Read the book: «Palliativ & Zeiterleben»

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Hermann Ewald Kai Vogeley Raymond Voltz (Hrsg.)

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1. Auflage 2020

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-032015-4

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-032016-1

epub: ISBN 978-3-17-032017-8

mobi: ISBN 978-3-17-032018-5

Informationen zu den Autoren und Herausgebern

Achtner, Wolfgang, Apl. Prof. Dr. theol. (†)

Institut für Evangelische Theologie

Justus-Liebig-Universität Gießen

Karl-Glöckner-Str. 21

35394 Gießen

Dietrich, Solveig, MSc (Palliative Care)

Klinik und Poliklinik für Palliativmedizin

Ludwig-Maximilians-Universität München

Marchioninistr. 15

81377 München

E-Mail: solveig-dietrich@gmx.de

Eibach, Ulrich, Prof. Dr. theol.

Pfarrer (i. R.) am Universitätsklinikum Bonn

Systematische Theologie und Ethik

Evangelisch-Theologische Fakultät

Universität Bonn

Am Hof 1

53113 Bonn

E-Mail: eibach@uni-bonn.de

Ewald, Hermann, Dr. med. MSc (Palliative Care)

Katharinen Hospiz am Park

Ökumenisches Zentrum für Hospizarbeit und Palliativmedizin

Mühlenstr. 1

24937 Flensburg

E-Mail: hermann.ewald@t-online.de

Gaspar, Manfred, M.A., Dipl.-Soz. Päd.

Städtisches Krankenhaus Kiel, 2. Medizinische Klinik

Chemnitzstr. 33

24116 Kiel

E-Mail: manfred.gaspar@krankenhaus-kiel.de

Hatzelmann, Elmar, Dr. rer pol., M.A. Dipl. oec. Univ

Institut für Zeitkompetenz

Beiselestr. 20

82327 Tutzing

E-Mail: info@hatzelmann.de

Kojer, Marina, Hon. Prof. Dr. med. Dr. phil.

Institut für Palliative Care und OrganisationsEthik

IFF – Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung

Standort Wien

Universität Klagenfurt

Schottenfeldgasse 29

1070 Wien

E-Mail: marina.kojer@me.com

Kupke, Christian

Gesellschaft für Philosophie und Wissenschaften der Psyche e. V.

c/o Charité Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie

Schumannstr. 20/21

10117 Berlin

E-Mail: vorstand@gpwp.de

Schmidt, Stefan, Prof. Dr. phil., Dipl.-Psych.

Universitätsklinikum Freiburg,

Sektion Systemische Gesundheitsforschung

Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie

Hauptstr. 8

79104 Freiburg

E-Mail: stefan.schmidt@uniklinik-freiburg.de

Smeding, Ruthmarijke, Dr. phil. MFA

Academic Palliative and End of Life Care Centre

North West Cancer Research Centre

200 London Rd

Liverpool, L3 9TA/UK

E-Mail: palled@gmx.de

Vogel, David, H. V., Dr. med.

Institut für Neurowissenschaften und Medizin

Kognitive Neurowissenschaften (INM-3)

Forschungszentrum Jülich GmbH & Klinik und Poliklinik

für Psychiatrie und Psychotherapie

Uniklinik Köln

Kerpener Str. 62

50931 Köln

E-Mail: david.vogel@uk-koeln.de

Vogeley, Kai, Prof. Dr. med. Dr. phil.

Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie

Uniklinik Köln

Kerpener Str. 62

50931 Köln

E-Mail: kai.vogeley@uk-koeln.de

Vollmer, Tanja, Prof. Dr. rer. nat.

Technische Universität München

Fakultät für Architektur

Architekturpsychologie am Lehrstuhl für Raumkunst

und Lichtgestaltung

Arcisstraße 21

80333 München

E-Mail: tanja.vollmer@tum.de

Voltz, Raymond, Prof. Dr. med.

Zentrum für Palliativmedizin Uniklinik Köln

Kerpener Straße 62

50937 Köln

E-Mail: raymond.voltz@uk-koeln.de

Wittmann, Marc, lic. phil. Dr. rer. biol. hum. PD Dr. habil. med.

Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene

Wilhelmstr. 3a

79098 Freiburg

E-Mail: wittmann@igpp.de

Inhaltsverzeichnis

1  Informationen zu den Autoren und Herausgebern

2  Vorwort

3  A Was ist Zeiterleben?

4  A 1 Zeiterleben als Erleben von … Zeit: ein philosophischer Versuch

5 Christian Kupke

6  A 1.1 Einleitung

7  A 1.2 Zur Form des Zeiterlebens: seine logische Intentionalität

8  A 1.3 Zum Status des Zeiterlebens: seine zeitliche Relativität

9  A 1.4 Das objektive Was im Erleben von … Zeit: Fluss und Struktur der Zeit

10  A 1.5 Das subjektive Wie im Erleben von … Zeit: unbewusstes und bewusstes Erleben

11  A 1.6 Die Bedeutung der Gewissheit des Todes für das Erleben von … Zeit

12  A 2 Neurale Mechanismen der zeitlichen Organisation unseres Verhaltens

13 Kai Vogeley und Marc Wittmann

14  A 2.1 Einleitung

15  A 2.2 Verhaltensorganisation in der Zeit (Mikro-Ebene)

16  A 2.3 Lebensgeschichte und Lebensentwurf (Makro-Ebene)

17  A 2.4 Ausblick

18  A 3 Zeit im Kontext universal religiöser Anthropologie und christlicher Theologie

19 Wolfgang Achtner

20  A 3.1 Einleitung

21  A 3.2 Das mythisch-zyklische Zeiterleben

22  A 3.3 Das rational-lineare Zeiterleben

23  A 3.4 Die mystisch-holistische Zeitstruktur

24  A 3.5 Bezug zur christlichen Theologie

25  B Was verändert unser Zeiterleben?

26  B 1 »Gelebte Zeit« bei Depression und in Todesnähe

27 David H. V. Vogel und Kai Vogeley

28  B 1.1 Einleitung

29  B 1.2 Die »gelebte Zeit«

30  B 1.3 Die Depression als Störung der gelebten Zeit

31  B 1.4 Die gelebte Zeit und der Tod

32  B 1.5 Sterben und Depressionen

33  B 1.6 Schlussfolgerung und Ausblick

34  B 2 Demenz und Zeiterleben

35 Marina Kojer

36  B 2.1 Einleitung

37  B 2.2 Wandel des Zeiterlebens im Alter

38  B 2.3 Leben im Augenblick?

39  B 2.4 Desorientiertheit, subjektive Realität und Zeiterleben

40  B 2.5 Zeitreisen in die Vergangenheit

41  B 2.6 Hinweise für die alltägliche Praxis

42  B 3 Zeiterleben und Umgang mit Zeit bei Patienten der Onkologie und in der Palliativmedizin

43 Marc Wittmann, Solveig Dietrich, Stefan Schmidt und Tanja Vollmer

44  B 3.1 Studie zum subjektiven Zeiterleben von onkologischen Patienten

45  B 3.2 Zeiterleben im Kontext der Palliativmedizin

46  B 3.3 Überlegungen zur Anpassung der divergierenden Zeitbeziehungen

47  B 4 Zeitkonzepte und Zeiterleben im Kontext von Palliative Care

48 Hermann Ewald

49  B 4.1 Einleitung

50  B 4.2 Zeitkonzepte und Zeiterleben gesunder Menschen

51  B 4.3 Zeitkonzepte und Zeiterleben kranker Menschen

52  B 4.4 Zeitkonzepte und Zeiterleben emotional naher und pflegender Zugehöriger

53  B 4.5 Zeitkonzepte und Zeiterleben professioneller Behandler und Unterstützer

54  B 4.6 Würde stärken durch geschenkte Zeit

55  B 4.7 Erfahrungen aus der praktischen Arbeit

56  B 5 Trauer-Zeit: Zeit der Trauer oder Zeit zum Trauern?

57 Ruthmarijke Smeding und Hermann Ewald

58  B 5.1 Die Zeit in den Griff bekommen

59  B 5.2 Das »Zerfließen« der Zeit bei Sterbenden

60  B 5.3 Der Zwang, Zeitentakte und Rollen zu wechseln

61  B 5.4 Das Triptychon der Trauer

62  B 5.5 Halt finden durch eigene Erfahrungen

63  B 5.6 Spagat zwischen Trauerzeit und Uhrenzeit

64  B 5.7 Für immer

65  B 5.8 Der Zusammenbruch des inneren Weltbilds

66  B 5.9 Das Entstehen eines nächsten inneren Weltbilds

67  B 5.10 Trauer als Ritual

68  B 5.11 »Eigensprache« als Zugang zum nächsten inneren Weltbild

69  B 5.12 Wahrheit und Sinn im Bezug zur gesellschaftlichen Gegenwart

70  C Wie gehen wir mit der Zeit um?

71  C 1 »Nichts ist planbar, oder doch?«

72 Elmar Hatzelmann

73  C 1.1 Die Herausforderung

74  C 1.2 Was kann man tun?

75  C 1.3 Ausblick

76  C 2 Theologische Überlegungen zu Zeit und Ewigkeit im Erleben todkranker Menschen

77 Ulrich Eibach

78  C 2.1 Vergehende Zeit und Ewigkeit

79  C 2.2 Vergehende Zeit und Ewigkeit im Erleben todkranker Menschen

80  C 2.3 »Erfüllte Zeit« in der vergehenden Zeit

81  C 3 Über den Umgang mit der Zeit in unterschiedlichen Kulturen

82 Manfred Gaspar

83  C 3.1 Zeit als zyklisches Geschehen

84  C 3.2 Zeit linear betrachtet

85  C 3.3 Zeitliches Erleben: Uhrzeit versus Ereigniszeit

86  C 3.4 Lebenstempo im Vergleich

87  C 3.5 Zeiterleben im palliativen Kontext

88  C 3.6 Ein zeitloses Ende

Vorwort


»Eins, zwei, drei im Sauseschritt läuft die Zeit, wir laufen mit.« Wilhelm Busch 1877

»Nichts […] ist unser wahres Eigentum außer der Zeit.« Lucius Annaeus Seneca 62 n. Chr.

»Die gute Zeit fällt nicht vom Himmel, sondern wir schaffen sie selbst; sie liegt in unseren Herzen eingeschlossen.« Fjodor Dostojewskij 1880

Wesentliche Prinzipien der Palliativversorgung und Hospizarbeit bestehen darin, die Bedürfnisse von Patienten und ihren Angehörigen in den Mittelpunkt zu stellen und ihnen mit einem ganzheitlichen Angebot an Hilfen zu begegnen – diese Aussage ist zwar korrekt, trifft aber nicht den wesentlichen Inhalt. Eine ganzheitliche multiprofessionelle Begleitung von Menschen sollte eigentlich das Ziel jeder Art von Gesundheitsversorgung in allen Lebenslagen sein, obwohl Palliativversorgung und Hospizarbeit diesbezüglich selbstbervständlich mit gutem Beispiel vorangehen können. Der »weiße Elefant« im Raum, das, was oft ignoriert oder bewusst verdrängt wird, ist jedoch die durch eine Krankheit so offensichtlich bewusst gewordene Begrenzung der eigenen Lebenszeit.

Die Zeit und ihre Begrenztheit ist der Kern der Palliativ- und Hospizarbeit. Das Anerkennen der begrenzten Zeit und die offene Auseinandersetzung damit bestimmen das Leben der Patienten und die daraus resultierenden Therapieentscheidungen und Wünsche, insbesondere den, die letzte Lebenszeit so gut wie möglich zu verbringen. Sie bestimmt aber auch die Haltung der haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter. »Time is of the essence« (engl. Redewendung) oder »Die Zeit ist selbst ein Element« wie Goethe 1823 formulierte.

Wie aber erleben wir die Zeit? Im Alltag sind wir durch die uns alle synchronisierende Uhrzeit getaktet, hetzen von Termin zu Termin, haben keine Zeit, versuchen, mit Achtsamkeitsübungen wieder Zeit zu spüren. Dabei erleben wir Zeit sehr unterschiedlich: im Stau auf der Autobahn vergeht die Zeit sehr langsam, dagegen ist schon wieder ein Jahr vergangen und das Zeiterleben unserer Kinder ist wieder ein anderes.

Was bestimmt also unser Zeiterleben? Hierzu haben die Neurowissenschaft und Psychologie in letzter Zeit Erkenntnisse und Theorien entwickelt, welche uns helfen, uns selbst besser zu verstehen. Wie lange dauert die gefühlte Gegenwart? Warum vergeht manchmal das Zeiterleben schneller und ein andermal langsamer? Aber auch Philosophie und Theologie haben hierzu ihre je eigene Sichtweise.

So kompliziert bereits für Gesunde die Antwort auf die Frage ist, was Zeiterleben bedeutet, desto komplizierter wird es noch, wenn dieses Zeiterleben im Rahmen von Krankheitsprozessen verändert wird. Die gedrückte Stimmungslage von Menschen mit Depressionen, mit einer Verlangsamung von Handlung und Denken verändert selbstverständlich auch ihr Zeitempfinden. Was geschieht, wenn wir uns nicht mehr wirklich an gerade Geschehenes erinnern können, sondern nur noch an lang Zurückliegendes, so wie es typisch für Menschen mit demenzieller Entwicklung ist? Und schließlich natürlich im Bereich Palliativmedizin: Was bedeutet der Übergang von Gesundheit über eine potenziell heilbare Erkrankung bis zu der Erkenntnis, dass diese nicht mehr heilbar ist und das Lebensende absehbar vor einem steht? Wie verändert dies die Sichtweise von Menschen? Hier müssen wir sehr genau auf die Berichte und Erfahrungen der Betroffenen hören, weil wir als Gesunde uns dies selbstverständlich in keiner Weise vorstellen können. Aber auch wir selbst durchlaufen in der Trauerphase unterschiedliche Zeiten oder erleben Situationen so eindrücklich, dass wir uns an manche Minuten noch Jahrzehnte später gut und ganz deutlich erinnern können.

Was bedeutet das nun für unseren Umgang mit der Zeit? Wie gehen wir mit unserer eigenen Lebenszeit um? Welche Konflikte entstehen möglicherweise, wenn unterschiedliches Zeiterleben von betroffenen Patienten und gesunden Helfern aufeinandertreffen? Lassen sich Konflikte manches Mal vielleicht durch das Bewusstmachen unterschiedlichen Zeiterlebens erklären und dadurch sogar lösen? Welche kulturellen Unterschiede im Umgang mit der Zeit sind für unsere praktische Tätigkeit relevant? Und schließlich: Können wir in unserer immer effizienter werdenden Zeit für uns selbst einen guten Umgang mit der eigenen Zeit finden? Wo kann uns vielleicht unsere eigene Spiritualität dabei eine Ressource sein?

Natürlich hat die derzeitige Corona-Pandemie auf viele Aspekte des Zeiterlebens und auf uns alle sehr unterschiedliche Auswirkungen. Ein verstärktes Bewusstsein der eigenen Endlichkeit, eine geringere äußere Taktung im »gesunden« Leben, körperliche Distanz in Krankheit, Todesnähe und in der Trauer, um nur wenige Aspekte zu nennen. Das Buch wurde vor der Pandemie konzipiert und kann und will daher nicht Aspekte beleuchten, die wir voraussichtlich auch erst mit mehr Abstand umfassend verstehen werden.

Wir alle gehen mit derartigen Herausforderungen und auch dem Thema Zeit unterschiedlich um – von kognitiv-wissenschaftlich bis visuell-emotional. Darf Humor auch bei begrenzter Zeit unserer Patienten sein? Oder empfinden dies manche als geschmacklos? Auch hier haben wir im Buch bewusst die verschiedenen Ebenen des Umgangs mit dem Thema angeschnitten.

Wie auch immer Sie derzeit die Zeit erleben, auf wesentliche Fragen soll dieses Buch Denkanstöße und Antwortversuche geben, vielleicht können Sie damit sogar erste Antworten für sich selbst finden.

Hermann Ewald, Kai Vogeley und Raymond Voltz

A
Was ist Zeiterleben?


A 1
Zeiterleben als Erleben von … Zeit: ein philosophischer Versuch
Christian Kupke
A 1.1 Einleitung

Was ist Zeiterleben, oder was heißt es, Zeit zu erleben? Was erleben wir, wenn wir Zeit erleben? Wie erleben wir sie? Und welche Bedeutung hat die Gewissheit des Todes für dieses Erleben? – Bevor diese Fragen angegangen werden können, sollen zunächst Form und Status des Zeiterlebens reflektiert werden. Dabei wird sich u. a. zeigen, inwiefern sich eine philosophische von einer wissenschaftlichen Analyse des Zeiterlebens unterscheidet und was daher von der vorliegenden Darstellung, die sich als philosophische versteht, legitimerweise erwartet werden kann und was nicht.

A 1.2 Zur Form des Zeiterlebens: seine logische Intentionalität

Sprechen wir vom Erleben der Zeit, so sprechen wir von dem, was in der Phänomenologie als Intentionalität bezeichnet wird (vgl. Husserl 1901, S. 343 ff.): Erleben ist, logisch gesehen, ein intentionaler Akt oder, zeittheoretisch verstanden, ein intentionales Geschehen. Intentionalität bedeutet, dass jedes Erleben ein Erleben von … etwas ist. Das impliziert zwei Aspekte oder ein binäres Schema: Auf der einen Seite – man kann sie die »subjektive« Seite nennen – steht die Intention selbst, das Erleben. Auf der anderen Seite – man kann sie die »objektive« Seite nennen – steht das Intendierte, das Erlebte.

Im vorliegenden Text geht es um das Zeiterleben, also um das Erleben von … Zeit. Nimmt man das binäre Schema, das darin liegt und das hier durch die Leerstelle der drei Punkte indiziert wird, ernst – wir haben einerseits das (objektiv) Intendierte, die Zeit, und andererseits die (subjektive) Intention, das Erleben-von –, liegt es nahe, die Analyse des Zeiterlebens an diesem binären Schema auszurichten, also einmal nach dem durch die Intention (objektiv) Intendierten zu fragen, der Zeit, und dann nach dem (subjektiven) Erleben-von, dem Erleben von etwas als Intention.

Die hier vorzunehmende Analyse wird sich in ihrer Gliederung an dieser Zweiteilung, aufsteigend vom Objektiven (Teil I) über das Subjektive (Teil II) zum Intersubjektiven (Teil III), orientieren. Aber dabei gilt es zu beachten: Obwohl das Erleben von … Zeit binär schematisiert werden kann, ist es doch eine untrennbare Einheit, nämlich eine vom Erleben der Zeit konstituierte Einheit: es ist Zeiterleben. Denn das Erleben von … Zeit ist eine Aktivität, ein intentionaler Akt, durch den die Zeit selbst zur erlebten Zeit wird: Das in der Intention unterstellte An-sich der Zeit wandelt sich durch sie zum Für-sich. Das heißt, die Zeit wird durch den intentionalen Akt des Erlebens, durch ihr Erleben, zu einem Gegenstand unseres Erlebens oder zu einem Phänomen.

Aber worin gründet diese Phänomenalität? Sie muss in der Charakteristik des Erlebens selbst liegen. Wäre nämlich das Erleben statisch, z. B. als Widerspiegelung oder als behavioraler Reflex, wäre nicht einzusehen, warum im Erleben der Zeit nicht die Zeit selbst, das An-sich der Zeit zugänglich wäre. Das Erleben ist jedoch dynamisch, d. h. ein Prozess, ein Geschehen, das notwendigerweise der Zeit unterliegt. Also gründet die Phänomenalität der Zeit offenbar in der Zeitlichkeit selbst des Zeiterlebens.

A 1.3 Zum Status des Zeiterlebens: seine zeitliche Relativität

Fragen wir nach dem Erleben von … Zeit, dem Zeiterleben, so tritt eine Eigentümlichkeit zutage: Die Zeit, die wir erleben, kommt uns in unserem Erleben, anders z. B. als der Raum, immer schon zuvor (vgl. Theunissen 1991, S. 43 f.). Denn es gibt im Erleben von … Zeit eine diesem Erleben selbst nicht zugängliche Zeit … des Erlebens, und zwar im doppelten Sinne: einmal im Sinne des Geschehens des Zeiterlebens als eines epistemischen Vorgangs, der in einem Zeitfenster bzw. nach einem spezifischen Zeitmuster verläuft, und sodann auch in dem einer Geschichte des Zeiterlebens, in die jeder besondere Akt dieses Erlebens immer schon integriert ist.

Das heißt, für die vorliegende Darstellung ist nicht nur die Zeit ein Phänomen – sie ist je schon erlebte Zeit –, sondern auch ihr Erleben ist ein Phänomen – es ist je schon zeitliches Erleben. Denn es gibt kein Zeiterleben, das nicht selbst bereits durch das (zeitliche) Geschehen und die (zeitliche) Geschichte des Zeiterlebens bestimmt wäre. Insofern müssen wir aber auch zwischen zwei Formen der Zeitanalyse unterscheiden: derjenigen, die sich entweder dem Geschehen oder der Geschichte des Zeiterlebens, und derjenigen, die sich dem Zeiterleben als solchem, das heißt dem Erleben von … Zeit selbst zuwendet.

Im ersten Fall handelt es sich um eine wissenschaftliche Analyseform: um eine psychologische oder neurowissenschaftliche bzw. chronobiologische, wenn es um das Geschehen des Zeiterlebens (vgl. Pöppel 1989; Brukamp 2009), und um eine geschichts- bzw. kulturwissenschaftliche, wenn es um die Geschichte des Zeiterlebens geht (vgl. Dux 1992; Kaempfer 1991, 1996). Beide sind durch das Problem der Zirkularität belastet. Jede wissenschaftliche Analyse setzt nämlich bereits ein bestimmtes, geschichtlich konstituiertes Erleben von … Zeit voraus: im Falle der Psychologie oder der Neurowissenschaften das wissenschaftlich »objektive« Zeiterleben und im Falle der Geschichtswissenschaften die in diesem Erleben fundierte Vorstellung einer geschichtlichen Zeit.

Im zweiten Fall handelt es sich um eine philosophische Analyseform: Sie wendet sich dem Zeiterleben im vollen Bewusstsein der genannten Zirkularität zu. Das philosophische Denken weiß, dass es nur mit dem Phänomen, nur mit dem Für-sich, nicht mit dem An-sich der Zeit zu tun hat: dass ihm die Zeit »objektiv«, als natürliche und geschichtliche, je schon zuvorgekommen ist. Aber es reflektiert dieses Zuvorkommen, das heißt, es ist selbst nicht wissenschaftliche Analyse von Geschehen und Geschichte des Zeiterlebens, aber es anerkennt deren Zeit-Modus: als den einer im Erleben von … Zeit selbst nicht erlebbaren Zeit, die dieses Erleben gleichwohl bestimmt (vgl. Theunissen 2001; Kupke 2011).

$36.02
Age restriction:
0+
Release date on Litres:
19 December 2025
Volume:
244 p. 24 illustrations
ISBN:
9783170320178
Publishers:
Copyright Holder::
Bookwire
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