Read the book: «Der Staufer-Kaiser Friedrich der II. und seine Zeit»

Font::


Das Wissen dieser Welt aus den Hörsälen der Universitäten.

Fachbereich GESCHICHTE/MITTELALTER

Der stauferkaiser Friedrich II. und seine Zeit

Von Prof. Dr. Stefan Weinfurter

1. Das „Staunen der Welt“

Der Staufer Friedrich II. galt zu allen Zeiten als ein Kaiser ungewöhnlicher Art. Bei seinem Tod im Jahre 1250 vermerkte ein englischer Chronist (Matthäus Parisiensis), Friedrich sei geradezu das „Staunen der Welt“ gewesen: stupor mundi. Er habe als „Verwandler der Welt“ gewirkt, als immutator mundi. Alle Herrscher Europas hätten auf diesen Kaiser geblickt.

Friedrich II., der Sohn des Staufers Heinrich VI. und der normannischen Königstochter Konstanze, wurde 1194 geboren. In Palermo, einer von arabischer Kultur geprägten, reichen Stadt wuchs er auf. 1212, als 17jähriger, kam er ins Reich nördlich der Alpen und wurde zum deutsch-römischen König gewählt. Doch schon wenige Jahre später, 1220, verließ er Deutschland und ließ sich in Rom zum Kaiser krönen. Die folgenden Jahre verbrachte er damit, das Königreich Sizilien, das er als Erbe mütterlicher-seits ansah, zu einer straff organisierten Monarchie umzugestalten. In Süditalien und Sizilien entstanden zahlreiche Kastelle und Verwaltungszentren. Mit Gesetzen und einer – in der 1224 gegründeten Universität Neapel – juristisch geschulten Beamtenschaft schuf er eine Art frühmoderner Verwaltung.

Zum Verhängnis wurde ihm sein Kampf mit dem Papst. Weil er sein Kreuzzugsgelübde lange Zeit nicht erfüllte, belegte ihn das Oberhaupt der Kirche mit dem Bann. Als Friedrich II. 1228 aber dann doch ins Heilige Land aufbrach und dort mit dem Sultan al-Kamil im Jahr darauf einen zehnjährigen Waffenstillstand vereinbarte, wuchs die Empörung des Papstes und seines Anhangs ins Grenzenlose. Wie konnte ein christlicher Kaiser einen Vertrag mit den Gottlosen, mit den Ungläubigen, mit den Heiden schließen? Welch ein Verrat an der Christenheit!

Das Verhältnis zwischen Kaiser und Papst war fortan zerrüttet. Bald begann ein beispielloser Propaganda-Krieg, in dem Friedrich II. als Vorbote des Antichristen oder als Antichrist selbst gebrandmarkt wurde.

Die päpstliche Seite konnte dabei auf das außerordentliche wissenschaftliche Interesse des Staufers verweisen. Friedrich II. umgab sich mit herausragenden Gelehrten, mit denen er tiefgründige Erörterungen über das Wesen und die Unsterblichkeit der Seele, über die Weite des Firmaments, über die Ewigkeit der Welt und über den Zweck der Theologie führte.

Auch die Beobachtung, dass ein Stern bei seinem Aufgang am Himmel größer erscheint als im Zenit oder dass ein Ruder als gekrümmt wahrgenommen wird, sobald man es teilweise ins Wasser taucht, beschäftigte ihn. Besonders intensiv widmete er sich der Dressur der Falken, die ihn zu einer genauen Beobachtung der gesamten Vogelwelt seiner Zeit veranlasste. Mit seinem „Buch über die Kunst mit Vögeln zu jagen“ (Liber de arte venandi cum avibus) schuf er selbst ein naturwissenschaftliches Werk von größter Präzision.

Diese Wissbegier wurde ihm aber von seinen Gegnern als menschenverachtende und gotteslästerliche Einstellung verübelt. Man verbreitete abscheuliche Geschichten von Experimenten an Männern und Kindern. Außerdem warf man ihm vor, er neige dem muslimischen Glauben zu, verkehre mit muslimischen Mädchen und bezeichne Jesus Christus als einen der drei großen Betrüger der Menschheit. Auf dem Konzil von Lyon 1245 wurden alle diese Vorwürfe gebündelt und zur Grundlage gemacht für die Absetzung des Kaisers und seinen Ausschluss aus der Kirche. In Reaktion darauf entfaltete Friedrich II. eine Schreckensherrschaft, die dem päpstlichen Ziel, das gesamte Staufergeschlecht zu vernichten, noch weitere Rechtfertigung bot.

So entstand das Bild von einer einzigartigen Kaiserpersönlichkeit, die in grenzenloser, ja unfassbarer Weise neue Dimensionen politischer und gesellschaftlicher Ordnung sowie wissenschaftlicher Umdeutung traditioneller Werte eröffnete.

Von einer derartigen Übersteigerung individueller Wirkmächtigkeit geht die moderne Forschung heute freilich ab. Sie richtet den Blick vielmehr auf die Rahmenbedingungen der Zeit – und hier lässt sich sogleich erkennen, dass man an Kaiser Friedrich II. vieles nur dann verstehen kann, wenn man sich der Spannungen und der Dynamik bewusst wird, von denen die Epoche um 1200 bestimmt war.

2. Kreuzzug als „Leitidee“ der Epoche

Die Jahre um 1200, so kann man die Entwicklungen zusammenfassen, leiteten geistige, religiöse, wirtschaftliche, soziale und politische Umwälzungen von enormer Tragweite ein. Von ihnen wurde das künftige Bild des ganzen europäischen Kontinents geprägt. Die Jahrzehnte von etwa 1180 bis 1250 bedeuten geradezu eine Schlüsselepoche für die weitere Ausformung der politischen und ge-sellschaftlichen Ordnung, auch wenn die Wurzeln der neuen Denk- und Ordnungsmodelle vielfach weiter zurückreichten.

Als eines der Kennzeichen dieser Epoche wird man die Kreuzzugsbewegung nennen müssen. Am 4. Juli 1187 hatte das Heer Sultan Saladins (1169-1193) bei den „Hörnern von Hattin“ nördlich von Nazareth dem Kreuzfahrerheer eine vernichtende Niederlage zugefügt. Die Schlacht, die zu den folgenreichsten des Mittelalters gezählt werden muss, bedeutete für die Christen den Verlust Jerusalems am 2. Oktober 1187. Aber die Folgen für das gesamte Gefüge der Mittelmeerwelt und Westeuropas gingen weit darüber hinaus.

In ganz Europa wurden enorme Kräfte in die weitere Kreuzzugspolitik investiert. Die Propaganda und das politisch-diplomatische Verhalten waren zutiefst von der Forderung nach Rückeroberung Jerusalems und des Heiligen Landes bestimmt. Der „Kreuzzug“ entwickelte sich fortan zu einem ständigen Programm, vor allem an der Kurie in Rom.

Papst Innocenz III., der von 1198 bis 1216 auf dem Stuhl Petri saß, gilt als erster Papst, der den im-merwährenden Kreuzzug forderte. Er wartete nicht mehr auf ein besonderes politisches Ereignis aus dem Heiligen Land, um daraus die Berechtigung für einen Kreuzzug abzuleiten. Er sah sich vielmehr dazu verpflichtet, mit allen ihm und der römischen Christenheit zur Verfügung stehenden Mitteln die Herrscher, Fürsten und Ritter zum Kriegszug nach dem Orient zu veranlassen.

Um diesen Auftrag dem gesamten Christenvolk zu verkünden, lud er alle Erzbischöfe, Bischöfe, Äbte und Prioren zum vierten Laterankonzil ein, das 1215 in Rom veranstaltet wurde. Im päpstlichen Einladungsschreiben wird bereits deutlich, worum es Innocenz III. ging: Zwei Dinge, so heißt es da, seien es, die sein Herz zutiefst bewegten, die Wiedereroberung des Heiligen Landes und die Reform der ganzen Kirche. Und dann wörtlich: „Beide sind von so großer Dringlichkeit, dass sie ohne schwere und große Gefahr nicht weiter ignoriert oder aufgeschoben werden können.“

Der „Kreuzzug“ wurde zum bestimmenden Faktor der Zeit – der auch die Herrschaft und das Handeln Friedrichs II. zutiefst beeinflusst hat.

Insbesondere für die Mittelmeerwelt waren die Konsequenzen weitreichend. Für die Überfahrt des Kreuzfahrerheeres 1202 hatte Papst Innocenz III. die See- und Handelsmacht Venedig beauftragt – für die gewaltige Summe von 85000 Mark Silber. Außerdem sollte den Venezianern die Hälfte aller Eroberungen an Land und Habe zufallen. Als die Summe nicht aufgebracht werden konnte, eroberte das Heer für Venedig die Stadt Zadar an der dalmatinischen Küste. Anschließend erhielten die Kreuzfahrer vom vertriebenen Kaisersohn Alexios von Byzanz das Angebot, er würde ihnen 200000 Mark Silber bezahlen, wenn sie ihm die Herrschaft in Konstantinopel wieder verschaffen würden.

Als die Kreuzfahrer sich darauf einließen, begann das Unternehmen Byzanz, das 1204 mit der Eroberung und Plünderung der Stadt ihren traurigen Höhepunkt erlangte. In der Hagia Sophia wurde Graf Balduin von Flandern zum ersten „Lateinischen Kaiser“ von Byzanz gekrönt – anerkannt vom Papst in Rom. Damit war zum ersten Mal ein Kreuzzug gegen Christen gelenkt worden. Zum ersten Mal gab es zwei gleichartige Kaiser in Europa, nämlich beide legitimiert vom Papst.

Diese Vorgänge brachten erhebliche politische Umwälzungen für die Länder am Mittelmeer mit sich. Venedig stieg zur führenden Wirtschaftsmacht auf. Mit Genua und Pisa gab es freilich starke Konkurrenten, die sich um die Vermarktung der Erzeugnisse Italiens, vor allem Siziliens, stritten. Insbesondere Ägypten blieb ein stets gesuchter Handelspartner. Die ägyptische Herrschaft der Ayyubiden, die Sultan Saladin – dessen Vater den Namen Ayyub trug – aufgebaut hatte, befand sich um 1200 im Zerfall, so dass sich die Handelsbeziehungen erleichterten.

Seit dem ausgehenden 12. Jahrhundert – auch das ist ein Zug der Zeit – verhärteten sich die religiösen Abgrenzungen.

The free sample has ended.

Genres and tags

Age restriction:
0+
Release date on Litres:
30 July 2025
Volume:
31 p. 2 illustrations
ISBN:
9783831256112
Copyright Holder::
Bookwire
Download format:

Similar books