Read the book: «Mara und der Feuerbringer»

Font::


Copyright © 2019 Tommy Krappweis

Copyright © 2019 by Edition Roter Drache für die deutsche Ausgabe

Edtion Roter Drache, Holger Kliemannel, Haufeld 1, 07407 Remda-Teichel edition@roterdrache.org; www.roterdrache.org

Umschlaggestaltung: *zeichenpool, München

Buchgestaltung: Holger Kliemannel

Korrektorat: Diane Krauss & Holger Kliemannel

Zeichnungen: Adriaan Prent

Fachberatung & Namens- und Sachregister: Prof. Rudolf Simek

Gesamtherstellung: Jelgavas tipografia, Lettland

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt

Alle Rechte vorbehalten.

Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Form (auch auszugsweise) ohne die schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert, vervielfältigt oder verbreitet werden.

ISBN 978-3-964260-40-6

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Teil 1

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Teil 2

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Teil 1


Viel weiß der Weise, sieht weit voraus,

Der Welt Untergang, der Asen Fall.

Kapitel 1


Mara war froh, dass keiner ihrer Schulkameraden sie so sehen konnte. Vor allem nicht Larissa aus ihrer Klasse. Wenn die hier plötzlich am Isarhochufer aufgetaucht wäre … Megapeinlich!

Mara blickte sich um. Nur zur Sicherheit, man konnte ja nie wissen. Aber außer ihr selbst, ihrer Mutter und den Schreckschrauben war niemand zu sehen. Das war gut so – aber gleichzeitig auch das einzig Gute an dieser Situation. Der Rest war einfach nur fürchterlich.

Wenn Larissa sie so gesehen hätte, hätte sie auf Mara gezeigt und dann wieder dieses blöde Geräusch gemacht, das sie immer von sich gab, bevor sie lachte. So eine Art Knacks-Geräusch, das irgendwo aus ihrer Nase kam. Aber die Lache danach, die war am schlimmsten. Niemand lachte wie Larissa. In der Hölle wäre Larissas Lachen der Wecker.

Blödsinn!, zwang sich Mara im selben Moment zu denken. Larissa war einfach nur eine hohle Nuss, und die Hölle existierte entweder gar nicht oder Mara war schon mittendrin, denn schlimmer konnte es ja wohl nicht mehr werden.

Sie stand auf, streckte sich ein wenig und seufzte leise. Anscheinend war aber selbst das schon zu laut, denn sofort spürte sie die vorwurfsvollen Blicke von zehn Augenpaaren wie Nadelstiche in ihrem Rücken. Die Schreckschrauben fühlten sich offensichtlich in ihrer Konzentration gestört. Also seufzte Mara noch einmal hörbar, um zu zeigen, dass sie sich nicht so leicht einschüchtern ließ, klopfte demonstrativ ein paar Steinchen von der Jeans, zog ihr verwaschenes T-Shirt zurecht und kauerte sich dann doch wieder folgsam vor diesen blöden Baum. So wie alle anderen. Oh Mann, wie peinlich!

Larissa hätte sicher gleich mit dem Handy ein Foto gemacht und es hysterisch lachend überall rumgezeigt. Wenn Larissa lachte, drehten sich jedes Mal alle achthundert Schüler der Pestalozzi-Schule im Pausenhof um. Schließlich wollte man sehen, wer diesmal vor ihrem höhnisch ausgestreckten Zeigefinger stand. Mit dem bohrte sie einem einen zweiten Nabel in den Bauch, damit sich die Lache ungehindert im ganzen Körper ausbreiten und einem die Knie in schwabbeligen Bampf verwandeln konnte. Mara zwang sich dazu, das Bild aus ihrem Kopf zu vertreiben, wie sie vor Larissas Finger einknickte und zerlief wie ein Schokoladen-Osterhase auf der Herdplatte. Quatsch!

Sie blickte sich wieder um. Warum hatte Mama sie nur hierhergeschleppt! Und das ausgerechnet am Samstag! Was hätte man bei diesem wunderschönen, sonnigen Wetter doch alles unternehmen können! Zum Beispiel zu Hause bleiben, die Rollläden runterziehen, sich ins Bett legen und unter der Bettdecke Musik hören! Aber nein, Mama musste sie ja mal wieder zu einem dieser sogenannten »Seminare« ihrer Frauengruppe mitschleifen. Und Mara hasste diese Seminare fast so sehr wie …

… da war sie schon wieder: Larissa. Normalerweise ärgerte sich Mara darüber, dass diese blöde Kuh in ihren Gedanken so viel Platz einnahm. Aber im Moment war sie froh, etwas zu haben, worüber sie brüten konnte. Sonst wäre sie wahrscheinlich vor Langeweile gestorben. Sie saß jetzt schon geschlagene vier Stunden vor diesem blöden Baum und seit zwei Stunden tat ihr auch noch der Rücken weh! Damit hatte Mama echt den Bogen überspannt!

Mara war jedes Mal aufs Neue erstaunt, mit was für einem Unsinn man sein Wochenende vergeuden konnte. Das »Erdmutter-Seminar« vor drei Wochen war schon ziemlich dämlich gewesen und Mara erinnerte sich mit Schaudern an die Berge von Rindenmulch aus dem Baumarkt, mit denen sie sich alle gegenseitig zudecken mussten, um »eins zu werden mit dem Mutterboden«. Wenn es so was wie eine Erdmutter wirklich gab, hatte sie sich an diesem Tag sicher großartig amüsiert. Heute jedoch hätte sich die Erdmutter vermutlich einfach nur kopfschüttelnd abgewendet. Denn nichts auf der Welt war so unfassbar hirnrissig wie: eine Baum-Audienz!

Nur ein paar Meter von ihr entfernt hielt eine schreckschraubige Dame mit weißem Spitzenkragen, die längst nicht so alt war, wie ihre Klamotten sie aussehen ließen, einen Baum mit beiden Armen umschlungen und die Augen geschlossen. Dabei bewegten sich unentwegt ihre Lippen, und Mara wusste, was diese Frau seit Stunden lautlos vor sich hin brabbelte. Es war der Satz, den die sogenannte Seminarleiterin ihnen allen vor ein paar Stunden vorgesagt hatte und den sie an einen von ihnen ausgewählten Baum richten sollten.

Er lautete: Willst du mit mir sprechen?

Und sie, Mara, vierzehn Jahre und genervt, saß mitten zwischen diesen Bekloppten und fühlte sich so deplatziert wie ein Pinguin beim Beachvolleyball. Und nur ein paar Meter weiter saß ihre Mama vor einem weiteren Baum und machte einen besonders vergeistigten Eindruck. Mara wusste, dass ihre Mutter sich gerade mal wieder unglaublich viel Mühe gab, alles richtig zu machen, und hinterher in den höchsten Tönen von dem Seminar schwärmen würde. Das musste sie ja auch, wenn sie nicht zugeben wollte, dass sie siebzig Euro dafür bezahlt hatte, drei Stunden lang sinnlos vor einem Baum zu sitzen.

Die hohle Nuss Larissa war natürlich nicht schuld daran, dass Mama sie hierhergeschleppt hatte – das war Mara klar. Aber irgendwo musste die brodelnde Wut über ihre selten dämliche Situation ja hin. Und mit Larissa traf es ganz sicher nicht die Falsche! Schließlich war Larissa ein Monster, und die waren bekanntlich hart im Nehmen. Wieder drängte sich ein Bild mit vollem Ellenbogeneinsatz in Maras Gedanken: Sie sah vor ihrem geistigen Auge, wie ein haushohes Larissamonster mit brüllender Lache über den Schulhof wankte und dabei alles unter seinen Füßen zermalmte. Büsche, Bänke, Fünftklässler …

Schluss damit! Mara schüttelte sich, um die Bilder aus ihrem Kopf zu vertreiben. Ja, sie war mit einer blühenden Fantasie gesegnet, aber Mara hasste jede Sekunde, die sie mit diesen albernen Tagträumen vergeudete. Die waren schließlich der Grund, warum man sie in der Schule so hänselte! Wenn Mara mal wieder in einen ihrer Träume versank, bekam sie rundherum einfach nichts mehr mit. Und das Schlimmste war, dass man es ihr auch noch sehr deutlich ansah. So wusste zum Beispiel der blöde Basti von der Bank hinter ihr ganz genau, wann er ihr wieder irgendwelche Papiergebilde in die Haare stecken konnte, ohne dass sie es bemerkte. Mara bemerkte auch nicht, wenn man ihren Schulranzen heimlich mit Steinen aus dem Pausenhof auffüllte oder ihren Füller an der Unterseite dick mit Lippenstift beschmierte. Das fiel ihr alles meistens erst später auf, wenn der Gong sie aus ihrem Tagtraum riss und sie ein paar Minuten später unter dem Gelächter von Larissa und ihrer Clique die Steine aus ihrem Ranzen sortierte und dabei überall rote Flecken hinterließ, während ihr laufend Papierkügelchen aus den Haaren purzelten.

Und das alles passierte ausgerechnet ihr, wo sie sich doch immer so viel Mühe gab, nicht aufzufallen! Mara war eigentlich die Art Mädchen, die man im Schulhof nicht bemerkte, und das war ihr auch bisher ganz recht so gewesen. Ihr Aussehen hatte ihr dabei immer geholfen: Maras Nase war weder zu groß noch zu klein, ihre Augen irgendwas zwischen grau und blau, die Haarfarbe irgendwo zwischen köterbraun und dunkelblond und außerdem war sie weder groß noch klein, noch dick oder dünn oder sonst wie besonders.

Doch dann war eines Tages Lästerqueen Larissa an die Schule gekommen und hatte sich aus der Menge der Unscheinbaren ausgerechnet Mara als Opfer herausgepickt. Und mit ihr schwenkte sich auch die gesamte Klasse auf sie ein wie ein Geschützturm.

Manchmal kam Mara sich vor wie ein Gecko in einem viel zu kleinen Terrarium, der tagaus, tagein angestarrt wurde und nichts anderes tun konnte, als zurückzustarren. Und schuld daran waren nur ihre Tagträume … und natürlich Larissa, diese blöde Kuh.

Apropos blöde Kuh. Diese altmodische, aber schön griffige Bezeichnung passte auch wie die Faust aufs Auge auf die meisten Mitglieder von Mamas komischer Frauengruppe. Die ganz schlimmen waren blöde Kühe, die weniger schlimmen waren nur blöd und die harmlosen waren nur Kühe. Ihnen allen gemeinsam war ein bestenfalls »fluffig« zu nennender Kleidungsstil sowie die Fähigkeit, sich allem zu verschließen, was man mit dem Begriff »Realität« bezeichnete. Und natürlich der selbst gewählte Name ihrer Gruppe. Sie nannten sich stolz die »Wiccas von der Au«.

Wicca war angeblich ein altenglischer Begriff für Hexe, aber Mama wurde immer sauer, wenn Mara sie fragte, ob sie wieder zu ihrer Hexengruppe ging. Denn laut Mama waren ihre Wiccas »ein Zusammenschluss weiser und starker Frauen, die wissen, worum es in der Welt wirklich geht«. Für Mara hingegen waren sie »ein Zusammenschluss weichkeksiger Schabracken, die von der Welt überfordert sind und sich darum eine eigene bauen«. Das hatte Mara ihrer Mutter allerdings noch nie so gesagt, denn sie konnte sich noch gut daran erinnern, was passiert war, als Papa das einmal so ähnlich ausgedrückt hatte. Jetzt lebte er in Berlin und Mara hatte seit einem halben Jahr nicht mal mehr mit ihm telefoniert. Doch war sie ehrlich gesagt kurz davor, ihrer Mutter zu sagen, was sie von diesem ganzen Wicca-Zirkus hielt!

Was bitte erwarteten sich die Schwurbelhexen von diesem »Seminar«? Dass ihnen ein Baum die Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest gab? Warum glaubten die Wiccas von der Au eigentlich immer, dass alles, was alt und stumm war, gleichzeitig auch unglaublich weise sein musste und nur darauf wartete, sein Wissen ausgerechnet mit ihnen zu teilen? Wenn Bäume sprechen könnten und irgendwas mitzuteilen hätten, dann hätten sie das ja wohl schon längst getan, oder nicht?

Wieder formte sich urplötzlich ein Bild in Maras Kopf: Sie sah einen mittelgroßen Apfelbaum, der an einem Rednerpult stand, und vor ihm eine Schar von Reportern, die ihn mit Fragen bestürmten. Der Baum winkte mit einem Ast ab und sagte: »Wir werden uns mit diesen Fragen zu gegebener Zeit beschäftigen, aber bitte haben Sie Verständnis, dass ich dazu im Moment wenig sagen kann.«

NEIN. Mara drückte die skurrile Szene zu einem kleinen Knäuel zusammen und warf sie in Gedanken ganz weit weg. Oh, wie sie dieses Kopfkino hasste! Ihre Gedanken waren eh schon voll mit Mama, Papa, Schule, Larissa und dem Rest der Welt! Oh ja, Mara hatte wirklich schon genug mit der Realität zu kämpfen und heute war es ein besonders harter Kampf.

Sie sah zu ihrer Mutter hinüber. Die war zu Maras namenlosem Entsetzen gerade dazu übergegangen, zur Verstärkung des Gesprächsangebots an ihren Baum ein paar Yogaübungen mit einfließen zu lassen.

Mama, bitte nicht, dachte Mara. Aber da war es bereits zu spät. Die nackten Füße ihrer Mutter reckten sich hoffnungsvoll nach dem untersten Zweig des Baumes.

Das hatte zwei Effekte. Effekt eins: Der Baum war jetzt garantiert so peinlich berührt, dass er nie wieder zu irgendwem oder irgendwas sprechen würde. Effekt zwei bestand aus zehn Augenpaaren, die sich allesamt von ihren Bäumen ab- und Maras Mutter zuwendeten.

Und da kam die Seminarleiterin auch schon angeflattert in ihrem komischen Kleid, das aus mehreren Schichten bunt bedruckter Seidentücher zu bestehen schien. Dazu klapperte die doppelt gelegte Bernsteinkette um ihren Hals, als wäre die ganze Frau eine Rassel für Riesenbabys. Sie klapperte an Mara vorbei zu Mama und kam gerade noch rechtzeitig, um mit anzusehen, wie diese bei dem Versuch, sich vor dem Baum in eine Kerze zu stemmen, abrutschte und mit einem ihrer typischen, unterdrückten Quietscher seitlich in die Büsche fiel.

»Du liebe Zeit, Frau Lorbeer, ist Ihnen was passiert?«, näselte die Flatterfrau und klang dabei, als würde sie mit einem Kindergartenkind sprechen. Das war allerdings nichts Besonderes, denn so sprach sie mit allen Anwesenden – außer mit Mara, denn mit Mara sprach sie eigentlich gar nicht. Vielleicht weil die Flatterfrau wusste, dass Mara sie durchschaut hatte, mitsamt ihrem ganzen Räucherstäbchen-Blabla. Vielleicht aber auch, weil sie Mara keines Wortes wert befand. Was auch immer der Grund war, Mara war einfach nur froh, dass man sie in Ruhe ließ.

Jetzt war die Flatterfrau gerade damit beschäftigt, Mama aus dem Gebüsch zu befreien. Das stellte sich aufgrund des massiven Seidentuchaufkommens als ziemlich schwierig heraus, da sich die Tücher laufend in den Ästen verfingen. Mara stand auf und half, ihre Mutter wieder auf die Beine zu stellen.

Der schien das alles gar nicht peinlich zu sein. Mama kicherte nur die ganze Zeit. Bemerkte sie denn nicht, wie albern sie gerade wirkte? Hatte sie denn gar kein Schamgefühl? Natürlich nicht, denn sonst wären sie gar nicht erst hierhergekommen.

Okay, Mara hatte ihre Mutter schon viele dämliche Dinge tun sehen, aber das hier kam auf jeden Fall in die Top 3. Auf Platz Nummer 2 war die kleine »Energy-Vital-Pyramide« aus Kupferdraht, die angeblich dafür sorgte, dass Äpfel im Obstkorb länger frisch blieben. Und Nummer 1 war Mara so peinlich, dass sie sich zwingen musste, nicht daran zu denken. Die Flatterfrau erklärte den Teilnehmern, dass nun leider die Konzentration empfindlich gestört war und es auch den Bäumen nicht zuzumuten sei, wieder von vorne zu beginnen. Ein paar der Wiccas murrten unwirsch, so als hätte man sie gerade in einem anregenden Gespräch mit ihrem Baum unterbrochen. Nach Maras Einschätzung traf wohl eher das Gegenteil zu, aber das würde natürlich keine der Wiccas zugeben. Dafür würden sie etwas von Energien schwafeln und von Schwingungen, die sie gespürt hatten, und dazu wurde sehr viel wissend genickt. Wie immer eben.

Eine halbe Stunde später saß Mara neben ihrer Mutter im Bus nach Hause und versuchte, Mama einen Zweig mit Blättern aus den zerzausten Haaren zu zupfen.

»Mara, bitte! Was soll denn das?«, zischte ihre Mutter, wedelte mit der Hand, als wollte sie ein Insekt verscheuchen, und lächelte dann den Mann gegenüber entschuldigend an. Der lächelte nicht zurück, denn er starrte nach wie vor auf den Zweig in Mamas Haaren, dessen Blätter bei jeder Bodenwelle vor sich hin zitterten. Nur weil Mara den Blicken des Mannes gefolgt war, hatte sie den Zweig in den Haaren überhaupt entdeckt, und jetzt durfte sie ihn also nicht herausziehen. Na gut, dann eben nicht.

Mara setzte ihr »Ich bin nicht die Tochter dieser fremden Frau«-Gesicht auf und wartete mit leerem Blick, bis die erlösende Haltestelle von der seltsam toten Stimme angesagt wurde, die man seit ein paar Jahren anstelle der Stimme des Busfahrers aushalten musste. Ihr war das schlecht gelaunte Genuschel des Busfahrers irgendwie lieber gewesen. Sofort ploppte wieder ein Bild in Maras Gedanken auf: Sie sah, wie der Bus, nur von der toten Stimme gesteuert, rücksichtslos die programmierten Stationen abfährt – immer darauf bedacht, im Zeitplan zu bleiben und keinesfalls wertvolle Sekunden zu verlieren. Und da rollt plötzlich der Ball eines spielenden Jungen auf die Fahrbahn und …

NEIN! Mara schüttelte die Bilder von sich und fasste einen Entschluss: Keine. Tagträume. Mehr. Nie wieder!

An diesem völlig verkorksten Samstag würde Mara ihr Leben ändern! Ab heute würde sie nie wieder abwesend und mit entrücktem Blick in der Klasse sitzen. Sie würde niemandem mehr die Gelegenheit geben, ihre Frisur mit Papierschiffchen zu dekorieren. Und selbst Larissa würde nichts mehr an ihr finden, über das man lachen konnte. Ab heute würde Mara das normalste Mädchen der Welt sein. Durchschnitt! Unauffällig! Nichts Besonderes. Einfach nur Mara Lorbeer, Schülerin. Auf Wiedersehen, Traumwelt. Guten Tag, Realität. So. Leben geändert, fertig.

Am liebsten hätte Mara ganz laut geseufzt. Das war ja ganz einfach!, dachte sie und fühlte sich von einer Sekunde auf die andere richtig befreit. Fast hätte sie sogar gelächelt, als sie hinter ihrer Mutter an der Haltestelle Mariahilfstraße aus dem Bus stieg. Trotzdem ließ sie sich auf dem Gehweg ein paar Meter hinter ihre Mutter zurückfallen, denn der Zweig in Mamas Haaren schien allen Passanten im Rhythmus der Schritte freundlich zuzuwinken.

Na und, sollte sich Mama doch weiter zum Gespött der Leute machen und mit den Wiccas von der Au jeden Samstag im Kompost rollen, Bäume bequatschen oder zu schrägem Geflöte und rhythmuslosem Getrommel ungelenk durch den Wald hopsen! Ab heute würde Mama das ohne ihre Tochter tun, und wenn sie sich auf den Kopf stellte! Also, noch mal auf den Kopf stellte. Oder was auch immer.

Mama wusste natürlich, dass Mara der ganzen Wicca-Nummer äußerst skeptisch gegenüberstand.

»Du hältst mich für verrückt, ich weiß«, sagte sie immer. »Dein Vater hat das auch gedacht, und er denkt es bestimmt noch heute. Aber das ist mir egal! Denn eines Tages wirst du vor mir stehen und mir dafür danken, dass ich dir die Augen geöffnet habe. Und ich hoffe, dass du ihm dann ausrichtest, dass er einen großen Fehler gemacht hat. Nur weil ihr euch nicht vorstellen könnt, dass es mehr gibt als dieses Leben, so wie ihr es kennt und gern hättet, heißt das noch lange nicht, dass das unbedingt so sein muss!«

Tja, dachte Mara. Aber der Baum hat dir nun mal nicht geantwortet. Denn ich als deine unauffällige, vernünftige, tagtraumlose und äußerst realistisch veranlagte Tochter kann dir hiermit versichern: Pflanzen. Sprechen. Nicht.

»Das würde ich so nicht sagen«, sprach der Zweig auf dem Kopf ihrer Mutter und Maras Welt veränderte sich.


Kapitel 2


Mara gehörte nicht zu der Sorte Mädchen, die leicht zu schocken waren. Es war ihr immer schon wichtig gewesen, auf plötzliche Geräusche, Geschrei oder die Erwähnung von Nagetieren im näheren Umfeld hin einfach cool bleiben zu können.

Ja, Mara hatte sich meistens verdammt gut unter Kontrolle. Nein, sie war kein Mädchen, das kreischend und mit den Armen rudernd auf und ab rannte.

Im Augenblick aber starrte Mara mit einem selten dümmlichen Gesichtsausdruck auf den Zweig in den Haaren ihrer Mutter und die Möglichkeit, kreischend die Straße auf und ab zu laufen und dabei mit den Armen zu rudern, erschien ihr als eine interessante Alternative.

Hatte sie gerade doch wieder einen Tagtraum gehabt? Ein sprechender Zweig, ja, das wäre typisch für sie. Klar, das musste es gewesen sein, sie war einfach nur noch mal kurz rückfällig geworden. Das konnte schon mal passieren, wenn man sich so von jetzt auf gleich total umkrempelte. Und ein Tagtraum musste es auf jeden Fall gewesen sein, denn schließlich sprach der Zweig jetzt kein Wort mehr.

»Was soll ich denn auch sagen?«, antwortete der Zweig und Mara wäre vor Schreck fast gegen eine Laterne gerannt. »Aber falls es dich beruhigt, ich bin auf jeden Fall kein Traum.«

Aha, so ist das also, wenn man durchdreht. Man hört Zweige sprechen!, dachte Mara und eine seltsame Ruhe breitete sich in ihr aus.

Was machte man in so einem Fall? Vielleicht die Situation ausnutzen und irgendwas anstellen, was man immer schon machen wollte, sich aber bisher nie getraut hatte?

Klar, warum nicht, denn jetzt kann ich es ja auf meine Geisteskrankheit schieben! Hey, ich höre Pflanzen sprechen, also bin ich ja wohl ganz eindeutig bekloppt, und solche Leute bekommen doch vor Gericht ganz oft mildernde Umstände!, dachte Mara und bemerkte ihr eigenes merkwürdiges Lächeln nicht.

Ja, das war ein guter Plan: Sie würde völlig durchdrehen, Larissa mit einem Langhaarschneider auflauern, ihr gewaltsam eine Glatze rasieren und sich danach einfach in die Klapse einweisen lassen. Super, dann hatte der Wahnsinn wenigstens noch was Gutes!

»Wenn ich vielleicht etwas vorschlagen dürfte«, kam es nun wieder von dem Zweig. »Ich würde sagen, dass du versuchst, irgendwie an mich ranzukommen, und wir suchen uns ein stilles Eckchen. Ich muss dir nämlich ein paar sehr wichtige Dinge erzählen, Mara Lorbeer. Du bist doch Mara Lorbeer, oder?«

Huii, der sprechende Zweig kannte ihren Namen. Was denn, natürlich kennt er den!, dachte Mara sofort, denn schließlich handelte es sich dabei ja um eine Wahnvorstellung in ihrem eigenen Kopf. Und diese Wahnvorstellung hatte natürlich auch alle Informationen zur Verfügung, die in Maras Kopf gespeichert waren – somit auch Maras Namen.

Ich sollte mich wohl beeilen mit der Glatzen-Idee, überlegte Mara, bevor ich so bekloppt werde, dass ich den Langhaarschneider nicht mehr von einer Zucchini unterscheiden kann und versuche, mit einem Gemüse, das nach nichts schmeckt, Larissa den Kopf zu rasieren!

»Hör auf damit!«, rief der Zweig und Mara schaute wieder zu ihm auf. »Du bist nicht verrückt, das musst du mir jetzt einfach glauben! Ich kann dir später alles erklären, aber jetzt musst du erst einmal aufhören mit diesem Unsinn! Bitte nicke einmal, wenn du einverstanden bist.«

Mara nickte. Was hätte sie auch sonst tun sollen, denn offensichtlich konnte der Zweig ihre Gedanken lesen. War das der Grund, warum sonst niemand seine Stimme zu hören schien? Weil er irgendwie in Maras Kopf sprach? Oder war das noch ein weiterer Beweis dafür, dass Mara jetzt verrückt geworden war? Verrückte Menschen hörten doch auch Stimmen, wo keine waren …

Und während Mara noch darüber nachdachte, was ihre nächsten Schritte sein würden, machten ihre Beine von alleine eben diese und trugen sie hinter Mama her durch die Haustür und die paar Treppen hinauf zu ihrer Wohnung im Erdgeschoss.

»Also, was ist denn das?«, entfuhr es Maras Mutter, als sie sich im Spiegel neben den Garderobenhaken musterte und dann mit vorwurfsvollem Blick den Zweig aus ihrer Frisur zupfte. »Du hättest mir ja mal sagen können, dass ich den ganzen Weg hierher ausgesehen habe wie die Hottentotten!«

Unter normalen Umständen hätte Mara vielleicht mit ihrer Mutter diskutiert, ob man mit nur einem einzigen Zweig im Haar schon aussah wie ein ganzer afrikanischer Volksstamm, der im Übrigen sicher völlig zu Unrecht als Sinnbild für Chaos und Unordnung gilt. Aber im Moment interessierte Mara nur eines: Sie musste unbedingt den Zweig wieder aus dem Müll fischen, ohne dass ihre Mutter es bemerkte.

Nur 52 Sekunden später saß Mara schon an ihrem Schreibtisch und musterte den Zweig, der nun vor ihr in einem Stiftebehälter stand. Von ihrem Platz hatte Mara einen Blick in den Hinterhof und auf die große Esche, die zwar wenig Sonnenlicht in ihr Zimmer ließ, aber dafür vor den Blicken der Nachbarn schützte. Mara schaute auf den Zweig und irgendwie schaute der Zweig auch auf Mara, aber keiner sagte das erste Wort.

Hatte sie sich das Ganze doch nur eingebildet? Oder sah es tatsächlich so aus, als würde der Zweig gerade ihr Zimmer inspizieren?

Von seinem Platz auf dem Schreibtisch konnte er immerhin an ihr vorbei den ganzen Raum überblicken und plötzlich war Mara ihr alter Hello-Kitty-Bettbezug unangenehm. Eigentlich mochte sie den ganz gerne, aber nicht, wenn Besuch da war.

Links neben dem Bett stand Maras klappriger Kleiderschrank, rechts davon ein kurzes Wandregal mit Büchern und neben dem Regal kam auch schon die Tür. Mehr passte in das kleine Zimmer beim besten Willen nicht hinein – zumindest nicht, wenn man irgendwo noch eine Mara unterbringen wollte.

An allen Wänden und sogar an der Decke klebten Poster der Beatles. Mara war ein großer Beatles-Fan. Ganz besonders von Ringo, dem Schlagzeuger, denn der wirkte irgendwie immer gut gelaunt und auch ansonsten so ganz anders als Mara selbst. Außerdem hatte Ringo eine deutlich dickere Nase. Kannten Zweige die Beatles? Konnte man die Beatles nicht kennen? Machten Zweige Musik? Hilfe!

Mara hielt es einfach nicht mehr aus.

»Hast du jetzt gesprochen oder hab ich mir das nur eingebildet?«

Der Zweig blickte sie an, als wolle er sagen: »Das ist eine alberne Frage.«

»Das ist eine alberne Frage«, sagte der Zweig und es passte gut zu seinem Blick.

Seine weiche, volltönende Stimme klang wie die eines erwachsenen Mannes, obwohl er gar nicht so alt wirkte. Aber das war bei Zweigen vermutlich etwas anders. Die bekamen ja auch keine grauen Haare und fanden auch nicht automatisch alles besser, was es seit mindestens zwanzig Jahren nicht mehr gab.

»Entschuldigung«, murmelte Mara.

»Schon in Ordnung«, sagte der Zweig. »Aber du solltest wissen, dass wir für so etwas leider keine Zeit haben. Genau genommen, haben wir höchstens noch vier bis fünf Stunden.«

Mara blickte den Zweig so verständnislos an, wie man einen Zweig nur anblicken konnte, der Dinge sagte, die man nicht verstand.

Der Zweig machte ein Geräusch, das wie ein Seufzer klang, und dabei schienen seine Blätter leise zu flattern.

»Gut, dann stell dir mal einen Zweig vor, der mehr als ein paar Stunden von seinem Baum getrennt ist.«

»Ah! Oh! Äh … soll ich dir vielleicht ein Glas Wasser holen?«, schlug Mara vor.

»Das wäre wirklich nett von dir«, antwortete der Zweig in einem im wahrsten Sinne des Wortes trockenen Tonfall.

Mara sprang so hektisch von ihrem Stuhl auf, dass der fast nach hinten umgefallen wäre, und nur 21 Sekunden später fand sich der Zweig in einem wohltemperierten Wasserglas wieder.

»Ah … schon viel besser!«, sagte er und irgendwie drängte sich Mara der Vergleich zu einer Badewanne auf, als sich ihr Gast in dem Glas wohlig räkelte. Oder war das nur ein Luftzug gewesen?

Aber Mara wollte darüber gar nicht weiter nachdenken, denn sie hatte ganz andere Fragen zu klären: »Was meintest du denn damit, dass wir keine Zeit haben? Für was denn?«

»Nun, ich muss dir ein paar Dinge erklären, und du musst erst mal gar nichts machen, außer gut zuzuhören …«

Mara wollte gerade nachfragen, was der Zweig mit erst mal meinte, als sich überraschend die Tür zu ihrem Zimmer öffnete.

»Sprichst du mit irgendwem?«, fragte Maras Mutter und sah sich suchend im Zimmer um.

Mara sprang auf und hätte dabei fast das Wasserglas umgeworfen.

»Nein, nein, ich meine … na ja, fast … ich übe für … für das Schultheater!«, stotterte Mara, die nicht im Schultheater war.

Das Gesicht von Maras Mutter erhellte sich schlagartig: »Du bist im Schultheater? Aber das ist ja großartig! Warum hast du mir das denn nicht erzählt?«

»Ämpf«, machte Mara und fragte sich im selben Moment, was sie eigentlich hatte sagen wollen.

Doch ihre Mutter lächelte sie an: »Ach, ist schon gut. Solange es das einzige Geheimnis ist, das du vor mir hast, mache ich mir keine Sorgen, haha!«

»Ja. Haha. Ha«, sprach Mara und wusste, dass man sie so im Schultheater gleich wieder gefeuert hätte.

Aber ihrer Mutter fiel das genauso wenig auf, wie ihr ja auch ansonsten nicht so viel auffiel. Also zog sie sich Mama-mäßig lächelnd zurück und die Tür hinter sich zu.

»Ist ja leicht zu überzeugen, deine Mutter«, bemerkte der Zweig.

»Meine Mama geht dich gar nix an!«, zischte Mara schärfer, als sie beabsichtigt hatte.

Wie sie selbst über ihre Mutter dachte, war ganz allein ihre Sache. Andere hatten gefälligst nicht über Mama herzuziehen, und das galt auch für sprechende Pflanzen.

»Schon gut«, antwortete der Zweig. »Tut mir leid. Setz dich bitte wieder hin.«

Mara, die es hasste, wenn man sie herumkommandierte, setzte sich wieder hin, und der Zweig sprach weiter: »Vielen Dank. Nun ja, eigentlich war das alles ein bisschen anders geplant. Aber dummerweise habe ich den Wind falsch eingeschätzt und bin statt auf deinem Kopf neben deiner Mama auf dem Boden gelandet. Aber dafür haben die anderen sich alle richtig angestrengt und deiner Mutter eingeflüstert, dass sie sich mal eben auf den Kopf stellen soll. Na gut, eingeflüstert trifft es nicht so ganz. Eingeschrien wäre vielleicht eine passendere Umschreibung. Um genau zu sein: Mehrere tausend Zweige haben sich gleichzeitig wundgebrüllt, und nach einer geschlagenen Stunde hat deine Mutter endlich reagiert. Es scheint, als wäre sie nicht gerade die beste Zuhörerin, wenn du verstehst, was ich meine!«

Mara verstand so was von dermaßen gut, dass sie genau deswegen darüber kein Wort verlieren wollte. Trotzdem hakte sie noch einmal nach: »Du willst mir gerade erklären, die anderen Zweige haben meine Mutter … angeschrien, dass sie einen Kopfstand machen soll, weil du auf dem Boden lagst und in ihre Haare wolltest?«

»Ganz genau.« Der Zweig klang belustigt. »Aber keine Sorge, deine Mama denkt natürlich, dass es ganz allein ihre Idee war, und vermutlich ist sie sogar stolz darauf. Hat auf jeden Fall für Aufmerksamkeit gesorgt unter deinen Freundinnen, oder?«

»Kann man so sagen«, murmelte Mara. »Und das sind nicht meine Freundinnen, sondern die von meiner Mutter.«

»Gut, dann wäre das geklärt«, sagte der Zweig in geschäftigem Tonfall und fuhr ebenso zielstrebig fort: »Du bemerkst, ich versuche all deine ersten Fragen möglichst schnell zu beantworten, damit wir bald zum Wesentlichen kommen können. Und somit nehme ich an, dass du dich als Nächstes fragst, warum Pflanzen überhaupt sprechen. Antwort: Pflanzen sprechen nicht. Pflanzen denken. Stell dir einfach vor, wir könnten so laut denken, dass du es in deinem Kopf hören kannst. So, als würdest du in einem See stehen und die Wellen spüren, weil jemand irgendwo weiter weg einen Stein ins Wasser geworfen hat. Du hörst nicht das Platschen, aber du spürst die Wellen, verstehst du?«

Mara nickte stumm. Was hätte sie auch sonst tun sollen?

»Fein. Weiter«, sagte der Zweig und wirkte zunehmend in Eile. »Jetzt ist deine nächste Frage natürlich, ob Bäume auch sprechen können, und die Antwort ist ebenso natürlich: Ja! Nur sprechen die Bäume so verdammt langsam, dass man davon nicht mehr mitkriegt als eine Art Brummeln. Der Baum, von dem ich stamme, zum Beispiel, der hat vor 34 Jahren angefangen, dem Baum rechts von ihm zum 200-jährigen Geburtstag zu gratulieren. Aber wenn er dann endlich mit der Gratulation fertig ist, kann er gleich wieder von vorne anfangen, weil es dann Zeit ist fürs 450-jährige Jubiläum.«

Mara hatte ein Gesicht aufgesetzt, das man bestenfalls als überforderte Verwirrtheit bezeichnen konnte.

»Und mach ja nicht den Fehler, einen Baum unterbrechen zu wollen!«, sagte der Zweig gerade. »Denn dann dauert es noch länger – weil er zwischendrin noch drum bittet, ihn doch höflicherweise erst mal ausreden zu lassen, bevor er dann genau da weitermacht, wo man ihn unterbrochen hat. Diesen Fehler machst du genau ein einziges Mal!« Der Zweig kicherte und Mara konnte nicht anders, sie musste auch grinsen. »Na ja, irgendwann hat man sich gewöhnt an das dauernde Gebrumme der Bäume, ich hör’s schon gar nicht mehr. Manchmal denk ich mir, es wäre fast angenehmer, ein Mensch zu sein, weil ihr euch das alles nicht mit anhören müsst. Was uns, und hier bitte die elegante Überleitung beachten, zurück zu dir bringt, Mara … vorausgesetzt, du bist jetzt ein bisschen entspannter?«

Aha, das war also der Grund gewesen für den Smalltalk über die Baumsprache!, dachte Mara und fand, dass das den Zweig irgendwie sympathisch machte. Doch bevor sie darüber nachgrübeln konnte, dass sie gerade einen Zweig als sympathisch bezeichnet hatte, sprach dieser weiter und zog das Tempo wieder an: »Also, du bist nicht verrückt und ich bin auch kein Traum oder so was Ähnliches. Du hörst mich, und du verstehst mich, und es gibt nicht mehr viele Menschen von deiner Sorte. Ehrlich gesagt, sieht es ganz danach aus, als wärst du die Letzte, die das kann. War wohl irgendwann bei euch nicht mehr so populär, mit Pflanzen zu sprechen.«

»Aber das verstehe ich nicht!« Mara konnte nicht anders, sie musste den Zweig unterbrechen. »Ich meine, ich verstehe eigentlich das meiste nicht von dem, was du sagst, aber das verstehe ich erst recht nicht! Heute saßen diese ganzen Schreckschrauben aus dem Kurs von der Flatterfrau vor euch, und ihr habt kein Wort gesagt, obwohl die drei Stunden lang drum gebettelt haben!«

Können Zweige grinsen? Wenn ja, dann tat ihr Zweig das jetzt.

»Du meinst, einmal abgesehen davon, dass Menschen wie diese meistens nur sich selbst hören, und das in voller Lautstärke? Nein, Mara, wir Pflanzen sprechen nur zu euch Menschen, wenn wir etwas mitzuteilen haben. Das war schon immer so. Und ich muss mich jetzt trotz Wasserglas mal ein bisschen beeilen, denn man hat mir eine Menge aufgetragen, was ich dir erzählen muss.«

Doch Mara unterbrach ihn schon wieder: »Wer? Wer hat dir das aufgetragen? Und warum erzählt er mir das nicht einfach selbst?«

Der Zweig klang jetzt zum ersten Mal etwas unsicher: »Das weiß ich nicht. Ich kann dir nur sagen, dass uns allen heute Morgen bei Sonnenaufgang plötzlich klar war, was wir zu tun hatten und was ich zu sagen habe.«

Der Zweig schwieg einen Moment, als würde er nachdenken.

»Komisch eigentlich, ich könnte schwören, dass ich mir gestern über kaum mehr Gedanken gemacht habe als über ein paar Blattläuse«, sagte er. »Aber was soll’s, es ist, wie es ist, und wer auch immer wollte, dass ich dir was ausrichte, soll nicht von mir enttäuscht werden. Also, jetzt pass auf, denn nun geht es um dich: Mara, du bist eine Spákona.«

Mara starrte den Zweig verständnislos an. »Was bin ich?«, fragte sie, und der Zweig wiederholte das Wort noch einmal sehr langsam und überdeutlich: »Spá-ko-na. Eine Spákona.«

Der Zweig hielt kurz inne.

»Du weißt nicht zufällig, was das bedeutet?«, fragte er, aber Maras Gesichtsausdruck machte eine Antwort überflüssig. Der Zweig seufzte. »Tja, dann sind wir schon zwei. Aber so hat man mir das aufgetragen. Du bist eine Spákona! Was immer es ist – du bist es. Herzlichen Glückwunsch. Oder Beileid. Oder beides. In jedem Fall bitte merken: Spákona!«

»Äh … ich … ich schreib’s mir auf«, stammelte Mara und schrieb das Wort ebenso gewissenhaft wie verwirrt mit Bleistift auf die vollgekritzelte Unterlage auf ihrem Schreibtisch. Dabei bemerkte sie, dass sie über das a einen kleinen Strich gemacht hatte, obwohl sie dieses ungewöhnliche Detail niemals so aus den Worten des Zweigs hätte heraushören können. Trotzdem hatte sie das seltsame Strichlein ebenso unbewusst mitgeschrieben, wie sie auch einen Punkt über ein i gesetzt hätte.

Dann sah sie wieder den Zweig an, und zwar mit dem Blick eines vier Meter großen, leuchtend rot blinkenden Fragezeichens, das jeden Moment in den schillerndsten Farben platzen und das gesamte Zimmer verwüsten würde, wenn nicht sofort irgendjemand erklärte, wer oder was eine Spákona war!!!

Falls der Zweig Maras fragenden Blick bemerkte, ließ er sich zumindest nichts anmerken. Stattdessen räusperte er sich geräuschvoll, um weiterzusprechen.

Mara ignorierte den Gedanken, dass der richtige Platz für Leute, die Zweige räuspern hörten, die Irrenanstalt war. Wenn dieses Gespräch zu nichts führte, konnte sie ja immer noch ihren Plan mit dem Langhaarschneider in die Tat umsetzen. Larissa würde ihr ja nicht weglaufen. Vorerst.

»Kommen wir jetzt zu dem wichtigsten Teil meiner Botschaft«, sprach der Zweig und Mara bemerkte, dass seine Stimme plötzlich einen sorgenvollen Unterton bekam. »Bitte leg deine Finger auf meine Blätter.«

Kurz dachte Mara darüber nach, was Larissa wohl sagen würde, wenn sie sie dabei erwischte, wie sie Händchen hielt mit einem Zweig. Doch da berührten ihre Finger auch schon seine Blätter, und etwas in Mara explodierte …


Kapitel 3


Später würde Mara einmal beschreiben, dass sich dieses erste Mal anfühlte, als wäre in ihrem Kopf ein Ballon geplatzt. Ein Ballon, den man nicht mit Luft, sondern mit Eindrücken aufgepumpt hatte: laut, verwirrend und vor allem sehr schmerzhaft!

Bilder, Gefühle und Geräusche prasselten so heftig auf Maras Bewusstsein ein, als wollten sie eine Schlacht um die Vorherrschaft in ihrem Gehirn gewinnen! Doch so einfach ließ Mara das nicht zu! Und das war der schmerzhafte Teil des Ganzen. Mit aller Kraft stemmte sie sich gegen diese Bilder und versuchte, sie aus ihrem Kopf zu vertreiben. Aber der Bildersturm bäumte sich nur noch mächtiger auf und warf sich mit all seiner flackernden, lärmenden Kraft gegen ihre schwindenden Barrieren. Mara warf vor Schmerz den Kopf in den Nacken und biss die Zähne zusammen, um nicht laut loszuschreien.

Doch der Sturm machte den gleichen Fehler wie Maras Mutter – er rechnete nicht mit Maras Trotz. Jajaja, sie hatte akzeptiert, dass ein Zweig mit ihr sprach, und sie hatte sogar geantwortet. Aber sie würde nicht zulassen, dass man dafür ihren Kopf mit noch mehr Wahnsinn flutete. Jetzt nicht und so schon gleich überhaupt nicht! Schließlich hatte sie doch vorhin erst beschlossen, endlich normal zu werden, und diesen Entschluss würde auch ein sprechender Zweig nicht rückgängig machen!

Wütend ignorierte Mara die Tatsache, dass der Bildersturm viel stärker war als sie, und stemmte sich urplötzlich mit ihrem gesamten vierzehnjährigen Trotz dagegen!

Aber da drang wie aus weiter Ferne und doch klar und verständlich eine bekannte Stimme zu ihr: »Was tust du da, Mara?«, und sie erkannte, dass es die Stimme des Zweiges war.

Es fiel ihr schwer, einen klaren Gedanken zu fassen, aber trotzdem schaffte sie es, vier Worte hervorzustoßen: »Aber … ich … hasse das!«

Daraufhin drang die Stimme des Zweiges nun noch eindringlicher zu ihr: »Tu das nicht!«

Doch Mara hatte sich bereits für das Gegenteil entschlossen und mobilisierte nun auch noch das letzte Fünkchen bockigen Widerwillens gegen die tosende Bilderflut!

Fast glaubte sie ein Plopp zu hören, als sie mit einem Mal wieder in ihrem Zimmer landete. Unsinn, warum denn wieder, dachte Mara. Ich bin doch gar nicht weg gewesen. Ich sitze schließlich immer noch an meinem Schreibtisch und …

Da bemerkte sie, dass sie genau das nicht tat. Stattdessen starrte sie auf ein Poster der Beatles, von dem sie wusste, dass es über ihrem Bett an der Decke hing. Sie sah sich um und stellte fest, dass sie tatsächlich in Rückenlage auf ihrem Bett gelandet war. Der Drehstuhl war umgefallen und die Tür zu ihrem Zimmer stand weit offen. Im Türrahmen stand Maras Mutter und starrte ihre Tochter an.

»Was … was tust du denn da, Mara? Hast du dir wehgetan?«

Mara sprang sofort auf, um den Eindruck zu vermitteln, dass alles in bester Ordnung war. Dabei wurde ihr augenblicklich schwarz vor Augen, aber sie schaffte es trotzdem, mit fester Stimme und möglichst beiläufig zu antworten: »Neinnein, haha, alles gut. Ich muss doch in unserem Theaterstück umfallen, weilweilweil jemand ein … eine … ein Skateboard auf der Bühne liegen gelassen hat, und ich spiele ja die Putzfrau, und die rutscht dann darauf aus.«

Und als Mara in das zweifelnde Gesicht ihrer Mutter blickte, fügte sie noch hinzu: »Das ist. Lustig. Haha.«

»Also ich weiß ja nicht, wie ich das finden soll, wenn die Lehrer euch so gefährliche Sachen machen lassen«, sagte Mama, und Mara wusste ganz genau, wie sie das meinte. Sie meinte damit eigentlich: »Da werd ich wohl mal wieder in der Schule anrufen und mich beschweren müssen.«

Und das war für Mara immer das Aller-Aller-Allerschlimmste! In diesem Fall kam noch hinzu, dass Mara gar nicht in der Theatergruppe war und dort auch ganz bestimmt kein Stück gespielt wurde, in dem irgendwer auf einem Skateboard ausrutschen musste! Das wusste Mara sicher, und zwar weil es in ihrer Schule gar keine Theatergruppe gab.

»Neinnein, so schlimm ist das doch gar nicht, Mama!«, beeilte sie sich zu erklären. »Du musst dir keine Sorgen machen, ich steh doch in der Szene auch direkt vor einem Bett, und da fall ich dann drauf. Ich bin nur eben mit dem Fuß gegen den Drehstuhl gestoßen und der ist dabei umgekippt.«

Mara wollte den Drehstuhl mit nur einer Hand und einer besonders beiläufigen Bewegung wieder aufstellen, aber irgendwie klappte das nicht so recht, und sie musste etwas ungelenk die andere Hand zu Hilfe nehmen. Während die Lehne einmal ziemlich lautstark gegen die Tischplatte krachte und die Plastikrollen an den fünf Beinen besonders nervig klapperten, sprach Mara trotzdem weiter, als wäre nichts gewesen: »Die Frau Englbrecht passt schon auf uns auf, wir machen keine gefährlichen Sachen. Ehrlich nicht. Schau!« Und sie ließ sich noch einmal betont spielerisch auf ihr Bett fallen. »Siehst du? So sieht das dann aus. Ich kann bestimmt auch noch eine Decke zusätzlich auf das Bett legen oder so. Kein Problem. Echt. Gar nicht. Schau!«

Maras Mutter sah zu, wie sich ihre Tochter ein weiteres Mal aufs Bett warf und dabei ihren Mund zu einem breiten Lächeln verzog. Leider war Mara keine besonders gute Schauspielerin und hatte vergessen ihre Augen mitlächeln zu lassen, was ihrem Ausdruck die Echtheit einer Karnevalsmaske verlieh. Aber Mama schien die lahme Vorstellung trotz allem überzeugt zu haben. Sie nickte.

»Na gut, aber bitte sei nicht so laut beim Üben. Du weißt doch, dass sich Herr Dahnberger von nebenan bei jeder Kleinigkeit beschwert. Und bitte mach den Lattenrost nicht kaputt, der war teuer.«

Mit diesen Worten schloss sie endlich die Tür. Ja, manchmal hatte es fast den Anschein, dass Mama nur sah, was sie sehen wollte.

Mara wartete, bis sich die Schritte ihrer Mutter durch den Flur entfernt hatten und sie die Tür zum Wohnzimmer anschlagen hörte. Erst dann wendete sie sich wieder ihrem Gast auf dem Schreibtisch zu.

»Warum hast du das getan?«, fragte der Zweig.

»Was hätte ich denn sonst tun sollen?«, entgegnete Mara. »Die Wahrheit sagen?«

»Das meinte ich nicht«, sagte der Zweig. »Du hast dich gegen meine Botschaft gesperrt!«

»Ja, das habe ich«, antwortete Mara scharf. »Und ich sage dir auch warum – und zwar, obwohl ich genau weiß, dass man sich mit Zweigen nicht unterhalten kann. Ich ignoriere das jetzt nur im Moment, weil ich nicht weiß, was ich sonst machen soll!«

Der Zweig antwortete nicht, aber Mara war ja auch noch nicht fertig.

»Es ist nämlich so: Ich will keine Visionen! Verstehst du das, äh … Zweig? Ich träum ständig irgend so einen Blödsinn und es nervt mich! Ich kann mich in der Schule kaum konzentrieren, weil ich immer wieder diese albernen Tagträume habe. Ich schau aus dem Fenster, sehe die Wolken und träum sofort irgendwas von einem Baum, der so hoch ist, dass er bis in die Wolken ragt, und wie ich daran hochklettere und die Zeit oberhalb der Wolken rückwärtsläuft. Ich schaue absichtlich woandershin, zum Beispiel auf das Hochhaus gegenüber, und sehe plötzlich den Wind, wie er lauernd um das Haus streicht, immer schneller wird und dabei zu einem Sturm anwächst. Alle in dem Hochhaus haben Angst vor ihm. Dabei will er nur das Feuer in der Wohnung eines alten Mannes ausblasen, bevor es auf die Vorhänge übergreift! Aber der Wind schafft es nicht, das Fenster zu öffnen, und wird deswegen immer stärker! Ich vertreibe auch das aus meinem Kopf, schaue auf die Straße und stelle mir im nächsten Moment vor, wie es wohl aussehen würde, wenn die Menschen von heute auf morgen verschwinden, und sehe, wie der VW Käfer von meinem Mathelehrer in hundert Jahren von Büschen und Bäumen überwuchert ist und darauf kleine Wolfsjunge fangen spielen! Und dann fragt mich der Lehrer irgendwas, und ich weiß plötzlich nicht einmal mehr, wo ich überhaupt bin!«

Mara wusste, dass die Zeit knapp war, aber sie konnte trotzdem nicht aufhören zu reden.

»Kein Wunder, dass mich alle komisch finden! Die halten mich für einen Freak! Und jetzt kommst du auch noch und erzählst mir, dass ich wirklich einer bin! Eine Dings nämlich, eine … Spákona, die mit Pflanzen spricht und wo du auch nicht weißt, ob du mir gratulieren oder Beileid wünschen sollst, und auch dafür vielen Dank! Auf jeden Fall steh ich dann ab morgen im Pausenhof vor irgendwelchen Bäumen, warte, bis die mit ihrer Begrüßung durch sind, merk nicht mal, wie sich alle über mich kaputtlachen, und setz langsam Moos an, während die anderen ihr Abi machen, oder was?! Ich will aber nicht so sein! Ich will nicht, dass alle denken, ich wär nicht ganz dicht! Ich will normal sein! So wie alle anderen, verstehst du? Ich will nicht mehr die sein, auf die Larissa mit dem Finger zeigt! Und ich will nicht so sein wie …« Sie unterbrach sich gerade noch rechtzeitig, bevor sie »meine Mutter« sagen konnte.

Stille trat in Maras Zimmer ein. Obwohl sie ihren gesamten Monolog im Flüsterton eher gezischt als gesprochen hatte, schien es ihr, als hätte der Zweig ihre Worte durchaus verstanden. Nur die Antwort war etwas anders, als Mara sich nach dieser Erklärung erhofft hatte. Denn der Zweig sagte nur: »Man bleibt, wer man ist.«

Mara schluckte. »Damit willst du sagen, dass man sich nicht verändern kann? Auch wenn man das unbedingt will?«

»Unsinn«, antwortete der Zweig. »Ich verändere mich jeden Herbst, und jeden Frühling wachsen mir neue, andere Blätter. Und doch bin ich im Sommer derselbe Zweig wie im Jahr davor, egal wie sehr ich mir manchmal wünsche, eine Steckrübe zu sein.«

»Du wünschst dir manchmal, eine St…«

»Scherz.«

»Ah, okay.« Mara war einfach nicht in der Stimmung für Scherze.

»Und du«, setzte der Zweig wieder an, »du kannst dein einzigartiges Talent so lange niederkämpfen, bis es sich anfühlt, als hättest du es nie besessen. Und vielleicht wirst du dir dann sogar vorkommen, als wärst du ein anderer Mensch. Aber wisse dies, Mara, und wähle dann weise: Wenn du jetzt nicht alles tust, um deine Gabe zum Wohl von uns allen einzusetzen, wirst du später keine Gelegenheit mehr haben, dich für oder gegen irgendetwas zu entscheiden. Denn dann wirst du zusammen mit uns allen aufhören zu sein.«

Mara hatte bereits den Mund geöffnet, um etwas zu entgegnen, aber mit dem letzten Satz hatte sie nicht gerechnet. Sie sollte ihre Gabe einsetzen, um zu verhindern, dass alle aufhörten zu sein?

Das klang so unscheinbar, so einfach und direkt. Aber gerade deswegen war Mara so erschrocken. Sie bemerkte, dass ihr linkes Bein begonnen hatte, hektisch auf- und abzuwippen, und befahl ihm, dies zu unterlassen. Zu ihrem Erstaunen schien das Bein nicht auf sie zu hören und hopste weiter nervös auf und ab, als würde sie einbeinig Fahrrad fahren.

»Also kann ich dich nur bitten, dich nicht zu verschließen, Mara«, beendete der Zweig seine Ansprache in eindringlichem Tonfall.

Mara schwieg. Was konnte man schon erwidern, wenn ein Zweig mit einem in kursiven Buchstaben sprach?

Und dann tat sie das Einzige, was ihr in dem Moment sinnvoll erschien. Sie streckte die Hände aus, berührte noch einmal die Blätter des Zweigs und hieß die Bilder mit offenen Türen herzlich willkommen.

Zu ihrem Erstaunen wartete diesmal kein schmerzhafter Bildersturm hinter der Berührung. Stattdessen flossen die Eindrücke sanft in ihr Bewusstsein und fügten sich dort sofort zu einem Ganzen zusammen, dessen Echtheit ihr schier den Atem raubte …

Sie spürte steinernen Boden unter ihren Füßen … einen leichten Windhauch, der ihr über die Augen strich. Mara musste blinzeln. Sie sah sich um. Sie stand in einer Art Höhle oder eher Grotte, weiße Kalksteine hingen von der Decke und verloren sich nach oben in unergründliche Schatten. Tropfen kalkweißen Wassers rannen an ihnen herab und trafen viele Meter weiter unten auf ihre spitzen Zwillingsbrüder, die sich nach ihren steinernen Verwandten an der Decke zu strecken schienen. Ein einziger heller weißer Lichtstrahl fiel von oben in den ansonsten dunklen Raum. Er beleuchtete eine Stelle, an der man ein paar der dicken Kalksteine offenbar mit roher Gewalt schräg abgeschlagen hatte. Die schroffen Kanten wirkten so scharf, als könnten sie den Himmel von der Hölle trennen.

Plötzlich tanzten Schatten über den Boden und in der nächsten Sekunde blickte Mara in das Gesicht eines blonden Mannes mit den wildesten und dunkelsten Augen, die sie jemals gesehen hatte. Sie standen in starkem Kontrast zu seiner hellen Haut und dem lockigen strohblonden Haar, das so lang war, dass es bis auf den Boden hinunterreichte.

Der Mann trug einen geflochtenen Kinnbart, dessen Spitze nach oben gebogen war und ihm einen seltsam frechen Ausdruck verlieh. Außerdem lächelte er schief, und das, obwohl er wahrlich keinen Grund dazu hatte: Denn er wurde von mehreren starken Händen auf die scharfkantigen Steine gedrückt, während an seinen Armen und Beinen etwas langsam emporkletterte. Schlangen? Oder Würmer? Die seltsam nass glänzenden Bänder wirkten, als wären sie lebendig, als sie sich fast sehnsüchtig um den Körper des Mannes legten. Und darum schien es Mara auch fast wie ein Verrat, als sich diese ganz plötzlich wie auf ein Kommando gleichzeitig festzogen, tief in das Fleisch des Mannes einschnitten, seine Glieder streckten, den Rücken beugten und ihn so mit einer fürchterlichen Gewalt auf die spitzen Felsen drückten. Lebendige Fesseln? Mara spürte, wie die Panik in ihr hochstieg, und musste sich zwingen, weiter zuzusehen.

Fast glaubte sie nun zu hören, wie sich die schroffen Kanten in den Körper bohrten. Und sie sah, dass sich die Fesseln veränderten … Hatten sie eben noch nass und irgendwie weich gewirkt, schien es nun, als seien sie aus glänzendem Eisen geschmiedet. Und als sich der Mann gegen die Fesseln sträubte, bewegten sie sich keinen Millimeter.

Mara wollte sich abwenden und wagte es doch nicht, die Bilder zu vertreiben. Sie sah, wie sich die Schatten der anderen Männer zurückzogen und eins wurden mit der Dunkelheit in der Höhle …

Und da entwand sich der Kehle des blonden Mannes ein seltsames Geräusch. Es passte so wenig zu der Situation, in der er sich befand, dass Mara erst gar nicht erkannte, was es war. Doch schließlich verstand sie, was der Mann tat. Er lachte. Er lachte sowohl höhnisch als auch wütend, schmerzerfüllt und hysterisch. Gleichzeitig aber klang dieses Lachen so verzweifelt, dass Mara scharfe Tränen in die Augen schossen.

Die Stimme des Mannes wurde immer lauter, immer schriller, und Mara fühlte sich erst an den Schrei eines Raubvogels erinnert. Im nächsten Atemzug aber war ihr, als wäre es ein tief grollender Bär, nein, ein heiser jaulender Wolf … und doch eine menschliche Stimme.

Die Höhle erzitterte, die Tropfsteine an der hohen Decke knackten bedrohlich. Mara duckte sich unwillkürlich, als neben ihr einer der Kalksteine aufschlug und explosionsartig in Scherben und Staub zerbrach. Doch urplötzlich war es wieder so still, dass Mara Angst hatte, der Mann würde sie atmen hören … Da! Sah er nicht gerade zu ihr hinüber? Mara hielt den Atem an, obwohl ihre Lungen sich anfühlten, als würden sie gleich platzen … Nein. Sie musste sich getäuscht haben. Der Kopf des Mannes sank erschöpft auf das steinerne Bett und er blickte ins Nichts.

Sie wagte es wieder, flach zu atmen, und sah sich um.

Die Höhle war erfüllt von dem steinernen Staub des zerborstenen Kalksteins und drehte sich langsam in dem gleißenden Lichtkegel wie eine Windhose in Zeitlupe.

Da erkannte Mara im Halbdunkel neben dem Gefangenen eine weitere Gestalt, die sich zögerlich aus den Schatten löste. Als sie schließlich ins Licht trat, blickte Mara in das traurigste Gesicht, das sie jemals gesehen hatte. Es war das Gesicht einer Frau. In der Hand hielt sie eine Holzschale. Doch ihr Blick war nicht auf den Gefesselten gerichtet, sondern auf irgendetwas, das sich oberhalb seines Kopfes aus der Dunkelheit schälte. Ein bösartiges Zischen, das Mara eine Gänsehaut über den Rücken jagte, drang dazu zwischen den Tropfsteinen hervor und erfüllte die Höhle mit einem mehrstimmigen Echo. Der Gefesselte schien etwas zu schimpfen oder zu fluchen, doch die Frau an seiner Seite blieb still. Stattdessen hob sie langsam die Holzschale empor und …


Die Bilder verschwanden wie in einer Nebelwand. Mara sog die Luft ein, als wäre sie nach einem Tauchgang durch die Wasseroberfläche gestoßen, riss die Augen auf und … starrte verwirrt auf die Unterseite ihres Schreibtischs.

Sie lag zum zweiten Mal auf dem Rücken in ihrem Zimmer, ihre Augen waren rot und ihr Gesicht nass von Tränen.

»Wer ist dieser Mann? Was hat er getan, dass man ihn so quält?«

Mara fiel es schwer, das Zittern in ihrer Stimme zu verbergen. Auf eine seltsame Weise fühlte sie sich mitschuldig an dem Schicksal des Mannes, obwohl sie nichts getan hatte, außer zuzusehen. Oder etwa, weil sie nichts getan hatte? Aber was hätte sie denn tun sollen? Doch da spürte Mara noch etwas anderes: Ja, irgendetwas hatte sie daran gehindert, ihm zu helfen. Sie hatte außer Mitleid noch etwas gefühlt. Ja, natürlich hatte sie Angst gehabt – aber nicht nur vor dem geheimnisvollen Mann oder seinen Feinden! Nein, Mara hatte vielmehr Angst vor sich selbst gehabt. Davor, eine große Dummheit zu begehen, eben weil sie so viel Mitleid mit dem Gefesselten hatte. Was für ein seltsames Gefühl …

Und schon wieder eine ungelöste Frage mehr! Mara zwang sich dazu, mit dem Grübeln aufzuhören, und warf die Frage zu den anderen auf den riesigen Haufen. Dann atmete sie abermals tief durch und rappelte sich auf.

Nachdem sie sich an der Tischplatte hochgezogen und sich mit einem leisen Seufzer auf ihrem Drehstuhl niedergelassen hatte, stellte sie dem Zweig noch einmal dieselbe Frage.

»Wer ist dieser Mann und was hat er getan?«

Hoffentlich hatte der geheimnisvolle Auftraggeber dem Zweig wenigstens das mit auf den Weg gegeben. Denn wie sollte sie den Mann sonst befreien? Und das war es doch sicher, was man von ihr verlangte, oder?

Der Zweig aber schwieg und Mara spürte, wie die Angst in ihr immer stärker wurde. War der Zweig vielleicht bereits … bitte nicht, noch nicht!

Doch da ertönte endlich die inzwischen vertraute Stimme des Zweiges in ihrem Kopf und Mara beruhigte sich.

»Ganz im Gegensatz zu dir bin ich leider nicht mit der Gabe des Sehens gesegnet«, sprach er sanft. »Ich glaube auch, dass dies ein Talent ist, das nur euch Menschen vorbehalten ist.« Der Zweig seufzte. »Das ist wohl auch der Grund, warum man sich immer schon gerne der Pflanzen als Botschafter zwischen den Mächtigen und den Menschen bediente.«

Der Zweig schien sich noch einmal in seinem Glas hochzustemmen. »Nun ist es Zeit für den letzten Teil der Nachricht, Mara. Hör gut zu, ich werde es nicht wiederholen können, denn meine Kräfte schwinden. Aber mach dir keine Sorgen, das ist ganz normal. Wie alles auf der Welt komme auch ich wieder, selbst wenn es vielleicht ein bisschen dauert.«

Mara wusste nicht, was sie darauf sagen sollte, und musste stumm zusehen, wie sich der Zweig ein letztes Mal aufrichtete. Nur das leise Zittern ihrer Unterlippe konnte sie nicht abstellen. Die nun folgenden Worte brannten sich so unauslöschlich in Maras Bewusstsein, als hätte man sie ihr direkt aufs Großhirn tätowiert. Und zwar in leuchtendem Rot und mit einem dicken Pfeil daneben.

»Fürchte dich vor Loki, halb Gott, halb Riese, listiger Lügner, wortgewandter Schmähredner, trickreicher Gestaltwandler, Bringer von Streit und Zwietracht, einst Freund und Gefährte der Götter, dann hinterlistiger Feind und Vater noch größerer Feinde.«

Mara wusste sofort, dass damit niemand anderes als der Gefesselte gemeint war, obwohl sie all das gerade zum ersten Mal hörte. Der Zweig klang, als würde er alles auswendig aufsagen, als er weitersprach:

»Die Fesseln, mit denen wir den Loki einst banden, drohen sich zu lockern. Darum finde ihn und binde ihn. Du hast die Gabe des Sehens, du wirst sehen, wo andere suchen, und du wirst wissen, wo andere zweifeln. Versagst du, droht das Ende. Nur du stehst zwischen uns und …«

Der Zweig hatte Mühe, sich aufrecht zu halten, seine Blätter hatten sich bereits eingerollt. Mara fühlte sofort wieder, wie ihr die Panik den Hals zuschnürte. Was sollte sie denn tun ohne den Zweig? Oder würde sie gleich aufwachen und feststellen, dass alles nur ein Traum war?

Plötzlich gaben die Blätter nach und der Zweig rutschte in das Glas zurück. Mara erschrak und fischte ihn behutsam aus dem Wasser, das inzwischen eine leicht gelbliche Färbung angenommen hatte.

Die Stimme des Zweiges in Maras Kopf war nur noch ein leises Flüstern, als er versuchte die Botschaft zu Ende zu bringen »… zwischen uns und den …«

Wieder rutschte der Zweig ein Stück weiter in die gelbliche Flüssigkeit, hielt sich aber einen Moment, als müsste er noch etwas loswerden, und hauchte ein letztes Wort.

Für Mara klang es wie Anorak.

»Was?«, stieß Mara hektisch hervor. »Bitte, warte, ich meine … ich hab dich nicht verstanden, bitte, was meinst du denn mit …«

Doch anstatt eine Antwort zu geben, glitt ihr der Zweig kraftlos durch die Finger in das trübe Wasser und verstummte.

Mara konnte nicht sagen, wie lange sie danach noch an ihrem Schreibtisch gesessen hatte. Sie war einfach sitzen geblieben, unfähig, auch nur ein Glied zu bewegen. Und als die Sonne bereits hinter dem gegenüberliegenden Haus verschwunden war und auf der Straße die Laternen aufflackerten, war Mara an ihrem Schreibtisch eingeschlafen.


Kapitel 4


Es war Sonntag, als Mara wieder erwachte. Sie versuchte sich zu bewegen und stellte fest, dass jeder einzelne Körperteil außer ihrem Gehirn noch im Land der Träume weilte. Mara versuchte trotzdem, sich irgendwie von dem Stuhl zu erheben, und trat ein ins Haus der Schmerzen!

Kein Muskel, der sich nicht verkrampft hatte, kein Gelenk, das nicht über Nacht eingerostet war … Mara wäre fast ein drittes Mal in 24 Stunden vom Stuhl gefallen, als ihre tauben Beine den Dienst versagten. Doch sie konnte sich gerade noch an der Tischplatte festhalten. Nein, das war sicher nicht der richtige Platz, um sich nach einem anstrengenden Tag mal so richtig auszuschlafen! Es war ja nicht mal sonderlich bequem, hier zu sitzen …

Im selben Moment erinnerte sich Mara daran, was sie geträumt hatte. Im nächsten Moment sah sie den Zweig in seinem Wasserglas auf dem Schreibtisch und im direkt darauffolgenden dritten Moment wusste sie … ja, was eigentlich? Dass auf ihrem Tisch ein Zweig in einem Wasserglas schwamm. Mehr nicht. Da fiel ihr Blick auf die Schreibunterlage vor ihr und auf das Wort, das sie gestern in ihrem Traum hastig notiert hatte.

Spákona

Okay, selbst das konnte man zur Not noch erklären. Hab ich eben im Schlaf was aufgeschrieben, na und?, dachte Mara und zuckte dazu ganz besonders gleichgültig mit den Achseln. Andere Leute liefen auf Dächern herum oder fraßen den Kühlschrank leer, ohne sich am nächsten Tag daran zu erinnern! Dagegen war ein hingekritzeltes Fantasiewort doch echt harmlos …

Trotzdem. Mara musste sicher sein. Und der schnellste Weg, um herauszufinden, ob es so etwas wie eine Spákona wirklich gab, war: Mamas Laptop.

Sie fand das ramponierte Notebook im Wohnzimmer, halb vergraben unter Mamas Zeitschriften. Aber wo war das Kabel mit dem Netzteil? Der Akku war komplett leer.

Maras Mutter hatte den Laptop vor drei Jahren gekauft, um auch »drin« zu sein. Dann hatte sie aber schnell festgestellt, dass man sich dafür länger mit der Technik beschäftigen musste als ein paar Minuten, und nach einigen wirren Mausklicks hatte sie schlagartig das Interesse daran verloren.

Mara war darüber zuerst froh gewesen, weil sie sich natürlich Chancen auf das Gerät ausrechnete. Umso erstaunter war sie aber, als Mama ihr den Umgang mit dem Laptop strikt untersagte. »Finger weg von diesem Gerät, junge Frau! Das ist kein Spielzeug und am Ende lädst du dir noch irgend so ein Dings rein!«

Die Antwort, was für ein »Dings« sie eigentlich meinte und wo genau Mara es sich »reinladen« sollte, war Mama ihr schuldig geblieben.

Also konnte Mara den Computer nur dann benutzen, wenn Mama arbeitete, bei den Wiccas war, schlief oder meditierte. Kein Problem, denn einer dieser vier Fälle traf ja meistens zu.

Mara überlegte. Es war Sonntag und die Uhr zeigte 10:12. Das bedeutete, Mama war unterwegs zu ihrer Aura-Stunde. Also mindestens noch zwei Stunden Zeit. Sehr gut! Schließlich fand sie auch das Netzteil in der Schublade unter dem Fernseher und es konnte endlich losgehen.

Einschalten, ins WLAN ihres Nachbarn einwählen (er hatte ihr das Passwort gegeben und dabei verschwörerisch in Richtung von Maras Mutter gegrinst), Internet-Browser öffnen und im Suchfenster Spákona eingeben …

Mara musste ein bisschen herumprobieren, bis sie es geschafft hatte, dass das kleine Strichlein direkt über dem a erschien und nicht etwa davor oder dahinter. Ihr Finger zitterte ein wenig, als sie mit dem Touchpad den Cursor auf Suche starten bewegte. Sie atmete einmal tief ein, hielt die Luft an und klickte.

Am liebsten hätte sie gleich noch einmal eingeatmet, denn vor ihren Augen erschien tatsächlich eine Liste mit Treffern: über 10 000! Doch weil sie dann geplatzt wäre, atmete Mara erst einmal wieder aus.

Na gut, was heißt das schon?, dachte sie. Das Wort gibts also. Na und? Es gibt viele Wörter auf der Welt und zufällig eben auch das da.

Die Frage war doch, was es bedeutete! Und da wurde die ganze Sache schon kniffliger, denn die erste Seite der Treffer war voller Wörter in fremden Sprachen. Allerdings nicht ein bisschen fremd wie zum Beispiel Englisch, sondern fremd.

Mara musterte die ungewohnten Buchstaben und ihre Kombination mit wilden Häkchen, Strichlein und Kreuzchen: væri, góðri, LÆKNAMIÐILL, und es gab kaum Hinweise, aus welchem Land diese Texte stammten.

Liest sich eher wie ein IKEA-Katalog, murmelte Mara als sie mit zusammengekniffenen Augen weiter durch die Ergebnisse scrollte.

Doch dann endlich, ganz unten auf der Seite, stieß sie auf eine Website mit deutschen Übersetzungen alter isländischer Texte über die Wikinger!

Jetzt wird’s spannend, dachte Mara, als sie die Page aufrief und fand, was sie gehofft und gleichzeitig befürchtet hatte:

Eine Frau war da in der Siedlung namens Thorbjörg.

Sie war eine Seherin …

Und darunter stand das isländische Original:

Sú kona var þar í byggð, er Þorbjörg hét.

Hon var Spákona …

Mara verglich die beiden letzten Zeilen miteinander:

Hon var Spákona …

Sie war eine Seherin …

Verdammt.

Seltsamerweise dachte Mara nicht zuerst an die Konsequenzen, die das für sie selbst hatte, sondern lief zurück in ihr Zimmer zu dem Wasserglas. Dort fischte sie den Zweig vorsichtig aus dem trüben Wasser, wickelte ihn behutsam in eine rote Serviette und trug ihn dann hinaus ins Freie.

In dem kleinen Hinterhof, den sie von ihrem Fenster aus sehen konnte, grub sie mit den Händen ein kleines Loch in die Erde neben der großen Esche. Dort hinein legte sie den eingewickelten Zweig und deckte das Loch sorgfältig wieder zu. Sie gab sich Mühe, die Grasbüschel wieder so festzudrücken, dass man nicht mehr erkennen konnte, ob jemand hier etwas vergraben hatte. Man wusste ja nie …

Danach stand sie eine Weile vor dem unsichtbaren Grab und schwieg. Sie sah hinauf in die Blätter der Esche und irgendwie war ihr, als hörte sie ein leises, unglaublich tiefes Brummen. Melodisch irgendwie und auch beruhigend. Die Blätter raschelten leise im Wind, aber sie sprachen nicht mit ihr. Schließlich war dies ja auch ein Begräbnis und Mara war gerade nicht nach Konversation zumute. Sie hätte auch gar nicht sagen können, wie sie reagiert hätte, wenn die Äste ihr alle ihr Beileid ausgesprochen hätten.

Mara bemerkte, dass sie unbewusst die Hände gefaltet hatte, blieb aber noch ein paar Minuten genauso stehen und schwieg.

Erst als sich irgendwann ihr ewig schlecht gelaunter Nachbar Herr Dahnberger mit zwei Mülltüten aus der Tür schälte und dabei unterdrückt schimpfend versuchte, seinen Hausschlüssel für das Mülltonnenhäuschen aus der Hosentasche zu fischen, drehte sie sich um und ging zurück ins Haus.

Was schade war, denn so verpasste sie das Lied, das die Blätter der Esche genau in dem Moment anstimmten, als sich hinter Mara die Haustür schloss …

Eine Esche weiß ich,

heißt Yggdrasil,

den hohen Baum netzt

weißer Nebel;

davon kommt der Tau,

der in die Täler fällt.

Immergrün steht er

über Urds Bunnen.


Schon auf der Treppe prasselten all die Gedanken auf Mara ein, die sich durch ihre Entdeckung im Internet ergaben – und zwar mit einer solchen Wucht, dass sie weiche Knie bekam.

Sie brauchte Hilfe. Aber von wem? Und wenn sie diesen Jemand gefunden hatte, was zum Teufel sollte sie ihm denn sagen? Hallo, ein Zweig schickt mich und ich muss einen Typen in einer Höhle fesseln. Oder was?!

Okay, es war auf jeden Fall eine ganz schlechte Idee, ihrer Mutter von alldem zu erzählen, denn zwei Dinge konnten passieren: Entweder Mama glaubte ihr kein Wort und das Ganze wurde peinlich. Oder Mama glaubte ihr alles, beschloss zu helfen, das Ganze wurde noch peinlicher und ging fürchterlich schief.

Nein, Mara musste woanders nach Hilfe suchen und klemmte sich dafür noch einmal hinter Mamas Notebook. Über die Seite mit den Wikinger-Übersetzungen gelangte sie schnell zu einem Wikipedia-Eintrag, in dem von germanischer Mythologie die Rede war.

Den Begriff Mythologie kannte Mara. Den hatte sie schon mal gehört, als sie in der Schule die alten griechischen Sagen von Herkules und Göttern wie dem Blitzeschleuderer Zeus und seiner Frau Hera durchgenommen hatten. Und germanisch hatte sicherlich was mit Germany, also Deutschland, zu tun. Ja klar! Also war germanische Mythologie so etwas wie die Göttersagen ihrer Vorfahren. Davon hatte Mara bisher allerdings noch nie gehört oder zumindest erinnerte sie sich nicht daran. Über den Griechen Herkules gab es ja immerhin schon mal einen Zeichentrickfilm, aber über germanische Götter?

Anscheinend sind diese Damen und Herren wohl ziemlich tief in der Versenkung verschwunden und haben heutzutage nichts mehr zu melden, dachte Mara. Doch wie um das Gegenteil zu beweisen, winkten ihr plötzlich zwei Wörter aus einer Liste mit germanischen Götternamen zu, die ihr wenigstens ein bisschen bekannt vorkamen: Odin und Thor.

Woher kenn ich das? Aus Asterix vielleicht? Nee, die sagen ja immer »beim Teutates«, überlegte Mara. Komisch, warum weiß ich mehr über die alten Götter der Gallier und Griechen als über die aus unserer Gegend?

Umso erstaunter war sie, als sie nur ein paar Mausklicks weiter erfuhr, dass diese alten Götter und ihre Kollegen auf jeden Fall vier bleibende Eindrücke hinterlassen hatten: Die Wochentage!

Genauer gesagt: die Namen der Wochentage. Wie Mara mit wachsendem Interesse lesen konnte, hieß der Donnerstag nicht etwa so wegen des schlechten Wetters, sondern wegen des Donnergottes Thor, auch Donar genannt. Eigentlich hieß es also Donars Tag! Oder im Englischen Thursday, also Thor’s Day!

Ein Gott namens Týr hatte wohl dem Týrsdag, dem Dienstag, seinen Namen gegeben. Dafür geht der englische Wednesday auf Wodan zurück, wie der Gott Odin auch genannt wird. Dessen Frau Frigg war wiederum Namensgeberin für den Freitag.

Wow!, dachte Mara erstaunt, warum sagt einem das eigentlich keiner? Kann mich nicht erinnern, das in der Schule mal von irgendeiner Overhead-Folie abgeschrieben zu haben.

Also hatte es wohl doch nichts damit zu tun, ob man am Dienstag Dienst oder am Freitag frei hatte. Und bedeutete dann wohl auch, dass am Samstag nicht das Sams kam. Eigentlich schade.

Auf jeden Fall wusste sie jetzt, dass sie nach den Begriffen germanisch, Mythologie und Seherin zu suchen hatte. Gedacht, getan, und so stieß sie ziemlich schnell auf einen Text, in dem von einer sogenannten Völva die Rede war. Okay, das war zwar erst einmal nur ein weiteres Wort für die Unbekannten-Liste, aber Mara spürte, dass sie auf der richtigen Spur war. Darunter standen gleich mehrere Bedeutungen: Schamanin, Zauberin, Prophetin, Wahrsagerin … und Hexe!

Hilfe! Was macht Mamas verrückte Frauengruppe in meinen Nachforschungen! Bitte sag, dass die nix mit mir zu tun haben!, dachte Mara, ohne zu wissen, an wen sie diese Bitte eigentlich gerade gerichtet hatte.

Wer-auch-immer war aber offensichtlich nicht bereit, Mara diesen Wunsch zu erfüllen. Denn etwas weiter unten in dem Text war doch tatsächlich von einer Spákona die Rede: Weit verbreitet war dagegen »die Frau, die sieht«, eine Seherin – die etwas schwächer begabte Spákona.

Eine Spákona war also so was wie eine Seherin und eine Art Vorfahrin der Hexen? Mara blickte von dem Bildschirm auf. Ihr Atem ging plötzlich schneller. Sie sollte eine Hexe sein? Gerade sie? Eine Hexe?

Bedeutete das, dass sie ab sofort mit ihrer Mutter ins Wicca-Café gehen, alberne Flatterklamotten tragen, Trommelstunden und Auren-Kurse durchleiden musste?

Mara stützte den Kopf auf beide Hände und stierte aus dem Fenster, während sie grübelte. Mamas Frauengruppe, die Wiccas von der Au, betonten immer wieder, dass die Hexen der sogenannten »alten Zeit« keine zauberkräftigen Schrumpelweiblein mit Hunger auf gemästete Hänsels gewesen seien, sondern weise Frauen, die sich auskannten mit Kräutern und Naturheilverfahren. Denen habe allerdings die Kirche aus Furcht vor Konkurrenz irgendwann allerlei Teufeleien angedichtet. Auch die schrecklichen Hexenverbrennungen im Mittelalter waren eine Folge davon.

Mara hatte sich anfangs auch für die Wiccas und ihre Geschichte interessiert. Doch dann hatte Mama sie mal zu einem der Treffen mitgenommen und ihr Interesse hatte sich schnell verwandelt in eine Art mitleidige Fassungslosigkeit.

Abgesehen von samstäglichen Hirni-Seminaren, montäglichem Chakra-Trommeln und diversen wöchentlichen Einzelkursen traf man sich nämlich auch noch jeden Donnerstagnachmittag im »Auer Wicca-Café«. Unter anderem, um sich dort von seltsamen Heinis für viel zu viel Geld irgendwelchen wertlosen Esoterik-Plunder andrehen zu lassen. Mara war auch hier gezwungenermaßen ein paarmal mit dabei gewesen. Für sie wirkte das Ganze wie eine Art Kaffeekränzchen mit Showeinlage und anschließendem Shoppingzwang: Jeden Donnerstag luden die Wiccas einen neuen Klangschalen-Schamanen, Wünschelrutengänger, Aus- oder Einpendler zu sich ins Café ein. Dem hörten sie dann eine Stunde lang mit aufgerissenen Augen andächtig zu. Sie saßen einfach nur da, tranken komischen Tee mit zu viel Schwebeteilchen und nickten wissend, während der Schwätzer der Woche seinen ganz speziellen Einblick in die Mechaniken des Multiversums mit ihnen teilte. Und ganz am Ende zauberte jeder dieser Laberkekse natürlich irgendein einzigartiges Kleinod aus seinem Koffer, das einem die gleiche Weisheit ermöglichen würde. Natürlich zum Vorzugspreis.

Mara war auch aufgefallen, dass es immer Männer waren, die da auftauchten und ihre fragwürdigen Waren feilboten – und das, obwohl die Wiccas von der Au doch ansonsten auf Männer gar nicht so gut zu sprechen waren, oder zumindest schien es Mara so.

Und was hatte sich Mama von diesen Typen nicht schon alles andrehen lassen! Die lächerliche Drahtpyramide zum energetischen Frischhalten von Obst hatte zum Beispiel irrsinnige 84 Euro gekostet! Und das war noch ein Schnäppchen gewesen im Vergleich zu der CD mit dem schlecht gemalten Dreieck darauf, die Mara eines Tages in ihrem Kopfkissenbezug gefunden hatte. Mama hatte ihr erklärt, es handle sich um eine sogenannte Celtic Energy Disc™ … Sie würde ihr helfen, traumatische Erlebnisse während des Schlafes besser zu verarbeiten. Ja, klar.

Mara wusste natürlich, dass das Mamas unbeholfene Art war, Hilfe anzubieten, weil Mara ihren Papa so schmerzlich vermisste.

Mara wusste aber auch, dass eine Celtic Energy Disc™ nur dann etwas bewirkte, wenn man ganz fest an sie glaubte und sich dabei nicht allzu blöd vorkam.

Mara wusste aber noch etwas, und zwar, dass sie ihre Mutter sehr traurig machen würde, wenn sie ihr erklärte, dass es sich bei den wahnsinnigen EINHUNDERTACHTUNDACHTZIG EURO für einen CD-Rohling mit draufgemaltem Dreieck um rausgeschmissenes Geld handelte …

Also steckte sie die Celtic Energy Disc™ wieder zurück in ihr Kopfkissen und bedankte sich bei ihrer Mutter so echt, wie es irgendwie ging, für das tolle Geschenk.

Nein, die kaufwütigen Tupper-Hühner vom Wicca-Café waren wirklich nicht die Art Hexen, die Mara jetzt weitergeholfen hätten.

Während sie so hin und her überlegte, hatte Mara gedankenverloren weiter nach unten gescrollt. Ohne wirklich zu wissen, warum, klickte sie nun auf einen Link zu einer Seite über Nordgermanische Religion und landete auf dem Wikipedia-Eintrag zu Germanischen Gottheiten.

Und dort fand sich etwas, das Mara auf eine Idee brachte: Namen! Aber nicht die irgendwelcher Wochentagspatrone, sondern die Namen von hundertprozentig real existierenden Personen, die sich mit diesem Thema beschäftigten! Deren Arbeiten hatten offensichtlich als Grundlage für die Online-Artikel gedient. Leute, die man fragen konnte! Natürlich, dachte Mara aufgeregt. Das ist doch viel besser, als wenn ich versuche, weiter das ganze Internet zu lesen! Ich frag’ einfach wen, der sich damit auskennt!

Doch Mara war etwas erstaunt, als sie den ersten Namen las: Jakob Grimm? Und tatsächlich: Nur einen Klick entfernt erfuhr sie, dass es sich tatsächlich um den »Märchen-Grimm« handelte, der zusammen mit seinem Bruder Wilhelm die berühmte Märchensammlung herausgegeben hatte. Und dieser Jakob Grimm hatte also ein Buch über deutsche Mythologie geschrieben? Interessant, aber im Moment nicht sonderlich hilfreich, denn Jakob Grimm war nicht nur eine ziemlich spannende Persönlichkeit, sondern leider auch ziemlich tot, und zwar seit knapp hundertfünfzig Jahren. Mist.

Der nächste Name auf der Liste lautete Karl Simrock. Immerhin erst seit hundertvierzig Jahren tot. Wir kommen der Sache schon näher, dachte Mara und scrollte durch die Liste, bis sie endlich auf einen Namen stieß, der zwar ein Geburtsdatum verzeichnet hatte, aber keinen Todestag! Dieser Professor Reinhold Weissinger war am 12. März 1954 geboren. Somit war er deutlich jünger als Jakob Grimm und allem Anschein nach auch deutlich weniger tot!

Maras Herz machte förmlich einen Sprung, als sie nur einen Mausklick später erfuhr, dass dieser Reinhold Weissinger Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität in München war!

Das ist ja nur ein paar U-Bahn-Stationen entfernt!, dachte Mara begeistert. Doch nun kämpfte sie sich erst einmal durch einen endlos scheinenden Kettensatz, in dem das Forschungsgebiet des Mannes beschrieben war: germanische Mythologie und Religion, mittelalterliche Sprachen und Kulturen Skandinaviens, Renaissance des 12. Jahrhunderts und ihre Literatur, religiöse, mystische und visionäre Texte des Hochmittelalters, volkssprachliche Wissenschaftstexte des Mittelalters mit besonderem Blick auf die Naturwissenschaften, spätmittelalterliche Reise- und autobiografische Literatur sowie Literatur in den geografischen Randgebieten des (heutigen) deutschen Sprachraums …

Puh. Na, wenn der nicht wusste, was man als frischgebackene Spákona so zu tun hatte und wie man dafür sorgte, dass ein mythologischer Halbgott gefälligst da blieb, wo er war – wer dann?

Mara fuhr den Laptop herunter, klappte ihn zu und deckte ihn wieder sorgsam mit den Zeitschriften ein. Dann verstaute sie auch das Netzteil wieder in dem ach so geheimen Versteck unter dem Fernseher. Und gerade als sie die Schublade zugeschoben hatte, hörte sie das bekannte Geräusch von Mamas Schlüssel an der Wohnungstür.

Einer Ahnung folgend verschwand Mara so schnell wie möglich in ihrem Zimmer und zog leise die Tür hinter sich zu. Kurz darauf hörte sie, wie ihre Mutter den Flur betrat. Was machte sie denn so früh wieder zu Hause?

Da klopfte es bereits an Maras Zimmertür, und ohne eine Antwort abzuwarten, steckte Mama auch schon ihren Kopf herein. So war sie eben.

»Mara? Maraschatz? Bist du wach?«

Mara drehte sich betont unschuldig auf ihrem Drehstuhl herum und klappte ein Heft zu. »Na klar, schon lange. Mach gerade Mathe«, sagte sie. »Wie war’s denn bei den Hexen?«

Dann stand sie auf und drängte sich an ihrer Mutter vorbei in den Flur, um davon abzulenken, dass außer dem Erdkundeheft auf ihrem Schreibtisch nichts lag als ein Bleistift und eine vollgemalte Schreibunterlage.

Mama setzte ein tadelndes Gesicht auf: »Nicht Hexen, Mara! Wie oft muss ich dir das noch sagen? Das Wort Hexen ist ein dummes Schimpfwort von Leuten, die Angst vor Frauen haben, die mehr können als kochen, putzen und bügeln! Wir nennen uns Wiccas, und das weißt du ganz genau!«

»Hm. Aber jede Frau kann doch mehr als kochen, putzen und bügeln, oder? Sind dann alle Frauen Wiccas?«, fragte Mara so unschuldig wie sie nur konnte, während sie sich einen Apfel unter der Drahtpyramide herausfischte.

War Mama verwundert, dass ihre Tochter sich plötzlich für die Wiccas interessierte? Wenn ja, dann ließ sie es sich nicht anmerken.

»Nein, natürlich nicht!«, antwortete sie. »Eine Wicca ist man nur, wenn man besondere Fähigkeiten hat!«

Mara schnitt von dem Apfel die braune Druckstelle ab, die die Drahtpyramide darauf hinterlassen hatte, und versuchte, möglichst beiläufig zu klingen, als sie fragte: »Besondere Fähigkeiten? Was für Fähigkeiten denn?«

Anscheinend war diese Frage für Mama gar nicht so einfach zu beantworten, was aber nicht hieß, dass sie es nicht trotzdem versuchte: »Na ja … also … eine Wicca kann zum Beispiel … sie spürt, wenn … sie spürt eben mehr als … mehr als ein Mann zum Beispiel.«


Na hurra! Mama hatte es also mal wieder geschafft, ohne viele Umwege auf ihr Lieblingsthema zu kommen: Männer. Und wie so oft würde sie auch gleich eine Überleitung zu ihrem zweiten Lieblingsthema finden: Papa.

Mara seufzte tonlos, während Mama weitersprach: »Weißt du, Maraschatz, Männer spüren im Vergleich zu Frauen sowieso sehr wenig und sind auch nicht so empfänglich für … Dinge. Insgesamt. Und dadurch kann eine Wicca … also dadurch ist sie … einem Mann überlegen. In vielen Dingen. Das kannst du mir ruhig glauben, und vielleicht sagst du das deinem Vater auch mal, aber der ruft ja eh nicht mehr an!«

Mama hatte ganze vier Sätze gebraucht, um von Wiccas über Männer allgemein bei Papa zu landen, und ganz nebenbei hatte sie auch noch das ewige Streitthema mit dem Anrufen mit eingebaut. Nicht schlecht.

Mara schluckte eine direkte Antwort hinunter, denn sie wusste, wie empfindlich Mama war, wenn jemand Papa verteidigte.

»In was für Dingen sind die denn überlegen, die Wiccas?«, fragte sie stattdessen im Plauderton und biss in den Apfel.

»In … vielen Dingen eben!«, antwortete Mama. »Aber das kann ich dir nicht so einfach erklären. Dazu musst du noch ein bisschen älter werden. Nicht umsonst gibt es keine Wiccas unter … achtzehn Jahren.«

»Gibt es nicht?«, fragte Mara.

»Gibt es nicht«, sagte Mama.

»Aha«, sagte Mara.

»Jaja, so ist das eben«, sagte Mama.

Und dann wuschelte sie ihrer Tochter durch die Haare, wie sie es immer tat, wenn sie das Thema wechseln und Mara gleichzeitig darauf hinweisen wollte, dass sie dafür sowieso noch nicht alt genug war.

Ihr Blick fiel auf den Obstkorb. »Also, ich bin immer wieder begeistert, wie lange das Obst unter der Energy-Vital-Pyramide frisch bleibt. Hast du denn außer diesem Apfel schon etwas gegessen? Dein Schokomüsli?«

»Nein«, sagte Mara und log weiter: »Ich hab den ganzen Vormittag Hausaufgaben gemacht, aber dafür bin ich jetzt fast fertig.«

Mara schwindelte weder gerne noch besonders gut, aber in diesem Fall musste Mama vor der Wahrheit geschützt werden. Vor allem, wenn Mara selbst erst mal herausfinden musste, was eigentlich die Wahrheit war.

Aber irgendwie tat Mara das Gespräch mit ihrer Mutter gut: Es gab ihr auf eine ganz spezielle Art das sichere Gefühl, dass sie nicht verrückt war.

Diese verschwurbelten Erklärungen über die Wiccas, das Geschimpfe über Papa – das war die reale Welt.

Dummerweise ist zu der realen Welt noch was total unreal Reales dazugekommen, dachte Mara, als sie wieder in ihrem Zimmer war und die Tür hinter sich zuzog. Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und sah aus dem Fenster, wo sie heute Morgen den Zweig vergraben hatte. Als sie daran dachte, was sie am Montag vorhatte, war ihr schon ein bisschen mulmig zumute, aber ihr Entschluss stand fest: Mara würde direkt nach der Schule zur Münchner Maximilians-Universität fahren.

Sie war zwar noch nie dort gewesen, aber sie wusste genau, wo auf dem U-Bahn-Plan die Haltestelle mit dem Namen Universität war. Schließlich verbrachte sie jeden Tag elfeinhalb Minuten damit, diesen Plan anzustarren. So lange brauchte die U-Bahn, um bis zur Haltestelle Giesing zu fahren, wo Mara zur Schule ging.

Sie starrte immer auf den Plan während der Fahrt, weil er ihr irgendwie interessanter erschien als alle ihre Mitschülerinnen und Mitschüler. Die Mädchen gackerten die ganze Zeit und schielten dabei laufend auf ihr eigenes Spiegelbild in den dunklen Fenstern. Und die Jungs führten sich jeden Tag gegenseitig aufs Neue vor, dass sie mit ihren Handys besonders blechern Musik hören und dabei mit den Händen täuschend echte Furzgeräusche produzieren konnten. Irgendwie hatte Mara das Gefühl, dass die Jungs ernsthaft darauf bauten, dass eins der Mädels sich mal umdrehte und sagte: »Hey, das klang ja wie ein echter Furz! Und fast im Rhythmus von dem Lärm aus deinem voll coolen Handy! Wahnsinn! Wer von euch Superhelden hat das denn gerade so toll hingekriegt und hat Lust, mit mir zu gehen?«

Andererseits, so doof konnten nicht mal Jungs sein, oder?

Oder?

Kapitel 5


Am Montag in der Schule war es zunächst so wie immer. Langweilig bis nervtötend. Und regnerisch. Also mal wieder typisch.

Doch in der Pause fand Larissa zur Abwechslung ein neues Opfer, das sie auslachen konnte: einen kleinen blonden, dicklichen Jungen, vermutlich aus der Fünften, den Mara bisher noch nie bemerkt hatte. Sie fragte sich, wie er wohl Larissas Aufmerksamkeit erregt hatte. Ganz offensichtlich hatte der Junge nämlich nichts gemacht, außer verloren herumzustehen. Aber vielleicht war er einfach nur zwei Dinge gewesen: da. Und dick.

Mehr brauchte es ja gar nicht für Larissa, und schon schallte ihr meckerndes Gelächter mal wieder quer über den Pausenhof. Dabei zeigte sie auf die zugegebenermaßen nicht besonders zeitgemäße Bommelmütze, die der Junge wahrscheinlich von einer fürsorglichen Mutter aufgesetzt bekommen hatte. Sofort stimmten auch die ganzen Schleimhilden rund um Larissa in das Gelächter mit ein.

Der Junge wurde immer kleiner, traute sich aber auch nicht wegzugehen. Mara kannte das Gefühl. Wenn man sich so vorkam, als wären die Beine mit dem Boden verwachsen. Und jede Bewegung, die man machte, fühlte sich so schwer an, als wäre man gefangen in einem Schwimmbecken voller Götterspeise.

Doch als Larissa dann auch noch anfing, den Jungen an seinem Schal zu ziehen und ihn sich unter dem Gelächter der Zickenclique hin- und herdrehen ließ wie auf einem Präsentierteller im Home Order TV, kam ihr plötzlich ein völlig irrsinniger Gedanke: Musste sie nicht dazwischengehen und dem Jungen helfen? War es nicht sogar ihre Pflicht? Wie sollte sie denn die Welt retten, wenn sie nicht einmal den Mut hatte, einen kleinen Jungen von Larissa und ihren Hohlbirnen wegzuziehen?

Irgendwie kam ihr im Vergleich die Sache mit der Weltrettung gerade deutlich einfacher vor. Trotzdem, sie konnte nicht länger zusehen, wie Larissa den Jungen an seinem Schal hin- und herzerrte wie einen Tanzbären am Nasenring! Wie von selbst setzten sich ihre Beine in Bewegung. Sie stapfte wild entschlossen direkt auf Larissa und die anderen zu …

… und hätte auch innerhalb der nächsten 30 Sekunden zwischen dem Jungen und Larissa gestanden, wenn nicht in dem Moment der Gong das Ende der Pause signalisiert hätte.

Aus Hunderten von Schülerkehlen löste sich das übliche frustrierte Aufstöhnen. Sofort blockierten mehrere hundert Schülerkörper Maras Weg zu Larissa und dem Jungen und trotteten zurück in ihre Klassen.

Nur der kleine Junge stand immer noch alleine mit hängendem Kopf an der Stelle, wo Larissa und ihre Clique ihn stehen gelassen hatten. Mara versuchte, sich einen Weg zu ihm zu bahnen. Sie wollte ihm wenigstens erklären, dass er sich das nicht so sehr zu Herzen nehmen sollte. Doch dann wurde auch sie vom Gewusel erfasst und zurückgespült in das Schulgebäude …

Kaum ertönte der erlösende letzte Gong des Tages, war Mara auch schon unterwegs zur U-Bahn. Von dort würde sie mit der U2 zum Sendlinger Tor fahren und dann umsteigen in die U6 oder U3 zur Universität.

Für die Fahrt musste sie stempeln, denn hier galt ihre Monatskarte nicht. Aber Gott sei Dank hatte sie noch eine Streifenkarte mit zwei übrigen Streifen in ihrer Jacke. Die Fahrt ging für Mara überraschenderweise schneller vorbei als der tägliche Schulweg, obwohl es mehr Stationen waren und sie sogar einmal umsteigen musste.

An der Haltestelle Universität folgte Mara einfach der Beschilderung, bis sie auf dem Geschwister-Scholl-Platz direkt vor dem Haupteingang der Ludwig-Maximilians-Universität stand.

Mara sah sich um. Mitten auf dem Platz befand sich ein großer Brunnen, auf dessen Rand mehrere Studenten saßen. Dahinter erstreckte sich ein ausladendes u-förmiges Gebäude, das genauso aussah, wie sich Mara eine Universität immer vorgestellt hatte: ein riesiges, irgendwie schlossartiges Gebäude mit vielen Fenstern und einem großen Eingang, das von außen düster wirkte. So als wäre innen alles voller dunklem Holz und mit alten Ölbildern toter Professoren an den Wänden, außerdem voll mit unzähligen Treppen und noch mehr Gängen mit Hunderten von Schildern, auf denen sinnlose Abkürzungen standen und Pfeile in alle Richtungen zeigten.

Mara atmete einmal durch und ging dann wie auf Autopilot zwischen den Studenten hindurch, direkt auf den Eingang zu.

Dabei bemerkte sie, dass ein paar Meter vor dem Eingang eine Art Denkmal flach in die Pflastersteine auf dem Boden eingearbeitet war. Sie wollte erst drum herumlaufen, aber genau in dem Moment flog ihr ein ziemlich großer schwarzer Vogel laut krähend direkt entgegen. Und dieser Vogel machte keinerlei Anstalten, ihr aus dem Weg zu fliegen!

Mara ging einen Schritt zur Seite und der Vogel flatterte tatsächlich genau dort an ihr vorbei, wo sich gerade noch Maras Kopf befunden hatte. Aber dadurch tappte sie nun doch auf das eingelassene Kunstwerk …

Kaum hatte die Sohle ihres Schuhs das polierte Metall im Boden berührt, explodierte ein Bild so urplötzlich in ihrem Kopf, dass sie fast in die Knie gegangen wäre.

Trotz der Überraschung unterdrückte Mara einen ersten Impuls, das Bild sofort zu vertreiben. Sie dachte daran, was der Zweig ihr gesagt hatte. Sie war nun mal eine Spákona und sie musste wohl oder übel lernen, mit ihrer Gabe umzugehen. Also zwang sich Mara zu ignorieren, dass sie auf einem Platz voller Studenten stand, die sie jetzt womöglich alle verwundert anstarrten, und als sie die Augen schloss, war ihr, als würde sich dafür ein inneres Auge öffnen …

Direkt vor ihr stand eine junge Frau mit schulterlangen dunklen Haaren. Sie blickte von einer Art Balkon oder Balustrade hinunter in eine große Halle mit vielen Menschen. Die Frau hielt einen Stapel eng beschriebener Blätter mit beiden Händen an die Brust gedrückt. Sie presste die Lippen zusammen, ihre Finger gruben sich tief in die Blätter … und mit einem Mal warf sie den ganzen Stapel hoch in die Luft … wie in Zeitlupe fächerten sich die Blätter auf, und für einen Moment wirkte es, als würden sie sich entschließen einfach in der Luft stehen zu bleiben … bis sie dann doch tänzelnd und leise raschelnd in die Tiefe taumelten … Der Anblick war wunderschön und auf eine seltsame Weise erhebend.

Obwohl Mara nicht wusste, was das alles zu bedeuten hatte, war ihr klar, dass dieser Moment etwas ganz Besonderes sein musste.

Doch in derselben Sekunde erstarrte sie: Das Bild hatte sich plötzlich verändert. Mara blickte auf eine Konstruktion aus Holz, an deren oberem Ende etwas metallisch glänzte. Bevor sie Gelegenheit hatte zu erkennen, worum es sich handelte, raste das glänzende Etwas an ihr vorbei und schlug mit einem Geräusch auf, das Mara das Blut in den Adern gefrieren ließ. Sie schreckte hoch …

Als sie die Augen öffnete, standen mehrere Leute um sie herum. Sie spürte tastende Finger an ihrem Handgelenk.

»Kannst du mich hören? Hallo?«, fragte eine tiefe Stimme und jemand hielt ihr Wasser aus einer Plastikflasche entgegen.

Zitternd griff Mara nach der Flasche und nahm einen Schluck. Schließlich fand sie auch ihre Stimme wieder.

»Was … was ist denn passiert?«, stammelte sie und blickte den Mann an, der offensichtlich ihren Puls fühlte.

»Du bist umgekippt, junge Frau«, sagte er und wendete sich dann zu den Umstehenden. »Bitte geht doch ein Stück zurück, ihr zerdrückt die Kleine ja fast.«

Sofort folgten alle seiner Bitte.

Mara sah den Mann neben sich verwundert an. Er war älter als ihre Mutter, aber noch nicht so alt wie ihr Opa. Er trug eine Art Sakko aus grobem, bräunlichem Stoff, ein helles Hemd und eine bequem wirkende Cordhose mit ausgebeulten Knien und einem dicken Schlüsselbund am Gürtel. Neben ihm stand eine ehemals vermutlich schwarze Ledertasche mit einem abgegriffenen Henkel, der so dünn und spröde wirkte, als würde er bei der nächsten Berührung zu Staub zerfallen.

Obwohl der Mann einen dichten weißen Vollbart trug und eine altmodische Brille auf der Nase hatte, wirkte er doch irgendwie jung. Das mochte vielleicht an seinen auffallend grünen Augen mit den kleinen Lachfältchen drum herum liegen. Mit einer seltsamen Mischung aus jungenhafter Neugier und erfahrenem Wissen funkelten sie Mara an.

»Da hast du dir ja einen geschichtsträchtigen Platz für deine Ohnmacht ausgesucht«, brummte der Mann unter seinem Bart hervor. Irgendwie hatte seine Stimme eine beruhigende Wirkung auf Mara. Sie sah sich um und stellte fest, dass sie direkt auf dem eingelassenen Denkmal saß, auf das sie getreten war. Der Mann schien zu bemerken, wohin sie blickte, und sagte: »Ja, deswegen heißt das hier Geschwister-Scholl-Platz. Habt ihr wohl noch nicht in der Schule durchgenommen, oder?«

Mara schüttelte den Kopf. In dem Moment schien sich der Mann daran zu erinnern, dass er immer noch Maras Handgelenk hielt.

»Oh, entschuldige. Puls ist da. Ich würde mal sagen, du lebst noch, oder was meinst du?« Er lächelte. Dann streckte er ihr die Hand entgegen und half ihr aufzustehen.

Wortlos ließ sich Mara von ihm hochziehen.

»Na also, geht doch schon wieder ganz gut«, sagte der Mann. »Willst du noch einen Schluck Wasser?«

»Nein, danke«, antwortete Mara. »Und danke für … die Hilfe.«

»Aber das ist doch selbstverständlich, junge Dame. Oh, entschuldige, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Weissinger mein Name. Reinhold Weissinger. Ich bin hier an der Uni Professor für …«

»Germanische Mythologie«, vollendete Mara freudig seinen Satz. Sie konnte ihr Glück gar nicht fassen! Am liebsten hätte Mara dem Kamikaze-Vogel gedankt, ließ es aber aus mehreren Gründen sein. Einer davon war, dass der Vogel weit und breit nicht mehr zu sehen war …

Der Professor blickte sie mit einer belustigten Mischung aus Neugier und gespieltem Stolz an.

»Hoppla! Nun denn, wenngleich ich mich natürlich geehrt fühle, dass mein Name bis über die Universitätsmauern hinausgedrungen zu sein scheint, muss ich doch gestehen, dass ich neugierig bin, woher du meinen Namen kennst, junges Fräulein.«

»Aus dem Internet!«, antwortete Mara aufgeregt. »Ich war auf der Suche nach jemandem, der sich mit … mit …« Sie verzichtete darauf, das Wort Spákona in den Mund zu nehmen, und sagte stattdessen: »… der sich mit germanischen Göttern auskennt und noch lebt.«

Im selben Moment erkannte sie, dass das wohl nicht sonderlich charmant ausgedrückt war, aber der Professor schien es ihr nicht übel zu nehmen – ganz im Gegenteil.

Er grinste, als er sagte: »Nun ja, ein bisschen Zeit hab ich wohl noch. Nicht so viel wie du vielleicht – aber ich hoffe, es genügt, um deine Fragen zu beantworten. Bitte folgen Sie mir in mein Besprechungszimmer, junge Dame.«

Er machte ein schalkhaftes Zuhörergesicht und setzte sich auf den breiten Rand des großen Brunnens. Dann schlug er mit einer überraschend gelenkigen Bewegung die Beine übereinander, schob sich mit dem Zeigefinger die Brille etwas zu tief auf die Nasenspitze und blickte Mara über die Gläser hinweg mit dem übertriebensten Professorenblick an, den sie jemals gesehen hatte.

Mara konnte nicht anders: Sie musste lachen. Es tat ihr richtig gut! Sie setzte sich neben den Professor und überlegte kurz, was genau sie eigentlich fragen wollte.

Dann atmete sie ein Mal tief durch und sprach: »Also, mein Name ist Mara Lorbeer, ich wohne in der Au, in der Edlingerstraße und … und …«

Eigentlich war es völlig unerheblich, wo sie wohnte, aber irgendwie fühlte sich Mara jetzt besser. Sie hatte das Gefühl, dass sie wieder im Hier und Jetzt angelangt war.

Allerdings war sie immer noch nicht bereit, dem Professor wirklich alles zu erzählen. Und so stellte sie stattdessen erst einmal eine andere Frage: »Also, ich wüsste gerne, wie man … Loki wieder fesseln könnte, wenn er … falls er sich … befreien könnte. Eventuell.«

Wenn ein Gespräch von einem Augenblick auf den nächsten völlig zum Erliegen kommt und keiner mehr ein Wort sagt, hört man plötzlich viele Geräusche, die einem vorher nicht aufgefallen wären.

Mara hörte ein Taxi, das eine nahegelegene Straße entlangfuhr. Sie hörte eine Frau, die schrill und künstlich lachte. Direkt vor Maras Füßen pickte gurrend eine Taube an den Resten einer Gurkenscheibe, wie man sie gerne mal aus dem Hamburger pult. Immer wieder schlug der Schnabel auf die Pflastersteine.

Pok pok. Pok pok. Pokpokpok.

Professor Weissinger schien währenddessen immer noch damit beschäftigt zu sein, eine Antwort zu finden. Allerdings nicht unbedingt eine Antwort auf Maras Frage, sondern wohl eher eine Antwort darauf, wie ein vierzehnjähriges Mädchen ausgerechnet auf die Idee kommt, so eine Frage zu stellen! Oder überhaupt irgendwer.

Maras Gedanken rasten. Sie hatte doch nichts Falsches gesagt, oder? Ihn vielleicht beleidigt, ohne es zu bemerken? Aber sie hatte doch nur gefragt, ob …

In diesem Moment hörte Mara jemanden sprechen: »Ach ja, und wer ist die traurige Frau, die neben ihm steht, und was will sie mit der Holzschale?«, und fast gleichzeitig stellte sie fest, dass sie das wohl gerade selbst gesagt hatte.

Stimmt, dachte sie, das wollte ich ja auch noch fragen. Na ja, hab ich jetzt wohl.

Professor Weissinger sah Mara jetzt mit einem Blick an, der sie eindeutig an ein Sofakissen erinnerte. Ohne dass sie jetzt hätte sagen können, was genau ihr an diesem Vergleich so passend erschien, fand Mara, dass es für den Ausdruck im Gesicht des Professors tatsächlich keine bessere Beschreibung gab.

Als hätte er selbst gemerkt, dass es sich für einen Universitätsprofessor nicht geziemte, mit dem Gesichtsausdruck eines Sofakissens auf ein junges Mädchen zu starren, fand der Professor schließlich seine Stimme wieder und befahl dieser, sich gefälligst zurück in seinen Hals zu scheren! Mit einem metallischen Räuspern, das klang, als hätte er ein Loch im Auspuff, rasteten seine Stimmbänder ein und nahmen ihre Arbeit wieder auf.

»Was hältst du davon, wenn wir das doch in meinem Büro besprechen, junge Dame? Es ist gleich da oben im zweiten Stock.«

Kapitel 6


Hinter dem Professor betrat Mara durch die große Glastür zwischen den Säulen die Universität. Instinktiv duckte sie sich vor der zu erwartenden Düsternis! Gleich würden sie auch unzählige längst verstorbene Professoren aus düsteren Bildern mit strengem Blick anstarren, als würden sie fragen: »Was machst du denn hier, kleines Mädchen? Weißt du denn nicht, dass diese Universität nur für Studenten ist und für bärtige Professoren in Cordhosen, die Papierstapel durch die Gänge tragen und dabei laufend lose Blätter verlieren?«

Umso überraschter war sie über das helle grellweiße Licht, das die große Halle erfüllte, in der sie nun stand. Als sie nach oben sah, musste sie sogar die Augen zusammenkneifen. Das Licht fiel gleißend hell durch eine Art gläserne Kuppel hoch über ihren Köpfen und wurde noch verstärkt vom weißen Stuck an der hohen Decke.

Dem Professor schien erst jetzt bewusst zu werden, dass Mara dieses Gebäude wohl zum ersten Mal betrat. Er kam die paar Schritte zurück, die er die große Freitreppe bereits hinaufgestiegen war.

»Ja, das ist der sogenannte Lichthof, der seinen Namen ganz offensichtlich zu Recht trägt. Dort hinten ist der Aufgang zu unserem Auditorium maximum, dem größten Hörsaal in der Uni. Aber wir gehen jetzt hier hinauf in den zweiten Stock und dann rüber in den anderen Trakt.«

»Ich dachte, Ihr Büro ist gleich hier oben?«, fragte Mara.

»Das ist es auch«, antwortete der Professor. »Zumindest im Vergleich zu so manch anderem Büro hier. Die Universität München ist riesengroß. Sie erstreckt sich über mehrere Straßen und dies hier ist nur eines von über zwanzig Gebäuden. Allein in diesem Teil der Universität gibt es den Adalbertstrakt, den Dekanatstrakt, den Senatstrakt, den Amalientrakt und den Bibliothekstrakt. Wir gehen jetzt in das sogenannte Gartengebäude. Und bevor du dir nun einen Schreibtisch in einer Gartenlaube vorstellst, solltest du wissen, dass dieses Gebäude wiederum über drei Geschosse plus drei Zwischengeschosse und drei Innenhöfe verfügt.«

Mara malte sich kurz aus, wie sie auf der tagelangen Suche nach Professor Weissinger irgendwo in den endlosen Hallen und Gängen elend verdurstet wäre. Doch sie erlaubte sich, diese Vision aus ihrem Geist zu vertreiben.

Visionen. Na wunderbar, ich hab wieder dieses Wort benutzt, dachte Mara, als sie dem Professor durch die vielen Gänge, Doppeltüren und Treppenhäuser folgte. Visionen war eins von Mamas Lieblingswörtern. Dauernd hatte irgendeine von ihren Wicca-Frauen irgendwelche Visionen – meistens davon, dass irgendeine Stimme ihnen einflüsterte, dass sie doch »endlich mal an sich selbst denken« sollten oder »sich auch mal was gönnen« dürften. Praktische Sache, so eine Vision, wenn sie immer genau das aussprach, was man gerade am liebsten hören wollte. Auch Mama hatte schon oft Visionen gehabt: zum Beispiel davon, dass Papa zurückkommen würde, weil er eingesehen hatte, dass sie immer schon recht gehabt hatte und es ein großer Fehler gewesen war, sie zu verlassen.

Vor allem im ersten Jahr nach der Trennung hatte sie Mara sehr oft davon erzählt.

Als Mara noch jünger gewesen war, hatte sie sogar daran geglaubt und gehofft, dass Mama diesmal die Wahrheit vorausgesehen hatte.

Doch dann verging das Jahr, schließlich zwei, drei … und Papa war immer noch nicht wieder da. Und das, obwohl Mama inzwischen schon unzählige weitere Visionen, Zeichen und Orakeldeutungen angeführt hatte, die letztlich alle das Gleiche aussagten: Papa kommt zurück. Ganz sicher. Diesmal wirklich. Demnächst. Bald.

Mittlerweile wusste Mara nur eines ganz sicher: Wenn sie selbst irgendwann mal eine Tochter hätte, dann würde sie ihr nur Dinge versprechen, die sie auch halten konnte.

Was ihre Mutter wohl denken würde, wenn Mara ihr erzählte, dass sie sich neuerdings mit Pflanzen unterhielt und Visionen hatte? Na ja, eigentlich hatte sie die ja immer schon gehabt. Nur haben wollen hatte sie die Visionen eben nicht.

Und jetzt das.

Spákona.

Was sollte sie dem Professor eigentlich erzählen? Alles? Nein, auf keinen Fall. Wer glaubte schon einem vierzehnjähriges Mädchen? Und dann auch noch so etwas Unglaubliches. Andererseits war sie doch genau deswegen hergekommen, oder?

Nein, sie würde den Professor jetzt einfach ausfragen über alles, was sie wissen musste, und dabei möglichst wenig über sich erzählen. Oder gar nichts. Und auch nichts über Mama. Genau, das war ein toller Plan!

Zufrieden nickte Mara und stellte im selben Moment fest, dass sie damit wohl gerade irgendetwas bejaht haben musste, denn der Professor sagte: »Na, dann hol ich dir mal einen, bin gleich wieder da!«

Mara blieb allein zurück, vor irgendeiner Tür in irgendeinem Gang in irgendeinem Stockwerk in irgendeinem Gebäude.

Doch gerade als sie spürte, wie ihre Fingernägel sich anschickten in den Handballen bleibende Spuren zu hinterlassen, hörte sie vertraute Geräusche: klimpernde Geldstücke in einer Hosentasche, klickendes Einwerfen von Münzen und ein Tastendruck. Danach ein Summen und ein leises »Sch-Blunk«, gefolgt von einem Geräusch, das klang, als würde jemand in einen Plastikbecher pinkeln.

Professor Weissinger kam mit einer heißen Schokolade auf Mara zu.

»Ich frage mich manchmal, warum diese Kästen immer Kaffeeautomat heißen, obwohl sie alle möglichen Arten von Heißgetränken ausspucken«, sagte er und grinste, als er ihr den Becher reichte.

»Vielleicht weil Schokolade-Kaffee-Tee-und-Rinderbrühe-Automat zu lang ist?«, antwortete Mara und meinte es gar nicht so witzig, wie es offensichtlich beim Professor ankam.

»Hahaha, ja, das kann sein. Und vielleicht weil Diverses-heißes-Gebräu-Automat nicht gerade appetitlich klingt.«

Der Professor trat an Mara vorbei an die Tür und steckte einen der Schlüssel von seinem dicken Schlüsselbund ins Schloss. Nachdem er den Schlüssel dreimal herumgedreht hatte, zückte er einen weiteren Schlüssel und steckte ihn in ein kleines Vorhängeschloss. Und als Mara dann endlich einen Blick in das Büro werfen konnte, wusste sie auch, wofür das zusätzliche Schloss war: Der Professor wollte die Putzfrau aussperren.

Dies war auf jeden Fall der kleinste Raum mit den meisten Büchern, Ordnern und Papierstapeln darin, den Mara jemals gesehen hatte.

»Jaja, ich weiß«, sagte Professor Weissinger, während er sich zwischen den Stapeln hindurchmanövrierte, ohne auch nur einen einzigen der Türme ins Wanken zu bringen. »Aber ich warte jetzt seit vier Monaten auf ein größeres Büro und sehe nicht ein, warum ich hier noch mal aufräumen soll, wenn ich vielleicht schon morgen alles wieder in Pappkartons packen muss. Bitte versuch so wenig wie möglich durcheinanderzubringen.«

Keine Sorge, dachte Mara. Dieses Zimmer kann man gar nicht noch mehr durcheinanderbringen. Trotzdem achtete sie sehr darauf, nichts zu berühren.

Andere Besucher waren dabei offensichtlich weniger erfolgreich gewesen. Ein paar Haufen zeigten deutlich, dass hier bereits die eine oder andere Papierlawine niedergegangen war und tiefer gelegene Notizblock-Dörfer und Post-it-Ortschaften unter sich begraben hatte.

Professor Weissinger umrundete einen der Papier-Gletscher und ließ sich dann mit einem leisen Seufzer in einem abgewetzten Ledersessel nieder. Gleichzeitig zeigte er Mara an, die Tür zu schließen. Dann seufzte er noch einmal und legte gemütlich die Beine auf einem der Bücherstapel ab, als wäre es ein Couchtisch.

»So«, sagte der Wissenschaftler und musterte Mara mit seinen wachen Augen. »Mach es dir bitte bequem.«

»Danke«, sagte Mara und setzte sich auf den Papierhaufen, unter dem sie den Besucherstuhl vermutete. »Oh, und danke für die Schokolade.«

»Hast du sie schon probiert?«, fragte der Professor und Mara schüttelte den Kopf.

»Dachte ich mir schon, denn sonst hättest du dich nicht bedankt. Aber jetzt zu dem Grund deines Besuchs. Du hast mir da vorhin ein paar sehr seltsame Fragen gestellt, Mara Lorbeer aus der Au. Und ich bin von meinen Studenten wirklich einiges gewöhnt.«

»Tut mir leid«, sagte Mara kleinlaut. »Ich wollte nicht …«

Doch der Professor winkte sofort ab: »Aber nein, du musst dich nicht entschuldigen! Es tut mir leid, wenn ich dich angestarrt haben sollte wie ein Gummistiefel.«

Auch schön, dachte Mara, aber ich fand das Sofakissen trotzdem besser.

»Und jetzt bin ich natürlich gespannt, wie du darauf gekommen bist«, fuhr der Professor fort. »Wie zum Beispiel auf die Frage nach der Frau mit Holzschale im Loki-Mythos. Das ist zugegebenermaßen schon recht ungewöhnlich, wenngleich auch einfach zu beantworten … Oh, entschuldige, vielleicht nimmst du erst mal auf dem Besucherstuhl Platz, denn du sitzt auf den Klausuren meiner Studis … ja, genau, der Stapel daneben, da ist er drunter oder war es zumindest mal … komisch, na ja, dann setz dich doch wieder auf die Klausuren, denn die erleben sicher noch Schlimmeres, wenn ich erst mal mit den Korrekturen anfange … So, und jetzt erzählst du mir erst mal, wie du auf diese Fragen gekommen bist.«

Oh nein!, dachte Mara panisch, bis eben ist es doch so gut gelaufen. Er hat schon von selbst angefangen, über Loki zu reden, und jetzt das! Ich soll was erzählen! Von mir! Was mach ich denn jetzt?

Sie blickte kurz auf. Der Professor wartete immer noch! Mann, hatte der eine Geduld! Mist!

Okay, ich muss ja nicht alles erzählen! Ich lass die seltsameren Momente weg und erzähle nur die weniger seltsamen!

Doch sofort fiel Mara auf, dass sie sich an keinen einzigen weniger seltsamen Moment erinnern konnte. Also tat sie weiter das, was sie eh schon tat: Sie schaute auf den Boden und schwieg.

Der Professor wartete noch weitere ewige fünfzehn Sekunden. Dann seufzte er.

»Darf ich dein Schweigen derart auslegen, dass du mir nichts über dich erzählen möchtest?«, sagte er und klang dabei nicht im Entferntesten vorwurfsvoll.

Mara nickte nur stumm.

»Hm, da kann man wohl vorerst nichts machen. Mal sehen, vielleicht erzählst du es mir ja ein andermal. Also widmen wir uns erst einmal dem Loki. Einen Moment bitte.«

Professor Weissinger wendete sich ab, um in dem Stapel neben sich nach etwas zu wühlen.

Mann, stell ich mich grad blöd an!, schimpfte Mara sich selbst in Gedanken. Trotzdem konnte sie einfach nicht anders, sagte weiterhin kein Wort und zog dabei ihren Mund zusammen, als hätte sie in eine Zitrone gebissen.

Als der Professor mit einem abgegriffenen Buch in der Hand wieder auftauchte, blickte er verwundert in Maras verkniffenes Gesicht.

»Hast du jetzt doch den Kakao probiert?«, fragte er, während er in dem Buch blätterte und recht schnell fand, was er suchte. Der Professor hielt Mara das Buch aufgeklappt entgegen. »Kommt dir hier etwas bekannt vor?«, sagte er und versuchte dabei besonders beiläufig zu klingen, was ihm gerade deswegen nicht einmal ansatzweise gelang.

Mara sah eine Doppelseite mit einem Bild vor sich, auf dem die Zeichnung eines grinsenden Mannes zu sehen war.

Das Bild war in Braun und Rottönen gehalten und wirkte irgendwie sehr alt. In der linken oberen Ecke stand irgendetwas in einer seltsamen Schrift und in einer Sprache, die Mara nicht verstand. Um den Text war ein Rahmen gezogen. Der Mann auf dem Bild schien auf die Schrift zu blicken, denn obwohl sein Körper nach rechts gedreht wirkte, war der Kopf rückwärts gewandt. In der erhobenen Hand hielt er eine Art Seil mit einer Schleife oder einem Knoten am oberen Ende. Das Seil hing herab und endete an einem Gitter oder eher einem grobmaschigen Netz, das hinter dem Mann ausgebreitet war.


Mara betrachtete die Figur genauer. Der Kopf war nur von der Seite zu sehen. Mara erkannte einen hellen Bart, der zu mehreren Spitzen zusammengedreht war, und eine ziemlich lange Nase, die fast wirkte wie die einer Kasperlpuppe. Die Mütze, die weite Kleidung mit den gelb-roten Streifen, das Grinsen … alles irgendwie kasperlhaft. Doch da blickte sie dem Mann in das eine sichtbare und tiefschwarze Auge und wusste sofort, wen sie da vor sich hatte! Und bevor sie seinen Namen aussprechen konnte, verlor sich Mara auch schon in der äußerst unkasperlhaften Schwärze der Pupille …

Mara sah sich um und erschrak nicht, als sie das Wasser sah, das sich vor ihr im Nebel verlor. Sie wunderte sich auch nicht besonders über den hölzernen Steg, auf dem sie lag. Unter dem Steg zog ein Fluss vorbei und Mara hörte das Plätschern des Wassers, das die roh behauenen, dicken Pfähle umspülte, auf denen der Steg im Flussbett stand.

Es ist nur eine Vision, murmelte Mara sich selbst zu. Nur eine Vision. Ich bin nicht wirklich hier. Und gleich, wenn ich wieder die Augen aufschlage, werde ich im Büro des Professors sein. Wo ich die ganze Zeit war. Und immer noch bin. Das ist einfach wie im 3-D-Kino, nur ohne die doofe Brille!

Oje, vermutlich war sie inzwischen wieder umgekippt wie die beiden Male zuvor. Hoffentlich würde Professor Weissinger keinen Arzt rufen oder so etwas.

Wenigstens falle ich auf dem Papierkram weicher als vorhin auf den Pflastersteinen vor der Uni, dachte sich Mara und fand sich dabei sogar fast ein bisschen … na ja … cool.

Doch als sie plötzlich merkte, dass sie nicht allein war auf dem Steg, schmolz ihre Coolness dahin wie Scheibletten-Käse auf einem Toaster: Direkt vor ihr am Ende des Stegs stand ein Mann. Er hatte den Rücken zu ihr gedreht und raffte mit ausladenden Bewegungen ein Fischernetz zusammen. Mara hatte keine Zweifel, wer der Mann vor ihr war, und sofort ging ihr Atem schneller.

Er kann mich nicht sehen, auch wenn er sich umdreht. Die anderen Male hat mich auch keiner gesehen, oder? Also ganz ruhig, er kann mir nichts tun, weil er gar nicht weiß, dass ich da bin, dachte Mara. Trotzdem stand sie nicht auf, sondern blieb erst mal auf den Planken sitzen. Nur zur Sicherheit.

Der Mann trug eine Art Kleid aus grober Wolle oder vielleicht Leinen. Es war dunkelrot gefärbt, aber viel unregelmäßiger, als Mara es von ihren Klamotten kannte. Das eher schmucklose Kleidungsstück reichte ihm bis über die Knie und war über der Hüfte gerafft mit einem Gürtel, an dem ein auffallend verzierter Dolch in einer Scheide befestigt war. Seine Beine waren mit einem ähnlich groben Stoff umwickelt, der von Lederbändern an den Waden gehalten wurde.

Mara konnte nicht umhin, sich kurz vorzustellen, wie fürchterlich das jucken musste! Ihr selbst waren ja schon gestrickte Mützen unerträglich. Vor allem, wenn ihre Mutter sie gestrickt hatte, denn dann kratzten sie nicht nur – sie sahen auch noch doof aus.

Der Mann sah das vielleicht genauso, denn eine Mütze trug er nicht. Dafür war sein langes blondes Haar zu einem kunstvollen Knoten geformt. Seltsamerweise trug er ihn aber nicht am Hinterkopf, sondern an der Seite, knapp über dem rechten Ohr. Käme Mara mit einem solchen Haarknoten über dem Ohr in die Schule, wären sogar noch in Australien die Leute auf die Straße gelaufen, um nachzusehen, woher das Gelächter kam.

Der Mann warf nun sein riesiges Fischernetz hinaus in den nebligen Fluss. Mara runzelte die Stirn. Sie wusste zwar nicht genau, wie man als Fischer ein Netz auszuwerfen hatte, aber das sah irgendwie anders aus. Der Mann wirkte nämlich überhaupt nicht wie jemand, der diese Bewegungen schon Hunderte von Malen gemacht hatte, sondern eher wie … Mara überlegte. Irgendwo hatte sie dieses komische Gehabe doch schon mal gesehen …

Und da fiel es ihr plötzlich ein: Im Fernsehen! Genau, der Mann erinnerte sie an die aufgedonnerten Grinsebacken aus den Dauerwerbesendungen. Er wirkte, als wolle er sich selbst und der Welt besonders eindrucksvoll die Vorzüge dieses großartigen Profi-Fischernetzes demonstrieren, um dann zu verkünden, dass man dazu noch diese Hochleistungs-Präzisions-Angel und diesen titaniumverstärkten Power-Kescher mit Beschichtung aus der Raumfahrt umsonst bekommen würde – vorausgesetzt, man riefe sofort an!

The free sample has ended.

Genres and tags

Age restriction:
0+
Release date on Litres:
22 December 2023
Volume:
364 p. 41 illustrations
ISBN:
9783964260406
Copyright Holder::
Автор
Download format:

Similar books