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Rudolf Stratz

Und wenn die Welt voll Teufel wär

11. bis 20. Tausend

Saga

Und wenn die Welt voll Teufel wärCover Bild: Shutterstock Copyright © 1923, 2019 Rudolf Stratz und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711507193

1. Ebook-Auflage, 2019

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

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I.

Er stieg aus dem von Königsberg her eingelaufenen Zug. Er stand auf dem Charlottenburger Bahnhof in Berlin. Er schaute geistesabwesend um sich. Er strich sich mit der Hand über die Stirne. Er dachte sich: Also jetzt träume ich . . .

Sechshundertmal hast du’s geträumt, Nacht für Nacht, du armer, lebender Leichnam fern in Sibirien. Sechshundertmal bist du in bleierner Finsternis aufgewacht, vom nahen Donnerknall des berstenden Eises der Lena, vom Sturmheulen um verschneite Kegelhütten, von Jakutengekrächz aus stinkenden Renntierpelzen — Nacht — ewige Winternacht des Kriegsgefangenen. Deutschland hast du in der jahrelangen Nacht der russischen Kriegsgefangenschaft geträumt — Weib und Kind — Deutschland — mein Deutschland . . . .

Ein Rippenstoss. Unter dem fremden Ellbogen die Aktenmappe eines rosigen, jüngeren, auf Kriegsdauer reklamierten Herrn. Ein gereiztes: ,,Na — sehen Sie sich doch jefälligst vor!“ Ohne hinzusehen weiter. Der Mann aus dem Osten fühlte den Puff. Er sagte sich tiefaufatmend: Gott sei dank! Ich bin wach. Ich bin im lieben Vaterland. Ich lebe. Ich lebe. Ich lebe . . .

Niederknien . . . Beten . . . Weinend den verstaubten Boden der Bahnhofshalle küssen. — Es ist Deutschlands heilige Erde . . . Vater im Himmel: Dein Sohn preist Deine Gnade! Du gabst mir das Leben wieder . . . Deutschland . . . mein Deutschland . . . Weib und Kind . . .

Der Fremde stand und kämpfte gegen die Tränen. Umsonst. Sie liefen ihm aus den hellen blauen Augen in den wirren Vollbart, der krausgelockt und blond den weichen, künstlerisch feingeschnittenen Mund umrahmte. Er hörte neben sich eine Frauenstimme: „Nu kieken Se man bloss, Krausen: Heut loofen die Russkis schon wild herum!“

Eine Schlafwagen-Schaffnerin, eine lange junge Person in schief sitzender Dienstmütze und Pumphöschen, sagte es zu einer stämmigen, pluderbehosten Gepäckträgerin. Der heimkehrende deutsche Kriegsgefangene fragte sich: Ich ein Russe? — Und nickte dann: Nun ja: Die hohe schwarze Lammfellmütze aus Irkutsk — die langen Transtiefel aus Moskau, der dicke rote Frauenschal um den Kragen des verschlissenen, nach innen gedrehten Schafpelzes . . . das war Asien in Berlin.

„Nein. Nein. Ich bin ein Deutscher“, sagte er freundlich zu den beiden Beamtinnen. Er hatte ein gutes, herzliches Lächeln und eine warme Stimme. Sein Gesicht war leidend, müde, abgezehrt, aber kindlich offen, arglos, von Heimatsglück durchleuchtet. Eine einzige kleine Narbe aus der Studentenzeit sass links in der geraden, regelmässigen Nase. Er schritt langsam den Bahnsteig entlang, ohne irgendwelches Gepäck, steifbeinig von der langen Fahrt und ungebeugt, straff in der Spannkraft seiner fünfunddreissig Jahre.

Er fragte sich dabei verdutzt: Warum tragen denn die beiden Frauen eben Hosen? Seit wann ist das in Deutschland Brauch? Und die Polizei verbietet es nicht. Niemand wundert sich darüber. Da, überall in der Bahnhofshalle, tummeln sich Frauen in Hosen und preussischen Beamtenmützen und schleppen schwere Koffer und knipsen Fahrkarten und schlagen die Eisenbahntüren zu. Und plötzlich begriff er: Warum? Weil keine Männer mehr da sind! Nur noch Grauköpfe und Greise. Nur noch Knaben. Ich bin der einzige Mann hier, weit und breit . . .

Am Ende träume ich doch, dass mich das ferne Asien ausgespien . . .? Öffne die Augen in eisigem Dunkel unter der Schneewucht der Jakutenhütte . . .? Herrgott im Himmel: Lasse mich nicht wahnsinnig werden!. . . Nein . . . nein! . . . Dort drüben schwimmen Häuserreihen durch das Novembergrau. Dort ist Berlin. Deutschland. Weib und Kind. Dort ist die Heimat . . . Engelszungen jubeln es mir zu, durch Lokomotivgeschrill und Kesselgekeuche und Rädergerolle . . . ich falte die Hände, ungläubig vor Glück. Ich stammele es den Stimmen von oben nach: Heimat . . . liebe Heimat . . .

Ich bin daheim, aus der weissen Hölle. Die Bahnhofuhr drüben zeigt gerade die Mittagstunde. Aber an welchem Tag? Wer kümmerte sich am Nördlichen Eismeer um die Zeit? In Russland gilt ein anderer Kalender als hier . . .

Er kaufte sich auf dem Bahnhofstand von einem halbwüchsigen Mädchen die nächstbeste Zeitung. In Riesenlettern stand auf deren erster Seite: „Noch immer keine Entscheidung!“

Er kümmerte sich nicht darum, was das für eine Entscheidung sein sollte. Er forschte nur nach dem Datum. Er las: „Morgenausgabe. Berlin, den 9. November 1918.“

Er prägte sich andächtig den Tag seiner Heimkehr aus Kriegsgefangenschaft ein: Den 9. November 1918. Er steckte das Blatt in die Tasche und wiederholte sich mit feuchten Augen: Am 9. November 1918, mittags um zwölf, hab’ ich zum Himmel aufgeschaut und hier im Bahnhofsgewühl der Frauen und Kinder und Greise inbrünstig im Geist gebetet: Herr, der du mir das Leben zum zweitenmal gegeben — Dank aus des Herzens tiefstem Grunde . . .

Nun war sein Gang flott und federnd. Seine aus befreiter Brust gereckten Schultern trugen nicht mehr die Last Sibiriens. Ein kräftiger Mann über Mittelgrösse, trat er durch die Bahnhofssperre und stieg die Treppe hinab, stattlich trotz der abenteuerlichen Östlichkeit seines äusseren Menschen, von staunenden Blicken gefolgt.

Um ihn, mit ihm flutete eine stumme, trübe, matte Menschenwelle abwärts. Frauen, Mädchen, Kinder. Einzelne ältere Männer. Ein weissköpfiger Sechzigjähriger arbeitete sich schnaufend dem Strom entgegen. Er trug einen kostbaren Biberpelz und ein schlotternd leeres Marktnetz in der Hand. Sein Gesicht war faltig, als sei es über Nacht abgemagert, seine Backen schlaff, Tränensäcke unter den Augen. Diese Augen weiteten sich plötzlich bei dem Anblick des Mannes aus Russland. Der alte Herr prallte zurück, als hätte er einen Geist gesehen. Der Fremde von Osten, in schwarzer Lammfellmütze und hohen Transtiefeln, trat auf ihn zu und streckte ihm freundlich die Rechte entgegen.

„Schönen guten Tag, Herr Geheimer Oberbaurat . . .“

Dann ein Stutzen, ein verwundertes Lächeln unter seinem blonden Bart.

„Haben Sie Angst, mir die Hand zu geben, Herr Geheimrat?“

„Ja aber . . . um Gottes willen . . .“

„Was denn?“

„. . . Sind Sie’s, oder ist es Ihr Geist . . .“

„Na . . . ich selbst . . . natürlich . . .“

„Bruno Lotheisen . . . der Architekt . . .“

„Wer sonst?“

„Der berühmte Architekt . . . der Kirchenbauer?“

„Wir kennen uns doch seit zehn Jahren, Herr Geheimrat!“

„Aber Sie sind doch tot! . . .“

„Was?“

„Sie sind doch schon vor zwei Jahren als Landwehrhauptmann in Polen gefallen!“

„Wer sagt das?“

„Alle Welt. Jeder Mensch ist überzeugt.“

„. . . dass ich tot bin?“

„Die Militärbehörden haben es gemeldet! Ich habe Ihre Nachrufe in allen Blättern gelesen.“

Bruno Lotheisen rang nach Atem. Wieder griff Sibiriens Knochenhand nach seinem Herzen. Ein Schüttelfrost des Grauens: Am Ende träumst du nur Heimkehr und neues Leben . . .

„Es war eine Gedächtnisfeier für Sie in der Sing-Akademie. Ich selbst war dabei. Hunderte Ihrer Freunde.“

. . . und liegst in Wahrheit in asiatischer Unterwelt, nahe dem Eismeer, dicht beim Polarkreis, im Ausdunst des sturmzitternden Jakutenzelts und schläfst . . .

„Aber . . . aber . . . da stehen Sie doch in Lebensgrösse leibhaftig vor mir! Da sind Sie ja doch, Herr Lotheisen . .“

„Ja, da bin ich.“

Tastende, abgezehrte Finger nach seiner Hand.

„Gottlob, da sind Sie also am Leben . . .“

„Ja. Ich lebe!“

Dies Wort: „Ich lebe!“ belebte Bruno Lotheisen wie starker Rheinwein, während er es aussprach. Eine prachtvolle innere Wärme stieg in ihm auf, vom Herzen zum Haupt. Die Nebelwelt draussen schien ihm hell. Er sagte mit lauter Stimme: „Die Russen haben mich allerdings für tot aufgelesen. Aber ich hab’ eine zähe Natur. Ich kam zu mir. Zwei sibirische Winter haben mich ganz auskuriert. Die neuen Moskauer Machthaber gaben alle Kriegsgefangenen frei. Seit vielen Monaten, seit dem Frühjahr, bin ich unterwegs. Es ist ein weiter Weg von Werchojansk nach Charlottenburg.“

Der vergrämelte, vom Fleisch gefallene Geheime Baurat drückte lange und innig, aufrichtig gerührt, die Rechte des anderen.

„Gratuliere . . . gratuliere . . . Ihnen und uns . . . Mal eine Herzensfreude in dieser monströsen Zeit . . . Eine wahre Herzensfreude . . . Liebster, was sagen Sie zu der Lage? Noch immer keine Entscheidung! Es ist nachgerade schrecklich! Es reisst an dem letzten Rest von Nerven, den man noch hat.“

„Ich weiss von nichts . . .“

„Wie . . .?“

„In Russland hörte man von nichts. Gestern abend kam ich in Königsberg an und fuhr die Nacht durch hierher und hab’ die ganze Nacht geschlafen. Ich hab’ nichts hören wollen! Nur heim! Nur heim!“

„Augenblicklich ist ja Berlin noch unheimlich ruhig. Aber wissen Sie, dass man munkelt, Prinz Max würde in wenigen Stunden . . .“

„Nur daheim sein“, wiederholte Bruno Lotheisen, ohne auf den anderen zu hören, Glückzittern in der Stimme. Beben der Hoffnung. „Seit zwei Jahren habe ich nichts mehr von meiner Frau und unserem Evchen gehört! Herr Geheimrat: Haben Sie eine Ahnung, ob meine Frau noch in unserer alten Wohnung am Kurfürstendamm wohnt?“

„Die Gattin?“ Der Oberbaurat sammelte auf seinem faltigen, ungesund grauen Gesicht mühsam die Gedanken. „Natürlich: Meine Tochter hat vor vier Wochen, bei ihrem grossen Krach auf der Brotkommission, Ihre Frau dort getroffen! Das ist der elfte Bezirk! Stimmt: Ihre alte Wohnung! Sagen Sie mal: Was gab’s denn bei euch in Russland noch zu essen?“

Bruno Lotheisen überhörte den Schlusssatz. Seine Hände falteten sich in stummem Dank. Sonnig leuchteten seine blauen Augen. Seine Lippen lachten.

„Dann seh’ ich sie in zehn Minuten! Ich möcht’ in die Luft springen, Geheimrat, und mit der Lonny durchs Zimmer tanzen und mein Töchterle an den Händen nehmen und im Kreis schwenken . . .“

„Erschrecken Sie nur die Gemahlin nicht zu sehr! Sie hält Sie für tot!“

Eine Sekunde schattete eine Wolke auf dem freimütig offenen, wie bei einem vergnügten Jungen strahlenden Antlitz des blonden Kirchenbauers. Dann wehrte er lachend ab: „Dieser erste glückselige Schrecken ist schon vorüber, wenn ich komme! Ich habe der Lonny auf alle Fälle von Königsberg aus nach unserer alten Wohnung telegraphiert!“

„Na hören Sie: Wenn das nur angekommen ist . . .“

„Warum denn nicht?“

„. . . weil der Telegraphenverkehr wahrscheinlich schon unterbrochen ist!“ schrie der Geheimrat weinerlich. „Weil die Welt untergeht . . . mit Schuhen und Strümpfen . . .

Heuť noch . . . spätestens morgen . . . Kommen Sie denn vom Mond?“

„Nein: Aus dem fernsten Sibirien! Was ist denn eigentlich hier in Berlin . . .?“

„Da kommt mein Zug! Entschuldigen Sie! In der Mommsenstrasse gab’s keine Harzer Käschen mehr! Man möchte heulen! Nun muss ich mal in der Joachimsthaler Strasse hamstern . . . Im zweiten Zigarrengeschäft — im Hinterraum natürlich . . . aber sagen Sie’s keiner Menschenseele — da gibt’s noch . . .“

„Was denn?“

„Butter! Butter! Butter!“ rief der alte Herr gequält, Leiden in den Augen. Ein Druck seiner abgemagerten, abgeschilferten Rechten, an deren Goldfinger der zu weit gewordene Ehering schlotterte. Er lief davon, mit unsicheren Knien, raubgierig, wie eine Rothaut auf dem Kriegspfad. Er machte auf Bruno Lotheisen plötzlich einen geistesgestörten Eindruck: Wunderlich — dieser freiwillig verhungernde, würdevolle Geheimrat! Da, auf einmal, durchzuckte ihn ein Schrecken: Er sah plötzlich denselben erschöpften Blick, dasselbe stille Elend auf allen Gesichtern und Gestalten rings um ihn her. Die vielen jungen Mädchen mit ihren Geschäftsmappen hatten bleichsüchtige, wachsgelbe Wangen, die Schulkinder spitze Nasen und vorstehende Backenknochen und altkluge, sorgenvolle Augen, die älteren Leute gingen matt, gebückt, stumm in sich gekehrt. Alle diese verschiedenen Menschen hatten eine merkwürdige Ähnlichkeit miteinander wie eine grosse Familie. Eine stumpfe, unendlich geduldige Ergebung lastete auf ihnen gemeinsam.

Unten, in dem Durchgang ins Freie, stand feldmarschmässig ein kleiner sächsischer Infanterist und schwadronierte in eine aufmerksam lauschende Menschengruppe hinein: „Nee! Hier gam mer’sch nich mehr gefallen! Ich mach’ heeme! Wir alle missen Sie heeme machen!“

Der Sachse dachte nicht daran, einen vorüberkommenden, kaum dreissigjährigen Major, mit einem Dutzend Schwerterorden auf der Brust, zu beachten, geschweige denn zu grüssen. Der Offizier schien es auch gar nicht mehr zu erwarten. Er und seine junge, verschwenderisch elegant gekleidete, mit kostbarem Schmuck behangene Frau schleppten mühsam zwischen sich einen schweren Feldkoffer eigenhändig zu Fuss nach Hause. Dabei berichtete die Weltdame dem heimkehrenden Gatten halblaut aufgeregt: „Da hat sie mir nun damals das Pfund Butter geborgt, und nun drängt sie mich und drängt und telephoniert jeden Tag, ich soll es ihr wiedergeben.“

Butter . . . Butter . . . die Welt in Flammen . . . Europa ein Massengrab . . . Berlins stöhnender Notschrei: Butter . . . Butter . . . Und Kaninchenwürste. Da hängen sie in dem Holzschuppen vor dem Bahnhof. Menschen aller Stände drängen sich um sie. Werfen Zwanzigmarkscheine auf den Schragen. Keine Goldstücke. Wo sind nur die Goldstücke und Taler von früher? . . .

Und die Droschken? Die Autos? Ein Gelächter auf Bruno Lotheisens Frage. „Droschken? Pferdefleisch — dat können Sie vielleicht noch kriegen! Dort drüben ist die Rossschlächterei . . .“

Bruno Lotheisen ging zu Fuss weiter. Hinter ihm der Ruf einer heiseren Männerstimme: „Du! Wann kommen denn die russischen Brieder?“ Er wandte nicht den Kopf. Alle Fibern seiner Seele bebten inbrünstig Weib und Kind entgegen. Dort . . . dort fern . . . um die Ecke lacht und winkt das Glück. Er fühlte sich lebensfrisch und hoffnungsjung und liebesstark. Und konnte doch nicht mit ausgebreiteten Armen, stürmend in die Arme seiner Lieben dahineilen. Er schritt langsam. Schlang sich den dicken Schal fester um den Hals. Fröstelte. Er sagte sich: Diese Stadt hier wirkt lähmend. Diese Menschen sind nicht mehr normal. Sie sind erschöpft, ausgehungert, überreizt. Berlin ist krank. Berlin lastet bleiern auf mir.

Komisch, wie einem plötzlich die Erinnerung kommt — die Hochzeitsreise nach Italien — mit Lonny — vor sieben Jahren. Die Piazzetta Venedigs im Mondsilber. Die vielen stehenden, mit umgeworfenen Mänteln raunenden Menschengruppen. Harmlose, die Abendkühle geniessende Leutchen, die Verschwörern glichen. Solche Menschenhaufen standen jetzt in Berlin, dem ameisenfleissigen Berlin, wo sich sonst kaum jemand Zeit liess, einmal stehenzubleiben, am hellen Tag überall beisammen — vor den Haustoren, an den Strassenecken, mitten auf dem Fahrdamm, in blossem Kopf, in Hemdsärmeln, in Pantinen, in der Küchenschürze, aus den Portierstuben, von den Höfen, über die Hintertreppen, aus den Grünkramkellern zusammengelaufen. Sie standen, steckten die Köpfe zusammen, wisperten aufgeregt . . . Dass die Polizei das duldet! . . . Aber es ist ja gar keine mehr da! Weit und breit kein Schutzmann mehr zu sehen. Was ist das nur? . . .

Gibt die Litfasssäule da Auskunft? Auf Marke N ein Päckchen Süssstoff. 250 Gramm Haferflocken, Krankenkost auf Buchstaben A bis M bei der Brotkommission. Zehn Pfund Kartoffeln auf Abschnitt IV der Brotmarke. Ein Jahr Gefängnis. Zehntausend Mark. Zweihunderttausend Mark Strafe. Wieder ein Jahr Gefängnis. Riesengross, über den kleinen Hungerplakaten, weiter oben an der Säule, in schreiendem Grün und Rosa die Anzeigen liederlicher Lokale: Das Rattenschloss. Die Fledermaus. Die Mäuschendiele . . . Der Kriegsbericht? Nein: Für den Kriegsbericht war nirgends Platz . . .

Berlin . . . Berlin . . .

Die graue Luft . . . der stille Himmel . . . die fiebernde Stadt . . . Ein tiefes Summen über den Dächern. Kreisende Flugzeuge. Ein dröhnendes Hornissenbrummen: Ein silbergrauer, fliegender Walfisch — ein Zeppelin. Niemand schaut hinauf. Die Menschen unten summen und brummen selber. Sammeln sich überall in dunklen Klumpen wie schwärmende Bienen. Abgerissene Worte . . . Kiel . . . Die Gardeschützen . . . Kiel . . . immer wieder: Kiel . . .

Gedränge vor einer Kohlenhandlung. Frauen aller Stände bücken sich. Raffen die zerstreuten Kohlenstückchen vom Strassenpflaster in ihre Schürzen. Eine Dame in

Reiherhut und Sealcape schiebt einen Kinderwagen voll Briketts und winkt triumphierend zu einer langen, herrschaftlichen Fensterreihe im ersten Stock empor . . . „Uffjepasst!“ Auf dem halbleeren Bürgersteig rempelt ein halbwüchsiger Fabrikbengel die ängstlich ausweichenden Frauen und Kinder und alten Leute an die Hauswände und auf den Fahrdamm. Die ganze Strasse entlang stehen und sterben die kleinen Läden — mit Brettern verschlagen — die Scheiben übertüncht. Hinter den Fenstern der grossen Geschäfte allerlei: Pyramiden von norwegischen Fischpudding-Dosen im Stiefelladen, Warschauer Bonbons beim Schneider, Ölgemälde in der Seifenhandlung. Das lärmende Klappern der Holzfohlen an den Pappschuhen einer eiligen Krankenschwester. Ein feldgrauer zitterer am Boden . . .

Deutschland . . . . Deutschland . . . Was ist aus dir geworden?

Bruno Lotheisen ging rascher. Sein Herzschlag läutete: Ich lebe! Ich lebe! Läutete trotzig: Ich lebe . . . trotz alledem . . . Läutete jubelnd: Ich lebe . . . dort lebt mir Frau und Kind . . . dort, an der Ecke des Kurfürstendamms . . . das ist mein Haus . . .

Auch da stand wieder ein flüsternder Menschenhaufen auf der Prachtstrasse des Westens. In seiner Mitte ein langer blauer Matrose, die Mütze im Genick. Um ihn Dienstmädchen mit Herrschaftshäubchen und weissen Schürzen, junge Briefträgerinnen mit umgehängtem Postbeutel, erkältete, hustende Strassenbahn-Schaffnerinnen in Pumphosen und Schaftstiefeln, die Portierfrau. Sie war neu. Bruno Lotheisen kannte sie nicht. Sie hatte das Tor der hochherrschaftlichen Mietskaserne offengehalten. Sie kümmerte sich nicht darum, dass er eintrat und die Treppe hinaufstieg.

Auf dem Absatz des ersten Stockwerks, auf der Messingtafel rechts, stand sein eigener Name: Die Flurtür war nur angelehnt, das Hausmädchen offenbar eben einmal rasch auf die Strasse zu dem Matrosen hinuntergesprungen. Bruno Lotheisen trat in seine Wohnung, drückte mechanisch, als Hausherr, die Tür hinter sich ins Schloss, stand auf der Diele. Damenmäntel hingen an den Kleiderhaken, ein Herrenhut und Paletot. Er hörte Stimmen aus dem Salon. Fremde Stimmen. Seine Frau war nicht allein . . .

Er dachte sich: Also hat sie meine Depesche nicht erhalten . . . Er dachte sich weiter: Ich kann nicht so plötzlich bei ihr eintreten, als mein eigener Geist! Sie erschrickt ja zu Tode.

Und welch ein Wiedersehen unter fremden Menschen! . . .

Kling! Über ihm an der Wand schrillte die Flurglocke. Er hatte die Tür geschlossen. Nun stand irgendwer draussen und begehrte Einlass. Gleich kam von hinten jemand, um zu öffnen, Menschen . . . Über Bruno Lotheisen fiel, jäh die grosse Einsamkeit Sibiriens. Die Angst vor fremden Gesichtern — in dieser Stunde. Die Tür dicht neben ihm, zu seinem Arbeitszimmer, stand halb offen. Da trat er hinein, hastig, leise, wie ein Dieb in der Nacht. Da hatte er Zeit, zu überlegen: Wie mache ich es, dass Lonny, wenn ich vor ihr stehe, mir jubelnd, weinend, lachend in die Arme fliegt, statt sich vor der Gestalt meines Doppelgängers zu entsetzen? Wie meistere ich diese Stunde unerhörten Glücks, um die ich, ein gläubiger Christ, durch zwei lange Jahre, Tag für Tag, auf den Knien den Allmächtigen anflehte, diese Stunde, von der ich Nacht um Nacht vielhundertmal im Brüllen des asiatischen Steppensturms träumte, diese Stunde, die durch die Gnade Gottes alles, alles gutmacht, was ich ergeben von seiner Vaterhand, erlitt: Schmerz und Wunden, Gefangenschaft und Mühsal . . .?

„Vor allem müssen wir jetzt an Wilson glauben“, sagte nebenan eine kühle, selbstbewusste Männerstimme. Dann eine Damenstimme, Bruno Lotheisen unbekannt: „Gott sei Dank — dass auch Sie das meinen — ein Weltmann und Weltkenner, wie wir leider viel zu wenige in Deutschland haben!“

„Die Parole: ,Mit Wilson durch dick und dünn!’ wirkt ja allerdings auf manche Leutchen bei uns wie das rote Tuch auf den Stier.“ Die Männerstimme klang lässigironisch, gereizt und spöttisch-mitleidig zugleich. Nur immer blind alles auf die Hörner nehmen, was wir sehen! Sonst sind wir ja nicht glücklich.“

„Kennen Sie Wilson persönlich?“

„Nein, gnädige Frau! Ich hatte nie ein Bedürfnis nach einem Shakehands mit dem alten, guten Professor. Aber ich weiss genug von ihm! Ich war ja fast jedes Jahr in Amerika und oft genug in den übrigen Weltteilen. Mein alter Herr hat ja auf der halben Erdkugel Vertretungen unseres Magdeburger Stammhauses. So wie ich die Welt kenne, sah ich vom ersten Tage ab das Unheil für uns kommen.“

„Warum haben Sie denn nicht schon rechtzeitig Ihre Stimme erhoben?“

„Ich habe seit Jahren in Deutschland gepredigt, dass wir uns lieber heute als morgen mit den Feinden an den Verhandlungstisch setzen müssten, und dass wir auch heute noch — davon bin ich überzeugt — dann mit einem blauen Auge davonkommen würden.“

„Ein Jammer, dass man nicht auf Sie hörte!“

„Ich beging dass Verbrechen, mit der gesunden Vernunft bei unseren Gegnern zu rechnen! Ich musste deswegen schliesslich vor einem Jahr in die Schweiz flüchten! Ich hielt es jetzt, wo der grosse Krach da ist, für meine Pflicht, zurückzukommen und in letzter Stunde für die Verständigung zu wirken. Jetzt Wilsons rettende Hand zurückzustossen, wäre mehr als ein Verbrechen! Es wäre eine Dummheit!“

Der Unbekannte drinnen sprach lässig, langsam, aber unbeirrbar — ein Mann, der sich gerne reden hörte und der gewohnt war, gern und oft angehört zu werden. Eine selbstverständliche Überzeugungskraft lag in seiner selbstbewussten, weichen und kühlen Stimme. Er schloss gereizt und verächtlich: „Aber welche Dummheiten begehen wir nicht . . .?“

„. . . und dabei kämpfen wir seit Jahren siegreich gegen die Welt“, meinte etwas scharf die eine Damenstimme.

„Falls das auf mich zielt, meine Gnädigste — haben Sie nicht bemerkt, dass mein rechtes Bein lahm ist? Ich wurde schon im ersten Kriegsjahr als Rittmeister der Reserve und freiwilliger Kompagnieführer bei der Infanterie schwer verwundet und dauernd dienstunfähig.“

„Verzeihung! Das wusste ich nicht!“

Nebenan stand Bruno Lotheisen, ohne sich zu rühren, im Dämmerlicht seines Arbeitszimmers. Die Fenstervorhänge waren herabgelassen. Das Schattendunkel des verstaubten Raumes erhellte sich nur nach den schweren, halbgerafften Portieren hin, die ihn von dem Salon schieden und zwischen sich einen breitgeschwungenen Spalt freiliessen.

Gerade in diesem Ausschnitt sah Bruno Lotheisen den Redner von vorhin. Er stand in der Mitte des Zimmers, inmitten einer Anzahl um ihn sitzender, eleganter, in kostbares Pelzwerk gehüllter Damen, auf deren kriegsblassen Gesichtern sich die Wirkung seiner Worte spiegelte. Irgendeine bedeutsame Erinnerung knüpfte sich für Bruno Lotheisen an die Erscheinung des Unbekannten. Sein erster blitzschneller Eindruck war: Dem bin ich schon einmal vor Jahren begegnet . . . draussen im Krieg. Aber wo? Der Krieg war weit. Der Krieg war gross. Tausend Gesichter drängten sich da im Gedächtnis . . . Tote standen neben Lebenden . . . Freund und Feind . . . Ost und West . . .

Wo habe ich nur diesen mittelgrossen, schlank gewachsenen Mann in meinen Jahren, so um die Mitte der dreissig, schon einmal gesehen? Diese lebensklugen, beweglichen, überlegen lächelnden Züge eines Gesichts, dessen Regelmässigkeit die Frauen sicher schön finden? Man merkt es an der stummen Andacht ihrer Blicke. Wo diesen kurzen, dunklen Schnurrbart? Das dunkle, gewellte Haar? Auf dem Schettel den schwachen Schimmer einer Glatze? Den Ansatz einer Lebemanns-Tonsur?

Dabei das Erstaunliche: Ein jüngerer Mann in Zivil . . . in Deutschland . . . jetzt . . . Offenbar nach der neuesten Herrenmode des Auslands gekleidet . . . die taubengraue Weste unter dem eleganten schwarzen Cutaway, die scharfgekniffene Bügelfalte in den lichtgrauen, schwarzgestreiften Beinkleidern, die schwarz-weiss gerippte Binde um den hohen, vorn umgeklappten Stehkragen, die Knöpfschuhe aus Lackleder . . . ein Mann der Mode . . . jetzt . . .wo es in dem keuchenden, verblutenden Europa seit Jahren nur noch eine einzige Männermode, das Feldgrau und Feldbraun und Feldgelb, gab?

Der Fremde tat einen Schritt auf dem Teppich. Er stützte sich dabei auf einen Ebenholzstock mit Silberkrücke und einem Gummiknopf am unteren Ende. Er hinkte nicht eigentlich. Aber sein rechtes Bein war um einen Zoll zu kurz. Bruno Lotheisen, der mehrfach Verwundete, wusste: Beckenschuss, Hüftgelenk-Resektion. Glück, wer dabei mit dem Leben davonkam.

Der Unbekannte sprach wieder. In eine Ecke des Salons hinein, wo unsichtbar irgend jemand sass. Aus seinem Mund klang alles nachlässig, aber eben darum selbstverständlich, merkwürdig überzeugend.

„Ich bin als Deutscher geboren“, sagte er. „Ich habe also die Pflicht, ein guter Deutscher zu sein. Ich bilde mir ein, diese Pflicht zu erfüllen — so, wie ich sie verstehe — um ein geflügeltes Wort unserer gigantischen gegenwärtigen Staatsmänner zu gebrauchen. Über den Begriff des guten Deutschen — oder, was dasselbe ist — des guten Europäers, gehen allerdings die Ansichten sehr auseinander.“

Im Flur schrillte die Glocke.

Er fuhr fort: „Wenn man mich hätte gewähren lassen — statt mich mundtot zu machen und schliesslich in die Schweiz zu hetzen — bei meinen Beziehungen zu Gott und der Welt im Ausland . . . Wenn ich und meine Freunde hätten dürfen, wie wir wollten — das furchtbare Missverständnis, das wir den Weltkrieg nennen, gehörte vielleicht jetzt schon längst der Vergangenheit an.“

Stille Bewunderung war um ihn. Ernst aufgeschlagene Wimpern. Gläubiges Schweigen. Durch die lautlose Ergriffenheit klingelte zum zweiten Male die Türglocke im Flur. Dann klang aus der unsichtbaren hinteren Ecke des Salons eine helle Frauenstimme. Bruno Lotheisen zuckte zusammen. Das Herz stand ihm still. Er schloss die Augen. Er spürte das heisse Wasser in ihnen . . .

„Wo steckt denn nur wieder die Minna?“

Das waren alltägliche Worte. Aber das war die Stimme seiner Frau. Die seit Jahren nicht mehr gehörte junge, klare Stimme, die so weich klang, wenn sie sprach, so süss, wenn sie sang, so silbern, wenn sie lachte. Das Rücken eines Stuhls. Leichte Tritte. Er konnte Lonny nicht sehen. Sie ging offenbar auf den Flur hinaus, um selbst aufzumachen. Sie begrüsste eine draussen harrende Freundin. Man hörte den geschäftigen Wortwechsel beim Ablegen. Im Salon sprach inzwischen der Flüchtling aus der Schweiz weiter zu den Damen und hielt sie dabei im Bann seiner weichen, grossen, dunklen, weib- und welterfahrenen Augen, deren einschmeichelnde Wärme in merkwürdigem Gegensatz zu der weltmännischen Kühle seiner Züge stand.

„Jetzt herrscht auf der Welt das Faustrecht. Steckt man die Faust in die Tasche, so bleibt das Recht übrig. Wilson ist Professor des Rechts. Wenn Recht gleich Macht ist, so hat er die Machtfülle des Präsidenten eines Erdteils. Er versöhnt das Recht mit der Macht. Er hält in seinen Händen die Wage der Welt. Ist er Idealist — um so besser! Dann hilft uns einmal bei ihm die deutsche Ehrlichkeit, die uns sonst im Ausland nur schadet!“

Die Damen sassen hoffnungsvoll, die Hände verschlungen, und sahen mit blassem, schwachem Lächeln dankbar zu dem Tröster empor und dachten an ihre Männer, ihre Verlobten, ihre Herzensfreunde draussen im Feld. Eine kleine junge Frau in rehbraunem Schneiderkleid, die Bruno Lotheisen nicht kannte, fegte von der Diele in den Salon und haschte nervös nach der Rechten des Fremden.

„Endlich lerne ich Sie kennen! . . . Ich war so kolossal gespannt! . . . Sie brauchen sich nicht erst vorstellen zu lassen! . . . Erstens: Die Weltfirmia Grimm kennt jedes Kind . . .“

„Das ist mein Vater, gnädige Frau! Ich selbst befasse mich wenig mit der Industrie und dem Geldverdienen . . .“

„. . . sondern mit der Politik! Mit Auslandspolitik! Mit Flüchtlingspolitik! Natürlich! Brrr! Das ist so angenehm gruselig, jemandem die Hand, zu drücken, hinter dem die Polizei . . . Pscht! Ich verrate niemand, dass Sie schon seit vier Wochen heimlich in Berlin sind! Ich weiss, dass Sie davon die tollsten Unannehmlichkeiten haben könnten.“

„Höchstens bis heute früh noch, gnädige Frau! Wir schreiben heute den neunten November. Vielleicht wendet sich heute schon die Welt. Vielleicht morgen! Die Hähne krähen schon durch ganz Deutschland — von Kiel bis München! Es will Tag werden . . endlich . . . bei uns . . .“

Dr. Werner Grimm sagte es ruhig. Er setzte sich. Er. besass, trotz der steifen rechten Hüfte, die ungezwungenen, leichten Bewegungen eines Mannes von Welt. Er war ein auffallend schöner Mann mit der strengen Regelmässigkeit seiner Züge und dabei dem verräterischen Spiel von Laune und List unter dem weichen, dunklen Schnurrbart. Hahn im Korbe. Auch wenn andere Männer dagewesen wären — die Frauen hätten doch auf ihn gesehen. Er kannte genau seine Macht über sie. Und ihre über ihn. Er lächelte mit den Augen, während sein Mund ernsthaft blieb. Spielte mit den Frauen. Fing sie im Spiel. Das alles halb zerstreut, nebenher, aus Gewohnheit — inmitten des fernen Donnergrollens der Zeit.

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420 p. 1 illustration
ISBN:
9788711507193
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