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Reinhard Berk

Kinder, die zum Töten taugen

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

1995 – Die Tat

2014 – Der Plan

1976 – Der Antrieb

2014 – Das Finale

Nachwort

Leseprobe Missbraucht:

Leseempfehlung EIN BUNTER TELLER MORD UND TOTSCHLAG

Impressum neobooks

Prolog

Der 19. Juni 1995 veränderte alles. Von diesem Tag an geriet das Leben dreier junger Männer aus den Fugen. Nie sollten sie vergessen, was passiert war. Mit den Jahren verdrängte die Zeit zwar die Intensität der Gedanken, aber sich ganz von ihnen lösen und sie vollkommen vergessen, war ein unmögliches Unterfangen. Zu sehr hatten sich die schrecklichen Ereignisse von damals in ihren Köpfen eingebrannt. Immer wieder kamen die Erinnerungen an jene Nacht in ihnen auf. Es war der subtile Terror ihres Gewissens, der ihr ständiger Begleiter wurde. Neunzehn Jahre später sollte sie das Geschehen mit der gleichen tödlichen Konsequenz einholen, die sie dem jungen Mädchen in jener Sommernacht hatten zuteil werden lassen.

1995 – Die Tat

Vier Burschen feierten ihr Abitur. Das heißt, sie waren die Letzten, die übrig geblieben waren, von einundvierzig Abiturienten, die die Hochschulreife am Laubachtal Gymnasium bestanden hatten. Sie machten seit genau einer Woche Party, und zwar auf "höchstem Niveau", wie Helmut zu sagen pflegte, wenn er exzessives Feiern meinte. Die meisten ihrer Mitschüler hatten dem Mix aus ausgiebigem Trinken und dem Genuss verschiedenster weicher Drogen nach und nach Tribut zollen müssen und waren insgeheim froh, dass sie sich ausklinken konnten oder gar mussten. Der andere Teil der Schüler, die nichts von den ausschweifenden Feierlichkeiten hielten, hatte sich schon kurz nach dem offiziellen Prozedere zurückgezogen.

Helmut, Peter, Michael und Gerhard waren die Letzten. Der übriggebliebene Rest des Abiturjahrgangs 1995 vom Laubachtal Gymnasium in Waldbachkleinkeim. Irgendwie hatte es sie an diesem Sommerabend auf das Parkfest in Hattenbach verschlagen. Hattenbach war die Kreisstadt des nach ihr benannten und benachbarten Hattenbachkreises. Hier gab es ebenfalls ein Gymnasium und man kannte den ein oder anderen von dort.

An jenem frühen Freitagabend war mächtig Betrieb auf dem Parkgelände. Unter den alten und dementsprechend hohen Eichen tummelten sich die Menschen. Das Fest hatte eine lange Tradition und zog Besucher von nah und fern an. Auf zwei Bühnen spielten Bands. Es gab Stände, an denen man die Erzeugnisse der hiesigen Landwirtschaft und Artikel von Handwerkern und ansässigen Künstlern erwerben konnte. Dazwischen immer mal wieder ein Getränkeausschank oder ein Imbissbetrieb. Der Parkplatz vor dem Parkeingang war zu einem kleinen Rummelplatz mit Fahrgeschäften und Losbuden umfunktioniert worden. Ein buntes Gemisch aus Markt, Kirmes und Open Air Festival. Das tolle Wetter, das das gesamte Ambiente unterstrich, und das anstehende Wochenende, taten ein Übriges zum regen Besucherstrom hinzu.

Die jungen Männer legten gleich an einem der hübsch dekorierten Getränkestände einen Halt ein und genehmigten sich eine Runde Bier. Erst danach wollten sie ihren Rundgang über das Gelände fortsetzen. Sie flachsten untereinander und insgeheim wussten sie, und wünschten sich sogar, dass ihre Feiertortur langsam einmal ein Ende fand. Nur klar auszusprechen getraute sich es keiner. Es wollte sich keiner eine Blöße geben. Aber irgendwann fängt man an, sich vor Bier zu ekeln.

Peter Barth gab den Fahrer. Er war der Typ eines Draufgängers und polarisierte in der Abschlussklasse mehr als jeder andere. Entweder er wurde gemocht oder er wurde verabscheut. Dazwischen gab es nichts. Auch nicht in den Meinungen des Lehrerkollegiums über ihn. Seine Abiturarbeiten hatte er in den Fächern Englisch, Deutsch und Biologie geschrieben. Nichts Berühmtes, aber problemlos das Abitur gebaut. Ihm reichte das Ergebnis vollkommen. Peter hatte nicht den Ehrgeiz, durch Arbeit eine glanzvolle berufliche Karriere hinzulegen, ihm genügte es, wenn er einen finanziell soliden und nicht allzu zermürbenden Beruf finden würde. Seine Motivation lag eher darin begründet, genug Zeit und Mittel zu haben, um anständig Party zu feiern, solange er noch jung war. Da er sich noch nicht im Klaren war, wie sein Berufsziel letztendlich genau aussehen sollte, hatte er vor, sich zunächst bei der Bundeswehr zu verpflichten.

Er war ein Kerl, dem man seine Affinität zum Sport ansah. Die anderen wirkten gegen ihn fast wie Hänflinge. Mit seiner Größe und seinen breiten Schultern hatte er durchaus das Zeug, Respekt einzuflößen, obwohl sein Gesicht erstaunlich weiche Züge aufwies. Dazu passte sein blondes Haar und das einnehmende Lächeln, das ihm trotz seiner beeindruckenden Größe die Jungenhaftigkeit gab. Peter hing meist mit Helmut ab. Die beiden waren seit Kindergartenzeiten Freunde und hatten bis dahin mehr Zeit miteinander verbracht, als mit ihren Familien. Sie wussten alles voneinander, mehr als ihre Eltern mitsamt Geschwistern, Lehrern oder anderen Freunden. Peter und Helmut waren ziemlich beste Freunde. Wenn sie zusammen getrunken oder eine Tüte Gras geraucht hatten, offenbarte Peter seinem Freund die Seite von sich, die sonst niemand ahnte, geschweige denn wusste. Peter Barth hatte häufiger, wenn er unter Alkohol- oder Drogeneinfluss stand, massive Gewaltfantasien, die sich hauptsächlich gegen Frauen richteten. Helmut nahm es nicht ernst. Er nahm es deshalb nicht ernst, weil sie weit über seine Vorstellungskraft hinausgingen und er die Abartigkeiten alleine schlechtem Stoff oder eben übermäßigem Alkoholgenuss geschuldet sah.

Helmut Stahl war der älteste der Clique. Er hatte den anderen vier Stunden des Lebens voraus. Oftmals stand er kurz davor, eine Ehrenrunde drehen und ein Schuljahr wiederholen zu müssen, aber irgendwie schaffte er es immer, gerade noch das Klassenziel zu erreichen. Das zeigte zwei Dinge: Zum einen, nahm Helmut die Schule nicht so ernst, wie er es eigentlich hätte tun sollen und zum anderen, wenn er die Schule ernst nahm, steckte durchaus Potential in ihm. Im Geheimen hatte er sich die gleiche Ansicht angeeignet, die auch sein Freund Peter bevorzugte. Erst einmal locker durchs Leben gehen und dann weiter sehen. Er hatte ein Faible für die späten sechziger und frühen siebziger Jahre und zeigte das auch anhand seines Äußeren. Helmut hatte braune, über die Schulter fallende Haare, die er oft zu einem Zopf zusammengebunden trug. Damit sah er schon aus wie ein Relikt aus jenen vergangenen Zeiten. Er trug am liebsten Hosen mit einem Schlag und um seine Handgelenke hatte er sich viele bunte Stoffbändchen gebunden. Helmut lachte fast nie. Es hatte nichts damit zu tun, dass er über keinen Humor verfügte, aber er hielt Lachen ganz einfach für uncool. Nur wenn er stark alkoholisiert oder total bekifft war, konnte er ungezwungen lachen. Deshalb war es immer das Zusammensein mit "seinen Jungs", das ihm die Unbekümmertheit bescherte, die ein junger Mann eigentlich haben sollte.

"Wir hätten gerne vier Bier", sagte Gerhard Weise und fügte an: "Große!" Der Mann hinter dem Pavillon nickte, zapfte die Biere fertig und stellte sie auf der Umrandung des Verkaufsstandes ab. Gerhard nickte zufrieden, gab dem Mann neun Mark und verteilte die Gläser. Dabei bestellte er sofort noch einmal vier Bier. Große!

"Willst du uns hinrichten?", fragte Peter und schüttelte dabei den Kopf.

"Nein, aber wir sollten nicht vergessen, warum wir hier sind", antwortete Gerhard und hörte sich dabei sehr unternehmungslustig an. Jetzt schüttelte jeder seiner drei Mitstreiter den Kopf. Es war ihnen inzwischen anzumerken, dass sie das Bier mehr oder weniger mit Überwindung trinken mussten. Richtig schmecken tat es ihnen nicht mehr und Durst hatten sie längst keinen mehr. Einzig Gerhard schien richtig aufzublühen und entwickelte eine kaum für möglich gehaltene Motivation.

Gerhard Weise war erst vor weniger als einem halben Jahr auf das Laubbachtal Gymnasium gekommen. Er hatte sich sofort um den Anschluss an die Clique von Helmut, Peter und Michael, der die Gruppe komplett machte, bemüht. Und das Erstaunliche war, er schaffte es sehr schnell, ihr Vertrauen zu gewinnen. Es hätte die anderen eigentlich verwundern müssen, denn sich kurz vorm Abitur in eine jahrelange, fast geschlossene, gut funktionierende und homogene Gemeinschaft zu drücken, ist eine seltene Leistung. Zumal die drei, neben ihren gemeinsamen Interessen, Hobbys und Träumen, etwas ganz Spezielles verband. Sie waren alle am 6. 6. 1976 zur Welt gekommen. Allein das war schon besonders, und dass sich ihre Eltern sehr gut kannten und in ihren Jugendjahren viel Gemeinsames unternommen hatten, machte diesen Umstand noch ein Stück außergewöhnlicher. Keiner maß diesem Sachverhalt Bedeutung zu und keiner machte sich Gedanken darüber, wie viel Gerhard mit jedem einzeln von ihnen gemein hatte. Obwohl es mehr als sonderbar war. Es war fast so, als schiene er sie schon seit ewigen Zeiten zu kennen.

Gerhard Weise kam aus Norddeutschland. Eine Krebserkrankung seiner Mutter, die im fünfundzwanzig Kilometer entfernten Aubach wohnte, hatte sich dermaßen verschlimmert, dass er zu ihr ziehen musste. Er hatte sich ohnehin mit seinem Vater, mit dem er bis dahin zusammen wohnte, überworfen. Ein Orts- und Schulwechsel so kurz vor dem Abitur ist zwar sehr ungewöhnlich, aber stellte für ihn anscheinend überhaupt kein Problem dar. Er gehörte zu den besten Abiturienten, die das Laubbachtal Gymnasium im Jahr 1995 hatte.

Gerhard gehörte zu den mittelgroßen Menschen mit einem mittleren Bodyindex. Alles an ihm wirkte durchschnittlich. Ein durch und durch unauffälliger junger Mann. Einzig das scharf geschnittene Gesicht mit den dunkelbraunen, fast schwarzen Augen stach hervor, wenn man ihn betrachtete. Gerhard vermied jedoch meist direkten Augenkontakt, und wenn man es denn schaffte, dass er dem Blick standhielt, konnte man frösteln. Man glaubte eine Glut in ihnen zu erkennen. Eigentlich waren es Augen, die das weibliche Geschlecht liebte, aber nach eigenem Bekunden hatte er noch kein ernsthaftes Interesse an Mädchen. Nicht dass er schwul sei, nein, aber er wollte seine sexuelle Orientierung erst noch ausloten und sich nicht binden. Im Moment fand er Mädchen für eine Freundschaft doof, aber Mädchen zum Spaß haben, das war eines seiner angestrebten Ziele und er vermochte seinen Freunden diese Ansicht so eindrücklich zu vermittelen, dass sie ihm uneingeschränkt beipflichteten. Gerade zu einer gelungenen Abiturfeier gehörte ein unvergessliches amouröses Erlebnis, wie er in den vergangenen Tagen immer wieder anklingen ließ. Seine Freunde stimmten ihm in dieser Hinsicht euphorisch zu. Gerhard entwickelte urplötzlich einen Eifer, den seine Freunde so noch nie an ihm erlebt hatten. Während sie vorsichtig vom Bier tranken, kippte er das erste Glas mit zweimal ansetzen herunter und ließ einen lauten Rülpser folgen, der die umstehenden Besucher aufmerksam werden ließ. Die anderen mussten zwangsläufig lachen und die Glut in Gerhards dunklen Augen schien einen Tick heller zu werden und ein Grinsen zog sich über sein Gesicht. Er wusste, dass die Zeit reif war.

"Na, auf Leute, trinkt doch mal! Wir wollen doch nicht vergessen, warum wir hier sind!", rief er seinen Freunden zu und prostete schon mit dem zweiten Glas. Die Anderen lachten gezwungen und tranken. Sie hatten die Gläser kaum abgesetzt, da wiederholte sich das Spiel schon wieder.

"Was ist denn mit dir los? Druckbetankung?", meinte Peter kopfschüttelnd und verzog ein wenig sein Gesicht. Gerhard antwortete nicht, sondern hob erneut das Glas. Es muss wie ein Signal gewirkt haben, denn alle taten es ihm gleich.

Die zwei großen Bier zeigten erste Wirkung. Schließlich waren sie seit einer Woche nicht mehr richtig nüchtern gewesen. Jeden Tag Alkohol und zwar in nicht unbeträchtlichen Mengen, dazu der ein oder andere Joint, hatte sie in eine Art Dauerrausch versetzt. Selbst Peter, der fuhr, hielt sich keineswegs zurück. Das Abitur beflügelte und der Alkohol enthemmte.

Der Vierte im Bunde war Michael Kressel. Er war der Besonnenste des Quartetts. Ein kühler, pragmatisch denkender junger Mann. Er hatte vor, nach dem Abi Architektur zu studieren, allerdings erst nach einer einjährigen Pause, die er dazu nutzen wollte, Europa kennenzulernen. Michael spürte sofort, wie das Bier wirkte. Aber egal, er hatte sich vorgenommen, diesen Tag ohne Rücksicht auf sein Wohlbefinden noch hinter sich zu bringen und dann die Feierlichkeiten zu beenden. Die Nachwirkungen, die er sicher haben würde, konnte er dann in aller Ruhe und mit aller Zeit dieser Welt auskurieren. Darauf freute er sich, aber heute wollte er noch einmal ein Schwein gegen sich selbst sein. Deshalb war er es auch, der Gerhard Unterstützung angedeihen ließ:

"Kommt, ex und hopp, heute gilt es nochmal!"

*

Knapp einhundert Meter weiter saß ein junges Mädchen auf dem Geländer des Autoscooters und schaute gelangweilt dem Treiben auf der Bahn zu. Nadia Haferkamp war ein aufgeschlossenes 15-jähriges Mädchen, das mit seiner Erscheinung und seinem Auftreten das Interesse der Jungs weckte. Kokett lehnte es aber jede der Avancen gleichaltriger Burschen ab. Für Nadia kam jemand ohne Auto überhaupt nicht in Frage. Das Mädchen mit den kurzen schwarzen Haaren war nicht unerfahren, was das Zusammensein mit Jungs betraf. Seine Unschuld hatte es vor einem Jahr auf der Motorhaube eines Toyotas verloren und es hatte ihr Spaß gemacht. Irgendwie strahlte Nadia die vorher angesprochene Aufgeschlossenheit aus, aber die jungen Burschen, die sich alle um den Autoscooter herumtrieben, holten sich einer nach dem anderen eine Abfuhr. Sie gab sich gelangweilt und nutzte ihren Status hemmungslos aus, um Zigaretten und Bier zu schnorren. Die Sonne gab ihren braungebrannten Armen und Beinen, die unter dem dunkelblauen, mit weißen Punkten besetzten Sommerkleid zum Vorschein kamen, einen goldglänzenden Teint. Insgesamt wirkte Nadia sehr sexy und erwachsener als sie war. Sie wohnte im Besatzerviertel, einem Stadtteil der auf dem Gelände der ehemaligen russischen Kaserne entstanden war, die nach dem Abzug der Sowjettruppen zum Herzstück eines großen, neuen Wohngebietes geworden war. Die im Volksmund "Besatzerviertel" genannte Siedlung war nicht das Aushängeschild der Stadt. Zuviel Kriminalität hatte sich von Anfang an dort ausgebreitet und festgesetzt. Davon war auch Nadias Umfeld geprägt. Sie hatte längst die Normen aufgebrochen, die man ihr versucht hatte einzuimpfen, und lebte nach ihren eigenen Regeln. Als sie sich eine weitere Zigarette anzündete, sah sie die vier jungen Männer auf sich zukommen. Sie schienen einen ausgelassenen Eindruck zu machen.

*

"Kommt, wir gehen mal da runter zum Autoscooter, vielleicht finden wir noch was zum Spaß haben. Dort können wir auch besser eine Tüte rauchen, als hier bei dem Spießervolk", meinte Gerhard, grinste dreckig dabei und zeigte in Richtung des kleinen Vergnügungsparks. Sie hatten inzwischen das vierte große Bier getrunken und der Alkohol hatte längst wieder seinen angestammten Platz in ihren Blutbahnen eingenommen.

"Ja, kommt, er hat recht. Jetzt noch eine Tüte, das bringt es doch. Und vielleicht bekommen wir Spaß", unterstützte Peter den Vorschlag. Gerhard hatte die ganze Woche über schon Andeutungen über die Art Spaß gemacht, den er meinte. Dabei hatte er festgestellt, dass seine Freunde seine immer wilder und wüster werdenden Fantasien mit jedem Tropfen Alkohol und jedem Zug Gras vermehrt teilten und Geschmack daran fanden. Michael tat es als Einziger als das übliche Geschwätz eines euphorisierenden Abiturienten ab. Die insgeheime Zustimmung seiner Freunde machte Gerhard auf seltsame Art zufrieden und verschaffte ihm jedes Mal ein verstecktes Grinsen. Er wusste, dass heute sein Tag war. Sie tranken aus und schlenderten gutgelaunt ihrer speziellen Art Spaß entgegen.

*

Es begann zu dämmern. Im Park und auf dem Platz, wo der kleine Rummel aufgebaut war, herrschte inzwischen Hochbetrieb. Von einer Losbude und dem Autoscooter erklang Musik, die man wechselseitig hören konnte. Grelles, flackerndes Licht illuminierte die Umgebung. Gerhard schlug sofort den Weg dorthin ein, wo Nadia saß. Sie setzten sich unmittelbar vor das Mädchen und Gerhard drehte, ohne sich um das Drumherum zu kümmern, einen Joint.

"Seht mal her, ist das nicht ein schönes Teil", sagte er, als er fertig war, und hob die übergroße Zigarette wie einen Pokal in die Höhe.

"Wow, na los, mach ihn an!", rief Michael überschwänglich, während er zum Takt der Musik hin und her tänzelte.

"Ja, mach schon!", unterstützen ihn die anderen.

Demonstrativ steckte Gerhard den Joint an, nahm aber nur die Winzigkeit eines Zuges und reichte ihn an Michael weiter. Der inhalierte, als gäbe es kein Morgen mehr.

Nadia schaute dem Treiben nicht ohne Faszination zu. Das waren coole Jungs, anders als diese Milchbubis, die die ganze Zeit hier um sie herumschwirrten. Gerhard bemerkte ihr Interesse sofort. "Na, hast du Lust mitzurauchen?"

Nadia hatte kaum Erfahrungen mit Drogen. Sie hatte zwar schon zwei-, dreimal an einem Joint gezogen, aber das war nichts Besonderes für sie gewesen. Jeder Alkoholrausch beeindruckte sie mehr. "Klar, warum nicht", antwortete sie kokett.

"Hey Leute, lasst der Lady hier auch noch was übrig, sie möchte gerne mit uns etwas Spaß haben", sagte Gerhard und tätschelte dabei, wie zufällig und an nichts denkend, Nadias Knie. Er bemerkte, dass ihr die kurze Berührung nicht unangenehm war und dass sie keine Anstalten machte, ihr auszuweichen. Mit dieser Feststellung zog er seine Hand zufrieden zurück.

"Oh, aber natürlich, gerne doch!" bemerkte Peter übertrieben nett und reichte dabei den Joint an Gerhard zurück. Der gab ihn, ohne selbst zu inhalieren, sofort an das Mädchen weiter. Nadia wollte keine Schwäche zeigen und als kleines Mädchen dastehen. Sie zog an der Haschischzigarette, und als sie sie weiterreichen wollte, meinte Gerhard: "Noch einmal, Kleines, du wirst sehen, es tut dir gut." Nadia zog noch einmal und die Jungs sahen es mit Genugtuung. Sie stellten sich einander vor und begannen zwanglos miteinander zu reden.

Inzwischen hatte Helmut für neuen Nachschub an Bier gesorgt. Er kam mit vier Plastikbechern in den Händen an und musste sich sofort Vorwürfe dafür anhören, dass er zu geizig war, Pfand für Gläser zu bezahlen und dass er Nadia vergessen hatte, da sie nun auch dazugehörte. Sie wusste zwar bis dato noch nichts davon, nahm es aber mit Freude zur Kenntnis und bekam Helmuts Bierbecher gleich dazu. Helmut ging noch einmal los. "Fünf Stück! Bitte!", rief ihm Peter laut nach. Ohne sich umzudrehen, streckte Helmut die Hand mit dem berühmten Mittelfinger nach oben.

Nadia musste sich eingestehen, dass die Wirkung des Stoffes doch erheblich stärker war, als das, was sie bisher kannte. Dabei bemühte sie sich zu lächeln.

"Fahr doch mal jemand ´ne Runde mit dem Mädel hier", schlug Gerhard vor und wusste, dass er damit bei Peter offene Türen einrannte.

"Aber klar doch, kommst du mit?" fragte Peter durchaus anständig.

"Ja, aber nur eine Tour, ich bin nicht so der Autoscooterfan." Nadia willigte ein.

Gerhard und Michael schauten ihr anerkennend hinterher, als sie mit Peter in einen der Wagen stieg.

"Strammer Feger, geiler Arsch!", bemerkte Gerhard und beobachtete seinen Kumpel genau. Michael schaute dem Mädchen lange hinterher. Alles läuft nach Plan, dachte sich Gerhard.

Helmut kam zurück. Diesmal mit fünf Bechern Bier. Er fing an zu verteilen. Die beiden Becher für Peter und Nadia stellte er auf dem Schotter ab. Dann trank er einen Schluck und zog ausgiebigst an der Tüte.

"Die Kleine ist rattenscharf, mit der könnten wir bestimmt richtig Spaß haben", meinte Gerhard an Helmut gewandt, und in seinen Augen schien die Glut nun ein bisschen mehr zu lodern.

"Ja, geiles Geschoss!", antwortete Helmut und zog erneut am Joint. Gerhard nahm ihm daraufhin das Teil ab. "Das lassen wir den beiden übrig, die sollen auch noch was davon haben und vielleicht macht der Stoff dem Mädchen ja Lust auf mehr." Als Peter und Nadia wieder in ihrem Kreis zurück waren, reichte Gerhard ihnen direkt den Joint und ihr Bier. Permanent war er darum bemüht, dass jeder trank und rauchte. Er selbst hielt sich sehr zurück und zwar so geschickt, dass es den anderen nicht auffiel.

Die Stimmung wurde ausgelassener, die Dämmerung hatte längst der Nacht Platz gemacht. Es war noch angenehm warm, das Bier schmeckte allmählich wieder besser und das grelle Licht der Glühbirnenketten, mit denen sich die Attraktionen schmückten, erhellte den Platz. Gerhard drehte einen neuen Joint. Er hatte vorher schon Peter Mut gemacht und ihm eingeredet, dass Nadia bestimmt nicht abgeneigt wäre, ein bisschen Spaß zu haben. Außerdem würde sein Stoff ein Übriges tun, um das Mädchen etwas offener werden zu lassen. Dabei zwinkerte Gerhard seinem Freund mit einem Auge zu. Ganz so schnell konnte er ihn nicht überzeugen, aber immerhin hatte Peter inzwischen seinen Arm um Nadias Hüfte gelegt und auch Helmut war ihr inzwischen immer näher gerückt. Michael konnte zwar auch nicht die Augen von dem hübschen Mädchen lassen, aber er hielt sich mehr zurück und wurde daher zum Bier holen auserkoren. Und insgeheim und unauffällig führte Gerhard Regie bei ihrem ausgelassenen Treiben. Alles entwickelte sich in seinem Sinne.

"Hier ist doch nichts Richtiges los, lasst uns noch woanders hin fahren, wo wir mehr Ruhe haben und noch ´ne Tüte bauen können", schlug Gerhard plötzlich vor.

"Ja, wir nehmen uns Bier mit und hauen uns irgendwo hin", pflichtete Helmut bei.

"Nee, ich fahr´ nicht mehr. Ich bin viel zu breit und zu stoned." Peter war wenigstens nicht so breit, dass er seinen Führerschein auf Spiel setzte. Darin war er konsequent.

Gerhard hatte damit gerechnet, aber er wollte sich seinen Plan nicht durchkreuzen lassen. Alles lief gut für ihn. "Ich kann noch fahren." Die Anderen schauten ihn überrascht an. Sie waren durchweg alle vom Alkohol und vom Dope stark gezeichnet. Auch die junge Nadia.

"Was ist? Ich bin fit! Peter, gib mir den Schlüssel, ich fahre. Wir können doch jetzt nicht die Party einfach beenden. Was soll Nadia von uns denken, oder, Nadia?" Nadia lächelte nur. Sie war weit weg und es ging ihr gut.

"Na seht ihr. Komm, Peter, gib dir einen Ruck. Nadia will doch auch noch ein bisschen Action." Sie waren zu besoffen, um alles zu registrieren. Helmut und Michael hatten Gerhards Aufforderung genauso wenig richtig interpretiert wie das Mädchen. Einzig Peter war bei dem Wort Action aufmerksam geworden und schaute dabei das Mädchen von oben bis unten an. Ihre nackten Beine machten ihn kirre. Peter warf Gerhard den Schlüssel zu und dann machten sie sich auf zum Auto.

*

Sie verließen Hattenbach und fuhren auf der K 54 zurück Richtung Waldbachkleinheim. Gerhard hatte in den Wochen zuvor, alleine, einige Touren in die nähere Umgebung unternommen und sich Örtlichkeiten angeschaut, die ihm für seinen Plan besonders geeignet schienen. Gerhard wusste genau, wo er hin wollte. Michael saß auf dem Beifahrersitz. Er hatte Schwierigkeiten die Augen offen zu halten. Peter und Helmut hatten Nadia in ihrer Mitte und saßen ziemlich beengt im Fond. Die Nähe zu dem Mädchen und die zwangsläufigen Berührungen mit Nadias nackten Beinen und Armen ließen Peters Adrenalinspiegel stetig wachsen. Sein Atem wurde heftiger und kürzer wenn er an ihre Haut dachte, und dieser Gedanke machte sich mehr und mehr breit in ihm. Gerhard hatte den Rückspiegel so eingestellt, dass er das Geschehen auf dem Rücksitz beobachten konnte. Auch Helmut genoss die Nähe zu Nadia offensichtlich, und das gefiel Gerhard. Es entwickelte sich alles, wie er es in der Inszenierung vorgesehen hatte. Er war zufrieden, und je mehr er zufrieden war, umso mehr hätten seine Begleiter das Glühen seiner Augen bemerken können. Aber Michael konnte kaum noch die Augen offenhalten und Peter und Helmut waren inzwischen viel zu sehr damit beschäftigt, auszutesten, wie weit sie bei dem Mädchen würden gehen können. Noch waren es scheinbar übliche, harmlose und zufällige Berührungen, die Nadia zwar registrierte, aber nicht als das bewertete, was sie wirklich waren. Zumal sie wegen des Alkohols und des Haschischs einige Wahrnehmungsmängel hatte und die Berührungen freizügiger als gewohnt hinnahm. Manchmal konnte Gerhard sogar ein Kichern oder Lachen hören.

Er bog links ab und fuhr eine ganze Weile dem Feldweg entlang, bis er den Wald erreicht hatte, dann bog er wieder links ab und fuhr ein Stück dem Waldrand entlang zu einer Art Lichtung. Vögel stiegen aus den Bäumen in den klaren Nachthimmel auf. Er parkte rückwärts ein und machte das Licht aus. Die Nacht war relativ hell, man konnte gut sehen, wenn man den Augen ein bisschen Zeit zur Gewöhnung gab. Und es war warm. So warm, wie man es sich in lauen Sommernächten vorstellt. Michael döste nun vollends auf dem Beifahrersitz und bekam von dem, was sich auf der Rückbank abspielte, nichts mit. Dort passierte das, was Gerhard vorausgesehen und auf das er hingearbeitet hatte.

Peter knutschte inzwischen mit Nadia und seine rechte Hand schien jeden Quadratzentimeter ihres Körpers abzutasten, während Helmut wie beiläufig versuchte, seine Hand unter ihr Kleid zu schieben. Das Mädchen machte keinerlei Anstalten sich zu wehren, die Wirkung des Haschischs im Zusammenspiel mit dem Alkohol nahm immer mehr zu. Gerhard beobachtete alles im Rückspiegel, während er einen letzten Joint baute. Er zündete ihn an und nahm einen schwachen Zug. Dann drehte er sich um und hielt ihn Peter hin.

"Hier, nimm mal einen Zug und gib ihn auch der Kleinen. Ich hab´ mir Mühe gegeben", sagte Gerhard und grinste Peter teuflisch dabei an. Dabei zwinkerte er ihm zu und machte eine leichte Kopfbewegung in Richtung des Mädchens, an dessen Augen man inzwischen gut ablesen konnte, wie weit es in diesem Moment schon der Welt entrückt war. Helmut hatte derweil Nadias Beine auseinandergedrückt und streichelte ihr über die Schenkel. Sein Blick war nicht minder begierig und lüstern, als der seiner Freunde. Peter fasste Nadia fest am Hals, zog sie zu sich hin und hielt ihr den Joint vor den Mund. Sie konnte gar nicht anders, als daran zu ziehen. Eigentlich war es ihr auch egal. Inzwischen war ihr ziemlich alles egal und sie registrierte es nur im Unterbewusstsein, genauso wie Helmuts fordernde Finger, die sich den Weg in ihren Slip suchten. Einzig Michael bekam von all dem nichts mit. Noch nicht.

"Lass Nadia noch einmal ziehen, Peter, und dann lasst uns aussteigen, hier ist es doch total unbequem." Gerhard führte wieder das Kommando.

"Ja, eine gute Idee", pflichtete Peter bei und fing an, immer lauter werdend zu lachen. Aus diesem Lachen tönte ein dermaßen dreckiges Echo, dass man Angst bekommen konnte. Nadia nahm es nicht wahr. Dafür Gerhard umso mehr. Das Mädchen stolperte mehr aus dem Auto, als dass es ging. Inzwischen war auch Michael wieder zu sich gekommen. Er musste erst einmal seine Gedanken ordnen und versuchte zu verstehen, was gerade passierte. Gerhard ließ ihm keine Zeit. Er nahm Peter den Joint aus der Hand und gab ihn Michael. "Komm, du wirst doch jetzt nicht schlapp machen. Nimm einen Zug. Guter Stoff!" Und Michael zog tatsächlich, obwohl er das Gefühl hatte, jeden Moment kotzen zu müssen. Gerhard nahm ihm den Joint wieder ab und reichte ihn an Helmut weiter. Die Geschäftigkeit, mit der er dafür sorgte, dass jeder seinen Teil abbekam, war beeindruckend. Peter hatte Nadia auf die Motorhaube gedrückt und küsste sie verlangend. Das Mädchen, dessen rot unterlaufene Augen davon zeugten, dass es ihm nicht gut gehen konnte, machte inzwischen fast einen apathischen Eindruck. Sie spürte die fremde Zunge, die sich in ihrem Mund bewegte, hatte aber keine Kraft, sich dagegen zu wehren. Das Mädchen sträubte sich gegen Peters Annäherungen. In ihren Gedanken empfand sie Abscheu und Ekel und als sie seine Hand spürte, wollte sie sich ihr entziehen, doch es war ein hoffnungsloses Unterfangen, jedwede Kraft war aus ihr gewichen und es hatte den Anschein, als ergebe sie sich Peters Drängen. Sie konnte keine Gegenwehr aufbringen, ihre Muskeln schienen wie gelähmt. Alles kein Grund für Peter, von ihr abzulassen, im Gegenteil, ihre Passivität befeuerte nur noch mehr seine Gier nach Nadia. Eine Hand war zwischen ihren Beinen und mit der anderen Hand drückte er die ihre gegen seinen Schritt. Sie sollte seine Erregung spüren. Helmut sah dem Geschehen zu und rieb sich das Kinn.

"Na los, geh´ hin. Die Kleine kann es vertragen und du willst doch auch bisschen Spaß", flüsterte ihm Gerhard ins Ohr und hielt ihm dabei wieder den Joint hin. "Na los!"

Kein Mensch weit und breit, eine herrliche Sommernacht, unsere letzte Nacht zum Feiern, ein geiles Mädchen und ich hab´ mein Abitur. Ach, scheiß drauf, dachte sich Helmut, inhalierte von dem Stoff und ging um das Auto herum zu Peter und Nadia, die heftig knutschend mehr auf der Motorhaube lagen als an ihr lehnten. Michael beobachtete das Treiben immer noch wie benebelt, aber bewertete es in keinster Weise. Es schien völlig normal. Noch.

"Mach doch ein bisschen mit Michael. Das Mädchen ist doch scharf, schau hin, wie sie Peter den Schwanz reibt", meinte Gerhard leise. Michael konnte nicht umhin und schaute hin. Es erregte ihn schon, obwohl man eigentlich erkennen konnte, dass von Nadia keinerlei Initiative ausging. Es war Peter, der ihre Hand führte, während er mit seiner anderen versuchte, in ihren Slip zu gelangen. Helmut zog ihr die Unterhose herunter. Er und Peter steigerten sich in einen Rausch. Nadia spürte überall Hände, hatte aber keine Kraft sich in irgendeiner Weise zu wehren. Kalte Schauer jagten über ihren Rücken. Sie empfand Ekel und Abscheu und hätte am liebsten geschrien, doch es ging nicht. Sie brachte kaum einen Ton heraus, so sehr sie sich anstrengte. Höchstens ein Wimmern oder einmal ein leises "... hört auf". Ihre Bewegungen liefen wie in Zeitlupe ab, sie fühlte sich, als sei sie gelähmt und verzweifelte an ihrer Hilflosigkeit. Was haben die mir für ein Zeug gegeben, dachte sie sich in ihrer Hilflosigkeit und versuchte, ihre Gedanken zu sortieren. Es wurde alles zu einem einzigen Alptraum für das junge Mädchen. Sie wünschte sich zurück. Zurück nach Hause. Irgendwie bemerkte sie trotz ihres trancehaften Zustandes, dass böse Dinge im Gang waren und dass das alles kein gutes Ende nehmen würde. Fürchterliche Angst überkam Nadia und immer mehr Tränen rannen über ihr Gesicht.

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180 p. 1 illustration
ISBN:
9783748558187
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