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Spiegelkatze
Sophia Roppe
Buch 33 der Katzenreihe

Impressum
©Sophia Roppe 2020
Machandel Verlag Haselünne
Charlotte Erpenbeck
Coverbild pixabay.com , bearbeitet
Illustrationen: Katja Gerasimova / shutterstock.com
ISBN 978-3-95959-296-3
Begegnung im Spiegel
Gelbgrüne Augen starrten Finja aus dem Spiegel entgegen. Die Katze stand aufrecht, die Arme verschränkt wie Finja auch. In den letzten Tagen hatte sich ihr Anblick nur wie ein flirrendes durchscheinendes Gespinst auf Finjas Spiegelbild gelegt. Heute jedoch war jedes einzelne Schnurbarthaar zu erkennen, das zottige graue Fell, über das schillernde Fliegen krabbelten. Finja schüttelte sich vor Ekel, die Katze tat es ihr nach, die Fliegen hoben kurz ab, um dann wieder zu landen.
Finja schob ihren Zopf über die Schulter. Der Katzenarm folgte der Geste, nur dass im Spiegel kein blonder Haarstrang erschien. Eine der Fliegen krabbelte auf der Katzenbrust. Finja holte aus, schlug zu und hob die Hand wieder. Die Katze tat es ihr nach, aber das Insekt war schneller. Mit ausgestrecktem Zeigefinger näherte sich Finja dem Spiegel. Als die Kuppe das Glas berührte, war ein leises Klacken zu hören, als würde die Kralle von der anderen Seite dagegen stoßen.
„Wer bist du?“, flüsterte Finja. Keine Antwort.
Schnell drehte Finja sich im Kreis, senkte die Lider, öffnete sie wieder. Die Katze war noch da. Finja wiederholte das, schloss und öffnete die Augen mit Nachdruck. Beim zehnten Versuch war die Katze weg. Sie nahm die Wimperntusche zur Hand und begann sich zurechtzumachen.
Der Himmel war strahlend blau, die Luft feucht und für acht Uhr morgens viel zu warm. Finja machte sich auf den Weg zur Bibliothek, wo sie während der Semesterferien aushalf. Der Tag würde lang werden, denn die Leute deckten sich für ihre Urlaubsreisen mit Büchern ein. Zeit für ihre Recherche über dieses Viech im Spiegel würde sie wohl nicht finden.
In der Bibliothek schob sie den Wagen mit den einzusortierenden Büchern durch die Regale. Ihr Blick wanderte über die Buchrücken, immer in der Hoffnung, dass einer der Titel vielleicht einen Hinweis auf Katzen gab, die in Spiegeln lebten.
Sie bückte sich, um ein Buch in die unterste Reihe einzusortieren. Als sie sich wieder aufrichtete, sah sie aus den Augenwinkeln, dass sich jemand hinter ihr befand. Sie drehte den Kopf. Ein Typ stand da, den Blick auf ihren Hintern gerichtet. Er war groß und hatte ein Piercing an der Augenbraue. Eine tätowierte Schlange wand sich um sein Handgelenk und den Arm hinauf, wo sie in dem ärmellosen schwarzen T-Shirt verschwand und sich dann aus dem Ausschnitt heraus um den Hals schlängelte. Aus ihrem Maul ragten zwei gespaltene Zungen.
„Du bist viel zu hübsch, um dem Tod geweiht zu sein“, sagte er und musterte sie von oben bis unten.
„Wie bitte? Wie meinen Sie das?“ Ein Schauer lief Finja über den Rücken.
„Spricht sie schon mit dir?“
„Wer?“ Entgeistert starrte sie ihn an.
„Die Katze!“ Er sah ihr nicht ins Gesicht, sondern knapp über sie hinweg. Verwirrt strich Finja sich über den Kopf. Und auf einmal verstand sie, was er sah. Katzenohren! Und auf ihren Hintern hatte er gestarrt wegen eines Katzenschwanzes? Sie fuhr mit der Hand entlang ihrer Jeans, aber da war nichts.
„Sie können sie sehen?“ Finjas Stimme klang schrill und Leute sahen zu ihr herüber. Leiser fragte sie: „Sehen Sie die Katze?“
Er nickte. „Noch nicht klar und deutlich, aber unverkennbar.“
„Wer sind Sie?“
„Spielt keine Rolle.“
„Hören Sie, ich bin total verzweifelt wegen dieses Viechs. Sie müssen mir helfen.“
„Ich muss gar nichts.“
„Ich will sie loswerden!“
„Du hast Glück, ich will sie fangen.“
„Dann nehmen Sie sie doch!“
„Sie ist noch nicht lange genug bei dir.“
„Und was heißt das?“
„Warte ab. Ich werde wieder kommen.“
„Nein, Sie dürfen nicht weggehen!“
Er tippte mit dem Fingern zum Gruß an die Stirn und wandte sich ab. Finja griff nach seinem Arm.
„Hey, sag mir, was du weißt.“ Finjas Stimme war wieder laut geworden, zwei Jungs blieben stehen und sahen zu ihnen herüber.
„Glaub mir, je mehr ich dir über sie erzähle, um so schlechter wird es dir gehen.“ Er stieß ihre Hand weg. „Ich gebe dir einen Tipp: Glaub der Katze nichts von dem, was sie sagt.“ Dann ging er.
„Wie heißt du?“, rief Finja hinter ihm her.
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