraum zu stärken bemüht war, gleichsam eine Kompensation. Angesichts des ohnehin bestehenden Einflusses und der praktizierten Schuldenverwaltung lag es aus Pariser Sicht nahe, diese in Tunesien zu suchen. Dort tat der Bey zwar sein Bestes, seinen Verpflichtungen gegenüber den Gläubigern nachzukommen. Gleichwohl forderte ihn die Pariser Regierung 1879 auf, sein Land unter französisches Protektorat zu stellen. Als er sich weigerte, lief alles nach »bewährtem« Muster ab: Den Konkurs eines französischen Staatsangehörigen nahm der französische Konsul in Tunis zum Anlass, drastisch überhöhte Entschädigungsforderungen geltend zu machen. Als das nicht fruchtete, begann Frankreich mit der militärischen Besetzung des Landes. Am 12. Mai 1881 sah sich der Bey gezwungen, einen Vertrag zu unterzeichnen, in dem er seine Bindungen an das Osmanische Reich aufgeben und die Souveränität Tunesiens an Frankreich abtreten musste. Tunesien war unter Fremdherrschaft geraten. Anders als im Falle Algeriens, das als Siedlungskolonie Frankreich einverleibt wurde, behielten der Bey und seine Verwaltung Spielräume formaler Eigenständigkeit. Gleichwohl lag die eigentliche Macht bei dem französischen Generalresidenten.

Marokko war das nächste nordafrikanische Land, das ins Fadenkreuz europäischer kolonialistischer Ambitionen geriet. Über nahezu zwei Jahrzehnte feilschten Frankreich, England, Italien, Spanien und schließlich auch Deutschland um die Machtverteilung im westlichen Mittelmeer. Erst das im April 1904 zwischen London und Paris geschlossene Abkommen, das als entente cordiale in die Geschichte eingegangen ist, bestätigte den Anspruch Frankreichs, »vornehmlich weil es auf einer langen Strecke Marokkos Grenznachbar ist«, so das Abkommen, »über die Ruhe in diesem Land zu wachen und ihm bei allen Verwaltungs-, Wirtschafts-, Finanz- und Militärreformen, deren es bedarf, Beistand zu leisten.« Auch der marokkanische Sultan hatte gegen Ende des Jahrhunderts begonnen, das Land im Ausland zu verschulden; entsprechend verstärkte sich die europäische Einflussnahme. 1907 kam es zu Übergriffen gegen ausländische Unternehmen. Am Ende stand wieder die Anwendung militärischer Gewalt: In Fes musste Moulay Abd al-Aziz am 30. März 1912 einen Vertrag unterschreiben, der Marokko zu einem Protektorat Frankreichs erklärte. Zugleich gerieten der Norden sowie Teile im Süden des Landes unter spanische Kontrolle.

Zuvor war es bereits Italien gelungen, einen Teil seiner Ansprüche durchzusetzen. Im Ringen um den Mittelmeerraum hatte sich Rom zu kurz gekommen gefühlt. An Marokko hatte es kein Interesse gezeigt, jedoch hatte Paris die Zustimmung Roms zu seiner Marokko-Politik mit der Versicherung erkauft, einer italienischen Besetzung Libyens keinen Widerstand entgegen zu setzen. Dort unterhielt Konstantinopel nur eine relativ schwache militärische Präsenz. Sie hatte nicht zuletzt die Aufgabe, die Niederlassung namentlich italienischer Siedler zu unterbinden. Rom entschied sich nun für militärische Gewalt und erklärte den Osmanen im September 1911 den Krieg, den es angesichts des osmanischen Widerstands bald auf das östliche Mittelmeer ausdehnte. Im April/Mai 1912 besetzten die Italiener Rhodos und andere Inseln der Dodekanes. Um eine Ausweitung des Krieges zu verhindern, intervenierten die europäischen Mächte diplomatisch: Im Oktober 1912 wurde ein Friedensvertrag unterzeichnet; Libyen wurde wie Algerien unter direkte Verwaltung gestellt. Auch in der Levante wuchs der Einfluss der europäischen Mächte, namentlich Frankreichs und Englands. Während aber die Länder Nordafrikas flächendeckend unter unmittelbare europäische Herrschaft gerieten und – teils de facto, teils de iure – aus dem osmanischen Staat herausgelöst wurden, blieb der europäische Einfluss im Raum östlich des Mittelmeers, d. h. im Raum (Groß-)Syriens, namentlich im Libanon und Palästina, indirekter Natur. Als Folge der ägyptischen Eroberung 1831 und der zehnjährigen Verwaltung war die Koexistenz von christlichen Maroniten und Drusen im Libanon zusammengebrochen. Die Osmanen versuchten, ihre Stellung dort wieder zu festigen, was jedoch in Europa auf Widerstand stieß. Insbesondere Frankreich war bemüht, auf dem Boden des von Drusen dominierten Emirats im Mont Liban wieder ein eigenständiges maronitisches Fürstentum zu errichten. Die Spannungen zwischen Drusen und Maroniten gipfelten 1860 in Gewaltausbrüchen, deren blutigster Schauplatz Damaskus war. Jenseits der lokalen Dimension des Konflikts entlud sich darin auch der Widerstand gegen den wachsenden Einfluss von Nicht-Muslimen im Gefolge der osmanischen Reformdekrete ( S. 53). Die Regelungen, die künftig das Zusammenleben der verschiedenen Religionsgemeinschaften ordnen sollten, räumten Frankreich und England als Schutzmächten der Maroniten und Drusen breite Mitsprache ein. Immer nachhaltiger sah sich die Hohe Pforte herausgefordert, mit diesen um die Kontrolle der Levante zu rivalisieren.

Dabei hatte es Mitte des Jahrhunderts noch so ausgesehen, als könne das Osmanische Reich als politischer Akteur im Konzert der europäischen Mächte doch noch einen stabilen Platz finden. Über die Jahrzehnte hatte Russland erhebliche territoriale Gewinne zu Lasten des Osmanischen Reichs und Persiens erzielt. Damit war auch der Einfluss des Zaren auf die Politik des Sultans und des Schahs stärker geworden. Dies hatte in europäischen Hauptstädten die Sorge genährt, der russische Machtzuwachs könne eigenen politischen und wirtschaftlichen Interessen auf dem Balkan und im östlichen Mittelmeer entgegenstehen. Im Vertrag von Hünkâr Iskelesi (1833) waren das Osmanische Reich und Russland sogar ein Defensivbündnis für den Fall eines Angriffs von dritter Seite eingegangen. Unter dem Motto: »Zurückdrängung Russlands hinter seine natürlichen Grenzen«, setzte ein Gegendruck europäischer Mächte ein, der schließlich im Krimkrieg seinen blutigen Höhepunkt erfuhr. Ausgangspunkt war 1853 ein Disput zwischen dem Zaren und dem Sultan über den Schutz der Christen Palästinas; hatte doch der Zar nichts Geringeres als ein Protektorat über alle Christen Palästinas gefordert, was der Sultan verweigert hatte. Nach dem Angriff Russlands auf die der lockeren Oberhoheit Konstantinopels unterstehenden Fürstentümer Moldau und Walachei Ende Juni 1853 erklärte der Sultan – durch England ermutigt – im Oktober Russland den Krieg. Neben London trat auch Paris an die Seite Konstantinopels; im Januar 1855 folgte das italienische Königreich Sizilien. Schon seit Dezember 1854 befand sich Österreich im Bunde mit den Westmächten, allerdings ohne die Verpflichtung zur aktiven Teilnahme an den militärischen Operationen. Lediglich Preußen stand abseits, hatte sich aber dem alliierten Ultimatum vom Februar 1854 angeschlossen, in dem die Integrität der Türkei und die Räumung der Donaufürstentümer durch Russland gefordert worden war.

Der Verlauf des Krieges konzentrierte sich schließlich auf die Belagerung von Sevastopol, die im Oktober 1854 begann und nahezu ein Jahr dauern sollte. Im September 1855 gaben die russischen Truppen die Festung auf. Bei den Friedensverhandlungen in Paris saßen alle kriegführenden Parteien sowie Österreich und Preußen am Verhandlungstisch. In dem Vertrag, der am 18. März 1856 geschlossen wurde, wurde das Osmanische Reich nun gewissermaßen offiziell in die Gemeinschaft der europäischen Mächte aufgenommen: Fortan durfte es an den Vorteilen und Regeln des in Europa geltenden internationalen öffentlichen Rechts teilhaben. Am Vorabend des Vertragsabschlusses hatte der Sultan ein weiteres Reformvorhaben verkündet, mit dem er den Forderungen und Erwartungen der europäischen Mächte entgegenzukommen bemüht war. Rückblickend freilich sollte das nicht viel bedeuten, lag doch die tiefere Ursache des Konflikts nicht in den Nöten der balkanischen und orientalischen Christen, sondern in der verlockenden Schwäche des Osmanischen Reichs. Das sollte sich nicht zuletzt auf dem Balkan zeigen. Die »orientalische Frage« hatte in Paris keine definitive Antwort erhalten.

Schien der Verfall des Osmanischen Reichs durch den Vertrag von 1856 noch einmal aufgehalten, so blieb doch der Balkan der Ort, an dem sich die »orientalische Frage« mit anhaltender Dringlichkeit stellte und wo sich die europäischen Mächte an ihrer Antwort darauf abarbeiteten. Das Jahrhundert zwischen dem serbischen Aufstand gegen die Osmanen von 1804 und der Unabhängigkeit Albaniens (1912) ist erfüllt von den Unabhängigkeitsbestrebungen der balkanischen Völker vom Osmanischen Reich. Dahinter zogen die europäischen Großmächte – namentlich Russland, Habsburg und England – in wechselnden Interessenkoalitionen die Fäden. Griechenland machte 1830 den Anfang: Die bereits erwähnte Seeschlacht von Navarino (20. Oktober 1827) war ein entscheidender Schritt in Richtung auf die Unabhängigkeit Griechenlands. Zug um Zug erkämpften die Serben die Unabhängigkeit. Dabei wurden sie insbesondere von Russland unterstützt, dessen Anteilnahme an den Entwicklungen auf dem Balkan auch der panslawistischen Bewegung unter der russischen Elite geschuldet war. Nach der schweren Niederlage des Osmanischen Reichs im zehnten Krieg zwischen Russland und der Türkei (1877/78), der die russischen Truppen vor den Toren Konstantinopels sah, wurde auf dem Berliner Kongress (Juni/Juli 1878) das Fell des balkanischen Bären verteilt. In neu und künstlich gezogenen Grenzen wurde die Unabhängigkeit Serbiens, Montenegros und Rumäniens bestätigt. Auch der bulgarische Staat trat ins Leben, wenngleich eine eingeschränkte Oberhoheit des Sultans fortbestand. Bosnien-Herzegowina wurde der Verwaltung Habsburgs unterstellt, Zypern geriet unter britische Herrschaft. Die komplizierten territorialen Regelungen waren nicht zuletzt von dem Ziel Habsburgs und Englands geleitet, dem Einfluss Russlands auf dem Balkan entgegenzuwirken.

Der letzte Akt europäischer Aggression gegen das Osmanische Reich auf dem Balkan begann mit der Annektierung Bosnien-Herzegowinas durch Habsburg (1908). Jetzt aber war der Appetit der jungen Balkanstaaten selbst geweckt, die osmanische Herrschaft zu liquidieren. Bulgarien, Griechenland, Serbien und Montenegro schlossen sich im »Balkanbund« zusammen und entfesselten im Oktober 1912 den Ersten Balkankrieg. Die folgenden Friedensverhandlungen unter englischer Vermittlung führten zur Unterzeichnung des Londoner Vertrages vom 30. Mai 1913. Die Pforte musste auf alle europäischen Besitzungen bis auf das thrakische Hinterland von Istanbul verzichten; die albanische Unabhängigkeitserklärung vom November 1912 wurde bestätigt. Als Ergebnis des Zweiten Balkankriegs (1913) vermochte das Osmanische Reich lediglich, ganz Ostthrakien zurückzugewinnen.

Auch an den östlichen und nordöstlichen Rändern des Nahen und Mittleren Ostens hatten sich europäische Mächte festgesetzt. Soweit dies Persien und Afghanistan betrifft, wird es im Kontext des Geschichtsverlaufs in den beiden Ländern dargestellt. Zur russischen Expansion in Zentralasien und im Kaukasus ist vorstehend bereits einiges gesagt worden. Im osmanischen Mesopotamien gerieten die Provinzen Basra, Bagdad und Mossul zunehmend unter den wirtschaftlichen Einfluss Londons. Bereits 1839 hatte die East India Company Aden besetzt. Für das Königreich war die freie Schifffahrt im Persischen Golf, an der östlichen Küste der Arabischen Halbinsel sowie am Horn von Afrika und am Ausgang des Roten Meeres mit Blick auf den britischen Handel zwischen dem östlichen Mittelmeer und dem Indischen Ozean sowie den britischen Besitzungen auf dem indischen Subkontinent von größtem Interesse. Mit dem »Ewigen Waffenstillstand« von 1853, der jegliche feindselige Handlung auf See zwischen allen Staaten im Persischen Golf ächtete, begann die »Piratenküste« zur »Vertragsküste« (Trucial Coast) zu werden. Spätere Abkommen gingen noch weiter: So unterschrieb der Scheich von Bahrain im Jahr 1880 ein Abkommen, das de facto die auswärtigen Beziehungen seines Emirats unter britische Kontrolle stellte. Ähnliche Abmachungen mit anderen Scheichtümern folgten in den nächsten Jahren. Sie sollten nicht zuletzt sicherstellen, dass keine andere Macht, namentlich das Osmanische Reich, die britische Kontrolle gefährdete. 1899 bzw. 1916 traten Kuwait und Katar in ein Schutzverhältnis mit Großbritannien ein. Zu dem Interesse an ungestörtem Handel trat zunehmend das Interesse am Zugang zu den Ölressourcen der Region hinzu. 1907 begann die Royal Navy die Flotte von Kohle auf Erdöl umzustellen. Damit erfuhr die Region eine nachhaltige strategische Aufwertung.

3 Das Jahrhundert der Reformen

Der imperialistische Zugriff der europäischen Mächte auf den Nahen Osten seit Beginn des 19. Jahrhunderts hat einen langen Prozess tiefstgreifender politischer, gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und geistig-kultureller Natur angestoßen. Man bezeichnet ihn verkürzend als Modernisierung. Die unübersehbare Tatsache, ja die für breite Teile der Gesellschaften schockierende Wirklichkeit europäischer Dominanz ließen zwangsläufig die Frage nach deren Ursache aufkommen. Was war falsch gelaufen? Die Antwort war komplex und facettenreich: Sie richtete sich auf die Institutionen des Staates; unabweisbar waren davon auch die überkommenen gesellschaftlichen Strukturen berührt. Und in allertiefster Dimension richtete sich auch auf die Tragfähigkeit der kulturellen und religiösen Grundlagen, auf denen die traditionellen Ordnungen beruht hatten. Nach Lage der Dinge war »Europa« die Messlatte und die zu erreichende Augenhöhe. Was wäre zu tun, um auf diese Augenhöhe zu kommen und dem europäischen Herrschaftsanspruch die Stirn bieten zu können? Damit war die Modernisierung zunächst gleichbedeutend mit Europäisierung. Am Beispiel Ägyptens unter Mehmet Ali war dieses Motiv vorstehend ja bereits angeklungen. Zugleich aber hatte das Beispiel Ägyptens deutlich werden lassen, dass die europäischen Mächte die Erneuerung nicht nur nicht förderten, sondern als Einfallstor für die Realisierung von Machtansprüchen und wirtschaftlichen Interessen instrumentalisierten.

Nicht zuletzt deshalb musste die Formel »Modernisierung gleich Europäisierung« von Anfang an umstritten sein; musste »Modernisierung« bis in die Gegenwart ein offenes Projekt bleiben. Dies gilt nicht nur für die Institutionen von Staat und Gesellschaft, sondern in besonderer Weise für die geistig-kulturellen Grundlagen derselben. Durch das 19. Jahrhundert hindurch verlief dieser Prozess zögerlich und widersprüchlich; die Eliten experimentierten mit zahlreichen Kompromissen. Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts suchten sie radikalere Lösungen. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist unübersehbar, dass auf die Herausforderung der »Modernisierung« weithin noch immer keine Antwort gefunden worden ist. Die Herausforderung liegt darin, die Synthese zu finden, welche die Tradition mit den Gegebenheiten der Gegenwart verbindet, die von der Mehrheit der Bürger als legitim akzeptiert wird und eine Existenz auf Augenhöhe im Rahmen der internationalen Gemeinschaft gewährleistet.

3.1 Der »kranke Mann« am Bosporus

Mit dem syrischen Feldzug Mehmet Alis hatte ein Vasall des Sultans die Existenz des Osmanischen Reichs insgesamt bedroht. Es hatte der Intervention europäischer Mächte bedurft, das Reich zu erhalten. Tatsächlich war es neben der europäischen Pentarchie – also England, Frankreich, Österreich-Habsburg, Russland und Preußen – ein weiterer Spieler im Konzert der Mächte geworden. Auf dem Pariser Kongress waren nicht nur die territoriale Unabhängigkeit und Unverletzlichkeit des Reichs garantiert worden. Bestätigt wurde zugleich, dass jeder Akt und jedes Ereignis, das dessen Integrität in Frage stellte, als Angelegenheit von europäischem Interesse betrachtet würde. Und auf dem Berliner Kongress waren die Vertreter der Hohen Pforte als »Teilnehmer des europäischen Rechts und Konzerts« anerkannt.

So stand die osmanische Staatsführung unter Druck, Staat und Gesellschaft zu reformieren, was nach Lage der Dinge wesentlich bedeutete, europäischen Vorstellungen bezüglich der Institutionen des Staates und der Rechte der Bürger entgegen zu kommen. Deshalb war der Zeitpunkt der Verkündung des ersten großen Reformedikts, des »hohen Sendschreibens« (Hatt-ı şerif), durch Sultan Abdülmecit (reg. 1839–1861) am 3. November 1839 kein Zufall: Es war der Vorabend des gemeinsamen britisch-osmanischen Drucks auf Ägypten, die Truppen aus Syrien zurückzuziehen. Adressaten waren also wesentlich die europäischen Mächte; das Osmanische Reich präsentierte sich als würdiger Bündnispartner.

Mit der Verlesung des »hohen Sendschreibens« von Gülhane leitete der Sultan die Epoche der Tanzimat-i Hayriyye (»Wohltätige Verordnungen«) ein; sie gaben den folgenden Jahrzehnten als der Tanzimat-Epoche ihren Namen. Begonnen hatte der Reformprozess bereits Jahrzehnte zuvor. Die territorialen Verluste an die europäischen Mächte, insbesondere an Russland, sowie die nationalistischen Bestrebungen der zumeist christlichen Völker auf dem Balkan, deren Aufstände von Fall zu Fall von europäischen Mächten unterstützt wurden und zunächst in der Unabhängigkeit Griechenlands (1829) gipfelten, machten Reformen namentlich des Militärwesens erforderlich. Zusätzlicher Druck ging von den Wellen aus, die die Französische Revolution 1789 schlug und deren Ausläufer auch in Konstantinopel gespürt wurden. 1791/92 hatte Selim III. (reg. 1789–1807) bei hohen Würdenträgern in Konstantinopel Expertisen über die Ursache der Schwäche des Reichs und die Wege zu seiner Stärkung angefordert. Wenn auch das Militärwesen im Fokus der Reformüberlegungen stand, so wurden doch darüber hinausgehend die politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Parameter deutlich, entlang derer sich die Diskussion um die Reform und die Modernisierung des islamisch geprägten Vorderen Orients in Zukunft bewegen sollte: der konservative Glaube an die Wiederherstellung »goldener Zeitalter«, reformerische Anpassung an die Bedingungen einer sich wandelnden Welt bei möglichst weitgehender Wahrung der eigenen Identität sowie schließlich die radikale Neuerung unter dem Banner eines universalen Fortschritts.

Das Militärwesen betreffend, entschied sich Sultan Selim für eine radikale Erneuerung. Wie später sein Nachfolger, Sultan Mahmud II. (reg. 1808–1839), und wie fast zeitgleich Mehmet Ali in Ägypten entschied sich Selim für eine tiefgreifende Reorganisation des Heerwesens. Im Mittelpunkt einer Reihe von Erlassen, die schon bald als die »neue Ordnung« (Nizam-i dschadid) bezeichnet wurden, stand die Aufstellung einer neuen Infanterie, die nach europäischem Muster ausgebildet und ausgerüstet wurde; europäische Offiziere traten als Militärberater in den Dienst des Sultans. Der Widerstand, namentlich aus dem Kreis der Janitscharen, die dabei waren, ihre privilegierte Stellung in den militärischen und politischen Institutionen des Reichs zu verlieren, war enorm. 1807 meuterten sie und zwangen den Sultan zum Rücktritt. Erst unter seinem Nachfolger freilich konnten die Reste der überkommenen Janitscharen-Truppe gewaltsam vernichtet werden (1826; in Kairo war Ähnliches bereits 1822 ins Werk gesetzt worden). Osmanische Kadetten und Studenten wurden nach Europa geschickt. Ein militärisches Sanitätswesen wurde ebenso aufgebaut wie eine Militärakademie nach dem französischen Vorbild von St. Cyr. Aus den Reihen des 1833 gegründeten Übersetzungsdienstes der Hohen Pforte und des diplomatischen Dienstes sollten Reformer hervorgehen, die das Reich in den folgenden Jahrzehnten zu erneuern bemüht waren.

Das war der innenpolitische Hintergrund, vor dem am 3. November 1839 Sultan Abdülmecit sein Reformedikt verkündete. Tatsächlich enthielt es Bestimmungen, die das Reich bis in seinen Kern verwandelten. Die revolutionärste Aussage – die Menschenrechtserklärung der Französischen Revolution war nicht zu verkennen – war das Postulat der Gleichheit aller vor dem Gesetz, d. h. die Gleichstellung von Muslimen und Nicht-Muslimen. Andere Bestimmungen betrafen die Sicherheit des Lebens, den Schutz der Ehre und des Vermögens, die Festlegung der Steuern, die Aushebung der Truppen und die Dauer des Militärdienstes. In den folgenden Jahren wurden mit einer Neuordnung der Verwaltung und des Straf- sowie des Handelsrechts weitere Reformschritte unternommen.

Am 18. Februar 1856 erließ der Sultan ein neuerliches »Majestätisches Handschreiben« (Hatt-ı humayun). Darin wurden die Grundlagen des Hatt-ı şerif bestätigt und die Gleichheit aller »Osmanen« noch deutlicher unterstrichen. Am Vorabend der Pariser Konferenz, die den Krimkrieg beendete, sollte den europäischen Mächten abermals ein Signal für den Reformwillen des Reichs gegeben werden. In Artikel 9 des Pariser Vertrages vom 30. März 1856 wird das »Majestätische Handschreiben« ausdrücklich zur Kenntnis genommen.

In den beiden dem Krimkrieg folgenden Jahrzehnten wurden weitere Rechts- und Verwaltungsreformen durchgeführt, die wesentlich tiefer gingen als während der ersten Phase der Tanzimat. Sie betrafen das Boden-, Straf-, Handels-, See-, Provinzialverwaltungs- und schließlich das Zivilrecht. Das Handels- und Seerecht sowie die Neugliederung der Provinzen folgten weitestgehend dem französischen Vorbild. Ein zwischen 1870 bis 1876 ausgearbeitetes bürgerliches Gesetzbuch, die berühmte Medschelle, ersetzte die herkömmlichen osmanischen Gesetzbücher und richtete sich nach europäischem Recht aus. Es transformierte islamisches und europäisches Recht zu einem modernen Codex.

Der Einfluss Europas war nicht auf die Institutionen und die Verwaltung des osmanischen Staates beschränkt, er hatte zugleich ideengeschichtliche Auswirkungen. Ein bürgerlicher Liberalismus war eine von ihnen: Eine Gruppe, die sich als »Junge Osmanen« (Yeni Osmanlılar) bezeichnete und sich liberalen Ideen Europas verbunden fühlte, begann diese dem Absolutismus der Sultane entgegenzustellen. In ihren Augen waren die Tanzimat-Erlasse unzureichend, ja hatten eher eine Festigung der despotischen Machtausübung des Sultans bewirkt. Ihnen bedeuteten Patriotismus, Reformwille und Liberalismus eine Einheit, die nur in einer Verfassung gewährleistet sein würde. Aus kleinen Anfängen war die Geheimgesellschaft auf 250 Mitglieder angewachsen, als sie 1867 aufgedeckt wurde. Die führenden Köpfe, unter ihnen der bekannte Dichter Namık Kemal (1840–1888), mussten nach Paris emigrieren. Hier gaben sie verschiedene Zeitschriften mit revolutionären Beiträgen heraus; die bekannteste unter ihnen wurde die Zeitung Hürriyet (»Freiheit«). Die Erfolge der Opposition im Exil hielten sich – fern vom Ort des Geschehens – freilich in Grenzen. 1870 konnten die meisten von ihnen nach Konstantinopel zurückkehren, wo sie sich durch publizistische Tätigkeit vor Ort für weitergehende Reformen einsetzten.

Reformer und ihre Gegner kämpften um Einfluss. Wie das Beispiel der »Jungen Osmanen« erkennen ließ, waren erstere ihrer Zahl nach eher eine Minderheit. Nicht zuletzt aber der Druck von außen verlieh ihnen zeitweise Rückenwind. Angesichts einer sich in den siebziger Jahren abzeichnenden neuerlichen Balkankrise wurde Ende 1876 eine internationale Konferenz mit den Botschaftern der wichtigsten europäischen Mächte zur Erörterung der Lage nach Konstantinopel einberufen. Um sich das Wohlwollen der Konferenzteilnehmer zu sichern, proklamierte der soeben in sein Amt gekommene Sultan Abdülhamit II. (reg. 1876–1909) kurz vor Verhandlungsbeginn die Abschaffung der absolutistischen Herrschaftsform und die Einführung eines parlamentarischen Systems. Treibende Kraft bei der Ausarbeitung einer konstitutionellen Staatsform (meşrutiyet) war Großwesir Midhat Pascha. Als junger Mann in die Verwaltungslaufbahn eingestiegen, hatte er einen Studienaufenthalt in Europa verbracht. Nach seiner Rückkehr war er in verschiedenen Positionen im Dienst des Sultans tätig gewesen. 1872 war er für kurze Zeit Großwesir, später hatte er andere Ministerposten in Istanbul inne. Das Grundgesetz (kanun-u esasi) bestätigte die bereits in den Tanzimat verkündeten Prinzipien, legte die Unteilbarkeit des Reichs fest und proklamierte den Islam als Staatsreligion. Zugleich wurde die Religionsfreiheit auch für Nicht-Muslime festgeschrieben; sie sollten dem muslimischen Bevölkerungsteil gleichgestellt sein. Amtssprache würde zwar auch künftig das Osmanisch-Türkische sein, zu den öffentlichen Ämtern sollten indessen auch Christen und Juden zugelassen sein, vorausgesetzt, dass sie des Türkischen mächtig wären. Im Übrigen orientierte sich das parlamentarische System am belgischen Vorbild: Während der Senat vom Herrscher berufen würde, sollten die Abgeordneten gewählt werden. 1876 wurde das erste Parlament gewählt: Eine Direktwahl des Unterhauses war nur für die Großstädte vorgesehen; im übrigen Reichsgebiet wählten die Stimmberechtigten örtliche Räte, die vorwiegend aus Beamten bestanden, welche ihrerseits die Abgeordneten benennen sollten. Darüber hinaus war die Vertretung sämtlicher anerkannter Religionsgemeinschaften im Parlament vorgesehen. Im März 1877 trat es zusammen; bereits elf Monate später wurde es aufgelöst. Erst 1908 sollte es wieder zusammentreten.

Der Hintergrund dieses Umschwungs war ein doppelter: Zum einen hatten alle Reformen und Veränderungen, mit denen die osmanische Führung nicht zuletzt den Erwartungen der europäischen Mächte hatte entgegenkommen wollen, die territoriale Erosion am Rande des Vielvölkerstaates und die Angriffe von außen nicht beenden können. Nach den Bestimmungen des im Juli 1878 geschlossenen Berliner Friedens schieden Rumänien, Serbien und Montenegro aus dem osmanischen Staatsverband aus. Österreich besetzte Bosnien-Herzegowina. Im selben Jahr gelangte Zypern unter britische, 1881 Tunis unter französische und 1882 Ägypten wiederum unter britische Kontrolle. Der Entschluss Abdülhamits, das parlamentarische Experiment zu beenden, war also nicht zuletzt eine Reaktion auf den russisch-türkischen Krieg von 1877/78 und die Berliner Konferenz, auf der das Osmanische Reich nun definitiv zum »kranken Mann am Bosporus« geworden war. Abdülhamit regierte fortan als Alleinherrscher. Die Verfassung blieb im Großen und Ganzen in Kraft und verlieh so seiner Regierung ein konstitutionelles Mäntelchen – gleichsam zur Bestätigung seiner Legitimität gegenüber den europäischen Mächten.

Zum anderen hatte sich die wirtschafts- und finanzpolitische Lage des Reichs dramatisch zugespitzt. Hatten es »Kapitulationen« (Handelsverträge) den wirtschaftlich weiter entwickelten europäischen Ländern schon seit Jahrzehnten ermöglicht, ihre billigen Manufakturwaren ungehindert im Reich der Osmanen abzusetzen, so wurde nach dem Krimkrieg der osmanische Markt von europäischen Massenartikeln geradezu überschwemmt. Die 1838 zwischen England und der Pforte abgeschlossene »Kapitulation« hatte das Osmanische Reich dem überlegenen britischen Exporthandel weitgehend ausgeliefert. Die Ausweitung der Geltung der Kapitulationsbestimmungen auch auf andere europäische Länder hatte eine verheerende Wirkung auf die osmanische Wirtschaft: Der halbkoloniale Status des Reichs als Absatzmarkt für europäische Produkte war praktisch festgeschrieben.

Im Übrigen hatten sich auch sonst die finanziellen Nöte der osmanischen Regierung zunehmend verschärft. Der Hof und die Beamtenschaft lebten einen aufwendigen Lebensstil und bedienten sich aus der Staatskasse. Hinzu kam, dass die Modernisierungsbemühungen im Heer und die einander folgenden, beinahe permanenten bewaffneten Auseinandersetzungen und Kriege die osmanische Staatskasse schwer belasteten. Der Versuch, die Finanznot durch eine Manipulation mit ungedeckten Schuldverschreibungen (kaime), die in der Hauptstadt seit 1839 als Papiergeld zirkulierten, zu beheben, trug unter dem Strich ebenfalls zur Verschlechterung der Staatsfinanzen bei. Die Auslandsanleihen, die die Pforte seit 1854 bei England und Frankreich aufnahm – bis 1877 waren es sechzehn – wurden nicht zur Sanierung verwendet, sondern größtenteils wirkungslos vergeudet. In der ersten Hälfte der siebziger Jahre hatte der osmanische Fiskus rund 80 % der Gesamteinnahmen des Staates für die Tilgung der Auslandsanleihen und die Zinszahlung zu verwenden. Unter diesen Voraussetzungen musste die osmanische Pforte im Oktober 1875 den Staatsbankrott anmelden. Zur Lösung der Finanzmisere wurde 1881 eine internationale Staatsverschuldung, die Dette Publique Ottomane eingerichtet. Ihr trat die Pforte künftig zahlreiche fiskalische Einkünfte ab. Damit aber wurde das Eindringen europäischen Kapitals weiter forciert: Die Abhängigkeit des Reichs von europäischem Finanzkapital wurde faktisch vollkommen. Fünf Jahre zuvor war Ägypten Ähnliches widerfahren.

Während der folgenden drei Jahrzehnte regierte Abdülhamit II. autokratisch. In der Bewertung seiner Herrschaft durch die Historiker hat lange der repressive Charakter seiner Machtausübung im Vordergrund gestanden. Seiner misstrauischen Natur folgend, wurde ein Apparat umfassender Bespitzelung und Zensur eingesetzt. Viele kritische Geister gingen ins Ausland – nach Europa oder Ägypten, wo die britische Herrschaft seit 1882 liberalem Gedankengut Freiräume ließ. Die Bestrebungen politischer Zentralisierung führten nicht zuletzt in Anatolien zu Spannungen, insbesondere unter den christlichen Untertanen. Anstelle der Reformen im anatolischen Osten, zu denen sich die osmanische Regierung auf dem Berliner Kongress verpflichtet hatte, kam es zu gewalttätiger Unterdrückung insbesondere gegen die armenische Bevölkerung ( S. 114).

Dieser negativen Seite der Bilanz der Herrschaft Abdülhamits stellen neuere Arbeiten die Reformansätze seiner Herrschaft gegenüber: Der Bildungssektor wurde ausgebaut, Hoch- und Fachschulen nach europäischen Vorbildern gegründet. Aus der 1877 reorganisierten Zivilbeamtenschule (Mekteb-i mülkiye) gingen bis zur Ausrufung der Republik 1923 fast 1800 Kandidaten für den höheren Staatsdienst hervor. 1900 erfolgte die Gründung der Darülfünun (»Haus der Wissenschaften«), der Vorgängerin der späteren Universität Istanbul. An ihr wurden die bereits früher gegründeten medizinischen und juristischen Hochschulen zusammengefasst und um eine mathematisch-naturwissenschaftliche, literaturwissenschaftliche und theologische Fakultät ergänzt.

Als »modern« können auch die Bemühungen des Sultans gewertet werden, seiner Stellung als Herrscher eine quasi ideologische Rechtfertigung zu verleihen. Nach dem Grundgesetz war er der »Kalif und Hüter der islamischen Religion und Souverän aller osmanischen Untertanen«. War der Titel des »Kalifen«, den Sultan Selim (reg. 1512–1520) nach der Eroberung Kairos (1517) dem Hause Osman erworben hatte, über Jahrhunderte eher im Hintergrund verblieben, so wurde ihm nunmehr neue Bedeutung zuteil. Auf seine Stellung innerhalb der islamischen Welt zielend, unterstützte Abdülhamit die panislamische Bewegung. Er knüpfte Kontakte zu den Muslimen unter russischer und britischer Herrschaft sowie zu schiitischen Gelehrten in Iran. Über die Wallfahrt nach Mekka sowie transnationale Netzwerke sufischer Orden ließ er proosmanische Propaganda verbreiten und richtete ein System osmanischer Konsulate in muslimischen Ländern ein. Kontakte bestanden auch zu dem panislamischen Aktivisten Dschamal ad-Din al-Afghani ( S. 91).

Nach innen propagierte Abdülhamit die Ideologie des Osmanismus: Gegenüber den Nationalismen der einzelnen Völker des Reichs sollte er das Zusammengehörigkeitsgefühl aller osmanischen Staatsbürger fördern. Bereits das Hatt-ı humayun von 1856 hatte die volle Gleichheit der Bürger ungeachtet der Religion versprochen. Und das Nationalitätsgesetz von 1869 hatte eine gemeinsame osmanische Staatsbürgerschaft ungeachtet der religiösen und ethnischen Zugehörigkeit geschaffen. Damit wurde das millet-System, das insbesondere nicht-muslimischen religiösen Gruppen einen Sonderstatus im Reich verlieh, nicht abgeschafft. Aber bürgerliche Rechte und Pflichten sollten allen »Bürgern« gleichermaßen zukommen: Das bezog sich u. a. auf die Grundschulbildung, die Besteuerung und die Wehrpflicht. Nach dem Grundgesetz wurden alle Untertanen »ohne jede Ausnahme« Osmanen genannt.

Die vergleichsweise innere Ruhe im Reich während der letzten beiden Jahrzehnte vor der Jahrhundertwende sollte täuschen. Relativ leicht war es zwar gelungen, die Opposition seitens der »Jungen Osmanen« zu zerschlagen. Hinter der Oberfläche aber nisteten weiterhin Opposition und Widerstandsgeist gegen die despotische Amtsausübung durch den Sultan. Es sollte etwa bis zur Jahrhundertwende dauern, bis sich dieser Widerstand wieder politisch organisierte. Netzwerke politischer Opposition entstanden im Ausland, namentlich in Frankreich, aber auch in der Schweiz. Der Bazillus des Widerstands infizierte Teile der Armee. Als »jungtürkische« Bewegung befeuerte er schließlich die Forderung an den Sultan, den Modernisierungs- und Demokratisierungsprozess weiter voranzutreiben. Der »jungtürkische« Staatsstreich von 1908 sollte der zweite Anstoß zu tiefgreifenden Veränderungen im Nahen Osten des 20. Jahrhunderts werden. Vorangegangen war die Verfassungsrevolution, die ein bürgerliches Bündnis zwei Jahre zuvor in Persien ins Werk gesetzt hatte.

3.2 Irans Weg aus dem Mittelalter

Als sich Agha Muhammad Khan Qadschar 1796 zum Schah von Persien krönte, war dies das Ergebnis langer Kämpfe ( S. 26). Bereits sein Vater, Muhammad Hasan Khan, hatte – Jahrzehnte zuvor – Anspruch auf die Herrschaft erhoben. Dem turkmenischen Klan der Qoyunlu angehörend, hatte er von seinem Stammsitz in Astarabad aus, im heutigen Gurgan im Nordwesten Persiens, Nadir Schah herausgefordert. Dabei hatte er den Kürzeren gezogen und war aus Astarabad vertrieben worden. Bemühungen, nach Nadir Schahs Ermordung (1747) seine Herrschaft zurückzugewinnen, stießen auf den Widerstand Adil Schahs, eines Neffen des Ermordeten. Während Muhammad Hasan Khan der Verfolgung entkommen konnte, fiel sein ältester Sohn, Muhammad (geb. 1742), Adil Schah in die Hände. Um Muhammad – nach der Praxis seiner Zeit – für die Ausübung der Macht auf immer zu disqualifizieren, ließ Adil ihn im Alter von etwa sechs Jahren kastrieren: von daher sein Beiname »Agha« (Eunuch). Mit dem Tod Adil Schahs (1748) kehrte Agha Muhammad zu seinem Vater zurück und teilte während des folgenden Jahrzehnts dessen abenteuerliches Leben. Denn wie dieser sich zuvor gegen Nadir gewandt hatte, so kämpfte er nunmehr mit Karim Khan Zand um die Macht. Wieder unterlag er. Mit seinem Tod (1759) geriet sein Sohn, »Agha« Muhammad Khan, an den Hof der Zand in Schiraz. Dort hielt ihn Karim Khan während der nächsten zwei Jahrzehnte in einer – freilich sehr generös und respektvoll ausgeübten – Geiselhaft. So hatte er ausreichend Zeit, die politischen Umstände seiner Zeit zu studieren.

Mit dem Tod des Schahs im März 1779 entwich Agha Muhammad Khan, nunmehr 37-jährig, von Schiraz nach Mazandaran, seine Heimat. Planmäßig baute er in den folgenden Jahren seine Herrschaft aus. Bis 1785 festigte er seine Machtbasis im Norden und Nordwesten des Landes. Sein stärkster Gegner war dabei Ali Murad Khan Zand. Danach stieß er nach Zentralpersien, das Kernland der Zand, vor. Mit der grausamen Ermordung Lutf Ali Khan Zands, des Nachfolgers Karim Khans, der ihm durch Verrat in die Hände gefallen war, im November 1794 war er Herr über die Provinzen Fars und Kerman. Damit beherrschte er nunmehr in etwa jene Gebiete, die Teile des Reichs von Karim Khan Zand gewesen waren. Sein Ehrgeiz aber trieb ihn weiter: Es galt, das Reich der Safawiden wieder zu erneuern. Im Sommer 1795 drang er auf dem Weg nach Georgien in den Kaukasus ein. Im September fiel Tiflis; die Stadt wurde geplündert und verwüstet. 15 000 Georgier, zumeist Frauen und Kinder, wurden als Sklaven nach Persien deportiert.

Bislang hatte Agha Muhammad sich geweigert, den Titel des »Schah« anzunehmen – und tatsächlich fehlte ihm noch Khorasan, der Nordosten Persiens mit dem Zentrum Maschhad, um seine safawidischen Träume zu erfüllen. Auf dem Feldzug dorthin, im Winterlager in der Mughan Steppe, gab er dem Drängen seiner engsten Gefolgsleute nach und vollzog die Krönung im März 1796 – 60 Jahre, nachdem Nadir Khan diesen Schritt am gleichen Ort getan hatte. Indem er sich mit dem Schwert von Schah Isma’il I., dem Begründer der safawidischen Dynastie, umgürtete, machte er sichtbar, dass er seine Legitimation zu herrschen aus eben dieser Tradition ableiten würde. Mit der Einnahme von Maschhad im Mai 1796, das er – aus Respekt vor dem Heiligtum des Imam Reza – zu Fuß betrat, endete die Unterwerfung Irans. Agha Muhammad sollte die Erfüllung seines Lebenswerks nicht lange überleben. Denn am 16. Juni 1797 wurde er in Schuscha im Gebiet des heutigen Berg-Karabach ermordet, Opfer eines Anschlags zweier Diener, denen er, obgleich bereits zum Tode verurteilt, einen Tag Aufschub bis zu ihrer Hinrichtung gewährt hatte. Auch seine letzte Ruhestätte hatte Bezug zu den Safawiden: Der Leichnam wurde nach Nadschaf gebracht und dort am Heiligtum von Imam Ali in der Nähe von Schah Abbas I. bestattet.

Agha Muhammad Schah Qadschar gründete eine Dynastie, die immerhin bis 1925 überleben sollte. Unter ihrer Herrschaft vollzog sich der Übergang Persiens vom Mittelalter in die Neuzeit. 1786 hatte er Teheran, eine kleine Stadt von zwischen 15 000 und 30 000 Einwohnern, in der Nähe von Ray, dem antiken Raghes, gelegen, zu seiner Hauptstadt gemacht. Ihre Lage im Norden des Landes nahe den Siedlungsgebieten seines Stammes, sicherte ihm dessen Rückhalt. Die zivile Verwaltung des Staatsgebiets freilich blieb unter Agha Muhammad Schah rudimentär. Persönliche Hingabe und Loyalität ihm gegenüber waren die wichtigsten Kriterien bei der Besetzung von Schlüsselpositionen. Seinem Selbstverständnis als Schahanschah (»König der Könige«) gemäß sah er sich als die Quelle von Gerechtigkeit und als Beschützer der Armen. Das Land war weithin befriedet, die Gouverneure und Statthalter des Herrschers waren zu Mäßigung im Umgang mit den Untertanen angehalten; Verfehlungen freilich konnten auf das härteste bestraft werden.

Im Kern war das Leben Agha Muhammad Khans dasjenige eines Mannes gewesen, der aus dem Sattel regiert hatte. Nicht wirklich charismatisch, war er hartnäckig bei der Durchsetzung seiner Ziele. Zwar verstand er auch, politische Allianzen zu schmieden und den Treibsand der Loyalität der Stämme in die von ihm gewollte Richtung zu wenden – diesbezüglich hatte er in seinem zwanzigjährigen Aufenthalt am Hofe der Zand viel lernen können. Aber sein Heer war das wirkungsvollste und verlässlichste Instrument auf dem Weg der Neugründung Persiens. Von dem Zeitpunkt, da er den Hof der Zand verließ, bis zu seinem Tod hat er es unablässig im Einsatz gehalten. Was er an administrativer Weitsicht vermissen ließ, machte die Grausamkeit wett, mit der er unterlegene Feinde heimsuchte und für die er weithin berüchtigt war. Biographen schreiben sie auch der Tatsache seiner Kastration zu: Diese habe eine besonders brutale Rachsucht in ihm entstehen lassen.

Seiner körperlichen Verstümmelung als »Agha« geschuldet, hatte Muhammad Schah keine eigenen Kinder. Seit langem hatte er deshalb seinen Lieblingsneffen, Fath Ali Khan, als Nachfolger designiert. Ein kurzes Ringen um die Macht mit potentiellen Prätendenten war bald beendet. Bereits im August 1797 ritt Fath Ali Khan (geb. 1772) in Teheran ein, wo er sich am 21. März 1798 zum Schah krönte. Der Ehrgeiz Agha Muhammad Schahs, die Qadscharen auf dem Thron der Safawiden zu verankern, hatte sich damit erfüllt – auch wenn er sich nicht alle Gebiete, die Teile des safawidischen Reichs gewesen waren, hatte untertan machen können. Das Zweistromland verblieb bei den Osmanen und die östliche Region des iranischen Hochlandes wurde Teil des in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstehenden afghanischen Staates.

Die Ausgangssituation der Herrschaft Fath Ali Schahs war eine andere als die seines osmanischen Zeitgenossen Selim III. (1789–1807) und dessen Nachfolgers Mahmud II. (1808–1839). Die Familie Osman herrschte seit Jahrhunderten über ein Großreich, ihre Legitimation stand nicht prinzipiell infrage. In ihrer Außenpolitik hatte sich die osmanische Zentralgewalt die diplomatischen Gepflogenheiten zu Eigen gemacht, wie sie auch im Verkehr der europäischen Mächte untereinander üblich geworden waren. Aber das Großreich war im 18. Jahrhundert unter Druck geraten und musste zunehmend um seinen territorialen Bestand ringen.

Der neue Herrscher in Teheran sah sich elementareren Herausforderungen gegenüber. Sein Onkel hatte das Staatsgebiet mit großer Gewalt zusammengefügt. Die Machtausübung im Zentrum des Staates und in den Provinzen war in höchstem Maße durch ihn und seine führenden Gefolgsleute personalisiert. Den Qadscharen fehlte also die jahrhundertealte Legitimation der Geschichte. Zugleich war die Ausgangssituation umso schwieriger, als sich Fath Ali Schah von Beginn an dem Andringen europäischer Mächte ausgesetzt sah, die an der persischen Landbrücke zwischen Vorderem Orient und dem südasiatischen Subkontinent geopolitisches und wirtschaftliches Interesse zu nehmen begannen. Persien geriet zwischen die Mühlsteine europäischen Vormachtstrebens: Das waren zu Beginn der Herrschaft Fath Ali Schahs Frankreich und England; sehr bald aber schied Frankreich aus dem Ringen aus und Russland trat an seine Stelle.

Während Staat und Gesellschaft im Osmanischen Reich (und in Ägypten) im Verlauf des 19. Jahrhunderts durch Reformen tiefgreifend verändert wurden, sollte der Prozess der Modernisierung in Persien schleppend und oberflächlicher verlaufen. Die Ausübung der Macht durch den Schah stand auf tönernen Füßen. Bereits bei der Regelung der Nachfolge Fath Ali Schahs im Jahr 1834 war die Hand Russlands unübersehbar. Und spätestens von diesem Zeitpunkt an sollten Russland und England über nahezu ein Jahrhundert um politischen und wirtschaftlichen Einfluss in Persien ringen. Beide Seiten waren am Erhalt der Dynastie interessiert: Sie war der Garant, zu verhindern, dass Persien vollständig unter die Kontrolle der einen oder anderen Macht fallen würde. Ohne diese »stabilisierende« Rivalität wäre das Schicksal der Dynastie möglicherweise früher besiegelt gewesen – und Russlands Einfluss hätte sich bis zum Persischen Golf ausgedehnt. Dem musste England mit Blick auf seine Interessen dort und insbesondere auf seine Besitzungen in Indien entschieden entgegentreten.

Seit langem hatten die Zaren ihren begehrlichen Blick auf den Kaukasus geworfen. Unter Katharina II. hatte das Zarenreich seine aktive Expansionspolitik im Kaukasus wieder aufgenommen; dabei war dem christlichen Georgien eine besondere Rolle zugefallen. Die Schwächung der persischen Zentralgewalt im Gefolge der Ermordung Agha Muhammad Schahs im südlichen Kaukasus hatte dem Einfluss Russlands insbesondere in Georgien Tür und Tor geöffnet. 1801 war es zum Protektorat erklärt und dem Zarenreich eingegliedert worden. In seinem Bemühen, das von seinem Onkel eben erst eroberte Land zurückzugewinnen, setzte Fath Ali Schah auf die europäischen Mächte. Der russisch-französisch-englische Machtpoker über die Landverbindung nach Indien schien ihm geeignet, Verbündete zu gewinnen, indem er die Mächte gegeneinander ausspielte. 1800 schickte London eine Delegation nach Teheran, um den Schah für sich zu gewinnen. 1801 kam ein Vertrag zustande, der weitgehende Handelsprivilegien umfasste. Solange freilich Napoleon gleichermaßen eine Bedrohung für England und Russland darstellte, war London nicht bereit, Teheran in einem militärischen Vorgehen gegen Russland im Kaukasus zu unterstützen. So kam Napoleon zum Zug. Nach seinem Scheitern in Ägypten hoffte er, die Briten in ihren Besitzungen in Indien treffen zu können. Im Mai 1805 traf eine französische Delegation in Iran ein, um für ein Bündnis zu werben. Zu einem solchen kam es tatsächlich zwei Jahre später im ostpreußischen Finckenstein: Frankreich signalisierte seine Unterstützung bei der Rückgewinnung Georgiens, im Gegenzug würde der Schah alle Briten aus Persien ausweisen und – vor allem in der Armee – durch Franzosen ersetzen. Der Abschluss des Friedens von Tilsit zwischen Napoleon und dem Zaren bereits am 7. Juli 1807 dämpfte den französischen Enthusiasmus, Teheran in Georgien gegen Russland zu unterstützen. Aus dem fortgesetzten Schaukelspiel ging schließlich England als Sieger hervor. Die Niederlage Napoleons gegen Russland schließlich (1812) warf Frankreich endgültig aus der Rivalität der Mächte um Persien. Künftig sollte diese zwischen Russland und England ausgetragen werden. Der geistige und zivilisatorische Einfluss Frankreichs, nicht zuletzt in Gestalt französischer Berater in zahlreichen Bereichen des öffentlichen Lebens, und die französische Sprache sollten aber – zumindest unter der Elite – weiterwirken.

Im Schaukelspiel zwischen den europäischen Mächten erscheint Iran eher als passiver denn als aktiver Spieler. Der Schah verfügte nicht über eine militärische Streitmacht, die ihn ebenbürtig an die Seite der anderen drei hätte treten lassen. Gleichwohl suchte er seit 1804, militärisch seine Ziele gegenüber Russland in Georgien zu erreichen. Solange Russland auf dem europäischen Kriegsschauplatz gebunden war, konnte der Zar seine militärischen Potentiale im Kaukasus nicht voll zur Wirkung bringen. Die Kämpfe zogen sich mit wechselnden Erfolgen hin. Nach dem Frieden von Tilsit (1807) bot der Zar dem Schah zwar Unterstützung gegen die Osmanen an, stellte Georgien aber nicht zur Disposition. 1810 erklärte Fath Ali Schah den Krieg zu einem »heiligen Krieg«. Zwar waren die Russen zahlenmäßig unterlegen, aber ihr Vorsprung in Strategie und Kriegstechnik zwang Iran im Oktober 1813 zur Kapitulation. In Gulistan unterzeichneten beide Seiten einen für den Verlierer erniedrigenden Friedensvertrag: Persien verlor alle Gebiete im Kaukasus nördlich des Flusses Kura, d. h. Derbent, Baku und Schirvan. Zugleich erhielt Russland das ausschließliche Recht, eine Kriegsflotte auf dem Kaspischen Meer zu unterhalten. Artikel 4 des Vertrages sicherte Russland eine Mitbestimmung bei der Designation des Kronprinzen zu. Verhängnisvoll für die politische und wirtschaftliche Entwicklung Irans sollten sich die Bestimmungen auswirken, die die wirtschaftlichen Beziehungen betrafen. Dabei handelte es sich um Vereinbarungen, die im Falle des Osmanischen Reichs – beginnend 1569 mit Frankreich und in der Folge fortgesetzt mit anderen europäischen Mächten – als »Kapitulationen« in die Geschichte eingegangen sind. Russen wurde das Recht eingeräumt, in Iran Eigentum zu erwerben und im Handel nur einen einzigen Wertzoll von fünf Prozent zu entrichten. Zwar waren ähnliche Vorteile bereits früher England vergeben worden, der Vertrag von Gulistan aber enthielt weiterreichende Konzessionen in der Außenhandelspolitik, als das vorher jemals der Fall gewesen war. Namentlich die Befreiung von Binnenzöllen, die russische Kaufleute innerhalb Persiens genossen, räumte ihnen gegenüber den einheimischen Kaufleuten, die nach wie vor diese Abgaben zu entrichten hatten, handfeste Vorteile ein.

Der Krieg hatte die Schwäche des Landes offenbart. Diese freilich lag nicht nur im militärischen Bereich; vielmehr war die militärische Schwäche Ausdruck der gesellschaftlichen Verhältnisse und der allgemeinen Unterentwicklung des Landes. Auch wenn sich der Herrscher als »König der Könige« (schahanschah) bezeichnete, war seine tatsächliche Macht beschränkt. Der die politische Loyalität der Untertanen grundlegend bestimmende Tatbestand war die tribale Gliederung der Gesellschaft. Die Stämme und Stammesverbände – so etwa die Turkmenen im Nordosten, die Qaschqai in der zentralen Provinz Fars, die Schahsevan in Aserbaidschan, die Kurden im Westen, die Lur sprechenden Bakhtiaris und die Luren zwischen den Kurden und Qashqai, die Araber im Südwesten, die Belutschen im Südosten – sie alle waren machtvolle gesellschaftliche und politische Verbände. Halbautonom in ihrem Status, verfügten sie zugleich über beträchtliche militärische Stärke, die jeweils von Fall zu Fall für die Interessen und Pläne der Zentralgewalt gewonnen werden musste. Unter einer Bevölkerung von fünf bis sechs Millionen Menschen waren etwa ein Zehntel Nomaden. Vor diesem Hintergrund erklärt sich das grundlegende Dilemma des Herrschers: Auf der einen Seite war er das Zentrum staatlicher Machtausübung, beständig bemüht, seine Stellung als »König der Könige« zu rechtfertigen und propagandistisch zu erhöhen. Auf der anderen fehlten ihm die Machtmittel, dies durch herrschaftliches Handeln im Gesamtinteresse des Staates in Erscheinung treten zu lassen. Militärisch relativ schwach, reichte sein herrscherlicher Arm in Teilen des 19. Jahrhunderts kaum über die Tore Teherans hinaus. So musste der Schah also indirekte Wege der Machtausübung beschreiten: oppositionelle Kräfte spalten, politische Rivalitäten schüren, Vergünstigungen anbieten und »Gäste«, sprich Geiseln machtvoller Stämme und Familien, am Hof halten.

Die Schwäche der Zentralgewalt und das Fehlen leistungsfähiger staatlicher Institutionen machten sich nicht zuletzt bei den Staatseinnahmen bemerkbar. Hohe Ämter – so auch die Gouverneursposten – wurden meistbietend versteigert. Das veranlasste die Amtsinhaber, aus ihren Posten in kürzester Zeit herauszuholen, was herauszuholen war. An einer langfristigen Entwicklungsperspektive der Staatsfinanzen bestand kein Interesse, galt es doch, für die nächste »Versteigerung« finanziell aussichtsreich vorgesorgt zu haben. Ein Großteil der Staatsdomänen musste in Form von Lehen als Gegenleistung für militärische Unterstützung vergeben werden. Diese aber wurden zum Teil erblich und genossen Steuerbefreiung. In der langen Periode ihrer Herrschaft haben die qadscharischen Herrscher – im Gegensatz zu den Osmanen über weite Epochen – keinen ernsthaften Versuch unternommen, Wege zu beschreiten, die kontinuierlich und langfristig auf eine Steigerung des allgemeinen wirtschaftlichen Wohlstands ausgerichtet gewesen wären. So blieb auch die Modernisierung insgesamt, d. h. die Anpassung von Staat, Gesellschaft, Wirtschaft und geistigem Leben an die Herausforderungen, die sich aus dem Zusammenstoß mit europäischen Nationen ergaben, Stückwerk. Häufig war sie das Werk von einzelnen Persönlichkeiten. Fielen diese beim Herrscher aus politischen oder persönlichen Gründen in Ungnade, erlosch die Dynamik der Erneuerung.

Die Aufwendungen Fath Ali Schahs (und seiner Nachfolger) für Hofhaltung und Herrschaftsstil standen in krassem Gegensatz zu dem Mangel an Entschlossenheit, Staat und Gesellschaft auf ein neues Fundament zu stellen. Der »König der Könige« war bemüht, den konkurrierenden Herrscher in Konstantinopel – ja »nur« ein Sultan – in den Schatten zu stellen. Hatten frühere Herrscher über Persien Isfahan und Schiraz geschmückt, so entstanden nunmehr aufwendige Bauten in Teheran. Zugleich sollten Theologen, Dichter und Schriftsteller das Zentrum der Macht zum »Musenhof« machen (an dem der Herrscher auch selbst dichterischen Ehrgeiz entfaltete). Zur Bekundung seines religiösen Eifers wurden Mittel für die goldenen Kuppeln der Gräber der schiitischen Imame – so in Qum und Maschhad – aufgebracht. Die – erfolglosen – militärischen Unternehmungen zur Rückgewinnung verlorener Territorien bedeuteten eine anhaltende Belastung des Staatshaushalts. Unsummen schließlich verschlang der persönliche Lebensstil Fath Ali Schahs: Legendär geworden ist sein Harem. Alles in allem soll er tausend Frauen umfasst haben, denen noch die Eunuchen hinzuzufügen sind. Von seinen zahlreichen Kindern haben ihn 60 männliche und 55 weibliche Nachkommen überlebt.

Zu Ansätzen einer Modernisierung von Verwaltung und Militär kam es in Täbris, der Hauptstadt Aserbaidschans. Dort herrschte als Gouverneur Abbas Mirza (1789–1833), ein Sohn Fath Ali Schahs. Er war von seinem Vater mit der Kriegsführung gegen Russland betraut. Auf die Niederlage von Gulistan sollte eine zweite folgen. 1825 hatte Russland Teile des heutigen Armenien besetzt. 1826 entschloss sich Abbas Mirza zum Krieg, der 1827 mit der Besetzung von Täbris durch russische Truppen endete. Der Friede von Turkmentschai (1828) war für Persien nicht weniger folgenschwer als sein Vorgänger in Gulistan. Nicht nur verlor das Land alle Gebiete nördlich des Aras, der nunmehr zur Grenze zwischen dem Zarenreich und Persien wurde. Persien musste hohe Reparationszahlungen leisten und Russland die umfassende extraterritoriale Jurisdiktion über russische Staatsbürger einräumen. Die mit Russland getroffenen Vereinbarungen wurden später auf andere europäische Mächte, namentlich England, ausgedehnt. Immerhin weckten die in den Kriegen gemachten Erfahrungen in Abbas Mirza ein Bewusstsein für die Notwendigkeit von Reformen. Wie die Reformsultane in Konstantinopel begann er mit dem Heerwesen. Französische, englische und russische Ausbilder wurden ins Land geholt; umgekehrt wurden Perser zur Ausbildung ins Ausland geschickt. Mit der Produktion von Kanonen wurde ein erster Schritt in Richtung auf eine Industrialisierung gemacht. Die Verkehrsinfrastruktur wurde verbessert, erste Maßnahmen zur Stärkung der Verwaltung unternommen. Mit dem Tod von Abbas Mirza 1833 freilich verlosch das zarte Flämmchen erster Reformen bis auf Weiteres wieder. In seinen Bemühungen hatten ihm zwei außerordentliche Persönlichkeiten zur Seite gestanden: die »Großwesire« (sadr-e a’zam) Vater Isa (gest. 1822) und dessen Sohn Abu l-Qasim Farahani Qa’im Maqam. Dessen Ende sollte nicht untypisch sein für das Schicksal einer Reihe von herausragenden Persönlichkeiten – sowohl vor, insbesondere aber nach ihm. Fath Ali Schah starb 1834, ein Jahr nach seinem für den Thron designierten Sohn Abbas Mirza. Nachdem es Abu l-Qasim Farahani gelungen war, im Schlangennest der Prätendenten den Sohn seines prinzlichen Dienstherrn als Muhammad Schah zum Nachfolger zu machen, fiel er einer Palastintrige zum Opfer: 1835 ließ ihn der neue Herrscher auf Anraten seines Beraters und Günstlings Mirza Aqasi erdrosseln.

Überzeugt, dass Herat im Nordwesten Afghanistans leichter zurückzugewinnen sein würde als Georgien, hatte Abbas Mirza 1833 einen Angriff auf die Stadt begonnen. Dabei stieß er freilich auf den Widerstand Englands, das seinerseits dabei war, Afghanistan seiner Kontrolle zu unterwerfen. Mit dem Tod seines Vaters (1833) und seines Großvaters (1834) übernahm Muhammad Schah (reg. 1834–1848) dieses schwierige Erbe. Die Armee und die Finanzen waren erschöpft. Nachdem bei der Regelung der Nachfolge Fath Ali Schahs auch England und Russland ihre Hände im Spiel gehabt hatten, musste die Belagerung Herats abgebrochen werden. Damit wuchs der Einfluss Englands nachhaltig an. In den Jahren 1836 bis 1841 schlossen London und Teheran Verträge ab, die England alle Vorrechte einräumten, die vorher bereits Russland innehatte. Die Meistbegünstigungsklausel, die im Vertrag mit England von 1841 enthalten war, sollte dann in späteren Abkommen Persiens auf andere fremde Mächte ausgedehnt werden.

Ein Vorfall vom Februar 1829 lässt schlaglichtartig deutlich werden, wie hoch einerseits die Abhängigkeit von Russland bereits war, wie erniedrigend andererseits diese auch im Volk empfunden wurde. Zur Umsetzung der Bestimmungen des Vertrages von Turkmentschai, namentlich der Zahlung von Reparationen und der Entlassung von Kriegsgefangenen, schickte der Zar Alexander Gribojedow (geb. 1795), Diplomat zugleich aber auch bekannter Schriftsteller, nach Teheran. Dessen arrogantes Auftreten war als solches bereits geeignet, bei seinen persischen Gesprächspartnern Unmut zu erregen. Dieser steigerte sich zum Volkszorn, als er Damen georgischer und armenischer Herkunft aus dem Harem des Großwesirs, die zum Islam übergetreten waren, in der russischen Vertretung Aufnahme bot. Die Mullas schürten das Gerücht, Gribojedow bekehre zwangsweise Muslime zum Christentum. Damit mobilisierten sie einen Mob, der schließlich in die russische Vertretung eindrang und bis auf einen das gesamte Personal – einschließlich Gribojedow – umbrachte. Ein halbes Jahr später, am 24. August, ließ der Zar in St. Petersburg eine persische Delegation zur Audienz vor. In ihr nahm er nicht nur die Entschuldigung des Schahs für den »Gribojedow-Vorfall«, sondern auch – zur Sühnung – üppige Geschenke an: eine Belastung mehr für eine Staatskasse, die ohnehin leer war.

Ansonsten war die Herrschaft Muhammad Schahs eher durch Stillstand gekennzeichnet. Nach der Ermordung Abu l-Qasim Farahanis auf Veranlassung Mirza Aqasis verliefen die folgenden Jahre im Wesentlichen friedlich. Mirza Aqasi war ein Anhänger des sufischen Islams, der Schah stand unter seinem Einfluss. Er ließ die Gräber bedeutender sufischer Dichter und Denker restaurieren; das geistige Klima öffnete sich für europäische Ideen. Die Stellung des offiziellen schiitischen Klerus war geschwächt.

Gerade im religiösen Raum aber vollzogen sich Entwicklungen von großer Tragweite. Sie gingen von der messianischen Babi-Bewegung aus, die sich später in veränderter Form als Baha’itum weit über die Grenzen Persiens hinaus ausbreiten sollte. Der Begründer der Bewegung, Seyyid Ali Muhammad, wurde 1819 als Sohn eines Kaufmanns in Schiraz geboren. Unter dem Einfluss einer Lehre innerhalb der Zwölfer-Schi’a, die verkündete, dass es immer einen Mann auf der Welt gegeben habe, der in Verbindung mit dem verborgenen zwölften Imam stand und so dessen Willen kundtun konnte, erklärte sich Seyyid Ali Muhammad 1844 selbst zu diesem »Tor« (bab) zum verborgenen Imam. Später ließ er durchblicken, dass er der Imam selbst sei, dessen eschatologische Wiederkunft die Schiiten erwarteten. Er verurteilte das Unrecht, das durch traditionelle Herrschaft und westliche Einmischung verursacht worden war. Zu seinen Forderungen gehörten soziale Gleichheit, die Besserstellung der Frauen, die Senkung der Steuern und die Milderung der Strafen. Diese fortschrittliche, von messianischem Eifer getragene religiöse Botschaft gewann in vielen Gegenden Persiens eine starke Anhängerschaft. Es kam zu vereinzelten offenen Revolten, die niedergeschlagen wurden. 1850 wurde der Bab in Täbris öffentlich hingerichtet. Auf ein Attentat seiner Anhänger gegen den neuen Schah Nasir ad-Din 1852 regierte dieser mit grausamer Verfolgung. Die Babis spalteten sich: Die Mehrheit folgte Mirza Husain Ali Nuri, später Baha’ullah (»Glanz Gottes«; 1817–1892) genannt, einem frühen Anhänger des Bab; eine Minderheit seinem Halbbruder Mirza Yahya Nuri, später als Subh-e Azal (»Morgen der Ewigkeit«; 1830–1912) bekannt. Ersterer gab der Bewegung, die heute als Baha’i-Religion eine weltweite Anhängerschaft hat, ihren Namen.

Für die Niederschlagung der Babi-Bewegung hatte der Schah die Rückendeckung des schiitischen theologischen Establishments, war doch durch die neue Lehre dessen Stellung herausgefordert. Nasir ad-Din Schah (1848–1896) teilte nicht die sufischen Neigungen seines Vaters. In dem Prozess gegen den Bab hatte er selbst den Vorsitz inne. Anders als sein Vater suchte er die Legitimation seitens der Theologen. Das lag schließlich in der Logik der geschichtlichen Entwicklung. Denn auch wenn sich der Machtanspruch, der Stil der Ausübung der Herrschaft und die territorialen Ansprüche der qadscharischen Herrscher an den Safawiden orientierten, konnten – anders als eben diese – der Gründer der Dynastie und seine Nachfahren (bis 1925) keine religiöse Legitimation für sich reklamieren. Mit dem Titel des »Großkönigs« (schahanschah) knüpften sie an die uralte, vorislamische Tradition des persischen Königtums an. Eine Absicherung gegenüber dem schiitischen Klerus war jedoch zur Stabilisierung ihrer Herrschaft unerlässlich, bestand doch die Gefahr, dass sich eine Opposition gegen die Dynastie – wie eben im Falle des Bab – religiöser Argumentation hätte bedienen können. Die ulama ihrerseits waren zu einer begrenzten Zusammenarbeit mit der Dynastie bereit, auch wenn tief eingewurzeltes Misstrauen der Institution der Monarchie gegenüber fortbestand. Mit einer allzu großen Nähe wollten sich viele nicht »verunreinigen«. Eine Parallele mit der Doktrin der »zwei Schwerter«, mit der mittelalterliche Staatstheoretiker das Verhältnis von Kaiser und Papst zu erfassen suchten, liegt durchaus nahe.

Seit dem 14. Jahrhundert war der hohen Geistlichkeit ein besonderer Stellenwert für die Auslegung der schiitischen Lehre zugewachsen. Nach einem langen Studium der religiösen Texte waren die Theologen schließlich zum idschtihad befähigt, d. h. zur selbstständigen Rechtsfindung aufgrund rationaler Abwägungen. Damit waren sie mudschtahids und berufen, den Gläubigen in allen Fragen des individuellen, aber auch öffentlichen Lebens eine Weisung zu erteilen, die aus den Grundsätzen der islamischen Religion schöpfte. Unter den Qadscharen schließlich bildete sich der Klerus aus, der in der Staatstheorie Khomeinis später eine buchstäblich staatstragende Rolle spielen sollte. Zwar gab es noch nicht die Institutionalisierung der Stellung des »vorzüglichsten Gottesgelehrten«, der selbst berufen sein würde, an die Spitze eines islamischen Staatswesens zu treten ( S. 445). Aber eine Hierarchisierung geistlicher Ränge wurde durchaus Praxis. Der Ehrentitel eines ayatollah (»Zeichen Gottes«) war bereits zuvor in Gebrauch gekommen. Seit dem 19. Jahrhundert haben sich dann einzelne prominente mudschtahids aufgrund ihrer Fähigkeiten und ihrer Popularität den Rang allgemein anerkannter Autoritäten erworben. Sie wurden zu »Instanzen der Nachahmung« (mardscha at-taqlid), d. h. ihr Vorbild wurde weithin verbindlich, ihre Entscheidungen waren allgemein gefragt und wurden akzeptiert – weit über den lokalen oder regionalen Rahmen hinaus, in dem die Autorität eines mudschtahid gewöhnlich ihr Betätigungsfeld fand. Im Prinzip war (und ist bis heute) im Chor der mudschtahids Vielfalt angelegt, können doch die Auslegungen der religiösen Quellen durch die dazu Befähigten sehr unterschiedlich ausfallen. Ein Dogma der Unfehlbarkeit gibt es nicht. Auch verfällt die Gültigkeit der Entscheidungen mit dem Tod des mudschtahid: Geltung haben nur die Entscheidungen der lebenden Geistlichen.

Der Beginn der Herrschaft Nasir ad-Din Schahs stand im Zeichen von Reformen. Ihr Motor war sein Wesir (sadr-e a’zam, »Ministerpräsident«) Mirza Taqi Khan Amir Kabir (1807–1852). Aus kleinen Verhältnissen stammend, war er dem jüngeren Qa’im Maqam durch seine Intelligenz aufgefallen; dieser hatte ihm eine hervorragende Ausbildung angedeihen lassen. Ein Aufenthalt in Russland hatte ihn mit europäischem Geist in Militärwesen, Verwaltung, Gesellschaft und Kultur in Berührung gebracht. Im Verlauf eines vierjährigen Aufenthalts in der Türkei (1843–1847) wurde er Zeuge der Neuerungen in den Bereichen des Rechts, der Finanzen, der Verwaltung und des Militärs im Gefolge des 1839 von Sultan Abdülmecit proklamierten Edikts von Gülhane ( S. 53). Sie inspirierten ihn zu einem umfassenden Reformwerk, das er mit Antritt der Herrschaft Nasir ad-Din Schahs ins Werk setzte. Wie auch bei seinen Vorgängern galt sein Hauptinteresse zunächst der Reform des Militärs: Er organisierte die Armee nach westlichem Muster und verstärkte Ausbildung und Schulung. Um die angespannte finanzielle Lage des Staates zu verbessern, verringerte er die Zahl der Sinekuren und ersetzte eine Reihe von Lehen durch bescheidene Renten. Er rief die erste offizielle Zeitung ins Leben, die Waqayi-e ittifaqiyye (»Die Chronik der Ereignisse«). Weitere Reformen betrafen das Rechtswesen, einen besseren Schutz religiöser Minderheiten und die Landwirtschaft. Erste Schritte zur Industrialisierung wurden unternommen. Seine wichtigste und nachhaltigste Maßnahme aber war die Gründung der ersten Lehrstätte für höhere Bildung, die Dar al-Funun (»Haus der Techniken«) 1851 in Teheran. Auch hier standen Disziplinen im Vordergrund, die das Militärwesen berührten: Im weiteren Sinne gehörten dazu Medizin, Ingenieurwesen, Fremdsprachen und Musik. Große Teile des Lehrkörpers wurden aus Europa rekrutiert – neben England und Russland auch aus Frankreich. Auf diese Weise wurde die Dar al-Funun für die kommenden Jahrzehnte ein Tor der Modernisierung und des wachsenden kulturellen Einflusses Europas.

Naturgemäß stießen die Reformen auf den Widerstand jener, deren Privilegien davon negativ berührt waren. Solange der Kampf gegen die Babis angesagt war – Mirza Taqi Khan selbst war ein unerbittlicher Gegner der Bewegung –, war kein Raum, Unzufriedenheit und Opposition an den Tag zu legen. Mit der Unterdrückung der Bewegung aber formierte sich der Widerstand gegen den Wesir: Angeführt von der Königin Mutter kam es zu einer Palastintrige. Schließlich ließ sich der Schah überzeugen, dieser Emporkömmling verfolge noch höhere Ziele, ja wolle sich selbst auf den Thron setzen. Zunächst wurde Mirza Taqi Khan nach Kaschan ausgewiesen. Am 10. Januar 1852 wurde er dort ermordet: Man schnitt ihm die Adern der Gliedmaßen auf und ließ ihn verbluten – mit einem Knebel im Mund, um ihn am Schreien zu hindern.

In kürzester Zeit waren breite Impulse der Modernisierung angestoßen worden. Mit der frühen Ermordung ihres Urhebers aber kehrte erst einmal wieder Stagnation zurück. Einige der Reformen wurden zurückgenommen und unter der Leitung seines Wesirs Mirza Agha Khan Nuri ließ sich der Schah einmal mehr auf ein afghanisches Abenteuer ein. Der Umstand, dass Englands Kräfte im Krimkrieg gegen Russland gebunden waren, schien die Möglichkeit zu eröffnen, nun doch noch die Eroberung von Herat ins Werk zu setzen. In diesem Bestreben wurde er von Russland unterstützt. Das Kalkül erwies sich als falsch. Britische Truppen landeten in Buschehr und zwangen den Schah, das Vorhaben abzubrechen. Im Rahmen des Friedensvertrages von Paris (1856), der den Krimkrieg beendete, wurden auch die britisch-persischen Beziehungen geregelt: Der Schah musste seinen Anspruch auf Herat und das westliche Afghanistan ein für alle Mal aufgeben; für eine Reihe von Jahren geriet der persische Hof unter den vorherrschend englischen Einfluss. Der russische Vorstoß in Zentralasien führte im Norden zum Verlust persisch- und turksprachiger Gebiete, die in der Vergangenheit Teil des safawidischen Reichs gewesen waren.

Mit dem für Persien erniedrigenden Ausgang der Auseinandersetzung um Herat entließ der Schah 1858 seinen Großwesir. In der Folge experimentierte er mit diversen Formen der Regierungsbeteiligung – erst einem Kabinett mit mehreren Ministern, später einer Art von beratender Versammlung. Sein vorrangiges Interesse dabei bestand darin sicherzustellen, dass alle Fäden des Regierens bei ihm zusammenliefen. Konservative und eher für Reformen offene Kräfte wurden gegeneinander ausgespielt. Unter letzteren war Mirza Malkom Khan eine der schillerndsten und bemerkenswertesten Persönlichkeiten: 1833 in eine armenisch-christliche Familie geboren, erhielt er in Paris seine Ausbildung. Nach seiner Rückkehr nach Persien (1852) konvertierte er zum Islam und unterrichtete zunächst an der Dar al-funun. 1858 begründete er eine Art Freimaurerloge (faramuschkhane, »Haus des Vergessens«). Zunächst vom Schah darin unterstützt, musste er nach dessen Sinneswandel 1862 ins Exil gehen. Später begnadigt, kehrte er zurück und nahm in den folgenden Jahrzehnten unterschiedliche Posten in Regierung und Verwaltung sowie im diplomatischen Dienst wahr. In seiner Zeit als Botschafter in London (1872–1888) gab er die Zeitschrift Qanun (»Das Gesetz«) heraus. Diese und andere Veröffentlichungen sollten ihn zu einem der Väter der Verfassungsrevolution werden lassen, die er als Botschafter in Rom (bis zu seinem Tod 1908) miterleben sollte.

In eine neue Phase trat die Herrschaft Nasir ad-Din Schahs in den sechziger Jahren. Nicht zuletzt angeregt durch Malkom Khan und seinen Großwesir Mirza Husain Khan, zeigte der Schah offenes Interesse für die Verhältnisse in Europa. Dies schlug sich in drei Reisen nieder, die er 1873, 1878 und 1889 unternahm. Zugleich trieben ihn die ständigen Finanznöte (die durch die erheblichen Aufwendungen für die Reisen verschärft wurden) dazu, sich Geld aus dem Ausland zu verschaffen. Das geschah durch Kredite sowie den Verkauf von Konzessionen an Teilen der persischen Wirtschaft an ausländische Geschäftsleute. Wieder kamen die Impulse von einer starken Persönlichkeit außerhalb des Hofes. Mirza Husain Khan Muschir ad-Daula war 1871 als Großwesir berufen worden. Er stand mit Reformern seiner Zeit in Russland und im Osmanischen Reich in Verbindung. In seiner Zeit als Botschafter in Tiflis hatte er Fath Ali Akhundov ( S. 133) und in Konstantinopel Malkom Khan getroffen.

Seine Reisen führten Nasir ad-Din Schah nach Russland, Polen, Preußen, Frankreich, die Schweiz, Italien, Österreich (1873 besuchte er in Wien die Weltausstellung) und in das Osmanische Reich. Er hat darüber ein Tagebuch verfasst, das zwar in Teilen auf skurrile Weise erkennen lässt, wie weit der zivilisatorische und kulturelle Abstand zwischen Persien und Europa war, zugleich aber offenbart es ein lebendiges Interesse des Herrschers an den europäischen Errungenschaften. Auch erwies sich der Schah als begeisterter Fotograph und hat als solcher eine reiche Ausbeute hinterlassen.

Den Auftakt der Konzessionen bildete um 1860 die Konzession an England zum Bau eines Telegraphennetzes. Das lag durchaus im beiderseitigen Interesse: Für England sollte der Telegraph zu einem wichtigen Strang der Kommunikation innerhalb des Empires, zwischen Südasien und London werden. Der Schah sah darin ein Instrument, über die Ereignisse und Zustände innerhalb Persiens kontinuierlich informiert zu werden; die autokratisch zentralistische Machtausübung konnte auf diese Weise weiter gefestigt werden. Die Konzessionen an den britischen Staatsangehörigen Baron Julius de Reuter waren wesentlich weitreichender: Sie gewährten dem Konzessionär nicht nur Exklusivrechte zum Bau von Eisen- und Straßenbahnen, sondern sie räumten ihm überdies besondere Rechte für den Betrieb fast aller Bergwerke, den Bau von Bewässerungsanlagen, die Gründung einer Nationalbank, der Imperial Bank of Persia, sowie für zahlreiche industrielle und landwirtschaftliche Betriebe ein – und das alles gegen Entrichtung relativ geringer Summen und bei bescheidener Gewinnbeteiligung des persischen Staates. Diese Politik schlug jedoch fehl. Nicht nur stieß sie auf den Widerstand Russlands; bei der Rückkehr von seiner ersten Europareise sah sich der Schah vielmehr einer Koalition patriotischer und antienglischer Beamter sowie der ulama gegenüber. Sie zwang ihn, Mirza Husain Khan zu entlassen und die Konzessionen an Reuter zu widerrufen. Als Antwort darauf instrumentalisierte die britische Regierung das Scheitern der Konzession mit dem Ziel, die Vergabe von Konzessionen an russische und andere ausländische Gesellschaften zu blockieren. 1879 erhielt gleichwohl eine russische Gesellschaft eine bedeutende Konzession für Fischereirechte im Kaspischen Meer. Und auch England sicherte sich in den folgenden Jahren durch weitere Konzessionen die Beteiligung an der Ausbeutung persischer Ressourcen.

Nicht zuletzt aufgrund seiner militärischen Schwäche war der Schah kaum in der Lage, sich den regionalen und lokalen Machthabern im Reich gegenüber als Zentralgewalt zu behaupten. 1879 stellte er einen nach russischem Vorbild organisierten Verband (»Kosakenbrigade«) auf. Dieser gab ihm zwar eine kleine verlässliche Streitkraft an die Hand. Da er aber von russischen Offizieren befehligt wurde, bedeutete er zugleich eine weitere Stärkung des russischen Einflusses im Land.

Parallel zu der wachsenden politischen und wirtschaftlichen Abhängigkeit von äußeren Mächten hatten sich seit Mitte des Jahrhunderts nachhaltige innere gesellschaftliche Veränderungen vollzogen. Die Intensivierung der Handelsbeziehungen mit Europa hatte zwar die Nachfrage nach persischen Handwerksprodukten, namentlich Teppichen, anwachsen lassen. Davon aber hatten weniger die Erzeuger als die lokalen und westlichen Zwischenhändler profitiert. Zugleich bedrohte die Überflutung des persischen Marktes mit billigen europäischen Importgütern lokale Wirtschaftszweige, so etwa die handwerklich produzierenden Textilbetriebe, in ihrer Existenz. Die europäische Nachfrage nach persischen Agrarprodukten wie Baumwolle, Obst, Nüsse und Opium steigerte die Rendite von Investitionen in der Landwirtschaft. Als Folge davon begannen sowohl traditionelle Grundbesitzer als auch Angehörige der städtischen Mittelklasse und wohlhabendere Dorfbewohner, landwirtschaftliche Nutzflächen aufzukaufen. Auch vor dem Hintergrund der sich im internationalen Handel auftuenden Gewinnchancen steigerten sich der Druck und die Lasten, die die Bauern zu tragen hatten. Zug um Zug verlor die Bevölkerung auf dem Land und in den Dörfern überkommene Rechte und ihre Lebensgrundlage, war sie doch häufig nicht mehr in der Lage, ihre Schulden und sonstigen Verpflichtungen zu bedienen. Verschärft durch anhaltende Wasserknappheit und Missernten, führten die Veränderungen in der Struktur von Landwirtschaft und Handel zu Lasten der Bauern und der städtischen Unterschichten 1870/71 zu einer dramatischen Hungersnot. Schätzungen zufolge starb etwa ein Zehntel der Bevölkerung.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Babi-Bewegung als mehr denn nur eine religiöse Erneuerungsbewegung dar: Sie hatte zugleich eine gesellschaftliche und politische Dimension. Sie artikulierte den Protest jener Schichten, die Opfer der skizzierten Veränderungen waren: der Kaufleute, die auf dem von billigen europäischen Produkten überschwemmten Markt nicht mehr mithalten konnten, und der ländlichen Bevölkerung, die sich von der Öffnung der landwirtschaftlichen Produktion für den europäischen Markt marginalisiert sah. Aber auch in jenen Teilen der persischen Gesellschaft, die eine Modernisierung anstrebten, welche sich aber angesichts der politischen Machtverhältnisse nicht oder nur allzu zögerlich durchsetzen ließ, fand die aus der Protestbewegung des Bab hervorgehende Religion des Baha’ullah (Bahaismus) ihre Anhänger.

Im »Tabakprotest« von 1890 bis 1892 vereinigen sich brennpunktartig die für die politische, wirtschaftliche und geistig-kulturelle Lage Persiens signifikanten Fäden. Im März 1890 räumte der Schah einem britischen Staatsbürger ein Monopol für Anbau, Verkauf und Export des gesamten persischen Tabaks ein. Nach monatelanger Geheimhaltung begann die Zeitung Akhtar (»Der Stern«) – heute würde man sagen: die Presse – die Angelegenheit ans Licht zu bringen. Die Proteste zogen breite Kreise; in ihnen spielte Dschamal ad-Din al-Afghani, ein religiös-politischer Aktivist von dem noch zu sprechen sein wird ( S. 91), eine zentrale Rolle. Zugleich trat die schiitische Geistlichkeit auf den Plan. In einem Schreiben an den Schah protestierte Ayatollah Hadschi Mirza Muhammad Hasan Schirazi, ein im irakischen Samarra residierender hoch angesehener mudschtahid und mardscha’-e taqlid, gegen den Ausverkauf Persiens an die Europäer. Höhepunkt des Widerstands wurde eine ihm zugeschriebene religiöse Rechtsentscheidung (fatwa). Im Herbst 1891 befindet er: »Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen! Ab heute wird der Genuss von Tabak in all seinen Formen als ein Krieg gegen den Imam der Zeit betrachtet …«. Die Folge der fatwa ist ein weithin im Lande befolgter Boykott des Genusses von Tabak. Im Januar 1892 widerruft der Schah die Konzession. Erst jetzt erklärt Mirza Schirazi die Geltung der fatwa für beendet und am 26. Januar 1892 wird das Rauchen wieder gestattet. Der Wille des Schahs war an einer breiten Allianz des Volkes, der Geistlichkeit und der führenden Köpfe der liberalen Bewegung gescheitert. Die Folgen waren nicht nur eine weitere Erosion des Ansehens des Herrschers. Die Affäre brachte vielmehr dem Land eine dramatische Auslandsschuld ein, da die Tabakgesellschaft die exorbitante Entschädigungssumme von 500 000 Pfund forderte.

Im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeiten zum 50. Jahrestag seiner Regentschaft (nach islamischer Zeitrechnung) wurde Nasir ad-Din Schah nach dem Besuch des hoch verehrten Mausoleums von Schah Abd ol-Azim (Abd al-Azim) im Süden Teherans am 1. Mai 1896 ermordet. Der Täter, ein enger Vertrauter Dschamal ad-Din al-Afghanis, stammte aus dem Babi-Milieu. In seinen Motiven mischte sich persönliche Rache für Haft und Folter mit sozialem Protest gegen die Lebensbedingungen der unteren Schichten.

Der Nachfolger, Muzaffar ad-Din Schah, entsprach nicht der Präferenz des Ermordeten; er wurde im Einvernehmen von England und Russland auf den Thron gehoben. Zum allgemeinen Entwicklungsstand des Landes vermerkt der britische Orientalist Edward G. Browne, der 1887/88 Persien bereist hat, er habe »almost the last of what may fairly be called medieval Persia« gesehen.14 Zehn Jahre nach seiner Krönung sollte sich Schah Muzaffar ad-Din revolutionären Forderungen nach der Beschränkung seiner Herrschaft durch eine Verfassung und durch den Willen eines gewählten Parlaments gegenübersehen.

3.3 Afghanistan – ein junger Staat gewinnt Konturen

Dass das Land, das seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts den Namen »Afghanistan« trägt, durch die Geschichte in vielfältiger Weise mit Persien verbunden war, ist oben angedeutet worden. Das gilt auch für die neuere Epoche, die mit dem 19. Jahrhundert beginnt. Wiederholt haben die Herrscher in Teheran versucht, die westafghanische Stadt Herat unter ihre Gewalt zu bringen. Das hatte die um Persien rivalisierenden Mächte auf den Plan gerufen: Russland unterstützte Persiens Ansprüche auf die Stadt – zum einen um seine Position in Teheran zu festigen, zum anderen um Englands Stellung in Afghanistan, die als Bedrohung russischer Interessen in Zentralasien gesehen wurde, zu schwächen. Eben deshalb aber konnte England – bzw. die British East India Company – diesen Anspruch Persiens nicht hinnehmen. Eine Konfliktkonstellation baute sich auf, die die dramatische Bezeichnung des great game erhalten sollte. Das Ergebnis dieses »Spiels« sollte zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Staat Afghanistan sein. Seine Eigenschaft als Puffer zwischen den Mächten an seinen Grenzen hat Afghanistan bis in die Gegenwart nicht verloren. Die sowjetische Invasion in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts hat diesen Tatbestand einmal mehr augenfällig werden lassen.

Mit dem Vordringen russischer Truppen im Kaukasus im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts und dem wachsenden Einfluss Russlands in Persien waren sich russische und britische Einfluss- und Herrschaftszonen immer nähergekommen. 1836 ermächtigte die Regierung in London den britischen Generalgouverneur in Indien, nach eigenem Ermessen zu entscheiden, auf welche Weise der russischen Bedrohung zu begegnen sei. Dieser hegte keinen Zweifel, dass Russlands Vormarsch nur abgewehrt werden könne, wenn Afghanistan unter britische Kontrolle geriete. Als sich Schah Dost Mohammed weigerte, der Forderung nachzugeben, die persischen und russischen Gesandten aus Kabul auszuweisen, erklärten die Briten ihn für abgesetzt und erhoben Schah Schodscha, einen Sohn des 1793 verstorbenen Schah Timur, der sich im indischen Exil aufhielt, zum »rechtmäßigen Herrscher Afghanistans«.

Im Dezember 1838 brach die sogenannte (britische) Indus-Armee in der Stärke von 20 000 Soldaten, 38 000 Trossangehörigen und 30 000 Kamelen auf. Ohne nennenswerte Gegenwehr erreichte sie am 7. August 1839 Kabul; Dost Mohammed floh über den Hindukusch nach Norden, während Schah Schodscha in Kabul den Thron bestieg (auf dem er von 1803 bis 1809 bereits einmal gesessen hatte). Die Ruhe erwies sich freilich als trügerisch. Unter Führung Mohammed Akbars, eines Sohnes Dost Mohammeds, erhob sich gegen Ende 1841 ein breiter bewaffneter Widerstand. Die Briten sahen sich zum Rückzug gezwungen. Bei eisiger Kälte setzte sich am 6. Januar 1842 ein Zug in Marsch, der aus nur noch 4500 Soldaten und 12 000 Trossangehörigen, darunter Frauen und Kindern, bestand. Nur ein Einziger von ihnen, ein Truppenarzt, erreichte am 13. Januar das rettende Dschalalabad – der restliche Zug war von angreifenden Afghanen getötet worden oder der Kälte erlegen. Der Nimbus der Unbesiegbarkeit der Briten war zerstört. Daran konnte auch eine Strafexpedition nichts ändern, in deren Verlauf ein Massaker an Zivilisten verübt und Teile von Kabul zerstört wurden. Nach der Ermordung Schah Schodschas im April 1842 und internen Machtkämpfen brachten die Briten Dost Mohammed wieder zurück auf den Kabuler Thron. In den 1850er Jahren dehnten sie ihr Herrschaftsgebiet auf das gesamte Territorium östlich und südlich der heutigen Grenze Afghanistans mit Pakistan aus. Afghanistan wurde zu einer Pufferzone, die sich zwischen dem russischen und dem britischen Imperium erstreckte.

1863 starb Dost Mohammed. Wieder brachen die üblichen Wirren und Kämpfe um die Nachfolge aus. Aus ihnen ging sein Sohn Schir Ali (reg. 1863–1866 und 1869–1879) als Sieger hervor. Unter seiner Herrschaft wurden erste Schritte einer inneren Modernisierung Afghanistans unternommen. Ein Kabinett nach europäischem Vorbild übernahm die Verwaltung; die Erneuerung im Militärwesen hatte das Ziel, Stammesloyalitäten durch zentralstaatliche Befehlsstrukturen zu ersetzen. Neben einer Militärakademie entstand eine zivile Schule für Angehörige der Stammesaristokratie. Das Steuersystem wurde von Naturalien auf Geldwirtschaft umgestellt. Auch erschien eine erste Monatszeitschrift, die »Sonne des Tages« (Schams an- nahar). Britische Subventionen und Waffenlieferungen hatten ihren Anteil daran, dass die Herrschaft relativ gefestigt war. Sie waren zugleich ein Instrument anhaltender britischer Einflussnahme.

Diese allerdings erschien aus britischer Sicht unerlässlich. Denn Russlands Vormarsch in Mittelasien hielt unvermindert an. So hatte das Zarenreich 1860 Taschkent und 1868 Samarkand erobert sowie das Khanat von Buchara in seine Abhängigkeit gebracht; nunmehr bedrohten sie die Turkmenen in Merw. Das Klima zwischen England und Schir Ali verschlechterte sich, als dieser Anstalten machte, sich Russland anzunähern. Seine Weigerung, der Entsendung einer ständigen britischen Mission nach Kabul zuzustimmen, wurde Anlass eines zweiten britisch-afghanischen Krieges. Im November 1878 begannen die Briten ihren Vormarsch. Schir Ali floh aus Kabul und starb kurz danach am 21. Februar 1879 in Mazar-e Scharif. Sein Nachfolger konnte das britische Vordringen stoppen, indem er im Vertrag von Gandamak am 26. Mai 1879 allen Forderungen der Briten nachgab; sie betrafen nichts Geringeres als die Kontrolle über die Außenpolitik Afghanistans. Bald freilich schien sich das Szenario des ersten britisch-afghanischen Krieges zu wiederholen. Denn am 3. September wurden die Angehörigen der britischen Mission, die Ende Juli in Kabul eingezogen war, ermordet. Zwar gelang es einer neuerlichen britischen Militärmission bereits im Oktober, Kabul zu besetzen, doch sahen sie sich in den folgenden Monaten einem breiten militärischen Widerstand gegenüber. Britische Truppen entgingen nur knapp der völligen Vernichtung. Und noch am 27. Juli 1880 erlitten sie in der für Afghanen denkwürdigen Schlacht von Maiwand eine Niederlage. Kandahar wurde belagert. Erst nach der Entsendung eines Entsatzheeres konnte der Aufstand unterdrückt werden.

Mit der Proklamation von Abd ar-Rahman Khan, einem Enkel Dost Mohammeds, im Juli 1880 als Emir »Afghanistans« glaubten die Briten, eine ihren Interessen gefügige Marionette in der Hand zu haben. Tatsächlich hatte dieser zuvor den Verzicht auf Herat und Kandahar sowie auf eine eigenständige Außenpolitik (außer mit Großbritannien) bestätigt. Damit hatte er den Status seines Herrschaftsgebiets als halbautonomes Protektorat anerkannt. Im Gegenzug erreichte er den völligen Abzug britischer Diplomaten und Truppen aus Kabul. Zu diesem Zeitpunkt bestanden auf dem Gebiet Afghanistans drei Machtzentren: Neben Kabul waren dies Herat, das sich Ayub Khan, der zweite Sohn Schir Alis, von Persien aus unterworfen hatte, und Kandahar, wo die Briten das Sagen hatten.

In den zwei Jahrzehnten seiner Herrschaft gelang es Abd ar-Rahman, Afghanistan von einem lockeren Gefüge von Stämmen und einem Kaleidoskop ständig wechselnder Herrschaften von Stammesführern zu einem Staat im modernen Sinn zu machen. Nachdem das britische Parlament bereits 1891 beschlossen hatte, die Herrschaft über Kandahar zu beenden und das Gebiet Abd ar-Rahman zu übertragen, bedurfte es nur noch eines militärischen Vorstoßes, um Ayub Khan aus Herat zu vertreiben. In zahlreichen weiteren Feldzügen unterwarf er unbotmäßige Stämme, wehrte Ansprüche von Prätendenten ab und sicherte die Grenzgebiete für den neuen Staat – so 1895/96 das abgelegene Kafiristan an der südlichen Abdachung des Hindukusch. Eine Politik der Paschtunisierung, d. h. vor allem der Ansiedlung von Paschtunen außerhalb ihres eigentlichen Siedlungsgebiets, ging nicht zuletzt zu Lasten der – schiitischen – Hazara. Die Stärkung der Stellung der politischen Führung wurde auch gegen die islamische Geistlichkeit durchgesetzt: Indem er das Stiftungsland konfiszierte, diese zu staatlichen Angestellten machte und eine Vereinheitlichung der Schari’a-Gerichte durchsetzte, nahm er ihr die Selbstständigkeit. Er kompensierte diese Maßnahmen, indem er seiner Herrschaft eine religiöse Legitimation zuschrieb. Der Islam wurde zur Staatsreligion erhoben – ein weiterer Schritt in Richtung auf einen zentralisierten modernen Staat.

Während Abd ar-Rahman nach innen den Staat konsolidierte (und dafür erhebliche materielle Zuwendungen aus London erhielt), spielten die Akteure des great game ihre Partie zu Ende – mit dauerhaft schwerwiegenden Folgen für die regionale Stabilität in späteren Jahrzehnten. Drei Jahre nach der russischen Einnahme von Merv (1884) steckte eine russisch-britische Kommission die afghanische Nordgrenze ab. 1895 wurde der Amu-Darya als Staatsgrenze zwischen dem russischen Protektorat Bukhara und dem Nordosten Afghanistans festgelegt. Im Pamir Abkommen (1893) hatte Afghanistan zuvor mit dem Wakhan-Korridor eine Verbindung zu China erhalten. Im Britisch-russischen Abkommen von St. Petersburg 1907 wurden die Grenzziehungen bestätigt. Wie in zahlreichen anderen Fällen – nach dem Ersten Weltkrieg sollte dies besonders auch für den arabischen Nahen Osten gelten – wurde ausschließlich gemäß den Interessen der Kolonialmächte entschieden: Die russisch-britischen Abmachungen über die Nordgrenze Afghanistans durchschnitten die Siedlungsgebiete der Usbeken und Turkmenen.

Langfristig am folgenreichsten für die Geschicke Afghanistans war die Festlegung seiner Grenze zu den britisch beherrschten Gebieten im Nordwesten des indischen Subkontinents. 1893 wurde sie unter der Federführung Henry Mortimer Durands, des Außenministers der britisch-indischen Verwaltung, mit dem Emir Abd ar-Rahman »einvernehmlich« (doch ohne realistische Chance der Mitbestimmung der afghanischen Seite) vereinbart. Diese sogenannte Durand-Linie zog sich quer durch die Siedlungsgebiete vornehmlich der Paschtunen und Belutschen. Stämme wurden entzweit, hunderte Dörfer voneinander getrennt. Etwa ein Drittel des afghanischen Gebiets fiel an die Briten. Zum Gegenstand eines politischen Dauerkonflikts sollte das Gebiet mit der Staatsgründung Pakistans im Jahr 1947 werden. Die paschtunischen Gebiete wurden nun als Northwest Frontier Province mit der Hauptstadt Peschawar von Islamabad verwaltet. Paschtunen fanden sich auf beiden Seiten der Staatengrenze. Zwar erklärte die afghanische loya jirga 1949 die Durand-Linie für ungültig, da das ursprüngliche Abkommen mit den Briten und nicht mit der pakistanischen Regierung geschlossen worden sei. Das änderte aber nichts an der Tatsache, dass diese als de-facto-Grenze zwischen beiden Staaten Bestand hatte. Sie hat die politischen Beziehungen zwischen Afghanistan und Pakistan von Beginn an konflikthaft gestaltet: Kabul und Islamabad instrumentalisierten die »Paschtunistan-Frage« in der Absicht, ihren Nachbarn zu schwächen und zu destabilisieren. Im Kontext des Antiterrorkampfes nach den Anschlägen vom 11. September 2001 bewegten sich Taliban-Kämpfer und al-Qa’ida-Anhänger zeitweise weitgehend ungehindert über die Grenze und suchten Schutz in den autonomen Paschtunengebieten in Pakistan.

Ohne die üblichen Thronstreitigkeiten übernahm Abd ar-Rahmans Sohn Habibullah nach dem Tod seines Vaters 1901 die Herrschaft über das mit der Faust des »eisernen Emirs« befriedete Land. In der Innenpolitik gewannen die traditionellen Führer einen Teil ihrer überkommenen Rechte zurück und nahmen wieder Einfluss auf die staatliche Politik. Eine Generalamnestie öffnete jenen den Weg zur Rückkehr, die unter Abd ar-Rahman das Land verlassen hatten. Dazu gehörte auch die Familie des Reformers Mahmud Tarzi, über den noch ausführlicher zu sprechen sein wird ( S. 121). Im Ersten Weltkrieg wahrte er die Neutralität des Landes – trotz des Drucks eines Teils der Stämme und der nationalistischen geistigen Elite, dem Aufruf des osmanischen Kalifen zu folgen, den dschihad ( S. 147) gegen das »ungläubige« Britisch-Indien zu führen. Auch das mit dem Osmanischen Reich verbündete Deutschland war bemüht, den afghanischen Emir auf die Seite der Achsenmächte zu ziehen. Die Missionen, die sich mit den Namen Oskar Ritter von Niedermayer und Werner Otto von Hentig verbinden, sollten die afghanischen Stämme zu einer allgemeinen Erhebung gegen die britischen Kolonialherren anstacheln. Zwar führte Habibullah Verhandlungen mit den Deutschen, ließ sich aber nicht zum Kriegseintritt an der Seite der Deutschen verleiten. Immerhin brachte der im Januar 1916 ausgehandelte deutsch-afghanische Vertrag dem Emir einen wichtigen politischen Erfolg: die Anerkennung der Unabhängigkeit seines Landes durch eine europäische Großmacht. Im Februar 1919 wurde Habibullah ermordet.

Wie angedeutet, waren unter Schir Ali erste Reformen in der Verwaltung und im Bildungssystem unternommen worden. Abd ar-Rahman hatte sich demgegenüber auf die Festigung seiner Macht und den inneren Zusammenhalt des von Stammesstrukturen geprägten Landes konzentriert. Demgegenüber öffnete sein Sohn Habibullah das Land den Reformbestrebungen, wie sie in Persien, vor allem aber im Osmanischen Reich in Gang gesetzt worden waren. Unter der Jugend erstarkten nationalistische Strömungen. Jungtürkische Einflüsse wirkten ansteckend auf eine Gruppe jugendlicher Intellektueller, die sich als »Jungafghanen« bezeichneten. Sie scharten sich um die Zeitung Seradsch al-akhbar, die von Mahmud Tarzi herausgegeben wurde. Afghanistan trat in eine Epoche des Umbruchs ein, der ab 1919 in König Amanullah, einem Sohn Habibullahs, seinen Protagonisten finden sollte.

4 Die Erneuerung in Kultur und Lebenswelten

Der militärische Zusammenstoß unter den Pyramiden 1798 und die zunächst nur kurze französische Besetzung Ägyptens markierten den Beginn einer umfassenden europäischen Dominanz im gesamten Raum Nordafrikas und des Nahen und Mittleren Ostens. Wie dies geschah und in welcher Weise die herrschenden Eliten vor dem Hintergrund ihrer jeweils unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Traditionen darauf reagierten, ist vorstehend beschrieben worden. Die Herausforderung aber war nicht nur politischer Natur. Die europäische Überlegenheit stellte auch die geistigen Wurzeln und Grundlagen infrage, auf denen die politischen und gesellschaftlichen Ordnungen im Raum zwischen Marokko und Afghanistan (und darüber hinaus; aber das ist nicht unser Thema) beruhten. Bereits al-Dschabartis Geschichtswerk ( S. 43) zeugt von der Spannung, die das Geschehen im Bewusstsein eines Vertreters der geistigen Elite Ägyptens (als Teil des Osmanischen Reichs) erzeugte. Die militärische und mithin politische, bald auch wirtschaftliche Überlegenheit der europäischen Mächte warf die Frage nach den Ursachen auf. Sie sollte die Muslime bis in die Gegenwart umtreiben.

Von Beginn an freilich sahen sie sich in ihrer Antwort in einem fundamentalen Dilemma. In Europa war die Emanzipation des politischen Raumes aus der Vereinnahmung durch die Religion einer der wichtigsten Schritte im Prozess der mit der Neuzeit einsetzenden rasanten Dynamik auf den Gebieten von Politik, Gesellschaft, Kultur, Wissenschaft, Technik und auch Wirtschaft gewesen. Diesen Schritt nachzuvollziehen, war einem Muslim kaum möglich: Denn der Islam war der Referenzrahmen all seines persönlichen privaten und öffentlichen Handelns – unmöglich, ihn »außen vor« zu lassen. Die Religion beruhte auf dem ewigen Wort Gottes. Sie war seit ihrer Verkündigung durch den Propheten Muhammad die Grundlage, der grandeur des Erscheinungsbildes der umma in der Welt gewesen. Woher also der Niedergang, der sich jetzt so dramatisch offenbarte? Die Ursache würde bei den Gläubigen zu suchen sein; sie hatten den Pfad des rechten Glaubens verlassen. Nun würde dieser wieder zu suchen und neu zu beschreiten sein. Wie das zu geschehen hätte, war strittig: Unzählig sind die Stimmen der Muslime seither, die sich zu Wort gemeldet haben. Wie viel europäische Moderne würde zu übernehmen sein, um auf Augenhöhe mit Europa zu gelangen, ohne die Religion als Grundlage der persönlichen und öffentlichen Existenz über Bord zu werfen?

Der Untergang des Osmanischen Reichs mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und die direkte Machtausübung europäischer Mächte »radikalisierten« Teile der Eliten und ließen in ihnen die Überzeugung reifen, dass der Weg zur Augenhöhe eben doch nur über eine scharfe Trennung des politischen Raums von der Religion führen würde. Diese Überzeugung spricht sich in dem Motto aus, das vor dem Anıtkabir,dem Mausoleum Mustafa Kemal Atatürks, auf einem Stein zu lesen ist: »hakimiyet şartsız, kayıtsız milletindir« (»Die Souveränität liegt bedingungs- und vorbehaltlos bei der Nation«). Damit aber war nicht das Ende der Geschichte eingeläutet. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts kämpften radikale Gruppen unter den Muslimen für die Anerkennung der Souveränität (hakimiyya) Gottes. 2014 gründeten sie einen Staat, der eben darauf beruhte ( S. 480). Er sollte suggerieren, die Würde der Muslime wiederhergestellt und die Herausforderung durch den Westen erfolgreich bestanden zu haben. Ihren geistigen Nährboden fanden sie in der Bewegung der Wahhabiyya, einer islamischen Erneuerungsbewegung im 18. Jahrhundert.

4.1 Selbstvergewisserung im Islam

Tatsächlich ist diese eine erste eigenwüchsige Antwort auf die europäische Herausforderung. Ihr Kern liegt in der radikalen Zurückweisung »westlicher« Neuerungen und der Rückkehr zu einem »richtig« verstandenen Islam. In diesem Sinne stellte der Gründer der Bewegung, Muhammad ibn Abd al-Wahhab (ca. 1704–1792), die strikte Anwendung der Schari’a und das Bekenntnis zur absoluten Einheit Gottes (tauhid) in den Mittelpunkt von Lehre und Praxis des Islams. Er forderte ein wortgetreues Verständnis des Korans und der frühen Überlieferung des Propheten Muhammad (sunna). Radikal zurückgewiesen wurden alle »Neuerungen« (bida’) wie die Mystik, der Totenkult und die Heiligenverehrung. Damit schuf Abd al-Wahhab eine doppelte Frontstellung: Zum einen gegen diese selbst unter den sunnitischen Muslimen weit verbreitete Praxis der Glaubensausübung. (Die schiitische Variante des Islams, die mit der Verehrung der Imame, d. h. der unmittelbaren Abkommen des Propheten Muhammad, den Heiligen- und Gräberkult in den Mittelpunkt der religiösen Praxis stellt, galt Abd al-Wahhab und seiner Gefolgschaft dagegen schon prinzipiell als Abfall vom Glauben und als Vielgötterei [schirk], die es zu bekämpfen galt.) Die andere Front bestand in der Abwehr der europäischen politischen und kulturellen Einflüsse, die im Laufe des 18. Jahrhunderts im Osmanischen Reich fühlbar und sichtbar wurden. Die Arabische Halbinsel, der Ort des Wirkens Abd al-Wahhabs, war zu dieser Zeit Teil eben dieses Reichs. Grundlage der theologischen Erneuerung des Islams, die Ibn Abd al-Wahhab für sich beanspruchte, war die Ablehnung der kritiklosen Übernahme überkommener theologischer Überlieferungen (taqlid) und die Rückkehr zur eigenständigen Interpretation der Grundlagen des Islams durch die qualifizierten Theologen (idschtihad).

Die Lehre wäre wohl ein lokales Ereignis geblieben und hätte die Wüsten des Nadschd, seiner zentralarabischen Wirkungsstätte, nicht überschritten, hätte sie nicht eine signifikante politische Unterstützung erfahren. Muhammad ibn Sa’ud (gest. 1766), ein lokaler Stammesführer ebendort, machte sich nicht nur die Lehre zu eigen, sondern sah es zugleich als seine Aufgabe, sie zu verbreiten. Damit war ein wechselseitiges Interesse begründet: Der Reformer sah die Durchsetzung seiner Lehre durch ein weltliches Schwert und der Emir erhielt eine aus der Religion abgeleitete Legitimation seiner Führung. Auf dieser Grundlage, die als Bündnis zwischen der Al (»Familie«) Sa’ud und der Al asch-Scheich (des Begründers der Wahhabiyya) bis in die Gegenwart Bestand hat, verbreitete sich der erste saudische Staat über große Teile der Arabischen Halbinsel.

Auf die Geschichte des saudischen Staates kann hier nicht eingegangen werden. Die Bewegung der Wahhabiyya sollte einen starken Einfluss auch weit jenseits der Arabischen Halbinsel entfalten. Als Reaktion auf die Ausbreitung der europäischen politischen Dominanz und des kulturellen Einflusses fand sie Anhänger, wo immer Muslime dagegen Widerstand leisteten. Kernpunkt dieser Theologie des Widerstands war stets die Botschaft eines reinen, »unverfälschten« Islams, wie sie im Koran festgehalten und vom Propheten Muhammad und seiner frühen Gemeinde gelebt worden war. Beginnend etwa 1775 traten an sehr unterschiedlichen Teilen der islamischen Welt Bewegungen auf, die in diesem Sinne – nicht selten auch mit sufischem, d. h. islamisch-mystischem Hintergrund – sowohl zu einer Erneuerung der islamischen Religion als auch zum Widerstand gegen die voranschreitende europäische Dominanz aufriefen – so etwa in Westafrika, im Kaukasus, in Zentralasien und Südostasien.

In Indien hatte sich die britische Herrschaft in Gestalt der East India Company in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts kontinuierlich ausgedehnt. Inspiriert durch Schah Wali Allah ad-Dihlawi (1703–1762), einen Kommilitonen Muhammad ibn Abd al-Wahhabs aus gemeinsamen Studientagen in Medina, begann die Bewegung des »Weges Muhammads« (Tariqa-ye muhammadi) zu Beginn des 19. Jahrhunderts aktiven Widerstand gegen die Briten zu leisten. Ihr Begründer, Seyyid Ahmad Barelwi (1786–1831), zog durch Nordindien, um für seine Ideen zu werben und seine Anhänger zu organisieren. Etwa ab 1824 gingen diese daran, die Lehre in die Gestalt eines Staatswesens umzusetzen. Als Ort des Geschehens hatte man das Gebiet der Sikhs im Nordwesten Indiens gewählt. Angeblich unterdrückten die Sikhs die dort lebenden Muslime, und so sollten diese befreit werden. Anschließend würde ein wirklich islamisches Staatswesen geschaffen werden, um von jenem Kern aus die Macht über ganz Indien auszudehnen. Unter den gegebenen Bedingungen sei der dschihad zur Pflicht geworden. Nicht zuletzt, weil die örtlichen muslimischen Stämme sich der Bewegung verweigerten, hatten die Sikhs leichtes Spiel, die Bewegung 1831 zu besiegen.

Mit der Unterdrückung des großen Aufstands gegen die britische Kolonialherrschaft 1848 (mutiny oder Sepoy-Aufstand) kam die jahrhundertealte islamische Herrschaft der Mogul-Kaiser über Indien an ihr Ende. Die Gründung der theologischen Schule (Dar al-ulum) in Deoband, einer Kleinstadt im indischen Bundesstaat Uttar Pradesch, im Jahr 1866 ist in diesem Zusammenhang zu sehen: als Reaktion auf den britischen Kolonialismus und als Bastion gegen dessen – wie Teile der Geistlichkeit es sahen – zerstörerischen Einfluss auf den Islam. Ihr religiöser Puritanismus trägt wahhabitische Züge. In der indischen Unabhängigkeitsbewegung, der politischen Entwicklung Pakistans sowie im religiösen Rigorismus der Taliban hat die Schule von Deoband bis in die Gegenwart eine starke Ausstrahlung ausgeübt.

In Nordafrika findet sich wahhabitischer Einfluss in der Lehre und im Handeln von Muhammad ibn Ali as-Sanusi (1787–1859). Nahe dem algerischen Mostaganem geboren, legte er nach Jahren der Wanderung 1842 im nordlibyschen al-Baida den Grundstein zu einem Gemeinwesen, das sich rasch ausbreitete und – namentlich unter seinem Sohn und Nachfolger als Oberhaupt des Ordens, Muhammad al-Mahdi as-Sanusi (1859–1902) – Züge eines theokratischen Staates annehmen sollte. Anders freilich als der wahhabitische Staat auf der Arabischen Halbinsel bestand dieser nicht in einem mit Waffengewalt zusammengefügten Territorium. As-Sanusis Islam war nachhaltig durch die Mystik geprägt und das Glaubensleben konzentrierte sich auf klösterliche Konvente (zawiya), die er im Lauf der Jahre gründete. Organisatorisch in hohem Maße eigenständig, waren sie gleichwohl in ihrer Glaubenspraxis dem Ordensgründer auf das Engste verbunden. Schwerpunkt dieser klösterlichen Ansammlung der »Brüder« (ikhwan) wurde die Cyrenaika, der Nordosten Libyens. Die osmanische Verwaltung, die sich auf die Küstenregion konzentrierte, anerkannte sie zwar – unter der Souveränität des Sultans – in einem firman von 1856 als Gemeinschaft an. Die religiösen Differenzen aber hatten zugleich anhaltenden politischen Druck auf den Orden zur Folge. Deshalb verlegte as-Sanusi 1856 das Zentrum der Bruderschaft von al-Baida in die etwa 500 km südöstlich gelegene Oase al-Dschaghbub.

Dem Wahhabismus vergleichbar, ist auch der Puritanismus as-Sanusis, der eine strenge Auslegung der Grundlagen des Islams mit mystischen Praktiken verschmolz, als Reaktion auf die doppelte Veränderung seiner Zeit zu verstehen: das Eindringen europäischer Einflüsse in die islamischen Gesellschaften nicht zuletzt im Rahmen des Osmanischen Reichs und das imperialistische Vordringen europäischer Mächte, in diesem Falle Frankreichs. As-Sanusi suchte sich mit seiner Gefolgschaft beidem zu entziehen, indem er sich tief in die Wüste zurückzog. Zu seinen Lebzeiten umfasste der Ordensstaat etwa 80 Klöster. In ihnen widmeten sich die ikhwan dem Hauptanliegen seines Gründers, der Läuterung des Islams. Vor äußeren Einwirkungen geschützt, sollten sie ihren Unterhalt selbst verdienen und betrieben zu diesem Zweck Ackerbau, Handel und Handwerk. Auf dem Höhepunkt der Bewegung umfasste das islamische Gemeinwesen der Sanusi etwa 150 klösterliche Gemeinschaften. Angesichts des anhaltenden Drucks, der zunehmend von der französischen Expansion in der Sahara ausging, ordnete Mahmud al-Mahdi 1895 den weiteren Rückzug des Zentrums der Sanusi nach Süden, in die Oase al-Kufra an.

Die nach der saudisch-wahhabitischen spektakulärste Gründung eines theokratischen Staates erfolgte gegen Ende des 19. Jahrhunderts im Sudan. Der Sanusi Mahmud trug zwar den Beinamen »al-Mahdi«, der auf den endzeitlichen Erlöser weist, aber er behauptete nie, dieser zu sein. Anders war es im Falle seines sudanesischen Zeitgenossen Muhammad Ahmad bin Abdallah (1844–1885); er gab sich in der Tat 1881 als der – von vielen Gläubigen erwartete – Mahdi aus. Auch in diesem Schritt kamen die Spannungen der Zeit zum Ausdruck, die bereits im Zusammenhang mit den anderen Erneuerungsbewegungen seit dem Auftreten Ibn Abd al-Wahhabs angedeutet wurden. Über Jahrhunderte war der Islam im Sudan in Gestalt eines breiten Stroms des Sufismus dahergekommen. Mit der ägyptischen Eroberung durch die Armee Mehmet Paschas nach 1821 und dem Aufbau einer türkisch-ägyptischen Verwaltung (die mit der britischen Besatzung Ägyptens 1882 noch stärker europäische Züge erhielt) wuchsen die Spannungen zwischen diesen auswärtigen Einflüssen und den überkommenen Traditionen der sudanesischen Völker. Zu den Umwälzungen in der sudanesischen Wirtschaft und der Infragestellung der traditionellen Stammes- und Hierarchiestrukturen trat eine Religionspolitik, die bemüht war, die Stellung des sunnitischen Islams im Sinne der al-Azhar Universität in Kairo gegenüber den Vertretern der sufischen Bruderschaften zu stärken. Die Erwartung mahdistischer Erlösung war seit langem ein Bestandteil sufischer Lehre im Sudan, in der auch Muhammad Ahmad aufgewachsen war. Von seinem Lehrer ermächtigt, einen eigenen sufischen Weg (tariqa) zu predigen, ließ er sich 1871 auf der Aba-Insel im Weißen Nil südlich von Khartum nieder und baute dort eine Moschee. Seine Predigten, in denen er einen reformierten Islam der Rückkehr zu den Werten des Korans forderte, fanden dort eine breite Anhängerschaft. Kernpunkte seines politisch-religiösen Programms waren ein Leben in Austerität, die Rückkehr zum Islam des Propheten Muhammad und der dschihad gegen die Ungläubigen (gemeint war in erster Linie die türkisch-ägyptische Verwaltung).

1881 erklärte sich Muhammad Ahmad selbst zum Mahdi; nach dem islamischen Kalender war es das Jahr 1300, mithin der Beginn eines neuen Säkulums. Bereits in der Vergangenheit waren Jahrhundertwenden chronologische Einschnitte gewesen, zu denen Verkünder eschatologischer Botschaften aufgetreten waren (so geschah es auch ein Jahrhundert später wieder in Saudi-Arabien, S. 336). In einer Botschaft an die ägyptische Regierung erläuterte er seine Mission: Nicht nur der Sudan und Ägypten, sondern das gesamte Osmanische Reich sollten in einen islamischen Staat nach dem Vorbild der muslimischen Gemeinschaft des 7. Jahrhunderts umgewandelt werden. Vom Standpunkt europäischen Militärwesens beurteilt, war seine Gefolgschaft (die sich nach dem Vorbild der frühen Anhänger des Propheten als ansar, »Unterstützer«, bezeichnete), ein zusammengewürfelter Haufen: Neben Stämmen, die das religiöse Anliegen des Mahdi teilten, handelte es sich um mit der turko-ägyptischen Verwaltung Unzufriedene, berufsmäßige Sklavenhändler, denen die Engländer das Handwerk gelegt hatten, aber auch Abenteurer und Beutelustige. Die Bewaffnung bestand zu Beginn des Aufstands zumeist aus Speeren und Knüppeln; erst mit den militärischen Erfolgen modernisierte sie sich mit Gewehren und Kanonen. Die ägyptische Verwaltung, aber auch die Briten, die seit den siebziger Jahren ihre politische und militärische Stellung im Sudan ausgebaut hatten, unterschätzten die Schlagkraft der Truppe; die Folge war eine Reihe von Niederlagen. Im März 1884 hatten die Aufständischen Khartum eingeschlossen und begannen mit der Belagerung. Am 26. Januar 1885, wenige Tage bevor die britische Entsatztruppe die Stadt erreichte, wurde sie von 50 000 Mahdisten gestürmt. Dabei fand der britische Generalgouverneur Charles George Gordon den Tod. Der Mahdi erklärte Omdurman zur Hauptstadt. Er sollte seinen Triumph nicht lange überleben: Er starb am 22. Juni 1885.

Der Staat des Mahdi aber bestand fort. Unter drei Prätendenten setzte sich bald Abdullahi bin Seyyid Muhammad (1846–1899) durch. Er war der engste Vertraute des Mahdi gewesen und hatte die Armee bei der Belagerung von Khartum kommandiert. Nunmehr war er der khalifa, der Stellvertreter des Mahdi, in dessen Namen er den Auftrag, den islamischen Staat auszudehnen, fortzuführen suchte. Die Widerstände, die der »Kalif« unerbittlich niederschlug, waren zu stark und vielfältig. Auch fehlte dem Gottesstaat eine tragfähige wirtschaftliche Grundlage. Der Todesstoß aber kam von außen. Die Legende vom »Heldentod« Gordons in Khartum hatte weitergelebt; sie bedeutete zugleich einen schmachvollen Fleck auf den »ehrenhaften« Zielen des kolonialistischen England, den es zu tilgen galt. Auch musste London fürchten, dass Frankreich, der kolonialistische Rivale im Nordosten Afrikas, sich mit dem Staat des Mahdi und Äthiopien gegen britische Interessen verbünden würde. 1896 wurde deshalb ein britisch-ägyptisches Expeditionskorps unter Lord Kitchener zur Rückeroberung in Marsch gesetzt. Diesem unterlag Abdullahi ibn Muhammad in der Schlacht von Omdurman am 2. September 1898. Er wich nach Süden aus. In der Schlacht von Umm Diwaykarat in der Provinz Kordofan unterlag er am 24. November 1899 und fand den Tod.

Die Sudan-Provinzen wurden künftig als gemeinsames anglo-ägyptisches Herrschafts- und Verwaltungsgebiet (Kondominium) regiert. Für viele Sudanesen aber wurde Abdullahi ibn Muhammad zu Abu l-istiqlal, dem »Vater der Unabhängigkeit«. Er hatte die Stämme des Sudan auf der Grundlage eines islamischen Gemeinschaftsgefühls geeint, fremde Herrscher vertrieben und die Grundlage für die Unabhängigkeit gelegt. Religiös erscheint er als mudschaddid: als »Erneuerer« der Religion nach dem Vorbild des Propheten Muhammad – und als endzeitlicher Mahdi (Erlöser) von einer korrupten und ungerechten Herrschaft.

Tatsächlich hat der Aufstand des Mahdi in den Geschichtsbüchern als erstes erfolgreiches Aufbegehren gegen den Kolonialismus in Afrika seinen Platz gefunden. Seine Durchschlagskraft hatte er aus einer Auslegung des Islams gewonnen, die im 20. Jahrhundert als »fundamentalistisch« bezeichnet worden ist. Seinen geistigen und politischen Ursprung sowie seine radikalste Ausformung hatte dieser »Fundamentalismus« in der wahhabitischen Bewegung auf der Arabischen Halbinsel seit der Mitte des 18. Jahrhunderts. Mit dem Ende des Mahdi-Staates (bei gleichzeitiger Auflösung des zweiten saudischen Staates) auf der Arabischen Halbinsel war eine Strömung in der Auseinandersetzung der Muslime mit Europa bis auf Weiteres an ihr Ende gekommen, die – bei allen religiösen und politischen Differenzierungen und Unterschieden – in der radikalen und puristischen Rückbesinnung auf den »reinen« Islam des Korans und die vorbildliche Lebensführung der muslimischen Gemeinde um den Propheten Muhammad den Ausgangspunkt des politischen Wiederaufstiegs der umma und der Beendigung der Vorherrschaft der europäischen Mächte sah. In den folgenden Jahrzehnten sollten andere Kräfte, Weltanschauungen und Ideologien das Erscheinungsbild der Staaten und Gesellschaften zwischen Marokko und Afghanistan prägen. Erst mit deren Schwächung, ja deren Scheitern traten wieder Persönlichkeiten und Bewegungen hervor, die ihre Strategie der »Renaissance« der islamischen Welt auf ein dem Wahhabismus angenähertes Islamverständnis gründeten. In diesem Zusammenhang sollte dieser eine enorme – destruktive – Wirkungsmacht entfalten.

4.2 »Wir sind ein Teil Europas«

Der dem Wahhabismus radikal entgegengesetzte Pol im Spektrum der »Erneuerung« im 19. Jahrhundert kann mit einem Ausruf des Khediven Isma’il, des Enkels des Gründers des modernen Ägyptens, markiert werden: »Mein Land liegt nicht mehr in Afrika; wir sind ein Teil Europas geworden«.15 Der Abschottung vor dem Einfluss Europas stand eine Politik weitestgehender Öffnung gegenüber. Das offenbarte sich etwa im Erscheinungsbild Kairos und Alexandrias: Das Vorbild Paris vor Augen, entstanden europäische Stadtviertel mit Boulevards, Gasbeleuchtung und Straßenbahnen. Investiert wurde in den Ausbau der Infrastruktur des Landes, d. h. der Wasserversorgung, Bewässerungskanäle, Straßen und Brücken, Eisenbahnen, Telegraphen, Leuchttürme und Hafenanlagen. Der Bau des Suezkanals sollte die Krönung dieser Anstrengungen sein, das Land auf den Kurs des Fortschritts zu bringen. Dem materiellen Fortschritt ging die kulturelle Europäisierung einher. So wurde zeitgleich mit dem Suezkanal in Kairo ein Opernhaus eröffnet. (Giuseppe Verdis »Aida« war dafür in Auftrag gegeben werden. Da der Maestro nicht rechtzeitig liefern konnte, gelangte bei der Eröffnung »Rigoletto« zur Aufführung, bei der europäische Prominenz reichlich vertreten war – unter ihr der habsburgische Kaiser Franz Joseph und Frankreichs Kaiserin Eugénie, Gattin Napoleons III. Mit zweijähriger Verspätung kam am 24. Dezember 1871 die Erstaufführung der »Aida« in Kairo – mit ungeheurem Erfolg – dann doch noch zustande.) Noch vor der Einweihung des Opernhauses war das »Théâtre de la Comédie« – ausschließlich für das französische Theater des leichteren Genres bestimmt – fertig geworden. Es hatte die Größe des Varieté-Theaters in Paris und war luxuriös ausgestattet. Die Haremslogen für den Hof hatten Drahtgitter zum Schutz vor neugierigen Blicken; der Khedive und seine Entourage verfügten über einen privaten Eingang. Dieses Theater wurde am 4. Januar 1869 mit »La Belle Hélène« von Jaques Offenbach feierlich eröffnet.16

Was hier für Ägypten gesagt wurde, gilt naturgemäß ebenso für die Hauptstadt des Osmanischen Reichs. Auch hier wurde das Stadtbild europäisiert. Für Fahrzeuge zugängliche Straßen durch die Enge des alten Konstantinopels durchzubrechen, war ein Hauptmotiv herrschaftlicher Ideologie und zugleich eine praktische Notwendigkeit. Der Bau solcher Straßen tangierte das Selbstgefühl, weil die Fortbewegung in Wagen und Kutschen zu einem Sinnbild von gehobenem Status – nicht zuletzt bei den Frauen – geworden war. Insbesondere die überkommenen Viertel der Europäer unterlagen einem rasanten Wandel. Geschäfte, Theater und Cafés reihten sich entlang der Grande rue de Péra (heute: Istiklal Caddesi). Wohlhabende muslimische Familien begannen, die neu errichteten Appartementwohnungen am nördlichen Stadtrand zu beziehen. Ausschlaggebend dafür war der Wunsch, von den neu eingeführten Dienstleistungen, wie etwa den beleuchteten Straßen und nahegelegenen Einkaufsmöglichkeiten, Gebrauch zu machen. Für die Frauen bedeutete der Umzug eine Erweiterung ihres Aktionsradius, denn die neuen Viertel boten wohlhabenden Frauen Gelegenheit, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen.

Auch die Aneignung europäischer Lebensformen war eine Begleiterscheinung dieser Epoche des Aufbruchs. Die Oberschicht der Gesellschaft in Istanbul, Kairo, Alexandria sowie in den Städten der Levante und Nordafrikas begann, sich europäisch zu kleiden und europäischen Lebensformen zu folgen. Die Zusammensetzung der Bevölkerung war multiethnisch und multireligiös – in ihr fanden sich neben den Einheimischen vornehmlich Engländer, Franzosen, Italiener und Griechen. Große jüdische Kolonien spielten eine erhebliche Rolle im Wirtschaftsleben.

Vom Vordringen europäischer Macht und von der Notwendigkeit getrieben, die Ereignisse einem sich verbreiternden Publikum zu vermitteln, gingen starke Impulse auf das Entstehen des Druckerei- und Pressewesens aus. Im Osmanischen Reich hatte erst 1729 die erste Druckmaschine ihre Arbeit aufgenommen; in Ägypten 1821 und in Persien erst 1883. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts steckte das Druckereiwesen insgesamt also noch in den Kinderschuhen. Die ersten Zeitungen waren kaum mehr als offizielle Chroniken der Ereignisse und sozusagen »von oben« ins Leben gerufen worden. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aber setzte ein Prozess nachhaltiger Emanzipation des Pressewesens von der Kontrolle der Regierungen ein. Einzelne Persönlichkeiten oder Gruppen gründeten Zeitungen und Journale. Neben der Berichterstattung der Ereignisse entwickelten sich viele von ihnen zu Foren, auf denen Ideen und Programme zur Zukunft der nahöstlichen Gesellschaften in großer Breite und Freizügigkeit erörtert wurden. Wo die Herausgeber auf Unterdrückung seitens der Herrschenden stießen, verlegten sie den Erscheinungsort ins Ausland. London, Paris und Genf wurden Zentren oppositioneller osmanischer Veröffentlichungen. Diese konnten aber auch nach Kairo oder Beirut ausweichen, wo sie britischer bzw. französischer Einfluss der Verfolgung durch die Behörden des Sultans entzog. London – nach Beginn des Ersten Weltkriegs auch Berlin – wurde Erscheinungsort oppositioneller persischer Journale. Auch in Tiflis, dem geistigen Zentrum des von Russland 1813 annektierten Transkaukasus, sowie in Kalkutta, der Hauptstadt Britisch-Indiens, wurden oppositionelle Blätter gedruckt, die dann heimlich ins Bestimmungsland gebracht wurden. Wie weitreichend der Einfluss der Presse selbst in einem relativ traditionsverhafteten Land wie Afghanistan sein konnte, wird unten am Beispiel der Zeitung Seradsch al-akhbar dargestellt ( S. 121).

Periodisch erscheinende Journale waren auch Foren für die Erneuerung von Literatur und Kunst; dabei übten französische Vorbilder sowie die französische Sprache einen überwältigenden Einfluss aus. Die Lyrik orientierte sich an zeitgenössischen französischen Vorbildern. In der Prosa wurden die Erzählungen, insbesondere aber der Roman neue Genres im literarischen Schaffen. Letzterer ist bis in die Gegenwart das wirkungsmächtigste und aussagekräftigste literarische Genre geblieben, in dem sich die komplexen Herausforderungen an die Menschen und ihre Gesellschaften in der Gegenwart umfassend spiegeln.

Auch die Malerei erfuhr starke Impulse aus Europa. Bereits im 18. Jahrhundert hatte die osmanische und persische Malkunst europäische Einflüsse erkennen lassen. Aber erst mit dem 19. Jahrhundert konnte neben der überkommenen auch die europäische Kunsttradition umfassend praktiziert werden. Aber noch immer dominierten Angehörige christlicher Minderheiten, insbesondere Armenier, sowie von ausländischen Botschaften vermittelte europäische Maler den Kunstbetrieb. Für die Malerei im Osmanischen Reich bedeutete das Jahr 1870 einen Wendepunkt: Mit der Rückkehr Şeker Ahmet Paşas (1841–1907), Osman Hamdi Beys (1842–1910) und Süleyman Seyyids (1842–1913) von ihren Studienaufenthalten in Paris veränderte sich die Istanbuler Kunstwelt. Şeker malte hauptsächlich Landschaftsbilder, Osman widmete sich – unterstützt von der Fotographie – figürlichen Darstellungen und Süleyman bevorzugte Stillleben. 1873 und 1875 organisierte Şeker erste große Kunstausstellungen wichtiger zeitgenössischer osmanischer Maler in Istanbul. Sie hatten die mehr oder weniger höfische Kunst hinter sich gelassen. Ihre Bilder waren nunmehr zugleich kritische und provozierende künstlerische Reflexionen, die ihrer Generation den Weg einer neuen und freien Weltsicht öffnen sollten. 1882 gründete Osman Hamdi Bey den Vorläufer der heutigen Mimar Sinan Universität der Schönen Künste.

Auch Theater und Schauspiel unterlagen europäischer Einwirkung. Dabei konnte an traditionelle Formen der Darstellung angeknüpft werden: an das Schattenspiel (karagöz) in der türkischen und an die jährliche dramatische Vergegenwärtigung des Martyriums Imam Husains im Monat Muharram (ta’ziyeh) in der schiitischen Überlieferung. In Ägypten hatte das Theater im Volks- bzw. Straßentheater – oft derben und satirischen Inhalts – eine Art Vorläufer. Damit war der Boden bereitet für die Aneignung des europäischen Dramas, zuerst in Gestalt von Übersetzungen, wobei die französischen Dramatiker, etwa der Tragödienschreiber Racine (1639–1699) und der Komödienschreiber Molière (1622–1673) an der Spitze der Beliebtheitsskala standen. Seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts widmeten sich auch türkische, arabische und persische Autoren – unter ihnen auch Angehörige christlicher Minderheiten – der Abfassung von Bühnenstücken. Dass es nicht selbstverständlich war, Frauenrollen auch mit Frauen zu besetzen – das stieß nicht selten in konservativen Kreisen auf Proteste –, ist ein Indiz für die gesellschaftlichen Spannungen, unter denen sich der Prozess des kulturellen Aufbruchs unter europäischen Vorzeichen vollzog. Einen Großteil des Publikums stellten die in den Metropolen des Vorderen Orients ansässigen Kolonien europäischer Bürger. Unter den Einheimischen war die Teilnahme naturgemäß auf eine schmale städtische Oberschicht beschränkt. Die breite Öffentlichkeit in Gestalt sowohl der unteren Schichten in den Städten als auch der Bevölkerung auf dem Lande hatte daran keinen Anteil.

4.3 Auf der Suche nach einer Synthese

Zwischen den Extremen der theologisch rückwärtsgewandten Bewegung des Muhammad Ibn Abd al-Wahhab einerseits und der vorbehaltlosen Europäisierung des ägyptischen Khediven Isma’il andererseits tat sich ein breiter Raum auf, innerhalb dessen sich unterschiedliche Varianten von Reaktionen auf die europäische Herausforderung artikuliert haben. Sie waren von dem Bemühen gekennzeichnet, die Europa entlehnten Elemente des Fortschritts mit den eigenen Traditionen zu verschmelzen. Rifa’a Rafi at-Tahtawi verkörpert wie kein anderer diesen Typ des Modernisierers; und sein Werk ist signifikant für die – säkularen – Ansätze der Modernisierung im Raum zwischen Nordafrika (namentlich Tunesien und Ägypten) und Persien. 1801 im oberägyptischen Tahta in eine angesehene Familie geboren, hatte er eine klassische islamische Ausbildung erhalten. Nach ihrem Abschluss an der al-Azhar Universität hatte er dort eine Lehrtätigkeit aufgenommen; 1824 trat er als Geistlicher in einer der nach europäischem Vorbild ausgerichteten Nizam-Infanteriedivisionen in den Staatsdienst ein. Aufgrund seines Amtes und unterstützt durch seine Vorgesetzten wurde er für die prestigeträchtige Mission nach Paris ausgewählt, die dort die europäischen Wissenschaften studieren und nach ihrer Heimkehr die Erkenntnisse, die sie in Frankreich gewonnen hatte, bei der Reformierung ihres Heimatlandes einbringen sollte. Die Zusammensetzung dieser bunt zusammengewürfelten Gruppe von 44 Männern spiegelte die osmanische Vielfalt – noch immer war Ägypten staatsrechtlich Teil des Osmanischen Reichs – wider: Nur 18 ihrer Mitglieder waren arabischsprechende Einheimische. Der Rest sprach jenseits ihrer jeweiligen heimatlichen Idiome Türkisch; sie waren Türken, Griechen, Tscherkessen, Georgier und Armenier.


Abb. 4: Rifa’a Rafi at-Tahtawi. Vorkämpfer der nahda (Renaissance) und der Vereinbarkeit von wissenschaftlichem Fortschritt und islamischer Religion.

Fünf Jahre lang hielt at-Tahtawi in seinem Notizbuch fest, was er bemerkenswert fand. Keine Einzelheit schien ihm zu unwichtig, um sich nicht dafür zu interessieren: die Art wie die Franzosen ihre Häuser bauten, wie sie ihren Lebensunterhalt verdienten, wie sie ihre Religion praktizierten; ihre Transportmittel und die Funktionsweise ihres Finanzsystems; das Verhältnis zwischen Männern und Frauen; wie sie sich kleideten und wie sie tanzten.17 Dabei lassen seine Reflexionen zu Frankreich den tiefen Spalt zutage treten: Als Muslim und als ägyptischer Osmane war er überzeugt von der Überlegenheit seines Glaubens und seiner Kultur. Er betrachtete Frankreich als ein Land des Unglaubens, wo »sich bislang kein einziger Muslim niedergelassen hatte« und dessen Einwohner »nur dem Namen nach« Christen waren. Doch aufgrund seiner persönlichen Beobachtungen bezweifelte er nicht, dass Europa in wissenschaftlicher und technologischer Hinsicht überlegen war. Daraus leitete er die Aufforderung ab, alles zu tun, diesen Vorsprung wieder aufzuholen.

Dies freilich würde nicht ohne eine tiefgreifende Änderung der Ausübung politischer Macht und der sie begründenden Institutionen möglich. Neben dem freien und unbefangenen Blick auf das Funktionieren europäischer Gesellschaften liegt im Nachdenken über die Verfasstheit eines modernen Gemeinwesens die Größe des Werkes Tahtawis. Wenn der Herrscher der Motor des Wandels sein wolle, so müsse er sich auf allen Gebieten beraten lassen. In diesem Zusammenhang maß er der Verfassung größte Bedeutung bei. In ihr liege der Kern der französischen Errungenschaften. Als ersten Schritt übersetzte er alle 74 Artikel der französischen Verfassung von 1814 und kommentierte sie. Zu den Artikeln, die ihn am meisten beeindruckten, gehörten jene, die die Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz und die Wählbarkeit aller Bürger für jedes Amt, ohne Ansehen ihrer Stellung, gewährleisteten. Die Möglichkeit eines sozialen Aufstiegs würde die Menschen ermutigen, zu lernen und zu studieren. Auf diese Weise würde die gesellschaftliche Stagnation überwunden. In diesem Zusammenhang rühmte er das französische Recht auf Meinungs- und Redefreiheit. Indem er damit auf das Vorhandensein einer »Presse« hinwies, bereitete er einer neuen, bislang nichtexistierenden Form der Kommunikation innerhalb der Gesellschaft und der – auch kritischen – Interaktion zwischen dieser und den Machthabern den Weg.

Nach fünf Jahren intensiver und prägender Erfahrungen in Frankreich kehrte at-Tahtawi 1831 nach Kairo zurück; 1834 veröffentlichte er seine Aufzeichnungen. Unter der scheinbar nichtssagenden Erscheinungsform eines Reiseberichtes (und in eine ausführliche Lobrede auf den Herrscher Mehmet Ali verpackt) enthielt das Buch eine zwiefache Sprengkraft: Zum einen fanden sich für die gepriesenen politischen Neuerungen, namentlich die politischen Institutionen betreffend, keinerlei Referenzen im Koran oder der islamischen Überlieferung. Sie mussten also die konservativen Kreise unter den Theologen herausfordern. Zum anderen stellten sie geradezu einen Gegenentwurf zum autokratischen Regime unter Mehmet Ali – und seinen Nachfolgern – dar. Gleichwohl war die Veröffentlichung des Reiseberichts der Beginn einer Karriere, die at-Tahtawi zu einem wichtigen Erneuerer Ägyptens, namentlich in den Bereichen des kulturellen Lebens und des Bildungswesens, werden ließ. Seine große Stunde kam, als er im Januar 1837 zum Leiter der Madrasat al-alsun (»Schule der Sprachen«) ernannt wurde. Ihr Lehrplan umfasste – anders als der Name suggeriert – nicht nur Unterricht in Sprachen, sondern Geschichte, Geographie, Mathematik und islamisches und französisches Recht. Die Kombination von europäischem und einheimischem Wissen wurde künftig das Werk at-Tahtawis und machte die Schule zur einzigen Institution der damaligen Zeit, die nicht enges, auf Fachwissen ausgerichtetes Training, sondern wirkliche Bildung zu vermitteln vermochte. Sie brachte denn auch im Verlaufe ihres vierzehnjährigen Bestehens eine große Zahl von jungen Männern hervor, die als Lehrer und Übersetzer ihren Beitrag zur geistigen Erweckung des Landes leisteten und in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts zur intellektuellen Elite des neuen Ägypten zählten. 1841 übernahm at-Tahtawi die Chefredaktion der Waqa’i al-misriyya, der ersten, 1928 gegründeten arabischen Gazette. Im selben Jahr wurde er zum Direktor der Kutubkhanat Qasr al-Aini, der europäischen Bibliothek in Kairo, ernannt. Nach der Unterbrechung seiner Laufbahn unter Abbas Pascha (reg. 1849–1854) – er wurde 1850 für vier Jahre als Leiter der neu gegründeten ägyptischen Schule nach Khartum geschickt – stieg sein Stern unter Sa’id Pascha (reg. 1854–1863) und dessen Nachfolger Ibrahim Pascha noch einmal auf. In unterschiedlichen Funktionen widmete er sich insbesondere der Fortsetzung seiner Übersetzungstätigkeiten. 1863 übertrug ihm der Khedive die Leitung einer neu eingerichteten Übersetzungsstelle für europäische Gesetzestexte, wo er u. a. den Code Napoléon ins Arabische übertrug. Die Übersetzung erschien 1876; ihr war 1868 seine Übersetzung des französischen Code de Commerce (Qanun at-tidschara) vorausgegangen. Nur wenige Monate vor seinem Tod erlebte er noch die Verwirklichung eines Gedankens, den er in seinem Buch: Al-murschid al-amin fi tarbiyat al-banat wa-l-banin (»Der treue Führer in der Erziehung von Mädchen und Jungen«), das 1873 in Kairo erschien, niedergelegt hatte: Im Januar 1873 wurde in Kairo die erste Schule für muslimische Mädchen eröffnet; die Lehrfächer waren Koran, Türkisch, Zeichnen, Handarbeit, Klavier und Wäschepflege.

Rifa’a Rafi at-Tahtawi starb am 29. Mai 1873. Dass der Rektor der theologischen Azhar-Universität sowie die geistliche und intellektuelle Prominenz der Hauptstadt an seinem Begräbnis teilnahmen, ist symptomatisch: Zwar war er (wie Gleichgesinnte) ein Apostel der Errungenschaften Europas gewesen, der durchaus dessen Überlegenheit anerkannt hatte. Doch er war kein Aktivist, der die religiösen Traditionen der ägyptischen Gesellschaft revolutionär infrage gestellt hätte. Aufklärung und Erneuerung würden als kontinuierlicher Prozess daherkommen; französische Verhältnisse auf die ägyptische Gesellschaft zu übertragen, lag außerhalb seiner Vorstellungswelt. Auch die politischen Machthaber sahen sich nicht bedrohlich herausgefordert. Zwar berief der Khedive Isma’il 1866 eine Versammlung von Notabeln ein; sie hatte aber nur beratende Funktion und keinen Einfluss auf seine Entscheidungen. Mit der britischen Besetzung Ägyptens 1882 und der Niederschlagung des Orabi-Aufstands ( S. 47) richtete sich die geistige und politische Elite im Schatten der britischen Verwaltung ein. Demgegenüber nahm der Prozess der Erneuerung im Osmanischen Reich und Persien mit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts konflikthafte Züge an. Dort forderte die kritische Elite die Einhegung der Macht der herrschenden Dynastien und die Beteiligung der Untertanen an der Machtausübung. Zugleich war die Frage nach der Kompatibilität der aus Europa stammenden Ideen mit den überkommenen religiösen und kulturellen Traditionen gestellt.

Auch in anderen Teilen des Vorderen Orients begann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Bildungswesen aus dem Schatten der Religion herauszutreten. Viele Reformer hatten selbst Erfahrungen in Europa gesammelt. Wie im Falle at-Tahtawis orientierten sich auch die Reformer in Konstantinopel und in Teheran an europäischen Curricula. Studenten wurden zu Studienaufenthalten nach Europa geschickt und europäische Lehrer an die neuen Bildungseinrichtungen berufen. In Teheran hatte Mirza Taqi Khan (Amir Kabir) 1851 mit dem Dar al-Funun eine Bildungseinrichtung gegründet, die zur Kaderschmiede der Reformer in Persien werden sollte ( S. 66). Fast zeitgleich geschah Ähnliches in Konstantinopel mit der Öffnung der Schule für Zivilbeamte (Mülkiye, 1859) und dem Kaiserlich-Osmanischen Lyzeum in Galatasaray (1868). Bereits 1847 war ein Erziehungsministerium eingerichtet worden, das den systematischen Schulaufbau in nach europäischem Vorbild eingerichteten Erziehungsstufen vorantrieb. 1900 öffnete das Darülfunun seine Tore, aus dem später die Istanbuler Universität hervorgehen sollte.

Neben dem Erziehungs- wurde das Rechtswesen ein signifikantes Feld der Modernisierung. Auch auf ihm ging es wesentlich um die Herauslösung aus islamischen Traditionen bzw. um deren Verbindung mit europäischem Recht. Hunderttausende von Europäern lebten in den Grenzen des Osmanischen Reichs, Ägyptens und Persiens und auf den Gebieten von Handel, Wirtschaft und Finanzen verschmolzen die Beziehungen zunehmend. Da die Europäer als Nicht-Muslime die Zuständigkeit der Schari’a-Gerichtshöfe nicht anerkannten, mussten neue Lösungen gefunden werden. So entstanden in den Bereichen des Zivil-, Straf- und Handelsrechts säkulare gemischte Gerichte, die für Muslime und Nicht-Muslime zuständig waren. Starke Impulse für eine Systematisierung des Zivilrechts gingen von der erwähnten Übersetzung des Code Napoléon durch at-Tahtawi aus. Hart umstritten war dabei die Frage, inwieweit französisches Recht unverändert übernommen bzw. mit herkömmlichem Recht zu einer Synthese verschmolzen werden solle. Auch die Zuständigkeit für die Rechtsreform blieb umkämpft: das säkulare Justizministerium oder das Amt des Scheich al-islam (Şeyhülislam), das für die religiösen Dinge am Hof des Kalifen zuständig war? Schließlich begann eine »wissenschaftliche Gesellschaft« (Dscham’iyat-e ilmiyye) – von anhaltenden Widerständen und Kontroversen begleitet – mit der Arbeit. 1876 war das Werk als Mecelle-ye ahkam-e adliyye (»Buch der gesetzlichen Bestimmungen«, Abk.: Mecelle) abgeschlossen. Tatsächlich präsentierte es sich als Synthese: Auf der einen Seite gründete es auf der Schari’a. Wie nachhaltig immer europäisches Recht die Gesetzgebung etwa im Bereich von Handel und Seefahrt bestimmen würde, im Bereich des Zivilrechts würde für die Bürger des Reichs das islamische Recht Geltung haben. Auf der anderen Seite waren Anordnung und Systematik des Stoffes der Mecelle von europäischem Rechtsdenken geprägt; ihre Durchsetzung wurde in die Hände des weltlichen Justizministeriums gelegt.

Im Prozess politischer, gesellschaftlicher und kultureller Reformen stand unabweisbar – ausgesprochen oder nicht – der Islam gleichsam als Referenzpunkt aller Erneuerung im Raum. Inwieweit waren die Maßnahmen mit diesem vereinbar? Wie war der Islam zu verstehen und zu leben? Was war zu tun, um ihn wieder zu einer Kraft zu machen, die Probleme der Gegenwart zu lösen und –vor allem – auf Augenhöhe mit den Nicht-Muslimen zu gelangen, die sich in Gestalt der europäischen Mächte immer intensiver und direkter in die Geschicke der Muslime einmischten? Die Antworten, die an den Rändern der islamischen Welt bzw. in den wüstenhaften Rückzugsgebieten auf der Arabischen Halbinsel von den Wahhabiten, in der nordöstlichen Sahara von den Sanusi und im Sudan von den Anhängern des Mahdi gegeben wurden, ließen sich nicht auf die Gesellschaften Nordafrikas, des Vorderen Orients oder Persiens übertragen. Ein Ausstieg aus der weltpolitischen Großwetterlage konnte keine Lösung für Gesellschaften sein, deren Kommunikation und Verflechtung mit Europa auf allen Gebieten von Jahr zu Jahr intensiver wurde. Die »Neuerungen« (bida, Sg. bid’a) zurückzuweisen, war keine zukunftweisende und erfolgversprechende Strategie. Vielmehr würde es darum gehen, diese als Ferment des dynamischen Wandels in einem islamischen Kontext fruchtbar zu machen.

Das Geschehen einer religiösen bzw. religiös-politischen Erneuerung musste sich mithin an den Zentren theologischer Forschung und Lehre und zugleich politischer Macht vollziehen. Im Vorderen Orient gelten gemeinhin zwei Persönlichkeiten als Schlüsselfiguren für die Auseinandersetzung mit dem Westen in religiöser bzw. religiös-politischer Dimension: Muhammad Abduh und Dschamal ad-Din al-Afghani. Beide waren von unterschiedlichem Temperament; in ihrer Strategie, die islamische Welt politisch und geistig zu erneuern und auf die Höhe Europas zu führen, setzten sie unterschiedliche Schwerpunkte. Beide aber verband die starke Überzeugung, dass der Islam als Religion dieser Erneuerung nicht im Wege stehe. Der im Kern im Koran aufgezeigte rationale Weg, sich Gott und der Welt zu nähern, befähige die Muslime im Prinzip, sich der Elemente europäischer Moderne zu versichern, ohne ihre religiöse Identität aufzugeben. Abduh hat die theologische Erneuerung systematischer vollzogen als al-Afghani, der als politischer Agitator immer wieder Konzessionen machen, ja sich in Widersprüche verwickeln musste. Obwohl etwa ein Jahrzehnt jünger, und gerade als junger Mann von al-Afghani inspiriert sei Abduh seinem Mentor hier vorangestellt.

Muhammad Abduh wurde 1849 im Nildelta geboren. Sein Vater war Bauer von mittlerem Besitzstand, doch bestand in seiner Familie eine Tradition der religiösen Bildung. Nur zögerlich betrat er die Laufbahn des Theologen. Erst mit seinem Eintritt in die Azhar-Universität waren die Weichen gestellt. Die Begegnung mit al-Afghani 1871 war ein prägendes Erlebnis und der Beginn einer engen Verbindung. Als er 1877 seine Studien abschloss, war er über seinen Lehrer mit islamischer Philosophie, die im Lehrbetrieb der Azhar keinen Platz hatte, ebenso vertraut wie mit europäischer philosophischer und wissenschaftlicher Literatur. Es waren bewegte Zeiten und Abduh, der zum Mitherausgeber des Staatsanzeigers Al-waqa’i al-misriyya berufen worden war, konnte sich ihnen nicht entziehen. Ägypten war unter europäische Schuldenverwaltung gestellt worden und der auf Druck Londons eingesetzte Khedive Tawfiq Pascha (reg. 1879–1892) hatte al-Afghani des Landes verwiesen. Die Protestbewegung um Oberst Orabi und die britische Besetzung des Landes (1882) zogen auch Abduh in ihren Bann. Drei Jahre nach seinem Mentor wurde er 1892 ausgewiesen; nach einem Aufenthalt in Beirut schloss er sich 1894 al-Afghani in Paris an.

Die im gleichen Jahr gemeinsam herausgegebene Zeitschrift Al-urwa al-wuthqa (»Der stärkste Halt«; Koran 2.256 und 31.22) reflektiert die doppelte Botschaft: eine reformorientierte Neuinterpretation des Islams und den Aufruf zum Widerstand gegen die britische Kolonialmacht in Ägypten. Die Muslime sollten sich unter ihrer Religion gegen die Fremdherrschaft vereinen und zum ursprünglichen Islam der frommen Vorväter (As-salaf as-salih) finden. Die Zeitschrift erschien über sieben Monate in insgesamt achtzehn Ausgaben. In Ägypten und Indien wurde sie sofort verboten. Ende des Jahres 1884 ließ sich Abduh wieder in Beirut nieder; 1888 wurde seine Verbannung aufgehoben und er kehrte nach Ägypten zurück.

Damit nahm Abduh nicht nur von der Politik Abschied; mit Lord Cromer, dem britischen Generalkonsul, verband ihn sogar eine Freundschaft. Nach Jahren der Tätigkeit im Justizwesen wurde ihm 1899 mit der Bestallung zum mufti das höchste religiöse Amt in Ägypten übertragen. Im gleichen Jahr wurde er in den Gesetzgebenden Rat berufen, eine beratende Körperschaft, deren Mitglieder in der Mehrzahl von der Regierung ernannt wurden. Neben den Bemühungen, das System der religiösen Bildung und des Justizwesens zu erneuern, stand die Erneuerung des Islams


Abb. 5: Al-Azhar in Kairo, die älteste Universität der islamischen Welt (gegr. 970/71); Wissenschaft und Lehre nach traditionellen Inhalten. Postkarte um 1900.

selbst im Mittelpunkt seines Wirkens – dies in dem Sinne, wie er selbst und al-Afghani sie in ihrer Zeitschrift umrissen hatten: Es galt, die Vereinbarkeit traditioneller und moderner, säkularer Institutionen nachzuweisen und letztlich alle Aspekte eines modernen Lebens aus der Lehre des Islams heraus zu begreifen und mit ihr in Übereinstimmung zu bringen.

Die Forderung nach der Besinnung auf den Islam der Altvorderen beinhaltete naturgemäß zunächst, als Fehlentwicklungen und Missverständnisse gebrandmarkte Tatbestände zu beseitigen, die sich über die Jahrhunderte in die Auslegung und Praxis des Islams eingeschlichen hatten. Die Öffnung der Religion für den idschtihad, d. h. die selbstständige Auslegung der Quellen des Islams durch die Theologen, brachte Abduh zwar in die Nähe des wahhabitischen Purismus. Dies aber nicht als verengende Rückbesinnung auf die vergangenen Zustände der frühen Gemeinde; vielmehr sollte die Eliminierung »fremder« – nicht zuletzt auch sufischer – Elemente den Islam als einen rationalen Glauben befreien, innerhalb dessen die Errungenschaften einer europäischen Moderne ihren Platz finden würden. Zwischen der reinen Nachahmung Europas und dem unbeweglichen Beharren auf den Traditionen würde ein Mittelweg zu beschreiten sein: Der »wahre Islam« enthalte die Grundlage der neuen und nur scheinbar fremden Gesetze und Einrichtungen und die Werte der bürgerlichen Gesellschaft im Europa des 19. Jahrhunderts seien auch die Werte des modernen Islams.

Der Kernbegriff im Denken Abduhs war der »wahre Islam«. In diesem Zusammenhang konnte er sich der Diskussion der großen Themen seiner Zeitgenossen nicht verweigern: der Frage nach dem Verhältnis von Vernunft und Religion oder Wissenschaft und Religion. Zwar weisen seine Werke auf diesem Gebiet einen gewissen Eklektizismus auf, der sich auf ein breites Wissen auf den Gebieten der islamischen und europäischen Kultur gründet. Der rote Faden aber, der bei allem Eklektizismus seines Denkens sichtbar wird, ist die Übereinstimmung von Offenbarung und Vernunft. Der Islam sei eine Religion, die an die Vernunft appelliere, und der Koran ermahne den Menschen dazu, seinen Verstand zu gebrauchen. Wenn Aussagen der religiösen Quellen gelegentlich der Vernunft zu widersprechen scheinen, so seien die Texte symbolisch auszulegen. Einen zukunftweisenden Weg beschritt er auch in seinem Verständnis des Unterschieds zwischen den religiösen (ibadat) und jenen Pflichten der Schari’a, die sich mit den Beziehungen der Menschen untereinander befassen (mu’amalat). Während erstere in Koran und Überlieferung (hadith) klar und eindeutig niedergelegt seien, enthielten letztere nur allgemeine Grundsätze. Diese könnten den konkreten Umständen entsprechend so ausgelegt werden, dass sie gesellschaftlich und sittlich förderlich (maslaha) seien. Dies aber solle nach dem Ermessen der Vernunft geschehen. An dieser Stelle berührte sich die Kompetenz des Theologen mit den konkreten täglichen Entscheidungen, die er als Staatsmufti auf Anfragen zu treffen hatte. So machte Abduh in religiöser Dimension den Weg frei für eine umfassende Diskussion politischer und gesellschaftlicher Erneuerung vor dem Hintergrund des Drucks europäischer Mächte und wachsender Abhängigkeit der Staaten und Gesellschaften im Vorderen Orient von ihnen. Abduh starb im Juli 1905.


Abb. 6: Dschamal ad-Din al-Afghani – ein streitbarer Theologe gegen europäische Dominanz.

War Abduh nach seiner Rückkehr nach Ägypten zur theologisch-konzeptuellen Speerspitze der religiösen Erneuerung geworden, blieb Dschamal ad-Din al-Afghani, sein etwa zehn Jahre älterer Mentor und Mitstreiter in Paris bei der Arbeit an Al-urwa al-wuthqa, sein Leben lang eher ein politischer Agitator. Viele der Gedanken, die Abduh zu einem systematischen Gebäude zusammenzubringen bemüht war, sind bei al-Afghani eher Versatzstücke einer immer auch politischen Propaganda. Zu unterschiedlichen Gelegenheiten und vor unterschiedlichem Publikum vorgetragen, sind sie nicht frei von Widersprüchen. Ausdruck bewusster Mystifizierung ist bereits sein Beiname, der eine afghanische Herkunft suggerieren soll. Tatsächlich aber wurde er 1838 in Asadabad, in der Nähe der westiranischen Stadt Hamadan, also in einem schiitisch-persischen Milieu, geboren. Seine frühen Lehrjahre als Theologe sahen ihn in Qazwin, Teheran und ab 1852 in den Zentren der schiitischen Lehre im Irak (damals unter osmanischer Herrschaft). Mit Blick auf sein späteres Lebensziel, die Muslime zum aktiven Widerstand gegen die europäische, namentlich britische Dominanz aufzurütteln, schien ihm der schiitische Ruch hinderlich; »Afghani« sollte die Zugehörigkeit zum sunnitischen Mainstream suggerieren. In einem frühen Stadium seines rastlosen und umtriebigen Lebens hielt er sich in Afghanistan auf, wo er den Emir Schir Ali ( S. 119) zu einer antibritischen Politik zu bewegen versuchte.

Es ist schwer (und an dieser Stelle erlässlich), sein Itinerar nachzuzeichnen. Großräumlich liegen dessen Stationen zwischen Indien im Osten und London im Westen. 1889 taucht er auch in Russland auf, wo er den Zaren von einem Militärschlag gegen England (vergeblich) zu überzeugen sucht. Fruchtbar wird sein achtjähriger Aufenthalt in Kairo in den siebziger Jahren, bei dem das geistige Band zu seinem Schüler Abduh geknüpft wird. Hier tritt er übrigens der Freimaurerloge »Stern des Ostens« (Kaukab asch-scharq) bei, die zur angelsächsischen Großloge gehört. Als seine englandkritischen Umtriebe dort auf taube Ohren stoßen, verlässt er sie und richtet eine unabhängige, nationale Loge ein, in welcher auch politisches Engagement statthaft ist.

Unter britischem Druck wird er 1879 vom Khediven ausgewiesen – ein Geschick, das ihm bereits mehrfach zuteil geworden war und auch künftig werden sollte. Er geht nach Indien. Dort veröffentlicht er u. a. eine Abhandlung unter dem Titel: »Die Wahrheit über die Naychari-Sekte« (oder »Die Widerlegung der Materialisten«). Dabei handelt es sich im Kern um eine Polemik gegen den indischen Reformer Sir Sayyid Ahmad Khan (1817–1898), einen Bewunderer der Briten, der für eine vorbehaltlose Übernahme der europäischen Kultur und Zivilisation durch die Muslime eintritt. In Ahmad Khans Denken nimmt der Begriff der »Natur« (nature) einen zentralen Platz ein: Im Unterschied zur traditionellen islamischen Theologie, die keine Naturgesetze im Sinne europäischer Naturwissenschaften anerkennt, sondern diese als »Gewohnheiten Gottes« versteht, von denen er auch abweichen kann, vertritt Ahmad Khan die Auffassung, die Naturgesetze seien fest und unwandelbar. Vordergründig wendet sich al-Afghani gegen dessen Lehre (ohne freilich den Autor beim Namen zu nennen). Hintergründig sucht er Ahmad Khan als Ketzer zu brandmarken, in der Absicht, ihn unter den indischen Muslimen ins Zwielicht zu setzen.

1882 reist al-Afghani nach Europa. In Paris, London und St. Petersburg sucht er Unterstützung für seine – meist wirklichkeitsfremden – Pläne. Bemerkenswert an seinem Aufenthalt in Paris ist nicht nur die bereits erwähnte Zusammenarbeit mit Muhammad Abduh an der Zeitschrift Al-urwa al-wuthqa; auch kommt es zu einem berühmt gewordenen Gedankenaustausch mit dem französischen Philosophen Ernest Renan (1823–1892). Dieser hatte am 29. März 1883 an der Sorbonne einen Vortrag über das Verhältnis des Islams zur Wissenschaft gehalten. Darin hatte er den Islam für wesentlich unvereinbar mit der Wissenschaft erklärt; der »Muselmann« (so die zeitgenössische deutsche Übersetzung) hege »die tiefste Verachtung vor der Bildung, der Wissenschaft, vor Allem, was wir das europäische Geistesleben nennen«.18 Des Weiteren leitete er daraus die Unterlegenheit der islamischen Welt gegenüber Europa ab. Mehr noch: Unverhohlen rassistisch hatte er insbesondere der »arabischen Rasse« die Befähigung zur Wissenschaft abgesprochen. Von einer »arabischen Wissenschaft« zu sprechen, sei irreführend; die meisten »arabischen« Wissenschaftler seien gar keine Araber gewesen.

Nachdem dieser Vortrag im Journal des Débats abgedruckt worden war, nahm ihn al-Afghani zur Kenntnis. Dort wurde auch dessen arabisch verfasste Antwort übersetzt ins Französische veröffentlicht. Im Tonfall äußersten Respekts vor dem französischen Denker räumte er zwar die europäische Überlegenheit ein, wollte aber eine essentielle Unfähigkeit »des Islams«, wissenschaftlich zu denken, nicht akzeptieren. Im Vergleich zum Christentum sei der Islam die jüngere Religion; mithin habe er die Chance, sein Verhältnis zur Wissenschaft noch zu verändern, wie das in Europa geschehen sei. »In Wahrheit hat die mahomedanische Religion die Wissenschaft zu ersticken und ihre Fortschritte zu hindern sich bemüht«, aber das sei auch im Raum der christlichen Religion geschehen. »Und die verehrten Häupter der katholischen Kirche haben meines Wissens die Waffen noch nicht niedergelegt.« Renan hat im Journal des Débats vom 18. Mai – ebenfalls mit größtem Respekt – darauf geantwortet. Die Denkweise des »aufgeklärten Asiaten« bringe ihn zu der »Überzeugung, dass wenn die Religionen die Menschen trennen, die Vernunft sie einander nähert, und dass es im Grunde nur eine und dieselbe Vernunft gibt«. Schließlich sei der »Scheik Djemmal Eddin ein Afghane, der von den Vorurtheilen des Islam völlig frei geworden; er gehört jenen kräftigen Rassen des oberen, an Indien grenzenden Iran an, in denen der arische Geist noch so energisch unter der dünnen Hülle des officiellen Islam fortlebt.« So frei und unverblümt konnte sich al-Afghani nur auf einem Forum äußern, von dem er annehmen konnte, dass es nur eingeschränkte Aufmerksamkeit im islamischen Raum erfahren würde. Vor der breiten Öffentlichkeit der Muslime, die er panislamisch zu inspirieren und mobilisieren suchte, musste er andere Töne anschlagen.

1889 von Nasir ad-Din Schah (reg. 1848–1896) nach Teheran eingeladen, kam es bald zum Konflikt: Wie üblich scharte al-Afghani eine Anzahl junger Intellektueller um sich, mit denen er nicht nur seine reformerischen und antibritischen Pläne schmiedete, sondern in diesem Falle auch Möglichkeiten erörterte, die Regierung des Schahs zu stürzen. Anfang 1891 wurde er außer Landes gebracht. 1892 setzte er von London aus seine Kampagne gegen den Schah fort; dabei blies er Wind in das Feuer der Proteste, die in Persien im Zusammenhang mit der Vergabe von Konzessionen an britische Unternehmer ausgebrochen waren ( S. 69). 1897 wurde der Schah von einem Anhänger al-Afghanis ermordet.

In London erhielt er eine Einladung des osmanischen Sultans Abdülhamit II., als sein Gast nach Istanbul zu kommen und dort zu bleiben. Al-Afghani hoffte wohl, der Sultan wollte sich seiner Dienste versichern, um seine panislamische Außenpolitik zu verwirklichen. Dazu freilich ist es nie gekommen. Wahrscheinlich war es eher dessen Absicht, den umtriebigen Geistlichen besser unter Kontrolle zu haben. Seine letzten Jahre verbrachte dieser wie ein Gefangener. Trotz mehrerer Gesuche, ihm das Verlassen des Landes zu gestatten, ließ ihn der Sultan nicht gehen. Er ist 1897 in Istanbul gestorben.

Es fällt nicht leicht, die Lehre al-Afghanis zusammenzufassen. Zahlreich sind die Widersprüche und Umschwünge in seinen Äußerungen – ein Umstand, der eben nicht zuletzt der Tatsache geschuldet sein dürfte, dass er sich als Agitator und Propagandist jeweils dem Publikum und den Umständen anpassen musste, unter denen er handelte und sprach. In seinem vorstehend zusammengefassten Disput mit Renan konnte er sich freier äußern als vor einer muslimischen Öffentlichkeit. Klar tritt sein Bestreben zutage, die islamische Welt in die Lage zu versetzen, der kolonialen Expansion Europas Widerstand zu leisten. Mit Blick darauf galt es, auf die Einheit der umma hinzuwirken. Bereits darin aber lag ein Widerspruch: Denn auf der einen Seite bildeten die Muslime selbst diese Gemeinschaft, die ihr Geschick in die Hand zu nehmen hatte. Auf der anderen Seite waren nun einmal die Machthaber die bestimmenden Akteure – sowohl in der islamischen Welt als auch in Europa. Wie andere Reformer seiner Zeit zog es auch al-Afghani vor, im Zusammenwirken mit Regierungen und Eliten seine Ziele zu erreichen.

Neben dem Widerspruch in Strategie und Taktik tut sich eine Ambivalenz den Inhalt des Erneuerungsprozesses selbst betreffend auf. Al-Afghani hatte begriffen, dass die Quellen der Überlegenheit Europas ebendort zu suchen seien. Diese – so glaubte er – gründete auf Rationalität und Unternehmungsgeist – Tugenden, die zur Entwicklung der europäischen Wissenschaft und Technik geführt hätten. Wie Muhammad Abduh sah er diese Tugenden und Werte auch im Islam verankert: Der »wahre Islam« sei seinem Wesen nach eine Religion, die mit der menschlichen Vernunft nachvollziehbar ist und deren Gebrauch anregt. Durch die Ausübung des idschtihad und das erneute Durchleuchten der Quellen könne der Islam von unechten Auswüchsen befreit werden. Das Dilemma, das bereits im Falle von Strategie und Taktik des Handelns sichtbar wurde, zeigt sich auch an dieser Stelle: Die panislamische Ausrichtung seines politischen Denkens sollte seine Spielräume einschränken, tiefgreifende, ja radikale Reformen zu propagieren. Wollte er einen möglichst großen Teil der umma erreichen und politisch mitnehmen, musste er, um nicht unorthodox zu erscheinen, seine Argumente zur Neuauslegung des Islams verwässern. Tatsächlich hat das schillernde Erscheinungsbild seiner theologischen und politischen Positionen Zweifel an seiner Rechtgläubigkeit aufkommen lassen und ihn dem Vorwurf ausgesetzt, Agnostiker zu sein.19

Die Nachwirkung der beiden Reformer im arabischen Raum des 20. Jahrhunderts – und darüber hinaus – kann kaum hoch genug eingeschätzt werden. Al-Afghanis Aufruf zum Widerstand einer geeinten umma gegen den europäischen Kolonialismus sollte – zum Teil in simplistischer Reduktion (auch auf die Anwendung von Gewalt) – bei jenen Persönlichkeiten und Strömungen nachklingen, die in der politischen Emanzipation und der Befreiung von westlicher Dominanz die Voraussetzung einer umfassenden Erneuerung und eines dynamischen Wiederaufstiegs der islamischen Welt gesucht haben. Abduh hat jenseits der theologischen Dimension auf vielen Feldern Anstöße zu politischer und gesellschaftlicher Erneuerung gegeben. Salafistische Kräfte verbündeten sich mit den jungen Nationalbewegungen. Bezeichnend dafür ist das Beispiel Algeriens, wo sich der Widerstand gegen die Kolonialmacht und deren Assimilierungspolitik mit dem Streben nach der Behauptung einer eigenen algerisch-islamischen Identität verband. Das Freilegen einer eigenständigen, vom Islam durchdrungenen Kultur – in der vom Reformislam geprägten Ausformung – entsprach den Bedürfnissen eines nicht unerheblichen Teils der gebildeten Muslime in Algerien. Zu den Persönlichkeiten, die die Ideologie der Salafiyya-Bewegung in Algerien verankerten, zählte Abd al-Hamid ibn Badis (1889–1940). Er gründete mit Gleichgesinnten 1931 die Vereinigung algerischer muslimischer Gelehrter (Dscham’iyyat al-ulama al-muslimin al-dschaza’iriyyin). Selbst wenn sich diese als rein religiös und kulturell definierte, entwickelte sie eine nachhaltige Dynamik in der nationalistischen Bewegung.

Ein weites Feld der gesellschaftlichen Erneuerung betraf die Stellung der Frau in den vom Islam geprägten Gesellschaften. Arabische Christen (und Christinnen) gaben erste Anstöße der Veränderung. Der Ägypter Rifa’a at-Tahtawi hatte in seinem Todesjahr (1873) anlässlich der Eröffnung der ersten staatlichen Mädchenschule in Kairo ein umfängliches Werk zu diesem Thema publiziert. Als erste muslimische Frau forderte die ägyptische Dichterin A’ischa Taimuriyya (1840–1902) seit 1892 in den jungen ägyptischen Zeitschriften und Zeitungen mehr Frauenbildung sowie die Reform familienrechtlicher Bestimmungen und Bräuche, die Frauen in das »häusliche Gefängnis« sperrten. Muhammad Abduh griff diese Impulse auf und suchte durch eine neue Interpretation der einschlägigen Verse des Korans den Weg der Frau in Richtung auf ein modernes (sprich von europäischen Vorbildern geprägtes) Verständnis ihrer Rolle in Familie und Gesellschaft zu öffnen.

Von Abduh beeinflusst war auch Qasim Amin (1863–1908), der zum bekanntesten Anwalt der Sache der Frauen um die Jahrhundertwende wurde. Während seines Rechtsstudiums in Montpellier von 1881 bis 1885 war mit Abduh in Kontakt getreten. In seinem Buch »Die Befreiung der Frau« (Tahrir al-mar’a, 1899) übte er heftige Kritik an den Zuständen in Ägypten. Für seine Reformvorschläge stützte er sich auf Abduhs Neuinterpretationen des Korans und der Schari’a. Der politische Despotismus im Vorderen Orient habe die jahrhundertelange Unterdrückung der Frau bewirkt; Mann und Frau seien gleich geschaffen. Amin forderte eine am praktischen Leben mit seinen Verantwortlichkeiten orientierte Mädchenbildung. Ein Volk könne sich nur progressiv entwickeln, wenn es Frauen nicht nahezu alle Bildungsmöglichkeiten und die Teilnahme am öffentlichen Leben versage.20

Im Überblick ist der Verlauf der Geschichte des Vorderen Orients im 19. Jahrhundert durch zwei zunächst gegensätzlich und widersprüchlich erscheinende Eckpunkte gekennzeichnet: die Überwältigung von außen auf der einen und die Erneuerung im Inneren auf der anderen Seite. In der zweiten Hälfte beschleunigten sich die Prozesse des politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Wandels zwischen Nordafrika und dem Hindukusch; Ähnliches wird sich unten von den Ländern des Kaukasus, insbesondere dem islamisch geprägten Aserbaidschan sagen lassen. Den roten Faden in der Darstellung des Kapitels bildet eine Aufbruchsstimmung, in die die Gesellschaften im Vorderen Orient in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts eingetreten waren. Die Araber haben dieser Epoche den Namen der »Erhebung« oder »Wiedergeburt« (an-nahda) gegeben. Ihre Charakterisierung durch Sadik Dschalal al-Azm (1934–2016), einen der bedeutendsten arabischen Philosophen nach dem Zweiten Weltkrieg, trifft im Kern auf die gesamte Region zu: Das arabische Leben sei »von einer großen liberalen und freidenkerischen Reformbewegung erfasst« worden, für die sich »diverse Bezeichnungen eingebürgert haben: Erwachen, Renaissance (an-nahda), Reformation, liberales Experiment, islamischer Modernismus, liberales Zeitalter des modernen arabischen Denkens und so weiter. Und tatsächlich war diese Bewegung alles zugleich: eine theologisch-rechtliche Reformation, eine literarisch-intellektuelle Renaissance, eine rational-wissenschaftliche Aufklärung und ein politisch-ideologisches Aggiornamento.«21 In vielfältiger – und durchaus kontroverser und widersprüchlicher – Weise wurden die Wurzeln für die politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Auseinandersetzungen gelegt, die das Erscheinungsbild des Vorderen Orients und Nordafrikas durch das 20. Jahrhundert hindurch prägen sollten. Die Grundstimmung war optimistisch: Die Antwort auf die Frage, ob der Islam mit dem säkularen Humanismus oder der Moderne vereinbar sei, ist für al-Azm ein »bedenkenloses Ja«.

Von Anfang an aber war nicht zu übersehen, dass mit der Dynamik der Erneuerung eine kulturelle Dualität in der Gesellschaft der muslimischen Völker aufgebrochen war. Neben den neuen Gesetzbüchern und Gerichtshöfen bestanden die Schari’a-Gerichte fort und die neuen, nach europäischen Vorbildern eingerichteten Schulen ließen die klassische madrasa nicht verschwinden. Das blieb nicht ohne Folgen für die Gesellschaft, denn natürlich waren die modernen Absolventen im Vorteil, wenn es um die Besetzung der Posten in den Staatsapparaten ging, die sich ihrerseits neu aufstellten. Während die modernen Eliten in Politik, Gesellschaft und Kultur die Richtung bestimmten, fand sich der traditionelle Sektor zunehmend im Abseits.

Neben der politischen und kulturellen vertiefte sich auch die wirtschaftliche Kluft. Die ägyptischen Bauern erfuhren die gesellschaftliche Transformation in erster Linie als forcierte Einziehung in die Armeen Mehmet Alis oder in die Arbeitsbrigaden, die für die Durchführung der öffentlichen Arbeiten Isma’il Paschas aufgebracht wurden. Auch in den Kernländern des Osmanischen Reichs und in Iran drückten die Bauern Abgaben und wachsende Verschuldung. Vor dem Hintergrund der immer stärkeren Einbeziehung des Agrarsektors des Vorderen Orients in die Weltwirtschaft nahm die Zahl der Bauern zu, die gezwungen waren, ihr Land aufzugeben und sich für geringen Lohn dem wachsenden Heer derer anzuschließen, die als Landarbeiter auf den Gütern der neuen Schicht privater Großgrundbesitzer schufteten.

Die Gründe dafür, dass der geschilderte Aufbruch eben nur ein Aufbruch bleiben und nicht zu einer tiefgreifenden und stabilen Neuordnung des Vorderen Orients und Nordafrikas führen sollte, sind zahlreich. Entscheidend aber sollte hinzukommen, dass die Politik eines Europa, welches mit einer für die Eliten so anziehenden Kultur und mit so verheißungsvollen und vielversprechenden Idealen und Werten daherkam, im Zeitalter dieses Aufbruchs ausschließlich und brutal von eigenen ökonomischen und machtpolitischen Interessen geleitet war. Die Feindseligkeiten und Kriege gegen das Osmanische Reich hörten nicht auf. Europäische Mächte mischten sich in vielfältiger Weise in die inneren Angelegenheiten der nahöstlichen und nordafrikanischen Staaten ein; bewusst wurde ihnen die Schuldenfalle gestellt, die bald zuschnappte und die Regierungen zwischen Nordafrika und Iran einer europäischen Schuldenverwaltung unterstellte.

Die Umwälzungen in Iran und im Osmanischen Reich, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts einsetzten, eröffneten den Gesellschaften neue Perspektiven, in modernen Ordnungen zu leben. Sie hätten den finalen politischen Ausdruck des Modernisierungsprozesses des vergangenen halben Jahrhunderts bedeuten können. Aber die Verfassungsrevolution in Iran (1906) wurde von England und Russland gewaltsam blockiert. Und die neuen Eliten, die mit der jungtürkischen Machtübernahme in Konstantinopel (1908) das verbliebene Reich auf eine neue Grundlage zu stellen entschlossen waren, wurden durch den europäischen Imperialismus, der nicht abließ, das Reich zu zerstören, delegitimiert und verführt, sich nach innen zu radikalisieren. Während des Ersten Weltkriegs, an dessen Ende wiederum die Chance eines Neubeginns bestanden hätte, teilten europäische Mächte den Nahen Osten nach eigenen politischen und wirtschaftlichen Interessen auf. Das Recht auf Selbstbestimmung, das insbesondere durch den amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson zur Grundlage eben dieser Neuordnung hätte gemacht werden sollen und auf das sich die nahöstlichen Führer beriefen, wurde durch sie unter den Teppich gekehrt. In den folgenden Jahrzehnten waren die Eliten in den Gesellschaften des Vorderen Orients dann mehr damit beschäftigt, sich der Fremdherrschaft zu erwehren als sich der drängenden Herausforderungen der politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Erneuerung zu stellen.

So hat Europa wesentlich dazu beigetragen, dass die beharrenden und rückwärtsgewandten Kräfte, mit denen sich die Modernisierer seit dem 19. Jahrhundert auseinanderzusetzen hatten, nie von der Bildfläche verschwanden. Sie traten zeitweise weit in den Hintergrund, um sich umso nachdrücklicher wieder zu Wort zu melden, wenn ihnen die Schwäche der Modernisierer Freiraum dafür bot. Am Ende des 20. Jahrhunderts schließlich sollte der mittlerweile zu »dem Westen« mutierte Teil der Welt in einer Allianz mit den reaktionärsten Kräften des Vorderen Orients seinen Interessen am wirkungsvollsten gedient sehen. Damit stellte er eine der vielen Weichen für den Zusammenbruch der Ordnung im Nahen Osten zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

5 Der Eintritt ins revolutionäre Jahrhundert

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte das kritische, auf umfassende politische Reformen drängende Potential in zahlreichen nahöstlichen Gesellschaften an Breite und Dynamik gewonnen. Der Graben zwischen den progressiven Ideen auf der einen und den Herrschaftssystemen auf der anderen Seite war unübersehbar. Viele Oppositionelle hatten aus Furcht vor Verfolgung ihre Heimatländer verlassen und vornehmlich in Europa (bzw. in von europäischen Mächten kontrollierten Städten wie Kairo, Beirut oder Tiflis) Zuflucht gesucht. Von hier aus agitierten sie politisch und publizistisch gegen die Herrschaft Abdülhamits II. und Muzaffar ad-Din Schahs. Deren Legitimation war nicht nur durch die autokratische und – namentlich in Iran – korrupte Ausübung ihrer Herrschaft beschädigt; vielmehr trugen die europäischen Mächte durch anhaltend aggressives Auftreten, kriegerische Gewalt und Einmischung in die inneren Angelegenheiten aller Staaten im Nahen Osten dazu bei, das Ansehen der Herrscher in den Augen der Eliten zu unterminieren. Auch der Ausverkauf der wirtschaftlichen und landwirtschaftlichen Potentiale sowie die Unterwerfung unter die wirtschaftlichen Interessen der europäischen Mächte waren Gegenstand der Kritik.

Nicht zuletzt von den politischen Erschütterungen in Russland im Jahr 1905 fühlten sich die auf Veränderung drängenden Kräfte ermutigt. Unter dem Druck einer breiten Öffentlichkeit hatte die russische Regierung bereits im Dezember 1904 Zugeständnisse in Sachen der Pressefreiheit, der Selbstverwaltung und des Justizwesens machen müssen. Im Januar 1905 kam es Massendemonstrationen. Sie wurden blutig niedergeschlagen; gewalthafte Proteste und Streiks hielten aber in den folgenden Monaten an. Am 17. Oktober schließlich sah sich Zar Nikolaus II. gezwungen, ein Manifest zu unterzeichnen, das die Einführung einer Verfassung verkündete; sie wurde am 23. April 1906 erlassen.

Noch folgenreicher in seiner Ausstrahlung auf die nahöstliche Nachbarschaft Russlands war ein militärisches Ereignis. Im Zuge seiner imperialistischen Expansion an den Pazifischen Ozean und auf der Suche nach konkurrenzarmen Märkten dort war die russische Orientpolitik fast zwangsläufig auf Japan gestoßen, das seinerseits mit Blick auf Korea und an das Gelbe Meer angrenzende Gebiete Chinas imperialistische und kolonialistische Pläne verfolgte. Ohne Kriegserklärung griff die japanische Marine im Februar 1904 den russischen Hafen Port Arthur an und löste damit einen russisch-japanischen Krieg aus. Zu dem Ereignis, das den Krieg zugunsten Japans entschied, wurde die Seeschlacht bei Tsushima im Mai 1905: Die in den Pazifik entsandte russische Baltische Flotte erlitt eine vernichtende Niederlage. In dem im September geschlossenen Friedensvertrag wurden die Halbinsel Liaotung sowie die Südhälfte der Insel Sachalin an Japan übertragen und Korea japanischer Kontrolle unterstellt. Der japanische Sieg hatte nachhaltige Auswirkungen: In Russland selbst sah die Opposition gegen die Regierung darin weniger einen Sieg der Japaner als vielmehr eine Niederlage der Autokratie, was die Forderung nach einer Verfassung beflügelte. Im Vorderen Orient löste die Niederlage Russlands Begeisterung aus: In den Augen einer breiten Öffentlichkeit stand die Tatsache im Vordergrund, dass zum ersten Mal eine asiatische Macht einen militärischen Sieg über eine europäische Macht davongetragen hatte. Der Mythos der Unbesiegbarkeit Europas war beschädigt. Für die Modernisten war der japanische Sieg darüber hinaus die Bestätigung ihrer Forderung nach einer verfassungsmäßigen Ordnung: Hatte sich doch das einzige asiatische Land mit einer solchen – in Japan war 1889 eine Verfassung eingeführt worden – der einzigen europäischen Großmacht ohne eine Verfassung überlegen gezeigt. Dies gab der Euphorie Raum, Asien werde künftig in der Lage sein, dem allmächtigen Westen erfolgreich Widerstand zu leisten. Der modernistischen Bewegung insgesamt, insbesondere aber jenen in ihr, die die Einhegung der Macht des Herrschers und die Beteiligung des Volkes an der Regierung forderten, hatte ein starker Wind in die Segel geblasen. Hatte sich in Persien bislang hartnäckig die Überzeugung gehalten, Russland werde bei jedem Versuch, die bestehende Ordnung zu verändern, intervenieren, so schien nunmehr, da die russische Führung selbst mit dem Krieg und seinen innenpolitischen Folgen beschäftigt war, der Zeitpunkt gekommen zu handeln.

5.1 Die Mutter der Revolutionen – Iran 1906

Die Ermordung Nasir ad-Din Schahs (1896) hatte schlaglichtartig die Spannungen innerhalb der Gesellschaft Irans erkennen lassen. Die Tatsache, dass England und Russland an einem Strang gezogen hatten, um den 43-jährigen Muzaffar ad-Din (gegen geeignetere Kandidaten) zum Schah zu erheben, ließ erkennen, in welchem Ausmaß das Land von auswärtigen Mächten abhängig geworden war. Dies sowie die allgemeine wirtschaftliche Not und Unterentwicklung und die autokratische Machtausübung bei wachsender Verschuldung gegenüber dem Ausland verdichteten sich zu dem Sprengstoff, der schließlich in der 1905 einsetzenden revolutionären Bewegung zu einem Wandel des politischen Systems führen sollte.

Die Quellen, aus denen sich die Bewegung speiste, die schließlich der absoluten Herrschaft der Qadscharen ein Ende bereitete, sind zahlreich. Zu ihnen gehört nicht zuletzt das Wirken liberaler Persönlichkeiten, die mit europäischen Verhältnissen in Berührung gekommen waren. Orte, an denen das der Fall war, waren Paris, London, Kairo (seit 1882 unter britischer Dominanz), Kalkutta (der Hauptstadt Britisch-Indiens) und Konstantinopel (das sich mit den Tanzimat auf den Weg der Reformen gemacht hatte). Einige unter ihnen konnten ihre Erfahrungen in hohen politischen Ämtern, insbesondere als Großwesire, einbringen; nicht selten freilich war ihr Wirken von zeitlich kurzer Dauer und sie fielen Hofintrigen zum Opfer. Andere bewegten sich zwischen Aufenthalten in Persien und dem Exil, wieder andere wirkten vornehmlich im Ausland. Einen starken Einfluss übten die von dort ins Land geschmuggelten Presseorgane aus. Bereits Amir Kabir hatte in Persien mit den Waqayi-e ittifaqiyye (»Die Chronik der Ereignisse«) eine einheimische Zeitung begründet, die sich freilich vornehmlich noch als offizielles Sprachrohr verstand. Demgegenüber waren die kritischen Stimmen aus dem Ausland wirkungsmächtiger. Von Malkom Khan ist bereits die Rede gewesen. In Konstantinopel brachte er die Zeitung Qanun (»Das Gesetz«) heraus, von der 41 Nummern zwischen 1891 und 1898 erschienen. In ihr prangerte er die Korruption an und forderte die Einführung einer Verfassung. Sie wurde in London gedruckt und nach Persien geschmuggelt. Ebenfalls in Konstantinopel erschien die Zeitung Akhtar (»Der Stern«). Sie pries die europäische Zivilisation, namentlich die Bedeutung von Bildung, Wissen und Technik in ihr. Gleichzeitig bekannte sie sich zur Größe der iranischen Tradition und Geschichte als Grundlage einer nationalen Identität. Auch propagierte sie panislamische Bestrebungen, wie sie im Aktionismus von Dschamal ad-Din al-Afghani zutage traten. Weitere Zeitungen waren Parvaresch (»Erziehung«) und Surayya (»Die Plejaden«) – beide aus Kairo und Habl al-Matin (»Der feste Strick«) aus Kalkutta. Aus dem russisch beherrschten Transkaukasus, wo sich in Tiflis ein intellektuelles Zentrum entwickelt hatte, an dem auch aserbaidschanische Intellektuelle wirkten ( S. 33), kamen Stimmen, die im persischen Aserbaidschan Gehör fanden und das rückständige Regime in Teheran kritisierten oder satirisch auf die Hörner nahmen. Zu nennen sind unter anderen Mirza Fath Ali Akhundzadeh und Mirza Abd al-Rahim Talibi Najjar Tabrizi (russifiziert: Talibov; 1834–1911). Eine Kuriosität stellte das Buch »Hajji Baba of Isfahan« des britischen Diplomaten und Landeskenners James Morier (1782–1849) dar. Ins Persische übersetzt, reihte es sich unter die kritischen und satirischen Veröffentlichungen persischer Autoren ein, die die politischen und zivilisatorischen Verhältnisse im Land gegen Ende des Jahrhunderts aufs Korn nahmen.

Eine weitere gesellschaftliche Gruppe, die starken Einfluss auf die kommenden politischen Entwicklungen nehmen sollte, war die Geistlichkeit. Zwar standen die ulama der Übernahme europäischer Ideen ablehnend gegenüber, noch stärker aber war ihre Empörung über die Willfährigkeit des Herrschers und seiner Umgebung gegenüber England und Russland. Im Lauf des 18. Jahrhunderts hatten sich zahlreiche hochrangige Geistliche an den heiligen Stätten der Schiiten im osmanisch beherrschten Irak niedergelassen. Unter den frühen Qadscharen waren sie mit großen Ländereien und finanziellen Privilegien in Persien ausgestattet worden. Dies sowie die Tatsache, dass sie außerhalb des iranischen Machtbereichs lebten, verlieh den führenden ulama ein hohes Maß an Autonomie gegenüber dem Herrscher in Teheran. Da sie das Bildungswesen und die Justiz weitgehend beherrschten, bekämpften sie jede Reform, die ihren Einfluss darauf zu schmälern drohte. Gleichzeitig aber konnten sie, die den ständigen Zuwachs des Einflusses des Westens fürchteten, zu einflussreichen Gegnern der Konzessionspolitik des Schahs und seiner Unterwürfigkeit gegenüber ausländischen Mächten werden. Nicht wenige unter ihnen stammten aus bürgerlichen und kleinbürgerlichen Familien und unterhielten enge Verbindungen zu den städtischen Basaren und Gilden. Auf diese Weise wurden sie zu Wortführern der städtischen Bevölkerung, die sich durch den wachsenden Einfluss des Westens auf den Handel und im Bankensektor in ihrer Stellung bedroht fühlten. Sie stellten also eine nationale Kraft dar, wenn es darum ging, westlichen Vorstößen entgegen zu treten, wirkten aber zugleich reaktionär gegen alle Reformmaßnahmen, die ihre eigene Position gefährden konnten. Im Kampf gegen die Tabakkonzession ( S. 69) war die erstere Dimension hervorgetreten. In der heraufziehenden Revolution sollte die Ambivalenz ihrer politischen und gesellschaftlichen Rolle den Gang der Ereignisse mitbestimmen. Dies wiederholte sich später im Zusammenhang der Ablösung der Qadscharen durch die Pahlavi-Dynastie (1925) und der Frage nach der politischen Ordnung in Iran nach dem Sturz des zweiten Pahlavi-Schahs (1979).

Muzaffar ad-Din wollte sich europäischen Einflüssen nicht entgegenstellen. Zu weit hatte sich ihnen das Land bereits unter seinem Vater – wenn auch weniger umfassend als Ägypten und das Osmanische Reich – geöffnet. Neuerungen hatten sich in den Künsten gezeigt; wissenschaftliche und literarische Publikationen waren aus europäischen Sprachen übersetzt worden. Europäische Missionsgesellschaften hatten Schulen und Kliniken gegründet. Muzaffar ad-Din setzte diesen Kurs fort: Europäisch ausgerichtete höhere Bildungseinrichtungen, nach osmanischem Vorbild Ruschdiyye genannt, wurden eröffnet. Zum Verhängnis wurde ihm seine Finanzpolitik. Um seine drei zwischen 1900 und 1905 unternommenen extrem aufwendigen Auslandsreisen zu finanzieren, sah sich Großwesir Amin as-Sultan gezwungen, mehrere Anleihen in Russland aufzunehmen. Sie waren mit strikten, weithin als erniedrigend empfundenen Auflagen verbunden, die nicht zuletzt auch darauf gerichtet waren, den Einfluss Englands in Iran zurück zu drängen. 1902 wurde ein neues Zollabkommen unterzeichnet, das für wichtige russische Güter einen Vorzugszoll vorsah, der noch unter dem ohnehin schon geringen gängigen fünfprozentigen Wertzoll lag. Bereits 1898 war eine Kommission berufen worden, die sicherstellen sollte, dass auch über die Zolleinnahmen die Bedienung der Anleihen an Russland garantiert sein würde. Sie bestand aus belgischen Staatsbürgern, geleitet von Joseph Naus. Das Wirken der Naus-Kommission – Naus war zugleich Minister für Finanzen und Postwesen – wurde mit den Jahren ein immer größer werdender Stein des Anstoßes. Das Argument, der Schah finanziere sein privates Vergnügen aus öffentlichen Mitteln und habe die Staatseinnahmen an das Ausland verpfändet, hatte mobilisierende Wirkung. Oppositionelle Geheimgesellschaften verbreiteten zündende Pamphlete. Eine neue Koalition zwischen führenden Köpfen der ulama, Angehörigen des Hofes und weltlichen Progressiven konzentrierte ihre Polemik auf den Großwesir Amin as-Sultan, der 1903 zurücktreten musste. Als »Häretiker« verkaufe er das Land an die Ungläubigen, lautete der gegen ihn erhobene Vorwurf. Inmitten dieser Unruhe zog auch England, das seinerseits an der Schwächung des russischen Einflusses interessiert war, seine Fäden. Die Proteste unter der Elite wurden durch soziale Spannungen verschärft. In Maschhad, Isfahan, Kerman, Yazd und an anderen Orten kam es zu Protesten einer verarmenden Landbevölkerung gegen das Horten von Getreide und steigende Preise.

Ein Vorfall von relativ geringfügiger Bedeutung wurde zum Ausgangspunkt, an dem sich die angespannte und konfliktgeladene Stimmung zu einer breiten Protestbewegung entlud, die schließlich zur Einrichtung eines Parlaments und zur Verabschiedung einer Verfassung führen sollte. Auf Anordnung des Gouverneurs von Teheran wurden zwei Kaufleute unter dem Vorwurf, Zucker zu überhöhten Preisen zu verkaufen, der Bastonade (d. h. Stockschlägen auf die Fußsohlen) unterzogen. Die Antwort darauf war die Schließung des Basars. Am 14. Dezember 1905 formierte sich ein Protestmarsch aus Kaufleuten und Geistlichen, dem sich weitere Bürger anschlossen. Ihr Ziel: das Heiligtum von Schah Abd al-Azim in Ray, wo sie Asyl suchten (pers. bast). Zwei Geistliche waren die prominentesten Führer: Ayatollah Abdullah Mudschtahid Behbahani und Ayatollah Seyyid Muhammad Tabataba’i. Gefordert wurden die Einrichtung eines »Hauses der Gerechtigkeit« (adaletkhane), die Absetzung des Gouverneurs von Teheran und die Entlassung Naus.

Beeindruckt von den Streiks und der breiten Unterstützung durch die Bevölkerung, machte der Schah Zugeständnisse, doch in den ersten Monaten des Jahres 1906 geschah wenig. Im Juli nahmen die Entwicklungen eine blutige Wende: Nach dem Tod eines jungen Demonstranten kam es bei einem Protestzug zu Zusammenstößen mit Sicherheitskräften, bei denen etwa 70 Menschen getötet wurden. Eine doppelte Bewegung kam ins Rollen: Angeführt von Ayatollah Behbahani wandten sich die einen in Richtung auf Qum, wo sich eines der bedeutendsten schiitischen Heiligtümer in Iran befindet. Auf dem etwa 100 km weiten Weg schlossen sich ihnen mehrere tausend Menschen an. Zeitgleich suchten in Teheran vom 17. Juli an Protestierende bast (Asyl) auf dem Gelände der britischen Botschaft. Bis Anfang August wuchs diese Gruppe von 14 Kaufleuten auf über 13 000 Personen unterschiedlichen Standes und Berufes an. In den größeren Städten wurden die Basare geschlossen.

Nur zögerlich war der Schah bereit, den Forderungen der Demonstranten nachzugeben. Als er Wahlen zu einem Parlament versprach, beendeten diese ihre Proteste in Qum und in Teheran. Am 6. Oktober 1906 wurde die konstituierende Sitzung des Parlaments (dessen Mitglieder sich freilich auf Teheran, Täbris und ein paar andere Großstädte beschränkten) abgehalten.

Diesem ersten Erfolg folgte der zweite, denn jetzt ging es tatsächlich um die Ausarbeitung einer Verfassung (maschruteh), in der die Rechte und Pflichten der Abgeordneten, die Prozeduren der Gesetzgebung sowie die Geschäftsführung des Parlaments und des noch einzurichtenden Senats festgelegt werden sollten. Wenige Tage vor seinem Tod unterzeichnete Muzaffar ad-Din Schah am 30. Dezember 1906 ein Grundgesetz mit 51 Artikeln. Im Wesentlichen folgte es europäischen Vorbildern – der belgischen, bulgarischen und der russischen Verfassung von 1906. Sie sah zwei Kammern vor: Beim Unterhaus (madschlis) lag das Recht auf Gesetzesinitiative und auf Billigung des Haushalts sowie der internationalen Verträge, Anleihen und Konzessionen; außerdem ein eingeschränktes Recht, einzelne Minister einzubestellen. Der Senat, zur einen Hälfte vom Schah berufen, zur anderen gewählt, würde die Gesetze ratifizieren. Unter den Bürgerrechten waren die Meinungs- und Pressefreiheit sowie die rechtstaatliche Behandlung aller Bürger garantiert. (Rechte von Frauen und religiösen Minderheiten fanden keine Erwähnung.)

Am 7. Januar 1907 verstarb der Schah. Sein Sohn und Nachfolger, Muhammad Ali Schah (geb. 1872), ließ von Beginn an keinen Zweifel daran, dass er bemüht sein würde, die Uhr zurückzudrehen. Dass er die Mitglieder des Parlaments nicht zu seiner Krönungsfeier einlud, war eine Kampfansage. Zunächst freilich zeigte er sich kompromissbereit. Dabei kam ihm eine Verwerfung innerhalb der Verfassungsbewegung zupass, die sich als folgenreich herausstellen sollte: zwischen dem säkular-liberalen Flügel, der eine Verfassung nach europäischem Vorbild anstrebte – sie


Abb. 7: Hart erkämpft. Abgeordnete des ersten iranischen Parlaments (madschlis) in Teheran, 1906.

würde die persische Bezeichnung maschruteh tragen –, und dem religiös-konservativen Establishment (welches der Schah unterstützte), das eine religiös geprägte Verfassung auf der Grundlage des islamischen Rechts (schari’a) anstrebte – ein Projekt, dessen persische Bezeichnung maschru’e sein würde. Jetzt zeigte sich, dass die Unterstützung der Verfassungsbewegung durch die Geistlichkeit mehr dem Protest gegen die Einmischung auswärtiger Mächte als dem Wunsch auf Einhegung der autokratischen Machtausübung des Schahs entsprungen war. Nach heftigen und zum Teil gewalttätigen Auseinandersetzungen in der Öffentlichkeit nahm das Parlament am 7. Oktober neben der Verfassung eine Ergänzung von 107 Artikeln an. Neben der Aufzählung der Grundrechte der Bevölkerung der iranischen Nation, der Gewaltenteilung sowie der Feststellung der Rechte der Abgeordneten, des Monarchen und der Minister war in ihr auch das Recht der Geistlichkeit festgeschrieben, alle Gesetzesvorlagen auf ihre Vereinbarkeit mit dem islamischen Recht zu prüfen.

Am 11. November 1907 schwor Muhammad Ali Schah im Parlament auf die Verfassung. In Wirklichkeit aber tat er alles, sie wieder außer Kraft zu setzen. Der Konflikt zwischen Anhängern und Gegnern wurde auf die Straße getragen und in Teheran und Täbris kam es zu blutigen Zusammenstößen. Die Abgeordneten dachten nicht daran aufzugeben. Nun setzte der Schah auf die Kosakenbrigade, seine festeste militärische Stütze. Am 23. Juni 1908 begann der Beschuss des Parlaments; die Abgeordneten mussten das Gebäude verlassen. Einige ihrer führenden Persönlichkeiten wurden hingerichtet; die konstitutionelle Epoche schien an ihr Ende gekommen. Am 22. November erklärte der Schah, dass ein Parlament grundsätzlich gegen das islamische Gesetz verstoße.

Schon vor den Ereignissen in der Hauptstadt hatte der Schah begonnen, die Flamme der Revolution außerhalb Teherans auszutreten. Das galt vor allem für das aserbaidschanische Täbris. Seit langem war die Stadt ein Zentrum der Verbreitung moderner Ideen. Ihre politische und geistige Elite stand in engem Kontakt mir den aufmüpfigen Köpfen im vom Zaren beherrschten südlichen Kaukasus, namentlich in Tiflis, damals das multiethnische und multikulturelle Zentrum dieser Region. Diese einheimische Elite wiederum stand mit russischen Intellektuellen und Oppositionellen in Verbindung. Vor diesem Hintergrund hatte die konstitutionelle Bewegung in Täbris eine besonders engagierte und hartnäckige Anhängerschaft. Oppositionelle Vereinigungen (andschuman) waren bereits gegen Ende des Jahrhunderts entstanden. Und früh schon waren auch Vorkehrungen getroffen worden, den reaktionären Bestrebungen gegebenenfalls bewaffneten Widerstand entgegenzusetzen.

Der Angriff der Zentralmacht erfolgte Anfang Juli 1908. Monatelang dauerten die Kämpfe mit wechselndem Kriegsglück. Russland unterstützte militärisch die konterrevolutionären Kräfte und hatte zeitweise Teile von Täbris unter Kontrolle. Dort wurde heftiger Widerstand geleistet; dabei taten sich nicht zuletzt Angehörige der unteren Schichten der Bevölkerung hervor. Anfang Oktober befand sich die Stadt wieder vollständig unter der Kontrolle der Konstitutionalisten. Durch den heldenhaften Widerstand beeindruckt setzte sich ein Marsch der Unterstützer der Verfassung aus den nördlichen und nordwestlichen Teilen des Landes auf Teheran in Bewegung. Von Süden marschierte eine aus dem Stamm der Bakhtiari rekrutierte Truppe nach Norden. Am 13. Juli 1909 zogen die vereinigten konstitutionellen Streitkräfte in Teheran ein; der Schah suchte in der russischen Botschaft Zuflucht. Ein aus der Mitte der Konstitutionalisten gebildeter Hoher Rat erklärte dessen Absetzung; zu seinem Nachfolger wurde sein zwölf Jahre alter Sohn Ahmad (1897–1930) ernannt, für den bis zu seiner Volljährigkeit ein Regent die Geschäfte führen würde. Muhammad Ali Schah begab sich nach Odessa ins Exil. Während die Revolutionäre gegenüber dem Schah und seiner Entourage Milde walten ließen, traf es andere hart: So wurde Ayatollah Fazlollah Nuri (1843–1909), die geistliche Speerspitze der Gegner der maschruteh, gehängt. Im Oktober fanden die Wahlen zum zweiten Parlament statt, das sich am 15. November konstituierte.

Damit schien sich die konstitutionelle Bewegung durchgesetzt zu haben. Dass gleichwohl die kommenden Jahre einen streckenweise chaotischen Verlauf nehmen sollten, hatte eine Reihe von Gründen. Auf die ambivalente Rolle der Geistlichen ist bereits hingewiesen worden. Ein tiefer Graben trennte auch die Liberalen und Säkularen unter den Anhängern der Verfassungsbewegung. Ein konservativer Flügel sah mit der Verfassung das Ziel der Bewegung erfüllt; ihm gehörten Mitglieder der herrschenden Familie, hohe Funktionäre in den politischen Institutionen, ein Teil der Kaufmannschaft und die Großgrundbesitzer an. Andere hatten sich sehr viel weiterreichende Ziele der politischen und gesellschaftlichen Umgestaltung gesetzt. Zwar waren diejenigen eine Minderheit, die auf die Abschaffung der Monarchie hinarbeiteten, aber eine starke Gruppe – erwachsend aus einem Mittelstand von Beamten, Lehrern, Übersetzern, Schriftstellern und Intellektuellen, Ärzten, Kaufleuten und Handwerkern – suchte soziale Reformen, darunter nicht zuletzt die Reform der Besitzverhältnisse auf dem Land, die Einführung eines europäischen Bildungssystems und die Verdrängung der Religion aus dem öffentlichen Raum. Die Gegensätze zwischen der Demokratischen Partei (Hizb-e dimukrat) und der Moderaten Partei (Hizb-e i’tidal) legten nicht nur die Arbeit des Parlaments lahm; sie boten auch England und Russland Ansatzpunkte zu einer nahezu ständigen Einmischung.

In welchem Ausmaß Persien zu deren Spielball geworden war, hatte sich 1907 gezeigt. Besorgt über die immer selbstbewusster ausgreifende Politik Deutschlands, die ausgehend von seiner starken politischen, militärischen und wirtschaftlichen Stellung im Osmanischen Reich auch an den Persischen Golf vorzudrängen schien, hatten beide Mächte im Vertrag von St. Petersburg ihre Einflusszonen in Zentralasien, Afghanistan und Persien festgelegt. In dem Abkommen vom 31. August 1907 war Persien in eine russische, britische und eine neutrale Zone aufgeteilt worden: Die russische Zone umfasste das Gebiet nördlich der Linie Kermanschah–Yazd–Sarakhs; die britische den südöstlichen Teil des Landes. Alle persischen Zölle der russischen Zone würden an die zuvor als Zweigstelle der russischen Staatsbank in Teheran gegründete Banque d’Escompte et des Prêts de Perse abzuführen sein und für die Bedienung der Darlehen, die Russland dem Schah gewährt hatte, zur Verfügung stehen. Im Gegenzug sollten alle Zölle der Provinz Fars und der persischen Golfprovinzen sowie sämtliche Einnahmen aus der Fischerei im Persischen Golf wie im Kaspischen Meer und die Einnahmen des Post- und Telegraphenwesens der in Teheran zuvor gegründeten britischen Imperial Bank of Persia zur Bedienung der englischen Darlehen zugeführt werden. Vertreter Persiens selbst waren bei der Konferenz nicht anwesend gewesen; die Regierung in Teheran war am 16. September über den Inhalt des Vertrages informiert worden. Das hatte heftige Proteste in der Öffentlichkeit ausgelöst.

Der Vertrag war nicht nur die Grundlage der nachfolgenden russischen und englischen Einflussnahme in Persien. Am 26. Mai 1908 war die britische Burmah Oil auf dem Boden der Konzession von William Knox d’Arcy in Masdschid-e Sulaiman auf Öl gestoßen. Um es zu fördern, zu verarbeiten und zu vermarkten, war im April 1909 die Anglo-Persian Oil Company gegründet worden. Angesichts der rasch wachsenden Bedeutung des Öls, nicht zuletzt für die militärische Verwendung, hatten die Briten – wie die Russen auf ihre Weise – ein überwältigendes Interesse an der vollständigen Kontrolle ihrer Einflusszone. Nach dem Scheitern der Konterrevolution verblieben russische Truppen weiterhin in Teilen des Nordens. Auch unterstützte Russland den in der 2. Hälfte des Jahres 1911 unternommenen Versuch des vertriebenen Schahs Muhammad Ali, sich gestützt auf eine turkmenische Truppe auf den Thron zurück zu putschen. Er scheiterte im Oktober am entschlossenen Widerstand einer kleinen Truppe, die von Yeprem Khan Davidian, dem Polizeichef Teherans, befehligt wurde. Mit dem Argument, die unsichere Lage im Süden mache es notwendig, mit eigenen Kräften für Ruhe und Ordnung zu sorgen, hatte England seinerseits ein Jahr zuvor, im Oktober 1910, Schiraz (das nicht in der britisch kontrollierten Zone lag) besetzt.

Unter diesen Voraussetzungen war es der konstitutionellen Regierung nahezu unmöglich, den Aufbau einer funktionierenden Verwaltung voran zu treiben. Dies umso weniger, als London und St. Petersburg beständig bemüht waren, der Stärkung der Position der jeweils anderen Seite in Teheran entgegen zu arbeiten. Das bedeutete insbesondere, sich gegenseitig bei der Gewährung von Darlehen zu blockieren. All das geschah auf dem Rücken der iranischen Regierung, die ohne eine finanzielle Grundlage handlungsunfähig war. In ihrer Not wandte sich diese an die USA. Von dort erhielt sie zwar keine unmittelbare finanzielle Unterstützung, aber immerhin die Zusage, einen fähigen Finanzbeamten nach Persien zu entsenden, der sie beraten würde, ein funktionierendes Steuersystem aufzubauen. Im Frühjahr 1911 traf der US-Amerikaner Morgan Shuster (1877–1960) in Teheran ein. Er sollte das Amt des Schatzkanzlers für drei Jahre übernehmen. Am 13. Juli 1911 verabschiedete das Parlament ein von ihm entworfenes Finanzgesetz, wonach sämtliche staatliche Einnahmen und Ausgaben vom Schatzkanzleramt zentral verwaltet würden. In kurzer Zeit erreichte er eine Neuordnung der Staatsfinanzen.

Es versteht sich fast von selbst, dass diese Wendung der Dinge den Interessen Englands und Russlands auf persischem Boden diametral entgegenlief. St. Petersburg, das sich besonders herausgefordert sah, ergriff die Initiative, Shuster zu Fall zu bringen. Am Ende wurde dies durch den Einsatz militärischer Mittel erreicht. Im November 1911 rückten russische Truppen von Bandar Anzali aus Richtung Teheran vor. Ein russisches Ultimatum, Shuster bis zum 24. Dezember zu entlassen, wies das Parlament zurück. Gegen den Willen des Parlaments verfügte jedoch der Regent am 11. Dezember Shusters Entlassung. Am 20. Dezember löste sich das Parlament selbst auf. Erst im Juni 1914 sollte ein neues Parlament gewählt werden.

Russland, das sich jetzt einem verbreiteten Widerstand gegenübersah, ging daran, das konstitutionelle Pflänzchen mit der Wurzel auszureißen. Täbris und Maschhad, Zentren des Widerstands, wurden Schauplätze russischer Aggression. Am 30. März 1912 erfuhr sie ihren Höhepunkt: Der Schrein des Imam Reza in Maschhad, einer der heiligsten Plätze der Schiiten, wurde bombardiert. Bei dem gleichzeitigen Vorgehen gegen Demonstranten fanden mehr als 500 Menschen den Tod. Dieses Ereignis hat sich tief in das kollektive Gedächtnis der Iraner eingegraben. Auch im Süden des Landes gab es Widerstand – in diesem Fall gegen die britische Besatzung. Er beschränkte sich aber auf den Boykott englischer Produkte.

Sechs Jahre nach ihrem Beginn schien die Verfassungsrevolution an ihr Ende gekommen. Als positives Vermächtnis dieser bewegten Jahre ist zu konstatieren, dass dem politischen ein geistiger Aufbruch einhergegangen war. Auch er hatte seine Ursprünge in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und er hat sich durch das 20. Jahrhundert zu einem breiten Strom verstärkt. Dabei sollte freilich die Ambivalenz der Erfahrungen mit Europa nachwirken, hatte man doch auf europäische Vorbilder gesetzt und war gleichwohl auf einen so entschlossenen Widerstand europäischer Mächte gestoßen, liberale Werte in die Praxis umzusetzen. Während die einen den Weg der Modernisierung, verstanden als Verwestlichung und Europäisierung, fortzusetzen entschlossen waren, machten sich andere auf die Suche nach einem eigenen Weg, der der Wahrung von Tradition und Religion größeres Gewicht geben würde. In der Revolution von 1978/79 sollte diese Spannung wieder aufscheinen.

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs sah Iran in einem Zustand extremer Schwäche. Die Regierung in Teheran war handlungsunfähig, das Parlament zerrissen zwischen Angehörigen widerstreitender politischer, gesellschaftlicher und weltanschaulicher Kräfte. Teile des Landes wurden von England und Russland unmittelbar kontrolliert; zugleich mischten sich diese, über ihre Parteigänger miteinander rivalisierend, in die inneren Angelegenheiten des Landes ein.

5.2 Sonnenuntergang oder Morgenröte? – Die »Jungtürken« an der Macht

In Russland (1905/06) und in Iran (1906) hatten konstitutionelle Kräfte der autokratischen Machtausübung ihrer Monarchen Grenzen zu setzen gesucht. Noch hatten die herrschenden Dynastien überlebt. In der Perspektive des sich anschließenden Jahrhunderts aber bedeutete das Jahr 1906 für beide Länder eine Zäsur.

Auch der Sultan in Konstantinopel konnte sich den Zeichen der Zeit nicht entgegenstellen. Mit der Schließung des Parlaments in Konstantinopel (1878) war eine »bleierne Zeit« eingeleitet worden; alle Regungen von Opposition im Lande wurden unterdrückt. Liberale politische und geistige Kräfte konnten sich nur als Geheimzellen organisieren oder im Ausland überleben und von dort aus ins Reich hineinwirken. Im Jahr 1889 fand sich an der militärmedizinischen Akademie in Istanbul unter der Bezeichnung Gesellschaft für Osmanische Einheit (Ittihad-i Osmani Cemiyeti) eine als Geheimzelle organisierte Oppositionsgruppe zusammen. Anders als im Falle vorangegangener Reform- und Putschversuche, die von Offizieren bzw. Geistlichen (ulema) getragen waren, gaben diesmal Studenten den Ton an. Bald fanden sie an anderen Militärschulen Nachahmer. Unter der Bezeichnung »Jungtürken« sollten in den kommenden Jahren höchst unterschiedliche Gruppen und Denkrichtungen zusammengefasst werden, die gegen das Regime von Abdülhamit II. opponierten. Unter dessen Druck sahen sich nicht wenige unter ihnen gezwungen, das Land zu verlassen. In Paris trafen sie auf dort lebende Exilanten; zusammen gründeten sie das – zunächst bescheidene – Komitee für Einheit und Fortschritt (Ittihat ve Terakki Cemiyeti).In der in türkischer und französischer Sprache erscheinenden Zeitschrift Meşveret (»Beratung«) propagierten sie ab 1895 ihre zentralen Ziele: die Wiedereinsetzung der Verfassung und Wahlen zu einem neuen Parlament.

Nur langsam erholte sich die Bewegung von einem gescheiterten Putschversuch 1896, doch gelang es trotz der Wachsamkeit der Spitzel des Sultans, die Aktivitäten im Lande zu verstärken. Die Bewegung spaltete sich jetzt in zwei programmatisch unterschiedliche Flügel: in einen zentralistisch-säkularen und einen eher liberal-pluralistischen. Ein Kongress in Paris 1902 ließ diese Spaltung zutage treten. Der Führer der Liberalen, Prinz Sabahettin (1879–1948), der osmanischen Familie entstammend, gründete 1906 die Gesellschaft für Private Initiative und Dezentralisierung (Teşebbüs-ü Şahsi ve Adem-i Merkeziyet Cemiyeti). Führer des zentralistischen Flügels der Bewegung war demgegenüber Ahmet Rıza (1858–1930), bis zu seinem Gang ins Exil Beamter in der osmanischen Verwaltung. Er stand mit der Osmanischen Freiheitsgesellschaft (Osmanlı Hürriyet Cemiyeti) in Verbindung, die 1906 von Bürokraten und Offizieren in Salonika (heute Thessaloniki) gegründet wurde. Eine aktive Rolle spielte hierbei Mehmet Talat, Beamter am dortigen Post- und Telegraphenamt. Ein zweiter »Jungtürken-Kongress« führte 1907 noch einmal die wichtigsten Exilvertreter zusammen. In einer gemeinsamen Erklärung forderten sie den Sturz des Sultans, die Wiedereinsetzung der Verfassung und die Öffnung beider Kammern des Parlaments.

Die Initiative zu handeln aber war zu diesem Zeitpunkt bereits auf Offiziere der im europäischen Teil des Reichs stationierten Dritten (Makedonischen) und Zweiten (Thrakischen) Armee übergegangen, die dem Komitee für Einheit und Fortschritt verbunden waren. Im Mai 1908 brachten sie den ausländischen Konsulaten in Salonika gegen den Sultan gerichtete Flugschriften zur Kenntnis. Das Treffen des Zaren Nikolaus II. mit dem englischen König Edward VII. in Reval (heute Talinn) im Juni beschleunigte die Aktion des Militärs, weil man weitere Aufteilungspläne durch die europäischen Mächte fürchtete. Kurz darauf kam es zur offenen Meuterei in Makedonien. In der Dritten Armee schloss sich eine Einheit nach der anderen den jungen Offizieren an. Der Sultan reagierte mit der Entsendung von in Kleinasien stationierten Truppen zur Niederschlagung des Aufstands; dies erwies sich als Fehlschlag. Albanische Truppenteile, in der Vergangenheit eine solide Unterstützung des Regimes in Konstantinopel, versagten die Gefolgschaft. Am 24. Juli erklärte Abdülhamit II. unter dem Druck der Aufständischen die Suspendierung der Verfassung für beendet.

Erste Reaktionen darauf waren überwältigende Erleichterung und offen ausgetragener Jubel auf den Straßen Konstantinopels. Das »bleierne Zeitalter« schien beendet. Der Weg zu einem neuen Miteinander der verschiedenen Völker und Religionen auf der Grundlage der Verfassung und im Rahmen eines Parlaments, in dem alle wesentlichen (männlichen) Gruppen der Gesellschaft vertreten sein würden, schien geöffnet.

Das neu gewählte Parlament hatte 288 Sitze. In der ersten vierjährigen Legislaturperiode waren Türken (147), Araber (60), Albaner (27), Griechen (26), Armenier (14), Juden (4) und Slawen (vor allem Bulgaren) vertreten. Fast alle Abgeordneten standen dem Komitee nahe. Die einzige Gruppierung, die sich daneben noch zu behaupten und in Erscheinung zu treten vermochte, war die von Prinz Sabahettin gegründete Partei der Osmanischen Liberalen (Osmanlı Ahrar Fırkası). Sie gewann nur einen Sitz. Die überwältigende Mehrheit im Parlament kontrollierte in der Folgezeit die Regierung. Jenseits aber dieser politischen Dominanz von Ittihat ve Terakki war ein hohes Maß an Freiheit und Vielfalt der Meinungsäußerung gegeben; es kam zu einem geradezu explosionsartigen Erscheinen gedruckter Publikationen jeglicher couleur. Das soeben noch erstarrte Reich erschien von neuem vielfältigem Leben erfüllt.

Die Aufbruchsstimmung ließ verkennen, dass die neue Ordnung doch auf recht tönernen Füßen stand. Von Beginn an sollte die alleinige Machtausübung durch das Komitee und seinen säkular-zentralistischen Flügel einen Schatten auf die Zustimmung zu der Revolution werfen. Die liberalen Elemente unter den Jungtürkenfühlten sich marginalisiert. Auch waren die überkommenen politischen Kräfte und Machtstrukturen nicht überwunden. Der Sultan war nicht nur weiterhin an der Macht. Es gelang ihm auch, die Wiedereinsetzung der Verfassung als eine Gnade seinerseits gegenüber dem Volk der Osmanen darzustellen – mithin hatte er sich also eine gewisse Popularität bewahren können. Breite Kreise unter den Religiösen schließlich – insbesondere unter dem niederen Klerus – machten Stimmung gegen die »unislamischen« Freiheiten unter dem neuen Regime, darunter nicht zuletzt das freizügigere Erscheinungsbild der Frauen in der Öffentlichkeit.

Gleichwohl bedeutete der Putschversuch vom 12. April 1909 eine Überraschung. Mit der Forderung der Rückkehr zum Islam und zur Schari’a und begleitet von Softas (Studenten an den traditionellen Medresen, den religiösen Schulen) marschierten dem Sultan ergebene Truppenteile zum Parlament. Zu ihren Forderungen gehörten auch die Entlassung des Großwesirs und anderer Mitglieder des Kabinetts sowie der Rücktritt des dem Komitee nahestehenden Parlamentspräsidenten (Ahmet Rıza). Darüber hinaus kam es zu Übergriffen gegen dem Komitee nahestehende Personen. Nach anfänglichen Erfolgen und – geringfügigen – Konzessionen seitens des Sultans wurde der Aufstand am 24. April niedergeschlagen. Eine aus Teilen der Dritten Armee und Freiwilligenverbänden zusammengesetzte Truppe, als »Aktionsarmee« (Hareket ordusu) deklariert, besetzte Istanbul, ohne auf nachhaltigen Widerstand zu stoßen. Drei Tage später beschlossen beide Kammern des Parlaments die Absetzung Abdülhamits. Es ist zweifelhaft, dass er wirklich die treibende Kraft hinter der Restauration gewesen ist. Größer war wohl der Anteil der Ahrar, eben jener durch das Komitee für Einheit und Fortschritt machtpolitisch marginalisierten liberalen Elemente unter den Jungtürken. Dem abgesetzten Sultan folgte sein jüngerer Bruder Mehmet V. Reşat (1844–1918). Unter ihm sollte das Sultanat nur noch ein Schatten seiner selbst sein.

Der Versuch der Restauration hatte die noch immer gegebene breite Unterstützung für die Opposition und mithin eine Schwäche hervortreten lassen, die die Herrschaft des an der Macht befindlichen Flügels des jungtürkischen Regimes gefährden konnte; er blieb auch in der Folgezeit eine traumatische Erfahrung. Folgerichtig lag die faktische Macht in den kommenden Jahren in der Hand der Armee, namentlich ihres charismatischen Generalstabschefs, Mahmud Şevket Pascha (1856–1913). Auf der anderen Seite gestattete es die nunmehr gegebene Stabilität, die Reformen zu verwirklichen, die das Komitee für unverzichtbar hielt, um das Überleben des Reichs zu sichern. Im Zentrum einer im August 1909 durchgeführten Verfassungsreform stand die Neuverteilung der Macht zwischen dem Parlament und der Regierung. Dem Sultan blieb nur noch das Recht, den Großwesir und den Şeyhülislam (die höchste religiöse Autorität) zu berufen. Die Auflösung des Parlaments wurde an Bedingungen geknüpft; die Gesetzgebung lag ausschließlich ebenso bei diesem wie die Ratifizierung von Verträgen. Die Ausgaben für den Hof wurden um zwei Drittel gekürzt. Die Zentralregierung wurde gestärkt – freilich auf Kosten individueller und kollektiver Freiheiten wie des Vereins- und Versammlungsrechts, des Streik- und Presserechts.

Nach ihrer Unterdrückung im Zuge der Wiederherstellung der Macht des Komitees im April 1909 erholte sich die Opposition relativ rasch. Bis 1911 entstanden eine Reihe neuer Parteien. Vor dem Hintergrund des Beginns der italienischen Besetzung Libyens vereinigten sich diverse oppositionelle Gruppierungen im November in der Partei für Frieden und Verständigung (Hürriyet ve Itilaf Fırkası). Durch nichts anderes geeint als die gemeinsame Gegnerschaft zum Komitee, gelang es ihr, in einer Nachwahl in Istanbul dessen Kandidaten zu schlagen. Das Komitee erzwang nun die Auflösung des Parlaments. Die Neuwahlen im Frühjahr 1912 sind unter der Bezeichnung sopalı seςim, die »Wahl mit dem Stock«, in die Geschichte eingegangen: Angesichts von Einschüchterung und Manipulation seitens der Regierung vermochte nur eine Handvoll Kandidaten der Opposition, einen Sitz zu erringen. Der anschließende Machtkampf zwischen dem Komitee, dem Parlament, der Regierung, der Opposition und dem Militär sollte schließlich im Herbst 1912 mit dem Ausbruch des »Balkankrieges«, der schlimmsten außenpolitischen Katastrophe seit 1876, sein Ende finden.

In einem kritischen Moment seiner Existenz war das Reich wieder einmal Opfer einer neuerlichen Aggression von außen – diesmal vonseiten seiner Nachbarn, hinter denen aber die Interessen europäischer Mächte unübersehbar waren. Als sich die Jungtürken 1908 daran gemacht hatten, die Wiedereinsetzung der Verfassung zu erzwingen, waren sie auch von der Erwartung geleitet, dem Regime in Konstantinopel eine neue Legitimation und die Anerkennung seitens der liberalen Staaten Westeuropas zu verschaffen. England war ihr politisches Vorbild. So mussten sie mit Enttäuschung konstatieren, dass London nicht seine Stimme erhob, als Österreich-Ungarn im Jahr der jungtürkischen Revolution Bosnien-Herzegowina (das bereits seit 1878 unter der Verwaltung Habsburgs gestanden hatte) annektierte. Enttäuschend war auch, dass die ethnischen Unruhen unter den – noch – osmanischen Völkern auf dem Balkan anhielten, waren die führenden Persönlichkeiten des Ittihat ve Terakki doch überzeugt, im Namen aller osmanischen Völker gehandelt zu haben. Besonders schockierend waren die Aufstände der Albaner 1910 bis 1912; Angehörige dieser Volksgruppe hatten in der osmanischen Geschichte bis in die jüngste Zeit herausragende Funktionen innegehabt. Seit 1904 schließlich befand sich der Jemen im Aufstand, der erst 1911 beendet werden konnte.

Die europäischen Mächte ließen keineswegs erkennen, dass sie von der jungtürkischen Intervention beeindruckt gewesen wären. Rücksichtslos spielten sie das Spiel des 19. Jahrhunderts fort, sich am Territorium des Reichs schadlos zu halten, wenn die Mächtekonstellation es gestattete. Vergeblich hatten die Sultane Reformmaßnahmen durchgeführt, um in europäischen Hauptstädten Anerkennung zu finden und eine stabile Neuordnung der Mächtekonstellation zu befördern. Diesmal ging es darum, Ansprüche Italiens zu honorieren. Gegenüber der machtpolitischen Ausdehnung Englands, Frankreichs, Habsburgs und Russlands – im letzten Jahrzehnt aber auch des Deutschen Reichs – im Mittelmeerraum und auf dem Balkan fühlte sich Italien benachteiligt. Nun erhob Rom Ansprüche auf Tripolitanien (im heutigen Libyen), den letzten Teil des Südufers des Mittelmeers, der noch nicht von England und Frankreich beherrscht wurde.

1911 hatte sich Italien der Zustimmung Frankreichs, Englands und Russlands (aber auch der Neutralität Deutschlands und Österreichs) versichert, um seine Ansprüche zu verwirklichen. Am 28. September 1911 konfrontierte Rom die osmanische Regierung mit einem Ultimatum: Sie solle der Besetzung Tripolitaniens zustimmen, da dort italienische Bürger durch fanatische Muslime bedroht würden.


Abb. 8: Der Untergang des Osmanischen Reiches im 19. und 20. Jahrhundert.

Am nächsten Tag begann der italienische Überfall. Obwohl die osmanische Armee auf einen solchen Akt nicht vorbereitet war, gelang es, einen wirkungsvollen Widerstand zu organisieren. Daraufhin weiteten die Italiener die Kriegshandlungen aus und besetzten im Mai 1912 die Anatolien vorgelagerte Inselgruppe der Dodekanes. Nicht zuletzt angesichts einer neuerlichen Bedrohung auf dem Balkan sah sich die osmanische Regierung im Oktober 1912 gezwungen, Libyen und die Dodekanes Italien zu überlassen.

Die Regierungen der jungen Staaten auf dem Balkan waren ihrerseits entschlossen, die Osmanen vollständig von dort zu verdrängen. Wenn diesbezüglich Konsens bestand, war andererseits doch umstritten, in welcher Weise das Fell des Bären verteilt werden würde. Zwischen März 1911 und Oktober 1912 aber schien sich diesbezüglich zwischen Serbien, Bulgarien, Griechenland und Montenegro eine Übereinkunft abzuzeichnen. Am 2. Oktober stellten sie der Hohen Pforte ein Ultimatum: Gefordert wurden weitreichende Reformen in Mazedonien unter der Kontrolle auswärtiger Mächte. Diese erklärte sich zwar zu Reformen bereit, widersetzte sich aber dem Verlust an Souveränität. Am 8. Oktober erklärte Montenegro, gefolgt von den anderen, den Krieg. Die militärische Niederlage des Reichs war praktisch programmiert. Als Ergebnis einer nach London einberufenen Konferenz sollte das Reich alle europäischen Besitzungen bis auf Istanbul und die Meerengen verlieren. Ein unabhängiger albanischer Staat sollte entstehen, Edirne an Bulgarien fallen.

Das Ergebnis der Konferenz hatte schockartige Wirkung: Als die Nachricht davon nach Konstantinopel übermittelt wurde, kam es am 23. Januar 1913 zum Putsch seitens des Komitees der Jungtürken. Angesichts der Erniedrigung sollte es nun nicht mehr um die Herrschaft einer Partei, einer politischen Gruppierung oder des Parlaments gehen, vielmehr schrieben die Putschisten die Rettung der nationalen Ehre auf ihre Fahnen. Sechs Offiziere der Unionisten drangen in den Sitz der Regierung ein, wo gerade das Kabinett tagte. Dort erschossen sie den Kriegsminister und nahmen mehrere andere Regierungsmitglieder fest. Mahmud Şevket Pascha (1856–1913) wurde Großwesir und Kriegsminister.

Unmittelbar danach setzten die Balkanstaaten den Krieg fort. Wieder war das Kriegsglück den Osmanen nicht hold. Am 16. April wurde ein Waffenstillstand geschlossen. Der am 10. Juni geschlossene Vertrag sah den Verlust aller Gebiete nördlich und westlich einer Linie von Enoz an der Ägäis nach Midye am Schwarzen Meer vor. Das schloss auch Edirne, die frühe Hauptstadt des jungen Osmanischen Reichs, ein. Jetzt brach unter den Vieren (plus Rumänien, das an dem Krieg nicht teilgenommen hatte) der Streit über die Verteilung der territorialen Gewinne aus. Unterstützt vom Komitee nutzten junge Offiziere den chaotischen Streit, Edirne zurückzuerobern. Im Friedensvertrag von Konstantinopel (29. September 1913) musste sich Bulgarien bereit erklären, die Provinz Edirne zurückzugeben. In dieser militärischen Kampagne hatte sich ein charismatischer Offizier, Enver Pascha, besonders ausgezeichnet. Er sollte bis zum Ende des Reichs eine zentrale Rolle spielen.

Trotz dieses spektakulären Unternehmens – Edirne hatte als erste Hauptstadt des jungen Osmanischen Reichs einen besonderen Stellenwert im öffentlichen Bewusstsein – kann das Desaster der osmanischen Verluste in seiner politischen, wirtschaftlichen, menschlichen und kulturellen Dimension kaum überschätzt werden. Das Reich hatte fast alle seine europäischen Territorien – alles in allem über 60 000 Quadratmeilen mit ungefähr vier Millionen Bewohnern – verloren. Die Provinzen Makedonien, Albanien und Thrakien waren über 500 Jahre Teile des Reichs gewesen und sie gehörten zu seinen wohlhabendsten und am meisten entwickelten Provinzen. Ein unverhältnismäßig großer Teil der Elite hatte dort ihren Ursprung; Salonika war die Wiege des Komitees für Einheit und Fortschritt gewesen. Konstantinopel war von Flüchtlingen überschwemmt, die alles verloren hatten.

Mit dem Staatsstreich hatte das Komitee für Einheit und Fortschritt wieder die vollständige Kontrolle über die Lage im Inneren erlangt. Die Ermordung von Großwesir Mahmud Şevket Pascha am 15. Juni 1913 wurde der Auslöser einer heftigen Verfolgung der Opposition. Jetzt entstand das »Triumvirat«, das die Geschicke des Reichs bis zu seinem Untergang bestimmen sollte. Talat (1874–1921) trat als Innenminister in das Kabinett ein; nach wie vor verfügte er über beträchtlichen Einfluss im Komitee. Im Verlauf des Krieges sollte er die zentrale Persönlichkeit des politischen Geschehens werden. Enver (1881–1922), zweimal befördert, wurde General und Kriegsminister und übte in dieser Funktion die Kontrolle über die Armee aus. Dritter im Bunde war Cemal Pascha (1872–1922); als Militärgouverneur der Hauptstadt war er zugleich für die Politik der Regierung gegenüber den Minderheiten, namentlich den Arabern, verantwortlich.

Im Lichte der Geschichte des Reichs bis zum Ende des Ersten Weltkriegs ist offensichtlich, dass die Jungtürken es nicht vermocht haben, dieses auf eine neue Grundlage zu stellen, auf welcher es dauerhaft als stabiler Staat hätte fortbestehen können. Viel ist darüber diskutiert worden, wo die Ursachen dafür zu suchen sind. Nicht zuletzt liegen sie natürlich auch bei den handelnden Akteuren selbst: Die Richtungskämpfe unter ihnen und ihre Neigung zu autokratischer Machtausübung haben ihre Fähigkeit geschwächt, die auseinanderstrebenden Strömungen politischer und gesellschaftlicher sowie religiöser und kultureller Natur zu versöhnen und staatliche Institutionen zu schaffen, die allgemeine Anerkennung und Legitimität – gerade auch unter den nicht-türkischen und nicht-muslimischen Untertanen – hätten erfahren können. Unbestreitbar aber ist auch, dass auswärtigen Mächten ein hohes Maß an Verantwortung dafür zuzuschreiben ist. In gewisser Weise wiederholte sich das Szenario, das bereits im Zeitalter der Tanzimat sichtbar geworden war: Hatten die Reformen des Sultans das Wohlgefallen der europäischen Mächte erringen und so die Voraussetzungen schaffen sollen, das Osmanische Reich zu einem Mitglied des europäischen Konzerts der Mächte zu machen, so erwies sich das als eine Fehlkalkulation. Diese ließen vielmehr nicht ab, den territorialen Bestand des Reichs gemäß ihren Interessen aufzuteilen. Und eben dieses Szenario wiederholte sich auch nach 1908. Wieder standen weitreichende Reformen auf der Agenda. Angesichts der Aggressivität der Großmächte sowie der von ihnen abhängigen neu entstandenen regionalen Mächte kamen die führenden Personen innerhalb des Komitees für Einheit und Fortschritt bald zu der Überzeugung, dass das Reich nur mit harter Hand zusammenzuhalten sein würde. Damit aber vertieften sie die Verwerfungen, die sich in den Jahrzehnten der Herrschaft Abdülhamits II. aufgetan hatten. Der Erste Weltkrieg, in den Konstantinopel nur nach einigem Zögern eintrat, wurde zum Entscheidungskampf: Die Mächte der Entente verständigten sich auf die definitive Aufteilung des Reichs.

Mit der jungtürkischen Intervention 1908 war auch die Diskussion über die Identität des Reichs in einer Breite und Intensität angefacht worden wie nie zuvor. Zeitungen und Zeitschriften, deren Zahl in den letzten Jahren Sultan Abdülhamits auf kaum ein Dutzend geschrumpft war, vervielfältigten sich in dem Jahr nach seinem Sturz auf das dreißigfache. Die Jungtürken selbst – und mit ihnen andere nicht-türkische Völker des Reichs – sahen die Zukunft des gemeinsamen Zusammenlebens in »osmanischer« Perspektive, d. h. in einer Union, die die verschiedenen Gemeinschaften um den osmanischen Thron versammelte. Die (Pan-)Islamisten ihrerseits beschworen die Solidarität der islamischen umma (türk. ümmet). Aber für einen Augenblick schien dem Osmanismus die Zukunft zu gehören: Alle Untertanen, unabhängig von ihrem Glauben, ihrer Sprache oder ihrer ethnischen Zugehörigkeit würden im Rahmen einer konstitutionellen Ordnung loyale Bürger mit gleichen Rechten sein. Amtssprache im Parlament wäre das osmanische Türkisch.

Die Euphorie sollte indes nicht von langer Dauer sein: Spätestens der Ausbruch der Balkankriege und das unverhohlene Streben der nicht-türkischen und nicht-arabischen Völker nach dem Austritt aus dem Reich haben diesen Optimismus des Neubeginns fundamental erschüttert. Von nun an schien die Türkisierung der nicht-türkischen Untertanen die einzige Strategie, das Reich zusammen zu halten. Zugleich begann ein türkischer Nationalismus Platz zu greifen. Ein Bewusstsein von der Eigentümlichkeit der ethnischen Türken im Unterschied zu den Osmanen war erst in den letzten beiden Jahrzehnten der Herrschaft Abdülhamits II. entstanden. Man entdeckte gleichsam Anatolien als das Herzland der Türken und idealisierte die Kultur der türkischen Landbevölkerung. Seine volle und umfängliche Wirkung sollte der türkische Nationalismus nach dem Ende des Reichs entfalten ( S. 216). Diese Hinwendung zum Türkentum als der staatstragenden Ethnie war zeitweilig von einer panturkischen Perspektive begleitet. Angesichts des Bestrebens der nicht-türkischen Völker, das Reich zu verlassen, sollte die osmanische Herrschaft vonseiten der Turkvölker jenseits Anatoliens, namentlich im Kaukasus, im Wolga-Ural Gebiet, auf der Krim und in Zentralasien, eine neue Rechtfertigung erfahren. Der Traum von der Einheit der turksprachigen Völker unter osmanischer Flagge war geboren.

Die Machtübernahme durch das Triumvirat 1913 war nicht zuletzt auch mit dem Abfall bzw. den zentrifugalen Bestrebungen der nicht-türkischen Völker im Reich gerechtfertigt worden. Eine autokratische, alle ethnischen und religiösen Differenzen jenseits der türkisch-islamischen »Staatsideologie« unterdrückende Herrschaftsausübung sollte zugleich alle inneren Ressourcen gegen die Aggression vonseiten äußerer Mächte mobilisieren. Das Schicksal der Armenier (und anderer Christen auf anatolischem Boden) sollte der konsequenteste und zugleich brutalste Ausdruck dieser Entschlossenheit werden, das Reich unter einem neuen Vorzeichen zu erhalten.

Es entbehrt nicht der Tragik, dass der Nationalismus, der die Jahrzehnte nach dem Ende des Ersten Weltkriegs im Nahen Osten und in Nordafrika endgültig prägen sollte, bereits in seiner frühen Phase mit dem Streben nach ethnischer (und häufig auch religiöser) Einheitlichkeit einhergeht. »Einheit« war eines der Schlagworte der Jungtürken gewesen. Nach dem Strohfeuer der Begeisterung von 1908 sollte sich bald erweisen, dass diverse ethnische und religiöse Gruppen unterschiedliche Auffassungen davon hatten, wie diese »Einheit« zu verwirklichen sei. Vor dem Hintergrund der äußeren Bedrohung zeigte sich das Komitee entschlossen, die Einheit im Sinne einer Zentralisierung von oben gegebenenfalls gewaltsam durchzusetzen. »Einheit« erhielt eine türkisch-nationalistische Einfärbung, die in wachsendem Maße alle nicht-türkischen Völker des Reichs, besonders aber die nicht-muslimischen, entfremdete. Von den arabischen Völkern wird unten zu sprechen sein. An dieser Stelle sei das Schicksal der Armenier ausführlicher dargestellt.

Die armenische Tragödie, die im Völkermord von 1915 ihre extreme und tragische Zuspitzung erfuhr, ist im größeren Zusammenhang der Ausbreitung und Radikalisierung nationalistischer Gedanken, Projekte und Bewegungen zu sehen. Die christliche Bevölkerung unterschiedlicher Denominationen stellte einen erheblichen Anteil an der Bevölkerung in den ostanatolischen Provinzen dar. Angaben über ihre Anzahl variieren. Für die Armenier als zahlenmäßig stärkste christliche Gemeinschaft dürfte 1,5 Mio., d. h. etwa 10 % der anatolischen Bevölkerung, eine realistische Schätzung sein. Bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatten sich die Spannungen zwischen Armeniern und ihrem muslimischen Umfeld – Türken, aber auch Kurden – bisweilen pogromartig entladen. Das hatte komplexe Hintergründe, deren Wurzeln bis zu den Reformedikten der Sultane zurückreichten. Die Gleichstellung von Muslimen und Nicht-Muslimen hatten einen starken Entwicklungsschub unter den Christen Anatoliens in Gang gesetzt. Das Wirken europäischer und amerikanischer Missionare und »Entwicklungshelfer« unter den anatolischen Christen hatte Verbesserungen auf den Gebieten des Erziehungswesens, der medizinischen Versorgung, der Infrastruktur und der allgemeinen wirtschaftlichen Lage in den von Christen bewohnten Gebieten mit sich gebracht. Damit waren Gräben zu den muslimischen, nicht zuletzt kurdischen Nachbarn aufgetan. Unter der extrem konservativen muslimischen Bevölkerung verbanden sich Neid und Missgunst mit dem Gefühl, Opfer einer auswärtigen Einmischung mit dem Ziel der Aufteilung des Reichs zu sein. Der Entwicklungsvorsprung der »Ungläubigen« stand zudem in Widerspruch zu der tief verinnerlichten Überzeugung von der Überlegenheit der islamischen Religion und ihrer Bekenner über die Nicht-Muslime. Die Spannungen begannen sich in bewaffneten Zusammenstößen und Pogromen zu entladen; bereits in den 90er Jahren wurden Zehntausende Armenier getötet.

Aus dieser diffusen Konfliktlage erwuchs ein armenisches Nationalgefühl. Tiflis war damals nicht nur ein Schmelztiegel unterschiedlicher Völker und Religionen. Es war auch das geistige und kulturelle Zentrum für den Austausch »moderner« Ideen und Strömungen unter den südkaukasischen Völkern. 1890 war dort die Armenische Revolutionäre Föderation (abgekürzt: Daschnakzutyun, oder Daschnaken) gegründet worden. Sie verstand sich zunächst zwar wesentlich als Strömung innerhalb der reformerisch eingestellten sozialistischen Bewegung in Russland. Gegen Ende des Jahrhunderts aber und nicht zuletzt als Reaktion auf die antiarmenischen Pogrome im Osten Anatoliens entwickelten sich die Daschnaken zu einer Partei, die nach einem autonomen Status für die Armenier im russisch beherrschten südlichen Kaukasus und im osmanischen Ostanatolien – und ab 1917 nach eigener Staatlichkeit – strebte. Zwar hatten die Daschnaken noch auf ihrem achten Parteitag im Juli 1914 in Erzurum angesichts des heraufziehenden Krieges beschlossen, die Armenier sollten sich gegenüber den jeweiligen Regierungen in Konstantinopel und Moskau neutral verhalten, doch hatten viele von ihnen offen mit Moskau sympathisiert. 1915 schlugen sich dann Tausende unter ihnen auch militärisch auf die Seite der Anfang 1915 nach Nordostanatolien vordringenden Russen. Hinter den Linien kam es zu


Abb. 9: Die Gedenkstätte Zizernakaberd in Jerewan erinnert an den Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich 1915.

Desertionen armenischer Soldaten aus der osmanischen Armee und zu armenischen Guerillaaktivitäten. Vor diesem Hintergrund fasste die osmanische Führung, gestützt auf einen Teil des Komitees und angeführt von Innenminister Talat Pascha, den radikalen Plan, die armenische Bevölkerung im Osten Anatoliens umzusiedeln. Ziel der Umsiedlung (techir) sollte Deir az-Zor in der Syrischen Wüste sein. Die Aktion der »Umsiedlung« begann mit der Verhaftung von über 200 prominenten Armeniern in Konstantinopel am 24. April 1915. Nach diesem Fanal wurden in Anatolien Maßnahmen ergriffen, die von Beginn den Charakter einer ungeordneten und von brutaler Willkür an der dortigen Bevölkerung begleiteten Vertreibung hatten. Sie waren gekennzeichnet von Plünderungen und gewalttätigen Übergriffen bis hin zu Massenmorden. Über die Zahl der Opfer liegen naturgemäß keine genauen Zahlen vor; die Schätzungen liegen zwischen 600 000 und 800 000 Menschen. Für die Deportationen und Massenmorde hat sich international der Begriff des Völkermords (Genozid) durchgesetzt. Diese Bezeichnung ist mit der von den Historikern diskutierten Frage nach der Verantwortung der osmanischen Staatsführung verbunden: Gab es einen zentral gefassten und systematisch durchgesetzten Plan zur Vernichtung der Armenier oder waren die »Ausschreitungen« – wie es die Türkei bis heute offiziell behauptet – den allgemeinen Zuständen im Osten Anatoliens zuzuschreiben, die der Kontrolle der Zentralregierung zum Teil entzogen warten?

Die Mehrheit unter den Historikern spricht heute von einer planmäßigen Vernichtung. Talat Pascha kommt in dieser Lesart die Rolle des zentralen Akteurs zu. Das Ergebnis der »Maßnahmen« war die fast vollständige Ausrottung der armenischen Bevölkerung in Anatolien. Sie waren ein trauriges Vorspiel zu dem Bevölkerungsaustausch, der 1923/24 auf der Grundlage eines im Januar 1923 in Lausanne unterzeichneten Abkommens zwischen der im Entstehen begriffenen Türkischen Republik und Griechenland vollzogen wurde. Nach der Vertreibung und Flucht von Griechen aus Anatolien und Türken aus dem Balkan seit den Balkankriegen 1912/13, nach dem Genozid an den Armeniern (auch unter syrisch-orthodoxen [»assyrischen«] Christen hatte es zahlreiche Opfer gegeben) und nach den Vertreibungen im Zusammenhang mit dem türkischen Befreiungskrieg 1919–1922 wurden im Rahmen des Bevölkerungsaustauschs weitere Hunderttausende Menschen (insgesamt über eine Million) zwangsumgesiedelt. In dem Abkommen war freilich nicht von »Griechen« und »Türken« die Rede; »ausgetauscht« wurden »orthodoxe Bürger der Türkei« und »muslimische Einwohner Griechenlands«.

Gleichsam überlagert war das Ringen um eine Antwort auf die Frage nach der Identität des Reichs von einer anderen grundlegenden Frage: der nach der Haltung zum »Westen«, d. h. zu den politischen, zivilisatorischen und kulturellen Grundlagen der europäischen Mächte. Die Positionen reichten von der völligen Aufgabe der osmanisch-islamischen Zivilisation und der vorbehaltlosen Hinwendung zu Europa auf der einen zu der nachdrücklichen Zurückweisung westlicher Techniken, Institutionen und Ideen auf der anderen Seite. Die Anhänger der letzteren Position waren eine Minderheit. Eine Mehrheit unter der Elite votierte für eine Übernahme der aus osmanischer Perspektive »nützlichen« Elemente europäischer Zivilisation. Sie waren von der bereits von Namık Kemal ( S. 55) gestellten Frage geleitet: Auf welche Weise würde eine Synthese zwischen den Elementen der europäischen und der islamisch-osmanischen Zivilisation hergestellt werden können?

Ungeachtet der schwierigen Lage des Reichs im Inneren und Äußeren wurden vonseiten der jungtürkischen Staatsführung – seit Februar 1917 stand Talat Pascha als Großwesir an ihrer Spitze – eine Reihe von Reformen und Weichenstellungen in Angriff genommen, die auf den Staat weisen, der nach dem Ende des Osmanischen Reichs als Türkische Republik gegründet werden sollte. Dies gilt namentlich für jene Maßnahmen, die als säkularistisch die Trennung von Staat und Religion in der Verfassung der Republik vorweggenommen haben. Dazu gehörten die Unterstellung der religiösen Gerichtshöfe unter das Justizministerium (1915) und eine Reform des Familienrechts, bei der erstmals die Formen der Eheschließung für die drei stärksten Religionsgemeinschaften (Muslime, Christen, Juden) in einer Verordnung zusammengefasst wurden. Im Bereich des Erziehungswesens wurden die religiösen Schulen Istanbuls in einem Zentralinstitut konzentriert, an dessen Spitze eine moderne theologische Akademie stand. Vergleichbare Konzentrationsbemühungen gab es bei den sufischen Bruderschaften, die durch einen Zentralrat von Ordensscheichen kontrolliert und deren Mitglieder zu erzieherischen und wohltätigen Aufgaben angeleitet werden sollten. Weitere Reformen betrafen den Ausbau der Universität und die Ausweitung von Betätigungsfeldern für Frauen in der Öffentlichkeit.

Der Eintritt in den Krieg schließlich hatte auch Auswirkungen auf das Wirtschaftsleben. Große Teile der Wirtschaft lagen in der Hand von Unternehmen, deren Regierungen sich jetzt mit dem Reich im Kriegszustand befanden. Im Übergang zu einer Kriegswirtschaft wurden die »Kapitulationen«, im Rahmen derer Ausländern und lokalen religiösen Minderheiten eine dominante wirtschaftliche Stellung ermöglicht worden war, nach Eintritt in den Krieg gekündigt. Schutzzölle wurden eingeführt, ausländische Unternehmen unter osmanische Kontrolle gebracht und Steuern erhoben. Aufträge der Regierung wurden an türkisch-muslimische Unternehmer vergeben, die teilweise erhebliche Profite machen konnten. Daraus entstand zwar noch keine neue türkisch-muslimische Bourgeoisie; in dem Maße aber, in dem sich Vorteile und Chancen der Europäer und ihrer lokalen christlichen Geschäftspartner eintrübten, verbesserten sich die Investitionsbedingungen für muslimische Geschäftsleute.

Die jungtürkische Bewegung und namentlich das Komitee für Einheit und Fortschritt, das seit 1913 als einzige organisierte politische Kraft quasi als Einheitspartei die Politik des Osmanischen Reichs prägte, hat die Vorzeichen für jene radikale Revolution gesetzt, die nach 1923 als »kemalistisch« bezeichnet werden sollte. In diesem Sinne kann Talat Pascha als Vorläufer Mustafa Kemals gesehen werden.22 Sein Staatsverständnis war – nur gelegentlich getrübt von dem Zeitgeist geschuldeten politischen Schwankungen – türkisch nationalistisch. Der Regierung sollte die politische Verantwortung zufallen, die »Einheit« des Staatsvolkes durch zentralisierende Maßnahmen zu gewährleisten. Wie das Schicksal der Armenier und anderer christlicher Minderheiten deutlich macht, war diesbezüglich auch die ethnische Säuberung eine Strategie der Politik. Wie später auch für Mustafa Kemal gab es zu einer Ausrichtung auf Europa als Orientierung der Prozesse der Modernisierung keine Alternative. Die Träume Envers, des zweiten Mannes im Triumvirat, das Osmanische Reich als großtürkisches Imperium fortleben zu lassen, hat Talat nicht mitgeträumt. Umgekehrt haben sowohl Enver als auch Talat einen außenpolitischen Kurs der Unabhängigkeit, wie er schließlich von Mustafa Kemal konsequent gesteuert wurde, abgelehnt. An dem Bündnis mit Deutschland hat die Regierung des Komitees – wenn auch nicht ohne Schwankungen – bis zum gemeinsamen Ende festgehalten. Umgekehrt fand es die politische und militärische Führung in Berlin nicht opportun, die Maßnahmen der Verfolgung und Vernichtung der Minderheiten, namentlich der Armenier, über die man über viele Kanäle informiert war, zu kritisieren und an die Öffentlichkeit zu bringen. Nichts durfte von offizieller Seite gesagt oder getan werden, was das Bündnis des Deutschen und des Osmanischen Reichs hätte gefährden können.

Zeitgleich mit dem Abschluss des Waffenstillstands von Mudros (auf der Ägäis-Insel Limnos) am 30. Oktober 1918 verließen die Mitglieder des Triumvirats Istanbul; ein deutsches U-Boot brachte sie nach Sewastopol auf der Krim. Von dort gelangten sie nach Berlin. Sie hatten sich der Justiz der Sieger entzogen. Ihre nach der Flucht unternommenen Aktivitäten ließen noch einmal die unterschiedlichen Stränge jungtürkischer Außenpolitik der vergangenen Jahre erkennen. Enver und Cemal Pascha waren entschlossen, ihren Kampf gegen England fortzusetzen. Der eine – Enver – verschrieb sich schließlich dem Ziel der Schaffung eines turkstämmigen Emirats in Zentralasien; er starb im August 1922 in einem Gefecht mit sowjetischen Truppen nahe der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe. Der andere – Cemal – unterstützte als Militärberater der afghanischen Armee den erfolgreichen Unabhängigkeitskrieg König Amanullahs gegen Großbritannien ( S. 124). Im Juli 1922 wurde er in Tiflis von Angehörigen eines geheimen armenischen Kommandos erschossen. Talat nahm seinen Wohnsitz in Berlin. Von dort hielt er Kontakt mit Mustafa Kemal. Die Korrespondenz zwischen beiden lässt erkennen, wie eng sich ihre staatspolitischen Konzeptionen berührten. Talat wurde bereits am 15. März 1921 in Berlin ermordet – auch er von einem Armenier, der seine Tat als Rache für die Vernichtung seines Volkes während des Weltkriegs verstand.

Mit dem Waffenstillstand war das Osmanische Reich de facto an sein Ende gekommen. Anders freilich als im Falle Deutschlands und Österreich-Ungarns, wo mit dem Ende des Krieges die Herrscherhäuser stürzten und sich demokratische Revolutionen vollzogen, blieb der osmanische Herrscher an der Macht, eine innenpolitische Revolution also fand zunächst nicht statt. Freilich, in Gestalt der Waffenstillstandslinien verblieb ihm nur noch ein Restterritorium in Anatolien und Ostthrakien und auch dieses hätte nach dem Willen der Sieger weiter aufgeteilt werden sollen. Ein Übergang zu einer neuen Ordnung setzte ein, der 1923 mit der Anerkennung der Türkischen Republik im Vertrag von Lausanne abgeschlossen sein sollte. Während damit der Status der Völker Anatoliens staatsrechtlich geklärt war und sich die Türkische Republik selbst bestimmte, wurden die anderen Teile des Osmanischen Reichs zwischen Nordafrika und Jemen dem politischen Willen der europäischen Mächte, insbesondere Englands, Frankreichs und Italiens unterworfen. Das hat ihr Schicksal bis in die Gegenwart bestimmt. Während die Geschichte der Türkischen Republik im Jahrhundert nach ihrer Gründung – bei allen Veränderungen in der Gesellschaft, Fortentwicklungen des politischen Systems und enger Anpassung an die internationale Ordnung – im Großen und Ganzen kontinuierlich verlaufen ist, weist die Geschichte der ehemals arabischen Untertanen des osmanischen Kalifen vielfältige Brüche und Konflikte auf.

5.3 Die »Jungafghanen« und die Modernisierung Afghanistans

Der Auf- und Umbruch zu Beginn des 20. Jahrhunderts, der sich nach vielfältigem Vorspiel im vorangegangenen Jahrhundert in Iran und im Osmanischen Reich vollzog, war auch in Afghanistan zu spüren. Die Veränderungen dort wurden jedoch nicht in so großer Breite, Tiefe und Vielfalt wirksam wie in den beiden genannten Staaten. Die Kräfte, die in Afghanistan nach Veränderungen strebten, waren auf Teile der städtischen Elite namentlich in Kabul und Herat beschränkt. Die traditionellen gesellschaftlichen Strukturen und politischen Herrschaftsverhältnisse blieben weitgehend intakt. Sie bildeten eine starke Barriere gegen die Verbreitung »westlicher« Werte und Institutionen über weitere Teile des Landes. Gleichwohl ist auch in dem Land am Hindukusch zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Wetterleuchten einer neuen Zeit sichtbar. Erste Weichenstellungen werden vorgenommen, die als Vorspiel zu den Entwicklungen verstanden werden können, die das Land in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts genommen hat und die schließlich in eine marxistisch-leninistische Revolution, zu russisch-sowjetischer Besetzung, anschließendem Bürgerkrieg und auf seinem Boden geführten war on terrorism geführt haben.

Wie oben ausgeführt ( S. 71), lassen sich die ersten Schritte in Richtung auf an Europa orientierte Reformmaßnahmen in die Zeit der Herrschaft Schir Alis zurückverfolgen. 1873 bis 1879 erschien die erste Zeitung: Schams an-nahar (»Die Sonne des Tages«). Ansätze zu industrieller Produktion wurden unternommen. Zwischen Kabul und Peshawar wurde ein regelmäßiger Postverkehr eingerichtet; die ersten afghanischen Briefmarken kamen 1870 in Umlauf. Eine öffentliche Schule mit Kursen in englischer Sprache für Offiziere und Beamte wurde gegründet. Schir Ali führte ein neues Steuer- und Währungssystem ein. Er schuf den Vorläufer einer Regierung nach europäischem Vorbild und berief einen Staatsrat. Die besondere Aufmerksamkeit galt der Verbesserung des Zustands der Armee.

Priorität der Politik seines Nachfolgers, des Emirs Abd ar-Rahman, war es, seine Herrschaft nach innen und nach außen abzusichern. Die Zeit seiner Regierung ist gekennzeichnet durch unablässige Feldzüge gegen unbotmäßige Stämme, um die Macht der Zentralgewalt durchzusetzen und zu festigen. Ergänzt wurden sie durch einen Apparat der Repression und des Spitzelwesens, für das ihm sein Nachbar, der Emir von Buchara, wirkungsvolle Vorbilder bot. Stets musste er auch der territorialen Begehrlichkeiten Russlands gewahr sein; das hatte ein diplomatisches Schaukelspiel zwischen diesem und dem mächtigen Rivalen England zur Folge. Eine Annäherung an europäische Ideen musste unter diesen Bedingungen ein Risiko bedeuten. Wenn seine Machtausübung eines Mäntelchens der Legitimation bedurfte, setzte er eher auf die konservative Geistlichkeit. Sympathien zeigte er für den Panislamismus: In der Solidarität der islamischen Völker, die auch in Konstantinopel – nicht zuletzt bei Sultan Abdülhamit II. selbst – Fürsprecher hatte, sah er eine Stärkung seiner Bemühungen, sich des Zugriffs auswärtiger Mächte zu erwehren.

1881 kam es zu einem Vorfall, der bezeichnend war für den Umgang des Emirs mit Persönlichkeiten, von denen ihm eine Gefahr für seine Machtausübung auszugehen schien: Gemeint ist die Verbannung von Ghulam Muhammad Khan Tarzi. 1830 in Kandahar geboren, entstammte er dem angesehenen paschtunischen Clan der Mohammedzai. Im zweiten Anglo-Afghanischen Krieg hatte er sich als militärischer Führer ausgezeichnet. Zugleich machte er sich als Dichter und Philosoph über die Grenzen Afghanistans hinaus einen Namen. (Den Beinamen [nom de guerre] »Tarzi«, der »Stilbewusste«, hatte er sich selbst beigelegt.) Der Emir verdächtigte ihn der Intrige und verhängte deswegen seine Ausweisung. Er ließ sich schließlich in Istanbul nieder. Afghanistan hat er nicht wiedergesehen, auch wenn er in späteren Jahren den Kontakt mit Abd ar-Rahman wieder aufgenommen hat. Er starb 1900 in Damaskus. Mit seinem Sohn, Mahmud Tarzi, sollte eine neue Epoche in der Geistesgeschichte Afghanistans eingeleitet werden. Dieser hatte seine prägenden Einflüsse in den zwei Jahrzehnten des Exils im geistigen Milieu seiner Zeit im Osmanischen Reich erfahren.

Abb. 10: Mahmud Tarzi, Vater der geistigen und kulturellen Öffnung Afghanistans zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Aber nicht dem Panislamismus, also der Solidarität der islamischen Völker und Staaten gegen den andringenden Westen, sollte die Zukunft gehören. Die Aktivitäten al-Afghanis ( S. 91) verpufften ohne nachhaltige Wirkung. Der Nationalismus begann, die wirkmächtigste geistige und politische Kraft der Zeit zu werden. Wie unter den Eliten im Osmanischen Reich und in Iran hinterließ auch unter der schmalen geistigen Elite Afghanistans der Sieg Japans über Russland von 1905 einen starken Eindruck. Eine Gruppe kritischer Jugendlicher fühlte sich zu europäischen Ideen hingezogen. Nicht die Solidarität der islamischen Völker würde dem Land Unabhängigkeit und Entwicklung bringen. Vielmehr galt es, aus der Nation heraus die Kräfte zu mobilisieren, die das Land voranbringen und das hieß nicht zuletzt: von europäischer, also insbesondere britischer und russischer Bevormundung befreien würden. Die führenden Köpfe unter ihnen wurden – wie eben Ghulam Muhammad Khan – von Abd ar-Rahman verbannt. Von seinem Sohn und Nachfolger, Habibullah, amnestiert, kehrten sie 1902 nach Afghanistan zurück. Sein Sohn, Mahmud Beg Tarzi, sollte in dem kommenden Vierteljahrhundert für die geistige und politische Entwicklung des Landes eine bestimmende Rolle spielen.

Die Bewegung der Jungtürken, die 1908 die Wiedereinsetzung der Verfassung erzwang, war das Ergebnis eines Stromes der Erneuerung, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kontinuierlich an Breite gewonnen hatte. Und in Iran wurde die Verfassungsbewegung von Kräften getragen, die in dem Streben nach der Beschränkung der Macht des Herrschers und nach der Unabhängigkeit von auswärtiger Einmischung eine Grundlage gemeinsamen Handelns hatten. Auch in Afghanistan waren Impulse der Modernisierung spürbar. Sie sollten in der Person von Mahmud Beg Tarzi einen kräftigen Schub erhalten.

1865 in Ghazni geboren, hatten ihn die Jahre des osmanischen Exils geprägt, wohin sein Vater mit der Familie gezogen war. Weit gereist und vielsprachig (neben seiner Muttersprache Paschtu beherrschte er Dari, Urdu, Arabisch und Türkisch), war er mit den nationalistischen und panislamischen Ideen in Berührung gekommen, die insbesondere im Osmanischen Reich, aber auch im benachbarten Persien propagiert wurden. In Konstantinopel war er Dschamal ad-Din al-Afghani begegnet. Nach dem Tod seines Vaters folgte er der Einladung des Nachfolgers des »eisernen Emirs«, nach Afghanistan zurückzukehren. Als Beamter der Regierung war er fortan vor allem mit der Übersetzung von Texten aus europäischen Sprachen betraut. Zugleich verfasste er eigene Schriften und Dichtungen.

Mit der Herausgabe der Zeitschrift Seradsch al-akhbar (»Lampe der Nachrichten«) erreichte Mahmud Tarzi im Zeitraum zwischen 1911 und 1918 seine breiteste Ausstrahlung. Durch sie wurde er nicht nur zum Vater des Journalismus in Afghanistan; zweiwöchig erscheinend wurde die Zeitschrift das zentrale Forum der programmatischen Diskussion um die Modernisierung des Landes. Tarzi und die ihm verbundenen Jungen Afghanen gaben dem afghanischen Nationalismus seinen Inhalt. Dieser sollte zwar im Kern paschtunisch eingefärbt sein – das bezog sich nicht zuletzt auf die Landessprache. Zugleich aber überwölbte die afghanische Nationalität die zahlreichen subnationalen tribalen und ethnischen Identitäten. Das »Vaterland« (watan), die Nation (millat) und die Religion (din) waren die konstituierenden Elemente einer nationalen afghanischen Identität.

Nach der Analyse der Autoren in Seradsch al-akhbar lagen Uneinigkeit und Konflikte unter den Stämmen sowie ein falsches Verständnis von Freiheit ebenso an der Wurzel der Unterentwicklung wie eine erstarrte Interpretation des Islams.23 Nicht der Islam an sich, sondern die Muslime selbst hätten die Kraft der Religion durch Aberglauben, falsche Praxis und konservative Erstarrung zu einem Hindernis der Erneuerung gemacht. Die Autoren räumten ein, dass die Überlegenheit Europas auch durch dessen Errungenschaften auf den Gebieten der Kultur, der Wirtschaft und der Industrie begründet seien. Vor diesem Hintergrund war das Bekenntnis zur Wissenschaft eines der Leitthemen der Zeitschrift. Die Religion, wie sie von den Mullas praktiziert werde, dürfe den Weg zur Wissenschaft nicht verstellen. Andererseits dürfe auch die Wissenschaft der Religion nicht feindselig begegnen. Dass beide einander nicht ausschlössen, zeigten die Errungenschaften der islamischen Kultur in der Vergangenheit. Wissenschaft und Kenntnis, auch wenn sie von außen kämen, ließen sich mit einer neuen Interpretation des Islams vereinbaren. Diese sei die gemeinsame Aufgabe einer aufgeklärten geistlichen Führung, der afghanischen Gelehrten und der politischen Elite.

In der geistigen Öffnung zur Welt sahen die Autoren des Seradsch einen ersten Schritt der Erneuerung. Deshalb trat Mahmud Beg Tarzi nachdrücklich für das Erlernen von Fremdsprachen ein, um die grundlegenden Werke der modernen Wissenschaft, Naturwissenschaft, Medizin, Technik, Geographie, des internationalen Rechts etc. zur Kenntnis zu nehmen. Überhaupt waren Bildung und Erziehung ein weiterer Schwerpunkt des Modernisierungsprogramms Tarzis und seiner Mitstreiter. In der Veröffentlichung einer den Seradsch al-akhbar ergänzenden Zeitschrift, Seradsch al-atfal (»Die Lampe der Kinder«), suchte Mahmud der Erziehung und Bildung der afghanischen Jugend Publizität zu verschaffen; diese könne durch moderne Schulen und Curricula erreicht werden. Er selbst übersetzte – oder veranlasste ihre Übersetzung – einschlägige Werke aus europäischen Sprachen, die geeignet waren, Neugierde auf die moderne Welt außerhalb Afghanistans zu wecken.

Unermüdlich unterstrich er seine These, dass Nationalismus und Modernisierung zwei Seiten einer Medaille seien. Patriotismus sei im Islam ausdrücklich eine religiöse Pflicht. Nur durch die Erneuerung könne sich das Land gegen die äußeren Feinde behaupten bzw. von ihnen befreien, beruhe doch deren Überlegenheit auf eben den Elementen der Moderne. Zwar gehöre dazu auch eine moderne Armee. Aber richtig verstandener Patriotismus gehe über die rein physische Verteidigung hinaus: Ein wahrer Patriot fördere Lernen und Erziehung. Die elementare Voraussetzung freilich für Befreiung und Fortschritt sei die nationale Einheit.

Jenseits der Reform nach innen propagierten Tarzi und sein Kreis den Panislamismus im Sinne der Solidarität der islamischen Völker auf dem Weg zu Befreiung und Unabhängigkeit. Wie al-Afghani sahen sie im europäischen Imperialismus eine auf die Schwächung des Islams gerichtete Bewegung. Dem Bündnis zwischen dem Osmanischen Reich, Iran und Afghanistan als den letzten in der Welt unabhängig gebliebenen Völkern in der islamischen Welt maßen sie eine besondere Rolle auf deren Weg zu Befreiung und Gleichstellung mit Europa bei. Angesichts der gemeinsamen Herausforderung müsste auch die Kluft zwischen der sunnitischen und schiitischen Welt eingeebnet werden. In Verlängerung der panislamischen Vision wurde schließlich auch eine Solidarität der islamischen mit den nicht-islamischen Völkern Asiens auf dem Weg in die Unabhängigkeit angedacht.

Nach Lage der Dinge konnte der Seradsch nur eine relativ beschränkte Leserschaft erreichen. Die Sprache der Veröffentlichungen war in den meisten Fällen Persisch (in seiner afghanischen Variante), die Sprache der politischen und intellektuellen Oberschicht. Die große Mehrheit der Afghanen waren Analphabeten; einen breiten Mittelstand, der die Ideen hätte wirkungsvoll umsetzen können, gab es nicht. So setzten Tarzi und sein Kreis auf die neu entstehenden staatlichen Einrichtungen des Erziehungswesens als Foren der Verbreitung – und damit auf den Emir Habibullah. Tatsächlich stand dieser den Ideen offen gegenüber, auch wenn er in seinem politischen Handeln nur kleine Schritte unternahm. Erst gegen Ende des Ersten Weltkrieges kam es zu Spannungen zwischen ihm und den Jungafghanen, so dass die Zeitschrift Ende 1918 geschlossen werden musste.

Um das Banner Mahmud Tarzis scharte sich der Kern der Jungen Afghanen (Dschawanan-e afghan), d. h. ein Kreis junger städtischer Vornehmer und Intellektueller. Bis zum Ausbruch des Krieges diskutierten und agitierten sie öffentlich. Das änderte sich von da an. Die Entscheidung Emir Habibullahs, Afghanistan neutral zu halten – seine Gegner sahen darin eine pro-britische Einstellung –, trieb viele von ihnen in den Untergrund. Der Konflikt spitzte sich zu, als Anfang Oktober 1915 eine deutsch-türkische Mission in Kabul eintraf. Angeführt von Oskar Niedermayer und Kazim Bey sollten sie den Emir bewegen, die Briten in Indien anzugreifen, um deren Kräfte dort zu binden. In Kabul bildete sich nunmehr die »Kriegspartei«: Sie bestand aus den Jungafghanen (darunter Tarzi und Amanullah, der spätere König) sowie aus konservativen antibritischen und protürkischen Gruppen und der Mehrheit der Geistlichkeit. Für die Neutralität bzw. Parteinahme für die Briten traten demgegenüber neben dem Emir selbst, sein Halbbruder Inayatullah und führende Persönlichkeiten der Regierung ein. Die Spannungen zwischen den Jungafghanen und dem Emir stiegen, als diese ihn in einem Brief aufforderten, mit den Briten zu brechen und Reformen einzuleiten. Ein Attentatsversuch auf den Emir führte 1918 zum offenen Bruch: Sein Urheber war ein Student am Habibiya Kolleg, der von Emir Habibullah 1905 gegründeten höheren Schule des Landes, an dem die Jungafghanen einen starken Einfluss ausübten.

Tatsächlich hatte Tarzis Agenda der Modernisierung nach Lage der Dinge zunächst auf tiefsitzende Vorbehalte, ja hartnäckigen Widerstand stoßen müssen. Den nicht-paschtunischen Teilen der Gesellschaft gegenüber galt es, den Verdacht abzubauen, sein afghanischer Nationalismus verschleiere nur die Entschlossenheit, die Dominanz der Paschtunen weiter zu festigen. Der Emir musste überzeugt werden, dass wirtschaftliche und gesellschaftliche Reformen nicht die Schwächung seiner Herrschaft, ja die Stärkung auswärtigen Einflusses bedeuten, sondern dass vielmehr die Stellung der Zentralgewalt gefestigt würde. Der sunnitischen Geistlichkeit galt es zu vermitteln, dass Modernisierung und Säkularisierung keinen Angriff gegen den Islam darstellten. Im Falle der Schiiten musste der Argwohn überwunden werden, dass damit nicht eine weitere Schwächung ihrer ohnehin nicht starken gesellschaftlichen Stellung verbunden sei. Und den Stammesführern schließlich galt es zu vermitteln, dass die Modernisierung nicht ihre Stellung unterminieren und ein Ende der überkommenen Stammestraditionen einleiten würde.

Außenpolitisch waren die Reformen Teil der Bestrebungen, die Unabhängigkeit zu erringen. Die Anfänge des jungafghanischen Erwachens waren in die Jahre nach dem Abschluss des Abkommens von Gandamak (1879, S. 72) gefallen; in ihm hatte Afghanistan praktisch seine Eigenständigkeit in außenpolitischen Entscheidungen an England abgegeben. 1893 hatte Emir Abd ar-Rahman die Durand-Linie anerkennen müssen und damit die von Paschtunen bewohnten Gebiete östlich von dieser an Britisch-Indien verloren.

Emir Habibullah war bemüht gewesen, Afghanistan aus dem Ersten Weltkrieg herauszuhalten. Über die Spannungen zu den Jungafghanen, die für ein militärisches Eingreifen aufseiten des Osmanischen Reichs gegen England eingetreten waren, ist vorstehend berichtet worden. Zu den einflussreichsten unter ihnen gehörten Amanullah (1892–1960), ein Sohn des Emirs, und Mahmud Tarzi. Ende 1918 hatte Seradsch al-akhbar sein Erscheinen eingestellt. Am 12. Februar 1919 wurde Habibullah bei einem Jagdausflug ermordet. Unter den Spekulationen über die Hintergründe der Tat brachte eine Variante Amanullah mit ihr in Verbindung. Nach einem kurzen Machtkampf mit seinem Onkel Nasrallah, dem Bruder des Ermordeten, wurde Amanullah am 27. Februar 1919 zum neuen Herrscher gekrönt. Für Tarzi sollte sich damit ein Tor öffnen, seine Ideen und die seines jungafghanischen Kreises in Politik und Gesellschaft umfassend umzusetzen. Im April wurde er zum Außenminister ernannte. Bereits zuvor hatte der neue Herrscher Soraya, eine Tochter Tarzis, geehelicht.

Abb. 11: Amanullah Schahs politische und gesellschaftliche Reformen scheiterten im konservativen Milieu von Stammesführern und Mullas.

Sei es, um den dunklen Schatten über seinem Machtantritt zu zerstreuen, sei es unter dem Druck antibritischer Kräfte, die nunmehr zum Zuge kamen, rief Amanullah zum dschihad gegen die Briten auf: Dieser Kampf sei nicht nur Angelegenheit der Afghanen, sondern aller Muslime Südasiens. Der Dritte afghanisch-britische Krieg, der am 3. Mai 1919 begann, sollte nur von kurzer Dauer sein. Zwar errangen die Briten unschwer die militärische Oberhand. Politische Unruhen in Indien aber und – eine Folge des Ersten Weltkriegs – die Kriegsmüdigkeit und wirtschaftliche Schwäche in England ließen die Kämpfe bald in Friedensverhandlungen übergehen. Der Friede von Rawalpindi im August 1919 brachte dem Land die Souveränität; zwei Jahre später bestätigten England und Russland im Vertrag von Kabul die vollständige Unabhängigkeit Afghanistans. Nach vierzigjähriger Abhängigkeit von England wurde das Land wieder zu einem selbstständigen Staat. Dies schloss auch die Eigenständigkeit außenpolitischer Entscheidungen und sowie das Recht ein, mit anderen Ländern in zwischenstaatliche Beziehungen zu treten. Der neue Titel des Staatsoberhaupts wurde »Padischah« (König). Ein Schatten freilich sollte über dem Abkommen liegen: Amanullah musste die Durand-Linie als Grenze anerkennen.

Mit der Selbstständigkeit trat Afghanistan in die Neuzeit ein. Die Modernisierung von Staat und Gesellschaft wurde zur Herausforderung an die politischen und geistigen Eliten, die sich langsam zu verbreitern begannen. In diesem Prozess sollte der Zusammenstoß von überkommenen Traditionen der Stämme mit den Erfordernissen eines modernen Staates eine schicksalhafte Dimension erhalten. Er gestaltete sich umso komplizierter, als die Interessen der Nachbarn im Norden und Westen sowie – nach dem Rückzug Großbritanniens aus Indien (1946) – im Osten nicht zuletzt auf dem Staatsgebiet Afghanistans ausgetragen werden sollten, eines Landes also, das im 19. Jahrhundert als »Pufferstaat« entstanden war.

Zumindest über das Jahrzehnt der Herrschaft König Amanullahs hat sich die Entwicklung Afghanistans mit denen in der Türkei und Iran eng berührt. Im Unterschied freilich zu diesen beiden Ländern, die nach dem Ersten Weltkrieg tiefgreifende und nachhaltige Modernisierungsschübe erfuhren, blieb die politische, gesellschaftliche und geistig-kulturelle Umgestaltung Afghanistans zunächst eine kurze Episode. Sie war auf die Herrschaft Amanullahs beschränkt. Nach seiner Flucht ins Exil (1929) blieb das Land zwar mit seinen Nachbarn in Kontakt und in einigen Bereichen waren Impulse selektiver Erneuerung wirksam. Doch waren diese eher lokal und oberflächlich: An der überlieferten Gesellschaftsordnung, die vor allem die paschtunischen Stämme seit eh und je geprägt hatte, änderte sich wenig.

Amanullah hatte den Briten die vollständige Souveränität des Landes abgetrotzt. Damit hatte die schmale Schicht nationalistisch denkender Erneuerer ein erstes wichtiges – nach außen gerichtetes – Etappenziel erreicht. Daran sollte sich die innere Umgestaltung anschließen. Ihr sollten wesentlich jene Ideen zugrunde liegen, die unter den Jungen Afghanen diskutiert und über ein Jahrzehnt in der »Laterne der Nachrichten« verbreitet worden waren. Es verwundert deshalb nicht, dass Mahmud Beg Tarzi bei der anstehenden Umgestaltung eine erhebliche Rolle zukommen sollte. Er wurde ein enger Berater Amanullahs und diente ihm zwischen 1919 und 1928 mehrfach als Außenminister sowie als Botschafter in London und Paris. Seine Tochter Soraya wurde nicht nur Ehefrau Amanullahs, sondern engagierte sich – namentlich mit Blick auf die Stellung der Frauen – auch gesellschaftspolitisch.

Kernstück der zahlreichen Reformansätze Amanullahs war die Verkündung einer Verfassung im April 1923. Nach dem Vorbild der laizistischen Türkei unter Mustafa Kemal sah Amanullah seine Herrschaft nicht durch göttlichen Willen oder seine Abstammung, sondern allein durch den Willen der »ehrenwerten Nation Afghanistans« legitimiert. Eckpunkte der Verfassung waren die Festschreibung von Bürgerrechten, das Verbot der Sklaverei, die Einberufung einer Nationalversammlung (Schura-ye milli) und die Einführung der Schulpflicht. An vielen Punkten haben sich die Reformen Amanullahs (inspiriert von Tarzi) an seinen Zeitgenossen Atatürk und Reza Schah orientiert. Das gilt nicht zuletzt für die Stellung der Frauen in der Gesellschaft. Im ganzen Land wurden Schulen auch für Mädchen gegründet; junge Afghaninnen wurden zum Studium in die Türkei geschickt. Die Verschleierung wurde zwar nicht verboten und es kam auch nicht zu radikalen Übergriffen seitens der Behörden wie in der Türkei und Iran. Aber das Gebot, den Schleier in der Öffentlichkeit zu tragen, wurde aufgehoben. Reformen im Rechtswesen waren darauf gerichtet, dieses zu säkularisieren und den Einfluss der Geistlichkeit zurückzudrängen; auch wurde ihr die Kontrolle über die religiösen Stiftungen vom Staat genommen.

Es war unvermeidlich, dass die Neuerungen Widerstände hervorriefen. Nicht nur der Geistlichkeit waren Privilegien entzogen worden; die paschtunischen Stammesführer sahen sich durch Eingriffe in die Bodenbesitzverhältnisse geschädigt. Gesetze zur Land- und Viehbesteuerung trafen die Bauern hart. Proteste und Aufstände wurden mit harter Hand niedergeschlagen. Neuerlicher Widerstand erhob sich, als sich Amanullah 1927/28 auf eine Europareise begab. Sie führte ihn über Indien und Ägypten nach Italien, Frankreich, Deutschland, England, die Sowjetunion und zurück über die Türkei und Iran. In Europa stieß der orientalische Herrscher auf großes Interesse. Dort wurden seine Reformen mit Beifall aufgenommen. Das freilich beeindruckte die Opposition im eigenen Lande keineswegs. Dass seine Frau ihren Gatten unverschleiert begleitete, erregte vielmehr Proteste. Auch wurde daheim kolportiert, Amanullah nehme Alkohol zu sich und esse Schweinefleisch, ja, er sei nach einer Audienz beim Papst zum Christentum übergetreten. Den König aber befeuerte die Reise nur in seiner Entschlossenheit zu weiteren Reformen. Auf einer im August 1928 einberufenen loya jirga, der traditionellen Versammlung der Stämme, setzte er weitere Reformen durch: Sie betrafen unter anderem das Tragen westlicher Kleidung, die allgemeine Schulpflicht und die Polygamie.

Die Erhebung des paschtunischen Stammes der Schinwari 1929 war das Fanal für einen Volksaufstand, der im Sturz des Königs endete. Der Abfall weiter Teile der Gesellschaft ließ erkennen, wie schmal seine Machtbasis gewesen war. Die europäisch inspirierten und von oben durchgesetzten Reformen hatten außerhalb von Kabul keine positive Resonanz gefunden. Die Armee befand sich noch im Aufbau und konnte – anders als in der Türkei Atatürks und dem Iran Reza Schahs – den Herrscher nicht stützen. Die Maßnahmen, welche die Zentralgewalt hatten stärken und das Stammeswesen schwächen sollen, provozierten die Stämme und Ethnien. Hinzu kam die Geistlichkeit: Sie opponierte nicht nur gegen die »westlichen« Einflüsse; sie sah auch ihre Stellung in der afghanischen Gesellschaft bedroht. Amanullah stand ihr für den Inbegriff des fehlgeleiteten Herrschers, der seinem Anspruch als »Hüter der Religion« nicht gerecht wurde.

Die Berater des Königs, so namentlich auch Mahmud Beg Tarzi, hatten die Stimmung in der Gesellschaft falsch eingeschätzt. Letzterer freilich hat sich mit den Jahren politisch vom König zu distanzieren gesucht: dies wohl in der – auch in seinen Veröffentlichungen geäußerten – Erkenntnis, dass Reformen, deren Inspiration wesentlich aus Europa stammten, den gesellschaftlichen und kulturellen Gegebenheiten im Lande würden Rechnung zu tragen haben. Folgerichtig ging er nach der Flucht des Königs (von der unten zu sprechen sein wird, S. 234) nach Istanbul ins Exil – in jene Stadt, in der er seit den Tagen der Jungtürken so viele Inspirationen erhalten hatte. Dort ist er 1933 gestorben.

Seine Ideen haben ihn überlebt. Die Bewegung der Wesh zalmayan, der »Erwachten Jugend«, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bestrebt war, die politischen Institutionen des Landes unter den Vorzeichen von Demokratisierung und bürgerlichen, ja sozialen Rechten zu verändern, ist ohne die Inspirationen Tarzis nicht denkbar ( S. 237). Und ein halbes Jahrhundert später sollte den stürmischen Reformen der Kommunistischen Partei und ihrer Protagonisten in Kabul ein noch dramatischeres Scheitern beschieden sein als König Amanullah. Ende des Jahres 1979 intervenierten sowjetische Truppen, um das Regime der Kommunistischen Partei zu retten.

Die revolutionären Ereignisse in Iran, dem Osmanischen Reich und – mit Abstrichen – in Afghanistan zu Beginn des 20. Jahrhunderts haben ein doppeltes Gesicht: Auf der einen Seite knüpfen sie an die Prozesse des Aufbruchs und der Modernisierung in den vergangenen Jahrzehnten an. In ihnen scheint der Gordische Knoten aus ungelösten sozialen Spannungen, fragwürdig werdender Herrschaftslegitimation, widersprüchlichen Konzepten kultureller Erneuerung und antiimperialistischen Reflexen durchschlagen zu sein. Das Licht aber, das aufzugehen scheint, kommt über eine Morgenröte nicht hinaus. Es kündigt eine neue Ära an, der neue Tag jedoch lässt auf sich warten. Die inneren und äußeren Widerstände sind zu stark, um diese revolutionären Ereignisse zu wirklichen Zäsuren in der Geschichte der Länder werden zu lassen.

Gleichwohl weisen sie in die Zukunft. Es zeichnet sich ab, dass die Welt des alten Vorderen Orients im Untergang befindlich ist. Das gilt für die Herrscher und Dynastien, die Konzepte und Konstrukte, mit denen sie ihre Herrschaft gerechtfertigt haben, die Eliten, auf die sie ihre Herrschaft gestützt haben, die gesellschaftlichen Strukturen und Schichtungen derer, die ihre Untertanen waren, und auch für die Kultur, die, stark religiös unterfüttert, den Zusammenhalt von Herrscher und Beherrschten sicherstellte. Ein neuer Weg tut sich auf, andere Wegmarken sind erkennbar. Sie weisen nicht nur auf veränderte innere Ordnungen: Das Ende des osmanischen Vielvölkerstaats, dessen Zerfall sich unter den europäischen Untertanen des Sultans/Kalifen bereits seit einhundert Jahren vollzog, würde auch im Vorderen Orient eine neue politische Landkarte entstehen lassen. Und schließlich war in den Umbrüchen zugleich auch ein Streben nach Emanzipation aus überkommenen äußeren Herrschafts- und Abhängigkeitsverhältnissen offenkundig. Vor diesem Hintergrund würde es nach Lage der Dinge ein langer Weg sein – und auch kein gerader Weg, sondern eine Strecke voller Umwege. Am Ende des 20. Jahrhunderts werden neue Revolutionen, Revolten, Staatsstreiche und Gewaltakte stehen, die Verheißungen, die zu seinem Beginn gegeben zu sein schienen, endlich einzulösen.

5.4 Der kurze Frühling im Kaukasus

Das Ende des Ersten Weltkriegs war mit einem umfassenden und tiefgreifenden Zusammenbruch gleich mehrerer politischer Ordnungen in Europa und Asien verbunden. Drei multiethnische und multireligiöse Großreiche wurden erfasst: Das Habsburgische Kaiserreich, das Reich des osmanischen Sultans/Kalifen und das Zarenreich der Romanow. Bei dem vierten in diesem Zusammenhang, dem Deutschen Reich, handelte es sich im Unterschied zu den Genannten um ein national, religiös und kulturell relativ homogenes Staatswesen. Mit dem Zusammenbruch der drei Erstgenannten waren zwangsläufig Staatenbildungsprozesse verbunden, die Teile dreier Kontinente erfassten. Die Folgen des Zusammenbruchs des Deutschen Reichs blieben auf Mitteleuropa beschränkt.

Im März 1917 dankte Zar Nikolaus II. ab; damit kam die jahrhundertlange Herrschaft der Romanow an ihr Ende. Nach der von Wladimir Iljitsch Lenin (1870–1924) angeführten bolschewistischen »Oktoberrevolution« schloss die neue Führung Anfang Dezember 1917 einen Waffenstillstand mit den Mittelmächten und trat damit de facto aus dem Krieg aus. Zugleich veröffentlichte sie die Geheimverträge, welche die zaristische Regierung mit den Regierungen der Entente-Mächte die Zukunft der Kriegsgegner betreffend geschlossen hatte.

Bereits am 7. Dezember 1917 veröffentlichte das neue Regime eine von Lenin und Josef Wissarionowitsch Stalin (1878–1953) unterzeichnete »Botschaft an alle werktätigen Muslime in Russland und des Orients«. Sie sollte zeigen, dass die neue Führung im Unterschied zur zaristischen Regierung den unmittelbaren Zusammenhang von nationaler und religiöser Frage erkannt hatte und bereit war, ihm politische Rechnung zu tragen. »Fortan werden Euer Glaube und Eure Bräuche, Eure nationalen und kulturellen Institutionen als frei und nicht verletzlich erklärt«, hieß es darin. »Baut Euer nationales Leben frei und unbehindert auf. Das ist Euer Recht«.24 Darin lag das Zugeständnis eines eigenen Weges der »Völker des Orients« zu einer sozialistischen Ordnung auf der Grundlage ihrer jeweiligen kulturellen und gesellschaftlichen Traditionen.

Ihre Botschaft rasch öffentlich zu machen, hatten die beiden bolschewistischen Führer neben dem inhaltlichen Programm auch einen politisch-strategischen Grund: Denn die politischen Führungen im südlichen Kaukasus waren nicht bereit, den undemokratischen bolschewistischen Coup einfach hinzunehmen. Vielmehr sahen sie damit den Zeitpunkt gekommen, eigene Wege zu gehen, die zu Autonomie, am Ende gar zum Austritt aus dem russischen Imperium und zu Unabhängigkeit und eigenstaatlicher Existenz führen würden. Bereits am 24. November wurde in Tiflis das Transkaukasische Kommissariat ausgerufen, das die Funktion einer provisorischen Regierung ausüben sollte. Es bestand aus georgischen Sozialdemokraten (Menschewiki), der armenischen Daschnaktzutyun- und der aserbaidschanischen Müsavat-Partei. Aus ihm ging am 23. Januar 1918 ein regionales Parlament, der Sejm, hervor. Am 22. April erklärte er die Unabhängigkeit Transkaukasiens und die Gründung der Transkaukasischen Republik mit der Hauptstadt Tiflis (Tbilisi). Amtssprachen waren Georgisch, Armenisch und Aserbaidschanisch.

Zu diesem Zeitpunkt aber waren bereits tiefe Verwerfungen zwischen den beteiligten Parteien aufgebrochen, die sowohl ordnungs- und gesellschaftspolitische als auch ethnische Triebkräfte erkennen ließen. Die Spannungen reichten von Divergenzen über das Verhältnis zum Osmanischen Reich (dessen Führung in der Transkaukasischen Republik in erster Linie einen Puffer zu Russland sah) und zu Deutschland (das ein wachsendes Interesse an den Ölvorkommen der Region nahm) bis zu Konflikten über die Zukunft der politischen und gesellschaftlichen Systeme im Südkaukasus. Ende März hatte eine Allianz von Bolschewiken und vornehmlich armenischen Daschnaken in Baku ein Massaker verübt, dem etwa 10 000 muslimische Aserbaidschaner zum Opfer gefallen waren. Als am 26. Mai 1918 3000 deutsche Soldaten im georgischen Hafen Poti landeten – gemäß einer Vereinbarung mit den Georgiern, diese gegen territoriale Ansprüche der osmanischen Regierung zu verteidigen, war das Schicksal der Transkaukasischen Republik besiegelt. Noch am selben Tag folgte die Unabhängigkeitserklärung Georgiens und die georgische Delegation verließ den Sitzungssaal des Sejm. Ihr folgten am 28. Mai die aserbaidschanische und die armenische Delegation. Der Sejm war aufgelöst; auf transkaukasischem Boden entstanden drei unabhängige Republiken.

Damit war eine in geschichtlicher Perspektive neuartige Lage entstanden. Die Armenier sind zwar ein uraltes kaukasisches Volk mit einer epochenweise starken staatlichen, ja imperialen Tradition; ein eigenstaatliches Armenien aber hatte es seit dem 14. Jahrhundert nicht mehr gegeben. Die turksprachigen Völker, aus denen auch das aserbaidschanische Volk hervorging, waren erst im 11. Jahrhundert in den vorderorientalischen Raum Anatoliens und des iranischen Hochlands eingedrungen und hatten dort ihre eigene Staatlichkeit errichtet. Zwar war auch die Dynastie der Safawiden, die mit Schah Isma’il 1501 an die Macht kam, türkisch-aserbaidschanischen Ursprungs (der Sufi-Orden, dem sie entstammte, hatte in Ardabil seinen Sitz). Der safawidische Iran aber, dem mit der Verbreitung des schiitischen Islams eine eigene Identität verordnet wurde, verstand sich als persischer – nicht aber als aserbaidschanischer – Staat ( S. 24). Als er im 18. Jahrhundert zerfiel, entstanden auf seinem Boden eine Vielzahl von lokalen türkisch-muslimischen »Khanaten«, deren Mehrheit – zum Teil mit starken armenischen Bevölkerungsanteilen – in den ersten Jahrzehnten von Russland vereinnahmt wurde. Lediglich Georgien hat – wenn auch in unterschiedlicher Ausdehnung und immer wieder von fremden Mächten bedroht und/oder beherrscht – bis zu seiner Eingliederung in Russland 1801 ein starkes eigenstaatliches – gleichsam »nationales« – Profil.

Vor diesem Hintergrund war mit der Gründung der drei südkaukasischen Republiken 1918 eine neue Lage entstanden. Die Fäden sehr unterschiedlicher geschichtlicher Entwicklungen sowie kultureller und religiöser Gegebenheiten waren zu nationalstaatlichen Gebilden verwoben. Die Herausforderung an die herrschenden Eliten war eine doppelte: ihre Herrschaft nach innen zu konsolidieren – das bedeutete, durch die Zustimmung sehr unterschiedlicher gesellschaftlicher, ethnischer und religiöser Gruppen zur Ausübung der Macht innerhalb der neuen Grenze legitimiert zu werden – und nach außen sich zugleich der machtpolitischen und territorialen Gelüste jener Mächte zu erwehren, die durch die Geschichte der vergangenen Jahrhunderte hindurch um die Vorherrschaft im südlichen Kaukasus gerungen hatten. Angesichts der Schwäche Irans und der Auflösung des Osmanischen Reichs hatte die Führung in Moskau am Ende die besseren Karten. Nach der Revolution noch selbst in einem Zustand der Schwäche agierend, sollte es ihr unter dem Bruch von Versprechungen der ersten Stunde insbesondere Lenins gelingen, die sozialpolitischen Verwerfungen, die von bolschewistischen Parteigängern ausgenutzt und zugespitzt wurden, mit den machpolitischen Zielen Moskaus in Übereinstimmung zu bringen. Deshalb war den jungen Staaten im Kaukasus wie anderen, insbesondere muslimischen Regionen in Zentralasien nur kurze Lebensdauer beschieden. Erst mit dem definitiven Ende des sozialistischen Nachfolgestaates des Zarenreichs sollten die Rahmenbedingungen für eine dauerhafte Neuordnung der politischen Landkarte im südlichen Kaukasus und in Zentralasien entstehen.

Die Geschichte des Weges, den die kaukasischen Völker und Gesellschaften von 1801 bis 1917 gegangen sind, kann im Rahmen unserer Darstellung nur in signifikanten Schlaglichtern erzählt werden. Unübersehbar aber verbindet sie sich an vielen Punkten mit den Entwicklungen im Vorderen Orient im 19. und 20. Jahrhundert, die Gegenstand des Buches sind. Erinnert sei an die armenische Frage und an die Auswirkungen der geistigen und gesellschaftlichen Entwicklungen im Zarenreich auf die Modernisierungsbestrebungen der Eliten im Osmanischen Reich und im Staat der iranischen Qadscharen – den muslimischen Aserbaidschanern im russisch beherrschten Südkaukasus kommt dabei ein besonderer Stellenwert zu. Erinnert sei weiter an die religiösen Modernisierungsbestrebungen unter den Muslimen im Zarenreich (Dschadidismus), die insbesondere auf die Muslime des Osmanischen Reichs weitergewirkt haben, und schließlich an die panturkischen Bestrebungen, die gegen Ende des Ersten Weltkriegs in der osmanischen Kriegsführung erkennbar waren und in deren Strategie Aserbaidschan ein hoher Stellenwert zukam. Erinnert sei aber auch daran, dass die Erdölwirtschaft auf der Baku benachbarten Halbinsel Abscheron seit dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts weltwirtschaftliche Dimensionen anzunehmen begann. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs wurden 80 % der Erdölproduktion des Zarenreichs und 15 % der Welterdölproduktion hier gefördert. Erdölbarone aus vieler Herren Länder rivalisierten um fabelhaften Reichtum, zugleich waren die Ölarbeiter empfänglich für sozialpolitische Mobilisierung – seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts seitens der radikalen Linken. Gegen Ende des Ersten Weltkriegs richteten sich internationale Begehrlichkeiten, namentlich des postrevolutionären Russlands, Englands und Deutschlands auf die Ölressourcen Aserbaidschans.

Mit den russischen Eroberungen im südlichen Kaukasus vollzog sich dort eine erhebliche Bevölkerungsverschiebung, die besonders von einem starken Zuwachs des armenischen Bevölkerungsanteils gekennzeichnet war. Die christlichen Armenier mit ihren einflussreichen Gemeinden im gesamten Nahen Osten, auf dem Balkan, in Westeuropa und Russland verfügten über Bildungstraditionen, Handwerkerzünfte und ein fast weltweit agierendes Netzwerk von Kaufleuten. Armenische Handwerker und Händler waren von dem georgischen König Irakli II. (reg. 1762–1798) angeworben worden. Katharina II. hatte 1768 dem Katholikos von Etschmiadzin, dem Oberhaupt der Armenischen Apostolischen Kirche, Schutzbriefe für reisende Kaufleute ausgestellt, die ein Bindeglied zwischen den nahöstlichen, südkaukasischen und zentralasiatischen armenischen Gemeinden darstellten. Mit den beiden russisch-persischen Kriegen stieg der armenische Anteil an der Bevölkerung in den Gebieten nördlich des Aras an. Fast 50 000 Armenier machten zwischen 1828 und 1830 von den besonderen Einwanderungsrechten für Christen Gebrauch. Nach dem Ende des russisch-türkischen Krieges 1828/29 erhielt auch die christlich-armenische Bevölkerung der russisch besetzten Gebiete des Osmanischen Reichs diese Privilegien: Etwa 90 000 Menschen aus Ebenen von Erzurum und Agrı begleiteten die russische Armee auf ihrem Rückzug aus Ostanatolien. Umgekehrt verließen zahlreiche muslimische Familien die Gebiete nördlich des Aras in Richtung Persien und Osmanisches Reich. Weitere Einwanderungswellen folgten später: als Ergebnis des russisch-türkischen Krieges 1877–1879, antiarmenischer Pogrome im Osmanischen Reich ab 1890 und des Genozids von 1915. Lebten 1846 in Südkaukasien ungefähr 200 000 Armenier, so waren es 1915 etwa 1 680 000.25 Zugleich dehnte sich in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts der Landbesitz der Armenier weiter aus, die ebenfalls einen relativ hohen Anteil an den städtischen Bildungsschichten stellten.

Die Ansiedlung christlicher Armenier hatte nicht zuletzt das Ziel, ein ethnisches Gegengewicht zu der muslimischen Bevölkerung zu schaffen. Das trug zu einer anhaltenden Verschärfung konfessioneller Spannungen bei, machte aber die Armenier über Jahrzehnte zu loyalen Untertanen des Zaren und seiner Regierung. Gegen Ende des Jahrhunderts hatte eine armenische Mittelschicht vor allem wohlhabender Kaufleute Zugang zu Verwaltung und Armee gefunden. Zugleich aber befeuerte nicht zuletzt die von Ausgrenzung, Verfolgung und seit den 1890er Jahren von Pogromen gekennzeichnete schwierige Lage der Armenier im benachbarten Osmanischen Reich ein nationales Erwachen und ließ im Russischen Reich eine armenische Nationalbewegung entstehen. Sie strebte nicht nur nach größerer Eigenständigkeit innerhalb des Zarenreichs, sondern wandte sich im Streben nach einem starken, verteidigungsfähigen Nationalstaat auch gegen die Nachbarvölker wie die »Türken« Aserbaidschans, mit denen die Armenier teils territorial überschneidend siedelten. Im Übergang zu der kurzlebigen Staatlichkeit nach der bolschewistischen Oktoberrevolution war die 1890 in Tiflis gegründete armenische nationalistische Partei Allianz der Revolutionäre (Daschnakzutyun) eine bestimmende Kraft. Über deren Rolle im Zusammenhang mit dem Genozid an den Armeniern im Osmanischen Reich 1915/16 ist oben bereits gesprochen worden ( S. 114). Insgesamt also waren über der Zukunft der Beziehungen zwischen »Türken« (Aserbaidschanern) und Armeniern dunkle Wolken aufgezogen, als sich die Kaukasusvölker Ende 1917 in Gestalt der Transkaukasischen Föderation auf den Weg der Unabhängigkeit begaben.

Während die Armenier als ethnisch-religiöse Gemeinschaft ohne eigenständige staatliche Struktur über das gesamte Gebiet des Südkaukasus verbreitet siedelten, wies Georgien durch die Geschichte erhärtete staatliche Konturen auf. Die Annexion vonseiten Russlands 1801 vereinigte dauerhaft die verschiedenen Regionen des Landes, die in der Geschichte teilweise ein Eigenleben geführt hatten. Dieser Umstand sollte im Lauf des 19. Jahrhunderts den nationalen Gedanken unter der georgischen Elite beflügeln. Zunächst freilich artikulierte sich Widerstand gegen die russische Macht. Die eigenständige (»autokephale«) Orthodoxe und Apostolische Kirche von Georgien geriet unter die Aufsicht der Russisch-Orthodoxen Kirche; der Kleinadel, seit jeher die Stütze des Staates und der Armee, sah sich in seiner wirtschaftlichen Existenz bedroht. Erst nach Jahrzehnten der Aufstände und des Widerstands begannen sich die Institutionen des zaristischen Staates und die gesellschaftlichen Traditionen der Georgier miteinander zu versöhnen. Sowohl die adligen Familien als auch wohlhabende Bürger schickten ihre Söhne auf die russischen, später auch deutschen und französischen Universitäten. Von dort brachten sie liberale Ideen nach Hause, die sie mit der Forderung nach der »Wiedergeburt der Heimat« verknüpften. Unter dem Banner: »Heimat, Sprache und Glaube«, suchten sie das nationale Selbstbewusstsein zu wecken und riefen zu einer Wiedergeburt der georgischen Kultur und zum Kampf gegen das Analphabetentum auf. Später traten Forderungen nach einer Modernisierung der Wirtschaft, namentlich der Landwirtschaft, hinzu. Für eine radikale soziale Umwälzung, für die der 1878 im georgischen Gori geborene Iosseb Bessarionisdse (Josef Wissarionowitsch) Dschughaschwili, der 1912 den Namen Stalin annahm, kämpfte, gab es in Georgien keinen Nährboden. Innerhalb der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands gehörten die georgischen Vertreter mehrheitlich dem Flügel der sozialdemokratischen Menschewiki an. Als die revolutionären Bolschewiki unter der Führung Lenins im November 1917 die Macht übernahmen, entschied die politische Führung in Tiflis, den russischen Staatsverband zu verlassen.

Im Untertitel ihres magistralen Werkes Muslim – Untertan – Bürger über gesellschaftliche Transformationsprozesse spricht Eva-Maria Auch eben nicht von »Aserbaidschan« als dem Gegenstand der Analyse, sondern von den »muslimischen Ostprovinzen Südkaukasiens«. Damit deutet sie das Fehlen einer festen übergreifenden staatlichen Struktur »der Aserbaidschaner« zum Zeitpunkt der russischen Eroberung und danach an. Die aserbaidschanische Ethnie lag damit etwa zwischen der georgischen und der armenischen: Wie vorstehend festgestellt, verfügten die Georgier des beginnenden 19. Jahrhunderts über eine lange und bis in die Gegenwart kontinuierliche staatliche Tradition, während die Armenier als an zahlreichen Plätzen verstreute Volksgemeinschaft ohne eine gefestigte politische Struktur siedelten. Mit der Eroberung turksprachiger – »aserbaidschanischer« – Gebiete im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts wurde nach den armenischen und georgischen Christen eine islamisch geprägte Bevölkerung des südlichen Kaukasus Teil des Russischen Reichs. Im Unterschied zu Georgiern und Armeniern, die sich durch die Geschichte der vergangenen Jahrhunderte hindurch als religiöse und kulturelle Inseln in einem Meer der Muslime behauptet hatten, waren die lokalen aserbaidschanischen Herrschaften Teile großräumiger islamischer Staatenbildungen gewesen, die sich ihrerseits wiederum der islamischen Gemeinschaft (umma) verbunden sahen. Aus dem aserbaidschanischen Ardabil stammte die turksprachige Dynastie der Safawiden, die seit dem Beginn des 16. Jahrhunderts das iranische Hochland und das Gebiet des südlichen Kaukasus beherrscht hatte. Auf die Schiitisierung des safawidischen Staates (einschließlich Aserbaidschans) ist bereits hingewiesen worden ( S. 24).

Nach dem Abschluss der südkaukasischen Eroberungen durch Russland verblieb ein Teil Aserbaidschans, nicht zuletzt dessen traditionsreiches politisches und kulturelles Zentrum Täbris, auf persischem Staatsgebiet. Daraus ergab sich eine anhaltende Verbundenheit der russisch-aserbaidschanischen Elite mit der persischen Kultur. Nur langsam begann diese sich unter dem Einfluss der kulturellen und geistigen Entwicklung Russlands und Europas von den persischen Traditionen zu emanzipieren. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts schließlich sollten Anstöße politischer, gesellschaftlicher und kultureller Modernisierung von Russisch-Aserbaidschan auf die aserbaidschanischen und darüber hinaus auf die persischen Persönlichkeiten ausstrahlen, die unter den qadscharischen Herrschern die Modernisierung Irans voranzutreiben bemüht waren. An der Verfassungsrevolution in Iran seit 1906 haben intellektuelle und politische Kreise in Täbris großen Anteil. Die Zugehörigkeit zur türkischen Sprach- und Kulturgemeinschaft schließlich hat die aserbaidschanischen Modernisierer mit Gleichgesinnten in Konstantinopel und unter den tatarischen und zentralasiatischen muslimischen Turkvölkern in Verbindung gebracht.

Zunächst freilich war die wirtschaftliche und kulturelle Lage des muslimischen Ostens der von Russland eroberten Gebiete des südlichen Kaukasus von Stagnation gekennzeichnet. Nicht nur erschwerte die mangelhafte Infrastruktur eine engere Verbindung zu den Entwicklungen im übrigen Russland. Vielmehr verfügte die russische Verwaltung über keinerlei Konzept im Umgang mit einer islamisch geprägten Bevölkerung, für welche wiederum die Unterwerfung unter eine nicht-muslimische Herrschaft befremdlich und nur schwer annehmbar war. Dies umso mehr als die russische Unterwerfung der muslimischen Glaubensbrüder des Nordkaukasus in vollem Gange war. Das politische und geistig-kulturelle Zentrum war Tiflis. Dort befand sich die russische zivile und militärische Verwaltung des Südkaukasus; zugleich begegneten sich dort die Vertreter der politischen und kulturellen Strömungen, die das Zarenreich bewegten.

Die infrastrukturelle und wirtschaftliche Erschließung des islamischen Südkaukasus erfolgte erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Von besonderer Bedeutung für Aserbaidschan sollte die Tatsache werden, dass sich Baku zu einem Zentrum der Erdölproduktion entwickelte. Mit dem Erwerb von Erdölkonzessionen strömte ab 1872 russisches und ausländisches Kapital in die Region. Der Bau der 1883 eröffneten Eisenbahn vom Kaspischen Meer über Tiflis bis zum Schwarzen Meer und die Herstelljung von stabilen Telegraphenverbindungen machten Baku zu einem wichtigen Bindeglied zwischen Europa und Asien und die Stadt selbst zu einer multiethnischen Metropole mit europäischem Kolorit. Auch in der muslimischen Gesellschaft Südkaukasiens entstand eine neue politische und kulturelle Elite. Die entscheidenden Impulse für ein nationales Erwachen ging von den staatlichen Schulen und Lehrerbildungsstätten sowie der Hochschulbildung an russischen Universitäten aus. Die Modernisierungsschritte der russischen Regierung öffneten traditionellen Gemeinschaften breitere Kommunikationsräume. Darüber hinaus verlangte die expandierende Industrie des Erdölstandortes Baku nach mobilen, kulturell und vor allem sprachlich standardisierten Arbeitskräften.

Bildung und Aufklärung unter einer noch weithin traditionellen Mustern verhafteten muslimischen Gesellschaftsordnung wurden die zentralen Anliegen der neuen aserbaidschanischen Elite. Einen wichtigen Schritt in Richtung auf das Erwachen einer Identität, die selbstbewusst die aserbaidschanisch-iranisch-islamische Tradition mit den Strömungen der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Modernisierung im russischen Reich verband, bedeutete die Gründung der Zeitung Äkinchi (Ekinςi, »Der Sämann«) 1875 in Baku. In aserbaidschanischer Sprache verfasst, trug sie nicht nur zum Entstehen einer einheitlichen Sprache bei: Mit der Propagierung eines säkularen Entwicklungsmodells suchten die Autoren den Weg zur Übernahme moderner Wertbegriffe frei zu machen. Ihr Gründer war Häsänbäy Zärdabi (1842–1907). Sein Lebenslauf kann als typisch für die Karrieren zahlreicher anderer aserbaidschanischer Reformer der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gesehen werden: In einem Dorf nahe Baku geboren, besuchte er russische weiterführende Schulen in Schamakhi und Tiflis, bevor er zum Studium der Mathematik und Physik an der Universität Moskau zugelassen wurde. Nach dem Abschluss war er in der öffentlichen Verwaltung und der Justiz in Tiflis und Quba tätig. Zwar musste Äkinchi sein Erscheinen bereits nach zwei Jahren einstellen – gleichermaßen kritisch beäugt von der russischen Zensur wie von rückwärtsgewandten einheimischen Kreisen, nicht zuletzt der Geistlichkeit, war es der Zeitung verwehrt, eine breitere Leserschaft zu erreichen, wodurch sie in finanzielle Schwierigkeiten geriet. Aber ein Anfang war gemacht und in den folgenden Jahrzehnten entfaltete sich eine lebhafte publizistische Landschaft.

Unter den Reformern ragt Mirzä Fätäli Akhundov (Mirza Fath Ali Akhundzadeh, 1812–1878) heraus. In seinem Elternhaus zunächst für eine geistliche Karriere bestimmt, wandte er sich bald literarischem Schaffen zu. Nahezu sein gesamtes Leben verbrachte er in Tiflis – als Übersetzer und Dolmetscher des russischen Statthalters und als Lehrer an verschiedenen Schulen. Sein literarisches Schaffen leitete eine Wende in der aserbaidschanischen Literatur ein. Waren die modernen Literaturgattungen wie Drama, Prosa oder Literaturkritik bis dahin unter muslimischen


Abb. 12: Fath Ali Akhundzadeh (russ. Akhundov) befruchtete die aserbaidschanisch- persische Tradition mit russisch-europäischer Moderne.

Kaukasiern weitestgehend unbekannt, waren seine Werke – vor allem Theaterstücke, Novellen und Rezensionen – die erste Gelegenheit für diese, sich mit jener Art von westlicher Literatur vertraut zu machen, und veränderten die verbreiteten Vorstellungen über Literatur nachhaltig. Literatur wurde zu einem Spiegel des gesellschaftlichen Lebens, zugleich wirkte sie auf dieses zurück. Erstmals übte Literatur Kritik an den bestehenden Verhältnissen und erlangte Einfluss auf die künftige Gestaltung der aserbaidschanischen Gesellschaft. Auch als Intellektueller und Philosoph hatte Akhundov großen Anteil an der Entstehung einer Aufklärungsbewegung, die sich kritisch mit überkommenen Traditionen, der gesellschaftlichen Stellung des Islams und der Frau sowie der russischen Herrschaft in Aserbaidschan auseinandersetzte. In einer Gesellschaft mit einer hohen Analphabetenrate dienten namentlich seine Theaterstücke deren Aufklärung. In der folgenden nur wenige Jahrzehnte umfassenden Schaffensperiode aserbaidschanischer Aufklärer sollte eine Welle der Erneuerung durch das islamisch geprägte Land gehen.

Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts begann die intellektuelle Elite unter den Aserbaidschanern, sich auch politisch aufzustellen. Dies geschah zum Teil als Antwort auf die armenische Nationalbewegung, die unter der Führung der Daschnaken bereits in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts politische Forderungen zu erheben begonnen und sich entschlossen gezeigt hatte, diese gegebenenfalls mit Gewalt durchzusetzen. In breiterer Perspektive betrachtet aber vollzog sich die Politisierung der aserbaidschanischen Intelligenzija im Kontext der politischen, sozialen und kulturellen Spannungen, Proteste und Konflikte, die die Gesellschaft im Zarenreich insgesamt erschütterten. Hinzu kamen Besonderheiten der Lage im Südkaukasus. Dort hatte die Erdölwirtschaft auf der Halbinsel Apscheron der Stadt Baku nicht nur eine Explosion seiner Bevölkerung beschert (zwischen 1863 und 1898 wuchs die Bevölkerung von 14 000 auf 200 000 Einwohner); auch die sozialen Spannungen hatten zugenommen. Sozialrevolutionäre Bewegungen waren aktiv, nicht zuletzt die Russische Sozialdemokratische Arbeiterpartei – seit ihrer Spaltung 1903 unter Führung Lenins. Die Rolle des jungen Georgiers Dschughaschwili in den sozialen Protesten und Streiks der Ölarbeiter wurde vorstehend bereits angedeutet. Zwar gab sich die Linke als eine die ethnischen Zugehörigkeiten übergreifende Bewegung; hinter der Fassade aber nisteten gleichwohl ethnische Spannungen, namentlich zwischen Armeniern und Aserbaidschanern. Die Mitte der neunziger Jahre verübten Pogrome an Armeniern in den ostanatolischen Teilen des Osmanischen Reichs, die Zehntausende das Leben kosteten, belasteten auch das Zusammenleben von Armeniern und »Türken« (Aserbaidschanern) in Südkaukasien. Das Ausbrechen der ersten russischen Revolution im Jahr 1905, die schließlich zur Einführung einer Verfassung im Zarenreich führen sollte, bildete den Hintergrund, vor dem sich der soziale Konflikt in der Region nicht nur in Streiks auf den Erdölfeldern in Baku, sondern auch in den Dörfern entladen sollte. Die Vergrößerung des armenischen Bevölkerungsanteils bei begrenzter landwirtschaftlicher Nutzfläche, Wasserknappheit und geringen Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten bot zunehmend Zündstoff für armenisch-aserbaidschanische Zusammenstöße. Diese gipfelten 1905 und 1906 in Massakern, denen etwa 10 000 Menschen zum Opfer fielen.

Ob es sich bei der politischen Gruppierung, die sich 1904 unter dem Namen Hümmät (»Energie«/»Anstrengung«) konstituierte, um eine eigenständige politische Partei oder einen Ableger der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei handelte, die 1900/01 aus 15 illegalen marxistischen Zirkeln in Baku gegründet worden war, ist zwar umstritten, suchte sie doch in ihren ersten politischen und publizistischen Aktivitäten, in denen sie zum Einsatz für politische und soziale Grundrechte aufrief, den Schulterschluss mit russischen und armenischen Organisationen. Zugleich aber waren spezifisch türkisch-islamische Töne unüberhörbar.26 Nach den armenisch-aserbaidschanischen Massakern von 1905/06 verstärkte sich die nationalistische Grundstimmung. Die neugegründete Gruppe mit der Bezeichnung Difa’i hatte die »Verteidigung« (der Aserbaidschaner gegen die armenischen Daschnakzutyun) bereits im Namen. Neben dem militärischen Schutz propagierte sie die Organisation von Bildung und Aufklärung und forderte, eine faktische Selbstverwaltung durch die Übernahme kommunaler und juristischer Belange in städtischen und ländlichen Kommunen einzurichten. 1911 wurde die Müsavat-Partei (»Gleichheitspartei«) gegründet. Sie war die erste im umfänglichen Sinn politische Partei unter den muslimisch-türkischen Aserbaidschanern im russisch beherrschten Südkaukasus. Auch wenn ihre Gründer weit davon entfernt waren, separatistische Forderungen zu stellen, nahmen Einheit und Wiederherstellung der Unabhängigkeit aller muslimischen Völker doch einen sichtbaren Platz in ihrem Programm ein.

Unter den Initiatoren der Parteigründung befand sich eine Persönlichkeit, die sich zum Zeitpunkt des Geschehens gar nicht im Lande, sondern in Konstantinopel aufhielt. Wie die erwähnten Lebensläufe Zärdabis und Akhundovs weist auch die Biographie Mähämmäd Ämin Räsulzadäs (1884–1955) für die aserbaidschanische kulturelle Elite der Zeit bezeichnende Züge auf. Auch er kam aus einer religiös konservativen Familie, hatte russische Schulen besucht, war aufklärerisch und journalistisch aktiv sowie sozialpolitisch – zeitweise in der Nähe der Bolschewiki – engagiert. Besonders bemerkenswert ist seine Teilnahme an der Verfassungsrevolution in Iran, wo er in Täbris, der Hauptstadt Iranisch-Aserbaidschans, an der Gründung der Demokratischen Partei ( S. 221) Anteil hatte und als Chefredakteur der Zeitschrift Iran-e nou (»Der neue Iran«) tätig war. Nach der Niederschlagung der Revolution durch russische Truppen wich er 1911 nach Konstantinopel aus; dort trat er in engen Kontakt mit panturkischen Kreisen des jungtürkischen Regimes und schrieb für die Zeitschrift Türk yurdu (»Die türkische Heimat«). Erst 1913 kehrte er im Zusammenhang mit einer Amnestie anlässlich des dreihundertsten Jubiläums des Herrschaftsantritts der Romanow-Dynastie nach Baku zurück.

Die muslimische Intelligenzija Südkaukasiens hatte sich zu einer kosmopolitischen Gemeinschaft entwickelt, die mit Tiflis, Baku und Täbris ebenso verbunden war wie mit St. Petersburg und Konstantinopel. Über ihre engere Heimat hinaus suchte sie eine Brücke zu schlagen zwischen den reformerischen Ideen im Zarenreich und der islamischen, namentlich der turksprachigen Welt. Das bedeutete zugleich die Suche nach einer Synthese zwischen der Moderne und der türkisch-islamischen Tradition. Die revolutionären Entwicklungen in Russland 1905 und die zeitgleich ausgetragenen Massaker zwischen Armeniern und Aserbaidschanern waren der Weckruf, den Kampf für die Gleichstellung von Muslimen im Zarenreich zu intensivieren. Einer vierten Persönlichkeit muss in diesem Zusammenhang gedacht werden, die zu einem Vorkämpfer in dieser Sache wurde: Älimärdan bäy Topςubaşov (1863–1934). Am 15. März 1905 trafen sich in seinem Haus Vertreter der aserbaidschanischen Intelligenzija und des liberalen Bürgertums. In einem an den Zaren gerichteten Memorandum formulierten sie eine Reihe von Forderungen, darunter die nach lokaler Selbstverwaltung im ganzen Südkaukasus, nach vollständigen gleichen politischen und sozialen Rechten für alle Muslime im südlichen Kaukasus und die nach Verteilung von Boden an landlose Bauern. Diesem Treffen folgten am 28. August 1905 der erste Allrussische Kongress der Muslime sowie 1906 die Gründung der ersten politischen Partei der Muslime in Russland unter dem Namen Ittifaq al-Muslimin (»Bündnis der Muslime«). Zu ihren Forderungen gehörten die Einführung einer konstitutionellen Monarchie sowie die Gleichstellung der Religionen. Unter ihren Gründern und führenden Politikern befand sich neben Wolga- und Krimtataren auch Topςubaşov. In der ersten russischen Staatsduma (1906) wurde er Vorsitzender der muslimischen Fraktion.

Das zunehmende politische Selbstbewusstsein der südkaukasischen Muslime ging Bemühungen einher, die islamische Religion, d. h. ihre privaten und gesellschaftlichen Werte, das aus ihr abgeleitete Rechtswesen und die Grundlagen der politischen Ordnung mit den Erneuerungsbestrebungen zu verbinden, die in der russischen Gesellschaft als ganzer diskutiert und politisch eingefordert wurden. Zugleich berührten sich die Bestrebungen der aserbaidschanischen Erneuerer in gewisser Weise sowohl mit den theologischen Erneuerungsbestrebungen im islamischen Raum insgesamt ( S. 87) als auch mit einer Bewegung, die vornehmlich die Muslime im ural-wolga-tatarischen und im krimtatarischen Raum erfasst hatte.

Der Dschadidismus machte sein Anliegen, die »Erneuerung«, bereits in seinem Namen kund: In ihren Anfängen in den 1870er Jahren bezog sich die »neue Methode« (al-usul al-dschadida) zunächst nur auf die phonetische Vermittlung der im Wolgaraum gesprochenen türkischen Sprache; in Kasan lagen die Ursprünge der Bewegung. Die Erneuerung der Sprache unter den turksprachigen Muslimen in Russland sollte die Voraussetzung für eine Verbesserung der Stellung der muslimischen Völker im Reich werden. Diese ursprünglich bescheidenen Ziele weiteten sich in den nachfolgenden Jahrzehnten zu einer Reformbewegung aus, die eine nationalistische »tatarische« Ideologie auf der Grundlage des Islams als identitätsstiftendem Merkmal anbot. Anders als im Falle der großen zeitgenössischen arabischen Reformer ging es nicht um eine umfassende theologische Erneuerung. Das Anliegen war vielmehr, die Muslime Russlands aus ihrer Rückständigkeit und Unterlegenheit herauszuführen und sie in den Stand zu versetzen, in Wissenschaft, Technik und Kultur einen der russischen Gesellschaft ebenbürtigen Platz einzunehmen. Die dschadidistischen Reformer setzten auf die individuelle Urteilskraft, nicht zuletzt auch in Hinsicht auf das Verhältnis von Glauben und rationaler Beurteilung. Während der Islam auf die kulturelle Sphäre beschränkt wurde, wurden Modernität und Rationalismus zu Grundkriterien des Dschadidismus. In der Forderung nach der Überwindung der sozialen Kluft und der Gleichstellung der Geschlechter zeigte er zugleich auch eine starke gesellschaftspolitische Komponente.

Auch in seiner Blütezeit freilich blieb der Dschadidismus das Anliegen einer nur schmalen Elite unter den Turkvölkern. Unter seinen Aktivisten ist der Krimtatar Ismail Bej Gasprinski (auch: Ismail Gaspıralı, 1851–1914) aufgrund seiner umfassenden sowohl theoretischen als auch praktisch-politischen und pädagogischen Tätigkeiten der bemerkenswerteste. Sie lagen zunächst auf dem Gebiet der Sprache: Da er Muslime und Turkvölker Russlands gleichsetzte, schwebte ihm als Mittel zur Verständigung eine neuentwickelte gemeinsame Turksprache vor. Eine solche würde der Schlüssel zur Schaffung eines modernen Bildungswesens nach europäischem Vorbild werden. Dieses wiederum wäre eine feste Grundlage, auf welcher innerhalb Russlands eine Emanzipation im Sinne der Gleichberechtigung der Muslime als Volk und Staatsbürger erreicht werden könne. Eine breitere Öffentlichkeit sprachen er und seine Mitstreiter über die zweisprachige Zeitschrift Tärdžeman/Perevodčik (auch Tercuman, »Der Übersetzer«) an, die er 1883 gründete und die bis 1918 erschien. Sämtliche Themen und Anliegen Gasprinskis – Emanzipation, rechtliche Gleichstellung, Schulreform und Sprachproblematik – wurden aufgegriffen und von Lesern kommentiert und kritisiert. Bis 1905 sollte der Tärdžeman die einzige Zeitung der Muslime im europäischen Russland bleiben.

Seinem Wesen nach hatte die Bewegung des Dschadidismus eine »panturkische« Dimension. »Pan«-Ideologien hatten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Konjunktur. Im multiethnischen und multireligiösen Reich des Zaren fanden sich die muslimischen Turkvölker vonseiten des Panslawismus unter Druck. Wie dessen Anhänger die Vereinigung aller slawischen Völker forderten – was die muslimischen Gemeinschaften unter ihnen zu Menschen zweiter Klasse hätte werden lassen – begannen muslimische Intellektuelle von einer »turkischen Welt« zu träumen, die sich vom Balkan bis nach Westchina erstrecken sollte. Auch Dschadidisten vom Schlage Gasprinskis hatten bei ihren Erneuerungsbemühungen die Turkvölker insgesamt im Blick, dies aber im Sinne ihrer geistig-kulturellen Erneuerung im russischen Reich. Daran änderte sich bis 1917 wenig. In ihrer Beschränkung auf die kulturelle Gemeinsamkeit unterschieden sich die Dschadidisten von panturkischen Ideologen und Organisationen im Osmanischen Reich, welche tatsächlich die Forderung nach einer politischen Vereinigung aller Turkvölker erhoben. Die panturkische Dimension in der osmanischen Kriegsführung Enver Paschas im Ersten Weltkrieg wurde bereits erwähnt, näher dazu unten ( S. 152).

Die Ereignisse des Jahres 1905, die Verschärfung der Spannungen zwischen Armeniern und Aserbaidschanern sowie das Ringen um eine Verfassung im Zarenreich, hatten eine spürbare Politisierung der nationalen Bewegungen im Südkaukasus zur Folge. Auf die Forderungen der muslimischen Intelligenzija aber antwortete die zaristische Regierung mit Unterdrückung. Mit dem Ende der alten Ordnung, das mit dem Sturz des Zaren Nikolaus II. am 18. März 1917 eingeläutet war, begann die Suche nach einer neuen inneren Ordnung des russischen Staates, in der alle Völker gleiche Rechte haben würden. An ihr beteiligten sich auch die muslimischen Völker des Reichs. Am 27. März 1917 versammelten sich Delegierte der muslimisch-nationalen Konzile. Unter den gewählten Mitgliedern eines Zentralkomitees befanden sich auch prominente aserbaidschanische Persönlichkeiten (u. a. Ämin Räsulzadä und Älimärdan Topςubaşov). Auf eine einheitliche Strategie aber konnten sich die muslimischen Völker des Reichs nicht verständigen. In Aserbaidschan schloss sich im Juni 1917 die Müsavat-Partei mit der nationaldemokratischen Partei der Türkischen Föderalisten zusammen. Damit wurde die Organisation zur wichtigsten muslimischen Interessenvertretung im Kaukasus, die nationale, territoriale und kulturelle Autonomie für die Muslime des Russischen Reichs forderte. In den Wahlen zur russischen Konstituierenden Versammlung im November 1917 siegten im gesamten Kaukasus die nationalistischen Parteien: in den georgischen Gouvernements die Menschewiki, im östlichen Transkaukasus die Daschnaken und in Aserbaidschan die Müsavat. Sowohl die Bolschewiken als auch die Sozialrevolutionäre wurden weit abgeschlagen. Insgesamt gaben mehr als 84 % der Menschen im Transkaukasus ihre Stimme einer nationalen, nicht-russischen Partei.27 Mit der gewaltsamen Unterdrückung der Konstituierenden Versammlung durch die Bolschwiken Lenins schlugen die Völker des südlichen Kaukasus den Weg der Selbstständigkeit ein: Am 23. Januar 1918 schlossen sich die in die konstituierende Versammlung gewählten armenischen, georgischen und aserbaidschanischen Abgeordneten zu einem eigenständigen Parlament, dem transkaukasischen Sejm zusammen.

Dass der neue Staat von Beginn an unter einem ungünstigen Stern stand, ist bereits zu Beginn des Kapitels berichtet worden. Nachdem der transkaukasische Sejm am 26. Mai seine Auflösung verkündet hatte, erklärte noch am selben Tag die Demokratische Republik Georgien ihre Unabhängigkeit. Am 28. Mai entstanden die Demokratische Republik Aserbaidschan sowie die Demokratische Republik Armenien. Auch einige der Völker des Nordkaukasus strebten nach Unabhängigkeit: Dagestanische und tschetschenische Widerstandskämpfer griffen zu den Waffen, um in der Tradition des 19. Jahrhunderts die als drückend empfundene russische Herrschaft abzuschütteln. Ein unabhängiges »Imamat der Bergvölker« scheiterte 1918, die »Nordkaukasische Föderative Republik« ein Jahr später. Auf der Krim entstand eine kurzlebige (Dezember 1917–Februar 1918) »Volksrepublik«.

Die kurze Epoche der Unabhängigkeit der drei südkaukasischen Staaten kann an dieser Stelle nicht dargestellt werden. Ein Versuch, die vielfältigen machtpolitischen Verflechtungen in dem Raum gegen Ende des Ersten Weltkriegs und danach anzudeuten, wurde in den Kapiteln unternommen, die der Kriegführung des Osmanischen Reichs, dem Übergang Persiens von der Verfassungsrevolution bis zur Machtübernahme durch Reza Khan und dem türkischen Befreiungskrieg gewidmet sind. Die Jahre 1917 bis 1921 sind – nach den Massakern an den anatolischen Christen 1915/16 – von teilweise extrem blutigen sozialen und ethnisch-religiösen Konflikten gekennzeichnet. In ihnen haben Russen und Türken, aber auch Engländer und Deutsche je nach ihrer Interessenlage mitgemischt. In der Region, die geopolitisch an den Rändern sowohl des Vorderen Orients als auch Zentralasiens gelegen ist, haben durch die Geschichte hindurch die großen Mächte von Süden und Norden, Osten und Westen um Vormacht gekämpft. Dass die drei Völker, von denen die Georgier und Armenier seit unvordenklichen Zeiten und die Aseri-Türken immerhin seit mehr als eintausend Jahren im Südkaukasus leben, in einer Phase der Schwäche der benachbarten Reiche der osmanischen Türken, Russen und Perser zu eigener Staatlichkeit gelangen konnten, kann man als historisches Wunder verstehen. Man kann darin aber auch eine politische Kraft und Dynamik erkennen, die im Schatten machtpolitischer Überlagerung und Fremdbestimmung unter den Menschen und ihren Kulturen fortgewirkt hat.

Von besonderem Interesse war – im Rahmen unserer Darstellung – das Geschick der muslimischen Aseri-Türken zwischen der russischen Eroberung des südlichen Kaukasus im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts und dem Ende des Ersten Weltkriegs. Zu Beginn ihrer Eingliederung in das Zarenreich schienen sie – als Muslime in einem christlichen Imperium – von den politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungen in Russland abgehängt zu sein. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts haben sie unter den obwaltenden politischen und kulturellen Rahmenbedingungen einen Wandlungsprozess in Gang gesetzt, der schließlich zur Entstehung eines modernen Staates geführt hat. Der Weg dahin ist in mehrfacher Weise bemerkenswert: Zum einen gelang es, eine Antwort auf die fundamentale Herausforderung zu finden, der sich alle muslimischen Gesellschaften des Vorderen Orients (im Weiteren alle Muslime überhaupt) seit der militärischen Übernahme Ägyptens durch die Truppen Napoleons stellen mussten: aus dem Status einer alle Bereiche des Lebens berührenden – politischen, wirtschaftlichen, wissenschaftlich-technologischen und kulturellen – Unterlegenheit auf die gleiche Augenhöhe mit Europa aufzusteigen und zugleich den Kern einer muslimisch-türkischen Identität zu wahren. Mit Blick darauf hat die aserbaidschanische intellektuelle Elite in fruchtbaren Kontakten mit anderen reformerischen Persönlichkeiten unter den muslimischen Völkern des Russischen Reichs einen eigenen Weg gefunden. Zugleich sind von Russisch-Aserbaidschan über die Grenze zu Persisch-Aserbaidschan hinweg Impulse der Modernisierung übergesprungen, die auch die Revolution in Persien seit 1906 befeuerten. Als Türken haben sie schließlich in engem Kontakt mit den vielfältigen und facettenreichen politischen und kulturellen Strömungen in Konstantinopel und anderswo im Osmanischen Reich einen fruchtbaren Austausch gepflegt. In seinen Erzählungen, autobiographischen und historischen Schriften hat der in Baku geborene Jude Lew Abramowitsch Nussimbaum alias der Muslim Mohammed Essad Bey alias Kurban Said (1905–1942) der Epoche des Aufbruchs, Umbruchs und letztendlichen Scheiterns der Demokratischen Republik Aserbaidschan in ihren inneren Verhältnissen und äußeren zeitgeschichtlichen Bezügen ein literarisches Denkmal gesetzt.

Nach der kurzlebigen Volksrepublik Krim (und noch vor der Tripolitanischen Republik, S. 246) war die Demokratische Republik Aserbaidschan das erste selbstständige demokratische muslimische Staatswesen der Nachkriegsordnung im Vorderen Orient. Das erste Parlament wurde am 5. Dezember 1918 eröffnet: Es umfasste 120 Sitze, ethnisch aufgeteilt in 80 Aseri, 21 Armenier, 10 Russen, je einen für Juden, Deutsche, Polen und Georgier sowie fünf an die allgemeinen Gewerkschaften sowie die Gewerkschaft der im Ölsektor Beschäftigten. Die stärkste Fraktion stellte die Müsavat-Partei. Mit Blick auf die Zukunft des Staates spannte sich das Spektrum der Programme der anderen Parteien von vollständiger Unabhängigkeit bis zum Verbleib in Russland. Mit der Einführung des Frauenwahlrechts war die Demokratische Republik Aserbaidschan der erste mehrheitlich muslimische Staat, in dem Frauen und Männer über gleiche Rechte verfügten. Unter der Führung der politischen Protagonisten, deren einige vorstehend genannt worden sind, begann der Aufbau staatlicher Strukturen, der Verwaltung und einer nationalen Armee. Die neu gegründete Universität Baku wurde die erste moderne Universität des Landes.

Die Tatsache, dass zwischen dem Anfang und dem Ende der Aserbaidschanischen Republik fünf Kabinette die Regierung bildeten, lässt freilich ihre innere Fragilität erkennen. Tatsächlich vollzog sich der Aufbau des Staates unter schwierigen Rahmenbedingungen. Erste Hauptstadt war Gändschä, da Baku noch immer von einer revolutionären Kommune regiert wurde, die sich bereits im November 1917 an die Macht gebracht hatte. Dort war es Ende März 1918 zu den erwähnten schweren Massakern an Muslimen gekommen. Erst nach der Befreiung Bakus durch die »Islamische Armee« Enver Paschas (die wiederum mit Massakern an Tausenden von Armeniern verbunden war) im September zog die Regierung nach Baku um. Die Wirtschaft des jungen Staates lag darnieder; namentlich auf dem Lande war die Lage dramatisch. Um die Rote Armee zu schwächen, behinderte England den Export aserbaidschanischen Öls, was die finanziellen Probleme der Regierung verschärfte. Territoriale Dispute mit den gleichfalls jungen Staaten Georgien und Armenien schwächten die Regierung. Während mit Georgien ein vertraglicher Ausgleich zustande kam, eskalierte der Konflikt mit Armenien. Hartnäckig forderte die Regierung in Jerewan die Abtretung weiterer aserbaidschanischer Gebiete. Um Blutvergießen zwischen Aserbaidschanern und Armeniern im Lande selbst zu verhindern und lokale Unruhen niederzuschlagen, rückten am 7. November noch einmal britische Soldaten in Baku ein. Wenige Tage zuvor, am 30. Oktober 1918, war das Osmanische Reich mit dem Waffenstillstand von Mudros aus dem Ersten Weltkrieg ausgeschieden und hatte seine Truppen auch aus dem Kaukasus zurückgezogen.

Im August 1919 verließen die britischen Truppen nunmehr definitiv das Land. Damit verschärften sich die inneren und äußeren Konflikte. Die Konzentration auf den Konflikt mit Armenien und das Ausbleiben staatlicher Einnahmen hatte schwere innenpolitische Auswirkungen. Außerstande die soziale und wirtschaftliche Not zu lindern, musste sie die Agitation radikaler prosowjetischer Gruppen hinnehmen, die das Land zu destabilisieren suchten – mit dem Ziel, es auf die Machtübernahme russisch-sowjetischer Truppen vorzubereiten. Noch freilich war die Rote Armee durch die letzte Phase des Bürgerkrieges gegen die Weiße Bewegung gebunden. So begnügten sich prosowjetische Aktivisten zunächst damit, soziale Unruhen anzuheizen. Die endgültige Niederlage der Weißen gegen die Rote Armee zu Beginn 1920 veränderte die Ausgangslage: Jetzt wurden militärische Kräfte frei, die sich daranmachen konnten, den Südkaukasus – beginnend bei Aserbaidschan – zurückzuerobern. Offenkundig hatte sich Lenins Erwartung, die nicht-russischen Völker des ehemaligen Zarenreichs würden sich auf der Grundlage einer eigenständig erlangten sozialistischen Ordnung dem Mutterland der Revolution anschließen, nicht erfüllt. Auch war das Interesse der sowjetischen Führung an der Ölversorgung aus Baku bestimmend. Anfang 1920 entstand in Aserbaidschan eine Kommunistische Partei (AKP).

Die internationale Gemeinschaft, d. h. auch die in Paris versammelten Staatsoberhäupter, hatte bis dahin dem Kaukasus geringe Aufmerksamkeit entgegengebracht. Woodrow Wilson hatte eine aserbaidschanische Delegation bereits im April 1918 – wenn auch ohne großes Interesse und erkennbare Nachwirkungen – empfangen. Angesichts der sich abzeichnenden Entwicklungen aber versammelten sich am 11. Januar 1920 die Staatsoberhäupter und die Außenminister der führenden Siegermächte (Frankreich, England und Italien) sowie die Botschafter der USA und Japans, um die Lage in den Kolonien des zerfallenen Zarenreichs in Asien – darunter Aserbaidschan – zu beraten. Im Ergebnis entschieden sie, Georgien und Aserbaidschan als faktisch bestehende Staaten im Kaukasus anzuerkennen. Diese De-facto-Anerkennung sollte vor allem die Position dieser Länder gegenüber Sowjetrussland auf dem diplomatischen Parkett gewissermaßen immun machen und zum Widerstand gegen eine Invasion vonseiten Sowjetrusslands in den Kaukasus ermuntern.

Diese Entscheidung sollte die Führung in Moskau nicht beeindrucken. Am 21. April 1920 – Aserbaidschan befand sich zu diesem Zeitpunkt bereits im Krieg mit Armenien um Karabach – wurde von der Heeresleitung der Bolschewiki im Kaukasus die Operation zur Einnahme von Baku gebilligt. Drei Tage später wurden auf Befehl des Zentralkomitees der AKP all ihre Mitglieder und der gesamte Parteiapparat in den militärischen Notstand versetzt. Sie organisierten sich in kleinen bewaffneten Gruppen, die in der Nacht vom 26. auf den 27. April die aserbaidschanisch-russische Grenze bei Dagestan überquerten und sich auf Baku zubewegten. Ein Vorläufiges Komitee für die Revolution stellte der Regierung ein Ultimatum: Darin wurden die Übergabe der Regierung und die Anerkennung der Sowjetmacht gefordert. Die Regierung sah sich zu schwach, Widerstand zu leisten; deshalb akzeptierte sie das Ultimatum und löste sich auf. Das Revolutionäre Komitee Aserbaidschans übernahm die Macht in Baku. Mitte Mai wurde das gesamte Territorium der »Volksrepublik Aserbaidschan« – mit Ausnahme der Territorien an der armenischen Grenze (wegen des noch andauernden Krieges) – sowjetisiert.

Ermutigt durch den Vertrag von Sèvres ( S. 157), in dem der Republik Armenien große Teile Ostanatoliens zugesprochen wurden (die in Brest-Litowsk an das Osmanische Reich gefallen waren), machten sich armenische Truppen daran, diese Gebiete militärisch zu besetzen. Nach anfänglichen Erfolgen erlitten sie eine vernichtende Niederlage. Im Vertrag von Alexandropol (heute Gümrü) am 2. Dezember musste Armenien auf seine Ansprüche verzichten. Zu einer Ratifizierung des Vertrages durch das armenische Parlament sollte es nicht mehr kommen, denn bereits am 6. Dezember riefen armenische Bolschewiken die Armenische Sozialistische Sowjetrepublik aus. Damit aber war nicht mehr die Regierung eines unabhängigen demokratischen armenischen Staates, sondern eine von Moskau abhängige Regierung in Jerewan der künftige Verhandlungspartner in Sachen der Grenzziehung zwischen der im Entstehen begriffenen neuen Türkei und den südkaukasischen Gebieten des ehemaligen Zarenreichs. Am 11. Februar 1921 schließlich marschierten Verbände einer »Arbeiter- und Bauernarmee« in Georgien ein und nahmen am 25. Februar die Hauptstadt Tiflis ein; noch am selben Tag wurde die Georgische Sozialistische Sowjetrepublik ausgerufen.

So waren staatliche Gebilde entstanden, die zwar formal zunächst noch als unabhängige Staaten fortbestanden, faktisch aber den Richtlinien aus Moskau unterworfen waren; dort wurden auch die das Schicksal ihrer Länder betreffenden Verträge abgesegnet. Seit dem 12. März 1922 bildeten die drei Republiken gemeinsam die Transkaukasische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik. Mit der Gründung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) am 30. Dezember 1922 wurde diese Teil eines neuen, russisch dominierten Vielvölkerstaates mit einer föderalen Unionsverfassung. Faktisch verloren Georgien, Armenien und Aserbaidschan jedoch endgültig ihre Unabhängigkeit. Erst mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 sollte das Großreich, das als zaristisches 1917/18 untergegangen und in der Folge als sowjetisches wieder auferstanden war, für immer von der Landkarte verschwunden sein. Neue Staaten entstanden; im Kaukasus konnten ihre Gründer auf die kurze staatliche Tradition der Jahre zwischen 1918 und 1921 zurückblicken. Zum Unglück der Völker aber sollten die alten Konflikte – verschärft durch in der Sowjetzeit getroffene weitere Maßnahmen und Entscheidungen – wiederaufleben.

Nach erfolgter Einverleibung der drei südkaukasischen Republiken im Jahr 1921 fixierte Russland zugleich seine Grenze zu seinen drei vorderorientalischen Nachbarn. Am 16. März 1921 wurde in Moskau ein Freundschaftsvertrag mit der kemalistischen Bewegung geschlossen, der im Vertrag von Kars im Oktober bestätigt werden sollte ( S. 218). Bereits am 26. Februar war ein Freundschaftsvertrag mit Persien zustande gekommen ( S. 221). Ihm folgte zwei Tage später ein ähnliches Abkommen mit Afghanistan. Es war der erste völkerrechtliche Schritt dieser Art seit seiner Unabhängigkeit von England. Dass damit der Dynamik der Südexpansion Russlands kein definitives Ende gesetzt war, sollten die Türkei 1945, Iran 1945/6 und Afghanistan im Jahrzehnt nach 1979 erfahren.

Nahe der afghanischen Grenze entschied sich auch das persönliche Schicksal Enver Paschas, der als Kriegsminister der osmanischen Kriegführung einen Hauch von Panturkismus verliehen hatte. An seinen irrlichternden Aktivitäten nach seiner Flucht von Konstantinopel nach Berlin können die Verwicklungen und Triebkräfte im Kaukasus und Zentralasien – nicht zuletzt unter dem Aspekt panturkischer Ideen wie in einem Brennglas nachvollzogen werden. Nach dem Waffenstillstand von Mudros musste sich die von Enver befehligte »Islamische Armee« aus dem Kaukasus zurückziehen; eine britische Truppe sollte bis auf Weiteres das Vakuum füllen und für Stabilität sorgen. In Berlin hatte das gestürzte Triumvirat alte deutsche Freunde getroffen. Unter den Netzwerken sollten die Beziehungen zwischen Enver Pascha, Ex-Kriegsminister des Osmanischen Reichs, und Hans von Seeckt, seit Dezember 1917 dessen Generalstabschef, in besonderer Weise aktiv werden. Im Zusammenspiel mit deutschen Kommunisten reiste Enver 1919 im Auftrag von Seeckts nach Moskau, um die Möglichkeiten einer deutsch-sowjetrussischen Militärkooperation zu sondieren. Zugleich suchte er die Bolschewiken von einem antiimperialistischen Bündnis mit den türkischen Nationalisten gegen Großbritannien zu überzeugen. Diese Pläne mündeten schließlich in der Idee einer »grünen bolschewistischen Armee«, einer islamischen Streitmacht, die sich mit Einheiten der Roten Armee vereinen sollte, um die Türkei von der alliierten Fremdherrschaft zu befreien. Dabei propagierte Enver im russischen Exil einen panturkischen Staat, der vom Balkan bis nach Ostasien reichen und islamische und sozialistische Elemente vereinen sollte.

Während derartige Pläne noch auf dem Kongress der Völker des Ostens, der im September 1920 in Baku stattfand und auf dem auch die Muslime Russlands noch um einen Weg der Entwicklung im Spannungsfeld zwischen Sozialismus und eigenständiger kultureller Identität rangen (Enver hatte an der Veranstaltung teilgenommen), einen Hauch von Machbarkeit gehabt haben mögen, mussten sie ein Jahr später als Utopie erscheinen: Mustafa Kemal hatte die Pläne Envers kategorisch zurückgewiesen (das Verhältnis der beiden war ohnehin stets von Abneigung und Widerspruch gekennzeichnet gewesen) und in der bolschewistischen Führung hatten sich diejenigen durchgesetzt, die entschlossen waren, bei der Wiedererrichtung des Imperiums auf Gewalt zu setzen. Dagegen hatte sich in Turkestan ein Widerstand erhoben, der sich aus sehr unterschiedlichen Verlierern der Revolution zusammensetzte. Er war nicht übergreifend organisiert, sondern einzelne Gruppen kämpften verstreut in Turkestan, in Buchara und im Fergana Tal. Mangels eines konsistenten Programms waren sie als basmači (»Räuber«) gebrandmarkt. Im November 1921 tauchte Enver in Turkestan auf. In Moskau erwartete man von ihm, er werde die versprengten Gruppen der islamischen Nationalisten sammeln und in einer in Moskau gegründete Liga der islamischen revolutionären Gesellschaften (Islam ihtilal cemiyetleri ittihadı) zusammenschließen können. Es war für Enver unschwer zu erkennen, dass man sich in Moskau seiner zu entledigen bzw. ihn zu instrumentalisieren suchte. Er wechselte die Fronten: Im Mai 1922 wurde er von den basmači als »Oberster Führer der Armeen von Buchara, Chiwa und Turkestan« anerkannt und soll sich nun selbst zum Emir von Turkestan, ja sogar zum Vertreter des Propheten Muhammad ausgerufen haben.28 Am 4. August 1922 wurde Enver während eines Feuergefechts mit sowjetischen Soldaten zwischen Buchara und Duschanbe getötet.

Damit war der panturkische Traum nicht endgültig ausgeträumt. Nach dem Ende der Sowjetunion (1991) sollte er – unter türkischen Politikern – wieder geträumt werden. Substantielle politische Ergebnisse waren freilich nicht zu verzeichnen. Er blieb ein in kleinen Netzwerken umgehendes Gespinst; aber selbst in Zeiten von Staats- und Regierungschef Erdoğan ist er nicht ausgeträumt.

6 Figuren auf dem Schachbrett von Machtpolitik
6.1 Erster Weltkrieg und europäisches Design

Der Eintritt des Osmanischen Reichs in den Weltkrieg leitete das letzte Kapitel seiner Geschichte ein. Die späteren Siegermächte (und Russland) begannen, sich über die Aufteilung seines Territoriums zu verständigen. Dabei lag der Entscheidung zum Eintritt an der Seite Deutschlands durchaus kein Automatismus zugrunde. Nach dem verheerenden Ergebnis der Balkankriege 1912/13 war die jungtürkische Regierung entschlossen, das Reich unter den Schutz einer europäischen Großmacht zu stellen, die ihm gegen weitere Angriffe Beistand leisten und seinen Fortbestand sichern würde. Nach Lage der Dinge waren das Deutschland, England und Frankreich. Noch Mitte 1914 aber hatte sich in keiner der Hauptstädte dieser drei Mächte ein diesbezüglicher Enthusiasmus gezeigt. Auch in Berlin, das vor allem in Gestalt der preußischen Militärmission über die stärkste Stellung in Konstantinopel verfügte, galt das Osmanische Reich als zu unattraktiv und schwach, sich seinetwegen gegebenenfalls in bündnispolitische Risiken zu begeben.

Es bedurfte – noch vor Kriegsausbruch – einer persönlichen Intervention Kaiser Wilhelms II., der Regierung nahezulegen, das Bündnisersuchen der Türkei ernsthaft zu prüfen. Mit Kriegsausbruch änderte sich die Einschätzung der deutschen Regierung nachhaltig. Insbesondere mit der Eröffnung einer zweiten Front gegen Russland würde dem Osmanischen Reich eine erhebliche strategische Bedeutung zukommen. Doch in Konstantinopel ging in der Frage des Kriegseintritts ein Riss durch die herrschende Klasse. Prinz Said Halim, der Großwesir und Außenminister, war strikt dagegen, Cemal Pascha, Marineminister und Mitglied des herrschenden Triumvirats, hatte bislang eine Neigung zu einer Anlehnung an Frankreich erkennen lassen und Talat Pascha, Innenminister und ebenfalls Triumvir, hatte sich die Optionen offen gelassen, tendierte aber zu einer Allianz, wenn klar würde, welche Gewinne das Reich daraus ziehen würde. Nur Enver Pascha, Kriegsminister und der dritte im Triumvirat, plädierte für einen Beitritt an der Seite Deutschlands – allerdings sprach auch er sich dafür aus, mit der finalen Entscheidung abzuwarten, bis sich der Kriegsverlauf klarer abzeichnen würde. Immerhin wurde am 2. August 1914 ein geheimes Abkommen geschlossen: In ihm erklärte die osmanische Führung ihre grundsätzliche Bereitschaft zum Kriegseintritt unter bestimmten Bedingungen. Umgekehrt verpflichtete sich das Deutsche Reich zum Schutz des osmanischen Territoriums für den Fall einer äußeren Bedrohung. Am Tage der Unterzeichnung des geheimen Abkommens begann die Regierung mit der Mobilisierung der osmanischen Armee; zugleich aber erklärte sie nach außen ihre Neutralität in diesem europäischen Konflikt.

Abb. 13: Enver Pascha als Kriegsminister – Alliierter des Deutschen Reiches und Vollstrecker panturkischer Träume.

Die Ereignisse der nächsten Wochen verschoben die Kräftekonstellation in Konstantinopel langsam zugunsten der prodeutschen Seite. Ende Juli, also zeitgleich mit dem offenen Ausbruch des Kriegs in Europa hatte Marineminister Winston Churchill zwei in England im Auftrag der osmanischen Regierung gebaute Kriegsschiffe, die zur Auslieferung anstanden, beschlagnahmen lassen. In einer starken Geste der Solidarität mit der Türkei waren demgegenüber am 10. August zwei von Konteradmiral Wilhelm Souchon befehligte deutsche Kriegsschiffe, die »Goeben« und die »Breslau«, trotz britischer Verfolgung in die Dardanellen eingefahren, wo sie samt der Besatzung in die türkische Flotte eingestellt wurden. Das war Wasser auf die Mühlen der deutschfreundlichen Faktion in Konstantinopel gewesen. In dieselbe Richtung wirkten beträchtliche Zahlungen aus Berlin für die Ausrüstung der osmanischen Armee. Innerhalb der osmanischen Regierung veränderten sich Machtverhältnisse zugunsten von Enver Pascha. Auch warfen die spektakulären Siege des deutschen Heeres an der Ostfront gegen Russland in Konstantinopel die Frage auf, wo man im Falle eines deutschen Sieges im Krieg stehen und welchen Gewinn das Osmanische Reich für diesen Fall gegenüber Russland daraus ziehen würde. Die weiteren Entwicklungen zeigen gleichwohl, wie wenig entschlossen die osmanische Führung noch immer war. Da nach Lage der Dinge in Konstantinopel eine osmanische Kriegserklärung an Russland kaum zu erwarten war, war Enver darauf aus, eine solche von russischer Seite zu provozieren. Gemeinsam mit Cemal Pascha befahl er Admiral Souchon – nach wie vor Kommandeur über die jetzt in »Yavuz Sultan Selim« und »Midilli« umbenannten deutschen Kriegsschiffe – ins Schwarze Meer auszulaufen und russische Schiffe anzugreifen. Souchon ging darüber hinaus und beschoss am 29. Oktober die russischen Schwarzmeerhäfen Sewastopol und Odessa. Noch immer suchte die politische Führung in Konstantinopel den Vorgang herunterzuspielen und gab eine Entschuldigungserklärung gegenüber Russland ab. Das Spiel aber war entschieden: Am 2. November 1918 erklärte Russland dem Osmanischen Reich den Krieg; die Kriegserklärungen Englands und Frankreichs folgten auf dem Fuße

Damit war die osmanische Staatsführung an der Seite Deutschlands in den Krieg eingetreten. Er wurde der tragische Abgesang überkommener Ordnungen und das Vorspiel eines Neubeginns – gleichermaßen für Europa und für die Völker auf dem Gebiet des untergehenden Osmanischen Reichs. Für die Nachkriegszeit hatten die verschiedenen Akteure sehr unterschiedliche Vorstellungen. Die europäischen Kriegsgegner Deutschlands und des Osmanischen Reichs – bis zur Revolution von 1917 auch Russland – waren entschlossen, dessen Konkursmasse unter sich aufzuteilen. Viele Araber des Fruchtbaren Halbmonds und des Hedschaz sahen eine Chance, über ihre Zukunft selbst bestimmen zu können, ja ggf. die Unabhängigkeit zu erlangen. Die Ägypter strebten das Ende der britischen Besatzung an, libanesische Christen setzten auf die Schaffung eines französisch protegierten Staates Libanon und die Zionisten arbeiteten auf ein Bündnis mit den wahrscheinlichen Siegern hin, um ihre Pläne in Palästina verwirklichen zu können. In Anatolien, dem Kernland des Reichs, begann mit dem Ende des Krieges der Kampf um einen nationalen Staat für die dort lebenden Völker.

Auch jenseits des osmanischen Territoriums standen die Zeichen auf Neubeginn. In Russland sahen sich die Revolutionäre vom Oktober/November 1917 vor der Notwendigkeit, die Beziehungen zu ihrer südlichen Nachbarschaft auf eine neue Grundlage zu stellen. Im südlichen Kaukasus erlangten Georgien, Armenien und Aserbaidschan eine – freilich nur kurzlebige – Selbstständigkeit. Afghanistan trotzte einem geschwächten England 1919 seine Selbstständigkeit ab. Und in Iran suchte mit dem Ende der Qadscharen-Dynastie eine nationale Führung, das Land von russischer und britischer Bevormundung zu befreien und einen Neuanfang als selbstbestimmter Nationalstaat zu machen.

Der Verlauf und das Ergebnis des Krieges sollten für die Völker, die 1912 (dem Jahr, in dem Libyen an Italien verloren ging) noch Teile des Osmanischen Reichs waren, also schicksalhafte Bedeutung haben. Der lange Prozess der Schwächung des Reichs, bereits seit dem 18. Jahrhundert von europäischen Mächten in unterschiedlichen Konstellationen betrieben, wurde finalisiert. Die Nachwirkungen davon sollten das Verhalten der politischen Elite der 1923 gegründeten Türkei bis in die Gegenwart bestimmen. Die ehedem arabischen Untertanen wurden Opfer einer Täuschung von historischem Ausmaß, deren Nachwirkungen die Entwicklung der arabischen Völker durch das ganze 20. Jahrhundert geprägt und schließlich zu der dramatischen Krise beigetragen haben, die weite Teile des arabischen Raumes am Beginn des 21. Jahrhunderts erfasst hat. Diese Feststellung soll nicht das Versagen der arabischen Führungen im Ringen um die Gestaltung ihrer Gesellschaften verschleiern. Aber die kolonialistische Unterdrückung der arabischen Pläne, mithin die Vorenthaltung der Selbstbestimmung der Araber für die Zeit nach dem Ende des Osmanischen Reichs, haben die Spielräume für eine eigenständige Gestaltung der Zukunft und somit auch des Wandels der Eliten mit Blick auf die Erfordernisse der politischen und gesellschaftlichen Modernisierung entscheidend blockiert.

Ägypten wurde bei Kriegsbeginn zum britischen Protektorat erklärt: der »Khedive« mutierte zum »Sultan«. Anfang 1916 nahm das Arab Bureau in Kairo seine Arbeit auf; bis zum Ende des Krieges war es die Schaltstelle der britischen Aufklärung und Logistik sowie der politischen Aktivitäten, die die Kriegführung Englands im Nahen Osten begleiteten. Zeitweise waren bis zu 400 000 britische Soldaten im Lande stationiert und 1,5 Mio. Ägypter zu Zwangsarbeit verpflichtet. Für die Bevölkerung bedeutete der Krieg eine schwere wirtschaftliche Belastung.

Hatte die britische Regierung zunächst gehofft, durch eine Entscheidungsschlacht an den türkischen Meerengen eine rasche Beendigung des Krieges gegen das Osmanische Reich herbeiführen und die dort gebundenen Kräfte an den Fronten in Europa einsetzen zu können, so sah sie sich durch die Entwicklungen getäuscht. Die »Dardanellenschlacht« begann mit Landungsoperationen der Briten und ihrer Alliierten auf der Halbinsel Gallipoli im April 1915; im Januar 1916 wurde sie nach verheerenden Verlusten auf alliierter wie auf osmanischer Seite abgebrochen. Auf dem irakischen Kriegsschauplatz verzeichnete die osmanische Armee zunächst einen Erfolg, als sie die britisch-indischen Truppen im April 1916 bei Kut al-Amara zur Kapitulation zwang. Erst in einer neuerlichen Offensive konnten diese am 1. März 1917 in Bagdad einmarschieren. Damit begann die Epoche der jahrzehntelangen britischen Vorherrschaft im Irak. Vom Suezkanal aus schließlich begannen die Briten 1915 ihren Vorstoß nach Palästina; im Dezember 1917 besetzten sie Jerusalem. Für ihr weiteres Vorrücken hatten sie die Unterstützung vonseiten französischer Truppen sowie der von Thomas Edward Lawrence (nach Kriegsende »Lawrence von Arabien«) beratenen arabischen Freischärler unter dem Kommando des Emirs Faisal, eines Sohnes des Scherifen von Mekka, Husain ibn Ali. Am 1. Oktober 1918 ritt eine Abordnung des Scherifen begleitet von Lawrence in Damaskus ein. Damit war der Krieg an der nahöstlichen Front beendet. Am 30. Oktober unterzeichnete die Regierung des Sultans den Waffenstillstand in Mudros auf der griechischen Insel Limnos.

Die Allianz zwischen England und dem Herrscher des Hedschaz mit den heiligen Stätten in Mekka und Medina beruhte auf wechselseitigen Interessen: Zwischen dem Scherifen und dem Sultan in Konstantinopel, seinem Souverän, war es über die Jahre zu politischen Differenzen gekommen; seine Absetzung durch die jungtürkische Regierung war beschlossene Sache. Deswegen sondierte er bereits vor Ausbruch des Krieges beim britischen Hochkommissar in Kairo, ob London eine Unabhängigkeit des Hedschaz vom Reich unterstützen würde. Bis zum Eintritt des Reichs in den Krieg lag dies nicht im britischen Interesse. Aber immerhin – ein Gesprächsfaden war gesponnen. Und als Großbritannien nach erfolgtem Kriegseintritt des Osmanischen Reichs seinerseits noch im Herbst 1914 von Kairo aus sondierte, ob der Scherif zur Unterstützung im Krieg bereit sei, stieß es in Mekka auf eine vorsichtig formulierte Zustimmung. Für London war der Abkömmling der altehrwürdigen Familie der Haschemiten, jenes Stammes also, welchem der Prophet Muhammad entstammte, für den Fall wichtig, dass der Herrscher in Konstantinopel, der in seiner Eigenschaft als Kalif ja auch über eine geistliche Würde verfügte, die religiöse Karte im Krieg ausspielen würde. Tatsächlich geschah dies mit der – freilich alles in allem eher unerheblichen – gegen England gerichteten Proklamation des dschihad bereits im November 1914. Als sich in der zweiten Jahreshälfte 1915 das Scheitern Großbritanniens an den Dardanellen abzeichnete – womit auch der Hoffnung auf ein schnelles Kriegsende im Nahen Osten ein Ende gesetzt war –, hatte die Suche nach einem Verbündeten im Nahen Osten erhöhte Dringlichkeit. Nunmehr freilich waren die Bedingungen Husains für einen Kriegseintritt hoch: Er forderte die Errichtung eines arabischen Kalifats in einem unabhängigen Staat im Raum zwischen dem Mittelmeer und dem Indischen Ozean. Die entsprechenden Verhandlungen zwischen ihm und dem britischen Hochkommissar in Kairo Sir Henry McMahon im Zeitraum zwischen Juli 1915 und März 1916 sind als Husain-McMahon-Korrespondenz in die Geschichte eingegangen. Wenn sich Husains anfängliche Vorstellungen bald auch als zu weitreichend herausstellten, musste er am Ende doch zu der Überzeugung kommen, London werde der Errichtung eines arabischen Staates wenigstens auf einem eingeschränkteren Territorium zustimmen.

Wenn sich England gegenüber dem Scherifen nicht auf eindeutige Vereinbarungen einlassen wollte, dann auch deswegen, weil es die Planungen seiner Verbündeten, namentlich Frankreichs und Russlands, zur Zukunft des Nahen Ostens nach dem Ende des Krieges in Betracht ziehen musste. Dabei war Russland zunächst die treibende Kraft, denn bereits im März 1915 hatte der russische Außenminister Sergej Sasonow England eine historische Wende seiner Türkeipolitik abgerungen. Seit der Annektierung der Krim durch Katharina II. und dem Aufstieg des Zarenreichs zu einer Macht am Schwarzen Meer war es das Ziel aller russischen Regierungen gewesen, die Kontrolle über die Meerengen von Bosporus und Dardanellen zu erlangen und mithin eine ungehinderte Verbindung zwischen dem Schwarzen und dem Mittelmeer zu gewährleisten. Mit der gleichen Entschlossenheit hatte sich England diesen Bestrebungen bei allen Verhandlungen zwischen Russland und dem Osmanischen Reich entgegengestellt. Nach britischer Auffassung hätte eine unkontrollierte Öffnung der Meerengen eine Schwächung, ja Bedrohung der Interessen Londons im Mittelmeerraum bedeutet. Da nun der Flottenaufmarsch vor den Dardanellen bereits begonnen hatte (und London die Hoffnung hegte, Russland werde durch einen Angriff auf die türkische Nordküste die Alliierten entlasten), vollzog die britische Regierung eine vollständige Kehrtwende: In einem Notenwechsel zwischen St. Petersburg, London und Paris gab sie der Forderung Sasonows nach, nach dem Sieg über das Osmanische Reich die Kontrolle über die Meerengen und die angrenzende Region auszuüben. Damit war der Startschuss erfolgt, über die Aufteilung des Osmanischen Reichs insgesamt zu verhandeln. (Gegenüber den drei Großen war Italien in der Folgezeit nur ein Juniorpartner.)

Diese Verhandlungen also gingen dem Briefwechsel zwischen Husain und McMahon einher. Als der französische Diplomat François Georges-Picot im Dezember 1915 an die Themse reiste, war seine Regierung bereits von britischer Seite über die laufenden Verhandlungen mit dem Scherifen Husain informiert worden. Gesprächspartner Georges-Picots auf britischer Seite war Mark Sykes, der Nahost-Beauftragte der Regierung in London. Das Ergebnis der Verhandlungen war ein englisch-französisches Geheimabkommen. Am 16. Mai 1916 geschlossen, trug es künftig den Namen der beiden Protagonisten und ist als »Sykes-Picot-Abkommen« in die Geschichtsbücher eingegangen. Diese Bezeichnung ist insofern irreführend, als sie den dritten im Bunde, Sasonow, unterschlägt. In einem offiziellen Schriftstück vom 13. März 1916, also zwei Monate vor dem britisch-französischen Vertragsabschluss – hatte dieser noch einmal die russische Position festgehalten: Danach sollten nicht nur die Meerengen, sondern »Türkisch Armenien« und »Kurdistan« unter russische Kontrolle geraten. Damit war eine Landmasse gemeint, die vom östlichen Schwarzen Meer bzw. vom Kaukasus den gesamten Nordosten und Osten Anatoliens umfassen würde. Die russischen Forderungen waren in London und Paris akzeptiert.

Die britischen und französischen Planungen schlugen sich auf einer Landkarte nieder. Auf ihr war die arabische Welt zwischen den Küsten des östlichen Mittelmeers und des Persischen Golfs / Indischen Ozeans in eine rote und eine blaue Zone aufgeteilt. Die rote umfasste die Provinzen von Bagdad und Basra; in ihr würden die Briten – unter dem Status eines Protektorats – eine direkte oder indirekte Verwaltung und Kontrolle errichten. Die blaue Zone umfasste Kilikien und die Gebiete der (groß-)syrischen Küste; dort würde Frankreich dieselben Rechte und Vollmachten genießen. Palästina sollte unter internationale Verwaltung gestellt werden; über den abschließenden Status sollte zu einem späteren Zeitpunkt entschieden werden. Darüber hinaus markierten beide Seiten weitere territoriale Interessen: London beanspruchte eine Zone informeller Kontrolle über den nordarabischen Raum von Kirkuk im Irak bis Gaza. Paris reklamierte die Kontrolle über den Raum im Dreieck von Damaskus, Aleppo und Mossul. Im Übrigen sollte die Bucht von Haifa als britische Enklave einen Sonderstatus erhalten.

Dass der russische Anteil an den Planungen im Verlauf der Entwicklungen im Nahen Osten in den nächsten Jahren weitgehend mit Schweigen übergangen worden ist, ist wesentlich der Tatsache geschuldet, dass Russland mit der bolschewistischen Revolution im November 1917 aus der Verschwörung ausgestiegen ist. Die Geschichte Anatoliens, des russischen Löwenanteils an dieser Verschwörung, ist damit anders verlaufen als 1916 angenommen. Nach dem Ende des Krieges traten dort neue Akteure in Erscheinung und bestimmten das Geschehen bis zum Abschluss des Vertrags von Lausanne 1923, in dem die Existenz eines neuen Staates, der Türkischen Republik, bestätigt wurde. Die bolschewistische Regierung in Petrograd hat die von der zaristischen Diplomatie geschlossenen Geheimverträge umgehend öffentlich gemacht; für die hinters Licht geführten arabischen Akteure, die gemäß den britischen Versprechungen auf Unabhängigkeit hofften (und seit Mitte 1916 an der Seite Englands gegen die Osmanen kämpften) kamen diese Enthüllungen zu spät, um alternative politische Wege einzuschlagen. Auch mit Blick auf die Vereinbarungen zwischen England und Frankreich ist die Nachkriegsentwicklung vielfach anders verlaufen als in dem Abkommen niedergelegt. Aus höherer Warte betrachtet, bedeutet der Vertragsabschluss deshalb eine Episode in einem breiten Panorama des Übergangs von den Balkankriegen zu den Mandaten und der Türkischen Republik.29 So ist »Sykes-Picot« weniger ein Dokument, das konkrete Entscheidungen fixiert, als eine Formel, die für die Entschlossenheit europäischer Mächte steht, den Nahen Osten imperialistisch nach eigenen Interessen zu gestalten. Das sollte sich nach Kriegsende nicht nur im arabischen Raum, sondern auch im Ringen um Anatolien und den Kaukasus erweisen.

Eine dritte die Nachkriegszeit betreffende Absprache sollte nicht weniger wirkungsmächtig werden als das Sykes-Picot-Abkommen: die »Balfour-Erklärung«. Am 2. November 1917 hatte der britische Außenminister Lord Balfour, nach dem sie benannt ist, in einem Schreiben an Lord Lionel Walter Rothschild, den Präsidenten der Zionistischen Föderation in Großbritannien, erklärt: »Die Regierung seiner Majestät betrachtet die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina mit Wohlwollen und wird keine Mühe scheuen, um die Erreichung dieses Ziels zu erleichtern.« Dieser positiven Unterstützung fügt das Schreiben dann aber einschränkend hinzu: »wobei allerdings von der Voraussetzung ausgegangen wird, dass dabei nichts geschieht, was die bürgerlichen und religiösen Rechte der in Palästina bestehenden nicht-jüdischen Gemeinden […] beeinträchtigen könnte.«30 Über die Hintergründe und den Anlass zu diesem überraschenden Schritt ist viel spekuliert worden. Ganz allgemein war dem Zeitgeist – namentlich in England – eine »evangelikale« christlich-zionistische Betrachtungsweise des endzeitlichen Heilsprozesses nicht fremd: Danach erfülle sich jetzt die alttestamentliche Verheißung, dass die Juden am Ende der Zeiten nach Palästina zurückkehren würden. Konkreter bezog sich die Erklärung einerseits auf die gegenwärtige Kriegführung: Die pro-zionistischen Signale sollten die russischen Juden mobilisieren, nach dem Sturz des Zaren die Entschlossenheit der russischen Führung zu bestärken, den Krieg gegen Deutschland fortzusetzen. Andererseits hatte sie auch die britischen Interessen für die Nachkriegszeit im Visier: Denn bereits am 1. Mai hatte das Kriegskabinett in London entschieden, dass Palästina mit Blick auf die britische Präsenz in Ägypten und am Suezkanal unter allen Umständen unter alleinige Kontrolle Großbritanniens gebracht werden sollte. In diesem Sinne hatte Chaim Weizmann, ein anderer führender zionistischer Aktivist, die Regierung mit dem Argument bestärkt, dass eine jüdische Heimstätte dieser britischen Interessenlage besser entsprechen würde als irgendein Bündnis mit arabischen Partnern. Auch mag man in London gehofft haben, amerikanische Juden mit Einfluss auf Präsident Woodrow Wilson zu überzeugen, die britische Kontrolle über Palästina nach dem Krieg zu akzeptieren.

Unter den drei Absprachen war die erste für den Verlauf des Krieges unmittelbar relevant. Kontakte seines Sohnes Faisal zu Vertretern arabisch-nationalistischer Organisationen namentlich in Damaskus hatten den Scherifen Husain zu der Überzeugung gebracht, dass ein Aufstand von einer breiten arabischen Nationalbewegung unterstützt würde. Am 5. Juni 1916 rief er die Araber auf, sich gegen die osmanische Herrschaft zu erheben. Mekka fiel am 12. Juni an die haschemitischen Truppen; das osmanische Kontingent in Dschedda kapitulierte vier Tage später.

Mit Blick auf das Geschehen im weiteren Verlauf des Krieges ist der Beitrag der von Faisal ibn Husain angeführten arabischen Truppen eher marginal geblieben. In der Taktik von Freischärlern konnten sie der osmanischen Präsenz im Hedschaz, in Transjordanien und in Syrien kaum mehr als Nadelstiche beifügen. Zu dem erwarteten umfassenden Aufstand der Araber in Syrien und im Irak ist es nie gekommen; der Gedanke einer arabischen Nation und eines arabischen Staates außerhalb des Osmanischen Reichs konnte breitere Teile der Bevölkerung nicht mobilisieren. Noch war die die Idee des Osmanismus also nicht vollständig gestorben. Zahlreiche Araber Groß-Syriens und des Irak blieben bis zum Ende des Krieges Offiziere in der osmanischen Armee und hatten hohe Positionen in der osmanischen Verwaltung inne; sie waren auch im Parlament in Konstantinopel vertreten. Zwar entwickelten arabische Vereinigungen offen und geheim Pläne für den Platz der Araber im Reich nach dem Ende des Krieges ( S. 186) und es regte sich Widerstand nicht zuletzt gegen die Politik der Türkisierung vonseiten der jungtürkischen Regierung. Aber flächendeckende Aufstände wie etwa unter den Völkern auf dem Balkan im vergangenen Jahrhundert blieben aus. Lokaler Widerstand in Syrien wurde von der osmanischen Verwaltung teilweise hart unterdrückt und im Irak herrschten seit 1917 die Briten.

Überhöht wurde die »arabische Revolte« in der Öffentlichkeit durch Thomas Edward Lawrence (1888–1936), einen britischen Berater Faisals. Als Archäologe hatte er jahrelang im arabischen Raum gearbeitet. Mit den sozialen Gegebenheiten und der Mentalität der Araber sowie mit der arabischen Sprache vertraut, wurde er im Dezember 1914 als Nachrichtenoffizier in das britische Büro in Kairo entsandt. Bei Ausbruch der Revolte wurde er in den Stab Faisals, mit dem ihn bald eine persönliche Freundschaft verband, abkommandiert. Mit seinem Buch: »Die sieben Säulen der Weisheit« (1926), in dem er seine Rolle fantastisch-literarisch überzeichnet, prägte er als »Lawrence von Arabien« wesentlich die Mythenbildung um den »arabischen Aufstand in der Wüste«. Kriegsentscheidend an der arabischen Front des Osmanischen Reichs waren die etwa 8 000 Mann, die gegen Ende des Krieges Faisal folgten, indes nicht. Erst nachdem sie sich im Spätsommer 1918 mit den britischen Truppen vereinigt hatten, konnte Damaskus erobert werden. Am 3. Oktober trafen General Allenby, der britische Oberkommandierende und Faisal zusammen. In Gegenwart des französischen Generals Chauvel – ein französisches Kontingent hatte die Briten militärisch unterstützt – ließ Allenby Faisal wissen, dass Frankreich die künftige Schutzmacht Syriens sei. Stellvertretend für seinen Vater könne er, Faisal, daher das Land – allerdings unter Ausschluss des Libanon und Palästinas – unter der Kontrolle und mit der Unterstützung Frankreichs verwalten.

Ganz überraschend konnte diese Wendung der Dinge für die Führer der »arabischen Revolte« nicht kommen. Wie oben angedeutet, war bereits Ende 1917 das Sykes-Picot-Abkommen von der kommunistischen Führung, die sich im November in Russland an die Macht geputscht hatte und aus dem Krieg mit Deutschland ausgestiegen war, öffentlich gemacht worden. Auch Scherif Husain war irritiert, aber für eine Beendigung der Allianz mit Großbritannien, das in Palästina gegen die osmanischen Truppen immer weiter vorrückte, war es zu spät. Scheinheilig waren London und Paris bemüht, die Araber von der Fortgeltung der Verabredungen mit dem Scherifen zu überzeugen. Nach der osmanischen Kapitulation am 30. Oktober 1918 richteten sich Briten und Franzosen in einer Proklamation am 9. November an die arabischen Völker. Obwohl die Weichen bereits in andere Richtungen gestellt waren, bekannten sich beide Mächte darin u. a. noch einmal zur Befreiung der Araber von dem türkischen Joch und zur Schaffung unabhängiger nationaler Regierungen.

Nach dem Scheitern bei Gallipoli war der arabische Raum zwischen Ägypten und dem Irak der zentrale Schauplatz des Ersten Weltkriegs im Nahen Osten. Die stärkste europäische Kriegspartei dort war England;Frankreich hatte an den militärischen Entwicklungen keinen kriegsentscheidenden Anteil. Dessen Herrschaft in Nordafrika war vom Kriegsgeschehen nur insofern berührt, als Hunderttausende Araber und Berber aus den Maghreb-Staaten (sowie Afrikaner aus Westafrika) in der Rüstungsproduktion in Frankreich und als Soldaten an verschiedenen Kriegsschauplätzen eingesetzt waren. Italien hatte 1911 mit der Besetzung Libyens begonnen und 1912 die Inselgruppe der Dodekanes in der östlichen Ägäis vor der türkischen Küste besetzt. Als der Erste Weltkrieg ausbrach war die Eroberung Libyens nicht nur noch nicht abgeschlossen; vielmehr wurden weite Teile des Landes von den Osmanen zurückerobert. Italien musste sich auf wenige Teile des Küstenstreifens zurückziehen. Erst nach dem Ende des Krieges konnte es die Unterwerfung Libyens fortsetzen. In einem geheimen Abkommen in London vom 26. April 1915 war Italien u. a. die Herrschaft über Libyen zugesprochen worden.

Im Kaukasus hatten russische Truppen bereits Anfang November 1914 die Offensive eröffnet: Sie operierten an der nordöstlichen Grenze und drangen auf anatolisches Gebiet vor. Kriegsminister Enver Pascha reagierte mit dem Plan, die russischen Truppen in einer groß angelegten Zangenbewegung in Richtung Russisch- und Iranisch-Aserbaidschan anzugreifen. Zugleich sollte die turksprachige Bevölkerung dort aufgewiegelt werden, sich gegen Russland zu erheben. Der Feldzug, der im Dezember 1914 unter winterlichen Bedingungen begann, endete in einem Fiasko für die türkischen Truppen. Ohne Täbris und Baku erreicht zu haben, mussten sie nach der Schlacht von Sarıkamış (Ende Dezember 1914 bis Mitte Januar 1915) unter verheerenden Verlusten den Rückzug antreten. In der Folge stießen die Russen tief auf osmanisches Gebiet vor und setzten sich in den armenisch besiedelten Gebieten Nordostanatoliens fest. Die Tatsache, dass sie vonseiten armenischer Nationalisten politische und erhebliche militärische Unterstützung erfuhren, sollte wenig später die osmanische Staatsführung in ihrer Entschlossenheit bestärken, die Armenier aus ihren anatolischen Siedlungsgebieten zu vertreiben ( S. 114).

Der Kaukasus blieb auch in der Folgezeit Schauplatz kontinuierlicher russisch-türkischer Kriegshandlungen. Eine neue Dimension erhielt er, als sich die russischen Truppen mit dem Ausscheiden Russlands aus dem Krieg im Dezember 1917 von dort zurückzuziehen begannen. An den Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk hatte die osmanische Führung am Verhandlungstisch gesessen. In dem am 3. März 1918 geschlossenen Friedensvertrag waren die Gebiete von Kars, Ardahan und Batumi wieder dem Osmanischen Reich zugesprochen worden. Dieser »Gewinn« hatte in Konstantinopel der Hoffnung frische Nahrung gegeben, der Krieg werde nun doch noch zu gewinnen sein. Die Umsetzung der Abmachungen von Brest freilich konnte sich nicht mehr von selbst verstehen. Denn mittlerweile war im Transkaukasus eine neue Lage entstanden. Der im Dezember 1917 in Tiflis gegründete transkaukasische Sejm setzte dem Vorrücken der Türken zunächst Widerstand entgegen. Die drei im Mai 1918 entstandenen unabhängigen Staaten gingen in ihrer Politik unterschiedliche Wege: Während sich Armenien nicht zuletzt aufgrund seiner Gebietsansprüche gegenüber Georgien und Aserbaidschan politisch isolierte und schließlich den territorialen Forderungen der Türken zu beugen hatte, unterstellte sich Georgien dem Schutz Deutschlands. Berlin aber wollte den Kaukasus nicht allein türkischer Vorherrschaft überlassen, ging es doch dabei wesentlich um den Zugriff auf die aserbaidschanischen Ölquellen. Je länger sich der Krieg hingezogen hatte, umso dramatischer war die Knappheit an Öl zur Achillesferse der Kriegführung Deutschlands geworden. Die Türken ihrerseits waren bestrebt, Aserbaidschan möglichst rasch unter ihre Kontrolle zu bekommen, um von dort ihren Einfluss unter den Turkvölkern Zentralasiens zu verstärken. Ein Riss zwischen Berlin und Konstantinopel begann sich aufzutun. Noch immer war Baku von prorussischen Kräften besetzt ( S. 140, die Regierung Aserbaidschans hatte sich nach Gändschä abgesetzt) und um die Herrschaft über die Stadt rivalisierten neben lokalen – nicht zuletzt bolschewistischen und armenisch-nationalistischen – Kräften Deutsche, Osmanen und – von Persien aus – Engländer. Erst am 14. September 1918 fiel die Stadt in die Hände der von Enver Pascha geführten »Islamischen Armee«, einer aus Türken, Aserbaidschanern und anderen Muslimen zusammengewürfelten Truppe. Wie bereits zu Beginn des Krieges bei Sarıkamış schien sich für einen Augenblick ein Fenster für die Verwirklichung panturkischer Träume zu öffnen. Mit dem Ende des Krieges am 30. Oktober war dieses definitiv geschlossen; die türkischen Truppen zogen sich aus dem Kaukasus ebenso zurück wie die deutschen.

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Release date on Litres:
18 December 2025
Volume:
1260 p. 51 illustrations
ISBN:
9783170313408
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