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Carl Sternheim

Schuhlin


Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2020

goodpress@okpublishing.info

EAN 4064066109813

Inhaltsverzeichnis

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SCHUHLIN

Inhaltsverzeichnis

OB der musikalischen Erfindung des Ludwig Schuhlin Größe in dem Umfang innewohnte, wie er selbst sie ihr zumaß, wird die Zeit lehren. Ob er im Gewissen die gewaltige Überzeugung hatte, die er zur Schau trug, weiß Gott allein. Die ihm nahe standen, sind von seinen Stücken angerührt worden; die weitere Welt hat ihnen den Erfolg versagt.

Schuhlin kam aus der Tiefe des Volkes. Proletarisch ernährt und erzogen, lief ihm bis ins Jünglingsalter das Leben schmucklos hin. Ein Pianoforte, aus einem Erdgeschoß klingend, traf zum ersten Mal sein Herz mit edler Erfindung und versetzte ihn in Schwung, dem er nicht mehr entrann. An eine Regentraufe gelehnt, hörte er in der Folgezeit viel feierliche und fröhliche Musik, die sich in seine Seele senkte. Bis eines Tages er, entdeckt von dem gerührten Spieler, in dessen Umgebung gezogen wurde. Näher hinhörend, lernte er nun die Elemente des Spiels, griff bald und begriff die Tasten und ihre Bedeutung. Die Welt ward ihm völlig Klavier. In Terzen, Quinten, Oktaven sprang sein Denken, Dur und Moll spannte sein Herz. Über die Leiter der Schubert- und Beethovenschen Empfindungsstürme entrückte er dem gemeinen All und stand mit zwanzig Jahren in Kleidern des Kleinbürgers, die Stirn in den Sphären auserwählter Menschheit. Geld auf Fahrten verdienend, die er mit einem Flötenbläser, einem Trompeter über die Märkte seines Bezirks zu Kirmeß und Kirchweih unternahm, gab er es nur zu Teilen für seinen Unterhalt aus, verwandte das Meiste für den Unterricht bei bedeutenden Lehrern, bis er große Klavierstücke technisch vollendet so selbständig aus dem Flügel hämmerte, daß ihm innere Bewegung verständiger Zuhörer überall gewiß war. Da verließ er die Heimat und gewann auf Reisen beträchtliche Sicherheit der Lebensformen. Man traf ihn im Frack, den er nicht übel zu tragen wußte, in den Salons situierter Kaufleute nach dem Abendessen vor dem Klavier. Den schönen Kopf auf freiem Hals über das Notenblatt gehoben, spielte er, und die bürgerlichen Frauen im Umkreis öffneten ihm die Herzen. Stand er auf, kam, noch getragen von rhythmischen Wellen, durch den Raum, senkte er den Blick in begeisterte Augen, die er merkte, und von denen er Lohn forderte. Überall nahm er das leicht zu ergreifende Weib mittlerer Kreise als Beute, schüttelte ihr geringes Eigenteil aus ihr heraus, mit dem er sich stärkte. In immer bessere Zirkel brachte ihn die mit Begeisterung geübte Kunst, und es fehlte ihm schließlich ein bedeutendes Einkommen, lebhafter Beifall nicht. Sein Selbstbewußtsein verlangte alsbald überzeugendere Erfolge: die Verehrung einer großen Dame, Freundschaft eines in den Künsten dilettierenden Mannes von Welt. So wurde er der repräsentable Geliebte manch reicher Frau, die sich langweilte; geistiger Zusammenklang eines blasierten Dandys.

Doch war Hingabe und Aufopferung von seiner Seite größer als desjenigen, der den Bund mit ihm einging. Denn seines Gehirnes Kraftentfaltung war das Äquivalent zu ruhenden Gütern, die der andere aus Geburt und Vererbung besaß. Nie war Schuhlins Übergewicht von vornherein so groß, daß ein Mensch sich einfach ihm beugte. Er bedurfte des polierten schwarzen Kastens, die Aufmerksamkeit für sich zu erzwingen, die seine Eigenliebe wollte. War aber Zuneigung einmal erlangt, wuchs nie er allein dem andern ans Herz, sondern Vorstellung gespielten Klaviers, musikalisches Genie eines Toten mit ihm. Aus Liebesversunkenheit lallte die Frau nicht das bezügliche Wort, aber eine empfindsame Tonfolge, deren Schöpfer nicht, deren Vermittler er war. Das heimlichste Gespräch, jeder kostbare Augenblick des Lebens glitt über ihn hin zu den ursprünglichen Geistern, deren Einfälle er auf die Tasten abspielte.

Im zarten Anschlag einer Nerve noch spürte er vom Nächsten her Atome eines Gefühls, das über etwas prompt zu Lieferndes quittiert. Wie ein blasiertes »danke«, das man dem Bedienten lispelt. Kein spontaner Dank, kein Jubel kam ihm entgegen und hob sein Herz zu den Sternen auf. Davon wurde er krank, begann alles Erreichte, den augenblicklichen Zustand zu hassen und floh schließlich aus bequemen Verhältnissen aufs Land, wo er in einem Bauernhaus am Seeufer Vergangenheit und Zukunft umständlich bedachte.

Er begriff, reproduzierendes Künstlertum konnte der Hebel nicht sein, mit dem die Welt aus den Angeln sich heben ließ, der in ihm gärende Machthunger zu befriedigen sei. Keinen Augenblick zögerte er, alle Brücken zur Vergangenheit abzubrechen, verschwand vollständig von der Weltbühne und rollte sich wie ein Igel in die Einsamkeit des ländlichen Platzes, wo er drei Jahre lang das eigene, mächtige Wesen in Scharniere preßte, nicht einen Hauch seiner Person durch Gespräch oder Mitteilung entweichen ließ. Wie in einen Spartopf senkte er mit grimmigem Lächeln jeden Einfall, allen Gefühlsüberschwang in das eigene Innere, verbot sich den winzigsten Gedanken von sich fort. Abends im Bett faltete er die Hände über den schwellenden Bauch und freute sich, als schließlich Wesensüberfülle innen gegen die Wände des Leibes tobte. Nachdem er der Stärke des Dranges und seines Umfangs sicher geworden, legte er weißes Notenpapier vor sich hin, und wie durch geöffnete Hähne hochgespannter Dampf mit Kraft auszischt, fuhr jäher Empfindungssturm in Noten Kopf an Kopf über die Seiten. Er sah die ersten Niederschriften durch, verglich sie und begriff ihren unterschiedlichen Wert. Auf Spaziergängen ließ er das mindeste gelten, nahm es in sich zurück und sah bei erneutem Ausbruch die geläuterten Themen in gültiger Form als sein erstes Lied aufgezeichnet.

Aus den Gedichten Hoelderlins wählend, was durch Verwandtschaft des Gedankens etwa vereint war, drängte er in heftigem Schaffenssturm an die zwei Dutzend Gesänge zyklisch zusammen und erschien mit dem Manuskript von neuem in der Hauptstadt. Er versammelte den Kreis ehemaliger Freunde und spielte ihnen das Werk mit so innigem Ausdruck, daß die Zuhörer gepackt waren, er selbst von seiner einzigen Bedeutung überzeugt wurde. Mit Wucht etablierte er jetzt vor sich und andere die Geste des Genius, der außerordentliche Rechte hat, und nahm ohne Bedenken, von bemittelten Anhängern den monatlichen Zuschuß, der ihn ernähren mußte. Saß nach dem Vortrag einer gelungenen Komposition die Gesellschaft in Ergriffenheit um seinen Platz am Flügel, brachte er ihr, von Schöpferglück geschwellt, leicht die Überzeugung bei, es sei ihres irdischen Daseins besserer Zweck, ihm auf alle erdenkliche Weise über die Härten des Lebens zu helfen. Ihr Lohn sei ihnen in seiner Lebensbeschreibung gewiß. So ließ die geschmeichelte Wohlhabenheit sich zu größerem Aufwand herbei, verschönte sein Leben mit praktischen Gaben nicht nur, sondern mit verschwenderischem Lob. Er aber, Anerkennung von überall her unersättlich schlürfend, schwoll zu einem Koloß des Selbstbewußtseins, der alsbald nicht duldete, daß in dem von ihm beglückten Haus von anderem die Rede war als von ihm selbst, wobei es ihm gleich blieb, ob man seine menschlichen oder künstlerischen Eigenschaften mehr verherrlichte. Dazu schied er den Freund vom Freunde, indem er den verächtlich machte, Gatten voneinander, weil jede Gemeinschaft zweier Wesen seinen Zwecken gefährlich schien. Nie versäumte er, war ihm aus der Überlegenheit seiner Person ein Eindruck gelungen, auf die Niedrigkeit jemandes, der bedürftig war, hinzuweisen. Wie zum Teufel verdiente der Betreffende Teilnahme, während Auserwählte mühselig ihr Leben fristeten? Müsse er nicht immer noch, nachdem Gott ihm schon den genialen Einfall seines großen Klavierkonzerts geschenkt, auf die notwendige Erholungsreise in den Süden verzichten? Wer von den Anwesenden ahne überhaupt etwas von den zerfleischenden Ausgleichungen, die in der Seele dämonischer Menschen stattfinden? Und von Ergriffenheit über sich selbst gepackt, vermochte er ein Tonstück so rührend zu spielen, daß die im Gewissen gemahnten Freunde sich ernstlich bedachten, ob ihnen vor Schuhlin Besitz erlaubt sei. Es lief der Hausherr schnell zum Bücherschrank, und ein kostbares Werk aus den Reihen nehmend und dem Meister zum Andenken an den feierlichen Abend reichend, zwang er Tränen aus den Augen der übrigen, die sich insgeheim jeder ein weiteres Opfer gelobten.

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Release date on Litres:
16 January 2025
Volume:
24 p. 1 illustration
ISBN:
4064066109813
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