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Roman Rausch

GALLO ROSSO

Kilian und Heinlein sind zurück


Gallo rosso

Roman Rausch

© schruf & stipetic GbR, Berlin 2020

www.schruf-stipetic.de

© 2020 Roman Rausch

Covergestaltung: Kathrin Mock

Verwendetes Foto: Luis MGB, pixabay

ISBN: 978-3-944359-72-4

Vervielfältigung und gewerbliche Nutzung nur nach

ausdrücklicher Genehmigung der schruf & stipetic GbR

Inhalt

1 // Donatello

2 // Habibi

3 // Amer

4 // Helmbrecht

5 // Kotor Trans

Die Legende vom Gallo Nero

6 // Werner S.

7 // Shefkije

8 // VS

9 // Extasy

Die Legende von den drei Rittern

10// News Flash

11 // Strandläuferin

12 // Döner zu Mitternacht

13 // Das Auge

14 // NoeP

15 // Bella figura

16 // Geister

17 // Tomaso

18 // Faule Eier

19 // Non sei come me

I mafiusi di la Vicaria

20 // Jour fixe

21 // Farid K.

22 // Copkilla

23 // Guiluliani

24 // Juju

Schwacher Staat und findige Gauner

25 // Zwinger

26 // Pozzuoli

27 // False Flag

28 // Dottore

29 // Igor K.

30 // Caffè Vittorio Veneto

31 // Kreuz

32 // ITDEX

33 // Shutdown

34 // Ruggiero

Die Legende von der Omertà

35 // Minerva

36 // Zona rossa

37 // Gottwald

38 // Via Cairo

39 // Che

Mythos Mafia

40 // Sparring

41 // Bunker

42 // Lunedì grasso

43 // Notnagel

44 // Karabiner

45 // Tarnkappe

46 // San Moisè

47 // San Clemente

48 // La Luna

49 // Capitano

50 // Brüder

51 // Vaterland

52 // Sanguinari

Die Legende von Gallo rosso

53 // Mercoledì delle Ceneri

UNITER-Mann bei der Kriminalpolizei

Cu è surdu, orbu e taci, campa cent’anni ’mpaci.

Wer taub, blind und stumm ist, lebt hundert Jahre in Frieden.

1 // Donatello

Fare la stesa – ein paar Leute abknallen, egal wen.

Für Angst und Schrecken sorgen, einschüchtern. Das Revier markieren, die Vorherrschaft verteidigen oder an sich reißen. Es geht um viel Geld, Respekt und Macht. Für die schießwütigen Straßenpinscher von Neapel geht es um nichts weniger als um ihre Daseinsberechtigung.

Unweit des Hafens und der geschäftigen Quartieri Spagnoli las Jo Kilian im dämmrigen Straßenlicht der Piazza Trieste e Trento die Chat-Nachrichten eines gewissen Donatello. Der wollte an diesem Abend mit seiner Bande zuschlagen, irgendwo hier in der Nähe.

Das Profilbild zeigte einen Bengel von vielleicht sechzehn Jahren in geschmacklos kombinierten Markenklamotten, vermutlich alles geklaut, mit wuchtiger Gucci-Sonnenbrille und kurzen, weiß gebleichten Haaren. Auf dem Wangenknochen prangte ein amateurhaft gestochenes Kreuz mit einer Reihe von Punkten, was man als Rosenkranz interpretieren konnte.

Zugang zur Chatgruppe hatte Kilian über den Account eines jungen Einbrechers erhalten, den er in der Villa seines Auftraggebers auf frischer Tat ertappt hatte. Der Knirps war nicht älter als zwölf gewesen, hatte aber bereits eine russische Makarow dabeigehabt, die nun in Kilians Gürtel steckte.

Auf dem Handy des Nachwuchsganoven hatte er etwas Unerwartetes gefunden, etwas, wonach er seit Jahren suchte – den Namen Gallo, nur einmal erwähnt in einer Nachricht von diesem Donatello.

Die Tür hinter Kilian ging auf, Stimmen wurden laut. Jemand stimmte ein Lied aus den guten, alten Zeiten an, die niemals gut, sondern immer nur eine unstillbare Sehnsucht gewesen waren, ein Nachtigallenkonzert für eine Fata Morgana. Für die geplagten Neapolitaner mussten die Worte heute klingen wie blanker Hohn.

Serenata quasi a mezzanotte … wo Räuber und Gendarm sich bekämpfen und ein einsamer Junge noch romantisch ist …

»Kiliano, komm rein. Du holst dir noch den Tod in der Kälte.«

Francesco zündete sich eine Zigarette an, nahm einen tiefen Zug und wandte sich mit eingezogenem Kopf von der Hafenseite ab.

Eine kühle Brise wehte von dort herauf und vertrieb für einen Augenblick den allseits schwelenden Gestank der Müllberge in den Straßen und Gassen.

»Sagt dir dieser Kerl was?«, Kilian hielt ihm das Handy hin. »Soll einer dieser Baby-Gangster aus der Sanità sein«, ein berüchtigter Stadtteil im Norden, wo jeder jeden kannte und Kilian bei der ersten Frage nach Donatello zur Zielscheibe geworden wäre.

»Was interessiert’s dich?«, erwiderte Francesco nach einem kurzen, angewiderten Blick, schniefte und schob die Hornbrille hoch. »Bastarde sind sie, Rattengesindel. Ausräuchern und ins Meer treiben. Basta.«

Derart martialisch sprach Francesco erst seit ein paar Jahren. Zuvor war er ein lebenslustiger und spitzbübisch dreinschauender Kellner von Il vero bar del professore gewesen, einer kleinen, auf urig gemachten Bar, deren Besitzer sich gerne mit berühmten Gästen schmückte – Lucio Dalla, Andrea Bocelli, Stefano Gabbana und dergleichen mehr. Hin und wieder schaute auch ein in die Jahre gekommener Camorrista vorbei, sofern er nicht Revierkämpfen und Streitereien zum Opfer gefallen war oder in einem Hochsicherheitsgefängnis verfaulte.

Verglichen mit den Baby-Gangstern von heute, schwadronierte Francesco, seien die Camorra-Capos von früher die wahren guten, alten Zeiten gewesen. Damals wusste man, woran man war.

»Das Kreuz mit den Punkten auf seiner Wange«, insistierte Kilian, »ist das ein Zeichen seines Clans?«

»Vielleicht, vielleicht auch nicht. Es gibt so viele Zeichen und Clans. Über hundert allein in Neapel. Sie breiten sich aus wie ein Virus. Niemand wird ihrer Herr.«

»Er droht mit einem Angriff auf die Piazza, heute Abend.«

»Dummes Geschwätz. Er hat keine Chance hier im Süden. Die Calabroni pusten ihn weg, bevor er auf die Piazza del Plebiscito kommt.«

Die Calabroni waren die Hornissen, eine Baby-Gang aus dem Hafenviertel, die Bewohner und Geschäftsleute terrorisierte und regelmäßig Angriffe rivalisierender Gangs aus anderen Stadtteilen abzuwehren hatte. Sie führte aber auch selbst welche durch, um ihr Territorium zu erweitern.

Heute wie damals wildes Gockelgehabe.

»Kann schon sein«, lenkte Kilian ein.

Sein Blick ging über die vielen Köpfe der Touristen hinweg, die aus den Quartieri Spagnoli auf die Piazza strömten und sich auf die Bars und Restaurants verteilten. Dazu gesellten sich Geschäftsleute, Angestellte und Arbeiter auf ihrem Weg nach Hause. Autos und Mopeds bogen in den Kreisel um die Fontana del Carciofo ein. Unmöglich, in diesem Gewusel den Überblick zu behalten.

»Bist du wieder auf der Jagd nach dem Gespenst«, fragte Francesco besorgt, »deinem geheimnisvollen Gallo?«

»Er ist kein Gespenst. Er ist so real wie du und ich.«

Francesco warf die Zigarette in den Rinnstein und seufzte, wie immer, wenn das Thema zur Sprache kam.

»Mach endlich deinen Frieden mit der Vergangenheit.«

»Frieden gibt es erst, wenn ich ihm das Licht ausgeblasen habe.« Kilian schnippte mit einem Ping das Zippo auf, entzündete die Flamme und inhalierte tief, um den aufsteigenden Schmerz zu lindern.

Gallo. Pia.

»Wie geht’s Raffi?«, fragte Francesco.

Kilian blies den Rauch in den wolkenverhangenen Abendhimmel und lächelte bemüht, dilettantisch.

»Gut. Bestens.«

»Wann hast du ihn das letzte Mal gesehen?«

Das reichte. »Kümmer dich um deinen Scheiß, okay?«

Vielleicht beim nächsten Mal würde er sich bequatschen lassen, nach einem Abendessen und reichlich Wein auf der Terrasse, wenn sie übers Meer schauten, den Mond anhimmelten und sich bis in die Morgenstunden in Erinnerungen verloren.

Gemeinsame Urlaube. Grillen am Strand. Tanzen im Mondlicht … Als Pia eine Muschel im Sand entdeckte, so schön und wohlgeformt wie von Botticelli gemalt. Die Muschel aufs Herz gedrückt und mit dem Geschmack von Salzwasser auf den Lippen wollte sie an diesem Strand, in dieser Bucht, ein Haus bauen.

»Pass auf dich auf«, gab sich Francesco zufrieden und ging zurück in die Bar. Da drehte er sich noch mal um. »’ne finstere Gestalt war mal da, sprach kaum Italienisch, irgendwas vom Balkan.«

»Und?«

»Hatte so ein Kreuz mit Punkten auf dem Handrücken …«

Schon war Kilian bei der Sache. »Was wollte er?«

»Was im Viertel los ist, wer Geschäfte macht, das Sagen hat …«

»Ja, weiter.«

»Hab ihn zu den Calabroni geschickt. Sollen die ihm beibringen, dass er hier nichts verloren hat.«

»Wo kann ich deren Anführer finden?«

»Vergiss es. Mit den Straßenkötern kannst du nicht reden.«

»Warum nicht?«

»Weil sie nichts anderes können als schießen. Und jetzt hör endlich auf und geh nach Hause zu deinem Sohn. Er braucht dich.« Francesco öffnete die Tür und verschwand im Gedränge der fröhlichen Bargesellschaft.

Nach Hause … Es gab kein Zuhause mehr, das war in abertausend Stücke zerrissen worden. Ein Ring und eine Muschel, mehr war ihm nicht geblieben.

Kilians Handy vibrierte. Dr. Kohlschreiber, zum x-ten Mal. Kilian setzte an, ihm endlich zu antworten, da röhrte ein Motorrad von der Piazza del Plebiscito her, beschleunigte und eine grün-weiß lackierte Straßenmaschine schoss an ihm vorbei in die Via Toledo.

Fußgänger kreuzten, Touristen flanierten gedankenverloren.

Drei Motorroller folgten der Maschine, Schützen auf der Rückbank, die ihre Waffen in Anschlag brachten.

Kilian zog die Makarow aus dem Gürtel, aufflammendes Schnellfeuer zwang ihn zu Boden. Projektile prasselten auf Mauern, Türen, Fenster und Autos, Splitter und Querschläger sirrten durch die Luft. Getroffen wurde auch eine asiatische Reisegruppe mit lustigen I-love-Napoli-Mützen auf den Köpfen und allerlei Tand in den bunten Einkaufstüten beim Selfieknipsen. Sie sackten in sich zusammen oder wurden umgerissen, Händler und Geschäftsleute retteten sich geistesgegenwärtig in Hauseingänge und um die nächsten Ecken.

Ein Auto krachte in ein anderes, Pistolenschüsse knallten, dazu das Wüten der Motoren, das sich in der engen Via Toledo brach, bis es sich nach und nach verlor.

Für einen Augenblick kehrte Stille ein.

Unwirklich und grotesk kam sie Kilian vor, der noch immer mit der Makarow auf die geflüchteten Angreifer zielte, doch sie zu keiner Zeit von der Menschenmenge hatte separieren können.

Dann gellten die ersten Schreie über den Platz, erstickte Hilferufe erhoben sich, in Kilians unmittelbarer Nähe weinte ein Kind. Eine Frau stolperte vorbei, Blut tropfte ihm auf Kopf und Hände, sie stürzte und gab das plärrende Bündel frei.

Mitten auf der Straße. Zwischen den Fronten.

Blendende Lichter tauchten am Nadelöhr zur Piazza del Plebiscito aus dem Dunkel auf, ein Schwarm fuchsteufelswilder Hornissen, heiser, laut und auf Vergeltung aus.

Kilian schnellte hoch. Ein paar beherzte Schritte weiter bekam er das Kind zu fassen, blickte auf. Für den Rückweg reichte die Zeit nicht mehr … dann eben anders: Muße für ein Rendezvous der anderen Art.

Mit dem Kind im Arm legte er auf die vorderste Hornisse an.

»Schschschhhh«, besänftigte er die Kleine, »ruhig.«

Er spannte den Hahn und krümmte den Finger bis zum Widerstand, doch die Hornissen hatten andere Pläne, ein lohnenswerteres Ziel vor Augen, als einen Irren mit Kleinkind von der Straße zu fegen. Sie ließen ihn links liegen.

Spielverderber.

»Kiliano!«, hörte er Francesco rufen, der wie erstarrt am geborstenen Fenster der Bar stand. Verletzte stolperten heraus, andere rannten panisch davon.

»Kümmer dich um das Kind.« Kilian reichte ihm das Bündel. »Die Mutter …«, lag tot auf der Straße, der Inhalt ihrer Handtasche im Rinnstein. Babyrassel, Papiertaschentücher, Lippenstift, Telefon …

»Du bist voller Blut«, sorgte sich Francesco.

»Nicht meins.«

Kilian steckte die Makarow zurück in den Gürtel und schwang sich auf die alte Harley, die mindestens genauso heruntergekommen aussah wie er mit seinen ungepflegten, langen Haaren, der verschlissenen Jeans und ausgebeulten Lederjacke. Aber sie waren beide zäh und wussten die Treue des anderen zu schätzen.

»Was hast du vor?«, fragte Francesco.

Kilian startete den Bock, der mürrisch grollte, als sei er aus dem Schlaf gerissen worden.

»Bleib erreichbar. Vielleicht brauch ich dich.«

Dann lenkte er das Streitross in die Straße der Toten.

2 // Habibi

Fastnacht aus Franken – Die Prunksitzung war das Highlight des Jahres, ein Pflichttermin für jeden hohen Amtsträger im Land, das Fernsehen sendete live.

Erwartet wurde ein ähnliches Spitzenergebnis wie die Jahre zuvor, knapp vier Millionen Zuschauer und damit mehr als bei so manchem DFB-Pokalfinale aus dem Olympiastadion in Berlin.

Nahezu das gesamte Kabinett der Landesregierung war angetreten, die Kostüme wurden vor laufenden Kameras auf dem roten Teppich besprochen und gelobt, der Landesvater trug zum schwarzen Anzug allerdings nur eine bunt gepunktete Fliege.

Wie jedes Jahr schlüpfte Polizeipräsident Georg Heinlein in sein Kostüm als Gevatter Hein – der Tod, mit aufgedrucktem Skelett, schwarzem Kapuzenmantel und weiß geschminktem Gesicht, in der knöchernen Hand die obligatorische Sense.

Heute Abend durfte nichts schiefgehen, Heinlein hatte Minister und ein Millionenpublikum an den Fernsehern zu Besuch, zwei Reihen entfernt seine Kinder Tom und Vera, Enkel und Schwiegersohn, und da war auch noch Claudia … seine Ex.

Ein junger Kollege, Polizeiobermeister Schäfer, bahnte sich den Weg vorbei an einem Beethoven, einer drallen Biene Maja, sich mannstoll gebärdenden Ordensschwestern und dem heißen Tipp der diesjährigen Faschingssaison: die x-te Kopie des Jokers.

»Was ist?«, stöhnte Heinlein, hoffentlich hatte sich niemand mit einem der hohen Tiere angelegt.

»Eine Geiselnahme.«

Heinlein atmete erleichtert auf. »Gut erkannt, da vorne sitzen die Minister und Ministerinnen in Geiselhaft. Alles in Ordnung.«

»Ein Mann im ICE aus Hannover hat zehn Leute in seiner Gewalt.«

Schluss mit lustig. »Kein Scheiß?«

»Nein, Herr Polizeipräsident. Die Situation droht außer Kontrolle zu geraten.«

Heinlein trank aus und erhob sich. »Bundespolizei vor Ort?«

»Ja, hat um Unterstützung gebeten.«

Heinlein und Schäfer eilten zum Ausgang.

»Hat schon jemand mit dem Geiselnehmer gesprochen?«

»Spricht kein Deutsch, nur ein paar Brocken Englisch.«

»Übersetzer angefordert?«

»Niemand weiß, für welche Sprache.«

Auch das noch.

»Ein SEK?«

»Ist auf dem Weg.«

Aus Nürnberg. Wenn sie gut durchkamen, waren sie in einer Stunde hier.

Sie erreichten die Glastüren, danach die Treppen, der Lärm verebbte. Heinlein atmete kalte, unlustige Februarluft, er fröstelte in dem dünnen Kostüm.

Die Personenschützer und Fahrer der Minister rauchten abseits, glotzten blöde herüber. Polizeioberkommissar Hoffmann war unter ihnen.

Was machte der hier?

Hoffmann grüßte, Heinlein zurück und rein in den Streifenwagen.

»Wohin geht’s?«

»Zwischen Tunnelende und Hauptbahnhof.« Schäfer startete den Wagen. »Der Geiselnehmer hat ein Ultimatum von einer Stunde gesetzt.«

»Ich denke, er spricht kein Deutsch?«

»Er stammelte was von one hour … bumm!«

»Und wann hat er das zum ersten Mal gesagt?«

Schäfer schaute auf seine Armbanduhr. »Vor genau 50 Minuten.«

»Und die Bundespolizei hat nicht gestürmt?!«

»Die Lage ist kompliziert …«

Da war sie wieder, die Erinnerung an die Katastrophe vor vier Jahren, an den heißen Juli 2016.

Ein minderjähriger Flüchtling hatte in einer Regionalbahn bei Würzburg ein Blutbad angerichtet. Mit einem Beil und einem Messer war er er auf die Reisenden losgegangen und hatte sie schwer verletzt.

Vier Tage zuvor hatte es den Anschlag in Nizza gegeben. 85 Tote, 434 Verletzte.

Vier Tage später der Anschlag in München. Neun Tote.

Zwei Tage darauf der Anschlag im nahen Ansbach. 15 Verletzte.

Das Gelände war weiträumig gesperrt, Autos stauten sich auf den Straßen rings um den Verkehrsknotenpunkt am Stadtrand, Hupen und Kehrtwenden im Schein der tanzenden Lichter der Einsatzfahrzeuge.

Der ICE stand im orangefarbenen Licht auf einem der vielen Gleise, der Bahnhof ein paar hundert Meter entfernt. Ein Hubschrauber suchte mit Scheinwerfer die Umgebung ab.

Heinlein zählte gut zwei Dutzend Einsatzkräfte, die sich auf einen Wagen konzentrierten, der als einziger im Inneren unbeleuchtet war, von außen aber angestrahlt wurde. Die Jalousien heruntergezogen, niemand konnte hinein- oder herausschauen.

Auf einem kleinen Parkplatz in der Nähe hatten sich Sanitätsfahrzeuge und die Einsatzleitung postiert.

Als Heinlein ausstieg, kam Deckert ihm bereits entgegen, mit dem Anflug eines Lächelns.

»Gevatter Hein …, natürlich.«

»Was dagegen?«, verbat sich Heinlein jeden weiteren Kommentar. »Also, was wissen wir?«

Deckert, ein kantiger Typ Ende vierzig, sportlich, in Sakko und Stiefeln, kam sofort auf den Punkt.

»Nichts Konkretes, außer dass der Kerl völlig durch den Wind ist. Er rennt im Wagen umher, schreit unverständliches Zeug und droht alles hochgehen zu lassen. Wir schätzen, dass er zehn Geiseln oder mehr in seiner Gewalt hat.«

»Wer hat mit ihm gesprochen?«

»Der Kollege von der Bundespolizei.« Deckert deutete mit dem Kopf nach hinten, wo jemand im Mannschaftswagen lautstark telefonierte und offenbar der Verzweiflung nah war. »Das SEK und die Bombenleute stecken noch auf der Autobahn fest. Die werden frühestens in einer halben Stunde da sein. So viel Zeit haben wir nicht, wenn der Kerl ernst macht.«

»Forderungen?«

»Keine Ahnung. Wir verstehen ihn nicht.«

»Scharfschützen?«

Deckert zeigte in die Nacht. »Einer diesseits des ICE, ein zweiter jenseits auf einem Güterwaggon. Keiner hat freie Sicht in den Wagen, die Lage ist völlig ungeklärt.«

Heinlein schaute sich um, es gab nur eine Entscheidung. »Die Bundespolizei muss stürmen«, es war ihr Verantwortungsbereich.

»Der Kollege bringt’s nicht. Wir beide wissen, was das bedeutet.«

Dass die Sache in die Hose ging.

»Was schlägst du dann vor?«

Deckert atmete durch. »Ich geh rein.«

»Ein Himmelfahrtskommando. Nein, auf keinen Fall.«

»Wäre nicht das erste Mal.« Deckert reichte ihm seine Waffe.

Heinlein verweigerte sie. »Aber vielleicht das letzte.«

»Wir hatten schon schlimmere Situationen«, damals beim SEK.

»Ina würde mir das nie verzeihen«, hielt Heinlein dagegen.

»Sie weiß, dass so etwas jederzeit passieren kann.«

»Früher, heute bist du ein stinknormaler Beamter, der seine Schicht runterreißt.«

»Das verlernt man nicht. Jetzt nimm schon.« Er drängte Heinlein die Waffe auf.

»Und Lukas und Carlotta?«

Deckert grinste schief, zog die Jacke aus. »Papa ist ein harter Hund.«

»Papa ist ein Idiot, wenn er glaubt, dass ich das genehmige.«

»Die Zeit drängt, Herr Polizeipräsident«, sagte Deckert förmlich. »Der Kollege von der Bundespolizei wird ohne das SEK nichts unternehmen, die Scharfschützen können kein Ziel ausmachen, und wenn der Geiselnehmer keinen Ausweg sieht, kann jederzeit alles passieren. Die Geiseln müssen schnellstens da raus.«

Richtig, aber Deckert hatte Frau und Kinder, ein neu gebautes Haus und einen Kredit am Hals, er wurde noch gebraucht.

»Ich mach’s«, bestimmte Heinlein.

»Quatsch nicht. Dein letzter Einsatz ist über fünf Jahre her.«

»Na und.«

»Du bist längst ein Schreibtischhengst, untauglich für aktive Polizeiarbeit.«

Kein anderer als Deckert durfte so mit ihm sprechen, und das auch nur, wenn sie unter sich waren oder sich heillos betrunken um die Getränkerechnung stritten.

»Gevatter Hein ist noch lange nicht in Rente.« Heinlein streifte den Umhang ab.

»Hein ist Geschichte, ein Gespenst aus alten Tagen.«

»Das ist ein Befehl, und jetzt ab.«

Widerstrebend lenkte Deckert ein und informierte den Einsatzleiter.

»Hast du ein Taschentuch?«, fragte Heinlein seinen Chauffeur, der alles mitangehört hatte.

»Sicher«, antwortete Schäfer und reichte ihm eines.

Doch die Schminke war hartnäckiger als gedacht.

»So geht das nicht«, belehrte ihn jemand – Vanja Berger, eine junge Kommissarin aus dem Dezernat für Organisierte Kriminalität, trat aus dem Schatten und nahm ihm das Taschentuch aus der Hand.

»Was machen Sie hier?«

»Hab den Hubschrauber gesehen. Ich wohne gleich da vorne im Bahnhofsviertel.« Sie spuckte ins Taschentuch, rubbelte und rieb, dass es schmerzte.

»Nicht Ihr Zuständigkeitsbereich.«

»Vielleicht kann ich helfen.« Sie hatte ihr schwarzes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden, war in Jogginghose und Sweatshirt unterwegs. Normalerweise trat sie auffallend modisch in Erscheinung. »Ich spreche Serbokroatisch, Bosnisch und …«

»Gibt es Hinweise, dass es sich um einen Täter vom Balkan handelt?«, unterbrach er sie mürrisch.

Vorlaut und übereifrig war sie, mischte sich stets in Dinge ein, die sie nichts angingen, wusste zu allem etwas zu sagen und bot auch noch ungefragt Hilfe an.

»Der Einsatzleiter meinte, dass es sich durchaus um eine Person aus meinem Sprachbereich handeln könnte.«

Dem war sie also auch schon auf den Geist gegangen. Heinlein entzog sich ihrer Behandlung.

»Auf eine Frau reagieren Geiselnehmer weniger aggressiv als auf einen Mann«, schickte Berger hinterher. »Sie glauben sich überlegen, das ist durch zahlreiche Berichte belegt.«

Da war es wieder, dieses überhebliche Gerede, das Heinlein von Anfang an auf die Nerven gegangen war.

»Vielen Dank, Frau Kollegin, ich kenne die Veröffentlichungen zum Thema.«

»Ich könnte an seinen Beschützerinstinkt appellieren, den Familienvorstand, Verantwortung, Leben und Ehre …«

Es reichte. »Gehen Sie nach Hause.«

Berger reagierte auf die harsche Zurückweisung, wie sie es immer tat, lächelnd. »Okay … dann viel Erfolg, Herr Polizeipräsident.«

Der Einsatzleiter eilte mit Deckert herbei. »Wollen wir das SEK nicht abwarten?«

»Gute Idee«, bekräftigte Deckert. »In einer halben Stunde …«

»In einer halben Stunde kann uns alles schon um die Ohren geflogen sein«, widersprach Heinlein. »Wer wird dem Ministerpräsidenten Rede und Antwort stehen? Die Medien sind auch schon da, berichten live und landesweit. Wer von Ihnen möchte als Erster vor die Kamera treten?«

Das Angebot ließ sie verstummen.

»Wenn’s schief läuft, stürmen Sie. Verstanden?« Ein Nicken.

»Ich lass dich nicht aus den Augen«, versprach Deckert mit einem Scharfschützengewehr in der Hand. »Auf unser altes Zeichen.«

Die Arme ausbreiten, Handflächen nach oben wenden, sich aus der Schusslinie bringen.

»Ich drücke Ihnen die Daumen«, wünschte der Einsatzleiter. Dann gab er die Nachricht über Funk an die Beamten weiter. »Achtung, an alle: Der Verhandler kommt.«

Heinlein ging los.

Vorbei am Dornengebüsch, wo die Kollegen mit der Waffe in Anschlag lagen. Mit einem kurzen Nicken zollten sie ihm Respekt, dann trat er auf die Gleise.

Noch konnte er es sich anders überlegen, den Schwanz einziehen, fliehen …

Gevatter Hein, der Ruf der alten Zeiten.

Nicht denken. Die Situation akzeptieren, wie sie war. Eine persönliche Beziehung aufbauen, Vertrauen gewinnen. Den richtigen Moment erkennen, mit aller Entschlossenheit handeln.

Auf Nostalgie und Selbstvergewisserung folgte Unruhe, je näher er dem ICE kam. Die Hände begannen zu zittern, seine Knie wurden weich.

Nicht denken. Die Situation akzeptieren, wie sie war …

»Stop!«

Unmittelbar vor dem Wagen.

Die Tür offen, Füße ragten ins Licht, abgetragene Sportschuhe, wie man sie in die Altkleidersammlung gibt.

Vorsichtig drehte sich Heinlein im Kreis, hob die Arme.

»No guns. See?«

Im Dunkel der Tür glaubte er die Umrisse einer Gestalt zu erkennen, und sie antwortete anders als erwartet, fast schon flehentlich.

»Habibi?«

Heinlein verstand nicht. »Chief of police …«

»No … no police«, aufgeregt, vermutlich unschlüssig angesichts einer Person mit einem aufgedruckten Skelett am Leib.

»No problem«, beruhigte Heinlein. »My name is …«

»Gallo … you Gallo?«

Hatte er ihn richtig verstanden?

»Say again. Who?«

Schweigen.

Unruhe.

Etwas stimmte nicht, Heinlein setzte erneut an.

»My name …«

Ein Handy schrillte mit einer fremden, beunruhigenden Melodie.

Aus dem Dunkel vor ihm.

Ein Handy hatte nichts in der Nähe einer Zündvorrichtung verloren.

Der Reflex, Heinlein warf sich zur Seite.

Die Wucht der Explosion donnerte über ihn hinweg wie ein ICE in voller Fahrt.

3 // Amer

In den Gassen der Quartieri Spagnoli heulten die Motorroller der verfeindeten Baby-Gangster um die Wette, Pistolenschüsse überschlugen sich und Salven automatischer Waffen verfingen sich in den eng stehenden Häuserreihen.

Die Rufe der Menschen, die sich zur frühen Abendstunde noch im Touristenviertel befanden, gingen darin nahezu unter.

Diejenigen, die das Schicksal getroffen hatte, lagen reglos in ihrem Blut, andere krochen verletzt auf die ausgestreckte Hand zu, die ihnen aus einem Souvenirgeschäft, Gemüseladen oder einem Restaurant gereicht wurde.

Es roch nach frittierten und gegrillten Scampi, nach Muscheln in Knoblauchsoße, nach frischer Pizza aus dem Holzofen und nach Käse, Schinken und Fisch aus den beliebten Feinschmeckerlokalen, die es an jeder Ecke gab und wo noch eine Minute zuvor fröhlich gegessen und mit einem Glas Rotwein auf das wunderbare Leben angestoßen worden war.

Nun legte sich der beißende Gestank von Abgasen und Pulverrauch darüber, von Schrecken und Todesangst. Türen fielen ins Schloss, hoch über den Köpfen klapperten Fensterläden, Terrakottatöpfe rauschten in die Tiefe und zerbarsten auf dem Kopfsteinpflaster neben umgeworfenen Kartenständern und Verkaufsregalen. Die Alarmanlage eines Autos schlug an. Zu spät. Die Angreifer hatten erreicht, was sie wollten, und waren ihren Verfolgern stets einen Block voraus.

Kilian hielt Abstand zum Geschehen. Er fuhr in gemäßigtem Tempo die Via Toledo entlang und blickte zu beiden Seiten in die Gassen und auf die verwaisten Piazze. Wo war die grün-weiße Straßenmaschine, auf der er Donatello, den Anführer, vermutete?

Er konnte sie im Geflecht der verwinkelten Gassen nicht sehen, nur ihr Röhren aufschnappen, wenn sie abrupt beschleunigte oder bremste – ein typisches Muster, das sie von den PS-schwachen Motorrollern unterschied.

Hinter Schaufenstern und Straßenecken verrenkten sich die Neugierigen und Lebensmüden die Hälse nach den Angreifern und Verfolgern, andere telefonierten aufgeregt oder schüttelten fassungslos die Köpfe. Polizeisirenen hallten wider, Blaulichter zuckten vor ihm auf. Gleich wäre der Spuk vorüber und damit auch die Möglichkeit, Donatello vor den Carabinieri zu fassen.

Es mochte kurz nach der Basilica dello Spirito Santo gewesen sein, als in einem Affentempo das grün-weiße Motorrad kreuzte und in die gegenläufige Richtung einer Einbahnstraße fuhr.

Kilian gab Gas und nahm die Verfolgung auf. Viele Autos kamen ihm nicht entgegen, die Gefahr ging von Fußgängern aus, die plötzlich im Gegenlicht auftauchten. Was er aber ohne große Anstrengung erkannte, war das grellrote Bremslicht des Motorrads.

Der Höllenritt verlor auf Höhe des Castel Nuovo, in unmittelbarer Nähe zum Hafen, an Geschwindigkeit. Für welche Richtung würde sich Donatello entscheiden?

Wenn er die Hafenstraße wählte, würde er mit der schnellen Maschine davonziehen und Kilian hätte das Nachsehen.

Zum Glück nahm er den Tunnel.

Die Maschine beschleunigte nicht mehr so schnell, vor allem schlingerte sie, als ob sie ein Problem hätte.

Oder Donatello.

Weit draußen im Südwesten der Stadt, am Baia Trentaremi, einem beliebten Aussichtspunkt mit Blick auf Meer, Klippen und das nahe gelegene Teatro Greco, trudelte die Maschine aus. Mit ihrem Fahrer fiel sie zur Seite um, der Motor stotterte, erstarb.

Kilian stoppte, ließ den Scheinwerfer an.

Eine frostige Brise fegte über Meer und Klippen, Wellen brachen sich in der Bucht und wirbelten feine Gischt auf, die sich auf Haut und Kleidung legte.

Mit vorgehaltener Pistole ging Kilian auf Donatello zu. Der lag auf dem Rücken und schaute in den finsteren Himmel, seine Hand ging zum Gürtel.

»Lass es!«, drohte Kilian.

Der Kerl stöhnte. »Wer bist du?«

Dort, wo Kilian eine Waffe vermutete, offenbarte das Scheinwerferlicht einen dunklen Fleck, der sich über Lederjacke und Hose ausgebreitet hatte. Vermutlich ein Bauchschuss, es kam einem Wunder gleich, dass es der Kerl bis hierher geschafft hatte.

Kilian holte das Handy hervor, das er dem Nachwuchseinbrecher abgenommen hatte, und rief Donatellos Bild auf. Gebleichte, kurze Haare, kantige Wangenknochen und das tätowierte Kreuz mit Punkten.

Kein Zweifel, er war es.

»Hast du was gegessen?«, fragte Kilian.

Falls ja, dann war er ohne eine sofortige OP kaum noch zu retten. Alle Sanitätsfahrzeuge waren in den Quartieri Spagnoli im Einsatz, um die Opfer seiner Attacke zu versorgen. Bevor auch nur ein Rettungswagen den Weg hierher fand, war Donatello kalt wie ein Fisch. Es würde ein qualvoller Tod werden, und Kilian kam gar nicht erst auf die Idee, Mitleid für den Massenmörder zu empfinden.

»Burger und Chips«, presste Donatello gegen den Schmerz an.

Und das in Italien.

Kilian öffnete ihm die Jacke. Alles durchnässt, keine Waffe. In den Taschen weder Geldbörse noch Ausweis, dafür ein Bündel Fünfziger, ein paar Tütchen mit Pillen und Koks.

Und ein Handy.

»Entsperr es«, forderte Kilian.

Donatello hustete. »Fick dich.«

»Werden wir gleich sehen, wer hier wen fickt.« Kilian schaltete sein Handy an und startete die Aufnahme.

»Was soll das?«

»Wird ein Hammer-Video. Die letzten erbärmlichen Minuten von Donatello, wie er Rotz und Wasser heult, sich vor Angst in die Hose macht, bettelt und winselt: Einen Arzt! Oder doch die Mami?«

»Hurensohn!«

»Ist heute Abend auf Youtube. Die Calabroni werden sich totlachen. Du und dein Clan – ein Witz. Keine Ehre, Mann.«

»Mach aus!« Donatello forderte sein Handy zurück.

Kilian achtete darauf, wie er es entsperrte. Keine PIN, sondern eine Form, die einer Sanduhr glich. Ein verwegenes Selbstporträt als Hintergrundbild. Kilian nahm ihm das Handy ab.

48 Nachrichten. Von Mattia, Gabriele, Andrea und so weiter. Der Gesuchte war nicht darunter.

»Wer ist Gallo?«, fragte Kilian.

Donatello stöhnte. »Kenn ich nicht.«

»Wer ist Gallo?«

»Ich sag doch …«

»Lüg mich nicht an.«

»Ich kenn keinen Gallo.«

»Dann zurück auf Start und … Showtime!« Ein weiterer Versuch, ihn zum Reden zu bringen. »Die Bitches werden den Scheiß lieben.« Er zündete sich ein Zigarillo an und rief, während die Aufnahme lief, die Nachrichten auf Donatellos Handy auf.

Wo bist du, Mann?

Achille und Brazzo hat es erwischt.

Haben die Wichser gekillt!

»Gallo ist ein Gespenst«, lenkte Donatello endlich ein, »ein Märchen. Nur Kinder und Idioten glauben daran.«

»Yo, Mann, Legende.«

»Glaub mir doch!«

Die nächste Nachricht ein Video, das vor zehn Minuten gepostet worden war. Vor der Kulisse einer Diskothek mit dumpf hämmernden Technobeats posierten drei seiner Gangsterbrüder mit Kippen im Mund und Waffen in der Hand.

»Calabroni vernichtet!«, brüllte einer, ein anderer etwas, das wie »Sanità!« klang, man verstand kaum ein Wort.

Aber das war nicht der Punkt, es ging um etwas ganz anderes – die Message, und die ging so:

Nach einem Überfall fuhren sie in einen angesagten Klub und feierten die Bilder des Coups in den Abendnachrichten und sozialen Netzwerken mit Champagner, Koks und Nutten.

Vor laufenden Handykameras warfen sie sich in Pose, prahlten mit ihren Waffen, Tätowierungen, Goldketten, Geldscheinen und gekauften Frauen. Die ganze Welt sollte von ihnen erfahren, wer sie waren, was sie getan hatten und was sie jederzeit an jedem beliebigen Ort wieder tun konnten.

In Neapel. Ihrer Stadt!

Hört gut zu, das ist unsere Nachricht.

Die Polizei, dein Freund und Helfer?

Ein Haufen lächerlicher Witzfiguren, die nichts auf die Reihe bringen. Ihr wisst, wo ihr uns findet. Wir erwarten euch.

Der Clan in deinem Viertel, der Capo, dein Schutzherr?

Hat er er dich beschützen können? Dein Geschäft, Kunden und Angestellte? Wer zahlt für die Einrichtung, den entgangenen Umsatz, Arzt und Krankenhaus, den Pfarrer für deine Beerdigung, den Leichenschmaus?

Wofür zahlst du eigentlich den Pizzo, du Idiot?

Wir sind die neue Macht! Dein neuer Herr! Ab sofort zahlst du den Pizzo an uns! Letzte Warnung.

Die Sprüche waren Teil der Einschüchterung, Phase eins vor einem Angriff. Die Chancen, dass tatsächlich etwas passierte, variierten … je nach Grad der Bewaffnung.

Donatello atmete flach, lange würde er es nicht mehr machen.

»Wer ist Gallo?«, fragte Kilian.

Keine Antwort.

Die nächste Nachricht. Sie stammte von einem Amer und war in einer fremden Sprache verfasst.

»Was steht hier?« Kilian hielt ihm das Handy hin.

Donatello antwortete nicht.

»Hey?!«

Regte sich nicht.

Am Zwerchfell war kaum noch Bewegung zu spüren.

Eigentlich hatte es der Schweinehund überhaupt nicht verdient …

4 // Helmbrecht

Als hätte die Welt ihre Höhen und Tiefen verloren.

Was an Heinleins Ohr drang, klang dumpf und hohl. Dazu ein verstörender, spitzer Ton und gelegentlich auftretender Schwindel, es war ihm auch etwas übel. Die Schürfwunden an Händen, Knien und Ellbogen waren nicht der Rede wert und von einem Sanitäter versorgt worden.

Wir bringen Sie jetzt ins Krankenhaus.

Nicht nötig, es geht mir gut.

Sie stehen unter Schock.

Definitiv, der Schock einer missglückten Deeskalation.

Ein toter Attentäter unbekannter Identität und mit ungewissem Motiv, mehrere verletzte Geiseln, Sachschaden in Millionenhöhe, Zugausfälle, verängstigte Reisende und Bürger.

Wenigstens hatten die Minister und Staatssekretäre, Medien und Zuschauer an den Fernsehgeräten nichts mitbekommen, die Meldung hatte sich erst zum Ende der Veranstaltung verbreitet, als Alkohol und Ausgelassenheit am Höhepunkt angelangt waren und Handys kaum Gehör fanden.

Das würde sich in den Morgenstunden ändern.

Der ICE-Wagen wie ein geborstener Silvesterböller, Trümmer auf den Gleisen, Bilder der Verletzten aus dem Krankenhaus, der Pressesprecher hatte einiges zu erklären.

Die Oberstaatsanwaltsschaft würde die Leitung der Ermittlungen, der Staatsschutz des LKA die Durchführung übernehmen, Deckert den Polizeipräsidenten Heinlein auf dem Laufenden halten.

Es geht ihm gut, nur kleinere Verletzungen.

Wir können stolz auf ihn sein!

Kurz nach Mitternacht, alleine im Büro. Alle Telefone aus, Heinlein wollte ungestört sein, er musste nachdenken.

Mit zittriger Hand goss er ein, leerte das Glas in einem Zug.

Gallo.

Was zum Teufel hatte das Gespenst wieder zum Leben erweckt?

Nach so vielen Jahren?

Mit Kriminalhauptkommissar Helmbrecht hatte alles begonnen, auf dem Weihnachtsmarkt vor fünf Jahren …

Helmbrecht hatte zum Glühweintrinken geladen, Treffpunkt ein Ausschank am Oberen Markt. Die meisten Kollegen schlugen die Einladung aus, denn Helmbrecht hatte seine Eigenarten, die sich mit steigendem Alkoholkonsum potenzierten und für wenig Freude sorgten. So auch an diesem fortgeschrittenen Abend, als die Besucher des Weihnachtsmarktes sich bereits in die Gaststätten zurückgezogen und die Händler ihre Verkaufsstände geschlossen hatten. Nur dieser eine Ausschank durfte die Läden nicht schließen, da Helmbrecht mittels Polizeimarke und einer unverhohlenen Drohung darauf bestand, noch einen für seine Freunde zu spendieren.

Explizit davon ausgeschlossen war Kollege Alexander Deckert, den Heinlein vom SEK in Nürnberg mit in seine Heimstadt gebracht hatte, als er zum neuen Polizeipräsidenten berufen worden war. Niemand wusste, warum sich Helmbrecht auf Deckert eingeschossen hatte. Sie kannten sich nicht und hatten auch niemals miteinander zu tun gehabt. Heinleins Versuche, den betrunkenen und aggressiven Helmbrecht zu besänftigen, schlugen fehl, sodass man beschloss, auf die letzte Runde zu verzichten und nach Hause zu gehen.

Claudia, damals noch Heinleins Frau, lud jedoch hinter vorgehaltener Hand Kilian, Pia und auch Deckert zu Tee und Christstollen in die warme Wohnung ein. Der kleine Raphael, den Kilian auf den Schultern getragen, dann in den Armen gewiegt hatte, war müde und gehörte ins Bett. Er rief immer wieder nach Pia, seiner Mutter, die mit Helmbrecht und Deckert zurückgeblieben war.

Im Nachhinein wusste niemand mehr so genau, wieso es bei der Verabschiedung zur offenen Auseinandersetzung zwischen den beiden gekommen war. Nur so viel: Heinlein ging mit Kilian, Raphael und Claudia vor, während Pia versuchte, die beiden Streithähne auseinanderzubringen, Deckert schloss zu ihnen auf …, als es einen ohrenbetäubenden Knall tat, Flammen und Rauch in den Nachthimmel stiegen und es Trümmer regnete.

Kilian fuhr der Schrecken in die Knochen, er eilte zurück und sah, was er niemals hätte sehen dürfen …

Die Kriminaltechniker machten ein defektes Ventil an einer Gasflasche als Ursache für die Katastrophe aus. Schwieriger war es für die Rechtsmediziner, Pias Kollegen, die Leichenteile den drei Getöteten zuzuordnen.

Der Wirt, Helmbrecht … und Pia.

Seit diesem Abend auf dem Weihnachtsmarkt war mit Kilian nicht mehr zu reden gewesen. Er riss die Ermittlungen an sich, obwohl sie überhaupt nicht in seinen Verantwortungsbereich fielen. Er traktierte Deckert mit Fragen und später mit Vorwürfen, wieso, weshalb, warum … Doch Deckert konnte nichts anderes sagen, als dass er Helmbrechts Angriffe auf die sich anbahnende Konkurrenzsituation im Dezernat zurückführte. Deckert war der aufstrebende Mann und er würde eher früher als später Helmbrecht als Dezernatsleiter ablösen. Die Rückendeckung seines Mentors, des Polizeipräsidenten Heinlein, hatte er obendrein, denn Helmbrecht war zu einem undurchsichtigen und vor allem unkontrollierbaren Faktor geworden.

Das reichte Kilian nicht, er begann im Umfeld Helmbrechts zu ermitteln, dessen letzte Fälle aufzurollen und dessen Kontaktpersonen anzusprechen. Irgendwo musste es einen Hinweis auf den Mord an Helmbrecht geben, dazu hatte sich Kilian mittlerweile verstiegen. Die beschwichtigenden Worte seines früheren Partners und Freunds Heinlein liefen ins Leere, auf den ersten Verweis folgte der nächste, dann Dienstaufsichtsbeschwerden von genervten Kollegen und schließlich hatte Heinlein Kilian zu dessen eigenem Schutz aus dem Verkehr gezogen. Sie stritten, sie gingen sich fast an die Kehle, dann knallten die Türen und Kilian verschwand im Nirgendwo.

Grußlos.

Bis er eines Tages wieder vor ihm stand – in löchrigen Jeans und abgewetzter Bikerjacke, mit Bart und langen Haaren, als käme er gerade von einem verregneten Rockkonzert zurück.

Gallo.

Der Name sei bei seinen Ermittlungen aufgetaucht. Es handele sich um eine unbekannte Person, die im Hintergrund die Fäden ziehe.

Welche Fäden?

Eine Litanei wildester Geschichten, Gerüchte und Verschwörungstheorien über eine neue Mafiaorganisation, die Anfang der Neunzigerjahre erstmals in Leipzig in Erscheinung getreten sei. Er komme jetzt nicht mehr weiter und brauche Heinleins Hilfe. Die Datenbanken von LKA und BKA müsse der für ihn anzapfen …

Was für ein Wahnsinn.

Aber okay, Heinlein tat ihm den Gefallen.

Ergebnis: Nichts, absolute Fehlanzeige. In keiner Ermittlung, keiner Befragung oder Zeugenaussage war der Name, das Wort oder die Bezeichnung Gallo aufgetaucht. Nirgends.

Bis heute Nacht.

Gallo … you Gallo?

Als hätte der Attentäter Gallo nicht gekannt und geglaubt, ihn auf den Gleisen zu treffen.

Gallo …

Und noch ein Wort war dem seltsam verstörten Mann über die Lippen gekommen.

Ha … Habibi?

War das das Wort gewesen?

Heinleins Schädel brummte und bockte vor Schmerz, er rieb sich die Schläfen. Bildete er sich das nur ein oder hatte er das Wort tatsächlich gehört?

Habibi … Was bedeutete das?

Eine Hand schob sich in sein Blickfeld, winkte.

Vanja Berger. Schlimmer als ein Sack voller Läuse.

»Was ist?!«, schnauzte er sie an und hörte sich selbst wie unter einer Glasglocke sprechen.

»Ich hatte angeklopft … Wie geht es Ihnen?«

»Gut. Was wollen Sie?«

»Mich nach Ihnen erkundigen.« Sie machte wirklich den Eindruck, dass sie sich sorgte.

Aber warum? Sie kannten sich so gut wie gar nicht.

»Es geht mir gut«, wiederholte Heinlein um Freundlichkeit bemüht, »danke der Nachfrage. Und nun gehen Sie bitte nach Hause. Morgen früh erwarte ich Sie ausgeschlafen und einsatzbereit.«

»Das werde ich sein. Sie können sich auf mich verlassen.«

Doch sie ging nicht, glotzte ihn an, als wolle sie seine Gedanken lesen, ihn mit ihrem bohrenden Blick durchdringen.

»Was ist noch?«

Sie zögerte, überlegte, doch dann: »Ich habe mich gefragt, was zwischen Ihnen und dem Attentäter vorgefallen ist.«

»Nichts. Warum interessiert Sie das?«

»Sie haben keine sechzig Sekunden mit ihm gesprochen, und schon knallte es.«

»Wollen Sie etwa meine Vorgehensweise kritisieren?!«, fuhr er sie an, und schon bretterte der ICE noch einmal durch seinen Schädel, dass es pochte, hämmerte, pfiff und quietschte.

Sie beantwortete die Frage nicht, stattdessen: »In welcher Sprache hat er gesprochen?«

»Englisch … gebrochen.«

»Was hat er gesagt?«

Schluss damit, er war nicht im Zeugenstand. »Gehen Sie jetzt.«

Sie setzte erneut an, doch überlegte es sich anders.

»Gute Nacht, Herr Polizeipräsident.« Mit einem Lächeln machte sie kehrt.

Dem Herrn im Himmel sei Dank!

Er sah ihr nach, wie sie in ihrem Joggingoutfit davonfederte, die ehemals gepflegten Sportschuhe ziemlich lädiert, als hätte sie sich am Tatort durchs Gebüsch geschlagen.

Abgetragene Turnschuhe.

»Habibi«, rief er ihr nach, »wissen Sie, was das bedeutet?«

»Das ist Arabisch«, vernahm er, obwohl seine Hörweite kaum noch bis zur Tür reichte, »bedeutet so viel wie Geliebter oder Freund.«

»Sicher?«

»Ja, klar. Warum fragen Sie?«

»Nichts, nur ein Gedanke. Schließen Sie die Tür, bitte.«

Endlich wieder allein.

Habibi … Geliebter, Freund.

Warum in aller Welt würde ihn ein unbekannter Attentäter als Freund bezeichnen wollen?

Und noch etwas: Hatte der Kerl tatsächlich einen Auslöser in der Hand gehalten, wie es Deckert berichtet hatte?

Heinlein hatte keinen gesehen. Oder konnte er sich nur nicht daran erinnern?

Weil er unter Schock stand.

Aber an das Bimmeln eines Handys, hundertprozentig.

Eine seltsame Melodie, irgendwie orientalisch.

Ein Anruf hatte die Detonation ausgelöst. Wer hatte ihn getätigt?

Seine Hand schnellte zum Hörer, um eine Anfrage an die Telefongesellschaften zu stellen. Mitten in der Bewegung hielt er ein, es war weit nach Mitternacht.

Er seufzte, hielt sich den Brummschädel.

Höchste Zeit ins Bett zu gehen. Mehr konnte er nicht …

Doch, natürlich.

Sie hatten sich seit Jahren nicht gesprochen, die Nummer existierte vermutlich auch nicht mehr.

Und dennoch war es einen Versuch wert.

Was würde er sagen?

Was würde Kilian sagen?

5 // Kotor Trans

Das Blut zweier Menschen floss unter der Dusche an ihm herab. Die Mutter hatte er nicht retten können, ihren Mörder schon.

Kilian hätte kotzen können vor Scham.

Er drehte die vergoldeten Wasserhähne zu, griff nach dem Handtuch und setzte den Fuß auf wohlig warme Marmorfliesen. Die gesamte Villa mit ihren acht Zimmern war damit gepflastert. Eine Fußbodenheizung sorgte für kuschelige Winterabende am Meer, und wenn es mal ganz stimmungsvoll sein sollte, warf man den Kamin an.

Dann würde der gestresste Dr. Kohlschreiber einen Brunello dekantieren, sich aufs Ledersofa fallen lassen und seiner Gattin von den Träumen erzählen, die er als Student noch hatte. Von seinen Reisen nach Goa und Angkor Wat, von den erlebten Abenteuern, den Menschen, die er getroffen und der Erleuchtung, die er im Sonnenaufgang am Strand von Bali erfahren hatte.

Heute spritzte er seinen wohlhabenden Kunden Botox ins Gesicht. Von etwas musste man schließlich leben.

Mit einem Wisch sorgte Kilian für freie Sicht im Spiegel. Vor ihm stand ein bärtiger und langhaariger Mitfünfziger, wie sie in Werbespots großer Baumärkte gezeigt wurden, bei guter Pflege und einem Haarschnitt hätte er auch als Hipster durchgehen können. Oberkörper und Arme waren definiert, die Arbeit am Haus hatte überschüssige Pfunde schmelzen und Muskeln sprießen lassen. Körperlich war er in Topform, Vergleiche mit Jüngeren musste er nicht scheuen.

Das Handy klingelte.

»Herr Dr. Kohlschreiber …«

»Endlich, Kilian. Warum rufen Sie nicht zurück?« Im Hintergrund wurde gefeiert. Man trank und sang zum Hüttenzauber, eine schrille Trillerpfeife kündigte die nächste Runde an. »Einen Moment.« Kohlschreiber bahnte sich einen Weg durch feiernde Skigäste aus aller Welt.

Kilian verließ seinerseits das Badezimmer, rubbelte sich die Haare trocken und versuchte, keins der vielen Kunstwerke umzustoßen, die sich im Gang aneinanderreihten. Irgendwas Etruskisches oder sonst was, das sich nur eine gelangweilte Gattin ausdenken konnte.

Er schob den Vorhang am Panaromafenster einen Spalt weit auf. In der Nachbarvilla, die sich über drei Ebenen erstreckte und zum Meer hin entfaltete, ging es hoch her. Die Nutten tanzten und ein Gast ballerte sich den Verstand mit Koks weg.

Wusste der Idiot nicht, dass er sich in einem Gästehaus der Camorra befand, in dem jede Sünde in HD-Qualität aufgezeichnet wurde?

»So, jetzt«, atmete Kohlschreiber auf. »Hier in Ischgl geht der Punk ab. Echt der Wahnsinn.«

»Ich hätte mich später noch gemeldet«, entschuldigte sich Kilian. »Musste den Ganoven erst bei den Carabinieri abliefern.«

»Wie groß ist der Schaden? Ich habe seit gestern keinen Zugriff auf die Kameras mehr.«

Kein Wunder. Der Bengel hatte die Kabel durchgeschnitten.

»Der Schreibtisch ist aufgebrochen, Regale sind umgeworfen …«

»Und der Safe?«, unterbrach Kohlschreiber. »Der im Keller, hinter dem Wein?«

Natürlich. Da lagerten die Geheimnisse des Giftspritzers.

»War mein erster Weg. Alles in Ordnung.«

Ein langes Seufzen. »Gott sei es gedankt. Und Ihnen, Kilian. Was würde ich nur ohne Sie tun?«

»Kein Problem, dafür bin ich ja da. Sie haben meine Kontonummer?«

»Sicher, sicher. Bitte checken Sie die Kameras im Garten und im Haus. Hab nur noch Schwarz auf meinem Handy.«

»Ich beauftrage einen vertrauenswürdigen Handwerker mit der Reparatur.«

»Ich vertraue Ihnen voll und ganz.«

So sollte es sein.

»Grüße an die Gattin«, sagte Kilian, »und wenn Sie mich wieder brauchen: Eine kurze Nachricht genügt, und ich mache mich auf den Weg.«

»Grazie mille. Und ich empfehle Sie weiter an meine Freunde und Kollegen, da können Sie sicher sein.«

Einen verlässlichen Helfer in der Not konnte jeder seiner Freunde und Kollegen brauchen, die ihr Schwarzgeld in Häuser, Wohnungen und Nobelkarren in Italien investiert hatten. Die Zahl der Diebstähle und Einbrüche war in den letzten Jahren in die Höhe geschnellt, außerdem musste niemand wissen, was da in Safes und doppelten Böden gebunkert wurde.

Solche Probleme hatte der Besitzer der Nachbarvilla nicht, er war Gauner, Polizist und Richter in einer Person. Ein derart kostspieliges Anwesen unterhielt er nicht aus Lust und Tollerei, es gehörte zum Anlagevermögen seiner Gesellschaft, eine Betriebsstätte.

Hin und wieder auch Richtstätte für Plappermäuler.

Ein Wagen fuhr vor, das schmiedeeiserne Tor öffnete sich wie von Geisterhand. Der Hausherr begrüßte seinen Gast mit offenen Armen.

»Mein Minister. Geht es dir gut?«

»Giulio, mein Lieblingsitaliener«, antwortete der mit schwäbischem Einschlag, »tutto bene.«

Amigos unter sich.

Kilian schenkte sich einen Cardinal Mendoza ein, fläzte sich in die Kissen der Ledercouch und entsperrte Donatellos Handy. Die Flammen des Kaminfeuers züngelten, Schatten huschten über die Ölbilder der neuen Meister an den Wänden, die laut Kohlschreiber eine sichere Anlage in den heraufziehenden stürmischen Zeiten waren.

Oder den Finanzbehörden zum Opfer fallen würden.

Die Chats flogen unter Kilians unruhigen Daumen vorbei, das Meiste in Form von Satzfragmenten, Kraftausdrücken und Emojis. Ein wirres Sammelsurium von Derbheit und geistiger Armut. Dazwischen Nachrichten eines oder einer Amer, ohne Profilbild und in einer anderen Sprache, inhaltlich wahrscheinlich das Gleiche wie von Gabriele, Achille und Mauro – Kohle, Sex und Prahlerei.

Kilian startete eine Suchanfrage nach Gallo … zwei Treffer!

Die eine Nachricht stammte von Donatello, die zweite, als Antwort, von … Amer. Er kopierte die Texte in eine Suchmaschine.

Bei der Sprache handelte sich um Bosnisch … oder Montenegrinisch, da wollte sich die Software nicht festlegen oder war, ähnlich wie Kilian, paralysiert von dem wirren Geschreibsel.

Donatello fragte nach Gallo, er habe von ihm gehört.

Es gibt keinen Gallo, antwortete Amer, nimm seinen Namen nie wieder in den Mund, sonst … der Ausdruck konnte nicht übersetzt werden.

Für die tatsächliche Existenz Gallos hätte es kaum eine überzeugendere Bestätigung geben können.

Kilian nahm sich alle Nachrichten von Amer vor, und das waren einige, kopierte sie in die Suchmaschine und versuchte darin einen Hinweis zu ihm zu finden, wer er war, was er tat und in welcher Beziehung er zu Donatello stand, dem Baby-Gangster aus der Sanità.

Es brauchte Zeit und zahlreiche Versuche, bis er endlich etwas fand: Donatello habe sich im Büro von Kotor Trans in Bari einzufinden, Amer erwarte ihn. Es gebe Probleme mit einem Fahrer …

Bari, die Stadt in Apulien, knapp 300 Kilometer von Neapel entfernt. Fahrzeit bei Nacht mindestens drei Stunden, eher mehr, bei Tag weniger.

Dann besser im Morgengrauen los, beim ersten Hahnenschrei.

Zuvor die blutverschmierten Klamotten in die Waschmaschine, packen, eine Mütze Schlaf …

Das Handy klingelte erneut. Was wollte Kohlschreiber denn noch?

Aber der war es nicht, sondern ein anderes Gespenst aus längst vergangenen Tagen.

Heinlein.

Sie hatten sich seit Jahren nicht gesprochen, weder zu Geburtstagen noch zu Weihnachten oder Neujahr. Nicht einmal eine SMS. Wie vergessen und gelöscht.

Und jetzt auf einmal?

Später, irgendwann, wenn er einen Kopf dafür hatte.

Und wischte ihn weg.

Die Legende vom Gallo Nero

Im 13. Jahrhundert stritten sich die Republiken Siena und Florenz um ihre Grenzen. Man beschloss, beim ersten Hahnenschrei je einen Reiter loszuschicken. Dort, wo sie sich trafen, sollte zukünftig die Landesgrenze verlaufen.

Die Sieneser hatten einen gefräßigen weißen Hahn, die Florentiner einen schwarzen hungrigen. Und natürlich krähte der hungrige, schwarze Hahn früher als der weiße.

So kam es, dass sich die Reiter nicht in der Mitte, sondern nahe bei Siena trafen, da der Florentiner Reiter viel früher aufgebrochen war.

Die Florentiner konnten damit ihre Grenzen deutlich erweitern, und machten den Gallo Nero zu ihrem Wappentier.

6 // Werner S.

»Ist Opa tot?«, fragte Jinjin.

»Nein«, flüsterte Vera, »er schläft.«

»Aber er atmet nicht«, bemerkte Yingtao.

»Opa macht das mit den Ohren.«

»Das geht doch nicht«, amüsierte sich Jinjin, und die freche Yingtao hielt Heinlein gleich die Nase zu.

Er wachte auf und schnappte nach Luft.

Die Zwillinge kicherten, und selbst dabei glichen sie sich wie ein Ei dem anderen: rehbraune Mandelaugen, Stupsnasen und pechschwarzes Haar, das zu schulterlangen Zöpfen geflochten war. Nur die Farbe der Haarbänder half, die beiden auseinanderzuhalten: Jinjin, die Goldene, trug ein rotes Bändchen. Yingtao, die Kirsche, ein blaues.

»Opa ist aufgewacht«, feierten sie Heinleins Wiederkehr von einer viel zu kurzen Reise durch die Nacht, die erst bei Tagesanbruch begonnen hatte.

Bis dahin Bimmeln ohne Unterlass.

Der Innenminister und sogar der Landesvater hatten sich nach seinem Befinden erkundigt. Mutig sei er gewesen, selbstlos … eine größere Katastrophe verhindert … nicht auszudenken, wenn … eine Belobigung, eine Einladung in die Staatskanzlei … jetzt gelte es gesund zu werden … ausruhen.

Dann meldete sich Uschi, seine Sekretärin. Alles klar bei dir?

Sie hatte Vera und Tom informiert. Tom hatte betont nüchtern die Fakten abgeklopft, Vera ihre Besorgnis hinter fadenscheiniger Fröhlichkeit verborgen. Sie war es gewesen, die ein Familientreffen angeordnet hatte, sobald er aufgewacht war.

Tom, der kühle Stratege.

Vera, die letzte, verbliebene Familienklammer.

Jinjin und Yingtao sprangen aufs Bett, hüpften und tollten den zerknautschten Brummbär endgültig wach.

»Nicht so stürmisch«, rief Vera sie zur Ordnung.

Doch Heinlein hätte sich keine bessere Reanimierung wünschen können. Er packte die beiden Pingpongbälle, balgte sich und raufte mit ihnen, schickte Kopfschmerzen und schlechte Laune in die Ferien.

»Das reicht«, bestimmte Vera nach einer Weile. Sie schnappte sich Jinjin und Yingtao. »Ab nach unten, Frühstück ist fertig!«

Die beiden polterten die Treppe hinunter. Vera nutzte den Moment der Stille, der seltenen Zweisamkeit zwischen Vater und Tochter.

Schweigen. Ein langer Blick und ein Seufzen von Vera, als müsse sie die gesamte Last der Familie tragen und nicht mehr er oder Claudia, seine Ex.

»Geht es dir gut?«

»Ja, es ist nichts. Bin noch an Ort und Stelle verarztet worden.«

»Tian wird dich sicherheitshalber noch mal untersuchen.« Veras Ehemann, ein chinesischer Arzt, der beste Schwiegersohn, den sich Heinlein für seine Tochter hatte wünschen können. Er begleitete die inzwischen berühmt gewordene Violinistin auf ihrer Tour um den Globus, erzog und unterrichtete die Kinder, praktizierte sowohl die westliche als auch die traditionelle chinesische Medizin und war ein bescheidener, wenngleich etwas introvertierter Mann aus gutem Haus.

Schon morgen Abend reisten sie wieder ab. Hamburg, Kopenhagen, Oslo … Vera war das Goldstück der Familie, schön, talentiert und gescheit. Heinlein hätte rund um die Uhr vor Stolz platzen können.

»Komm, lass uns frühstücken.« Er setzte an, sich aus dem Bett zu schwingen, als ihm die Überheblichkeit in Rücken und Beine fuhr. Mit Mühe unterdrückte er den Aufschrei.

»Hast du Schmerzen? Soll ich Tian rufen?«, erschrak Vera.

»Quatsch. Alles gut.«

»Du kannst mir nichts vormachen. Du hast doch was«, zweifelte sie.

»Nur ein bisschen eingerostet. Geht gleich vorbei.«

Irgendwo im Lendenwirbelbereich saß die Hexe und ritt ihren verdammten Besen.

»Tian!«, rief Vera.

»Lass, bitte, es ist nichts.« Unter Schmerzen richtete er sich auf.

Im Wohnzimmer lief der Fernseher, davor lümmelte Tom auf dem Sofa. Mit einem Nicken grüßte er Heinlein, seine Aufmerksamkeit gehörte den Nachrichten.

»… ist die Identität des Attentäters weiterhin unbekannt, auch sein Motiv. Nach ersten, unbestätigten Informationen soll es sich um einen Mann aus dem vorderasiatischen Raum handeln …«

Woher kam das so plötzlich?

Der Körper des Attentäters war von der Explosion völlig zerfetzt worden, er hatte nach ersten Erkenntnissen weder Tasche noch Ausweis bei sich gehabt. Die Rechtsmediziner würden Tage benötigen, um etwas zu rekonstruieren, das erkennungsdienstlich zu gebrauchen war.

Im Esszimmer duftete es verführerisch nach frisch gebrühtem Kaffee und Jasmintee, Hörnchen, Spiegelei und Schinken. Die Zwillinge saßen bereits auf ihren Plätzen, Vera füllte Gläser mit Orangensaft.

»Tom, Tian … Frühstück.«

»Fangt ohne mich an«, rief Tom herüber, eine weitere Nachricht verdunkelte den ohnehin schon trüben Samstagvormittag.

»In Frankreich ist ein am Coronavirus erkrankter Mensch gestorben. Es ist der erste Tote in Europa. Der chinesische Tourist stammte aus der Provinz Hubei …«

Die Zwillinge erstarrten und sahen fragend zu ihrer Mutter.

»Onkel Li geht es gut«, beruhigte Vera, »er wohnt ganz weit weg von Wuhan … Tom, mach endlich die Glotze aus!« Sie ging zum Fenster, klopfte. »Tian!«

Heinlein ließ sich vorsichtig auf einen Stuhl nieder. Durchs Fenster sah er Tian im Garten telefonieren. Für einen Chinesen war er erstaunlich groß, ein schlanker und modebewusster Mann Mitte vierzig, der in Deutschland und Italien Medizin studiert hatte.

»Macht euch keine Sorgen, Kinder«, sagte Heinlein, »dieses Virus ist nicht gefährlicher als eine normale Erkältung.«

»Wer behauptet das?«, fragte Tom und setzte sich ihm gegenüber. Der Fernseher im Wohnzimmer lief weiter.

»Die Ärzte aus diesem Institut in Berlin«, antwortete Vera. »Nur wenige Menschen würden sich infizieren, und wir hier in Deutschland schon gar nicht.«

»Was ist mit den Fällen in Bayern und Hessen?«, hakte Tom nach, »die sind in Quarantäne.«

»Wenn selbst unser Gesundheitsminister von Einschränkungen des Reiseverkehrs von und nach China nichts wissen will«, sagte Vera, »und noch nicht einmal Fiebermessen an den Flughäfen für angebracht hält, dann brauchen wir uns hier erst recht keine Sorgen zu machen. Oder?«

»Genau so ist es«, bestätigte Heinlein mit Blick auf die verschreckten Zwillinge.

Doch Tom ließ nicht locker. »Meiner Kenntnis nach hat es unser Gesundheitsminister gerade mal bis zum Cheflobbyisten eines Verlags gebracht. Ein richtiger Gesundheitsexperte hat eine bessere Qualifikation für den Job, an dem Menschenleben hängen.«

»Hör auf zu stänkern«, maßregelte ihn Heinlein.

»Solche Politiker, ohne Kompetenz und Talent, die externe Berater mit Millionen füttern, haben uns kaputt gespart und lächerlich gemacht. Die Truppe hat inzwischen so nen Hals.«

Tian kam herein, bemühte sich um ein Lächeln.

»Guten Morgen, Herr Schwiegervater.« Die alte Schule, es ging Heinlein jedes Mal hinunter wie Öl.

»Er heißt …«, sagte Vera.

»Schorsch. Entschuldigen Sie.« Tian seufzte leise.

»Alles gut?« Sie fasste seine Hand.

»Ja, sicher. Später …«

»Dann lasst uns endlich frühstücken. Schön, dass wir endlich wieder mal alle zusammen sind.«

Nicht ganz.

»Wo ist Oma?«, fragte Jinjin.

»Ist sie wieder im Fernsehen?«, legte Yingtao nach.

Gott bewahre. Heinlein stupste Tom unter dem Tisch an. Der zuckte die Schultern. Das ließ hoffen, dass sie von den politischen Absurditäten von Heinleins Ex verschont blieben.

»Oma hat noch was zu erledigen«, erklärte Vera. »Wer will Kaffee, wer Tee?«

Der Frühstückstisch war reich gedeckt. Es trafen sich westliche Speisen in Form von Hörnchen, Brötchen, Butter, Marmelade, Eier, und östliche: Hirsebrei mit Sesampaste, Nudelgerichte, frittierte Teigstäbchen und Jianbing – ein Crêpe aus Getreidemehl mit Ei, gehackten Frühlingszwiebeln, Koriander, süßer Sojabohnenpaste und Chilisoße.

»Tian, kannst du dir Schorschs Rücken mal ansehen?«

»Es ist nichts«, versicherte Heinlein.

»Wie lange hast du die Probleme schon?«, fragte Tian.

»Nur ein leichtes Ziehen. Kaum der Rede wert.«

»Das sah vorhin ganz anders aus«, widersprach Vera.

Und Tom fügte süffisant hinzu: »Man ist halt keine dreißig mehr.«

»Mit dir nehme ich es allemal auf.«

Tom war nicht mehr der Halbstarke, den man im Auge behalten, dem man ständig hinterherrennen musste, um ihn vor sich selbst zu schützen, er war seinen wilden, widerspenstigen Jahren entwachsen – nachdem er eine Weile ziellos durch die Welt gestolpert war.

Feiern, abhängen, einen durchziehen, später mehr. Viel mehr.

In einem türkischen Knast war er aufgewacht. Heinlein musste Beziehungen spielen lassen, das Auswärtige Amt einschalten, die ganze Litanei. Nach vier Wochen holten Claudia und Heinlein Tom ab. Es brauchte nicht viele Worte, er hatte seine Lektion endgültig gelernt, bewarb sich auf die Ausschreibung des IT-Kommandos der Bundeswehr und bekam den Job.

Jetzt saß er mit akkurat geschnittener Frisur am Tisch, im Schrank eine gebügelte Uniform und blank geputzte Stiefel. Für Heinleins Geschmack fast schon ein bisschen zu viel des Guten.

»Die Spezialeinsatzkommandos kamen in den frühen Morgenstunden«, tönte es aus dem Wohnzimmer herüber. »Die groß angelegte Razzia galt den Mitgliedern und Unterstützern einer mutmaßlich rechten Terrorzelle …«

Heinlein horchte auf, und auch Tom war nicht länger beim Tischgespräch.

»Einer der festgenommenen Männer soll als Verwaltungsmitarbeiter bei der Polizei in Nordrheinwestfalen arbeiten …«

Heinlein zwang sich auf die Beine, Tom folgte ihm hinüber ins Wohnzimmer. Die Nachricht war gestern schon in den Medien gewesen, Heinlein hatte sich wegen des Empfangs der Minister nicht weiter damit beschäftigen können.

»Ziel von Werner S. und zwölf weiteren deutschen Männern soll es gewesen sein, die Staats- und Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik zu erschüttern. Die Generalbundesanwaltschaft geht davon aus, dass die mutmaßlichen Rechtsextremisten Anschläge auf Politiker, Muslime und Asylbewerber geplant hatten, um bürgerkriegsähnliche Zustände auszulösen. Unterstützer der Terrorzelle sollen finanzielle und tätliche Mithilfe bei den Anschlägen zugesichert haben, auch die Beschaffung von Waffen. Bei einem Beschuldigten wurde eine ähnliche Schusswaffe gefunden, wie sie der antisemitische Attentäter von Halle …«

Der Bildschirm wurde schwarz, der Ton verstummte.

»Könnt ihr nicht ein Mal die Politik sein lassen?«, beschwerte sich Vera mit der Fernbedienung in der Hand. »Es ist Wochenende, Familie ist angesagt.«

Tom murrte und auch Heinlein war diesmal nicht bereit, klein beizugeben. »Das ist wichtig«, sagte er, »schalt wieder an.«

»Entscheide dich«, drohte Vera. »Wir oder deine blöde …«

Die Entscheidung traf Tian. Er nahm ihr die Fernbedienung aus der Hand und schaltete den Fernseher an.

»Es dauert nicht lange.«

Erbost stapfte Vera ins Esszimmer zurück. Das war die Kehrseite ihrer Talente – das aufbrausende Temperament ihrer Mutter.

Als sich Bild und Ton wieder einstellten, äußerte sich gerade eben jene Mutter, die Landtagsabgeordnete Claudia Knorr, zum Attentat von letzter Nacht. Sie gab das Interview vor dem Gebäude des Hauptbahnhofs, im Hintergrund die große Bahnhofsuhr. Zufall oder nicht, die Zeiger standen auf fünf vor zwölf.

»Wer die Augen noch länger vor der islamistischen Gefahr verschließt, wird morgen sein blaues Wunder erleben. Dieser Einwanderungsterrorismus muss ein Ende finden. Jetzt, sofort, bevor der nächste Shisha-Raucher eine Bombe zündet und uns alle ins Unglück reißt …«

»Mach das Weibsbild weg«, grollte Heinlein, doch Tian fand die entsprechende Taste nicht auf Anhieb.

Da eilten die Zwillinge herein. »Oma ist im Fernsehen!«

Heinlein lachte bitter auf. Diese doppelzüngige Schlange von einer Oma würde ihre Enkel und den Schwiegersohn nur so lange dulden, wie sie ihr in der Außendarstellung dienlich waren.

Rassismus? Schaut auf meine Familie.

Zum Leidwesen der Zwillinge ging der Fernseher aus und Tian schickte sie zurück in die Küche.

»Soll ich mir deinen Rücken jetzt mal ansehen?«, fragte er.

»Nicht nötig«, tat Heinlein ab, »es ist wirklich nichts.«

Tom widersprach. »Herrgott, Vater. Lass Tian endlich seinen Job machen.«

Er gab nach. »Von mir aus. Wenn ihr unbedingt wollt. Vertane Liebesmüh.«

Während Heinlein etliche Verrenkungen machen und Tian Antworten bezüglich seines Lebenswandels und seiner Essgewohnheiten geben musste, bat er Tom um einen Gefallen.

»Kannst du den Hintergrund dieser Terrorzelle, speziell diesen Werner S. für mich checken?«

Reichten die Unterstützer von Werner S. in Heinleins Verantwortungsbereich hinein?

Es gab da einige Kandidaten unter seinen Leuten, die in Chats und auf Demos rechter Gruppierungen auffällig geworden waren oder sich bei privaten Schießübungen und Feiern ungeniert als Befürworter einer neuen Ordnung outeten.

»Was genau meinst du mit Hintergrund?«, fragte Tom.

»Alles, was die offiziellen Berichte nicht hergeben.«

»Du weißt, dass das der Geheimhaltung unterliegt. Auf solche Nachforschungen hat der militärische Abschirmdienst ein Auge.«

Manchmal wünschte sich Heinlein seinen alten Tom zurück, der sich um derlei Hindernisse nicht scherte, sie als Herausforderung betrachtete, um ein kniffliges Rätsel zu lösen.

»Komm schon, ihr als Cyber-Unit habt doch ganz andere Möglichkeiten als ich.«

»Das kann uns beide den Job kosten.«

»Du machst das schon …«

Heinlein jaulte auf, Tian hatte das Versteck der Hexe in seinem Rücken aufgespürt.

»Vera«, rief Tian in die Küche. »Kannst du bitte die Nadeln aus dem Auto holen?«

Heinlein schluckte. »Was für Nadeln?«

7 // Shefkije

Die Luft war frisch und klar.

Anders als Neapel, hatte sich Bari in den letzten Jahren zu einer Vorzeigestadt herausgeputzt und war bestens organisiert, sodass man kaum glauben konnte, in einer süditalienischen Stadt zu sein. Nur lag das nicht allein an der Geschäftstüchtigkeit der Einwohner Baris, sondern auch an der apulischen Mafia, der Sacra Corona Unità und ihren Familienclans.

Alle profitierten vom Tourismus, man biss nicht die Hand, die einen fütterte. Blutfehden rivalisierender Clans hatten im Sommer Pause.

Das Büro von Kotor Trans befand sich vis-à-vis des Parks Piazza Umberto I, gerade mal fünf Gehminuten von der Altstadt und dem ebenso weitläufigen wie geschäftigen Hafen entfernt. In der gepflegten Grünanlage ragten Palmen in den bewölkten Himmel, gestutzte Rosen- und Oleandersträucher erwarteten den Frühling, ein Brunnen gurgelte Wasser.

Zwei kleine Espressobars entlang der gekehrten Wege luden Geschäftsleute und Passanten zu einem Plausch ein. Kilian wählte einen Platz im Schatten, in den Gesprächen an den Nachbartischen ging es um wegbrechende Buchungen aus Asien und Stornierungen von Hotelzimmern, Kreuzfahrten und Ausflügen in die Umgebung, nach Alberobello, Matera und Polignano a Mare, in die Grotte di Castellana und natürlich zum berühmten Schloss Castel del Monte des Stauferkaisers Friedrich II.

Da bahne sich eine Katastrophe an, prophezeite einer. Ein anderer beruhigte, das Problem sei mit der Festnahme zweier chinesischer Touristen in Rom, die das Coronavirus ins Land gebracht hatten, doch schon längst erledigt. Man solle nicht länger auf Fake News und Panikmache hereinfallen, ab Montag gehe alles wieder seinen gewohnten Gang. Und wenn wirklich alles schief ginge mit den Chinesen, dann gebe es ja noch die Deutschen. Die ließen sich nicht so schnell von ihrer Reise abbringen. Für die Deutschen sei der Urlaub heilig, auf die Deutschen sei Verlass.

Bevor Kilian bei Kotor Trans nach Amer fragte, wollte er sich ein Bild machen, mit wem er es gleich zu tun bekam. Auf der Website offenbarte sich eine Spedition, die zu Wasser, Luft und auf der Straße Waren quer durch Europa karrte.

Das Büro in Bari leitete Amer Damjanovic, schwarzer Kurzhaarschnitt, markante Ohren und Wangenknochen, eine leicht schiefe Nase, die vermutlich mal gebrochen worden war.

Daneben gab es Kotor Ferries & Cruises, die Kreuzfahrten durchführten und Fährverbindungen im Mittelmeerraum unterhielten. Als Reiseveranstalter und Hotelbetreiber trat Kotor Holidays auf.

Die Firmengruppe, die Niederlassungen in ganz Europa unterhielt, hatte ihren Hauptsitz im montenegrinischen Küstenort Kotor. Chef der inhabergeführten Firma war Luka Shkaljar, ein Mann, der offensichtlich Wert auf Äußeres und Wirkung legte.

Das Colgate-Lächeln eines graumelierten, dezent gebräunten Selfmade-Milliardärs in einem zehntausend Euro teuren Anzug eines italienischen Schneiders.

Kurz darauf betrat Kilian das Firmengebäude.

Disponenten mit Headsets auf den Köpfen redeten in verschiedenen Sprachen, tippten, klickten und starrten auf Computerterminals. Eine Frau, die das Team zu beaufsichtigen schien, kam auf Kilian zu. Ihr Blazer wurde ihrer zierlichen Figur nicht gerecht und glänzte vom vielen Gebrauch schon am Revers. Aber ihr dreister Blick sagte mehr über sie aus als die bemüht adrett gehaltene Firmenkleidung.

Laut Namensschild hieß sie Roana.

»Sie wünschen?«

Ihr Lächeln war einem ungebetenen Gast geschuldet und so geizig wie Kilians Antwort.

»Zu Amer.«

Sie stutzte. »Wer sind Sie?« In ihrer Stimme lag ein Ton, der nicht hierher gehörte.

»Donatello schickt mich«, sagte Kilian in gebrochenem Italienisch und garnierte es mit einer Prise Deutsch, das sie einem Lkw-Fahrer zuschreiben sollte.

Ein kurzer, zweifelnder Blick. »Wer?«

»Donatello. Zu Amer.«

Endlich schluckte sie den Köder. »Hier warten. Nicht weggehen. Hast du verstanden?«

Kilian nickte.

Sie ging auf Abstand, telefonierte. Im Gebrabbel der Disponenten ringsherum war nichts zu verstehen, aber nach wenigen Worten gab es eine Entscheidung.

»Amer kommt heute Nacht zurück …«

»Keine Zeit«, unterbrach Kilian, »Lieferung nicht warten.«

Vorbei war es mit dem Lächeln und der Hilfsbereitschaft, jetzt befahl sie. »Nein, heute Nacht, wenn Amer …«

Die Tür hinter Kilian ging auf und dieses Mal bemühte sich der Vorzimmerdrachen erst gar nicht um falsche Freundlichkeit, die Besucherin schien ihr wohlbekannt, aber ebenso wenig willkommen wie der sture Lkw-Fahrer.

»Shefkije«, fauchte sie eine junge Frau an, deren Profession offenkundig war – hochhackige, schwarze Lackstiefel bis übers Knie, Netzstrümpfe, knapper Lederrock und eine kurze Schaffelljacke, die blonden Haare glänzten unnatürlich. Echt waren hingegen die aufgesprungene Lippe und ein geschwollenes Auge, Wimperntusche klebte tränenverschmiert an den Wangen.

Die Straßenschwalbe machte in irgendeiner Sprache ihrem Unmut Luft, schimpfte, protestierte und drohte. Die Disponenten verloren das Interesse an ihrer Arbeit, hörten aufmerksam hin. Nicht alle waren bestürzt, da gab es schadenfrohes Grinsen und Zustimmung, dass die Prügel die Richtige getroffen hatten.

Im Schwall von Klage und Leid schnappte Kilian zwei Worte auf: Hotel und Amer.

»Geh jetzt«, wies die Bürofrau Kilian die Tür. Ein Wink von ihr, und zwei Disponenten erhoben sich, um der Aufforderung Nachdruck zu verleihen.

Für den Moment gab Kilian nach, verließ das Büro, setzte sich auf die Parkbank gegenüber, beobachtete und wartete.

Er stellte eine Suchanfrage für ein Hotel von Kotor Holidays in Bari, wo er nach Amer Ausschau halten konnte, sofern er hier nicht weiterkam.

Ein Dutzend Treffer mit Bewertungen von Absteige bis Edeltempel, von Stundenhotel bis Amigotreff. Typisch Mafia, was ein Gastkommentar bestätigte, in Apulien regiere die Sacra Corona Unità, die jüngste Mafiafamilie neben den weitaus bekannteren Camorra, ’Ndrangetha und Cosa Nostra.

Ihr Herrschaftsgebiet erstrecke sich vom Gargano, der Gegend am Sporn des Stiefels mit der Provinzhauptstadt Foggia, bis hinunter zum Absatz nach Brindisi und Lecce. Über Mafia und organisierte Kriminalität verlor man hier besser kein Wort. Zum Einen, weil man um sein Leben bangen musste, zum anderen, weil man nicht dort sein Geschäft verrichtete, wo man aß.

Apulien, der aufgehübschte Wilde Westen Italiens, lautete ein anderer Bericht. Rund 80 Prozent der Ladenbesitzer, Hoteliers und sonstigen Unternehmer zahlten Schutzgeld an die Mafia, weitere Einnahmen erzielte sie aus Drogenhandel, durch Raubüberfälle auf Geldtransporter, Falschgeld, Glücksspiel und die illegale Entsorgung von Giftmüll.

Zwei lukrative Geschäftsbereiche waren seit 2015 hinzugekommen: Menschenhandel und Zwangsprostitution – in bester Kooperation mit der albanischen Mafia.

Von einer Zusammenarbeit verschiedener Mafiaorganisationen hatte Kilian schon mal gehört, aber das war die Ausnahme. Die einzelnen italienischen Familienclans waren sich untereinander schon nicht grün, wie sollte das mit einem ausländischen funktionieren, noch dazu aus einem anderen Kulturkreis, der sich womöglich auch noch konfessionell unterschied?

Die Tür von Kotor Trans öffnete sich, heraus kam die junge Frau mit den hochhackigen Stiefeln und der Schaffelljacke. Sie stöckelte hastig die Straße entlang, ohne nach links oder rechts zu schauen. Das Hupen eines abbiegenden Autos konterte sie mit wüsten Beleidigungen.

Sie war bedeutend kommunikativer als die Beißzange im Büro, Kilian schwang sich auf seine Maschine und folgte ihr.

Sie wählte die Via Argiro Richtung Altstadt, querte den Giardino Corso Vittorio Emanuele, schlug die Einladung eines Kellners zu einem Espresso mit Kusshand aus, bog in die Via Benedetto Petrone ein, dann in die Largo Chiurlia, die geradeaus in eine schmale und verwinkelte Gasse überging, sodass Kilian sie um ein Haar aus den Augen verloren hätte, wenn da nicht plötzlich ein Kerl auf einer Vespa aufgekreuzt wäre, der ihr den Weg abschnitt.

Es kam zu einer lautstarken Auseinandersetzung, und erneut verstand Kilian kein Wort. Doch als ein Messer aufklappte und ihr an die Kehle gehalten wurde, zögerte er nicht länger.

Der Bursche ging mit einem Ächzen in die Knie, ein zweiter Schlag beförderte ihn in die Bewusstlosigkeit. Noch bevor Kilian die Frau am Arm fassen konnte, schnappte sie sich das Messer und bedrohte ihn.

»Kush je ti?!«

»Lass das«, erwiderte er.

»Wer bist du?!«

»Ich will dir nichts tun. Komm.«

»Mann von Amer?« Wie schon zuvor beim Bürodrachen ein Akzent, der nicht hierher gehörte. Sie trat dem bewusstlosen Angreifer in die Seite. »Wie der?! Scheiß auf Omertà! Niemand macht Shefkije schweigen!«

Vom Balkon gegenüber blickte eine Frau in Schürze herunter. Als sie erkannte, dass da jemand am Boden lag und vermeintlich ein Messer zwischen Freier und Prostituierter im Spiel war, belegte sie sie mit Flüchen, drohte mit der Polizei.

Die Frau an Kilians Seite bellte mit dem Messer fuchtelnd zurück.

»Du machst Omertà! Du!«

Kilian nahm es ihr ab, zog sie um die Ecke, stellte sie an die Wand.

»Beruhige dich, ich will nichts von dir. Ich suche Amer. Wo kann ich ihn finden?«

»Woher soll ich wissen?«

»Lüg nicht, ich habe seinen Namen aus deinem Mund gehört.«

»Du im Büro, ja?«

»Ja.«

Sie verzog den Mund und sah ihn schief von unten an. »Was willst du von Amer?«

»Etwas fragen. Also, wo?«

Eine neue Verhandlungsbasis tat sich auf. »Was zahlst du?«

Sie feilschte, nachdem er ihr das Leben gerettet hatte?

»Ich kann dir sagen. Was zahlst du?«

»Vergiss es.« Kilian wandte sich ab, er würde noch mal mit dem Bürodrachen sprechen müssen.

Doch Shefkije war schlauer als gedacht. »Roana nicht weiß, wo Amer. Nur ich.«

Kilian winkte ab.

»Amer in Versteck, nicht in Bari.«

»In einem Hotel, ich weiß, und ich werde es finden.«

»Dummkopf. Amer mit Leuten von Gallo.«

Die Altbauwohnung im dritten Stock lag nur wenige Schritte entfernt in einer abgelegenen Ecke des Gassenwirrwarrs. Sie verfügte über fünf Zimmer, Küche, Bad und eine Terrasse, von der man über die Dächer Baris aufs nahe Meer blicken konnte. Das Objekt wäre ein Traum für jeden Italiener und Möchtegern-Italiener gewesen, sofern es nicht durch seine Bewohner zweckentfremdet worden wäre.

Kilian schätzte, dass in der Wohnung etwa zehn Prostituierte in drei Zimmern ihre Kunden bedienten, in den zwei übrigen Räumen standen Stockbetten und ein großer Schminktisch mit beleuchtetem Spiegel. Auf einem Ständer hing Arbeitskleidung – Strapse, Korsetts, kurze Krankenschwesternkittel bis hin zum Leder-Outfit und der Rute einer Domina. Alles, was offenbar das unbefriedigte Männerherz erfreute.

»Shefkije, mein Name«, sagte sie, während sie im Schminkspiegel die Katastrophe in ihrem Gesicht betrachtete. »Albanisch, heißt Sehnsucht. Für Frau, aber macht nichts.« Sie nahm eine Flasche mit klarer Flüssigkeit, gönnte sich einen kräftigen Schluck und betupfte damit die Verletzungen an Lippe und Wange. »Raki, beste Medizin. Für alles. Schmerz von Körper und Seele. Du?« Sie hielt ihm die Flasche hin.

Kilian wehrte ab. »Nein, danke.«

Er saß auf der unteren Matratze eines Stockbetts. Sie roch nach Schweiß, billigem Parfüm und Verzweiflung. An der Wand klebten Bilder von Verwandten vor armseligen Hütten in bergigen Schluchten, am Gestänge hing ein Rosenkranz mit Marienbild. Es war stickig und düster hier drin, die Fenster mit dunkler Folie zugeklebt, außen vermutlich vergittert. Auf dem abgetretenen Teppich erkannte er einen Fleck, der dunkle Tropfen nach sich zog, diverse Brandlöcher und einen kleinen Ohrring.

»Gallo? Woher kennst du?« Mit einer routinierten Bewegung griff sie sich an den Haaransatz und streifte die blonde Perücke ab. Halblange, schwarzgelockte Haare fielen herab, die sie hinter die Ohren schob. Mit einem Papiertaschentuch und einer Creme entfernte sie die verlaufene Schminke aus dem Gesicht.

»Eine lange Geschichte«, seufzte Kilian, beugte sich vor und klaubte den Ohrring auf. Ein Kranz aus billigem Silberblech umfasste einen blau schimmernden Stein, der für eine erwachsene Frau zu klein und auch zu verspielt war. So etwas schenkte man Mädchen zur Kommunion. »Erst vor Kurzem habe ich die Spur wieder aufnehmen können. Reiner Zufall.« Er holte sein Handy hervor und suchte nach dem Bild von Donatello, das er in der Baia Trentaremi gemacht hatte. »In einer Nachricht von diesem Typen hier.« Er zeigte ihr das Bild.

Sie grinste verächtlich. »Bojan«, und spuckte zur Seite. »Stück Dreck.«

»Bojan … Ist das sein richtiger Name?«

Sie nickte. »Verflucht Bosniak!«, als wäre der Name Gift auf ihrer Zunge. Sie erhob sich und knöpfte die Bluse auf. Blutspritzer zierten ihren Schulter- und Brustbereich wie eine eilig daraufgeworfene Blütenkette.

Kilian wandte den Blick ab, versuchte sich zu erklären, was ein Kinderohrring hier verloren hatte. »Kein Albaner?«

»Reines Blut, Familie und Gesetz … gibt nicht mehr, vorbei.« Sie öffnete den Reißverschluss des Rocks und stieg heraus, es folgten die Lackstiefel und die Netzstrümpfe. »Neue Zeit. Religion, Heimat nix mehr. Nur Streit wegen Geld. Geld gut, kein Problem. Geschäft gut. Mafia mit Mafia, Corona mit ’Ndrangheta, mit Mafia Albanien, China, Afrika. Geld gut, kein Problem. Globalizimi.« Globalisierung.

»Sicher«, aber es hatte auch die Kriege auf dem Balkan gegeben, ethnische Säuberungen, Massenerschießungen, unbeschreibliches Leid und unstillbaren Rachedurst. Und die Schießereien der Familienclans in deutschen Städten? Italienische Mafiabanden, Serben, Kroaten, Bosniaken, Kosovaren und Albaner, sie waren sich untereinander und gegeneinander immer spinnefeind gewesen. Sollte das jetzt alles Geschichte sein?

»Hilf mir«, sagte Shefkije.

Kilian sah hin. Vor ihm stand in Unterwäsche eine gertenschlanke Frau mit langen Beinen, schmalen Hüften und auffällig breiten Schultern.

»Was soll ich tun?«, fragte er.

»Schnalle«, sie meinte die am BH, »mach auf. Tut weh.«

Er kam der Bitte nach, und in dem Moment, als die vorletzte Hülle fiel, sah er keine Brüste im Spiegel, sondern nur schwach definierte Muskeln, die eines Jünglings.

»Surprise«, amüsierte sie sich und streifte auch noch den straff sitzenden Slip ab. »Mach Mund zu.«

Aus dem Schrank holte sie Boxershorts, Jeans und T-Shirt.

»Der Kerl von letzter Nacht«, rätselte Kilian, »wusste nicht, dass du eine Transe bist?«

»Quatsch, hat bei Amer bestellt. Aber keine Schläge, nein, niemals, nicht für Shefkije.«

»Und Amer kennt Gallo?«

Sie … er knöpfte sich die Jeans zu und stieg in bequeme Sneakers. »Arschficker mach ich tot«, steckte das Springmesser ein und schlüpfte in eine Lederjacke.

»Moment, was hast du vor?«

»Altes Gesetz, Familie. Blut nehmen, Blut geben.«

Kilian dämmerte, was er damit meinte. »Blutrache?«

Shefkije nickte. »Nach Andria, fahr mich«, die Stadt lag rund 60 Kilometer westlich.

»Nein, warum?«

»Andria. Dann Gallo.«

Kilian reichte ihm den Ohrring. »Hier, lag auf dem Boden.«

Shefkije erkannte ihn sofort und schluckte.

»Von Leonora, Kind von Donika … Donika tot gemacht, Leonora verkauft.«

8 // VS

So gut hatte sich Heinlein seit Monaten nicht gefühlt.

Tian war ein Magier der Nadeln, die Schmerzen waren im Minutentakt gewichen. Jetzt steckte Heinlein in Trainingshose und Sportschuhen, machte Lockerungsübungen im Garten, überlegte, welche Strecke er joggen würde.

Unten im Flusstal erkannte er den zerstörten Wagen, Bahnarbeiter hatten ihn versetzt und reparierten die Gleise, damit der Bahnverkehr weitergehen konnte. Würzburg war ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt. Wer von Norden in den Süden Deutschlands oder von West nach Ost und keine großen Umwege in Kauf nehmen wollte, musste hier durch.

Oder der Weg endete hier.

Habibi.

Heinlein lief los, vorbei an bestürzten Nachbarn, die auf den Straßen zusammenstanden. Manche rätselten über die Hintergründe der schrecklichen Tat, andere erklärten sie mit den Informationen, die sie aus den Medien erhalten hatten.

Auch von Claudia.

Islamisten. Shisha-Raucher. Die Kameltreiber müssen raus, weg. Wir sind unseres Lebens nicht sicher. Die Grenzen dicht machen und gut ist’s, Problem gelöst.

Selig sind die im Geiste Armen.

Weiter, sich auf kein Gespräch einlassen, die Rufe überhören.

Habibi.

Abgetragene Sportschuhe.

Die schräge Melodie vom Handy …

Auf dem kleinen Parkplatz neben den Gleisen wurden noch immer Spuren begutachtet, besprochen und für die Laboruntersuchung eingetütet.

Unter den Kollegen befand sich Deckert. Er sah übermüdet aus, blass. Vermutlich hatte er die Nacht durchgearbeitet. Heinlein blieb auf Abstand und rief ihn zu sich.

»Was gibt’s Neues?«

»Eine Sisyphus-Arbeit, wird Tage dauern, bis wir ein halbwegs klares Bild haben. Was machst du hier?«

»Ich halt mich fit.«

»Sehr gut. Apropos …«

»Ja?«

»Ich hab das nicht so gemeint letzte Nacht.«

»Was?«

»Das mit dem Schreibtischhengst, war völlig daneben. Entschuldige.«

»Kein Problem. Hast ja recht. Ich bin etwas außer Form.«

»Freut mich, dass du das auch so siehst.«

Heinlein nickte. »Gut, dann, mach ich mal weiter.«

»Okay. Bis morgen, in alter Frische.«

»Ja, bis morgen.«

Nach wenigen Schritten machte er kehrt. »Alex. Noch was …«

»Ja?«

»Haben wir über die Identität des Attentäters schon was?«

»Nein, warum?«

»Die Nachrichten sprechen von vorderasiatischer Herkunft.«

»Reine Spekulation. Die faseln sich was zusammen, je nach politischer Motivation.«

»Wahlkampfgetöse. Kennt man ja. Okay, jetzt aber …«

»Übertreib’s nicht.«

»Keine Sorge.«

Bevor Heinlein erneut ansetzte, fiel ihm noch ein, was ihn die halbe Nacht beschäftigt hatte. »Das Unglück auf dem Weihnachtsmarkt, als Helmbrecht und Pia starben …«

»Was ist damit?«

»Ich weiß, du hast es schon zig Mal erzählt, aber: Was war noch mal der Grund, wieso Helmbrecht dich auf dem Kieker hatte?«

Deckert seufzte. »Der sture Hund ertrug einfach keine Konkurrenz. Du hast ihn doch selbst erlebt, unbelehrbar und bissig war er, ein Großmaul und notorischer Säufer, der nichts mehr auf die Reihe bekam. Die Dienstaufsicht hätte ihn längst aus dem Verkehr ziehen sollen.«

»Oder ich, das wäre mein Job gewesen.« Noch etwas hatte ihn nicht zur Ruhe kommen lassen. »Kurz bevor die Gasflasche explodierte, da wart nur ihr drei am Ausschank, Helmbrecht, Pia und du … Worüber habt ihr gesprochen und warum ausgerechnet mit Pia?«

Deckert verzog das Gesicht. »Ich erinnere mich nur an völlig wirres Geschwätz von dem Suffkopf. Pia und er stammten aus dem Osten, sie glaubte wohl, ihn beruhigen zu können, redete mit Engelszungen auf ihn ein. Aber nichts da, er verlor sich in die ewig alte Leier von Benachteiligung und Arroganz gegenüber den Ossis. Ich wollte mir das nicht länger anhören und hab ihn stehen lassen.«

»Und Pia?«

»Wollte nicht mit. Sie meinte es gut … und hat mit dem Leben dafür bezahlt. Ehrlich, ich hoffe, Helmbrecht schmort bis in alle Ewigkeit in der Hölle.« Er schluckte, blickte zur Seite. »Ich kann mir das nicht verzeihen …«

»Was?«

»Dass Pia wegen mir und so nem Scheiß …«

»Quatsch. Du trägst keine Schuld.«

»Wenn ich sie nur mitgezerrt hätte, weg von Helmbrecht, weg von dieser verdammten Glühweinbude …«

»Ein Unglück. Niemand wirft dir was vor.«

»Kilian schon. Er hasst mich.«

»Tut er nicht.« Der hatte nämlich einen anderen Schuldigen im Auge. »Gallo«, dachte Heinlein laut. »Hast du je wieder davon gehört?«

Deckert stutzte. »Die graue Eminenz im Hintergrund?« Er lächelte gequält. »Jagt er dem Hirngespinst immer noch hinterher, dem geheimnisvollen Spectre aus James-Bond-Filmen?«

»Keine Ahnung. Hab schon lange nichts mehr von ihm gehört.«

»Wie kommst du dann darauf?«

Sollte er oder sollte er Deckert nicht vom Wiederauftauchen Gallos berichten? Dass das Gespenst aus dem Schattenreich zurückgekehrt war, dass Kilian womöglich doch nicht so verwirrt war, wie es den Anschein hatte?

»Vergiss es. War nur so ein Gedanke. Wir sehen uns morgen.«

Er setzte seinen Lauf fort, überquerte die Friedensbrücke, passierte die Polizeiinspektion, lief immer weiter, kreuz und quer, ohne Plan und ohne Ziel, dachte dabei an nichts anderes als an letzte Nacht, an seine kurze Begegnung mit dem Tod, der ihn in Gestalt eines offenbar verwirrten Attentäters an seine Sterblichkeit erinnert hatte.

Habibi bedeutete Freund, nicht Feind oder Ungläubiger.

Der Bruchteil einer Sekunde hatte über Tod und Leben entschieden. Wäre er nur einen Augenblick später zur Seite gesprungen, würden die Spurensicherer nun seine Reste eintüten und sie mit denen des Attentäters vergleichen. Was gehörte zu ihm, was zu Heinlein? Der Gedanke bereitete ihm Unbehagen, er spürte ein flaues Gefühl aufsteigen, das sich mit jedem Schritt ausbreitete, in Brust, Hals und Kopf, wie ein Schnupfen, der nicht zu stoppen war und gegen den es keine Medizin gab.

Angst.

Er machte Halt, stemmte die Hände auf die Oberschenkel und blickte zu Boden, atmete … atmete … sah seine Fußspitzen.

Abgetragene Sportschuhe.

Wie man sie in die Altkleidersammlung gibt.

Wenn er an Selbstmordattentäter mit islamistischem Hintergrund dachte, dann hatten sich die Kerle immer minutiös vorbereitet, sie hatten sich, laut der Vorgaben ihrer Religion, gewaschen, rasiert und frisch eingekleidet.

Keine abgetragenen Sportschuhe, keine Altkleidersammlung.

Nur das Beste für den Eintritt ins Himmelreich.

Weiter ging’s, der Nase nach.

Gallo …

Wo zum Teufel war das plötzlich hergekommen? Hatte er das Wort tatsächlich gehört?

Hatte es nicht einfach nur Hallo geheißen?

Der Schock, posttraumatische Verwirrung, Einbildung.

Es gab keinen Hinweis und schon gar keine Verbindung zwischen dem Unglück auf dem Weihnachtsmarkt vor fünf Jahren, für das Kilian Gallo verantwortlich machte, und dem Anschlag von letzter Nacht – sofern es überhaupt einer gewesen war. Ein Bekenntnis des Attentäters gab es nicht, auch hatte bisher keine Gruppierung die Verantwortung übernommen, andererseits hatte der Attentäter einen hochexplosiven Sprengstoffgürtel getragen.

Zu welchem Zweck? Mit welchem Ziel?

Angst und Panik schüren. Sicherheit nehmen, Ohnmacht und Unfähigkeit des Staates offenlegen. Die eigene Überlegenheit demonstrieren, die Macht übernehmen.

Hätte es dafür nicht weitaus bessere Orte und Gelegenheiten gegeben?

Die Faschingsveranstaltung, wo die politische Spitze des Landes auf engstem Raum versammelt gewesen war.

Ein Premium-Ziel.

Mit einem Sprengstoffgürtel unter dem Faschingskostüm durch die vergessene Seitentür, ein Toilettenfenster oder dem Küchenjungen folgen, nachdem er den Abfall entsorgt hatte, es gab immer eine Lücke, man musste sie nur finden.

»Schorsch? Bist du das?«

Uschi, seine Sekretärin, mit einer Brotzeittüte, es roch nach Leberkäse.

»Ja, klar«, keuchte er.

Die Kalorienbomben hatten über die Jahre Spuren hinterlassen, aus der kurvigen und flotten Sambatänzerin von einst war ein fülliger Schneewalzer geworden. Ihre unbändige Lebenslust, mit der sie sonst jeden Sauertopf konvertierte, war unter der Last der Kindererziehung und eines eifersüchtigen Ehemanns erstickt, der hinter jedem Lächeln eine Einladung wähnte.

»Hast du wieder Probleme mit Claudia?«

»Dann wäre ich beim Schießtraining besser aufgehoben.«

Sie lachte, und wenn sie es tat, dann brachen die Wolken auf und die Sonne strahlte.

»Was machst du hier?«, fragte sie. »Es ist Samstag.«

Macht der Gewohnheit, er befand sich vor dem Polizeipräsidium.

»Und du, warum bist du nicht bei Mann und Kind?«

Sie tat es mit einer Handbewegung ab. »Auf der Arbeit habe ich meine Ruhe«, vor den Streitereien der Kinder, den ewig gleichen Vorwürfen ihres Mannes. »Ich habe dir alles, was heute Morgen reingekommen ist, auf den Schreibtisch gelegt. Wenn du willst, können wir es zusammen durchgehen.«

Nun gut … wenn er schon mal da war.

Sie gingen hoch. Uschi setzte sich ihm gegenüber und begann mit der kalorienreichen Brotzeit, während er sich dem Stapel Unterlagen widmete.

»Mal beißen?«

»Danke, bin auf Diät.«

Eine Zusammenfassung der Ereignisse und ersten Erkenntnisse von letzter Nacht …

Nichts, was Deckert ihm nicht auch schon mitgeteilt hatte, auch keine Hinweise zur Herkunft des Täters, schon gar nicht dessen Identität. Keine Ankündigung, kein Bekennerschreiben, keine Tipps aus der Szene, von V-Leuten oder einem aufmerksamen Nachbarn, Freund, Bekannten oder Feind.

Nichts.

Auch nicht von den Nachrichtendiensten.

Rückstände des verwendeten Sprengstoffs wiesen auf Eigenbau hin – Triacetontriperoxid, kurz: TATP, ein wegen seiner Unberechenbarkeit gefürchteter, aber wegen der leichten Beschaffung der Komponenten und einfachen Herstellung geschätzter Chemikalienmix. In der arabischen Welt trug er die Bezeichnung Mutter des Satans, und selbst der dümmste Teufelsjünger konnte ihn herstellen, sofern er eine ruhige Hand besaß und mit dem Leben abgeschlossen hatte.

Der Zünder. Klebeband. Drähte … nichts Auffälliges.

Spuren des Handys, das das Signal an den Zünder weitergeleitet hatte, steckten noch unentdeckt in den Millionen Splittern, die über das Gelände verteilt waren.

Die Anfrage an die Telefongesellschaften war gestellt.

Tausende Fingerabdrücke überall im Wagen, biologisches Material zur DNA-Analyse war auf dem Weg ins Labor …

Das würde dauern, außerdem war Wochenende.

»Hab Claudia im Fernsehen gesehen«, mampfte Uschi.

Heinlein winkte ab und nahm den nächsten Akt, die Wochenberichte der Dienststellen in Würzburg, Schweinfurt und Aschaffenburg. Er überflog sie Seite für Seite.

»Fünf Kilo Kokain in einem Camper mit österreichischem Kennzeichen am Biebelrieder Kreuz«, hob Uschi hervor. »Der Fahrer gibt sich unwissend, sagt, jemand habe es ihm untergeschoben.«

Die Stichprobe hatte Polizeiobermeister Schäfer durchgeführt und erneut hatte er ein goldenes Näschen bewiesen. Im Vergleich zu seinen Kollegen schien er das Rauschgift aus der Ferne förmlich zu riechen. Seine Trefferzahl war bemerkenswert.

Die nächste Erfolgsmeldung: Eine Gruppe rumänischer Staatsbürger, zu fünft in einem Opel Vectra, die ihre Landessprache nicht sprachen und nagelneue Pässe vorzeigten, ausgestellt am Tag zuvor, und in den Taschen Notizen in einer unbekannten Sprache. Die Männer äußersten in gebrochenem Englisch, dass sie auf dem Weg nach Amsterdam seien, wo sie Verwandte besuchen wollten.

Illegale Einreise, gefälschte Dokumente. Die Kontrolle hatte Polizeioberkommissar Hoffmann durchgeführt.

»Was macht der Hoffmann an der Raststätte Heidingsfeld?«, fragte Heinlein.

»Schiebt Sonderschichten.«

»Warum?«

»Hat Nachwuchs bekommen, eine größere Wohnung steht an.«

Heinlein legte die Erfolgsmeldungen beiseite, sie machten sich gut in der Kriminalstatistik, sagten aber über die Dunkelziffer nichts aus, über die Wirklichkeit.

Dann schon eher ein Brandbrief der Polizeigewerkschaft.

Er musste die ellenlange Klage nicht Satz für Satz lesen, er kannte sie gut: fehlendes Personal, Überstunden, schlechte Ausrüstung, schlechtes Ansehen in der Gesellschaft und miserable Stimmung unter den Kollegen, das Gehalt reiche hinten und vorne nicht, und das seit Jahren. Beigelegt waren Anträge auf Kostenübernahme für Ausrüstung, die sich die Kollegen auf dem freien Markt beschafft hatten, speziell bei einem Unternehmen.

»Wer oder was ist VS?«, fragte er mit Blick auf eine Rechnung, unter dem Logo stand Vigili della Sicurezza geschrieben.

»Eine Sicherheitsfirma mit Sitz in Hammelburg.«

»Hat die was mit der Bundeswehr zu tun?« In dem abgeschiedenen Ort nahe Bad Kissingen gab es nichts Sicherheitsrelevantes außer dem Ausbildungszentrum der Heeresinfanterie.

»Kann schon sein.«

»Fühl dem Laden mal auf den Zahn. Wer steckt dahinter, wer sind die Kunden, das Übliche.«

»Apropos VS«, sie reichte ihm einen Umschlag, der mit VS. Nur für den Dienstgebrauch beschriftet war.

Heinlein öffnete ihn und fand die beim Verfassungsschutz angeforderten Sicherheitsüberprüfungen von Kollegen darin, die in letzter Zeit durch Äußerungen und Verhaltensweisen auffällig geworden waren oder privat an Veranstaltungen teilgenommen hatten, bei denen sie nichts, aber auch gar nichts verloren hatten.

Ein Sündenregister.

PM Armin K.: Äußert sich privat und im Kollegenkreis aggressiv und abwertend zur Immigrationspolitik der Bundesregierung. Einschlägige Bilder und Hefte in Dienstfahrzeug und Spind …

POM Klaus W.: Taucht als Sicherheitskraft bei Konzert von rechtsradikaler Rockband auf …

PK Danilo G.: Hausdurchsuchung erbrachte Hinweise auf Verstoß gegen das Waffengesetz …

»Steht da auch was über mich drin?«, fragte Uschi.

»Hast du Grund zu der Annahme?«

»Man kann nie wissen.«

»Hast du mir was zu beichten?« Er hob den Blick.

»Bin politisch in nem völlig anderen Spektrum zu Hause.« Sie zeigte auf einen Sonnen-Button am Revers. »Save the planet!«

»Das könnte Tarnung sein. Extremisten gibt es links wie rechts.«

Sie lächelte ihr Lächeln. »Ich bin die Mitte, friedlich und ungefährlich. Keine Sorge.«

Wer sich in diesen Tagen alles zur Mitte zählte, war atemberaubend. Sogar rechte Hetzer behaupteten, durch ihre Wahlerfolge ermutigt, dass sie die gesellschaftliche Mitte, das Bürgertum, das Volk repräsentierten.

Uschi hatte im Dezember die Sicherheitsüberprüfung bestanden. Das Einzige, was man ihr vorwerfen konnte, war, dass sie bei Aktionen der Klima- und Umweltbewegung nicht immer sicher sein konnte, dass sich unter dem grünen Deckmantel auch mal ein Idiot mit schwarzer Maske, Zwille und Molotow-Cocktail verbarg.

Der zweite Teil der Sicherheitsüberprüfungen bezog sich auf besonders gefährdete Kollegen innerhalb der Polizeibehörden, die Spezialkräfte. Unter ihnen herrschte gelegentlich ein verstörender Korpsgeist, den sich Heinlein nur mit übersteigertem Elitebewusstsein erklären konnte. Diese selbsternannten Wächter der deutschen Nation oder gar eines niemals untergegangenen Deutschen Reichs hielten sich für auserwählt als Speerspitze gegen alles, was nicht urdeutsch und in ihren Augen volkszersetzend war. In seiner Zeit beim SEK in Nürnberg hatte er Vertreter dieser Spezies kennengelernt, borniert, weltfremd, uneinsichtig und fest entschlossen, den heiligen Auftrag auszuführen – die Rettung des deutschen Vaterlandes.

Einige Namen hatte Heinlein für die Überprüfung vorgegeben, einer von ihnen war Deckert. Nicht, dass er etwas befürchtete oder ihm vorzuwerfen gehabt hätte, turnusgemäß ließ er jeden überprüfen, insbesondere seine Vertrauten.

KHK Alexander Deckert: Keine Auffälligkeiten. Seriöse Dienstauffassung, keine Kontakte zu verhaltensauffälligen Kollegen, keine Beschwerden oder Anschuldigungen.

Finanzielle Situation und Vermögensverhältnisse entsprachen der Besoldungsstufe. Sozial solide und in stabilen Familienverhältnissen. Im Verwandtschafts- und Freundeskreis kam es gelegentlich zu politischen Streitgesprächen, auf die D. besonnen und mäßigend reagierte …

Von einer derartig günstigen Bewertung konnte Heinlein nur träumen. Noch immer zahlte er den Kredit ab, den er damals für die überteuerte Immobilie aufgenommen hatte, als er zum Polizeidirektor befördert worden war und Claudia sich ein standesgemäßes Domizil gewünscht hatte. Der Karrieresprung, die finanzielle Last und die allseits gestiegenen Erwartungen hatten die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit überschritten, er war zu einem alkoholkranken Wrack geworden, das mit dem Gedanken an den Freitod spielte.

Nicht einmal Kilian und Pia hatten ihn mehr erreichen können, nur noch Medikamente und ein Aufenthalt in der Psychiatrie. Nach monatelanger Therapie war er zur Erkenntnis gelangt, dass er weg musste, weg von allem und jedem, der ihm die Luft zum Atmen nahm.

Von seiner Frau, die ihn mit ihren Sorgen überhäufte.

Von seinen Kindern, die ihn nicht verstehen konnten, die sich vor ihm ängstigten.

In eine neue Stadt, ein neuer Job mithilfe eines wohlmeinenden Kollegen, die letzte Chance, und Heinlein nutzte sie. Auge in Auge mit dem Tod: die Sondereinsatzkommandos in Nürnberg.

Ein reinigendes Bad im Feuer …

»Brauchst du mich noch?«, fragte Uschi.

»Nein, ein schönes Wochenende«, erwiderte er gedankenverloren, denn da tauchte plötzlich ein Name auf, mit dem er nicht gerechnet hatte.

Den er zur Überprüfung nicht angegeben hatte.

Vanja Berger.

9 // Extasy

Es war schwierig gewesen, den Worten Shefkijes etwas Verständliches abzugewinnen. Über Amer sprach er in Bruchstücken und sprang von Name zu Name, von Onkeln zu Cousins und von Orten zu Ländern. Eine wahrhaft paneuropäische Familiengeschichte, die er Kilian da auftischte.

Vor allem aber sparte er sich die wichtigen Informationen über Amer bis zum Schluss auf, bis zu jenem Moment, als sie ihr Ziel erreichten – nicht, wie versprochen, die Stadt Andria, sondern eine Talsenke zwanzig Kilometer außerhalb, irgendwo in der gottverdammten Einöde, wo es nur Steine, Skorpione und wild um sich ballernde Cowboys gab.

Da hätte Kilian ihn am liebsten erwürgt, der kleine Scheißer hatte ihn verarscht.

Amer entstammte einer alten, montenegrinischen Fischerfamilie, die ihren spärlichen Lebensunterhalt bis in die 1960er Jahre mit Überfällen zu Land und mit Piraterie zu Wasser aufbesserte. Amers Verwandtschaft war groß und sie verteilte sich quer über den Balkan, es waren Serben, Kroaten, Bosniaken und auch Kosovaren darunter. Sein Vater hatte bei einer Fährfahrt zwischen Kotor und Bari ein Mädchen aus Foggia kennengelernt. Er heiratete und blieb in Italien. Die Familie des Mädchen gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Societa Foggiana, einem Familienclan der Sacra Corona Unità. Irgendwann kam es zum Streit, es floss Blut, und Amers Vater musste mit Frau und Kindern in die alte Heimat fliehen.

Die wahre Katastrophe brach aber mit den Balkankriegen über das Familiennetzwerk herein. Wer nicht spurlos verschwand oder getötet wurde, rettete sich ins Ausland, nach Griechenland, Italien, Deutschland, Holland, England und sogar über den Atlantik nach Kanada, Süd- und Nordamerika. Einige kehrten am Ende des Kriegs zurück und standen vor dem Nichts, andere bauten sich in den Fluchtländern eine neue Existenz auf. Der Kontakt zwischen den Familienmitgliedern riss nie ab, egal, wie weit man entfernt war und sich auseinandergelebt hatte. Man schickte Geld und unterstützte sich mit Empfehlungen und Kontakten.

Amer war der Klügste und Umtriebigste der fünf Geschwister, im Auftrag von Kotor Trans eröffnete er Niederlassungen in Italien, Kroatien, Albanien, Griechenland und der Türkei.

»Woher weißt du das alles?«, hatte Kilian Shefkije gefragt.

»Von Bojan«, der bei seinem erfolgreichen Großonkel Amer vorstellig geworden war und kleinere Aufträge für ihn ausführte. Botendienste gehörten dazu, wie auch die Beschaffung von Nutten, wenn Amer Gäste aus dem Ausland empfing. Doch Bojan wollte mehr und handelte auf eigene Faust und Rechnung. Es kam zum Streit und er flüchtete nach Neapel, wo er eine eigene Bande rekrutierte und sich fortan Donatello nannte.

»Wie kommt nun Gallo ins Spiel?«

»Kein Gallo«, hatte Shefkije geantwortet, »Gallo Gespenst, Legende. Kinder reden.«

»Du hast gesagt, Amer mit Leuten von Gallo.«

»Andere Leute … Soldaten. Ich zeige. Aber Gallo nie gesehen, nie sprechen von Gallo. Omertà«, das Gesetz des Schweigens, und er bemühte zur Veranschaulichung ein italienisches Sprichwort. »Cu è surdu, orbu e taci, campa cent’anni ’mpaci.«

Wer taub, blind und stumm ist, lebt hundert Jahre in Frieden.

War Shefkije vielleicht so zugerichtet worden, weil er dagegen verstoßen hatte?

Sein Problem.

Und jetzt lotste er Kilian durch die Wildnis hier zum Aufenthaltsort seines Peinigers.

Zu einem Steinbruch. Hatte er angeblich gehört, als der Typ telefonierte.

»Wage es nicht, mich zu betrügen«, drohte Kilian, als er von der asphaltierten Landstraße auf einen löchrigen Feldweg einbog.

»Extasy erzählt von Gallo«, kam es vom Rücksitz. »In Rom.«

»Rom?«, fuhr Kilian herum, das war genau die entgegengesetzte Richtung. »Was zum Teufel machen wir dann hier?«

»Affari«, Geschäfte machen … aber er meinte täuschen, lügen und betrügen. Verletzte Ehre und Blutrache spielten offenbar keine Rolle mehr. »Später zu Extasy, Rom, wir beide.«

»Was … wer ist Extasy?«

»Nutte … gute Freund, Liebling.«

Kilian musste an sich halten, um ihm nicht an die Gurgel zu springen. »Wenn du nicht hältst, was du versprochen hast, bist du tot.«

»Extasy wahr, Ehre!« Die alte Nummer.

»Ich meine es ernst.«

»Du Freund … Bruder wie eigen Fleisch.«

»Halt deine gottverdammte Klappe!«

Der Feldweg wand sich auf kargem, aufgesprungenem Erdreich, am Horizont senkte sich die Sonne, da hörte Kilian plötzlich Schüsse, ging vom Gas und ließ die Harley ausrollen.

»Da«, rief Shefkjie und deutete auf ein Schild. Er sprang vom Sitz, lief darauf zu und verschwand mitsamt dem Weg im Steinbruch.

Lebensgefahr. Betreten verboten! – was die Einschusslöcher auf dem verrosteten Schild eindrucksvoll belegten.

Kilian schaute sich um, bevor er Shefkije folgte. Waren sie allein?

Eine unendlich scheinende Weite durchzogen Büsche, Disteln und vereinzelte Baumgruppen. Dazwischen grenzten schiefe Steinmauern Besitz und Felder ab, die Bauern würden sicher nicht mehr in den halb verfallenen Häusern hausen, die wie Murmeln in die Landschaft geworfen waren, sie dienten als Scheunen und Stellplätze.

Auf der anderen Seite wandelte sich die karge Steinlandschaft zu kahlen Olivenhainen, am Horizont erhob sich sanft ein bewaldeter Hügel, auf dem eine kolossale Burg thronte, von der untergehenden Sonne golden beschienen, mystisch und rätselhaft.

Ein dumpfer, nachhallender Knall.

Darauf Schüsse und Rufe, eine Rauchfahne schraubte sich empor.

Kilian zog die Makarow und pirschte sich an den Krater, von dessen Rand ein steiler Pfad im Zickzack nach unten führte.

Er entdeckte Shefkjie hinter einem Felsbrocken und schlich geduckt zu ihm.

Am Grund des Steinbruchs standen Bagger und anderes schweres Gerät neben einer verrosteten Wellblechhütte, davor ein Fahrzeug, aus dem Flammen schlugen. Verletzte irrten umher, andere versteckten sich und riefen um Hilfe.

Ihr Rufen wurde erhört, aus der Wellblechhütte eilten vermummte Männer in Tarnanzügen herbei, in einer Formation organisiert und mit einem Truppführer an der Spitze. Aus automatischen Waffen gaben sie kurze Feuerstöße auf blecherne Ziele in Menschengestalt ab, die im Umfeld des brennenden Fahrzeugs und im Hang platziert waren. Eine Nebelgranate krachte und verschleierte die Sicht, ein schwerer Geländewagen bretterte heran.

Die Türen gingen auf und die Verletzten wurden hineinbefördert, der Geländewagen raste davon und die Kämpfer zogen sich geordnet in den Schutz der Wellblechhütte zurück.

Keine drei Minuten hatte der Zinnober gedauert, Respekt.

»Amer.« Shefkjie zeigte auf einen mannshohen Betonwürfel, der abseits des Geschehens im steilen Hang klebte. Vermutlich suchten der Sprengmeister und seine Helfer dort Schutz, wenn hier regulär gearbeitet wurde.

Von dort wagten mehrere Männer mit Schutzhelmen und in Schutzwesten den Abstieg zum qualmenden Fahrzeug, wo sich die Toten auf wundersame Weise erhoben und den Staub von der Kleidung wischten.

Der Truppführer kam mit seinen Leuten aus der Wellblechhütte, sie streiften die Tarnmasken ab, klopften sich gegenseitig auf die Schultern und ließen sich beglückwünschen. Kilian glaubte Englisch zu hören, Italienisch, und ein paar unverständliche Brocken waren auch darunter.

»Was machen die da?«, fragte er.

Shefkjie grinste. »Affari.«

»Polizisten?«

Er schüttelte den Kopf. »Soldaten.«

»Und die anderen?«, die Zuschauer.

»Kunden von Amer.«

Bevor Kilian fragen konnte, was für Kunden sich denn eine militärische Übung mit scharfer Munition vorführen ließen und welchem Zweck diese überhaupt diente, rollte der Geländewagen heran, ein weiteres Fahrzeug folgte. Man verabschiedete sich, stieg ein und verließ das Kampfgebiet über eine andere Zufahrt.

Zurück blieben die Kämpfer, ihr Truppführer ballte die Faust.

»Wir haben den Deal!«, rief er seinen Kameraden auf Deutsch zu.

Kilian stutzte, doch dann fiel ihm ein, dass Jahre zuvor deutsche Polizisten Sicherheitskräfte des libyschen Präsidenten in Häuserkampf, Geiselbefreiung und Schießen ausgebildet hatten, und vor ein paar Monaten ein dubioser Verein ehemaliger deutscher Soldaten und Polizisten die philippinische Nationalpolizei, die besonders brutal gegen Drogendealer und Drogenkonsumenten vorging.

Vermutlich war das die Erklärung. Italienische Sicherheitskräfte konnten bei der Bekämpfung der Mafia jede Unterstützung gebrauchen, sie hatten sich an einem abgeschiedenen Ort eine Übung angesehen.

Ende der Geschichte.

Fragwürdig blieb, warum ausgerechnet der Büroleiter eines Transportunternehmens die Vorführung organisiert hatte.

»Amer gute affari«, sagte Shefkije, »Amer klug.«

Konnte gut sein, Amer hielt sich von den Kämpfern fern, ging am Parkplatz auf und ab, telefonierte, organisierte.

»Sind das Leute von Gallo?«

»Habe gehört.«

Was, von wem?

»Gespräch … Soldaten.«

Ein paar schüchterne Sterne am Nachthimmel erhellten die Umrisse des wuchtigen Castel del Monte, der steinernen Krone Apuliens, Büsche und Bäume vor dem Anstieg zur Burg lagen im Dunkel.

Shefkije gab vor, kein Bild von Extasy zu haben, weder Handynummer noch Ort, wo sie sich versteckt hielt. »Muss Leute fragen, nur mir vertrauen, sonst niemand.«

»Warum versteckt sie sich? Vor wem?«

»Nicht jetzt, später.«

Doch.

»Du hast mich von Anfang an belogen.«

»Nicht lüge, nur wenn nicht anders geht.«

Kilian glaubte ihm kein Wort mehr. »Du, deine ganze Existenz ist eine Lüge.«

Shefkije brauste auf, als hätten sie in den Büschen nichts zu befürchten, dabei konnte man in dieser absoluten Stille eine Grille gähnen hören. »Versprechen … Ehre!«

»Nicht so laut.« Amer war nicht weit weg. »Beweise, dass ich meine Zeit nicht mir dir verplempere.«

Schweigen.

Dann streifte Shefkije eine Halskette mit einem Medaillon ab, dessen Inhalt sich bei den bescheidenen Lichtverhältnissen nur erahnen ließ.

»Mutter«, flüsterte er und küsste es, als riefe er eine Heilige an, »nimm … ist Pfand.«

Auch das noch, die Tränendrüse. »Mehr hast du nicht zu bieten?« Dabei trug Kilian selbst eine Muschel am Herzen, die ihm alles bedeutete. Er seufzte, ahnte, dass er die falsche Entscheidung traf. »Was hast du vor?«

»Holen Schatz.«

»Was für’n Schatz?«

»Für Rom … neues Leben«, und ohne ein weiteres Wort zu verschwenden, ging er voran, huschte von Busch zu Busch und von Baum zu Baum, geradewegs zur Burg hinauf.

Völliger Irrsinn, ein Himmelfahrtskommando gegen gut ausgebildete Kämpfer, bis an die Zähne bewaffnet.

Und doch gab es eine Chance: Niemand rechnete mit ihnen.

Was im Inneren der mit Wehrtürmen befestigten Anlage vor sich ging, blieb verborgen. Die hölzernen Läden der Burgfenster waren geschlossen und ohne Leiter nicht zu erreichen. Es gab nur einen Zugang, das Hauptportal, zwei Treppenaufgänge führten dorthin, darüber wölbte sich ein mächtiger Triumphbogen mit einem verglasten, schwach erleuchteten Fenster. Die massive Holztür stand einen Spalt offen, flackerndes Licht fiel heraus, Kilian schob sie vorsichtig auf.

Im achteckigen Innenhof brannten Fackeln, steil und bedrückend ragten in ihrem Schein die Mauern in die Nacht. Hoch über den Köpfen wechselten sich Fensteröffnungen und verzierte Portale ab, als hätte man zu Friedrichs Zeiten von dort aus die Kämpfe der Ritter in der Arena verfolgt.

Die Vorstellung war nicht weit hergeholt, denn der Hausherr des heutigen Abends hatte in luftiger Höhe eine bodenlange Fahne gehisst. Ein Schwert prangte auf schwarz-silbrigem Grund, umgeben von Eichenlaub und zwei lateinischen Worten.

Omni Vi.

»Weiter«, drängte Shefkije, aber in dem kahlen Hof saßen sie in der Falle, von ihm gingen nur finstere, aus dem Stein gehauene Zugänge ab, die weiß Gott wohin führten.

Schritte hallten, Worte wurden gewechselt.

Sie kamen.

Kilian wählte den erstbesten Zugang, der so schlecht war wie die anderen. Steinerne Stufen führten als Wendeltreppe in einem Turm nach oben, die Gespräche hinter ihnen verblassten.

Oben empfing sie ein hoher, leerer Raum. Säulen zierten die Ecken und liefen an der Decke zu einem Gewölbe zusammen. Durch schmale Schießscharten fiel Licht herein, es wies den Weg zum nächsten Raum, der dem vorherigen glich. Im dritten und vierten Raum das gleiche Bild. Doch im fünften stießen sie auf Gepäck und Ausrüstung, auf Schlaf- und Rucksäcke, aber auch auf Pistolen, Munition und Waffen.

Während Shefkije die Taschen durchsuchte, bestaunte Kilian ein brandneues aktuelles Modell aus einer der besten Waffenschmieden Deutschlands. Für so eine Waffe brauchte man nicht nur viel Geld, sondern auch sehr gute Beziehungen.

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