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Tim Herden

Harter Ort

Ein Hiddensee-Krimi

mitteldeutscher verlag

Inhalt

Cover

Titel

Über den Autor

Widmung

Prolog

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

XI

XII

XIII

XIV

XV

XVI

XVII

XVIII

XIX

XX

XXI

XXII

XXIII

XXIV

XXV

XXVI

XXVII

XXVIII

XXIX

XXX

XXXI

XXXII

XXXIII

XXXIV

XXXV

XXXVI

XXXVII

XXXVIII

XXXIX

XL

XLI

XLII

XLIII

XLIV

XLV

XLVI

XLVII

XLVIII

XLIX

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Impressum

Tim Herden, geboren 1965 in Halle (Saale), arbeitete nach dem Studium der Journalistik in Leipzig zunächst als wissenschaftlicher Assistent und Journalist, ehe er 1991 Redakteur beim Mitteldeutschen Rundfunk in Dresden wurde. Heute ist er Korrespondent im ARD-Hauptstadtstudio Berlin. „Gellengold“ war sein erster Hiddensee-Krimi, 2012 und 2014 erschienen mit „Toter Kerl“ und „Norderende“ zwei Fortsetzungen.

Alle in diesem Buch geschilderten Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären zufällig und nicht beabsichtigt.

Für Katinka

Ein Schrei. Es war ein Schrei gewesen. Er hatte einen Schrei gehört. Oder hatte er sich getäuscht? Hatte er diesen Schrei nur geträumt?

Stefan Rieder drehte den Kopf hin und her. Nein, da war nichts. Wieder starb ein Stück Hoffnung. Denn nun war wieder nur das Glucksen des Wassers zu hören, wie es an der Bootshaut leckte. Als wolle es sich Appetit holen, bevor es das leichte Boot in die Tiefe ziehen würde. Das Paddelboot antwortete mit dem Knarren der hölzernen Spanten. Je tiefer die Wellentäler, umso lauter stöhnte der Bootskörper. Noch hielt er stand.

Um sich herum sah Rieder nur tiefe Dunkelheit. Kein Blinken eines Leuchtfeuers. Keine Bojen. Keine Positionslichter eines Schiffes. Das Meer glitzerte nicht, sondern erschien wie ein wogender dunkelgrauer Sumpf. Hier draußen gab es keine Wellenkämme. Nur Wasser. Beständig bewegte es sich auf und ab. Darüber lag ein grauer Nebelschleier.

Wie lange hatte er geschlafen? Ein paar Minuten? Ein paar Stunden? Rieder wusste es nicht. Auch nicht, wie lange Damp und er jetzt schon über die Ostsee trieben. Er war froh gewesen, als endlich der Schlaf über die Angst gesiegt hatte. Das nährte seinen Wunsch, den Tod nicht zu spüren. Den nassen Tod. Hier auf dem offenen Meer. Wenn er ehrlich zu sich selbst war, so hatte er den Glauben an eine Rettung längst aufgegeben.

Er rief nach Damp. Doch von hinten kam keine Antwort. Umdrehen konnte er sich nicht. Das verhinderten die straffen Fesseln an seinen Unterarmen. Was war mit Damp? Noch einmal rief er den Namen seines Kollegen. Doch wieder blieb es still. Schlief Damp? War er bewusstlos? Oder vielleicht schon tot? Immerhin hatten sie ihn mehrmals mit einem Elektroschocker traktiert.

Rieder verfiel ins Grübeln. Es war auf alle Fälle seine Schuld gewesen, dass sie jetzt hier auf der Ostsee trieben. Zwischen Hiddensee und dem Nirgendwo. Aber was brachte ihm diese Erkenntnis jetzt noch? Er senkte den Kopf. Sein Nacken schmerzte. Eine lähmende Müdigkeit überkam ihn aufs Neue, aber die Angst vor einem Todeskampf mit dem Wasser hielt ihn noch wach. Er stellte sich vor, wie es mit salzigem Geschmack in seinen Mund spülen würde. In seinen Rachen. Sein Körper würde sich ein letztes Mal aufbäumen. Der letzte Versuch zu überleben. Er schüttelte sich. Es war doch sinnlos, darüber nachzudenken. Es war doch besser, sich durch das monotone Anschlagen der Wellen am Boot und das Rauschen des Wassers betäuben zu lassen. Langsam döste er wieder ein.

Da war es wieder! Untrüglich! Ein Schrei! Ein Rufen! Er öffnete die Augen. Grelles Rot blendete ihn. Was war das? Das Licht des Jenseits? Raste er in diesen letzten Tunnel vom Leben zum Tod? Das wollte er nicht sehen. Er kniff die Augen zusammen.

Stimmen drangen an sein Ohr und waren doch weit weg. Sie klangen dumpf. Sein Kopf schien von Watte umhüllt. Er verstand kein Wort. Wer hatte auch gesagt, dass man im Jenseits seine Sprache sprechen würde? Gleichzeitig begann jemand, an ihm zu zerren. Er schrie auf! So laut hatte er sich noch nie schreien hören! Der Schmerz hatte sich einen Weg durch seinen Körper gebahnt und war durch seine Kehle als Urschrei nach außen gedrungen. Von den Schultern ins Herz. Er versuchte sich zu wehren, wollte seine Arme bewegen. Doch er spürte sie nicht mehr. Er spürte seine Arme nicht mehr. Seine gefesselten Arme fühlten sich taub und schwer an. Ein Griff unter seine Achseln hob seinen Körper an. Er glaubte, seine Schultern würden brechen. Der erneute tiefe Schmerz ließ ihn ohnmächtig werden. Stefan Rieder empfand das als letzte Gnade, die ihm gewährt wurde.

I

Er lehnte den Kopf an die kühle Scheibe. Trotzdem wurde ihm nicht kälter. Er schwitzte in seinem gefütterten Anorak und der dicken Allwetterhose. In dem überfüllten Bus mussten fast dreißig Grad sein. Trotzdem war es wohl die richtige Entscheidung am Morgen gewesen, nicht nach Stralsund, sondern nach Bergen auf Rügen zu fahren. Rechtzeitig hatte er noch erfahren, dass die Silvesterfährlinie zwischen Stralsund und Hiddensee wegen Eisgangs eingestellt worden war. Die Fahrrinne war zugefroren, nachdem es seit Weihnachten fast ununterbrochen geschneit hatte und die Temperaturen beständig unter null gefallen waren. Auch jetzt schneite es wieder. Doch den Schnee sah er nur durchs Fenster, wenn der Bus an einer Straßenlaterne vorbeifuhr und in ihrem Licht der Flockenwirbel zu sehen war. Von Schaprode, dem kleinen Fährort auf Rügen, ging eigentlich immer ein Schiff nach Hiddensee. Dort gab es auch die einzige Fähre, die zum Eisbrechen taugte. Sie hatte zwar schon einige Jährchen auf dem Buckel, aber in den letzten Jahren immer ihren Dienst getan. Auch bei Eis und Schnee. Das Schiff war jetzt das Ziel nicht nur für ihn, sondern auch für zahlreiche Urlauber, die Hiddensee bis zum Abend erreichen wollten, um dort den Jahreswechsel zu feiern. Ein paar Raketen schauten aus seiner Tasche, die er unter dem Sitz verstaut hatte.

Der Bus hielt in Trent, dem vorletzten Ort vor Schaprode. Er schaute kurz auf, um zu sehen, wer zustieg. Aber es war kein Platz mehr für neue Fahrgäste. Vorn diskutierte lautstark der Busfahrer mit einem Wartenden. Dann rief er ein paarmal in den Bus, ob man nicht zusammenrücken könnte. Doch mehr als ein ärgerliches Raunen und Brummen bekam er nicht zur Antwort. Niemand bewegte sich. Der Fahrer schloss die Tür, der Bus fuhr an und er konnte im Schein des Wartehäuschens einen Mann und eine Frau erkennen, die über ihr Zurückbleiben miteinander in Streit gerieten. Sicher wäre noch Platz für die beiden gewesen, wenn der eine oder andere Fahrgast in Bergen bereit gewesen wäre, seinen Rollkoffer im Laderaum des Busses zu verstauen. Doch keiner wollte Zeit verlieren beim anstehenden Wettlauf von der Bushaltestelle zum Ticketschalter der Fähre. Die Zeit bis zur Abfahrt der Fähre war knapp. Er konnte gelassen sein. Er besaß eines der billigen Insulaner-Tickets für die Einwohner Hiddensees.

Sein dicker Nachbar auf der Sitzbank drückte ihn immer mehr an die Bordwand des Busses. Schmerzhaft stießen nun die Kanten der Langlaufski gegen seine Knie. Er hatte sie samt Schuhwerk und Stöcken kurz entschlossen in Bergen erworben. Bei mittlerweile über fünfzig Zentimetern Schnee auf der Insel würde er damit gut vorankommen und müsste nicht zu Fuß durch den Schnee stapfen. Wenn es weiter so schneite, würde über kurz oder lang der Inselbus seine Fahrten einstellen.

Endlich Schaprode. Die Passagiere wurden kurz durchgeschüttelt, als der Fahrer heftig vor dem Schneeberg bremsen musste, der an der Endhaltestelle aufgetürmt worden war. Er wartete, bis sich die meisten schon durch die enge Bustür geschoben hatten, bevor er sich aus seinem Sitz schälte. Draußen schlug ihm ein eisig kalter Wind entgegen. Er zog sein Basecap aus braunem Cord tiefer ins Gesicht. Nicht ohne Genugtuung marschierte er am Reederei-Gebäude vorbei. Es hatte sich eine lange Schlange gebildet. Wie nicht anders zu erwarten, war nur ein Ticketschalter geöffnet. Die „Vitte“ lag schon da. Ansonsten waren die Schiffe im Hafen Schaprode vom Eis eingeschlossen. Bis es Tauwetter gäbe, würde also der Eisfahrplan gültig sein und nur die „Vitte“ zwischen Hiddensee und Rügen verkehren. Fünfmal am Tag. Sonst gab es selbst im Winter zehn Verbindungen. Er ging über die Gangway, zog seinen Fahrschein aus der Tasche und hielt ihn dem Matrosen hin, der einen Abschnitt abriss. Doch als er weiterwollte, hielt ihn der Mann in der blauen Wattejacke mit der Aufschrift „Reederei Hiddensee“ auf.

„Frachtschein?“, fragte er und zog dabei das Wort mit dem typischen norddeutschen Zungenschlag in die Länge.

„Was für ein Frachtschein?“

Der Mann der Reederei zeigte auf die Langlaufskier und wiederholte: „Frachtschein?“

„Dafür?“, antwortete er verwirrt.

„Genau.“

„Aber die gehören doch zu meinem Gepäck.“

Der Matrose schüttelte den Kopf. „Das ist ein Fortbewegungsmittel. Dafür braucht’s einen Frachtschein.“ Damit war die Diskussion für das Besatzungsmitglied der Fähre offenbar beendet.

Er schob ihn zur Seite und winkte den nächsten Fahrgast heran.

So einfach wollte er sich nicht verdrängen lassen. Er trat wieder nach vorn und versperrte den Weg, was sofort mit einem ärgerlichen Murren der Nachfolgenden beantwortet wurde. Solidarität war hier nicht zu erwarten.

„Und kriege ich den Frachtschein hier bei Ihnen?“, fragte er, obwohl er die Antwort kannte. Sie wurde dann, statt mit Worten, durch zwei Gesten gegeben. Der Matrose deutete einmal mit dem Arm zum Reederei-Gebäude und wedelte ihn dann noch mal kurz mit der Hand zur Seite. In ihm kam das alte Kindergefühl auf, wenn er beim „Mensch ärgere Dich nicht“ mit seiner Figur nur noch einen Schritt vom Ziel entfernt gewesen war, ihn aber sein Bruder noch abgefangen und rausgeworfen hatte. Seine Wut hatte dann innerhalb von Sekunden den Siedepunkt überschritten und das Spielbrett war vom Tisch geflogen.

Mit dieser Wut im Bauch marschierte er zum Fahrkartenschalter und reihte sich in die Schlange ein. Immer wieder ging sein unruhiger Blick auf die Uhr an der Wand. Noch fünfzehn Minuten bis zur Abfahrt und noch knapp ein Dutzend Leute vor ihm. Er war nicht der Einzige, der mit seiner Geduld am Ende war. Jemand brüllte durch den Raum: „Macht mal einen zweiten Schalter auf?“ Der Ruf schien ungehört zu verhallen. Dann schob sich aber doch noch in Zeitlupe und mit Kaffeetasse in der Hand eine Angestellte aus einem Nebenraum, stellte die Tasse betont langsam an einem zweiten Schalter ab, setzte sich und winkte den nächsten Kunden heran.

Endlich war er dran. Noch fünf Minuten bis zur Abfahrt.

„Ich brauche einen Frachtschein“, fauchte er die Frau am Ticketschalter an.

Sie schaute ihn ratlos an. „Wofür?“

Statt zu antworten, hielt er ihr die Skier entgegen. Sie zuckte mit den Schultern. „Skier hatten wir noch nicht.“ Sie wandte sich an ihre Nachbarin. „Petra, hatten wir schon mal Skier?“

Petra stellte ihre Arbeit ein. Verständnislos blickte sie ihre Kollegin an und schüttelte dann den Kopf. „Nö, hatten wir noch nicht.“

„Aber der Mann auf der Fähre verlangt einen Frachtschein“, versuchte er den Vorgang zu beschleunigen. „Die Skier seien ein Fortbewegungsmittel.“

„Ach so“, meinte nun die Frau, tippte in ihren Computer etwas ein und stoppte dann aber wieder. „Petra, meinst du Fahrrad- oder Handwagenkarte.“

Jetzt zuckte Petra mit den Schultern.

„Ich nehme die teurere, dann bin ich auf der sicheren Seite“, schlug er völlig entnervt vor.

„Also Fahrradkarte.“

Er hatte im Inneren der Fähre weder einen Sitzplatz noch einen Stehplatz gefunden. Er stand mit einigen anderen Fahrgästen auf der offenen Stellfläche für die Fahrzeuge. Er hatte sich hinter den Traktor gestellt, der immer auf der Fähre mitfuhr, um Hänger an Bord zu ziehen oder an Land zu schieben. Er versuchte, sich so ein wenig gegen den frostigen Fahrtwind zu schützen. Hinten am Heck konnte er beobachten, wie der Schiffskörper das gebrochene Eis zur Seite drängte. Die Schollen waren schon gut zehn Zentimeter dick. Als er endlich auf die Fähre gelangt war, hatten einige der anderen Gäste abfällig auf die Raketen in seinem Rucksack geblickt.

„Also ich finde es nicht gut, wenn die Ruhe im Biosphärenreservat nun auch noch durch diese Knallerei gestört wird“, ereiferte sich eine Frau so laut, dass er es hören musste. „Wir sind doch extra aus Berlin hierhergekommen, um diesem Krach zu entfliehen. Ich finde diese Knaller müssten auf Hiddensee verboten werden.“

„Mir egal“, antworte ihr Mann, „ein bisschen Feuerwerk ist doch ganz nett.“

In Vitte stürmten die Menschen von Bord. Auf dem Kai warteten Vermieter mit Handwagen und Schlitten auf ihre Gäste. Einige Passagiere gingen gezielt auf die wartenden Hiddenseer zu. Wahrscheinlich waren es Stammgäste oder Verwandte. Pferdekutschen standen bereit, um Touristen nach Kloster im Norden und nach Neuendorf im Süden zu bringen. Beide Orte wurden bei Eisgang nicht von der Reederei angefahren. Ihn beachtete keiner, als er die Fähre verließ, obwohl er auch den einen oder anderen kannte.

Er überlegte kurz, gleich die Skier auszuprobieren. Doch das Hafengelände war gut geräumt. So strömte er mit den meisten am Kai entlang, beobachtete dabei, wie sich Leute mit einem Nicken wiedererkannten, sich manche freudig in die Arme fielen, andere überrascht schienen, wen sie auf Hiddensee trafen und, wie er zu erkennen glaubte, nicht unbedingt hatten treffen wollen.

Der Deichweg war nicht geräumt. Er schnallte die Skier an, griff die Stöcke, machte ein paar gleitende Bewegungen mit jedem Fuß. Dann stieß er sich kräftig ab. Obwohl er wohl über zwanzig Jahre nicht mehr auf Skiern gestanden hatte, kam er gleich gut voran und verschwand in der Dunkelheit.

II

Malte Fittkau schreckte hoch. Das Geräusch einer Kreissäge hatte ihn geweckt. Er schaute auf seinen Wecker. Kurz nach drei Uhr. Nachts. Selbst auf Hiddensee benutzte um diese Zeit niemand eine Kreissäge. Eigentlich. Da hörte er wieder dieses hohe Kreischen. Vielleicht balgten sich zwei Kater. Aber dafür war es eigentlich zu kalt. Sein eigener grauer Kartäuser, der abends immer auf der Pirsch war und keinen Kampf scheute, um sein Revier zwischen Wiesenweg und Sprenge zu verteidigen, hatte es in den letzten Tagen vorgezogen, die Nacht vor dem warmen Ofen zu verbringen. Draußen war es einfach zu kalt.

Malte schwang sich aus dem Bett, ging zum Fenster und hob vorsichtig die Gardine. Auf der Sprenge, dem Weg hinter dem Boddendeich in Vitte, war kein Mensch zu sehen. Es war tiefe Nacht, nur durch den weißen Schnee etwas heller als sonst. Da war es wieder! Diesmal ein ganz hohes Sirren, als schneide jemand Metall. Am Ende gab es einen dumpfen Klang. Wie ein tiefer Gong. Jetzt ahnte Malte, was gerade geschah. Er riss seine Sachen vom Stuhl, sprang in seine Latzhose, zog sein Hemd und seinen dicken Wollpullover darüber. Er rannte die Treppe hinunter. Aus den Augenwinkeln sah er seinen Kater auf dem Fensterbrett sitzen, nach draußen schauen und heftig mit dem Schwanz schlagen. Auch ihn beunruhigten diese seltsamen Töne.

Malte schnappte sich seine Stiefel und die Wattejacke. Die Schapka stülpte er sich auf den Kopf. Der Kater folgte ihm bis zur Schwelle und trat dann beim ersten Kontakt seiner Pfoten mit dem Schnee den Rückzug in die warmen Gefilde des alten Reetdachhauses an.

Malte rannte durch den tiefen Schnee den Deich hinauf. Er schaute nach rechts. Wie er es erwartet hatte: Die „Caprivi“, ein alter Dampfer aus DDR-Zeiten, hatte Schlagseite. Immer mehr neigte sie sich nach Steuerbord. Wahrscheinlich hatte das Eis die stählerne Schiffshaut durchbohrt. Daher das kreischende Geräusch. Stählern war allerdings an dem alten Kahn schon lange nichts mehr. Der Rost fraß sich seit Jahren Stück für Stück durchs Schiff. Der Gong war dann das Platzen des Schiffskörpers gewesen. Nun drang Boddenwasser in das Leck ein. Malte hörte das Wasser unter der Eisfläche rauschen und glucksen. Das Schiff drohte zu sinken. Die Taue am Festmacher waren gespannt. Die Frage war nur, wer stärker war, die Hafenmauer oder die Taue. Wurden die Taue nicht gekappt, könnte auch noch ein Teil der Hafenanlage zerstört werden und sich das Wasser seinen Weg in den Deich bahnen. Würde es dort zu Eis, drohte eine Katastrophe. Das Eis konnte den Deich sprengen und dann würde sich der Bodden über die tieferen Grundstücke von Vitte ergießen.

Was tun? Malte lief hin und her. Er brauchte ein Beil, um die Taue zu zerschlagen. Warum hörte denn kein Mensch, was hier vorging? Er stürmte zurück, lief zu seinem Schuppen, riss die Tür auf und griff sich ein Beil. Dann sprintete er zum Anleger der „Caprivi“, zerschlug das Tau vorn am Bug. Knapp an seinem Kopf vorbei zischte es auf die vordere Bootsplattform. Dann rannte er zum Heck. Dort brauchte er drei Schläge, um das Tau zu kappen. Nun krängte das Schiff noch mehr aufs Eis. Malte erschrak. Die „Caprivi“ drohte seitwärts zu sinken. Doch dann blieb das Schiff plötzlich in der Bewegung stehen. Das Rauschen wurde leiser und langsam bewegte sich das Schiff wieder in Richtung Kai zurück. Malte sah es auf sich zukommen. Er wich Schritt um Schritt zurück. Das Schiff kam wieder in die Waagerechte und brach durchs Eis. Fontänen schossen nach oben. Dann sank die „Caprivi“ auf den Boden des Boddens, der hier allerdings nicht tiefer als höchstens einen Meter war. Malte war wie vom Donner gerührt. Wie erstarrt blickte er auf das gesunkene Schiff.

Vorsichtig ging er bis an die Kante des Kais. Da lag die „Caprivi“, als wäre nichts geschehen. Allerdings jetzt einen Meter tiefer. Aus der Tiefe drang wieder das Gurgeln des eindringenden Wassers. Die Eisschollen färbten sich langsam schwarz. Malte sammelte sich. Er rannte, so schnell er konnte, auf dem Deichweg vor zum Feuerwehrhaus. Dort schlug er die kleine Scheibe neben dem Tor ein und drückte den Knopf für die Sirene. Langsam begann sie zu heulen und weckte die Insel.

III

Barnhöft kam angerannt. Er knöpfte sich im Laufen noch die Uniform zu. Er stutzte, als er Malte am Feuerwehrschuppen sah. „Was soll denn das?“

„Die ‚Caprivi‘ ist gesunken“, brachte Malte japsend hervor. Er war noch völlig aus der Puste.

Barnhöft schaute den Deich hinab.

„Die liegt doch da.“

„Ja, aber einen Meter tiefer.“

Jetzt sah es der Feuerwehrmann auch. Er kratzte sich am Kinn.

„Das ist vielleicht ein Scheiß. Aber da kann man nun auch nichts mehr machen.“

„Muss man aber“, erwiderte Malte, „Öl tritt aus. Oder was weiß ich. Jedenfalls ist das ganze Eis drum herum schon schwarz.“

„Was?“, brüllte ihn Barnhöft ungläubig an, um dann seinen heranstürmenden Kameraden zuzurufen: „Ölalarm!“

Doch die Feuerwehr konnte nicht ausrücken. Der Schnee lag in der Sprenge zu hoch. Gut einen Meter. Hier war auch in den letzten Tagen nicht geräumt worden. Das Fahrzeug würde sofort stecken bleiben. Barnhöft überlegte. Sie mussten Ölsperren auslegen. Sie bis zum Schiff zu bugsieren, war den Männern nicht zuzumuten. Er hatte eine Idee. „Ich hol den Schneepflug und ihr fahrt dann gleich hinterher.“

Barnhöft lief zum Gewerbehof der Hiddenseelogistik im Hafen. Keine drei Minuten später kam er in hohem Tempo mit dem Schneepflug durchs Tor. Wie Mehlstaub stob der Pulverschnee zur Seite. Halsbrecherisch lenkte Barnhöft das Räumfahrzeug um das Feuerwehrgebäude, am alten Hafenschuppen vorbei, dann nach rechts über den Deich. Nur mit Mühe bekam er bei der Geschwindigkeit die Kurve nach links in die Sprenge. Die Feuerwehr fuhr hinterher.

Am Schiff gab es für die Feuerwehrleute neue Schwierigkeiten. Sie konnten nicht auf das brüchige Eis treten. Die Gefahr einzubrechen war zu groß. Aber sie mussten um das Schiff noch mehr Eis wegschlagen, um die Ölsperren in einigem Abstand von der „Caprivi“ ins Wasser zu bringen, wenn sie was bewirken sollten.

Verdrießlich stiegen drei Männer in ihre Wathosen und ließen sich neben dem Schiff in das eisig kalte Wasser gleiten. „Hier holt man sich ja den Tod“, jammerte einer.

„Nun hab dich nicht so“, trieb Barnhöft seine Leute an. „Was seid ihr doch alles für Memmen.“

Malte stand dabei, die Hände in den Taschen seiner Wattejacke. „Du kannst ruhig auch was tun“, herrschte ihn Barnhöft an.

„Bin ich Feuerwehrmann?“, gab Malte zurück. „Mach mal deinen Dreck schön alleine.“

Aber Barnhöft hörte nicht richtig hin. „Wer hat denn eigentlich die Taue gekappt?“ Er sah Malte wütend an.

„Ich dachte …“

„Du dachtest … Was hast du dir gedacht?“, brüllte der Feuerwehrkommandant. „Nichts hast du dir gedacht! So hätten wir vielleicht den ganzen Mist noch über Wasser aus dem Kahn pumpen können.“

„Hätte, hätte! Der alte Hättich ist tot“, keifte Malte zurück. „Außerdem hätte der Kahn den halben Kai mit sich gerissen.“

Barnhöft musste Malte im Stillen recht geben, wollte es aber nicht zeigen. Er winkte ab und drehte sich um. Malte zuckte mit den Schultern. Er fühlte sich ungerecht behandelt.

Barnhöft winkte seinen jüngsten Kameraden heran. „Poschau, du kletterst ins Schiff und versuchst in den Maschinenraum zu kommen. Ich will einen Bericht, wie es da unten aussieht. Wasserstand, Lecks in den Tanks. Aber zack, zack!“

„Und wie soll ich da reinkommen?“, fragte Bernd Poschau.

Barnhöft schob sein Gesicht ganz nah an das des jungen Feuerwehrmannes. „Draufklettern, Luke öffnen, einsteigen. Los jetzt!“

Bernd Poschau ließ sich auf das Vorderdeck des Schiffes gleiten und versank bis zur Hüfte im Schnee. Dann schob er die Hebel an der Einstiegsluke zum Fahrgastraum zur Seite und kletterte in das Schiff, kam aber gleich wieder rückwärts heraus. Das Gesicht leichenblass, den Arm ausgestreckt, zeigte er mit dem Finger immer wieder ins Innere des Schiffes.

„Mensch, Poschau, haste nicht verstanden, was ich dir gesagt habe, du sollst nicht raus, sondern rein ins Schiff“, donnerte Barnhöft von oben.

„Chef, da sitzt einer!“

Die Sirene hatte auch die Bewohner der umliegenden Häuser aus den Betten getrieben. Zum Teil schauten sie aus dem Fenster, was sich dort rund um die „Caprivi“ abspielte. Einige standen aber nun auch frierend auf dem Deich. Einer war sogar mit Skiern gekommen und beobachtete das Treiben.

Malte hatte es sich nicht nehmen lassen, Barnhöft auf das Vorderdeck zu folgen. Er blickte mit ihm durch die geöffnete Luke unter Deck. Der Schein einer Taschenlampe beleuchtete einen leblosen, halb nackten, sitzenden Mann. Reif hatte sein Haar und seinen Bart überzogen. Die Haut war grau gefärbt. Über dem leblosen Körper stand der Schriftzug „Bar Blue Mayday“ in goldener Farbe.

„Möselbeck muss her“, meinte Barnhöft.

„Der braucht keinen Arzt mehr“, erwiderte Malte trocken.

Barnhöft sah ihn an und schüttelte den Kopf. „Trotzdem muss der Doc her und ihn sich ansehen. Und der Damp. Wo ist der eigentlich? Braucht der neuerdings eine Extraeinladung?“

Barnhöft holte sein Funktelefon hervor und rief den Inselarzt an. Danach wollte er gerade den Inselpolizisten Ole Damp anrufen, als dessen mächtiger Körper oben an der Kaikante erschien.

„Schön, Damp, dass du es einrichten konntest. Hier liegt, entschuldige, sitzt einer für dich.“

„Mensch, Damp, kaum wieder auf der Insel und schon eine neue Leiche“, rief einer der Feuerwehrmänner.

Damp zeigte ihm den ausgestreckten Mittelfinger. Mühsam und umständlich kletterte er auf das Vordeck der „Caprivi“. „Barnhöft, du kannst dir deine blöden Sprüche sparen. Versuch mal mit Sommerreifen bei dem Schnee von Neuendorf hierher zu fahren. Hat nicht jeder einen Schneepflug. Was ist eigentlich los?“

„Schau doch selbst?“

Ole Damp nahm Barnhöfts Lampe und blickte durch die Luke. „Scheint mir einer von der Insel zu sein“, meinte er. „Aber der Name?“

„Könnte mein ehemaliger Biologielehrer sein“, rief Bernd Poschau. „Dehne heißt der, eh, hieß der. Martin Dehne.“

Alle drehten sich zu ihm um. „Dein Biologielehrer also“, stellte Barnhöft fest. „Warum hast du das nicht gleich gesagt.“

„Ich habe doch in dem dunklen Loch da nichts weiter erkannt“, verteidigte sich der junge Mann. „Nur diese weißen toten Augen.“

„Und jetzt plötzlich fällt dir aber ein …“

„Als wenn wir momentan auf der Insel nicht genug Probleme haben“, unterbrach Inselarzt Möselbeck Barnhöfts Tirade.

Seit Neujahr war Hiddensee von der Außenwelt durch einen dicken Eispanzer abgeschnitten. Die einzige eisgängige Fähre lag seit dem Silvesterabend mit Motorschaden in Schaprode, mittlerweile auch von Eis umschlossen. Dutzende Urlauber saßen auf der Insel fest. Die Versorgungslage war angespannt. Der einzige Eisbrecher war auf dem Strelasund im Einsatz, um für die Handelsschiffe den Seeweg frei zu halten. Auch aus der Luft gab es keine Hilfe. Sowohl die Bundespolizei als auch die Bundeswehr hatten durch den Wintereinbruch und Katastropheneinsätze auf Rügen und Usedom keine Hubschrauberkapazitäten frei.

Doktor Möselbeck hatte sich auch vom Kai auf das Deck des Wracks gehangelt. „Guten Morgen, die Herren. Wo liegt der Tote?“

Damp wies auf die Luke. Möselbeck kletterte in das Vorschiff. Er begann die Leiche zu untersuchen. Der Körper des Mannes war völlig steif. Sein Rücken war an der Kabinenwand aus Metall festgefroren. „Mein Gott“, stöhnte der Arzt. „Er ist wahrscheinlich erfroren. Die Haltung, die aufgerissene Kleidung … alles deutet auf einen Tod durch Erfrieren hin.“

„Aber warum reißt sich einer, wenn er erfriert, die Kleider vom Leib? Das ist doch völlig unlogisch“, zweifelte Damp.

„Es ist nicht selten, dass ein Erfrorener nackt aufgefunden wird oder sich seiner Kleidung entledigt hat“, belehrte Möselbeck den Polizisten. „Kurz bevor er bewusstlos wird, empfindet ein Mensch in der Kälte Wärme, ja fast Hitze. Das hängt damit zusammen, dass er dann schon nicht mehr recht bei Sinnen ist. Aber trotzdem …“ Möselbeck schaute sich um. „So recht verstehe ich nicht, wie er hier erfrieren konnte? War die Tür abgesperrt?“

Alle schauten wieder auf Bernd Poschau. Der schüttelte den Kopf. „Die Luke ging ganz leicht auf. Jedenfalls von außen.“

Möselbeck überprüfte die inneren Hebel an der Luke. Auch sie funktionierten ohne Probleme.

„Vielleicht war er Vögel gucken und ist dabei eingeschlafen“, meinte Poschau. „Wir mussten mit ihm ständig irgendwo hinwandern und Vögel gucken. Das nervte vielleicht.“

Möselbeck entdeckte in einer Ecke einen Rucksack. Er durchsuchte ihn. „Also Fernglas Fehlanzeige. Aber vielleicht wollte er ein Feuerwerk veranstalten.“ Er zeigte den Inhalt Barnhöft und Damp. Der Rucksack war voll mit Raketen und Böllern. „Jetzt wissen wir jedenfalls, seit wann er ungefähr hier sitzt. Mindestens drei Tage, gestern war der zweite Januar, wenn nicht sogar vier“, erklärte der Arzt. „Die Sachen waren ja wahrscheinlich für Silvester. Klar ist auch, ich stelle keinen Totenschein aus.“

IV

Damp rieb sich die Augen, nahm die Beine vom Schreibtisch und streckte sich. Sein Rücken hatte zwei Stunden unbequemen Büroschlafs unbeschadet überstanden. Sein Blick fiel auf den leeren Schreibtisch mit dem riesigen Weihnachtsstern gegenüber. Dort hatte früher Hauptkommissar Stefan Rieder gesessen. Nun lag er im Koma in einer Klinik auf der dänischen Insel Møn. Nach Auskunft von Polizeidirektor Bökemüller waren die Chancen auf ein Erwachen oder auf eine Heilung gleich null.

Damps Mitleid hielt sich in Grenzen. Er gab Rieder die Schuld, dass sie beide vor knapp drei Monaten in der Ostsee beinah ertrunken wären, hätte sie nicht die Besatzung eines dänischen Fischkutters entdeckt und gerettet.

Sie hatten eine Mörderin verfolgt. Rieder wollte nicht auf Verstärkung warten und glaubte, Damp und er würden eine Verhaftung schon zuwege bringen. Aber da hatte sich Rieder überschätzt. Mit einem Komplizen hatte die Frau die beiden Polizisten überwältigt, gefesselt, dann in ein Paddelboot gesetzt und auf das Meer hinaustreiben lassen. Rieder hatte bei ihrer Rettung durch die dänischen Fischer das Bewusstsein verloren und bis heute nicht wiedererlangt. „So dicke hätte es nun für ihn auch nicht kommen müssen“, sagte Damp leise zu sich.

Damp selbst war mit einer Unterkühlung ins Marinekrankenhaus Flensburg ausgeflogen worden. Hinzu kamen Herzprobleme, weil ihn der Komplize mit einem Elektroschocker bearbeitet hatte. Nach drei Wochen Krankenhaus hatte er noch sechs Wochenin einer Rehaklinik im Harz zugebracht. Nun war er seit knapp drei Wochen wieder im Dienst. Sofort war allen aufgefallen, dass er deutlich abgenommen hatte. Fast zwanzig Kilo. Er wog nur noch knapp zwei Zentner und fühlte sich deutlich fitter als früher. Sicher würde er sich nicht am Inselmarathon beteiligen, aber er kam nicht mehr so schnell außer Atem.

Vor seiner Rückkehr hatte Polizeidirektor Bökemüller es ihm freigestellt, seinen Dienst auf Hiddensee wieder anzutreten, nach allem, was passiert war. Aber Damp wollte zurück, obwohl ihn die Einheimischen nicht leiden konnten. Zum einen, weil er von der Nachbarinsel Rügen kam. Mit den Rüganern verband die Hiddenseer eine innige Hassliebe. Zum anderen machten sie sich über seinen penetranten Ordnungssinn lustig. Gnadenlos bestrafte er jeden mit einem Bußgeld, dessen Fahrrad nicht verkehrstüchtig war. Und das tat er oft. Immerhin war das Fahrrad hier das Hauptverkehrsmittel. Autos waren verboten, ausgenommen einige Versorgungsfahrzeuge, von denen es allerdings zu Damps Leidwesen Jahr für Jahr mehr gab. Früher hatten nur Arzt, Feuerwehr und er Anrecht auf ein Auto gehabt. Ansonsten war alles per Pferdefuhrwerk oder Fahrrad transportiert worden. Und es war auch gegangen.

Hiddensee war Damp in den vielen Jahren ans Herz gewachsen. Früher hätte er sich das nicht eingestanden. Aber während seiner Kur war ihm das klargeworden. Wenn er abends in seinem Bett gelegen hatte, war es um ihn herum still gewesen. Da hatte ihm das Rauschen des Meeres gefehlt. Das Pfeifen des Sturms in den Dünen. Das Pferdegetrappel am Morgen. Das Schreien der Möwen. Damp hatte Heimweh bekommen.

Während seiner Abwesenheit hatte ihn eine junge Beamtin aus Bergen vertreten. Nelly Blohm. Damp vermutete, dass sie gehofft hatte, er würde nicht wiederkommen und sie könne sich auf seine Stelle bewerben. Damit war es nun Essig.

Damp hatte schon der eine Tag zur Übergabe gereicht, den er mit Nelly Blohm im Revier verbringen musste. Mangels aktueller Anzeigen und Vorkommnisse war nichts zu übergeben gewesen. Den ganzen Tag hatte ihn Nelly Blohm stattdessen mit ihrem Laptop genervt, um Damp die neue Software der Polizeidirektion zu erklären. Damp interessierten diese Computerprogramme nicht die Bohne. Er musste nur wissen, wie er Formulare für eine Anzeige oder einen Bußgeldbescheid auf dem Computer öffnen, ausfüllen und absenden konnte. Im letzten Jahr hatte er außerdem seine digitalen Kenntnisse um das Lesen und Schreiben von E-Mails erweitert. Das reichte seiner Meinung nach für die Amtsgeschäfte auf der Insel Hiddensee.

Nelly Blohm hatte auch den Weihnachtsstern für Rieders Schreibtisch gekauft und ihn auf einem Deckchen platziert. Rieder hatte gemeinsam mit Nelly Blohm auf Rügen Spuren in dem verhängnisvollen Mordfall verfolgt. Damp war sich sicher, dass die beiden in dieser Zeit was miteinander gehabt haben mussten. Warum sollte sie sonst diesen Gedenkaltar errichtet haben? Andererseits hatte Rieder zur gleichen Zeit ein Verhältnis mit der Wirtin vom Strandcafé in Neuendorf gehabt. Aber das war nun wohl Geschichte. Nicht nur weil Rieder im Koma lag. Charlotte Dobbert hatte ihre Zelte auf Hiddensee abgebrochen und war nach Mallorca gezogen, um dort ein Restaurant aufzumachen. So meldete es jedenfalls der Inselfunk in Person von Malte Fittkau.

Apropos Fittkau. Damp schaute auf seine Uhr. Gleich halb neun. Kurz nach sechs hatte er Malte Fittkau vor dem Revier in Vitte getroffen. Fittkau war auf seinem täglichen Rundgang rund um Vitte gewesen. Auch heute, obwohl er in der Nacht die sinkende „Caprivi“ entdeckt hatte. Damp kam gerade unverrichteter Dinge von der Adresse in Vitte, wo der tote Martin Dehne laut Polizeicomputer gemeldet war. Aber dort wohnte niemand mehr. Das Haus war eine Baustelle. Damp hatte Malte gebeten, sich doch bei seiner Tour mal umzuhören, was man über Dehne so redete. Malte würden die Insulaner eher was erzählen als ihm, dem Polizisten. Malte traf auf seinem Weg durch den Inselort am Morgen jede Menge Leute: am Strand, im Zeitungsladen, im Supermarkt, beim Bäcker. Überall machte er einen kleinen Plausch und versorgte sich so mit den Inselneuigkeiten. Damp wartete deshalb ungeduldig auf Fittkau, um zu hören, was die Insel über den Toten zu berichten wusste.

V

Die schlanke Frau mit den braunen Locken schaute aus dem Fenster. Auf der Straße war keine Menschenseele zu sehen. Es gab nicht mal Spuren im Schnee. Kein Wunder. Die Pendler, die im Westen Arbeit hatten, waren gestern sofort losgefahren, nachdem die Straßen auf Rügen frei waren und die Eisenbahn wieder fuhr. Die anderen Bewohner der Plattenbausiedlung waren Rentner oder hatten keine Arbeit. Obwohl Bergen die größte Stadt auf Rügen war, gab es wenig zu tun. Erst recht im Winter.

Nelly Blohm kam sich hier oft verloren vor. All ihre Schulfreunde waren längst nach Hamburg, Kiel oder Bremen gezogen. Der Arbeit hinterher. Nur sie war geblieben. Für eine Polizistin gab es auf Rügen eine Menge zu tun. Häusliche Gewalt, Körperverletzung, Diebstahl, Drogendelikte. Schon öfters hatte sie überlegt, sich wenigstens nach Stralsund versetzen zu lassen. Aber wie sollte sie dort als alleinstehende Mutter im Polizeidienst klarkommen. Hier hatte sie wenigstens ihre Mutter, die sich um Lukas kümmern konnte.

Gerade heute wurde ihr das bewusst. Der Vierjährige spielte auf dem Küchentisch mit seinen neuen Matchbox-Autos. Er hatte sie mit einer Polizeiwache und einer Feuerwehrstation zu Weihnachten bekommen. Immer wieder schickte er den Streifenwagen und das Krankenauto auf den Weg zu einem Unfall zwischen einem Tankwagen und einem Pkw. Dazu imitierte er mit einem leisen Summen die Sirenen. Nelly hatte einen Anruf des Stralsunder Polizeichefs bekommen. Im ersten Moment hatte sie sich gefreut. Ein ungeklärter Todesfall auf Hiddensee. Ein Toter auf einem gesunkenen alten Dampfer. Bökemüller hatte an sie gedacht, die junge Kommissarin aus Bergen. Doch der Stolz war im nächsten Moment der Sorge um Lukas gewichen. Sie würde ihren Sohn eine Weile allein lassen müssen. Es war aussichtslos, bei diesen Wetterverhältnissen jeden Abend von Hiddensee nach Bergen zurückzukommen. Sie wusste, dass der Fährverkehr seit Neujahr eingestellt war, weil die Fähre mit Motorschaden in Schaprode festlag. Natürlich hatte ihre Mutter sofort versprochen zu kommen, um sich um Lukas zu kümmern. Gleichzeitig hatte sich aber auch Nellys schlechtes Gewissen gemeldet, ihre Mutter so in Beschlag zu nehmen und die eigenen Pläne der rüstigen Rentnerin zu durchkreuzen.

Nelly streichelte Lukas über den Kopf. Er hatte ihre Ankündigung, ein paar Tage auf Dienstreise gehen zu müssen, nicht weiter tragisch genommen. Die Aussicht auf selbst gemachte Eierkuchen und Makkaroni mit Tomatensoße, die keiner besser machen konnte als seine Oma, war ihm Trost genug. Aber dann hatte er bei Nelly eine Wunde aufgerissen. „Triffst du den Stefan auf Hiddensee?“

Lukas hatte Stefan Rieder kennengelernt, als er im Herbst einmal bei ihr übernachtet hatte. Ihr Sohn hatte ihren Hiddenseer Kollegen gleich gemocht und beide hatten eine Weile miteinander gespielt. Lukas hatte Stefan Rieder nicht vergessen.

„Er wollte doch wiederkommen und mit mir spielen. Das hat er mir versprochen.“

„Du weißt doch, dass Stefan sehr krank ist. Deshalb haben wir doch auch in seinem Haus in Vitte gewohnt, als ich ihn dort vertreten habe. Und jetzt mach ich das wieder.“

„Wie lange ist der Stefan noch krank?“, fragte Lukas weiter.

„Ich weiß es nicht.“

Nellys Augen waren feucht geworden, wie immer, wenn sie an Stefan Rieder erinnert wurde. Er würde sicher nie wieder in diese Wohnung kommen, nie wieder mit Lukas spielen und nie wieder mit ihr das Bett teilen, wie in dieser einzigen gemeinsamen Nacht. Silvester hatte sie sich beim Anstoßen mit ihrer Mutter auf das neue Jahr im Stillen versprochen, nein: befohlen, sich Rieder endlich aus dem Herzen zu reißen. Aber das war leichter gesagt als getan. Als sie aus dem Fenster schaute, sah sie eine Frau die Straße heraufkommen. Sie pflügte mit ihren schnellen Schritten durch den Schnee. Nelly erkannte sie trotz Mütze sofort.

„Oma kommt“, rief sie Lukas zu. Der Junge sprang vom Tisch auf, rannte zur Tür und stürmte den Hausflur hinunter. ‚Nicht gerade sehr vorsichtig für eine Polizistin und Mutter‘, dachte Nelly bei sich. Sie klappte den Laptop zusammen, denn sie hatte schon versucht, ein paar Dinge über den Toten, einen gewissen Martin Dehne, zu erfahren, war aber nicht weit gekommen.

Ihre Mutter kam herein, von Lukas mit tausend Fragen bedrängt, was sie alles tun würden, denn der Kindergarten hatte noch bis zum Ende der Woche geschlossen. Nicht gerade praktisch für berufstätige Mütter wie Nelly. Sie hätte noch Urlaub gehabt, aber nun rief sie die Pflicht.

Nellys Mutter nahm sich einen Kaffee. „Ist das eine gute Idee?“, fragte sie ihre Tochter. „Was meinst du?“

„Tu doch nicht so. Du weißt ganz genau, was ich meine. Hiddensee wird dir nicht guttun. Erinnere dich, wie du im Dezember wiedergekommen bist. Total durcheinander, weil du diesen Rieder nicht aus dem Kopf bekommst.“

Ihre Mutter setzte sich an den Tisch.

„Das ist vorbei“, belog Nelly sich und ihre Mutter. „Jetzt geht es um einen Fall. Vielleicht einen Mord. Das ist auch eine Chance.“

„Ich glaub dir kein Wort. Wie willst du überhaupt rüberkommen? Fährt doch kein Schiff.“

„Mit dem Hubschrauber. Die Kollegen der Spurensicherung holen mich vom Flugplatz Güttin ab.“

„Außerdem hast du noch Urlaub.“

„Mutti! Du erinnerst dich doch sicher noch an die Zeiten mit Papa, wie das bei einem Polizisten sein kann.“

„Ja, das tu ich. Ich weiß es noch sehr gut“, seufzte ihre Mutter. „Sein Pflichtbewusstsein hat ihn mit dreiundsechzig ins Grab gebracht. Immer war jeder Fall wichtiger als die Familie oder Urlaub.“

Nelly legte ihrer Mutter die Arme von hinten um den Hals. „Vielleicht ist es doch nur ein Unglücksfall und ich bin heute Abend schon wieder zurück.“

Ihre Mutter griff nach ihren Händen und drückte sie. „Du bist jedenfalls ganz die Tochter deines Vaters. So hat er mich auch immer vertrösten wollen. Dann war er Tage, Wochen weg, kam nur mal nach Haus, um die Wäsche zu wechseln.“

Lukas kam durch die Tür und schleppte mehrere Kinderbücher heran. Er legte sie auf den Tisch. „Kannst du mir jetzt endlich vorlesen?“, quengelte der Kleine und versuchte den Schoß seiner Oma zu erklimmen.

„Ich seh schon, ich werde hier nicht mehr gebraucht“, bemerkte Nelly spitz. „Ich muss auch los. Bis später, ihr beiden.“

VI

Malte klopfte nicht an. Er öffnete einfach die Tür zum kleinen Polizeirevier im Rathaus Vitte. Er schlug den Schnee von seinen Klamotten und ließ sich auf Rieders ehemaligen Stuhl fallen. Sein Blick blieb an dem Weihnachtsstern hängen. „Was ist das? Damp, hast du den grünen Daumen entdeckt?“

„Ist ein Überbleibsel von der Blohm.“

„Ach, die hübsche Polizistin aus Bergen. Die sah nicht schlecht aus.“

„Seit wann interessierst du dich für Frauen?“, fragte Damp.

„Nicht von sich auf andere schließen“, antwortete Fittkau. Er prüfte mit dem Finger die Feuchtigkeit im Blumentopf. „Der braucht mal Wasser.“

„Bin ich hier bei, Du und Dein Garten‘? Mir doch egal, was aus dem Topf wird.“

Malte lehnte sich zurück und betrachtete den Schreibtisch genauer. „Ich verstehe. Das war so eine Art Andenken an den Kommissar. Hatten die beiden was miteinander?“

Damp zuckte mit den Schultern.

„Hast du denn mal was von Rieder gehört?“

Damp schüttelte den Kopf.

„Schon klar“, meinte Malte. „Du und Rieder, ihr wart nicht unbedingt das Traumpaar hier auf der Insel. Aber …“

„Können wir zur Sache kommen“, unterbrach Damp ihn barsch. „Hast du was über unsere Leiche, diesen Dehne rausbekommen?“

Malte setzte seine Schapka ab und legte sie auf den Tisch. Dann öffnete er seelenruhig seine Jacke. Damp wurde ungeduldig. Er rutschte auf seinem Stuhl unruhig hin und her.

„Damp, was du auch nach zwanzig Jahren Marktwirtschaft noch nicht begriffen hast: das Verhältnis von Angebot und Nachfrage. Da bist du nicht der Einzige hier auf der Insel. Aber das nur mal so nebenbei. Um es klar zu sagen: Du willst was von mir, denn ich habe nicht blöd vor einem Haus in Vitte Süderende gestanden, in dem kein Mensch mehr wohnt, sondern …“, er zeigte grinsend auf Damp, „du! Und wer kann dich von dieser Unwissenheit befreien?“ Er drehte den Finger in seine Richtung. „Ich.“

„Schon gut. Also, was hast du erfahren?“

„Es wird dir nicht gefallen.“ Malte beugte sich nach vorn. „Dehne hat das Haus und das Haus der Eltern seiner Frau in der Dünenheide im vergangenen Frühjahr verkauft. Die ist übrigens vor etwas mehr als zwei Jahren an Krebs gestorben. War wohl ziemlich hart für Dehne. Und weißt du, an wen er verkauft hat?“ Malte machte eine Kunstpause. Damp verdrehte die Augen. „An Ulrike und Peter Stein.“

Damp schnappte wie ein Fisch nach Luft. Malte bekam schon Angst, der Polizist würde kollabieren, aber dann atmete er tief aus und schüttelte sich. Es war Ulrike Stein gewesen, die Damp und Rieder mit gezogener Waffe gezwungen hatte, in ein Paddelboot zu steigen, um sie auf der Ostsee dem fast sicheren Tod entgegentreiben zu lassen.

„Und das ist noch nicht alles“, setzte Malte seinen Bericht fort, nachdem er sicher war, dass sich Damp etwas erholt hatte. „Die Häuser werden jetzt von der Hausverwaltung Zabel betreut.“

„Zabel?“

„Kurt und Marie Zabel.“

Das waren Freunde von Ulrike Stein. Sie hatten ihr ein falsches Alibi für den Mord an ihrem Mann, dem Bauunternehmer Peter Stein, gegeben.

„Sitzen die nicht im Knast wegen Beihilfe?“, fragte Damp wütend.

„Bist du der Polizist oder ich?“

„Wieso verwalten die Zabels jetzt die Häuser der Steins? Da war doch noch der Bruder von dem Peter Stein? Dieser Jan!“

Malte schüttelte den Kopf. „Du bist echt nicht auf dem Laufenden. Jan Stein ist in einer Entzugsklinik, irgendwo bei Schwerin. Da hat er sich am selben Tag eingewiesen, als Ulrike Stein euch auf große Fahrt geschickt hat.“ Malte lachte kurz in sich hinein, wurde aber gleich wieder ernst, als er Damps wütenden Blick sah. „Die Zabels konnten offenbar glaubhaft machen, dass sie nicht bemerkt hätten, wie Ulrike mal kurz während der Grillparty verschwunden war, um ihrem Ex, dem lieben Peter, das Licht auszuknipsen. Sie hätten gedacht, sie wäre mit ihrem Lover, diesem Russen, im Bootshaus für ein Schäferstündchen abgeblieben. Damit sind sie schön raus. Außerdem kann man als Mörderin auch weiter Hausbesitzerin sein. Jan allerdings will wohl klagen, um wenigstens die Firma ‚Inselbau‘ zu bekommen. Aber der Rechtsstreit ist noch nicht entschieden.“

Damp stöhnte auf. „Ich dachte, all das läge hinter mir.“

„Tja, falsch gedacht.“

„Und was ist sonst mit dem Dehne?“

„Hat jetzt ein Hotel in Kloster, oben am Dornbusch. Ist aber wohl noch nicht in Betrieb. Die alte Vogelwarte. Mehr wissen die Vitter auch nicht. Ist ja in Kloster.“ Kloster war der nördliche Inselort und gerade mal drei Kilometer von Vitte entfernt. Aber die Hiddenseer blieben in ihren Orten meistens sehr unter sich.

„Soll wohl ziemlich schick sein“, erzählte Malte weiter. „Hat übrigens alles Peter Stein mit seiner ‚Inselbau‘ noch gebaut. Davor war Dehne Biolehrer an der Inselschule. Aber wenigstens das wusstest du ja schon.“

Das Telefon klingelte. Damp ging ran. Seine Miene verfinsterte sich immer mehr mit der Dauer des Gesprächs. Er warf den Hörer auf die Gabel. „Nicht mein Tag“, raunte er mehr zu sich selbst.

„Was?“, fragte Malte.

Damp winkte ab. „Sie schicken mir die Blohm als Verstärkung. Kommt mit Behm von der Spurensicherung. Außerdem fliegt der Pathologe aus Greifswald, dieser Krüger, mit einem Rettungshubschrauber ein, um die Leiche zu holen.“

„Wird auch Zeit“, bemerkte Malte. „Lange könnt ihr das den Feuerwehrmännern nicht mehr zumuten, an dem alten Kahn die Totenwache zu halten.“

Damp rieb sich das Kinn. „Wo bringe ich nur die Blohm unter?“ Er sah Malte an. „Kann sie wieder in Rieders Haus im Wiesenweg?“

„Wenn du sie morgen auch auftauen möchtest?“, gab Malte trocken zurück. „Du kriegst die Bude nicht warm. Das ist ein Sommerhaus mit dünnen Wänden. Außerdem habe ich das Wasser abgedreht. Ich grabe mich jedenfalls nicht durch den Schnee, um den Schieber wieder zu öffnen.“

„Kannst du die Blohm nicht bei dir unterbringen?“

„Ich vermiete nicht im Winter.“

„Aber die Hotels sind zu teuer. Es soll nicht mehr als vierzig Euro kosten. Außerdem sind ‚Godewind‘ und ‚Hitthim‘ ausgebucht, so lang die Touris nicht von der Insel runter sind.“

„Da gibt’s doch noch ’ne Menge anderer Vermieter.“

„Erstens haben die alle auch noch die Buden voll und zweitens machen die meisten gleich zu, wenn die Urlauber weg sind.“

Malte überlegte. „Gut, für die vierzig kann sie bei mir übernachten.“ Das wäre für ihn ein gutes Geschäft. Sonst vermietete er ein Bett für nicht mehr als dreizehn Euro.

„Aber mit Frühstück“, setzte Damp hinzu.

„Vergiss es. Bei mir gibt’s kein Frühstück. Müssen sich die Gäste selbst machen. Da mach ich keine Ausnahme. Wenn sich das rumspricht.“

„Wo soll sie sich hier was kaufen? Warst du mal im Supermarkt? Die Regale sind leer.“

„Tütensuppen und Konserven gibt’s noch jede Menge.“

„Ich könnte noch was drauflegen.“

„Für wie lang soll es denn sein?“

„Wenn der Dehne nur erfroren ist, biste sie morgen wieder los. Wenn nicht, kann es dauern. Mindestens ’ne Woche, denke ich. Vielleicht sogar länger.“

Malte überschlug im Kopf, was ihm die Übernachtung bringen würde. Jetzt waren seine Zimmer nur totes Kapital. Außerdem schien er hier noch was rausholen zu können. „Gut. Dann aber fünfundvierzig pro Nacht.“

Er reichte Damp die Hand über den Tisch. Der schlug ein. „Abgemacht.“

Damp grinste. „Ich hätte auch fünfzig zahlen können.“

Malte wollte etwas Gemeines entgegnen, da flog die Tür auf und Bürgermeister Thomas Förster stürmte herein.

„Hallo, Damp.“

Malte nickte er nur kurz zu.

„Haben Sie mal aus dem Fenster gesehen. Da stehen schon wieder mindestens fünfzig Leute mit Kindern, Sack und Pack.“

Damp drehte sich mit seinem Drehstuhl kurz um. Seit Neujahr wiederholte sich jeden Morgen das gleiche Schauspiel. Touristen marschierten vor dem Rathaus auf und warteten auf eine Möglichkeit, von der Insel zu kommen. Stumm standen sie dort im Schnee und forderten mit ihrem stillen Protest von der Inselverwaltung Hilfe.

„Wir müssen da raus, Damp, und mit den Menschen reden.“

Doch der Polizist hob abwehrend die Hände. Er zeigte auf Malte. „Zeugenvernehmung. Ich muss Herrn Fittkau über das Auffinden des toten Herrn Dehne befragen. Stralsund will so schnell wie möglich einen Bericht.“

„Kann das nicht warten?“

„Tut mir leid. Polizeichef Bökemüller hat schon angerufen und Druck gemacht.“

„Gibt es denn schon neue Erkenntnisse, wie der Mann zu Tode gekommen ist?“

Damp schüttelte mit einem bedauernden Gesichtsausdruck den Kopf. „Deshalb sitze ich hier mit Herrn Fittkau. Er war der Erste an der „Caprivi“ und er wohnt ja auch dicht dran am möglichen Tatort.“

„Dann machen Sie mal ihre Arbeit“, sagte Förster enttäuscht.

„Kommt denn nun mal irgendwann ein Hubschrauber von der Bundeswehr?“, mischte sich Fittkau ein. „Die können uns doch hier nicht verhungern lassen.“

„Ich habe gerade heute Morgen mit dem Krisenstab in Stralsund telefoniert“, berichtete der Bürgermeister. „Sie haben mir kaum Hoffnung gemacht. Die Bundeswehr hat das Hilfeersuchen abgelehnt. Die meisten Kapazitäten seien in Afghanistan. Hier in Deutschland gebe es kaum noch Reserven. Und die wären auch nicht alle einsatzfähig, weil Ersatzteile fehlen.“

„Tja, siehste, Malte“, meinte Damp, „die Freiheit wird am Hindukusch verteidigt und nicht auf Hiddensee.“

VII

Ein eisiger Wind wehte von der Ostsee herüber. Es schneite nicht mehr wie an den vergangenen Tagen. Nur noch ein leichter Schneegriesel fiel aus den Wolken. Es waren mindestens zehn Grad unter null.

Thomas Förster versuchte, die aufgebrachten Menschen zu beruhigen. „Wir wollen endlich weg“, rief einer aus der Menge. „Wer bezahlt uns denn den Arbeitsausfall?“

„Machen Sie endlich Ihre Arbeit!“

„Wir tun, was wir können“, beteuerte der Bürgermeister. „Aber uns sind hier die Hände gebunden. Der Krisenstab in Stralsund bemüht sich, Hilfe von der Bundeswehr zu bekommen, um Sie auszufliegen. Aber so schnell geht es leider nicht.“

„Schieben Sie doch nicht die Verantwortung auf andere. Wir wollen weg!“, schrie ihm ein Mann wütend entgegen, der direkt vor ihm stand. Dann begannen alle zu skandieren: „Wir wollen weg! Wir wollen weg!“

Förster wusste sich nicht zu helfen. Er wedelte mit den Armen, schaute sich Hilfe suchend nach den paar Hiddenseern um, die von der Straße vor dem Sportplatz interessiert zuschauten, wie ihr Bürgermeister versuchte, die Leute zu besänftigen. Da rief einer: „Seid doch mal still. Hört doch mal.“

In der Luft war plötzlich ein Brummen zu hören. Auf einen Schlag verstummten die Menschen. Alle schauten in den Himmel. Beifall und Jubelrufe waren nun zu hören, obwohl noch nichts zu sehen war. Kaum einer beachtete, dass Damp mit seinem Polizeiwagen auf das Vorfeld des Hubschrauberlandeplatzes fuhr, die Blaulichter auch weiter rotieren ließ, nachdem er schon aus dem Wagen gesprungen war, und mit einem Feldstecher den Himmel absuchte. Das Blaulicht war das vereinbarte Signal für die Piloten. Dann tauchten aus der dicken Wolkendecke zwei Hubschrauber auf. Vorn flog ein blauer Helikopter mit der Aufschrift „Bundespolizei“. Er wurde eskortiert von einem gelben ADAC-Rettungshubschrauber. Der Beifall verebbte, als die Wartenden sahen, dass es sich nur um kleine Hubschrauber handelte.

Während der Polizeihubschrauber auf dem Landeplatz aufsetzte, kreiste die andere Maschine über dem Hafengebiet von Vitte. Der Pilot wollte offenbar näher bei der „Caprivi“ landen und ging dann auch auf dem kleinen Platz am Anleger des gesunkenen Schiffes runter.

Nachdem die Rotoren abgestellt waren, öffnete sich die Tür des Kopiloten und eine Schiebetür wurde aufgezogen. Damp war erstaunt. Nicht nur Holm Behm, ein weiterer Kollege der Spurensicherung und Nelly Blohm kletterten aus dem Helikopter, sondern auch Polizeidirektor Bökemüller.

„Hallo, Damp, wie ist die Lage?“, begrüßte er seinen Revierleiter auf Hiddensee betont jovial. „Haben Sie schon neue Erkenntnisse?“

Damp berichtete, was er über den toten Hotelier von Malte Fittkau erfahren hatte. Auch Bürgermeister Förster kam dazu.

„Vielleicht können Sie sich gleich mal als Mitglied des Krisenstabes ein Bild machen, dass wir hier dringend Hilfe brauchen“, drang er auf den Polizeichef ein. „Die Menschen müssen nach Hause und die Vorräte in den Supermärkten, aber auch an Treibstoff für die Schneepflüge und den Inselbus gehen zur Neige.“

Bökemüller nickte immer wieder bedächtig bei den Worten Försters. „Mir sind da auch die Hände gebunden. Ich verstehe schon Ihre Lage, aber momentan vertröstet uns die Bundeswehr von Tag zu Tag.“

Förster deutete auf den Hubschrauber. „Könnten wir damit nicht wenigstens die Eltern mit Kindern ausfliegen?“

Bökemüller legte altväterlich dem Bürgermeister den Arm um die Schultern. „Lieber Herr Förster! Wie oft soll die Maschine denn hin und her pendeln zwischen Hiddensee und Rügen? Da passen doch nur fünf Passagiere rein. Das ist völlig unmöglich. Außerdem handelt es sich hier um einen Polizeieinsatz“, er hob den Zeigefinger, „möglicherweise in einem Mordfall. Das hat jetzt erst mal Priorität.“

Holm Behm, der mittlerweile vom Warten kalte Füße bekam, nutzte die letzten Worte des Polizeidirektors. „Ich würde dann gern auch mal zum Tatort, wenn’s möglich ist. Denn Krüger ist uns jetzt schon voraus und ich würde mir nicht gern die vorhandenen Spuren zertreten lassen.“

Während der Trupp sich dem Polizeiwagen näherte, wurde wieder Unmut unter den Wartenden laut. „Eh, was wird denn nun mit uns?“

„Wo bleibt denn die Hilfe für uns?

„Warum werden wir nicht ausgeflogen?“

Und dann begannen wieder die Sprechchöre: „Wir wollen weg!“ Die Menschen schoben sich immer näher an den Landeplatz heran. Förster sah ängstlich zu Damp. Die Situation drohte zu eskalieren. Da sprang Nelly Blohm nach vorn, wedelte kurz mit den Armen und überraschend wurde es wieder still.

„Wir können Ihren Unmut verstehen“, rief sie den Leuten zu, „aber wir müssen uns hier um einen Toten kümmern.“

Ein Raunen ging durch die Menge. Bökemüller verzog das Gesicht und zupfte am Ärmel von Nelly Blohm. Doch die Polizistin ließ sich nicht beirren. „Mein Vorschlag wäre, wir stellen jetzt einen SMS-Verteiler zusammen und Sie werden dann sofort benachrichtigt, wenn es möglich ist, die Insel zu verlassen. Außerdem sollten wir eine Art Reihenfolge aufstellen und Wartenummern ausgeben, falls nicht alle sofort zur gleichen Zeit ausgeflogen werden können. Die Familien mit Kindern sollten als Erste Nummern bekommen, dann Kranke und Alte, die medizinische Versorgung brauchen, und so weiter. Ich denke, nein, ich hoffe, Ihre Arbeitgeber werden Verständnis haben für Ihre Situation. So müssen Sie auch nicht weiter hier stehen und frieren.“

Offenbar hatte Nelly damit alle so verblüfft, dass sich zunächst ein großes Schweigen breitmachte. Dann kamen aus der Menge zustimmende Rufe. Bökemüller sah seine junge Beamtin mit einigem Stolz an, fragte sich aber im Stillen, ob das nicht sein oder Försters Job gewesen wäre und Nelly ihm die Show gestohlen hätte.

Damp raunte Behm zu: „Machen wir jetzt hier Urlauberbetreuung oder wollen wir einen möglichen Mord aufklären?“

Nelly kramte schon nach einem Block aus ihrer Tasche und wollte anfangen, die Telefonnummern zu notieren, da mischte sich Bökemüller ein. Er legte ihr die Hand auf den Arm. „Vielleicht kann das Notieren der Namen und Telefonnummern sowie die Ausgabe der Wartemarken die Inselverwaltung übernehmen.“ Dabei schaute er zu Förster, der auch sofort zustimmend nickte. „Und die Beamten machen mal ihren eigentlichen Job.“ Sein Ton ließ keinen Widerspruch zu. Dann schob er Nelly mit leichtem Druck zum Polizeiwagen. „In Zukunft wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie solche Aktionen mit mir absprechen“, flüsterte er ihr beim Einsteigen in den Wagen noch zu.

„Was ist das eigentlich für ein Schiff, auf dem sie den Toten gefunden haben?“, fragte Bökemüller Damp, als sie im Auto saßen.

„Es war ein Hotelschiff, früher mal ein Jugendklub“, antwortete der Polizist. „Lief aber zuletzt nicht mehr so gut. Der Bürgermeister versucht gerade, den Besitzer aufzutreiben. Das scheint aber gar nicht so leicht zu sein.“

„Die Bergungskosten werden immens sein. Das wird der kaum bezahlen können.“

„Die Insel kann das aber auch nicht bezahlen“, erwiderte Damp.

„Dann bleibt das Wrack sicher, wo es ist. Auf dem Grund des Boddens.“

Der Wagen hielt.

Krüger, der Rechtsmediziner von der Uniklinik in Greifswald, stand auf dem Vorschiff der „Caprivi“ und schaute in den Raum mit Dehnes Leiche. „So wünscht man es sich“, begrüßte er den Chef der Stralsunder Spurensicherung, Holm Behm. „Die Leiche schon schön gekühlt. Da bleiben die Spuren frisch.“

„Waren Sie schon drin?“, fragte Behm nicht ohne Schärfe.

„Gott bewahre“, antwortete Krüger. „Ich werde Ihnen doch nicht vorgreifen, obwohl ich es kaum erwarten kann, endlich an die Beute zu kommen. Hier draußen wird es auch langsam etwas kühl. Allerdings fürchte ich, drinnen ist es nicht besser“, er zeigte auf Dehne, „wenn ich den Herrn da auf der Bank sehe.“

„Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, wie Sie ihn hier raus und nach Greifswald bringen wollen?“

Krüger legte die Stirn in Falten. „Gute Frage. Nächste Frage.“ Er kratzte sich am Kopf. „Am besten wäre tiefgekühlt, aber so passt er wahrscheinlich nicht in die Luke des Rettungshubschraubers. Wir werden ihn auftauen müssen. Die Leichenstarre wird schon vorbei sein, wenn es stimmt, was die Feuerwehrmänner erzählt haben und er eine Tasche mit Silvesterraketen bei sich hatte. Aber ich müsste genau die Temperatur beim Auftauen kontrollieren. Bei dem Wetter könnte es außerdem ohne Hilfe etwas dauern.“

„Vielleicht mit so einem Gasheizer, die immer in den Biergärten stehen“, kam es von Barnhöft. Der Feuerwehrmann wollte endlich auch mit dem Auslegen der Ölsperren um das gesunkene Schiff vorankommen. Seit dem Fund der Leiche hatten sie die Arbeit eingestellt. Je schneller der Tote geborgen war, umso weniger Öl konnte weiter unters Eis in den Bodden laufen.

Krüger drehte sich zu Barnhöft um und schlug ihm auf die Schulter. „Guter Mann“, lobte er, „aber wo kriegen wir so ein Ding her? Jetzt ist nicht unbedingt Biergartensaison.“

„Vielleicht beim ‚Hiddenseer‘, vermutete der Feuerwehrmann, „gleich im Wiesenweg. Die haben solche Dinger im Sommer auf ihrer Terrasse und müssten noch aufhaben. Die hatten bestimmt Pensionsgäste über den Jahreswechsel.“

Barnhöft winkte drei seiner Leute heran und gab ihnen Befehl, einen Wärmestrahler vom „Hiddenseer“ zu holen. Wenn es Probleme gäbe, sollte der Wirt Damp oder ihn anrufen.

Behm hatte inzwischen angefangen, den Raum mit der Leiche zu inspizieren. Er pinselte das Schott, die Riegel und den Rahmen der Luke ab, die in den ehemaligen Barraum der „Caprivi“ führte. Dann wandte er sich dem Innenraum zu. „Wieder alles zerlatscht und wahrscheinlich auch angegrabscht. Wie schon bei diesem Bauunternehmer!“, fluchte er. „Könnt ihr nicht mal lernen, dass ein Tatort keine Spielwiese ist.“

Krüger grinste. „Behm, Sie haben ganz recht!“, meinte er mit gespielter Entrüstung, „mir sind diese Outdoor-Tatorte auch total suspekt. Aber man kann es sich nicht immer aussuchen.“

Behm schaute ihn grimmig an. „Hatte ich Sie nach Ihrer Meinung gefragt?“

„Nicht direkt.“

Behm beließ es dabei. „Sascha!“, rief er nach seinem Assistenten. „Wir brauchen von allen Feuerwehrleuten und wer sonst noch hier in den letzten Stunden herumgetollt ist, Fingerabdrücke zum Vergleich. Die Fußspuren sind für den Ar … eh, ich meinte unbrauchbar“, verbesserte er sich, als er Nelly Blohm auf dem Vorschiff entdeckte.

„Wird gemacht, Chef“, antwortete der junge Spurensicherer und notierte die Anweisung in einem Block.

Während Behm jetzt in das Schiffsinnere kletterte, sprach er seine Beobachtungen in ein umgehängtes Mikrofon. „Nicht gerade gemütlich, diese ‚Bar Blue Mayday‘“, meinte er mit Blick auf das recht schlichte Mobiliar aus billigen Barhockern und Plastiktischen.

Damp stand mit Bökemüller noch am Kai. Beide traten vor Kälte von einem Fuß auf den anderen.

„Sollte nicht erst mal der Pathologe schauen, ob sich der Aufwand überhaupt lohnt?“, fragte Damp leise. „Vielleicht hat sich Dehne hier nur einen eingetüdert, ist dann eingeschlafen und erfroren. Wie sagt man?, dumm gelaufen.“

Krüger hatte Damps Worte trotzdem gehört. „Im Prinzip keine schlechte Theorie, Herr Kommissar. Aber wo ist dann bitte die leere Flasche? Ich frage mal nach.“

Krüger lief zurück zur geöffneten Luke. „Behm?“

„Was ist denn schon wieder?“, blaffte der Spurensicherer ärgerlich.

„Haben Sie dort eine leere Flasche Alkohol gefunden?“

Behm sah sich um. „Nö, hier ist nix.“

„Dann könnte er natürlich die Flasche auch noch weggeworfen haben“, sagte Krüger leise zu sich. Er blickte sich um, doch der Schnee lag ringsherum so hoch, dass es sinnlos war, nach einer Flasche zu suchen. Allerdings entdeckte er etwas anderes. „Interessant“, flüsterte er. „Behm?“, rief er dann laut.

„Mein Gott! Kann ich hier mal in Ruhe arbeiten?“

Aber Krüger ließ sich nicht beirren. „Haben Sie das hier schon gesehen, Behm? Eine Skispur! Vom Schiff auf den Bodden.“

Die Polizisten liefen heran und lehnten sich wie der Pathologe über die Schiffswand. Auf der Eisfläche des Boddens waren noch die Spuren von zwei Skiern zu erkennen, obwohl sie schon von Neuschnee überdeckt waren. „Wir könnten ihr folgen“, schlug Krüger vor.

„Hier ist das Eis aber ziemlich brüchig, nachdem wir eine Rinne um das Schiff frei gekloppt haben.“

Nelly hielt das nicht auf. Sie kletterte wieder zum Anleger hoch, lief dann ein Stück an Land, bis sie auf den vereisten Bodden abbog. Die Spur führte nach Süden, in Richtung der Fährinsel.

„Mensch, Damp, trägt denn das Eis da draußen?“, fragte Bökemüller besorgt. „Die Frau hat doch ein Kind.“

Damp zuckte mit den Schultern.

„Keine Sorge, da ist es mittlerweile fast vierzig Zentimeter dick. Da können Elefanten drauf tanzen.“

Nelly Blohm blieb plötzlich stehen. Sie hockte sich in den Schnee und schüttelte dann den Kopf.

„Haben Sie was gefunden?“, schrie Bökemüller.

Die Polizistin winkte ab und kam wieder zurück. „Die Spur endet da hinten. Ganz plötzlich. Wahrscheinlich ist die vom Neuschnee zugedeckt oder vom Wind verweht worden.“

„Gestern Nacht, da habe ich einen Skifahrer hier in der Nähe vom Schiff gesehen. Als die Leiche entdeckt wurde. Er stand da hinten.“ Damp wies in Richtung der alten Pizzeria, die schon vor Jahren geschlossen hatte, aber deren Werbung immer noch an dem Haus prangte.

„Wir sollten dem nachgehen“, meinte Bökemüller.

Behm hatte mitgehört. „Sascha! Schau mal, ob du da eine Skispur findest.“

Sein Assistent lief über den Kai zur geschlossenen Pizzeria. Da drehte er sich um und hob den Daumen. „Hier ist eine Spur. Sie führt hier weiter“, rief er.

„Da ist der alte Poststeig entlang der Bäk zum Wiesenweg“, erklärte Damp. „Er endet fast genau am alten Postamt.“

In Bökemüller erwachte der Jagdinstinkt des Polizisten. „Kommen Sie, wir sehen uns das selbst an.“ Er stürmte von Bord. Damp folgte ihm. Sie liefen Behms Mitarbeiter hinterher, der auf dem Weg schon weitergelaufen war, immer neben der Skispur.

Als Damp und Bökemüller ihn erreichten, prüfte er gerade die Spur. Hier hatten die Bäume und das dichte Buschwerk verhindert, dass sie von Neuschnee bedeckt war. „Ich würde sagen, Langlaufski. Billigware. Plastikbeschichtung mit eingepressten Lamellen.“ Sascha hockte sich hin. „Sehen Sie hier. Ab und zu sieht man das Muster der Lauffläche. Ich schätze, der Besitzer nutzt kein Wachs. Ein Amateur.“

Sie liefen weiter bis zum Wiesenweg. Dort endete die Spur, weil der Schneepflug schon die Straße geräumt hatte. „Mist“, fluchte Bökemüller. Der Spurensicherer nahm es gelassener. „Ich mache mal ein paar Aufnahmen von der Skispur. So kann man die Laufflächen vergleichen“, wandte er sich an Damp, „wenn euch doch einmal ein Skifahrer über den Weg läuft.“

Da vernahmen sie plötzlich Geschrei aus Richtung der „Caprivi“. Damp und Bökemüller eilten zurück. „Sie können da nicht durch“, hörten sie Barnhöft rufen.

„Ich muss aber.“ Es war eine weibliche Stimme.

Als Damp und Bökemüller am Schiff ankamen, hielten zwei Feuerwehrmänner eine junge Frau an den Oberarmen fest. Sie strampelte und versuchte mit aller Kraft sich loszumachen. „Ich muss auf das Schiff. Ich suche meinen Chef!“

„Wer soll das denn sein?“, fragte einer der beiden.

„Martin Dehne, der Besitzer vom Hotel ‚Dornbusch‘.“

VIII

Laura Ihlow umklammerte mit den Händen die Tasse mit dem dampfenden Tee. Sie saß auf dem Besucherstuhl im Hiddenseer Revier. Sie hatte ein schmales helles Gesicht mit vielen blassen Sommersprossen. Ihre langen rotblonden Haare fielen über die Schultern herab. Einige kräuselten sich leicht. In der Wärme des kleinen Polizeireviers wandelten sich die Eiskristalle in ihren Augenbrauen und Haarspitzen zu kleinen Wassertröpfchen und glitzerten nun im Licht der alten Neonröhre. Damp war überwältigt von der Schönheit der jungen Frau. Alles an ihr schien perfekt zu sein. Er schätzte sie auf Anfang, höchstens Mitte zwanzig. Sie strich sich ein paar feuchte Locken aus der Stirn und wirkte plötzlich nervös. „Stimmt etwas nicht?“

„Nein, nein“, stammelte er. „Ich war nur in Gedanken“, fügte er verlegen hinzu. Nelly Blohm suchte in ihrer Reisetasche unterdessen nach ein paar trockenen Sachen. Durch den langen Weg im tiefen Schnee vom Hochland in Kloster bis nach Vitte war die Kleidung der Frau völlig durchnässt.

Jetzt hielt die Polizistin ein Paar Jeans erst bei sich an und reichte sie dann der jungen Frau. „Mit Schuhen oder Stiefeln kann ich nicht dienen, aber die Hose könnte Ihnen passen. Wir haben ungefähr die gleiche Figur.“

Damp zog sich kurz auf den Flur zurück, damit sich Laura Ihlow umziehen konnte. Nelly Blohm folgte ihm.

„Wie wollen wir vorgehen?“, fragte sie ihn auf dem Flur.

„Na, wie wohl?“, entgegnete Damp. „Wir fragen, was passiert ist. Und dann sehen wir weiter.“

„Wäre es nicht besser, wenn ich als Frau …“

„Noch bin ich hier der Revierleiter, Frau Blohm“, erklärte Damp ärgerlich. Rieder hatte ihm bei so manchem Fall die Wurst vom Brot genommen. Das würde ihm nicht wieder passieren.

„Ich dachte ja nur …“, wandte Nelly Blohm ein, verschreckt von der Reaktion Damps.

Sie gingen wieder zurück ins Zimmer. Die nassen Stiefel lagen auf der Heizung und die klamme Hose hing über dem zweiten Besucherstuhl.

Damp setzte sich an seinen Schreibtisch. Nelly lehnte sich hinter ihm an die Wand.

„Frau Ihlow, erzählen Sie uns erst mal, was passiert ist. Sie kommen also vom Hotel ‚Dornbusch‘? Der früheren Vogelwarte?“

„Genau. Und der Herr Dehne ist seit …“, sie zählte die Tage mit ihren Fingern ab, „ja, er ist seit vier Tagen verschwunden. Er wollte nach Rügen und dort Feuerwerk für Silvester kaufen … und, und, und … nun ist er tot“, stieß sie hervor und begann zu schluchzen. Tränenströme liefen ihr übers Gesicht. Damp schaute zu Nelly Blohm. Sie verstand seinen Blick, ging zu der jungen Frau, legte den Arm um ihre Schultern und versuchte sie zu trösten. „Beruhigen Sie sich“, sagte sie zu Laura Ihlow, die immer wieder von Weinkrämpfen geschüttelt wurde. Schon auf der „Caprivi“ war Laura Ihlow dem Zusammenbruch nah gewesen, als sie ihren toten Chef identifiziert hatte. „Wie soll ich das nur seiner Frau beibringen“, stieß sie schluchzend hervor. Nelly reichte ihr ein Taschentuch. Mehrmals schnäuzte sie sich, ohne mit dem Weinen aufzuhören.

„Na, das können Sie ruhig uns überlassen. Dafür sind wir da“, meinte Damp besänftigend, stutzte dann aber. „Seiner Frau? Ich dachte, Herr Dehne sei Witwer?“

Laura schüttelte den Kopf. „Nein. Wie kommen Sie darauf?“, fragte sie verwundert.

„Nicht so wichtig … Aber warum ist denn dann seine Frau nicht zu uns gekommen und hat sein Verschwinden angezeigt?“, wunderte sich Nelly.

„Sie wollte ihre beiden Kinder nicht allein lassen …“

„Kinder auch noch?“, warf Damp erstaunt ein. Warum hatte ihm das Malte Fittkau nicht erzählt? Offenbar konnte man sich auf ihn als Informationsquelle auch nicht mehr verlassen.

„Ich glaube, es sind ihre Kinder, nicht seine … äh, ich meine, er ist nicht der Vater“, erklärte Laura. „Auf mich kann man da oben momentan am besten verzichten. Die Gäste hocken meistens in ihren Zimmern. Da muss ich nicht saubermachen. Neue Gäste kommen auch nicht auf die Insel, um deren Ankunft ich mich kümmern muss.“

„Sie sind also die Putzfrau“, meinte Damp.

„Nein“, widersprach Laura Ihlow heftig. „Ich bin die Hausdame im Hotel ‚Dornbusch‘.“ Aus ihrer Stimme klang ein gewisser Stolz. „So eine Art Mädchen für alles. Eigentlich soll ich die Gäste betreuen. Aber bis das Hotel richtig läuft und Geld einspielt, muss ich auch putzen. Ist aber kein Problem für mich. Hauptsache, ich habe eine Stelle.“

Nelly Blohm lehnte sich wieder an das Regal. „Trotzdem bleibt die Frage, warum Sie oder auch seine Frau vier Tage warten, bis sie Herrn Dehne hier als vermisst melden.“

Laura schaute sie an. „Wissen Sie nicht, was los ist?“, fragte sie verärgert. „Wir sind da oben total abgeschnitten. Es liegt über einen Meter Schnee. Wir kommen nicht aus dem Haus. Das Telefon geht nicht mehr, auch nicht die Funktelefone. Das Internet ist tot. Niemand kommt vorbei. Ich habe fast zwei Stunden gebraucht, um hierher nach Vitte zu kommen. Und als ich dann ins Rathaus kam“, ihre Stimme wurde hysterisch, „sagte mir irgendjemand, ich solle mal zum Hafen gehen, da hätten sie einen Toten entdeckt … Und dann …“ Sie konnte nicht weiterreden, ein erneuter Weinkrampf schüttelte sie.

IX

Wut war kein guter Beifahrer. Das musste Damp gleich zur Kenntnis nehmen, als er das Auto vom Hof des Rathauses in Vitte auf die Straße nach Kloster steuerte. Als er heftig das Lenkrad nach links einschlug, brach das Heck des Streifenwagens aus. Nur Gegensteuern konnte verhindern, dass der Wagen in den nahen Graben rutschte. Laura Ihlow auf der Rückbank hatte Augen und Mund vor Schreck aufgerissen und hielt sich krampfhaft an der Rückenlehne des Beifahrersitzes fest. Nelly Blohm fiel das Handy aus der linken Hand, mit der rechten griff sie nach der Seitenlehne.

„Geht es vielleicht auch etwas vorsichtiger?“, fragte sie empört ihren Kollegen. Aber Damp brummte nur etwas Unverständliches. Innerlich kochte er. Der Pilot des Hubschraubers war nicht bereit gewesen, noch einen Abstecher ins Hiddenseer Hochland zu machen, um die Polizisten und Laura Ihlow zum Hotel „Dornbusch“ zu fliegen, damit sie dort Frau Dehne über den Tod ihres Mannes informieren und gleich vernehmen könnten. Bei der Schneehöhe sei es unmöglich, den Hubschrauber zu landen. Bökemüller hatte ihn bei seiner Bitte auch nicht unterstützt, sondern durch einen deutlichen Blick auf die Uhr klargemacht, dass er zum Aufbruch nach Stralsund drängte. Nun stand den Polizisten und ihrer Zeugin eine Tiefschneewanderung bevor. Außerdem war Damp sauer auf den Pathologen. Auch Doktor Krüger wollte sich bei der Todesursache nicht festlegen. Sicher würden alle Anzeichen, auch an der aufgetauten Leiche, auf Erfrieren hindeuten, aber er könne, wie der Inselarzt, nicht ausschließen, dass der Mann nicht doch eines anderen Todes gestorben sei. Das könne nur die Obduktion ergeben. Bökemüller wies daraufhin an, bis zu einem endgültigen Bericht des Pathologen weiter zu ermitteln, was mit Dehne passiert sein könne. Also blieb auch Nelly Blohm auf der Insel. Sie würde damit einen Fuß in die Tür seines Polizeireviers bekommen und sicher bald auf Rieders Stuhl sitzen. Dann wäre es mit der Ruhe dahin. Ständig klapperte sie auf der Tastatur ihres Laptops herum, suchte nach irgendwelchen Ermittlungsansätzen, recherchierte über das Mordopfer und dessen Hotel im Internet und anderswo. Ganz zu schweigen von ihrer Telefon-SMS-Aktion für die Urlauber, die der Bürgermeister und Bökemüller noch mal ausdrücklich als hervorragenden Einfall gelobt hatten. Irgendwann würde schon ein Hubschrauber kommen oder wieder eine Fähre fahren. Wer im Winter auf eine Insel fuhr, musste damit rechnen, nicht wieder zurückzukommen. Pech gehabt! Da musste man nicht gleich bei dem bisschen Protest einknicken. Bei der Kälte wären die Leute irgendwann abgezogen. Alles Weicheier, diese Chefs.

Damp spürte, wie das Auto mehr schlitterte als fuhr. Die Reifen griffen kaum auf der glatten geräumten Schneefläche. Blohm war im Fußraum abgetaucht und suchte nach ihrem Telefon. Sie wollte bei der Telekom in Bergen anrufen, um zu erfahren, was mit den Telefonleitungen und Mobilfunkverbindungen im Norden Hiddensees los war. Als sie wiederauftauchte, starrte sie Damp an. „Haben Sie noch Sommerreifen drauf?“

Damp sah sie kurz an. „Und wenn?“

„Sind Sie verrückt?“

„Ich nicht“, gab er zurück, „aber die Polizeidirektion. Sparmaßnahme. Da es hier oben so selten schneit, fahren wir mit Ganzjahresreifen. Nur dass sie nicht für das ganze Jahr taugen. Wie wir gerade sehen. Hat Ihnen das Ihr Revierleiter in Bergen nicht mitgeteilt?“

„Das kann doch nicht wahr sein.“

„Ist es aber.“

Nelly Blohm schüttelte ungläubig den Kopf. Damp fuhr langsamer.

In Kloster schaffte das Auto nicht den kleinen Anstieg vor dem Gerhart-Hauptmann-Haus. Das Auto glitt zurück auf den Platz vor dem Inselmuseum. Damp nahm einen neuen Anlauf, ließ den Motor jaulen. Ein kleines Stück fuhren sie bergauf, doch dann drehten die Reifen durch. Wieder rutschte der Wagen zurück.

„Endstation“, verkündete Damp. Er legte den Rückwärtsgang ein und fuhr auf den Platz vor dem Inselmuseum. „Hier geht’s nur zu Fuß weiter.“

Damp stieß die Fahrertür auf, stieg aus, griff auf dem Rücksitz nach seiner Schapka, stülpte sie auf den Kopf und knallte die Tür zu.

Auch die beiden Frauen stiegen aus. Laura Ihlow starrte auf ihre feuchten Stiefel. Nelly Blohm war mit richtigen Schneeboots gut gerüstet. Damp hoffte, dass er mit seinen Filzstiefeln keine kalten Füße bekäme. Er ließ die Zentralverriegelung zuschnappen. Dann stapften sie schweigend los. Der Kirchweg in Kloster war ganz gut geräumt, aber doch sehr glatt. Sie liefen bis zur Bäckerei „Kasten“ und bogen dann nach links in den Hügelweg ein. Im tiefen Schnee gab es ein paar Fußspuren. Hier wohnten noch Hiddenseer, die immer mal vor die Tür mussten. So kamen sie ganz gut voran. Doch nachdem sie das Stromhäuschen passiert hatten, versanken sie auf dem Weg „Zum Hochland“ bis zu den Oberschenkeln im Schnee. Hier gab es zwar auch links und rechts des Weges Häuser, versteckt hinter Hecken und den tief hängenden Zweigen der Bäume, ihre Besitzer kamen aber nur im Sommer auf die Insel. Durch die hohe Schneedecke waren die Ferienhäuser im gräulichen Tageslicht kaum zu erkennen. Damp überlegte, ob die Dächer die schwere Last aus Eis und Schnee auf Dauer aushalten würden.

Der Weg war nicht zu erkennen, aber es gab eine Spur. „Das sind noch meine Abdrücke“, bemerkte Laura Ihlow. „Weiter oben wird es noch schlimmer.“

Damp verzog das Gesicht. Nelly Blohm stöhnte.

„Wir hatten gehofft, Herr Böhnke würde vielleicht mit seinem Schlitten mal vorbeikommen und so wenigstens mit den Pferden eine begehbare Spur in den Schnee ziehen“, erklärte die Hotelangestellte. „Herr Dehne hatte es mit ihm verabredet, damit sich die Urlauber auch bei diesem Wetter auf der Insel bewegen könnten. Aber er hat sich nicht gemeldet.“

Das wunderte Damp. Böhnke betrieb ein Fuhrunternehmen in Kloster. Sein alter Eisschlitten, mit dem schon früher sein Vater übers Eis nach Rügen gefahren war, galt als Attraktion auf der Insel. Er hatte Böhnke damit in den letzten Tagen auch gesehen. Der Fuhrunternehmer hatte Touristen, eingepackt in Decken und Felle, über die Insel kutschiert. Warum war Böhnke dann nicht auch zu Dehnes Hotel gefahren? Damp würde der Sache mal auf den Grund gehen.

Laura Ihlow bog nach links ab in einen zunächst schmalen, gassenartigen Weg. Die Polizisten folgten ihr. Bald öffnete sich die Landschaft und vor ihnen lag ein weites Schneefeld. Am Ende stand ein Haus. Die alte Vogelwarte, nun das Hotel „Dornbusch“. Damps Ärger war durch die Anstrengung fast verflogen. Er blickte sich um. Links ragten hinter dichten Büschen die dunklen Gemäuer der Lietzenburg auf. Er sah einen Lichtschein. „Dort ist ja jemand“, rief er aus. Auch die beiden Frauen sahen sich um.

„Nein, das ist nur ein Baustellenlicht“, erklärte Laura Ihlow. „Es brennt nicht immer, sondern ist an eine Zeitschaltuhr gekoppelt. Der Besitzer will damit Einbrecher abschrecken, damit sie ihm nicht wieder ausbauen, was er gerade hat einbauen lassen.“

Damp schüttelte den Kopf. So etwas war noch nie auf Hiddensee passiert. Er konnte sich nicht mal genau erinnern, wann ihm das letzte Mal ein Einbruch gemeldet worden war. Vielmehr sorgte er sich über die unvorsichtigen Hiddenseer, die gern mal ihre Hausschlüssel unter Blumentöpfen oder in einem geöffneten Fenster ablegten. Dafür brachten die Zugereisten aus den Großstädten nun neue Marotten mit und ließen das Licht brennen, wenn sie nicht da waren.

Endlich hatten sie das Hotel „Dornbusch“ erreicht. Sie trampelten sich auf der Eingangsstufe den Schnee von Kleidung und Schuhwerk. Von dem Vorraum ging es in ein dunkles Treppenhaus. Die Wände waren grau gestrichen, zu den Stufen durch einen ochsenblutroten Sockel abgegrenzt. Die Holzstufen waren im selben Farbton gestrichen, aber mit einem hellen Kokosläufer. Es roch noch nach frischer Farbe. Links öffnete sich eine Tür. Eine Frau schaute heraus.

„Endlich!“, rief sie aus. „Haben Sie etwas erreicht?“

Laura Ihlow deutete hinter sich. „Frau Blohm und Herr Damp von der Polizei. Sie haben keine guten Nachrichten.“ Sie fing wieder heftig an zu weinen und rannte ohne ein weiteres Wort die Treppe nach oben.

Die Frau starrte die beiden Polizisten an. „Was ist mit Martin?“ Damp sah kurz Nelly Blohm an. Sie hatten nicht ausgemacht, wer die Todesnachricht überbringen sollte. Aber er war der Chef, dachte sich Nelly. Damp ging einen Schritt nach vorn, doch die Ehefrau kam ihm zuvor. „Ist er … ist er tot?“, fragte die Frau mit leiser, ungeduldiger Stimme.

Damp hielt kurz die Luft an, dann nickte er. „Wir haben Ihren Mann letzte Nacht auf der ‚Caprivi‘ entdeckt. Ihre … äh, Mitarbeiterin hat ihn identifiziert. Wahrscheinlich ist er erfroren.“

„Erfroren! Auf der ‚Caprivi‘“, wiederholte die Frau verstört und schüttelte dann verständnislos den Kopf. „Was ist die ‚Caprivi‘? Ein Fährschiff?“

„Ein altes Hotelschiff“, erklärte Nelly Blohm. „Es liegt im Hafen von Vitte, ist aber nicht mehr in Betrieb.“

„Und was wollte er da?“ Wieder schüttelte sie den Kopf. „Ich versteh das alles nicht.“

„Deshalb sind wir auch hier. Wir würden gern, Frau Dehne, auch wenn der Moment vielleicht etwas ungünstig ist, Ihnen ein paar Fragen stellen“, erklärte Damp etwas umständlich. „Aber zunächst erst mal mein, äh, unser Beileid.“

Dehnes Frau schien Damps Worte gar nicht gehört zu haben. „Hat er dort einen Unfall gehabt? Wie konnte er denn erfrieren?“

„Das müssen wir herausfinden“, sagte Nelly Blohm. „Momentan behandeln wir den Tod Ihres Mannes noch als ungeklärten Todesfall, weil weder der Inselarzt noch ein Rechtsmediziner bei einer ersten Leichenschau am Fundort einen Totenschein ausstellen wollten.“

Die Frau blickte die beiden Polizisten mit großen Augen an. „Ungeklärter Todesfall?“, wiederholte sie leise und verharrte dann ein paar Minuten in einer völlig erstarrten Haltung. Langsam schien sie zu begreifen, was das bedeuten konnte. „Wollen Sie sagen, mein Mann ist ermordet worden?“

„Nein, nein, dafür gibt es momentan keine Beweise“, wiegelte Damp ab. Er hoffte immer noch, dass sich Dehnes Tod als Unglücksfall erweisen würde. „Wir müssen nur versuchen, genau zu …“, er suchte nach dem richtigen Wort und wedelte dabei mit der Hand. Nelly sprang ein. „ … zu rekonstruieren, was Ihr Mann Silvester gemacht hat, nachdem er hier weggegangen ist.“ Dann schaute sie sich etwas ungeduldig in der Halle um und erreichte damit ihr Ziel.

„Oh, Entschuldigung, ich bin völlig von der Rolle. Kommen Sie doch hier herein.“ Sie öffnete die Tür etwas weiter. Die Polizisten folgten ihr in einen Raum, an dessen Wänden ringsum hohe Regale standen. Allerdings waren sie nur zum Teil mit Büchern gefüllt. In vielen Fächern standen ausgestopfte Vögel: von kleinen Sperlingen, Meisen und anderen Wiesenvögeln bis zu ausgewachsen großen Schwänen und Seeadlern. Damp und Blohm blieben stehen und blickten sich mit großen Augen im Raum um. Die Glasaugen vieler Präparate leuchteten im diffusen Licht des Raumes bedrohlich, fast angriffslustig.

„Übrigens, ich heiße nicht Dehne“, verkündete die Frau. „Mein Name ist Leetz, Isa Leetz. Ich habe meinen Namen bei der Heirat behalten.“ Sie drehte sich um und sah die staunenden Gesichter der Polizisten. „Das Hobby meines Mannes, Exmannes ja nun“, erklärte sie kühl. „Er war Hobbyornithologe. Vögel waren seine Leidenschaft, die ich leider nicht so richtig geteilt habe. Aber er wollte mit diesem Zimmer auch an die alte Nutzung des Hauses als Vogelwarte erinnern. Und es ist nun mal sein Hotel.“

Nelly Blohm wunderte sich, wie gefasst die Frau plötzlich war. Sie wirkte nun sehr distanziert, wenig berührt vom Tod ihres Mannes. Der Eindruck wurde durch die geschäftsmäßige Kleidung und die Frisur verstärkt. Die Haare waren halblang geschnitten, die Spitzen leicht eingedreht nach innen, wie man es oft bei Geschäftsfrauen sah. Ihre Augen waren sehr hell, der Mund schmal. Sie trug ein sportlich-elegantes Twinset mit Pullover und Jacke aus Kaschmir, wie Nellys geschultes Auge sofort registrierte, kombiniert mit einem knielangen Rock und nicht allzu hochhackigen Pumps. Nelly blickte auf ihre eigenen Schuhe und sah, wie sich kleine Rinnsale des tauenden Schnees ihren Weg auf die schweren Teppiche suchten, die auf dem Parkett lagen. Es bildeten sich feuchte Flecke neben den Sohlen. „Sollen wir die Schuhe ausziehen?“, fragte Nelly schuldbewusst.

Frau Leetz winkte ab. „Ist auch nur Wasser. Das wird uns nicht umbringen.“ Sie wies auf eine Sitzgruppe aus Leder, die um einen runden Rauchtisch vor einem brennenden Kamin stand. Während sie sich auf das Sofa setzte, sanken Damp und Blohm in den erstaunlich weichen Polstern der Sessel ein. Plötzlich tauchte hinter der Lehne des Sofas der Kopf eines Kindes auf und blickte neugierig auf die Polizisten.

„Wer bist du denn?“, fragte Nelly lächelnd. Da erschien noch ein zweiter blonder Jungenkopf.

„Das sind meine Kinder. Florian und Jonas. Sie stammen aus meiner ersten Ehe“, klärte Isa Leetz auf. Die beiden wurden mutiger und kamen aus ihrem Versteck nach vorn und kletterten auf das Sofa. Sie setzten sich links und rechts von ihrer Mutter und schmiegten die Köpfe an ihren Körper. Jeder hatte kleine Autos in den Händen. Sie begannen damit über den Rock und die Beine ihrer Mutter zu fahren. Nelly schätzte, dass die Jungen entweder gerade in die Schule gekommen waren oder kurz davor standen. Sie dachte sofort an Lukas und spürte einen kleinen Stich im Herzen.

„Mein erster Mann ist bei einem Autounfall vor drei Jahren ums Leben gekommen. Martin habe ich erst Anfang Dezember geheiratet, ganz spontan bei einem Ausflug nach Quedlinburg.“ Die Erinnerung ließ ein kurzes Lächeln über ihre Lippen gleiten. Es verschwand aber sofort wieder. „Und nun bin ich schon wieder Witwe. Ich scheine den Männern kein Glück zu bringen.“

Es entstand eine bedrückende Pause. Damp überlegte, wie er das Gespräch fortführen sollte. Er überlegte, ob es nicht besser wäre, es Nelly Blohm zu überlassen. So von Frau zu Frau. Doch seine Kollegin schien seit dem Auftauchen der Kinder völlig in Gedanken versunken. Er selbst spürte jetzt, wie müde ihn der anstrengende Weg hier hoch doch gemacht hatte. Seine Wangen glühten von der Wärme des Feuers. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen und der Schlaf drohte ihn zu übermannen. Doch dann riss er sich zusammen. Er fragte, ob denn die Kinder alles hören dürften. Isa Leetz zuckte mit den Schultern. „Sie hatten keine so eine enge Beziehung zu Martin. Sie müssen wissen, wir drei leben eigentlich in Stralsund. Ich bin dort als Lehrerin tätig. So habe ich Martin auch kennengelernt. Er hat bei einer Weiterbildung ein Seminar über Vogelkunde geleitet. Martin war für sie mehr so ein entfernter Onkel und die Reisen nach Hiddensee sind für sie eher Ausflüge.“ Dann schaute sie auf ihre Söhne. „Aber vielleicht haben Sie recht.“ Sie schickte die Jungen aus dem Zimmer. Die beiden folgten mürrisch und zögerlich. Als sie das Zimmer verlassen hatten, begann Damp von Neuem. „Erzählen Sie uns doch einfach mal, was Ihr Mann am Silvestertag gemacht hat. Wann er nach Rügen losgefahren ist, wo er hinwollte und wann sie mit seiner Rückkehr gerechnet haben?“

Isa Leetz fasste sich kurz. „Es begann eigentlich mit dem Streit um dieses blöde Feuerwerk.“

„Wir haben eine Tasche mit Raketen und Böllern bei ihm gefunden“, warf Nelly ein. Sie war hellhörig geworden. „Wer hat sich gestritten?“

Isa Leetz machte mit ihren flachen Händen eine abwehrende Geste und bat damit die Polizisten um Geduld. „Ich muss vielleicht ein wenig weiter ausholen. Eigentlich haben wir erst vor ein paar Tagen das Hotel eröffnet. Martin wollte, dass für die ersten Gäste alles perfekt ist. Darunter sind auch Journalisten. Sie sollen über das Haus schreiben und Werbung für uns machen …“

„Wie viele Gäste sind jetzt hier?“, fragte Damp dazwischen.

„Fünf“, antwortete Isa Leetz etwas unwirsch, weil die Frage sie offensichtlich aus dem Konzept gebracht hatte. „Jedenfalls sollte es Silvester auch ein riesiges Feuerwerk geben. Herr Zakis …“

„Wer ist das?“ Diesmal unterbrach Nelly Blohm. Isa Leetz knetete ihre Hände und versuchte ihre aufwallende Wut zu unterdrücken.

„Herr Zakis ist der Koch. Er hatte von seinen Einkäufen in Stralsund und auf Rügen schon einiges an Böllern mitgebracht. Es waren diese typischen Packungen, die man beim Discounter bekommen kann. Aber Martin reichte das nicht. Er wollte etwas ganz Besonderes. Darüber haben sich die beiden in die Haare bekommen. Martin hat sich dann seine Sachen geschnappt. Er wollte nach Rügen fahren, um richtiges Feuerwerk zu besorgen. Er hatte da von einem Laden gehört, wo man wohl Zeug kaufen könne, dass eben nicht nur puff macht, sondern am Himmel glitzernde Kugeln oder Funkenregen erzeugt. Was weiß ich. Dann ist er also noch mal los. Zur Fähre und dann nach Bergen. Er wollte am frühen Nachmittag wieder zurück sein. Aber er kam nicht. Ich konnte ihn auch nicht erreichen, denn er hatte in der ganzen Hektik sein Handy hier vergessen. Zuerst habe ich mir auch keine Sorgen gemacht. Der Fährverkehr war ja eingestellt und ich dachte mir, er wäre auf Rügen geblieben und vielleicht zu seiner Schwester gefahren. Er konnte uns ja auch nicht mehr anrufen, denn ab Neujahr war hier oben alles tot. Das Telefon ging nicht mehr. Nicht mal die Funktelefone. Durch den starken Schneefall konnten wir auch nicht raus. Ich hatte gehofft, dass er sich vielleicht bei Herrn Blank gemeldet hat, aber der hat sich hier auch nicht blicken lassen …“

„Herr Blank?“, fragte Nelly.

„Der Rabe“, rutschte es Damp heraus, noch bevor Isa Leetz antworten konnte. Er schlug die Hand vor den Mund. Isa Leetz konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Nelly sah beide überrascht an.

„Blank war früher Angestellter der Vogelwarte, muss schon fast achtzig sein“, klärte Damp seine Kollegin auf. „Er fühlt sich als so eine Art Herr über die Hiddenseer Vogelwelt und nervt gewaltig, traktiert mich ständig mit Anzeigen, wenn irgendjemand die Vogelschutzgebiete auf der Insel unberechtigt betritt oder über die Absperrungen an der Steilküste steigt. Den Rangern vom Nationalparkhaus liegt er auch andauernd in den Ohren, sie müssten mehr für die Vögel tun. Wegen seiner Kleidung, einem alten Hut und einem weiten Mantel, nennen ihn alle auf der Insel den Raben.“

Nelly nickte.

„Er hat meinen Mann auch auf die Idee gebracht, die Vogelwarte zu kaufen und hier dieses Vogelzimmer einzurichten“, meinte Isa Leetz abschätzig. „Es sollte eine Mischung aus Hotel und Museum sein. Sonst war er jeden Tag hier oben, auch wenn ich da war, und hat mit Martin ewig über die Vögel, den Vogelzug und die Auflösung der Vogelwarte geredet. Aber seit Silvester war er auch nicht mehr hier. Was mich wundert.“

Damp und Blohm nickten sich zu.

Isa Leetz stand auf und ging zum Kamin. Sie warf ein paar Scheite in das brennende Feuer.

„Dass Martin tot ist … Ich kann es noch nicht fassen“, sagte sie mehr zu sich selbst. Dann stützte sie sich am Kaminsims ab. „Was soll denn nun werden? Wir haben das Haus voll. Ich habe doch auch gar keine Ahnung …“

„Wissen die Gäste vom Verschwinden Ihres Mannes?“, fragte Nelly.

Isa Leetz schüttelte den Kopf. „Sie wissen, dass er nicht da ist, weil er wegen dem Eis nicht mehr von Rügen zurückkommen konnte. Aber langsam wird es schwierig. Die Journalisten wollen eine Homestory machen, alles Mögliche über das Hotel und das Konzept wissen, aber … was soll ich ihnen sagen?“

Damp fragte noch, welche Fähre er am Silvestertag genommen hätte.

„So gut kenne ich mich nicht aus. Er wollte von Kloster fahren, hoffte, dass der Eisfahrplan noch nicht galt und er bis nach Vitte müsste.“

Die Polizisten verabschiedeten sich. Als sie vor der Tür standen, schüttelte sich Damp. „Wie ich so etwas hasse.“

„Das gehört nun mal zum Job“, erwiderte Nelly.

X

Zurück nach Kloster ging es aus dem Hochland schneller durch die getretene Spur, auch wenn es mittlerweile wieder zu schneien angefangen hatte. Die Polizisten begegneten keiner Menschenseele. Nur hier und da zeigte ein erleuchtetes Fenster, dass Menschen zu Hause waren, aber bei dem frostigen Wetter nicht vor die Tür gingen.

Die Fenster des Polizeiautos waren eingefroren. Damp kramte in den Seitenfächern der Türen vergeblich nach einem Eiskratzer, während Nelly Blohm mit heftigem Hüpfen versuchte, ihre kalten Füße etwas aufzuwärmen. Damp holte sein Portemonnaie heraus, griff seine Krankenkassenkarte und begann damit die Scheiben zu schaben.

„Können Sie nicht schon mal den Motor anmachen?“, fragte Nelly bibbernd.

Damp lehnte ab. „Wir müssen Benzin sparen. Wer weiß, wann wir Nachschub kriegen.“

Nelly verzog das Gesicht. „Was machen wir denn nun?“, wechselte sie das Thema.

Damp zuckte mit den Schultern. „Gar nichts, bis sich dieser Quacksalber aus Greifswald meldet und uns sagt, wie Dehne umgekommen ist.“ Er hielt mit dem Eiskratzen kurz inne. „Ich frage mich echt, wie er sich als Lehrer diesen Schuppen leisten konnte.“

„Durch den Verkauf der Häuser.“

Damp schüttelte den Kopf. „Ich bin bestimmt kein Fachmann, aber wie das da alles auf Chic gemacht ist, das zahlt man nicht aus der Portokasse. Und das Haus, die alte Vogelwarte, musste er sich vorher ja auch noch kaufen. Nee, irgendwas passt da nicht.“

Damp setzte Nelly Blohm in der Sprenge ab. Trotz des Neuschnees war der Weg hinter dem Bodden durch den Einsatz der Feuerwehr noch gut befahrbar. Sie musste um das Haus laufen, denn Maltes Pension stand mit der Giebelseite zum Bodden. Der Eingang befand sich in einem kleinen Hof. Gerade als Nelly an das Fenster der Veranda klopfen wollte, kam Malte und öffnete die Tür.

„Immer herein.“

Nelly trat ein und zögerte. Sie wollte mit ihren nassen Schuhen die Teppichläufer nicht schmutzig machen.

„Lassen Sie mal. Ist nur Wasser. Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen ein paar Latschen besorgen. Meine Gäste lassen immer was liegen. Da findet sich sicher was.“

Aus der Küche duftete es nach gebratenem Fisch. Nelly merkte, wie hungrig sie war. Seit dem Frühstück hatte sie nichts mehr gegessen. Sie musste sich dringend was besorgen. Hoffentlich hatte der Supermarkt noch offen.

„Ich würde nur kurz meine Tasche abstellen und dann noch mal schnell los. Ich habe noch nicht eingekauft.“

„Nun mal langsam, junge Frau“, beruhigte sie Malte. „Gehen Sie erst mal auf ihr Zimmer und richten sich ein. In einer Viertelstunde gibt es Abendbrot.“

„Aber …“

„Keine Widerrede.“

Als sie wenig später wieder herunterkam, war in der Stube der Tisch gedeckt. Nelly hatte mit Lukas und ihrer Mutter telefoniert. Offenbar vermisste sie ihren Sohn mehr als umgekehrt. Jedenfalls hatte er ihr begeistert erzählt, dass er mit seiner Oma gespielt, gelesen und gebacken hätte. Dann hatte er das Telefon weitergereicht. Ihre Mutter hatte hinterlistig gefragt, ob sie denn heute noch kommen würde. Nelly wusste nicht recht, was sie sagen sollte. „Nein, das zieht sich hier noch hin.“

„Was habe ich dir prophezeit“, hatte ihre Mutter noch einmal in der Wunde gebohrt und dann aufgelegt.

Nelly musste an der Schwelle zu Maltes Wohnstube den Kopf einziehen. Der graue Kater hatte es sich in einem Sessel bequem gemacht und schaute sie prüfend an. Scheu kannte er durch die vielen Sommergäste nicht.

„Setzen Sie sich“, ließ sich Malte aus der Küche vernehmen. Kurz darauf erschien er mit zwei Tellern.

„Ich hoffe, Sie essen Fisch?“

„Bin doch ein Mädchen von der Küste.“

Sie schaute mit offenem Mund auf das, was er vor ihr abstellte.

„Das ist Zanderfilet, gebraten, dazu Bratkartoffeln mit Speck.“

„Es duftet herrlich“, erklärte Nelly begeistert, „aber ich kann Ihnen doch nicht Ihre Vorräte wegessen …“

„Mach dir mal keine Sorgen, Mädchen. Die Kühltruhe ist voll. Die Speisekammer auch. Ist für mich nicht der erste harte Winter auf der Insel. Musst nicht alles glauben, was die so erzählen im Fernsehen von Mangel und Not hier, nur weil mal der Bodden dicht ist. Auf Hiddensee ist noch keiner verhungert. Jedenfalls kein Hiddenseer. Und nun iss mal, sonst wird’s kalt.“

Erleichtert griff sie nach ihrem Besteck und begann zu essen. „Das schmeckt ausgezeichnet. Wo haben Sie so gut kochen gelernt?“

„Auf dem ‚Klausner‘. War dort erst Lehrling, dann Koch, schon zu DDR-Zeiten. Heute wird um diese Zeit viel Gewese gemacht. War aber auch nur ’ne Kneipe wie jede andere. Wenn draußen die Gäste warten, muss es drinnen in der Küche laufen. Nach der Wende habe ich dann von meiner Mutter den Pensionsbetrieb übernommen und den Kochlöffel an die Wand gehängt. Nur für besondere Gäste werfe ich den Herd mal an.“

Er zwinkerte Nelly zu. Nachdem Malte die Hälfte seines Filets aufgegessen hatte, nahm er den Teller und stellte ihn auf das Blech vor dem Ofen. Sofort sprang der Kater vom Sessel und stürzte sich mit lautem Schmatzen darauf.

„Kannten Sie eigentlich den Toten? Diesen Herrn Dehne?“, fragte Nelly. „Auf so einer kleinen Insel kennt doch sicher jeder jeden.“

Malte wiegte den Kopf hin und her. „Ich hatte kaum mit ihm zu tun. Ich habe keine Kinder. Da hat man mit den Lehrern der Inselschule wenig am Hut. Und dann hat doch jeder auf der Insel so – wie sagten wir früher als Kinder? – seine Bande. Heute nennt man es wohl eher Clique. Abgesehen davon, war er ein paar Jahre jünger als ich. Er ist sicher schon in der neunten Klasse nach Bergen auf die erweiterte Oberschule gegangen und erst nach dem Studium zurückgekommen. Außerdem wohnte Dehne in Süderende auf der Ostseeseite von Vitte. Nicht mein Beritt. Ist es denn sicher, dass er ermordet wurde?“

Nelly schüttelte den Kopf. „Wir müssen noch die Obduktion abwarten.“

„Außerdem war er einer dieser Vogelkieker.“

„Sie meinen, er war Ornithologe.“

„Wenn Sie so wollen. Schon als Kind ist er mit dem Raben, also Walter Blank, losgezogen, um Gänsen, Möwen und was weiß ich nachzustellen. Das waren für uns die Streber.“

„Ach ja, von dem Raben habe ich schon gehört.“

„Dehne und Blank waren ganz dicke, schon als Dehne noch ein Pionier war. Wissen Sie, was das ist?“

Nelly lächelte. „Was es bedeutet, weiß ich, aber selbst bin ich noch zu jung, um Pionier gewesen zu sein.“

„Mit blauem Halstuch sind die losgerannt und haben mit dem Raben am Bessin oder auf dem Gellen Vögel gezählt. Öde. Da bin ich lieber mit meinen Kumpels auf dem Bodden angeln gegangen oder habe die Kirschbäume der Nachbarn geplündert.“

„Was ist das eigentlich für ein Schiff, auf dem Martin Dehne gefunden wurde“, fragte Nelly.

Malte stand auf und zog aus seinem Regal ein Buch. Er blätterte darin und legte es dann aufgeschlagen vor Nelly hin. Er zeigte auf eine Reihe von Bildern eines Passagierdampfers.

„Die ‚Caprivi‘ heißt eigentlich ‚Seebad Wustrow‘. Auf diesen Namen wurde sie im Februar 1964 in Magdeburg getauft. Sie war das letzte Schiff der sogenannten Seebäder-Serie. Diese Dampfer wurden extra für die Ostseeküste gebaut, um dem Ansturm der Tagestouristen Herr zu werden.“

Malte blätterte eine Seite weiter. „Hier sehen Sie mal, wie es drinnen aussah. Ziemlich komfortabel für die damalige Zeit mit dem Salon, von dem man über das Vordeck Aussicht über den Bug hatte. Außerdem hatte das Schiff eine besondere Verstärkung am Vorschiff und gehörte damit zur Eisklasse.“

„Eisklasse?“

„Es konnte auch bei Eisgang oder selbst bei einer geschlossenen Eisdecke auf dem Bodden bis zu zwanzig Zentimeter noch fahren und die Eisdecke aufbrechen“, erklärte Malte. „So ein Schiff fehlt uns heute. Die Reederei verspricht uns immer nur, diese klapprige alte Fähre mal durch ein eisgängiges Schiff auszutauschen. Aber außer hübschen Bildern in den ‚Inselnachrichten‘ passiert nichts. Nur die Preise steigen ständig.“

„Warum liegt die ‚Caprivi‘, äh, die ‚Seebad Wustrow‘ nun hier?“

„Nach der Wende wurde sie außer Dienst gestellt, rostete dann in Stralsund still vor sich hin, bis sich unter anderem Angela Merkel erbarmte und uns den Dampfer schickte. Erst wurde ein Jugendklub draus, dann ein Hotelschiff. Nun ist der Besitzer wohl pleite oder was weiß ich. Jedenfalls liegt der Dampfer schon eine Weile hier, ohne dass sich was tut. Und jetzt ist es eh vorbei. Das Schiff ist ein Wrack. Schade drum.“

Er klappte das Buch zu und trug es wieder zum Regal. Als er sich umdrehte, schien Nelly in Gedanken versunken. „Wo sind Sie denn gerade? Bei Ihrem Sohn?“

Nelly schüttelte den Kopf. „Ich habe an Stefan Rieder gedacht. Haben Sie vielleicht mal was gehört, was mit ihm ist?“

„Nein, nur das, was alle wissen, dass er im Koma in einer Klinik auf Møn liegt, nicht transportfähig ist und es nicht gut aussieht.“

Tränen rannen Nelly übers Gesicht. Malte setzte sich neben sie und legte unbeholfen seinen Arm um ihre Schultern. „Na, Mädchen, du musst ihn dir aus dem Kopf schlagen.“

„Wenn das so einfach wäre …“

„Behalt ihn so in Erinnerung, wie er war. Als netten Kerl. Ich vermisse ihn auch, selbst wenn wir zuletzt nicht immer einer Meinung waren. Aber denk mal, was wäre, wenn er aufwacht und nur noch Watte im Kopp hat? Er sollte seinen Frieden finden …“

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25 May 2021
Volume:
304 p. 7 illustrations
ISBN:
9783954626922
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