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Löwenfisch

Ein Rumpler Rosamunde-Krimi

Rudolf Trink


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Impressum:

Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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© 2020 – Herzsprung-Verlag

Mühlstraße 10, 88085 Langenargen

Alle Rechte vorbehalten.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.

Lektorat + Herstellung: CAT creativ - cat-creativ.at

Bildnachweis Cover: © JeanLuc Ichard - Adobe Stock lizenziert

Katze: Rudolf Trink

ISBN: 978-3-96074-377-4 – Taschenbuch

ISBN: 978-3-96074-378-1 – E-Book


*

Inhalt

PROLOG

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

18.

19.

20.

21.

22.

23.

24.

25.

26.

27.

28.

29.

30.

31.

32.

33.

34.

35.

36.

37.

38.

39.

Epilog

Der Autor

Buchtipp

Impressum

*

FÜR ANNA B.

IN RESPEKT UND DANKBARKEIT.


Absolute Sicherheit ist eine Illusion.

Wer sie erzwingen will, scheitert.

Und zwar mit Sicherheit.

*

PROLOG

Das Mobiltelefon zeigte eine unterdrückte Nummer. Es läutete zunächst drei Mal, dann vier Mal. Das vereinbarte Zeichen. Beim nächsten Läuten hob er sofort ab.

„Ja?“

„Ich soll anrufen, wenn sich was tut. Sie sind wieder da. In der Imbissstube.“

„Irgendwas anders als sonst?“

„Ja. Diesmal ist ein Dritter dazugekommen.“

„Hast du ihn schon einmal gesehen?“

„Nein, noch nie. Aber ich hab sein Autokennzeichen. Er ist so ein Nervöser, Schusseliger. Er war schon im Lokal, hat aber noch was im Auto vergessen, das ganz in der Nähe abgestellt war. Ich bin ihm rasch nachgegangen. Er muss ein Journalist sein. Im Auto war eine Pressekarte.“

„Autokennzeichen?“

Er notierte die Buchstaben-Ziffernkombination.

„Du hast was gut bei mir.“

Er legte auf. Ein Journalist also. Der Ernstfall war eingetreten, auf den er sich so sorgfältig vorbereitet hatte. Er griff wieder zum Telefon und legte es erst weg, als das Räderwerk in Gang gesetzt war. Unwiderruflich.

*

1.

Herbert Eisenreh war nervös. Die letzten Wochen hatten an seinen Nerven gezehrt. Er brauchte seinen Job. Immer hatte er gedacht, er wäre für den Chef unentbehrlich. Plötzlich war dann der Neue aufgetaucht, vom Chef persönlich in die Firma geholt. Trotz seines Ärgers hätte er dem Chef nicht drohen sollen, aber das war nicht mehr zu ändern. Und jetzt noch dieser verfluchte Auftrag. Eine Zustellung bei Nacht und starkem Regen, in einer gottverlassenen Gegend. Eisenreh fuhr vorsichtig. Zu langsam durfte er aber auch nicht sein, weil er für die Übergabe eine genaue Zeitangabe bekommen hatte. Eine Ungenauigkeit konnte er sich bei seinen Kunden nicht leisten. Nur noch acht Kilometer. Der Asphalt glänzte tückisch, manchmal kam der Wagen leicht ins Rutschen. Gegenverkehr gab es zum Glück keinen.

Plötzlich hatte er vor seinem inneren Auge das Bild eines Autounfalls, ein völlig zertrümmertes Wrack. Eisenreh riss sich zusammen. Er wusste, dass er in Gefahr war, aber er durfte sich nicht gehen lassen. Er hatte noch etwas zu erledigen. Ein Gedanke beruhigte ihn. Falls ihm wirklich etwas zustoßen sollte, war da immer noch sein Freund, der Fuchsl, dem er das Dokument mit seiner Geschichte gezeigt hatte. Der Fuchsl hatte diesen Journalisten mitgebracht und der würde dafür sorgen …

Verdammt! Wieder eine enge Kurve. Dann plötzlich, aus dem Nichts, diese entsetzlich starken Scheinwerfer, direkt vor ihm. Unwillkürlich schloss er wegen der unerträglichen Helligkeit die Augen und verriss den Wagen so stark nach rechts, dass er gegen die Leitschiene knallte, sie halb durchbrach und an der Kante zwischen Böschung und Steilhang hängen blieb. Noch bevor Eisenreh überhaupt realisiert hatte, was geschehen war, spürte er, wie sein Wagen sich wieder in Bewegung setzte, mit unwiderstehlicher Gewalt über die Kante geschoben wurde und den dahinter liegenden Steilhang hinabstürzte. Ein Gedanke an seine Schwester zuckte durch sein Hirn, dann war alles dunkel.

Der schwere Geländewagen oben auf der Straße wendete, der Fahrer leuchtete mit einem starken Suchscheinwerfer in die Tiefe und sah schließlich das auf dem Dach liegende völlig zertrümmerte Wrack. Erledigt. Er entfernte die an der mächtigen Stoßstange seines Wagens festgezurrten dicken Gummimatten, verstaute sie im Kofferraum und verließ den Unfallort.

Als der Unfallwagen am nächsten Tag entdeckt und die Leiche des Lenkers ärztlich untersucht wurde, war der entsprechende Drogentest positiv. Hinweise auf Fremdverschulden gab es keine. Somit wurde Herbert Eisenreh als einer der zahlreichen Verkehrstoten des laufenden Jahres zunächst zu den Akten und schließlich zu Grabe gelegt.

Reinhard Pritzler war glücklich, zum ersten Mal seit langer Zeit. Er fühlte sich stark genug, von dem Zeug wegzukommen, und er würde mit dem Berti nach Afrika reisen. Endlich hatten sie Geld, von dem Journalisten, der dem Berti seine Geschichte abgekauft hatte, und sie würden noch mehr Geld bekommen, wenn sie veröffentlicht war. Genug für eine richtige Safari, mit den big five – Löwen, Leoparden, Büffeln … Schon vor Jahren hatten sie sich in einem Geschäft, das auf Abenteuerreisen spezialisiert war, einzelne Ausrüstungsgegenstände gekauft: Tropenhelme, Moskitonetze, ein Fahrtenmesser, einen Kompass. Er holte die Sachen aus seinem Kasten, legte sie neben sich aufs Bett und befühlte sie mit seiner Rechten. Sie waren ihm völlig vertraut, die Farben und Formen, jede kleine Unebenheit, die Beschaffenheit der Oberflächen. Unzählige Male hatte er dieses Ritual schon durchlaufen. Gleichzeitig fiel sein Blick wie zufällig auf den kleinen Beistelltisch, auf den er die Spritze gelegt hatte. Eigentlich hätte er sie gleich wegwerfen sollen, aber so war es ja noch besser. Endlich konnte er sich selbst wirklich beweisen, dass er es ernst meinte. Sein Verkäufer hatte ihm heute das Zeug angeboten wie jedes Mal, und als er ihm erklärt hatte, er habe nicht genug Geld, hatte er ihm eine Spritze geschenkt. Er hatte das nicht erwartet. Eigentlich nett von ihm. Aber nicht notwendig. Obwohl … nach den Aufregungen der letzten Zeit hatte er sich eine kleine Entspannung verdient und es gab einen Grund zum Feiern. Dieses eine Mal würde ihn schon nicht umbringen. Er griff nach der Spritze, setzte sich die Nadel an den Arm, zögerte noch kurz und fühlte dann, wie sie eindrang. Ein vertrautes, wohliges Gefühl breitete sich in ihm aus. Herrlich würden sie sein, die Abende in Afrika, gemeinsam mit dem Berti, mit unglaublichen Sonnenuntergängen, die die Savanne in allen Farben aufleuchten ließen. Plötzlich fühlte er eine heftige Übelkeit. Die Sonne leuchtete immer stärker, erst orange, dann blutrot, sie begann zu kreisen, schneller und schneller und wurde schließlich grellweiß. Pritzlers Traum riss ab.

Der nächtliche Besucher öffnete ohne Beschädigung und beinahe lautlos das technisch schwache Schloss der Wohnungstür. Er sah sich kurz um, nahm Pritzlers schlaff herabhängende Linke in die latexbehandschuhte Hand und fühlte seinen Puls. Es hatte geklappt. Kein weiterer Handlungsbedarf, nur noch eine Erfolgsmeldung an den Chef.

Anton Zargl atmete auf. Geschafft. Er war schon länger nicht auf der Rax gewesen und der Aufstieg war doch anstrengender gewesen, als erwartet. Endlich hatte er die unangenehme Stelle mit dem seltsamen Namen Teufels Badstuben und mit ihr auch seine Sorgen hinter sich gelassen. Während des Aufstiegs hatten sie ihn noch gequält, er hatte an seinem Erfolg gezweifelt, obwohl oder sogar weil die Geschichte, an der er dran war, einfach großartig war, für einen Journalisten eine Gelegenheit, wie man sie wohl nur einmal im Leben bekam. Vielleicht zu groß für ihn, wie der riesige Marlin, der für den alten Fischer in Hemingways Der alte Mann und das Meer eine zu große Beute gewesen war. Jetzt war plötzlich alles anders, die Zweifel waren verflogen. Ihm war klar, er würde es schaffen. In seinem Kopf war der Artikel schon fertig und Zargl malte sich aus, wie er, der so oft von den Kollegen mitleidig belächelt worden war, sie alle überflügeln würde. Die Kurzatmigkeit, die ihm zuvor noch zu schaffen gemacht hatte, war wie weggeblasen. Oben am Grat angekommen, genoss er den freien Blick. Er fühlte sich unbesiegbar. Allen würde er es zeigen, allen. Er musste diesen wunderbaren Moment mit einem Foto festhalten.

Zargl hörte noch das schwache Geräusch hinter sich, konnte es aber nicht zuordnen. Als er sich umdrehen wollte, war es schon zu spät. Der wuchtige Stoß traf ihn genau zwischen den Schulterblättern und ließ ihn ins Bodenlose stürzen.

Der Angreifer zog einen Feldstecher aus dem Rucksack. Zargls zerschmetterter Kopf stand in einem völlig unnatürlichen Winkel zu seinen Schultern. Es hatte bestens geklappt. Jetzt war auch der Dritte tot und damit die Gefahr gebannt. Obwohl – da waren noch die Frauen. Die Schwester vom Eisenreh konnte was wissen und vielleicht auch die andere. Er würde sich darum kümmern.

*

2.

Es dauerte bereits über eine Stunde. Für einen kleinen Eingriff eigentlich viel zu lange. Vielleicht hatte es Komplikationen bei der Narkose gegeben. Johann Rumpler, während seiner Dienstzeit als stellvertretender Leiter der Mordkommission berühmt für seine eisernen Nerven, spürte, wie sich Angst in ihm breitmachte. Er hatte sich lange gegen die Operation gesträubt und war erst nach längerem Zureden von ihrer Sinnhaftigkeit überzeugt worden. Endlich. Die Tür, die von der Ordination ins Wartezimmer führte, ging auf und die Blicke sämtlicher Wartenden richteten sich auf die junge Tierärztin.

„Alles in Ordnung, Herr Rumpler. Der Zahn war nur ein bissl schwierig zu entfernen, weil er zerbrochen ist, aber letztlich hat alles gut geklappt. Sie ist jetzt noch in Narkose und wird in einer halben Stunde aufwachen.“

Rumpler strahlte die Tierärztin aufgrund der guten Nachricht an wie eine Lichtgestalt. „Danke. Vielen Dank. Ich bin so froh, dass alles gut gegangen ist.“

Die Besucher des Wartezimmers zeigten das übliche tiefe Verständnis einer kleinen, schicksalhaft zusammengeführten Gemeinschaft, hatten doch so gut wie alle von ihnen schon ähnliche Sorgen durchgestanden, um einen Hasso etwa oder eine Senta, vielleicht den Hamster Ramses oder die Schildkröte Thusnelda oder eben, wie im gegenständlichen Fall, um eine ältere Katze namens Rosamunde.

Während der Heimfahrt lag sie noch ganz benommen in ihrem von Rumpler sorgfältig mit weichen Tüchern ausgepolsterten Transportbehälter und nahm kaum wahr, was er ihr zu sagen hatte.

„Bist eine tüchtige Maus. Gut gemacht. Hast es wieder geschafft, Alte. Später gibt’s dann ein Futter.“

Als er mit ihr leicht schnaufend in seiner im zweiten Stock – ohne Lift – gelegenen Altbauwohnung in der Josefstadt angekommen war, legte er zunächst sein Wohnzimmer mit Decken und Polstern aus, damit sie sich noch unter Einwirkung der Narkose nicht etwa an seinen Möbeln stieß. Ihre ersten Schritte waren tapsig und taumelig wie die eines späten Heurigen-Heimkehrers. Nach ungefähr einer Stunde, während der sie auch immer wieder Ruhepausen eingelegt hatte, ging sie bereits ziemlich sicher und nach drei Stunden erklomm sie mithilfe des stabilen Kartons, den ihr Rumpler als Aufstiegshilfe zu seinem Schreibtisch gestellt hatte, dieses Möbel und forderte von dem erhöhten Platz aus lautstark eine Mahlzeit.

Rumpler strahlte. Zur Feier des Tages richtete er ihr eine kleine Portion fein aufgeschnittenen Schinken. Sie fraß ihn zu seiner großen Freude nicht nur mit gutem Appetit, sondern auch ohne sichtbare Vorsichtsmaßnahmen. In den letzten Wochen hatte sie beim Fressen den Kopf etwas schief gehalten, das Kauen wegen des schmerzenden Zahns immer wieder unterbrochen und manchmal ihr Futter sogar einfach stehen lassen, ein für Rosamunde unerhörter Vorgang. Rumpler kannte sie nämlich eigentlich nur heißhungrig noch aus der Zeit, als er sie als verwahrloste Streunerin in Kärnten gefunden hatte oder genau genommen sie ihn, um bei der Wahrheit zu bleiben. Damals hatte Rumplers Frau Elsa noch gelebt und sie war dabei gewesen, als Rosamunde auf einer längeren Wanderung in den einsamen Wäldern der Wimitz, die von manchen der Einheimischen auch das Tal der Gesetzlosen genannt wird, weit entfernt von jeder menschlichen Behausung, plötzlich zerzaust und miauend vor ihnen gestanden war. Elsa hatte sofort mit der völlig verwahrlosten Katze gesprochen und sich um sie gekümmert, während Rumpler sich zunächst sehr zurückgehalten hatte. Wie sich aber schnell herausstellte, hatte Rosamunde, die damals für ihn noch eine namenlose Katze gewesen war, ihn höchstpersönlich zu ihrem Lebensmenschen erwählt und ihm das nach kurzer Zeit auch unmissverständlich klargemacht.

Während diese Erinnerungen durch Rumplers Kopf zogen, inspizierte er seinen Kühlschrank auf der Suche nach einer Kleinigkeit für sich selbst. Die bevorstehende Operation hatte sich ihm auf den Magen geschlagen und er hatte, abgesehen von einem Kaffee zur Frühstückszeit, untertags überhaupt nichts zu sich genommen. Umso größer war jetzt am frühen Abend sein Appetit. Er fand einige mit Schafskäse gefüllte Oliven, drei Blatt Prosciutto und ein kleines Stück Parmesan. Dazu öffnete er eine Flasche eines schweren Deutschkreuzer Rotweins, den ihm ein befreundeter Münzhändler unlängst anlässlich eines Besuchs mitgebracht hatte, schenkte aber noch nicht ein, um ihn etwas zu belüften. Während Rumpler seine kleine Mahlzeit in der Küche genoss, hatte sich Rosamunde bereits ins Wohnzimmer begeben, auf den ihr vorbehaltenen Liegeplatz zwischen seinen prachtvollen Orchideen. Nach dem Essen übersiedelte er mit dem Wein zu ihr, füllte sein Glas, hielt es gegen das Licht und beschaute und beroch seinen Wein mit größter Sorgfalt. Schließlich hob er das Glas und trank auf Alma, die vor etwa drei Jahren aufregend und beruhigend zugleich in sein Leben getreten war, und natürlich auf seine Rosamunde.

„Schön, dass es dir wieder gut geht, Maus.“

Rosamunde fand das auch.

*

3.

Am nächsten Morgen machte Rumpler wie gewohnt einen ausgiebigen Spaziergang im Volksgarten. Es war ein klarer Frühsommertag und die unzähligen Rosenstöcke mit ihren vielversprechenden Knospen erzählten ihm ihre Geschichten, durch die liebevoll und sorgfältig gestalteten Widmungstafeln, die an ihren Stützen angebracht waren. Auch der Tempel des Theseus, jenes griechischen Helden, der den stierköpfigen Minotaurus in seinem Labyrinth aufgespürt und getötet hatte, sprach zu ihm. Vordergründig betrachtet war die Sage denkbar einfach – ein Held begegnete einem Ungeheuer und tötete es. In seinem Inneren fühlte Rumpler aber, dass das nicht die eigentliche Geschichte war, sondern dass darunter noch etwas anderes war, in viel tieferen Schichten, etwas ebenso Faszinierendes wie Bedrohliches. Der Minotaurus, halb Tier, halb Mensch, stand für das Animalische und war wohl genau deshalb eingesperrt worden. Wer sich also auf den Weg ins Labyrinth machte, um den Minotaurus zu treffen, der musste damit rechnen, einem weggesperrten Stück von sich selbst zu begegnen. Aber auch weggesperrt stimmte nicht ganz. Das Labyrinth war ja kein Gefängnis, sondern ein kunstvoll angelegter Irrgarten. Er war offen und trotzdem konnte man ihm nicht entrinnen. Zumindest nicht aus eigener Kraft – es bedurfte dazu der Hilfe einer Frau – Ariadne, die den richtigen Weg wies. Oftmals, wenn Rumpler es mit einem neuen Fall zu tun bekommen hatte, hatte er wohl unbewusst den Theseustempel aufgesucht, vielleicht um sich klar darüber zu werden, dass von jedem einzelnen der Mörder, die er auf verschlungenen Wegen verfolgte, immer auch in ihm selbst etwas enthalten war, das ihn gleichermaßen erschreckte und faszinierte.

Dem Denkmal des von ihm hochgeschätzten Franz Grillparzer stattete er ebenfalls einen kurzen Besuch ab, quasi als Gegengewicht, verließ dann den Volksgarten und erreichte schließlich nach einem flotten Marsch über die sogenannte Zweierlinie die Mariahilfer Straße. Er ging die breit angelegten Stiegen der sehr kurzen Rahlgasse hinunter und dabei fielen ihm die in seiner Kinderzeit alljährlich wiederkehrenden Besuche der Wiener Verkehrsbetriebe ein, bei denen dort nach langem Warten und unter großem Gedränge und Geschrei die Schülerfreifahrt-Ausweise abzuholen gewesen waren. Als er schließlich das Café Sperl erreichte, war er von seinem Spaziergang bereits ziemlich hungrig. Die Kellnerin, Frau Maria, ließ ihm Zeit, sich in Ruhe einen Tisch auszusuchen und zu setzen.

„Melange und zwei Buttersemmeln wie immer, Herr Kommissar?“

„Ja, bitte, aber dazu noch eine Eierspeis von zwei Eiern. Ich hab heut einen ordentlichen Hunger.“

„Kommt sofort.“

Er blickte ihr nach, beeindruckt, wie sie es schaffte, sich so flink zu bewegen, ohne jemals hastig zu wirken. Rumpler atmete auf. Endlich angekommen. Das Café Sperl war für ihn ein großer Rückhalt, quasi sein zweites Wohnzimmer, seit über dreißig Jahren. Hier hatte er Pläne geschmiedet, Fälle analysiert, andere Gäste beobachtet, ihnen gelegentlich beim Billardspiel zugesehen und sehr oft, wie auch jetzt, einfach nur in die Luft geschaut, in das sogenannte, für ihn unentbehrliche Narrenkastl.

Während er auf sein Frühstück wartete, wurde ihm wieder einmal bewusst, dass er rundum zufrieden war, eigentlich mit allem. Dank seiner gesunden Konstitution und seines disziplinierten täglichen Trainings war er für einen Mittsechziger körperlich bemerkenswert gut in Schuss, etwas über mittelgroß, stark, aber nicht zu schwer gebaut, mit sehr kräftigem weiß-grau gesprenkeltem Haar, das sich ohne Hilfe eines Friseurs nur schwer bändigen ließ. Über die Wirkung seiner braunen Augen auf das weibliche Geschlecht staunte Rumpler immer noch, obwohl sie ihn bereits seit vielen Jahrzehnten begleitete. Auf Männer wirkte er meistens seriös, während Frauen häufig das Bedürfnis verspürten, ihm Dinge anzuvertrauen. Das hatte ihm während seiner beruflichen Laufbahn bei der Mordkommission immer wieder geholfen. Was Rumpler jedoch nicht wusste, ja nicht einmal ahnte, war die Tatsache, dass er einen noch größeren Teil seiner Attraktivität für andere Menschen seinen Händen verdankte, großen, kräftigen Händen mit langen Fingern. Wenn er sprach, unterstützte er seine Worte mit Gesten, die natürlich und ausdrucksstark waren, kräftig und sensibel zugleich. Dazu kamen seine zurückhaltende Art und seine Sorgfalt beim Zuhören, die dazu führten, dass er im Lauf der Zeit jede Menge Angebote bekommen hatte. Dass sie ihn nicht zu sehr in Unruhe versetzt hatten, war an den zwei wirklich wichtigen Frauen in seinem Leben gelegen, an der bereits verstorbenen Elsa und an Alma, seiner neuen Liebe. Alma war sensibel, stark und verletzlich zugleich, verbunden mit einer unglaublichen Präsenz. Obwohl sie von Beruf Ärztin war, sah er sie eigentlich immer nur als Tänzerin, weil sie sich so perfekt bewegte.

Um irgendeine Wolke auf Rumplers heiterem Himmel zu finden, hätte man vielleicht auf seine Kinderlosigkeit verweisen können, aber Sabine, die junge Witwe seines Neffen Karl, hatte vor knapp einem Jahr ein entzückendes Mädchen zur Welt gebracht, sodass er sich beinahe als Großvater fühlen konnte. Nein, ihm fehlte wirklich überhaupt nichts, auch finanziell war er dank einer größeren Erbschaft sehr gut abgesichert. Trotzdem war er während des Wartens im Sperl nicht glücklich, sondern irritiert darüber, dass er doch eigentlich glücklich sein müsste, bei all dem Schönen, das ihm widerfuhr. Immerhin war er aber alt und erfahren genug, sich nicht gegen diese aufkeimende Unzufriedenheit zur Wehr zu setzen. Kaum hatte er nämlich begonnen, sie mit Interesse zu betrachten, als ihm auch schon bewusst wurde, was ihm fehlte. Er war ein Jagdhund, ein ziemlich alter, keine Frage, aber eben doch ein Jagdhund, dem das Jagen im Lauf der Zeit abhandengekommen war. Seine Gedanken wanderten in sein Wohnzimmer, dorthin, wo der von seiner Großmutter geerbte Jugendstilschrank mit seinen filigranen Schnitzereien und den schönen Messingbeschlägen stand. In ihm ruhten zahlreiche Moleskine-Notizbücher mit den persönlichen Aufzeichnungen zu allen seinen Fällen und es war gut möglich, ja sogar höchst wahrscheinlich, dass kein Buch mit einem neuen Fall hinzukommen würde. Aus und vorbei.

Frau Maria, die ihm sein Frühstück brachte, sah ihn von der Seite her an. „Alles in Ordnung, Herr Kommissar?“

„Passt schon, Frau Maria.“

„Ja, das Älterwerden ist manchmal ein Hund. Auch wenn alles passt. Ich weiß, wovon ich red.“

Volltreffer.

„Da haben S‘ Recht, Frau Maria.“

Eben, als Rumpler begann, sich seinem Frühstück zu widmen, läutete sein Mobiltelefon mit jenem nur ganz kurzen Signalton, der das Einlangen einer SMS anzeigte. Sonja, Almas Tochter, bat ihn um einen Rückruf. Das überraschte ihn ein wenig. Normalerweise war das nämlich immer umgekehrt gewesen. Rumpler hatte schon öfters ihre Hilfe in Anspruch genommen. Als IT-Spezialistin hatte sie für ihn bei Bedarf die Tür zu einer ihm sonst verschlossenen Welt öffnen können. Gemeinsam mit ihrem Mann Max betrieb sie eine kleine, aber sehr erfolgreiche Firma, die sich mit IT-Sicherheitsfragen befasste. Sofort stand Sonjas Bild vor ihm, ihre unglaubliche Ähnlichkeit mit ihrer Mutter Alma, das lange schwarze Haar, das aufgrund seiner gepflegten Wildheit so attraktiv war, die sportlich schlanke Figur, die ausdrucksstarken graublauen Augen und ihre überschäumende Vitalität. Sonja versprühte Lebensfreude und Rumpler freute sich auf das Gespräch mit ihr.

*

4.

Auf dem Heimweg vom Sperl schaute Rumpler bei seinem Fleischhauer vorbei und kaufte ein ordentliches Stück Putenbrust. Als er schließlich bei seiner Wohnungstür angelangt war, sah Frau Kratochvil, seine gegenüber wohnende Nachbarin, die schon über achtzig Jahre alt war, mit schief gelegtem Kopf wie eine freundliche Knusperhexe zur Tür hinaus. „Hams schon ghört, Herr Kommissar? Unser Haus is angeblich verkauft worden.“

Nicht gut.

„Ich hab schon so was läuten ghört, aber ich hab gedacht, das dauert noch.“

„Das hab ich auch ghofft, aber jetzt hab ich ghört, die fangen womöglich schon in ein paar Wochen mit dem Umbauen und Wohnungen Herrichten an. In den alten Liftschacht wollen S’ auch wieder an Lift einbauen.“

Das war mehr als nur unangenehm. Zwei Wohnungen auf Rumplers Stiege waren schon länger frei, von denen die eine unmittelbar unter seiner lag. Wenn es größere Sanierungsarbeiten gab, womit zu rechnen war, würde es nicht nur staubig, sondern für einige Wochen, wenn nicht sogar Monate, wohl auch unerträglich laut werden.

„Hoff ma’s Beste.“

„Schönen Tag noch.“

„Ihnen auch.“

Rosamunde musste sein Kommen bemerkt und hinter der Wohnungstüre gewartet haben. Nach einer kurzen Begrüßung, bei der sie ihm betulich um die Beine strich, eskortierte sie ihn in die Küche, damit er seinen kulinarischen Pflichten nachkommen konnte. Er schnitt etwas Putenfleisch klein auf, dünstete es gemeinsam mit einem Stück fein geriebener Karotte weich und stellte ihren Napf auf den Boden. Während sie fraß, ging Rumpler ins Wohnzimmer zu seinem Schreibtisch, den er trotz seiner schon sehr deutlichen Abnutzung keinesfalls ausbessern oder gar neu aufpolieren lassen wollte. Gerade die zahlreichen Gebrauchsspuren waren es, die diesen Tisch für ihn so einzigartig und damit unentbehrlich machten. Während er Sonjas Nummer wählte, hatte Rosamunde mithilfe des Kartons sowie eines Beistelltisches den Schreibtisch erstiegen und sich treffsicher auf den Schreibblock, den Rumpler in der Zwischenzeit für das Gespräch hergerichtet hatte, fallen gelassen. Er lächelte und holte eben aus seiner Schreibtischlade einen weiteren Block, als sich Sonja meldete.

„Hallo Hans, vielen Dank für deinen Rückruf.“

„Hallo Sonja. Schön, dich zu hören. Was kann ich für dich tun?“

Das Zögern vor ihrer Antwort war nur minimal, aber es bewirkte doch, dass Rumplers Aufmerksamkeit sofort anstieg, ein Ergebnis jahrzehntelangen Trainings, derartige vermeintliche oder tatsächliche Auffälligkeiten präzise zu registrieren.

„Es tut mir leid, dass ich dich wegen einer Kleinigkeit stör. Wahrscheinlich ist gar nichts dran, aber ich bin trotzdem ein bissel verunsichert.“

Jetzt war er wirklich hellwach. Sonja war eine hochintelligente junge Frau, die zudem noch über ein sehr gutes Gespür verfügte. Wenn sie beunruhigt war, dann gab es dafür aller Wahrscheinlichkeit nach einen guten Grund.

„Erzähl!“

„Ich würd eigentlich lieber bei dir vorbeikommen. Hättest du in gut einer Stunde Zeit für mich?“

„Ja, klar. Magst bei mir was essen?“

„Höchstens eine Kleinigkeit, vielleicht einen Salat?“

„Gerne. Ich denk mir was aus. Bis bald.“

„Danke, dass ich kommen kann. Bis bald.“

Rumpler inspizierte seinen Kühlschrank. Nachdem er eine kleine Dose mit Granatapfelkernen vorrätig hatte, beschloss er, sie mit Oliven und Jungzwiebeln vermischt zu einem Salat zusammenzuführen. Einige grob gehackte Walnusskerne und ein kräftiger Schuss Olivenöl sowie Meersalzflocken und etwas frisch gemahlener Pfeffer würden den Granatapfelsalat geschmacklich abrunden.

Eine gute Stunde später saß Sonja auf einem von Rumplers etwas schäbigen, aber sehr bequemen Lederfauteuils, vor sich den verführerisch duftenden Salat, und erzählte.

„Vor drei Wochen hat mich ein ehemaliger Schulkollege angerufen, ein gewisser Anton Zargl. Ich hab schon länger nichts von ihm gehört und ihn nur gelegentlich bei einem Maturatreffen gesehen. Er ist Journalist, nach seiner eigenen Einschätzung ein Aufdeckungsjournalist. Ich hab aber das Gefühl, dass er nicht wirklich erfolgreich ist. Er hat ja schon in der Schule immer ein bissel angegeben mit seinen Entdeckungen, zum Beispiel, dass der Schulwart eine Freundin gehabt hat, obwohl er verheiratet war, und solche Sachen halt. Er hat damals alle etwas genervt, aber eigentlich war er ziemlich harmlos. Ein komischer Vogel.“

„Und was wollt er von dir?“

„Wie er mich angerufen hat, hat er ganz geheimnisvoll getan. Er hat gesagt, dass er an einer ganz großen Sache dran ist, etwas mit Drogen, und dass er seinen Computer schützen muss, damit ihn niemand ausspionieren kann.“

„Und hast du den Auftrag angenommen?“

„Ja, letztlich schon. Eigentlich hab ich nicht wollen, weil bei dem Anton war das meiste nur heiße Luft, aber er hat mir auch ein bissel leidgetan und mich so lang bekniet, bis ich nachgeben hab. Wir haben uns dann bei ihm getroffen und ich hab mir seinen PC flüchtig angeschaut. Das Sicherheitsniveau insgesamt war katastrophal, aber er hat gemeint, dass er bei seiner aktuellen Recherche durch eine geniale Verschlüsselung seines wichtigsten Dokuments trotzdem geschützt ist. Ich hab nachgefragt, ob die Verschlüsselung wirklich so gut ist, weil einfache Schlüssel halt sehr leicht geknackt werden. Er hat gelacht und hat gesagt, er hätte eine perfekte Verschlüsselung gefunden. Ich hab diesbezüglich natürlich große Zweifel gehabt, weil technisch war er ja nicht so ganz auf der Höhe. Das hat er mir wohl auch angesehen. Er hat mir dann das Ganze erklärt. Der verschlüsselte Text hat nur zur Ablenkung von eventuellen Hackern gedient. Er war angeblich reiner Nonsens, eine willkürliche Aneinanderreihung von Zeichen, ohne jede Bedeutung.“

„Aber warum wollte er dann überhaupt einen Schutz für seinen PC, wenn dieses vermeintliche Dokument ohnehin nicht zu entschlüsseln ist?“

„Da ist es ihm eher um seinen elektronischen Kalender gegangen, damit niemand sieht, wann er sich wo und mit wem trifft, und natürlich auch um seine E-Mails. Die wirklich brisante Information in seiner derzeitigen Recherche hätte er gar nicht verschlüsselt, sondern außerhalb seiner Wohnung versteckt, in einem Zwischenlager, wie er gesagt hat. Da stehen Namen drin, im Klartext, hat er gesagt. Das ist eine Bombe. Das Versteck hat angeblich mit seinem Sternzeichen was zu tun. Mehr wollt er mir aber nicht dazu sagen. Es wär besser für mich, wenn ich nichts darüber wüsste. Er hätte vor, das Dokument mit der Information möglichst bald aus dem Versteck zu holen und bis zum Abschluss seiner Recherchen bei einem Anwalt zu hinterlegen, damit es veröffentlicht wird, für den Fall, dass ihm etwas zustoßen sollte. Während meiner Arbeit hat er erwähnt, dass die Sache, an der er dran ist, vor allem deshalb so heikel ist, weil dabei auch jemand von der Polizei die Finger im Spiel hat. Der Anton hat behauptet, er hätte über einen Informanten, einen gewissen Reinhard Pritzler, herausgefunden, dass Drogen, die von der Polizei beschlagnahmt wurden und später vernichtet werden sollten, wieder in Umlauf gebracht werden.“

„Hm. Hat er außer Pritzler sonst noch Namen genannt?“

„Nein.“

„Und du hast dann auf eigene Faust noch ein bissel recherchiert?“

Sie blickte kurz auf und lachte entwaffnet. „Ja, hab ich. Kennst mich eh.“

„Warst vorsichtig? Das kann heikel sein.“

„Ja, klar. Ich bin ganz sicher, dass ich keine Spuren hinterlassen hab.“

„Und hast du irgendwas Interessantes gefunden?“

„Auf seinem PC nicht. Ich hab aber auf seinem Schreibtisch einen handgeschriebenen Zettel gesehen, auf dem ganz oben Info Pritzler gestanden ist. Darauf war ein Dreieck gezeichnet, mit X, Y und Z als Eckpunkten. Bei jedem der drei Buchstaben war ein kurzer Text und in der Mitte eine komische Zeichnung, die ich nicht verstanden hab.“

„Gut, dass es von diesem Zettel eine Kopie gibt.“

Sie drohte ihm lachend mit dem Finger. „Du kennst mich wirklich in- und auswendig. Du hast natürlich recht. Der Zettel ist mir im Zusammenhang mit seiner Geschichte interessant vorgekommen. Ich hab den Anton also um einen Espresso gebeten, er ist in die Küche gegangen und ich hab inzwischen ein Foto von der Zeichnung gemacht.“

„Könntest du mir einen Ausdruck davon machen?“

„Ja, klar.“ Sie verband ihr Mobiltelefon mit seinem Laptop. Nach wenigen Augenblicken lag das Blatt vor ihm, das er später noch gründlich unter die Lupe nehmen würde.

„Vielen Dank. Hast du vielleicht etwas im Zusammenhang mit seinem Sternzeichen gefunden?“

„Ja, schon. Er hat sich ungefähr zwei Monate vor unserem Treffen ein Horoskop machen lassen, richtig aufwendig, mit allem Drum und Dran. Sein Sternzeichen sind die Fische. Er hat das auch bei unserem Gespräch erwähnt, er sei im Zeichen der Fische geboren. Oder eigentlich im Zeichen der Raubfische, wie er gesagt hat. Auf meine Frage, wie er das meint, hat er nur gelacht. Wahrscheinlich hat er sich als Journalist wie ein Hecht im Karpfenteich gefühlt oder so was Ähnliches. Von dem Horoskop hat er auch noch erzählt, dass ihm schon bald ein ganz großer Schritt vorwärts bevorsteht, was sicher mit der von ihm geplanten großen Enthüllung zusammenhängt.“

„Das klingt eigentlich alles ziemlich harmlos.“

Sonja nickte bestätigend.

„Wie ist er so seinem Wesen nach?“

„Sehr zerfahren und sprunghaft. Er kommt oft vom Hundertsten ins Tausendste. Eine einzige Sache gibt es, bei der er immer schon ziemlich gut und kompetent war, auch in der Schule, und zwar Schachspielen. Auch beim normalen Reden hat er schon früher immer wieder Schachausdrücke verwendet. Bei unserem Gespräch hat er zum Beispiel gesagt, dass beim Endspiel die Türme wichtig werden. Zweimal hat er mir das gesagt, ohne jeden Zusammenhang, aber er war merkwürdig eindrücklich dabei.“

„Und obwohl das alles etwas seltsam, aber eigentlich harmlos ist, bist du trotzdem beunruhigt.“

„Irgendwie schon. Das ist nur so ein Gefühl. Da sind zwei Sachen, die mich irritieren. Das eine ist nur eine Kleinigkeit – er hat alle seine Termine, also auch den mit mir, in Klartext in seinem Kalender eingetragen. Wenn ihn also tatsächlich jemand bereits ausspioniert haben sollte, dann weiß der, dass ich involviert bin. Das muss nichts bedeuten, aber es ist doch irgendwie unangenehm. Und das zweite ist wirklich seltsam. Der Anton Zargl ist verschwunden.“

„Wie meinst du das – verschwunden?“

„Ich hab vor zwei Tagen das letzte Mal Kontakt mit ihm gehabt und wollt ihn gestern anrufen. Er hat nicht abgehoben. Per E-Mail hab ich ihn auch nicht erreicht.“

Für sich genommen war das nicht ungewöhnlich, aber in Verbindung mit Sonjas Gefühl doch. Sie hatte ein unglaublich feines Sensorium, das ihr offensichtlich eine Warnung zugeschickt hatte, und das nahm Rumpler ernst. „Hat er irgendwas erwähnt, was er für die nächste Zeit vorhat?“

„Ja, er hat gesagt, dass er dringend einen Ausgleich für seine Arbeit braucht und endlich wieder einmal hinaus ins Freie muss, wandern gehen. In einer Mail hat er mir dann noch geschrieben, dass er auf die Rax geht, den Weg über Teufels Badstuben.“

Die Rax ist ein besonders bei den Wienern beliebtes Ausflugsziel, mit nicht zu langer Anfahrt und spektakulären, schroffen Felsformationen. Es gibt dort einige schöne Wanderwege und leichte Klettersteige, die aber nicht ganz ungefährlich sind. Rumpler kannte den Weg über Teufels Badstuben noch aus seiner Jugendzeit, als er selbst viele Wanderungen und Touren unternommen hatte.

„Kennst du wen, der mit ihm näheren Kontakt hat?“

„Nein, nicht wirklich. Ich glaub, er hat allein gelebt.“

Sonja sprach plötzlich nicht weiter und zuckte unwillkürlich mit den Schultern, als wollte sie etwas abschütteln.

„Ich hab das grad so formuliert, als wär ihm etwas zugestoßen und dabei hab ich überhaupt keinen Anhaltspunkt dafür.“ Wesentlich leiser fuhr sie fort: „Ich weiß, das muss jetzt verrückt für dich klingen, aber ich fürcht, er ist tot.“

„Das sollt sich rasch klären lassen. Es kommt nicht so oft vor, dass jemand spurlos verschwindet.“

„Wahrscheinlich ist ja auch gar nichts dahinter und ich bild mir nur was ein.“

„Schau ma mal.“

Rumpler ließ sich von ihr auf seinem Laptop einige Fotos des Verschwundenen ausdrucken. Sie zeigten einen Mann von etwa vierzig Jahren mit dunklem, wirrem Haar. Das Gesicht wirkte zerfahren, von einer inneren Unruhe durchdrungen.

„Ich werd den Alois Moser fragen, ob er dazu was weiß. Ich meld mich bei dir, sobald ich etwas herausgefunden hab.“

„Super. Danke für den herrlichen Salat. Das ist eine tolle Mischung, die Oliven mit den Granatapfelkernen. Muss ich mir merken.“

„Ich mag ihn auch sehr gern. Pass gut auf dich auf, Sonja.“

„Ich bin eh vorsichtig. Und danke für deine Hilfe. Übrigens – was ist das für ein komischer Anschlag bei euch unten am Schwarzen Brett? Wird euer Haus renoviert?“

„Ich fürchte, ja. Die bisherigen Eigentümer waren so angenehme Hausherren, schon ältere Herrschaften, und ich hab geglaubt, die hätten eigentlich nie einen Hausverkauf vorgehabt. Vielleicht ist ihnen die Arbeit mit dem Haus einfach zu viel geworden. Jetzt ist da leider nichts mehr zu machen und es soll alles renoviert werden. Unser alter Aufzug ist ja schon seit Jahren stillgelegt und jetzt soll in den Schacht auch noch ein neuer Aufzug eingebaut werden.“

„Aber das wird ja schrecklich für dich, mit dem Krach und dem Schmutz!“

„Das ist leider wahr. Ich schau mich eh schon nach einer Überbrückungsmöglichkeit um.“

„Ich halt dir die Daumen, dass du was Passendes findest.“ Nach der Verabschiedung drehte sie sich noch einmal kurz um. „Noch was hätt ich fast vergessen. Sag bitte Alma möglichst nichts von der ganzen Geschichte mit dem Anton Zargl, sonst macht sie sich nur unnötig Sorgen.“

Rumpler seufzte. „Das wird nicht einfach, aber ich versuchs.“

*

5.

Als Sonja gegangen war, dachte er kurz über ihren Wunsch nach, ihre Mutter Alma nicht zu informieren. Schwierig. Alma hatte ein mindestens ebenso feines Sensorium wie Sonja und es erschien Rumpler schier unmöglich, auf längere Sicht etwas Relevantes vor ihr geheim zu halten. Egal. Er hatte es Sonja versprochen und er würde es wenigstens versuchen. Einem plötzlichen Impuls folgend, trat er rasch ans Fenster und beobachtete, wie sie über die Straße zu ihrem winzigen Auto ging. Er entdeckte aber weder irgendwelche Verfolger noch sonst etwas Auffälliges. Während er mit der Linken Rosamunde sanft hinter den Ohren kraulte, rief er seinen Ex-Kollegen und Freund Alois Moser an, einen sehr erfahrenen Kriminalisten, der wenige Jahre vor seiner Pension stand.

Sein Anruf wurde in der Sekunde beantwortet. „Moser.“

„Hallo Stinker.“

Moser war weit davon entfernt, sich über die respektlose Anrede zu empören. Als ehemaliger Kettenraucher hatte er diesen Spitznamen von seinen Kollegen bekommen und sich mit der Zeit, auch in den späteren Jahren als strikter Nichtraucher, so an ihn gewöhnt, dass es ihm völlig normal erschien, so angesprochen zu werden.

„Hallo Hans. Wie geht’s dir?“

„Danke, ausgezeichnet. Und dir?“

„Na ja. Die Gitti hat sich vor zwei Monaten von mir getrennt. Es war ihr halt doch zu viel.“

Rumpler wusste ziemlich genau, welches zu viel Moser meinte, jene für die Angehörigen von Kriminalisten so schwierige Gemengelage aus völlig unregelmäßigen Dienstzeiten, zum Teil schwerstem Stress und oft gar nicht Aussprechbarem.

„Tut mir leid.“

„Geht schon wieder. Hat ja auch sein Gutes, das Alleinsein.“

Rumpler, der noch immer sein unerwartetes Glück mit Alma in vollen Zügen genoss, wollte das nicht näher kommentieren. „Ich hätt eine Frage, Stinker. Habts ihr vielleicht einen Verunglückten im Raxgebiet?“

Mosers Reaktion fiel heftig aus. „Woher weißt jetzt das schon wieder?“, stieß er hervor.

„Ich weiß gar nichts. Ich hab nur ein paar lose Anhaltspunkte.“

„Hm. Du und deine Anhaltspunkte. Also gut. Ja, gestern Abend ist dort ein Toter gefunden worden. Er dürft ein Stück oberhalb von einer Stelle, die Teufels Badstuben heißt, abgestürzt sein. Anzeichen für Fremdverschulden gibt es keine, wir haben die Meldung nur routinemäßig von den Kollegen gekriegt. Papiere hat er keine dabei ghabt, das Handy ist beschädigt und wird derzeit noch bearbeitet. Drum ist er noch nicht identifiziert, aber das kann nicht mehr lang dauern. Gemeldet hat sich bisher niemand, dem er abgeht.“

„Stinker, du hast sicher WhatsApp auf deinem Handy.“

„Hab ich.“

„Ich schick dir jetzt ein paar Bilder und du kannst schauen, ob das euer Mann ist.“

„Ok. Ich ruf dich gleich zurück.“

Rumpler schickte ihm zwei der Fotos, die ihm Sonja von Anton Zargl zur Verfügung gestellt hatte.

Zwei Minuten später rief ihn Moser an. Fassungslos. „Was ist das schon wieder für eine verfluchte Geschichte, Hans? Das ist unser Mann.“

„Ich mag nicht am Telefon drüber reden. Hast Zeit fürs Café Rathaus?“

„Ja, klar. Kannst in einer guten Stunde da sein? Ich muss vorher noch ein bissel was erledigen.“

„Kein Problem. Bis bald, Stinker.“

Rumpler räumte rasch das schmutzige Geschirr in den Geschirrspüler, versorgte Rosamunde mit einer kleinen Portion Trockenfutter, um ihr die Wartezeit zu verkürzen, und packte alle Unterlagen, die ihm Sonja zu Anton Zargl übergeben hatte, in eine Tasche. In seiner Aktivzeit war das Café Rathaus für Rumpler so etwas wie ein zweites Büro gewesen, das er besonders in schwierigen Situationen gerne und oft aufgesucht hatte, vor allem, wenn er das Gefühl gehabt hatte, in einem Fall stecken zu bleiben. „Schwimmen in Honig“, hatte Moser diesen Zustand früher genannt und Rumpler hatte wie schon so oft über die Treffsicherheit der Moserschen Formulierungen gestaunt, zumal dieser durchaus kein besonders belesener Mensch und auch kein Intellektueller war. Oder zumindest auf gar keinen Fall einer sein wollte.

Als er im Café Rathaus eintraf, war Moser bereits da. Der Stammplatz, den sie früher meistens benutzt hatten, war zu Rumplers Bedauern leider besetzt, aber immerhin hatten sie einen Tisch in einer der stark nachgefragten Fensternischen gefunden. Das Begrüßungsritual war ihm noch immer völlig vertraut, obwohl er Moser über ein halbes Jahr lang nicht getroffen hatte.

„Servus Stinker.“

„Servus Hans. Bevor du mir was erzählst, müssen wir bestellen. Auf nüchternen Magen halt ich das sonst nicht aus.“

Rumpler stimmte ihm zu. Während er eine Melange und ein Paar Sacherwürstel bestellte, nahm Moser neben einem doppelten Espresso noch eine Eierspeise von drei Eiern samt einer doppelten Portion Schinken. Zumindest hatte sich die Trennung von seiner Lebensgefährtin ihm nicht auf den Magen geschlagen. Ganz im Gegenteil, dachte Rumpler, während er kurz auf Mosers eindrucksvollen Bauch blickte, der das wie gewohnt zugeknöpfte Sakko straff gespannt hielt.

Moser hatte Rumplers Blick und Gedanken sofort verstanden. Er klopfte mit seiner Hand auf den Bauch. „Jetzt brauch ich wenigstens nimmer Diät halten. Ich hab den Grüntee und das Saftzeugs eh kaum mehr ausghalten. Hat alles auch sein Gutes.“

Für Rumpler war hinter Mosers Fröhlichkeit der Schmerz über die Trennung noch deutlich zu spüren.

Als der Kellner den Herren das Gewünschte gebracht hatte, widmeten sie sich ihrer Mahlzeit. Moser aß hastig. Die Ungeduld war ihm deutlich anzumerken.

Nachdem er in Windeseile seine Eierspeise samt Schinken gegessen hatte, kam er gleich zur Sache, während Rumpler noch mit seinem ersten Würstel beschäftigt war. „So. Und jetzt erzähl mir bitte, wie du in Dreiteufels Namen auf den Anton Zargl gestoßen bist.“

„Das hab ich von der Sonja.“

Moser blickte überrascht auf. Er kannte Sonja, die mit seiner Tochter Anna befreundet war, schon seit ihren Kindertagen. „Von der Sonja? Und wo hats die her?“

„Du weißt ja sicher von der Anna, Sonja hat mit ihrem Mann Max eine Firma für IT-Sicherheitsfragen. Der Anton Zargl war ein Schulkollege von ihr. Sie ist von ihm vor ein paar Tagen kontaktiert worden. Er war so eine Art selbst ernannter Enthüllungsjournalist und hat Sonja gegenüber behauptet, er wär an einer ganz großen Sache dran, etwas mit Drogen, die von der Polizei beschlagnahmt und dann wieder illegal in Umlauf gebracht werden, und bräuchte daher für seine Daten einen ganz besonderen Schutz. Sie hat das für eine Übertreibung gehalten, weil er schon in der Schule sehr oft behauptet hat, er hätte weiß Gott was entdeckt und dann war nichts dahinter. Er hat aber insistiert, dass er Hilfe braucht, und sie hat schließlich den Auftrag angenommen. Als sie ihn dann vorgestern nicht erreicht hat, hat sie so ein komisches Gefühl gehabt und mich kontaktiert. Aus einer Mail von ihm hat sie gewusst, dass er eine Wanderung im Raxgebiet vorhat und so bin ich zu dir gekommen.“

„Das ist ja eine komische Geschichte. Ich glaub, wir machen jetzt einmal unsere Hausaufgaben und sobald ich was hab, ruf ich dich an und wir setzen uns zusammen.“

„Bestens. Legts aber bitte die Untersuchungen sicherheitshalber so an, dass es keinen Verdacht auf Fremdverschulden gibt. Falls nämlich doch was dran sein sollte, dann hat vielleicht auch jemand von der Polizei die Finger im Spiel und das wär dann ganz heikel.“

„Ok. Ich glaub eigentlich, das ist alles nur heiße Luft, aber wenn du meinst …“

„Danke, Stinker. Die Sonja hat noch erwähnt, dass sie auf dem Schreibtisch vom Zargl einen Zettel mit einem gezeichneten Dreieck und etwas Text gesehen hat, der ihr interessant vorgekommen ist. Kannst du wen in die Wohnung schicken und den Zettel holen lassen?“

„Das wird kein Problem sein. Ich sags dir, wenn ich ihn hab.“

„Bestens. Seid ihr mit dem Handy vom Zargl schon weitergekommen?“

„Ja. Es war zwar vom Sturz beschädigt, drum hat das Ganze ein bissel gedauert, aber die Kollegen haben es trotzdem auswerten können. Es waren ein paar Fotos drauf, die er noch auf der Wanderung gemacht hat, weißt eh, nur Blumen und solche Sachen, nichts Brauchbares. Von den Zeitpunkten der Fotos her wissen wir, dass er um elf Uhr vier noch gelebt haben muss. Wann er dann gestorben ist, wissen wir nicht mit hundertprozentiger Sicherheit, aber es wird sicher nicht sehr viel später gewesen sein, weil das letzte Foto zeigt ein Bild von der Absturzstelle, das wir örtlich genau zugeordnet haben. Wir wissen natürlich nicht, wie lang er sich dort aufgehalten hat.“

„Kannst mir die Fotos per E-Mail schicken?“

„Geht nicht. Nicht mehr. Unsere E-Mails werden intern sehr oft kontrolliert. Aber papieren kannst du die Fotos natürlich haben. Ich hab dir einen Satz Kopien mitbracht.“ Er öffnete seine Aktentasche und übergab Rumpler eine dünne Mappe.

„Danke Stinker.“

„Die Sonja muss ich ja dann auch noch befragen, aber halt nur informell. Ich seh sie eh morgen, weil da besucht sie die Anna. Ich halt dich am Laufenden, Hans, falls sich irgendwas Interessantes ergibt. Ich glaub aber nicht. Auf den ersten Blick gibt’s überhaupt keinen Hinweis für ein Fremdverschulden. Aber weißt ja eh, grad in die Berg’ is so was immer schwierig, speziell wenns keine Zeugen gibt.“

„Ist schon klar. Schau ma mal.“

*

6.

Nach dem Kaffeehausbesuch beschloss Rumpler, noch einen kurzen Abstecher auf den Naschmarkt zu machen, um seine Vorräte an Käse, Oliven und sonstigen Antipasti aufzufüllen. Auf dem Weg dorthin kam er an einer jener Hundezonen vorbei, die mangels Alternativen von zahlreichen Hundebesitzern genutzt wurden, obwohl sie in ihrer Trostlosigkeit kaum zu überbieten waren. In ihrem Randbereich war ein überquellender Mistkübel, aus dem offensichtlich eine benützte Spritze herausgefallen war. Dieser Fund kam für Rumpler nicht unerwartet. Immer wieder hatte er in den letzten Jahren da und dort Zeichen von Drogenkonsum gesehen, wohl wegen seiner speziell geschulten Augen, die auch jetzt noch, Jahre nach seiner Pensionierung, imstande waren, Dinge, die andere meist gar nicht bemerkten, blitzartig zu erfassen.

Wie meistens bei seinen Naschmarkt-Besuchen weitete Rumpler seine ursprünglich recht karge Einkaufsliste kräftig aus, unter anderem um kleine schwarze, besonders aromatische Oliven, einige frische Feigen, eine Handvoll Kumquat, deren Zusammenspiel von Süße, Säure und einer leicht bitteren Note er sehr schätzte, und ein gutes Fladenbrot. Für Rosamunde kaufte er als besonderen Leckerbissen einige Shrimps. Rosamunde hatte nämlich Geburtstag, nicht wirklich, weil ihr tatsächlicher Geburtstag natürlich unbekannt war, aber Rumplers verstorbene Frau Elsa hatte schon bald nach Rosamundes Auffindung darauf bestanden, dass ein bestimmter Tag ersatzweise als ihr Geburtstag festgelegt und auch gehörig gefeiert wurde. Rumpler hatte das damals für völlig absurd erklärt, es aber nichtsdestotrotz nach Elsas Tod eisern beibehalten. Vor einigen Jahren hatte er, obwohl er selbst Meeresfrüchte eigentlich nicht so gerne aß, für einen Gast auf dessen speziellen Wunsch eine Portion gebratener Shrimps zubereitet und war damals von Rosamunde trotz ihres schon etwas fortgeschrittenen Alters mit unglaublichen Sprüngen verfolgt worden, als er das Essen von der Küche ins Wohnzimmer getragen hatte. Daran hatte er sich beim Kauf der Shrimps erinnert.

Als er mit seinen Einkäufen zu Hause eintraf, wurde er von Rosamunde sofort einer gründlichen Untersuchung unterzogen, die aus ihrer Sicht sehr vielversprechend verlief. Er briet die Shrimps leicht an und sie verströmten einen so verführerischen Duft, dass er doch selbst das eine oder andere Stück kosten musste. Es schmeckte ihm wider Erwarten so gut, dass nur Rosamundes strenger Blick ihn wieder zur Ordnung rief, und er nahm sich vor, in näherer Zukunft vielleicht auch für sich selbst ein diesbezügliches Koch-Experiment zu wagen. Mit einem Hauch Chili. Rosamunde fraß ihre Geburtstags-Shrimps mit einer Gier, als ob sie tagelang überhaupt kein Futter bekommen hätte.

„Happy Birthday, Luxuskatze“, knurrte er. Aber lächelnd.

Er ging zu seinem Schrank, und während er ihm eines der wenigen neuen Moleskine-Bücher entnahm, die er dort vorrätig hatte, wurde ihm bewusst, dass er mit diesem Akt Sonjas Sorge bezüglich Zargl zu einem seiner Fälle gemacht hatte. Ein erster Schritt war gesetzt, viele weitere würden folgen.

Er setzte sich an seinen Schreibtisch, öffnete das Buch, zeichnete auf die erste Seite ein großes Dreieck und legte das Blatt mit Zargls Zeichnung, das Sonja für ihn ausgedruckt hatte, vor sich hin. Sie wirkte insgesamt chaotisch, wie in großer Eile entstanden. Dominiert wurde sie durch ein großes Dreieck, dessen Eckpunkte an der Basis mit X und Z, an der Spitze mit Y markiert waren. Bei den Buchstaben standen jeweils einige hingekritzelte Wörter, manches war durchgestrichen. Bei Z stand Mann fürs Grobe, bei X technische Umsetzung und bei Y Leitung, Finanzen und zusätzlich noch in Großbuchstaben mit drei Rufzeichen INSIDER!!!. Im Zentrum des Dreiecks war eine seltsame Zeichnung von zwei nebeneinandergestellten, identen Figuren, die Rumpler Rätsel aufgaben. Die Basis stellte jeweils ein kleines Dreieck dar, an dessen Spitze ein Querbalken mit drei kurzen senkrechten, nach oben gerichteten Ästen war, was Rumpler an ein liegendes E erinnerte. Es konnten aber auch stilisierte Frauenfiguren sein, mit einem unten weiten bodenlangen Rock und oben einem kantigen Kopf samt links und rechts beschwörend emporgehobenen, ebenso kantigen Armen. Plötzlich begann eine Idee in ihm zu keimen. Sonja hatte erwähnt, dass Zargl ein Schachspieler war. Die seltsamen Figuren konnten daher auch gut und gerne stilisierte Türme eines Schachspiels darstellen, vielleicht genau jene Türme, von denen Zargl behauptet hatte, dass sie im Endspiel wichtig werden.

Rumpler machte sich bezüglich des Blattes, das vermutlich eine Ideenskizze Zargls für seinen geplanten Artikel gewesen war, einige Notizen in seinem Moleskine-Buch. Anschließend informierte er wie versprochen Sonja über das, was er von Moser bezüglich Zargl erfahren hatte, vor allem natürlich über dessen Tod. Sonja war sehr betroffen, aber nicht wirklich überrascht.

Gleich nach dem Gespräch schaltete er seine Kaffeemaschine ein. Während er darauf wartete, dass die Kontrollleuchte für die Vorwärmphase erlosch, wählte er aus seiner umfangreichen Sammlung von Mokkaschalen eine kleine, dickwandige weiße Espressoschale, die er aus einem Italienurlaub vor über zehn Jahren mitgebracht hatte. Seine Gedanken wanderten rückwärts, zu einem sonnendurchglühten Kirchenplatz in Sizilien. Die dortige Kirche war sehr groß gewesen, geradezu übermächtig für den kleinen Ort, an dessen Namen er sich nicht mehr erinnerte. Er war vor einem winzigen Café unter einem Sonnenschirm gesessen und hatte einen Espresso getrunken, aus genauso einer Schale wie eben jetzt. Dann war da plötzlich eine fast unwirkliche, filmartige Szene. Einige Autos langten ein, offenbar eine Hochzeitsgesellschaft. Während die Braut aus dem Auto stieg, einer überlangen Limousine mit abgedunkelten Scheiben, kam ihr der Brautvater mit ausgestreckten Armen entgegen. Rumplers geschulter Blick hatte bereits vorher die an allen strategisch wichtigen Stellen des Platzes positionierten drahtigen jungen Männer bemerkt, die offenbar zum Schutz der Hochzeitsgesellschaft abkommandiert waren. Der Hochzeitszug formierte sich und verschwand in der Kirche, die Bewacher behielten ihre Standorte bei. Alle blieben todernst, nur ein Jüngerer grinste Rumpler kurz verschwörerisch zu, wurde aber sofort von einem offensichtlich höherrangigen Kollegen durch eine winzige abschneidende Geste mit der linken Hand so zur Ordnung gerufen, dass seine Miene schlagartig einfror. Hier war ganz offensichtlich eine Organisation mit sehr strikten Regeln am Werk.

Das leise Zischen seiner Kaffeemaschine holte Rumpler aus seinem Tagtraum zurück, der aber doch insofern leicht nachwirkte, als er seinen Espresso etwas kürzer als sonst zubereitete. Während er mit Genuss den ersten Schluck trank, beschloss er, am nächsten Tag, für den gutes Wetter angesagt war, einen Ausflug auf die Rax zu machen, um den letzten Weg des Anton Zargl nachzugehen und sich vor Ort ein Bild von den Geschehnissen zu machen.

Rumpler überprüfte sorgfältig seine Wanderschuhe, die er längere Zeit nicht verwendet hatte. Sohlen und Bänder waren in tadellosem Zustand. Das war wichtig. Die Rax war keineswegs zu unterschätzen, trotz der weitgehend abgesicherten Wanderwege – und er war schließlich auch nicht mehr der Jüngste.

*

7.

Zu seiner Wanderung brach Rumpler ziemlich früh auf, um nicht in die Mittagshitze zu geraten. Er parkte sein Auto unter einigen großen Bäumen, die zumindest teilweise Schatten versprachen, und machte sich an den Aufstieg. Rumpler ging sehr langsam, setzte ganz bewusst Schritt vor Schritt und blieb zwischendurch immer wieder stehen, um die Umgebung in sich aufzunehmen. Mehrfach hatte er ziemlich hohe Leitern zu überwinden, die ihm sein Alter bewusst machten. Es war ihm klar, dass es eher unwahrscheinlich war, die Plätze zu finden, an denen Anton Zargl seine Fotos gemacht hatte. Trotzdem war er teilweise erfolgreich.

Nach etwa einer halben Stunde kam er nämlich zu einem großen Stein, hinter dem ein Blütenpolster üppig blühte, mit der Intensität und Leuchtkraft der Bergpflanzen. Ein Blick auf seine Fotosammlung brachte Gewissheit. Das graugrüne Moos auf dem Stein und auch die Form des Steins selbst ließen keinen Zweifel offen. An dieser Stelle war Anton Zargl gestern um genau zehn Uhr sechzehn gestanden, nur etwa eine Stunde von seinem Tod getrennt. Rumpler besah sich die anderen Fotos. Drei davon waren zu späteren Zeitpunkten gemacht worden, zwei hingegen schon vorher. Er zog aus seinem Rucksack, der neben einem Wetterschutz auch eine Jause enthielt, sein neu eröffnetes Moleskine-Buch und zeichnete eine Zeitlinie, auf der er als Beginn den Zeitpunkt jenes Fotos markierte, dessen Motiv er eben entdeckt hatte. Für die Zeitpunkte der drei später entstandenen Bilder setzte er im entsprechenden Maßstab Querstriche auf die Zeitlinie und schrieb die jeweiligen Zeiten darunter. Die Abstände von sieben, zwei und neununddreißig Minuten zwischen den Fotos drei bis sechs lieferten zumindest einen vagen Hinweis für den weiteren Verlauf von Anton Zargls Wanderung, an dem sich Rumpler orientieren konnte. Die Stellen, an denen die Fotos vier und fünf gemacht worden waren, fand er trotz intensiver Bemühungen nicht, so wenig charakteristisch waren ihre Motive. Erst beim sechsten und damit letzten Bild war Rumpler wieder erfolgreich. Die Leitern und die Teufels Badstuben genannte felsige und durch die Feuchtigkeit etwas glitschige Stelle lagen zu seiner Erleichterung bereits hinter ihm. Der Weg verlief auf einem Grat, der auf der einen Seite steil abfiel und einen spektakulären Ausblick bot. Ein Blick auf Foto Nummer sechs brachte Gewissheit. Hier hatte Anton Zargl, wie schon Moser gesagt hatte, sein letztes Foto geschossen und hier war er wohl auch abgestürzt. Ein aus Ästen hergestelltes kleines Holzkreuz, neben dem einige halb verwelkte Blumen lagen, bestätigte Rumplers Vermutung. Er besah sich die Umgebung gründlich. Unter der Annahme eines Fremdverschuldens für Zargls tödlichen Absturz war davon auszugehen, dass sich ein möglicher Angreifer, der über dessen geplante Wanderroute Bescheid wusste, weil er seine E-Mails ausspioniert hatte, hier auf die Lauer gelegt hatte. Eine einzige Stelle erschien Rumpler dafür geeignet, eine kleine Mulde, die durch einige Sträucher und Steine einen passablen Sichtschutz bot. Die Entfernung bis zur Absturzstelle betrug nur etwa vier Meter. Das war nahe genug, um jemanden, der vielleicht ein Foto von der atemberaubenden Aussicht machen wollte, nach ein paar schnellen Schritten in die Tiefe zu stürzen.

Routinemäßig kontrollierte Rumpler das mögliche Versteck auf etwaige Spuren. Anders als in zahlreichen Kriminalromanen fanden sich dort aber weder verräterische Zigarettenstummel noch leere Getränkedosen oder Ähnliches. Auch die Bodenbeschaffenheit wirkte völlig unverdächtig. Nach einigen Eintragungen in seinem Moleskine-Buch samt Skizze des Absturzortes machte sich Rumpler wieder auf den Weg, der zu seiner Erleichterung deutlich einfacher verlief als der doch recht anspruchsvolle Aufstieg. Er war bereits sehr hungrig, hatte aber nicht an der Absturzstelle essen wollen. Erst nachdem er gut einen Kilometer zurückgelegt hatte, schaute er sich um und fand einen als Sitzplatz geeigneten Stein. Während er mit Genuss sein mit Wurzelspeck belegtes Brot aß, dazu noch Paprikastreifen und kleine, besonders aromatische Paradeiser, ließ er seinen Blick schweifen und genoss die Ruhe.

Plötzlich war er hellwach. Ohne dass er hätte sagen können, worum es sich handelte, hatte etwas für einen Sekundenbruchteil seine Aufmerksamkeit eingefangen. Er bewegte sich nicht und ließ nur seinen Blick in völliger Konzentration über die Umgebung gleiten. Dann sah er es. Es handelte sich um ein in Tarnfarbe gehaltenes Kästchen von etwa zehn mal zehn Zentimeter, das sich beim Näherkommen als ausgezeichnet versteckte, kaum sichtbare Wildkamera entpuppte. Interessant. Rumpler wusste, wie unwahrscheinlich es war, dass noch andere Wildkameras so nahe am Weg angebracht waren, dass sie vielleicht auch Wanderer mit ihrem Bildausschnitt erfassten, aber einen Versuch war die Sache allemal wert.

Etwa drei Stunden später gab Rumpler daher im zuständigen Gemeindeamt an, er hätte auf seiner Wanderung möglicherweise ein verendetes Tier gesichtet. Sicher wäre er sich freilich nicht, aber er würde doch gern mit dem zuständigen Jäger sprechen. Man gab ihm ohne Weiteres Namen und Telefonnummer. Der Jäger, ein gewisser Ferdinand Haller, bat Rumpler, ihn, wenn möglich, zwecks näherer Angaben kurz zu besuchen, was diesem sehr gelegen kam.

Haller wohnte in einem uralten Blockhaus mit kleinen Fenstern. Der Eingang war so niedrig, dass Rumpler sich bücken musste, um ins Haus zu gelangen, das innen einen interessanten Gegensatz von altertümlichen Gerätschaften, wie etwa gusseisernen Pfannen verschiedener Größe, und modernem Inventar bot. Das Internet-Zeitalter hatte ganz offensichtlich auch vor diesem Haus nicht Halt gemacht. Haller war ein groß gewachsener Mann von etwa dreißig oder fünfunddreißig Jahren mit dunkelblondem Haar und graugrünen Augen, die zu gleichen Teilen Ruhe und Aufmerksamkeit ausdrückten. Er setzte seine Worte sehr bedacht.

Rumpler erklärte ihm seine Notlüge hinsichtlich des verendeten Tiers und gab sich als pensionierter Kriminalbeamter zu erkennen. Auf seine Frage bezüglich der Wildkameras ging der Jäger zunächst überhaupt nicht ein,

„Sie kommen sicher wegen des Verunglückten. Ihre Kollegen waren ja gestern auch schon bei mir.“

„Wie haben Sie denn von dem Unglück erfahren?“

„Ich bin bei der Bergrettung. Gestern hab ich Bereitschaft gehabt und hab gemeinsam mit meinem Kollegen den Toten raufgeholt.“

„Ich versteh. Mich interessieren eigentlich Ihre Wildkameras.“

Haller blickte kurz auf. „Aha. Die Kameras.“ Dann sagte er wieder länger nichts.

„Am Weg.“

Wieder eine Pause. Dann plötzlich. „Da gibt’s schon was.“ Der Jäger zog eine Wanderkarte hervor und legte sie vor Rumpler hin.

„Das ist der Weg zu Teufels Badstuben. Die Kreuzeln da zeigen, wo ich meine Kameras hab. Eine davon, die dicht am Weg oben montiert ist, ist seit gestern Vormittag ausgfalln. Vielleicht hats wer gstohln oder ein vermeintlicher Tierschützer hats zerstört. Kommt immer wieder vor.“

Rumpler war enttäuscht. „Dann gibt’s also von der ausgefallenen Kamera keine Bilder mehr.“

„Hrmpfh.“ Während seines kleinen Grunzers machte sich der Jäger mit erstaunlicher Geschicklichkeit daran, seinen Laptop zu bearbeiten. „Schau ma mal. Ich hab das so eingrichtet, dass ich die Bilder immer gleich auf den Laptop krieg. Ich bin nur noch nicht dazukommen, dass ich sie mir anschau, weil gestern is es sehr spät worden.“ Nach einer kleinen Pause kam Hallers Erklärung. „Das Feuerwehrfest.“

„Ich versteh.“ Rumpler beugte sich in gespannter Erwartung vor. „Welche Kamera ist denn gestern ausgfalln?“

Der Jäger wies auf einen der markierten Punkte auf der Karte, der nach Rumplers Einschätzung nur ein paar Hundert Meter hinter der Absturzstelle lag. Auf dem Bildschirm erschienen einige Fotos, unter denen jeweils Datum und Uhrzeit angeführt waren. Zwei davon zeigten einen Dachs. Das letzte Foto war um zehn Uhr fünfzig übermittelt worden. Es zeigte die Beine eines Menschen, vermutlich eines Mannes. Die vom Knie abwärts sichtbare Hose war unauffällig, die Schuhe machten einen kräftigen, soliden Eindruck.

„Könnt ich das Bild haben?“

„Klar. Ich schicks Ihnen.“

„Vielen Dank.“ Rumpler gab ihm seine E-Mail-Adresse.

„Wenn ihr das Gfrast erwischts, dann schauts, dass es zahlt!“

„Machen wir. Könnten Sie mir bitte Bescheid geben, ob die Kamera entfernt oder ob sie zerstört worden ist?“

„Kein Problem.“

Nach Hinterlassen seiner Telefonnummer sowie der Warnung, mit niemandem über die Angelegenheit zu sprechen, verließ Rumpler das Jagdhaus.

Für den Beweis eines Fremdverschuldens am Tod Zargls war das Foto der Wildkamera eine viel zu dünne Suppe. Trotzdem war der zeitliche Zusammenhang auffällig. Unmittelbar vor Anton Zargls tödlichem Absturz hatte jemand die nahe beim Weg montierte Wildkamera erkannt und funktionsunfähig gemacht. Noch etwas beschäftigte Rumpler. Wildkameras waren in aller Regel nicht einfach zu entdecken und es bedurfte einer sehr genauen Beobachtungsgabe, um sie zu orten. Wenn also bei Zargls Sturz doch Fremdverschulden im Spiel war, dann handelte es sich wohl um jemanden, der sehr gründlich vorging. In Rumpler begann Sorge um Sonja zu keimen.

Auf der Heimfahrt erreichte ihn ein Anruf von Moser. Er hatte einen Beamten in die Wohnung geschickt, aber trotz gründlicher Suche war der Zettel mit dem Dreieck unauffindbar. Der Beamte hatte zur Sicherheit auch den Papierkorb kontrolliert, ebenfalls ohne Erfolg. Sogar Zargls Putzfrau hatte man befragt, die aber auf Stein und Bein schwor, die Zeichnung nicht gesehen zu haben. Der Zettel, den Sonja auf Pritzlers Schreibtisch gesehen hatte, war verschwunden.

Als er wieder zu Hause angekommen war, kontrollierte er den Posteingang seines Laptops. Der Jäger hatte ihm, wie versprochen, das Bild geschickt, samt einer Nachricht, dass die Kamera zerstört, aber nicht entfernt worden war. Rumpler wählte den Bildausschnitt so, dass die Schuhe des Unbekannten gut zu sehen waren, und zoomte sie so nah wie möglich heran. Aus dieser Perspektive waren sogar die qualitativ hochwertigen Nähte im oberen Randbereich der Sohlen gut zu erkennen, ebenso wie ein kleines, rautenförmiges Emblem, das einen Buchstaben, ein in das Leder der Raute eingeprägtes K oder R, umgeben von einer kreisförmigen roten Ziernaht, einschloss. Immerhin. Die Schuhe waren nach Rumplers Einschätzung alles andere als Massenware, vielleicht sogar eine Einzelanfertigung. Eventuell ergab sich hier ein Anknüpfungspunkt.

Er beschloss, Moser über seine Entdeckung zu informieren, und vereinbarte mit ihm für den nächsten Tag um neun Uhr ein Frühstück im Café Rathaus.

*

8.

Anders als vom Wetterbericht angekündigt, zeigte sich der Morgen von seiner freundlichen Seite. Es war zwar etwas windig, aber keineswegs kalt. Nach seinem üblichen Morgenritual, das neben der Versorgung Rosamundes aus einem ziemlich umfassenden Gymnastik-Training samt einigen Übungen aus dem Bereich des Kampfsports sowie einer luxuriös langen Dusche bestand, freute sich Rumpler über seinen Spaziergang zum Café Rathaus.

Moser war bereits im Café. In Anbetracht seines morgens meist ziemlich niedrigen Blutdrucks bestellte Rumpler zunächst einen doppelten Espresso.

„Stinker, der Tote auf der Rax lässt mir keine Ruh’. Ich hab mich gestern vor Ort umgeschaut und hab noch einen Platz, von dem aus der Anton Zargl fotografiert hat, gefunden. Das letzte Foto, das er knapp nach elf Uhr geschossen hat, hat er ja, wie du gesagt hast, direkt von der Absturzstelle aus gemacht.“

„Aber das bringt dich auch nicht weiter.“

„Nicht wirklich. Ich hab aber auch mit dem reviermäßig zuständigen Jäger gesprochen und ihn wegen Wildkameras gefragt. Er hat ein paar ganz in der Nähe vom Weg, der über Teufels Badstuben führt, montiert. Eine davon, die sehr nahe an der Absturzstelle liegt, ist ungefähr eine Viertelstunde, bevor Zargl sein letztes Foto gemacht hat, von jemandem zerstört worden.“

„Das könnt aber auch der Zargl selbst gewesen sein. Vielleicht war er ja so ein militanter Tierschützer.“

„Nein, mit der Wildkamera hat er nichts zu tun gehabt. Das letzte Bild, das die Wildkamera gemacht hat, bevor sie zerstört worden ist, ist automatisch auf den Laptop des Jägers übertragen worden. Es zeigt ein Paar Wanderschuhe – ziemlich spezielle Wanderschuhe. Ganz anders als die, die der Zargl auf den Fotos, die ihr von ihm gemacht habts, getragen hat.“ Rumpler zog aus seiner Tasche einen Ausdruck des entsprechenden Fotos. Moser blickte das Bild konzentriert an, die Stirn gerunzelt. Endlich gab er es Rumpler zurück.

„Für einen Zufall ist das eigentlich fast ein bissl viel.“

„Das glaub ich auch. Dazu kommt, dass die Kamera durch den Jäger ziemlich gut getarnt war. Dass sie entdeckt und zerstört worden ist, wirkt auf mich fast wie Profiarbeit.“

Mosers Antwort war konzilianter als sein skeptischer Blick. „Könnt natürlich sein. Ich werd einmal einen Kollegen auf die Sache ansetzen.“

„Wart ein bissl. Ich hab dir eh gsagt, wenn es wirklich stimmen sollte, dass der Anton Zargl an einer ganz großen Sache dran war, in der auch bei den Behörden was schiefläuft, dann wär das sehr heikel. Ich glaub, wir sollten das bis zu einer Abklärung nur ganz informell verfolgen.“

„Aber die Sonja kannst dann auch nicht für deine IT-Recherchen einsetzen, weil wenn der Zargl tatsächlich unter Beobachtung war und womöglich umbracht worden ist, dann ist sie auch gefährdet.“

„Da hast natürlich recht. Ich glaub, wenn ich Hilfe brauch, hol ich sie mir diesmal beim Max.“ Max Felsinger war, wie Rumpler aus praktischer Erfahrung wusste, ein ebenso fachkundiger wie nervenstarker Mann und damit genau wie seine Frau Sonja für sensible Recherchen bestens geeignet.

„Ich glaub, das ist eine gute Idee. Also verbleiben wir bis auf Weiteres so: Offiziell gibt es beim Tod vom Zargl keinen Verdacht auf Fremdverschulden und daher auch keine weitere Involvierung der Polizei, außer natürlich die normalen Routinen bei Unfällen. Hast du Zugang zu den Computerdaten vom Zargl?“

„Ja. Sonja hat sich alles heruntergeladen, wie er sie um Hilfe gebeten hat. Sie hat das Material gründlich gesichtet und analysiert, aber nichts Relevantes gefunden. Sie hat aber auf seinem Schreibtisch diesen Zettel mit dem Dreieck gesehen, den ihr gestern gesucht habt. Ganz oben ist Info Pritzler gestanden. Sonja hat davon ein Foto gemacht.“

Moser war spürbar ungehalten. „Das hättest mir aber gleich sagen können. Für was hab ich dann den Kollegen hinfahren lassen, wennst eh eine Kopie hast?“

„Weil es mir lieber gewesen wär, wenn der Zettel nicht in der Wohnung herumliegt. Sicherheitshalber.“

Mosers kleiner Grunzer drückte zu gleichen Teilen Unmut und Verständnis aus. Rumpler zog die entsprechende Kopie aus der Tasche und reichte sie ihm.

„Schau, das ist die Zeichnung. Auf den ersten Blick wirkt sie ein bissl komisch, nicht sehr professionell. Ich vermute, das war eine Art Ideenskizze für den Artikel, den der Zargl veröffentlichen wollte. Er hat laut Sonja von diesem Reinhard Pritzler einen Tipp bekommen, dass es im Nahbereich der Polizei ein Problem mit Drogen gibt. Federführend soll dabei anscheinend der sein, den er auf dem Blatt mit Y bezeichnet hat. Der Y arbeitet angeblich bei der Polizei oder im Ministerium in einer höheren Funktion, soll aber gleichzeitig im Drogenmarkt eine große Nummer sein. Ein anderer, den Zargl mit X bezeichnet hat, soll das Recycling der Drogen organisieren und der dritte, alias Z ist laut Zargls Zeichnung der Mann fürs Grobe.“

„Pritzler, Pritzler – der Name sagt mir was. Ja, klar, Pritzler hat der Drogentote geheißen, der vor Kurzem an einer Überdosis gestorben ist.“ Er schnaufte heftig. „Hans, das Ganze ist eine verfluchte Geschichte. Wahrscheinlich ist das eh nur heiße Luft und der Zargl hat sich was zusammengereimt. Falls aber doch was dran sein sollte, dann ist es brandgefährlich. Dann sind nämlich Profis am Werk, die viel zu verlieren haben. Schad, dass wir dafür niemanden beiziehen können, der sich in solchen Fragen gut auskennt.“

„Also mir fällt schon einer ein, der was wissen sollt, aber ich weiß nicht, ob das geht.“

„Wer sollt das sein?“

„Der Yeti.“

Moser fuhr kerzengerade in die Höhe und starrte Rumpler fassungslos an. „Der Yeti? Den kannst doch nicht fragen!“

Der Yeti war in Polizeikreisen, aber nur unter den älteren Kollegen, eine Legende. Er war bereits seit etwa zehn Jahren in Pension. Zu seiner Zeit hatte er über ein unglaublich dichtes Netzwerk an wichtigen Kontakten verfügt und war neben gut zwanzig Jahren im Polizeidienst für mehrere Jahre als Sicherheitsberater diverser Staaten, vor allem im arabischen Raum, tätig gewesen. Der Yeti war schwerreich, auch durch seine Heirat. Seine Frau stammte aus einer der großen Weinproduzentenfamilien Frankreichs, die im Burgund ein prachtvolles Château besaß. Seine natürliche Autorität hatte meist automatisch eine Hemmschwelle errichtet, die verhindert hatte, mit ihm direkt in Kontakt zu treten. Seinen Spitznamen verdankte der Yeti übrigens nicht so sehr seiner riesenhaften Gestalt, sondern der Tatsache, dass er in Angelegenheiten seines Gartens keinen Spaß verstand und ihn mit einer beispiellosen Akribie pflegte und jätete. Die überaus gepflegten öffentlichen Gärten waren schlampig im Vergleich zum Garten des Yeti, der wegen dieser seiner Leidenschaft von den Kollegen eigentlich Jäti genannt worden war. Obwohl er auch ein wenig wie ein Yeti aussah. Und diesen legendären, geheimnisumwitterten alten Mann wollte Rumpler kontaktieren.

„Unmöglich“, beharrte Moser. „Mit dem Yeti kann keiner einfach so reden.“

„Ich glaub, ich könnts. Er hat mich vor fast zwanzig Jahren nach einem wichtigen Fall zu sich eingeladen, hat mir gratuliert und gesagt, wenn ich einmal wo nicht weiter kann und Hilfe von ihm brauch, dann soll ich zu ihm kommen.“

„Wer weiß, gibt’s ihn überhaupt noch? Er hat ja auch nicht das ewige Leben.“

Rumpler war sich da nicht so sicher. „Schau ma mal.“

„Und wenn er noch lebt, wer weiß, ob er sich noch erinnert, was er dir versprochen hat.“

„Der Yeti vergisst nichts. Niemals.“

Moser grunzte etwas Unverständliches. „Probieren kannst es ja. Erzähl mir, was rauskommt.“

„Mach ich.“

*

9.

Nachdem die Herren sich voneinander verabschiedet hatten, war ihre Stimmung diametral entgegengesetzt. Während Moser noch immer heftig mit der Tatsache haderte, dass er als Kriminalist trotz eines gewissen Verdachts keine offizielle Untersuchung vornehmen konnte, fühlte sich Rumpler wie in alten Zeiten vom Jagdfieber gepackt, geradezu beflügelt. Er hatte wieder einen Fall.

Als er bei Rosamunde eintraf, glücklicherweise mit etwas faschiertem Kalbfleisch versehen, übertrug sich seine angenehm aufgeregte Stimmung augenblicklich auch auf sie. Rosamunde erkletterte in der Küche ihren Beobachtungsplatz, überwachte Rumplers Vorbereitungen und genoss dann ihre vorzügliche Mahlzeit.

Rumpler ging ins Wohnzimmer und machte sich auf die Suche nach dem Kistchen mit den von ihm über Jahrzehnte gesammelten Visitenkarten, in dem er auch eine Karte des Yeti vermutete. Er rechnete zwar damit, dass sich dessen Telefonnummer mittlerweile geändert haben würde, aber mit etwas Glück konnte die Adresse noch aktuell sein. Schließlich entdeckte er unter einem Stapel von Papieren das sorgfältig gearbeitete dunkelbraune Holzkistchen mit seiner alphabetischen Registereinteilung, sah aber nicht unter dem Buchstaben S nach, wo die Karte des Yeti, der eigentlich Bernhard Schaffer hieß, zu vermuten war, sondern blätterte kurze Zeit wahllos darin. Erinnerungen tauchten auf, auch der eine oder andere schon längst verstorbene Kollege wurde durch seine Karte für Rumpler wieder lebendig. Schon nach kurzer Zeit rief er sich aber zur Ordnung und blätterte die unter S abgelegten Karten durch. Tatsächlich, da war die Karte, zwar schon etwas vergilbt, aber noch immer sehr edel, aus vorzüglichem Karton hergestellt, mit erhabener Schrift, wie sie nur durch den Einsatz einer eigens gravierten Metallplatte möglich war. In der Zeit des Digitaldrucks ein wunderbares Relikt, wie Rumpler dachte. Die Karte wies eine Adresse im 19. Bezirk auf, mit einem Gassennamen, der ihm nichts sagte. Jetzt, wo er die Möglichkeit für die Kontaktnahme zum Yeti in Händen hielt, wehten ihn plötzlich doch leise Zweifel an, ob es wirklich richtig war, ihn aufzusuchen. Vielleicht war er ein schwerkranker Mann, der sich durch die Rumplersche Anfrage belästigt fühlen würde, oder, schlimmer noch, das früher untrügliche Gedächtnis des Yeti war altersbedingt geschwunden und jenem nebelhaften Durcheinander gewichen, das so oft als deprimierende Begleiterscheinung des Alterns auftritt.

Egal. Rumpler wollte die Möglichkeit, den legendären Yeti um Hilfe zu bitten, nicht außer acht lassen. Er beschloss, ihm ein kurzes Schreiben in den Briefkasten zu werfen, in welchem er ihn um Kontaktnahme bat. Rumpler brauchte ziemlich lange, bis er ein ihm geeignet erscheinendes Kuvert samt passender Karte gefunden hatte. Auch den Text schrieb er, ganz gegen seine sonstigen Gewohnheiten, zunächst nur probeweise auf einen Block – aus Respekt vor dem Yeti. Vor allem bei der Anrede zögerte er länger. Der Yeti hatte ihm seinerzeit bei seinem überraschenden Hilfsangebot das Du-Wort angetragen, das zu verwenden Rumpler aber durch etwa zwanzig kontaktlose Jahre fast wie eine Anmaßung vorkam. Schließlich gab er sich einen Ruck, schrieb trotz seiner Bedenken einfach Lieber Bernhard, ersuchte ihn um Kontaktnahme, ohne in irgendeiner Weise auf das Thema selbst einzugehen, und fügte seine Kontaktdaten hinzu. Er steckte die fertige Karte ins Kuvert, ohne es zuzukleben, stärkte sich noch rasch mit einem kleinen Espresso und machte sich auf den Weg in den 19. Wiener Bezirk – Döbling.

Das Navigationssystem seines Autos führte ihn in einen ihm kaum bekannten Teil von Döbling, in dem die Straßen immer schmaler und die Villen samt den sie umgebenden parkartigen Gärten immer größer wurden. Als er schließlich bei der auf der Karte angegebenen Hausnummer war, sah er, dass dort wie bei den meisten Häusern dieser Gegend kein Namensschild angebracht war. Rumpler beschloss, trotzdem den Versuch der Kontaktnahme zu wagen. Er hob die massive Klappe des in die Einfriedungsmauer eingelassenen Messingbriefkastens, registrierte die ebenso unauffälligen wie umfassenden Sicherheitseinrichtungen, sah durch das schmiedeeiserne Gartentor zwei belgische Schäferhunde, die ihn zwar nicht verbellten, aber umso genauer beäugten, und warf sein Kuvert ein. Eine Kamera bewegte sich unter leisem Surren. Man hatte ihn offensichtlich registriert. Eben als er sich umdrehte, um zu gehen, knackte die Gegensprechanlage. Er verharrte kurz und lauschte gebannt, fassungslos.

„Komm doch herein, Hans.“

Nahezu zeitgleich erschien ein junger, vermutlich arabischstämmiger Mann, der Rumpler entgegenging und ihn höflich begrüßte, nachdem er den Hunden signalisiert hatte, dass dieser ein willkommener Gast war. „Herr Schaffer erwartet Sie im Pavillon. Würden Sie mir bitte folgen?“ Seine gepflegte Sprache war praktisch akzentfrei.

Rumpler folgte seinem Führer über einen Kiesweg, der zunächst zwischen unglaublich präzise geschnittenen Hecken verlief und erst nach etwa zwanzig Metern den Blick auf den riesigen parkartigen Garten freigab. Auf der rechten Seite Rumplers lag eine Villa, die wohl im frühen 20. Jahrhundert erbaut worden war, mit großen, durch kunstvoll geschwungene Holzstege aufgelockerten Fensterflächen, während halb links ein stark mit wildem Wein bewachsener Pavillon stand, auf den sein Führer jetzt zusteuerte. Der Pavillon stand am Ufer eines kleinen Teichs, über den eine aufgewölbte Holzbrücke führte. Sie erinnerte Rumpler in ihrer schlichten perfekten Schönheit an japanische Gärten, die er einmal in Kyoto gesehen hatte, vor etwa zwanzig Jahren, als sein Chef plötzlich erkrankt war und er ihn auf einem internationalen Polizeikongress in Japan hatte vertreten dürfen.

An dem großen runden Marmortisch im Pavillon saß ein riesenhafter Mann, leicht vornübergebeugt, unbeweglich wie ein Berg. Der Yeti. Die beiden Hunde, die den Männern zunächst im Abstand von einigen Metern gefolgt waren, liefen ihnen voraus, schlank und beweglich, mit schwingenden Rücken. Hätte Rumpler nicht aus seiner Zeit bei der Kriminalpolizei die Wachsamkeit und unglaubliche Leistungsfähigkeit dieser Tiere kennengelernt, er hätte sie sicher unterschätzt. Der Yeti blickte auf, während er die Hunde zärtlich hinter den Ohren kraulte. Es war schwer, sein Alter zu schätzen, vor allem deshalb, weil seine tief liegenden Augen gleichzeitig große Ruhe und volle Konzentration ausstrahlten. Er war irgendwie alterslos.

„Schön, dass du da bist, Hans. Ich hab schon gedacht, du kommst überhaupt nicht mehr.“ Der Händedruck des Yeti war fest wie der eines jungen Mannes.

„Danke, dass ich zu dir kommen darf.“

„Ich hab dir doch damals vor …“ Der Yeti zögerte ganz kurz, bevor er fortfuhr. „… achtzehn Jahren gesagt, dass du zu mir kommen kannst, wennst was brauchst. Übrigens warst du in den letzten Jahren seit deiner Pensionierung bald noch erfolgreicher als vorher.“

„Manchmal stolper ich in einen Fall hinein und dann lässt er mich nimmer los.“

Der Yeti lachte. „Ich kenn das gut. Geht mir auch manchmal so. Aber bevor wir besprechen, was dich herführt, werden wir was trinken.“

Der junge Mann, der sich während der Begrüßung diskret im Hintergrund gehalten hatte, trat näher, um ihre Wünsche aufzunehmen. Er war dabei freundlich, aber zugleich auch auf wohltuende Weise selbstbewusst, ohne jeden Anflug von Devotheit. Rumpler ersuchte um einen doppelten Espresso, der Yeti nahm Grünen Tee. In einer Nische des Pavillons war die komplette Technik zur Getränkezubereitung untergebracht, so gut wie unsichtbar.

Der Kaffee begeisterte Rumpler mit seinen intensiven Aromen, er war mild und stark zugleich. Auf der Innenseite der Schale setzten sich deutliche Schlieren ab, die von dunklem Braun bis zu hellem Ocker reichten. Es tat ihm gut, hier mit diesem klugen alten Mann schweigend zu sitzen, einfach nur da zu sein und den Kaffee zu genießen. Nach ein paar Minuten kam der junge Araber wieder, mit einem kleinen Tablett handlich geschnittener, sehr sorgfältig gerichteter Gurkensandwiches.

Rumpler kannte diese klassische Begleitung der Tea Time nur aus alten Filmen und freute sich sehr über die nostalgische Jause. Noch immer aßen und tranken sie schweigend, in stillem Einvernehmen. Während der junge Mann das Geschirr abservierte, hatte Rumpler Gelegenheit, die in ihren Farben und Formen perfekt ausgewogenen Blumenbeete in der näheren Umgebung des Pavillons zu bewundern.

Schließlich ergriff der Yeti das Wort. „So. Jetzt können wir reden. Ich hab einen Vorschlag, Hans. Ich geb dir zu einigen Themen, die mich derzeit beschäftigen, ein paar Stichworte und du sagst mir, ob dich davon was interessiert.“

Rumpler öffnete für einen Sekundenbruchteil den Mund, schloss ihn aber gleich wieder. Er war etwas ratlos und hatte Mühe, seine Enttäuschung zu verbergen. Er hatte sich Hilfe vom Yeti erhofft, zumindest einen guten Rat, aber da war wohl nichts zu machen.

Während der Yeti unmerklich lächelte, begann er zu erzählen.„Da ist diese Sache mit den Kunstwerken, Bildern vor allem, auch ein paar Skulpturen, ziemlich viel Geld im Spiel, Preismanipulationen, vielleicht sind auch ein oder zwei öffentliche Stellen beteiligt. Das ist das erste Thema.“

Rumpler begann sich einzugestehen, dass der Besuch beim Yeti ein Fehler gewesen war. Trotzdem behielt er aus Höflichkeit weiter seine Rolle als aufmerksamer Zuhörer bei.

„Dann ist da diese Geschichte mit einem internationalen Baukonzern, der auch bei uns in Österreich erstaunlich schnell Erfolg mit seinen Projekten gehabt hat, obwohl seine österreichischen Mitbewerber auf ihre Baubewilligungen eher lange warten müssen, und bei dem Konzern läuft es wie geschmiert. Auch das Aufkaufen von interessanten Objekten, vor allem von Grundstücken, klappt viel besser als bei den Mitbewerbern. Aber ich glaub, das ist auch nichts für dich. Du bist sehr lange nicht zu mir gekommen, obwohl du gerade in den letzten Jahren ein paar wirklich schwierige Fälle behandelt hast. Ich hab das ziemlich genau verfolgt. Wenn du jetzt doch zu mir kommst, dann ist in diesem Fall etwas anders als sonst und das macht dir großes Kopfzerbrechen.“

Rumpler horchte auf und der Yeti fuhr fort.

„Ich glaub, es geht um einen Verdacht, der sich direkt oder indirekt gegen jemand bei der Polizei oder im Innenministerium richtet. Sehr, sehr unangenehm. Du kannst dich nicht an deine ehemaligen Kollegen wenden, weil sie vielleicht selbst involviert sind.“

Mittlerweile starrte Rumpler den Yeti wie gebannt an, der seine Überlegungen fortspann.

„Kleine Schwachstellen gibt es immer bei der Polizei, hat es immer gegeben und wird es immer geben. Das ist nicht schön, aber es ist normal. Das Gesetz der großen Zahlen. Aber wegen so etwas würdest du nicht zu mir kommen. Das ist ein großer Fall.“ Der Yeti lehnte sich zurück und schloss die Augen, bevor er weitersprach. „Ich glaub, du kommst zu mir wegen der einzigen wirklich großen Geschichte, die ich derzeit verfolge, und bei der geht es um Drogen, genauer gesagt um Drogenrecycling.“

Nach einer längeren Pause, die Rumpler die Möglichkeit gab, seine Fassung wieder einigermaßen zu gewinnen, öffnete der Yeti seine Augen und blickte ihn an.

„Hab ich recht? Treffer?“

In seinem Gesichtsausdruck las Rumpler keine Frage, sondern Gewissheit. „Volltreffer.“

„Gut. Dann erzähl einmal, worum es genau geht und was das Ganze mit dir zu tun hat.“

Rumpler holte tief Luft. „Sonja, die Tochter meiner Lebensgefährtin Alma, betreibt mit ihrem Mann Max eine Firma für IT-Sicherheitsfragen.“

Der Yeti unterbrach ihn kurz. „Almas verstorbener Mann war Bildhauer?“

Rumpler nickte und der Yeti fuhr fort. „Ich hab die Alma vor ungefähr acht Jahren kennengelernt. Eine zauberhafte Person. Meine Frau und sie haben sich auf Anhieb sehr gut verstanden und sehen sich auch immer wieder.“

Gleichzeitig wies er, quasi zur näheren Erklärung, auf eine etwa einen Meter große Steinskulptur, die in einer gemauerten, mit wildem Wein überwucherten Nische stand – offensichtlich ein Werk von Almas verstorbenem Mann. Rumpler kam aus dem Staunen nicht heraus.

„Aber entschuldige, Hans, ich hab dich unterbrochen.“

Rumpler fuhr mit seinem Bericht fort. Als er zum tödlichen Absturz auf der Rax kam, blickte der Yeti kurz auf.

„Davon hab ich gar nichts gehört.“

„Es war auch nur eine ganz kleine Meldung in den Zeitungen über einen Bergunfall. Kein Verdacht auf Fremdverschulden. Ich hab aber noch ein bissl vor Ort recherchiert und dann auch mit einem Ex-Kollegen darüber gesprochen.“

„Wer war das?“ Die Frage des Yeti klang wesentlich schärfer, als sie beabsichtigt war.

„Ein gewisser Moser, Alois Moser, mit dem ich fast zwanzig Jahre zusammengearbeitet hab.“

„Moser, Moser.“ Der Yeti runzelte die Stirn. Plötzlich hellte sich seine Miene auf. „Der Stinker!“

Rumpler lachte. „Genau.“

„Guter Mann. Großartiger Pistolenschütze. Ein bissl schnell manchmal, aber ganz in Ordnung. Und sonst weiß niemand bei der Polizei davon?“

„Nein, niemand.“

„Das ist gut. Schau drauf, dass das so bleibt. Das Ganze ist eine heikle Geschichte. Die Drogen, die von der Polizei aufgegriffen und beschlagnahmt werden, müssen ja nach einer gewissen Zeit unter Aufsicht vernichtet werden. Dafür haben wir früher immer nur Polizeibeamte eingesetzt. Dann hat irgendein Berater des vorherigen Innenministers die grandiose Idee gehabt, die diesbezüglichen Kosten zu senken, indem die Verwahrung und die gesicherte Vernichtung der Drogen an eine externe Firma ausgelagert wurden. Diese Firma ist natürlich nach allen Regeln der Kunst kontrolliert worden. Das neue Modell hat sich offiziell sehr bewährt. Es funktioniert wirklich gut, aus meiner Sicht fast zu gut. Inoffiziell hat es noch vor ein paar Jahren immer wieder Gerüchte gegeben, dass da was nicht ganz in Ordnung ist. In letzter Zeit hat man aber nichts mehr davon gehört. Es traut sich keiner mehr, etwas dagegen zu sagen. Insgesamt sind die Aufgriffe von Drogen seit der Einführung des neuen Modells angestiegen. Nicht schlagartig, aber doch, und auf längere Sicht wirklich signifikant. Damit hat die beauftragte Firma mehr Arbeit bekommen, als ursprünglich angenommen, und verdient natürlich auch wesentlich mehr. Also sind alle zufrieden und es gibt keinen Grund, an diesem Erfolgsmodell irgendwas zu ändern. Da will keiner als Nestbeschmutzer dastehen.“

„Ich versteh. Es ist alles in bester Ordnung und trotzdem stinkt das Ganze ein bissl.“

„Ja, das tut es. Ich mach dir einen Vorschlag, Hans. Heute ist Dienstag. Gib mir bis Anfang nächster Woche Zeit. Bis dahin werd ich nachdenken und auch das eine oder andere Gespräch führen. Am Montagnachmittag, sagen wir um drei, kommst wieder zu mir, dann geb ich dir Bescheid, ob ich dir in der Angelegenheit helfen kann.“

„Bestens, vielen Dank.“

„Hast noch Zeit für eine Runde im Garten, bevor du gehst?“

„Sehr gerne.“

Die Herren erhoben sich und der Yeti ging voran. Er hielt sich für sein Alter und sein Gewicht erstaunlich gerade. Die Rasenflächen hatten eine Qualität, wie sie sonst nur auf bestens gepflegten Golfplätzen anzutreffen war. Etwa zwanzig Meter vom Pavillon entfernt erreichten sie eine aus Natursteinen errichtete etwa zwei Meter hohe Mauer, die keinen Durchblick gewährte.

Als sie eine Zeit lang entlanggegangen waren und sich einem schmiedeeisernen Tor näherten, hielt der Yeti kurz an und drehte sich zu Rumpler um. Seine Augen leuchteten. „Jetzt zeig ich dir meinen geheimen Garten, Hans. Vor ein paar Jahren hab ich das Glück gehabt, dass das Nachbargrundstück verkauft worden ist und ich habs gleich gekauft. Jetzt wirst schauen!“

Und tatsächlich! Rumpler staunte wie ein Kind. Es war, als wären sie durch das Tor in eine andere Welt eingetreten, die im krassen Gegensatz zu dem unglaublich gepflegten Garten stand. Hier herrschte eine farbenfrohe Wildheit, das hohe Gras war nicht geschnitten, Unmengen von Blumen aller Farben und Formen blühten, vor allem Bienen, aber auch Hummeln, Schmetterlinge und Weinschwärmer waren höchst aktiv und erfüllten die Luft mit ihrem Gebrumm und Gesumm. Immer wieder wurden die Herren von dem einen oder anderen Blütenduft angeweht, es war paradiesisch.

„Den wilden Garten verdank ich dem Faris und seinen zwei Brüdern. Faris ist der, der dich abgeholt hat. Sehr vielseitig begabte junge Menschen, alle drei. Ich hab die ganze Familie im Gärtnerhaus einquartiert. Der Vater war in Syrien Universitätsprofessor für Archäologie und ich hab ihn und seine Familie vor ein paar Jahren bei einer längeren Reise im arabischen Raum näher kennengelernt. Sie sind als Mitglieder der christlichen Minderheit in den letzten Jahren stark verfolgt worden und als auf ihre Kirche ein schweres Attentat verübt worden ist, sind sie geflüchtet. Sie haben in Österreich Asyl bekommen und ich hab die Familie bei mir im Gärtnerhaus, das ja ziemlich groß und ohnehin leer gestanden ist, einquartiert. Arbeit für die jungen Leute gibt’s bei mir auch mehr als genug. Als ich dann den Nachbargrund gekauft hab, wollt ich ja ursprünglich alles genauso machen wie bisher, aber der Faris und seine Brüder haben bei sich zu Hause Bienenstöcke gehabt und gefragt, ob sie hier auch welche haben können. Dann haben sie natürlich auch Futterpflanzen für die Bienen gebraucht, also hab ich auf die Rasenflächen verzichtet und die wilde Wiese ist gewachsen. Ich war am Anfang sehr skeptisch, aber jetzt helf ich dem Faris manchmal sogar beim Imkern. Der wilde Garten macht mir jetzt schon mehr Freud als die ganze gepflegte Anlage beim Haus.“ Der Yeti strahlte. Die Freude an seinem geheimen Garten war ihm deutlich anzusehen. Die Durchquerung der großen Wiese nahm gut fünf Minuten in Anspruch, bis sie zu einem Biotop von etwa acht bis zehn Metern Länge kamen, an dessen Ufer zahlreiche Wasserpflanzen wuchsen, die vorwiegend leuchtend gelbe Blüten trugen. Im Uferbereich gab es einen mächtigen, stark bemoosten Felsen, der etwa zur Hälfte von einem feuerrot leuchtenden mittelgroßen Ahornbaum beschattet wurde.

„Da sitz ich öfters, die Frösche, Lurche und Ringelnattern beobachten, aber man muss sich gut einschmieren, sonst fressen einen die Gelsen.“

Rumpler war fasziniert. „Das ist ja ein wunderschöner Platz.“

„Schon. Aber lass dich nicht täuschen. Unter der Wasseroberfläche gibt es ein Problem. Schau einmal genau hin.“

Rumpler beugte sich vor und blickte konzentriert ins bräunlich-grüne Wasser. Plötzlich sah er es, lange grüne schleierartige Fäden, die in der leichten Strömung hin- und herschwangen.

„Sind das Algen?“

„Ja, und zwar Fadenalgen. Ich zeig dir jetzt was.“ Der Yeti hob einen etwa zwei Meter langen Stab auf, an dessen Ende eine längliche Bürste befestigt war, und tauchte ihn ins Wasser. Als er ihn wieder herauszog, kamen einige der Algen, lange, dünne Fäden, zum Vorschein. Der Yeti entfernte sie von der Bürste. „Sie können leicht abreißen. Aber das war noch nicht alles. Pass auf!“

Wieder tauchte er den Stab ein, diesmal etwas tiefer als zuvor, und als er ihn herausholte, haftete daran ein unglaublich großes Geflecht von Algen, wie ein giftgrünes triefendes Tuch. Offensichtlich hatte sich darin ein Lurch verfangen, der sich aus eigener Kraft nicht mehr befreien konnte und verzweifelt um sein Leben kämpfte. Der Yeti befreite ihn behutsam von den mörderischen Fäden und entließ ihn wieder ins Wasser.

„Da siehst du, wie tückisch das Zeug ist. Das bringt alles um, wenn man nichts unternimmt. Und von oben schaut alles eigentlich gut aus.“

Der Yeti schwieg kurz, bevor er fortfuhr. „Starkes Bild.“

Rumpler glaubte, zu wissen, was er meinte. Der algenverseuchte Teich konnte ein Abbild ihres Falls sein. Es kam darauf an, sich nicht von der makellosen Oberfläche täuschen zu lassen, behutsam an den richtigen Fäden zu ziehen, ohne sie abzureißen, und falls ihr Verdacht stichhaltig war, das ganze mörderische Geflecht freizulegen. Sie gingen in einem großen Bogen entlang der Mauer, die das Grundstück vollständig umschloss, bis sie wieder durch das schmiedeeiserne Tor traten. Gleich dahinter lagen die beiden Schäferhunde flach am Boden, ganz entspannt und trotzdem hellwach. Sie hoben ihre Köpfe und suchten den Blick des Yeti, der sie ansprach.

Nach der Verabschiedung blieb er im Pavillon, während die Hunde Rumpler zum Ausgang begleiteten. Erst nachdem sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, folgten sie wieder Faris, der ihn hinausgebracht hatte. Als er auf der Straße stand, hatte er plötzlich das Gefühl eines Verlustes, so ruhig und paradiesisch war diese völlig unerwartete Insel inmitten von Döbling für ihn gewesen. Rumpler atmete durch und ging zu seinem Auto.

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Release date on Litres:
12 November 2025
Volume:
262 p. 4 illustrations
ISBN:
9783960743781
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