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Ricarda Huch

Die Romantik (Buch 1&2)

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2021 OK Publishing

EAN 4066338117489

Inhaltsverzeichnis

Teil I. Blüthezeit

Vorrede.

Die Gebrüder Schlegel.

Karoline.

Das Athenäum.

Novalis.

Apollo und Dionysos.

Der romantische Charakter.

Romantische Philosophie.

Die neue Religion.

Schiller und Goethe.

Leben.

Romantische Liebe.

Romantische Ironie.

Romantische Bücher.

Das Märchen.

Symbolische Kunst.

Die alte Religion.

Tod.

Teil II. Ausbreitung und Verfall

Ueberblick

Die Zerstreuung.

Schöne Fremde und heimischer Nord.

Romantische Weltanschauung.

Neue Wissenschaften.

Die romantische Zahl.

Der Mensch in der romantischen Weltanschauung.

Das Thier in der romantischen Weltanschauung.

Romantische Lebensläufe.

Brentano.

E. T. A. Hoffmann.

Die Nachtseiten in der Literatur.

Romantischer Katholicismus.

Die Kunst des Unendlichen.

Romantische Aerzte.

Romantische Politik.

Kampf und Niederlage.

Ausblicke.

Teil I.
Blüthezeit

Inhaltsverzeichnis

Vorrede.

Inhaltsverzeichnis

Es sind jetzt gerade hundert Jahre her, daß eine Geistesrichtung sich in Deutschland zu entwickeln begann, zu der die in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts herrschende einen Gegensatz bildet, die aber seit etwa zwei Jahrzehnten einer Wiedergeburt entgegenzugehen scheint. Deshalb dürfte in unserer Zeit, wo man nach einer vorangegangenen gänzlichen Abwehr der romantischen Ideen sie um sich herum von Neuem aufleben sieht, ein größeres Verständniß dafür möglich sein, als eine frühere Generation haben konnte. In dieser Meinung habe ich das vorliegende Buch geschrieben, das sich den über denselben Gegenstand bereits bestehenden Werken nicht an die Seite stellen, geschweige denn sie verdrängen soll. Denn ich beabsichtige nur den Sinn der Romantik darzustellen, das Denken der Romantiker, wie es aus ihrem Wesen hervorging, und habe deshalb versucht, ein Bild der Menschen, die in Betracht kommen, zu geben, und dann ihrer Ideen.

Meine Quellen waren einzig die Werke der Romantiker, ihre Briefe und sonstiges Biographische mit eingeschlossen.

Während der vorliegende Band das Entstehen und Erblühen der Romantik zum Gegenstande hat, will ich in einem folgenden versuchen, ihr Reifen und Abwelken darzustellen. Er soll die sogenannte jüngere romantische Schule umfassen oder besser gesagt, alle diejenigen Erscheinungen, die die angeregten romantischen Ideen weitergeführt oder irgendwie innerhalb derselben gelebt und gewirkt haben; wobei es mein Bestreben sein wird, nichts Wesentliches zu übersehen.

Ich hoffe, diesen Band nach Verlauf eines Jahres vollendet zu haben.

Die Gebrüder Schlegel.

Inhaltsverzeichnis

Eine Schaar junger Männer und Frauen stürmt erobernd über die breite träge Masse Deutschlands. Sie kommen wie vor Jahrhunderten die blonden germanischen Stämme der Wanderung: abenteuerlich, siegesgewiß, heilig erfüllt von ihrer Sitte und ihrem Leben, mit übermüthiger Verachtung die alte morsche Kultur über den Haufen werfend. Von der scheuen Ehrfurcht vor überlegener Gewalt, die die feine Ausbildung des Römischen Reiches trotz alledem den barbarischen Eroberern einflößte, empfanden freilich die Romantiker nichts. Sie standen den eigenen Vorfahren gegenüber, deren Schwächen sie durch und durch kannten, und deren Vorzüge ihnen wenig imponirten; ihre Bewunderung griff in entlegene Vorzeit zurück, wo sie die Eigenart ihres Stammes rein ausgeprägt zu finden glaubten.

Das sonnige Glänzen junger wandernder Sieger liegt blendend über dem kleinen furchtlosen Trupp. Aber am meisten gleichen sie gerade jenen Stämmen der Völkerwanderung, den blühendsten, genialsten, die in der Fremde, wo sie heimisch zu werden gedachten, früh untergingen, die Frucht ihrer Kämpfe Späterkommenden überlassend. Sie verbrauchten ihre Kräfte in der muthwilligen Verschwendung des ersten Sturmes, kindisch und sorglos schwelgten sie in leichten Siegen über schwächliche Gegner, die sie verachteten, Verspritzten ihr schäumendes Blut ohne Noth, aus Lust des Kämpfens und Ringens, hielten ihren Besitz nicht zu Rathe und dauerten nicht aus. Ueber der freudigen Pracht ihrer Triumphe liegt schwer schattend der frühe, nicht ruhmlose, aber zunächst erfolglose Ausgang und macht sie zu tragischen Erscheinungen.

Derjenige, der als Führer des streitbaren Häuschens angesehen wird, Wilhelm Schlegel, war kein Feldherrngenie, kein Herrscher von Gottes Gnaden, vor dem sich Alles niederwirft, unwillkürlich einer elementaren Macht huldigend. Er war ein Mensch von hellem und weitem, aber fast ausschließlich äußerem Bewußtsein, von Umsicht und Klarheit; es war kein Lodern allgewaltiger Leidenschaft um ihn her, aber ein vielfarbiges, reizendes Raketensprühen beweglichen Geistes blitzte aus seinen Augen. Leicht, elegant, freundlich, ritterlich, als immer bereite Waffe in der Hand den anmuthig geformten Dolch haarscharfen Witzes, so müssen wir uns sein Bild ausmalen, wie er in guter Stunde war. »Das, was ich am Meisten an Dir liebe«, schrieb ihm sein zärtlicher Bruder, »ist am Sichtbarsten, wenn Du glücklich bist.« Jung hätte er sterben sollen, in der Fülle des Gelingens; das war die Tragik des eisernen, folgerichtigen Schicksals für ihn, daß er so lange lebte und das Alter erfuhr, das er sein Leben lang mit ahnender Angst gefürchtet hatte. Dies sich Anklammern an die Jugend war nicht etwa Mangel an Fähigkeit oder gutem Willen, die Dinge ernst zu nehmen. Aus dem tändelnden Jüngling wurde sogar, wenn er arbeitete, ein gelehrter Pedant, als welcher er ja auch in der Erinnerung der späteren Geschlechter fortlebte, die für die »übermüthigen Götterbuben«, wie Wieland die Brüder Schlegel nannte, kein Verständniß mehr hatten. Jetzt immer noch kennt man ihn hauptsächlich als den gründlichen Forscher, den unermüdlichen Uebersetzer, der von sich selbst sagte: »Im Stehn, im Gehn, im Wachen und im Bette, auf Reisen selbst, wie unter'm Schutz der Laren, stets dichtend.« Diese eigenthümliche Mischung von Anmuth, Oberflächlichkeit und Pedanterie beruht auf dem Mangel an Gewicht. Es fehlte ihm an Masse, an dem unbewußten Kern, der die Grundlage des Menschen bildet. Alles läßt sich daraus erklären: in seinen Beziehungen zu den Frauen die Unfähigkeit, große, stätige Leidenschaften zu erregen und zu empfinden. Er suchte und fand viel Neigung der Frauen, liebenswürdig, wie er war, mit dem feuchten Schimmer, der seine glänzenden braunen Augen so anziehend machen konnte; aber nur gaukelndes Schmetterlingsglück, alle Lieblichkeit eines spielenden Jünglingslebens war ihm beschieden, niemals das satte, stolze Genügen einer kraftvollen Natur. Von der einzigen Frau, für die er ein echtes, ernstes Gefühl hatte, soweit er das haben konnte, von Karoline muß man wohl sagen, daß sie ihn niemals wahrhaft geliebt hat. In seinem fünfundzwanzigsten Lebensjahre schrieb ihm sein jüngerer Bruder warnend: »Ich wünschte nicht, daß Du die Zeit Deiner Jugend und das Jugendliche in Deiner Liebe als Dein ganzes Leben ansähest … Warum wolltest Du das Ende der jugendlichen Liebe als das Ende Deiner Herrlichkeit des Lebens überall betrachten? Sie sollte eigentlich nur den Enthusiasmus in Deiner Seele stark und vollkommen gemacht haben, dessen Gegenstand alsdann im männlichen Alter der Wille und die Gedanken Deines eigenen besseren Selbst sein könnte.« – »Das kannst Du, wenn Du willst«, fuhr Friedrich fort; aber der unglückliche Narcissus, der sein besseres Selbst über dem zitternden Spiegelbild der unstäten Wellen, in das er verliebt war, vergaß, hätte das nicht einmal wollen können. Wenn er nicht der junge, blonde, muthwillige Schwärmer sein konnte, wollte er nicht leben. Er war ganz ohne Größe und darum ohne Fähigkeit, das Große ganz zu erkennen, zu lieben, zu wollen. Das ist der Kern all der zarten und liebevollen Ermahnungen, die Friedrich an ihn richtete: wenn er ihn vor Zerstreuung warnt, die der Tod aller Größe sei. – Größe sei nur mit Concentration aller Kräfte verbunden möglich; wenn er ihn bittet, er möchte sich die Begeisterung nicht schwinden lassen, wenn er fürchtet, es möchte eine gewisse unzufriedene Kälte bei ihm herrschend werden. Wilhelm's »uralter Haß gegen die Vernunft« bildete einen beständigen Streitpunkt zwischen den Brüdern, »seine Idiosynkrasie gegen die Vernunft, das Denken«, die es ihm unmöglich machte, wie Friedrich sagte, das Große, z. B. in Schiller's Person zu verstehen. Unter Vernunft begriff nämlich Friedrich das Vermögen der Ideale; er nannte sie einen Grundtrieb, den nach dem Ewigen. Wenn nun auch Wilhelm dichtete:

»Ich wollte dieses Leben

Durch ein unendlich Streben

Zur Einigkeit erhöh'n«,

so besagt das nichts Andres, als daß er geschmackvoll und klug genug war, um zu wissen, was man thun und sein müsse. Grundtriebe aber besaß er gar nicht, das war eben das Ein und Alles, was ihm fehlte. Auch die peinliche, stets verletzte Eitelkeit, zu der er verdammt war, hatte in diesem Mangel ihren Grund. Es ist eigenthümlich, wie alle eiteln Menschen den Eindruck einer großen inneren Leere erwecken. In dem dunkeln Gefühl, keinen nährenden Kern im Innern zu haben, hungert es sie beständig nach andern Menschen, an denen sie zehren können. Sie gehören nicht zu den guten Menschen, von denen Salomon in den Sprüchen sagt, daß sie von sich selber gesättigt werden. Eitelkeit ersetzt das Selbstbewußtsein; sie ist wie ein Corsett oder Geradehalter, der Einem das Ansehen eines aufrechten, starken Menschen geben soll, eine Art Auto-Suggestion: wenn der Schwache sich nicht überschätzte, würde er aus Mangel an Selbstvertrauen zusammenbrechen. Diejenige Selbstliebe, die Friedrich meinte, wenn er schrieb: »Wer sich selbst liebt, der ist auf dem Wege, etwas Großes zu werden«, die fehlte Wilhelm. Er war wie ein Schiff ohne Ballast, nur auf einem kleinen ruhigen Gewässer zu spielen gemacht.

In den Augenblicken, wo er das Herz hatte, ganz ehrlich zu sein, gestand er sich, daß ihm in der Kunst der schönste Kranz versagt bleiben müsse. Dann brandmarkte er, wie Friedrich sagt, seine Kraft, in die innerste Eigenthümlichkeit eines großen Geistes einzugehen, unmuthig mit dem Namen »Uebersetzertalent«. Was für eine reizbare Empfänglichkeit für das Schöne, welches Verständniß für fremdes Genie, was für ein erstaunliches Sprachgefühl und Gedächtniß mit angestrengtem Fleiße zusammenkommen mußten. damit die unsterbliche Shakespeare-Uebersetzung entstehen konnte, das kann nie genug hervorgehoben werden. Und dennoch – liest man darin, so empfindet, so denkt man an Shakespeare, nicht an Wilhelm Schlegel. Des Dichters Persönlichkeit kann man nur in seinen eigenen Werken suchen. Schlegel's Gedichte belehren uns in feinster Weise darüber, wie aller gute Geschmack und alles Wissen von dem, was schön und nicht schön ist, die geheimnißvoll wirkende Kraft, die blind das Gute hervorbringt, nicht zu ersetzen vermögen. Wie klar sah er, worauf es ankommt. »Unser Dasein«, sagt er gelegentlich, »ruhet auf dem Unbegreiflichen, und die Poesie, die aus diesen Tiefen hervorgeht, kann dieses nicht rein auflösen wollen. Dasjenige Volk, wofür es sich der Mühe verlohnt, zu dichten, hat hierüber, wie über Vieles, die natürliche Gesinnung beibehalten; Alles verstehen d. h. mit dem Verstande begreifen wollen, ist gewiß ein sehr unpopuläres Begehren. Beispiele werden dies einleuchtend machen. Die Bibel, wie sie gegenwärtig in den Händen des Volkes ist, wird nur sehr unvollkommen verstanden, ja vielfältigst mißverstanden, und dennoch ist sie ein äußerst populäres Buch. Von unsern neueren Exegeten zum allgemeinen Verständnisse zugerichtet, würde sie unfehlbar ihre Popularität großentheils einbüßen. Die alten, besonders katholischen Kirchenlieder, voll der kühnsten Allegorie und Mystik, waren und sind höchst populär; die neuen bild- und schwunglosen, vernünftig gemeinten und wasserklaren, die man an ihre Stelle gesetzt hat, sind es ganz und gar nicht. Und warum sind sie es nicht? Weil in ihrer ekeln Einförmigkeit nichts die Aufmerksamkeit weckt, nichts das Gemüth plötzlich trifft und es in die Mitte desjenigen versetzt, was ihm durch förmliche Belehrung nicht zugänglich werden würde. Mit einem Worte, wer für das Volk etwas schreiben will, das über dessen irdische Bedürfnisse hinausgehen soll, darf in der weißen Magie oder in der Kunst der Offenbarung durch Wort und Zeichen nicht unerfahren sein.«

Aber er selbst war kein Magier. Es war nichts, gar nichts Dämonisches in ihm. In seinen Liebesgedichten fehlt der süße Schmelz starker Sinnlichkeit, und nur sein unbestechlicher Geschmack bewahrte ihn davor, anstatt dessen witziger Lüsternheit Raum zu geben, die dagegen in seinen satyrischen Scherzgedichten gern hervortritt. Seine Schwester Charlotte traf ganz das Richtige, wenn sie ihn mit Wieland verglich, indem sie sagte, die beste und wirksamste Kritik eines Autors sei ihrer Meinung nach, in eben dem Fache ein besserer Schriftsteller zu sein, und sie traue Wilhelm zu, auf diese Art gegen Wieland zu Felde ziehen zu können. Fast niemals fehlt ihm Grazie, die freilich zu elegant ist, um die Grazie eines Naturkindes zu sein. Nicht die Anmuth, die aus Kraft hervorgeht, beseelt seine Gedichte; aber es ist doch etwas Schwebendes in ihnen, wie wenn die Naturtriebe mit der Schwere ihres Müssens nicht auf ihn wirkten. Zarte, im Kopf entstandene Empfindungen hauchen leicht vorüber; man kann wohl unmuthig werden über die seifenblasenartige Glätte und Leere dieser angeblichen Leidenschaften; dafür senken sich die Verse auch niemals mit schwüler Schwermuth belastend auf's Gemüth, des Dichters Geistesunfreiheit verrathend. Man möchte ihm einen Erguß heißen irdischen Blutes in die Adern mehr wünschen, er ist wie eine lose, flatternde Blume, in deren zierlichen Stengel die Säfte der Erde nicht hinaufströmen können.

Nur einmal ist er, wie auch Goethe urtheilte, über sich selbst hinausgegangen: in der Zueignung des Trauerspiels »Romeo und Julia«, an Caroline gerichtet, die damals endlich seine Frau geworden war. Mag ihm hier auch seine innige Vertrautheit mit der Dichtung zu Gute gekommen sein, so ist es doch das nicht allein; indem er fein die poetische Weisheit Shakespeare's rechtfertigt, die Romeo und Julia gerade deshalb auf der Höhe des Glückes und der Liebe sterben läßt, damit nicht sie – ein weit herzzerreißender Untergang – ihre Liebe überleben, mochte er die Gefahr mit dunkler Wehmuth ahnen, die in seinem eigenen Wesen und Geschick lag. Kein feindlicher Anblick schreckt Liebe, im Kampfe schwillt ihr Muth, sie schaudert nicht, bei Todten sich zu betten –

»Ach, schlimmer drohn ihr lächelnde Gefahren,

Wenn sie des Zufalls Tücken überwand.

Vergänglichkeit muß jede Blüth' erfahren:

Hat aller Blüthen Blüthe mehr Bestand?

Die wie durch Zauber fest geschlungen waren,

Löst Glück und Ruh und Zeit mit leiser Hand,

Ach, jedem fremden Widerstand entronnen

Ertränkt sich Lieb' im Becher eigner Wonnen.«

Es liegt eine wahre und keusche Trauer in den Versen. Das gedämpfte Herzklopfen einer furchtsamen Wehmuth über die eigene Gebrechlichkeit und Vergänglichkeit, das ist, was er am Wahrsten und Tiefsten in sich durchlebte, und überall, wo das anklingt, berührt uns, wenn auch nur ganz leise, der geheimnißvolle Zauber, der aus den Elementen der Natur und des Menschen dringen kann:

»Nicht bloß die Blume welkt, das Duftgewebe

Der Frühe reißt, entflieht des Lenzes Prangen,

Nicht bloß erbleichen junge Rosenwangen,

Dem Geist auch droht's, daß er sich überlebe.

Wie kühn er erst auf freien Flügeln schwebe,

Dumpf g'nügsam bleibt er bald am Boden hangen.

O wißt Ihr für sein grenzenlos Verlangen,

Weis' oder Dichter, keinen Trank der Hebe?«

Die Mängel in Wilhelm's Natur schlossen freilich auch große Vorzüge ein. Frisch und kräftig befaßte er sich nicht mit Psychologie, schrieb einmal Karoline, was hier als entschiedenes Lob gemeint ist; er zerfaserte nicht das Innere, wie es damals die Darstellungsweise der modernen Schriftsteller wurde, denen es dabei nur selten gelang, eine ganze Erscheinung lebendig vor die Augen zu stellen. »Du bist gewaltig bei Frommann's gelobt worden«, schrieb sie ihm ein ander Mal, »Du könntest, was Du wolltest und thätest, was Du könntest und wärest ein Kleinod von Rechtlichkeit.« Ja, das Kränkliche, Unbestimmte, in's Grenzenlose Ausschweifende der meisten übrigen Romantiker lag nicht in seinem Wesen. Alles, was er schrieb, wenn es auch tiefer und bedeutender hätte sein können, war doch ein Ganzes, abgerundet, hatte Form. Er verfügte über das, was man Mache oder Virtuosität nennt. Eine gewisse Behendigkeit des Handelns und Ausführens machte ihn im praktischen Leben den Gefährten überlegen, die sich zum Theil mit der Unermeßlichkeit ihrer Pläne begnügten. So wurde er der Direktor, Wortführer, Herausgeber, Anordner, Antreiber; so ist er noch jetzt als das Haupt der romantischen Schule bekannt. Als Vorkämpfer des Guten, Neuen und Bekämpfer des Schlechten in der Literatur, hat er jedenfalls unter allen das Meiste geleistet, der unermüdliche Rufer im Streit.

Die Reinheit und Schärfe seines Verstandes, seine unfehlbare Empfindung für das Schöne, wie für das Häßliche und Lächerliche, sein Muth, seine schneidige Kampflust machen viele seiner kritischen Schriften zu kleinen Kunstwerken. Er selber sagte in späteren Jahren, zwischen Ernst und Ironie, von seinen Leistungen auf diesem Gebiete: »Der Kritiker, aus dessen Schriften man hier eine Auswahl gesammelt findet, stand in seinen jüngeren Jahren in üblem Rufe. Man schilderte ihn wie einen Wütherich, einen Herodes, der an einer Menge unschuldiger Bücher nichts Geringeres als einen bethlehemitischen Kindermord verübt habe. Man hat, wie mich dünkt, dem Manne Unrecht gethan. Er hat sein lästiges Amt mit Mäßigung und Schonung verwaltet.« Und wirklich wird man in seinen schärfsten Angriffen fast nie die Höflichkeit des Weltmanns vermissen, der sich selbst zu hoch schätzt, um grob oder plump zu werden. Sein Witz ist zu anmuthig, um nicht die Beleidigung durch die spielende Form zu mildern. Und die unerbittliche Schärfe dem Schlechten gegenüber ist besonders nachdrücklich, wenn das Schlechte überschätzt wird und unverdiente Lorbeeren erntet: er suchte sich gern mächtige Gegner, er machte es sich nicht leicht. Was aber seine Angriffslust um so schätzenswerther macht, ist sein ritterliches Einstehen für das Schöne, das ihm nie entging. Er hatte genug Muth und Zutrauen zum eignen Urtheil, um verborgene, namenlose Talente zu entdecken, verunglimpfte zu vertheidigen; war er doch der Erste, der den jungen Tieck ermunterte und anpries, der Einzige, der sich des unglücklichen Bürger gegen Schiller's allzuharte, verständnißlose Kritik annahm. So erfreulich aber auch diese ernste Würdigung eines großen Todten ist, am Gelungensten sind doch seine übermüthigen Streifzüge in's feindliche Philisterlager. Hier vor Allem findet sich die Urbanität und Festivität des Styles, um die Friedrich seinen Bruder so sehr beneidete, während er »sententiae vibrantes fulminis instar« vermißte.

Eigenthümlich ist es, daß, wenn man noch eben diese Vorzüge Wilhelm's aufrichtig bewunderte, einem doch wieder ein Ausspruch von seiner Schwester Charlotte Ernst in den Sinn kommen kann, die einmal an Novalis über ihre Brüder schrieb: »Wenn sie sich recht strenge selbst prüfen wollten, so würden sie finden, daß nicht allein die reine Liebe zum Guten und Wahren ihre Triebfeder ist, sondern daß etwas Muthwille zu Grunde liegt und eine Eitelkeit, ihre brillant witzigen Einfälle nicht unterdrücken zu können.« Diese Eitelkeit ist vielleicht zu allgemein menschlich, um nicht vollkommen entschuldbar zu sein, und doch ist es so: man weiß, es war ihnen ernst; sie sagten ihre Ueberzeugung, auch wenn es gegen ihren Vortheil war, und trotzdem empfinden wir nicht die Bewunderung und Sympathie, die wir für ein muthvolles und uneigennütziges Betragen haben. Vielleicht hängt es mit dem Gefühl zusammen, als hätten sie nicht so handeln müssen, als sei Absicht dabei gewesen; und man schätzt nun einmal den blinden Trieb zum Guten höher als die löblichste Absicht. Charlotte's Tadel bezieht sich auf beide Brüder; Wilhelm allein eigen – sogar im Gegensatze zu Friedrich – ist eine Eigenschaft, die noch ärgerlicher berührt, als Muthwille oder Eitelkeit; die Correktheit, die über sein ganzes Wesen und alle seine Handlungen ausgegossen war. Schon seine äußere Erscheinung war peinlich correkt, »allerliebst geputzt und gesalbt«, wie Karoline neckend sagte; aber auch das jedenfalls nicht zuviel. Ebenso wenig war jemals etwas an seinem Betragen auszusetzen. Ob Karoline ihm einen Korb gab oder seine Hülfe beanspruchte oder sich von ihm scheiden lassen wollte – er war immer gleich höflich, ohne sich wegzuwerfen, gefaßt und entgegenkommend, ohne frivol zu sein; that, was in seiner Macht stand, um sie zu schonen, ohne zu zögern noch auch zu überstürzen, sowohl ohne Schwäche wie ohne Gewaltsamkeit Einzig in einer gewissen Schärfe des Wesens verrieth sich zuweilen seine Unzufriedenheit. Ebenso im brüderlichen Verhältniß: Friedrich bat ihn nie umsonst um Geld, er war immer hülfsbereit, und zwar ohne seine Gabe durch mehr Vorwürfe und Ermahnungen als nöthig waren zu vergällen; obwohl er viel zu verständig war, um verschwenderisch oder auch nur besonders freigebig zu sein, hätte man ihn doch nicht berechnend nennen können. Mustergültig war auch sein Benehmen gegen literarische Feinde und Angreifer: er bediente sich nur ehrlicher Mittel im Kampf, nie war er falsch oder hinterlistig, die Geringeren beachtete er kaum, sondern stürmte neuen Feinden entgegen. Andrerseits athmete auch die erwähnte Ehrenrettung Bürger's vollendete Tadellosigkeit aus. Kurz man muß immer loben, wie er handelte; und doch ist vielleicht diese einwandfreie Correktheit gerade das, was ihn der wärmeren Zuneigung am meisten entrückt.

Wie ganz anders Friedrich, an dem seinem Freunde Schleiermacher die »Leichtigkeit, mit der er sich bisweilen einem unrechtlichen Verfahren in seinen Angelegenheiten nähert«, auffiel. »Schlegel ist aber eine hohe, sittliche Natur«, setzte Schleiermacher voll Anerkennung hinzu, und es scheint fast, als ob dem ernsten, unbestechlich rechtlichen Geistlichen diese Mischung von hoher Sittlichkeit und moralischer Nachlässigkeit sehr gefallen habe, Wieviel mehr Liebe und Freundschaft erfuhr der stets incorrekte Friedrich als sein Bruder! Wenn Wilhelm der Leichte war – zierlich und beweglich, aber ohne Größe – so war Schwere Friedrich's Wesen. Er sei, sagte seine Gattin Dorothea von ihm, was die Orgel unter den Instrumenten, die Orangenblüthe unter den Blumen, die Pfirsich unter den Früchten; höchst charakteristische Vergleiche für diesen Menschen von imponirender, aber nur schwer beweglicher Masse, der erfüllt war von Gedanken und Gefühlen, von sinnlich-geistigen Schätzen, die aber, allzu tief in den Grund seines Wesens eingewühlt, nur selten, nach den mächtigsten Erschütterungen, gegen die Oberfläche stiegen. Während man Wilhelm beklagen muß, daß er nicht mehr war, möchte man Friedrich vorwerfen, daß er nicht mehr wurde. Denn die Bestimmung zur Größe war in ihm und hatte keinen andern Feind, als seine weibischträge Sinnlichkeit. Bewege, tummle dich, schaffe, handle, möchte man ihm immer zurufen, der nicht viel Andres that als lesen, lesen und lesen. Er las so viel, wie Wilhelm schrieb. Unablässig vermehrte er seine Kenntnisse, häufte Ideen auf Ideen, die seinen schwerfälligen Geist belasteten. Es sei keine Gefahr, sagte einmal Dorothea, daß er jemals an Gehalt zu Geisteswerken verarme, allein die Gefahr sei, daß er an seiner Ideenmasse ersticke. In seiner Constitution lag eine Neigung zum körperlichen und geistigen Fettwerden. Sein großer, runder, priesterlicher Kopf mit den etwas schweren, sinnenden Augen und dem vollen weichlichen Kinn, das sich zu einem doppelten ausbildete, zeigt einen bedeutenden, aber bequemen und sinnlichen Menschen. »Die Männlichkeit seiner Gestalt offenbarte sich nicht in der hervorgedrängten Kraft der Muskeln. Vielmehr waren die Umrisse sanft, die Glieder voll und rund, doch war nirgends ein Ueberfluß. In hellem Licht bildete die Oberfläche überall breite Massen; so beschreibt er selbst mit Wohlgefallen seinen behaglichen Körper. Weniges klingt so aus seinem Herzen gekommen, wie seine Lobpreisungen des Müßiggangs. »O Müßiggang, Müßiggang, du bist die Lebensluft der Unschuld und der Begeisterung; dich athmen die Seligen, und selig ist, wer dich hat und hegt, du heiliges Kleinod, einziges Fragment von Gottähnlichkeit, das uns noch aus dem Paradiese blieb.« Das Sprechen und Bilden sei nur Nebensache in allen Künsten und Wissenschaften, das Wesentliche sei das Denken und Dichten, und das sei nur durch Passivität möglich. Je schöner das Klima, desto passiver sei man. Nur die Italiener wissen zu gehn und die Orientalen zu liegen, am Zartesten und Süßesten habe sich der Geist in Indien gebildet. Das war nicht nur Humor der Uebertreibung; er begnügte sich wirklich mit dem Denken und Dichten und verachtete das Bilden und Ausführen, er hat jedenfalls wirklich unzählige Male »wie ein nachdenkliches Mädchen in einer gedankenlosen Romanze am Bach« gesessen, »gleich einem Weisen des Orients versunken in heiliges Hinbrüten und ruhiges Anschauen der ewigen Substanzen.« Er erinnert an einen jungen Mann, von dem Steffens in seinen Lebenserinnerungen erzählt, er sei so faul gewesen, daß er ein förmliches Studium darauf verwendet habe, auf welche Weise man am Längsten im Stuhle sitzen könne, ohne seine Stellung zu verändern.

Diesem Trägen hatte sein Genius eine beschwerliche Lebensbahn ausgesucht, aber er verstand die weise Absicht, benutzte den Wink nicht. Womöglich ließ er immer Andre für sich arbeiten. Und er hatte eine gewisse zuthunliche Kindlichkeit an sich, die machte, daß es thätige Menschen natürlich fanden, etwas für ihn zu thun.

Die Jünglingsjahre, die Wilhelm so leicht und geräuschlos abliefen, verbrachte er unter peinvollen Zuckungen und Krämpfen seines Innern. Er litt unter einem beständigen Mißklang, den er in sich fühlte, und dessen letzte Ursache war, daß er kein hinreichendes Gegengewicht besaß für sein ungeheures Denkvermögen, für seine Receptivität. Das Vermögen und die Lust, hervorzubringen und zu handeln, worin sein aufgespeicherter Ideenstoff sich hätte verarbeiten können, war Wilhelm allein zugetheilt. So gut wie Friedrich sich seines mächtigen Verstandes bewußt war, wußte er, daß ihm etwas Großes fehlte, welches Etwas er verschieden benannte, sehr häufig aber Liebe, die Seele der Seele. Nicht um Verstand möchte er Gott bitten, sondern um Liebe. Die stets rege, Alles durchschauende Kritik seines Verstandes erschwerte ihm das unbefangene Liebhaben, wonach er doch schmachtete. Je nachdem ob er die reich ausgestattete Seite seines Wesens genoß oder die verkümmerte entbehrte, wechselte ein gerechtfertigtes Gefühl von Ueberlegenheit mit einem Gefühl von Ohnmacht und Einsamkeit, was ihn scheinbar unvermittelt zwischen den höchsten Höhen und den tiefsten Tiefen auf- und abschwanken ließ. Er lebte in einem beständigen Wechsel von Schwermuth und Ausgelassenheit, sagt er in der »Lucinde«. Rührend ist es, wie er zu sein oder auf die Menschen zu wirken wünschte, nämlich so, »daß von meiner Rechtschaffenheit immer mit Achtung, von meiner Liebenswürdigkeit oft und viel mit Wärme geredet würde. Von meinem Geiste brauchte gar nicht die Rede zu sein, oder höchstens sollte man mich verständig finden. Jedermann sollte mich gut nennen, wo ich hintrete, sollte sich Alles erheitern, Jeder sich nach seiner Art an mich schmiegen, und die sich was dünken, mich gnädig anlächeln. Aber längst habe ich bemerkt, welchen Eindruck ich immer mache. Man findet mich interessant und geht mir aus dem Wege. Wo ich hinkomme, flieht die gute Laune, und meine Nähe drückt. Am Liebsten besieht man mich aus der Ferne wie eine gefährliche Rarität. Gewiß, Manchem flöße ich bitteren Widerwillen ein. Und der Geist? Den Meisten heiße ich doch ein Sonderling, das heißt ein Narr mit Geist.«

Wie deutlich sieht man hier, was er war – klug, geistreich, witzig, interessant, bedeutend – und was er nicht war: unbefangen, liebenswürdig, heiter, herzlich. Erstaunlich ist es, mit welcher Schärfe er seine Größe und seinen unersetzlichen Mangel sah: daß er nicht lieben konnte, weder Andre noch sich selbst. »Ich weiß, daß ich gar nicht leben kann, wenn ich nicht groß bin, d. h. mit mir zufrieden. Denn mein Verstand ist so, daß wäre Alles ihm gleich und Harmonie in mir, so wäre ich's schon.«

Das Ideal seines Wesens sah er in Hamlet. Nicht, daß er es ausdrücklich sagte; aber seine Auffassung Hamlet's ist so persönlich, wie man einen fremden Charakter nur vermittels seines eigenen faßt, weil man mit seiner Seele lebt, oder was dasselbe sagen will, ihm die eigene Seele zum Leben leiht. Der Grund zu Hamlet's innerer Zerrüttung, sagt er, liege in ihm selbst, in dem Uebermaß seines Verstandes und dem Mangel verhältnißmäßiger Kraft der Vernunft. Wäre er weniger groß, so würde er ein Heros sein. Seine Unentschlossenheit rühre daher, daß er eine zahllose Menge von Verhältnissen übersehe. »Durch eine wunderbare Situation wird alle Stärke seiner edeln Natur in den Verstand zusammengedrängt, die thätige Kraft aber ganz vernichtet. Sein Gemüth trennt sich wie auf der Folterbank nach entgegengesetzten Richtungen auseinander gerissen; es zerfällt und geht unter im Ueberfluß von müßigem Verstand, der ihn selbst noch peinlicher drückt, als Alle, die ihm nahen. Es gibt vielleicht keine vollkommenere Darstellung der unauflöslichen Disharmonie, welche der eigentliche Gegenstand der philosophischen Tragödie ist, als ein so grenzenloses Mißverhältniß der denkenden und der thätigen Kraft, wie in Hamlet's Charakter. Der Totaleindruck dieser Tragödie ist ein Maximum der Verzweiflung. Alle Eindrücke, welche einzeln groß und wichtig scheinen, verschwinden als trivial vor dem, was hier als das letzte einzige Resultat alles Seins und Denkens erscheint, vor der ewigen kolossalen Dissonanz, welche die Menschheit und das Schicksal unendlich trennt.« Ganz ebenso erschien Friedrich damals seinen Freunden: »Deine urtheilende Idee steht mit Deiner genießenden im Mißverhältniß«, schrieb ihm Novalis. Nur daraus, daß er sich eins mit Hamlet fühlte, krank an derselben unheilbaren Disharmonie, läßt sich seine Meinung erklären, die Tragödie könne unter Umständen augenblicklichen Selbstmord veranlassen. Diese Umstände waren eben die seinigen. »Wenn ich aus dem Wege, den ich in Göttingen ging, beständig mit dem Verstande zu genießen ohne zu handeln, blieb, so hätte er mich in Kurzem zum Selbstmorde geführt. Die Liebe zu einem Gegenstande, der Kampf mit Hindernissen und die Freude des erkämpften Gelingens muß unsern eilenden Geist aufhalten; denn sonst wird diesem Kurzsichtigen die Welt bald zu klein.« Selbstmord war denn auch lange Zeit sein täglicher Gedanke, und er wäre, wie er selbst sagt, diesen Entschluß auszuführen wohl fähig gewesen, »wenn er überhaupt zu einem Entschluß hätte kommen können.«

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Age restriction:
0+
Release date on Litres:
05 February 2026
Volume:
820 p. 1 illustration
ISBN:
4066338117489
Publishers:
Copyright Holder::
Bookwire
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