Read the book: «Bettina auf der Schaukel»
Paul Oskar Höcker
Bettina auf der Schaukel
Roman
Saga
Bettina hatte die Tür hinter sich zugeschlagen. Vielleicht für immer? Die Glocke, die sich am Eingang des Schwarzwälder Arzthauses befand, wie das sonst nur bei Kramlädchen üblich ist, bimmelte endlos nach.
Für ein paar Augenblicke blieb Bettina stehn und setzte ihr noch unausgepacktes Köfferchen vor der Haustür nieder. War sie gegen Karl Maria nicht doch zu schroff gewesen? Immer betonte er, er sei ihr Freund, und welchen wirklichen Freund besass sie sonst seit Mutters Tod? Aber er hatte sie heute wieder abgekanzelt wie ein hochmütiger Schulmeister, und da war eben ihr Temperament mit ihr durchgegangen. Nein, dieser grobe Hinterwäldler sollte begreifen, dass sie als Studentin im vierten Semester sich seiner schrullenhaften Bevormundung entwachsen fühlte.
Endlich hatte sich die Hausglocke beruhigt. Aber plötzlich erschütterte nun den ganzen alten Fachwerkbau ein Schlag wie ein Kanonenschuss: auf der Hofseite war die Tür von Karl Marias Laboratorium ins Schloss gefallen. Über das Kopfpflaster drüben entfernten sich seine schwerfällig stampfenden Schritte nach der Nachbargasse.
Gleich darauf schlurfte die Bärbel in ihren Küchenpantinen auf den Flur, und ihre Krähftimme hallte durch das leere Haus: „Jetzt, was isch denn dees, wo brennt’s denn schon widder? – Herr Dokter! Herr Dokter Fähndrich! – Tinele! – Fraile Tinele?!“
Bettina nahm ihr Köfferchen auf und schlug den Weg zum Bahnhof ein. Die Lust, über Pfingsten in Sassenhöfen zu bleiben, war ihr vergangen. Sie wollte mit dem nächsten Zug nach Freiburg zurück.
*
Als sie am Forsthaus vorüberkam, stürmte Seppel Gaiss durchs Gartentor. „Grad hab’ ich zu dir wolle, Tinele. Ich hab’ ebe mit dem Rolf telephoniert. Der hat mich aus Heidelberg ang’rufe. Du, ebbes Grossartiges, du ahnsch net ... Aber was machsch denn für e bös Schnütle? Und was soll’s mit dem Köfferle?“
„Abreisen will ich. In Freiburg mich in meine Bud’ setzen und mich masslos ärgern.“
„E fein’ Pfingschtvergnüge! Tinele, sei doch kein Kindskopf! Hasch dich so arg mit dei’m Onkel verzürnt?“
„Zum Verzweifeln ist es schon, Seppel. Statt dass er mit mir froh ist, dass ich mein Physikum glatt hinter mir habe, fängt er da an und examiniert mich. Ich war so perplex, konnt’ mich gar nicht sammeln ... ‚Absolute Unfähigkeit‘, wettert er dann gleich los. Und prophezeit mir: nie würd’ ich als Ärztin auch nur über den untersten Durchschnitt hinauskommen. Die Frau sei überhaupt für die wissenschaftliche Arbeit nicht geistig selbständig genug veranlagt. Seine alte Leier! Er gerät in Hitze, ich gerate in Hitze, er wird grob, ich auch – und reisse aus. Er mir nach: Wohin ich will? Um ihn zu ärgern, sag’ ich: Nach England, Einladung, Sport treiben, mich amüsieren. Aufgeregt fährt er sich durch sein struppiges Haar und schreit: ‚Der Mensch muss ebbes leischte!‘“
Seppel lachte. „Ebbes leischte! – Du, des isch jetz grad der passende Augenblick. – Komm bloss e Stückle weiter; meine Leut’ brauche’s noch net zu höre. Also der Rolf lasst uns frage, mich und dich ...“
„Willst du mir nicht erst mal mein Handgepäck abnehmen, du altes Rauhbein? Ich bin doch schliesslich eine Dame, he? Dass es euch Veterinären immer so schwer wird, sich in menschlicher Gesellschaft geziemend zu benehmen.“
Er riss ihr den Koffer aus der Hand und zeigte ihr die Zunge. „Bäh! E knitze Krott bisch. – Also jetz im Ernscht: hasch Schneid?“
„Beleidigung, wenn du dran zweifelst, Seppel.“
„Un willsch dir hundertfünfundzwanzig Mark verdiene?“
„Je bälder je lieber.“
„Der Theo Krane macht am Montag auf dem Mannheimer Volksflugtag seine Kunschtflüg’. Und zuvor nimmt er drei Fluggäscht mit ’nauf, die mit dem Fallschirm abspringe. Es solle Studente sein, sagt er, und sie dürfe net über fünfundfünfzig Kilo wiege. Wieviel hasch du?“
„Dreiundfünfzigeinhalb. Du, Seppel, ist das ein Witz vom Theo? Hundertfünfundzwanzig Mark?!“
„Der Rolf macht als erschter mit; ich hab’ auch gleich für mich belegt. Und es wär’ doch fein, sagt’ ich, wenn’s zwei Herre und e Frailein wäre. Mir drei sin doch beim Absprungexamen damals seine Muschterschüler gewese. Mit uns hat er keine Schererei. Er war auch gleich einverstande, der Theo. Pfingschtmontag um zwei Uhr fängt die G’schicht an. Mir sind die dritte Nummer auf dem Programm. Ja, und noch ebbes. Die Zeitung will einen Teilnehmerbericht. Mit Höhen-, Orts- und Zeitangaben vom Start bis zum Absprung des Dritten. Hundert Zeilen, die aber bei der Landung fertig greifbar zum Satz sein müsse. Jetz, des wär’ ebbes für unser Tinele, hab’ ich mir gedenkt.“
Bettina nickte spöttisch. „Natürlich, du und der Rolf, ihr drückt euch! Wenn ich bloss an euer Abitur denke, eure fürchterlichen deutschen Aufsätze!“
„Des isch jetz also dein Gotteslohn, siehsch, weil d’ uns immer dabei geholfe hasch! Hundertfünfundzwanzig Mark in bar! Bloss, du musch dich jetz gleich entscheide, Tinele. Bis um fünf soll ich anrufe und Bescheid gewe. Trausch du dir’s zu? Vor dreissigtausend Zuschauer?“
„Wenn du dir’s zutraust, Seppel ... Wer hat denn damals auf dem Feldberg am Skisprunghügel gekniffen? Etwa ich?“
„Davon hörsch aber jetz auf, Tinele, sonscht ... Also ich sag’ für uns beide zu. Mit grossem und kleinem Ehrenwort: Montag mittag in Mannheim, um zwölf Uhr dreissig beim Theo!“
Bettina ahmte Onkel Karl Maria nach, tat, als ob sie sich mit allen zehn Fingern das Haar raufen wollte, und rief: „Der Mensch muss ebbes leischte!“
Sie waren am Bahnhof angelangt. Josef Gaiss meldete das Ferngespräch nach Heidelberg an.
*
Zwei Stunden später sass Bettina in der Holzklasse des Personenzugs nach Heidelberg, wo sie bei Rolfs Schwester Unterkommen konnte. Mit Rolf Hosäus und seinen zahlreichen Geschwistern verband sie dieselbe formlose Kameradschaft wie mit dem ihr gleichaltrigen Seppel. Der alte Hosäus hatte eine kleine Tabakfabrik bei Sassenhöfen („Marke Deutscher Eichwald“, spöttelten sie untereinander), seine Einkünfte waren schmal, die Kinder mussten sich frühzeitig selbst rühren, Rolf schlug sich als Werkstudent durch und stand jetzt vor dem Staatsexamen. Jedenfalls hatte er eine gute Spürnase für Gelegenheiten, bei denen es etwas Bargeld zu verdienen gab.
Schon den ganzen Samstag über prangten auch in Heidelberg an allen Anschlagtafeln und Säulen die übermannshohen Plakate:
Pfingstmontag – Volksflugtag Stadion bei Mannheim – Beginn 14 Uhr.
Programm: 1. Aufstieg von fünf Freiballons zum Wettrennen der Lüfte. 2. Luftexzentriker Arbarbanelli mit seinen gymnastischen Vorführungen freihängend am Fesselballon „Neckar“. 3. Der Kunstflieger Theo Krane mit seiner Sportmaschine „Libelle“, a. Absprung mit Fallschirmen während des Fluges durch zwei Herren und eine Dame, b. Kunstflüge.
Bettina las das immer wieder sehr gern, ein bisschen geschmeichelt fühlte sie sich dabei, nur zuweilen war ihr’s in den Eingeweiden, als sollte sie eine grosse Seereise antreten ...
... Bettina Scholinus war in Sassenhöfen im Forsthaus bei den Grosseltern Lohmar geboren. Vor jetzt zweiundzwanzig Jahren. Ihr Vater hatte im Winter zuvor seine Stellung als Bräumeister verloren. Er konnte sich mit jedermann gut vertragen – nur nicht mit Vorgesetzten. So wanderte er denn im Jahre 1910 nach Boston aus, und als er sich endlich da drüben leidlich durchgesetzt hatte, liess er Frau und Kind Nachkommen. Im Krieg ging es den Scholinus, wie allen Deutschen in den USA, sehr schlecht. Vater Scholinus starb im Jahre 1921, ohne die für Amerikafahrer selbstverständliche Million in die Tasche gesteckt zu haben. Schwerkrank kehrte Mina Scholinus, geborene Lohmar, über den Teich zurück. Aber in Sassenhöfen hielt es damals schwer, eine Wohnung zu bekommen. Bei den Grosseltern konnte sie sich vorläufig noch nicht einquartieren, denn die lagen auf dem Friedhof, und im Forsthaus regierte jetzt der Förster Gaiss. Bettina hatte nur eine einzige Kindheitserinnerung an das Forsthaus im Schwarzwald: in einer Hundehütte hatte Grossvater Lohmar damals einen jungen Fuchs an der Kette gehalten. Aber einen Fuchs gab es bei seinem Nachfolger nicht. Für Bettina war es nicht leicht, wieder Anschluss an ihre Kindheitsgespielen zu bekommen. Sie hatte in Boston englisch schreiben, reden und denken gelernt und hatte die Sassenhöfener Mundart fast ganz vergessen. Das wirkte in der ersten Zeit wie eine breite Kluft, die man nicht überspringen konnte. Die Mittel, die Frau Scholinus nach der Heimat mitgebracht hatte, waren nicht üppig, aber für das Deutschland der Inflation bedeuteten sie ziemlich viel, sofern man sie rasch zu verwerten wusste. Der Gemeindevorsteher Stünzner, der sich der Heimkehrer annahm, vermittelte ein vorteilhaftes Abkommen mit dem jungen Doktor Karl Maria Fähndrich, dem Sohn des kürzlich verstorbenen Organisten, der das alte, geräumige Bauernhaus an der Acherner Landstrasse besass. Karl Maria Fähndrich sollte die ärztliche Praxis übernehmen, die bisher der Vaterbruder vom Gemeindevorsteher ausgeübt hatte, aber er konnte mit Stünzners unzureichender Einrichtung nichts anfangen. Da kam ihm das Angebot von Frau Scholinus sehr zupass: er räumte ihr zwei möblierte Stuben ein, man machte einen langwährenden Pachtvertrag, und für die Dollars, die Mina Scholinus auf einem Brett anzahlte, konnte Karl Maria das ganze Haus umkrempeln. Nicht nur die Mieterin erhielt eine blitzsaubere Küche, ganz für sich, so dass sie mit dem gutmütigen Drachen, der alten Bärbel, kaum in Berührung kam, sondern Karl Maria löste auch die beiden Hypotheken ab, erstand eine moderne Arzteinrichtung, liess die überflüssig gewordenen Ställe niederreissen und ein Laboratorium für seine chemischen und biologischen Versuche anbauen, ja, er begann sogar mit dem Bau einer Privatklinik, die für die ganze Gegend von grosser Bedeutung gewesen wäre. Frau Scholinus sollte darin den wirtschaftlichen Teil übernehmen, ihr Töchterchen konnte später einmal Schwester dort werden, vielleicht Oberschwester, und war, wenn sie sich nicht verheiratete, für Lebenszeit versorgt. Dass Bettina nicht in Sassenhöfen für Lebenszeit versorgt sein wollte, das stand damals nicht zur Verhandlung, aber jedenfalls erleichterten der Frau Scholinus die sicheren Lebensaussichten für ihr Mädel das Sterben. Denn als der Neubau unter Dach stand, legte sich die vielgeprüfte Bräumeisterswitwe zur ewigen Ruhe hin. Stünzner, als Testamentsvollstrecker, beging damals die grösste Eselei seines Lebens: er nahm Frau Minas amerikanische Dollars in Verwahrung und verwahrte sie so lange, bis jeder einzelne Dollar vier Billionen Mark rechnete – um dann eines Herbsttages nur noch 420 Rentenpfennige wert zu sein. Karl Maria Fähndrich hatte die Deflation längst kommen sehn. Warum die Dollarchance nicht rechtzeitig noch wahrnehmen? stellte er Stünzner vor. Für ein paar hundert Dollar hätte man ja zehn Zimmer in der Klinik mit Kachelwänden, Nickel- und Glasgerät hinstellen können! In seiner rauhen Art erleichterte er sein Gemüt, wo er ging und stand. Stünzner und Fähndrich grüssten einander ein ganzes Jahr nicht. Aber dem Vormundschaftsgericht gegenüber erklärte der Doktor sich bereit, der kleinen Bettina für noch weitere acht Jahre Quartier und Unterhalt sowie die Mittel für ihre Ausbildung zu geben.
Bettina besuchte das Gymnasium in Karlsruhe, bezog dann in Freiburg die Universität, um – gegen den Rat und den Wunsch Fähndrichs – Medizin zu studieren, und verlebte im Arzthaus von Sassenhöfen nur die Ferien. Ein bequemer Hausgast war sie nicht, sie stiess sehr oft mit ihrem „Adoptivonkel“ zusammen. Karl Maria war nur knapp zwölf Jahre älter als sie, vielleicht mass er sich ihr gegenüber gerade deshalb eine so niederzwingende Würde bei. Von der alten Bärbel, die noch gröber sein konnte als Karl Maria, liess sich Bettina noch viel eher leiten als von ihm.
Übrigens nahm den Doktor Fähndrich seine Berufsarbeit so ziemlich vom ersten Hahnenschrei bis in die sinkende Nacht in Anspruch. Kleine Erholungspausen gehörten der Musik, seiner geliebten Bratsche. Er war der rechte Mann, um sich als Arzt bei der Schwarzwälder Bevölkerung beliebt zu machen: denn er konnte so herrlich grob werden, wenn der Kranke einen festen Willen über sich fühlen wollte, und er konnte klug, fast zart zureden, wenn eine matte Seele Stärkung brauchte. Dabei war er mehr als ein Feld-, Wald- und Wiesenarzt. Sein ehemaliger Lehrer, der Universitätsprofessor Meisel, als Internist in ganz Deutschland anerkannt, kam zuweilen von Freiburg herüber und konferierte mit Fähndrich, der ihm einzelne Krankheitsfälle vorführte. Doktor Fähndrich studierte gegenwärtig daran, ein Heilmittel gegen die spinale Kinderlähmung ausfindig zu machen, die im vorigen Winter als erschreckende Epidemie aufgetreten war. Der neue Trakt seines Hauses stand aber heute noch unbenutzt da.
„Sie hätte beizeite heirate müsse, Herr Doktor Fähndrich“, sagte Seppels Mutter einmal zu ihm.
„Heirate? Ich? Hab’ ich denn Zeit für so ebbes?“
Die Förstersfrau meinte: Ohne weiblichen Beistand werde er seine Privatklinik ja doch nicht eröffnen können. Oder er wolle wohl warten, bis seine Nichte, die Tinele, ihr Studium abgeschlossen habe und seine Assistentin werde?
Darauf er ganz fuchsteufelswild: „Isch denn auf solchene Rotznäsle von heutzutag e Verlass? Die wisse ja alles besser als mir. Und weist mer sie zurecht, no werde sie auch noch frech zu ihrer Unverschämtheit. Grad überlege müsst mer die Dinger und ihne den Popo versohle!“
Frau Gaiss bedeckte erschrocken ihre Augen; aber hinterher lachte sie Tränen über die Vorstellung: die Tinele erführe noch als Studentin eine so drastische Strafexekution. Der Förster erzählte es dann am Stammtisch weiter. Natürlich wurde es auch Bettina gesteckt. Das trug nicht eben dazu bei, die Beziehungen zwischen den beiden Hausgenossen zu verbessern.
*
Fräulein Bettina Scholinus, cand. med. an der Universität Freiburg, die am gestrigen Nachmittag auf dem Mannheimer Sportplatz mit zwei Kommilitonen – stud. med. Hosäus und stud. med. vet. Gaiss – an dem Aufstieg des Kunstfliegers Theo Krane teilgenommen hat und als Dritte im Fallschirm abgesprungen ist, übergab uns bei der Landung nachstehenden fesselnden Bericht, den wir um 17.15 bereits durch den Rundfunk verbreiten liessen, weil des Pfingstmontags wegen gestern kein Abendblatt erschien. Die tapfere junge Sportlerin, die bereits im Februar beim Skisprungwettbewerb auf dem Feldberg vorteilhaft abschnitt, ist trotz dem Missgeschick beim Landen in bester Verfassung, die Fussverletzung, die sie am Gehen hinderte, ist nur unerheblich.
Die Schriftleitung
Flugzeugschuppen G, Pfingstmontag 12.30 Uhr. – Wie und wo und wann wir drei den berühmten Theo Krane kennengelernt haben? Zwei Winter ist es her. Wir üben auf dem Belchen Skiabfahrten in Telemarkschwüngen. Es sieht sich an wie Holländern auf der Eisbahn. Immer wieder stecken wir dabei die Nase in den Schnee. Als wir da alle drei auf dem Rücken liegen und mit unseren Brettln durch die Luft scheren, saust plötzlich ein Vierter vom Himmel her in den Schnee dicht bei uns. Ein Mordsgekrach, und sogleich gibt es eine Stichflamme. Wir rappeln uns auf, sausen hin und kommen gerade noch zurecht, um ein zierliches Männchen aus seiner brennenden Bude zu befreien. Es ist Theo Krane. „Glatt gelandet!“ stellt er fest. Das war seine letzte Notlandung mit dem Unglückskasten Fabrizius III. Seitdem sind wir befreundet miteinander, er hat uns gratis als Fallschirmrekruten ausgebildet, sechs Wochen lang, und hat für uns die Prüfungskoften auf dem Freiburger Flugplatz erlegt. Heute sollen wir von ihm Honorar ausbezahlt bekommen, pro Kopf 125 RM. Darum betrachtete er uns jetzt bedeutend kritischer. Dem Seppel glaubt er seine 55 Kilo nicht. „Allein schon deine Nase wiegt drei Pfund, Seppel! Marsch auf die Waage!“ Der Rolf, als vielgeplagter Werkstudent, hat bisher an keinem Körperteil Fett ansetzen können, er wiegt sogar noch 400 Gramm weniger als ich, und ich heisse doch im Akademischen Sportbund auch bloss das gemästete Blaserohr. Auf dem Boden vor uns liegen die Fallschirme. Der Gürtlermeister verteilt und erklärt. Monteure, Werkarbeiter, Benzinleute, allerhand Lieferanten und Boten stehen herum, Hände in den Hosentaschen, und feixen. Der Apparat hat ein gutes Gewicht. Man nimmt ihn wie einen Rucksack auf, nur dass man hier in Beinlinge aus Hanfsegeltuch hineinsteigen muss. Auch der Gürtel ist aus Hanfsegeltuch. Er hat zwei Schultergurte mit Brustgurt; darüber sind die Armschlaufen zum Einhängen bei der Landung. Am Gürtel ist der Stoffbehälter befestigt. Darin befindet sich der Schirm, der in äusserst geistreicher Weise zusammengelegt ist. „Also, ihr seht alle, es ist ein Kinderspiel“, sagt Theo zum Schluss des lichtvollen Vortrags und blinzelt mit seinen lustigen Augen. „Wenn ich rufe ‚Los!‘, dann springt der erste ab. Zuerst der Rolf, dann der Seppel, dann die Tinele. Automatisch gibt der Stoffbehälter den Schirm frei. Nach anderthalb Sekunden öffnet er sich. Damit der Stoss beim Abfangen vermieden wird, entfaltet sich der Schirm in zwei Stufen. Da ist also der Stoffring, seht ihr, in dem der übrige Teil des Schirmes als Bündel hängt. Durch den Ring kann beim Absprung die Luft noch entweichen. Dann aber rutscht dieses Bündel von unten her in das Luftloch hinein und entfaltet sich hier. Nun trägt der Schirm. Ganz sanft schwebt er so zur Erde. Kapiert? Na also, dann gehn wir jetzt erst einmal frühstücken.“ Einer der Ölfritzen ist ein so menschenfreundlicher Charakter, dass er etwas von „Henkersmahlzeit“ murmelt. Ich tue, als ob ich es nicht höre. Der Seppel aber hat über seinem Kartoffelnäschen eine misstrauische Falte und vergewissert sich: „Halten wird doch das Zeug, he?“ Theo Krane stösst beide Hände zweimal hintereinander in die Luft. „Menschenskind, zwanzig Hanfleinen werden doch wohl für deine fünfundfünfzig Kilo genügen, was? Und die Mittelleine geht doch hier durch einen Ring aus Ketteneisen, willst du noch mehr?“ Wir schämen uns jetzt alle drei, denn mehr kann man doch wirklich nicht verlangen.
Flugzeugschuppen G, 14.15 Uhr. – Wir haben gefrühstückt. Ich habe Rolf zum erstenmal gegen unser Gelübde verstossen sehn: er hat einen Kammerkirsch getrunken. Theo verachtet ihn seitdem als unverbesserlichen Potator. Die Libelle ist ganz und gar umgekatert. Die Sitze sind herausgenommen, damit mehr Platz ist. Wir müssen aber doch wie die Türken sitzen. Beim Proben des Einsteigens wird mir reichlich heiss. Ich habe meinen dicken blauen Skianzug an. Zu den engen Hosen wirken die leichten weissen Turnschuhe sehr graziös, meint Theo. Und Seppel sagt, man sollte auf die Sohlen schreiben: „Grüss euch Gott alle miteinander!“ Durchs Fernglas könnten es unten die Zuschauer entziffern, während ich heruntertrudle ... Jetzt sind wir bei Nummer 2 des Programms angelangt. Abarbanelli verübt da droben unterm blauen Himmel seine halsbrecherischen Turnkünste ... Mein Gott, was für Völkerscharen sind aus Mannheim herausgekommen, während wir beim Frühstück sassen! Kopf an Kopf drängt es sich hinter der Sperre! Und das Gebrause, das Rufen, das Händeklatschen! Dazwischen der Lautsprecher, die Musik von drei Kapellen! ... Wenn ich ganz ehrlich sein soll: der Lärm verursacht mir ein bissel Leibschmerzen ...
Auf dem Flugplatz, 15.10 Uhr. – Wir sind mit Tusch empfangen worden. Der kleine Krane hat in Gang und Haltung unbedingt etwas von einem eleganten Stierfechter. Es wird ihm von allen Seiten zugejubelt. Er ist doch sehr, sehr beliebt. Die Libelle rollt über das grüne Feld und hält dicht vor uns. Fehlt nur noch, dass sie einen Knicks macht. Ich will in mein Glanzleinwand-Notizheft wieder heimlich ein paar Eintragungen machen, aber Theo Krane nimmt mich bei der Hand, winkt Rolf und Seppel zu, uns im zweiten Glied zu folgen, und vollzieht mit uns einen pompösen Umzug um das Flugzeug. Wieder Zurufe, Klatschen, Winken mit Hüten, Armen und Taschentüchern. „Wenn ich jetzt doch nur e Seifeblas wär’, dass ich zerplatze könnt’!“ sagt der Seppel. Das Einsteigtreppchen wird herbeigetragen, aber als gewandte Turner machen wir es Theo Krane nach, hüpfen ohne jede Hilfe auf, einer nach dem andern, und kuscheln uns in dem engen Budchen geschwisterlich zusammen. „Ihr müsst noch einmal Winkewinke machen, das kann der Publikus für sein Eintrittsgeld verlangen!“ ermahnt uns Theo. Er sitzt auf seinem berühmten kleinen Patentstühlchen am Volant und schnallt sich fest.
15.25. – Der Propeller wird in Schwung gebracht. „Glück ab!“ ruft der Platzleiter noch durchs Fenster. Dann senkt sich die rote Fahne. Theo rollt übers Feld, als ob sich’s um eine Autospazierfahrt handelt. „Erst ein bissele die Welt angucken“, sagt er. Ich habe mein Notizbuch aufs rechte Knie gelegt, das linke ruht auf dem zitternden Voden der ausgeräumten Kabine; ich muss die Nase hochheben, sonst kann ich nicht durch die Scheiben sehn.
15.35. – Wir haben eine Höhe von neunhundert Metern erreicht. Die Libelle ist im Bogen gegen den leichten Südostwind aufgestiegen und macht eine steile Kurve. Rolf legt sich mit seinem Zentnergewichtchen auf mein Notizbüchlein. Zum Glück rette ich noch die Bleistiftspitze. „Muss ich jetz ’nunter?“ schreit er Theo zu. Der gibt zurück: „Die Rheinbäder sind noch geschlossen!“ Richtig, da unten ist Wasser. „Dussel, des isch doch der Neckar!“ korrigiert der Seppel. Wie schmal das Neckarle ist! Und schräg dazu liegt der Rheinhafen. Jetzt erst kommt der Rhein selber. Die Sonne blendet. Da ist die grosse Rheinbrücke. Brücken sind sonst etwas Festes, aber diese Brücke da unten ist beweglich, lebendig, sie besteht aus lauter Menschenleibern, Strohhüten, Glatzköpfen, Taschentüchern ... Das winkt und winkt und ruft gewiss auch, der Propellerlärm ist aber so stark, dass man sonst gar nichts hört ...
15.45. – Unter uns Ludwigshafen. Wie putzig wirkt der kleine Marktplatz am Bahnhof, das Häfele mit den Nussschalen, den Schleppkähnen! Noch einmal geht’s haarscharf über das Gewimmel auf der Brücke zum Schlossgarten hinüber. Der Ringdamm schliesst die steingraue Innenstadt von Mannheim mit einem grünen Gartenzaun ein. Wie eine Brottorte mit Spinat. „Wuppdich!“ sagt der Seppel, da sacken wir plötzlich in ein Luftloch. Das ist genau über dem Neckar. „In die Krampen fassen!“ kommandiert der Theo. Aha, richtig, da sind Krampen in den Boden und in die Decke eingelassen. Auch in die drei Seitenwände. Wir halten auf das grosse Grün des Sportfeldes zu. Die Menschenmauern, die den weiten Platz umringen, sind nicht mehr schwarz wie vorhin, sie sind fleischfarben, aus Zehntausenden von kleinen Eirunden zusammengesetzt: das sind die aufwärts gehobenen Gesichter der Zuschauer, die ihr Eintrittsgeld bezahlt haben und denen unser Schicksalslenker jetzt ein Schaustücklein bieten will. „Festhalten!“ schreit er. Und wie ein bockendes Pferd steigt die Libelle.
Plötzlich verschwindet die Erde mit allen Flüssen, Feldern, Strohhüten und Kirchtürmen. Rolf haut mir mit dem Knie gegen den Magen. Ich beisse dem Seppel in den Arm. „Autsch!“ schreit er. Wir haben wohl alle drei die Augen geschlossen. „Idioten!“ ermahnt uns Theo väterlich. Nun geht es wieder waagerecht hoch über dem Platz durchs Weltall. Du, Theo“, ruft der Rolf, der käsebleich geworden ist, „in die lumpige hundertfünfundzwanzig Reichsmark sind doch deine Kunstflüg’ nicht mit einkalkuliert!“ Wie der lacht, unser Kommandeur! „Ein lumpiger Purzelbaum, das ist doch noch kein Kunstflug!“ Aber Seppel stimmt dem Rolf bei: „Pro Purzelbaum zehn Emm extra!“ Der Mann am Volant lässt vor Entsetzen beinahe das Rad los. „Schacherseelen! Jugend ohne Ideale! Gutwillig geb ich fünf!“ Wir wechseln hastige Blicke. „Gemacht!“ ruft Rolf. Und wir fassen wieder in die Krampen. Nun geht es wie im Karussell, bloss nicht horizontal ...
16.00. – „Rolf, fertigmachen!“ ... Ich werde den Augenblick nie vergessen. Die Hände sind mir so nass geworden, dass ich kaum den Bleistift halten kann.
16.05. – Rolf ist in die Schiebetür auf den genau bezeichneten Platz getreten. Wir überzeugen uns, dass sein Huckepackbündel nirgends den Rahmen streift. Theo nimmt jetzt eine steile Kurve. „Los!“ Und sofort richtet sich die Libelle, die arg geschwankt hat, wieder auf ... Da unten schwebt er schon, der Schirm. Vom Rolf ist nichts zu sehen, der baumelt hoffentlich darunter ... Der Höhenmesser zeigt genau 900 Meter.
16.10. – „Seppel, fertigmachen! Aber nicht so lang murksen wie der Rolf. Das muss gehn wie die Sektpropfen auf dem Fastnachtsball!“ – Dem Seppel zittern die Knie, ich seh’s. Er gibt mir plötzlich die Hand. Seine ist so nass wie die meine. „Los!“ ... Nein, das war ja entsetzlich, entsetzlich! Ich hab’ in der Angst bis auf neun gezählt – kerzengrade ist das Bündel hinuntergesaust wie ein Strich, durch den Propellerlärm hab’ ich den mächtigen Aufschrei gehört, der durch die ungeheure Menschenmenge gegangen ist ... Der Schirm hat sich erst in der Mitte zwischen uns und der Erde entfaltet ... Wie wird’s bei mir sein?!
16.12. – „Tinele, du hast doch keine Angst etwa?“ – Ich sage ihm noch, was ich hier, mit arg zitternder Klaue freilich, hinschreibe: „Der Mensch muss ebbes leischte!“
16.20. – Von allen Seiten stürmen sie auf mich zu. Das rauscht, das lärmt. Die Ohren sind mir überschlagen. Ich habe im Niedertrudeln fünfmal mit dem unterm Kinn festgemachten Kodak geknipst. Der linke Knöchel tut mir weh. Die Bleistiftspitze lebt noch. Heil, Seppel! Heil, Rolf! Grüss euch Gott alle miteinander!
Nachtrag. Dem Bericht von Fräulein Bettina Scholinus fügen wir noch hinzu, dass die Störung bei der Entfaltung des zweiten Schirmes als ein ganz seltenes Vorkommnis bezeichnet werden muss. Die Firma, die die sonst tadellos funktionierenden Apparate geliefert hat, erklärte unserem T-Korrespondenten die ausserordentlichen technischen Widerstände, die hier zusammengewirkt haben. Jedenfalls ist der Volksflugtag auch in seinem weiteren Ablauf als ein grosser Erfolg zu verbuchen, und wir rufen Mitwirkenden wie Veranstaltern des von 65 000 zahlenden Zuschauern besuchten Festes ein hoffnungsfreudiges „Glück ab!“ zu.
Die Schriftleitung
*
Rolfs Geschwister und ihr Anhang, Seppel und seine Heidelberger Freunde, ein paar Mandeln Studenten, die vorgaben, ihre Kommilitonin beglückwünschen zu müssen, durchbrachen die Sperre; bevor die Polizei einschreiten konnte, jagten sie dem Landungsplatz zu. Bettina hatte die Tiefe unter sich nicht richtig eingeschätzt und noch die fünfte Kodakaufnahme gemacht, bevor sie die Arme vorschriftsmässig in die Schlaufen legte, und so war sie beim Landen ein paarmal hin- und hergeschleift worden, wobei sie mit dem linken Fuss in ein Karnickelloch geriet. Als die Menge auf sie losstürmte, lag sie auf dem Bauch und kritzelte die letzten Sätze in ihr Glanzleinwand-Notizbüchlein.
Sie wurde aufgerichtet, taumelte aber und zog vor Schmerz das linke Knie bis an die Brust hoch. Der Fallschirm-Gürtlermeister drängte sich durch, voller Sorge um sein kostbares Material, und half ihr aus den verschiedenen Hanfschlingen heraus. Rolf und Seppel wollten sie auf die Schultern heben, waren dazu aber zu schwach, ein paar junge Leutchen mit unverbrauchten Kräften sprangen für sie ein. „Ehrenrunde!“ schrie ein Studentlein mit kinderheller Trompetenstimme. Die nächste Kapelle setzte mit einem Marsch ein, und die Menge winkte lachend dem improvisierten Triumphzug zu. „Was war denn das mit dir, Seppel?“ fragte Bettina unterwegs. Der Försterssohn schluckte. „Und wenn ich tausend Jahr alt werre tät – des könnt’ ich nimmer vergesse. E saumässige paar Sekunde. Und der verdammte Ruck hernach. Es isch mir nix gebroche. Aber wie alles untereinandergeschüttelt isch! – Und wie geht’s jetz mit dei’m linke Hinterfuss, Tinele? Hasch noch Schmerze?“ Bettina zwang sich zu einem Lächeln. „Weh tut’s, aber ich weiss gar nicht wo. Deine Heidelberger Buben pfetzen mir so arg die Knie, die Füss’ und die Waden in ihrer Begeisterung!“
Der Trupp näherte sich dem Flugzeugschuppen G. Die Menschenmenge, die dort hinter dem Absperrungszaun sich drängte, hatte für die Fallschirmhelden jetzt nur noch geteiltes Interesse – denn soeben begann Theo Krane da droben am blauen Firmament seine Kunstflüge. Das waren die reinen Pirouetten, zusammengesetzt aus Looping, Salto mortale, Seitenrollen, Verkehrtfliegen, Steilkurven aller Art ... Alle Gesichter wandten sich dem jungen Wagehals zu, die meisten Münder standen offen.
Im Schuppen gab es mit dem Sekretär der Veranstaltung zunächst noch eine Unstimmigkeit wegen der Abrechnung. Da hiess es also erst die Beendigung von Theos Nummer abwarten. Aber ein Motorradfahrer der Zeitung wartete schon ungeduldig auf das Manuskript, das er sofort in die Druckerei bringen sollte. Als Bettina, die endlich ihren Triumphsitz verlassen durfte, mit dem linken Fuss auftreten wollte, wurde sie fast ohnmächtig vor Schmerz. „Da isch ebbes verknackst!“ sagte Seppel, der vor ihr kniete. Sie wurde auf einen Stuhl gesetzt. Acht Hände bemühten sich, ihr die Turnschuh und den Strumpf herunterzuziehen. Rolfs Schwester blieb Siegerin: sie hatte die verknotete Verschnürung der Skihose oberhalb des Knöchels mit ihrem Taschenmesserchen aufgeschnitten. „Was versteht denn so ein Rossarzt von emene Weiberbein!“ zankte Rolf. Indem kam schon der Arzt vom Roten Kreuz und nahm eine recht schmerzhafte Untersuchung vor. „Einfach feuchter Umschlag und mit dem Auto in die Klinik zur Röntgenaufnahme!“ entschied der Arzt. Er gab auch sogleich Weisung, eines der draussen wartenden Krankenautos vorfahren zu lassen. Josef Gaiss liess sich’s nicht nehmen, die Freundin zu begleiten. Eine rote Flagge wurde an dem Auto hochgezogen, die Verletzte in die schwebende Bahre verstaut, und dann ging’s heidi! über die Grasstoppeln.
Unterwegs stritten sie sich über die vom Arzt genannte Mannheimer Klinik. Das Unterkommen sollte doch möglichst billig sein, stellte Bettina vor. Seppel sprach also mit dem Chauffeur des Transportwagens. Dem war jedes Ziel gleich recht, denn sein Dienst dauerte heute doch bis Mitternacht, und auf ein gutes Trinkgeld schätzte er die jungen Leute immerhin ein. „Also mir fahre zum Geheimrat Rappo ins Sanatorium Höhenweg bei Bade-Bade!“