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Kinderspielplatz Krieg

Ein Mädchen lernt überleben

Sigrid Immler

Impressum

Text: © Sigrid Immler

Covergestaltung: © Marcus Overbeck

Bildnachweise:

Flugzeuge: Marion Doss

https://www.flickr.com/photos/ooocha/2614459994 Kriegskinder: National Archive US

Psychogramm einer 10jährigen

„Ich mach mein Ding alleine!“

Ihr könnt mich höchstens totschlagen – mich kriegt ihr nicht. Ihr schlagt den Körper tot, mit mir hat das nichts zu tun. Ich bin innen drin, dahin kommt ihr nicht. Das gehört mir und der Nacht. Am Tage könnt ihr – das macht ihr sowieso – über mich bestimmen, mich schlagen, erniedrigen, vergewaltigen, verraten. Mich trefft ihr damit nicht. Und meine Tränen sieht niemand.

„Wenn du deine Pflicht und Schuldigkeit getan hast, kannst du machen, was du willst!“

Das hörte das Kind immer und immer wieder. Das war unüberhörbar, unabsehbar und undurchsichtig. Und dauerte aus der Sicht des Kindes zu lange. Die weise Natur half, und das Kind teilte sich in zwei, das Kind des Tages und das Kind der Nacht.

Dem Kind war klar, dass das, was die Erwachsenen so produzieren, nichts mit ihm zu tun hat, und beschloss, nie älter als 35 Jahre werden zu wollen. Menschen, älter als 35 Jahre, hatten für das Kind keine Lebensberechtigung. Mit etwa zehn Jahren schloss das Kind darüber einen schriftlichen Vertrag mit seinem Gott. Mit dieser Zweiteilung kam das Kind durch sein Leben: Tagsüber konnte es den Erwachsenen und deren Tun zuschauen, nachts erholte es sich in seinen Phantasiewelten.

Und es lernte, dass man sich die Geschehnisse nicht aussuchen kann, doch die Einstellung dazu.

Es lernte: „SO IST ES JETZT. JA. PUNKT. BASTA.“

Und ging damit um.

Prolog

Warum ich diese Geschichte aufschreibe

Heute bin ich im 87sten Lebensjahr. Meine Zeit wird knapp, meine Gedanken sind nach vorne und nach weit vorne gerichtet, wenig schaue ich zurück. Ich ernte. Ernte schon viele Jahre das, was mein Leben gesät hat. Alle Fragen, die mich vorher beherrscht hatten, sind beantwortet. Ich lebe ein Leben, das außerhalb meiner ursprünglichen Vorstellungswelt liegt. Ich fühle mich reich und mit allem verbunden, geborgen und sicher.

Ich lebe nicht alleine: Um mich herum sind etwa ein Dutzend Menschen, die mir nahestehen. Alle sind jünger: 16, 30, 50 … Jahre jünger. Ich freue mich an deren Zuneigung, Hilfsbereitschaft, Trauen und Teilen und genieße die Fürsorge. Ich liebe und fühle mich geliebt.

Und oft komme ich mir neben ihnen vor wie ein Wesen aus einer anderen Zeit. Ich komme aus einer völlig anderen Welt, die mich prägte, lernen und überleben ließ, von der die Jüngeren und speziell die Jungen keine Ahnung haben. Science-Fiction scheint ihnen realer und näher als die Wurzeln der Zeit, die auch in ihr Leben ragen. Ich passe nicht mehr in die heutige Welt. Ich bin danach, fühle mich zufrieden und innerlich reich …

Ich lebe freudig alleine mit Hunden, Vögeln, Fischen und viel Natur auf einem Berg.

Jetzt, in der Zeit der Muße, fühle ich, was mir fehlt: Mehr Kenntnis über meine Wurzeln. Mir tut es leid, dass ich meine Eltern und Großeltern nicht wirklich kannte.

Die Zeit, in die ich geboren bin, war sicher leichter für die Kinder als für die Eltern. Wir Kinder wuchsen hinein. Für die Elterngeneration war es ein Debakel. Sicher wollten sie nicht die werden, zu denen sie der Krieg und der Zusammenbruch all dessen, was ihre persönliche und soziale Vorstellung und Einstellung waren, umgeformt haben. Und ich, die meinen Vater von 13 bis 21 Jahren erlebt habe, als Horror erlebt habe, sah nie etwas von dem, das später seine Freunde und Kollegen erzählten. Bei denen war er als Sonnenschein beliebt. Meine Mutter war frustriert, aus ihrer Vorstellung eines Familienlebens gerissen und suchte Schuldige. Weitgehend war ich das für sie.

Mir ist klar, dass ich die beiden versäumt habe, nur Bruchteile von ihnen verstehe, und doch haben auch sie mich tief geprägt. Von den Großeltern weiß ich so gut wie nichts. Das alles fehlt mir heute.

Gerne hätte ich die Eltern und Großeltern besser kennengelernt, von ihren Träumen und Wünschen gehört, was sie bewegte und was daraus geworden ist.

Alle sind sie längst tot.

Vielleicht ist in meiner Großfamilie irgendwann jemand auf der Suche nach seinen Wurzeln und Einflüssen auch von meiner Seite. Deshalb schreibe ich hier, was mir noch in Erinnerung ist.

Diese Erinnerungen erheben keinerlei Anspruch auf Korrektheit. Es sind die Bilder, Eindrücke und Gefühle eines kleinen Mädchens bis in die Pubertät, die in mir heute, als alter Frau, auftauchen, und die späteren Auswirkungen all dessen.

Ich gehe in meinen Erinnerungen zurück in meine Zeit als Kind und nenne mich auch „Das Kind“. Kind als Funktion, als Rolle.

Es ist die Geschichte e i n e s Kindes. Meine Geschichte. Und sie steht auch für Geschichten von anderen Kindern aus jener Zeit, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

Hier geht es um Lektionen, Erfahrungen und Prägungen e i n e s Kindes im III. Reich – der Hitler-Zeit – und der Nachkriegszeit.

Die Zeit, in der ich ins Leben trat, bot mir eine Vielzahl an Umbrüchen:

Den Wandel der politischen Systeme – von der Diktatur zur Demokratie, vom Nationalsozialismus zum Kapitalismus. Die gesellschaftlichen Änderungen. Den Wandel des Frauenbilds vom „Heimchen am Herd“ hin zur gleichberechtigten, selbstbewussten Partnerin. Die Öffnung der Welt, ein vielfältigeres Berufsspektrum, die Versuche der Kirche, sich zu wandeln, das heutige Digitalzeitalter …

Das alles waren Herausforderungen, für die es keine Blaupausen gab. Und das Schöne daran: Man konnte einfach ausprobieren. Zumindest über einen Zeitraum von gut zwanzig Jahren, bevor eine Regulierungswelle wieder das individuelle Ausweiten unterband.

All dies hat seine Spuren hinterlassen, mir ein erfülltes, reiches Leben beschert. Alle Menschen, die meinen Lebensweg kreuzten, haben zu diesem inneren Reichtum beigetragen. Ihnen und den Ereignissen, die mich geprägt haben, sei Dank.

Keinen Augenblick meines Lebens möchte ich missen und sage seit etwa 30 Jahren: Ich kenne niemanden, der glücklicher ist als ich.

Wie geht leben?

LEBEN, wie geht das? Wie geht das überhaupt? Wer kann einem das sagen? Was ist das? Wer lebt? Bin ich das? Was lebt mit und in mir? Wer ist es, der wählt, bestimmt, entscheidet?

Das alles sind lebensbegleitende Fragen, die sich im Laufe der Jahre mit Inhalt füllten. Wer sagt mir, wer oder was ich bin und ob ich überhaupt bin.

Die Frage nach dem Leben verändert sich wie das Licht des fortschreitenden Tages und geht Hand in Hand mit der SINN-Frage.

Das also waren die beherrschenden Fragen meiner Kindheit und Jugend und der meisten Zeit meines Lebens. Sie begleiten mich noch heute, auch wenn ich mittlerweile meine Antworten gefunden habe.

Sie begleiten mich immer. Als Kind fand ich dafür nie ein Ohr. Heute bietet sich ein breiter Markt zu diesen Fragen. Oder man googelt einfach. In meiner Kindheit und Jugend war das kein Thema. Auch politisch nicht gewünscht. Vielleicht kommt der Tag – mag sein, der letzte, – wo sich alle Fragen in Licht und Klarheit auflösen. Ich warte es ab.

Und so beschreibt dieses Buch den Kampf und das Bemühen des Kindes, leben zu lernen. Überleben hat es gelernt, zwangsläufig geübt. Leben kam viele Jahre später. Glückliche Momente hat es auch erlebt. Nach Art des Anfangs war ihm instinktiv klar, dass es nicht einfach würde. Und es wurde nicht einfach.

Außer der Frage, „Wie geht Leben?“, die sich 60 Jahre später klärte, gab es noch eine dritte beherrschende Frage: „Wie kann ich es meiner Mutter einmal recht machen?“. Es brauchte dreiundsechzig Jahre bis die Mutter kurz vor ihrem Tod sagte: „Wenn ich nochmals jung wäre, würde ich es genauso machen wie Sid, nur besser!“.

Wie das Kind ins Leben kam

Einfach wird dies nicht!“, spürte das Kind. Und so war es auch.

Eng war es dem Kind, ungemütlich, feindlich, und Luft bekam es nicht. Es verwickelte sich in der Nabelschnur und legte sie sich zweimal um den Hals. Es lernte instinktiv, wenn es sich nicht bewege, geht es weiter. Es stellte sich tot. Vielleicht spürte es, dass es nicht um seiner selbst heranwuchs, sondern entstand, um eine Funktion zu erfüllen: die Funktion KIND, wohl als Mittel zum Zweck.

Die Mutter, die einen dreijährigen Sohn hatte, brauchte zur Erfüllung ihrer Lebensträume zwei Kinder und ein eigenes Haus. Mit zwei Kindern zur Miete zu wohnen war ihr schmählich. So wurde das Kind nach einer Ballnacht gezeugt. Die Eltern waren mit der Bauplanung beschäftigt und all dem, was zum Hausbau dazugehört. Da war wohl wenig Raum für das heranwachsende Kind. Einen beengenden Einfluss leistete vielleicht auch das Schwangerschaftskorsett, das die Mutter trug, wie es die meisten werdenden Mütter seinerzeit trugen und das viele Jahre im Bedarfsfalle in der Verwandtschaft herumgereicht wurde.

Dreimal ging die Mutter in die Klinik, um das totgesagte Kind entfernen zu lassen. Zweimal regte es sich auf dem OP-Tisch und zeigte, dass es weitermachen will. Beim dritten Male schnitt man die Fruchtblase auf, verletzte dabei das Kind am Kopf, dann war es da: sieben Monate, blau angelaufen, klein und dunkelhaarig.

Und da war es schon falsch: Kleiner als die beiden in den vergangenen zwei Wochen geborenen Nachbarsmädchen und nicht blond wie diese.

Es konnte es der Mutter nicht recht machen. Es war chancenlos, denn die Mutter hatte bewegliche Ziele und Vorstellungen, so wie ein frei im Raum flatternder Kanarienvogel.

Beim Versuch, sich auf die Beine zu stellen, sich aufzurichten und zu laufen, holte das Kind die Blondis ein. Mit der Haarfarbe klappte es nicht. Auch nach dem Spielen war es immer wieder falsch und eine Schande für die Mutter: Die Blondis waren sauber, dieses Kind war immer schmutzig. So klagte die Mutter und schämte sich – vor den anderen Müttern.

Und so lernte das Kind, dass es schmutzig sei, eine Schande und eine Sünde und ganz bestimmt bei der Geburt vertauscht. Dass es besser nicht sei. In ihm verdichteten sich die Fragen, „Wie kann ich es einmal meiner Mutter recht machen?“ und vor allem „Wie mache ich es richtig? Wie geht das mit dem Leben?“

Sid, das Kind

Ihr könnt mich höchstens totschlagen – mich kriegt ihr nicht. Ihr schlagt den Körper tot, mit mir hat das nichts zu tun. Ich bin innen drin, dahin kommt ihr nicht. Das gehört mir und der Nacht. Am Tage könnt ihr – das macht ihr sowieso – über mich bestimmen, mich schlagen, erniedrigen, vergewaltigen, verraten. Mich trefft ihr damit nicht. Und meine Tränen sieht niemand.

„Wenn du deine Pflicht und Schuldigkeit getan hast, kannst du machen, was du willst!“

Das hörte das Kind immer und immer wieder. Das war unüberhörbar, unabsehbar und undurchsichtig. Und dauerte aus der Sicht des Kindes zu lange. Die weise Natur half, und das Kind teilte sich in zwei, das Kind des Tages und das Kind der Nacht.

Dem Kind war klar, dass das, was die Erwachsenen so produzieren, nichts mit ihm zu tun hat, und beschloss, nie älter als 35 Jahre werden zu wollen. Menschen, älter als 35 Jahre, hatten für das Kind keine Lebensberechtigung. Mit etwa zehn Jahren schloss das Kind darüber einen schriftlichen Vertrag mit seinem Gott.

Mit dieser Zweiteilung kam das Kind durch sein Leben: Tagsüber konnte es den Erwachsenen und deren Tun zuschauen, ihren Forderungen nachkommen, nachts erholte es sich in seinen Phantasiewelten und sprach mit seinem Jesus. Der war immer da.

Kindheit

Also: Bis 21 Jahre – dem Zeitpunkt der Mündigkeit – war zu gehorchen nach dem Motto „Solange Du Deine Füße unter meinen Tisch stellst …“

Freie Entfaltung war in der Familie nicht angesagt. Und das Kind gehorchte und schaffte sich doch Freiraum und Erholung. Im Sommer war es immer draußen, vergnügte sich mit anderen Kindern auf der Straße mit aufgemalten Hupfhäuschen, Seilspringen, Kreiselspielen, Stelzen, Holländerfahren, verstecken, fangen. Es gab zu der Zeit keine Privatautos. So war die Straße unser Spielplatz. Ich erinnere mich an heiße Sommertage, an denen die Sonne den Teer aufweichte. Ich liebe den Geruch. Wenn wir in dem weichen Teer unsere Fußabdrücke hinterließen, haben wir dann lange Zeit gebraucht, die Teerreste an und zwischen den Zehen abzupfriemeln.

Das Kind saß mit anderen Kindern auf dem Telefonhäuschen, belauschte die Telefongespräche, saß in großen Büschen und in Ginsterfeldern, in denen jedes der Kinder „seinen“ Platz hatte und spielte das Leben der Erwachsenen nach. Am liebsten hielt es sich im ans Haus angrenzenden Wald auf. Tannenzapfen waren unsere Kinder oder Soldaten. Das Kind fühlte sich dort glücklich. Wenn es nachhause kam, musste es durch die Waschküche hineingehen, sich erst dort kalt waschen und mit dem Wasserschlauch duschen. Denn so schmutzig hatte es in den oberen Etagen nichts zu suchen.

Wenn die warmen Sommertage schwanden und das Kind nicht draußen mit anderen Kindern sein konnte, schuf es sich andere Freiräume: krank sein. Es war ab Herbst krank. Immer das gleiche: Angina, Mandelentzündung, Abknapsen der Mandeln, Bronchitis, Lungenentzündung …

Und das war schön: Es lag wochenlang im Esszimmer auf der breiten und bequemen Couch neben einer warm leuchtenden Stehlampe. Über ihm hing das helfende Bild: eine Wiesenlandschaft mit schönen Bäumen, einem mäandernden Bach, Blumen und Licht … Das war wie eine Heimat. Unter dem Bild war alles in Ordnung.

Und noch andere Vorteile hatte das Kranksein: Erstens musste es nicht die ungeliebten Vorschriften erfüllen und – was noch besser war – wenn es ihm wirklich schlecht ging, fragte die Mutter, ob es ein Rührei oder Spiegelei wollte. Es fühlte sich zur Kenntnis genommen und umsorgt.

So hat das Kind gelernt:

„Mir geht es gut, wenn es mir schlecht geht.“ Also: „Geh‘ mir weg mit allem, was gesund ist.“

Für die tägliche Entspannung perfektionierte das Kind sein Parallelleben. Die Nacht gehörte ihm, am Tag gehörte es sich nicht. Unter der Bettdecke fühlte es sich geborgen, lebendig und ging mit seinen Phantasien auf Reisen. Und baute dabei auf seinen Gesprächspartner Jesus Christus. Der war immer für es da.

Als es fünf Jahre alt war, fing das Leben wieder neu an, mit drei entscheidenden Wendungen:

Die Nahtoterfahrung – die Reise mit Zurückweisung

Der Vater ging freiwillig im ersten Schub der Mobilmachung in den Krieg

Und die neue Freundin Inge

Es war der Herbst 1939, der die Wende brachte:

Die alljährliche Lungenentzündung weitete sich aus mit Rippenfellentzündung, damals meist eine Todesdiagnose. Penicillin kam erst in den 1940er Jahren auf. Und die Ärzte sagten der Mutter, dass das Kind bis abends tot sei. Die Mutter setzte sich mit der Freundin und dem Hausarzt zusammen, und sie beschlossen, dass sich in der 60 Kilometer entfernten Universitätsklinik vielleicht noch eine kleine Möglichkeit böte. Und so kam das Kind per Krankenwagen in die Unikinderklinik in Heidelberg.

Damit begann die folgenschwerste Erfahrung des Kindes, mit der es fast 50 Jahr lang haderte und die sich erst danach in das größte Geschenk seines Lebens wandelte.

Das fiebernde Kind, von Schüttelfrost befallen, sieht, über es gebeugt, vier Gesichter, Männer und Frauen, die es festhalten. Hört sie und versteht die Worte nicht. Sieht, wie eine weitere weiße Figur eine riesige Spritze bringt, die Ärzte drehen das Kind auf den Bauch. Das Kind schreit immer wieder Nein. Sie stechen dem Kind in die Wirbelsäule …

Und die größte Reise des Lebens beginnt: Sie ist auch heute, nach so vielen Jahren, nicht wirklich mit Worten zu beschreiben, diese Himmelfahrt. Denn das, was das Kind erlebte, gibt es in unserer dualen irdischen Welt nicht, und damit ist es Spinnerei. Niemand hat dem Kind geglaubt. Es hat auch niemand etwas darüber hören wollen. „Das Kind hat halt so eine wilde Phantasie!“

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80 p.
ISBN:
9783753193175
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