Read the book: «Fear Street 56 - Die Wette»

Inhalt
Prolog
Kapitel 1 – Ich glaube, es …
Kapitel 2 – Ein Wasserstrahl schoss …
Kapitel 3 – Vor Schreck hielt …
Kapitel 4 – Böse funkelte Mr Northwood …
Kapitel 5 – Danach wurde Dennis …
Kapitel 6 – Als ich aufsprang …
Kapitel 7 – Erstarrt blieb ich …
Kapitel 8 – Mein Herz klopfte …
Kapitel 9 – Ich lachte. „Das …
Kapitel 10 – Doch so war …
Kapitel 11 – „Äh ... genau“, stimmte …
Kapitel 12 – Mr Northwood! Regungslos wie …
Kapitel 13 – Aber die Pistole …
Kapitel 14 – „Hey, wie geht’s?“ …
Kapitel 15 – Dennis und Lanny …
Kapitel 16 – „Verdammt!“, schrie ich …
Kapitel 17 – Mr Northwood! Das war …
Kapitel 18 – „Helft mir!“, stöhnte …
Kapitel 19 – Dennis senkte sein …
Kapitel 20 – „Viel Glück, Johanna.“ …
Kapitel 21 – Ich starrte aus …
Kapitel 22 – Das war wieder …
Kapitel 23 – Meine Hand zitterte …
Kapitel 24 – „Johanna!“ Ich fuhr …
Kapitel 25 – Der Samstag kam …
Kapitel 26 – Erschrocken ließ ich …
Kapitel 27 – Ich zielte mitten …
Kapitel 28 – Meine Knie fingen …
Kapitel 29 – Ich erstarrte. Carol …
Kapitel 30 – Nein, das tat …
Kapitel 31 – „Hey, der lebt …
Alle Einzelbände der Reihe Fear Street als eBook
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Impressum
Prolog
Bin ich das wirklich?
Das fragte ich mich immer wieder, während ich durch den Garten ging.
Die Pistole in meiner Hand fühlte sich heiß an, so heiß, als würde sie gleich in Flammen aufgehen.
Bin ich das wirklich?
Habe ich wirklich eine geladene Waffe in der Hand?
Werde ich sie tatsächlich benutzen?
„Johanna, die Mörderin.“
Werden sie das in Zukunft von mir sagen?
„Sie war immer ein stilles Mädchen. Eher unscheinbar.“ So werden die Nachbarn mich in der Zeitung beschreiben. „Johanna lebte bei ihrer geschiedenen Mutter. Sie hatten nicht viel Geld. Johanna schien nur wenige Freunde zu haben. Doch sie hat immer so freundlich gelächelt. Das hätte niemand von ihr gedacht!“
Wer hätte gedacht, dass ich eine Mörderin war?
Vielleicht bin ich gar keine.
Vielleicht ist es doch jemand anders, der sich gerade in den Nachbargarten schleicht, um meinen Lehrer umzubringen.
Ich meine, würde ich meinen Lehrer wirklich nur wegen einer blöden Wette erschießen?
Vielleicht ist es bloß wieder einer meiner Tagträume.
Ich habe in letzter Zeit viele Tagträume. Ich stelle mir so viele schreckliche Dinge vor.
Vielleicht bilde ich es mir wieder bloß ein.
Mein Bauch tut sehr weh. So schlimme Magenschmerzen hatte ich noch nie.
Meine Hand schwitzt.
Ich habe wahnsinnige Angst.
Bin ich das wirklich?
Ja.
Ich hebe die Pistole hoch.
Ich lege den Finger auf den Abzug.
Sobald ich ihn erschossen habe, wird es mir viel besser gehen.
Kapitel 1
Ich glaube, es fing vor einigen Wochen im Supermarkt an.
Es war kurz nach acht, und es war ein kalter, klarer Abend. Ich weiß noch, dass die Sterne am Himmel ein bisschen wie Schneeflocken aussahen.
Meine beste Freundin Margaret Rivers und ich fuhren in ihrem kleinen weißen Auto zu dem Supermarkt, um Hot Dogs zu kaufen. Ob ihr es glaubt oder nicht: Das war mein Abendessen.
Ihr müsst wissen, dass meine Mutter seit der Scheidung von meinem Vater zwei verschiedene Jobs hat. Sie arbeitet jeden Abend sehr lange. Manchmal sehe ich sie tagelang nicht. Deshalb ist es wirklich selten, dass wir gemeinsam zu Abend essen.
Margaret und ich standen also vor der Theke und bestellten Hot Dogs. Wir wirken nicht so, als hätten wir irgendwas gemeinsam. Doch vielleicht ist das der Grund, warum wir so gut miteinander befreundet sind. Ich bin klein und dünn. Ich habe dunkelbraune Augen, und das Schönste an mir ist mein langes, glattes schwarzes Haar. Meine Nase ist zu spitz, und ich hasse das Grübchen in meinem Kinn. Aber das gehört nicht hierher.
Margaret ist fast einen ganzen Kopf größer als ich und etwas kräftiger. Sie versucht immer noch, ihren Babyspeck zu verlieren, jedenfalls behauptet sie das ständig. Ihr lockiges Haar ist so rot wie eine Karotte, und ihr Gesicht ist voller Sommersprossen. Sie ist zwar nicht besonders hübsch, aber sie ist eine tolle Freundin und kann mich andauernd zum Lachen bringen.
Nach der Scheidung meiner Eltern brauchte ich in diesem Winter dringend eine Freundin, die mich aufheiterte. Ich habe schon immer dazu geneigt, das Leben eher düster zu sehen.
Ihr wisst doch, wenn Leute ein Glas Wasser sehen und manche sagen, es sei halb voll, dass andere sagen, es sei halb leer? Na ja, ich bin der Typ, der sagen würde, dass das Glas halb leer ist und einen Sprung hat. Aber wen kümmert so ein doofes Glas überhaupt, verdammt nochmal?
Ich bin schnell schlecht gelaunt, das gebe ich ja zu.
Deswegen ist es so toll, eine Freundin wie Margaret zu haben.
Margaret und ich tragen vielleicht nicht gerade die teuersten Klamotten, und wir fahren auch nicht die coolsten Autos. Meistens sind wir total abgebrannt, aber fast immer haben wir trotzdem unseren Spaß – sogar in einer Kleinstadt wie Shadyside.
„Uns ist der Senf ausgegangen“, sagte der Verkäufer, als er mir zwei Hot Dogs über die Ladentheke reichte. Er war ein Mann mittleren Alters mit schütterem Haar und einem Bierbauch unter dem grünen Hemd.
„Dann nehmen wir sie eben ohne“, sagte ich zu ihm.
„Okay“, murmelte er und gab uns die Hot Dogs. Danach warf er zwei neue Würstchen auf den Grill.
„Hey, Johanna, schau mal dahinten.“ Margaret hielt den Hot Dog in einer Hand und stieß mich mit der anderen an.
Ich folgte ihrem Blick.
Erst hörte ich hinten im Laden Gelächter und laute Stimmen, und dann erkannte ich eine Gruppe von Schülern aus meiner Schule. „Was machen die denn hier?“, flüsterte ich Margaret zu.
Hinten am Getränkeautomaten standen fünf Jugendliche. Ich kannte keinen von ihnen näher. Doch ich erkannte sie trotzdem sofort, weil Margaret und ich ein paar Kurse mit ihnen gemeinsam hatten.
Sie waren so ungefähr die reichsten Kids an der Shadyside Highschool. Ich war sicher, dass alle in North Hills, der feinsten Gegend der Stadt, wohnten. Ihr wisst schon: gigantische Häuser, gepflegte Rasenflächen und hohe Hecken.
Ich entdeckte Dennis und seine Freundin Carol. Ich mag Dennis. Wir gehen in denselben Mathekurs, und er hat mich in einem Test mal abschreiben lassen.
Dennis ist ein echt netter Typ. Und er sieht super aus. Er hat kurzes schwarzes Haar und grüne Augen. Er ist der Star des Leichtathletikteams unserer Schule und hat die Figur eines Profisportlers.
Auch Melody war dabei. Sie ist total eingebildet und versnobt. Sie alberte mit Lanny und Zack herum.
Zack ist groß und kräftig wie ein Ringer. Er hat rote Locken und trägt Tag und Nacht eine schrille blaue Sonnenbrille. Die meisten an unserer Schule halten ihn deshalb für ziemlich verrückt.
Ich biss hungrig in meinen Hot Dog. Während Margaret und ich so taten, als wären wir tief in ein Gespräch vertieft, beobachteten wir die fünf Jugendlichen.
„Ich wette, du traust dich nicht“, sagte einer von ihnen. Ich glaube, es war Lanny.
„Ich wette, du traust dich nicht!“, zischte ein anderer.
Dennis füllte etwas Kirschsaft in einen Becher, und Lanny stieß ihm den Becher aus der Hand. Die rote Flüssigkeit ergoss sich auf Dennis’ weiße Turnschuhe.
„Hey du!“ Dennis boxte Lanny spielerisch an die Schulter.
Dann goss Lanny sich einen großen Schluck Kirschsaft in die Handfläche und schüttelte Dennis die Hand.
Margaret und ich mussten lachen. Ich meine, es war wirklich witzig. Doch aus dem Augenwinkel sah ich, dass der Verkäufer verärgert das Gesicht verzog. Er kochte vor Wut.
Denn der klebrige Kampf geriet nun etwas außer Kontrolle.
Jetzt bespritzten sich Carol und Melody gegenseitig mit dem Saft. Ein großer Schwall der dunkelroten Flüssigkeit landete auf Melodys Kopf und tropfte an ihrer perfekten blonden Frisur herunter.
Dennis stieß ein heiseres Gelächter aus. Doch er verstummte abrupt, als Zack und Lanny ihre Becher mit dem roten Saft über die Vorderseite seiner Shadyside-Highschool-Jacke schütteten.
Die fünf Jugendlichen schlitterten auf dem glitschigen Boden umher. Lanny stürzte zu Boden und rutschte auf dem Rücken weiter. Dann fiel Zack mit wild rudernden Armen auf ihn. Dennis brach wieder in schallendes Gelächter aus.
Alle lachten, auch Margaret und ich. Es war ein Bild für Götter.
„Hört sofort auf damit! Ich hol die Polizei! Das ist kein Scherz!“
Die erbosten Rufe des Verkäufers ließen das Gelächter verstummen. Ich drehte mich um. Sein Gesicht war fast so dunkelrot wie der Kirschsaft, und seine Halsschlagadern pulsierten heftig. Es sah wirklich so aus, als würde sein Kopf gleich explodieren.
Hinten im Laden war Lanny aufgestanden. Doch Zack lag immer noch mit ausgebreiteten Armen und Beinen auf dem Fußboden.
Dennis versuchte, Zack auf die Beine zu helfen, doch dann landeten beide auf dem Boden. Und wieder fingen alle an zu lachen.
„Ihr Kids glaubt, ihr könntet machen, was ihr wollt!“, schrie der aufgebrachte Verkäufer. Er rannte hinter der Theke hervor und erhob verbittert die Faust.
„Oh nein“, dachte ich und warf Margaret einen besorgten Blick zu. „Wird er sich mit ihnen schlagen?“
Der Spaß begann auszuarten.
Margaret packte meinen Arm. Ich glaube, sie merkte nicht einmal, wie sehr sie sich an mir festklammerte.
Nun ging der Verkäufer hinüber zu den anderen. Sein Bauch schwabbelte beim Laufen auf und ab. Er keuchte laut und schüttelte die Faust in die Luft. „Ich hol die Polizei! Jetzt gleich!“
Dennis und Zack erhoben sich. Melody und Carol sahen plötzlich ängstlich aus.
„Nein, das werden Sie nicht tun“, sagte Dennis ruhig.
„Wie bitte? Was hast du gesagt?“, schrie der Verkäufer aufgebracht.
„Ich habe gesagt, Sie werden nicht die Polizei holen“, erwiderte Dennis gelassen.
Und dann erkannte ich, dass er eine Waffe in der Hand hatte.
Margaret muss sie auch gesehen haben, denn plötzlich umklammerte sie meinen Arm noch fester.
Ich hatte keine Zeit, um zu schreien.
„Sie werden niemanden rufen“, sagte Dennis eiskalt.
Dann drückte er auf den Abzug.
Kapitel 2
Ein Wasserstrahl schoss aus der Pistole und ergoss sich über das grüne Hemd des Verkäufers.
Die Jugendlichen flippten aus. Sie johlten und klatschten übermütig in die Hände.
„Dennis, du bist super!“, kreischte Lanny schrill. „Du bist echt super, Mann!“
Der Verkäufer war kurz davor jetzt, wirklich auszuflippen.
Margaret und ich drückten uns immer noch vorne im Laden in eine Ecke. Aber auch wir schüttelten uns vor Lachen.
An der hinteren Wand hing ein öffentliches Telefon. Zornig ergriff der Verkäufer den Hörer. Er riss ihn so heftig von der Gabel, dass ich schon dachte, das ganze Telefon würde ihm entgegenkommen.
„Ich rufe jetzt die Polizei“, knurrte er erbost.
Doch dann zog Zack sein Portmonee aus der Hosentasche. Ich sah, wie er ein paar Geldscheine herausnahm und sie dem Verkäufer in die Hand drückte. „Das dürfte für die Getränke reichen“, sagte er. „Und für die Unordnung.“
Und dann marschierten die fünf wie selbstverständlich an uns vorbei zur Glastür, die zum Parkplatz führte. Alle grinsten frech.
„Bloß weil sie reich sind, glauben sie, sie könnten sich alles erlauben“, murmelte der Verkäufer und starrte auf den dreckigen Boden.
„Redet er mit uns oder mit sich selbst?“, fragte Margaret flüsternd.
Ich zuckte die Schultern.
Die anderen waren so schnell an Margaret und mir vorbeigelaufen, dass ich nicht sicher war, ob sie uns überhaupt gesehen hatten. Doch als ich durch das Schaufenster nach draußen schaute, merkte ich, dass Dennis mich anstarrte.
„Das ist aber komisch“, dachte ich und spürte, wie ich rot wurde. „Warum starrt er mich so seltsam an?“
Ich überlegte, ob ich ihm zuwinken sollte oder nicht. Doch bevor ich mich entscheiden konnte, hatte seine Freundin Carol ihn schon weitergezogen.
Mein Geschichtslehrer Mr Northwood ist sehr groß und dünn. Er läuft immer mit hängenden Schultern und eingezogenem Kopf herum, als wollte er sich kleiner machen. Er hat dichtes, lockiges Haar. Vermutlich war es früher braun, doch jetzt ist es fast ganz grau. Er hat wässerige blaue Augen und ein zerfurchtes Gesicht mit vielen tiefen Falten an den Wangen.
Der Typ ist seltsam.
Erstens trägt er immer Rollkragenpullover. Nie andere Pullis oder Hemden. Dabei sind Rollkragen für ihn nicht gerade schmeichelhaft, weil er einen großen, dicken Adamsapfel hat, der immer genau am Kragenende auf und ab springt.
Mr Northwoods zweite seltsame Eigenart ist, dass er alles auf Kassette aufnimmt. Wirklich alles. Er besitzt einen kleinen silbernen Minirekorder, den er in der Tasche mit sich herumträgt.
Bevor der Unterricht beginnt, stellt er den Kassettenrekorder immer auf sein Pult und schaltet ihn ein. Wenn der Unterricht zu Ende ist, stellt er ihn wieder ab, nimmt die winzige Kassette heraus und steckt beides zurück in seine Tasche.
Seltsam, nicht wahr?
Und drittens ist es ein komisches Gefühl, Mr Northwood als meinen Lehrer zu haben, weil er direkt neben mir wohnt. In der Fear Street. Aber damit will ich mich jetzt lieber nicht beschäftigen.
Am Tag nach dem Erlebnis im Supermarkt saß ich hinten im Klassenzimmer. Ich träumte vor mich hin, während Mr Northwood ununterbrochen redete. Immer wieder warf ich einen Blick auf die Uhr, die über seinem Kopf hing. Der Schultag war fast überstanden.
Draußen war der Himmel grau, und es wurde immer dunkler. Ich fragte mich, ob es für Schnee wohl schon kalt genug sei. Hoffentlich nicht. Mir fiel ein, dass ich irgendwo meine roten Wollhandschuhe verloren hatte und gerade nicht genug Geld hatte, um mir neue zu kaufen.
Als Mr Northwood seinen kleinen Kassettenrekorder ausschaltete und in der Tasche verschwinden ließ, richtete ich mich auf und fing schon an, meine Schulsachen in den Rucksack zu packen.
„Unterricht beendet“, verkündete er mit monotoner, dünner Stimme.
Ich sprang auf und zog meinen weißen Pullover zurecht. Den Rucksack ließ ich auf dem Boden stehen. Ich sagte Margaret, dass sie auf dem Flur warten sollte, und ging nach vorne ans Lehrerpult.
Ich musste Mr Northwood noch etwas über eine Hausarbeit fragen, die ich gerade schrieb.
Als ich nach vorne ging, sah ich, dass Dennis schon vor dem Pult stand. Mr Northwood sagte gerade etwas zu ihm, und Dennis reagierte wütend darauf.
Eine heftige Auseinandersetzung begann.
Mittlerweile hatte sich das Klassenzimmer geleert. Ich trat ein paar Schritte zurück und lehnte mich abwartend an die Wand.
„Ich habe Ihnen doch gesagt, warum ich die Zwischenprüfung nicht machen kann!“, schrie Dennis schrill und fuchtelte wild mit den Händen in der Luft herum. Sogar vom anderen Ende des Raums aus konnte ich sehen, dass seine grünen Augen wütend blitzten. Er war sehr aufgebracht.
„Im Februar ist meine Familie immer auf den Bahamas“, sagte Dennis und verschränkte die Arme vor seiner Brust. „Was soll ich denn tun, Mr Northwood? Etwa zu Hause bleiben, damit ich Ihre Klausur mitschreiben kann?“
Mr Northwood schüttelte den Kopf. Die Furchen in seinem Gesicht schienen sich zu vertiefen. „Dann wünsche ich dir eine gute Reise“, sagte er trocken. „Und schreib mir eine Postkarte, Dennis.“
„Ich verstehe einfach nicht, warum Sie mich nicht nachschreiben lassen“, sagte Dennis hartnäckig und beugte sich herausfordernd über das Lehrerpult. „Oder mir stattdessen eine besondere Hausarbeit geben.“
Mr Northwood schüttelte wieder den Kopf. Sein Mund formte lautlos das Wort Nein.
„Warum nicht?“, beharrte Dennis.
„Weil es deinen Klassenkameraden gegenüber unfair wäre“, erwiderte der Lehrer gelassen. Dann begann er, seine Bücher und Unterlagen einzusammeln.
Es war mir peinlich, das Gespräch mitzuhören. Schließlich wollte ich nicht, dass Dennis glaubte, ich würde ihn absichtlich belauschen.
Doch ich glaube, in seiner Wut merkte er gar nicht, dass ich noch im Klassenzimmer war. Und ich musste dringend mit Mr Northwood wegen meiner Hausarbeit sprechen.
Also blieb ich an die Wand gelehnt stehen und dachte insgeheim darüber nach, wie toll Dennis aussah. Und ich stellte mir vor, wie es wohl wäre, seine Freundin zu sein. Dabei hörte ich, wie die Auseinandersetzung immer heftiger wurde.
„Ist Ihnen klar, was passiert, wenn ich eine Sechs kriege?“, brüllte Dennis. Er wartete Mr Northwoods Antwort nicht ab. „Dann fliege ich aus dem Leichtathletikteam!“
„Das tut mir wirklich Leid“, erwiderte Mr Northwood. Je lauter Dennis schrie, desto leiser wurde seine Stimme. „Ehrlich, Dennis.“
„Aber alle anderen Lehrer machen eine Ausnahme!“, stieß Dennis zornig aus. „Sie wissen, dass ich dieses Jahr auf bundesweiter Ebene dabei sein werde. Sie wissen, dass ich wahrscheinlich sogar für die Olympischen Spiele getestet werde. Vielleicht wird aus mir mal ein Profisportler, Mr Northwood! Das kann gut sein.“
„Ich hoffe es für dich“, gab Mr Northwood zurück. Dann wandte er den Kopf ab und warf einen Blick auf die Wanduhr.
„Na toll! Dann lassen Sie mich nachschreiben. Machen Sie eine Ausnahme, okay?“, flehte Dennis und starrte den Lehrer hartnäckig an.
„Meiner Meinung nach machen die Leute für dich schon viel zu viele Ausnahmen“, erwiderte der Lehrer leise. Er begann, seine Bücher in seinen alten Aktenkoffer zu stecken. Nach einer kurzen Weile hielt er inne und hob den Blick. „Nenne mir einen guten Grund, warum ich bei dir eine Ausnahme machen sollte.“
„Weil ich Sie darum gebeten habe!“, gab Dennis wie aus der Pistole geschossen zurück.
Plötzlich wurde es dunkler im Klassenzimmer. Sturmwolken zogen über den Himmel. Eine der Neonröhren an der Decke begann zu flackern.
„Unsere Diskussion ist beendet. Ich mache keine Ausnahme“, sagte Mr Northwood zu Dennis und klappte seinen Aktenkoffer zu.
Wortlos starrte Dennis ihn an. Er machte den Mund auf, ohne etwas zu sagen. Dann riss er entgeistert die Arme hoch. „Ich ... ich glaube es einfach nicht!“, brüllte er unbeherrscht.
In dem Augenblick merkte ich, dass jemand mich rief.
Ich drehte mich zur Tür und sah, dass Margaret mich zu sich winkte.
Während ich zu ihr ging, hörte ich Dennis weiter herumschreien.
„Was ist los, Margaret?“, flüsterte ich und stellte mich in den Türrahmen.
Dann hörte ich ein lautes, dumpfes Geräusch.
Mr Northwood stieß einen Schrei aus.
Eine düstere Vorahnung überkam mich.
Ohne mich umzudrehen, wusste ich, dass Dennis Mr Northwood zu Boden geschlagen hatte.
Kapitel 3
Vor Schreck hielt ich den Atem an und wandte mich schnell wieder dem Klassenzimmer zu.
Voller Erleichterung sah ich, dass Dennis Mr Northwood doch nicht geschlagen hatte. Er hatte nur ein dickes Schulbuch auf den Boden geschleudert.
Bisher war Mr Northwood ruhig und gelassen gewesen, doch jetzt verlor er die Beherrschung. Er wurde ganz weiß im Gesicht und zeigte mit zitterndem Finger auf Dennis. Dann brüllte er herum, dass man mit Schuleigentum vorsichtig und verantwortungsbewusst umgehen müsste.
Dennis wirkte wie betäubt. Ich glaube, er war wütend über sich selbst, weil er so ausgerastet war. Er atmete schwer und starrte Mr Northwood an. Während der Lehrer ihn weiter anschrie, ballte er immer wieder die Fäuste.
„Was passiert denn hier?“, flüsterte Margaret ängstlich und schaute verstohlen ins Klassenzimmer.
„Der dritte Weltkrieg ist ausgebrochen“, flüsterte ich zurück. Ich hob meinen Rucksack auf und schlich mich aus dem Zimmer.
„Und wer wird der Sieger sein?“, fragte Margaret, als ich bei ihr auf dem leeren Flur stand.
„Ich glaube, Mr Northwood“, antwortete ich und ging über den Flur zu meinem Spind.
Ich hörte, wie Dennis und Mr Northwood sich immer noch laut im Klassenzimmer stritten. Meine Knie zitterten. „Warum rege ich mich auf?“, fragte ich mich. „Schließlich geht es ja gar nicht um mich!“
„Niemand hat mich im Februar auf die Bahamas eingeladen“, dachte ich verbittert. „Warum sollte es mir wichtig sein, ob Dennis den Test nachholen darf oder nicht?“
„Ich bin spät dran“, sagte Margaret und rückte ihren Rucksack über ihrer roten Daunenjacke zurecht. „Meine Schicht im Café fängt gleich an.“ Margaret kellnert jeden Tag nach Schulschluss ein paar Stunden in Alma’s Coffeeshop. „Ich wollte bloß fragen, ob du heute Abend zum Essen kommen möchtest.“
„Warum nicht“, sagte ich, während ich das Kombinationsschloss an meinem Spind drehte und die Tür aufzog. „Meine Mutter kommt heute erst nach neun nach Hause. Danke, Margaret.“
„Also bis dann“, rief sie und rannte mit fliegendem rotem Haar davon.
Ich bückte mich und begann, Bücher aus dem Spind zu nehmen und in meinen Rucksack zu stopfen. Ein paar Sekunden später hörte ich, wie Dennis wütend aus dem Klassenzimmer stapfte.
Während er über den Flur lief, schüttelte er den Kopf und murmelte in sich hinein. „Ich könnte den Typ echt umbringen“, sagte er atemlos zu mir, als er die Spinde erreicht hatte. „Ganz im Ernst.“
Ich lachte. Ich wusste nicht, was ich sonst tun sollte.
Mein Herz fing an zu klopfen. Ich meine, Dennis’ Spind war zwar fast direkt neben meinem, aber bisher hatte er noch nie was zu mir gesagt.
Ich stand auf und versuchte, ihn aufmunternd anzulächeln. Ich glaube nicht, dass er es bemerkt hat. Er schlug mit der Faust gegen die Tür seines Spinds. Der Schlag hallte blechern durch den Flur.
„Au“, sagte ich. „Hat das nicht wehgetan?“
„Doch“, gab Dennis zu und grinste mich an. „Sogar ziemlich. Blöd von mir, oder?“
„Na ja ...“ Mir fiel keine coole Antwort ein. Mein Mund war ganz trocken. Dennis sah einfach zu gut aus. Wahrscheinlich war ich schon lange in ihn verknallt gewesen, doch bisher hatte ich mir nicht erlaubt, darüber nachzudenken.
„Ich hasse den Typ“, knurrte Dennis und bewegte vorsichtig seine schmerzende Hand.
„Er ist nicht besonders fair zu dir“, sagte ich.
„Er ist ein fieser Hund“, erwiderte Dennis wütend. „Ein gemeiner Mistkerl.“ Seine grünen Augen schauten mir direkt ins Gesicht. Es schien, als würde er mich zum allerersten Mal wahrnehmen.
„Ich könnte ihn echt umbringen“, wiederholte Dennis leise. Dann wandte er sich von mir ab und fummelte an seinem Kombinationsschloss herum. „Und weißt du wie?“
„Wie denn?“, fragte ich neugierig.
„Ich weiß auch nicht“, meinte Dennis mit düsterer Miene.
„Hm, lass mich mal überlegen“, sagte ich und dachte fieberhaft nach. „Du könntest ihm seinen kleinen Kassettenrekorder ans Ohr kleben und ihn zwingen, sich alle Unterrichtsstunden anzuhören, die er gegeben hat. Das würde ihn zu Tode langweilen.“ Ich kicherte.
Doch das brachte Dennis nicht zum Lächeln. „Nicht schmerzhaft genug“, knurrte er und zog an der Tür seines Spinds, doch sie klemmte. Er stöhnte frustriert und fing wieder damit an, wütend am Schloss herumzudrehen.
Plötzlich hielt er inne und wandte sich zu mir. „Ich würde ihn gern in den Aktenkoffer stopfen, den er immer dabei hat“, sagte er. „Und den Koffer dann abschließen und in den Müll werfen.“
„Er ist zu groß“, gab ich zu bedenken. „Er würde nicht reinpassen.“
„Ich würde ihn vorher zusammenfalten“, erwiderte Dennis. „Es würde mir echt Spaß machen, ihn zusammenzufalten.“
„Igitt!“ Angeekelt verzog ich das Gesicht. „Du bist ja krank.“
„Nein, bloß stinksauer“, seufzte Dennis. „Er wird mein Leben ruinieren. Wirklich!“
„Na ja, vielleicht solltest du ihn einfach erschießen“, scherzte ich.
„Das macht nicht halb so viel Spaß, wie ihn zuerst zusammenzufalten.“ Dennis lächelte nicht. Ich starrte ihn an und versuchte herauszufinden, wie ernst er das meinte.
Schließlich wusste ich, dass er nicht wirklich ernsthaft daran denken konnte, Mr Northwood umzubringen.
„Du könntest ihn auch erst zusammenfalten und dann erschießen“, schlug ich vor.
Seine Augen fingen an zu strahlen.
„Ich glaube, Dennis mag mich“, dachte ich. „Er sieht mich ständig so seltsam an.“
„Ich könnte ihn zusammenfalten, erschießen und dann ertränken!“, rief er.
„Du könntest ihn zusammenfalten, erschießen, ertränken und dann aufknüpfen!“, fügte ich hinzu. Das Spiel fing an, mir Spaß zu machen.
Jetzt lachte Dennis.
„Hey, ich hab ihn zum Lachen gebracht!“, jubelte ich innerlich.
Doch meine Hochstimmung verschwand schlagartig, als ich Mr Northwood erblickte, der im Türrahmen des Klassenzimmers stand und zu uns herüberstarrte.
„Oh Gott!“, dachte ich und spürte, wie mir das Herz bis zum Hals schlug.
Wie lange hatte er dort schon gestanden?
Hatte er etwa alles gehört?
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