Read the book: «Fear Street 58 - Die Mutprobe»

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Inhalt

Kapitel 1 – Zitternd warf Sandra …

Kapitel 2 – Tanja Blanton las …

Kapitel 3 – Sandra keuchte und …

Kapitel 4 – Tanja packte Sam …

Kapitel 5 – „Was?“ Sam machte …

Kapitel 6 – „Bitte ...“, schrie Tanja …

Kapitel 7 – Nora konnte es …

Kapitel 8 – Tanja hielt erschrocken …

Kapitel 9 – „Neeeiiin!“ Noras Schrei …

Kapitel 10 – Zwei Tage lang …

Kapitel 11 – Tanja war sprachlos …

Kapitel 12 – Am Montag in …

Kapitel 13 – Tanja rannte zur …

Kapitel 14 – „Tanja, warum lügst …

Kapitel 15 – Sam zog sich …

Kapitel 16 – Rudy war im …

Kapitel 17 – „Fantastisch!“, rief Tanja …

Kapitel 18 – „Maura, wovon redest …

Kapitel 19 – Nora lachte so …

Kapitel 20 – Die Krankenschwester steckte …

Kapitel 21 – Später an jenem …

Kapitel 22 – „Verschwindet von hier! …

Kapitel 23 – „Niemals“, verkündete Tanja …

Kapitel 24 – Mit dröhnendem Kopf …

Kapitel 25 – Ohne zu zögern …

Kapitel 26 – Tanja blinzelte und …

Kapitel 27 – „Niemand wird entkommen“ …

Kapitel 28 – Sam fing an …

Alle Einzelbände der Reihe Fear Street als eBook

Über den Autor

Weitere Infos

Impressum

1

Zitternd warf Sandra Carter einen Blick über die Schulter. „Bilde ich es mir bloß ein, oder verfolgt mich wirklich jemand?“, fragte sie sich.

„Natürlich bilde ich es mir nur ein.“

Aber warum war es so dunkel? Und weshalb gab es in der Fear Street keine Straßenlaternen? Es war schon schlimm genug, dass sie allein am Friedhof vorbeilaufen musste. Wenigstens ein bisschen Mondlicht hätte sie sich gewünscht.

Die Sohlen ihrer Turnschuhe knirschten auf dem Gehweg, während sie nach Hause eilte. Wieder lauschte sie auf die Schritte hinter sich. Doch die einzigen Geräusche, die sie hören konnte, waren ihre Schritte und das schrille Kreischen einer Katze in der Ferne.

„Warum geh ich eigentlich so spät noch allein nach Hause?“, fragte Sandra sich. Sie schüttelte den Kopf und lief schneller.

Hätte sie sich doch bloß nicht mit Nora gestritten! Dann hätte Nora sie wie immer mit dem Auto nach Hause gefahren.

Aber nein. Jetzt machte Sandra sich Vorwürfe. „Warum muss ich immer so stur sein? Warum habe ich nicht nachgegeben?“

Sandra hatte den Grund für ihren Streit schon wieder vergessen. Nora und sie hatten wie gewöhnlich so getan, als würden sie ihre Hausaufgaben machen, und dabei geredet und gelacht. Dann kamen sie irgendwie auf Gespenster zu sprechen.

„Ich hab eins gesehen“, sagte Nora beiläufig. „Gestern Abend. Als ich am Friedhof an der Fear Street vorbeikam.“

„Ja, klar“, erwiderte Sandra und lachte. „Einen Mann mit einem Fleischerbeil. Er trug eine Maske. Die Geschichte kenne ich schon.“

Noras Gesicht bekam einen verträumten Ausdruck. Sie hatte dunkles braunes Haar, das hinter ihrem hübschen, zarten Gesicht zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden war.

„Nein“, sagte sie leise. „Es war eine Frau. Sie trug ein Hochzeitskleid. Sie schwebte aus einem Grab und starrte mich ein paar Sekunden lang an. Dann war sie verschwunden.“

„Ist das alles?“ Sandra war enttäuscht. „Das ist keine sehr spannende Geschichte.“

„Es ist keine Geschichte“, beharrte Nora. „Es ist wirklich passiert. Ich habe es selber erlebt.“

Nora wandte sich wieder ihren Rechenaufgaben zu. Sie runzelte über eine ihrer Lösungen die Stirn und fing an, sie wegzuradieren.

Sandra wurde wütend. „Komm schon, Nora. Du glaubst doch nicht etwa, dass ich dir das abnehme!“

Nora schaute von ihrem Heft auf. „Wie bitte?“

„Du erwartest doch nicht wirklich, dass ich dir glaube, du hättest ein Gespenst gesehen?“

„Natürlich tue ich das. Schließlich bist du meine beste Freundin, Sandra. Wenn du mir nicht glaubst, wer dann?“

Sandra schwieg. Nora wandte sich wieder ihrem Heft zu.

Sandra versuchte, eine Aufgabe zu lösen, doch sie konnte sich nicht darauf konzentrieren. Die Geschichte war ihr irgendwie unter die Haut gegangen. Ein Gespenst im Hochzeitskleid. Warum beschäftigte sie das so? Sie beugte sich über den Tisch und nahm Nora den Kugelschreiber weg.

„Gib es doch zu“, sagte sie. „Gib zu, dass du die Geschichte erfunden hast.“

Nora gab nicht klein bei. „Ich hab dir bloß gesagt, was ich gesehen habe, Sandra. Kann ich jetzt bitte meinen Stift wiederhaben?“

Sandra schloss die Hand fester um den Kugelschreiber. Ihr war klar, wie kindisch sie sich benahm. „Erst wenn du zugibst, dass du die Geschichte erfunden hast.“

„Aber ich habe sie nicht erfunden“, versicherte Nora. „Also gib mir den Stift zurück.“

Sie versuchte, Sandra den Kugelschreiber aus der Hand zu reißen, doch ihre Freundin war schneller.

Erbost funkelte Nora sie an. „Wenn du mir die Geschichte nicht glaubst, kannst du meinetwegen sofort verschwinden.“

„Wie du willst“, gab Sandra zurück. „Dann gehe ich.“

Und das tat sie auch. Sie hatte ihre Schulbücher eingepackt, ihre Jacke geschnappt und war mit Noras Stift aus dem Haus gestürmt. Dann stopfte sie ihn in ihren Rucksack und fing an zu laufen.

Es war nicht sehr weit. Ihr Haus lag zu Fuß nur zehn Minuten entfernt. Aber warum musste es so dunkel sein?

Eine leichte Brise kam auf. Und Blätter raschelten. Plötzlich wurde die Luft eisig. Eine dichte Wolkendecke hing tief am Himmel und verdeckte den hellen Mond.

Sandra näherte sich dem Friedhof der Fear Street, dessen alte Grabsteine wie schiefe Zähne aus dem Boden ragten. Sie drehte sich hastig um und starrte in die Finsternis hinter ihr.

Irgendwas bewegte sich. Ein dunkler Schatten duckte sich hinter einen Baumstamm.

„Bilde ich mir das bloß ein?

Vielleicht. Vielleicht auch nicht!“

Sandra rannte die Straße entlang und umklammerte ihren Rucksack wie einen Fußball. „Wenn ich beim Schulsport so schnell rennen könnte wie jetzt“, dachte sie und machte noch größere Schritte, „dann würde ich wahrscheinlich den Leichtathletikwettbewerb gewinnen.“

Sie hatte den Friedhof schon fast hinter sich gelassen, als sie stehen blieb, um Luft zu holen. Einer ihrer Schnürsenkel hatte sich gelöst. Sie bückte sich, um ihn zuzubinden.

Als sie sich wieder aufrichtete, erstarrte sie.

Was war das?

Sie hielt den Atem an und lauschte angestrengt. Eine Stimme. Ein kaum hörbares Flüstern.

„Sandra.“

„Renn weg“, ermahnte sie sich. „Lauf, so schnell du kannst.“

Doch ihre Beine rührten sich nicht. Sie blieb wie angewurzelt stehen.

„Sandra“, flüsterte die Stimme wieder. Sie klang verspielt und spöttisch zugleich.

„Nora“, zischte Sandra, „wenn du mir Angst einjagen willst, verzeih ich dir das nie!“

Sie wandte den Kopf in die Richtung des Flüsterns. Es schien vom Friedhof zu kommen.

Plötzlich sah sie eine Wolke am Abendhimmel. Eine Rauchwolke. Entsetzt sah sie, dass der Rauch hinter einem schiefen Grabstein aufstieg.

„Nein. Das gibt es nicht“, dachte sie. „Das kann nicht sein, dass ich hier stehe und das sehe. Bitte, bitte, lass es kein Gespenst sein.“

„Sandra.“

Das Flüstern. Jetzt war es direkt hinter ihr. Direkt in ihrem Ohr.

Sie keuchte, als etwas Kaltes ihren Hals berührte. Etwas Kaltes und Spitzes, das eine rasche, saubere Bewegung ausführte.

Sie spürte die warme Flüssigkeit, noch bevor sie den Schmerz wahrnahm.

Dann griff sie sich mit beiden Händen an den Hals. Als sie die Hände wieder sinken ließ, klebte dunkles Blut daran.

„Meine Kehle“, dachte sie. „Jemand hat mir die Kehle durchgeschnitten.“

Ihre Beine wurden schwach.

Sie sank auf die Knie. Der dunkle Boden kam ihr immer näher.

„Oh.“ Ein leises Stöhnen drang aus ihrer Kehle.

Ihr wurde gleichzeitig heiß und kalt.

Als ihr Rucksack auf den Gehweg prallte, platzte er auf, und der Inhalt kullerte heraus.

„Mein Hals ... Ich blute. Helft mir!“

Blind tastete Sandra auf dem Boden herum und suchte etwas, das sie retten könnte.

Aber sie fand nur einen Bleistift.

2

Tanja Blanton las das Ende der Geschichte und sah sich erwartungsvoll im Raum um. Sie merkte, dass ihren Freunden des Horrorclubs die Erzählung gefallen hatte.

„Ich glaube, die Geschichte ist ein richtiger Hit“, dachte Tanja und zwinkerte Sam zu. Er lächelte kurz zurück.

„Wow.“ Rudy sagte als Erster etwas. Seine braunen Augen funkelten begeistert hinter seinem schwarzen Brillengestell. „Das war echt Klasse, Tanja.“

„Mir liefen Schauer über den Rücken – ehrlich“, stimmte Maura zu. „Ich meine, ich konnte das Blut sogar spüren, das ihr den Hals herunterrann.“

Rudy kicherte heiser und legte seine Hände um Mauras Kehle.

„Rudy, lass mich in Ruhe!“ Maura wand sich aus seinem Würgegriff. „Müsstest du nicht längst im Bett sein?“, murmelte sie.

„Heute Nacht kann ich sowieso nicht schlafen. Nicht nach so einer Geschichte!“, verkündete Rudy. Er wandte sich an Nora, die sich in einer anderen Ecke auf dem Fußboden räkelte. „Hey, Nora, kannst du mir einen Bleistift leihen?“

Alle lachten.

Nora grinste Rudy an. „Seit wann weißt du, wie man einen Bleistift benutzt?“

„Oh! Jetzt hat sie es dir aber echt gegeben, Mann!“, sagte Sam zu Rudy. Er sprang blitzschnell von der Couch auf und schlug Rudy ein paarmal kraftvoll auf den Rücken.

„Hört schon auf“, meinte Nora. „Und lasst uns über Tanjas Geschichte reden.“

„Okay. Und was ist die Moral von der Geschichte?“, fragte Rudy grinsend.

„Leihe dir von Nora niemals einen Bleistift aus!“, erwiderte Sam.

Alle lachten.

Nora schüttelte den Kopf. „Ganz falsch. Die wahre Moral der Geschichte ist, dass ihr mir immer glauben sollt“, sagte sie und zwirbelte eine ihrer dunkelbraunen Locken zwischen den Fingern. „Wenn ich sage, ich habe ein Gespenst gesehen, dann habe ich auch ein Gespenst gesehen.“

„Schuhu!“, machte Maura und verdrehte die Augen.

Tanja hörte nur zu, während alle anderen fünf Clubmitglieder anfingen, durcheinander zu reden. „Den Horrorclub zu gründen, war eine Superidee“, dachte sie. Die sechs Freunde trafen sich regelmäßig, tauschten Gruselgeschichten aus und jagten einander Angst ein. Es war jedes Mal wie eine Mutprobe.

Tanja war stolz darauf, die Autorin der Gruppe zu sein. Ihr gefiel der Augenblick am besten, wenn sie eine ihrer Geschichten zu Ende vorgelesen hatte. Dann bewunderten alle sie und fragten sich, wie sie bloß jede Woche eine neue Gruselgeschichte erfinden konnte.

Alle außer Sam natürlich. Denn er kannte ihr schmutziges Geheimnis. Er wusste, dass sie in den vergangenen Wochen nicht mehr zum Schreiben gekommen war.

Und so hatte Sam die letzten Geschichten für sie geschrieben.

Tanja verdrängte den Gedanken und merkte plötzlich, dass ein Mitglied des Clubs merkwürdig still war.

„Sandra?“, fragte sie. „Stimmt irgendwas nicht? Bist du in Ordnung?“

Sandra saß allein auf einem Sessel und ließ ihre langen Beine über die Armlehnen baumeln. Als Tanja ihr angespanntes Gesicht sah, packte sie das schlechte Gewissen.

„Aber ich war es doch gar nicht“, erinnerte sie sich. „Ich habe die Geschichte nicht geschrieben. Sam war es.“

„Was hast du, Sandra?“, hakte sie nach. „Hat dir die Geschichte nicht gefallen?“

Sandra befühlte ängstlich ihren Hals. Sie war ein hübsches Mädchen, groß und schlank, mit hohen Wangenknochen und schönen braunen Augen, die von ihrer dunklen Haut noch betont wurden. Wie immer trug sie die Sportjacke der Shadyside Highschool, die in den Farben Rotbraun und Grau gehalten war.

„Ob sie mir gefallen hat?“ Ungläubig riss Sandra die Augen auf. „Ich fand sie schrecklich! Warum nimmst du unsere Namen für deine Geschichten?“

Tanja hatte Sam dasselbe gefragt, als er ihr die Geschichte vor ein paar Stunden gezeigt hatte. Sie hatte eine Hausarbeit in Erdkunde fertig machen müssen, und deshalb hatte er angeboten, die Gruselgeschichte für sie zu schreiben.

Jetzt gab Tanja Sams Antwort an Sandra weiter. „So ist es doch viel gruseliger, findest du nicht auch?“

„Na ja, lass zumindest meinen Namen das nächste Mal bitte weg“, warnte Sandra sie. „Ich mag es nicht, wenn man mir die Kehle durchschneidet – noch nicht mal in einer blöden Geschichte.“

„Blöde Geschichte?“, stieß Tanja geschockt aus. Sie fühlte sich, als hätte man ihr gerade ein Messer ins Herz gestoßen.

Sandra sah sie genervt an. „Du weißt, was ich meine“, murmelte sie. „Ich will nicht mehr in den Geschichten vorkommen, okay?“

„Ich finde es voll cool, echte Namen zu verwenden“, warf Maura ein. „Dadurch wird es doch viel realistischer. Man kann sich richtig gut vorstellen, wie der Person die Kehle durchgeschnitten wird.“

„Aber ich will es mir gar nicht vorstellen!“, jammerte Sandra und griff sich erneut an den Hals.

Alle lachten.

Tanja sah Maura überrascht an. Maura war ein dickes rothaariges Mädchen mit großen grünen Augen und vielen Sommersprossen auf ihrem runden, einfachen Gesicht. Tanja war mehr als erstaunt, dass Maura sie verteidigt hatte. Denn seit Maura und Sam sich getrennt hatten und nun Tanja mit Sam zusammen war, hatte Maura ansonsten kein gutes Haar an ihr gelassen.

Sie fragte sich, ob Maura die Trennung von Sam endlich überwunden hatte. „Vielleicht können wir jetzt wieder Freunde sein“, dachte Tanja hoffnungsvoll. „Vielleicht können wir aufhören, uns anzugiften.“

Doch dann sah sie, dass Maura Sam anlächelte. „Sollte ich dir womöglich auch ein Kompliment für die Geschichte machen?“, fragte Maura ihn listig.

Sam tat so, als hätte er keine Ahnung, was Maura damit meinte.

Aber Tanja spürte, dass sie rot wurde. „Hey! Was willst du damit sagen?“

Maura zuckte mit den Schultern und fuhr sich mit der Hand langsam durch ihr kurzes, glänzendes Haar. „Das einzig Vorteilhafte an ihr“, dachte Tanja gehässig.

Tanjas Haar war noch viel hübscher – lang, blond und seidig, die vollkommene Ergänzung zu ihren klaren blauen Augen. Sie wusste, wie gut sie aussah. Und es gab außerdem immer genügend Jungen, die sie daran erinnerten.

„Ach, tu bloß nicht so unschuldig, Tanja“, sagte Maura. „Willst du etwa behaupten, Sam würde dir nicht bei deinen Geschichten helfen – so, wie er dir in Mathe hilft?“

„Er hat mir nicht geholfen“, protestierte Tanja. „Ich habe diese Geschichte selber geschrieben. Jedes einzelne Wort! Sag es ihr, Sam.“

Sam saß neben Maura auf der roten Couch. Er war groß und schlank, hatte dunkles, lockiges Haar und hübsche Gesichtszüge. Verlegen schlug er die Beine übereinander. „Äh, was immer du sagst“, steuerte er bei.

„Eine große Hilfe“, dachte Tanja verbittert. Sie fragte sich, ob er ihr Geheimnis Maura womöglich verraten hatte. Manche Jungs waren so seltsam und blieben ihrer Exfreundin noch ewig treu.

Manchmal wunderte Tanja sich, warum sie eigentlich mit Sam zusammen war. Er redete kaum noch mit ihr und küsste sie so gut wie nie. Ein toller Freund.

„Er macht bloß noch meine Hausaufgaben. Nächste Woche schreibe ich die Geschichte wieder selber“, schwor sie sich.

Sie lächelte Maura an. „Okay, Maura, was hältst du davon, wenn meine nächste Story von dir handelt? Natürlich wirst du das Opfer sein.“

„Solange du dafür sorgst, dass ich durch Schokolade sterbe!“, witzelte Maura.

Alle außer Sandra lachten. Sie kletterte aus ihrem Sessel und reckte träge ihre langen Arme in die Höhe. „Jetzt drehst du total durch, Tanja, oder?“, sagte sie.

„Sandra, was hast du für ein Problem?“, gab Tanja zurück.

„Andere Leute haben auch Gefühle“, beschwerte sich Sandra. „Daran solltest du dich erinnern, wenn du eine neue Geschichte schreibst.“

Tanja sah sich im Zimmer um. Alle beobachteten sie und warteten auf ihre Antwort. Sie versuchte, die angespannte Atmosphäre mit einem Scherz aufzulockern.

„Und was stimmt mit mir sonst alles nicht?“, fragte sie. „Wir können ja eine Liste meiner Fehler von A bis Z machen.“

„Dafür reicht meine Zeit nicht“, witzelte Sandra. „Ich muss um elf zu Hause sein!“

Maura brach in lautes Gelächter aus. Und auch die anderen grinsten.

Tanja spürte, wie gereizt sie wurde. Sie konnte es nicht leiden, ausgelacht zu werden.

Aber Sandra war jetzt nicht mehr zu bremsen. „Warte mal“, sagte sie und kratzte sich nachdenklich am Kinn. „Warum beginnen wir nicht mit A. Arrogant fängt mit A an, nicht wahr?“

„Hey, du kannst ja buchstabieren!“, erwiderte Tanja sarkastisch.

„Mir fällt auch was mit B ein“, fuhr Maura kichernd fort.

Tanja wartete darauf, dass jemand etwas zu ihrer Verteidigung sagte, doch alle blieben stumm. Sogar Sam. „Toller Freund“, dachte sie unglücklich.

„Angeberisch fängt auch mit A an“, sagte Sandra in die Pause und grinste höhnisch.

Tanja holte tief Luft. Sandra war immer sarkastisch. Sie spielte gerne die Coole. Aber dieses Mal ging sie zu weit.

„Ich muss sie dazu bringen aufzuhören, bevor ich platze“, dachte Tanja. „Aber was kann ich tun?“

Dann fiel ihr das Messer in ihrer Jeanstasche ein! Sie hatte es ganz vergessen.

„Das wird Sandra dazu bringen, mich in Ruhe zu lassen.“

Ruhig und gelassen ging Tanja durchs Zimmer, bis sie vor Sandra stand. Sie steckte die Hand in die Tasche und holte das Klappmesser heraus.

Als die Klinge aufsprang, riss Sandra erschrocken den Mund auf. Schützend hob sie beide Hände.

„Wie wär’s mit einer Entschuldigung?“, fragte Tanja und zielte mit dem Messer auf ihre Brust. „Ich glaube, die fängt mit E an.“

Tanja wartete Sandras Antwort nicht ab.

Sie hob das Messer hoch und stieß es Sandra in die Brust. Sie zielte auf ihr Herz.

Sie zielte genau richtig.

3

Sandra keuchte und riss ungläubig die Augen auf.

Ihre Arme schossen nach vorne. Dann wich sie zurück und hielt sich die Hände vor die Brust.

Tanja hörte die erschrockenen Schreie der anderen hinter sich.

Sie hielt das Messer hoch und zeigte ihnen die blitzende silberne Klinge. Dann fing sie an zu lachen. „April, April!“, rief sie spöttisch.

Fassungslos schaute Sandra auf ihren Pullover herab. Kein Blut.

„Hey“, stieß sie eher erstaunt als wütend aus.

Lachend drückte Tanja sich die Klinge in ihre offene Hand. Statt die Haut zu verletzen, verschwand die Klinge im Messergriff.

„Wahnsinn!“, hörte sie Rudy aufschreien. „Das ist ja ein Trickmesser.“

Tanja stieß sich das Messer in die Brust. Dann zog sie es wieder heraus und hielt es hoch. „Genau, die Klinge wird bloß in den Griff gedrückt.“

„Cool!“, rief Rudy und kam auf sie zu. „Kann ich es mal sehen?“

Tanja gab ihm das Messer. Sie hatte es am Nachmittag in einem Schreibwarengeschäft gekauft. Es war ein Messer, wie es auch auf der Bühne und im Film verwendet wurde. Sie hatte geahnt, dass es für das Treffen am Abend nützlich sein könnte.

Ihre Freunde lachten und unterhielten sich über ihren kleinen Streich. Nur Sandra wirkte immer noch wie betäubt.

Tanja freute sich über ihren Triumph. Doch dann überkam sie ein merkwürdiges Gefühl.

Ein kalter Schauer rann über ihren Rücken. „Es wäre so leicht, wirklich jemanden umzubringen“, dachte sie plötzlich.

So einfach und schnell.

Was für ein komischer Gedanke ...

Tanja sah zu Sandra hinüber, die immer noch mitten im Raum stand. Obwohl sie unverletzt war, war sie wie erstarrt. Sie hielt die Hand auf die Stelle, an der das Messer sie berührt hatte.

Tanja hoffte, dass sie ihre Freundin nicht zu sehr erschreckt hatte. Sie streckte die Hand aus, um Sandra zu besänftigen.

Doch Sandra zuckte zurück. „Tanja“, zischte sie, „rühr mich nicht an. Ich meine es ernst.“

„Was ist denn los?“, fragte Tanja scherzhaft. „Das hier ist der Horrorclub. Kannst du keinen Scherz vertragen?“

„Einen Scherz?“ Sandra schüttelte den Kopf. „Du hast wirklich einen merkwürdigen Humor.“

„Sandra“, flehte Tanja, „sei mir bitte nicht böse!“

Sandra sah sie kalt an. Zornig kniff sie die großen, mandelförmigen Augen zusammen. „Du kennst mich doch, Tanja. Ich bin nicht böse, ich räche mich bloß.“

Wie immer versuchte Nora, die beiden Streithähne zu beruhigen. „Na, kommt schon. Es ist vorbei. Können wir das Ganze nicht einfach vergessen?“

Sandra starrte Tanja an und wiederholte nur eisig: „Wie ich schon sagte, ich bin nicht böse, ich räche mich bloß.“

Ein paar Minuten später war das Treffen zu Ende. Sandra und Nora brachen gemeinsam auf. Tanja begleitete sie an die Tür und hoffte, dass Sandra ihre Entschuldigung annehmen würde. Doch Sandra starrte Tanja nur kalt an und verabschiedete sich mit wenigen Worten.

Gekränkt ging Tanja ins Zimmer zurück und sah Maura und Sam eng nebeneinander auf dem Sofa sitzen. Sie unterhielten sich leise.

Tanja beobachtete sie von der Tür aus. Als Sam den Horrorclub vor ein paar Monaten gegründet hatte, waren Maura und er schon ein ganzes Jahr zusammen gewesen.

Doch es hatte so ausgesehen, als wollte er Maura loswerden. Immer wieder hatte er Tanja um eine Verabredung gebeten, bis sie endlich zugestimmt hatte. Ihr war zwar klar gewesen, dass es ihre Freundschaft mit Maura zerstören würde. Aber sie fühlte sich zu Sam so stark hingezogen wie zu keinem anderen Jungen.

Nun sah sie, wie Maura lachte und Sam leicht am Handgelenk berührte.

„Warum bin ich denn gar nicht eifersüchtig?“, wunderte Tanja sich. „Habe ich etwa schon genug von Sam?“

Noch vor zwei Monaten hatte sie geglaubt, ernsthaft in ihn verliebt zu sein. Jetzt war sie sich nicht mehr so sicher.

Sam hatte sich seit dem Tod seines Vaters vor drei Wochen stark verändert. Manchmal wirkte er so distanziert. Fast wie ein Fremder.

„Hey.“ Rudys Stimme ließ sie zusammenschrecken. Sie hatte ganz vergessen, dass er auch noch da war. Er war ganz leise an sie herangetreten. „Das war eine tolle Geschichte“, sagte er.

„Danke“, erwiderte Tanja unbehaglich.

Rudy lächelte sie an. Er war kleiner als Tanja, doch erstaunlich muskulös, seit er Kraftsport machte. Seine sanften braunen Augen sahen sie interessiert an.

Tanja hatte seine schönen Augen noch nie wahrgenommen. Rudy wirkte stark und gleichzeitig einfühlsam auf sie.

„Ich glaube, du wirst eines Tages berühmt“, prophezeite Rudy. „Tanja Blanton, Bestsellerautorin von Horrorgeschichten. Die Leute werden Schlange stehen, um deine gruseligen Geschichten zu lesen.“

„Ehrlich?“ Tanja war geschmeichelt. „Glaubst du das wirklich?“

„Klar glaube ich das“, sagte Rudy.

Er hatte den Satz kaum beendet, als Maura durchs Zimmer stürmte und ihn am Arm packte. „Worüber redet ihr beide?“, fragte sie misstrauisch.

„Nichts“, antwortete Tanja harmlos. „Wir reden bloß über meine Geschichte.“

„Heute sind alle so genervt“, bemerkte Maura, während sie Rudy immer noch am Arm festhielt und ihn zur Tür zog. „Das verstehe ich gar nicht.“

Auf dem Weg nach draußen warf Rudy noch einen Blick zurück. „Wir sehen uns in der Schule“, rief er Tanja zu.

„Nicht, wenn ich es verhindern kann!“, witzelte Tanja.

„Was für ein toller Spruch“, hörte sie Maura murmeln. Dann gingen beide hinaus.

Sam kauerte immer noch auf der Couch und starrte zerstreut auf seine Turnschuhe. „Jetzt sind nur noch wir beide übrig“, dachte Tanja.

Sie setzte sich neben ihn und nahm seine Hand. Sie wünschte, es gäbe etwas, womit sie ihn aufmuntern könnte. Früher hatte er eine absolute Schwäche für Scherze wie den mit dem Trickmesser gehabt. Tanja und er hatten stundenlang über den größten Blödsinn lachen können.

Doch in letzter Zeit wirkte er fast immer düster.

„Bist du okay?“, fragte sie leise.

„Ja. Mir geht es gut“, erwiderte er abwehrend.

Tanja zuckte mit den Schultern. „Du bist heute Abend so still.“

Sam schwieg. Sie hasste es, wenn er so verschlossen war. Als würde sie gar nicht existieren. Sie nahm seine Hand und verschränkte ihre Finger mit seinen. „Die Geschichte, die du für mich geschrieben hast, ist super angekommen“, murmelte sie. „Es war toll von dir, mir damit auszuhelfen.“

„Das hab ich gern getan“, sagte er und drückte sanft ihre Hand. „Es hat mir Spaß gemacht.“

Tanja spürte ein leises Schuldgefühl. Sam hatte auch die letzten drei Geschichten für sie geschrieben. Sie war immer mit anderen Dingen beschäftigt gewesen, doch ihm schien es nichts auszumachen.

Aber jetzt machte sie sich Sorgen. Vor allem, weil die anderen Clubmitglieder anscheinend Verdacht geschöpft hatten. Sie fürchtete um ihre Position als Clubautorin.

„Du hast Maura doch nicht etwa gesagt, dass du die Geschichte geschrieben hast, oder?“, fragte Tanja nervös.

Sofort zog Sam seine Hand weg. „Hey, nie im Leben.“

„Gut.“ Sie war erleichtert. „Ich glaube, Maura kann mich nicht ausstehen. Ich meine ...“

Sam unterbrach sie, indem er sie sanft auf die Lippen küsste. Tanja war angenehm überrascht. Sie wünschte sich, dass der Kuss andauerte. Sie wollte sich an die schöne Zeit erinnern, bevor Sam sich verändert hatte.

„Er sieht so gut aus“, dachte sie. Sie liebte es, wie seine dunklen Locken ihm ins Gesicht fielen, wie süß er aussah, wenn er lächelte. Damals, als er noch lächeln konnte.

„Wir waren so glücklich ...“

Sam rückte von ihr ab, als könnte er ihre Gedanken lesen. Sein Blick war in die Ferne gerichtet.

„Sam?“ Tanja wedelte mit der Hand vor seinem Gesicht herum. „Bist du noch da? Stimmt irgendwas nicht?“

Er nickte langsam. Seine Stimme zitterte. „Ich kann nicht anders. Ich muss dauernd an meinen Vater denken ...“

Sofort fühlte sie sich schlecht. Natürlich hatte Sam sich verändert. Sein Vater war ja vor kurzem gestorben.

„Es tut mir so leid“, murmelte sie.

„Es ... es gibt da etwas, was ich dir nicht erzählt habe“, sagte er zögernd. Sein Gesicht verdüsterte sich.

Sie wartete darauf, dass er weiterredete.

„Ich habe ihn gefunden. Er saß ganz normal an seinem Schreibtisch. Er saß aufrecht da, als würde er noch leben. Und in seinem Kassettenrekorder lief ein seltsames Band. Ganz laut.“

Sam holte tief Luft. Dann stieß er sie langsam aus und fuhr fort: „Ich sah ihn vor dem Kassettenrekorder sitzen. Ich ... ich bin hingegangen und hab was gesagt, und er ... er hat nicht geantwortet. Dann bin ich noch näher gekommen. Seine Augen waren zwar offen, aber er hat nicht mehr geatmet. Ich habe einen Krankenwagen gerufen, aber es war schon zu spät.“

„Haben sie festgestellt, woran er gestorben ist?“, fragte Tanja leise.

Sam schüttelte den Kopf. „Es ist ein Rätsel, Tanja. Ein absolutes Rätsel. Die Ärzte, der Leichenbeschauer – keiner konnte es herausfinden. Und zum Schluss haben sie bloß angegeben, dass es ein natürlicher Tod war.“

„Das ist echt furchtbar.“ Ihre Worte klangen hölzern. Doch Tanja wusste nicht, was sie sonst sagen sollte.

„Es geht noch weiter“, meinte Sam, ohne sie anzusehen. „Die schlechten Neuigkeiten hören nicht mehr auf.“

„Was ist es?“, fragte Tanja zögernd.

„Dad hat uns nichts hinterlassen, wir sind so gut wie pleite. Vielleicht müssen wir sogar aus diesem Haus ausziehen. Kannst du dir das vorstellen?“

„Das tut mir wirklich leid.“ Tanja streichelte seinen Arm und versuchte, ihn zu trösten. „Es wird schon wieder werden“, sagte sie.

„Das muss es auch!“, stieß Sam aus. Plötzlich veränderte sich sein Gesichtsausdruck. Er sprang vom Sofa auf. „Ich will dir was zeigen“, sagte er und kniff die Augen zusammen. „Etwas sehr Seltsames.“

Tanja folgte Sam die Treppe hinauf zu seinem Zimmer im ersten Stock. Sie gingen leise, um Mrs Varner nicht zu wecken, die auf der Couch im Wohnzimmer eingeschlafen war. Sam hatte erzählt, dass sie seit dem Tod ihres Mannes nicht mehr in ihrem Zimmer schlafen konnte.

Sams Zimmer war zwar kaum groß genug für sein Bett, den Schreibtisch und den Schrank, doch es war ordentlich. An einer Wand hing das Poster eines Basketballspielers. An der Schranktür lehnte seine Gitarre.

Tanja starrte auf das gerahmte Foto, das auf seiner Kommode stand. Es war ein Schnappschuss von Sam und ihr, der bei einem Schulball gemacht worden war. Es war ein lustiges Bild, auf dem beide idiotisch grinsten.

Als Tanja sich von der Kommode abwandte, merkte sie, dass sie in ein Schlafzimmer im Nachbarhaus sehen konnte. Die Vorhänge waren offen, und es brannte Licht. Tanja konnte im Hintergrund des Zimmers unscharf eine Person erkennen.

Sam holte eine Kassette aus seiner Schreibtischschublade. „Ich spiele dir jetzt etwas vor“, sagte er ernst.

„Eine Kassette? Meinst du Musik?“

„Nein.“ Er steckte die Kassette in den Rekorder.

In diesem Augenblick tauchte im Fenster des Hauses nebenan ein Gesicht auf. Überrascht fuhr Tanja zusammen. Sie blinzelte und versuchte, das Gesicht deutlicher zu sehen.

Es schien unmöglich.

„Sam, sieh mal. Das ist Maura“, flüsterte sie erschrocken. „Spioniert sie uns nach? Was macht sie da drüben?“

The free sample has ended.

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