Read the book: «Inklusion und Qualifikation»

Die Herausgeberinnen

Dr. Kathrin Wilfert studierte Sonderpädagogik und Deutsch als Fremdsprache an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München sowie an der Universidad Complutense in Madrid und promovierte über die schulische Integration Behinderter in Deutschland und Spanien (1995–1998). Nach 15 praktischen Jahren an verschiedenen Sonderpädagogischen Förderzentren wechselte sie 2013 an die LMU. Im Rahmen des Begleitforschungsprojekt inklusive Schulentwicklung (B!S) entwickelte sie im Team die Qualitätsskala zur inklusiven Schulentwicklung (QU!S®). Ihre Zusatzqualifikationen wie das Montessori-Diplom, Trainerin für die Kooperative Beratung und die momentan laufende Ausbildung zur systemischen Beraterin fließen in zahlreiche Seminare ein und bieten praxisnahe Module in der Lehramtsausbildung.
Forschungs- bzw. Arbeitsschwerpunkte sind neben der praktischen Schulung von Gesprächsführungs- und Beratungskompetenzen auch die Lernförderung von Kindern und Jugendlichen bei sozialer Benachteiligung und Armut.

Dr. Tatjana Eckerlein studierte in den 1990er Jahren Lehramt Sonderpädagogik für die Förderschwerpunkte Lernen und emotionale und soziale Entwicklung. Nach ihrer Promotion zum Thema »Haltungs- und Bewegungserziehung an Förderschulen« war sie an Sonderpädagogischen Förderzentren in München tätig. Schon da engagierte sie sich auch in der Erwachsenenbildung. 2006 stand ein Wechsel an den Lehrstuhl für Lernbehindertenpädagogik an der LMU an, wo sie bis heute als Akademische Direktorin lehrt. Ihre Leidenschaft gilt der praxisnahen Ausbildung von Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen.
Ihre Forschungsschwerpunkte sind der erschwerte Schriftspracherwerb und herausfordernde Lern- und Lebenslagen von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund.
Kathrin Wilfert Tatjana Eckerlein (Hrsg.)
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1. Auflage 2021
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-039524-4
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-039525-1
epub: ISBN 978-3-17-039526-8
mobi: ISBN 978-3-17-039527-5
Vorwort der Reihenherausgeber
Vor dem Hintergrund der UN-Behindertenrechtskonvention, die seit 2009 für Deutschland verbindlich gilt, entwickelt sich die Idee der Inklusion zu einem neuen Leitbild in der Behindertenhilfe. Sowohl in der Schule als auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen sollen Menschen mit Behinderung von vornherein in selbstbestimmter Weise teilhaben können. Inklusion in Schule und Gesellschaft erfordert einen gesamtgesellschaftlichen Reformprozess, der sowohl auf die Umgestaltung des Schulsystems als auch auf weitreichende Entwicklungen im Gemeinwesen abzielt. Der Ausgangspunkt dieser Entwicklung wird in Deutschland durch ein differenziertes Bildungssystem und eine stark ausgeprägte, spezialisierte sonderpädagogische Fachlichkeit – bezogen auf unterschiedliche Förderschwerpunkte – bestimmt.
Vor diesem Hintergrund soll die Buchreihe »Inklusion in Schule und Gesellschaft« Wege zur selbstbestimmten Teilhabe von Menschen mit Behinderung in den verschiedenen pädagogischen Arbeitsfeldern von der Schule über den Beruf bis hinein in das Gemeinwesen und bezogen auf die unterschiedlichen sonderpädagogischen Förderschwerpunkte aufzeigen. Der Schwerpunkt liegt dabei im schulischen Bereich. Jeder Band enthält dabei sowohl historische und empirische als auch organisatorische und didaktisch-methodische sowie praxisbezogene Aspekte bezogen auf das jeweilige spezifische Aufgabenfeld der Inklusion. Ein übergreifender Band wird Ansätze einer interdisziplinären Grundlegung des neuen bildungs- und sozialpolitischen Leitbildes der Inklusion umfassen. Als Herausgeber fungieren die Mitglieder des Wissenschaftlichen Beirats »Inklusion«, beauftragt vom Bayerischen Landtag.
Die Reihe umfasst folgende Einzelbände:
Band 1: Die Inklusionssensible Grundschule
Band 2: Inklusion in der Sekundarstufe
Band 3: Inklusion im Beruf
Band 4: Inklusion im Gemeinwesen
Band 5: Inklusion im Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung
Band 6: Inklusion im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung
Band 7: Inklusion im Förderschwerpunkt Hören
Band 8: Inklusion im Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung
Band 9: Inklusion im Förderschwerpunkt Lernen
Band 10: Inklusion im Förderschwerpunkt Sehen
Band 11: Inklusion im Förderschwerpunkt Sprache
Band 12: Inklusive Bildung
Band 13: Inklusion in Kindertagesstätten
Band 14: Inklusion und Qualifikation
Erhard Fischer
Ulrich Heimlich
Joachim Kahlert
Reinhard Lelgemann
Grußwort
Leben – Lernen – Lieben
Mit diesen zentralen, für mich außerordentlich bedeutsamen Begriffen, möchte ich das Grußwort zu Ehren des langjährigen Lehrstuhlinhabers für Lernbehindertenpädagogik an der Ludwig-Maximilians-Universität in München (LMU) und meines Freundes, Herrn Professor Dr. Ulrich Heimlich, anlässlich seiner Emeritierung einleiten.
Herr Professor Heimlich ist ein außergewöhnlicher Pädagoge, Denker, Fachmann, Impulsgeber und vor allem ein Mensch, der sich sein Leben lang mit sich, ›der Welt‹ und den ihr innewohnenden Themen auseinandergesetzt hat. Mit großer Sensibilität hat er schon sehr früh erkannt, dass er ein reges Interesse, ja ein außerordentliches Einfühlungsvermögen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Handicap besitzt und so wurde er zunehmend Partner und inspirierender Streiter für all jene, die in unserer Welt aufgrund ihres Anders-Seins allzu leicht zur Seite geschoben, mitunter nicht beachtet bzw. diskriminiert werden.
Leben
Ausgehend von der Lebenswirklichkeit und dem Erfahrungshintergrund von Menschen mit Handicap, hat er mit wachem Auge und einfühlsamem Herzen stets nachspüren und begreifen wollen, was der Ursprung für deren vermeintliches Scheitern sein kann, für die mangelhafte Teilhabe am schulischen, gesellschaftlichen, sozialen und politischen Leben, für das Abdriften in die Position von Außenseiterinnen und Außenseitern sowie für den Weg in ein unerfülltes und nicht ausreichend gelingendes Leben. Dabei hat Professor Heimlich sowohl in seiner Funktion als Lehrer als auch während seiner Tätigkeit als Universitätsprofessor stets gezeigt, dass die Gestaltung einer solidarischen Welt in Familie, Kindertagesstätte, Schule und Hochschule in der Inklusion liegen kann. Stets war es sein Ziel, den Fokus seiner wissenschaftlichen und pädagogischen Anstrengungen für Kinder und Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderbedarf an der Würde und Gleichberechtigung von Menschen zu orientieren.
Lernen
Dass sich Professor Heimlich ein Berufsleben lang sowohl in der schulischen Praxis als auch im Wissenschaftsbereich der Thematik des Lernens, vor allem für Kinder und Jugendliche in Kindertageseinrichtungen und Schulen, verpflichtet sah, war die logische Konsequenz seiner eigenen Suche nach Antworten auf die Frage nach der Entwicklung und Förderung von Lernen bis hin zu einem Lernen mit Lust und Freude am Geschehen. Wie sehr sich auch sein hoher wissenschaftlicher Anspruch stets auf der Basis eines breiten Spektrums fachlich-inhaltlicher Grundlagen bewegte, so war seine fachliche Expertise innerhalb der Pädagogik bei Lernschwierigkeiten immer orientiert am fundamentalen Wohl – ich möchte sagen am Gesamtwohl – von Kindern und Jugendlichen, unabhängig davon, ob mit oder ohne sonderpädagogischem Förderbedarf.
Lernen in seiner Selbstverständlichkeit und als eine allen Menschen gleichermaßen zugängliche Lebenschance möge folgendermaßen ausgerichtet sein:
• Neues zu entdecken und Lernen als wesentlichen Bestandteil des Menschseins zu sehen,
• bei der Gestaltung der selbstregulierten Lernprozesse die kognitiven, emotionalen und sachlichen Aspekte einzubeziehen,
• sich im gemeinsamen Lernen konstruktivistisch die verschiedenen Lernfelder und -ebenen im Sinne einer »Pädagogik der Vielfalt« anzueignen,
• wiederholende Lernstrategien als gewinnbringend zu werten,
• in der Ich-Du-Wir-Beziehung Glückserfahrungen zu ermöglichen sowie
• die Fachlichkeit der Wissenschaft in den Dienst der Menschen zu stellen.
Professor Heimlichs Expertentum als Wissenschaftler für Sonderpädagogik forderte immer wieder mit folgenden Fragestellungen heraus: »Wer sind wir? Was macht uns aus? Wie erlebt man uns? Wo wollen wir hin? Was sind unsere Kernanliegen?«
Dadurch hat er das Profil der Person bzw. der Persönlichkeit der Sonderpädagogin bzw. des Sonderpädagogen nachhaltig geprägt, wird doch die Fachlichkeit von sonderpädagogischen Lehrkräften in der Praxis in vielfältiger Weise herausgefordert: Sie erziehen, unterrichten, diagnostizieren, beraten, fördern und kommunizieren gleichzeitig mit verschiedenen Partnerinnen und Partnern und haben dabei stets den bestmöglichen Bildungsweg für das einzelne Kind und den Jugendlichen im Blick. Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen sind gleichsam Botschafterinnen und Botschafter der Inklusion. Sie sind mit ihrer Fachlichkeit innerhalb der sonderpädagogischen Förderschwerpunkte an den Förderzentren verankert, dabei aber auch außerhalb der Förderzentren, in der Unterstützung für inklusiv beschulte Schülerinnen und Schüler aktiv. Dieses breite Spektrum erfordert eine hohe fachliche Kompetenz und eine gefestigte professionelle Identität, die immer wieder auf neue, sich wandelnde Entwicklungen abgestimmt und aktualisiert werden muss. Zentraler Bezugspunkt ist dabei stets die Frage nach dem Kern eines speziell sonderpädagogischen Denkens und Handelns ebenso, wie das Bemühen um eine sonderpädagogische Haltung, basierend auf der sensiblen, empathischen Wahrnehmung von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung in deren gesamtem Lebens- und Lernumfeld: zuhause, in der Kindertagesstätte und in der Schule. Fachliche und gesellschaftliche Entwicklungen begleiten diesen Prozess.
Lieben
Ein Kernanliegen von Professor Heimlich ist, dass jedes sonderpädagogische Handeln von einer absoluten Hinwendung zum »Du« geprägt sein möge. Sowohl bei seinen Begegnungen mit Kindern in Kindertagesstätten sowie mit Schülerinnen und Schülern in Schulen als auch in seinen Funktionen innerhalb der LMU, in seinem politischen Engagement bei Verbänden, auf KMK-Ebene, in den Ministerien, im Bayerischen Landtag oder in Funk und Fernsehen, zu jeder Zeit trat er mit großer sonderpädagogischer Leidenschaft ein für den kategorischen Imperativ der Sonderpädagogik, den ich wie folgt zusammenfassen möchte: »Handle so, dass sich aus der Gestaltung jedes einzelnen Moments in Erziehung und Unterricht, die Grundlage einer allgemeinen Haltung ergibt!«
Herrn Professor Heimlichs sonderpädagogisches Herz ist beseelt von der Überzeugung unendlicher Entwicklungsmöglichkeiten jedes einzelnen Kindes und Jugendlichen und geprägt von der Hinwendung zu den Menschen, mit denen er sich im Dialog zu Erziehung und Unterricht befindet.
Mögen die zahlreichen Fachbeiträge der sich mit Herrn Professor Heimlich stets im Austausch befindlichen Autorinnen und Autoren – gemäß einem seiner zentralen Arbeitsschwerpunkte – das Thema Inklusion immer wieder so zum Blühen bringen, dass es dem Ziel einer solidarischen und sich der Bedeutung der Menschenwürde verpflichteten, demokratischen Gesellschaft stets Aufgabe und Ansporn bleibt. Dies ist der erklärte Wunsch von uns allen, die wir Herrn Professor Ulrich Heimlich auf so manchen Stationen seines unerschöpflichen Wirkens begleiten durften.
Abschließend möchte ich mich bei Herrn Professor Dr. Ulrich Heimlich, in seiner Rolle als hervorragenden Impulsgeber, besonders im Bereich der Inklusion, von Herzen für all die Jahre der intensiven und bereichernden Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus, Wissenschaft und Kunst bedanken.
München, im November 2020
Erich Weigl, Sonderpädagoge und Ministerialrat a. D. am Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus, Wissenschaft und Kunst
Inhaltsverzeichnis
1 Vorwort der Reihenherausgeber
2 Grußwort Leben – Lernen – Lieben
3 Einleitung
4 Kathrin Wilfert & Tatjana Eckerlein
5 I Inklusion und Qualifikation in Kindertageseinrichtungen und Schulen
6 1 Qualifikation für inklusive Kindertageseinrichtungen – Umgang mit Ambiguitäten in einer pluralen Welt
7 Anke König
8 2 Qualifikation für inklusive Schulen
9 Clemens Hillenbrand
10 3 Qualifikation für inklusiven Unterricht
11 Tatjana Eckerlein & Stephanie Lutz
12 II Inklusion und Qualifikation für Förderdiagnostik, -planung und Beratung
13 4 Qualifizierung für Förderdiagnostik
14 Franz B. Wember
15 5 Qualifikation für Förderplanung
16 Conny Melzer
17 6 Qualifikation für Beratung in der schulischen Inklusion
18 Kathrin Wilfert & Conny Melzer
19 III Inklusion und Qualifikation an der Hochschule
20 7 Qualifikation für Inklusionsforschung
21 David Scheer & Markus Gebhardt
22 8 Qualifikation für inklusive Lehrerinnen- und Lehrerbildung – Wissen zu Bildungsarmut und Schülerinnen- und Schülerhabitus
23 Rainer Benkmann
24 9 Qualifikation für inklusive Regionen
25 Iris Beck
26 10 Qualifikation von Lehrerinnen und Lehrern für die Digitalisierung im inklusiven Unterricht
27 Jürgen Schuhmacher
28 11 Kurzporträts der Forschungsprojekte des Lehrstuhls zum Schwerpunkt »Inklusion & Qualifikation«
29 Mario Riesch, Julia Eiperle, Ulrike Sendelbach, Michael Wittko & Susanne Bjarsch
30 Ausgewählte Publikationen von Prof. Dr. Ulrich Heimlich
31 Abkürzungsverzeichnis
32 Autorinnen und Autoren
Einleitung
Kathrin Wilfert & Tatjana Eckerlein
Der Rückblick auf mehr als zehn Jahre Erfahrung mit Inklusion im deutschen Bildungssystem zeigt deutlich, dass Inklusion – und damit auch die Qualifizierung zur Inklusion – eine ständige Herausforderung ist. In der zweiten Dekade nach Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) besteht wohl Einigkeit darüber, »dass schulische Inklusion nicht einfach verfügbar ist« (Speck 2019, S. 135). Die »Verfügbarmachung von Welt (Rosa 2018, S. 25)«, so wie sie der Soziologe Hartmut Rosa beschreibt, funktioniert allerdings nicht ohne »soziale Resonanz«. Zwischenmenschliche Beziehungen als Resonanzerfahrungen, die gegenseitiges Zuhören und wechselseitige Anteilnahme erfordern, machen die Inklusion erst zu einem mit-menschlichen Prozess, der nicht einfach verfügbar ist, sondern eine stetige Aufgabe darstellt (vgl. Speck 2019, S. 107). Diese kann nur bewältigt werden, wenn von politischer Seite passende Bedingungen geschaffen werden und ihr von gesellschaftlicher Seite ein gewisser Grad sozialer Bereitschaft entgegengebracht wird.
In diesem Band steht die Frage im Mittelpunkt, wie pädagogische Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen, Schulen und auf anderen Ebenen eines inklusiven Bildungssystems für ihre professionelle Tätigkeit in unterschiedlichen inklusiven Settings qualifiziert werden können. Lösungen dieses Problems stehen, wie so häufig im Bildungsbereich, im Spannungsbereich zwischen begrenzt vorhandenen Ressourcen auf der einen Seite und, angesichts der Herausforderungen von Heterogenität, Diversität und Inklusion, gestiegenen Anforderungen an die Professionalität auf der anderen Seite.
Im Bewusstsein der Bedeutung von Inklusion und Qualifikation sollen in diesem Band Antworten auf die eben genannten Herausforderungen gegeben werden. Dabei wird die Thematik aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet: Konkrete Bemühungen der Qualifizierung lassen sich zunächst im Bereich der Ausbildung von frühpädagogischen Fachkräften in Kindertageseinrichtungen aufzeigen. Darüber hinaus haben aber auch in spezifischen sonderpädagogischen Feldern, wie Förderdiagnostik und -planung sowie die Beratung, die ihre Konzepte an die neuen Anforderungen eines inklusives Bildungssystems angepasst haben. Schließlich wird die Debatte um Inklusion und Qualifikation auch von universitärer Seite durch vielfältige Antworten und unterschiedliche Ansätze geprägt.
Dieser Trias – bestehend aus erstens der Inklusion und Qualifikation in Kindertageseinrichtungen und Schulen, zweitens der Förderdiagnostik, -planung und Beratung sowie drittens der Inklusion und Qualifikation an Hochschulen zieht sich als roter Faden durch den vorliegenden Band, der zum Ziel hat, ganz im Sinne Rosas bei seiner Leserin bzw. seinem Leser auf Resonanz zu stoßen und letztendlich das Vorhaben einer Qualifizierung zur Inklusion zu fördern und schließlich zum Erfolg zu führen.
Im ersten Teil – Inklusion und Qualifikation in Kindertageseinrichtungen und Schulen – diskutiert Anke König die Qualifikation für inklusive Kindertageseinrichtungen. Ihr Beitrag stellt, ausgehend von einem Inklusionsverständnis einer Frühpädagogik der Vielfalt, die Qualifikation und das Ausbildungssystem vor und legt anhand von Gruppeninterviews Dissonanzen bei der Umsetzung inklusiver Bildung und Erziehung in der Praxis offen. Außerdem diskutiert die Autorin Studienergebnisse kritisch und benennt abschließend Implikationen für Ausbildung und Qualifizierung.
Clemens Hillenbrand möchte in seinem Beitrag Qualifikation für inklusive Schulen, unter Berücksichtigung der früheren Expertise, aktuelle Projekte und Forschungen zur Qualifikation für inklusive Schulen aufzeigen.
Tatjana Eckerlein & Stephanie Lutz nehmen schließlich die sonderpädagogische Praxis in den Blick. Die Autorinnen behaupten in ihrem Beitrag, dass inklusiver Unterricht auch in einer leistungsorientierten Gesellschaft möglich und darüber hinaus sogar nötig ist, da durch ihn der Zusammenhalt auf vielen Ebenen angebahnt wird. Wie dieser im Konkreten auszusehen kann, wird auf verschiedenen Ebenen und schließlich auch anhand eines exemplarischen Unterrichtsvorhabens aufgezeigt.
Der zweite Teil – Inklusion und Qualifikation für Förderdiagnostik, -planung und Beratung befasst sich mit spezifischen sonderpädagogischen Feldern, an die neue Anforderungen in einem inklusiven Bildungssystem gestellt werden. Franz B. Wember diskutiert in seinem Beitrag Qualifizierung für Förderdiagnostik einige grundsätzliche, insbesondere methodische Probleme der Förderdiagnostik, wobei er seinen Fokus auf die Lernvoraussetzungen und den Lernfortschritt der Schülerinnen und Schüler setzt. Dazu bedient er sich empirischer Befunde zur Diagnostik durch Lehrkräfte in der Schulpraxis und stellt praxisrelevante Möglichkeiten von Förderdiagnostik sowie deren Vermittlung vor.
Conny Melzer nimmt in ihrem Beitrag Qualifikation für Förderplanung die Förderplanung ins Visier und betrachtet die Gestaltung von Fortbildungen zur Förderplanung. Dabei nimmt die Autorin Bezug auf mögliche Inhalte, die methodische Gestaltung sowie Fragen zur Fortbildungsplanung in den Schulen.
Den zweiten Teil abschließend befassen sich Kathrin Wilfert & Conny Melzer mit Qualifikation für Beratung in der schulischen Inklusion. Sie stellen in ihrem Beitrag die zentrale Stellung von Beratung im Rahmen inklusiver Bildung näher dar und beschreiben inhaltliche sowie methodische Aspekte der Aus-, Fort- und Weiterbildung hinsichtlich beraterischer Kompetenzen. Damit rücken die Autorinnen Beratung, noch mehr als bisher, neben Unterrichten und Diagnostizieren zu den zentralen professionellen Kompetenzen in einem Bildungssystem, das verstärkt auf gelingende Kooperationsprozesse aller Beteiligten zu achten hat.
Im dritten Teil – Inklusion und Qualifikation an der Hochschule werden Möglichkeiten skizziert, wie diese Entwicklungsprozesse in der Praxis inklusiver pädagogischer Angebote von Hochschulseite begleitet und evaluiert werden können.
David Scherr & Markus Gebhardt befassen sich mit dem Teil der Inklusionsforschung, die aus Sicht der empirischen Bildungsforschung beschrieben wird. Sie betonen die Bedeutung von Open Science und freien Lizenzen für die Inklusionsforschung, um Instrumente, Materialien und Produkte weiterentwickeln zu können. Die Konsequenzen sehen die Autoren darin, die Vermittlung von Forschungsmethoden für das Lehramt Sonderpädagogik mehr in den Fokus zu stellen, und sie zeigen Möglichkeiten auf, wie die Qualifizierung für Inklusionsforschung in der Ausbildung von angehenden Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen verankert werden. Damit gewichten sie die Rolle der Lehrkraft neu.
Rainer Benkmann geht in seinem Beitrag Qualifikation für inklusive Lehrerinnen- und Lehrerbildung – Wissen zu Bildungsarmut und Schülerinnen- und Schülerhabitus davon aus, dass angehende sonderpädagogische Lehrkräfte sich mit den Aspekten Bildungsarmut und Schülerinnen- und Schülerhabitus aufgrund ihrer Zielgruppe vertieft auseinandersetzen sollten. Deshalb geht er der Frage nach, welches Grundlagenwissen von Hochschulseite aus als Qualifikation vermittelt werden sollte, um zukünftige Lehrkräfte auf die Herausforderungen einer inklusiven Schule mit Schülerinnen und Schülern aus unterprivilegierten Milieus, die häufig Unterstützungsbedarf im Schwerpunkt LERNEN haben, vorzubereiten.
Anschließend befasst sich Iris Beck mit der Qualifikation für inklusive Regionen und stellt sich die Frage, wie sich die tatsächliche Inklusion auf der meso- und mikrostrukturellen Ebene zwischen Personen, Organisationen und Institutionen gestaltet, womit die Autorin die systemische Perspektive von Inklusion als ein Charakteristikum herausstellt. Beck appelliert, dass ein Leben vor Ort nicht ohne sozialräumliche Bedarfsplanung und -sicherung und ohne Kooperation und Vernetzung funktionieren kann. Damit wird Inklusion ein weites, gesamtgesellschaftliches Thema, bei dem die Ansprüche ganz unterschiedlicher Gruppen miteinander verhandelt werden müssen und eine Neuordnung sowohl sozialer als auch politischer und professioneller Zusammenhänge angestrebt werden muss.
Jürgen Schuhmacher zeigt in seinem Beitrag Qualifikation von Lehrerinnen und Lehrern für die Digitalisierung im inklusiven Unterricht das hohe inklusive Potenzial digitaler Bildung auf. Ausgehend von der Beschreibung zahlreicher Aspekte von inklusivem Unterricht, stellt er die medienpädagogische Ausgangslage vor. Außerdem richtet der Autor seinen Fokus auf die Zielsetzung der Medienkompetenz bei Schülerinnen und Schülern sowie bei Lehrkräften. Möglichkeiten des Lehrens und Lernens im digitalen Zeitalter veranschaulicht Schuhmacher an einem Projekt im inklusiven Geschichtsunterricht. Abschließend werden die benötigten Qualifikationen von Lehrkräften vorgestellt.
Praktisch verdeutlicht wird der Zusammenhang von Inklusion und Qualifikation auf der Ebene konkreter Forschungs- und Entwicklungsprojekte. Mario Riesch und Julia Eiperle, Ulrike Sendelbach, Michael Wittko und Susanne Bjarsch geben in ihren Kurzporträts der Forschungsprojekte des Lehrstuhls für Lernbehindertenpädagogik an der Ludwig-Maximilians-Universität auf ganz unterschiedliche Weise Einblick in ihre Arbeit.
Als Herausgeberinnen danken wir an dieser Stelle den Autorinnen und Autoren, die keine Zeit und Mühe gescheut haben, sich an dieser Festschrift zu beteiligen.
Wir danken auch dem Kohlhammer Verlag sowie seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für ihre Unterstützung bei dieser Festschrift. Stellvertretend möchten wir Klaus-Peter Burkardt nennen. Mit ihm verbindet Ulrich Heimlich eine lange berufliche Zusammenarbeit. Daher freuen wir uns besonders, dass er zu seiner Emeritierung mit diesem Band vom Kohlhammer Verlag bedacht wurde.
I Inklusion und Qualifikation in Kindertageseinrichtungen und Schulen
1 Qualifikation für inklusive Kindertages- einrichtungen – Umgang mit Ambiguitäten in einer pluralen Welt
Anke König
Einführung
Das Thema Inklusion in der Frühpädagogik rückt soziale Eingebundenheit und Partizipation junger Kinder ins Zentrum wissenschaftlicher und praxisbezogener Auseinandersetzung, um angemessene Bildungskonzeptionen zu entwickeln (vgl. Prengel 2014). Der Kerngedanke ist nicht neu, er ist verbunden mit der Idee einer Bildung für alle.
Erste Ansätze dazu finden sich bereits im 18. Jahrhundert bei den Philanthropen. Diese zeichnen sich nicht nur durch pädagogischen Optimismus und Menschenliebe aus, sondern sehen in Bildung und Erziehung die Ermöglichung, »ein auf praktische Lebensbewältigung ausgerichtetes, gemeinnütziges und gleichwohl individuell glückliches Leben« (Schmitt 2010, S. 120) zu führen. Eine kosmopolitische, überkonfessionelle und tolerante Erziehung war das Ziel. Bereits die Konzepte der Philanthropen sind auf den ganzen Menschen vom »pränatalen Fötus und Säugling« bis zur »Kindheit und Jugend« bezogen (vgl. ebd.).
Auch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird im Anschluss an die erste Bildungsreform über soziale Ungleichheit debattiert, und es kommt zur Ausdifferenzierung von integrativen und interkulturellen Programmen im Elementarbereich. Erste Bewegungen zu einer gemeinsamen Erziehung von behinderten und nichtbehinderten Kindern gehen auf den Kinderarzt Theodor Hellbrügge Ende der 1960er Jahre zurück. Für die Umsetzung seines Projekts Aktion Sonnenschein beruft er sich auf Montessori. Die Idee der gemeinsamen Bildung und Erziehung von Kindern mit und ohne Behinderung von Anfang an beruht in dieser Zeit insbesondere auf dem sogenannten Sozialisationsansatz (vgl. Hössl 1999; Speck 1991) und der Annahme, dass aus gesellschaftlichen Zuschreibungen resultierende Vorurteile und Einstellungen den Lebensbereich des Vorschulkindes zum größten Teil noch nicht tangieren. Entsprechend wurde vorausgesetzt, dass Kinder über eine größere Unbefangenheit verfügen, mit der sie ihre eigenen Erfahrungen machen. Auch wenn solche Gedanken in der Vorschulreform der 1970er Jahre noch nahezu ausgeblendet blieben, wurden sie doch durch die Empfehlungen des Deutschen Bundesrats von 1973 unterstützt (vgl. Dichans 1990). Die Entwicklungen im Elementarbereich gingen in der Folge weit über den Modellcharakter einzelner Projekteinrichtungen hinaus, etablierten sich flächendeckend und führten Mitte der 1980er Jahren zu einem Ausbau sogenannter integrativer Einrichtungen. Seit den 2000er Jahren nimmt die internationale Bildungspolitik (UNESCO 1997) auf Grundlage der Erklärung von Jomtien über Education for All (Inter-Agency Commission 1990) verstärkt Einfluss auf den Elementarbereich und verleiht einer inklusiven Bildung Dringlichkeit, auch durch das Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK 2006) im Jahr 2009.
»Inklusion wird gegenwärtig zunehmend verwendet, um sich von Verfallsformen integrativer Praxis, die mit internen Separationen innerhalb von Regeleinrichtungen einhergehen, zu distanzieren und um – über die Differenzlinie behindert/nichtbehindert hinausgehend – die Einbeziehung von pluralen Dimensionen der Heterogenität zu betonen« (Prengel 2014, S. 17).
Die Anzahl von Kindern mit Eingliederungshilfe, d. h. einer (drohenden) Behinderung in Angeboten der Kindertagesbetreuung, ist seither kontinuierlich gestiegen. 2019 besuchte fast die Hälfte der Kinder Angebote, in denen der Anteil der Kinder mit Eingliederungshilfe unter 20 % lag. Inklusive Ansätze im Elementarbereich stützen sich auf eine Diversity Education und verfolgen ein breites Inklusionsverständnis, das nicht nur Kinder mit Behinderung, sondern sämtliche Heterogenitätsdimensionen der Gesellschaft berücksichtigt, wie u. a. Migration, Sprache, Kultur, Armut oder Geschlecht (vgl. Heimlich 2013a). Inklusive Ansätze stehen daher auch in Bezug zur sogenannten interkulturellen Erziehung, die die Arbeit in Kindertageseinrichtungen seit den 1970er Jahren beeinflusst (vgl. Zimmer 2013). Dennoch bleibt zu konstatieren, dass Kinder mit Behinderungen und Kinder mit Migrationshintergrund Kindertageseinrichtungen in der Regel seltener und später besuchen (vgl. Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2018). Diese Differenz ist auch darauf zurückzuführen, dass Kindertageseinrichtungen nicht universell aufgebaut sind, sondern sich am Bedarf der Eltern orientieren. Darüber hinaus finanzieren sich die Einrichtungen u. a. über Elternbeiträge.
Die Anerkennung des Elementarbereichs als Bildungsort ist in Deutschland nur halbherzig umgesetzt (vgl. König 2020b), das kommt u. a. auch im Neunten Sozialgesetzbuch (Rehabilitation und Teilhabe von Menschen mit Behinderungen) zum Ausdruck. Hier werden im § 75 die Leistungen zur Teilhabe an Bildung an die Schulpflicht gekoppelt. Dennoch kann davon ausgegangen werden, dass der Elementarbereich international in ein inklusives Bildungssystem eingeschlossen wird (vgl. Heimlich 2013a). Die Einrichtungen sind im Vergleich zur Schule kleinräumige Organisationseinheiten. Die sozioökonomischen Verhältnisse des sozialen Umfelds spiegeln sich in der Kindertageseinrichtung unmittelbar (vgl. König 2020b), die Heterogenität der Lebensverhältnisse hingegen nur eingeschränkt (vgl. Weiß 2020). Nicht nur für junge Kinder in Armutslagen fehlt es in der öffentlichen Erziehung und Bildung (vgl. ebd.) größtenteils an Sensibilität, auch stehen Ablehnungen und Verletzungen prinzipiell noch zu selten im Fokus frühpädagogischer Auseinandersetzungen.
Der Beitrag umreißt zunächst das Inklusionsverständnis einer Frühpädagogik der Vielfalt (vgl. König & Heimlich 2020). Daran anschließend wird auf die Qualifikation und das Ausbildungssystem eingegangen. Schließlich werden anhand von Gruppeninterviews Dissonanzen bei der Umsetzung inklusiver Bildung und Erziehung in der Praxis offengelegt. Die Entwicklungslinien und die Studienergebnisse werden kritisch diskutiert. Das Fazit hebt die Implikationen für Ausbildung und Qualifizierung hervor.
1.1 Eine Frühpädagogik der Vielfalt
Pädagogik der Vielfalt zeichnet sich dadurch aus, dass sie niemanden ausschließt (vgl. Prengel 2020). Das verbindet sie mit der Inklusiven Pädagogik bzw. international auch Diversity oder Inclusive Education. Diese Ausgangsbedingungen schließt auch die Frühpädagogik ein (vgl. Prengel 2019). Gemeinsam ist ihnen die Forderung: Bildung für alle vor dem Hintergrund der Menschenrechte. Die Anerkennungstheorie von Honneth ist dafür ein substantielles Element (vgl. ebd.). Sie steht in Bezug zum Konstrukt der egalitären Differenz. Danach werden Gleichheit und Differenz als sich wechselseitig bedingende Kategorien verstanden. Prengel schreibt dazu:
»Keine der beiden Dimensionen ist in diesem Zusammenhang verzichtbar, denn Gleichheit ohne Differenz würde undemokratische Gleichschaltung und Differenz ohne Gleichheit undemokratische Hierarchie hervorbringen« (Prengel 2001, S. 93).
Eine Frühpädagogik der Vielfalt hebt darauf ab, dass Teilhabe und Partizipation sich an den Aneignungsprozessen der jungen Kinder orientieren muss. Frühpädagogik agiert nicht jenseits von gesellschaftlichen Strukturen, auch hier spiegeln sich Ambivalenzen und Widersprüche einer pluralen Gesellschaft (vgl. Prengel 2014). Durch die Orientierung an inklusiven Theorien kann es gelingen, diese Ambiguitäten bewusst aufzugreifen, zu durchdringen und einzuordnen. Von Pauschalisierungen ist abzusehen, denn Heterogenität ist nicht generell eine Chance. Erfahrungen mit Leiden, Krankheit, Unterlegenheit, Beeinträchtigung darf nicht ignoriert werden (vgl. ebd.). Vorstellungen, Erzählungen, Werte und Haltungen, die die Fachkräfte teilen, sind ein wesentliches Fundament, um Bildungsteilhabe und Partizipation umzusetzen (vgl. Prengel 2016).
Mit der Expertise »Bildungsteilhabe und Partizipation in Kindertageseinrichtungen« leistet Prengel einen wichtigen Beitrag, um an die frühen Kommunikationsformen der Kinder anzuknüpfen. Hier wird herausgestellt, dass Sorge ein integrales Element von Generationenbeziehungen ist (vgl. Baader, Eßer & Schröer 2014). Die Einflüsse der Entwicklungspsychologie und der evolutionären Anthropologie stärken dieses Verständnis. Darüber hinaus wird deutlich, dass Kinder sich der Welt von Anfang an ordnend und verstehend nähern. Auch in der frühen Kindheit gilt daher, dass Entwicklung nicht einem genuinen Bauplan folgt, sondern dass sich Kinder hoch sensitiv ihrer sozialen Umwelt zuwenden. Das Verlangen nach Mitwirkung und Kooperation zeigt sich von Anfang an. Sowohl einseitige auf Fürsorge und Schutz ausgerichtete Bedingungen in den Einrichtungen als auch romantische Erziehungsvorstellungen – die in Kindern die kompetenten Akteurinnen und Akteure sehen, welche sich von selbst bilden (vgl. Baader 2004) – vernachlässigen die Bedeutung von Bildungsteilhabe und Partizipation. Denn erst diese führen dazu, dass Kinder nicht mehr nur an eine bestimmte soziale Gruppe (Familie u. a.) gebunden sind, sondern die Grenzen der sozialen Herkunft überschreiten können (vgl. Oelkers 2009). Dewey hat bereits am Anfang des 20. Jahrhunderts danach gefragt, welche Bedingungen die Erziehung in einer pluralen Gesellschaft erfüllen muss (vgl. ebd.). Wesentlich dafür schien ihm in einer demokratischen Gesellschaft die Offenheit für den sozialen Wandel. Nicht festgelegte Konzeptionen, sondern Erfahrungen und Impulse, die über Bestehendes hinausgehen, sieht er als wesentliche Triebfedern für Entwicklung. Bildung und Demokratie hängen für ihn daher zusammen. In Bildungsinstitutionen muss die Grundidee der Demokratie erfahrbar sein. Sie ist für ihn in erster Linie eine Lebensform, die auf Beziehung und Interaktion basiert, um unterschiedliche Interessen, aber auch gemeinsame Ziele auszuhandeln (vgl. ebd.). Als genuiner Ort dafür gilt das Spiel mit den Peers (vgl. Heimlich 2015, 2017). Die Offenheit für die frühen Kommunikationsangebote der jungen Kinder sind grundlegende Erfahrungsräume für Resonanz und Einflussnahme auf die soziale Welt und damit für Bildungsteilhabe und Partizipation (vgl. König 2020b). Diese Handlungsmöglichkeiten junger Kinder vor dem Hintergrund einer Pädagogik der Vielfalt zu reflektieren, ist Voraussetzung für die Umsetzung von inklusiven Bildungsangeboten in Kindertageseinrichtungen.
1.2 Qualifizierung für Inklusion
Die Qualifikation des pädagogischen Personals hat eine Schlüsselfunktion, um eine sensible und responsive Bildung und Erziehung umzusetzen, denn Bildung ist gekoppelt an die Bedingtheit der sozialen Beziehungen. Den Interaktionen mit Fachkräften und Peers in den Einrichtungen kommt daher eine große Bedeutung zu. Diese Erkenntnis wird heute durch die Gewissheiten der empirischen Bildungsforschung unterstützt (vgl. Anders 2019; Honneth 2012; Siraj et al. 2016) und löst Bildungsansätze ab, die in der Frühpädagogik lange Zeit auf eine organische Entwicklung gesetzt haben – wie u. a. auch die Bildungsphilosophie von Fröbel (vgl. Oelkers 2009), aber auch die Sozialisationsvorstellung der 1970er Jahre (s. o.).
Die Kernberufsgruppe in Kindertageseinrichtungen, die diese Ansprüche erfüllen sollen, sind staatlich anerkannte Erzieherinnen und Erzieher. Sieben von zehn pädagogischen Fachkräften können heute eine solche Ausbildung vorweisen (vgl. Autorengruppe Fachkräftebarometer 2019). Nur sechs Prozent der pädagogischen Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen verfügen über einen akademischen Abschluss (vgl. ebd.). Trotz der starken Expansion in den letzten Jahren weist das Qualifikationsgefüge in den Einrichtungen eine hohe Stabilität auf. Nur ca. zwei Prozent des Personals sind in der Kindertageseinrichtung ohne Ausbildung (vgl. ebd.) als zusätzliche Kräfte tätig.
Im Folgenden wird auf die Ausbildung zum Erzieher bzw. zur Erzieherin näher eingegangen, da diese Berufsgruppe noch immer als Grundqualifikationsprofil in den Kindertageseinrichtungen anzusehen ist. Die Ausbildung wird an staatlichen Fachschulen für Sozialpädagogik vollzeitschulisch erworben. Sie unterliegt nicht dem Berufsbildungsgesetz (BBiG) und der Handwerksordnung (HwO), sondern untersteht der Länderhoheit und orientiert sich an Beschlüssen der Kultusministerkonferenz (KMK). Die Erzieher-bzw. Erzieherinnenausbildung ist eine generalistische Ausbildung, die auf der Fachschulebene verortet, eigentlich eine Weiterbildung, vergleichbar mit dem Meister oder Techniker in der technischen Berufsbildung. Sie qualifiziert für sozialpädagogische Arbeitsfelder: Kindertageseinrichtungen, Kinder- und Jugendarbeit, Hilfen zur Erziehung und für sozialpädagogische Tätigkeiten in der Schule. Darüber hinaus legt sie für die pädagogische Arbeit mit Menschen mit besonderen Bedürfnissen den Grundstein. Leitend ist für die Ausrichtung der Ausbildung zum einen der allgemeine Beschluss der KMK vom 07.11.2002 i. d. F. vom 10.09.2020 zu den Fachschulen (soziale, pflegerische, technische und betriebswirtschaftliche Berufe); hier findet sich unter dem Schlagwort Inklusion aber kein Eintrag (siehe auch Heimlich 2013b). Dieser Befund ist erstaunlich und zeigt zugleich den Sonderstatus, den die Fachschulen gegenüber den allgemeinbildenden Schulen genießen (vgl. KMK 2011). Zum anderen orientieren sich die Länder inhaltlich an dem Kompetenzorientierten Qualifikationsprofil für die Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern an Fachschulen und Fachakademien (Beschluss der KMK vom 01.12.2011 in der jeweils gültigen Fassung) (vgl. KMK 2020). Inklusion wird mit dem Qualifikationsprofil als Querschnittsaufgabe unabhängig von der Beschreibung von Handlungsfähigkeiten in den unterschiedlichen Arbeitsfeldern ausgewiesen. Wie Heimlich bereits 2013 konstatiert, »wird eine detaillierte Kompetenzbeschreibung für diesen Bereich [noch] offengelassen« (Heimlich 2013b, S. 16). Eine Studie von Haude & Volk (2015) zur Analyse der Ausbildungsstrukturen frühpädagogischer Fachkräfte aus der Perspektive von Diversity Education legt anhand von Dokumenten- und Interviewanalysen offen, dass in den Ausbildungen eine Pfadabhängigkeit zur gesunden Normalentwicklung besteht (vgl. Haude & Volk 2015). Die Autorinnen lösen aus den Lehrplänen eine Differenzierung von normal vs. besonders heraus. Dabei heben sie auch hervor, dass »das zu erlernende (früh-)pädagogische Handeln in der Aneignung von Kompetenzen für die Beobachtung, für die Entwicklungs- und Unterstützungsdiagnostik und im Erlangen von Wissen über Fördermethoden sowie Präventionsarbeit und deren Anwendung« (ebd., S. 75) besteht. Inklusion gilt es zu fördern, zu unterstützen und als Querschnittsaufgabe zu bearbeiten. Inklusive Bildung und Erziehung ist aber keine Querschnittsaufgabe, sondern kann nur als Kern der Pädagogik Bedeutung erwirken (vgl. Heimlich 2013b).
Seit der Einführung der UN-BRK hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mehrere Förderlinien ausgeschrieben, um die Aus- und Weiterbildung im Bereich Inklusion zu stärken. Im Schulbereich zählen dazu die umfangreichen Förderungen im Rahmen der Qualitätsoffensiven Lehrerbildung (QLB). Im Elementarbereich hat insbesondere das bundesweite Projekt Weiterbildungsinitiative frühpädagogischer Fachkräfte (WiFF) Akzente im Bereich der Aus- und Weiterbildung gesetzt. Das Projekt zeichnet sich durch empirische Forschungszugänge aus, agiert aber auch als Plattform (abrufbar unter: https://www.weiterbildungsinitiative.de/). Diese hat in den mehr als zehn Jahren ihres Bestehens ein bemerkenswertes Netzwerk im System der Kindertagesbetreuung aufgebaut (vgl. König 2020a). Die Plattform initiiert unterschiedliche Experten- und Expertinnengruppen für das Handlungsfeld Frühpädagogik, in denen Erkenntnisse und Entwicklungen aus unterschiedlichen Ebenen (Fachpraxis, Ausbildung, Wissenschaft, Administration und Fachpolitik) zu speziellen Themengebieten geteilt und diskutiert werden. In sogenannten Wegweisern für die Weiterbildung wird der Wissenstand aus Expertisen (u. a. Heimlich 2013a) und Experten- bzw. Expertinnengruppen zusammengetragen und kompetenzorientiert für die berufliche Weiterbildung aufbereitet. Der Zugriff auf die Materialien ist barrierefrei (kostenfrei) und hat so zu einer enormen Dissemination der Publikationen und Diskussionen beigetragen. Zum Schwerpunktbereich Inklusion wurden Wegweiser zu den Heterogenitätsdimensionen Behinderung, Kultur, Sprache, Armut sowie Teilhabe und Partizipation vorgelegt, insbesondere durch WiFF und das Deutsche Jugendinstitut (DJI) (abrufbar unter: https://www.dji.de/index.php?id=1226).
Dass in der Frühpädagogik ein anderer Weg gewählt wurde als z. B. in der Schule – wo die QLB neue Impulse in der Hochschullandschaft gesetzt hat, könnte auch an der Systemdifferenz von Elementarbereich und Schule liegen. Bis heute gibt es eine Kluft zwischen Forschung und Wissenschaft und der Ausbildung frühpädagogischer Fachkräfte. Die Einheit von Forschung und Lehre ist mit dem System der Fachschulen nicht gegeben und der Wissenstransfer aus Forschung und Wissenschaft gilt derzeit als größte Herausforderung in diesem Sektor. Denn hinsichtlich der enormen Veränderungsprozesse, mit denen dieser Bereich im Zuge des sozialen Wandels konfrontiert ist, fehlt es nach wie vor an Orientierungswissen in der Praxis. Dissemination wurde hier an die Weiterbildungsbereitschaft geknüpft, die als Kern des Selbstverständnisses frühpädagogischer Fachkräfte beschrieben wird (vgl. König & Buschle 2017). Der Weiterbildungsmarkt gilt zwar als relativ unübersichtlich, anhand der Analyse von 4000 Weiterbildungsangeboten zeigt sich aber, dass Inklusion durchaus auf Resonanz in der Praxis der frühen Bildung stößt und zu den ersten zehn Topthemen der Weiterbildung zählt (Rangliste: Platz 9) (vgl. ebd.). Die Auseinandersetzung mit Inklusion hat insbesondere zu einer konzeptionellen Bearbeitung geführt (vgl. Cloos & Becker-Stoll 2015) und damit auch Anschluss geschaffen an die erziehungswissenschaftliche Theoriebildung. Gemessen daran hinkt die empirische Beforschung des Ausbildungsbereichs und der Umsetzung von Inklusion in der Praxis hinterher (vgl. ebd.).
1.3 Empirische Einblicke
Anknüpfend an die Aussage, dass Vorstellungen, Erzählungen, Werte und Haltungen, die die Fachkräfte teilen, ein wesentliches Fundament darstellen, um Bildungsteilhabe und Partizipation umzusetzen (vgl. Prengel 2016), werden hier Einblicke in zwei Gruppendiskussionen gegeben. Diese wurde im Rahmen der WiFF-Teilhabestudie ergänzend zu einer Beobachtungsstudie durchgeführt (vgl. Beutin, Flämig & König 2018). Die Interviews fanden in zwei deutschen Großstädten statt. Das Korpus umfasst knapp 35.000 Wörter und überstreckt sich bei beiden Interviews auf über 90 Minuten. An den Diskussionen waren vier bis sieben pädagogische Fachkräfte aus mehreren Einrichtungen beteiligt, die sich als inklusionsorientierte Einrichtungen verstehen.
Die Methode der Gruppeninterviews wurde gewählt, um kollektive Meinungen zu erfassen (vgl. Hussy, Schreier & Echterhoff 2013). In den hier analysierten Interviews wurde der Fokus auf Inklusion gelegt und damit Raum zu Diskussion und Erfahrungsaustausch gegeben. Auf diesen relativ offenen Einstieg folgte in beiden Diskussionen relativ rasch eine Annäherung an den Begriff, wie die folgenden Zitate aus der Studie zeigen:
»Inklusion, also ich hab mich selten explizit so mit dem Begriff der Inklusion auseinandergesetzt, das ist für mich ein Begriff, bei dem es ganz viel, wie bei so vielen pädagogischen Begriffen, oder menschlichen Begriffen, wo es irgendwie um Haltung geht, und ähm, ja, und die Haltung heißt für mich so etwas wie, ich bin offen dafür, dass es ein Miteinander mit Menschen gibt […].« (Stadt A)
»Ich würde da auf jeden Fall von Inklusion sprechen, weil meiner Meinung nach, also das ist kein Zustand, sondern ein Prozess und eine Offenheit und ein Denken, und das ist völlig da, also bei jedem, der da arbeitet, meine ich, ist dieses Denken da, zu sehen, was braucht das einzelne Kind und wie können wir als Gruppe zusammen irgendwie aneinanderwachsen, und deswegen ist das, ja, für mich ein tolles, inklusives Arbeiten.« (Stadt B)
Im Anschluss wurden die Interviews relativ frei geführt und durch die Interviewleitung nur leicht moderiert. Ausgewertet wurden die Interviews nach dem Verfahren der qualitativen Inhaltsanalyse (vgl. Schreier 2012). Das Kategoriensystem wurde iterativ am Datenmaterial, induktiv-deduktiv und unter Beachtung der Intercoder-Reliabiltiät entwickelt (für die Unterstützung der Auswertung danke ich Nadine Wessolly, die sich sorgsam in Kleinschritten über Monate hinweg mit den Interviewsequenzen auseinandergesetzt hat). Herausgearbeitet wurden Dissonanzen und der Umgang mit Heterogenität, die sich im Verlauf des Gesprächs durch die direkte Nennung von Beispielen deutlich vom übrigen Gesprächsverlauf abgehoben haben.
Dabei werden Dissonanzen erfahrbar, die sich im Zuge des gesellschaftlichen Wandels ergeben. Betont werden die erlebten Unterschiede zwischen den Kindern heute und der Erinnerung aus der Vergangenheit:
»Wir haben die Schachgruppe, ja, da haben die immer Schach gespielt, da kommen immer zwei Männer zu mir in die Kita, die Schach spielen, das interessiert jetzt gar keinen mehr, weil die überhaupt gar nicht, ja, nicht das nötige Know-how mitbringen, die Kinder, um überhaupt zu diesem Spiel Zugang zu finden, das heißt, da geht es um ganz andere Prozesse, ich glaub das nimmt zu […].« (Stadt A)
In der Sequenz wird auch deutlich, dass die Unterschiede nicht nur als Wandel erlebt werden – »das nimmt zu« –, sondern sie weist auch darauf hin, dass eine besondere Differenzerfahrung wahrgenommen wird. Des Weiteren ist erkennbar, dass die Fachkräfte die Ordnungssysteme, an die die Kindertageseinrichtungen formal gebunden sind, kritisch hinterfragen. Obwohl hervorgehoben wird, dass »vom Menschlichen her« Barrieren abgebaut werden können, wird auf die dem entgegenstehende Systempraxis verwiesen. Das Stellen von Anträgen auf Integrationsplätze genüge den Ansprüchen auf Inklusion nicht. Dass Inklusion so nicht ›wirklich‹ gelebt werden kann, wird also auch auf die Rahmenbedingungen zurückgeführt.
»[…] und solange die Politik so ist, dass wir Anträge brauchen für Integrationsplätze, ähm, kann dieser Inklusionsgedanke nur teilweise gelebt werden, also so vom Menschlichen her, ähm, können wir die Barrieren soweit es geht abbauen, ich glaub, da gibt es auch gute Wege dafür, aber es müssen wirklich auch die Rahmenbedingungen anders werden, um Inklusion wirklich zu leben.« (Stadt B)
Darüber hinaus diskutieren die Fachkräfte die unterschiedlichen Erwartungen, mit denen sie konfrontiert werden. Dabei drängt sich der Eindruck auf, dass im Gesprächsverlauf zunehmend Entscheidungen der Eltern, die von denen der Fachkräfte abweichen, diese beschäftigen. Das Dilemma, das hier für die Fachkräfte auftaucht, wird erkannt »Es ist Elternwille, und das ist auch gut so« – die Situation, wird aber dennoch als unbefriedigend erlebt:
»Also wir haben auch //, ich meine, es ist Elternwille, und das ist auch gut so, man kann ja nur, ähm, Tipps geben, wo sehen wir das Kind, wo würden seine Stärken zum Vorschein kommen, wo könnte es sich erleben, so wie es ist, aber wenn die Eltern das nicht annehmen, dann können wir nichts tun, und das, so ist es zu 30 Prozent der Fälle, die dann nach einem halben Jahr kommen, oder so, man trifft sie irgendwo, ›ah, ja, das war nicht die richtige Entscheidung, hätten wir es doch so gemacht, wie Sie gesagt haben‹.« (Stadt A)
Verstärkt wird diese Betretenheit der Fachkräfte durch den Fokus auf ihre eigene Praxis im Umgang mit Heterogenität. Zum einen werden Routinen und Praktiken in den Einrichtungen genannt und Handlungsweisen hervorgehoben, die nicht als zielführend erlebt werden:
»Wir machen trotzdem Morgenkreis mit allen Drei-, bis Sechsjährigen. Wenn wir das um halb neun machen, also einmal am Tag alle zusammentrommeln, dann wollen wir in dem Morgenkreis besprechen, wie wir uns so aufteilen, was es so für Möglichkeiten gibt, sich zu beteiligen, oder da können die Kinder einfach sagen, was sie sich vorgenommen haben für heute, mit wem sie spielen wollen, und so. Das ist ja partizipativer, wenn jeder sagen kann, was er will, und so weiter, aber das ist eigentlich Zwangspartizipation, weil wir sagen, jeder Dreijährige, ab drei, muss an diesem Morgenkreis teilnehmen, […], aber wir sagen, ›eigentlich müsst ihr‹, das ist so ähnlich wie ›haha, wir haben eine demokratische Gesellschaft, und dann müsst ihr auch wählen gehen, sonst könnt ihr nicht mitbestimmen‹«. (Stadt A)
Dabei werden die eigenen Praxen des Kindergartenalltags zum Hemmnis und führen darüber hinaus zu der Infragestellung von Inklusion, d. h. einer Bildung für alle in einer demokratischen Gesellschaft im Allgemeinen. Zum anderen zeigen sich aber auch Ansätze adaptiven Handelns in Bezug auf die jeweilige Situation. Diese bekunden ein individuelles Ausloten und Handlungsfähigkeit auch in belastenden Situationen.
»Also wir haben aber auch Kinder, wo man sagt, ›okay, jetzt mit vier Kindern, das reicht‹, und das Kind braucht //, und es kommt auch drauf an, wie es dem Kind geht, das kommt in den Kindergarten, ist tierisch angespannt, dann braucht es so eine Massage-Runde, eine Streichel //, wie so was zum Entspannen, zum Runterkommen, und das, muss man halt immer schauen, wie viele Kinder dazukommen können, oder nicht, oder wer das grade noch braucht, es sind ja nicht nur die Integrationskinder, die ganz viel brauchen, das sind halt meistens noch die anderen zehn Kinder, die noch in der Gruppe sind, ohne I-Status, die brauchen das auch […].« (Stadt B)
Die Auseinandersetzungen in den Gruppendiskussionen kreisen um den Umgang mit Heterogenität und streifen damit den Kern der Theoriediskussion (
Abb. I.1). Dabei werden Dissonanzen und Ambivalenzen sichtbar, die die Fachkräfte ausgiebig zur Sprache bringen. Hervorgehoben werden der gesellschaftliche Wandel, die Strukturen, in die Kindertageseinrichtungen eingebettet sind, und die unterschiedlichen Erwartungen, die an die Einrichtungen herangetragen werden. Insbesondere die Entscheidungen und Einstellungen von Eltern, die die Fachkräfte nicht teilen, führen dabei zu Irritationen. Es wird bereits erkennbar, was aus der Innenperspektive in der Diskussion vertieft wird. Wie ist der Umgang mit Heterogenität in der Praxis zu gestalten? Hervorgehoben werden Praktiken und Routinen aus dem Alltag mit den Kindern. Der Erhalt von Handlungsfähigkeit, d. h. auch Offenheit für das Gegenüber, gilt als Kern für eine gute pädagogische Praxis und für die Umsetzung von Teilhabe und Partizipation, wie es auch die Fachkräfte zu Beginn des Interviews herausstellen. Die Analyse verdeutlicht, dass es nicht nur die eigene Haltung und Motivation ist, die die Handlungsfähigkeit der Fachkräfte ermöglicht, sondern unterschiedliche Faktoren auf die Fachkräfte einwirken, die in ihrer Gemengelage konstruktive Handlungsmuster verhindern. In der pädagogischen Praxis ist das fatal – denn responsives und sensitives Eingehen auf die Kommunikationsangebote der Kinder ist dann nicht mehr möglich. Dabei fehlt es an notwendigem Orientierungswissen, um die Situationen entsprechend einzuordnen. In der Theoriediskussion sind diese Herausforderungen insbesondere auch durch das Konstrukt der egalitären Differenz bearbeitet worden, dieses Wissen könnte die Fachkräfte in der Form stützen, dass sie die Differenzerfahrung und die damit einhergehenden Ambiguitäten hinterfragen und auch für sich auflösen könnten.

Abb. I.1: Umgang mit Heterogenität
1.4 Fazit
Qualifizierung für Inklusion ist in den Kindertageseinrichtungen erst ansatzweise umgesetzt. In den Fachschulen für Sozialpädagogik – den zentralen Ausbildungsstätten für Erzieherinnen und Erziehern – wird Inklusion als Querschnittsaufgabe angesehen. Inklusion bringt aber nicht nur Handlungsanforderungen auf unterschiedlichen Ebenen mit sich, sondern baut auf ein pädagogisches Grundverständnis auf.
Bereits Dewey weist darauf hin, dass in einer demokratischen Gesellschaft die Offenheit für den sozialen Wandel ein zentrales Anliegen sein muss (vgl. Oelkers 2009). Die Interviews zeigen, wie der soziale Wandel auch in den Einrichtungen ankommt. Die pädagogischen Fachkräfte nehmen im Kindergartenalltag plurale und veränderte Lebensformen der Familien wahr. Darüber hinaus wird sichtbar, dass die Strukturen dem Bedeutungswandel, den die Kindertageseinrichtungen durchschreiten, nicht mehr gerecht werden. Diese entwickeln sich in Richtung inklusive Einrichtungen für alle Kinder, was das Recht auf Bildung auch für junge Kinder als zentraler Baustein einer demokratischen Gesellschaft stärkt. Diese Dissonanzen im Umgang mit Heterogenität und pluralen Lebensformen erweisen sich in den Gruppendiskussionen letztlich als Kristallisationspunkt. Anhand von Beispielen beschreiben die Fachkräfte ihre Erfahrungen mit Heterogenität. Deutlich wird, dass die Fähigkeit, Widersprüche und Ambiguitäten anzuerkennen, auch die situationsadäquate Flexibilität des eigenen Handelns erhöht. In einem solchen Fall erleben sich die Fachkräfte als selbstwirksam, sie erfahren Responsivität mit den Kindern, derer sie als Pädagoginnen und Pädagogen bedürfen, um Bildung und Erziehung überhaupt erst zu ermöglichen. Es wird aber auch deutlich, dass dies keine Selbstverständlichkeit ist. Die Fachkräfte hinterfragen ihre eigenen Routinen und Praktiken bei weitem nicht so kritisch, wie die Strukturen auf der Ebenen der Administration. Hier gilt es, von Mustern Abstand zu nehmen, die sich als Hemmnisse einer sensitiven und responsiven Praxis erweisen. Eine fehlende Distanz führt hier zu blinden Flecken in der Wahrnehmung des Alltags (vgl. Thon 2017; Egloff 2011; Helsper 2001). Eine auf (Selbst-)Reflexion gegründete Pädagogik – d. h. eine theoriedurchdrungene Praxis – gilt es in den Kindertageseinrichtungen noch zu entwickeln. Diese würde sich durch vertieftes Orientierungswissen auszeichnen, aber auch durch entsprechende Strukturen, die Reflexion im Sinne von Fach- und Teamberatung, Supervision, Coaching etc. in der pädagogischen Praxis ermöglichen (vgl. Cloos 2021). Dazu gehört auch, Qualität im multiprofessionellen Team neu zu denken. Die Diskussionen verweisen deutlich auf die Wichtigkeit, Veränderungsprozesse qualifiziert zu begleiten, um mit auftretenden Widersprüchen gegenüber der gewohnten Praxis sinnvoll umgehen zu können, sie ggf. als Teil einer akzeptierten, ja erwünschten Vielfalt zu verstehen. Zukunftsorientierte Ausbildungskonzepte müssen sich daran orientieren und den Aufbau von Ambiguitätstoleranz (vgl. Sprung 2011) ermöglichen.
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2 Qualifikation für inklusive Schulen
Clemens Hillenbrand
Einleitung
Der öffentliche Blick auf das Thema Inklusion ist in den letzten Jahren deutlich kritischer geworden – der Deutschlandfunk überschreibt seine Sendung mit Inklusion vorläufig gescheitert (Deutschlandfunk, 20.03.2019). Die »schlechten Erfahrungen«, die Aichele in dem Interview nennt, werden in vielen Äußerungen vertreten und regelmäßig mit den schlechten Rahmenbedingungen in Verbindung gebracht (vgl. ebd.). Eine kritische Sicht auf Inklusion mit dem Tenor »Inklusion gescheitert« findet deutlich mehr Beachtung und Niederschlag in Lehrkräftebefragungen (vgl. vbe 2020). Auch das politische Engagement lässt nach: Die Förderlinie des BMBF zur Lehrerinnen- und Lehrerbildung für Inklusion wird trotz der Beeinträchtigung der Forschungsprojekte durch die Corona-Pandemie nicht über 2021 fortgesetzt. Der Jakob-Muth-Preis, der die öffentliche Aufmerksamkeit auf Gelingensbeispiele inklusiver Bildung gelenkt hatte, wird ab 2020 Teil des Deutschen Schulpreises. Ist das Thema Inklusion also ›abgearbeitet‹? Ist eine inklusive Schule als Unmöglichkeit desavouiert? Ist die Konjunktur des Themas Inklusion vorbei? Bestehen bleibt ein gültiges Menschenrecht auf inklusive Bildung! Es bleibt die Aufgabe, ein inklusives Bildungssystem aufzubauen, wie es Deutschland in der Unterzeichnung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-BRK) zusagt.
In diesem Kontext spielt einerseits der Aufbau von Ressourcen eine große Rolle, zugleich wird das massive Fehlen von Qualifikationsangeboten für inklusive Schulen von Lehrkräften deutlich kritisiert (vgl. ebd.). Die Verwirklichung eines qualitativ hochwertigen inklusiven Bildungssystems hängt jedoch in entscheidendem Maße von den Fachkräften und deren Tätigkeit ab: »Improving teacher practice is thus the most direct approach to improve the learning of all students, especially those who struggle to learn in inclusive classrooms« (McLeskey, Billingsley & Ziegler 2018, S. 4). Für den Aufbau eines entsprechenden Qualifikationsangebots ist realistischer Weise ein längerer Prozess anzunehmen (vgl. Oelkers 2014; UNESCO 2005). Dabei ist zunächst an die hier tätigen Lehrkräfte zu denken, deren Qualifizierung im Mittelpunkt des vorliegenden Beitrags steht.
Gerade im Kontext des Aufbaus inklusiver Schulen kommen weitere Akteurinnen und Akteure hinzu: In aktuellen Studien werden die zentrale Rolle von Schulleitungen und die anspruchsvollen Aufgaben der Qualifizierung (vgl. Scheer 2019; Hillenbrand, Käter & Vierbuchen 2017) bearbeitet. Ihre hervorgehobene Rolle im Aufbau eines inklusiven Bildungssystems ergibt sich schon aus ihrer grundsätzlichen Funktion im Kontext von Innovationsprozessen. Auch der inzwischen verbreitete Einsatz von Assistenzkräften (Inklusionshelferinnen und Inklusionshelfern) stellt eine Entwicklung mit kritischen Befunden dar, die dringend hochwertige Qualifizierungsprozesse notwendig machen (vgl. Blasse et al. 2019; Dworschak 2015; Kissgen et al. 2019; Laubner et al. 2017). Auf die Ergebnisse zu diesen Themen kann hier nur hingewiesen werden.
Die Qualifizierung von Lehrkräften für inklusive Schulen steht im Mittelpunkt der aktuellen Forschungen. Auf Seiten der Lehrerinnen und Lehrer in inklusiven Schulen bestehen dabei sehr unterschiedliche Voraussetzungen und es ist von einer höchst heterogenen Bedarfslage auszugehen, wie eine bayerische Studie (vgl. Weiß et al. 2019) bei Einsatz des Verfahrens QU!S® (vgl. Heimlich, Ostertag & Wilfert de Icaza 2016) belegt, die in Schulen mit dem Profil Inklusion in Bayern die Perspektiven der hier tätigen Lehrkräfte erhebt. Die Autorinnen und Autoren berichten durchaus von gelingenden Prozessen und positiven Erfahrungen in der Realisierung inklusiver Schulen, und dies sowohl in Grundschulen als auch in Mittelschulen als einer Schulform der Sekundarstufe. Die Befunde zeigen die große Unterschiedlichkeit der Einschätzungen durch die Lehrkräfte. Die Konsequenz für Qualifikationsangebote lautet: »Für alle Lehrkräfte identische Maßnahmen werden der Diversität der Einschätzungen nicht gerecht« (Weiß et al. 2019, o. S.). Die daraus resultierende Forderung nach Adaption der Bildungsangebote stellt hochanspruchsvolle Aufgaben an die Themen und Formate von Qualifizierungsangeboten. Ein Überblick über die aktuellen Forschungsbemühungen erfolgt unter der Fragestellung, mit Hilfe eines Überblicks über die deutschsprachigen und internationalen Forschungen mögliche Inhalte und Formate zu identifizieren, die dafür hilfreich sein können.
Zur Komplexität des Themas
Wenn der Begriff Inklusion zum Zeitpunkt der Ratifizierung der UN-BRK durch Deutschland im Jahr 2009 noch weitgehend unbekannt war, hat er seitdem eine erstaunliche Karriere durchlaufen. Der bekannte Zeitgeschichtler Rödder (2016) überschreibt in seiner viel beachteten »Kurzen Geschichte der Gegenwart« die aktuellen Veränderungen gesellschaftlicher Ordnungsvorstellungen mit der »Kultur der Inklusion«. Den Ausgangspunkt sieht er in der »Schulpädagogik«, die sich um »die Einbeziehung von Kindern mit körperlicher oder geistiger Behinderung in die Regelschule« (2016, S. 116) bemüht. Die Programmatik einer »Kultur der Inklusion« als neue Normalität geht jedoch weit über das Schulsystem hinaus und steht für neue gesellschaftliche Ordnungsvorstellungen: »Ihre Grundlage ist die Wertschätzung von Menschen in der Vielfalt ihrer Lebensweisen und Erscheinungsformen sowie die Anerkennung von Diversität als Normalität« (ebd.). Von einem nur in sonderpädagogischen Kontexten bekannten Begriff zur Veränderung schulischer Bedingungen hin zu einer Bezeichnung für die aktuelle gesellschaftliche Programmatik – dies stellt in der Tat eine bemerkenswerte Karriere des Begriffs dar.
In diesen weitgreifenden Kontext müssen auch die Bemühungen um die Lehrkräftebildung für ein inklusives Schulsystem eingeordnet werden: In der Debatte um eine Veränderung der Lehrkräftebildung spielen immer auch gesellschaftliche Normalitätsvorstellungen hinein. Diese normative Ladung prägt auch die Begriffsnutzung von »Inklusion« im Kontext des Bildungssystems, mit erheblichen Problemen für die wissenschaftliche Diskussion (vgl. Felder 2017). Diese normative Ladung beeinflusst auch die Forschungen zur Qualifikation für inklusive Schulen: Die von Felder beschriebenen Probleme mit einem solch normativen Verständnis spiegeln sich auch in der Debatte um die Bildung der Fachkräfte wider, und die sehr unterschiedlichen Verständnisse in Forschungen zu inklusiven Bildungssystemen (vgl. Nilholm & Göransson 2017) führen zu divergenten Konzeptionen der Qualifizierung. Wenn man zudem noch in Rechnung stellt, dass sehr unterschiedliche Forschungskonzeptionen und Selbstverständnisse der Forschenden von eher qualitativ-konzeptionellen Ansätze über funktionalistisch-quantitative Konzeptionen bis zu kritisch-politischen Zugänge vertreten werden (vgl. ebd.), wird die Komplexität und Divergenz des Themas und seiner Bearbeitung nachvollziehbar. Es fällt schwer, hier zu einer Konvergenz von Ergebnissen zu kommen.
Auf der Basis solch unterschiedlicher Perspektiven finden seit der Unterzeichnung der UN-Konvention engagierte Debatten und vehemente Diskussionen um den Aufbau eines inklusiven Bildungssystems und darin auch um die Qualifikation für inklusive Schulen statt. Quer zu den strukturellen Debatten, etwa um den Abbau von spezialisierten Einrichtungen wie Förderschulen oder eigenständige Professionen wie dem Lehramt Sonderpädagogik, gilt die Qualifikation aller pädagogischen Fachkräfte in inklusiven Bildungssystemen als essentieller und notwendiger Schritt zur Verwirklichung eines inklusiven Bildungssystems. Das gemeinsame Setting ist, wie die EU-Kommission in einem aktuellen Papier herausstellt, nicht immer die Erfüllung der qualitativ hochwertigen Unterstützung für Lernende, gemäß ihrer speziellen Bedürfnisse: »it is important to note that inclusive settings do not necessarily equate to good practice or a high-quality educational experience if the quality of the support that children with SEN receive within these settings is low« (EU-Commission 2019, S. 4). Und Meijer, der Direktor der European Agency for Special Needs and Inclusive Education, macht prägnant deutlich, welche Bedeutung der Qualifikation für Inklusion zukommt: Denn »am Ende ist es immer noch die Lehrkraft, die mit den unterschiedlichsten Schülerinnen und Schülern im Unterricht zurechtkommen muss! […] Wenn eine Lehrerin oder ein Lehrer nicht in der Lage ist, in der Regelschule Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichen Bedürfnissen zu unterrichten, sind alle guten Absichten einer inklusiven Bildung wertlos« (Meijer 2011, S. 5).
Im folgenden Beitrag wird der Versuch eines Überblicks zu den inzwischen zahlreichen Bemühungen um eine Qualifizierung für inklusive Bildung ausgehend vom deutschen Sprachraum vorgelegt. Insbesondere die Beachtung der empirischen Befunde wie auch der internationalen Ergebnisse, als Spezifikum dieses Beitrags, kann dazu dienen, weitere Schritte auf dem Weg zu einem inklusiven Bildungssystem mit der Sicherstellung einer qualitativ hochwertigen Unterstützung des Lernens gemäß den Vorstellungen der EU-Kommission, insbesondere bei besonderen Bedürfnissen, voran zu bringen.
Zur Struktur des Beitrags
In einem ersten Schritt klärt der Beitrag knapp den Auftrag anhand zentraler internationaler bildungspolitischer Texte, um die Bedeutung des Themas der Qualifikation für inklusive Bildung hervorzuheben (
Kap. 2.1). Die Ausgangssituation, wie sie international erfasst wird, zeigt die Dringlichkeit von Maßnahmen zur Qualifikation für inklusive Schulen auf (
Kap. 2.2). Theoretische Grundlagen und eine summarische Zusammenstellung über aktuelle Projekte in Deutschland zeichnen ein heterogenes Bild, das aber angesichts der aktuellen Dynamik nicht mehr als ein erster Überblick sein kann (
Kap. 2.3). Der Blick auf die internationalen Ergebnisse ergänzt die Befunde und weist auf thematische und methodische Anforderungen für die Qualifizierungsprozesse hin (
Kap. 2.4). Auf dieser Basis könnte die als Perspektive vorgestellte Konzeption des Council for Exceptional Children, die auf empirischen Befunden aufbaut und zugleich eine pragmatische Konzeption für die Qualifikationsangebote entwickelt, eine hilfreiche Orientierung bieten (
Kap. 2.5). Der Beitrag aktualisiert damit die Befundlage der früheren Expertise und versucht Handlungsperspektiven zur Qualifizierung für inklusive Schule zu entwickeln (vgl. Hillenbrand, Melzer & Hagen 2013).
2.1 Der Auftrag
Bereits die Salamanca-Deklaration der UNESCO, die als Resultat der internationalen Konferenz 1994 ein zukunftsweisendes bildungspolitisches Statement verabschiedete und auf der erstmals der Terminus Inklusion als programmatische Zielsetzung Verwendung fand, thematisiert die Qualifikation der Fachkräfte und insbesondere der Lehrenden für den Aufbau eines inklusiven Bildungssystems. Als Prinzip inklusiver Bildung gilt, »that all children should team together, wherever possible, regardless of any difficulties or differences they may have. Inclusive schools must recognize and respond to the diverse needs of their students« (UNESCO 1994, S. 11). Kiuppis hat in seinen Analysen zur Begriffsentwicklung verdeutlicht, dass der Terminus Inklusion der Zusammenführung von zwei Intentionen diene: von »education for all« mit dem Akzent auf »effective education« und der Etablierung einer »special education«, also der Sicherstellung eines bedürfnisbezogenen Bildungsangebots auch bei Behinderungen. Die beiden Intentionen wurden in Beratungen der UNESCO unter dem Titel »inclusive education« zusammengeführt (vgl. Kiuppis 2016). Der Begriff Inklusion könne also gar nicht trennscharf und logisch eindeutig definiert werden – ein solcher Einwand (vgl. Grosche 2015) verkennt den Charakter des Begriffs, denn es ist kein wissenschaftlicher Terminus, vielmehr eine programmatische Sprache, die zum aktiven Handeln auffordern will (vgl. Scheffler 1971).
Der Begriff ist also eine (bildungs-)politisch motivierte Konsensfindung, die aufgrund einer gewissen Deutungsvielfalt durchaus wechselnde Akzente setzen kann (vgl. Kiuppis 2016, S. 32). Inklusive Bildung meint dann auch die systematische Berücksichtigung der Bedürfnisse von Lernenden mit besonderen Bedürfnissen und Behinderungen in der Bildung von Lehrkräften für inklusive Schulen: »In the context of a systemic change, teacher education programmes, both preservice and inservice, address the provision of special needs education in inclusive schools« (UNESCO 1994, S. X). Es geht der Deklaration also um die Sicherstellung eines qualitativ hochwertigen Bildungsangebots insbesondere für die spezifischen Bedürfnisse von Lernenden mit Beeinträchtigungen und Behinderungen – diese Spezifität der Bedarfe wird hier vorausgesetzt. Das Angebot einer »special needs education« wird nun im allgemeinen Bildungssystem auf diese Bedarfe ausgerichtet, aber nicht grundsätzlich in Frage gestellt. Die Verwirklichung eines inklusiven Bildungssystems trägt zur Realisierung der Menschenrechte und des Rechts auf Bildung für alle bei (vgl. ebd.). Dieses grundlegende Verständnis von inklusiver Bildung gilt auch als Leitlinie für die Qualifikation von Lehrkräften.
Die in Salamanca proklamierten Ziele finden sich dann im Text der UN-Convention on the Rights of Persons with Disabilities (United Nations 2006) wieder. Das im häufig zitierten Artikel 24 explizit genannte Recht auf Bildung für alle Personen mit Behinderungen in einem inklusiven Bildungssystem wird konkretisiert durch die Forderungen nach effektiven und qualitativ hochwertigen Bildungsangeboten. Die Staaten werden darin aufgefordert, Lehrkräfte auszubilden, die gemäß diesen spezifischen Bedürfnissen qualifiziert sind. Explizit werden solche spezifischen Inhalte verlangt: »Such training shall incorporate disability awareness and the use of appropriate augmentative and alternative modes, means and formats of communication, educational techniques and materials to support persons with disabilities« (United Nations 2006, Art. 24, 4). Der Aufbau eines inklusiven Bildungssystems erfordert also neben einer Bewusstheit um besondere Bedarfe und Behinderungen auch ein spezialisiertes, über allgemeine Verfahren hinausgehendes Können, das den Bedürfnissen von Lernenden mit Beeinträchtigungen und Behinderungen gerecht wird. Vielleicht erscheint es zu selbstverständlich, aber für die weitere Entwicklung muss darauf insistiert werden: Inklusive Bildung erfordert spezialisiertes Können, erfordert sonderpädagogische Handlungskompetenz, die den spezifischen Bedürfnissen der Lernenden gerecht wird.
Die internationalen Dokumente bleiben konsequent bei dieser Forderung. Der First World Report on Disability der WHO und der Weltbank (World Health Organization & World Bank 2011) fordert als Strategie, um ein inklusives Bildungssystem realisieren zu können, die Qualifizierung von Lehr- und Fachkräften zur Erfüllung der individuellen Bedürfnisse aller Lernenden. Und im neuesten Dokument der EU-Kommission gilt die Lehrkräftebildung als Schlüsselfaktor:
»Adequate teacher education and training may be required to meet the specific needs of children. Equipping teachers with the skills and knowledge to teach a diverse classroom is a key factor in bridging the gap between the vision of inclusive education and actual practices on the ground« (EU-Kommission 2019, S. 6).
Die Qualifizierung der in inklusiven Schulen tätigen pädagogischen Lehrkräfte wird in den internationalen Dokumenten also konsistent eingefordert, dabei geht es zentral um ein Bewusstsein, um die besonderen Bedürfnisse von Lernenden mit Behinderung und um die pädagogischen Fähigkeiten, sie zu beantworten.
Der erste Nationale Aktionsplan Deutschlands (vgl. BMAS 2011) nimmt diese Aufgabenstellung programmatisch auf, indem Qualifizierungsinitiativen zu Fragen der inklusiven Bildung angekündigt werden, die dann in der Qualitätsoffensive Lehrerbildung (QLB) und in einer Förderlinie der Empirischen Bildungsforschung durch das BMBF umgesetzt werden. In diesem Zusammenhang ist auch die Überarbeitung der Empfehlungen zur sonderpädagogischen Förderung durch die Kultusministerkonferenz (KMK) zu sehen (vgl. ebd.), die inzwischen für den Sonderpädagogischen Unterstützungsbedarf Lernen veröffentlicht wurde (vgl. Asmussen & Ehlers 2019; Heimlich & Hillenbrand, im Druck).
In der 2016 verabschiedeten Überarbeitung des Nationalen Aktionsplan zum Nationalen Aktionsplan 2.0 (vgl. BMAS 2016) wird die Reform der Lehrerinnen- und Lehrerbildung für ein inklusives Bildungssystem ohne Bezüge zu behinderungsspezifischen Fähigkeiten beschrieben: Es geht um eine
»strukturelle und inhaltliche Verbesserung des gesamten Prozesses der Lehrerbildung, insbesondere der Lehrerbildung für inklusive Pädagogik bis in die berufliche Einstiegsphase und Weiterbildung […]. Förderziel ist insbesondere die Fortentwicklung der Lehrerbildung in Bezug auf die Anforderungen der Heterogenität und Inklusion« (BMAS 2016, S. 51).
Die Förderlinie des BMBF wird nach einer Entscheidung der Bundesregierung 2018 nicht mehr fortgesetzt und die als konkrete Maßnahme noch genannte Verleihung des Jakob-Muth-Preises wurde letztmals 2019 durchgeführt.
Die KMK erwähnte in ihren Empfehlungen zur inklusiven Bildung (vgl. KMK 2011; KMK 2013) jeweils die Lehrerinnen- und Lehrerbildung als wichtige Aufgabe. Im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Wissenschaft sowie des Deutschen Instituts für internationale pädagogische Forschung wurden Expertisen für die Neuausrichtung der Professionalisierung auf allen Ebenen des Bildungssystems erstellt (vgl. Döbert & Weishaupt 2013), für die Lehrerinnen- und Lehrerbildung wurden zwei Expertisen eingeholt (vgl. Heinrich, Urban & Werning 2013; Hillenbrand, Melzer & Hagen 2013), die auch teilweise kritische Kommentierung erfuhren (vgl. Moser 2013). Die Standards zur Lehrerinnen- und Lehrerbildung der KMK wurden mit Blick auf inklusive Bildung überarbeitet (vgl. KMK 2019). Gemeinsam mit der Hochschulrektorinnen- und Hochschulrektorenkonferenz (HRK) wurde dann 2015 die Empfehlung »Lehrerbildung für eine Schule der Vielfalt« (KMK & HRK 2015) veröffentlicht, in dem die Lehrkräftebildung für Inklusion durch multiprofessionelle Kooperation geprägt sein soll. Additive und integrative Modelle einer Lehrerinnen- und Lehrerbildung für Inklusion werden genannt und die Erprobung neuer Ansätze unterstützt. Zahlreiche und divergierende Stellungnahmen von Fachgesellschaften, Fach- und anderen Verbänden zum Thema versuchen den Aufbau eines inklusiven Bildungssystems und einer Lehrkräftebildung für inklusive Schulen zu akzentuieren und mitzugestalten. Von großer Bedeutung sind die Forschungsaktivitäten zu diesem Thema durch die Fördermöglichkeiten im Rahmen der QLB sowie des Forschungsschwerpunkts Fachkräftequalifizierung für inklusive Bildung des BMBF (2017–2021), die eine ganze Reihe von Forschungsprojekten ermöglichten.
Zieht man die Bilanz aus den Entwicklungen zum Auftrag einer Qualifizierung für inklusive Schulen lässt sich festhalten, dass es in der deutschsprachigen Diskussion vielfältige Bemühungen um die Realisierung von Qualifikation für inklusive Schulen gegeben hat. Die internationalen Texte sprechen explizit das Bewusstsein von Lehrkräften für die besonderen Bedarfe von Lernenden mit Behinderungen an und setzen das spezifische Wissen und Können einer »Special Needs Education« für ein inklusives Bildungssystem als notwendig voraus. In der deutschen Debatte lässt sich seit Unterzeichnung der Konvention eine zunehmende Subsummierung inklusiver Lehrkräftebildung unter den Begriffen von Diversität und Heterogenität beobachten, die sonderpädagogische Expertise spielt hier keine explizite Rolle. Hintergrund mögen die heftigen Auseinandersetzungen um die Berechtigung spezifischer Förderung, von Kategorisierung und Professionalisierung sein. Dennoch stellt sich dann die Frage: Bilden unter der erweiterten Kategorie »Heterogenität« und »Diversität« die spezifischen Kompetenzen, die zur Erfüllung der Bedürfnisse von Personen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen notwendig sind, noch den zentralen Gegenstand zukünftiger Weiterentwicklungen der Lehrkräftebildung? Beantwortet eine Lehrerinnen- und Lehrerbildung für Heterogenität noch die spezifischen Bedarfe von Lernenden mit Beeinträchtigungen und Behinderung?
Es bleibt als Auftrag die Verwirklichung eines inklusiven Bildungssystems und die dafür notwendige Qualifizierung aller Lehrkräfte in den Schulen. Nach dem ersten Länderbericht vor den Vereinten Nationen über die Umsetzung der UN-CRPD zieht der UN-Fachausschuss eine kritische Zwischenbilanz: Ausgehend von der Besorgnis, dass weiterhin »der Großteil der Schülerinnen und Schüler mit Behinderungen […] gesonderte Förderschulen besucht«, wird die Lehrkräftebildung als ein wichtiger Ansatzpunkt der Weiterentwicklung hervorgehoben. Der Fachausschuss empfiehlt,
»die Schulung aller Lehrkräfte auf dem Gebiet der inklusiven Bildung sowie die erhöhte Barrierefreiheit des schulischen Umfelds, der Materialien und der Lehrpläne und das Angebot von Gebärdensprache in allgemeinen Schulen, einschließlich für Postdoktoranden, sicherzustellen« (Vereinte Nationen CRPD 2015, S. 12).
Wie lässt sich die gegenwärtige Situation bezüglich der Qualifikation erfahrungsorientiert beschreiben? Dafür soll ein Blick in die Realität der Industrienationen herangezogen werden; eine solch übergreifende Perspektive verringert die Gefahr der Dramatisierung der Verhältnisse im deutschen Bildungssystem.
2.2 Die Situation: Lehrkräfte in inklusiven Schulen
Die internationale Bestandsaufnahme zur Situation der Lehrkräfte im Kontext inklusiver Schulen, die die OECD im Rahmen der TALIS-Studie (vgl. OECD 2018) erhoben hat, fällt angesichts der Bedeutung und des beschriebenen Auftrags ernüchternd aus. In 25 ausgewerteten OECD-Staaten, wobei Deutschland und Österreich aufgrund des Bildungssystems nicht einbezogen werden konnten, unterrichten 25 % aller Lehrkräfte in Klassen mit einem Anteil von mehr als 10 % der Schülerinnen und Schüler mit diagnostizierten und anerkannten Behinderungen, weitere 54 % der befragten Lehrkräfte unterrichten Klassen mit 1 bis 10 % Schülerinnen und Schülern mit diagnostiziertem und anerkanntem Förderbedarf (vgl. OECD 2018, S. 2). Wenn Inklusion vorrangig als Setting verstanden wird, zeigt sich hier eine weite Verbreitung inklusiver Organisationsformen: Insgesamt 80 % aller Lehrkräfte in der Studie der OECD-Staaten unterrichten bereits Lernende mit Beeinträchtigungen und Behinderungen.
Allerdings berichten die Lehrkräfte in den Klassen mit Lernenden mit besonderen Bedarfen von einschränkenden Rahmenbedingungen: Sie erhalten weniger Ressourcen und professionelle Unterstützung als andere Lehrkräfte, zudem findet hier häufiger ein Personalwechsel statt als in anderen Klassen. Dies führt dazu, dass Schülerinnen und Schüler mit Behinderungen systematisch durch weniger erfahrene und qualifizierte Lehrkräfte unterrichtet werden (vgl. ebd.). Lehrkräfte in solchen Klassen formulieren daher einen hohen Bedarf an Kenntnissen für die Gestaltung inklusiver Lernprozesse (vgl. ebd.), sie fühlen sich dafür nicht gut vorbereitet und wünschen entsprechende Qualifizierungsangebote (vgl. ebd.). Nur 32 % der Befragten nahmen im Jahr vor der Befragung an einer Qualifizierungsmaßnahme teil, davon wiederum schätzten nur 27 % die Angebote als hilfreich für ihre Praxis ein (vgl. ebd.)! Die OECD erkennt hier einen dringenden Auftrag zur Etablierung von qualitativ hochwertigen und praktisch relevanten Qualifizierungsmaßnahmen in den vorbereitenden und in begleiteten Phasen der Lehrerinnen und Lehrerbildung: »Inclusive education is a fairly new concept with important insights into identifying students with special needs, management in high-need classrooms, effective pedagogical approaches for teachers, and parental involvement« (OECD 2018, S. 4). Die Bedeutung der Schulleitung wird in diesem Zusammenhang als hoch eingeschätzt:
»Instructional leadership for school principals is another key lever in improving preparedness for inclusive education. School principals should be supported to be instructional leaders, and collaborative professional development programmes for special needs education should be designed at the school level« (OECD 2018, S. 5).
Wenn die Schulleitungen entsprechende Maßnahmen in ihre Schule implementieren, fühlen sich Lehrkräfte besser vorbereitet und unterstützt für ihre Aufgaben.
Im Ergebnis kommt der Bericht zu umfassenden Anforderungen für alle Phasen der Lehrkräftebildung, um den Bedürfnissen der Lernenden und insbesondere denen mit speziellen Bedarfen gerecht zu werden:
»The low percentage of teachers reporting a positive impact from their professional development signals that there is more to be done regarding the quality of the training offered in special needs education. Also, allocating more experienced and trained teachers to high-need classrooms, and providing continuous support to teachers and schools, can improve the quality of learning experiences of special needs students. This is important to ensure equal learning opportunities for all children and to create the conditions necessary for students with special needs to succeed« (OECD 2018, S. 5).
Diese empirische Beschreibung der ungünstigen Ausgangssituation zur Erfüllung des Auftrags inklusiver Bildung erfordert die Bestimmung der konkreten Aufgaben für Lehrkräfte in inklusiven Schulen. Es stellt sich gemäß der Ausgangslage die Frage: Wie kann die Qualität der professionellen Entwicklung gesteigert werden? Dazu muss zunächst die wissenschaftliche Grundlage geklärt werden.
2.3 Theorien und Projekte zur Qualifizierung für inklusive Schulen
Die Forschungen zur Qualifikation für inklusive Schulen im deutschsprachigen wie auch im internationalen Raum fokussierte zunächst recht häufig die Einstellungen und Haltungen von Lehrkräften im Kontext inklusiver Bildung (vgl. Bless 2017; Hillenbrand, Melzer & Hagen 2013, S. 51; Swanson & Cocchiarella 2013), allerdings erweist sich deren Veränderung als anspruchsvolle Aufgabe mit z. T. widersprüchlichen Ergebnissen (vgl. z. B. Kopp 2009; Male 2011). Die neueren Projekte setzen daher komplexer an und nehmen auf individueller Ebene die Selbstwirksamkeit, das Wissen und Können von Lehrkräften, das zur Bewältigung von Aufgaben in inklusiven Schulen hilfreich ist, stärker in den Blick. Die Bedeutung der Interaktionen im Kontext des Systems Schule werden zugleich in ihrer Bedeutung zunehmend sichtbar.
Zur differenzierten Beschreibung von Qualifikationen der Lehrkräfte dienen Professionalisierungsmodelle, die ein umfassendes Bild des Lehrerberufs abbilden sollen (vgl. Herzog & Makarov 2011). Die aktuell herangezogenen Professionalisierungsmodelle, international wie national, ordnet Terhart (2011) in drei Kategorien ein: kompetenztheoretisch, strukturtheoretisch und berufsbiographisch. Weitgehend durchgesetzt haben sich kompetenztheoretische Ansätze zur Analyse und Weiterentwicklung der Lehrkräftebildung (vgl. Kounina-Habe nicht & Terhart 2020). Diese Modelle wurden aus Aufgabenbeschreibungen heraus entwickelt (vgl. Terhart 2011). Dies hat den Vorteil, dass eine Operationalisierung vorliegt und sie direkt für empirische Untersuchungen sowie für Interventionen genutzt werden können. Die Kompetenzen, die in den verschiedenen Modellen genannt werden (vgl. Baumert & Kunter 2011; Bromme 1997; Elliott 1991; In-TASC 2011; Kudva 1999; Malm & Löfgren 2006; Scriven 1994; Sternberg & Horvath 1995; Weinert 2001), bilden ähnliche Kategorien ab und überschneiden sich häufig.
Das häufig genutzte Modell professioneller Handlungskompetenz COACTIV erweitert die von Shulman (1986) eingeführte Gliederung in fachwissenschaftliches, fachdidaktisches und pädagogisches Wissen (vgl. Baumert & Kunter 2011; Frey & Jung 2011). Professionelle Handlungskompetenz gliedert sich demnach in:
• Professionswissen
• Überzeugungen und Werthaltungen
• Motivationale Orientierungen
• Selbstregulation
Das Professionswissen wiederum lässt sich in fünf unterschiedliche Kompetenzbereiche einteilen:
• Fachwissen (Verständnis von schulnahem Stoff/Aufgaben)
• Fachdidaktisches Wissen (Erklärungswissen)
• Beratungswissen
• Pädagogisches Wissen (Bezugsnormorientierung, Wissen über Lernprozesse)
• Organisations- und Interaktionswissen
Dieses komplexe Modell stellt eher einen Rahmen denn eine empirisch prüfbare Theorie bereit (vgl. Kounina-Habe nicht & Terhart 2020). Für Fragen der Qualifikation für inklusive Schulen verdeutlicht das COACTIV-Modell, dass die Gestaltung inklusiver Bildung neue Aufgaben für Lehrkräfte in allen Kompetenzbereichen stellt. Daher sind zur Professionalisierung der Fachkräfte für Inklusion diese Kompetenzen differenziert in den Blick zu nehmen, und eine große Breite von Forschungsthemen aus verschiedenen fachlichen Zugängen wird sichtbar.
Um diese Themenbreite einzugrenzen, plädieren Tschannen-Moran und Woolfolk Hoy (2001) in einem einflussreichen Beitrag für die Orientierung an den konkreten Aufgaben in spezifischen Kontexten. Damit lassen sich bottom-up die Erfahrungen von Lehrkräften in inklusiven Schulen heranziehen, um daraus vorrangige Aufgaben der Qualifizierung von Lehrkräften bestimmen zu können.
Welche konkreten Aufgaben stellen sich nun für Lehrerinnen und Lehrer in inklusiven Schulen? Die bereits genannte bayerische Untersuchung (vgl. Weiß et al. 2019) definiert die drei Anforderungsbereiche Schulkonzeptentwicklung, Kooperation und Gestaltung von Unterricht. Auf der Basis dieser Anforderungsbereiche zeichnen sich in der empirischen Analyse unterschiedliche Cluster der Befragten ab, und die Bereiche Schulentwicklung, Kooperation und Unterricht können damit als tragfähig gelten. Insbesondere die Frage der Kooperation spielt eine bedeutende Rolle. Die Themenfelder können also Orientierung für Qualifizierungsprojekte bieten.
Die Ergebnisse eines eigenen systematischen Reviews des internationalen empirischen Forschungsstands (440 Treffer mit quantitativen und qualitativen Studien, insgesamt 1472 Lehrkräfte erfasst) zu den Aufgaben von Lehrkräften in inklusiven Bildungssystemen, und zwar von allgemeinen Schulen und von sonderpädagogischen Fachkräften (vgl. Melzer, Hillenbrand, Sprenger & Hennemann 2015), gelangt zu ähnlichen Ergebnissen, die die Tätigkeiten weiter differenzieren. Das Literaturreview bezieht nach einer systematischen, kriterienorientierten Analyse 20 Studien in die Detailanalyse ein. Die Ergebnisse erlauben die Definition von vier gemeinsamen Aufgabenbereichen für alle Lehrkräfte, nämlich Unterricht, Kooperation, Förderplanung sowie die eigene Professionalisierung. In diesen Bereichen finden sich Aufgaben, die durch Lehrkräfte der allgemeinen Schule oder spezialisiert durch sonderpädagogische Lehrkräfte oder gemeinsam erfüllt werden (ebd.), wie die folgenden Ausführungen zeigen.
Unterrichten
Im Unterrichten zeigen sich die meisten Gemeinsamkeiten zwischen Lehrkräften der allgemeinen Schule und sonderpädagogischen Lehrkräften. Neben den klassischen Aufgaben der Vorbereitung, Durchführung und Reflexion des Unterrichtsprozesses werden insbesondere die verschiedenen Formen des Co-Teachings genannt. Die Forderung der UN-Konvention nach effektiver Unterstützung aller Schülerinnen und Schüler wird durch den Einsatz wirksamer, evidenzbasierter Maßnahmen und Unterrichtsmethoden sowie deren Evaluation beschrieben. Die Studien decken hier auch Unterschiede auf: Sonderpädagogische Fachkräfte unterstützen auch die Gruppe im Klassenunterricht und sind insbesondere für die Förderung in der Kleingruppe zuständig, während die Lehrkraft der allgemeinen Schule die Heterogenität der gesamten Klasse im Blick hat und für einzelne Schülerinnen und Schüler Modifikationen des eigenen Unterrichts (Differenzierung) leistet.
Kooperation
Die Kooperation benennt ebenso gemeinsame Aufgaben, insbesondere die Elternarbeit und die Kooperation mit anderen Professionen.
»Während für die Lehrkräfte der allgemeinen Schule jedoch die Kooperation v. a. mit sonderpädagogischen Lehrkräften und Assistenzkräften genannt wird, koordinieren die sonderpädagogischen Lehrkräfte die Kooperationen und leiten Assistenzkräfte an« (Melzer et al. 2015, S. 76).
Förderplanung
Die Aufgabenbereich Förderplanung gilt für beide Gruppen von Lehrkräften, allerdings zeigen sich darin jeweils spezifische Aufgaben. Die analysierten Studien weisen eine klare Aufgabenteilung auf, die durchaus problematisch zu sehen ist: Während die sonderpädagogische Lehrkraft die Förderplanung erstellt, konzipiert und Informationen zur Realisierung an die Lehrkraft der allgemeinen Schule weitergibt, stellt sich für Lehrkräfte der allgemeinen Schule die Aufgabe, diese Planung zu verstehen (!) und umzusetzen. Diese Beschreibung drückt eine fehlende, vielleicht aufgrund der Rahmenbedingungen bisher nicht mögliche Kooperation aus.
Die Qualität der Kooperation stellt auch ein Schlüsselmerkmal in der Clusteranalyse der bayerischen Lehrkräfte dar (vgl. Weiß et al. 2019) und macht ein wichtiges Qualifizierungsthema deutlich.
Eigene Professionalisierung
Die eigene Professionalisierung gilt ebenso für beide Gruppen und bringt eine Aufgabe mit sich: Während sonderpädagogische Lehrkräfte spezialisierte Inhalte, z. B. Trainings zu spezifischen Entwicklungsbereichen, suchen und nutzen, thematisiert die Professionalisierung der Lehrkräfte der allgemeinen Schule stärker Aspekte der curricularen Adaption und des professionellen Selbstverständnisses angesichts des Auftrags inklusiver Bildung.
Angesichts der seit ca. 30 Jahre bestehenden Erfahrungen im Aufbau eines inklusiven Bildungssystems (vgl. McLeskey, Landers, Williamson & Hoppey 2012) lassen sich aus den analysierten Studien zumindest empirische Hinweise für die Aufgabenstellungen für Lehrkräfte in inklusiven Bildungssystemen identifizieren, die einerseits an klassischen Aufgabenbestimmungen anknüpfen (Unterrichten, Kooperieren) und zugleich neues Wissen und Können (Förderplanung, Professionalisierung) verdeutlichen. Die Studien belegen die gemeinsamen und kooperativ zu lösenden Aufgaben für inklusive Bildung, die sich jedoch je nach Professionalisierung für Lehrkräfte der allgemeinen Schule oder sonderpädagogische Fachkräfte durchaus unterscheiden. Die Spezialisierung von Lehrkräften, die auch international zu beobachten ist, stellt nach diesem Ansatz keinen Widerspruch zu einem inklusiven Bildungsverständnis dar, sondern ermöglicht die Erfüllung des Auftrags inklusiver Bildung (vgl. Hillenbrand, Melzer & Hagen 2013). Wenn andere Argumentationen eine grundlegende Veränderung der Lehrerinnen- und Lehrerbildung insgesamt fordern (vgl. Heinrich, Urban & Werning 2013), etwa die Auflösung der bestehenden sechs Lehramtstypen und die Entwicklung hin zu einer stufenbezogenen Lehrerinnen- und Lehrerbildung, in der jeweils auch eine sonderpädagogische Qualifikation vermittelt wird, setzt dies einen durchaus möglichen Weg dar, der aber große Umbrüche in der Neugestaltung der Lehrerinnen- und Lehrerbildung erfordert, die schwerlich zu erwarten sind (vgl. Kounina-Habe nicht & Terhart 2020). Zumindest für die kurzfristigen Handlungsempfehlungen zum Aufbau eines inklusiven Bildungssystems lassen sich dennoch Übereinstimmungen feststellen (vgl. Heinrich et al. 2013):
• Maßnahmen der Fort- und Weiterbildung
• Implementation zentraler Themen sonderpädagogischer Unterstützung in allen Phasen der Lehrerinnen- und Lehrerbildung
• Aufbau professioneller Unterstützungssysteme
• Kooperation und Supervision
• Qualifizierung von Schulleitungen
Nach den bildungspolitischen Programmen, den Expertisen und den Ausschreibungen der Projektförderung zeigten sich dynamische Aktivitäten im Themenfeld. Die aktuellen Forschungsprojekte, die insbesondere von den bundesweiten Förderprogrammen profitieren, greifen mit sehr unterschiedlichen Konzeptionen und forschungsmethodischen Herangehensweisen diese Themen auf. Es liegen aus einer ganzen Reihe von Projekten erste Ergebnisse vor, weitere Ergebnisse sind für die Zukunft zu erwarten, die dann erst eine Synthese des wissenschaftlichen Erkenntnisstands der deutschsprachigen Forschungen sinnvoll machen. Einen ersten leicht zugänglichen Überblick bietet die seit 2019 im Rahmen der Fachkräftequalifizierung für inklusive Bildung online publizierte Zeitschrift »Qualifizierung für Inklusion«, in dessen erstem Heft die Bandbreite der Forschungen zur Qualifikation für inklusive Schulen deutlich wird: Thematisch spannt sich der Bogen von Fragen der Qualifizierung von Assistenzkräften über die Einstellung von Lehramtsstudierenden, die Fortbildung von Lehrkräften für mathematisches Lernen bis zur Analyse von Praxismaterialien. Analog dokumentieren die Berichte zur QLB die Vielfalt der Projekte, unter denen auch zahlreiche Beiträge mit dem Themenschwerpunkt Inklusion und Heterogenität zu finden sind (vgl. BMBF 2018). Forschungsmethodisch bilden qualitative Ansätze einer (re-)konstruktiven Inklusionsforschung einen großen Schwerpunkt, aber auch empirisch-quantitative Projekte sind zu verzeichnen. Erste Ergebnisse sind die Entwicklung einer das Thema Inklusion erfassenden Theoriebildung zur Didaktik (vgl. Frohn, Brodesser, Moser & Pech 2019), die zugleich die Grundlage für ein Projekt zur Lehrkräftebildung in der ersten Phase darstellt (vgl. Brodesser, Frohn, Welskop, Liebsch, Moser & Pech 2020).
Unabhängig von diesen Projekten aus den Förderlinien finden zugleich weitere große Projekte in den Ländern statt, beispielsweise die landesweite Qualifizierung für inklusive Schulen in NRW (vgl. Hennemann et al. 2017), die Qualifizierungsmaßnahmen im Rahmen des Rügener Inklusionsmodells (vgl. Hartke 2017) oder die seit 2010 stattfindende systematische Qualifizierung der Lehrkräfte im Kreis Mettmann (vgl. Krull, Urton, Wilbert & Hennemann 2018). Hier weisen die Befunde die Bedeutung der kollektiven Selbstwirksamkeit in den Schulkollegien und deren Beeinflussung durch das Handeln der Schulleitungen nach (vgl. Urton, Wilbert & Hennemann 2014; 2015). Die Qualifizierungsprojekte für Assistenzkräfte und Schulleitungen sind ebenfalls zu nennen (s. o.).
In diesem Überblick kann man zahlreiche Forschungsaktivitäten zur Qualifizierung für inklusive Schulen feststellen. Ein zukünftiges, systematisches Review und differenzierte Diskussion der Ergebnisse werden – so schon jetzt ersichtlich – durchaus gemischte Befunde zeigen und einen lohnenden Beitrag zur Weiterentwicklung der Qualifikation für inklusive Schulen darstellen. Die aus der TALIS-Studie resultierende Herausforderung besteht insbesondere in der wirksamen Vorbereitung (1. Phase) und Begleitung (2. und 3. Phase) der Lehrkräfte in inklusiven Schulen, deren Ziel das erfolgreiche und gemeinsame Lernen von Lernenden mit besonderen Bedarfen, Beeinträchtigungen und Behinderungen bildet. Welche Ergebnisse können internationale Forschungsprojekte dazu beitragen?
2.4 Internationale Studien
Die internationalen Forschungen unterstreichen die Bedeutung der Lehrkräfte für die Implementation eines inklusiven Bildungssystems: Sie sind die »agents of change in school« (Sokal & Sharma 2017, S. 743; vgl. Engelbrecht 2013). Ein Ausgangspunkt der neueren internationalen Studien zur Qualifizierung für inklusive Schulen liegt in der Beobachtung, dass sich durch inklusive Bildungsprozesse die Komplexität des Lehrerinnen- und Lehrerberufs erhöht und zu großen Bedenken bei Lehrkräften führt (vgl. Cook 2002; Forlin, Keen & Barrett 2008). Schon Wilkins und Nietfeld stellen fest: »Teachers are generally fearful of inclusion because of their lack of knowledge or fear of little support« (Wilkins & Nietfeld 2004, S. 116). Selbst nach jahrzehntelangen und flächendeckenden Erfahrungen mit inklusiven Schulen bleiben solche Besorgnisse bestehen, wie Studien aus Kanada zeigen, wo immerhin 94 % aller Lehrkräfte in inklusiven Klassen unterrichten (vgl. Sokal & Sharma 2017). Die Qualifizierung für inklusive Schulen stellt also eine bleibende und systematische Aufgabe dar – dies steht einem ›konjunkturellen‹ Interesse deutlich entgegen.
Als Rahmenmodell für die empirische Untersuchung der Kompetenzen von Lehrkräften in inklusiven Bildungssystemen greifen die Studien häufig auf die Dimensionen zurück, die auch im World Report on Disabilities (vgl. World Health Organization & World Bank 2011) genannt werden:
• Attitudes oder Beliefs (Einstellungen, Haltungen)
• Knowledge (Wissen)
• Skills (Fertigkeiten, Handlungsmöglichkeiten)
Diese drei Dimensionen stehen in Interaktion zueinander, zahlreiche Forschungen liegen zu Fragen der Einstellungen vor: Während auch in internationalen Studien häufig von grundsätzlich positiven Einstellungen trotz Besorgnissen ausgegangen werden kann, zeigen sich große Bedarfe in den Bereichen Wissen und Können (vgl. Bless 2017; Lancaster & Bain 2019; Swanson & Cocchiarella 2013). Einstellungen zur Inklusion stehen in Zusammenhang mit dem Wissen und Können zur Gestaltung von inklusivem Unterricht (vgl. Stanovich & Jordan 1998; Lindsay 2007; Jordan, Glenn & McGhie-Richmond 2010). Die Einstellung der einzelnen Lehrkraft wiederum wird bedeutsam durch die Einstellungen der Kolleginnen und Kollegen bzw. durch die Zugehörigkeit zu einem Kollegium beeinflusst, sodass dem jeweiligen Schulklima, maßgeblich gelenkt durch die Schulleitung (vgl. Billingsley & McLeskey 2014), bei der Umsetzung inklusiver Bildung eine wichtige Rolle zukommt. Ein von allen Beteiligten getragenes, gemeinsames Leitbild einer inklusiven Schulkultur stellt ein wichtiges Merkmal gelingender inklusiver Schulen dar (vgl. Hoppey & McLeskey 2013). Zwischen einem solchermaßen unterstützenden Schulklima und dem Zutrauen in die eigene Handlungsfähigkeit (Selbstwirksamkeit), z. B. im Kontext von Verhaltensproblemen, besteht eine positive Wechselwirkung (vgl. Hosford & O’Sullivan 2016). Die Kenntnis erfolgreicher Handlungsstrategien der Lehrkräfte, insbesondere zum Umgang mit Verhaltensproblemen im Unterricht, stellt einen wichtigen Faktor für die Einschätzung zur Bewältigung der Aufgaben inklusiver Schulen dar (vgl. Forlin & Cooper 2013).
Blazer fasst zahlreiche englischsprachige Studien zusammen: Insbesondere Lehrkräfte allgemeiner Schulen benötigen demnach systematische Qualifizierung und Unterstützung (vgl. Blazer 2017). Die Gründe sind nachvollziehbar: Sie übernehmen zunehmend Aufgaben der Sonderpädagogik, hatten jedoch meist keine Angebote zur Qualifizierung dafür und berichten von inhaltlich ungenügenden Qualifizierungsangeboten bezogen auf die anspruchsvollen Aufgabenstellungen. Auch die Eltern von Schülerinnen und Schüler mit und ohne Behinderung erleben Lehrkräfte der allgemeinen Schulen als nicht ausgebildet für die notwendige Unterstützung. Die Konsequenz besteht in einer notwendigen, systematischen Unterstützung der Lehrkräfte: »researchers have concluded that rigorous and ongoing professional development is essential to the success of inclusive classrooms« (ebd., S. 1). Es lässt sich also auf Basis des derzeitigen Kenntnisstands empirischer Forschung ein internationaler Konsens zur Notwendigkeit von Qualifizierungsangeboten, gerade auch zu sonderpädagogischen Themen, für alle Phasen der Lehrkräftebildung feststellen.
Als ein zentraler Faktor wird dabei die Selbstwirksamkeit nach Bandura in den Forschungen herangezogen (vgl. Loreman, Sharma & Forlin 2013; Forlin et al. 2015), die insbesondere durch die Vermittlung und Erprobung von Wissen und Können die Professionsentwicklung stärken kann (vgl. Blazer 2017). Wichtige Themen sind auf der Basis empirischer Studien demnach
• die geeigneten Lehrformen für Lernende mit speziellen Bedürfnissen,
• Strategien der differenzierten Instruktion,
• Classroom Management Techniken,
• Merkmale und Einflüsse der Beeinträchtigungen auf das Lernen und
• Prozesse der individuellen Förderplangestaltung (vgl. ebd.).
Wenngleich diese wichtigen Themenfelder zwar in verschiedenen Akzentuierungen, aber dennoch in großer Ähnlichkeit immer wieder durch die Forschung identifiziert werden, gelingt es bisher nicht, die Qualifikation erfolgreich darauf auszurichten, sodass hier von einem Research-to-Practice-Gap gesprochen wird (vgl. McLeskey, Billingsley & Ziegler 2018; vgl. Lancaster & Bain 2019). Insbesondere die Funktion wissenschaftlicher Theorien und Erkenntnisse steht damit in Frage. Welchen Beitrag können wissenschaftsbasierte Bildungsangebote für Lehrkräfte in den verschiedenen Phasen der Lehrerinnen- und Lehrerbildung leisten? Und welche Bedeutung haben damit verbundene Praxiserfahrungen?
In einer Studie im kanadischen Bildungssystem konnte die Relevanz differenziert analysiert werden. Anhand von drei Gruppen von Lehrkräften (Studierende mit Inklusionsinhalten, Lehrkräfte in inklusiver Praxis mit Erfahrung, aber ohne Inklusionsqualifikation, und Lehrkräfte mit Erfahrung und mit Inklusionsqualifikation) konnten Sokal und Sharma (2017) in einer dreijährigen Längsschnittstudie die Relevanz von wissenschaftsbasierten Qualifizierungsangeboten in verschiedenen Phasen der Lehrkräftebildung erfassen. Als abhängige Variablen gingen die Einstellungen, Besorgnisse und die Wirksamkeit des Unterrichtens in die Untersuchung ein, denn positive Einstellungen, niedrige Besorgnisse und hohe Lehrkräftewirksamkeit für inklusive Praktiken werden auf Basis früherer Studien als »important factors that lead to successful inclusive teaching« (Sokal & Sharma 2017, S. 743) bestimmt. Die Ergebnisse belegen deutliche Unterschiede zwischen den Gruppen: Lehrkräfte mit Praxiserfahrungen und Qualifikation für Inklusion zeigen eine höhere Wirksamkeit und eine positivere Einstellung als Absolventinnen und Absolventen der ersten Ausbildungsphase mit Qualifikation, aber wenig Erfahrung mit inklusiven Klassen; diese wiederum hatten geringere Bedenken bezüglich der Inklusion als Lehrkräfte mit Erfahrung, aber ohne Ausbildung in inklusiven Praktiken. Die wissenschaftliche Qualifikation für inklusive Schulen in enger Kombination mit positiven Praxiserfahrungen ist gemäß dieser Studie die bestmögliche Kombination zur Sicherung hoher Qualität inklusiver Bildung. Die Befunde belegen damit durchaus die Wirksamkeit und Notwendigkeit qualitativ hochwertiger Lehrkräftebildung in allen Phasen, insbesondere wenn man bedenkt, dass ohne solche Qualifikationsprozesse die Bereitschaft zum Unterricht in inklusiven Schulen sinkt (vgl. Forlin, Loreman, Sharma & Earle 2009).
Einen weiteren aktuellen Schwerpunkt der internationalen Forschungen stellt die Frage der spezifischen Inhalte und wirksame Formen ihrer Vermittlung dar. Die Wirksamkeit der methodischen Zugänge zur Qualifikation für inklusive Schulen wird in aktuellen Projekten, insbesondere unter Berücksichtigung der verschiedenen Phasen der Lehrerinnen- und Lehrerbildung, mit unterschiedlichen Konzeptionen erprobt und empirisch-quantitativ evaluiert (vgl. Lancaster & Bain 2019; McLeskey et al. 2018). Als Zwischenstand lässt sich festhalten, dass eine enge Verbindung theoretischer Inhalte mit den Implementationsprozessen in die schulischen Praxisfelder, z. B. in Form von Lesson Study, eine besondere Rolle spielt (vgl. Sokal & Sharma 2017), und dabei besitzen die schon genannten positiven Praxiserfahrungen bei der Implementation neuer Kompetenzen eine hohe Bedeutung. Aus den Studien zu solchen Formen der Qualifizierung wird deutlich, dass die Intensität und die qualitativ hochwertige Strukturierung praxisfeldbezogenen Lernens entscheidender ist als der zeitliche Umfang.
2.5 Perspektiven: Elemente hochwirksamer Praxis
Wenn also zahlreiche Forschungsergebnisse für die Realisierung inklusiver Bildung zwar bekannt sind, aber eine systematische Verbreitung von Qualifikationsangeboten fehlt, sowie die bisherigen Angebote nicht als hilfreich eingeschätzt werden, stellt sich die Frage nach den Hindernissen. Ein potentieller Faktor ist dabei die Komplexität von Implementationsprozessen im Prozess des Transfers von Wissenschaft in Praxis (vgl. Cook & Odom 2013). Auch die Implementation sonderpädagogischer Expertise stellt einen komplexen Prozess dar, in dem Faktoren als Gelingensbedingung eine entscheidende Rolle spielen, die nicht in der Hand der einzelnen Lehrkraft liegen (Durlak & DuPre 2008).
Ein weiterer Faktor könnte die Lehrkräftebildung selbst sein, die den Transfer vom Wissen zum Handeln erschwert (vgl. Research-to-Practice-Gap; McLeskey et al. 2018). Die Betonung der theoriegeleiteten Aneignung und Reflexivität und die damit verbundene Praxisferne der Lehrkräftebildung gelten als Problem, infolgedessen wird in Studien und Institutionen eine grundlegende Änderung verlangt:
»These changes require that teacher preparation programs move away from specifying knowledge related to instruction (i. e., learning about teaching), and move toward the identification of a set of complex practices that become the core curriculum of teacher preparation« (McLeskey et al. 2018, S. 6).
Der Lernprozess ist dann in engem Kontakt zu feldbasierten Erprobungen zu validieren.
Als Beitrag zur Überwindung des Research-to-Practice-Gap im Kontext der Lehrkräftebildung für inklusive Schulen und sonderpädagogische Förderung initiierte der Council für Exceptional Children einen Prozess zur Erstellung eines Curriculums auf der Basis der Identifikation von hochwirksamen Praxiselementen für inklusive wie auch spezielle Schulformen. Ein großes Expertenteam formulierte einen Satz von hochwirksamen Maßnahmen, die in einem mehrstufigen Prozess mit Expertinnen und Experten aus Forschung, Lehrerinnen- und Lehrerbildung und schulischer Praxis überarbeitet, im Kontext des CEC diskutiert und in seinem Auftrag publiziert wurden (vgl. McLeskey et al. 2017). Darauf basieren Qualifikationsmodule, die in sehr unterschiedlichen Formaten, z. B. auch als digitale Lernmöglichkeiten, angeboten werden und dadurch für die individuellen Kompetenzen und spezifischen Aufgabenstellungen adaptiert werden können (nachzulesen unter https://highleveragepractices.org/). Hier können auch die unterschiedlichen Zielgruppen, neben Lehrkräften auch Schulleitungen und Assistenzkräfte, relevante Qualifikationen abrufen.
Der Schwerpunkt dieses Ansatzes liegt in der konsensualen Bestimmung relevanter Inhalte, die natürlich auch die Ergebnisse der Evaluationsforschung aufgreift: Die identifizierten, hochwirksamen Praxiselemente für Lehrkräfte der Klassen K-12 sollen sowohl in inklusiven Klassen als auch in speziellen Settings anwendbar sein. Als Voraussetzung wird nachdrücklich und mehrfach die kulturelle Adaption und milieubezogene Sensitivität des pädagogischen Handelns gefordert (vgl. Aronson & Laughter 2016), durch die solche Praxiselemente erst ihre Wirksamkeit entfalten können (vgl. McLeskey et al. 2018). Die Konzeption der hochwirksamen Praxiselemente fordert also explizit die fundamentale Beachtung diverser kultureller, sprachlicher und sozioökonomischer Faktoren, die im Kontext der Schule zu Benachteiligungen führen können.
Die hochwirksamen Praxiselemente gelten damit als zentrale Themen der Qualifikation für inklusive Schulen in allen Phasen der Lehrkräftebildung, die methodisch als praxisbasierte Lehrkräftebildung vermittelt werden sollen. Sie sind eingeteilt in vier Komponenten der Tätigkeit von Lehrkräften:
• Kooperation (Collaboration)
• Assessment,
• sozial-emotionale, verhaltensbezogene Praxiselemente
• Instruktion
Der folgende Kasten stellt dieses Kerncurriculum der Lehrkräftebildung für inklusive und spezialisierte Schulen dar (vgl. McLeskey et al. 2018).
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