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Olrik
Seeräuber Jenny: Erika Lust-Erotik
Lust
Seeräuber Jenny: Erika Lust-ErotikÜbersetzung Kirsten Evers Original Pirat JennyCopyright © 2018, 2019 Olrik und LUST All rights reserved ISBN: 9788726112900
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach
Absprache mit LUST gestattet.
Seeräuber Jenny
Es war doch viel heißer, als Jenny gedacht hatte, als sie in ihren Lieblingsoverall schlüpfte, um ihr geliebtes Hausboot in einfarbiges Rotbraun zu tünchen. Seit drei Jahren wohnte sie nun schon auf dem Hausboot. Während dieser Zeit hatte sie verzweifelt versucht verschiedene Institutionen und Universitäten dazu zu überreden, ihr Herzblutprojekt zu unterstützen. Dies hätte ihr erlaubt endlich ihr Studium der Anthropologie nutzen zu können, statt, wie derzeit, als pädagogische Mitarbeiterin zu jobben.
Ihre Idee war es, junge Menschen aus der ganzen Welt zu studieren, die nach Malaysia reisten, um die Eier der bedrohten Meeresschildkröte zu retten. Jenny hatte die Theorie, dass man in genau diesem Umfeld unglaublich interessante Tendenzen für die Zukunft der Menschheit entdecken könne. Welcher Typ Mensch bzw. Jugendlicher opfert seinen Urlaub für eine bedrohte Spezies? Wie ist sein Mindset, seine Denkweise bei der Ankunft, und wie denkt er oder sie zum Ende des Projekts? Und nach einem halben Jahr?
Jenny hatte die Hoffnung, dass sie mit einer streng wissenschaftlichen Analyse von eben dieser kleinen, geschlossenen Gruppe würde nachweisen können, dass diese Art von Projekt nicht nur den armen Meeresschildkröten zugute kam, sondern auch zu einer Veränderung der Einstellung zukünftiger Weltbürger führen könne. Zu einem ganz neuen Gemeinschaftsgefühl, einem veränderten Identitätsverständnis - nämlich dem, nicht nur im eigenen Land Bürger zu sein, sondern Mensch auf einem Planeten zu sein, für den wir alle gleichermaßen die Verantwortung tragen.
Leider hatte Jenny bisher keinen Erfolg damit gehabt, ihre Idee in der akademischen Welt zu vermarkten, und deshalb hatte sie beschlossen, die Realisierung des Projekts selbst in die Hand zu nehmen. Mit dem Geld, das sie eisern angespart hatte, und dem Erlös aus dem Verkauf des Hausbootes, hatte sie sich ausgerechnet, dass es ganz eben so machbar wäre.
Aber auch nach viermonatiger Käuferjagd mit Anzeigen in der Zeitung und Schild am Boot war es ihr nicht gelungen, auch nur einen einzigen seriösen Kaufinteressenten zu finden, und Jennys Freunde hatten den Verdacht verlauten lassen, dass es vielleicht daran liegen könnte, dass das Hausboot wie eine Hash-Höhle aussah, mit seinen Regenbogenfarben und bunten Lampen an Deck.
Also sollte das Boot nun einfarbig gestrichen werden – die bunten Lichter waren schon abgehängt worden. Zumindest auf dem Außendeck. Das Innere der geräumigen Kajüte – ja, Jenny hatte sich tatsächlich an ihre 28 Quadratmeter Wohnfläche gewöhnt – war noch immer mit Lichterketten und anderem femininen Schnickschnack geschmückt.
Fast schmerzte es sie physisch, die bunten Bretter mit der langweilig rotbraunen Farbe zu übermalen, von der alle gesagt hatten, dass sie das Hausboot so viel verkäuflicher machen würde. Mist aber auch!
Und dann war es auch noch viel zu heiß für den Overall.
Dabei würde der mit ein paar Farbklecksern sicher noch viel authentischer an ihr aussehen. Rustikaler. Sie hatte ihn gemeinsam mit dem Boot gekauft und in mühevoller Handarbeit in roten Lettern "Seeräuber Jenny" auf den Rücken gestickt. Eigentlich hatte es eine Provokation an ihren Ex-Freund sein sollen. Nachdem Jenny ein Jahr lang versucht hatte, die Erotik in der Beziehung zum Leben zu erwecken, hatte sie die Hoffnung aufgegeben und ihm eröffnet, dass sie einfach nicht bereit sei, ihre besten Jahre als „altes Ehepaar" zu verbringen. Sie war sich so sicher gewesen, dass es auch für ihn gut sein würde, sich aus einer Beziehung zu befreien, die ihn so offensichtlich gelangweilt hatte. Aber er war stinksauer geworden und hatte ihr seine unsympathischste Seite gezeigt: er hatte sie „scheußlich" genannt und gesagt, dass sie immer nur nehmen würde, was sie wolle, nur um dann die Gefühle anderer Leute mit Füßen zu treten. Das hatte er dann auch all ihren Facebookfreunden geschrieben. Und daraufhin hatte sie sich wütend hingesetzt und „Seeräuber Jenny" auf ihren Overall gestickt. Im Jahr darauf hatte der Name dann eine ganz neue Bedeutung bekommen. Nicht, dass sie ein krimineller Seeräuber war, der die Leute schamlos ausnutzte. Sondern, dass sie eine selbstständige Frau war. Seeräuber Jenny – selbst ist die Frau!
Plötzlich wurde ihr bewusst, dass jemand am Ufer stand und sie beobachtete. Ein Mann. Er musste sich fürchterlich darüber amüsieren, wie sehr sie schwitzte. Kleine Frau streicht großes Boot. Oder so ähnlich.
Vielleicht spielte sie gerade die weibliche Hauptrolle in seinem Kopfkino.
Aus dem Augenwinkel sah sie kurz in Richtung Ufer. Eigentlich sah er gar nicht schlecht aus. Bestimmt nicht viel älter als sie selbst, aber seine Kleidung verriet, dass er ein erfolgreicher Mann war: Er trug einen langen Mantel, der ein Vermögen gekostet haben musste. Dazu Hosen mit Bügelfalte und teure Schuhe.
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