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Sonja Buchheim
Wechselbad und Scherbenhaufen
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Impressum
Ruth: Schlank
Maren: Saure Gurkenzeit
Silkes Home Sweet Home
Lisa: Der Verrat
Ruth: Die Entdeckung
Maren: Rache ist bitter
Silke: Auf dem Prüfstand
Lisa: Surprise
Ruth: Pralinen und Pizza
Maren: Erinnerungen an N.Y.
Silke: Was in Assen passiert, bleibt in Assen
Lisa: Der Morgen danach
Ruth: Auf Reisen
Maren: Ausgeblinkt
Silke: Garantie
Lisa: Kopfüber
Ruth: Das Hotel
Maren: Noch mehr Verrat
Silke: Einpacken
Lisa: Zweifel
Ruth: Telefonat mit Maren
Maren: Chat mit Dagmar
Lisa: Die Flucht
Silke: Spinnefeind und Fußschmerzen
Ruth: Im Wald
Maren: A Groovy Kind Of Pain
Lisa: Ciao-ciao
Silke: Pudelnackt in Dänemark
Ruth: Im Speisesaal
Maren: Das Date
Lisa: Schlaflos am Fjord
Silke: Bespaßung
Ruth: Bei Lena
Maren: Date mit Dagmar
Lisa: Gabriels Fluch
Silke: In Ringköbing
Ruth: Wieder daheim
Maren: Warten
Lisa: Zickig
Silke: Achtbeinige Missverständnisse
Ruth: Nebeneinander ohne Miteinander ...?
Maren: Die fallende Couch
Lisa: Penisphobie
Silke: Auf Droge
Ruth: Wäsche statt Gewäsch
Maren: Frühstück
Lisa: Nachtleben
Silke: Der Club „Uaaah“
Ruth: Shopping
Maren: Die Rückfahrt
Lisa: Mist gebaut
Silke: Eisfaust im Magen
Ruth: Sackgasse
Maren: Vollgas
Lisa: Auf Umwegen
Silke: Verbockt
Ruth: Deplatziert
Maren: Das Ende
Lisa: Verbeult
Silke: Schwein oder nicht Schwein
Ruth: In Pommes Veritas
Maren: Trockenpflaumen
Lisa: The Ghost
Silke: B12 und Schokolade
Ruth: Der Lauscher an der Wand
Maren: Der Umzug
Lisa: Gleich und gleich verprellt sich gern.
Silke: Die Hochzeit (1)
Die Hochzeit: Maren
Die Hochzeit: Silke (2)
Impressum neobooks
Impressum
Wechselbad
und
Scherbenhaufen
Sonja Buchheim
Texte: © Copyright by Sonja Buchheim
Umschlag: © Copyright by Sonja Buchheim.
Bilder : openclipart.org
Verlag: Buchheim Promotion
Unterheck 15
33142 Büren
Buchheimpromotion@gmail.com
Ruth: Schlank
„Guten Mo... Mein Gott, was ist denn mit Ihnen passiert?“, rief Frau Hagebusch und schlug beide Hände über dem Kopf zusammen, auf dem es unordentlich in alle Richtungen spross. Deshalb war sie ja hier.
„Sie waren schon länger nicht mehr bei mir, oder?“, entgegnete ich leicht ironisch, obwohl ich die Reaktionen noch immer genoss, wenn mich jemand in den letzten sechsunddreißig Monaten nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte.
„Fast vier Jahre“, gab sie zu. „Was haben Sie bloß gemacht, Frau Eberharth?“
„Diät jedenfalls nicht“, erwiderte ich und machte eine einladende Handbewegung zum Friseurstuhl hin. Frau Hagebusch setzte sich, wirkte aber noch immer stark verunsichert. Im Spiegel starrte sie erst sich selbst an, dann nur noch mich.
„Keine Diät? Dann verraten Sie mir bitte Ihr Geheimnis! Sie sehen so gut aus, so schlank ... und so schick mit den kurzen Haaren und die Farbe ... solche Strähnchen möchte ich bitte auch!“
Ich seufzte innerlich, als ich ihr den Umhang umlegte.
„Davon würde ich Ihnen abraten. Das Rot passt nicht zu Ihnen. Außerdem habe ich es zu den restlichen, schwarz gefärbten Haaren gewählt, das ist ein schöner Kontrast.“
„Es ist aber ein schönes Rot, nicht zu knallig. Eher dunkel“, murrte sie.
„Glauben Sie mir, zu Ihrem Teint passt es nicht. Aber ich mache Ihnen einen besseren Vorschlag. Ich schneide Ihnen die Haare ungefähr schulterlang.“ Ich zog ihren Dschungel ein wenig in die Höhe.
„Dann stufe ich alles schön durch und setze ein paar Highlights. Glauben Sie mir, Ihr Mann wird Augen machen!“
Rote Strähnen zu mittelblondem Haar? Manche kamen auf komische Ideen.
„Na gut, Sie kennen sich besser aus. Hat Ihr Mann denn auch Augen gemacht?“, forschte sie.
„Wegen der Gewichtsabnahme?“, fragte ich und zog den Stuhl zum Waschbecken herüber. Sie nickte und legte ihren Kopf in die Aussparung. Ich überprüfte die Wassertemperatur und befeuchtete ihr Haar.
„Na ja, es ging ja nicht von heute auf morgen. Ich habe mir Zeit gelassen, auch mal gesündigt und viel mit Bewegung erreicht. Ich halte nichts davon, sich ständig zu kasteien. Das vergrößert nur den Appetit und verschlechtert die Laune.“
Ich massierte große Mengen Shampoo in ihr nasses Haar. Sie schloss genießerisch die Augen.
„Das schon, aber als Sie Ihr Gewicht erreicht hatten, und dann die Haare so toll gemacht ... er muss ja geglaubt haben, er hätte eine ganz neue Frau!“
Ich überlegte kurz, was ich ihr antworten konnte. Ich begnügte mich schließlich mit einem höflichen Lachen.
„Ja, da haben Sie recht“.
Während ich ihr Haar schnitt und über meine Ernährungsumstellung schwatzte, gingen meine Gedanken auf Wanderschaft.
Als Jens und ich uns kennenlernten, war ich dick. Nicht nur dick; mein Hausarzt nahm kein Blatt vor den Mund. Er bemängelte meine Fettleibigkeit und dass ich nichts dagegen tat.
„Sie sind doch noch so jung. Sie muten Ihrem Körper viel zu viel zu.“ Da hatte er recht. Ich war seit meiner Pubertät immer dicker geworden und ich hatte es zugelassen.
Meine Mutter kochte gut, und abends holte mein Vater die Pralinen aus dem Schrank oder eine Currywurst mit Pommes von der Imbissbude, wenn meine Mutter streikte. Gemeinerweise blieb er bis zu seinem Tod immer schlank.
Mit dem Essen kompensierte ich die Stille zu Hause.
Meine Eltern hatten außer der Adresse nicht mehr viel gemein. Manchmal stritten sie sich, nicht laut, aber verbittert. Es tat weh. Ich fraß alles in mich hinein, leider buchstäblich.
Auf der Kirmes lernte ich dann Jens kennen. Ich war schon siebzehn und vorsichtig; gerne kamen Jungs zu mir und meinen Freundinnen, um mich zu veräppeln. Andere ignorierten mich ganz betont und machten sich an meine Freundinnen heran. Sie konnten zu mir nicht einmal Hallo sagen, ich war es nicht wert.
Wieder andere behandelten mich verächtlich. Die spöttischen Kommentare, wenn ich ein Eis aß, stachen tief. Ich ließ meine Freundinnen essen und traute mich nicht mehr, irgendetwas zu mir zu nehmen. Erst zu Hause wieder. Leider verschlang ich dann eine ganze Tafel Schokolade auf meinem Zimmer.
Jens war anders. Er war immer nett und respektvoll. Als er ein Treffen vorschlug, wartete ich nervös am Kino. Ich war tief im Innern überzeugt, er werde mich dort einfach stehenlassen. Aber er kam.
Er wurde mein fester Freund, dann mein Verlobter. Und dann, als er seinen Meister als Gas- und Heizungsinstallateur gemacht hatte, heirateten wir. Er übernahm den Betrieb seines Vaters und seinen Kundenstamm. Auch sein Haus. Max` Frau war vor Jahren mit einem anderen durchgebrannt. Deswegen war Jens es gewöhnt, viel mit anzupacken.
Er half mir in jeder Schwangerschaft mit dem Haushalt, obwohl er selbst viel zu tun hatte. Wir waren glücklich. Geld hatten wir genug, deshalb musste ich nicht arbeiten. Trotzdem machte ich eine Ausbildung zur Friseurin und nach unserem zweiten Jungen ebenfalls den Meister.
Ich arbeitete weiterhin halbtags im Friseursalon, was ich eigentlich nicht gemusst hätte. Der Haushalt und zwei quirlige Jungs hätten mich auf Trab gehalten.
Aber mein Schwiegervater war noch rüstig und übernahm die Gartenarbeit und die Aufsicht über unsere Jungs, brachte sie morgens in den Kindergarten und später zur Schule. Er kochte ihnen auch bisweilen das Mittagessen, aber meistens übernahm ich das, wenn ich nach Hause kam.
Wir hatten ein gutes Verhältnis zueinander. Er wohnte im Erdgeschoss in einer abgetrennten Einliegerwohnung.
Obwohl er auch einige Streitigkeiten mitbekam, hielt er sich immer heraus.
„Das habe ich aus meinem Fiasko gelernt“, sagte er einmal zu mir, „mir ist die Frau nicht umsonst weggelaufen.“
Er redete seinem Sohn auch ins Gewissen, wenn Jens sich seiner Meinung nach dumm aufführte. Er schlug sich jedoch nie auf seine oder meine Seite.
Ich arbeitete im Salon, bis unsere Jungs flügge wurden. Nur Benny hatte noch ein Zimmer bei uns, studierte aber in Tübingen. Wir sahen ihn nur selten.
Weder Stefan, der schon seit drei Jahren in Berlin lebte, noch Benjamin brauchten mich noch. Daher erwog ich erst, das Arbeiten bleiben zu lassen. Aber ich mochte meinen Job und hatte einen ebenso festen Kundenstamm wie Jens.
Aber dann gab unsere Chefin ihren Salon auf und die neue Besitzerin und ich kamen nicht miteinander klar. Zudem wird man nicht jünger. Das stundenlange Stehen machte mir zu schaffen.
„Weißt du was? Ich baue dir den kleinen Bungalow zum Friseursalon um. Dann bestimmst du deine Stunden selbst“, schlug Jens mir vor.
„Was? Hier auf dem Dorf?“, fragte ich verdattert.
„Warum nicht? Die älteren Damen haben bestimmt keine Lust, in die Stadt zu fahren, wenn sie hier vor Ort onduliert werden können. Oder du fährst zu deinen Kundinnen nach Hause und frisierst sie dort. Aber ich denke, dein eigener kleiner Salon würde dir besser gefallen, meinst du nicht?“
Der kleine Bungalow hinter dem Haus diente damals als Gästezimmer, wenn wir Übernachtgäste hatten. Aber dazu war ja Stefans ehemaliges Zimmer auch gut genug, und so viele Gäste hatten wir nun auch wieder nicht.
Also baute mir Jens den Bungalow zu einem schicken Friseursalon um. Zwar nur mit einem Stuhl, aber das reichte völlig.
Denn ich arbeitete lediglich ein paar Stunden täglich, nur nach Terminvereinbarung und ließ mir viel Zeit mit meinen Kundinnen, was diese natürlich sehr schätzten.
Alles wäre wunderbar gewesen, wenn ich mich nicht so unwohl in meiner Haut gefühlt hätte. Die Wechseljahre schlugen zu. Und die zusätzlichen Kilos nach den Geburten der Jungs hatte ich auch nie so recht herunterbekommen.
Der Knackpunkt war erreicht, als ich ein paar Blusen und Shirts bestellt hatte. Im Katalog sahen sie so toll aus, aber als ich sie anprobierte, saß die eine Bluse viel zu eng, quasi wie ein Presssack.
Die andere, eine Nummer größer bestellt, hing an mir herunter wie ein Kartoffelsack, spannte aber trotzdem über dem Bauch. Die schicken Sachen, bestellt für die Hochzeit von Silke und Maik, sahen einfach unmöglich aus. Jedenfalls an mir.
Nun reichte es mir. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich immer mal eine Diät angefangen und ein Jahr eine Mitgliedschaft in einem Fitnessstudio bezahlt, aber nichts wirkte langfristig. Die Diäten waren nicht alltagstauglich, vor allem im Sommer. Immerzu hatte jemand Geburtstag oder lud uns zum Grillen ein.
Wollte ich standhaft bleiben und hauchte mit leidvollem Lächeln „ich kann leider nicht mitessen, nur von dem grünen Salat vielleicht etwas, ich bin auf Diät“, kamen unweigerlich die gleichen Sprüche:
„Ach, dann machst du eben heute eine Ausnahme.“ (Und was mache ich die Woche drauf, bei der nächsten Einladung? Die nächste Ausnahme? Aus wie vielen Ausnahmen darf das Leben bestehen? Und nach der wievielten Ausnahme ist eine Ausnahme keine Ausnahme mehr, sondern die Regel ...?)
„Du brauchst doch keine Diät, du bist prima so, wie du bist!“ (Immer von den Frauen gesagt, die durch den Briefschlitz passen.)
„Dann isst du eben morgen weniger!“ (Und hatte dann so einen Hunger, dass ich den ganzen Diätplan in die Tonne warf und montags von vorne anfangen konnte – bis zum nächsten Freitag oder Samstag, wenn die nächste Einladung anstand.)
Zum Fitnessstudio war ich ein paarmal gegangen. Aber jedes Mal traf ich dort auf ein paar kichernde Zicken, Kleidergröße extra dürr, die sich die ganze Zeit über mich lustig machten. Da verlor ich den Antrieb.
Bis ich zwei Wochen vor Silkes Hochzeit vor dem Spiegel stand. Da wurde mir bewusst, dass es so nicht weitergehen durfte. Ich sah unmöglich aus.
Dieses dicke, grobe Gesicht, das Doppelkinn, der hängende, aufgequollene Bauch und der breite Po ... Mir kamen die Tränen.
Jens fand es nicht schlimm. Wir hatten zu der Zeit auch noch Sex. Warum er mich liebte und begehrte – für mich war es ein Rätsel.
Also setzte ich mich hin und schrieb alles auf, was ich so aß. Und wie viel Bewegung ich hatte. Die Bilanz sah nicht gut aus.
Jens aß gerne gut, so wie mein Vater. Ich brachte es nicht übers Herz, ihn hungern zu lassen.
Natürlich aß ich mit ihm zusammen all das deftige Zeug: Bratkartoffeln, Schweinebraten, Kartoffel- und Nudelgratins mit viel Käse. Abends vor dem Fernseher dann noch Schokolade und zuckerhaltige Limonaden, Gummibärchen und dergleichen mehr.
Bewegung? Zwar verlangten Haushalt und Garten etwas Bewegung, aber nicht genug. Ich lief nicht mehr viel. Also beschloss ich, abzunehmen. Aber dieses Mal fing ich es schlauer an.
Zunächst stellte ich meinen Speiseplan um. Ich aß noch mit Jens mit, aber weniger. Dafür bekam ich dann noch einen großen Teller Salat. Das Dressing bereitete ich mit sehr wenig Öl, dafür mit mehr Wasser zu.
Statt der Schokolade und dem anderen Schlickerkram gab es für mich nur noch ein Schälchen Götterspeise. Die war auch süß, hatte aber kaum Kalorien.
Jeden Morgen ging ich spazieren. Und über das Internet suchte ich einfach eine Frau in meiner Nachbarschaft, die ebenfalls Lust auf Bewegung hatte. Gabi kam aus dem Nachbardorf. Jeden Morgen gingen wir einander nun entgegen, das waren schon einmal sechs Kilometer.
Dann spielten wir auf der Gemeindewiese hinter unserem Sportplatz entweder Federball oder Fußball.
Nachdem sich in beiden Dörfern herumgesprochen hatte, dass zwei moppelige ältere Damen dort einen Ball durch die Gegend traten und ihm keuchend hinterherliefen, kamen auf einmal andere Übergewichtige dazu.
Auch zwei oder drei Männer blieben nun am Spielfeldrand stehen und drucksten herum, dass sie gern mitmachen wollten.
Im Nu bildete sich ein kleiner Sportverein für „Dickies“, meistens Rentner und Hausfrauen. Jetzt spielten wir Volleyball, Fußball, Völkerball wie damals in der Schule. Es gab keinen Druck und machte riesig Spaß.
Und wenn wir uns untereinander zum Grillen trafen, gab es nur Hühner- oder Rindfleisch und grünen Salat. Nichts Fettiges. Ich stellte nach einem halben Jahr erstaunt fest, dass ich fast zwanzig Kilo verloren hatte.
Nun, nach drei Jahren, war alles Überschüssige weg. Durch die Bewegung und gezielte Gymnastik war ich auch etwas straffer geworden. Ich sah mindestens zehn Jahre jünger aus.
Dieses Geheimnis war also keins und ich legte Frau Hagebusch einen Ernährungsplan nahe. Unseren Verein erwähnte ich nicht. Wir waren inzwischen elf aufeinander eingeschworene Mitglieder und Freunde. Neuzugänge wollten wir derzeit gar nicht.
Frau Hagebusch hörte schon gar nicht mehr richtig zu.
„Ich habe so Eiweißdrinks gekauft, die trinkt man abends und dann hat man keinen Hunger mehr. Das Fett schmilzt nur so dahin“, erklärte sie, während ich Folie um ihre Strähnchen wickelte.
„Die kenne ich. Hunger haben Sie trotzdem, und wenn Ihr Mann etwas isst, kriegen Sie Futterneid. Habe ich auch alles schon versucht.“ Sie glaubte mir nicht. Nun, das würde sie schon selbst herausfinden!
Haare ausspülen, föhnen, stylen ... Und wieder verließ eine strahlende Kundin meinen Salon. Ich räumte den Föhn weg, fegte die Haare zusammen und warf die Handtücher in den Wäschekorb.
Für heute war ich fertig, denn es gab nur diesen einen Termin. Dafür hatte ich morgen drei. Ich würde also einkaufen fahren. Gulasch hatte sich Jens gewünscht. In letzter Zeit tat ich alles, um ihm jeden Wunsch von den Augen abzulesen.
Denn obwohl er immer gute Laune hatte, Sex hatten wir nun keinen mehr. Vielleicht lag es an der Midlife Crisis? An mir nicht. Ich hatte in meinem Leben noch nie so gut ausgesehen. In meinem Kleiderschrank hingen nur noch schöne Sachen, taillierte Blusen und Jacken, enge Hosen, kurze Shirts, die den Hintern nicht verbargen. Mein Make-up war immer makellos. Aber vielleicht hatte er das gar nicht bemerkt.
Er sah mich ja kaum noch an.
Maren: Saure Gurkenzeit
„Eigentlich ist es viel zu heiß für solche Spielchen“, sagte Jörg und nahm einen tiefen Zug aus seiner Wasserflasche. Ich murmelte „hm“ und schloss wieder die Augen.
„Hey, schlaf mir jetzt nicht ein. Du musst gleich wieder zur Arbeit“, mahnte er und rüttelte mich sanft an der Schulter.
„Ja, ist ja schon gut.“
Ich zog mich schnell an. Ich hätte eine Dusche gebraucht und würde nur eine Katzenwäsche in der Toilette der Praxis schaffen. Verdammt, verdammt, verdammt!
„Na, da habe ich es ja besser. Der nächste Fahrschüler ist erst um vier dran heute. Dafür ein Anfänger. Die erste Motorradstunde. Hoffentlich fällt er nicht um. Aber das wird er bestimmt. Ist so ein Hänfling. Den könnte ich glatt umpusten. Aber mutig ist er.“
Jörg hatte es in dieser Hinsicht tatsächlich gut. Aber ich hörte den verdeckten Vorwurf: Ich lege meine Fahrstunden extra so, dass ich Zeit für dich habe, und du ...
„Leider ist heute einer von diesen ätzenden, stressigen Tagen. Aber ich mache es wieder gut.“ Ich beugte mich über ihn und sog tief den Duft ein: er, wir, wir beide. Jörg roch immer gut. Er legte viel Wert darauf.
„Ein Fahrlehrer, der nach Knoblauch stinkt, bekommt keine Schüler mehr. Nicht, dass die besser riechen würden. Manchmal hänge ich röchelnd aus dem Fenster. Aber sie entscheiden eben, wo sie ihr Geld ausgeben.“
Oder die Eltern, dachte ich dann. Und an die Ironie, dass es genau das gewesen war, was uns beide zusammengeführt hatte. Amelie wollte den Motorradführerschein machen. Tim war dagegen. Ich auch. Wir einigten uns darauf, dass wir ihr den Autoführerschein bezahlen würden, und zwar komplett, wenn sie dafür auf den „amtlich ausgestellten Totenschein“ verzichten würde, wie Tim es nannte.
Amelie stimmte schmollend zu und nach einer Weile dämmerte uns, dass das raffinierte Biest uns hereingelegt hatte. Denn den Autoführerschein hätte sie ursprünglich selbst bezahlen sollen.
Eines Nachmittags, einem Mittwoch, brachte ich unseren Vorgarten in Ordnung und da fuhren sie vor, Amelie und Jörg. Amelie fuhr zu weit rechts und kam auf dem Bordstein zum Stehen. Es war ja auch erst ihre vierte Fahrstunde.
Sie stieg aus, und ich sah ihren Fahrlehrer auf dem Beifahrersitz etwas notieren. Er sah auf und stutzte kurz. Dann lächelte er und stieg ebenfalls aus, statt auf den Fahrersitz zu rutschen und kurz die Hand grüßend zu heben und davonzufahren, so wie sonst.
Er stellte sich vor, lobte Amelies Fahrkünste, machte Witzchen.
„Ein entgegenkommender Lkw auf der gleichen Spur schockt mich schon gar nicht mehr, aber eine kräftige Stimme hat Amelie, und schön fluchen kann sie auch. Sehr farbenprächtig. Hat sie wohl vom Vater übernommen?“
„Nein, das ist typisch Mama“, lachte Amelie, während ich verlegen errötete. Aber nicht wegen der Flucherei.
Dazu stand ich. Wenn alle fluchen dürften, wie sie wollten, wären die Menschen viel entspannter.
„Tatsächlich?“, rief Jörg amüsiert aus, „‘du dämlicher Linkswichsfrosch‘ ist von deiner Mutter?“
„Och, das kann ich noch besser“, grinste ich und zog die dreckigen Gartenhandschuhe aus.
„Ach? Sagen Sie auch solche Sachen, wenn Sie jemandem die Vorfahrt nehmen, statt umgekehrt?“, feixte er.
„Der hatte gehupt und ich hab mich erschrocken“, murrte Amelie.
„Toller Reflex, wirklich. Bringt dir aber bei offenem Fenster unter Umständen eine Anzeige ein“, mahnte Jörg.
Ich fühlte mich noch tiefer erröten. Er war eigentlich nicht mein Typ. Blond, schlank, blaue Augen.
Aber Jörg strahlte Autorität aus, Selbstsicherheit. Seine Augen wanderten an mir herauf und wieder herunter, voller Anerkennung. Wann hatte mich das letzte Mal jemand so angesehen? Und dann wehte die leichte, leider viel zu leichte Brise in diesem heißen Sommer seinen markanten Duft herüber, männlich-herb, vermischt mit irgendeinem tollen und teuren Aftershave.
Da wurden mir die Knie schon etwas weich. Ich hörte mich selbst fragen, ob er mit uns noch etwas Kühles trinken wollte.
„Auf der Terrasse ist es überdacht. Sehr angenehm.“
Wer plapperte denn da nur so rum? Ach, das war ja ich.
Er sah bedauernd auf die Uhr.
„Liebend gern. Ich muss aber in fünfzehn Minuten den Nächsten zu seiner Autobahnfahrt abholen. Der wird schon total nervös auf mich warten. Vor der Autobahnfahrt sind sie alle nervös.“
„Ein Grund mehr, sich vorher ein Glas schöne kalte Limonade zu genehmigen. Selbstgemacht.“
Wer drängte denn da diesen unter Zeitdruck stehenden Menschen?
Ach, schon wieder ich.
„Selbstgemacht? Na gut. Da kann ich nicht widerstehen. Ein paar Minuten kann er auch noch warten.“
Jörg holte sein Handy heraus und tippte eine Nachricht, dass er später käme.
„Ist sowieso der Letzte heute. Nach der Autobahnfahrerei bin ich immer ziemlich groggy.“
„Kein Wunder. Autobahnfahrten machen ja heutzutage wirklich keinen Spaß mehr.“
Ich führte ihn um das Haus herum auf unsere schöne Terrasse mit den schwarzen, eleganten Rattanmöbeln und setzte ihn in Tims Sessel, in dem die dicksten Kissen lagen. Es war der bequemste Platz.
Jörg nahm dankend ein großes Glas eisgekühlte Limonade entgegen, die ich heute früh noch schnell zusammengerührt und den ganzen Vormittag im Kühlschrank gelassen hatte.
„Die ist ja lecker. Und nicht zu süß. Genau richtig.“
Er streckte sich im Sessel aus. Ich bewunderte aus dem Augenwinkel die blonden Haare und stahlblauen Augen. Er trug kurze Jeansshorts, leichte Tennisschuhe und ein Achselshirt.
Kein Wunder, wenn man den ganzen Tag bei dieser Hitze im Auto saß. Kräftig war er, nicht bärig wie Tim. Schlank, aber doch mit mehr Muskeln gesegnet als man gemeinhin jemandem zubilligt, der den ganzen Tag im Auto sitzt.
Wahrscheinlich Fitnessstudio, dachte ich.
Wir schwatzten zu dritt über Amelies Fortschritte, die Rücksichtslosigkeit anderer Autofahrer, die lustigen Missgeschicke seiner Fahrschüler und die Sonderfahrten, die Amelie noch machen musste. Auch ihr graute es vor der Autobahn. Und dem Anfahren mit Handbremse.
„Wieso ausgerechnet das?“, fragte Jörg verblüfft.
„Weil mein Mann einmal mit ihr einen steilen Berg hochgefahren ist. Oben war eine Ampel. Beim Anfahren hatte mein Mann aber keinen Gang eingelegt, und als er Gas gab und die Handbremse löste, ging es rückwärts bergab.
Sie hat geschrien und betrachtet sich seitdem als traumatisiert“, grinste ich. Jörg und Amelie lachten.
„Zum Glück war keiner hinter uns“, setzte Amelie hinzu. Während wir so redeten und lachten, teilte mir Jörg ohne ein Wort zu sagen mit, dass er an mir interessiert war. Seine Blicke waren eindeutig, genau wie auch mein Erröten. Es tat so gut, wieder wahrgenommen zu werden.
Wieder als Frau gesehen zu werden. Sei nicht dumm, vermutlich tut er das bei jeder, schimpfte ich mit mir.
Aber ich spürte, wie etwas wieder in mir wach wurde. Dass eine Art verdorrte Blüte hoffnungsvoll den Kopf erhob.
In diesem Moment wollte ich nichts anderes als Flirten. Es kam mir gar nicht in den Sinn, mehr zu wollen.
Jörgs Bewunderung goss Wasser über die verdorrte Pflanze. Mehr brauchte sie nicht, die kleine Blume, befahl ich mir.
Aber es kam natürlich anders.
Jörg fuhr bald darauf, aber sein letzter Blick galt mir. Er zwinkerte mir zu. Ich grinste zurück, mit hochroter Birne wie ein Backfisch.
Amelie hing zum Glück am Handy und sah nichts davon.
Ich starrte seinem Fahrschulauto hinterher, bis es um die Ecke bog. „Jörg Blinker – immer benutzen!“, lautete sein Werbeaufdruck, denn zu seinem großen Glück hieß er mit Nachnamen Blinker. Ein perfekter Name für einen Fahrschullehrer.
„Wann ist deine nächste Stunde?“, hörte ich mich fragen.
„Übermorgen. Aber erst um fünf. Mitten im Berufsverkehr“, knurrte Amelie und strich sich das lange Haar aus dem Gesicht.
Freitag, dachte ich. Da hatte ich auch schon mittags Feierabend. Ob ich ihn vielleicht wiedersah ...?
Wir saßen noch etwas auf der Terrasse. Ich starrte in ein Buch und dachte dabei nur an Jörg und seine Augen, die kräftigen Waden und Oberarme. Amelie war am Handy. Wo auch sonst.
Eine Stunde später kam Tim nach Hause, erhitzt, verschwitzt, ölig und übellaunig.
„Was machst du denn schon hier?“, entfuhr es mir etwas erschrocken, als er um die Ecke bog. Im Blaumann. Normalerweise ließ er den bei Wilfried im Spind.
„Ich kann ja wieder gehen“, fauchte er und warf seine Tasche in eine Ecke. Ich zuckte zusammen, als sie dumpf aufschlug. Ich hatte sie ihm an diesem Morgen wie immer liebevoll gepackt. Eiskaffee in der Thermoskanne, zwei Brote, zwei Joghurts, dazu ein Apfel.
„Was ist denn los?“, fragte ich verschüchtert. Tim setzte sich auf seinen Sessel und ich sog erschrocken die Luft ein; sein ölverschmierter Blaumann auf den neuen und teuren Kissen!
„Nicht!“, rief ich. Aber er winkte ab.
„Kann man doch waschen! Mensch, was du immer hast mit deinen Kissen und Spitzendeckchen und dem ganzen Mist!“, schimpfte er.
„Ich habe es eben gerne schön“, zischte ich.
Ich hatte mittwochs früher Feierabend, Tim kam meistens erst gegen sechs oder sieben. Endlich kam er mal früher nach Hause und hatte eine Stinklaune. Man hätte ja etwas zusammen unternehmen können.
Rein theoretisch.
„Wilfried hat den Azubi nach Hause geschickt. Er hat mich fast überfahren. Sind die heutzutage alle solche Grobmotoriker? Ich hätte dem fast eine geknallt. ‚Langsam in die Werkstatt rollen lassen‘, sage ich noch und was macht er, kaum dass ich neben der Hebebühne stehe? Vollgas geben! Feuern sollte man den, aber Wilfried sagt, einen anderen kriegen wir nicht. Es will eben kaum noch einer diese Dreckarbeit machen. Studieren wollen die alle!“
„Ich doch auch, Papa“, warf Amelie ein.
„Ja, leider. Du kennst dich viel besser aus, mein Schatz. Du hast Werkstattluft geatmet, kaum dass du laufen konntest. Aber dieser Pimpf mit den zarten linken Händen weiß nicht mal, wie herum man eine Schraube eindreht, geschweige denn, welches Werkzeug man dafür benutzt. Jedenfalls hatte ich für heute die Nase voll.
‚Mach Feierabend und krieg dich wieder ein`, hat Wilfried gesagt. Morgen kommt die Gurke wieder. Bin gespannt, welchen Mordversuch er sich bis dahin ausgedacht hat.“
„Hast du wenigstens alle Beiträge für deine Lebensversicherung bezahlt?“, scherzte ich.
„Sehr witzig. Ich gehe jetzt duschen“, knurrte Tim, goss sich die Limonade in die Kehle und ging ins Haus.
Ich warf Amelie einen ironischen Blick zu, aber die hielt sich schon wieder ihr Handy vor die Nase.
Zu ihr war Tim immer freundlich, nett und liebevoll. Zu mir war er in letzter Zeit sehr eklig gewesen.
Den Hochzeitstag hatte er wenigstens nicht vergessen, aber es lief lieblos ab: Blumen für zwanzig Euro aus dem Supermarkt, fertig gebunden. Essen beim Italiener. ‚Geschenk kommt später‘, also zu Deutsch: Ich habe nichts gefunden und auch keine Idee, was man dir schenken könnte. Ebenso mechanisches Geruckel im Bett. Vorspiel: Einmal grapschen an den Busen, zweimal streicheln zwischen den Beinen.
Mein Geschenk, ein Gutschein über ein Wochenende in einem tollen Hotel im Harz, lag bis heute in seinem Nachttisch.
Mich störte das alles, ihn scheinbar nicht. Lag es an mir?
Ich war laut meiner Chefin seit drei Jahren in den Wechseljahren, aber dank der Hormontherapie bemerkte ich nicht viel davon, nur die Antriebslosigkeit machte mir bisweilen zu schaffen. Auch schlief ich nicht mehr so gut.
Zwischen drei und vier Uhr nachts wurde ich wach und grübelte. Wahrscheinlich musste die Dosis angepasst werden oder dergleichen. Vielleicht war es auch nur das Gefühl, total überflüssig zu sein. Zuhause lief nichts ohne mich, aber ob ich nun dort war oder nicht – wen interessierte das? Amelie hockte entweder auf ihrem Zimmer, in der Schule oder mit ihren Freundinnen in der Stadt. Tim hockte vor dem Fernseher, in seinem Keller oder auf dem Klo.
Ich hatte das Basteln für mich entdeckt und dekorierte öfters um. Außerdem hatte Silke mir YouTube-Videos geschickt. In denen wurde alles weggeworfen, was man nicht mehr brauchte „Extreme Declutter“ hießen die.
Nun mistete ich Zimmer für Zimmer unnötigen Kram aus. Was da schon zusammengekommen war!
Nur Amelie und Tim weigerten sich. Amelie ließ mich in ihr Zimmer gar nicht erst rein und Tim hatte mir den Zutritt zu seiner Werkstatt und dem Hobbyraum im Keller schon vor Jahren untersagt. „Männerhöhle“, stand auf einem Schild, das an der Tür klebte.
Es nützte die beste Methode nichts, wenn man nur die eigenen Sachen durchforsten durfte. Auch der Kleiderschrank von Tim war tabu.
Aber Basteln und Ausmisten und alles schön dekorieren nützt nichts, wenn man sich trotzdem alt, leer und geradezu lästig fühlt. Zum Glück hatte ich noch Silke und Ruth, mit denen ich etwas unternehmen konnte, nachdem Lisa weggezogen war.
Ich stand auf und ging ebenfalls ins Haus. In der Küche deckte ich den Tisch mit Zeitungspapier ab und holte mein neuestes Projekt aus meinem Bastelschrank im Hauswirtschaftsraum. Es war ein Schild für ebendieses Zimmer. Grundiert hatte ich es gestern schon. Eine billige Leinwand für zwei Euro, die ich jetzt zum zweiten Mal mit weißer Kreidefarbe strich. Zum Glück trocknete die schnell und deckte so gut, dass zwei Anstriche wohl reichen würden. Während die Leinwand trocknete, schüttete ich einen Beutel Holzbuchstaben aus ihrer Verpackung und begann zu sortieren.