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QUESTE DER HELDEN

(Band 1 im Ring der Zauberei)

Morgan Rice

Über Morgan Rice

Morgan Rice schrieb die Nr. 1 Bestseller-Serie THE VAMPIRE JOURNALS, eine achtteiligen Serie für Jugendliche, die bisher in sechs Sprachen übersetzt wurde und teilweise auch in Deutsch erhältlich ist.

Morgan schrieb auch den Nr. 1 Bestseller THE VAMPIRE LEGACY, eine Serie für Jugendliche, von der bisher zwei Bücher erschienen sind.

Morgan Rice schrieb auch die Nr. 1 Bestseller ARENA ONE und ARENA TWO, die ersten beiden Titel der post-apokalyptischen SURVIVAL Action-Thriller-Trilogie, die in der Zukunft angesiedelt ist.

Morgan schrieb auch die Nr. 1 Bestseller Fantasy-Serie DER RING DER ZAUBEREI, die bisher aus zehn Bänden besteht und teilweise auch in Deutsch erschienen ist.

Alle Bücher von Morgan Rice werden demnächst in deutscher Sprache erhältlich sein.

Bitte besuchen Sie auch www.morganricebooks.com. Morgan freut sich auf Ihren Besuch.

Ausgewählte Kommentare zu Morgan Rice

„Packte meine Aufmerksamkeit von Anfang an und ließ nicht locker... diese Geschichte ist ein fantastisches Abenteuer, von Beginn an rasant und actionreich. Es ist kein langweiliger Moment darin zu finden.“

--Paranormal Romance Guild {über Turned- Verwandelt}

„Eine ideale Geschichte für junge Leser. Morgan Rice leistet gute Arbeit, eine interessante Wendung herauszuarbeiten...erfrischend und ungewöhnlich, mit allen klassischen Elementen, die in vielen Serien paranormaler Geschichten für Jugendliche zu finden sind. Einfach zu lesen, doch extrem rasant...empfehlenswert für alle, die gerne paranormale Soft-Romanzen lesen. Bedingt jugendfrei.“

--The Romance Reviews (über Turned - Verwandelt)

„Vollgepackt mit Action, Romantik, Abenteuer und Spannung. Lasst es euch nicht entgehen, und verliebt euch ganz von Neuem.“

--vampirebooksite.com (über Turned - Verwandelt)

„Eine tolle Geschichte, und vor allem die Art von Buch, die man nachts nicht weglegen kann. Das Ende war ein Cliffhanger, der so spektakulär war, dass man sofort das nächste Buch kaufen möchte, nur um herauszufinden, wie es weitergeht.“

--The Dallas Examiner {über Loved - Geliebt}

„Morgan Rice erweist sich erneut als äußerst talentierte Geschichtenerzählerin...Dies wird eine große Bandbreite an Lesern ansprechen, darunter die jüngeren Fans des Vampir/Fantasy-Genres. Das Ende ist ein unerwarteter Cliffhanger, der schockieren wird.“

--The Romance Reviews (über Loved - Geliebt)

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Bücher von Morgan Rice

auf Deutsch erschienen

DER RING DER ZAUBEREI

QUESTE DER HELDEN (Band 1)


schon bald auf Deutsch erhältlich

A MARCH OF KINGS - MARSCH DER KÖNIGE (Band 2)

A FEAST OF DRAGONS - FESTMAHL DER DRACHEN (Band 3)

A CLASH OF HONOR - KAMPF DER EHRE (Band 4)

A VOW OF GLORY - SCHWUR DES RUHMS (Band 5)

A CHARGE OF VALOR - ANGRIFF DER TAPFERKEIT (Band 4)

A RITE OF SWORDS - RITUS DER SCHWERTER (Band 7)

A GRANT OF ARMS - GEWÄHR DER WAFFEN (Band 8)

A SKY OF SPELLS - HIMMEL DER ZAUBER (Band 9)

A SEA OF SHIELDS - MEER DER SCHILDE (Band 10)


schon bald auf Deutsch erhältlich

THE SURVIVAL TRILOGY

ARENA ONE: SLAVERUNNERS (Band 1)

ARENA TWO (Band 2)

auf Deutsch erschienen

THE VAMPIRE JOURNALS -

VERWANDELT (Band 1)

GELIEBT (Band 2)

schon bald auf Deutsch erhältlich

BETRAYED (Band 3)

DESTINED (Band 4)

DESIRED (Band 5)

BETROTHED (Band 6)

VOWED (Band 7)

FOUND (Band 8)

RESURRECTED (Band 9)

CRAVED (Band 10)

Copyright © 2013 Morgan Rice


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Diese Geschichte ist frei erfunden. Namen, Figuren, Unternehmen, Organisationen, Orte, Ereignisse und Vorfälle sind entweder ein Produkt der Phantasie des Autors oder werden im fiktionalen Sinne verwendet. Jegliche Ähnlichkeit mit existierenden Personen, tot oder lebendig, ist rein zufällig.

KAPITEL EINS

KAPITEL ZWEI

KAPITEL DREI

KAPITEL VIER

KAPITEL FÜNF

KAPITEL SECHS

KAPITEL SIEBEN

KAPITEL ACHT

KAPITEL NEUN

KAPITEL ZEHN

KAPITEL ELF

KAPITEL ZWÖLF

KAPITEL DREIZEHN

KAPITEL VIERZEHN

KAPITEL FÜNFZEHN

KAPITEL SECHZEHN

KAPITEL SIEBZEHN

KAPITEL ACHTZEHN

KAPITEL NEUNZEHN

KAPITEL ZWANZIG

KAPITEL EINUNDZWANZIG

KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG

KAPITEL DREIUNDZWANZIG

KAPITEL VIERUNDZWANZIG

KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG

KAPITEL SECHSUNDZWANZIG

KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG

KAPITEL ACHTUNDZWANZIG

"Das Haupt liegt übel, das eine Krone trägt."

—William Shakespeare

Heinrich IV., 2. Teil

KAPITEL EINS

Der Junge stand auf der höchsten Kuppe in den Tieflanden des Westlichen Königreichs des Rings, blickte nach Norden und betrachtete die erste der aufgehenden Sonnen. Soweit sein Auge reichte, erstreckten sich sanfte grüne Hügel wie Kamelhöcker, ein Auf und Ab von Tälern und Gipfeln. Das gebrannte Orange der Strahlen der ersten Sonne hing glitzernd im morgentlichen Nebel und verlieh dem Licht einen Zauber, der zur Stimmung des Jungen passte. Selten nur wachte er so früh auf oder wagte sich so weit von zu Hause fort, und niemals stieg er so hoch hinauf—er wusste, dass es den Zorn seines Vaters hervorrufen würde. Doch an diesem Tag kümmerte ihn das nicht. An diesem Tag missachtete er die Million an Regeln und Aufgaben, die ihn Zeit seiner vierzehn Jahre schon tyrannisierten. Denn dieser Tag war anders: es war der Tag, an dem sein Schickal angekommen war.

Der Junge—Thorgrin aus dem Westlichen Königreich der Südprovinz des Clan McLeod—und jenen, die er gern hatte, einfach als Thor bekannt—der Jüngste von vier Söhnen und am wenigsten vom Vater geliebt, war in Erwartung dieses Tages die ganze Nacht wach geblieben. Unruhig und schläfrig hatte er sich im Bett herumgeworfen, gewartet, und die erste Sonne beschworen, endlich aufzugehen. Denn ein Tag wie dieser kam nur einmal alle paar Jahre, und wenn er ihn verpasste, würde er für den Rest seiner Tage in diesem Dorf feststecken, dazu verdammt, die Schafherde seines Vaters zu hüten. Dieser Gedanke war ihm unerträglich.

Konskriptionstag. Es war der eine Tag, an dem die königliche Armee zur Anwerbung in die Provinzen ging und Freiwillige für die königliche Legion von Hand auswählte. Solange er schon lebte, hatte Thor von nichts anderem geträumt. Für ihn war nur eins im Leben von Bedeutung: den Silbernen anzugehören, dem königlichen Elitetrupp von Rittern, die mit dem feinsten Rüstzeug und den erlesensten Waffen in den gesamten Landen der zwei Königreiche ausgestattet waren. Und den Silbernen konnte man nicht angehören, ohne sich zuerst der Legion anzuschließen, der Kompanie von Knappen im Alter von vierzehn bis neunzehn Jahren. Und wenn man nicht gerade der Sohn eines Adeligen war, oder der eines ruhmreichen Kriegers, dann gab es keinen anderen Weg, sich der Legion anzuschließen.

Konskriptionstag war die einzige Ausnahme—ein rares Ereignis alle paar Jahre, wenn der Legion die Männer ausgingen und des Königs Mannen die Lande auf der Suche nach neuen Rekruten bereisten. Es war allseits bekannt, dass nur wenige aus dem einfachen Volk gewählt wurden—und dass noch weniger davon es bis in die Legion schafften.

Thor stand da, sein Blick auf den Horizont fixiert, auf der Suche nach dem kleinsten Anzeichen von Bewegung. Die Silbernen, wusste er, mussten über diese Straße kommen—es war die einzige Straße, die in sein Dorf führte—und er wollte der Erste sein, der sie erblickte. Um ihn herum protestierte seine Schafherde; ein Chor an nervtötenden Grunzern erhob sich, die Tiere wollten ihn dazu drängen, sie wieder den Berg hinunter zu führen, wo das Gras saftiger war. Er versuchte, den Lärm und den Gestank nicht zu beachten. Er musste sich konzentrieren.

Was all dies für ihn erträglich gemacht hatte, all die Jahre des Schafehütens, in denen er der der Lakai seines Vaters und seiner älteren Brüder gewesen war, in denen ihm stets die wenigste Liebe und die meiste Arbeit zugeteilt wurde, war der Gedanke, dass er eines Tages diesen Ort verlassen würde. Eines Tages, wenn die Silbernen kamen, würde er alle verblüffen, die ihn unterschätzt hatten, und würde ausgewählt werden. Mit einer zügigen Bewegung würde er sich auf ihre Kutsche schwingen und all dem hier Lebewohl sagen.

Thors Vater hatte ihn natürlich nie ernsthaft als einen Kandidaten für die Legion betrachtet - im Grunde hatte er ihn nie als einen Kandidaten für irgendetwas betrachtet. Stattdessen schenkte sein Vater seine Liebe und Aufmerksamkeit Thors älteren drei Brüdern. Der Älteste war neunzehn und die anderen kamen in jeweils einem Jahr Abstand, womit Thor gute drei Jahre jünger als alle anderen war. Ob es nun daran lag, dass sie im Alter näher zusammen lagen, oder daran, dass sie einander alle ähnelten und Thor ihnen nicht im Geringsten ähnlich sah—die drei hielten fest zusammen und nahmen Thors Existenz nur am Rande wahr.

Schlimmer noch, sie waren größer und breiter und stärker als er, und Thor, der wusste, dass er selbst nicht klein war, fühlte sich neben ihnen dennoch winzig, und seine muskulösen Beine schienen schwächlich verglichen mit ihren Eichenfass-Stampfern. Sein Vater machte keine Anstalten, irgendetwas davon rauszugleichen—tatsächlich schien es ihm sogar zu gefallen—und überließ Thor das Hüten der Schafe und Schärfen der Waffen, während es seinen Brüdern überlassen war, zu trainieren. Es wurde nie ausgesprochen, aber immer so verstanden, dass Thor sein Leben in der Reserve verbringen würde; gezwungen, seinen Brüdern dabei zuzusehen, wie sie Großes erreichen. Sein Schicksal, wenn es nach seinem Vater und seinen Brüdern ginge, wäre es, hier in diesem Dorf festzustecken und seiner Familie gerade die Hilfsarbeit zu bieten, die sie verlangte.

Schlimmer noch war, dass Thor spürte, wie seine Brüder ihn widersprüchlicherweise als Bedrohung empfanden, ihn sogar hassten. Thor konnte es in jedem ihrer Blicke sehen, in jeder Geste. Er verstand nicht, wie, aber er erregte etwas wie Angst oder Eifersucht in ihnen. Vielleicht lag es daran, dass er anders war als sie, nicht wie sie aussah oder mit den gleichen Manieren sprach wie sie; er kleidete sich nicht einmal wie sie, da sein Vater das Beste—die purpurnen und scharlachroten Roben, die vergoldeten Waffen—für seine Brüder zurückhielt, während für Thor die gröbsten Lumpen als Kleidung übrig blieben.

Dennoch machte Thor das Beste aus dem, was er hatte. Er fand Wege, seine Kleidung passend zu machen, band sein Hemd mit einem Tuch um seine Mitte und schnitt sich jetzt im Sommer die Ärmel ab, damit seine straffen Arme von der Luft umschmeichelt werden konnten. Zum Hemd passten Hosen aus grobem Leinen—sein einziges Paar—und Stiefel aus dem schlechtesten Leder, die er am Schienbein hochschnürte. Sie waren kaum mit dem Leder der Schuhe seiner Brüder zu vergleichen, aber er machte das Beste daraus. Er trug die typische Uniform eines Hirten.

Nur zeigte er ansonsten kaum die typisch Statur. Thor war groß und schlank; mit kräftigem Kiefer, einer edlen Kinn-Linie, hohen Wangenknochen und grauen Augen stand er da wie ein verlorener Krieger. Sein seidiges braunes Haar fiel in Wellen von seinem Kopf; es reichte ihm bis knapp unter die Ohren. Dahinter glitzerten seine Augen wie kleine Fische im Sonnenlicht.

Thors Brüder würden an diesem Morgen lange schlafen dürfen, eine herzhafte Mahlzeit vorgesetzt bekommen und mit den feinsten Waffen und dem Segen des Vaters zur Auswahl geschickt werden—während es ihm sogar verboten war, überhaupt teilzunehmen. Einmal hatte er versucht, das Thema seinem Vater gegenüber zur Sprache zu bringen. Es lief nicht gut. Sein Vater hatte die Unterhaltung kurz angebunden für beendet erklärt, und er hat es kein zweites Mal versucht. Es war einfach nicht gerecht.

Thor war entschlossen, das Schicksal zu verweigern, das sein Vater für ihn im Sinn hatte: beim ersten Anzeichen des königlichen Zuges würde er zum Haus zurückrennen, seinen Vater konfrontieren, und ob der es wollte oder nicht sich des Königs Mannen präsentieren. Er würde sich zur Auswahl stellen, genau wie die anderen. Sein Vater würde ihn nicht abhalten können. Beim Gedanken daran fühlte er einen Knoten in seinem Magen.

Die erste Sonne stieg höher, und als langsam die zweite Sonne in kühlem Grün aufging und einen helleren Schein auf den purpurnen Himmel warf, da konnte Thor sie sehen.

Er richtete sich auf; seine Haare sträubten sich, wie elektrisiert. Da am Horizont erschien die blasse Kontur einer Pferdekutsche, deren Räder Staub zum Himmel wirbelten. Sein Herz schlug schneller, als eine weitere sichtbar wurde; und dann noch eine. Sogar von der Ferne funkelten die goldenen Kutschen in den Sonnen wie Fische, die mit silbernem Rücken aus dem Wasser springen.

Als er zwölf von ihnen zählen konnte, hielt er es nicht länger aus. Mit pochendem Herzen in der Brust, zum ersten Mal in seinem Leben völlig auf seine Herde vergessend, drehte Thor sich um und stolperte den Hügel hinunter, fest entschlossen, sich von nichts aufhalten zu lassen, bis er sich präsentiert hatte.

*

Thor hielt kaum an, um Atem zu schöpfen, als er den Hügel hinab durch die Bäume raste. Er wurde von Zweigen zerkratzt, doch es kümmerte ihn nicht. Er kam zu einer Lichtung und konnte das Dorf sehen, wie es sich unter ihm erstreckte: ein schläfriges Städtchen am Land, vollgepackt mit einstöckigen Häuschen aus weißem Lehm mit strohgedeckten Dächern. Nicht mehr als einige Dutzend Familien waren darunter. Aus den Schornsteinen stieg Rauch auf, da die meisten von ihnen früh auf den Beinen waren und ihr Morgenmahl bereiteten. Es war ein idyllischer Ort, gerade weit genug—einen vollen Tagesritt—vom Königshof entfernt, um Durchreisende fernzuhalten. Nur eines unter vielen Bauerndörfern am Rande des Rings; eines von vielen Rädchen im Getriebe des Westlichen Königreichs.

Thor rannte das letzte Stück zum Dorfplatz, so schnell er konnte, und wirbelte die Erde hinter sich auf. Hühner und Hunde sprangen ihm aus dem Weg, und eine alte Frau, die vor ihrem Häuschen vor einem kochenden Wasserkessel saß, zischte ihn an.

"Langsam, Junge!" kreischte sie, als er vorbeiraste und eine Staubwolke in ihr Feuer wirbelte.

Aber Thor würde nicht langsamer werden—nicht für sie, nicht für irgendwen. Er bog in eine Seitenstraße ab, dann noch eine, und wand sich im Zick-Zack entlang des Weges, den er blind kannte, bis er zuhause angelangt war.

Es war eine kleine, unscheinbare Behausung, nicht anders als die anderen mit ihren weißen Lehmmauern und dem schrägen, strohgedeckten Dach. Wie die meisten hatte auch sie ein einziges Zimmer, das unterteilt war: sein Vater schlief auf der einen Seite, seinen drei Brüdern auf der anderen. Anders als die meisten hatte sie einen kleinen Hühnerstall hinten raus, und dies war das Exil, in das Thor zum Schlafen geschickt wurde. Anfangs hatte er sich mit seinen Brüdern ein Bett geteilt; doch mit der Zeit wurden sie größer und gemeiner und ausgrenzender, und ließen im demonstrativ immer weniger Platz. Zuerst war Thor noch verletzt, doch inzwischen genoss er sein eigenes Plätzchen und zog es vor, sich der Gegenwart der anderen fernzuhalten. Für ihn bestätigte es nur, dass sein Platz in dieser Familie im Exil war, wie er es immer schon gewusst hatte.

Thor lief auf seine Haustür zu und platzte hindurch, ohne anzuhalten.

"Vater!" rief er und schnappte nach Atem. "Die Silbernen! Sie kommen!"

Sein Vater und die drei Brüder saßen über den Frühstückstisch gebeugt, jetzt bereits in ihre feinsten Gewänder gekleidet. Bei seinen Worten sprang sie hoch und schossen an ihm vorbei, gegen seine Schulter stoßend auf ihrem eiligen Weg aus dem Haus und auf die Straße hinaus.

Thor folgte ihnen hinaus, und so standen sie alle da, Blick auf den Horizont gerichtet.

„Ich sehe niemanden“, antwortete Drake, der Älteste, in seiner tiefen Stimme. Mit den breitesten Schultern, das Haar kurz geschnitten wie seine Brüder, mit braunen Augen und dünnen, missbilligenden Lippen, blickte er mürrisch zu Thor hinunter, wie auch sonst immer.

„Ich auch nicht“, wiederholte Dross, nur ein Jahr jünger als Drake. Wie immer war er auf seiner Seite.

„Sie kommen!“, warf Thor zurück. „Ich schwörs!“

Sein Vater wandte sich zu ihm um und packte ihn kräftig an den Schultern.

„Und wie kannst du das wissen?“, forderte er.

„Ich habe sie gesehen.“

„Wie? Von wo?“

Thor zögerte; sein Vater hatte ihn ertappt. Natürlich wusste er, dass der einzige Ort, von dem aus Thor sie erblickt haben konnte, die Kuppe des Hügels war. Nun war Thor unsicher, was er sagen sollte.

„Ich... kletterte auf die Kuppe—“

„Mit der Herde? Du weißt, dass sie nicht so weit hinauf dürfen.“

„Aber heute war es doch etwas anderes. Ich musste einfach schauen.“

Sein Vater blickte ihn finster an.

„Lauf sofort hinein, hol die Schwerter deiner Brüder und poliere ihre Schwertscheiden, damit sie bestens aussehen, bevor des Königs Mannen hier sind.“

Sein Vater war mit ihm fertig und wandte sich wieder an die Brüder, die allesamt auf der Straße standen und Ausschau hielten.

„Meinst du, sie werden uns auswählen?“, fragte Durs, der Jüngste der drei, volle drei Jahre älter als Thor.

„Sie wären Narren, es nicht zu tun“, sagte sein Vater. „Dieses Jahr mangelte es ihnen an Mannen. Die Ausbeute war gering—ansonsten würden sie sich kaum hierher bemühen. Steht nur aufrecht, alle drei, Kinn hoch und Brust raus. Seht ihnen nicht direkt in die Augen, aber seht auch nicht weg. Seid stark und selbstbewusst. Zeigt keine Schwäche. Wenn ihr zur Legion des Königs gehören wollt, müsst ihr euch so verhalten, als wärt ihr bereits dabei.“

„Ja, Vater“, antworteten seine drei Jungs zugleich, und machten sich bereit.

Er wandte sich um und warf Thor einen stechenden Blick zu.

„Was tust du noch hier?“, fragte er. „Rein mit dir!“

Thor stand da, zerrissen. Er wollte seinem Vater gegenüber nicht ungehorsam sein, aber er musste mit ihm sprechen. Sein Herz raste, während er mit sich selbst rang. Er beschloss, es wäre am besten, zu gehorchen, die Schwerter zu bringen, und erst dann seinen Vater zu konfrontieren. Gleich mit Ungehorsam anzufangen, würde nicht hilfreich sein.

Thor rannte ins Haus, durch die Hintertüre hinaus, und weiter zum Waffenverschlag. Er fand die drei Schwerter seiner Brüder, jedes einzelne ein Objekt reinster Schönheit, gekrönt mit den feinsten Silbergriffen; wertvolle Geschenke, für die sich der Vater jahrelang abgerackert hatte. Er griff sich alle drei, wie immer überrascht von ihrem Gewicht, und lief mit ihnen zurück durchs Haus.

Er hastete zu seinen Brüdern, überreichte jedem von ihnen sein Schwert, und wandte sich dann an seinen Vater.

„Wie, ohne Polieren?“, sagte Drake.

Sein Vater drehte sich missbilligend zu ihm um, doch bevor er etwas sagen konnte, fing Thor zu sprechen an.

„Vater, bitte. Ich muss mit dir sprechen!“

„Ich sagte, polier—“

„Bitte, Vater!“

Sein Vater funkelte ihn an, mit sich selbst ringend. Er muss die Ernsthaftigkeit in Thors Gesicht erkannt haben, denn schließlich sagte er, „Nun?“

„Ich möchte mich melden. Mit den anderen. Zur Legion.“

Das Gelächter seiner Brüder erhob sich hinter ihm, und brennendes Rot fuhr ihm ins Gesicht.

Doch sein Vater lachte nicht; im Gegenteil, seine Mundwinkel verzogen sich noch weiter nach unten.

„Ist das so?“, fragte er.

Thor nickte energisch.

„Ich bin vierzehn. Ich bin berechtigt.“

„Vierzehn ist die Grenze“, warf ihm Drake abfällig über die Schulter zu. „Wenn Sie dich nehmen, wärst du der Jüngste. Meinst du wirklich, sie nehmen dich anstelle von jemandem wie mir, fünf Jahre über dir?“

„Du bist unverschämt“, sagte Durs. „Warst du schon immer.“

Thor drehte sich zu ihnen um. „Euch habe ich nicht gefragt“, sagte er.

Er wandte sich zurück an seinen Vater, der immer noch stirnrunzelnd dastand.

„Vater, bitte“, sagte er. „Gib mir eine Chance. Mehr möchte ich gar nicht. Ich weiß, ich bin jung, aber ich werde mich beweisen, mit der Zeit.“

Sein Vater schüttelte den Kopf.

„Du bist kein Soldat, Junge. Du bist nicht wie deine Brüder. Du bist ein Hirte. Dein Leben ist hier. Bei mir. Du wirst deine Pflichten erfüllen, und zwar gut. Man sollte nicht zu hoch träumen. Nimm dein Leben an, wie es ist, und lerne, es zu lieben.“

Thor fühlte, wie sein Herz brach, und sein Leben vor seinen Augen in sich zusammenbrach.

Nein, dachte er. Das kann nicht sein.

„Aber, Vater—“

„Schweig!“, schrie der, so schrill, dass es die Luft durchschnitt. „Es reicht mir mit dir. Hier kommen sie. Aus dem Weg mit dir, und benimm dich besser, solange sie hier sind.“

Sein Vater trat vor und schob Thor mit einer Hand zur Seite, als wäre er ein Stück von etwas, das er lieber nicht sehen wollte. Seine bullige Handfläche brannte sich auf Thors Brust.

Ein großes Gerummel kam auf, und das Dorfvolk strömte aus seinen Häusern, um die Straßen zu säumen. Eine größer werdende Staubwolke kündigte den Zug an, und Augenblicke später waren sie angekommen, ein Dutzend Pferdekutschen mit einem Lärm wie Donnergrollen.

Sie zogen in die Stadt ein wie eine plötzliche Armee, und hielten nahe an Thors Zuhause an. Da standen ihre Pferde nun, tänzelnd, schnaubend. Die Staubwolke brauchte zu lange, um sich zu setzen, und Thor versuchte aufgeregt, einen Blick auf ihre Rüstungen, ihr Waffenzeug zu erheischen. Nie zuvor war er den Silbernen so nahe gestanden, und sein Herz pochte.

Der Soldat auf dem vordersten Pferd stieg von seinem Hengst ab. Da stand er, ein richtiger, tatsächlicher Mann der Silbernen, bedeckt mit einer schimmernden Kettenrüstung, ein Langschwert an seinem Gürtel. Dem Aussehen nach war er in seinen Dreißigern, ein wahrer Mann, Bartstoppeln im Gesicht, Narben auf der Wange, und eine vom Kampf gekrümmte Nase. Er war der gewichtigste Mann, den Thor je gesehen hatte, zweimal so breit wie die anderen, mit einem Gehabe, das klar machte: ich habe das Kommando.

Der Soldat sprang auf die Lehmstraße hinunter, seine Sporen rasselten, als er sich den in Reih und Glied stehenden Jungen näherte.

Das ganze Dorf rauf und runter standen dutzende Jungen, stramm stehend, voller Hoffnung. Den Silbernen anzugehören bedeutete ein Leben in Ehre, in Kampf, in Ansehen, in Ruhm—zusammen mit Land, Titel und Reichtümern. Es bedeutete die beste Braut, das erlesenste Land, ein Leben voll Pracht. Es bedeutete Ehre für deine Familie, und ein Eintritt in die Legion war der erste Schritt dazu.

Thor betrachtete die großen goldenen Kutschen, und ihm war klar, dass sie nur eine gewisse Anzahl Rekruten fassen konnten. Das Königreich war groß, und sie mussten noch viele Städte besuchen. Er schluckte, als ihn die Erkenntnis traf, dass seine Chancen noch weitaus geringer waren als gedacht. Er würde alle diese anderen Jungen schlagen müssen—viele darunter beträchtliche Kämpfer—zusammen mit seinen eigenen drei Brüdern. Sein Herz sank.

Thor konnte kaum atmen, als der Soldat schweigend an der Reihe der hoffnungsvollen Anwärter entlangschritt und sie in Augenschein nahm. Er begann am entfernten Ende der Straße und umkreiste sie langsam. Natürlich kannte Thor all die anderen Jungen. Er wusste auch, dass manche von ihnen insgeheim gar nicht ausgewählt werden wollten, auch wenn ihre Familien sie gerne fortschicken würden. Sie hatten Angst; sie würden keine guten Soldaten abgeben.

Thor empfand brennende Demütigung. Er fand, er hätte es verdient, ausgewählt zu werden, genauso sehr wie alle anderen. Nur weil seine Brüder älter und größer und stärker waren, hieß das noch lange nicht, dass er kein Recht hatte, dazustehen und ausgewählt zu werden. Er fühlte brennenden Hass auf seinen Vater, und platze fast aus seiner Haut, als der Soldat sich näherte.

Der Soldat blieb, zum ersten Mal überhaupt, vor seinen Brüdern stehen. Er begutachtete sie von Kopf bis Fuß und schien beeindruckt. Er streckte die Hand aus, packte eine ihrer Schwertscheiden und zerrte an ihr, als würde er testen, wie fest sie war.

Er begann zu lächeln.

„Du hast dein Schwert bisher noch nie im Kampf benutzt, nicht wahr?“, fragte er Drake.

Thor sah Drake zum ersten Mal in seinem Leben nervös werden. Er schluckte.

„Nein, mein Herr. Aber ich habe es schon viele Male im Training benutzt, und ich hoffe—“

„Im Training!“

Der Soldat brüllte vor Lachen und drehte sich zu den anderen Soldaten um, die mit einstimmten. Allesamt lachten Sie Drake ins Gesicht.

Drake lief brennrot an. Dies war das erste Mal, dass Thor Drake bloßgestellt erlebte—üblicherweise war es Drake, der andere bloßstellte.

„Nun, so werde ich unseren Feinden gewiss sagen, dass sie dich fürchten sollten—du, der du dein Schwert im Training schwingst!“

Die Gruppe Soldaten lachte erneut.

Danach wandte sich der Soldat an seine anderen Brüder.

„Drei Jungen vom gleichen Schlag“, sagte er, und rieb die Stoppeln an seinem Kinn. „Das kann nützlich sein. Ihr seid alle von guter Größe. Doch unerprobt. Ihr werdet sehr viel Unterricht brauchen, wenn ihr die Ausbildung bestehen wollt.“

Er hielt inne.

„Ich denke, wir könnten Platz für euch finden.“

Er deutete mit dem Kopf zur hintersten Kutsche.

„Rein mit euch, und zwar hurtig. Bevor ich es mir anders überlege.“

Die drei Brüder von Thor rannten freudestrahlend zur Kutsche. Thor merkte, wie auch sein Vater vor Freude strahlte.

Er selbst blickte ihnen völlig geknickt hinterher.

Der Soldat drehte sich um und ging zum nächsten Haus weiter. Thor hielt es nicht länger aus.

„Hauptmann!“, rief er laut aus.

Sein Vater starrte ihn erbost an, aber Thor kümmerte das nicht länger.

Der Soldat blieb stehen, mit dem Rücken zu Thor, und drehte sich langsam um.

Thor machte zwei Schritte nach vorne, mit klopfendem Herzen, und streckte so weit er konnte seine Brust hinaus.

„Mich habt Ihr noch nicht begutachtet, Hauptmann“, sagte er.

Der Soldat blickte überrascht an Thor hoch und runter, als wäre er ein Witz.

„Ach, habe ich das nicht?“, fragte er und brach in Gelächter aus.

Auch seine Männer lachten schallend. Aber Thor war es egal. Dies war sein Augenblick. Jetzt oder nie.

„Ich möchte der Legion beitreten!“, sagte Thor.

Der Soldat drehte sich um und schritt auf Thor zu.

„Willst du das also?“

Er blickte amüsiert drein.

„Und hast du überhaupt schon dein vierzehntes Jahr erreicht?“

„Das habe ich, Hauptmann. Vor zwei Wochen.“

„Vor zwei Wochen!“

Der Soldat kreischte vor Lachen, wie auch die Männer hinter ihnen.

„Wenn das so ist, wird dein Anblick unsere Feinde bestimmt in Angst und Schrecken versetzen.“

Thor fühlte, wie er vor Schmach brannte. Er musste etwas tun. Er konnte nicht zulassen, dass es so endete. Der Soldat war bereits dabei, sich abzuwenden und wegzugehen—doch Thor konnte das nicht zulassen.

Thor trat vor und rief: „Hauptmann! Ihr macht einen Fehler!“

Ein entsetztes Raunen zog sich durch die Menge, als der Soldat stockte und sich langsam umdrehte.

Diesmal war sein Blick verärgert.

„Dummer Junge“, sagte sein Vater und packte Thor an der Schulter, „geh zurück ins Haus!“

„Das werde ich nicht!“, schrie Thor und schüttelte die Hand seines Vaters ab.

Der Soldat trat auf Thor zu, und sein Vater wich zurück.

„Weißt du, welche Strafe darauf steht, einen Silbernen zu beleidigen?“, fuhr ihn der Soldat an.

Thors Herz raste, aber er wusste, dass er jetzt nicht nachlassen konnte.

„Bitte verzeiht ihm, Hauptmann“, sagte sein Vater. „Er ist ein junges Kind, und—“

„Mit Euch rede ich nicht“, sagte der Soldat. Mit einem vernichtenden Blick zwang er Thors Vater, sich abzuwenden.

Der Soldat wandte sich zurück an Thor.

„Antworte mir!“, sagte er.

Thor schluckte, und brachte kein Wort heraus. So hatte er sich das in Gedanken nicht vorgestellt.

„Einen Silbernen zu beleidigen bedeutet, den König selbst zu beleidigen“, sagte Thor kleinlaut, brav die Passage aufsagend, die er auswendig gelernt hatte.

„Ja“, sagte der Soldat. „Was bedeutet, dass ich dir 40 Peitschenhiebe versetzen könnte, wenn ich wollte.“

„Ich wollte Euch keinesfalls beleidigen, Hauptmann“, sagte Thor. „Ich wollte bloß ausgewählt werden. Ich bitte Euch. Ich träume schon mein ganzes Leben davon. Bitte. Lasst mich zur Legion.“

Der Soldat stand da, und langsam wurde sein Blick sanfter. Nach einer langen Weile schüttelte er den Kopf.

„Du bist jung, Bursche. Du hast ein stolzes Herz. Aber du bist noch nicht soweit. Melde dich wieder, wenn du aus den Windeln bist.“

Mit diesen Worten wandte er sich um und stürmte davon, mit kaum einem Blick auf all die anderen Jungen. Schnell bestieg er sein Pferd.

Thor stand geknickt da und musste zusehen, wie der Zug sich in Bewegung setzte; so schnell sie gekommen waren, waren sie fort.

Das letzte, was Thor sah, waren seine Brüder, wie sie hinten in der letzten Kutsche saßen und zu ihm hinausblickten, missbilligend, spottend. Vor seinen Augen wurden sie davongekarrt, weg von hier, in ein besseres Leben.

Innen drin wollte Thor nur sterben.

Als sich um ihn herum die Aufregung langsam legte, zogen sich die Dorfbewohner in ihre Häuser zurück.

„Ist dir klar, wie dumm du da warst, närrischer Junge?“, fuhr Thors Vater ihn an und packte ihn an den Schultern. „Ist dir klar, dass du die Chancen deiner Brüder hättest zunichte machen können?“

Thor stieß seines Vaters Hände grob von sich weg, und sein Vater holte aus und schlug ihm den Handrücken quer übers Gesicht.

Thor fühlte den stechenden Schmerz und starrte seinen Vater wütend an. Zum allerersten Mal wollte ein Teil von ihm zurückschlagen. Aber er beherrschte sich.

„Und jetzt geh und hol mir meine Schafe zurück. Sofort! Und wenn du wieder da bist, erwarte bloß keine Mahlzeit von mir. Du wirst deine Mahlzeit heute Abend auslassen und darüber nachdenken, was du getan hast.“

„Vielleicht komme ich erst gar nicht zurück!“, schrie Thor, als er sich umdrehte und davonstürmte, weg von zuhause, in die Hügel.

„Thor!“, schrie sein Vater, und einige Dorfbewohner blieben stehen und schauten.

Thor fing zu laufen an, dann zu rennen—er wollte so weit wie es nur irgendwie ging von diesem Ort weg. Ihm fiel kaum auf, dass er weinte, sein Gesicht von Tränen überflutet wurde, nun, da jeder Traum, den er je gehabt hatte, in Scherben lag.

KAPITEL ZWEI

Thor wanderte stundenlang in den Hügeln herum, brodelnd vor Wut, bis er schließlich einen Hügel fand, auf dem er sich, Hände über den Beinen verschränkt, hinsetzte und auf den Horizont hinaus blickte. Er sah zu, wie die Kutschen verschwanden, während die Staubwolken noch stundenlang in der Luft hängen blieben.

Ein weiteres Mal würden sie nicht hierher kommen. Er war also dazu bestimmt, hier in diesem Dorf zu bleiben und noch viele Jahre auf eine neue Chance zu warten—falls sie überhaupt je wiederkommen würden. Falls sein Vater es je erlauben würde. Jetzt war er mit seinem Vater alleine im Haus, und sein Vater würde seinen Unmut mit Gewissheit in vollem Umfang an ihm auslassen. Er würde weiterhin der Lakai seines Vaters bleiben, die Jahre würden vergehen, und er würde genauso enden wie er, hier festsitzen, ein unbedeutendes Leben mit niederer Arbeit verbringen—während seine Brüder Ruhm und Ehre erwarben. Er brannte innerlich vor Empörung über diese gesamte Angelegenheit: das war nicht das Leben, das für ihn bestimmt war. Das wusste er einfach.

Thor zermarterte sich das Hirn nach Ideen, was er tun könnte; irgendeinen Weg, die Dinge zu ändern. Aber da war nichts. Dies waren die Karten, die ihm das Leben zugespielt hatte.

Nach stundenlangem Dasitzen gab er sich schließlich geschlagen, stand auf und bahnte sich seinen Weg zurück über die vertrauten Hügel, höher und höher hinauf. Unweigerlich zog es ihn zu seiner Schafherde zurück auf die hohe Kuppe. Während er so wanderte, sank die erste Sonne im Himmel tiefer und die zweite erreichte ihren höchsten Punkt, einen grünlichen Schimmer über die Landschaft legend. Thor spazierte ohne Eile dahin. Gedankenverloren zog er seine Steinschleuder von der Hüfte, deren Ledergriff durch jahrelangen Gebrauch gut abgegriffen war. Er langte in den Beutel, den er an der Hüfte trug, und fühlte sich durch seine Sammlung von Steinen, einer glatter als der andere, von den feinsten Bachufern von Hand verlesen. Manchmal schoss er auf Vögel, manchmal auf Nagetiere. Es war eine Angewohnheit, die ihm über die Jahre in Fleisch und Blut übergegangen war. Zu Beginn hatte er noch an allem vorbeigeschossen. Dann traf er erstmals ein bewegtes Ziel; seitdem hatte er nie wieder ein Ziel verfehlt. Das Schießen mit der Steinschleuder war inzwischen zu einem Teil von ihm geworden—und es half ihm, etwas von seiner Wut abzubauen. Seine Brüder konnten vielleicht mit einem Schwerthieb einen Baumstamm durchschlagen—aber sie würden niemals einen Vogel im Flug mit einem Stein erwischen.

Gedankenlos legte Thor einen Stein in die Schleuder, zog mit all seiner Kraft und schoss, während er sich in Gedanken ausmalte, er würde ihn auf seinen Vater schleudern. Er traf den Ast eines weit entfernten Baumes und brach ihn sauber ab. Seit er einmal festgestellt hatte, dass seine Schüsse auf sich bewegende Tiere diese töten konnten, zielte er nicht mehr auf Lebewesen, erschrocken vor seiner eigenen Kraft und nicht gewillt, Leid zuzufügen; nun waren Äste seine Opfer. Außer natürlich, ein Fuchs hatte es auf seine Herde abgesehen; auf Dauer hatten sie gelernt, sich fernzuhalten. Thors Schafe waren demnach die sichersten im Dorf.

Thor dachte an seine Brüder, wo sie wohl gerade waren, und brodelte. Nach einem Tagesritt würden sie in Königshof angekommen sein. Er konnte es sich bildlich vorstellen. Er sah sie vor sich, wie sie unter großer Fanfare ankamen, von Leuten in ihren feinsten Kleidern begrüßt wurden. Von Kriegern; Silbernen. Sie würden eingeschrieben werden, einen Schlafplatz in der Legionskaserne zugewiesen bekommen, einen Trainingsplatz in den Feldern des Königs, die feinsten Waffen. Jeder von ihnen würde einem berühmten Ritter als Knappe zugewiesen werden. Eines Tages würden sie selbst Ritter sein, ihr eigenes Pferd erhalten, ihr eigenes Wappen, und selbst Knappen haben. Sie würden an allen Festivitäten teilnehmen und an der Tafel des Königs speisen. Es war ein Leben wie aus einem Traum. Und es war ihm durch die Finger geglitten.

Thor wurde richtig schlecht, und er zwang sich, nicht mehr an all das zu denken. Aber es gelang ihm nicht. Ein Teil von ihm, ganz tief vergraben, schrie ihm unentwegt zu. Er befahl ihm, nicht aufzugeben; bestand darauf, dass er ein höheres Schicksal hatte als das hier. Er wusste zwar nicht, was genau es sein sollte, aber er wusste: hier war es nicht. Er konnte spüren, dass er anders war. Vielleicht sogar etwas Besonderes. Dass niemand ihn verstand. Und dass sie alle ihn unterschätzten.

Thor erreichte die höchste Kuppe und konnte seine Herde sehen. Gut erzogen, wie sie waren, standen sie immer noch alle beieinander, zufrieden an jedem Grashalm kauend, den sie finden konnten. Er zählte sie durch, nach den roten Markierungen Ausschau haltend, die er auf ihren Rücken angebracht hatte. Als er fertig war, erstarrte er. Ein Schaf fehlte.

Er zählte noch einmal durch, und noch einmal. Er konnte es nicht glauben: eines war verschwunden.

Thor hatte noch nie ein Schaf verloren, und sein Vater würde ihn diesen Vorfall nie vergessen lassen. Schlimmer noch, er konnte den Gedanken daran nicht ausstehen, dass eines seiner Schafe alleine und verlassen der Wildnis ausgesetzt war. Er ertrug es nicht, unschuldige Wesen jeder Art leiden zu sehen.

Thor eilte auf den höchsten Punkt der Kuppe und suchte den Horizont ab, bis er es weitab, einige Hügel entfernt sehen konnte: das verlorene Schaf mit der roten Markierung am Rücken. Es war das Wilde in der Herde. Sein Herz sank, als er feststellte, dass das Schaf nicht nur davongelaufen, sondern ausgerechnet nach Westen gelaufen war, Richtung Schattwald.

Thor schluckte. Schattwald war verboten—nicht nur für Schafe, sondern für Menschen. Es lag außerhalb der Dorfgrenze, und solange er schon laufen konnte, wusste Thor, dass er dort nicht hin durfte. Daran hatte er sich auch gehalten. Legenden besagten, dass es den sicheren Tod bedeuten würde, dort hinzugehen, in die Wälder ohne markierte Pfade und voller wilder Tiere.

Thor blickte zum Himmel hinauf, der bereits dämmrig wurde, und rang mit sich selbst. Er konnte sein Schaf nicht im Stich lassen. Er glaubte, wenn er schnell wäre, könnte er es noch rechtzeitig zurückholen.

Nach einem letzten Blick zurück fuhr er herum und verfiel in einen schnellen Lauf Richtung Westen, nach Schattwald, über dem sich dichte Wolken zusammenzogen. Er hatte ein ungutes Gefühl, doch seine Beine trugen ihn scheinbar wie von selbst. Er spürte, dass es kein Zurück mehr gab, selbst wenn er gewollt hätte.

Es war, als würde er in einen Alptraum hineinlaufen.

*

Thor preschte ohne zu zögern die Hügelkette hinunter, unter das dichte Blätterdach von Schattwald hinein. Der Pfad endete, wo der Wald begann, und er betrat unmarkiertes Gebiet. Sommerblätter knirschten unter seinen Füßen.

Von dem Moment an, als er den Wald betrat, war er in Dunkelheit gehüllt; das Licht verschleiert von den Fichten, die hoch über ihn aufragten. Es war hier drin auch kälter, und als er über die Grenze trat, fühlte er ein Frösteln. Es kam nicht nur von der Dunkelheit oder der Kälte—es kam von etwas anderem. Etwas, das er nicht benennen konnte. Es war ein Gefühl, als würde er...beobachtet werden.

Thor blickte hinauf zu den uralten Ästen, knorrig, dicker als er selbst, die sich im Wind bewegten und ächzten. Er hatte kaum fünfzig Schritte in den Wald hinein getan, als er sonderbare Tierlaute hörte. Er drehte sich zurück und konnte kaum die Stelle erkennen, an der er hereingekommen war; er fühlte sich jetzt schon, als würde es keinen Weg hinaus geben. Er zögerte.

Schattwald lag immer schon am äußersten Rand des Dorfes, aber ebenso am äußersten Rand von Thors Bewusstsein, als etwas Tiefes, Geheimnisvolles. Kein Hirte, der je ein Schaf an den Wald verloren hatte, hatte es je gewagt, ihm nachzugehen. Auch nicht sein Vater. Die Geschichten über diesen Ort waren zu dunkel, zu beständig.

Aber irgendetwas war an diesem Tag anders; brachte Thor dazu, dass es ihn nicht mehr bekümmerte, dass er die Vorsicht in den Wind schoss. Ein Teil von ihm wollte Grenzen austesten, so weit von zuhause fortgehen wie möglich, und es zulassen, dass das Leben ihn hinführte, wo es wollte.

Er wagte sich weiter vor, dann hielt er an, unsicher, wohin er gehen musste. Er fand geknickte Zweige—Anzeichen dafür, dass sein Schaf hier vorbeigekommen sein musste—und er folgte dieser Richtung. Nach einer Weile wechselte er die Richtung erneut.

Bevor eine Stunde vergangen war, hatte er sich hoffnungslos verlaufen. Er versuchte, die Richtung zu finden, aus der er gekommen war—aber er war sich nicht mehr sicher. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in seinem Magen aus, doch seiner Ansicht nach gab es nur einen Weg hier raus, und zwar vorwärts; und so zog er weiter.

In der Ferne erblickte Thor eine Säule aus Sonnenlicht und bahnte sich einen Weg darauf zu. Er fand sich vor einer kleinen Lichtung wieder und blieb an ihrem Rande wie angewurzelt stehen: Er konnte nicht glauben, was er da vor sich sah.

Da, mit dem Rücken zu Thor, in eine lange, blaue Robe aus Satin gehüllt, stand ein Mann. Nein—kein Mann, das konnte Thor von weitem spüren. Er war etwas anderes. Ein Druide vielleicht. Er stand groß und aufrecht da, den Kopf mit einer Kapuze bedeckt, völlig still, als würde ihn nichts in der Welt bekümmern.

Thor stand da und wusste nicht, was er tun sollte. Er hatte von Druiden gehört, aber noch nie war er einem begegnet. Den Verzierungen an seiner Robe, den aufwändig gearbeiteten goldenen Bordüren zufolge, war dies kein einfacher Druide: dies waren königliche Abzeichen. Vom Hof des Königs selbst. Thor konnte es nicht begreifen. Was machte ein königlicher Druide hier?

Nach einer gefühlten Ewigkeit drehte sich der Druide langsam um und sah ihn an, und Thor erkannte das Gesicht sofort. Es verschlug ihm den Atem. Dies war eines der bekanntesten Gesichter im Königreich: der Leibdruide des Königs. Argon, seit Jahrhunderten schon Ratgeber der Könige des Westlichen Königreichs. Was er hier, weitab vom königlichen Hof, mitten in Schattwald suchte, war ein Rätsel. Thor fragte sich, ob er es sich nur einbildete.

„Deine Augen täuschen dich nicht“, sprach Argon, seinen festen Blick direkt auf Thor gerichtet.

Seine Stimme war tief, uralt, als ob die Bäume selbst sprechen würden. Seine großen, durchscheinenden Augen schienen Thor zu durchleuchten, ihn zu messen. Er fühlte eine immense Energie von ihm ausgehen—als würde er im Angesicht der Sonne stehen.

Thor fiel sofort auf ein Knie und beugte den Kopf.

„Mein Herr“, sagte er. „Es tut mir leid, Euch gestört zu haben.“

Ein Mangel an Respekt gegenüber einem königlichen Ratgeber würde zu Gefangenschaft oder Tod führen. Das war Thor von Geburt an eingeschärft worden.

„Steh auf, Kind“, sprach Argon. „Wenn ich wollte, dass du kniest, hätte ich es dir gesagt.“

Thor stand langsam auf und blickte ihn an. Argon trat einige Schritte näher. Er stand da und starrte ihn an, bis es Thor langsam unangenehm wurde.

„Du hast die Augen deiner Mutter“, sprach Argon.

Das traf Thor unvorbereitet. Er hatte seine Mutter nie kennengelernt und war außer seinem Vater nie jemandem begegnet, der sie gekannt hatte. Man hatte ihm gesagt, sie wäre bei seiner Geburt gestorben; etwas, wofür Thor sich stets schuldig gefühlt hatte. Er hatte immer den Verdacht gehabt, dass dies der Grund war, warum seine Familie ihn nicht leiden konnte.

„Ihr müsst mich mit jemandem verwechseln“, sagte Thor. „Ich habe keine Mutter.“

„Hast du nicht?“, fragte Argon lächelnd. „Du wurdest von einem Mann allein zur Welt gebracht?“

„Ich wollte sagen, Herr, dass meine Mutter bei der Geburt starb. Ich denke, Ihr verwechselt mich.“

„Du bist Thorgrin vom Clan der McLeod. Der Jüngste von vier Brüdern. Der eine, der nicht ausgewählt wurde.“

Thors Augen öffneten sich weit. Er wusste kaum, was er davon halten sollte. Dass jemand von Argons Stand wissen konnte, wer er war—das war mehr, als er begreifen konnte. Er konnte sich nicht einmal vorstellen, dass ihn irgendjemand außerhalb des Dorfs kannte.

„Woher...wisst Ihr das?“

Argon lächelte zurück, antwortete aber nicht.

Thor war plötzlich von Neugier erfüllt.

„Woher...“, fügte Thor hinzu, nach Worten ringend, „...woher kennt Ihr meine Mutter? Kanntet Ihr sie? Wer war sie?“

Argon wandte sich ab und ging davon.

„Fragen für ein andermal“, sprach er.

Thor sah ihm verwirrt nach. Es war eine äußerst verwirrende und rätselhafte Begegnung, und alles ging so schnell. Er beschloss, dass er Argon nicht einfach gehen lassen konnte, und eilte ihm nach.

„Was macht Ihr hier?“, fragte Thor, ihm nacheilend. Argon bewegte sich mit seinem Stab, einem uralten Ding aus Elfenbein, trügerisch schnell. „Ihr habt doch bestimmt nicht auf mich gewartet, oder?“

„Auf wen sonst?“, frage Argon.

Thor musste sich beeilen, mit ihm mitzuhalten, und folgte ihm in den Wald hinein, die Lichtung hinter sich zurücklassend.

„Aber warum ich? Woher wusstet Ihr, dass ich hier sein würde? Was wünscht Ihr von mir?“

„So viele Fragen“, sprach Argon. „Du füllst die Luft. Du solltest lieber zuhören.“

Thor folgte ihm, während sie weiter durch den dichten Wald zogen, und tat sein Bestes, still zu bleiben.

„Du kommst auf der Suche nach einem verlorenen Schaf hierher“, stellte Argon fest. „Ein edles Vorhaben. Doch du verschwendest deine Zeit. Sie wird nicht überleben.“

Thors Augen öffneten sich weit.

„Woher wisst Ihr das?“

„Ich kenne Welten, die du niemals kennen wirst, Junge. Zumindest jetzt noch nicht.“

Thor wunderte sich, während er ihm hinterher wanderte.

„Doch du willst nicht zuhören. Das ist deine Natur. Dickköpfig. Wie deine Mutter. Du wirst deinem Schaf nachgehen, fest entschlossen, sie zu retten.“

Thor errötete darüber, wie Argon seine Gedanken las.

„Du bist ein temperamentvoller Junge“, fügte er hinzu. „Willensstark. Zu stolz. Positive Züge. Doch eines Tages könnten sie dein Untergang sein.“

Argon stieg langsam eine moosbedeckte Anhöhe hinauf, Thor hinterher.

„Du möchtest der Legion des Königs beitreten“, sprach Argon.

„Ja!“, antwortete Thor aufgeregt. „Gibt es irgendeinen Weg für mich? Könnt Ihr das ermöglichen?“

Argon lachte, ein tiefer, hohler Laut, der Thor einen Schauer über den Rücken jagte.

„Ich kann alles und nichts ermöglichen. Dein Schicksal ist bereits geschrieben. Doch liegt es an dir, es zu wählen.“

Thor verstand nicht.

Sie erreichten den Gipfel der Anhöhe, und als sie oben waren, blieb Argon stehen und sah ihn an. Thor stand nur wenige Fuß entfernt, und Argons Energie brannte durch ihn.

„Dein Schicksal ist von Bedeutung“, sprach er. „Gib es nicht auf“.

Thors Augen weiteten sich. Sein Schicksal? Von Bedeutung? Er fühlte, wie ihn eine Welle an Stolz ergriff.

„Ich verstehe nicht. Ihr sprecht in Rätseln. Ich bitte Euch, erzählt mir mehr.“

Plötzlich war Argon verschwunden.

Thor konnte es kaum glauben. Er blickte sich in alle Richtungen um, horchte, wunderte sich. Hatte er sich das alles nur eingebildet? War es eine Art Trugbild?

Thor drehte sich herum und untersuchte den Wald; von seinem Blickpunkt oben auf der Anhöhe aus konnte er weiter sehen als zuvor. Während er sich umsah, bemerkte er Bewegung in der Ferne. Er hörte ein Geräusch und war sich sicher, dass es sein Schaf war.

Er stolperte die moosbewachsene Anhöhe hinunter und eilte in Richtung des Geräuschs, zurück durch den Wald. Während er lief, konnte er seine Begegnung mit Argon nicht abschütteln. Er konnte kaum begreifen, dass sie stattgefunden hatte. Was machte der Druide des Königs ausgerechnet an diesem Ort? Er hatte auf ihn gewartet. Aber warum? Und was hatte er gemeint, sein Schicksal?

Je mehr Thor versuchte, es zu entwirren, umso weniger verstand er es. Argon hatte ihn einerseits gewarnt, nicht weiterzugehen, und ihn zugleich verleitet, es doch zu tun. Während er lief, spürte Thor eine wachsende Vorahnung, als ob etwas Bedeutungsschweres bevorstehen würde.

Er bog um einen Baum und blieb wie erstarrt stehen, als er den Anblick vor ihm sah. Seine schlimmsten Alpträume wurden in einem einzigen Augenblick bestätigt. Die Haare standen ihm zu Berge und ihm wurde klar, dass es ein schwerer Fehler gewesen war, so tief nach Schattwald vorzudringen.

Ihm gegenüber, gerade dreißig Schritte entfernt, stand ein Sybold. Schwerfällig, muskelbepackt, auf allen Vieren beinahe so groß wie ein Pferd, war dies das meistgefürchtete Tier in Schattwald, wenn nicht gar im gesamten Königreich. Thor hatte noch nie einen gesehen, aber die Legenden hatte er gehört. Er ähnelte einem Löwen, war jedoch größer, breiter, sein Fell ein tiefes Scharlachrot und seine Augen leuchtend gelb. Der Legende nach kam seine scharlachrote Farbe vom Blut unschuldiger Kinder.

Thor hatte in seinem Leben erst von wenigen Sichtungen dieses Ungeheuers gehört, und selbst die wurden nicht als besonders glaubwürdig angesehen. Das lag wohl daran, dass niemand je eine Begegnung tatsächlich überlebt hatte. Manche betrachteten den Sybold als den Gott der Wälder, und als ein Omen. Wofür er ein Omen sein sollte, davon hatte Thor keine Ahnung.

Er machte einen vorsichtigen Schritt zurück.

Der Sybold stand da, sein riesiges Maul halb geöffnet; von seinen Fangzähnen tropfte der Speichel, und er starrte Thor mit seinen gelben Augen an. In seinem Maul hing, schreiend und mit baumelndem Kopf, Thors verlorenes Schaf, sein Körper zur Hälfte von den Fangzähnen durchstoßen. Es war so gut wie tot. Der Sybald schien das Töten seiner Beute zu genießen, ließ sich Zeit; es schien, als würde es ihm Spaß machen, es zu quälen.

Thor konnte die Schreie nicht ertragen. Das Schaf zappelte hilflos herum, und er fühlte sich verantwortlich.

Thors erster Impuls war, sich umzudrehen und davonzulaufen; doch er wusste jetzt schon, dass es aussichtslos war. Dieses Ungeheuer konnte alles einholen. Davonlaufen würde es bloß ermutigen. Und er konnte sein Schaf nicht auf diese Weise sterben lassen.

Er stand da, vor Angst halb gelähmt, und wusste, er musste irgendetwas unternehmen.

Seine Reflexe setzten ein. Langsam griff er in seinen Beutel, holte einen Stein heraus und legte ihn in die Schleuder. Mit zitternder Hand zog er an, machte einen Schritt nach vorne und schoss.

Der Stein segelte durch die Luft und traf sein Ziel. Der Schuss saß perfekt. Er traf das Schaf ins Auge und fuhr ihm direkt durchs Gehirn.

Das Schaf erschlaffte. Tot. Thor hatte diesem Tier sein Leiden erspart.

Der Sybold blickte erzürnt um sich, wütend, dass Thor sein Spielzeug getötet hatte. Langsam öffnete er seine immensen Kiefer und ließ das Schaf herausfallen. Mit einem dumpfen Schlag landete es am Waldboden. Dann richtete er seine Augen auf Thor.

Er knurrte, ein tiefer, bösartiger Laut, der aus seinem Bauch heraus grollte.

Als er langsam auf ihn zupirschte, legte Thor mit rasendem Herzen den nächsten Stein in seine Schleuder, holte aus, und bereitete den nächsten Schuss vor.

Der Sybold stürmte auf ihn zu, schneller als alles, was Thor in seinem Leben je gesehen hatte. Thor trat vor und schoss den Stein, betete, dass er treffen würde, wohl wissend, dass er keine Zeit für einen weiteren Schuss hätte, bevor das Tier ihn erreichte.

Der Stein traf das Ungeheuer genau ins rechte Auge und schlug es aus seinem Kopf. Es war ein grandioser Schuss; ein geringeres Tier hätte er in die Knie gezwungen.

Doch dies war kein geringeres Tier. Das Ungeheuer war nicht aufzuhalten. Es kreischte über die Verletzung, wurde aber nicht einmal langsamer. Auch mit nur einem Auge, auch mit einem Stein in seinem Gehirn, stürmte es ungebremst und blindwütig auf Thor zu. Es gab nichts, was Thor tun konnte.

Einen Augenblick später hatte ihn das Ungeheuer erreicht. Es holte mit seiner riesigen Klaue aus und zog sie ihm über die Schulter.

Thor schrie auf und fiel hin. Es fühlte sich an, als würden drei Messer durch sein Fleisch schneiden. Sofort quoll heißes Blut daraus hervor.

Das Ungeheuer drückte ihn mit allen Vieren zu Boden. Sein Gewicht war enorm, als würde ein Elefant auf seiner Brust stehen. Thor konnte spüren, wie sein Brustkorb zerdrückt wurde.

Das Ungeheuer warf den Kopf zurück, riss sein Maul weit auf, entblößte dabei seine Fangzähne und senkte sie langsam zu Thors Hals hinunter.

Während es näherkam, streckte Thor die Arme hoch und packte es am Hals; es war, als würde er reinsten Muskel packen. Thor konnte seinen Griff kaum halten. Als die Hauer sich immer näher senkten, fingen seine Arme zu zittern an. Er fühlte den heißen Atem im ganzen Gesicht, fühlte, wie Speichel auf seinen Hals tropfte. Ein Grollen ertönte tief aus der Brust des Tieres und brannte sich in Thors Ohren. Er wusste, er würde sterben.

Thor schloss die Augen.

Bitte, oh Gott. Gib mir Kraft. Hilf mir, diese Kreatur zu bekämpfen. Bitte. Ich flehe dich an. Ich tue alles, was du verlangst. Ich werde hoch in deiner Schuld stehen.

Und dann passierte etwas. Thor fühlte eine enorme Hitze in seinem Körper aufsteigen, durch seine Adern schießen, wie ein Kraftfeld, das ihn durchfloss. Er öffnete seine Augen und sah etwas Verblüffendes: aus seinen Handflächen strahlte ein gelbes Licht, und als er sie zurück in den Hals des Ungeheuers drückte, war er unglaublicherweise stark genug, es in Schach zu halten.

Thor drückte fester, bis er das Untier tatsächlich von sich drückte. Seine Kraft wuchs immer weiter und er fühlte sich wie eine Kanonenkugel aus Energie. Einen Augenblick später flog das Untier durch die Luft—Thor hatte es gute zehn Fuß weit geworfen. Es landete auf dem Rücken.

Thor setzte sich auf; er verstand nicht, was gerade passiert war.

Das Ungeheuer kam wieder auf die Beine. Blind vor Wut griff es erneut an—doch diesmal fühlte Thor sich verändert. Die Energie durchfloss ihn; er fühlte sich mächtiger, als er je zuvor gewesen war.

Als das Ungeheuer auf ihn springen wollte, ging Thor in die Hocke, packte es am Bauch und warf es mit seinem eigenen Schwung weiter.

Das Ungeheuer flog ein Stück durch den Wald, krachte gegen einen Baum und brach am Boden zusammen.

Thor blickte sich staunend um. Hatte er gerade einen Sybold geworfen?

Das Ungeheuer blinzelte zweimal, dann richtete es seinen Blick auf Thor. Es griff erneut an.

Diesmal packte Thor das Ungeheuer im Sprung an der Kehle. Beide gingen zu Boden, das Ungeheuer kam auf Thor zu liegen. Doch Thor rollte weiter, bis er auf dem Tier saß. Er hatte es fest am Hals gepackt, würgte es mit beiden Hände, während das Untier immer wieder versuchte, den Kopf zu heben und ihn mit seinen Fangzähnen zu erwischen. Es verfehlte ihn knapp. Thor, von neuer Kraft erfüllt, grub seine Hände fester in den Sybold-Hals und ließ nicht locker. Er ließ die Energie frei durch sich hindurchfließen. Und schon bald fühlte er sich wundersamerweise stärker als das Ungeheuer.

Er war auf dem besten Weg, den Sybold zu erwürgen. Schließlich erschlaffte das Ungeheuer.

Erst nach einer weiteren vollen Minute ließ Thor los.

Langsam und außer Atem stand er auf, starrte völlig erstaunt hinunter, und hielt sich den verletzten Arm. Er konnte nicht glauben, was gerade geschehen war. Hatte er, Thor, gerade einen Sybold getötet?

Er glaubte, dass dies ein Zeichen war—gerade heute, dem Tag aller Tage. Er spürte, dass gerade etwas Bedeutendes geschehen war. Gerade eben hatte er das berüchtigtste und meistgefürchtete Ungeheuer seines Königreichs getötet. Im Alleingang. Ohne Waffen. Es schien unwirklich. Niemand würde es ihm glauben.

So stand er erschüttert da und wunderte sich, welche Kraft da über ihn gekommen war, was dies bedeutete, wer er wirklich war. Die einzigen Menschen, die solche Kräfte bekanntlich besaßen, waren Druiden. Doch waren sein Vater und seine Mutter keine Druiden, also konnte er keiner sein.

Oder konnte er das?

Thor spürte plötzlich eine Anwesenheit hinter ihm, wirbelte herum und fand Argon, der da stand und auf das Tier hinunterblickte.

„Wie kommt Ihr hierher?“, fragte Thor verblüfft.

Argon ignorierte ihn.

„Habt Ihr gesehen, was passiert ist?“, fragte Thor, der es selbst noch nicht ganz glaubte. „Ich weiß nicht, wie ich das gemacht habe.“

„Und doch weißt du es“, antwortete Argon. „Tief drinnen weißt du es. Du bist anders als die anderen.“

„Es war wie...eine Flut an Energie“, sagte Thor. „Wie eine Stärke, von der ich nicht wusste, dass ich sie hatte“.

„Das Energie-Feld“, sagte Argon. „Der Tag wird kommen, an dem du es wohl kennen wirst. Vielleicht lernst du gar, es zu kontrollieren.“

Thor hielt sich seine Schulter; der Schmerz war unerträglich. Er sah hinunter und fand seine Hand blutüberströmt. Er fühlte sich schwindlig und machte sich Sorgen, was passieren würde, wenn die Wunde nicht versorgt würde.

Argon trat drei Schritte vor, packte Thors freie Hand und drückte sie fest auf die Wunde. Er hielt sie dort fest, lehnte sich zurück und schloss die Augen.

Thor spürte, wie ein Gefühl der Wärme durch seinen Arm floss. In Sekunden trocknete das klebrige Blut auf seiner Hand und er konnte fühlen, wie der Schmerz langsam nachließ.

Er sah hinunter und konnte es nicht glauben: er war geheilt. Was übrig blieb, waren drei Narben, wo die Krallen ihn geschnitten hatten—doch sie sahen aus, als wären sie mehrere Tage alt. Sie waren zugewachsen. Da war kein Blut mehr.

Thor blickte Argon staunend an.

„Wie habt Ihr das gemacht?“, fragte er.

Argon lächelte.

„Ich, gar nicht. Du hast das gemacht. Ich habe deiner Kraft nur die Richtung gewiesen.“

„Aber ich habe keine Heilkräfte“, antwortete Thor verdutzt.

„Nicht?“, erwiderte Argon.

„Ich verstehe nicht. Nichts von all dem ergibt irgendeinen Sinn“, sagte Thor mit wachsender Ungeduld. „Ich bitte Euch, erklärt es mir.“

Argon blickte zur Seite.

„Manche Dinge musst du mit der Zeit lernen.“

Thor fiel etwas ein.

„Heißt das, ich kann mich der Legion des Königs anschließen?“, fragte er aufgeregt. „Wenn ich einen Sybold töten kann, werde ich mich doch bestimmt den anderen Jungen gegenüber behaupten können.“

„Natürlich kannst du das“, antwortete er.

„Aber sie haben meine Brüder ausgewählt—mich haben sie nicht ausgewählt.“

„Deine Brüder hätten dieses Ungeheuer nicht töten können.“

Thor starrte zurück und dachte nach.

„Aber sie haben mich bereits abgewiesen. Wie kann ich ihnen noch beitreten?“

„Seit wann braucht ein Krieger eine Einladung?“, fragte Argon.

Seine Worte hinterließen einen tiefen Eindruck. Thor fühlte, wie sein ganzer Körper warm wurde.

„Meint Ihr damit, ich soll einfach auftauchen? Uneingeladen?“

Argon lächelte.

„Du erschaffst dein Schicksal. Andere können das nicht.“

Thor blinzelte—und einen Augenblick später war Argon verschwunden.

Thor konnte es nicht glauben. Er drehte sich in alle Richtungen und durchsuchte den Wald, doch er fand keine Spur von ihm.

„Hier drüben!“, ertönte eine Stimme.

Thor fuhr herum und sah einen riesigen Felsbrocken vor sich stehen. Er glaubte, dass die Stimme von oben gekommen war, und kletterte sofort hinauf.

Zu seiner Verwunderung fand er oben von Argon keine Spur.

Von diesem Aussichtspunkt aus konnte er jedoch über die Wipfel von Schattwald sehen. Er konnte sehen, wo Schattwald endete, sah die zweite Sonne in einem dunklen Grün untergehen und dahinter die Straße, die nach Königshof führte.

„Die Straße wartet nur auf dich“, erklang die Stimme. „Wenn du es wagst.“

Thor wirbelte herum, konnte aber nichts sehen. Es war nur eine Stimme, die wie ein Echo widerhallte. Doch er wusste, dass Argon irgendwo da draußen war und ihn aufstachelte. Und er spürte tief in seinem Inneren, dass er recht hatte.

Ohne einen weiteren Augenblick zu zögern, kletterte Thor vom Felsen und machte sich auf den Weg durch den Wald und auf die Straße.

Seinem Schicksal entgegen.

KAPITEL DREI

König MacGil—wohlbeleibt, mit breiter Brust, einem von zu viel Grau durchzogenen Bart und dazu passendem, langem Haar, und einer breiten Stirn, die von zu vielen Schlachten zerfurcht war—stand mit seiner Königin auf der oberen Brustwehr seiner Burg und sah dem Aufleben der Festlichkeiten des heutigen Tages zu. Sein königlicher Grund und Boden erstreckte sich vor ihm in all seiner Pracht, so weit das Auge reichte; eine blühende Stadt, von alten steinernen Befestigungsanlagen ummauert. Königshof. Untereinander durch ein Labyrinth an verwinkelten Straßen verbunden standen steinerne Bauten jeglicher Form und Größe—für die Krieger, die Fürsorger, die Pferde, die Silbernen, die Legion, die Wache, die Kaserne, das Waffenlager, die Rüstkammer—und zwischen ihnen hunderte Behausungen für die Vielzahl seiner Untertanen, die sich für ein Leben innerhalb der Stadtmauern entschieden hatten. Dazwischen erstreckten sich viele Hektar Grasflächen, königliche Gärten, steingesäumte Plätze, sprudelnde Brunnen. Königshof wurde schon seit Jahrhunderten fortlaufenden Verbesserungsarbeiten unterzogen, durch seinen Vater, und dessen Vater zuvor—und hatte nun den Gipfel seiner Pracht erreicht. Ohne Zweifel war es die sicherste Hochburg im Westlichen Königreich des Rings geworden.

MacGil war mit den besten und treuesten Kriegern gesegnet, die je ein König gesehen hatte, und zu seinen Lebzeiten hatte noch niemand einen Angriff gewagt. Als der siebte MacGil auf dem Thron hatte er diesen während der zwei-und-dreißig Jahre seiner Herrschaft gut gehalten, war ein guter und weiser König gewesen. Das Land hatte unter seiner Herrschaft großes Wachstum erfahren, er hatte die Größe seiner Armee verdoppelt, seine Städte ausgebaut, seinem Volk Wohlstand beschert, und nicht eine Beschwerde war unter seinem Volk zu hören. Er war bekannt als der großzügige König, und nie zuvor hatte es eine Zeit von solchem Wohlstand und Frieden gegeben als die, seitdem er den Thron bestiegen hatte.

Und gerade das war widersprüchlicherweise der Grund, warum MacGil des Nächtens wach lag. Denn MacGil wusste, wie die Geschichte verlief: in sämtlichen Zeitaltern hatte es noch nie einen so langen Zeitraum ohne Krieg gegeben. Er fragte sich nicht länger, ob ein Angriff kommen würde—sondern wann. Und von wem.

Die größte Gefahr drohte natürlich von außerhalb des Rings, von jenem Imperium unzivilisierter Wilder, das die außerhalb gelegenen Wildlande beherrschte und alle Völker außerhalb des Rings, über dem Canyon, unterworfen hatte. Für MacGil und die sieben Generationen vor ihm hatten die Wildlande nie eine direkte Bedrohung dargestellt: dank der einzigartigen Geografie seines Königreichs, das geformt wie ein vollkommener Kreis—ein Ring—vom Rest der Welt durch einen tiefen Canyon von einer Meile Breite getrennt war, und dazu geschützt war von einem Energie-Schild, das seit der Zeit des ersten MacGil aktiv war, hatten sie von den Wildlanden nicht viel zu befürchten. Die wilden Völker hatten viele Male versucht, anzugreifen, das Schild zu durchdringen, den Canyon zu überqueren; nicht einmal waren sie erfolgreich gewesen. Solange er und sein Volk innerhalb des Rings blieben, gab es keine Bedrohung von außen.

Das bedeute jedoch nicht, dass es keine Bedrohung von innen gab. Und das war es, was MacGil in letzter Zeit den Schlaf raubte. Das war auch der wahre Hintergrund der Festlichkeiten an diesem Tag: die Vermählung seiner ältesten Tochter. Eine Vermählung, die speziell dafür arrangiert worden war, seine Feinde zu besänftigen, den zerbrechlichen Frieden zwischen dem Östlichen und dem Westlichen Königreich des Rings zu erhalten.

Zwar maß der Ring gute fünfhundert Meilen in jede Richtung, doch war er in der Mitte durch einen Gebirgszug geteilt. Die Hochlande. Auf der anderen Seite der Hochlande lag das Östliche Königreich, welches die zweite Hälfte des Rings beherrschte. Und dieses Königreich, seit Jahrhunderten regiert von ihren Rivalen, den McClouds, hatte schon immer versucht, seinen zerbrechlichen Waffenstillstand mit den MacGils zu zerschmettern. Die McClouds waren ein unzufriedener Schlag, uneins mit ihrem Schicksal, davon überzeugt, ihre Seite des Königreichs läge auf weniger fruchtbarem Boden. Sie fochten auch die Hochlande an, bestanden darauf, dass die gesamte Gebirgskette ihnen gehörte, wo jedoch zumindest die Hälfte davon im Besitz der MacGils war. Es gab ewige Auseinandersetzungen an den Grenzen, und beständig drohte eine Invasion.

Die Gedanken daran versetzten MacGil in üble Laune. Die McClouds sollten doch froh sein: sie lebten in Sicherheit innerhalb des Rings, vom Canyon geschützt; sie saßen auf vorzüglichem Land und hatten nichts zu befürchten. Sie sollten sich doch einfach mit ihrer Hälfte des Rings zufrieden geben. Nur deswegen, weil MacGil seine Armee so stark vergrößert hatte, wagten die McClouds erstmals in der Geschichte keinen Angriff. Aber MacGil, als der weise König, der er war, spürte etwas am Horizont lauern; er wusste, dass dieser Friede nicht von Dauer sein konnte. So hatte er diese Vermählung seiner ältesten Tochter mit dem ältesten Prinzen der McClouds arrangiert. Und nun war der Tag gekommen.

Unter seinen Augen strömten Tausende Gefolgsleute herein, in bunte Tuniken gekleidet, aus allen Ecken des Königreichs, von beiden Seiten der Hochlande. Beinahe der gesamte Ring, und alle strömten sie ins Innere seiner Mauern. Sein Volk hatte monatelang an den Vorbereitungen gearbeitet, unter der Anweisung, dass alles wohlhabend aussehen müsse—und stark. Dies war nicht nur der Tag einer Vermählung: es war ein Tag, um den McClouds eine Botschaft zu übermitteln.

MacGil begutachtete die Hunderten seiner Soldaten, die strategisch entlang der Brustwehr, in den Straßen, entlang der Mauern in Stellung waren; mehr Soldaten, als er je brauchen könnte—und er war zufrieden. Es war genau die Präsentation von Stärke, die er wollte. Aber er fühlte sich auch unruhig: die Stimmung war geladen, reif für eine Auseinandersetzung. Er hoffte, dass von keiner der beiden Seiten irgendwelche Hitzköpfe, vom Trunk erdreistet, Streit anzetteln würden. Er blickte prüfend auf die Turnierplätze, die Spielfelder, und dachte an die kommenden Tage voller Spiele und Turniere und aller Arten von Festivitäten. Sie würden intensiv werden. Die McClouds würden bestimmt mit ihrer eigenen kleinen Armee auftauchen, und jedes Turnierreiten, jeder Ringkampf, jeder Bewerb würde eine tiefere Bedeutung haben. Wenn auch nur eines davon schief ging, könnte es zu einem Gemetzel ausarten.

„Mein König?“

Er fühlte eine sanfte Hand auf der seinen, und drehte sich zu seiner Königin um, Krea, immer noch die schönste Frau, die er je gekannt hatte. Glücklich verheiratet während seiner gesamten Herrschaftszeit, hatte sie ihm fünf Kinder geboren, drei davon Jungen, und sich nicht auch nur einmal beschwert. Darüber hinaus war sie zu seiner engsten Ratgeberin geworden. Über die Jahre hinweg hatte er gelernt, dass sie weiser war als alle seine Mannen. Sogar weiser als er selbst.

„Es ist ein politischer Tag“, sagte sie. „Aber es ist auch die Hochzeit unserer Tochter. Versuche, Freude daran zu haben. Es wird nicht zweimal passieren.“

„Ich hatte weniger Sorgen, als ich nichts hatte“, antwortete er. „Jetzt, wo wir alles haben, macht mir alles Sorgen. Wir sind in Sicherheit. Aber ich fühle mich nicht in Sicherheit.“

Sie sah ihn an mit Augen voller Mitgefühl, groß und nussbraun; sie wirkten, als läge in ihnen alle Weisheit der Welt. Ihre Augenlider hingen tief, wie schon immer, stets ein wenig schläfrig wirkend, und wurden umrahmt von ihrem wunderschönen, glatten braunen Haar, von Grau durchzogen, das zu beiden Seiten ihres Gesichts herabfiel. Sie hatte vielleicht ein paar Falten mehr, aber sie hatte sich nicht im Geringsten verändert.

„Das liegt daran, dass du nicht in Sicherheit bist“, sagte sie. „Kein König ist je sicher. Es gibt mehr Spione an unserem Hof, als du je wissen möchtest. Und so ist es eben.“

Sie lehnte sich vor und küsste ihn, und lächelte.

„Versuche, dich zu freuen“, sagte sie. „Immerhin ist es eine Hochzeit.“

Mit diesen Worten drehte sie sich um und verließ die Brustwehr.

Er blickte ihr nach, dann wandte er sich zurück zum Anblick seines Hofs. Sie hatte recht; sie hatte immer recht. Er wollte ja auch Freude daran haben. Er liebte seine älteste Tochter, und es war immerhin eine Hochzeit. Es war der schönste Tag in der schönsten Zeit des Jahres, am Gipfelpunkt des Frühlings, mit dem Sommer am Horizont, die beiden Sonnen perfekt am Himmel stehend, und der feinste Hauch einer Brise in der Luft. Alles stand in voller Blüte, rundum waren die Bäume eingefärbt in einer breiten Palette an Rosa und Lila, Orange und Weiß. Er täte nichts lieber, als sich hinunter zu seinen Mannen zu setzen, zuzusehen, wie seine Tochter verheiratet wurde, und becherweise Bier zu trinken, bis er nicht mehr konnte.

Aber das konnte er nicht. Er hatte eine lange Liste an Aufgaben zu erfüllen, bevor er überhaupt einen Schritt vor seine Burg setzen konnte. Schließlich bedeutete der Hochzeitstag einer Tochter für einen König gewisse Verpflichtungen: er musste seinen Rat einberufen; seine Kinder sprechen; sowie eine lange Reihe an Bittstellern sehen, die das Recht hatten, den König an diesem Tag zu sprechen. Er würde von Glück sprechen können, wenn er rechtzeitig zu Beginn der Zeremonie bei Sonnenuntergang aus der Burg kam.

*

In seine feinsten königlichen Gewänder gekleidet; Hosen aus schwarzem Samt, einem goldenen Gürtel, einer Königsrobe aus feinster purpurner und goldener Seide; in seinen weißen Mantel gehüllt, glänzende Lederstiefel über seine Waden gezogen, seine Krone auf den Kopf gesetzt—einem kunstvoll verzierten goldenen Reif mit einem großen Rubin, der in seine Mitte gefasst war—stolzierte MacGil durch die Hallen seiner Burg, von Bediensteten flankiert. Er schritt durch einen Raum nach dem anderen, stieg die Stiegen von der Brüstung hinab, durchquerte seine königlichen Gemächer, die große gewölbte Halle mit ihrer hochragenden Decke und den Reihen an Fenstern aus buntem Glas. Schließlich erreichte er eine alte Eichentüre, dick wie ein Baumstamm, die seine Diener für ihn öffneten, bevor sie zur Seite traten. Der Thronsaal.

Seine Ratgeber standen stramm, als MacGil eintrat und die Tür hinter ihm geräuschvoll ins Schloss fiel.

„Nehmt Platz“, sagte er, abrupter als sonst. Er war sie leid, besonders an diesem Tag, die endlosen Formalitäten des Regierens, und er wollte sie hinter sich bringen.

Er durchquerte den Thronsaal, der ihn ohne Ende beeindruckte, mit seiner fünfzig Fuß über ihm aufragenden Decke, mit einer gesamten Wand aus Buntglas, Boden und Mauern aus einem Fuß dicken Stein. Dieser Raum könnte mit Leichtigkeit einhundert Würdenträger fassen. An Tagen wie diesem jedoch, wenn sein Rat einberufen wurde, gab es nur ihn und seine Handvoll Ratgeber in dieser majestätischen Umgebung. Der Raum wurde beherrscht von einem ausladenden Tisch in Form eines Halbkreises, hinter dem seine Ratgeber standen.

Er schritt durch den Eingang, direkt durch die Mitte auf seinen Thron zu. Er stieg die steinernen Stufen hinauf, an den goldenen Löwenstatuen vorbei, und sank in die roten Samtkissen, die seinen Thron überzogen, der gänzlich aus Gold geschmiedet war. Sein Vater hatte auf diesem Thron gesessen, wie auch wiederum dessen Vater und alle MacGils vor ihm. Als er sich hinsetzte, fühlte MacGil das Gewicht seiner Ahnen—aller Generationen zusammen—auf ihm lasten.

Er betrachtete die anwesenden Ratgeber. Da war Brom, sein größter General und Ratgeber in militärischen Angelegenheiten; Kolk, der General der Jugend-Legion; Aberthol, der älteste der Truppe, ein Gelehrter und Historiker, Mentor der Könige dreier Generationen; Firth, sein Ratgeber für hofinterne Angelegenheiten, ein magerer Mann mit kurzem grauem Haar und ausgehöhlten Augen, die niemals stillstanden. Er war kein Mann, der je MacGils Vertrauen genossen hatte, und er hatte noch nicht einmal seinen Titel je wirklich verstanden. Jedoch MacGils Vater, und dessen Vater davor, hielten sich einen Ratgeber für höfische Angelegenheiten, und aus Respekt vor ihnen behielt er dies bei. Dann gab es Owen, seinen Schatzmeister; Bradaigh, seinen Ratgeber für äußere Angelegenheiten; Earnan, seinen Steuereinzieher; Duwayne, seinen Berater in Sachen Bevölkerung; und Kelvin, den Repräsentanten des Adels.

Natürlich hatte der König die absolute Autorität. Aber sein Königreich war ein freiheitliches, und seine Vorväter hatten stets Stolz darin gefunden, dem Adel eine Stimme in allen Angelegenheiten zukommen zu lassen, über das Sprachrohr ihres Repräsentanten. Historisch gesehen war das Gleichgewicht der Macht zwischen dem Königtum und dem Adel nicht immer harmonisch gewesen. Derzeit herrschte Einklang, doch in früheren Zeiten waren Aufstände und Machtkämpfe zwischen den Adeligen und der königlichen Familie vorgekommen. Es war ein empfindliches Gleichgewicht.

Als MacGil den Raum betrachtete, fiel ihm die Abwesenheit einer Person auf: gerade des Mannes, den er am dringendsten zu sprechen wünschte. Argon. Wie üblich war es schwer absehbar, wann und wo er auftauchen würde. Es trieb MacGil in den Wahnsinn, aber er hatte keine Wahl, als es zu akzeptieren. Die Wege der Druiden waren ihm unergründlich. Ohne seine Anwesenheit verspürte MacGil noch größere Hast. Er wollte dies hinter sich bringen, sich den tausend anderen Dingen zuwenden, die ihm vor der Hochzeit noch bevorstanden.

Die Gruppe der Ratgeber saß ihm gegenüber um den halbrunden Tisch, im Abstand von zehn Fuß voneinander, jeder von ihnen in einem Stuhl aus uraltem Eichenholz mit aufwändig geschnitzten hölzernen Armlehnen.

„Mein Herr, wenn ich beginnen dürfte“, rief Owen aus.

„Du darfst. Und fasse dich kurz. Meine Zeit heute ist eng begrenzt.“

„Eure Tochter wird heute zahlreiche Geschenke erhalten, die, wie wir hoffen, ihre Koffer gut gefüllt hinterlassen werden. Die tausenden Menschen, die Tribut zollen, Euch persönlich Geschenke überreichen, und unsere Freudenhäuser und Tavernen füllen, werden unseren Schatzkammern ebenso helfen. Und doch werden die Vorbereitungen für die heutigen Festivitäten auch einen guten Teil der königlichen Kassen leeren. Ich empfehle eine Erhöhung der Steuern für das Volk, und auch für den Adel. Eine einmalige Abgabe, um den Druck dieses großartigen Ereignisses zu lindern.“

MacGil sah die Sorge im Gesicht seines Schatzmeisters, und ihm wurde beim Gedanken an die geleerten Kassen mulmig. Und doch würde er die Steuern nicht noch einmal erhöhen.

„Besser arme Kassen und loyale Bürger“, antwortete MacGil. „Unser Reichtum liegt in der Zufriedenheit unserer Untertanen. Wir werden ihnen nicht mehr auferlegen.“

„Aber mein Herr, wenn wir nicht—“

„Es ist beschlossen. Was sonst?“

Owen sank geknickt zurück.

„Mein König“, sagte Brom mit seiner tiefen Stimme. „Eurem Befehl folgend haben wir den Großteil unserer Kräfte für das heutige Ereignis am Hof stationiert. Die Machtdemonstration wird beeindruckend sein. Aber es ist eine starke Belastung. Sollte in einem anderen Teil des Königreichs ein Angriff stattfinden, sind wir verletzlich.“

MacGil nickte und dachte darüber nach.

„Unsere Feinde werden uns nicht angreifen, während wir sie abfüttern.“

Die Männer lachten.

„Was gibt es Neues aus den Hochlanden?“

„Es gibt seit Wochen keine Berichte über irgendwelche Aktivitäten. Es scheint, als hätten ihre Truppen sich in Vorbereitung für die Hochzeit zurückgezogen. Vielleicht sind sie bereit, Frieden zu schließen.“

MacGil war sich da nicht so sicher.

„Das bedeutet entweder, dass die arrangierte Vermählung gewirkt hat, oder dass sie abwarten und uns zu einem anderen Zeitpunkt angreifen. Und was denkst du, welche Variante es ist, alter Mann?“, richtete MacGil das Wort an Aberthol.

Aberthol räusperte sich und sprach mit rauer Stimme: „Mein Herr, Euer Vater und sein Vater zuvor haben den McClouds nie getraut. Nur weil sie gerade schlafen, bedeutet das nicht, dass sie nicht erwachen werden.“

MacGil nickte; er konnte den Gedanken nachvollziehen.

„Und wie steht es mit der Legion?“, fragte er in Kolks Richtung.

„Heute haben wir die neuen Rekruten willkommen geheißen“, antwortete Kolk mit einem kurzen Nicken.

„Mein Sohn unter ihnen?“, fragte MacGil.

„Er steht stolz mit den anderen, und er ist ein feiner Junge.“

MacGil nickte und wandte sich dann an Bradaigh.

„Und was gibt es Neues von über dem Canyon?“

„Mein Herr, unsere Patrouillen konnten in den letzten Wochen vermehrt Versuche feststellen, den Canyon zu überqueren. Es könnte Anzeichen geben, dass die Wildlande sich für einen Angriff zusammenraffen.“

Ein unterdrücktes Flüstern kam unter den Männern auf. MacGil spürte, wie sich sein Magen bei dem Gedanken zusammenzog. Das Energie-Schild war unzerstörbar; dennoch war dies kein gutes Zeichen.

„Und was, wenn es zu einem Angriff mit voller Kraft kommt?“, fragte er.

„Solange das Schild aktiv ist, haben wir nichts zu befürchten. Die Wildlande haben jahrhundertelang erfolglos versucht, den Canyon zu bezwingen. Es gibt keinen Grund, jetzt etwas anderes zu erwarten.“

MacGil war sich da nicht so sicher. Ein Angriff von außen war lange überfällig, und er musste sich fragen, wann es soweit sein würde.

„Mein Herr“, meldete sich Firth in seiner nasalen Stimme, „ich fühle mich verpflichtet, hinzuzufügen, dass unser Hof am heutigen Tage mit zahlreichen Würdenträgern aus dem McCloud-Königreich gefüllt ist. Es würde als Beleidigung aufgefasst werden, solltet Ihr sie nicht persönlich begrüßen, Rivalen oder nicht. Ich würde raten, dass Ihr Euren Nachmittag dafür aufwendet, jeden einzeln zu begrüßen. Sie kamen mit großem Gefolge, vielen Geschenken—und, so heißt es, vielen Spionen.“

„Wer sagt, dass die Spione nicht bereits hier sind?“, entgegnete MacGil, Firth dabei genau beobachtend—und fragte sich, wie immer, ob er nicht selbst einer sei.

Firth setzte zu einer Antwort an, doch MacGil seufzte und hob eine Hand; er hatte genug. „Wenn das alles ist, werde ich nun gehen und mich zur Hochzeit meiner Tochter begeben.“

„Mein Herr“, sagte Kelvin und räusperte sich, „natürlich wäre da noch eine Angelegenheit. Die Tradition, für den Tag der Vermählung Eurer Ältesten. Jeder MacGil hat einen Nachfolger bestimmt. Das Volk wird von Euch erwarten, dass Ihr dasselbe tut. Es ist in Aufruhr darüber. Es wäre nicht ratsam, es zu enttäuschen. Besonders, da das Schicksalsschwert nach wie vor unbewegt ist.“

„Willst du tatsächlich, dass ich einen Erben nenne, während ich noch bei vollen Kräften bin?“, fragte MacGil.

„Mein Herr, ich möchte Euch nicht zu nahe treten“, stammelte Kelvin mit besorgtem Blick.

MacGil hob eine Hand. „Ich kenne die Tradition. Und ich werde in der Tat heute jemanden nennen.“

„Würdet Ihr uns bekannt geben, um wen es sich handelt?“, fragte Firth.

MacGil starrte ihn entnervt an. Firth war ein Schwätzer, und er traute diesem Mann nicht.

„Du wirst die Neuigkeiten erfahren, wenn die rechte Zeit gekommen ist.“

MacGil stand auf, und auch die anderen erhoben sich. Sie verbeugten sich, wandten sich um, und eilten aus dem Raum.

MacGil stand nachdenklich da; er wusste nicht, wie lange. An Tagen wie diesem wünschte er sich, nicht König zu sein.

*

MacGil stieg von seinem Thron herab. Seine Stiefel hallten durch die Stille, als er den Raum durchquerte. Er öffnete die alte Eichentür selbst, zog an der Eisenklinke, und betrat eine Seitenkammer.

Er genoss die Ruhe und Abgeschiedenheit in diesem gemütlichen Zimmer, wie schon immer, mit seinen Mauern kaum zwanzig Schritte in jede Richtung voneinander entfernt, und doch mit einer hoch aufragenden, gewölbten Decke. Das Zimmer war zur Gänze aus Stein gefertigt, mit einem kleinen runden Buntglas-Fenster an einer Wand. Licht floss durch seine gelben und roten Glasstücke herein und erleuchtete einen einzelnen Gegenstand in dem ansonsten leeren Raum.

Das Schicksalsschwert.

Da lag es, im Zentrum der Kammer, waagrecht auf eisernen Stützen ruhend, wie eine Verführerin. Wie er es schon als Junge getan hatte, trat MacGil nahe an das Schwert heran, umkreiste es, untersuchte es. Das Schicksalsschwert. Das Schwert aus Legenden, die Quelle der Macht und der Kräfte seines gesamten Königreichs, von einer Generation zur nächsten. Wer immer die Kraft hatte, es zu erheben, würde der Auserwählte sein, der Eine, dessen Schicksal es war, das Königreich sein Leben lang zu regieren, es von allen Bedrohungen zu befreien, innerhalb wie außerhalb des Rings. Es war wunderbar gewesen, mit dieser Legende aufzuwachsen, und sobald er zum König gesalbt war, hatte MacGil selbst versucht, es zu erheben, da es nur MacGil-Königen gestattet war, es überhaupt zu versuchen. Die Könige vor ihm, jeder Einzelne von ihnen, hatten versagt. Er war sich sicher gewesen, dass er anders sein würde. Er war sich sicher gewesen, dass er der Auserwählte war.

Aber er lag falsch. Wie alle anderen MacGil-Könige vor ihm. Und sein Versagen hatte seither einen Schatten über sein Königtum gelegt.

Als er es nun betrachtete, untersuchte er seine lange Klinge, aus einem geheimnisvollen Metall gefertigt, das noch niemand entziffern konnte. Der Ursprung des Schwerts war noch rätselhafter; den Gerüchten zufolge stieg es inmitten eines Bebens aus der Erde hoch.

Während er es betrachtete, verspürte er erneut den Stich des Versagens. Er mochte ein guter König sein; der Auserwählte war er jedoch nicht. Sein Volk wusste das. Seine Feinde wussten das. Er mochte ein guter König sein, doch egal was er tat, er würde nie der Auserwählte sein.

Wäre er es gewesen, so dachte er, hätte es wohl weniger Unruhe an seinem Hof gegeben, weniger Verschwörungen. Seine eigenen Leute würden ihm mehr vertrauen und seine Feinde würden nicht einmal an einen Angriff denken. Ein Teil von ihm wünschte sich, das Schwert möge einfach verschwinden, und die Legende mit ihm. Doch er wusste, das würde nicht geschehen. Darin lag der Fluch—und die Macht—einer Legende. Stärker noch als eine Armee.

Als er zum tausendsten Mal darauf starrte, musste MacGil sich wieder einmal fragen, wer es wohl sein würde. Wer in seiner Blutlinie würde bestimmt sein, es zu führen? Als er daran dachte, was vor ihm lag—seine Aufgabe, einen Erben zu nennen—fragte er sich, wer von ihnen, wenn überhaupt, dazu bestimmt war, es zu erheben.

„Das Gewicht der Klinge ist schwer“, erklang eine Stimme.

MacGil wirbelte herum, überrascht, in dem kleinen Zimmer nicht allein zu sein.

Da, in der Tür, stand Argon. MacGil erkannte die Stimme, bevor er ihn sah, und war zugleich verärgert, dass er sich nicht zuvor gezeigt hatte, und erfreut, dass er jetzt bei ihm war.

„Du bist spät dran“, sagte MacGil.

„Eure Vorstellung von Zeit trifft auf mich nicht zu“, antwortete Argon.

MacGil wandte sich wieder dem Schwert zu.

„Hast du je gedacht, dass ich es erheben könnte?“, fragte er nachdenklich. „An dem Tag, als ich König wurde?“

„Nein“, antwortete Argon geradeheraus.

MacGil blickte zu ihm hinüber.

„Du wusstest, ich würde es nicht schaffen. Du hast es gesehen, nicht wahr?“

„Ja.“

MacGil dachte darüber nach.

„Es macht mir Angst, wenn du direkt antwortest. Das sieht dir nicht ähnlich.“

Argon schwieg, und schließlich verstand MacGil, dass er nichts weiter sagen würde.

„Ich ernenne heute meinen Nachfolger“, sagte MacGil. „Es fühlt sich widersinnig an, an einem solchen Tag einen Erben zu nennen. Es entzieht einem König die Freude an der Vermählung seines Kindes.“

„Vielleicht soll eine solche Freude gedämpft sein.“

„Aber ich habe noch so viele Jahre des Regierens vor mir“, sagte MacGil flehend.

„Vielleicht nicht so viele, wie Ihr denkt“, erwiderte Argon.

MacGil blickte Argon mit zusammengekniffenen Augen verwundert an. War dies eine Botschaft?

Doch Argon fügte dem nichts hinzu.

„Sechs Kinder. Welches soll ich wählen?“, fragte MacGil.

„Warum fragt Ihr mich? Ihr habt Euch bereits entschieden.“

MacGil sah ihn an. „Du siehst viel. Ja, das habe ich. Und doch möchte ich wissen, was du denkst.“

„Ich denke, Ihr habt weise gewählt“, sagte Argon. „Doch bedenkt: ein König kann nicht aus dem Grabe heraus regieren. Wen Ihr auch glaubt, gewählt zu haben, das Schicksal hat seine Art, selbst zu bestimmen.“

„Werde ich leben, Argon?“, fragte MacGil ernsthaft, stelle die Frage, die er beantwortet haben wollte, seit er in der Nacht zuvor aus einem furchtbaren Alptraum aufgewacht war.

„Ich träumte letzte Nacht von einer Krähe“, fügte er hinzu. „Sie kam und stahl meine Krone. Dann trug mich eine Weitere hinfort. Während wir flogen, sah ich mein Königreich unter mir ausgebreitet. Es wurde schwarz, während ich darüberzog. Verdorrt. Eine Wüste.“

Er blickte zu Argon hoch, seine Augen feucht.

„War es ein Traum? Oder etwas mehr?“

„Träume sind immer etwas mehr, nicht wahr?“, fragte Argon.

Ein ungutes Gefühl ergriff MacGil.

„Wo liegt die Gefahr? Verrate mir nur so viel.“

Argon trat nahe an ihn heran und starrte in seine Augen, mit einer Intensität, dass MacGil das Gefühl hatte, als würde er in eine andere Welt starren.

Argon lehnte sich vor und flüsterte:

„Stets näher, als man denkt.“

KAPITEL VIER

Thor lag versteckt in einer Ladung Strohballen auf einem Wagen, der ihn über die Landstraße rüttelte. Er hatte in der Nacht zuvor die Straße erreicht und geduldig abgewartet, bis ein Wagen vorbei kam, der groß genug war, damit er unbemerkt aufsteigen konnte. Es war bereits dunkel gewesen, und der Wagen trottete gerade langsam genug vor sich hin, dass er im gemütlichen Laufschritt aufholen und hinten hineinspringen konnte. Er war im Heu gelandet und grub sich darin ein. Zum Glück hatte ihn der Fahrer nicht entdeckt. Thor konnte nicht sicher sein, ob der Wagen wirklich nach Königshof fahren würde, aber er fuhr in die richtige Richtung und ein Wagen von dieser Größe, und mit diesen Kennzeichnungen, konnte nicht an viele andere Orte wollen.

Und so fuhr Thor durch die Nacht. Er lag stundenlang wach und dachte an seine Begegnung mit dem Sybold. Mit Argon. An sein Schicksal. Sein altes Zuhause. Seine Mutter. Er fühlte sich, als hätte das Universum ihm eine Antwort geschickt, ihm deutlich gesagt, sein Schicksal läge woanders. Er lag mit den Händen hinter dem Kopf verschränkt da und starrte auf den Nachthimmel hinauf, der durch Risse im Leinen sichtbar war. Er betrachtete das Universum, so hell, seine roten Sterne so weit entfernt. Er war außer sich vor Freude. Zum ersten Mal in seinem Leben war er auf der Reise. Er wusste nicht, wohin, aber er war unterwegs. Auf die eine oder andere Weise würde er den Weg nach Königshof finden.

Als Thor die Augen öffnete, war es Morgen. Licht flutete herein und er stellte fest, dass er eingenickt war. Er setzte sich auf und blickte sich hastig um, sich selbst rügend, dass er eingeschlafen war. Er hätte wachsamer sein sollen—er hatte Glück, dass er nicht entdeckt worden war.

Der Wagen war immer noch in Bewegung, doch er ruckelte nicht mehr so stark. Das konnte nur eines bedeuten: eine bessere Straße. Sie mussten in der Nähe einer Stadt sein. Thor blickte nach unten und sah, wie glatt die Straße war, frei von Steinen oder Löchern, und gesäumt mit feinen weißen Muschelschalen. Sein Herz schlug höher: sie waren tatsächlich auf der Straße nach Königshof.

Thor warf einen Blick nach hinten aus dem Wagen hinaus und war überwältigt: die makellose Straße war von Geschäftigkeit erfüllt. Dutzende Karren in allen Formen und Größen und mit allerlei Dingen beladen füllten die Straßen. Einer war mit Fellen beladen; ein anderer mit Teppichen; ein dritter mit Hühnern. Dazwischen waren hunderte von Händlern zu Fuß unterwegs, einige führten Rinder, andere trugen Körbe voll Waren auf dem Kopf. Vier Männer hievten gemeinsam ein Bündel Seidenstoffe, das über Stangen gelegt war. Es war ein Heer von Menschen, allesamt unterwegs in die gleiche Richtung.

Thor fühlte sich lebendig. Er hatte noch nie so viele Menschen auf einmal gesehen, so viele Waren, so viel Treiben. Er hatte sein ganzes Leben in einem kleinen Dorf verbracht, und nun war er an einem Hauptumschlagplatz und versank geradezu in einem Menschenmeer.

Er hörte ein lautes Geräusch, das Ächzen von Ketten, das Krachen eines riesigen Holzteils, so stark, dass der Boden bebte. Augenblicke später kam ein weiteres Geräusch, das Klappern von Pferdehufen auf Holz. Er blickte hinunter und erkannte, dass sie eine Brücke passierten; unter ihnen befand sich ein Burggraben. Eine Zugbrücke.

Thor streckte den Kopf hinaus und sah enorme Steinsäulen und ein spitzenbewehrtes eisernes Tor über ihm. Sie fuhren durch das Königstor.

Es war das größte Tor, das er je gesehen hatte. Er blickte hinauf zu den Spitzen und dachte staunend, dass sie ihn in Stücke schneiden würden, falls sie herunterkrachten. Er sah vier Männer der königlichen Silbernen, die den Eingang bewachten, und sein Herz schlug schneller.

Sie fuhren durch einen langen Tunnel aus Stein, und Augenblicke später öffnete sich der Himmel wieder. Sie waren in Königshof.

Thor konnte es kaum glauben. Das geschäftige Treiben war hier noch stärker, falls das überhaupt möglich war—es wirkte wie tausende Menschen, die in alle Richtungen herumschwirrten. Rundum gab es weitläufige Grasflächen, perfekt gemäht, und Blumen in voller Blüte. Die Straße wurde breiter, und am Straßenrand entlang standen Buden, Straßenhändler und Steinbauten. Und zwischen all dem, des Königs Mannen. Soldaten in ihren Rüstungen. Thor hatte es geschafft.

In seiner Aufregung stand er unbedacht auf; im gleichen Moment blieb der Karren ruckartig stehen und warf ihn mit dem Rücken voraus ins Stroh zurück. Bevor er sich aufraffen konnte, hörte er einen Holzteil aufklappen, und er blickte hoch zu einem verärgerten alten Mann, der in Lumpen gekleidet war und ihn finster ansah. Der Kutscher streckte die Arme nach ihm aus, packte Thor mit seinen knochigen Händen an den Knöcheln und zog ihn ins Freie.

Thor flog durch die Luft, landete hart mit dem Rücken auf der unbefestigten Straße und wirbelte eine Staubwolke dabei auf. Um ihn herum erhob sich Gelächter.

„Wenn du noch einmal in meinem Karren mitfährst, Bursche, gehts an den Pranger mit dir! Du kannst dich glücklich schätzen, dass ich nicht jetzt gleich die Silbernen rufe!“

Der alte Mann spuckte zur Seite, dann eilte er zurück zu seinem Karren und trieb die Pferde weiter.

Beschämt kam Thor wieder zu Sinnen und stand auf. Er blickte um sich: ein oder zwei Passanten schmunzelten, und Thor funkelte sie an, bis sie sich abwendeten. Er wischte sich den Staub ab und rieb seine Arme; sein Stolz war verletzt, aber nicht sein Körper.

Seine gute Laune kam zurück, als er sich ungläubig umsah und ihm klar wurde, dass er froh sein sollte, es bis hierher geschafft zu haben. Nun, da er aus dem Wagen draußen war, konnte er sich frei umblicken, und es war wahrhaft ein außergewöhnlicher Anblick: der Hof breitete sich aus, soweit das Auge reichte. In seiner Mitte stand ein prachtvoller Palast aus Stein, umringt von hoch aufragenden, befestigten Steinmauern, gekrönt mit einer Brüstung, auf der überall die königliche Armee patrouillierte. Überall um ihn herum waren perfekt gepflegte Grünanlagen, steinerne Plätze, Brunnen, Baumgruppen. Es war eine Stadt. Und sie war von einer Menschenflut erfüllt.

In alle Richtungen strömten alle Arten von Leuten—Händler, Soldaten, Würdenträger—jeder von ihnen so sehr in Eile. Thor brauchte ein paar Minuten, bis er verstand, dass etwas Besonderes vonstattenging. Während er herumspazierte, konnte er beobachten, wie Vorbereitungen getroffen wurden, Stühle aufgestellt, ein Altar aufgebaut. Es schien, als würden sie eine Hochzeit vorbereiten.

Sein Herz machte einen Sprung, als er in der Ferne einen Turnierplatz erkennen konnte, mit langen Lehmbahnen und einem gespannten Tau dazwischen. Auf einem anderen Feld sah er Soldaten, die Speere auf weit entfernte Zielscheiben schleuderten; auf einem weiteren zielten Bogenschützen auf Strohpuppen. Es schien, als würden überall rundum Spiele und Wettbewerbe stattfinden. Es gab auch Musik: Lauten und Flöten und Zimbeln, umherziehende Musikantentruppen; und Wein, der in riesigen Fässern hervorgerollt wurde; und Speisen, die auf Tischen ausgelegt wurden, Bankette, die sich erstreckten, so weit das Auge reichte. Es schien, als wäre er inmitten einer gewaltigen Feier angekommen.

So faszinierend das auch war, verspürte Thor doch den Drang, die Legion zu finden. Er war jetzt schon spät dran und er musste sich dort bekanntmachen.

Er eilte zur ersten Person, die er erblickte: einem älteren Herren, seinem blutbefleckten Schurz nach ein Fleischer, der die Straße hinuntereilte. Jeder hier war derart in Eile.

„Entschuldigt, mein Herr“, sagte Thor und griff ihn am Arm.

Der Mann blickte missmutig auf Thors Hand.

„Was willst du, Junge?“

„Ich bin auf der Suche nach der Legion des Königs. Wisst Ihr, wo sie trainieren?“

„Sehe ich etwa wie ein Stadtplan aus?“, zischte der Mann und stürmte davon.

Thor war von seiner Unhöflichkeit erschrocken.

Er eilte zur nächsten Person, die er sah: eine Frau, die an einem langen Tisch stand und Teig knetete. Mehrere Frauen standen an dem Tisch, alle schwer bei der Arbeit, und Thor dachte, eine von ihnen müsste es wissen.

„Entschuldigt, Fräulein“, sagte er. „Könntet Ihr mir vielleicht sagen, wo die Legion des Königs trainiert?“

Sie tauschen Blicke aus und kicherten, manche von ihnen nur wenige Jahre älter als er selbst.

Die Älteste drehte sich zu ihm und sah ihn an.

„Du suchst am falschen Ort“, sagte sie. „Hier treffen wir Vorbereitungen für die Festivitäten.“

„Aber mir wurde gesagt, sie trainieren in Königshof“, sagte Thor verwirrt.

Die Frauen brachen wieder in Gekicher aus. Die Älteste stemmte die Hände in die Hüften und schüttelte den Kopf.

„Du stellst dich an, als wärst du zum ersten Mal in Königshof. Weißt du nicht, wie groß es ist?“

Thor lief rot an, als die anderen Frauen zu lachen anfingen, und stürmte schließlich davon. Er mochte es nicht, wenn man sich über ihn lustig machte.

Er sah vor sich ein Dutzend Straßen, die sich in alle möglichen Richtungen durch Königshof schlängelten. Über die Steinwälle verteilt gab es mindestens ein Dutzend Eingänge. Die Größe und Weitläufigkeit dieses Orts war überwältigend. Er hatte das ungute Gefühl, dass er den ganzen Tag suchen könnte, und es doch nicht finden würde.

Da kam ihm eine Idee: bestimmt würde ein Soldat wissen, wo die anderen trainieren. Es machte ihn nervös, einen richtigen Soldaten des Königs anzusprechen, doch ihm wurde klar, dass er nicht darum herumkommen würde.

Er eilte zur Stadtmauer hinüber, auf einen der Soldaten zu, der am nächstgelegenen Eingang Wache stand. Er hoffte, er würde ihn nicht hinauswerfen. Der Soldat stand stramm da und blickte starr geradeaus.

„Ich suche die Legion des Königs“, sagte Thor, seinen tapfersten Tonfall aufbringend.

Der Soldat starrte weiterhin geradeaus und ignorierte ihn.

„Ich sagte, ich suche die Legion des Königs!“, bestand Thor, lauter, fest entschlossen, wahrgenommen zu werden.

Nach ein paar Sekunden blickte der Soldat auf ihn hinunter und verzog das Gesicht.

„Könnt Ihr mir sagen, wo sie ist?“, drängte Thor.

„Und was wirst du wohl dort zu suchen haben?“

„Etwas äußerst Wichtiges“, drängte Thor weiter. Er hoffte, der Soldat würde nicht auf Einzelheiten bestehen.

Der Soldat wandte sich wieder ab, um weiterhin geradeaus zu starren, und ignorierte ihn wieder. Thor fühlte, wie sein Herz sank. Er befürchtete schon, dass er nie eine Antwort bekommen würde.

Doch nach einer gefühlten Ewigkeit antwortete der Soldat: „Nimm das östliche Tor, dann geh nach Norden, soweit es geht. Nimm das dritte Tor links, dann die Abzweigung rechts, und bieg noch einmal rechts ab. Passiere den zweiten Steinbogen, und ihre Gründe liegen hinter dem Tor. Aber ich sage dir, du verschwendest deine Zeit: sie halten sich dort nicht mit Besuchern auf.“

Mehr wollte Thor gar nicht hören. Ohne sich weiter aufzuhalten, drehte er sich um und rannte über das Feld, der Wegbeschreibung folgend, die er im Kopf vor sich her sagte, damit er sie nicht vergaß. Er bemerkte, dass die Sonne höher am Himmel stand, und konnte nur beten, dass es noch nicht zu spät war, bis er dort ankam.

*

Thor rannte die makellosen, muschelgesäumten Wege entlang und bahnte sich seinen gewundenen Weg durch Königshof. Er versuchte, der Wegbeschreibung zu folgen, so gut er konnte und hoffte, dass er nicht in die Irre geleitet worden war. Er erreichte das andere Ende des großen Hofs, blickte auf alle Tore und nahm das dritte von links. Er lief hindurch und folgte den Abzweigungen, bog um eine Ecke nach der anderen. Er rannte gegen den Strom; tausende Menschen strömten in die Stadt hinein, die Menge wurde von Minute zu Minute dichter. Er stieß gegen die Schultern von Lautenspielern, Jongleuren, Hofnarren und allen möglichen anderen Unterhaltungskünstlern, allesamt besonders prächtig herausgeputzt.

Thor ertrug den Gedanken nicht, dass die Ernennung ohne ihn beginnen sollte, und tat sein bestes, sich auf den Weg zu konzentrieren, während er einen Pfad nach dem anderen nahm und nach irgendeinem Anzeichen für die Trainingsgründe Ausschau hielt. Er lief durch einen Bogen, bog in eine weitere Straße ein, und erblickte endlich in der Ferne etwas, das nichts anderes als sein Ziel sein konnte: ein kleines Kolosseum, ein kreisrundes Bauwerk aus Stein. In seiner Mitte befand sich ein riesiges Tor, an dem Soldaten Wache standen. Thor konnte hinter den Mauern gedämpften Jubel hören, und sein Herz schlug schneller. Er war am Ziel.

Er rannte schneller, seine Lunge drohte schon zu platzen. Als er zum Tor kam, traten zwei Wachen vor und senkten ihre Lanzen, und versperrten ihm so den Weg. Ein dritter Wachmann trat vor und hob die Hand.

„Anhalten“, befahl er.

Thor blieb abrupt stehen, schnappte nach Atem, kaum in der Lage, seine Aufregung zu beherrschen.

„Ihr...versteht...nicht“, keuchte er, die Worte zwischen seinen Japsern hervor stoßend, „ich muss hinein. Ich bin spät dran.“

„Spät dran wofür?“

„Die Ernennung.“

Der Wachmann, ein kurzer, schwerer Mann mit pockennarbiger Haut, warf den anderen hinter ihm einen Blick zu, den sie zynisch erwiderten. Er sah Thor abfällig an.

„Die Rekruten wurden schon vor Stunden mit dem königlichen Transportzug hereingebracht. Wenn du nicht eingeladen wurdest, kannst du nicht eintreten.“

„Aber Ihr versteht nicht. Ich muss—“

Der Wachmann streckte die Hand aus und packte Thor am Hemd.

„Du verstehst wohl nicht, du unverschämter kleiner Junge. Wie kannst du es wagen, hier aufzutauchen und zu versuchen, dich hineinzuzwängen? Und jetzt hau ab—bevor ich dich in Ketten lege.“

Er versetzte Thor einen Stoß, der ihn mehrere Fuß weit zurückwarf.

Thor spürte ein Stechen auf der Brust, wo die Hand des Wachmanns ihn gestoßen hatte—doch umso mehr spürte er den Stich der Abweisung. Er war empört. Er war nicht bis hierher gekommen, um von einem Wachmann abgewiesen zu werden, ohne überhaupt angesehen worden zu sein. Er war entschlossen, es bis hinein zu schaffen.

Der Wachmann drehte sich wieder seinen Männern zu, und Thor zog langsam von dannen, links um das kreisförmige Gebäude herum. Er hatte einen Plan. Er ging weiter, bis er außer Sichtweite war, dann verfiel er in ein gemächliches Lauftempo, seinen Weg an der Mauer entlang ziehend. Er versicherte sich, dass die Wachen ihn nicht beobachteten, dann wurde er schneller. Als er den Bau zur Hälfte umrundet hatte, fand er eine weitere Möglichkeit, in die Arena zu gelangen: hoch oben befanden sich gewölbte Öffnungen im Stein, die von Eisengittern versperrt waren. In einer dieser Öffnungen fehlte das Gitter. Er hörte erneut Gejubel, zog sich auf die Kante hoch und blickte hinein.

Sein Herz schlug höher. Da, über den riesigen, kreisrunden Trainingsplatz verteilt, standen dutzende Rekruten—einschließlich seiner Brüder. In Reih und Glied aufgestellte standen sie einem Dutzend der Silbernen gegenüber. Des Königs Mannen gingen durch die Reihen und begutachteten sie.

Eine weitere Gruppe von Rekruten stand etwas abseits, unter den wachsamen Augen eines Soldaten, und warf Speere auf ein fernes Ziel. Einer von ihnen warf daneben.

Thors Adern brannten vor Empörung. Er hätte dieses Ziel treffen können; er war genauso gut wie jeder Beliebige von denen. Nur weil er jünger war, etwas kleiner vielleicht, war es noch lange nicht gerecht, dass er übergangen wurde.

Plötzlich spürte Thor eine Hand auf seinem Rücken, wurde nach hinten gerissen und flog durch die Luft. Er landete hart auf dem Boden unter ihm; der Aufprall nahm ihm den Atem.

Er blickte hoch und sah den Wachmann vom Tor, der höhnisch auf ihn herabblickte.

„Was habe ich dir gesagt, Junge?“

Bevor er reagieren konnte, holte der Wachmann aus und verpasste Thor einen kräftigen Tritt. Thor spürte einen scharfen Schlag gegen seine Rippen, und der Wachmann holte zu einem weiteren Tritt aus.

Diesmal fing Thor den Fuß des Wachmanns in der Luft ab; er zog an ihm, bis dieser das Gleichgewicht verlor und hinfiel.

Thor stand schnell wieder auf den Füßen. Zur gleichen Zeit stand auch der Wachmann wieder auf. Thor starrte ihn an, schockiert darüber, was er gerade getan hatte. Ihm gegenüber blickte der Wachmann zornig zurück.

„Ich werde dich nicht nur in Ketten legen“, fauchte der Wachmann, „ich werde dich für das hier auch bezahlen lassen. Niemand vergreift sich an einer königlichen Wache! Einen Beitritt zur Legion kannst du vergessen—jetzt wirst du in den Kerkern versauern! Du hättest Glück, wenn dich je wieder jemand zu Gesicht bekäme!“

Der Wachmann holte eine Kette mit Schellen an den Enden hervor. Er trat Thor mit einem rachsüchtigen Ausdruck auf dem Gesicht näher.

Thors Gedanken rasten. Er konnte nicht zulassen, dass er in Ketten gelegt wurde—aber ein Mitglied der königlichen Wache verletzen wollte er auch nicht. Er musste sich etwas einfallen lassen—und zwar schnell.

Da fiel ihm seine Schleuder ein. Seine Reflexe übernahmen die Kontrolle, als er sie packte, einen Stein auflegte, zielte, und losließ.

Der Stein flog durch die Luft und schlug dem verblüfften Wachmann die Fesseln aus der Hand; er traf aber auch die Finger des Mannes. Der Wachmann zog die Hand zurück und schüttelte sie brüllend vor Schmerz, während die Fesseln zu Boden rasselten.

Der Wachmann warf Thor einen mörderischen Blick zu. Er zog sein Schwert. Es kam mit einem unverkennbaren metallischen Klingen zum Vorschein.

„Das war dein letzter Fehler“, grollte er bedrohlich und griff an.

Thor hatte keine Wahl: dieser Mann würde ihn einfach nicht in Ruhe lassen. Er legte einen weiteren Stein in seine Schleuder und schoss. Er zielte bewusst: er wollte den Mann nicht töten, aber er musste ihn aufhalten. Anstatt also auf sein Herz, seine Nase, Augen oder seinen Kopf zu zielen, zielte Thor auf die eine Stelle, von der er wusste, es würde ihn aufhalten, aber nicht umbringen.

Zwischen seine Beine.

Er ließ den Stein fliegen—nicht mit voller Kraft, aber ausreichend, um den Mann zu Boden zu bringen.

Es war ein perfekter Treffer.

Der Wachmann kippte vornüber, ließ sein Schwert fallen, hielt sich den Schritt, brach auf den Boden zusammen und krümmte sich.

„Dafür wirst du hängen“, ächzte er unter Schmerzen. „Wache! Wache!“

Thor blickte hoch und sah in der Ferne mehrere Männer der königlichen Wache auf ihn zulaufen.

Jetzt oder nie.

Ohne einen weiteren Augenblick zu vergeuden, spurtete er auf die Kante unter dem Fenster zu. Er würde durchspringen müssen, in die Arena hinein, und auf sich aufmerksam machen müssen. Und er würde jeden bekämpfen, der sich ihm in den Weg stellte.

KAPITEL FÜNF

MacGil saß in der oberen Halle seiner Burg, in seiner Kammer für vertraulichere Besprechungen, die er für persönliche Angelegenheiten benutzte. Er saß auf seinem persönlichen Thron—dieser war aus Holz gefertigt—und blickte auf die vier seiner Kinder, die vor ihm standen. Zuerst sein ältester Sohn, Kendrick, mit seinen fünf-und-zwanzig Jahren ein feiner Krieger und ein wahrer Edelmann. Von allen Kindern sah er MacGil am meisten ähnlich—was ironisch war, da er ein Bastard war, MacGils einziger Nachkomme von einer anderen Frau; einer Frau, die er längst vergessen hatte. MacGil hatte Kendrick trotz der anfänglichen Proteste seiner Königin mit seinen ehelichen Kindern gemeinsam aufgezogen, unter der Bedingung, dass er nie den Thron besteigen würde. Darunter litt MacGil nun, da Kendrick der anständigste Mann war, den er je gekannt hatte; ein Sohn, der ihn stolz machte, sein Vater zu sein. Das Königreich könnte sich keinen feineren Nachfolger wünschen.

Im starken Kontrast dazu stand neben ihm sein zweitgeborener—jedoch der erstgeborene legitime—Sohn Gareth, drei-und-zwanzig, mager, mit hohlen Wangen und großen braunen Augen, die pausenlos in Bewegung waren. Charakterlich konnte er seinem älteren Bruder nicht unähnlicher sein. Gareths Charakter war alles, was Kendricks nicht war: wo sein Bruder offenherzig war, versteckte Gareth seine wahren Gedanken; wo sein Bruder stolz und nobel war, war Gareth durchtrieben und hinterlistig. Es schmerzte MacGil, dass er seinen eigenen Sohn nicht leiden konnte, und er hatte viele Male versucht, dessen Natur geradezubiegen; doch es kam ein Punkt in den Jugendjahren des Jungen, an dem er sich eingestehen musste, dass seine Natur festgelegt war: intrigant, machthungrig, und alle falschen Arten von ehrgeizig. Gareth, so wusste MacGil auch, hatte nichts für Frauen übrig und hatte zahlreiche Liebhaber. Andere Könige hätten einen solchen Sohn verstoßen, doch MacGil war aufgeschlossener und für ihn stellte dies keinen Grund dar, ihn nicht zu lieben. Er verurteilte ihn nicht dafür. Wofür er ihn sehr wohl verurteilte, war seine boshafte, intrigante Natur, über die er nicht einfach hinwegsehen konnte.

In der Reihe neben Gareth stand MacGils zweitgeborene Tochter Gwendolyn. Gerade erst ihr sechzehntes Lebensjahr erreicht, war sie eines der schönsten Mädchen, die seine Augen je gesehen hatten—und ihr Gemüt überstrahlte sogar ihr Aussehen: sie war gütig, großherzig, aufrichtig—die feinste junge Frau, die er je gekannt hatte. In dieser Hinsicht war sie seinem Kendrick ähnlich. Sie sah MacGil mit der Liebe einer Tochter für ihren Vater an, und er spürte stets ihre Loyalität, mit jedem Blick. Er war auf sie sogar noch stolzer als auf seine Söhne.

Neben Gwendolyn stand MacGils jüngster Sohn Reece, ein stolzer und temperamentvoll junger Mann, der mit seinen vierzehn Jahren gerade erst dabei war, ein Mann zu werden. MacGil hatte seiner Aufnahme in die Legion mit großer Freude entgegengesehen, und er konnte jetzt bereits den Mann in ihm sehen, zu dem er werden würde. Eines Tages, da hatte MacGil keine Zweifel, würde Reece sein feinster Sohn sein, und ein großer Herrscher. Doch dieser Tag war noch nicht gekommen. Er war noch zu jung und hatte noch zu viel zu lernen.

MacGil betrachtete diese vier Kinder mit gemischten Gefühlen, seine drei Söhne und seine Tochter, wie sie so vor ihm standen. Er verspürte Stolz gemischt mit Enttäuschung. Er verspürte außerdem Ärger und Gereiztheit darüber, dass zwei seiner Kinder fehlten. Die Älteste, seine Tochter Luanda, bereitete sich natürlich gerade auf ihre eigene Hochzeit vor, und da sie in ein anderes Königreich verheiratet wurde, hatte sie keinen Anteil an der Debatte über die Nachfolge. Aber sein anderer Sohn Godfrey, der mittlere, achtzehn Jahre alt, war nicht anwesend. MacGil wurde lief beim Gedanken an diese Missachtung rot an.

Seit er ein kleiner Junge gewesen war, wies Godfrey eine derartige Respektlosigkeit gegenüber dem Königtum auf, dass es stets klar war, dass sie ihn nicht interessierte und er niemals regieren würde. Zu MacGils größter Enttäuschung zog Godfrey es stattdessen vor, seine Tage gemeinsam mit nichtsnutzigen Freunden in Kneipen zu vergeuden und der königlichen Familie immer größer werdende Schmach und Unehre einzubringen. Er war ein Taugenichts, verschlief die meisten seiner Tage und füllte den Rest davon mit Trunk. Auf der einen Seite war MacGil erleichtert, dass er nicht hier war; auf der anderen stellte es eine Beleidigung dar, die er nicht übersehen konnte. Er hatte dies allerdings vorausgesehen und seine Mannen frühzeitig ausgeschickt, um die Kneipen zu durchkämmen und ihn zurückzubringen. MacGil saß schweigend da und wartete darauf, dass dies eintrat.

Die schwere Eichentür wurde schließlich aufgestoßen und herein marschierten die königlichen Wachen, Godfrey zwischen sich schleppend. Sie gaben ihm einen Schubs und Godfrey stolperte in den Raum, während sie die Tür hinter ihm zuschlugen.

Die Kinder drehten sich zu ihm um und starrten. Godfrey war eine ungepflegte Erscheinung, stank nach Bier, war unrasiert und nur halb bekleidet. Er lächelte ihnen entgegen. Unverschämt. Wie immer.

„Hallo Vater“, sagte Godfrey. „Habe ich den ganzen Spaß verpasst?“

„Du wirst dich zu deinen Geschwistern stellen und warten, bis ich gesprochen habe. Wenn du das nicht tust, so hilf mir Gott, werde ich dich in Ketten legen und zu den anderen gemeinen Gefangenen in den Kerker stecken, und du wirst für volle drei Tage kein Essen—geschweige denn Bier—zu sehen bekommen.“

Godfrey stand trotzig da und warf seinem Vater einen giftigen Blick zu. In diesem Blick erkannte MacGil eine tief verborgene Kraftreserve, etwas von ihm selbst, einen Funken von etwas, das Godfrey eines Tages von großem Dienst sein könnte. Das heißt, wenn er je über seinen eigenen Schatten springen konnte.

Trotzig bis zum Ende wartete Godfrey gute zehn Sekunden, bevor er sich schließlich fügte und zu den anderen hinüberschlurfte.

Wie sie alle so dastanden, betrachtete MacGil eingehend diese fünf Kinder: den Bastard, den Abwegigen, den Trunkenbold, seine Tochter und seinen Jüngsten. Es war eine eigentümliche Mischung und er konnte kaum glauben, dass sie alle von ihm stammten. Und nun, am Hochzeitstag seiner ältesten Tochter, war es nun schlussendlich seine Aufgabe, aus diesem Haufen einen Erben zu wählen. Wie sollte das möglich sein?

Es war eine sinnlose Geste: immerhin stand er in seinen besten Jahren und konnte noch gut weitere dreißig Jahre regieren; welchen Erben auch immer er heute erwählte, er würde den Thron vielleicht noch jahrzehntelang nicht besteigen. Diese gesamte Tradition verärgert ihn. Sie mag vielleicht zu Zeiten seiner Vorväter von Bedeutung gewesen sein, aber sie hatte keinen Platz mehr in der heutigen Zeit.

Er räusperte sich.

„Wir sind hier heute versammelt, um einer Tradition Ehre zu erweisen. Wie ihr wisst, fällt mir an diesem Tag, dem Tag der Hochzeit meines ältesten Kindes, die Aufgabe zu, einen Nachfolger zu nennen. Einen Erben der Herrschaft über dieses Königreich. Sollte ich sterben, so gäbe es keinen geeigneteren Herrscher als eure Mutter. Doch die Gesetze unseres Reiches gebieten, dass nur der Nachkomme eines Königs die Thronfolge antreten kann. Und so muss ich wählen.“

MacGil hielt den Atem an und dachte nach. Eine bleierne Stille hing in der Luft, und er spürte das Gewicht der Erwartung. Er sah ihnen in die Augen und sah in jedem einen anderen Ausdruck. Der Bastard blickte resigniert im Wissen, dass die Wahl nicht auf ihn fallen würde. Die Augen des Abwegigen glühten vor Ehrgeiz, als ob für ihn klar wäre, dass die Wahl auf ihn fallen müsse. Der Trunkenbold blickte aus dem Fenster; ihm war es egal. Seine Tochter blickte liebevoll zurück, wissend, dass sie nicht Teil dieser Debatte war, und dennoch voller Liebe für ihren Vater. Mit seinem Jüngsten war es dasselbe.

„Kendrick, ich habe dich stets als einen wahren Sohn betrachtet. Doch die Gesetze unseres Reiches verhindern, dass ich die Herrschaft an jemanden von weniger als vollständiger Legitimität weitergebe.“

Kendrick verbeugte sich. „Vater, ich hatte nicht erwartet, dass du dies tun könntest. Ich bin mit meinem Los zufrieden. Bitte lass dich dadurch nicht beunruhigen.“

MacGil schmerzte seine Antwort, da er spürte, wie aufrichtig sie war, und er wollte ihn nur noch mehr zum Erben ernennen.

„Damit bleibt ihr vier. Reece, du bist ein feiner junger Mann, der feinste, den ich je gesehen habe. Doch du bist zu jung, um Teil dieser Debatte zu sein.“

„Damit habe ich gerechnet, Vater“, antwortete Reece mit einer leichten Verbeugung.

„Godfrey, du bist einer meiner drei legitimen Söhne—und doch ziehst du es vor, deine Tage in den Kneipen zu vergeuden, zusammen mit dem Abschaum. Dir wurde jede Gunst im Leben zuteil, und du hast jede davon verschmäht. Wenn ich in diesem Leben eine große Enttäuschung zu tragen habe, so bist es du.“

Godfrey verzog zur Antwort sein Gesicht und fühlte sich sichtlich unwohl.

„Nun, dann bin ich hier wohl fertig und kann zurück in die Kneipe, nicht wahr, Vater?“

Mit einer flüchtigen, respektlosen Verbeugung drehte Geoffrey sich um und stakste zur Tür.

„Wirst du wohl zurück kommen!“, schrie MacGil. „SOFORT!“

Godfrey stolzierte weiter, ihn völlig ignorierend. Er durchquert den Raum und zog die Türe auf. Dort standen zwei Wachen.

MacGil kochte vor Wut, während die Wachen ihn fragend ansahen.

Doch Godfrey zögerte nicht lange; er schob sich an ihnen vorbei in den offenen Flur.

„Nehmt ihn fest!“, schrie MacGil. „Und seht zu, dass er der Königin nicht unter die Augen kommt. Ich möchte seine Mutter am Hochzeitstag ihrer Tochter nicht mit seinem Anblick belasten.“

„Jawohl, Herr“, sagten sie und schlossen die Tür, bevor sie ihm nacheilten.

MacGil saß schwer atmend mit hochrotem Gesicht da und versuchte, sich zu beruhigen. Zum tausendsten Mal fragte er sich, was er angestellt hatte, um so ein Kind zu verdienen.

Er blickte zurück auf seine verbleibenden Kinder. Die vier standen da und warteten in der schweren Stille. MacGil holte tief Luft und versuchte, sich zu konzentrieren.

„Somit bleiben zwei von euch übrig“, fuhr er fort. „Und aus diesen zweien habe ich einen Nachfolger erwählt.“

MacGil wandte sich an seine Tochter.

„Gwendolyn, das wirst du sein.“

Ein überraschtes Schweigen erfüllte den Raum; seine Kinder sahen alle schockiert aus, am meisten jedoch Gwendolyn.

„Hast du richtig gesprochen, Vater?“, fragte Gareth. „Sagtest du Gwendolyn?“

„Vater, ich fühle mich geehrt“, sagte Gwendolyn. „Aber ich kann es nicht annehmen. Ich bin eine Frau.“

„Es ist wahr, noch nie zuvor hat eine Frau auf dem Thron der MacGils gesessen. Doch ich habe beschlossen, dass es an der Zeit ist, die Tradition zu ändern. Gwendolyn, du bist von feinstem Verstand und Gemüt, feiner als ich es je in einer jungen Frau gesehen habe. Du bist jung, aber mit Gottes Willen werde ich nicht so bald sterben, und wenn die Zeit kommt, wirst du weise genug sein, um zu regieren. Das Königreich soll dir gehören.“

„Aber Vater!“, rief Gareth aus, sein Gesicht aschfahl. „Ich bin der älteste legitim geborene Sohn! Immer, in der gesamten Geschichte der MacGils, ging die Herrschaft auf den ältesten Sohn über!“

„Ich bin der König“, erwiderte MacGil düster, „und ich bestimme die Tradition.“

„Aber das ist nicht gerecht!“, flehte Gareth mit klagender Stimme. „Ich bin es, der König sein sollte. Nicht meine Schwester. Nicht eine Frau!“

„Zäume deine Zunge, Junge!“, rief MacGil, zitternd vor Zorn. „Wagst du es, mein Urteil zu hinterfragen?“

„Werde ich also zugunsten einer Frau übergangen? So also denkst du von mir?“

„Ich habe meine Entscheidung getroffen“, sagte MacGil. „Du wirst sie respektieren und dich ihr gehorsam fügen, so wie jeder andere Untertan in meinem Königreich. Und nun könnt ihr alle gehen.“

Seine Kinder beugten rasch ihre Köpfe und eilten aus dem Zimmer.

Nur Gareth blieb an der Tür stehen, unfähig, sich zu überwinden, den Raum zu verlassen.

Er kehrte um und stellte sich alleine seinem Vater.

MacGil konnte die Enttäuschung in seinem Gesicht lesen. Sichtlich hatte er erwartet, heute zum Erben benannt zu werden. Mehr noch: er hatte es begehrt. Unbedingt. Was MacGil nicht im Geringsten überraschte—und was genau der Grund war, warum er es ihm nicht gewährt hatte.

„Warum hasst du mich, Vater?“, fragte er.

„Ich hasse dich nicht. Ich finde dich nur nicht geeignet, mein Königreich zu regieren.“

„Und warum das?“, bestand Gareth.

„Weil es genau das ist, was du begehrst.“

Gareths Gesicht lief feuerrot an. Offenbar hatte MacGil ihm einen Einblick in seine wahre Natur verschafft. MacGil beobachtete seine Augen, sah, wie sie von einem Hass für ihn erfüllt waren, den er nie für möglich gehalten hätte.

Ohne ein weiteres Wort stürmte Gareth aus dem Zimmer und schlug die Tür hinter sich zu.

Das hallende Echo ließ MacGil erschaudern. Er dachte an den Blick seines Sohnes zurück und verspürte einen Hass von enormer Tiefe, tiefer noch als der seiner Feinde. In dem Moment erinnerte er sich an Argons Worte, seine Ankündigung, dass Gefahr nahe lag.

Konnte sie gar so nahe liegen?

KAPITEL SECHS

Thor rannte mit all seiner Kraft über das weite Feld der Arena. Hinter ihm konnte er die Schritte der königlichen Wachen hören, die ihm dicht auf den Fersen waren. Sie jagten ihm durch die heiße, staubige Umgebung hinterher, im Laufen fluchend. Vor ihm ausgebreitet standen die Angehörigen—und neuen Rekruten—der Legion, dutzende Jungen wie er selbst, nur älter und stärker. In unterschiedlichen Formationen trainierten sie und wurden geprüft, manche beim Speerwerfen, manche schleuderten Wurfspieße, einige übten ihren Griff an der Lanze. Sie zielten auf entfernte Zielscheiben und verfehlten diese nur selten. Dies waren seine Rivalen, und sie schienen ihm überlegen.

Unter ihnen befanden sich ein Dutzend wahre Ritter, Angehörige der Silbernen, die in einem weiten Halbkreis standen und dem Treiben zusahen. Urteilend. Entscheidend, wer bleiben durfte und wer nach Hause geschickt würde.

Thor wusste, dass er sich beweisen, diese Männer beeindruckten musste. In wenigen Augenblicken würden die Wachen ihn eingeholt haben, und wenn er irgendeine Chance haben wollte, einen Eindruck zu hinterlassen, war jetzt der Zeitpunkt dafür. Nur wie? Seine Gedanken rasten, während er mit dem festen Entschluss über den Platz schoss, nicht abgewiesen zu werden.

Während Thor über das Feld raste, erregte er die Aufmerksamkeit der anderen. Einige der Rekruten stellten ihre Übungen ein und blickten ihm nach; einige der Ritter ebenso. Innerhalb weniger Augenblicke merkte Thor, dass alle Augen auf ihn gerichtet waren. Sie sahen verwirrt drein, und ihm wurde klar, dass sie sich wohl fragten, wer er war, der da quer über ihr Feld rannte, von drei königlichen Wachen gejagt. So wollte er nicht unbedingt seinen ersten Eindruck hinterlassen. Sein ganzes Leben schon träumte er davon, sich der Legion anzuschließen; in seiner Vorstellung war es nicht so abgelaufen.

Während Thor rannte und hin und her überlegte, was er tun sollte, wurde sein nächster Schritt für ihn entschieden. Ein großgewachsener Junge, einer der Rekruten, hatte beschlossen, es auf sich zu nehmen, die anderen damit zu beeindrucken, dass er Thor aufhielt. Er war muskulös und fast doppelt so groß wie Thor, und er hatte sein Holzschwert erhoben, um Thor den Weg zu versperren. Thor konnte sehen, dass er dazu bereit war, ihn zu Boden zu schlagen, ihn vor allen Augen zu blamieren, und sich dadurch einen Vorteil vor den anderen Rekruten zu verschaffen.

Dies machte Thor wütend. Thor hatte nichts gegen diesen Jungen, und dieser Kampf war nicht seine Angelegenheit. Doch er machte ihn zu seiner Angelegenheit, nur, um sich vor den anderen zu behaupten.

Als sie einander näherkamen, konnte Thor die Größe dieses Jungen kaum glauben: er türmte sich über ihm auf und warf finstere Blicke auf ihn hinunter; dichte schwarze Locken bedeckten seine Stirn und er hatte das breiteste, kantigste Kinn, das Thor je gesehen hatte. Er konnte sich nicht vorstellen, wie er diesem Jungen auch nur einen Kratzer zufügen könnte.

Der Junge rannte mit seinem Holzschwert auf ihn zu und Thor wusste, wenn er nicht schnell handelte, würde er k.o. geschlagen werden.

Thor handelte instinktiv. Er zog reflexartig seine Schleuder hervor, holte aus und schoss einen Stein auf die Hand des Jungen. Er fand sein Ziel und riss ihm das Schwert aus der Hand, gerade, als der Junge zum Hieb ansetzte. Es flog davon und der Junge hielt sich schreiend die Hand.

Thor vergeudete keine Zeit. Er nutzte den Augenblick und griff an, sprang in die Luft und trat den Jungen mit beiden Füßen genau auf die Brust. Doch der Junge war so standfest, dass es sich anfühlte, als hätte er gegen den Stamm einer Eiche getreten. Der Junge stolperte nur wenige Handbreit nach hinten, während Thor abrupt zu stehen kam und zu Füßen des Jungen hinfiel. Das heißt nichts Gutes, dachte sich Thor, als er mit einem dumpfen Knall am Boden aufschlug. Seine Ohren klingelten.

Thor versuchte, auf die Beine zu kommen, aber der Junge war ihm einen Schritt voraus. Er packte Thor am Rücken und warf ihn mit dem Gesicht voraus in den Staub.

Um sie herum hatte sich ein Kreis an Jungen gebildet, die nun aufjubelten. Thor lief vor Scham rot an.

Thor drehte sich um und wollte aufstehen, doch der Junge war zu schnell. Schon war er über ihm und drückte ihn zu Boden. Bevor Thor wusste, wie ihm geschah, war daraus ein Ringkampf geworden, und das Gewicht des Jungen war enorm.

Thor konnte gedämpft die Rufe der anderen Rekruten hörte, die im Kreis um sie standen und schreiend nach Blut lechzten. Das Gesicht des Jungen hing finster über ihm; der Junge streckte seine Daumen aus und drückte sie Thor auf die Augen. Thor konnte es nicht glauben: es schien, als wollte dieser Junge ihn ernsthaft verletzen. War es ihm wirklich derart ernst damit, sich hervorzuheben?

In letzter Sekunde rollte Thor seinen Kopf aus dem Weg und die Hände des Jungen fuhren an ihm vorbei in die Erde. Thor ergriff die Gelegenheit, unter ihm hervorzurollen.

Thor kam auf die Beine und drehte sich zu dem Jungen um, der ebenfalls aufstand. Der Junge griff an und schlug nach Thors Gesicht, und Thor duckte sich in letzter Sekunde; er fühlte den Luftzug auf seinem Gesicht und ihm wurde klar, dass ihm dieser Schlag das Kiefer gebrochen hätte, hätte er ihn getroffen. Thor holte aus und schlug dem Jungen die Faust in den Magen—doch das bewirkte kaum etwas: es war, als würde er einen Baum schlagen.

Bevor Thor reagieren konnte, schlug der Junge ihm mit dem Ellbogen ins Gesicht.

Thor stolperte rückwärts, vom Schlag erschüttert. Es fühlte sich an, als hätte ihn ein Hammer getroffen, und seine Ohren klingelten.

Während Thor noch taumelte und versuchte, wieder zu Atem zu kommen, griff der Junge an und trat ihm kräftig in die Brust. Thor flog nach hinten und krachte mit dem Rücken am Boden auf. Die anderen Jungen jubelten.

Thor war schwindlig und er richtete sich langsam auf, doch gerade als er dazu ansetzte, griff der Junge ein weiteres Mal an, schwang seine Faust und schlug ihn erneut kräftig ins Gesicht, und er landete wieder flach auf dem Rücken, diesmal endgültig weggetreten.

Thor lag da, hörte den gedämpften Jubel der anderen, spürte den salzigen Geschmack von Blut, das ihm die Nase hinunterlief, und die Beule auf seinem Gesicht. Er stöhnte vor Schmerzen. Er blickte hoch und sah, wie der große Junge sich wegdrehte und zu seinen Freunden hinüberging, sich seines Sieges bereits sicher.

Thor wollte aufgeben. Dieser Junge war riesig, ihn zu bekämpfen war aussichtslos, und er würde keinen weiteren Treffer aushalten. Aber etwas in ihm trieb ihn voran. Er konnte nicht verlieren. Nicht vor all diesen Leuten.

Gib nicht auf. Steh auf. Steh auf!

Irgendwie schaffte es Thor, die Kraft aufzubringen: stöhnend rollte er sich auf den Bauch und stemmte sich auf seine Hände und Knie, und dann, langsam, auf seine Beine. Er drehte sich dem Jungen zu, blutend, mit geschwollenen Augen, schlecht sehend, schwer atmend, und hob die Fäuste.

Der riesige Junge drehte sich um und starrte auf Thor hinunter. Er schüttelte ungläubig den Kopf.

„Du hättest unten bleiben sollen, Junge“, drohte er, als er langsam wieder auf Thor zuging.

„GENUG“, schrie eine Stimme. „Elden, lass ihn!“

Ein Ritter trat plötzlich hervor, stellte sich zwischen sie, hob die Hand und hielt Elden davon ab, Thor näherzukommen. Die Menge wurde ruhig und alle sahen den Ritter an: offensichtlich war dies ein Mann, der Respekt verlangte.

Thor blickte voller Ehrfurcht zu der Gestalt des Ritters hoch: er war hochgewachsen, mit breiten Schultern, einem kantigen Kiefer, braunem, gepflegtem Haar, in seinen 20ern. Thor mochte ihn sofort. Seine erstklassige Rüstung, ein Kettenpanzer aus poliertem Silber, war mit königlichen Abzeichen übersät: dem Falken-Emblem der MacGil-Familie. Thors Kehle wurde trocken: er stand vor einem Angehörigen der königlichen Familie. Er konnte es kaum glauben.

„Erkläre dich, Junge“, sagte er zu Thor. „Warum stürmst du uneingeladen in unsere Arena?“

Noch bevor Thor antworten konnte, brachen plötzlich die drei Mitglieder der königlichen Wache durch den Kreis. Der Wach-Hauptmann stand keuchend da und zeigte mit dem Finger auf Thor.

„Er hat sich unserem Befehl widersetzt!“, schrie der Wachmann. „Ich werde ihn in Ketten legen und in den Kerker des Königs bringen!“

„Ich habe nichts Falsches getan!“, protestierte Thor.

„Ach wirklich?“, schrie der Wachmann. „Uneingeladen auf königlichen Privatgrund stürmen?“

„Ich wollte doch nur eine Chance!“, schrie Thor und wandte sich flehend an den Ritter vor ihm, den Mann aus der königlichen Familie. „Alles, was ich wollte, war eine Chance, mich der Legion anzuschließen!“

„Diese Trainingsgründe sind nur für Eingeladene zugänglich“, ertönte eine schroffe Stimme.

In den Kreis herein trat ein Krieger in seinen 50ern, breit und stämmig, mit Glatze, kurzem Bart und einer Narbe, die sich über seine Nase zog. Er sah aus, als wäre er schon sein ganzes Leben Berufssoldat—und den Abzeichen auf seiner Rüstung, der goldenen Nadel an seiner Brust nach zu schließen, war er ihr Kommandant. Thors Herz schlug bei seinem Anblick schneller: ein General.

„Ich wurde nicht eingeladen, Herr“, sagte Thor. „Das ist schon richtig. Doch es ist mein Lebenstraum, hier zu sein. Alles, was ich will, ist eine Chance, zu zeigen, was ich kann. Ich bin so gut wie jeder andere dieser Rekruten. Gebt mir nur eine Chance, es zu beweisen. Ich bitte Euch. In die Legion zu kommen ist das Einzige, wovon ich je geträumt habe.“

„Das Schlachtfeld ist nichts für Träumer, Junge“, kam die schroffe Antwort. „Es ist für Kämpfer. Es gibt keine Ausnahme für unsere Regeln: Rekruten werden ausgewählt.“

Der General nickte, und der Wachmann trat mit den Ketten in der Hand auf Thor zu.

Doch plötzlich trat der Ritter aus der königlichen Familie vor und hob die Hand, dem Wachmann Einhalt gebietend.

„Vielleicht wäre es bei Gelegenheit möglich, eine Ausnahme zu machen“, sagte er.

Der Wachmann blickte ihn fassungslos an; offensichtlich wollte er etwas dazu sagen, musste aber aus Respekt vor einem Mitglied der königlichen Familie seine Zunge in Zaum halten.

„Ich bewundere deinen Schneid, Junge“, fuhr der Ritter fort. „Bevor wir dich wegschicken, würde ich gerne sehen, was du drauf hast.“

„Aber Kendrick, wir haben unsere Regeln—“, sagte der General mit offensichtlichem Missmut.

„Die königliche Familie schreibt die Regeln“, antwortete Kendrick schroff, „und die Legion untersteht der königlichen Familie.“

„Wir unterstehen Eurem Vater, dem König—nicht Euch“, widersprach der General, ebenso ungehalten.

Es war ein Kräftemessen, die Luft war spannungsgeladen. Thor konnte kaum fassen, was er da angezettelt hatte.

„Ich kenne meinen Vater und weiß, was sein Wille wäre. Er würde wollen, dass dieser Junge eine Chance erhält. Und genau das werden wir tun.“

Nach einigen weiteren angespannten Momenten gab der General schließlich nach.

Kendrick drehte sich zu Thor um und blickte mit braunen, eindringlichen Augen direkt in die seinen; das Gesicht eines Prinzen, aber auch eines Kriegers.

„Du bekommst eine Chance von mir“, sagte er zu Thor. „Sehen wir mal, ob du das Ziel dort treffen kannst.“

Er zeigte auf einen Heuballen weitab am anderen Ende des Feldes, mit einem winzigen roten Fleck in der Mitte. Mehrere Speere steckten bereits im Ballen, doch keiner davon im roten Bereich.

„Wenn du das schaffst, was keiner der anderen Jungen geschafft hat—wenn du die Markierung von hier aus treffen kannst—dann darfst du dich uns anschließen.“

Der Ritter trat zur Seite, und Thor fühlte alle Augen auf sich ruhen.

Er erblickte ein Gestell voller Speere und betrachtete sie sorgfältig: sie waren von höherer Qualität, als er je welche gesehen hatte, aus solider Eiche, mit feinstem Leder umwickelt. Sein Herz pochte, als er vortrat und sich mit dem Handrücken das Blut von der Nase wischte, nervöser als je zuvor in seinem Leben. Es war klar, dass ihm eine nahezu unmögliche Aufgabe gestellt wurde. Doch er musste es versuchen.

Thor streckte die Hand aus und wählte einen Speer, nicht zu lang, nicht zu kurz. Er wog ihn in der Hand—er war schwer, solide. Nicht so wie die, die er zuhause verwendete. Aber er lag ihm gut in der Hand. Er hatte das Gefühl, dass er es mit ihm vielleicht sogar tatsächlich schaffen konnte, sein Ziel zu treffen. Immerhin war Speerwerfen die Fertigkeit, die er gleich nach Steinschleudern am besten beherrschte, und die vielen Tage des Umherziehens in der Wildnis hatten ihm ausreichend Übungsmöglichkeiten beschert. Er war immer schon in der Lage gewesen, Ziele zu treffen, die sogar seine Brüder verfehlten.

Thor schloss die Augen und holte tief Luft. Falls er verfehlen sollte, würden die Wachen über ihn herfallen und ihn ins Gefängnis schleppen—und seine Chancen, zur Legion zu kommen, würden für immer ruiniert sein. Alles, wovon er je geträumt hatte, lag in diesem Augenblick.

Er betete zu Gott, so stark er nur konnte.

Ohne zu zögern öffnete Thor die Augen, machte zwei Schritte vorwärts, holte aus und schleuderte den Speer.

Mit angehaltenem Atem sah er zu, wie er durch die Luft segelte.

Bitte, Gott. Ich bitte dich.

Der Speer schnitt durch die schwere Totenstille, und Thor konnte spüren, wie hunderte Augenpaare ihn verfolgten.

Dann, nach einer Ewigkeit, kam das Geräusch, das unverkennbare Geräusch einer Speerspitze, die sich in Heu vergrub. Thor brauchte nicht einmal hinzusehen. Er wusste, konnte einfach spüren, dass es ein perfekter Treffer war. Die Art, wie der Speer sich anfühlte, als er seine Hand verließ, der Winkel seines Handgelenks, verrieten ihm, dass er treffen würde.

Thor wagte einen Blick—und stellte mit enormer Erleichterung fest, dass er recht hatte. Der Speer hatte sein Ziel im Mittelpunkt der roten Markierung gefunden—der einzige Speer an dieser Stelle. Er hatte geschafft, was die anderen Rekruten nicht tun konnten.

Atemloses Schweigen umhüllte ihn, und er spürte, wie die anderen Rekruten—wie auch die Ritter—ihn fassungslos anstarrten.

Endlich trat Kendrick vor und klopfte Thor kräftig auf den Rücken, mit einem Klang der Genugtuung. Er grinste breit.

„Ich hatte recht“, sagte er. „Du bleibst!“

„Was, mein Herr!“, schrie der königliche Wachmann. „Das ist nicht rechtens! Dieser Junge kam ohne Einladung!“

„Er traf die Markierung. Das reicht mir als Einladung.“

„Er ist um vieles jünger und kleiner als die anderen. Das hier ist doch kein Winzlingskommando“, sagte der General.

„Ein kleinerer Soldat, der sein Ziel trifft, ist mir lieber als ein Bulle, der es nicht kann“, entgegnete der Ritter.

„Ein Glückstreffer!“, schrie der große Junge, gegen den Thor gerade gekämpft hatte. „Wenn wir mehrere Anläufe hätten, würden wir auch treffen!“

Der Ritter drehte sich um und starrte den Jungen nieder.

„Würdet ihr also?“, fragte er. „Wollen wir uns das jetzt gleich ansehen? Wollen wir um deinen Platz hier darauf wetten?“

Nervös senkte der Junge seinen Kopf, beschämt, sichtbar nicht gewillt, das Angebot anzunehmen.

„Aber dieser Junge ist ein Fremder“, protestierte der General. „Wir wissen nicht einmal, woher er stammt.“

„Er kommt aus den Tieflanden“, ertönte eine Stimme.

Die anderen drehten sich herum, um den Sprecher zu finden, aber Thor hatte das nicht nötig—er erkannte die Stimme. Es war die Stimme, die ihn durch seine gesamte Kindheit hindurch gequält hatte. Die Stimme seines ältesten Bruders Drake.

Drake trat zusammen mit seinen anderen beiden Brüdern vor und blickte finster und voller Missbilligung auf Thor hinunter.

„Sein Name ist Thorgrin vom Clan der McCleod in der Südprovinz des Westlichen Königreichs. Er ist der Jüngste von vier Brüdern. Wir alle stammen aus dem gleichen Haus. Er hütet die Schafe unseres Vaters!“

Die gesamte Gruppe von Jungen und Rittern brach in johlendes Gelächter aus.

Thor spürte, wie er rot anlief; in diesem Moment wollte er sterben. Noch nie hatte er sich mehr geschämt. Das sah seinem Bruder ähnlich, ihm seinen ruhmreichen Augenblick wegzunehmen, zu tun, was er konnte, um ihn klein zu halten.

„Hütet die Schafe, wie?“, wiederholte der General.

„Dann werden sich unsere Feinde wohl vor ihm in Acht nehmen müssen!“, schrie ein anderer Junge.

Ein weiterer Chor an Gelächter brach aus, und Thors Demütigung wuchs.

„Genug!“, rief Kendrick mit Nachdruck.

Allmählich ließ das Gelächter nach.

„Ich hätte alle Tage lieber einen Schafhirten, der ein Ziel trifft, als euch Haufen—der ihr gut im Lachen zu sein scheint, aber auch nicht viel mehr als das“, setzte Kendrick hinzu.

Mit diesen Worten legte sich ein Schweigen über die Jungen, denen das Lachen vergangen war.

Thor war Kendrick unendlich dankbar. Er schwor sich, es ihm auf jede Art zu vergelten, die er konnte. Egal, was mit Thor geschehen würde, dieser Mann hatte zumindest seine Ehre gerettet.

„Hat dir niemand gesagt, Junge, dass es nicht die Art eines Kriegers ist, über seine Freunde zu lästern—noch weniger über seine eigene Familie, sein eigenes Blut?“, fragte der Ritter Drake.

Drake senkte verlegen seinen Blick, eines der wenigen Male, dass Thor ihn verunsichert erlebt hatte.

Doch ein anderer seiner Brüder, Dress, trat vor und protestierte: „Aber Thor wurde nicht einmal ausgewählt. Wir aber schon. Er ist uns einfach nur hierher nachgelaufen.“

„Ich bin nicht euch nachgelaufen“, bestand Thor, endlich das Wort ergreifend. „Ich bin wegen der Legion hier. Nicht wegen euch.“

„Es ist doch egal, warum er hier ist“, sagte der General genervt und trat vor. „Er vergeudet unser aller Zeit. Ja, es war ein guter Treffer mit dem Speer, aber er kann sich uns trotzdem nicht anschließen. Er hat keinen Ritter, der sich für ihn verpflichtet, und keinen Knappen, der sein Partner sein möchte.“

„Ich kann sein Partner sein“, rief eine Stimme aus.

Thor wirbelte herum, genau wie die anderen. Er war überrascht, als er nur wenige Fuß entfernt einen Jungen in seinem Alter stehen sah, der sogar wie er aussah, nur mit blondem Haar und hellen grünen Augen, und die edelste königliche Rüstung trug: ein mit scharlachroter und schwarzer Musterung bedecktes Kettenhemd—ein weiteres Mitglied der Familie des Königs.

„Unmöglich“, sprach der General. „Die königliche Familie nimmt niemandem aus dem gemeinen Volk zum Partner.“

„Ich kann tun, was mir gefällt“, warf der Junge zurück. „Und ich sage, dass Thorgrin mein Partner sein wird.“

„Selbst wenn wir das gestatten“, sagte der General, „macht es keinen Unterschied. Er hat keinen Ritter, der sich für ihn verpflichtet.“

„Ich verpflichte mich für ihn“, ertönte eine Stimme.

Alle drehten sich in die andere Richtung, und ein unterdrücktes Raunen kam unter den anderen auf.

Thor erblickte einen Ritter auf seinem Pferd, gerüstet in schönste, glänzende Rüstung, und mit allerlei Waffen an seinem Gürtel. Er leuchtete geradezu—es war, als würde man in die Sonne schauen. Thor konnte an seinem Äußeren, seiner Haltung, und an der Kennzeichnung auf seinem Helm erkennen, dass er anders war als die anderen. Er war ein Meisterritter.

Thor erkannte diesen Ritter. Er hatte Gemälde von ihm gesehen und von seiner Legende gehört. Erec. Er konnte es nicht glauben. Er war der größte Ritter innerhalb des Rings.

„Aber mein Herr, Ihr habt bereits einen Knappen“, protestierte der General.

„Dann habe ich eben zwei“, antwortete Erec mit tiefer, selbstbewusster Stimme.

Ein fassungsloses Schweigen legte sich über die Versammlung.

„Dann gibt es nichts weiter zu sagen“, sagte Kendrick. „Thorgrin hat einen Ritter und einen Partner. Die Angelegenheit ist geklärt. Er ist hiermit ein Legionär.“

„Aber, Ihr habt auf mich vergessen!“, schrie der Wachmann der königlichen Wache, und trat nach vorne. „Nichts davon entschuldigt, dass der Junge ein Mitglied der königlichen Wache verletzt hat und bestraft werden muss. Der Gerechtigkeit muss Genüge getan werden!“

„Der Gerechtigkeit wird Genüge getan werden“, antwortete Kendrick kalt. „Doch das wird nach meinem Ermessen geschehen. Nicht Eurem.“

„Aber mein Herr, er muss an den Pranger! An ihm muss ein Exempel statuiert werden!“

„Wenn Ihr Euch nicht zurück haltet, werdet Ihr am Ende noch am Pranger stehen“, erwiderte Kendrick dem Wachmann mit stählernem Blick und harter Stimme.

Endlich gab der Wachmann nach; widerwillig drehte er sich um und zog davon, mit rotem Gesicht und einem finsteren Blick auf Thor.

„So ist es also offiziell“, rief Kendrick mit lauter Stimme aus. „Willkommen, Thorgrin, in der Legion des Königs!“

Die Ansammlung an Rittern und Jungen jubelte auf. Dann wandten sie sich ab und gingen weiter ihrem Training nach.

Thor fühlte sich taub vor Schock. Er konnte es kaum glauben. Er war nun ein Legionär des Königs. Es war wie ein Traum.

Thor wandte sich an Kendrick, dankbarer als er je ausdrücken konnte. Noch nie zuvor hatte es jemanden in seinem Leben gegeben, dem er die Mühe wert gewesen wäre, für ihn einzustehen, ihn zu beschützen. Es war ein seltsames Gefühl. Schon jetzt fühlte er sich diesem Mann näher als seinem eigenen Vater.

„Ich weiß nicht, wie ich Euch danken kann“, sagte Thor. „Ich stehe tief in Eurer Schuld.“

Kendrick lächelte zu ihm hinab. „Kendrick ist mein Name. Du wirst ihn schon bald gut kennen. Ich bin der älteste Sohn des Königs. Ich bewundere deinen Mut. Du wirst ein feiner Beitrag zu diesem Haufen sein.“

Während Kendrick sich abwandte und davoneilte, schlurfte der große Junge vorbei, mit dem Thor gekämpft hatte.

„Du solltest aufpassen“, sagte der Junge. „Wir schlafen in der gleichen Kaserne, musst du wissen. Und glaub ja nicht für einen Augenblick, dass du in Sicherheit bist.“

Der Junge drehte sich um und stürmte davon, bevor Thor antworten konnte; also hatte er sich jetzt schon einen Feind gemacht.

Er fragte sich, was hier alles auf ihn zukommen würde, als der jüngste Sohn des Königs zu ihm herüberlief.

„Beachte ihn nicht“, sagte er zu Thor. „Er zettelt ständig Streit an. Ich bin Reece.“

„Danke dir“, sagte Thor und streckte die Hand aus, „dass du mich zum Partner genommen hast. Ich weiß nicht, was ich sonst gemacht hätte.“

„Ich würde mit Freuden jeden nehmen, der sich diesem Grobian entgegensetzt“, sagte Reece erfreut. „Das war ein feiner Kampf.“

„Machst du Witze?“, fragte Thor, wischte über das getrocknete Blut auf seinem Gesicht und spürte, wie seine Beule anschwoll. „Er hat mich völlig auseinandergenommen.“

„Aber du hast nicht aufgegeben“, sagte Reece. „Beeindruckend. Jeder andere von uns wäre einfach am Boden liegengeblieben. Und das war ein verdammt guter Speerwurf. Wo hast du gelernt, so zu werfen? Wir werden Partner fürs Leben sein!“ Er sah Thor bedeutungsvoll an, während er seine Hand schüttelte. „Und Freunde auch. Ich spüre es.“

Als Thor seine Hand schüttelte, konnte er eindeutig fühlen, dass er einen Freund fürs Leben gewonnen hatte.

Plötzlich wurde er von der Seite angestupst.

Er wirbelte herum und sah einen älteren Jungen mit pockennarbiger Haut und einem langen, schmalen Gesicht neben ihm stehen.

„Ich bin Feithgold. Erecs Knappe. Du bist jetzt sein Zweiter Knappe. Das heißt, du unterstehst mir. Und wir haben in zwei Minuten ein Turnier. Wirst du hier einfach so herumstehen, nachdem du gerade zum Knappen des berühmtesten Ritters im Königreich gemacht worden bist? Mir nach! Aber schnell!“

Reece war bereits davongegangen und Thor beeilte sich, den Knappen einzuholen, während der über das Feld lief. Er hatte keine Ahnung, wohin sie unterwegs waren—aber es war ihm egal. Er jubelte innerlich.

Er hatte es geschafft.

KAPITEL SIEBEN

Gareth eilte durch Königshof, in seine feinsten königlichen Gewänder gekleidet, schob sich durch die Massen, die aus allen Richtungen zur Hochzeit seiner Schwester hereinströmten, und schäumte vor Wut. Er hatte sich noch immer nicht von der Begegnung mit seinem Vater erholt. Wie war es möglich, dass er übergangen wurde? Dass sein Vater nicht ihn als König wählen würde? Es ergab keinen Sinn. Er war der erstgeborene legitime Sohn. So war es bisher immer gelaufen. Schon immer, seit seiner Geburt, war er davon ausgegangen, dass er einmal regieren würde—es hatte keinen Grund gegeben, etwas anderes zu denken.

Es war unvorstellbar. Ihn zu übergehen für eines der jüngeren Geschwister—noch dazu ein Mädchen. Sobald sich das herumsprach, würde er zum Gespött des ganzen Königreichs werden. Während er so ging, fühlte er sich, als wäre ihm alle Luft aus den Lungen gepumpt worden und er wüsste nicht, wie er zu Atem kommen sollte.

Er stolperte mit der Masse mit der Hochzeitszeremonie seiner älteren Schwester entgegen. Er sah sich um, sah die Vielzahl an bunten Roben, den endlosen Strom an Menschen, all die verschiedenen Leuten aus all den verschiedenen Provinzen. Er hasste es, dem gemeinen Volk so nahe zu sein. Dies war der einzige Anlass, an dem die Armen sich unter die Reichen mischen konnten, die einzige Zeit, in der diese Wüstlinge aus dem Östlichen Königreich, von der anderen Seite der Hochlande, ebenfalls hereingelassen wurden. Gareth konnte immer noch kaum begreifen, dass seine Schwester an einen von denen verheiratet werden sollte. Es war ein verworrener politischer Zug seines Vaters, ein armseliger Versuch, zwischen den Königreichen Frieden zu stiften.

Noch seltsamer war, dass seine Schwester diese Kreatur doch tatsächlich mochte. Gareth konnte sich kaum vorstellen, warum. Wie er sie kannte, war es nicht der Mann, der ihr gefiel, sondern der Titel; die Gelegenheit, Königin ihrer eigenen Provinz zu werden. Sie würde bekommen, was sie verdiente: sie waren doch allesamt Wüstlinge, die auf der anderen Seite der Hochlande. Gareths Meinung nach fehlte ihnen seine Kultiviertheit, seine Raffinesse, sein Niveau. Es war nicht sein Problem. Wenn seine Schwester glücklich damit war, soll sie doch wegverheiratet werden. Es hieß höchstens, dass es ein Geschwisterchen weniger gab, das ihm auf seinem Weg zum Thron im Wege stand. Je weiter sie jedenfalls weg war, umso besser.

Nichts davon betraf ihn mehr. Nach dem, was heute passiert war, würde er nie König sein. Er war herabgesetzt worden zu nicht mehr als einem weiteren namenlosen Prinzen im Königreich seines Vaters. Jetzt gab es für ihn keinen Pfad an die Macht mehr; jetzt war er zu einem Leben in Mittelmäßigkeit verdammt.

Sein Vater unterschätzte ihn—das hatte er schon immer. Sein Vater sah sich selbst als politisch gerissen, doch Gareth war wesentlich gerissener, und war es schon immer gewesen. Die von ihm gestiftete Vermählung zwischen Luanda und einem McCloud beispielsweise betrachtete sein Vater als politische Meisterleistung. Doch Gareth war wesentlich weitsichtiger als sein Vater, konnte die weiteren Folgen besser abschätzen, und blickte jetzt bereits einen Schritt weiter. Er wusste, wohin dies führen würde. Am Ende würde diese Vermählung die McClouds nicht beschwichtigen, sondern erdreisten. Sie waren Raufbolde, und sie würden diese Geste des Friedens nicht als Anzeichen von Stärke, sondern von Schwäche betrachten. Das Band zwischen den Familien würde ihnen nichts bedeuten, und sobald seine Schwester fort war, war sich Gareth sicher, dass sie einen Angriff planen würden. All das hier war ein Täuschungsmanöver. Er hatte versucht, es seinem Vater zu erklären, doch dieser wollte nicht hören.

Nichts davon ging ihn mehr etwas an. Immerhin war er nun nichts als ein weiterer Prinz, ein weiteres Rädchen im Königreich. Gareth brannte innerlich bei dem Gedanken daran, und er hasste seinen Vater in diesem Moment mit einer Kraft, die er nie für möglich gehalten hatte. Als er sich vorwärts zwängte, Schulter an Schulter mit den Massen, erdachte er sich Wege, wie er Rache üben könnte; Wege, auf denen er doch noch zu seinem Königtum kommen könnte. Er konnte nicht einfach nur ruhig danebensitzen, soviel war sicher. Er konnte die Herrschaft nicht an seine jüngere Schwester gehen lassen.

„Da bist du“, ertönte eine Stimme.

Es war Firth, der sich neben ihn gesellte, mit einem fröhlichen Lächeln auf den Lippen, das seine perfekten Zähne zur Schau stellte. Firth, 18 Jahre alt, groß und schlank, mit einer hohen Stimme, glatter Haut und roten Wangen, war sein derzeitiger Geliebter. Gareth freute sich üblicherweise, ihn zu sehen, war aber gerade nicht in der Stimmung für ihn.

„Ich glaube, du bist mir den ganzen Tag aus dem Weg gegangen“, setzte Firth nach und legte einen Arm um ihn, als sie weitergingen.

Gareth schüttelte seinen Arm sofort ab und sah sich um, ob auch niemand es gesehen hatte.

„Bist du bescheuert?“, schimpfte Gareth. „Leg nie wieder in der Öffentlichkeit deinen Arm um mich. Nie wieder.“

Firth blickte errötend zu Boden. „Tut mir leid“, sagte er. „Ich habe nicht nachgedacht.“

„Ganz richtig, das hast du nicht. Mach das nochmal, und ich werde dich nie wieder treffen“, rügte Gareth.

Firth errötete noch mehr und sah richtig schuldbewusst drein. „Es tut mir leid“, sagte er.

Gareth sah sich noch einmal um, fühlte sich sicher, dass niemand es gesehen hatte, und fühlte sich etwas besser.

„Was gibt es Neues aus der Gerüchteküche des Volkes?“, fragte Gareth, der das Thema wechseln und seine dunklen Gedanken abschütteln wollte.

Das heiterte Firth sofort wieder auf, und sein Lächeln kam zurück.

„Alle sind voller Vorfreude. Alle warten gespannt auf die Verkündung, dass du zum Nachfolger ernannt worden bist.“

Gareths Gesicht verzog sich. Firth beobachtete ihn.

„Bist du das nicht?“, fragte Firth skeptisch.

Gareth lief im Gehen rot an und mied Firths Blick.

„Nein.“

Firth sog die Luft ein.

„Er hat mich übergangen. Kannst du dir das vorstellen? Für meine Schwester. Meine jüngere Schwester.“

Jetzt verzog Firth das Gesicht. Er sah verdutzt aus.

„Das ist unmöglich“, sagte er. „Du bist der Erstgeborene. Sie ist eine Frau. Es ist nicht möglich“, wiederholte er.

Gareth sah ihn eiskalt an. „Ich lüge nicht.“

Die beiden gingen eine Weile schweigend nebeneinander her, und als die Menge dichter wurde, blickte Gareth sich um und bemerkte langsam, wo er war und was um ihn herum alles vor sich ging. Königshof war absolut vollgepackt—es mussten tausende Leute sein, die hereingeschwärmt waren, von allen nur möglichen Toren. Sie alle schoben sich in Richtung der aufwändig verzierten Hochzeitsbühne, um die herum zumindest tausend der hübschesten Stühle aufgestellt waren, mit dicken, mit rotem Samt bespannten Kissen und goldenen Rahmen. Ein Heer von Dienern schritt die Sitzreihen auf und ab, wies Leute an ihre Plätze, oder trug Getränke.

Zu beiden Seiten des unendlich langen, mit Blumen bestreuten Hochzeitsganges saßen die beiden Familien—die MacGils und die McClouds—getrennt durch eine deutlich gekennzeichneten Linie. Hunderte von ihnen saßen auf jeder Seite, alle in feinste Gewänder gekleidet, die MacGils im tiefen Purpur ihres Clans, und die McClouds in ihrem gebrannten Orange. In Gareths Augen konnten die beiden Clans nicht unterschiedlicher aussehen: wenn sie auch fein gekleidet waren, hatte er das Gefühl, dass die McClouds sich nur verkleidet hatten, etwas vorgaben. Unter ihren Gewändern waren sie ungehobelte Raufbolde—das sah er an ihrem Gesichtsausdruck, in ihrer Art, sich zu bewegen, sich gegenseitig zu schubsen, zu laut zu lachen. Etwas lag unter ihrer Oberfläche, das sich von königlicher Kleidung nicht verbergen ließ. Es gefiel ihm nicht, sie innerhalb der Mauern zu haben. Ihm gefiel diese gesamte Hochzeit nicht. Es war eine weitere dumme Entscheidung seines Vaters.

Wenn Gareth König wäre, hätte er einen anderen Plan ausgeführt: auch er hätte diese Hochzeit veranstaltet. Doch dann hätte er bis spät in der Nacht gewartet, bis die McClouds reichlich getrunken hatten, hätte die Türen zum Saal verriegelt und sie allesamt in einem großen Feuer verbrannt, allesamt mit einem sauberen Streich getötet.

„Ungehobelte Klötze“, sagte Firth, als er die andere Seite des Hochzeitsflurs betrachtete. „Ich kann mir kaum vorstellen, warum dein Vater sie hereingelassen hat.“

„Es dürfte zumindest für interessante Spiele später sorgen“, sagte Gareth. „Er lädt unseren Feind hinter unsere Mauern ein und veranlasst dann Wettbewerbe zum Hochzeitstag. Sind da nicht Gefechte vorprogrammiert?“

„Meinst du wirklich?“, fragte Firth. „Kämpfe? Hier? Bei all diesen Soldaten? An ihrem Hochzeitstag?“

Gareth zuckte die Schultern. Er traute den McClouds alles zu.

„Die Ehre eines Hochzeitstages bedeutet ihnen gar nichts.“

„Aber wir haben hier tausende von Soldaten.“

„Sie aber auch.“

Gareth blickte sich um und sah eine lange Reihe an Soldaten—MacGils sowohl als McClouds—an beiden Seiten der Festungsmauern entlang aufgereiht. Sie hätten nicht so viele Soldaten mitgebracht, soviel wusste er, wenn sie nicht auf ein Gefecht vorbereitet waren. Trotz des Anlasses, trotz der feinen Gewänder, trotz der Üppigkeit der Szenerie, der endlosen Speisenbankette, der Sommersonnenwende an ihrem Höhepunkt, der Blumen—trotz alledem hing immer noch eine heftige Anspannung in der Luft. Alle waren aufgekratzt—Gareth konnte es daran erkennen, wie sie ihre Schultern hochzogen, ihre Ellenbogen hielten. Keiner traute dem anderen.

Vielleicht würde er Glück haben, dachte Gareth, und einer von ihnen würde seinem Vater ein Messer ins Herz rammen. Dann könnte er vielleicht doch noch König werden.

„Ich nehme wohl an, dass wir nicht beisammen sitzen können“, sagte Firth mit enttäuschter Stimme, als sie den Sitzen näher kamen.

Gareth warf ihm einen verächtlichen Blick zu. „Wie bescheuert bist du wirklich?“, zischte er, mit Gift in seiner Stimme.

Er fing langsam ernsthaft an, sich zu fragen, ob es eine gute Idee war, diesen Stalljungen zum Liebhaber zu nehmen. Wenn er ihm seine gefühlsduseligen Anwandlungen nicht bald austreiben konnte, würde er sie beide noch bloßstellen.

Firth blickte beschämt zu Boden.

„Ich sehe dich dann später, in den Ställen. Und jetzt fort mit dir“, sagte er und gab ihm einen kleinen Schubs. Firth verschwand in der Menge.

Plötzlich fühlte Gareth, wie ihn eisige Finger am Arm packten. Einen Moment lang blieb ihm das Herz stehen, als er sich fragte, ob er entdeckt worden war; doch dann spürte er, wie sich die langen Nägel, die dünnen Finger, in seine Haut gruben, und er erkannte sofort den Griff seiner Ehefrau. Helena.

„Du wirst mich an diesem Tag nicht blamieren“, zischte sie mit hasserfüllter Stimme.

Er drehte sich zu ihr um und betrachtete sie: sie sah wunderschön aus, fein herausgeputzt in einem langen weißen Kleid aus Satin, ihr Haar mit Nadeln hochgesteckt, mit ihrer feinsten Diamantenkette um den Hals und ihrem Gesicht von Schminke geziert. Gareth konnte objektiv feststellen, dass sie schön war, so schön wie an dem Tag, als er geheiratet hatte. Doch er fühlte sich nach wie vor nicht zu ihr hingezogen. Es war ein weiterer Einfall seines Vaters gewesen—zu versuchen, ihn aus seiner Veranlagung herauszuverheiraten. Doch die einzige Auswirkung war, dass ihm eine dauerhaft verbitterte Gefährtin zur Seite gestellt wurde—und am Hof noch mehr Spekulationen über seine wahren Neigungen aufgewirbelt wurden.

„Es ist der Hochzeitstag deiner Schwester“, mahnte sie. „Du könntest dich zur Abwechslung einmal so benehmen, als wären wir ein Paar.“

Sie hakte sich bei ihm unter und gemeinsam gingen sie zu einem Bereich hinüber, der durch ein Seil aus Samt abgegrenzt war. Zwei königliche Wachen ließen sie hindurch und sie mischten sich unter die anderen königlichen Gäste am unteren Ende des Ganges.

Eine Trompete erklang und langsam verstummte die Menge. Die sanfte Musik eines Cembalos ertönte, und während es spielte, wurden noch mehr Blumen am Gang entlang gestreut und die königliche Prozession marschierte hinunter, die Paare darunter mit ineinander verschränkten Armen. Gareth wurde von Helena angestupst und so begann er, mit ihr den Gang entlang zu schreiten.

Gareth fühlte sich so beobachtet, so unbeholfen wie noch nie; er wusste kaum, wie er seine Zuneigung echt wirken lassen sollte. Er fühlte, wie hunderte Augenpaare auf ihn gerichtet waren, und wurde das Gefühl nicht los, dass sie ihn alle bewerteten, obwohl er wusste, dass dem nicht so war. Der Gang hätte ihm nicht kurz genug sein können; er konnte es nicht erwarten, das Ende zu erreichen, in der Nähe seiner Schwester am Altar zu stehen und all das hier hinter sich zu bringen. Er konnte auch nicht aufhören, an das Treffen mit seinem Vater zu denken: er fragte sich, ob all diese Schaulustigen die Neuigkeiten bereits gehört hatten.

„Ich habe heute schlechte Nachrichten erhalten“, flüsterte er Helena zu, als sie endlich am Ende angekommen waren und die Augen nicht mehr auf ihm lasteten.

„Meinst du etwa, das weiß ich nicht bereits?“, zischte sie ihn an.

Er blickte sie überrascht an.

Sie blickte verächtlich zurück. „Ich habe meine Spione“, meinte sie.

Er kniff die Augen zusammen. Er wollte ihr wehtun. Wie konnte sie so gelassen sein?

„Wenn ich nicht König werde, wirst du auch nie Königin sein“, sagte er.

„Ich habe nie damit gerechnet, Königin zu sein“, erwiderte sie.

Das überraschte ihn noch mehr.

„Ich habe nie damit gerechnet, dass er dich ernennen würde“, setzte sie hinzu. „Warum sollte er das? Du bist kein Anführer. Du bist ein Liebhaber. Nur nicht mein Liebhaber.“

Gareth fühlte, wie er errötete.

„Und du nicht meine“, sagte er zu ihr.

Nun war es an ihr, zu erröten. Sie war nicht die Einzige, die insgeheim einen Liebhaber hatte. Gareth hatte seine eigenen Spione, die ihm von ihren Abenteuern berichteten. Er hatte sie bisher damit davonkommen lassen—solange sie diskret war und ihm seine Ruhe ließ.

„Es ist nicht so, als würdest du mir eine Wahl lassen“, antwortete sie. „Erwartest du etwa, dass ich den Rest meines Lebens in Enthaltsamkeit verbringe?“

„Du wusstest, wer ich war“, antwortete er. „Und doch hast du mich willentlich geheiratet. Du hast dich für Macht entschieden, nicht für Liebe. Tu nicht so überrascht.“

„Unsere Vermählung war arrangiert“, sagte sie. „Ich habe mich für gar nichts entschieden.“

„Aber protestiert hast du auch nicht“, antwortete er.

Gareth hatte nicht die Kraft, sich heute weiter mit ihr zu streiten. Sie war ein nützliches Hilfsmittel, eine Marionetten-Ehefrau. Er konnte sie tolerieren, und sie konnte gelegentlich nützlich sein—solange sie ihm nicht zu sehr auf die Nerven ging.

Gareth sah mit überragendem Zynismus zu, wie sich alle umdrehten, um zuzusehen, wie seine älteste Schwester vom Vater den Gang hinab geleitet wurde, diesem Untier. Diese Dreistigkeit—er hatte sogar den Nerv, Traurigkeit vorzutäuschen, sich eine Träne aus dem Augenwinkel zu wischen, während er sie geleitete. Ein Schauspieler bis zum bitteren Ende. Doch in Gareths Augen war er nur ein stümperhafter Narr. Er konnte sich nicht vorstellen, dass sein Vater echte Traurigkeit darüber empfand, seine Tochter wegzuverheiraten, wo er sie doch immerhin den Wölfen des Königreichs McCloud vorwarf. Gareth empfand gleichermaßen Abneigung gegenüber Luanda, die das Ganze zu genießen schien. Es schien ihr kaum etwas auszumachen, dass sie an ein geringeres Volk verheiratet wurde. Auch sie strebte nach Macht. Kaltblütig. Berechnend. In dieser Hinsicht war sie ihm von allen Geschwistern am ähnlichsten. Auf manche Weise verstanden sie einander, wenn sie auch nie viel Wärme füreinander übrig hatten.

Gareth rutschte unruhig herum, wartete ungeduldig darauf, dass alles vorbei war.

Er erduldete die Zeremonie, im Rahmen derer Argon den Vorsitz über die Segnungen übernahm, die Sprüche aufsagte, die Riten durchführte. Es war alles eine Farce, und ihm wurde beim Zusehen schlecht. Es war nichts weiter als die Vereinigung von zwei Familien aus politischen Gründen. Warum konnten sie die Sache nicht beim Namen nennen?

Schon bald war es aber dem Himmel sei Dank vorüber. Die Menge erhob sich mit großem Jubel, als die beiden sich küssten. Ein großes Horn wurde geblasen, und die ordentliche Struktur der Hochzeit löste sich in kontrolliertes Chaos auf. Die königliche Familie begab sich gesammelt den Gang hinunter zum Empfangsbereich.

Sogar Gareth in all seinem Zynismus war vom Schauplatz beeindruckt: sein Vater hatte diesmal keine Kosten gescheut. Vor ihnen erstreckten sich alle Arten von Tafeln, Banketten, Weinfässern, eine unendliche Reihe am Spieß bratender Ferkel und Schafe und Lämmer.

Hinter ihnen liefen bereits die Vorbereitungen für die Hauptveranstaltung: die Spiele. Zielscheiben wurden für das Steinschleudern, Speerwerfen, Bogenschießen aufgestellt —und im Mittelpunkt all dessen, die Bahn für das Turnierreiten. Jetzt schon drängten sich die Massen um sie herum.

Die Menge machte bereits Platz für die Ritter auf beiden Seiten. Für die MacGils trat als Erstes natürlich Kendrick an, hoch auf seinem Pferd und in Rüstung gehüllt, gefolgt von einem Dutzend der Silbernen. Aber erst als Erec eintraf, der sich auf seinem Ross ein Stück hinter den anderen hielt, verstummte die Menge ehrfürchtig. Er zog Aufmerksamkeit wie magnetisch an: sogar Helena streckte sich ihm entgegen, und Gareth bemerkte ihr Begehren für ihn, genau wie all die anderen Frauen.

„Er ist fast alt genug für die Kür und immer noch nicht verheiratet. Jede Frau im ganzen Königreich würde ihn heiraten. Warum hat er noch keine von uns auserkoren?“

„Und was kümmert es dich?“, fragte Gareth, der trotz allem Eifersucht verspürte. Er würde auch gerne da oben sein, in Rüstung, auf einem Pferd, im Namen seines Vaters reiten. Aber er war kein Krieger. Und jeder wusste das.

Helena ignorierte ihn mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Du bist kein Mann“, sagte sie abfällig. „Du verstehst nichts von diesen Dingen.“

Gareth errötete. Er wollte ihr das heimzahlen, doch jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt. Stattdessen begleitete er sie, als sie in der Tribüne bei den anderen Platz nahm, um den Festivitäten des Tages zuzusehen. Dieser Tag wurde immer schlimmer, und Gareth fühlte jetzt schon einen Knoten in seinem Magen. Es würde ein sehr langer Tag werden, ein Tag voll endloser Ritterlichkeit, Pomp und Heuchelei. Voll mit Männern, die einander verwundeten oder töteten. Ein Tag, von dem er völlig ausgeschlossen war. Ein Tag, der für alles stand, was ihm verhasst war.

Währenddessen saß er da und grübelte düster vor sich hin. Er wünschte sich insgeheim, dass die Festivitäten in eine ausgewachsene Schlacht ausarten würden, dass es großflächiges Blutvergießen vor ihm geben würde, dass alles, was an diesem Ort gut war, zerstört und in Stücke gerissen würde.

Eines Tages würde es nach seinem Willen gehen. Eines Tages würde er König sein.

Eines Tages.

KAPITEL ACHT

Thor gab sich große Mühe, mit Erecs Knappen mitzuhalten, und beeilte sich, ihm nachzukommen, als dieser sich seinen Weg durch die Massen bahnte. Seit der Arena war alles so schnell gegangen, dass er kaum verarbeiten konnte, was um ihn herum alles passierte. Er zitterte nach wie vor innerlich, konnte immer noch kaum glauben, dass er in die Legion aufgenommen und zum Zweiten Knappen von Erec ernannt worden war.

„Ich sagte dir doch, Junge—mithalten!“, fuhr ihn Feithgold an.

Thor mochte es nicht, „Junge“ genannt zu werden, schon gar nicht von einem Knappen, der nur wenige Jahre älter war. Feithgold verschwand immer wieder in der Menge, fast so, als würde er es darauf anlegen, Thor abzuhängen.

„Ist hier immer so viel los?“, rief Thor ihm zu und bemühte sich, Schritt zu halten.

„Natürlich nicht!“, schrie Feithgold zurück. „Heute ist nicht nur Sommersonnenwende, der längste Tag des Jahres, sondern auch der Tag, den der König für die Hochzeit seiner Tochter gewählt hat—und der einzige Tag in der Geschichte, an dem wir den McClouds unsere Tore geöffnet haben. Hier war noch nie so viel los wie heute. Solche Massen sind noch nie dagewesen. Damit habe ich nicht gerechnet! Ich fürchte, wir kommen zu spät!“, sagte er gehetzt, als er durch die Menge eilte.

„Wohin gehen wir?“, fragte Thor.

„Wir sind unterwegs, das zu tun, was jeder gute Knappe tut: unserem Ritter beim Vorbereiten helfen!“

„Vorbereiten wofür?“, hakte Thor nach, beinahe außer Atem. Es wurde mit jeder Minute heißer, und er wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„Dem königlichen Turnierreiten!“

Endlich erreichten sie den Rand der Menge und hielten vor einer königlichen Wache an, die Feithgold erkannte und den anderen zuwinkte, sie passieren zu lassen.

Sie schlüpften unter einem Tau hindurch und kamen zu einem Platz, der frei von den Menschenmassen war. Thor konnte es kaum glauben: da, in nächster Nähe, lagen die Turnierbahnen. Hinter den Tauen standen Meuten an Zuschauern, und entlang der Lehmbahnen standen riesige Streitrösser—die größten, die Thor je gesehen hatte—auf denen Ritter in allen möglichen Rüstungen saßen. Unter die Silbernen gemischt waren Ritter von überall in den zwei Königreichen, aus jeder Provinz, manche in schwarzer Rüstung, andere in Weiß, mit Helmen und Waffen aller Arten und Formen. Es wirkte, als hätte sich die ganze Welt um diese Turnierbahnen versammelt.

Es waren bereits einige Bewerbe im Gange. Ritter aus Orten, die Thor nicht wiedererkannte, stürmen aufeinander zu, Lanzen und Schilde krachten aufeinander, immer gefolgt von einem kurzen Jubelschrei aus der Menge. Aus der Nähe konnte Thor die Kraft und Schnelligkeit der Pferde kaum fassen, oder den Klang, den die Waffen erzeugten. Es war eine tödliche Kunst.

„Es wirkt kaum wie ein Sport!“, sagte Thor zu Feithgold, als er ihm um den äußeren Rand der Bahnen herum folgte.

„Das liegt daran, dass es keiner ist“, schrie Feithgold zurück, das Geräusch eines Zusammenpralls übertönend. „Es ist eine ernsthafte Angelegenheit, die als Spiel verkleidet ist. Leute sterben hier, jeden Tag. Der Kampf ist echt. Wer ohne Kratzer davonkommt, hat Glück. Von ihnen gibt es nicht viele, und das nicht oft.“

Thor blickte auf, als zwei Ritter aufeinander zuritten und bei voller Geschwindigkeit aufeinander prallten. Es gab ein furchtbares Krachen von Metall auf Metall, dann flog einer von ihnen vom Pferd und landete auf dem Rücken, nur wenige Fuß vor Thor.

Die Menge hielt die Luft an. Der Ritter regte sich nicht und Thor sah, dass ein längliches Stück Holz in seinen Rippen steckte und seine Rüstung durchbohrt hatte. Er schrie vor Schmerzen, und Blut floss aus seinem Mund. Mehrere Knappen rannten, um sich seiner anzunehmen, und schleppten ihn vom Spielfeld. Der Gewinner zog feierlich im Kreis und hob seine Lanze zum Jubel der Menge.

Thor war fasziniert. Er hatte sich den Sport nicht so tödlich vorgestellt.

„Was diese Jungen gerade getan haben—das ist jetzt deine Aufgabe“, sagte Feithgold. „Du bist jetzt ein Knappe. Genauer gesagt, Zweiter Knappe.“

Er blieb stehen und trat ganz nahe an Thor heran—so nahe, dass Thor seinen schlechten Atem riechen konnte.

„Und vergiss das ja nicht. Ich unterstehe Erec. Und du unterstehst mir. Deine Aufgabe ist es, mir zu assistieren. Hast du das verstanden?“

Thor nickte zurück, immer noch bemüht, alles aufzunehmen. Er hatte sich das alles im Kopf anders vorgestellt und wusste noch immer nicht genau, was ihn alles erwartete. Er konnte spüren, wie bedroht sich Feithgold durch seine Anwesenheit fühlte, und er hatte das Gefühl, als hätte er sich einen weiteren Feind geschaffen.

„Es ist nicht meine Absicht, dich dabei zu stören, Erecs Knappe zu sein“, sagte Thor.

Feithgold stieß ein kurzes, verächtliches Lachen aus.

„Du könntest mich nicht stören, wenn du es wolltest, Junge. Komm mir einfach nicht in die Quere und tu, was ich dir sage.“

Mit diesen Worten kehrte Feithgold um und eilte eine Reihe von verworrenen Wegen hinter den Absperrungen entlang. Thor folgte, so gut er konnte, und stand bald in einem Labyrinth von Ställen. Er folgte einem langen Korridor, überall um ihn herum stampfende Streitrösser und Knappen, die sie nervös versorgten. Feithgold bog um zahlreiche Ecken und Wendungen, bevor er vor einem riesigen, prächtigen Ross zu stehen kam. Thor musste nach Luft schnappen. Er konnte kaum glauben, dass etwas so Großes und Schönes echt sein konnte, geschweige denn hinter einem Zaun festgehalten werden konnte. Es schien bereit zu stehen, um in den Krieg zu ziehen.

„Warkfin“, sagte Feithgold. „Erecs Pferd. Besser gesagt, eines davon—sein liebstes fürs Turnierreiten. Es war nicht einfach, dieses Biest zu zähmen. Aber Erec hat es geschafft. Öffne das Gatter“, befahl Feithgold.

Thor sah ihn verwirrt an, dann sah er sich das Gatter an und versuchte, zu erkennen, wie es funktionierte. Er trat vor, zog an einem Keil zwischen den Brettern, und nichts tat sich. Er zerrte fester und der Keil löste sich, und er schwang vorsichtig das hölzerne Gatter auf.

In derselben Sekunde wieherte Warkfin, holte aus und trat auf das Holz aus, wobei er Thors Fingerspitze erwischte. Thor riss seine Hand vor Schmerzen zurück.

Feithgold lachte.

„Und deswegen habe ich es dich öffnen lassen. Beim nächsten Mal sei schneller, Junge. Warkfin wartet auf niemanden. Besonders nicht auf dich.“

Thor brodelte; Feithgold ging ihm jetzt schon auf die Nerven, und er konnte sich kaum vorstellen, wie er ihn auf Dauer ertragen sollte.

Rasch öffnete er das hölzerne Gatter, diesmal den fliegenden Beinen des Pferdes ausweichend.

„Soll ich ihn hinausbringen?“, fragte Thor zaghaft, nicht wirklich scharf darauf, die Zügel zu packen, während Warkfin stampfte und tänzelte.

„Natürlich nicht“, sagte Feithgold. „Das ist meine Aufgabe. Deine Aufgabe ist es, ihn zu füttern—wenn ich es dir sage. Und seinen Mist wegzuschaufeln.“

Feithgold packte Warkfins Zügel und begann, ihn den Stall hinunter zu führen. Thor schluckte und blickte ihm nach. Das war nicht ganz die Einführung, die er im Sinn gehabt hatte. Er wusste, dass er irgendwo anfangen musste, doch dies war erniedrigend. Er hatte sich Krieg und Ruhm und Kampf vorgestellt, Training und Wettkampf mit Jungen in seinem Alter. Er hatte sich nie als Diener und Handlanger gesehen. Er fragte sich langsam, ob er die richtige Entscheidung getroffen hatte.

Endlich kamen sie aus dem dunklen Stall zurück ins helle Tageslicht, zurück zu den Turnierbahnen. Thor musste vorübergehend die Augen zusammenkneifen und war kurz überwältigt von den tausenden Menschen, die aufjubelten, wenn das Geräusch von gegnerischen Rittern ertönte, die ineinander krachten. Noch nie hatte er ein derartiges Krachen von Metall gehört, und die Erde bebte unter den massiven Pferdehufen.

Um ihn herum bereiteten sich dutzende Ritter mit ihren Knappen vor. Knappen polierten die Rüstungen ihrer Ritter, ölten Waffen, prüften Sättel und Riemen und kontrollierten Waffen, während Ritter ihre Rösser bestiegen und darauf warteten, aufgerufen zu werden.

„Elmalkin!“, rief ein Sprecher aus.

Ein Ritter aus einer Provinz, die Thor nicht erkannte, ein breiter Bursche in roter Rüstung, galoppierte durch das Tor. Thor konnte gerade noch rechtzeitig aus dem Weg springen. Er sprengte die schmale Bahn hinab, und seine Lanze prallte am Schild eines Gegners ab. Sie krachten zusammen, die Lanze des anderen Ritters traf, und Elmalkin flog rücklings vom Pferd und landete auf seinem Rücken im Staub. Die Menge jubelte.

Elmalkin sammelte sich jedoch sofort wieder, sprang auf die Beine, wirbelte herum und streckte die Hand nach seinem Knappen aus, der neben Thor stand.

„Meinen Streitkolben!“, rief der Ritter aus.

Der Knappe neben Thor sprang auf, schnappte sich den Streitkolben vom Waffengestell und lief auf die Mitte der Bahn hinaus. Er rannte auf Elmalkin zu, aber der andere Ritter war umgekehrt und war bereits wieder im Ansturm. Gerade als der Knappe ihn erreicht und ihm den Streitkolben in die Hand gedrückt hatte, donnerte der andere Ritter über sie hinweg. Der Knappe hatte Elmalkin nicht rechtzeitig erreicht: der andere Ritter schwang seine Lanze—und diese traf den Knappen seitlich am Kopf. Der Schlag brachte den Knappen ins Wanken, wirbelte ihn herum und er fiel Gesicht voraus zu Boden.

Er bewegte sich nicht. Thor konnte sehen, wie Blut von seinem Kopf hervorquoll, sogar von hier, und die Erde färbte.

Thor schluckte.

„Es ist kein hübscher Anblick, nicht wahr?“

Thor sah zu Feithgold hinüber, der zurückstarrte.

„Wappne dich, Junge. Dies ist eine Schlacht. Und wir sind mittendrin.“

Die Menge wurde plötzlich still, als die Haupt-Turnierbahn eröffnet wurde. Thor konnte die Spannung in der Luft spüren, als alle anderen Turniere rundum eingestellt wurden, um sich diesem zuzuwenden. Auf der einen Seite kam Kendrick hervor, auf seinem Pferd, die Lanze in der Hand.

Auf der anderen Seite, ihm zugewandt, kam ein Ritter in der unverkennbaren Rüstung der McClouds hervor.

„MacGils gegen McClouds“, flüsterte Feithgold Thor zu. „Seit tausend Jahren schon führen wir Krieg. Und ich bezweifle stark, dass diese Begegnung ihn beenden wird.“

Beide Ritter klappten ihr Visier herunter, ein Horn erklang, und mit einem Schrei ritten die beiden aufeinander los.

Thor war fasziniert, wie schnell sie beschleunigten, und Augenblicke später stießen sie mit einem solchen Krach zusammen, dass Thor sich fast die Ohren zuhielt. Die Menge hielt den Atem an, als beide Kämpfer von ihren Pferden stürzten.

Beide sprangen auf die Beine und warfen ihre Helme ab, während ihre Knappen zu ihnen hinausliefen, um ihnen Kurzschwerter zu bringen. Die beiden Ritter kämpften mit ganzer Kraft. Kendrick bei seinen Schwüngen und Hieben zuzusehen, war ein Ding der Schönheit, von dem Thor ganz gefesselt war. Doch auch der McCloud war ein feiner Krieger. Hin und her ging der Kampf, beide erschöpften den anderen, keiner wich zurück.

Schließlich trafen ihre Schwerter mit einem enormen Klirren aufeinander, und beide schlugen dem anderen das Schwert aus der Hand. Ihre Knappen liefen mit Streitkolben in den Händen zu ihnen hinaus, doch als Kendrick nach seinem Kolben griff, rannte der McCloud-Knappe von hinten an ihn heran und schlug ihm seine eigene Waffe in den Rücken. Der Schlag schickte ihn zu Boden, während die Menge entsetzt den Atem anhielt.

Der McCloud-Ritter hob sein Schwert auf, trat vor und hielt die Spitze an Kendricks Kehle, ihn zu Boden zwingend. Kendrick hatte keine Wahl.

„Ich gebe mich geschlagen!“, schrie er.

Ein Siegesgetöse erhob sich unter den McClouds—aber ein wütendes Getöse unter den MacGils.

„Er hat geschummelt!“, schrien die MacGils.

„Er hat geschummelt! Er hat geschummelt!“, hallte das Echo von wütenden Rufen.

Die Meute wurde immer aufgebrachter, und bald schon hatte sich ein derartiger Chor an Protesten erhoben, dass die Menge auseinanderströmte und beide Seiten—die MacGils und die McClouds—einander zu Fuß näherkamen.

„Das sieht nicht gut aus“, sagte Feithgold zu Thor, während sie abseits standen und zusahen.

Augenblicke später explodierte die Menge: Fäuste flogen, und es verwandelte sich in eine ausgewachsene Schlägerei. Es war Chaos. Männer schlugen wild um sich, packten einander an den Haaren, warfen einander zu Boden. Die Menge wuchs an und es drohte, in einen völligen Krieg auszuarten.

Ein Horn ertönte und von beiden Seiten kamen Wachen herein. Es gelang ihnen, die Menge auseinanderzubringen. Ein weiteres lautes Horn ertönte, und Stille machte sich breit, als König MacGil sich von seinem Thron erhob.

„Es wird heute keine Gefechte geben!“, tönte er in seiner Herrscher-Stimme. „Nicht an diesem Tag der Feierlichkeiten! Und nicht an meinem Hof!“

Langsam kam die Menge zur Ruhe.

„Wenn ihr einen Wettkampf zwischen unseren beiden großen Clans sehen wollt, wird dieser von einem Kämpfer, einem Streiter von jeder Seite, ausgetragen werden.“

MacGil blickte zu König McCloud hinüber, der zusammen mit seinem Gefolge auf der anderen Seite saß.

„Einverstanden?“, rief MacGil aus.

McCloud erhob sich feierlich.

„Einverstanden!“, gab er zurück.

Die Menge jubelte auf beiden Seiten.

„Wählt Euren besten Mann!“, rief MacGil.

„Das habe ich bereits“, sagte McCloud.

Da trat auf der Seite der McClouds ein formidabler Ritter hervor, der größte Mann, den Thor je gesehen hatte. Er saß auf seinem Pferd und wirkte wie ein Felsbrocken, reine Masse, mit einem langen Bart und einem finsteren Gesichtsausdruck, der wie dauerhaft eingemeißelt aussah.

Thor spürte Bewegung neben sich, und direkt neben ihm trat Erec hervor, bestieg Warkfin und ritt hinaus. Thor schluckte. Er konnte kaum glauben, was alles um ihn herum passierte. Er war von Stolz für Erec erfüllt.

Dann wurde er von Angst überwältigt, als ihm klar wurde, dass er nun im Dienst war. Immerhin war er ein Knappe, und sein Ritter stand kurz vor einem Kampf.

„Was tun wir jetzt?“, fragte Thor Feithgold hektisch.

„Halte dich einfach bereit und tu, was ich dir sage“, antwortete der.

Erec schritt auf die Turnierbahn hinaus, und die beiden Ritter standen dort einander gegenüber, mit stampfenden Pferden, in einer angespannten Wartehaltung. Thors Herz pochte in seiner Brust, als er wartete und zusah.

Ein Horn erklang, und die beiden preschten aufeinander zu.

Thor konnte die Eleganz und den Anmut von Warkfin kaum fassen—es war, als würde man einem Fisch dabei zusehen, wie er aus dem Meer springt. Der andere Ritter war riesig, doch Erec war ein anmutiger und wendiger Kämpfer. Er schnitt mit gesenktem Kopf durch die Luft, seine Silberpanzerung schimmerte, glänzender poliert als jede Rüstung, die er je gesehen hatte.

Als die beiden Männer aufeinandertrafen, hielt Erec seine Lanze mit perfektem Ziel und lehnte sich zur Seite. Er schaffte es, den Ritter in der Mitte seines Schildes zu treffen, während er gleichzeitig seinem Stoß auswich.

Der riesige Berg eines Mannes fiel rückwärts zu Boden. Es war wie ein herabfallender Felsbrocken.

Die MacGil-Meute jubelte, als Erec vorbeiritt, umkehrte und zu ihm zurück ritt. Er klappte sein Visier hoch und hielt dem Mann die Spitze seiner Lanze an die Kehle.

„Ergebt Euch!“, rief Erec hinunter.

Der Ritter spuckte aus.

„Niemals!“

Dann fasste der Ritter in einen verborgenen Beutel an seiner Hüfte, holte eine Handvoll Erde heraus, und bevor Erec reagieren konnte, warf er sie Erec ins Gesicht.

Perplex fasste sich Erec an die Augen, ließ seine Lanze fallen und fiel vom Pferd.

Die MacGil-Menge buhte und zischte und schrie vor Empörung auf, als Erec fiel, der sich verzweifelt die Augen rieb. Der Ritter verschwendete keine Zeit, eilte zu ihm hinüber und stieß ihm ein Knie in die Rippen.

Erec rollte zur Seite, und der Ritter packte einen Steinbrocken, hob ihn hoch und war kurz davor, ihn auf Erecs Schädel niederkrachen zu lassen.

„NEIN!“, schrie Thor außer sich und machte einen Schritt nach vorne.

Thor sah entsetzt zu, wie der Ritter mit dem Brocken zuschlug. In letzter Sekunde gelang es Erec irgendwie, sich aus dem Weg zu rollen. Der Brocken grub sich tief in die Erde, genau an der Stelle, wo sein Schädel gewesen war.

Thor war beeindruckt von Erecs Gewandtheit. Schon war er wieder auf den Beinen, dem unsauberen Kämpfer zugewandt.

„Kurzschwerter!“, riefen die Könige aus.

Feithgold fuhr plötzlich herum und starrte mit großen Augen auf Thor.

„Reich es mir!“, schrie er.

Thors Herz klopfte panisch. Er wirbelte herum, auf der Suche nach Erecs Waffengestell, auf der verzweifelten Suche nach dem Schwert. Vor ihm stand eine schwindelerregende Auswahl an Waffen. Er schnappte das Schwert und drückte es Feithgold in die Hand.

„Dämlicher Junge! Das ist ein Einhandschwert!“, schrie Feithgold.

Thors Kehle wurde trocken; er fühlte sich, als würde das ganze Königreich auf ihn starren. Vor lauter Sorge konnte er nicht klar sehen und verfiel in Panik, ratlos, welches Schwert er nehmen sollte. Er konnte sich kaum konzentrieren.

Feithgold trat vor, schob Thor aus dem Weg und schnappte sich das Kurzschwert selbst. Dann rannte er hinaus auf die Turnierbahn.

Thor blickte ihm nach und fühlte sich unnütz und furchtbar. Er musste sich auch vorstellen, wie er selbst hinauslaufen müsse, vor all diese Leute, und seine Knie wurden weich.

Der Knappe des anderen Ritters erreichte ihn zuerst, und Erec musste aus dem Weg springen, als der Ritter nach ihm schwang und nur knapp verfehlte. Endlich hatte Feithgold Erec erreicht und drückte ihm das Kurzschwert in die Hand. In dem Moment stürmte der Ritter auf Erec zu. Aber Erec war zu schlau: er wartete bis zum letzten Moment und sprang dann zur Seite.

Der Ritter stürmte jedoch weiter und rammte geradewegs in Feithgold hinein, der zu seinem Pech genau da stand, wo Erec gerade noch gestanden hatte. Voller Wut darüber, dass er Erec verpasst hatte, setzte der Ritter seinen Angriff fort, packte Feithgold mit beiden Händen an den Haaren und versetzte ihm einen kräftigen Stoß mit dem Kopf ins Gesicht.

Knochen knackten, Blut schoss aus Feithgolds Nase, und er fiel schlaff zu Boden.

Thor stand mit vor Schreck weit aufgerissenem Mund da. Er konnte es nicht glauben. So auch nicht die Menge: sie buhte und zischte.

Erec schwang sein Schwert herum, verfehlte den anderen Ritter nur knapp, und die beiden standen sich wieder Angesicht zu Angesicht gegenüber.

Thor wurde plötzlich klar: er war nun Erecs einziger Knappe. Er schluckte schwer. Was musste er als Nächstes tun? Auf das war er nicht vorbereitet. Und das gesamte Königreich sah zu.

Die beiden Ritter gingen heftig auf einander los, teilten einen Hieb nach dem anderen aus. Der McCloud-Ritter war eindeutig viel stärker als Erec—und doch war Erec der bessere Kämpfer, schneller und beweglicher. Sie hieben und schlugen und parierten, keiner von ihnen konnte die Überhand gewinnen.

Schließlich erhob sich König MacGil.

„Langspeere!“, rief er aus.

Thors Herz pochte. Er wusste, das rief ihn auf den Plan: er war im Dienst.

Er wirbelte herum und durchsuchte das Gestell, die Waffe herunternehmend, die am besten geeignet schien. Als er den ledernen Griff packte, betete er, dass er richtig gewählt hatte.

Er schoss auf die Bahn hinaus und spürte tausende Augen auf ihn gerichtet. Er rannte und rannte, so schnell er konnte; entschlossen, Erec zu erreichen und ihm die Waffe in die Hand zu drücken. Er war stolz, als er sah, dass er ihn zuerst erreicht hatte.

Erec nahm den Speer entgegen und wirbelte herum, bereit, sich dem anderen Ritter zu stellen. Als der ehrenhafte Krieger, der er war, wartete Erec, bis der Gegner selbst bewaffnet war, bevor er angriff. Thor huschte zur Seite, den Männern aus dem Weg; er wollte Feithgolds Fehler nicht wiederholen. Auf dem Weg zerrte er Feithgolds reglosen Körper aus dem Kampfbereich.

Während Thor zusah, spürte er, dass etwas nicht in Ordnung war. Erecs Gegner nahm seinen Speer auf, hob ihn hoch und zog ihn dann in einer eigenartigen Bewegung nach unten. In dem Moment sah Thor die Welt plötzlich mit einer Klarheit, die er nicht kannte. Er wusste instinktiv, dass etwas nicht stimmte. Sein Blick fiel auf die Speerspitze des Ritters, und als er näher hinsah, bemerkte er, dass sie locker war. Der Ritter stand kurz davor, die Spitze seines Speers wie ein Wurfmesser einzusetzen.

Als der Ritter seinen Speer abwärts zog, löste sich die Spitze und segelte durch die Luft, überschlug sich, flog direkt auf Erecs Herz zu. In wenigen Sekunden würde Erec tot sein—es war unmöglich, dass er rechtzeitig reagieren konnte. Dem Aussehen der gezackten Klinge nach schien es sich um ein panzerbrechendes Geschoss zu handeln.

In dem Moment spürte Thor, wie sein ganzer Körper wärmer wurde. Er fühlte ein Kribbeln—das gleiche Gefühl, das er in Schattwald beim Kampf gegen den Sybold verspürt hatte. Seine ganze Welt verlangsamte sich. Er konnte zusehen, wie die Spitze sich in Zeitlupe drehte, fühlte eine Kraft, eine Hitze, in sich aufsteigen—eine, von der er nicht gewusst hatte, dass sie in ihm war.

Er trat vor und fühlte sich mächtiger als die Speerspitze. In Gedanken wollte er sie zum Stehen bringen. Er befahl ihr, stehenzubleiben. Er wollte nicht, dass Erec verletzt wurde. Vor allem nicht so.

„NEIN!“, kreischte Thor.

Er machte einen weiteren Schritt und streckte der Speerspitze eine Handfläche entgegen.

Sie blieb mitten in der Luft plötzlich stehen und hing da, direkt vor Erecs Herz.

Dann fiel sie harmlos zu Boden.

Die beiden Ritter drehten sich zu Thor herum und starrten ihn an—wie auch die beiden Könige; wie auch die tausenden Zuseher. Er spürte, wie die ganze Welt auf ihn hinunterstarrte, und ihm wurde klar, dass sie alle gerade gesehen hatten, was er getan hatte. Sie alle wussten nun, dass er nicht normal war, dass er eine Art Kraft besaß, dass er die Spiele beeinflusst hatte, Erec gerettet hatte—und das Schicksal des Königreichs gewandelt hatte.

Thor stand auf der Stelle angewurzelt da und fragte sich, was gerade geschehen war.

Nun war er sich sicher, dass er nicht so war wie all diese anderen Leute. Er war anders.

Aber wer war er?

KAPITEL NEUN

Thor spürte, wie er von Reece, dem jüngsten Sohn des Königs und seinem neuen Trainingspartner, aufgesammelt und durch die Menge geführt wurde. Seit dem Turnierkampf war alles so verwirrend. Was auch immer er da getan hatte, welche Kraft auch immer er genutzt hatte, um diese Speerspitze davon abzuhalten, Erec zu töten, es hatte die Aufmerksamkeit des gesamten Königreichs erregt. Der Kampf war nach dem Vorfall beendet worden, beide Könige hatten ihn für beendet erklärt und einen Waffenstillstand ausgerufen. Jeder Ritter kehrte auf seine Seite zurück, die Massen verzogen sich in einem aufgewühlten Durcheinander, und Thor wurde am Arm gepackt und von Reece davongezerrt.

Er wurde mit der königlichen Gefolgschaft mitgetragen, die sich einen Weg zurück durch die Massen bahnte; Reece zerrte ihn über die gesamte Strecke am Arm neben sich her. Thor zitterte immer noch von den Ereignissen des Tages. Er verstand kaum, was er da gerade getan hatte, was für Auswirkungen es auf die Dinge hatte. Er wollte einfach nur anonym sein, ein Mann unter vielen in der Legion des Königs. Er hatte nicht geplant, im Mittelpunkt zu stehen.

Schlimmer noch, er wusste nicht, wohin er gebracht wurde, ob er irgendwie dafür bestraft werden würde, dass er eingegriffen hatte. Natürlich hatte er Erecs Leben gerettet—aber er hatte auch in einen ritterlichen Kampf eingegriffen, was für einen Knappen verboten war. Er war nicht sicher, ob er belohnt oder zurechtgewiesen werden würde.

„Wie hast du das gemacht?“, fragte Reece, während er ihn neben sich her zerrte. Thor folgte ihm blind, selbst damit beschäftigt, alles zu verarbeiten. Unterwegs wurde er von den Leuten angeglotzt; angestarrt, als wäre er etwas Abnormales.

„Ich weiß es nicht“, antwortete Thor wahrheitsgetreu. „Ich wollte ihm einfach nur helfen und...es ist passiert.“

Reece schüttelte den Kopf.

„Du hast Erec das Leben gerettet. Ist dir das klar? Er ist unser ruhmreichster Ritter. Und du hast ihn gerettet.“

Für Thor fühlte es sich gut an, diese Worte von Reece in seinem Kopf herumschwirren zu lassen, und eine Welle der Erleichterung erfüllte ihn. Er hatte Reece vom ersten Moment an gemocht; er hatte eine beruhigende Wirkung und wusste immer, was zu sagen war. Als er darüber nachdachte, erkannte er, dass ihn vielleicht doch keine Strafe erwartete. Vielleicht würden sie ihn sogar irgendwie als eine Art Helden ansehen.

„Ich habe nichts absichtlich gemacht“, sagte Thor. „Ich wollte nur, dass er lebt. Es kam irgendwie...ganz natürlich. Es war keine große Sache.“

„Keine große Sache?“, wiederholte Reece. „Ich hätte das nicht tun können. Keiner von uns hätte das.“

Sie bogen um eine Ecke, und Thor sah vor sich die königliche Burg aufragen, weitläufig und hoch in den Himmel ragend. Sie sah gewaltig aus. Die Armee des Königs stand stramm bereit, aufgefädelt entlang der Kopfsteinpflaster-Straße, die über die Zugbrücke führte, und hielt die Massen in Schach. Sie traten zur Seite, um Reece und Thor vorbeizulassen.

Die beiden gingen die Straße entlang, an der zu beiden Seiten Soldaten standen, hin zu den riesigen gewölbten Toren, die mit eisernen Riegeln beschlagen waren. Vier Soldaten zogen sie auf und traten zur Seite, in strammer Haltung stehend. Thor konnte nicht glauben, wie er behandelt wurde: er fühlte sich, als wäre er ein Mitglied der königlichen Familie.

Sie betraten die Burg, die Tore schlossen sich hinter ihnen, und Thor bestaunte den Anblick vor ihm: der Innenbereich war gewaltig, mit hochragenden Steinmauern, die einen Fuß dick waren, und weiten, offenen Räumen. Vor ihm schwirrten hunderte Mitglieder des königlichen Hofes in einem aufgeregten Durcheinander herum. Er konnte die Begeisterung und Aufregung in der Luft fühlen, und alle Augen richteten sich auf ihn, als er eintrat. Er war überwältigt von so viel geballter Aufmerksamkeit.

Sie alle rückten näher, schienen zu gaffen, während Thor mit Reece die Gänge der Burg hinunterlief. Noch nie hatte er so viele Menschen so fein gekleidet gesehen. Er sah dutzende Mädchen jeden Alters in aufwändigen Gewandungen, Arm in Arm gehend, einander ins Ohr flüsternd, ihm zukichernd, wenn er vorbeikam. Er wurde verlegen. Er konnte nicht sagen, ob sie ihn mochten oder sich über ihn lustig machten. Er war es nicht gewohnt, im Mittelpunkt zu stehen—noch weniger an einem königlichen Hof—und wusste kaum, wie er sich verhalten sollte.

„Warum lachen sie mich aus?“, fragte er Reece.

Reece drehte sich herum und schmunzelte. „Sie lachen dich nicht aus“, sagte er. „Du gefällst ihnen. Du bist berühmt.“

„Berühmt?“, fragte er verblüfft. „Was meinst du damit? Ich bin doch gerade erst hergekommen.“

Reece lachte und legte eine Hand auf seine Schulter. Thor amüsierte ihn sichtlich.

„Nachrichten verbreiten sich am königlichen Hof schneller, als du vielleicht denkst. Und ein Neuankömmling wie du—nun, so etwas passiert nicht alle Tage.“

„Wohin gehen wir?“, fragte er, da ihm gerade klar wurde, dass er irgendwo hingeführt wurde.

„Mein Vater möchte dich kennenlernen“, sagte er, als sie in einen weiteren Gang einbogen.

Thor schluckte.

„Dein Vater? Du meinst...der König?“ Mit einem Mal war er nervös. „Warum sollte er mich kennenlernen wollen? Bist du sicher?“

Reece lachte.

„Ich bin mir recht sicher. Sei doch nicht so nervös. Ist doch nur mein Papa.“

„Nur dein Papa?“, sagte Thor ungläubig. „Er ist der König!“

„So schlimm ist er nicht. Ich habe das Gefühl, es wird eine freudige Audienz werden. Immerhin hast du Erec das Leben gerettet.“

Thor schluckte schwer, und seine Handflächen wurden feucht, als eine weitere große Tür aufging und sie eine weitläufige Halle betraten. Er betrachtete staunend die Decke: gewölbt, mit einem kunstvollen Muster bedeckt und himmelhoch. An den Mauern entlang verlief eine Reihe gewölbter Fenster mit buntem Glas, und in diesen Saal hatten sich noch mehr Leute gedrängt, falls das überhaupt möglich war. Es mussten tausende von ihnen sein, der Saal wimmelte geradezu. Bankett-Tafeln erstreckten sich über den Saal, so weit das Auge reichte, und auf endlos langen Bänken saßen die Menschen und speisten. Zwischen ihnen hindurch führte ein schmaler Gang mit einem langen roten Teppich, der zu einem Podest führte, auf dem der königliche Thron stand. Die Menge teilte sich, als Reece und Thor über den Teppich auf den König zugingen.

„Und wo meinst du, dass du ihn hinbringst?“, kam eine feindselige, nasale Stimme.

Thor blickte auf und sah einen Mann über ihm stehen, der nicht viel älter als er selbst war, und in königliche Gewänder gekleidet—sichtlich ein Prinz. Er hatte sich ihnen in den Weg gestellt und blickte sie böse an.

„Auf Befehl von Vater“, schnauzte Reece ihn an. „Geh lieber aus dem Weg, wenn du dich ihm nicht widersetzen möchtest.“

Der Prinz blieb standfest, zog die Mundwinkel nach unten und sah drein, als hätte er in etwas Verdorbenes gebissen, als er Thor ansah. Thor mochte ihn gar nicht: etwas an ihm war nicht vertrauenswürdig, vielleicht seine schmalen, unfreundlichen Züge oder seine Augen, die ständig in Bewegung waren.

„Dies ist keine Halle für das gemeine Volk“, erwiderte der Prinz. „Du solltest das Gesindel draußen lassen, wo es hergekommen ist.“

Thor fühlte, wie sich seine Brust zusammenzog. Es war offensichtlich, dass ihn dieser Mann hasste, und er hatte keine Ahnung, warum.

„Soll ich Vater sagen, dass du das gesagt hast?“, verteidigte ihn Reece unnachgiebig.

Murrend wandte der Prinz sich ab und stürmte davon.

„Wer war das?“ fragte Thor Reece, als sie weitergingen.

„Kümmer dich nicht um ihn“, antwortete Reece. „Das war nur mein älterer Bruder—oder einer davon. Gareth. Der älteste. Also, nicht wirklich der älteste—nur der älteste legitime. Kendrick, den du am Schlachtfeld gesehen hast—er ist in Wirklichkeit der älteste.“

„Warum hasst Gareth mich? Ich kenne ihn nicht einmal.“

„Keine Sorge—er hat seinen Hass nicht nur für dich reserviert. Er hasst jeden. Und jeden, der der Familie nahe kommt, sieht er als Bedrohung. Vergiss ihn. Er ist nur einer von vielen.“

Während sie weitergingen, verspürte Thor eine wachsende Dankbarkeit für Reece, der, wie er langsam feststellte, zu einem wahren Freund wurde.

„Warum hast du mich verteidigt?“, fragte Thor neugierig.

Reece zuckte die Schultern.

„Mir wurde befohlen, dich zu Vater zu bringen. Außerdem bist du mein Trainingspartner. Und es ist lange her, dass es jemand in meinem Alter hierher geschafft hat, von dem ich meinte, er wäre würdig.“

„Aber was macht mich würdig?“, fragte Thor.

„Es ist der Kampfgeist. Den kann man nicht vortäuschen.“

Als sie weiter den Gang hinunterschritten, weiter auf den König zu, fühlte sich Thor, als hätte er ihn immer schon gekannt—es war seltsam, aber irgendwie fühlte es sich für ihn an, als wäre Reece sein eigener Bruder. Er hatte nie einen Bruder gehabt—keinen richtigen Bruder—und es fühlte sich gut an.

„Meine anderen Brüder sind nicht wie er, keine Sorge“, sagte Reece, als sich die Leute um sie scharten und versuchten, einen Blick auf Thor zu erheischen. „Mein Bruder Kendrick, der, den du getroffen hast—er ist der beste von allen. Er ist mein Halbbruder, aber ich betrachte ihn als wahren Bruder—sogar mehr als Gareth. Kendrick ist wie ein zweiter Vater für mich. Wird er für dich auch sein, da bin ich mir sicher. Es gibt nichts, das er nicht für mich tun würde—oder für jeden anderen. Er ist von uns allen der Meistgeliebte beim Volk. Es ist ein großer Verlust, dass er nicht König werden darf.“

„Du sagtest ‚Brüder‘. Hast du noch einen anderen Bruder?“, fragte Thor.

Reece holte tief Luft.

„Einen habe ich noch, ja. Wir stehen uns nicht so nahe. Godfrey. Leider vergeudet er seine Tage in der Kneipe mit dem gemeinen Volk. Er ist kein Kämpfer wie wir. Es interessiert ihn nicht—ihn interessiert gar nichts, in Wirklichkeit. Außer Bier—und Frauen.“

Plötzlich blieben sie abrupt stehen, als ihnen ein Mädchen den Weg verstellte. Thor stand erschrocken da. Sie war vielleicht ein paar Jahre älter als er und starrte ihn mit blauen, mandelförmigen Augen an, mit klarer Haut und langem, rötlichem Haar. Sie trug ein weißes Kleid aus Satin, in Spitze eingefasst, und ihre Augen leuchteten regelrecht, tanzten vor Freude und Schalk. Sie bannte ihn mit ihrem Blick, hielt ihn völlig gefangen. Er hätte sich nicht bewegen können, selbst wenn er gewollt hätte. Sie war das schönste Wesen, das er je gesehen hatte.

Sie lächelte, und ihre perfekten weißen Zähne kamen zum Vorschein—und als wäre er nicht bereits völlig gebannt gewesen, hielt ihn ihr Lächeln noch fester, entflammten sein Herz mit einer einfachen Geste. Noch nie hatte er sich so lebendig gefühlt.

Thor stand völlig sprachlos da. Atemlos. Solche Gefühle hatte er zum ersten Mal in seinem Leben.

„Möchtest du uns nicht vorstellen?“, fragte das Mädchen Reece. Ihre Stimme fuhr geradewegs durch Thor hindurch—sie war noch lieblicher als ihre Erscheinung.

Reece seufzte.

„Und dann wäre da noch meine Schwester“, sagte er lächelnd. „Gwen, das ist Thor. Thor, Gwen.“

Gwen knickste.

„Sehr erfreut“, sagte sie mit einem Lächeln.

Thor stand da wie festgefroren. Schließlich fing Gwen zu kichern an.

„Nicht gleich so viele Worte auf einmal, bitte“, sagte sie lachend.

Thor spürte, wie er rot wurde; er räusperte sich.

„Es tut...es...tut...mir leid“, sagte er. „Ich bin Thor.“

Gwen kicherte.

„Das weiß ich ja schon“, sagte sie. Sie wandte sich an ihren Bruder. „Oh, Reece, dein Freund ist so wortgewandt.“

„Vater möchte ihn sehen“, sagte er ungeduldig. „Wir kommen noch zu spät.“

Thor wollte mit ihr sprechen, ihr sagen, wie wunderschön sie war, wie glücklich er war, sie kennenzulernen, wie dankbar er war, dass sie angehalten hatte. Aber seine Zunge war völlig zugeschnürt. Noch nie in seinem Leben war er so nervös gewesen. Stattdessen also war das einzige, was er hervorbrachte:

„Danke.“

Gwen kicherte und lachte noch stärker.

„Danke wofür?“, fragte sie. Ihre Augen leuchteten auf. Sie genoss das Ganze.

Thor spürte wieder, wie er errötete.

„Ähm...ich weiß nicht“, murmelte er.

Gwen lachte immer mehr, und Thor fühlte sich blamiert. Reece stieß ihn mit dem Ellbogen an, drückte ihn weiter, und die beiden setzten ihren Weg fort. Nach wenigen Schritten blickte Thor noch einmal über die Schulter zurück. Gwen stand immer noch da und starrte zu ihm zurück.

Thor spürte, wie sein Herz klopfte. Er wollte mit ihr sprechen, alles über sie erfahren. Seine Wortkargheit war ihm so peinlich. Aber er hatte noch nie wirklich mit Mädchen zu tun gehabt in seinem kleinen Dorf—und bestimmt nicht mit einem so schönen. Niemand hatte ihm beigebracht, was man sagen, wie man sich verhalten sollte.

„Sie redet viel“, sagte Reece, als sie sich weiter auf den König zu bewegten. „Mach dir nichts aus ihr.“

„Wie heißt sie?“, fragte Thor.

Reece sah ihn schräg an. „Hat sie dir doch gerade gesagt!“, sagte er mit einem Lachen.

„Oh, tut mir leid...ich...äh...habs vergessen“, sagte Thor verlegen.

„Gwendolyn. Aber alle nennen sie Gwen.“

Gwendolyn. Thor wiederholte ihren Namen wieder und wieder in seinem Kopf. Gwendolyn. Gwen. Er wollte den Namen nicht loslassen. Er wollte ihn in seinem Bewusstsein nachhallen lassen. Er fragte sich, ob er Gelegenheit haben würde, sie wiederzusehen. Er dachte sich, wahrscheinlich nicht, da er aus dem gemeinen Volk war. Der Gedanke tat ihm weh.

Die Menge wurde ruhiger, als Thor hochblickte und erkannte, dass sie dem König nahe waren. König MacGil saß auf seinem Thron, in seinen königlichen Purpur-Mantel gehüllt, mit seiner Krone auf dem Kopf, eine imposante Erscheinung.

Reece kniete vor ihm nieder, und die Menge verstummte. Thor machte es ihm nach. Ein Schweigen legte sich über den Saal.

Der König räusperte sich tief und herzhaft. Als er sprach, dröhnte seine Stimme durch den ganzen Saal.

„Thorgrin aus den Tieflanden der Südprovinz des Westlichen Königreichs“, begann er. „Bist du dir im Klaren, dass du am heutigen Tage in das königliche Turnier eingegriffen hast?“

Thor fühlte, wie seine Kehle trocken wurde. Er wusste kaum, was er antworten sollte; das war kein guter Anfang. Er fragte sich, ob er bestraft werden würde.

„Es tut mir leid, mein Herr“, sagte er schließlich. „Es war nicht meine Absicht.“

MacGil lehnte sich nach vorne und zog eine Augenbraue hoch.

„Es war nicht deine Absicht? Möchtest du damit sagen, du wolltest Erec gar nicht das Leben retten?“

Das warf Thor aus der Bahn. Ihm wurde klar, dass er es nur schlimmer machte.

„Nein, mein Herr. Es war nicht meine Absicht—“

„Du gibst also zu, dass du sehr wohl vorhattest, einzugreifen?“

Thor spürte, wie sein Herz klopfte. Was konnte er sagen?

„Verzeiht, mein Herr. Ich denke, ich wollte nur...helfen.“

„Du wolltest helfen?“, dröhnte MacGil, lehnte sich zurück und brüllte vor Lachen.

„Du wolltest ihm helfen! Erec! Unserem größten und ruhmreichsten Ritter!“

Der Saal brach in Gelächter aus und Thor fühlte sein Gesicht rot anlaufen, einmal zu oft für einen Tag. Konnte er hier denn nichts richtig machen?

„Steh auf und tritt näher, Junge“, befahl MacGil.

Thor blickte hoch und sah überrascht, dass der König zu ihm herunterlächelte, ihn genau ansah, während er aufstand und näherkam.

„Ich sehe noble Züge in deinem Gesicht. Du bist kein gewöhnlicher Junge. Nein, ganz und gar nicht gewöhnlich...“

MacGil räusperte sich.

„Erec ist unser geliebtester Ritter. Was du heute getan hast, ist eine große Sache. Eine große Sache für uns alle. Zur Belohnung nehme ich dich von diesem Tage an in meine Familie auf, mit all dem Respekt und der Ehre, die jedem meiner Söhne zuteil werden.“

Der König lehnte sich zurück und dröhnte: „So sei es verkündet!“

Durch den Saal zog sich ein großer Jubel, und es wurde reichlich mit den Füßen gestampft.

Thor sah sich um, durcheinander, nicht in der Lage, all das zu verarbeiten, was mit ihm geschah. Teil der königlichen Familie. Es ging über seine wildesten Träume hinaus. Alles, was er wollte, war, akzeptiert zu werden, einen Platz in der Legion zu bekommen. Und nun das. Er war so von Freude und Dankbarkeit überwältigt, dass er kaum wusste, was er tun sollte.

Bevor er antworten konnte, brach der Saal plötzlich in Gesang und Tanz und Festmahl aus, und Menschen feierten rund um ihn herum. Es war der reinste Trubel. Er blickte zum König auf, sah die Liebe in seinen Augen, die Bewunderung und Akzeptanz. Noch nie zuvor war ihm die Liebe einer Vaterfigur zuteil geworden. Und hier war er nun, geliebt nicht nur von einem Vater, sondern gleich von einem König. In nur einem Tag hatte sich seine Welt geändert. Er betete nur, dass dies alles echt war.

*

Gwendolyn eilte durch die Menge, schob sich durch, wollte einen Blick auf den Jungen erheischen, bevor er aus dem königlichen Hof hinausgeleitet würde. Thor. Ihr Herz schlug schneller beim Gedanken an ihn, und sie konnte nicht aufhören, seinen Namen in ihrem Kopf wieder und wieder aufzurufen. Sie hatte nicht aufhören können, an ihn zu denken, seit er ihr begegnet war. Er war jünger als sie, aber nicht mehr als ein oder zwei Jahre—und außerdem, er hatte etwas an sich, das älter wirkte, reifer als die anderen, tiefgehender. Von dem Moment an, als sie ihn sah, fühlte sie sich, als würde sie ihn kennen. Sie lächelte, als sie daran zurückdachte, wie sie einander kennenlernten; wie verloren er gewirkt hatte. Sie konnte in seinen Augen sehen, dass er das Gleiche für sie empfand.

Natürlich kannte sie den Jungen nicht einmal. Aber sie hatte mit angesehen, was er auf der Turnierbahn getan hatte; hatte gesehen, wie sehr ihn ihr kleiner Bruder mochte. Seither hatte sie ihn beobachtet, gespürt, dass etwas Besonderes an ihm war; etwas, das anders war als die anderen. Ihre Begegnung mit ihm hatte das nur bestätigt. Er war anders als die königlichen Typen, all die Leute, die hier geboren und aufgewachsen waren. Er hatte etwas erfrischend Aufrichtiges an sich. Er war ein Außenseiter. Einer aus dem gemeinen Volk. Aber seltsamerweise mit einem königlichen Auftreten. Es war, als hätte er zu viel Stolz für das, was er war.

Gwen bahnte sich ihren Weg an den Rand des oberen Balkons und blickte hinunter: unter ihr erstreckte sich der königliche Hof, und sie erwischte noch einen letzten Blick auf Thor, als er mit Reece an seiner Seite hinausgeleitet wurde. Bestimmt waren sie auf dem Weg zur Kaserne, um mit den anderen Jungen zu trainieren. Sie spürte einen Anfall von Bedauern und fing sofort an, darüber nachzudenken, zu planen, wie sie ihn wiedersehen konnte.

Gwen musste mehr über ihn erfahren. Sie musste es herausfinden. Dafür würde sie mit jener Frau sprechen müssen, die alles über jeden wusste und alles, was im Königreich vor sich ging: ihre Mutter.

Gwen drehte sich um und bahnte sich ihren Weg durch die Menge, wand sich durch die hinteren Gänge der Burg, die sie auswendig kannte. In ihrem Kopf drehte sich alles. Es war ein schwindelerregender Tag gewesen. Zuerst die Besprechung mit ihrem Vater am Morgen, seine schockierende Nachricht, dass er ihr die Herrschaft über sein Königreich übertrug. Sie war völlig unvorbereitet gewesen, hätte dies in einer Million Jahren niemals erwartet. Sie konnte es immer noch kaum verarbeiten. Wie könnte sie jemals ein Königreich regieren? Sie schob den Gedanken von sich weg und hoffte, dass der Tag nie kommen würde. Immerhin war ihr Vater gesund und stark, und mehr als alles andere wollte sie doch nur, das er lebte. Bei ihr war. Glücklich war.

Aber sie konnte die Besprechung nicht aus ihren Gedanken verbannen. Irgendwo in ihrem Hinterkopf lauerte der Gedanke, dass eines Tages, wann immer dieser Tag sein würde, sie die Nächste war. Sie würde ihm nachfolgen. Nicht einer ihrer Brüder. Sondern sie. Sie fand es furchteinflößend; es gab ihr aber auch ein Gefühl von Bedeutsamkeit, von Selbstbewusstsein, anders als alles, was sie bisher kannte. Er fand sie würdig, zu regieren—sie—die weiseste unter ihnen zu sein. Sie fragte sich, warum.

Auf viele Arten bereitete es ihr auch Sorgen. Sie nahm an, dass es eine riesige Menge an Missgunst und Neid aufwerfen würde, dass sie, ein Mädchen, zum Herrschen erwählt worden war. Sie konnte jetzt bereits Gareths Neid spüren. Und das machte ihr Angst. Sie wusste, dass ihr großer Bruder fürchterlich manipulativ und völlig unversöhnlich war. Er würde sich von nichts aufhalten lassen, das zu bekommen, was er wollte, und sie hasste den Gedanken daran, dass er sie im Visier hätte. Sie hatte versucht, nach der Besprechung mit ihm zu reden, aber er wollte sie nicht einmal ansehen.

Gwen rannte die Wendeltreppe hinunter; ihre Schuhe hallten auf dem Stein. Sie bog in einen weiteren Gang, passierte die hintere Kapelle, durch eine weitere Türe, an mehreren Wachen vorbei, und betrat die privaten Gemächer der Burg. Sie musste mit ihrer Mutter sprechen, und sie wusste, dass sie sich hierher zurückgezogen hatte. Ihre Mutter hatte nur noch wenig Geduld für langgezogene gesellschaftliche Anlässe—sie schlüpfte gerne in ihre privaten Gemächer davon und ruhte sich aus, so oft sie konnte.

Gwen passierte eine weitere Wache, lief einen weiteren Gang hinunter, dann stand sie endlich vor der Tür zur Ankleide ihrer Mutter. Sie wollte sie gerade öffnen, doch etwas hielt sie ab. Hinter der Tür hörte sie gedämpft erhobene Stimmen und spürte, dass etwas nicht stimmte. Es war ihre Mutter, die mit jemandem stritt. Sie hörte genauer hin und erkannte die Stimme ihres Vaters. Sie hatten einen Streit sich. Aber worüber?

Gwen wusste, sie sollte nicht lauschen—aber sie konnte nicht anders. Sie streckte die Hand aus und drückte die schwere Eichentür sanft auf, hielt sie an ihrem eisernen Knauf fest. Sie öffnete sie nur einen Spalt breit und lauschte.

„Er kommt mir nicht ins Haus“, fuhr ihre Mutter ihn gereizt an.

„Du urteilst vorschnell, ohne die ganze Geschichte zu kennen.“

„Ich kenne die Geschichte“, schnauzte sie zurück. „Zur Genüge.“

Gwen hörte Gift in der Stimme ihrer Mutter und erschrak. Selten nur hörte sie ihre Eltern streiten—nur ein paar Mal in ihrem ganzen Leben—und hatte ihre Mutter noch nie so aufgebracht erlebt. Sie konnte nicht verstehen, warum.

„Er wird in der Kaserne wohnen, mit den anderen Jungen. Ich will ihn nicht unter meinem Dach haben. Hast du verstanden?“, drängte sie.

„Es ist eine große Burg“, fauchte ihr Vater zurück. „Seine Gegenwart wird dir nicht weiter auffallen.“

„Es ist mir egal, ob sie auffällt oder nicht. Ich will ihn hier nicht haben. Er ist dein Problem. Du warst es, der beschloss, ihn hereinzubringen.“

„Du bist auch nicht ganz unschuldig“, warf ihr Vater zurück.

Sie hörte Schritte, sah, wie ihr Vater durch den Raum schritt und ihn durch die Tür auf der anderen Seite verließ, die Tür so fest hinter sich zuwerfend, dass der Raum bebte. Ihre Mutter stand alleine in der Mitte des Raumes und fing zu weinen an.

Gwen fühlte sich schrecklich. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Einerseits dachte sie, es wäre am besten, sich davonzuschleichen, aber andererseits hielt sie es nicht aus, ihre Mutter weinen zu sehen; konnte es nicht ertragen, sie so zurückzulassen. Sie konnte auch beim besten Willen nicht verstehen, worüber sie sich stritten. Sie vermutete, dass es um Thor ging. Aber warum? Was kümmerte es ihre Mutter? Dutzende Leute lebten in der Burg.

Gwen konnte nicht einfach so weggehen, nicht mit ihrer Mutter in diesem Zustand. Sie musste sie trösten. Sie streckte die Hand aus und drückte sanft die Türe auf.

Sie knarrte, und ihre Mutter fuhr überrascht herum. Sie blickte sie erzürnt an.

„Kannst du nicht klopfen?“, fuhr sie sie an sie. Gwen konnte sehen, wie aufgewühlt sie war, und fühlte sich schrecklich.

„Was ist los, Mutter?“, fragte Gwen und ging sanft auf sie zu. „Ich möchte nicht aufdringlich sein, aber ich hörte dich und Vater streiten.“

„Du hast recht: du solltest dich nicht aufdrängen“, erwiderte ihre Mutter.

Gwen war überrascht: ihre Mutter war nicht immer einfach, aber kaum jemals so ungehalten. Die Stärke ihres Zornes brachte Gwen ein paar Fuß entfernt zum Stehen. Sie war verunsichert.

„Ist es wegen dem neuen Jungen? Thor?“, fragte sie.

Ihre Mutter wandte sich ab und wischte eine Träne weg.

„Ich verstehe nicht“, drängte Gwen. „Warum kümmert es dich, wo er wohnt?“

„Meine Angelegenheiten sollen nicht deine Sorge sein“, sagte sie kalt; sichtlich wollte sie nicht weiter über die Sache reden. „Was willst du? Warum bist du hergekommen?“

Jetzt wurde Gwen nervös. Sie war hier, weil sie von ihrer Mutter alles über Thor erfahren wollte, aber sie hätte sich keinen schlechteren Zeitpunkt aussuchen können. Sie räusperte sich zögernd.

„Ich...wollte dir eigentlich einige Fragen über ihn stellen. Was weißt du über ihn?“

Ihre Mutter drehte sich zu ihr herum und kniff misstrauisch die Augen zusammen.

„Warum?“, fragte sie, todernst. Gwen konnte sehen, wie sie sie abschätzte, geradewegs durch sie hindurchblickte, und mit ihrer unheimlichen Beobachtungsgabe sehen konnte, dass Gwen ihn mochte. Sie versuchte, ihre Gefühle zu verbergen, aber sie wusste, es war zwecklos.

„Ich bin nur neugierig“, sagte sie nicht sehr überzeugend.

Auf einmal machte die Königin drei Schritte auf sie zu, packte sie grob am Arm und starrte ihr ins Gesicht.

„Hör mir gut zu“, zischte sie. „Ich werde es nur einmal sagen. Bleib von diesem Jungen weg. Hörst du mich? Ich will dich nirgendwo in seiner Nähe haben, unter keinen Umständen.“

Gwen war entsetzt.

„Aber warum? Er ist ein Held.“

„Er ist nicht einer von uns“, antwortete ihre Mutter. „Egal, was dein Vater vielleicht denkt. Ich möchte, dass du dich von ihm fernhältst. Verstehst du mich? Schwöre es mir. Schwöre es mir jetzt und hier.“

„Ich werde das nicht schwören“, sagte Gwen und riss ihren Arm aus der allzu heftigen Umklammerung ihrer Mutter.

„Er ist aus dem gemeinen Volk, und du bist eine Prinzessin“, schrie ihre Mutter. „Du bist eine Prinzessin. Verstehst du das? Falls du auch nur in seine Nähe kommst, werde ich ihn ins Exil schicken. Hast du mich verstanden?“

Gwen wusste kaum, wie sie darauf antworten sollte. Sie hatte ihre Mutter noch nie so erlebt.

„Sag mir nicht, was ich zu tun habe, Mutter“, sagte sie schließlich.

Gwen bemühte sich, mit tapferer Stimme zu sprechen, doch tief im Inneren war sie erschüttert. Sie war hierher gekommen, um alles zu erfahren; jetzt hatte sie schreckliche Angst. Sie verstand nicht, was gerade vor sich ging.

„Tu, was du willst“, sagte ihre Mutter. „Aber sein Schicksal liegt in deinen Händen. Vergiss das nicht.“

Mit diesen Worten drehte sich ihre Mutter um, stolzierte aus dem Raum, und schlug die Türe hinter sich zu. Gwen blieb alleine in der hallenden Stille zurück, ihre gute Stimmung in Scherben. Was konnte in ihrer Mutter und ihrem Vater nur so starke Reaktionen hervorrufen?

Wer war dieser Junge?

KAPITEL ZEHN

MacGil saß im Bankettsaal und betrachtete seine Untertanen, er am einen Ende der Tafel und König McCloud am anderen, und hunderte Männer aus beiden Clans dazwischen. Die Hochzeitsfeierlichkeiten liefen noch einige Stunden weiter, bevor die Anspannung zwischen den Clans nach dem Turnier des Tages endlich verflogen war. Wie MacGil vermutet hatte, brauchten die Männer nur ausreichend Wein und Fleisch—und Frauen—um sie ihre Differenzen vergessen zu lassen. Jetzt scharten sie sich alle um dieselbe Tafel, wie Waffenbrüder. Und wirklich: während er sie so betrachtete, konnte MacGil nicht länger wirklich erkennen, dass sie von zwei unterschiedlichen Clans stammten.

MacGil fühlte sich bestätigt: sein meisterlicher Plan war am Ende doch noch aufgegangen. Jetzt schon schienen die beiden Clans einander näher zu sein. Er hatte geschafft, was einer langen Reihe an MacGil-Königen vor ihm nicht gelungen war: die beiden Seiten des Rings zu vereinen; sie, wenn schon nicht zu Freunden, dann zumindest zu friedlichen Nachbarn zu machen. Seine Tochter Luanda saß Arm in Arm da mit ihrem frischgebackenen Ehemann, dem McCloud-Prinzen, und sie wirkte zufrieden. Seine Schuldgefühle ließen nach. Er mochte sie zwar hergegeben haben—doch zumindest hatte er ihr ein Königinnentum verschaffen können.

MacGil dachte zurück an all die Planung, die diesem Ereignis vorangegangen war; erinnerte sich an die langen Tage der Debatten mit seinen Ratgebern. Er war gegen sämtliche Ratschläge seiner Berater gegangen, indem er diese Vereinigung arrangiert hatte. Es war kein ruhiger Frieden, und irgendwann würden die McClouds sich auf ihrer eigenen Seite der Hochlande wiederfinden, diese Hochzeit würde längst vergessen sein, und eines Tages würde sich wieder Unruhe ausbreiten. Er war nicht naiv. Aber nun bestanden zumindest Blutsbande zwischen den Clans—und besonders dann, wenn ein Kind geboren war, konnte das nicht so einfach ignoriert werden. Sollte dieses Kind florieren und eines Tages sogar herrschen, ein Kind von beiden Seiten des Rings geboren, dann konnte vielleicht eines Tages der gesamte Ring vereint sein, die Hochlande würden nicht länger eine Grenze des Unmutes darstellen, und das Land konnte in einer Hand aufblühen. Dies war sein Traum. Nicht für sich selbst, sondern für seine Nachfahren. Immerhin musste der Ring stark bleiben, vereint , um den Canyon zu verteidigen und die Horden aus der Welt dahinter fernzuhalten. Solange die beiden Clans uneins waren, stellten sie eine geschwächte Front gegen den Rest der Welt dar.

„Ein Trinkspruch“, rief MacGil und erhob sich.

Der Tisch wurde still, als hunderte Männer sich ebenfalls erhoben und ihre Kelche hoben.

„Auf die Hochzeit meines ältesten Kindes! Auf die Vereinigung der MacGils und McClouds! Auf Frieden im gesamten Ring!“

„HÖRT, HÖRT“, ertönte ein Chor von Rufen. Alle tranken, und der Saal füllte sich erneut mit dem Lärm von Gelächter und Schlemmerei.

MacGil setzte sich wieder und ließ seinen Blick durch den Saal schweifen, auf der Suche nach seinen anderen Kindern. Da saß natürlich Godfrey, mit beiden Fäusten trinkend, ein Mädchen an jeder Schulter, umringt von seinen nichtsnutzigen Freunden. Dies war wahrscheinlich das einzige königliche Ereignis, dem er je willentlich beigewohnt hatte. Dort saß Gareth, zu nahe an seinem Liebhaber Firth, dem er ins Ohr flüsterte; MacGil konnte an seinen umherirrenden, rastlosen Augen erkennen, dass er etwas im Schilde führte. Der Gedanke daran drehte ihm den Magen um, und er wandte seinen Blick ab. Dort, am anderen Ende des Saales, war sein jüngster Sohn Reece, der am Tisch der Knappen mit dem neuen Jungen, Thor, speiste. Schon jetzt fühlte er sich wie ein Sohn für ihn an, und er freute sich, dass sein Jüngster dick mit ihm befreundet war.

Er suchte unter den Gesichtern nach seiner jüngeren Tochter Gwendolyn und fand sie schließlich abseits sitzend, umringt von ihren Zofen und kichernd. Er folgte ihrem Blick und bemerkte, dass sie Thor beobachtete. Er betrachtete sie lange Zeit und erkannte, dass sie vernarrt war. Das hatte er nicht vorausgesehen. Er war sich nicht ganz sicher, was er davon halten sollte. Er spürte, das könnte Ärger geben. Besonders mit seiner Frau.

„Die Dinge sind nicht immer so, wie sie scheinen“, kam eine Stimme.

MacGil drehte sich um und fand Argon an seiner Seite sitzend vor, der den beiden Clans dabei zusah, wie sie gemeinsam speisten.

„Was machst du dir aus dem Ganzen?“, fragte MacGil. „Wird es Frieden in den Königreichen geben?“

„Friede ist niemals statisch“, sprach Argon. „Er wächst und schwindet wie die Gezeiten. Was Ihr vor Euch seht, ist eine Glasur aus Frieden. Ihr seht eine Seite der Oberfläche. Ihr versucht, Frieden auf eine uralte Rivalität zu gießen. Doch da sind hunderte Jahre von vergossenem Blut. Die Seelen schreien nach Rache. Und das kann nicht von einer einzelnen Hochzeit übertüncht werden.“

„Was willst du damit sagen?“, fragte MacGil und nahm einen weiteren Schluck von seinem Wein, nervös wie so oft in der Gegenwart von Argon.

Argon wandte sich ihm zu und starrte ihn mit einer Intensität an, die so stark war, dass sie MacGils Herz mit Panik erfüllte.

„Es wird Krieg geben. Die McClouds werden angreifen. Haltet Euch bereit. All die Hausgäste, die Ihr vor Euch seht, werden bald ihr Bestes geben, Eure Familie zu ermorden.“

MacGil schluckte schwer.

„War es die falsche Entscheidung, sie an sie zu verheiraten?“

Argon schwieg eine Weile, bevor er schließlich sprach: „Nicht unbedingt.“

Argon blickte weg und MacGil konnte sehen, dass das Thema für ihn beendet war. Es gab eine Million Fragen, auf die er eine Antwort haben wollte: doch er wusste, sein Zauberer würde sie ihm nicht beantworten, bis er bereit dazu war. Stattdessen beobachtete er also Argons Augen und folgte ihrem Blick zu Gwendolyn, dann zu Thor.

„Kannst du sie dir zusammen vorstellen?“, fragte MacGil, auf einmal neugierig, es zu wissen.

„Vielleicht“, antwortete Argon. „Vieles ist noch nicht entschieden.“

„Du sprichst in Rätseln.“

Argon zuckte die Schultern und blickte weg, und MacGil wurde klar, dass er nicht mehr aus ihm herausbekommen würde.

„Du hast gesehen, was heute auf dem Feld geschehen ist?“, pochte MacGil. „Mit dem Jungen?“

„Ich konnte es sehen, bevor es geschah“, antwortete Argon.

„Und was schließt du daraus? Was ist die Quelle der Kräfte des Jungen? Ist er wie du?“

Argon drehte sich um und blickte MacGil tief in die Augen, und die Eindringlichkeit seines Blickes brachte ihn fast dazu, sich abzuwenden.

„Er ist weitaus mächtiger als ich.“

MacGil starrte ihn erschrocken an. So hatte er Argon noch nie reden hören.

„Mächtiger? Als du? Wie ist das möglich? Du bist der Zauberer des Königs—es gibt niemanden im ganzen Land, der mächtiger ist als du.“

Argon zuckte mit den Schultern.

„Macht kommt nicht nur in einer Form“, sagte er. „Der Junge hat Kräfte, die weit über Eure Vorstellung hinausgehen. Weit über das, was er weiß. Er hat keine Ahnung, wer er ist. Oder woher er stammt.“

Argon drehte sich um und starrte MacGil an.

„Ihr aber wisst es“, fügte er hinzu.

MacGil starrte ihn fragend an.

„Tue ich das?“, fragte MacGil. „Sag es mir. Ich muss es wissen.“

Argon schüttelte den Kopf.

„Sucht in Euren Gefühlen. Sie sind wahr.“

„Was wird aus ihm werden?“, fragte MacGil.

„Er wird ein großer Anführer sein. Und ein großer Krieger. Er wird über seine eigenen Königreiche herrschen. Weit größere Königreiche als Eures. Und er wird ein weit größerer König sein als Ihr. Es ist sein Schicksal.“

Für einen kurzen Moment brannte MacGil vor Neid. Er drehte sich um und betrachtete den Jungen, wie er harmlos mit Reece lachte, an einem Tisch für Knappen, der einfache Junge aus dem Volk, der schwächliche Außenseiter, der Jüngste von allen. Er konnte sich nicht vorstellen, wie es möglich sein sollte. Wenn man ihn jetzt ansah, wirkte er kaum tauglich für die Legion. Er fragte sich für einen Moment, ob Argon falsch lag.

Doch Argon lag niemals falsch und machte nie Ankündigungen ohne guten Grund.

„Warum erzählst du mir das?“, fragte MacGil.

Argon drehte sich um und starrte ihn an.

„Weil es an der Zeit ist, sich bereit zu machen. Der Junge braucht Training. Ihm muss das Beste von allem zuteil werden. Es ist Eure Verantwortung.“

„Meine? Und was ist mit seinem Vater?“

„Ja, was ist mit ihm?“, fragte Argon.

KAPITEL ELF

Thor hatte Mühe, die Augen zu öffnen. Er fühlte sich desorientiert; frage sich, wo er war. Er lag auf einem Haufen Stroh am Boden, mit dem Gesicht nach unten, und seine Arme baumelten über seinem Kopf. Er hob sein Gesicht, wischte sich Sabber aus dem Mundwinkel und verspürte augenblicklich einen stechenden Schmerz in seinem Kopf, hinter seinen Augen. Es waren die schlimmsten Kopfschmerzen seines Lebens. Er erinnerte sich langsam an den letzten Abend, das Festmahl des Königs, das Gelage, seine erste Kostprobe von Bier. Der Raum drehte sich. Seine Kehle war trocken, und in dem Moment schwor er sich, nie wieder zu trinken.

Thor blickte sich um, versuchte, sich in der höhlenartigen Kaserne zurechtzufinden. Überall lagen Körper auf Strohhaufen, der Raum war von Schnarchen erfüllt; er drehte sich auf die andere Seite und fand Reece, wenige Fuß entfernt, genauso bewusstlos daliegen. Erst dann wurde ihm klar: er war in der Kaserne. Der Legionskaserne. Um ihn herum waren Jungen in seinem Alter, ungefähr fünfzig von ihnen.

Thor konnte sich vage erinnern, wie Reece ihm in den späten Morgenstunden den Weg gezeigt hatte, und wie er danach auf dem Strohhaufen zusammengebrochen war. Frühmorgendliches Licht kam durch die offenen Fenster herein und Thor bemerkte bald, dass er der einzige war, der bereits wach war. Er blickte an sich hinunter und stellte fest, dass er in seinen Kleidern geschlafen hatte. Er fuhr sich mit den Fingern durch das fettige Haar. Er würde alles geben für eine Gelegenheit, zu baden—nur hatte er keine Ahnung, wo. Und er würde alles geben für einen Krug Wasser. Sein Magen knurrte—er wollte auch essen.

Das alles war so neu für ihn. Er wusste kaum, wo er war, wo das Leben ihn als nächstes hinführen würde, was die Routinen in der Legion des Königs waren. Aber er war glücklich. Es war eine bezaubernde Nacht gewesen, eine der besten in seinem Leben. Er hatte in Reece einen engen Freund gefunden, und er hatte Gwendolyn ein oder zwei Mal dabei erwischt, wie sie zu ihm herübersah. Er hatte versucht, mit ihr zu sprechen, doch jedes Mal, wenn er sich ihr näherte, ging ihm der Mut aus. Er verspürte einen Anflug von Bedauern, als er darüber nachdachte. Es waren zu viele Leute um sie herum gewesen. Wenn es jemals nur sie beide wären, würde er den Mut aufbringen. Aber würde es ein nächstes Mal geben?

Bevor Thor den Gedanken zu Ende bringen konnte, ertönte ein plötzliches Klopfen an der Holztür der Kaserne. Einen Augenblick später flog sie auf, und Licht flutete den Raum.

„Auf die Beine, Knappen!“, schrie jemand.

Herein marschierten ein Dutzend der Silbernen des Königs in klirrenden Kettenrüstungen und klopften mit Metallstäben an die hölzernen Wände. Der Lärm war ohrenbetäubend, und rund um Thor herum sprangen die anderen Jungen auf.

Der Anführer der Gruppe war ein besonders grimmig aussehender Soldat, den Thor aus der Arena vom Vortag her erkannte—der Stämmige mit der Glatze und der Narbe auf der Nase, von dem Reece ihm gesagt hatte, dass er Kolk hieß.

Er schien es genau auf Thor abgesehen zu haben, als er einen Finger hob und auf ihn zeigte.

„Du da, Junge!“, schrie er. „Ich sagte, auf die Beine!“

Thor war verwirrt. Aber er stand doch bereits.

„Aber ich bin bereits auf den Beinen, Herr“, antwortete Thor.

Kolk trat vor und zog Thor den Handrücken übers Gesicht. Die Demütigung brannte in Thor, während alle Augen auf ihn gerichtet waren.

„Sprich nie wieder so mit deinem Vorgesetzten!“, rügte Kolk.

Bevor Thor antworten konnte, zogen die Männer weiter durch den Raum, zerrten einen Jungen nach dem anderen auf die Füße, traten manchen in die Rippen, wenn sie zu langsam waren.

„Keine Sorge“, kam eine ermutigende Stimme.

Er drehte sich um und sah Reece neben sich stehen.

„Es ist nicht persönlich gegen dich gerichtet. Das ist nur ihre Art. Ihre Art, uns kleinzukriegen.“

„Aber mit dir haben sie das nicht gemacht“, sagte Thor.

„Natürlich nicht; die würden mich nicht anrühren, wegen meines Vaters. Aber höflich sind sie auch nicht gerade. Immerhin wollen sie uns in Form bringen. Sie denken, das hier macht uns härter. Mach dir nicht allzu viel daraus.“

Die Jungen wurden allesamt aus der Kaserne verfrachtet und Thor und Reece fielen mit ein. Als sie nach draußen traten, traf Thor das grelle Sonnenlicht, und er kniff die Augen zusammen und hielt die Hand vors Gesicht. Plötzlich überkam ihn eine Welle von Übelkeit, und er drehte sich um, beugte sich vornüber, und übergab sich.

Er konnte die Jungen um ihn herum kichern hören. Eine Wache gab ihm einen Stoß und Thor stolperte vorwärts, zurück in die Reihe mit den anderen, und wischte sich den Mund ab. Thor hatte sich noch nie so elend gefühlt.

Neben ihm grinste Reece.

„Harte Nacht, wie?“, fragte er Thor mit einem breiten Grinsen und stupste ihm den Ellbogen in die Rippen. „Ich habe dich gewarnt, nach dem zweiten Kelch aufzuhören.“

Thor war schlecht, als die Sonne in seine Augen stach; sie hatte sich noch nie so kräftig angefühlt wie heute. Es war jetzt schon ein heißer Tag, und er konnte spüren, wie sich Schweißtropfen unter seiner Lederrüstung bildeten.

Thor versuchte, sich an Reeces Warnung vom Vorabend zurückzuerinnern—doch er konnte sich beim besten Willen nicht erinnern.

„Ich kann mich an keinen derartigen Ratschlag erinnern“, gab Thor zurück.

Reece grinste noch breiter. „Eben. Das liegt daran, dass du ihn nicht beachtet hast.“ Reece schmunzelte. „Und diese unbeholfenen Versuche, mit meiner Schwester zu sprechen“, setzte er hinzu. „Es war einfach nur armselig. Ich glaube nicht, dass ich in meinem Leben je einen Jungen erlebt habe, der sich so vor einem Mädchen gefürchtet hat.“

Thor errötete, als er versuchte, sich zu erinnern. Aber es gelang ihm nicht. Alles war so verschleiert.

„Ich möchte dir nicht zu nahe treten“, sagte Thor. „Wegen deiner Schwester.“

„Du kannst mir nicht zu nahe treten. Wenn sie dich auserwählen sollte, wäre ich begeistert.“

Die beiden marschierten schneller, als die Gruppe einen Hügel hinaufkam. Die Sonne schien mit jedem Schritt stärker zu werden.

„Aber ich muss dich warnen: jede Hand im Königreich will um ihre anhalten. Die Chancen, dass sie dich wählen sollte... nun, sagen wir einfach, sie sind gering.“

Als sie zunehmend schneller durch die weiten grünen Hügel von Königshof marschierten, fühlte sich Thor beruhigt. Er fühlte sich von Reece akzeptiert. Es war verblüffend, aber er fühlte nach wie vor, dass Reece mehr ein Bruder für ihn war, als er je einen gehabt hatte. Während sie voranschritten, bemerkte Thor seine drei richtigen Brüder, die in der Nähe marschierten. Einer von ihnen drehte sich um und warf ihm einen finsteren Blick zu, dann stupste er seinen anderen Bruder an, der ihm ein spöttisches Grinsen schickte. Sie schüttelten ihre Köpfe und wandten sich ab. Sie hatten nicht einmal ein nettes Wort für Thor übrig. Aber er hatte kaum etwas anderes erwartet.

„In Reihe aufstellen, Legion! Sofort!“

Thor blickte auf und sah, wie sich noch weitere der Silbernen um sie scharten und die Fünfzig von ihnen in eine enge Zweierreihe drängten. Ein Mann kam von hinten heran und schlug den Jungen, der vor Thor stand, mit einem langen Bambus-Stab, den er ihm fest auf den Rücken schnalzte; der Junge schrie auf und rückte enger in die Reihe. Bald waren sie in zwei ordentlichen Reihen formiert und marschierten stetig durch die Ländereien des Königs.

„Wenn ihr in die Schlacht zieht, marschiert ihr als Einheit!“, rief Kolk aus, der an der Kolonne entlang auf und ab lief. „Dies ist nicht der Hintergarten eurer Mutter. Ihr marschiert in den Krieg!“

Thor marschierte weiter und weiter neben Reece her, schwitzte in der Sonne und fragte sich, wohin sie wohl geführt wurden. Sein Magen war immer noch vom Bier beleidigt, und er fragte sich, wann er Frühstück bekommen würde, oder etwas zu trinken. Wieder einmal verfluchte er sich selbst dafür, am Abend zuvor getrunken zu haben.

Sie marschierten über die Hügel, unter einem gewölbten Steinbogen hindurch, und erreichten schließlich die umliegenden Felder. Sie passierten ein weiteres gewölbtes Steintor und betraten eine Art Kolosseum. Der Trainingsplatz der Legion.

Vor ihnen standen allerlei Zielscheiben für das Speerwerfen, Pfeilschießen und Steinschleudern, sowie auch Ballen von Stroh, an denen man Schwerthiebe üben konnte. Thors Herz schlug bei diesem Anblick höher. Er wollte loslegen, die Waffen benutzen, trainieren.

Doch als Thor sich gerade zum Trainingsbereich aufmachen wollte, wurde er plötzlich von hinten in die Rippen gestoßen, und eine kleine Gruppe von sechs Jungen, die meisten von ihnen jünger, wie Thor, wurden von der Hauptreihe weggetrieben. Er stellte fest, dass er von Reece getrennt worden war und auf die andere Seite des Platzes geführt wurde.

„Ihr denkt also, ihr werdet trainieren?“, fragte Kolk höhnisch, als sie sich von den anderen trennten und von den Zielscheiben entfernten. „Ihr seid heute mit Pferden dran.“

Thor blickte hoch und erkannte, wohin sie unterwegs waren: auf der entfernten Seite des Feldes liefen mehrere Pferde umher. Kolk warf ihm ein boshaftes Lächeln zu.

„Während die anderen Speere schleudern und Schwerter schwingen, werdet ihr heute die Pferde versorgen und ausmisten. Irgendwo müssen wir alle mal anfangen. Willkommen in der Legion.“

Thors Herz sank. So hatte er sich das aber gar nicht vorgestellt.

„Du denkst, du bist was Besonderes, Junge?“, fragte Kolk, der hinter ihm herankam und seinem Gesicht ganz nahe kam. Thor konnte fühlen, dass er versuchte, ihn kleinzukriegen. „Dass der König und sein Sohn dich so gerne haben, bedeutet mir einen Dreck. Du unterstehst jetzt meinem Kommando. Verstehst du? Es ist mir egal, welche tollen Tricks du am Turnierplatz aus dem Ärmel geschüttelt hast. Du bist nur ein weiterer kleiner Junge. Hast du mich verstanden?“

Thor schluckte. Ihm stand eine harte, harte Trainingszeit bevor.

Um es noch schlimmer zu machen: sobald Kolk sich wegbewegt hatte, um jemand anderen zu quälen, drehte sich der Junge vor Thor, ein kleingewachsener, stämmiger Bursche mit einer flachen Nase, zu ihm um und fauchte ihn an.

„Du gehörst nicht hierher“, sagte er. „Du hast dich hereingeschummelt. Du wurdest nicht ausgewählt. Du bist keiner von uns. Nicht wirklich. Niemand hier kann dich leiden.“

Der Junge neben ihm drehte sich ebenfalls zu Thor um und fauchte.

„Wir werden alles tun, damit du durchfällst“, sagte er. „Dazustoßen ist leicht, im Gegensatz zum Dabeibleiben.“

Thor wich vor ihrem Hass zurück. Er konnte nicht glauben, dass er jetzt schon Feinde hatte, und er verstand nicht, was er getan hatte, um das zu verdienen. Alles, was er je wollte, war, zur Legion zu gehören.

„Warum kümmert ihr euch nicht um eure eigenen Angelegenheiten?“, kam eine Stimme.

Thor blickte hinüber und sah einen großen, schmalen Jungen mit rotem Haar, Sommersprossen im Gesicht und kleinen, grünen Augen, der ihn in Schutz nahm. „Ihr zwei steckt hier beim Schaufeln fest wie wir anderen auch“, setzte er nach. „Ihr seid auch nicht so besonders. Geht und quält jemand anderen.“

„Kümmere du dich um deine Angelegenheiten, Lakai“, schoss einer der Jungen zurück, „oder du kommst auch auf unsere Liste.“

„Versuchs doch“, schnauzte der Rotschopf.

„Ihr sprecht dann, wenn ich es euch sage“, schrie Kolk einen der Jungen an und knallte ihm kräftig eine auf den Kopf. Die beiden Jungen vor Thor drehten sich dadurch zum Glück wieder nach vorne.

Thor wusste kaum, was er sagen sollte; er fiel neben dem Rotschopf ein, dem er dankbar war.

„Danke“, sagte Thor.

Der Rotschopf lächelte ihn an.

„O’Connor der Name. Ich würde dir die Hand schütteln, aber sie würden mir eine knallen, wenn wir das täten. Also betrachte das hier als unsichtbaren Handschlag.“

Er grinste breiter, und Thor mochte ihn auf der Stelle.

„Vergiss die“, fügte er hinzu. „Sie haben bloß Angst. Wie wir alle. Niemand hier weiß so genau, auf was wir uns eingelassen haben.“

Bald erreichte die Gruppe das Ende des Feldes und Thor sah sechs Pferde, die herumtänzelten.

„Nehmt sie an den Zügeln!“, befahl Kolk. „Haltet sie still und führt sie in der Arena herum, bis sie sich fügen. Los!“

Thor trat vor und wollte die Zügel eines der Pferde greifen, da wich das Pferd zurück und stellte sich auf die Hinterhufe; fast hätte es ihn dabei getreten. Erschrocken stolperte Thor rückwärts, und die anderen in der Gruppe lachten ihn aus. Kolk versetzte ihm einen harten Schlag auf den Hinterkopf, und ihm war danach, sich umzudrehen und zurückzuschlagen.

„Du bist jetzt bei der Legion. Du weichst nicht zurück. Vor niemandem. Nicht Mann, nicht Tier. Jetzt greif dir diese Zügel!“

Thor gab sich einen Ruck, trat vor und packte die Zügel des aufgebäumten Pferdes. Er schaffte es, nicht loszulassen, während das Pferd zog und zerrte, und er führte es langsam um das weite Feld herum, in einer Reihe mit den anderen. Sein Pferd zerrte an ihm, leistete Widerstand, doch Thor zerrte zurück und gab nicht so leicht auf.

„Es wird mit der Zeit leichter, sagt man.“

Thor blickte sich um und sah O’Connor zu ihm aufholen und grinsen. „Sie wollen uns kleinkriegen, weißt du?“

Auf einmal blieb Thors Pferd stehen. Egal, wie sehr er an den Zügeln zerrte, es regte sich nicht vom Fleck. Dann stieg Thor ein furchtbarer Gestank in die Nase; aus dem Pferd kam mehr Mist hervor, als er je für möglich gehalten hatte. Es schien kein Ende zu nehmen.

Thor fühlte, wie ihm eine kleine Schaufel in die Hand gedrückt wurde, und sah Kolk neben sich, der zu ihm hinunterlächelte.

„Mach es sauber!“, polterte er.

KAPITEL ZWÖLF

Gareth stand im Gedränge des Marktplatzes, trotz der Mittagssonne in einen Umhang gehüllt, unter dem er schwitzte; er versuchte, unerkannt zu bleiben. Er bemühte sich sonst, diesen Teil von Königshof zu meiden, diese übervölkerten Gassen, die nach Menschen, dem gemeinen Volk, stanken. Um ihn herum handelten Leute, feilschten, versuchten, einander zu übervorteilen. Gareth stand an einem Marktstand an der Ecke, gab vor, am Obst des Händlers interessiert zu sein, und hielt sich bedeckt. Nur wenige Fuß entfernt stand Firth am Ende einer dunklen Gasse und tat, wofür sie hier hergekommen waren.

Gareth stand in Hörweite der Unterhaltung, mit dem Rücken zu ihnen, sodass er nicht gesehen werden konnte. Firth hatte ihm von einem Mann erzählt; einem Söldner, der ihm eine Phiole mit Gift verkaufen würde. Gareth wollte etwas Starkes, etwas, das mit Sicherheit seinen Zweck tun würde. Er konnte kein Risiko eingehen. Immerhin stand sein eigenes Leben auf dem Spiel.

Es war kaum etwas, worum er den örtlichen Apotheker bitten konnte. Er hatte Firth auf die Sache angesetzt, der die Fühler auf dem Schwarzmarkt ausgestreckt und ihm Bericht erstattet hatte. Nach vielen Hinweisen hatte Firth sie zu diesem ungepflegten Typen geführt, mit dem er nun verstohlen am Ende der Gasse sprach. Gareth hatte darauf bestanden, bei der endgültigen Übergabe dabei zu sein, um sicherzustellen, dass alles glatt lief—dass er nicht beschwindelt wurde und einen wirkungslosen Trank erhielt. Das traute er Firth nicht mit völliger Sicherheit zu. Manche Angelegenheiten musste man selbst in die Hand nehmen.

Sie hatten eine halbe Stunde auf diesen Mann gewartet, während derer Gareth am geschäftigen Markt umhergerempelt wurde und betete, nicht erkannt zu werden. Selbst wenn, dachte er sich, solange er mit dem Rücken zur Gasse stand, konnte er einfach davongehen, falls jemand wusste, wer er war, und niemand würde einen Zusammenhang herstellen können.

„Wo ist die Phiole?“, fragte Firth nur wenige Fuß entfernt den Unhold.

Gareth drehte sich ein klein wenig herum, fast unmerklich, und lugte aus der Ecke seines Umhanges hervor. Firth gegenüber stand ein bösartig aussehender Mann, ungepflegt, zu dürr, mit eingesunkenen Wangen und riesigen schwarzen Augen. Er hatte etwas von einer Ratte an sich. Er starrte Firth an, ohne zu blinzeln.

„Wo ist das Geld?“, erwiderte er.

Gareth konnte nur hoffe, dass Firth die Sache in der Hand hatte: er fand üblicherweise immer einen Weg, die Dinge zu vermasseln.

„Du sollst dein Geld bekommen, sobald du mir die Phiole gibst“, blieb Firth standhaft.

Gut, dachte Gareth beeindruckt.

Für einen Augenblick herrschte eine schwere Stille, dann:

„Gib mir die Hälfte des Geldes gleich, und ich werde dir sagen, wo die Phiole ist.“

„Wo sie ist?“, wiederholte Firth, und seine Stimme erhob sich überrascht. „Du sagtest, ich würde sie bekommen.“

„Ich sagte, du wirst sie bekommen, ja. Ich habe nicht gesagt, dass ich sie mitbringe. Hältst du mich für dumm? Spione sind überall. Ich weiß nicht, was du vorhast—aber ich nehme an, es ist nichts Belangloses. Warum sollte man sonst eine Phiole mit Gift kaufen?“

Firth hielt inne und Gareth wusste, dass er überrumpelt worden war.

Schließlich hörte Gareth das unverkennbare Geräusch von Münzen und spähte hinüber, um zuzusehen, wie das königliche Gold von Firths Beutel in die Hand des Mannes geleert wurde.

Gareth wartete, die Sekunden zogen sich in die Länge, und er machte sich wachsende Sorgen, dass sie übers Ohr gehauen worden waren.

„Du nimmst die Straße zum Schwarzwald“, antwortete der Mann endlich. „An der dritten Meile biegst du in den Pfad ein, der den Hügel hinauf führt. Oben angekommen, biege noch einmal ab, diesmal nach links. Du wirst durch den düstersten Wald kommen, den du je gesehen hast, und dann eine kleine Lichtung erreichen. Die Hütte der Hexe. Sie wird dort auf dich warten—mit der Phiole, die du begehrst.“

Gareth spähte aus seiner Kapuze hervor und sah, wie Firth sich aufmachte zu gehen. Da streckte der Mann die Hand aus und packte ihn plötzlich fest am Hemd.

„Das Geld“, knurrte der Mann. „Es reicht nicht aus.“

Gareth konnte sehen, wie sich Furcht über Firths Gesicht zog und bereute, ihn zu dieser Aufgabe geschickt zu haben. Dieser ungehobelte Kerl musste seine Furcht gespürt haben—und machte sie sich nun zunutze. Firth war für solche Sachen einfach nicht geschaffen.

„Aber ich habe dir exakt das gegeben, was du verlangt hast“, protestierte Firth, mit allzu hoch erhobener Stimme. Er wirkte weibisch. Und das schien den Mann dreister zu machen.

Der Mann grinste boshaft zurück.

„Und jetzt verlange ich mehr.“

Firths Augen wurden weit mit Furcht und Verunsicherung. Dann drehte sich Firth plötzlich um und blickte direkt zu Gareth.

Gareth wandte sich ab und hoffte, dass es nicht zu spät war—dass er nicht entdeckt worden war. Wie konnte Firth so bescheuert sein? Er betete, dass er ihn nicht verraten hatte.

Gareths Herz raste, während er abwartete. Nervös betatschte er das Obst, Interesse heuchelnd. Hinter ihm herrschte Schweigen, das sich in die Länge zog, während Gareth all die Dinge durch den Kopf gingen, die schief laufen konnten.

Bitte lass ihn nicht hier herüber kommen, betete Gareth innerlich. Bitte. Ich tue alles dafür. Ich gebe meinen Plan auf.

Er spürte, wie ihm eine grobe Hand auf den Rücken klopfte. Er wirbelte herum.

Die großen, schwarzen, seelenlosen Augen des Unholdes starrten in seine.

„Du hast gar nicht erwähnt, dass du einen Kumpanen hast“, knurrte der Mann. „Oder bist du ein Spion?“

Bevor Gareth es verhindern konnte, streckte der Mann die Hand aus und riss ihm die Kapuze vom Kopf. Er bekam einen guten Blick auf Gareths Gesicht, und seine Augen weiteten sich vor Schreck.

„Der königliche Prinz“, stammelte der Mann. „Was tut Ihr hier?“

Eine Sekunde später verengten sich die Augen des Mannes mit der Einsicht, und er gab sich die Antwort selbst, mit einem kleinen, zufriedenen Lächeln darüber, dass er den gesamten Plan augenblicklich durchschaut hatte. Er war wesentlich schlauer, als Gareth gehofft hatte.

„Ich verstehe“, sagte der Mann. „Diese Phiole—sie war für Euch, nicht wahr? Ihr plant, jemanden zu vergiften, nicht wahr? Aber wen? Ja, das ist die Frage...“

Gareths Gesicht lief vor Beunruhigung rot an. Dieser Mann—er war zu schlau. Es war zu spät. Seine ganze Welt löste sich vor seinen Augen auf. Firth hatte es vermasselt. Wenn dieser Mann Gareth verriet, würde er zum Tode verurteilt werden.

„Euren Vater vielleicht?“, fragte der Mann, und seine Augen leuchteten bei der Erkenntnis auf. „Ja, das muss es wohl sein, nicht wahr? Ihr wurdet übergangen. Euer Vater. Ihr wollt Euren Vater töten.“

Gareth hatte genug. Ohne zu zögern machte er einen Schritt nach vorne, zog einen kleinen Dolch aus seinem Umhang hervor und versenkte ihn in der Brust des Mannes. Der Mann keuchte überrascht auf.

Gareth wollte nicht, dass irgendwelche Umstehenden dies beobachten konnten, also schnappte er den Mann an seiner Tunika und zog ihn näher an sich heran, immer näher, bis ihre Gesichter einander fast berührten und er seinen faulen Atem riechen konnte. Mit seiner freien Hand langte er hoch und hielt dem Mann den Mund zu, bevor der noch schreien konnte. Gareth spürte, wie das heiße Blut des Mannes auf seine Hand tropfte, durch seine Finger lief.

Firth kam neben ihn und stieß einen entsetzten Schrei aus.

Gareth hielt den Mann für gute sechzig Sekunden so fest, bis er endlich fühlen konnte, wie er in seinen Armen erschlaffte. Er ließ ihn in sich zusammensacken, ein Häufchen am Boden.

Gareth blickte sich nach allen Seiten um und fragte sich, ob er gesehen worden war; glücklicherweise drehten sich auf diesem geschäftigen Marktplatz, in dieser dunklen Gasse keine Köpfe nach ihm um. Er nahm seinen Umhang ab und warf ihn über den leblosen Haufen.

„Es tut mir so leid, so leid, so leid“, wiederholte Firth unaufhörlich, hysterisch weinend und zitternd wie ein kleines Mädchen, während er auf Gareth zuging. „Alles in Ordnung mit dir? Alles in Ordnung?“

Gareth holte aus und schlug ihm den Handrücken ins Gesicht.

„Halt deinen Mund und verzieh dich von hier“, zischte er.

Firth drehte sich um und eilte davon.

Gareth machte sich bereit zu gehen, doch dann blieb er stehen und drehte sich zurück. Eines hatte er noch zu erledigen: er streckte die Hand nach unten, schnappte sich den Münzbeutel aus der Hand des toten Mannes und steckte ihn sich zurück an den Gürtel.

Der Mann würde keine Verwendung mehr dafür haben.

KAPITEL DREIZEHN

Gareth wanderte eilig mit Firth an seiner Seite den Waldpfad entlang, trotz der Hitze seine Kapuze über den Kopf gezogen. Er konnte kaum fassen, dass er nun in exakt der Situation war, die er vermeiden wollte. Nun gab es einen Toten, eine Spur. Wer weiß, mit wem dieser Mann aller geredet hatte. Firth hätte im Umgang mit diesem Mann umsichtiger sein müssen. Nun konnte die Spur am Ende zu Gareth führen.

„Es tut mir leid“, sagte Firth, der sich beeilte, mit ihm Schritt zu halten.

Gareth ignorierte ihn, verdoppelte seine Schritte und brodelte.

„Was du getan hast, war närrisch und schwach“, sagte Gareth. „Du hättest niemals zu mir herüberblicken sollen.“

„Ich wollte es nicht. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, als er mehr Geld verlangte.“

Firth hatte recht: es war eine knifflige Situation gewesen. Der Mann war ein selbstsüchtiges, gieriges Schwein gewesen, der die Spielregeln geändert hatte und den Tod verdiente. Gareth weinte ihm keine Träne nach. Er betete nur, dass niemand den Mord beobachtet hatte. Das Letzte, was er brauchen konnte, war eine Spur. In den Nachwehen des Mordanschlags auf seinen Vater würde es genaueste Untersuchungen geben, und er konnte sich nicht leisten, auch nur die kleinste Spur von Hinweisen zu hinterlassen, denen man nachgehen konnte.

Zumindest waren sie mittlerweile in Schwarzwald. Trotz der Sommersonne war es hier beinahe finster, die aufragenden Eukalyptusbäume verdeckten jeden Sonnenstrahl. Es passte zu seiner Stimmung. Gareth hasste diesen Ort. Er wanderte weiter über den gewundenen Pfad, der Wegbeschreibung des toten Mannes folgend. Er hoffte, der Mann hatte die Wahrheit gesagt und führte sie nicht in die Irre. Die ganze Sache konnte genauso gut eine Lüge sein. Oder es könnte sie in eine Falle führen, zu irgendeinem Freund von ihm, der darauf lauerte, ihnen noch mehr Geld zu rauben.

Gareth schimpfte mit sich selbst. Er hatte zu viel Vertrauen in Firth gelegt. Er hätte die ganze Sache selbst in die Hand nehmen sollen. Wie er es immer tat.

„Du hoffst besser, dass dieser Pfad uns wirklich zu der Hexe führt“, stichelte Gareth, „und dass sie das Gift hat.“

Sie folgten einem Pfad nach dem anderen, bis sie an einer Gabelung ankamen, wie es der Mann beschrieben hatte. Das verhieß Gutes, und Gareth war ein wenig erleichtert. Sie hielten sich rechts, erklommen einen Hügel und kamen bald zur zweiten Abzweigung. Seine Beschreibung traf zu: vor ihnen lag tatsächlich der dunkelste Fleck Wald, den Gareth je gesehen hatte. Die Bäume standen unwahrscheinlich dicht und verkrümmt beieinander.

Gareth betrat den Wald und spürte, wie ihm augenblicklich ein Schauer über den Rücken lief; er konnte das Böse spüren, das in der Luft hing. Er konnte kaum glauben, dass es immer noch Tag war.

Gerade als er es mit der Angst bekam und überlegte, umzukehren, endete der Pfad vor ihm in einer kleinen Lichtung. Sie wurde von einer einzelnen Säule aus Sonnenlicht erhellt, die durch das Blätterdach hereinbrach. In der Mitte stand ein kleines Häuschen aus Stein. Die Hütte der Hexe.

Gareths Herz schlug schneller. Er betrat die Lichtung und blickte sich um, um sicherzugehen, dass niemand ihn beobachtete, es keine Falle war.

„Siehst du, er hat die Wahrheit gesagt“, sagte Firth mit Aufregung in der Stimme.

„Das bedeutet noch gar nichts“, rügte Gareth. „Bleib draußen und halte Wache. Klopf an, wenn sich jemand nähert. Und halte deinen Mund.“

Gareth hielt sich nicht damit auf, an die kleine, gewölbte Holztür vor ihm zu klopfen. Stattdessen packte er den eisernen Griff, drückte die zwei Finger dicke Türe auf und zog den Kopf ein, während er eintrat und sie hinter sich zuzog.

Drinnen war es dunkel, nur von Kerzen erleuchtet, die im Zimmer verteilt waren. Es war eine Hütte mit nur einem Zimmer, ohne Fenster, und sie war in eine gewichtige Atmosphäre gehüllt. Er stand von der schweren Stille erstickt da, auf alles vorbereitet. Er konnte die Bösartigkeit hier drin spüren. Sie jagte ihm Schauer über die Haut.

In den Schatten bemerkte er Bewegung, dann ein Geräusch.

Auf ihn zu humpelte ein altes Weib, verrunzelt und buckelig. Sie hob eine Kerze hoch, die ihr Gesicht voller Falten und Warzen erleuchtete. Sie sah uralt aus, älter als die knorrigen Bäume, hinter denen sich ihre Hütte verbarg.

„Du trägst eine Kapuze, sogar im Dunkeln“, sagte sie mit einem finsteren Lächeln und einer Stimme wie knarrendes Holz. „Dein Vorhaben ist nicht unschuldig.“

„Ich bin hier, um eine Phiole abzuholen“, sagte Gareth schnell. Er versuchte, tapfer und selbstsicher zu klingen, doch er konnte das Zittern in seiner Stimme hören. „Mulraunen-Wurzel. Man sagt mir, Ihr habt sie in Eurem Besitz.“

Es folgte eine lange Stille, die von einem schrecklichen Gelächter unterbrochen wurde. Es hallte in dem kleinen Zimmer wider.

„Ob ich es in meinem Besitz habe oder nicht, ist nicht die Frage. Die Frage ist: warum willst du es haben?“

Gareths Herz pochte, als er versuchte, eine Antwort zu bilden.

„Was kümmert es Euch?“, fragte er schließlich.

„Ich finde es unterhaltsam, zu erfahren, wenn du zu töten gedenkst“, sagte sie.

„Das geht Euch nichts an. Ich habe Geld für Euch gebracht.“

Gareth griff an seinen Gürtel, zog einen Beutel voll Gold hervor, zusammen mit dem Goldbeutel, den er dem toten Mann gegeben hatte, und knallte sie beide auf ihren kleinen Holztisch. Der Klang von metallenen Münzen hallte durch das Zimmer.

Er betete, dass es sie befriedigen würde; dass sie ihm geben würde, was er wollte, und er von diesem Ort verschwinden konnte.

Die Hexe streckte einen einzelnen Finger mit einem langen, gebogenen Fingernagel aus, hob einen der Beutel hoch und inspizierte ihn. Gareth hielt den Atem an und hoffte, dass sie nicht noch mehr verlangen würde.

„Dies reicht möglicherweise gerade dafür aus, mein Schweigen zu erkaufen“, sagte sie.

Sie drehte sich um und humpelte in die Finsternis. Es gab ein Zischen, und neben einer Kerze konnte Gareth sehen, wie sie eine Flüssigkeit in eine kleine Phiole aus Glas mischte. Es blubberte über und sie steckte einen Korken hinein. Die Zeit schien sich still zu stehen, während Gareth mit wachsender Ungeduld wartete. Eine Million Sorgen rasten ihm durch den Kopf: was, wenn er entdeckt würde? Genau hier und jetzt? Was, wenn sie ihm die falsche Phiole gäbe? Was, wenn sie jemandem von ihm erzählte? Hatte sie ihn erkannt? Er konnte es nicht sagen.

Gareth bekam zunehmend Bedenken über diese ganze Sache. Er hätte sich nie gedacht, wie schwer es sein würde, jemanden zu ermorden.

Nach einem Schweigen, das ihm endlos erschien, kam die Hexe zurück. Sie überreichte ihm die Phiole, die so klein war, dass sie fast in seiner Hand verschwand.

„So eine kleine Phiole?“, fragte er. „Und wird sie ihren Zweck erfüllen?“

Sie lächelte.

„Du würdest staunen, wie wenig es bedarf, einen Mann zu töten.“

Gareth drehte sich um und war auf dem Weg zur Tür hinaus, als er plötzlich einen kalten Finger auf seiner Schulter spürte. Er hatte keine Ahnung, wie sie es geschafft hatte, das Zimmer so schnell zu durchqueren, und es jagte ihm Angst ein. Wie angefroren stand er da, wagte nicht, sich umzudrehen und sie anzusehen.

Sie drehte ihn zu sich herum, beugte sich nahe zu ihm vor—ein fürchterlicher Geruch ging von ihr aus—dann streckte sie plötzlich beide Hände aus, packte seine Wangen und küsste ihn, ihre schrumpeligen Lippen fest auf seine gepresst.

Gareth ekelte sich. Es war das Widerlichste, das ihm je widerfahren war. Ihre Lippen waren wie die Lippen einer Echse, ihre Zunge, die sie auf seine presste, wie die eines Reptils. Er versuchte, sich zurückzuziehen, aber sie hielt sein Gesicht fest und zog ihn fester zu sich.

Endlich schaffte er es, sich wegzureißen. Er wischte sich den Mund mit dem Handrücken ab, und sie lehnte sich zurück und kicherte.

„Das erste Mal, dass du jemanden tötest, ist es am schwersten“, sagte sie. „Es wird dir beim nächsten Mal viel leichter fallen.“

*

Gareth rannte aus der Hütte, zurück auf die Lichtung, wo er Firth wartend vorfand.

„Was ist los? Was ist passiert?“, fragte Firth besorgt. „Du siehst aus, als hätte dich jemand erstochen. Hat sie dir wehgetan?“

Gareth hielt schwer atmend an und wischte sich wieder und wieder den Mund. Er wusste kaum, was er darauf antworten sollte.

„Lass uns von diesem Ort verschwinden“, sagte er. „Jetzt sofort!“

Als sie sich fortbewegten, aus der Lichtung hinaus in den schwarzen Wald, wurde die Sonne plötzlich von Wolken verdeckt, die über den Himmel rasten und den schönen Tag kalt und finster werden ließen. Gareth hatte noch nie so dichte, schwarze Wolken gesehen, die so schnell aufzogen. Er wusste: was auch immer gerade passierte, es war nicht natürlich. Er war besorgt darüber, wie groß die Kräfte dieser Hexe waren, als ein kalter Wind in den Sommertag aufstieg und ihm den Rücken hochkroch. Er wurde das Gefühl nicht los, sie hätte mit diesem Kuss irgendwie Macht über ihn erlangt, eine Art Fluch über ihn gelegt.

„Was ist da drinnen passiert?“, fragte Firth nachdrücklich.

„Ich will nicht darüber sprechen“, sagte Gareth. „Ich will über diesen Tag nicht nachdenken—nie wieder.“

Die beiden eilten den Pfad zurück, den Hügel hinunter, und kamen bald wieder zum großen Waldweg, der zurück nach Königshof führte. Gerade als Gareth sich erleichterter fühlte, bereit, diesen ganzen Ausflug in die hinterste Ecke seiner Erinnerung zu verbannen, hörte er plötzlich ein weiteres Paar Stiefel. Er drehte sich um und sah eine Gruppe Männer auf sie zumarschieren. Er konnte es nicht glauben.

Sein Bruder. Godfrey. Der Trunkenbold. Er spazierte lachend auf sie zu, umringt von dem verbrecherischen Harry und zwei anderen seiner nichtsnutzigen Freunde. Ausgerechnet hier und jetzt musste ihm sein Bruder über den Weg laufen. Im Wald, mitten im Nirgendwo. Gareth fühlte sich, als wäre sein gesamter Plan verflucht.

Gareth wandte sich ab, zog sich die Kapuze übers Gesicht und verdoppelte seinen Schritt, betete, dass er nicht entdeckt worden war.

„Gareth?“, rief die Stimme aus.

Gareth hatte keine Wahl. Er blieb wie erstarrt stehen, schlug die Kapuze zurück und drehte sich zu seinem Bruder um, der fröhlich auf ihn zutanzte.

„Was machst du denn hier?“, fragte Godfrey.

Gareth öffnete den Mund, schloss ihn aber dann wieder, stammelte, fand keine Worte.

„Wir unternahmen eine Wanderung“, warf Firth ein und rettete ihn.

„Eine Wanderung, wie?“, ahmte einer von Godfreys Freunden Firth mit hoher, weibischer Stimme nach. Auch seine Freunde lachten. Gareth wusste, dass ihn sein Bruder und seine Freunde alle für seine Veranlagung verurteilten—aber das war ihm jetzt gerade ziemlich egal. Er musste nur das Thema wechseln. Er wollte nicht, dass sie sich fragten, was er hier draußen verloren hatte.

„Was machst du hier draußen?“, fragte Gareth und drehte den Spieß um.

„Eine neue Taverne hat nahe Südwald eröffnet“, antwortete Godfrey. „Wir haben sie gerade ausprobiert. Das beste Bier im ganzen Königreich. Willst du probieren?“, fragte er und streckte einen Krug vor.

Gareth schüttelte rasch den Kopf. Er wusste, er brauchte eine Ablenkung, und er dachte sich, dass das am besten mit einem Themenwechsel, einer Zurechtweisung gelingen würde.

„Vater wäre fuchsteufelswild, wenn er dich beim Trinken am helllichten Tag erwischen würde“, sagte Gareth. „Ich schlage vor, du stellst das da ab und kehrst zum Hof zurück.“

Es funktionierte. Godfrey funkelte ihn an und dachte sichtlich nicht länger über Gareth nach, sondern über Vater und sich selbst.

„Und seit wann kümmern dich die Bedürfnisse unseres Vaters?“, warf er zurück.

Gareth reichte es. Er hatte keine Zeit, um sie mit einem Trunkenbold zu verschwenden. Er hatte erreicht, was er wollte—ihn abgelenkt—und nun würde er hoffentlich nicht zu stark darüber nachdenken, warum er ihm hier begegnet war.

Gareth wandte sich ab und eilte den Pfad entlang, hinter ihm ihr spöttisches Gelächter. Es kümmerte ihn nicht mehr. Bald würde er es sein, der zuletzt lachte.

KAPITEL VIERZEHN

Thor saß an einem Holztisch, fleißig mit dem Pfeil und Bogen beschäftigt, die in Einzelteilen vor ihm lagen. Neben ihm saß Reece, zusammen mit mehreren anderen der Legion. Sie alle waren über ihre Waffen gebeugt, schwer damit beschäftigt, die Bogen zu schnitzen und die Sehnen zu spannen.

„Ein Krieger weiß, wie er seinen eigenen Bogen bespannt“, rief Kolk aus, während er die Reihen der Jungen auf und ab schritt, sich über sie lehnte, und die Arbeit jedes einzelnen begutachtete. „Die Spannung muss genau richtig sein. Zu lose, und euer Pfeil wird das Ziel nicht erreichen. Zu fest, und ihr könnt nicht gut zielen. Waffen brechen im Kampf. Waffen brechen auf der Reise. Ihr müsst wissen, wie ihr sie unterwegs reparieren könnt. Der größte Krieger ist auch ein Schmied, ein Tischler, ein Schuster, einer, der alles Kaputte wieder richten kann. Und ihr kennt eure Waffen nicht richtig, bevor ihr sie nicht selbst repariert habt.“

Kolk blieb hinter Thor stehen und beugte sich über seine Schulter. Er riss den Holzbogen aus Thors Hand, wobei die Sehne ihn an der Handfläche verletzte.

„Die Sehne ist nicht straff genug“, tadelte er. „Der Bogen ist ungerade. Wenn du eine solche Waffe im Kampf verwendest, wirst du mit Sicherheit sterben. Und dein Partner wird mit dir mit sterben.“

Kolk knallte den Bogen auf den Tisch zurück und zog weiter; einige andere Jungen kicherten. Thor wurde rot, als er die Sehne wieder in die Hand nahm, sie so straff spannte, wie er nur konnte, und sie um die Kerbe im Bogen wickelte. Er saß schon seit Stunden daran, der krönende Abschluss eines erschöpfenden Tages voll körperlicher Arbeit und niederer Aufgaben.

Die meisten anderen hatten ihn mit Training, Übungen, Schwertkampf verbracht. Er hatte hochgesehen und in der Ferne seine Brüder gesehen, alle drei, wie sie lachend ihre Holzschwerter gegeneinander schlugen; wie immer fühlte sich Thor, als würden sie überlegen sein, während er in ihrem Schatten zurück blieb. Es war ungerecht. Er fühlte sich immer mehr, als wäre er hier unerwünscht, als wäre er kein wahres Mitglied der Legion.

„Keine Sorge, du kriegst es schon noch raus“, sagte O’Connor neben ihm.

Thors Handflächen waren von den vielen Versuchen ganz wund; er zog die Sehne ein letztes Mal zurück, diesmal mit aller Kraft, und endlich, zu seiner Überraschung, hakte sie ein. Die Sehne passte sauber in die Kerbe, und Thor zog mit aller Kraft daran, bis er schwitzte. Er verspürte eine enorme Zufriedenheit mit seinem Bogen, der nun so stark war, wie er sein sollte.

Die Schatten wurden schon länger, als Thor mit dem Handrücken über seine Stirn wischte und sich fragte, wie lange es noch so weitergehen würde. Er grübelte darüber, was es bedeutete, ein Krieger zu sein. In seinem Kopf hatte er es anders gesehen. Er hatte es sich als ständiges Training vorgestellt, die ganze Zeit. Aber er nahm an, das hier war auch eine Art Training.

„Ich habe mir das hier auch anders vorgestellt“, sagte O’Connor, als würde er seine Gedanken lesen.

Thor drehte sich um und war beruhigt, als er das beständige Lächeln seines Freundes erblickte.

„Ich komme aus der Nordprovinz“, sprach er weiter. „Ich habe auch mein ganzes Leben davon geträumt, zur Legion zu kommen. Ich glaube, ich habe es mir als ein ständiges Üben und Kämpfen vorgestellt. Nicht all diese niederen Aufgaben. Aber es wird besser werden. Das ist nur, weil wir die Neuen sind. Es ist eine Art Aufnahmeprüfung. Es scheint hier eine Rangordnung zu geben. Noch dazu sind wir die Jüngsten. Ich sehe nicht, dass die Neunzehnjährigen so was hier tun. Es kann nicht ewig so weiter gehen. Außerdem ist es ganz nützlich, diese Fertigkeit zu lernen.“

Ein Horn erklang. Thor blickte hinüber und sah, wie der Rest der Legion sich neben einer hohen Steinmauer in der Mitte des Feldes versammelte. Seile waren über sie gelegt, im Abstand von je zehn Fuß. Die Mauer musste dreißig Fuß hoch sein, und unter ihr waren Heuballen aufgebreitet.

„Worauf wartet ihr?“, brüllte Kolk. „BEWEGUNG!“

Die Silbernen scharten sich um sie, fingen zu schreien an, und ehe Thor es sich versah, waren alle anderen von ihren Bänken aufgesprungen und rannten über das Feld zur Mauer.

Bald waren sie alle dort versammelt und standen vor den Seilen. Eine gespannte Aufregung lag in der Luft, während alle Legionäre beieinander standen. Thor war außer sich vor Freude, endlich etwas mit den anderen gemeinsam zu tun, und er merkte, wie es ihn zu Reece hinüberzog, der mit einem weiteren seiner Freunde beisammenstand. O’Connor gesellte sich ebenfalls zu ihnen.

„In der Schlacht werdet ihr feststellen, dass die meisten Städte befestigt sind“, dröhnte Kolk, sein Blick über die Gesichter der Jungen schweifend. „Die Befestigungen zu durchbrechen, ist die Aufgabe der Soldaten. Bei einer typischen Belagerung werden Seile und Fanghaken verwendet, ähnlich derer, die wir hier über diese Mauer geworfen haben, und das Hochklettern an einer Mauer ist eines der gefährlichsten Dinge, die euch in einer Schlacht unterkommen werden. Nur in wenigen anderen Fällen werdet ihr so freistehend, so angreifbar sein. Der Feind wird geschmolzenes Blei auf euch gießen. Sie werden mit Pfeilen schießen. Mit Felsbrocken werfen. Klettert keine Mauer hoch, bevor der Augenblick perfekt ist. Und wenn ihr es dann tut, klettert um euer Leben—sonst riskiert ihr den Tod.“

Kolk holte tief Luft und brüllte dann: „LOS!“

Um ihn herum sprangen die Jungen in Aktion, jeder stürmte auf ein Seil zu. Thor lief auf ein freies Seil zu und war gerade dabei, es zu packen, als ein älterer Junge es zuerst erwischte und ihn aus dem Weg rempelte. Thor stolperte umher und packte sich das nächste Seil, das er finden konnte, ein dickes, knotiges Tau. Thors Herz klopfte, als er langsam seinen Weg die Mauer hinauf kletterte.

Der Tag war nebelig geworden und Thors Füße rutschten auf dem feuchten Stein. Trotzdem kam er gut voran und musste feststellen, dass er schneller als die meisten anderen war, beinahe in Führung, während er sich weiter hochzog. Zum ersten Mal an diesem Tag fing er an, sich gut zu fühlen, einen Sinn von Stolz zu verspüren.

Plötzlich traf ihn etwas Hartes an der Schulter. Er blickte hoch und sah Angehörige der Silbernen oben auf der Mauer, die kleine Felsbrocken herunterwarfen, Holzstücke, alle Arten von Schutt. Der Junge am Seil neben Thor hob eine Hand, um sein Gesicht abzuschirmen, verlor den Halt und fiel rücklings auf den Boden hinunter. Er fiel gut zwanzig Fuß und landete in einem Heuhaufen unter ihnen.

Thor verlor auch langsam den Halt, schaffte es aber irgendwie, sich festzuhalten. Eine Keule segelte herunter und traf Thor kräftig am Rücken, doch er kletterte weiter. Er kam gut voran und dachte schon, dass er vielleicht der Erste oben sein würde, als er plötzlich einen starken Tritt in die Rippen spürte. Er konnte nicht einmal verstehen, woher es kam, bis er hinüberblickte und einen der Jungen neben sich sah, der zur Seite schwang. Bevor Thor reagieren konnte, trat der Junge erneut auf ihn ein.

Diesmal verlor Thor seinen Halt und segelte rückwärts durch die Luft, mit rudernden Armen. Er landete mit seinem Rücken im Heu, erschrocken, aber unverletzt.

Thor raffte sich auf Hände und Knie auf, kam wieder zu Atem und blickte sich um: überall um ihn herum fielen Jungen wie die Fliegen von den Seilen und landeten im Heu, von jemand anderem getreten oder gestoßen—oder wenn nicht, dann von den Silbernen oben heruntergetreten. Wer nicht fiel, dessen Seil wurde durchtrennt, so dass auch sie herunterkrachten. Kein Einziger von ihnen kam oben an.

„Auf die Füße!“, schrie Kolk. Thor sprang auf, so wie die anderen auch.

„SCHWERTER!“

Die Jungen rannten gesammelt zu einem riesigen Gestell mit Holzschwertern. Thor schloss sich ihnen an und griff sich eines, schockiert darüber, wie schwer es war. Es wog zweimal so viel wie jede Waffe, die er je gehoben hatte. Er konnte es kaum halten.

„Schwere Schwerter, los!“, kam ein Aufruf.

Thor blickte hoch und sah diesen riesigen Tölpel Elden—den Jungen, der ihn am ersten Tag, als er zur Legion kam, angegriffen hatte. Thor erinnerte sich nur allzu gut an ihn: sein Gesicht schmerzte immer noch von den Beulen, die er ihm verpasst hatte. Elden ging auf ihn los, mit hoch erhobenem Schwert und einem Ausdruck glühender Wut auf dem Gesicht.

Thor hob sein Schwert im letzten Moment und schaffte es, Eldens Hieb abzuwehren, doch das Schwert war so schwer, dass er ihn kaum zurückhalten konnte. Elden, der größer und schwerer war als er, beugte sich herum und trat Thor kräftig in die Rippen.

Thor fiel schmerzend auf die Knie. Elden holte noch einmal aus, um ihm ins Gesicht zu schlagen, doch Thor schaffte es, die Arme zu heben und den Schlag im letzten Moment abzuwehren. Doch Elden war zu flink und stark; er schwang das Schwert herum und traf Thor am Bein, und er fiel seitlich zu Boden.

Eine kleine Schar an Jungen versammelte sich um sie, jubelnd und johlend, und ihr Kampf zog alle Aufmerksamkeit auf sich. Es schien, als würden alle auf Eldens Seite stehen.

Elden schwang sein Schwert nochmals mit einem kräftigen Hieb abwärts, und Thor rollte aus dem Weg—der Hieb verfehlte nur knapp seinen Rücken. Thor war einen Moment lang im Vorteil und nutzte ihn: er holte aus und traf den Tölpel hart in der Kniekehle. Es war ein Schwachpunkt, und es reichte aus, um ihn zurückzuwerfen; dann ging er zu Boden und landete auf dem Hintern.

Thor nutzte die Gelegenheit, um sich aufzuraffen und auf die Beine zu kommen. Elden stand auf, hochrot im Gesicht, noch wütender als davor, und nun standen sich die beiden gegenüber.

Thor wusste, er konnte nicht einfach so dastehen; er griff an und holte aus. Aber dieses Übungsschwert war aus einem seltsamen Holz gemacht und einfach zu schwer; sein Hieb ging daneben. Elden wehrte ihn mit Leichtigkeit ab, dann stach er Thor fest in die Rippen.

Er traf eine Schwachstelle und Thor klappte zusammen und ließ sein Schwert fallen. Der Schlag raubte ihm den Atem.

Die anderen Jungen schrien vor Entzücken. Thor kniete unbewaffnet da und spürte, wie sich die Spitze von Eldens Schwert in seinen Halsansatz bohrte.

„Ergib dich!“, forderte Elden.

Thor funkelte ihn an, den salzigen Geschmack von Blut auf seinen Lippen.

„Niemals“, sagte er trotzend.

Elden verzog das Gesicht, hob sein Schwert und war bereit, zuzuschlagen. Thor konnte nichts dagegen tun. Er machte sich auf einen heftigen Schlag gefasst.

Als das Schwert abwärts fuhr, schloss Thor seine Augen und konzentrierte sich. Er fühlte die Welt langsamer werden, spürte, wie er in eine andere Welt versetzt wurde. Plötzlich konnte er den Schwung des Schwertes in der Luft fühlen, seine Bewegung abschätzen, und er versuchte, das Universum mit seiner Willenskraft dazu zu bringen, es aufzuhalten.

Er spürte, wie sein Körper wärmer wurde, kribbelte, und als er sich konzentrierte, spürte er, wie etwas passierte. Er fühlte, wie er selbst es steuern konnte.

Plötzlich erstarrte das Schwert mitten in der Luft. Thor hatte es irgendwie zustandegebracht, es mit seinen Kräften zu stoppen.

Als Elden dastand und verwirrt das Schwert hielt, nutzte Thor seine Geisteskraft dazu, Eldens Handgelenk zu packen und zuzudrücken. Er drückte im Geiste fester und fester zu, und Augenblicke später schrie Elden auf und ließ das Schwert fallen.

Alle Jungen verstummten, standen wie erstarrt da, und blickten Thor mit vor Angst und Schrecken weit aufgerissenen Augen an.

„Er ist ein Dämon!“, rief einer aus.

„Ein Zauberer!“, schrie ein anderer.

Thor war überwältigt. Er hatte keinen Begriff davon, was er gerade getan hatte. Aber er wusste, es war nicht natürlich. Er war zugleich stolz und verlegen, bestärkt und verängstigt.

Kolk trat vor, in den Kreis hinein, und stellte sich zwischen Thor und Elden.

„Hier ist kein Ort für Zaubersprüche, Junge, wer immer du sein magst“, wies er Thor zurecht. „Es ist ein Ort für Kämpfe. Du hast dich unseren Kampfregeln widersetzt. Du wirst darüber nachdenken, was du getan hast. Ich werde dich an einen Ort senden, wo echte Gefahren lauern, und dann werden wir sehen, wie gut dich deine Sprüche dort beschützen. Melde dich zur Wachpatrouille am Canyon.“

Die Legion hielt gesammelt den Atem an, und alle wurden still. Thor verstand nicht, was das genau bedeutete, aber er wusste: was immer es war, es konnte nichts Gutes sein.

„Ihr könnt ihn nicht zum Canyon schicken!“, protestierte Reece. „Er ist zu frisch. Er könnte verletzt werden.“

„Ich werde tun, was immer ich für richtig halte, Junge“, murrte Kolk Reece an. „Dein Vater ist nicht hier, um dich jetzt zu beschützen. Oder ihn. Und ich leite diese Legion. Und du hütest besser deine Zunge—nur, weil du königlich bist, heißt das nicht, dass du vorlaut sein kannst.“

„Fein“, antwortete Reece. „Dann werde ich mich ihm anschließen!“

„Und ich ebenso!“, fiel O’Connor mit ein und trat vor.

Kolk betrachtete sie und schüttelte langsam den Kopf.

„Narren. Das ist eure Entscheidung. Geht mit ihm mit, wenn ihr es so wollt.“

Kolk drehte sich um und sah Elden an. „Glaub nicht, dass du so einfach davonkommst“, sagte er zu ihm. „Du hast diesen Kampf angefangen. Auch du wirst den Preis dafür bezahlen müssen. Du wirst heute Abend mit ihnen auf Patrouille gehen.“

„Aber Herr, Ihr könnt mich nicht zum Canyon schicken!“, protestierte Elden mit schreckgeweiteten Augen. Es war das erste Mal, dass Thor ihn sah, wie er vor irgendetwas Angst hatte.

Kolk machte einen Schritt auf Elden zu und stemmte die Hand in die Hüfte. „Kann ich nicht?“, sagte er. „Ich kann dich nicht nur dorthin schicken—ich kann dich auch endgültig wegschicken, raus aus der Legion, und in das letzte Eck dieses Königreichs, wenn du mir noch einmal widersprichst.“

Elden blickte zur Seite, zu durcheinander für eine Antwort.

„Möchte sich noch jemand ihnen anschließen?“, rief Kolk aus.

Die anderen Jungen, größer und älter und stärker, wandten alle vor Angst ihren Blick ab. Thor schluckte, als er auf die nervösen Gesichter um ihn herum blickte, und fragte sich, wie schlimm der Canyon wirklich sein könnte.

KAPITEL FÜNFZEHN

Thor wanderte die gut bereiste Landstraße entlang, flankiert von Reece, O’Connor und Elden. Die vier hatten seit ihrer Abreise kaum ein Wort miteinander gesprochen, immer noch in Schock. Thor blickte mit einem Gefühl von Dankbarkeit zu Reece und O’Connor hinüber, das er so nie gekannt hatte. Er konnte kaum glauben, dass sie sich derartig für ihn in die Schusslinie gestellt hatten. Er spürte, dass er wahre Freunde gefunden hatte, eher noch etwas wie Brüder. Er hatte keine Ahnung, was sie am Canyon erwartete, doch was auch immer ihnen begegnen würde, er war froh, sie an seiner Seite zu haben.

Elden versuchte er erst gar nicht anzusehen. Er konnte sehen, wie er brodelnd vor Zorn gegen Steine trat, wie entnervt und aufgebracht er darüber war, hier mit ihnen auf Patrouille sein zu müssen. Doch Thor hatte kein Mitleid für ihn. Wie Kolk gesagt hatte, er hatte die ganze Sache angezettelt. Es geschah im ganz recht.

Die vier, eine bunt zusammengewürfelte Bande, zogen der Wegbeschreibung folgend die Straße entlang. Sie waren schon stundenlang unterwegs, es war spät am Nachmittag und Thors Beine wurden langsam schwer. Er hatte auch Hunger. Er hatte nur eine kleine Schüssel Gersten-Eintopf zu Mittag bekommen und hoffte, dass da, wo sie auch immer hinkamen, etwas Essen auf sie warten würde.

Aber er hatte größere Sorgen als das. Er blickte auf seine neue Rüstung hinunter und wusste, sie hätten sie ihm nicht gegeben, wenn es nicht einen wichtigen Grund dafür gäbe. Bevor sie weggeschickt wurden, hatte man sie alle vier mit einer neue Knappen-Rüstung ausgestattet: Leder, mit Kettenpanzerung ausgekleidet. Sie erhielten auch Kurzschwerter aus einem groben Metall—kaum der feine Stahl, der zum Schmieden eines Ritterschwerts verwendet wurde, aber auf alle Fälle besser als gar nichts. Es fühlte sich gut an, eine handfeste Waffe am Gürtel zu haben—zusätzlich natürlich zu seiner Schleuder, die er nach wie vor trug. Doch er wusste: wenn sie heute in echte Probleme geraten würden, würden die Waffen und Rüstung, mit denen sie ausgestattet worden waren, möglicherweise nicht ausreichen. Er sehnte sich nach den hochwertigen Rüstungen und Waffen seiner Kumpanen in der Legion: Einhand- und Langschwerter aus feinstem Metall, Kurzspeere, Streitkolben, Dolche, Hellebarden. Aber diese gehörten Jungen von Ruhm und Ehre, aus berühmten Familien, die sich solche Dinge leisten konnten. Thor war das nicht, er war der Sohn eines einfachen Hirten.

Als sie so die unendliche Straße entlang marschierten, in den zweiten Sonnenuntergang hinein, fernab von den einladenden Toren von Königshof, auf die ferne Abgrenzung des Canyon zu, wurde Thor das Gefühl nicht los, dass es alles seine Schuld war. Aus irgendeinem Grund konnten ihn einige der Legionäre scheinbar nicht ausstehen, als hätten sie mit seiner Anwesenheit ein Problem. Es ergab keinen Sinn. Und es gab ihm ein ungutes Gefühl. Sein ganzes Leben hatte er nichts mehr gewollt, als zu ihnen zu gehören. Nun fühlte er sich, als hätte er sich hineingeschummelt; würde er von seinen Kameraden je wirklich angenommen werden?

Und jetzt war er noch dazu ausgesondert und zum Canyondienst davongeschickt worden. Es war ungerecht. Er hatte den Kampf nicht angefangen, und als er seine Kräfte eingesetzt hatte, was immer sie auch waren, war es keine Absicht gewesen. Er verstand sie nach wie vor nicht, wusste nicht, woher sie kamen, wie er sie rief, oder wie er sie abstellen konnte. Er sollte dafür nicht bestraft werden.

Thor hatte keine Ahnung, was Canyondienst bedeutete, aber den Gesichtern der anderen nach zu schließen war es nichts Erstrebenswertes. Er fragte sich, ob er zum Sterben fortgeschickt worden war, ob dies ihre Art und Weise war, ihn aus der Legion zu drängen. Er war fest entschlossen, nicht aufzugeben.

„Wie viel weiter kann es bis zum Canyon noch sein?“, fragte O’Connor und brach so das Schweigen.

„Nicht weit genug“, antwortete Elden. „Wir würden nicht in diesem Schlamassel stecken, wenn Thor nicht wäre.“

„Du hast den Kampf angefangen, schon vergessen?“, unterbrach ihn Reece.

„Aber ich habe sauber gekämpft, er nicht“, protestierte Elden. „Und überhaupt, er hatte es verdient.“

„Wofür?“, fragte Thor; er wollte eine Antwort auf die Frage, die ihm schon seit einiger Zeit im Inneren brannte. „Wofür habe ich das verdient?“

„Weil du nicht hierher gehörst, zu uns. Du hast deinen Posten in der Legion gestohlen. Der Rest von uns wurde gewählt. Du hast dich hineingekämpft.“

„Aber ist es nicht das, worum es bei der Legion geht? Kämpfen?“, antwortete Reece. „Ich würde sagen, dass Thor sich seinen Platz mehr verdient hat als jeder andere von uns. Wir sind nur ausgewählt worden. Er hat sich abgemüht und gekämpft, um das zu erreichen, was ihm nicht gegeben wurde.“

Elden zuckte unbeeindruckt mit den Schultern.

„Die Regeln sind die Regeln. Er wurde nicht ausgewählt. Er sollte nicht bei uns sein. Deswegen habe ich mit ihm gekämpft.“

„Nun, ich werde nicht einfach verschwinden, und du kannst mich nicht dazu zwingen“, erwiderte Thor mit zitternder Stimme, fest entschlossen, akzeptiert zu werden.

„Naja, wir werden sehen“, murmelte Elden finster.

„Und was genau soll das bitte heißen?“, fragte O’Connor.

Elden gab nichts weiter preis, sondern setzte seinen Weg schweigend fort. Thors Magen zog sich zusammen. Er hatte das unweigerliche Gefühl, dass er sich zu viele Feinde gemacht hatte, obwohl er nicht verstehen konnte, warum. Das Gefühl mochte er gar nicht.

„Achte einfach nicht auf ihn“, sagte Reece zu Thor, laut genug, um gehört zu werden. „Du hast nichts Falsches getan. Sie haben dich zum Canyondienst geschickt, weil sie Potential in dir sehen. Sie möchten dich abhärten, ansonsten würden sie sich nicht die Mühe machen. Sie haben dich auch wegen deiner Sonderbehandlung durch meinen Vater im Visier. Das ist alles.“

„Aber was ist Canyondienst überhaupt?“, fragte er.

Reece räusperte sich und sah nervös aus.

„Ich hatte selber noch keinen. Aber ich habe Geschichten gehört. Von einigen der älteren Jungs, und von meinen Brüdern. Es ist ein Patrouillendienst. Aber auf der anderen Seite des Canyon.“

„Auf der anderen Seite?“, fragte O’Connor mit purem Grauen in der Stimme.

„Was meinst du mit ‚der anderen Seite‘?“, fragte Thor ahnungslos.

Reece betrachtete ihn eingehend.

„Warst du noch nie beim Canyon?“

Thor fühlte, wie die anderen ihn anstarrten, und schüttelte verlegen den Kopf.

„Du machst Witze“, fuhr Elden ihn an.

„Wirklich?“, setzte O’Connor nach. „Nicht ein einziges Mal in deinem Leben?“

Thor schüttelte den Kopf und wurde rot. „Mein Vater hat uns nie irgendwo hingebracht. Ich hab davon gehört.“

„Du warst wahrscheinlich noch nie außerhalb deines eigenen Dorfes, Junge“, sagte Elden. „Stimmts?“

Thor zuckte die Schultern und schwieg. War es so offensichtlich?

„Es stimmt“, fuhr Elden ungläubig fort. „Unfassbar.“

„Halts Maul“, sagte Reece. „Lass ihn in Ruhe. Das macht dich auch nicht zu etwas Besserem als ihn.“

Elden fauchte Reece an und hob kurz die Hand an seine Schwertscheide; doch dann entspannte er sie wieder. Anscheinend, obwohl er größer war als Reece, wollte er den Sohn des Königs nicht herausfordern.

„Der Canyon ist das Einzige, was unser Königreich des Rings beschützt“, erklärte Reece. „Nichts sonst steht zwischen uns und den Horden der Welt. Sollten die wilden Völker aus den Wildlanden ihn überwinden, wären wir alle am Ende. Der gesamte Ring ist auf uns, des Königs Mannen, angewiesen, um sie zu beschützen. Wir haben zu allen Zeiten Patrouillen, die ihn bewachen—größtenteils auf unserer Seite, und gelegentlich auf der anderen. Es gibt nur eine Brücke, die darüber führt, nur einen Weg hinein oder hinaus, und die höchste Elite der Silbernen steht rund um die Uhr auf ihr Wache.“

Thor hatte sein ganzes Leben lang vom Canyon gehört, hatte Horrorgeschichten von dem Bösen, das auf der anderen Seite lauerte, erzählt bekommen, vom riesigen, bösen Imperium, das den Ring umlagerte, und davon, wie nahe sie alle am Grauen lebten. Es war einer der Gründe, warum er zur Legion des Königs wollte: um mitzuhelfen, seine Familie und sein Königreich zu beschützen. Er hasste den Gedanken, dass andere Männer da draußen waren und ihn ständig beschützten, während er bequem in den Armen des Königreichs lebte. Er wollte seinen Dienst tun und mithelfen, die bösartigen Horden abzuwehren. Er konnte sich nichts Tapfereres vorstellen als die Männer, die die Passage am Canyon bewachten.

„Der Canyon ist eine Meile breit und umfasst den gesamten Ring“, erklärte Reece. „Er ist nicht einfach zu überwinden. Aber natürlich sind unsere Mannen nicht das Einzige, was die Horden in Schach hält. Es gibt Millionen dieser Kreaturen da draußen, und wenn sie diesen Canyon wirklich überrennen wollten, könnten sie das schon durch reine Willenskraft in einem Wimpernschlag. Unsere Bemannung dient nur der Unterstützung des Energie-Schildes am Canyon. Die wahre Macht, die sie in Schach hält, ist die Macht des Schwertes.“

Thor fuhr herum. „Welches Schwert?“

Reece starrte ihn an.

„Das Schicksalsschwert. Kennst du die Legende nicht?“

„Dieses Landei hat wahrscheinlich noch nie davon gehört“, mischte sich Elden ein.

„Natürlich kenne ich sie“, schnauzte Thor zur Verteidigung zurück. Er kannte sie nicht nur, er hatte bereits viele Stunden seines Lebens damit verbracht, über die Legende nachzugrübeln. Er hatte es schon immer einmal sehen wollen: das sagenumwobene Schicksalsschwert, das magische Schwert, dessen Energie den Ring beschützte, den Canyon mit mächtigen Kräften füllte, die den Ring vor Eindringlingen schützten.

„Das Schwert liegt in Königshof?“, fragte Thor.

Reece nickte.

„Es ist schon seit Generationen im Gewahrsam der königlichen Familie. Ohne es wäre das Königreich nichts wert. Der Ring würde überrannt werden.“

„Wenn wir so gut geschützt sind, warum patrouillieren wir dann den Canyon überhaupt?“, fragte Thor.

„Das Schwert weist nur die größeren Bedrohungen ab“, erklärte Reece. „Eine kleine und vereinzelte böse Kreatur kann hier und da hereinschlüpfen. Dafür brauchen wir unsere Mannen. Ein einzelnes Wesen kann den Canyon überwinden, oder sogar eine kleine Gruppe—sie könnten sogar so dreist sein, zu versuchen, die Brücke zu überqueren, oder sie könnten es mit Geschick versuchen und die Wand des Canyons auf der einen Seite hinunter und auf der anderen wieder hinauf klettern. Unsere Aufgabe ist es, sie draußen zu halten. Selbst eine einzelne Kreatur kann großen Schaden anrichten. Vor Jahren schlüpfte eine hindurch und ermordete die Hälfte aller Kinder in einem Dorf, bevor sie eingefangen werden konnte. Das Schwert erledigt die meiste Arbeit, aber wir sind ein unentbehrlicher Teil.“

Thor hörte sich das alles an und dachte darüber nach. Der Canyon schien so gewaltig, ihre Pflicht so bedeutend, dass er kaum glauben konnte, schon bald Teil dieser großen Aufgabe zu sein.

„Aber selbst mit all dem—ich habe es nicht besonders gut erklärt“, sagte Reece. „Es ist noch mehr am Canyon dran als nur das“, sagte er; und verstummte.

Thor sah ihn an und entdeckte etwas wie Angst oder Ehrfurcht in seinen Augen.

„Wie kann ich es erklären?“, sagte Reece, nach den richtigen Worten ringend. Er räusperte sich. „Der Canyon ist viel größer als wir alle. Der Canyon ist...“

„Der Canyon ist ein Ort für Männer“, dröhnte eine Stimme.

Sie alle fuhren herum, als die Stimme ertönte und ein Pferd aufstampfte.

Thor konnte es nicht glauben. Da, in voller Kettenrüstung auf sie zutrabend, mit langen, schimmernden Waffen, die an der Seite seines unglaublichen Pferdes hinunterhingen, war Erec. Er lächelte auf sie hinunter, die Augen gebannt auf Thor gerichtet.

Thor blickte erstarrt hoch.

„Es ist ein Ort, der einen zum Mann macht“, fügte Erec hinzu, „wenn man nicht schon einer ist.“

Thor hatte Erec seit seinem Turnierkampf nicht mehr gesehen, und er fühlte sich so erleichtert durch seine Anwesenheit; einen echten Ritter hier bei sich zu haben, während sie dem Canyon entgegenreisten—noch dazu Erec höchstpersönlich. Er fühlte sich unbesiegbar neben ihm, und betete, dass er ihretwegen hier war.

„Was führt Euch hierher?“, fragte Thor. „Begleitet Ihr uns?“, fragte er und hoffte, nicht übereifrig zu klingen.

Erec lehnte sich zurück und lachte.

„Keine Sorge, junger Mann“, sagte er. „Ich komme mit euch.“

„Wirklich?“, fragte Reece.

„Es ist Tradition, dass ein Angehöriger der Silbernen Legionäre auf ihre erste Patrouille begleitet. Ich habe mich freiwillig gemeldet.“

Erec wandte sich an Thor.

„Immerhin hast du mir gestern geholfen.“

Thor fühlte, wie sein Herz wärmer wurde, aufgeheitert durch Erecs Gegenwart. Er hatte auch das Gefühl, dass er im Ansehen seiner Freunde stieg. Hier war er also, begleitet vom größten Ritter des Königreichs, auf dem Weg zum Canyon. Ein großer Teil seiner Angst fiel von ihm ab.

„Natürlich werde ich nicht mit euch patrouillieren“, fügte Erec hinzu. „Aber ich werde euch über die Brücke führen, und zu eurem Lager. Von dort an ist es eure Aufgabe, auf Patrouille auszuziehen—alleine.“

„Es ist eine große Ehre, mein Herr“, sagte Reece.

„Vielen Dank“, tönten O’Connor und Elden gleichzeitig.

Erec blickte auf Thor hinunter und lächelte.

„Immerhin, wenn du jetzt mein Erster Knappe bist, kann ich dich nicht gleich sterben lassen.“

„Erster?“, fragte Thor, und sein Herz setzte aus.

„Feithgold brach sich im Turnierkampf das Bein. Er wird für mindestens acht Wochen außer Gefecht sein. Damit bist du jetzt mein Erster Knappe. Und unser Training kann genauso gut gleich beginnen, nicht wahr?“

„Selbstverständlich, mein Herr“, antwortete Thor.

Thors Gedanken verschwammen. Er konnte es kaum glauben. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er das Gefühl, als ob das Glück langsam auf seiner Seite wäre. Nun war er Erster Knappe für den größten Ritter von allen. Es fühlte sich an, als hätte er Bocksprünge über alle seine Freunde hinweg gemacht.

Zu fünft zogen sie weiter, gen Westen in die untergehende Sonne, Erec langsam im Schritt auf seinem Pferd neben ihnen her.

„Ich nehme an, Ihr wart schon beim Canyon, mein Herr?“, fragte Thor.

„Viele Male“, antwortete Erec. „Bei meiner ersten Patrouille war ich sogar etwa in deinem Alter.“

„Und wie fandet Ihr es?“, fragte Reece.

Alle vier Jungen drehten sich herum und starrten ihn im Gehen mit gebannter Aufmerksamkeit an. Erec ritt eine Weile schweigend vor sich hin und blickte mit angespanntem Gesicht geradeaus.

„Dein erstes Mal ist ein Erlebnis, das du nie vergessen wirst. Es ist schwer zu erklären. Es ist ein seltsamer und fremder und mystischer und wunderschöner Ort. Auf der anderen Seite lauern unvorstellbare Gefahren. Die Brücke hinüber ist lang und steil. Es sind viele von uns auf Patrouille unterwegs—und doch fühlst du dich stets alleine. Er ist die Natur von ihrer besten Seite. In seinem Schatten wird ein Mann winzigklein. Unsere Mannen patrouillieren ihn schon seit Hunderten von Jahren. Es ist eine Aufnahmeprüfung. Ohne sie hast du Gefahr noch nicht wirklich verstanden; ohne sie kannst du nicht zum Ritter werden.“

Er verfiel wieder in Schweigen. Die vier Jungen warfen einander mulmige Blicke zu.

„Sollen wir uns also auf ein Gefecht auf der anderen Seite einstellen?“, fragte Thor.

Erec zuckte die Schultern.

„Alles ist möglich, wenn du erst einmal in den Wildlanden bist. Unwahrscheinlich. Aber möglich.“

Erec blickte zu Thor hinunter.

„Willst du ein großer Knappe sein, und eines Tages ein großer Ritter?“, fragte er, Thor direkt anblickend.

Thors Herz schlug schneller.

„Ja, mein Herr, mehr als alles andere.“

„Dann gibt es Dinge, die du lernen musst“, sagte Erec. „Stärke allein reicht nicht aus; Wendigkeit allein reicht nicht aus; es reicht nicht aus, ein großer Kämpfer zu sein. Es gibt noch etwas anderes, etwas, das wichtiger ist als sie alle zusammen.“

Erec verfiel wieder in Schweigen, und Thor hielt es nicht länger aus.

„Was?“, fragte Thor. „Was ist das Wichtigste?“

„Du musst von starkem Geist sein“, antwortete Erec. „Niemals Angst verspüren. Du musst in den dunkelsten Wald, die gefährlichste Schlacht, mit völligem Gleichmut ziehen können. Du musst diesen Gleichmut in dir tragen, zu jeder Zeit, wann immer und wo immer du bist. Niemals ängstlich, stets wachsam. Niemals ruhend, stets eifrig. Du hast nicht mehr den Luxus, von anderen zu erwarten, dass sie dich schützen. Du bist kein Bürger mehr. Du gehörst jetzt zu des Königs Mannen. Die größten Eigenschaften an einem Krieger sind Tapferkeit und Gleichmut. Fürchte keine Gefahr. Erwarte sie. Aber suche sie nicht.

Dieser Ring, in dem wir leben“, fügte Erec hinzu, „unser Königreich. Es scheint, als würden wir, mit allen unseren Mannen, es gegen die Horden der Welt beschützen. Doch das tun wir nicht. Wir werden nur vom Canyon beschützt, und nur von der Zauberei, die in ihm ruht. Wir leben in einem Ring der Zauberei. Vergiss das nicht. Wir leben und sterben durch Magie. Es gibt keine Sicherheiten hier, Junge, auf keiner Seite des Canyons. Nimm die Zauberei weg, nimm die Magie weg, und wir haben gar nichts.“

Sie wanderten eine ganze Weile schweigend weiter, während Thor sich Erecs Worte wieder und wieder durch den Kopf gehen ließ. Es fühlte sich an, als würde Erec ihm eine versteckte Botschaft übermitteln: als würde er ihm sagen wollen, dass seine Kräfte, was immer sie waren, was immer er für Magie hervorrufen konnte, nichts waren, wofür er sich schämen musste. Vielmehr sollte er darauf stolz sein, denn es war auch die Quelle aller Kraft im Königreich. Thor fühlte sich besser. Er hatte das Gefühl gehabt, als wäre er hierher zum Canyon als Strafe dafür geschickt worden, dass er Magie eingesetzt hatte, und hatte sich dafür schuldig gefühlt; doch nun empfand er, dass seine Kräfte, was immer sie auch waren, zu einer Quelle von Stolz werden könnten.

Als die anderen Jungen davonzogen und Erec und Thor zurückfielen, blickte Erec zu ihm hinunter.

„Du hast dir jetzt schon ein paar mächtige Feinde am Hof geschaffen“, sagte er mit einem amüsierten Lächeln auf den Lippen. „So viele Feinde wie Freunde, wie es scheint.“

Thor errötete beschämt.

„Ich weiß nicht, wie, mein Herr. Es war nicht meine Absicht.“

„Feinde schafft man sich nicht durch Absichten. Oft entstehen sie aus Neid. Davon hast du eine ganze Menge erzeugt. Das ist nicht unbedingt etwas Schlechtes. Du bist der Mittelpunkt großer Spekulationen.“

Thor kratzte sich am Kopf und versuchte, das zu verstehen.

„Aber ich weiß nicht, warum.“

Erec sah immer noch amüsiert aus.

„Die Königin selbst steht an der Spitze deiner Widersacher. Irgendwie hast du es geschafft, sie am falschen Fuß zu erwischen.“

„Meine Mutter?“, fragte Reece und drehte sich um. „Warum das?“

„Das ist genau die Frage, die ich mir selbst stelle“, sagte Erec.

Thor fühlte sich schrecklich. Die Königin? Zur Feindin? Was hatte er ihr getan? Er konnte es nicht begreifen. Wie konnte er überhaupt wichtig genug sein, dass sie ihn bemerkte? Er wusste kaum, was um ihn herum passierte.

Plötzlich dämmerte ihm etwas.

„Ist sie der Grund, warum ich hierher geschickt wurde? Zum Canyon?“, fragte er.

Erec drehte sich ab und blickte mit ernstem Gesicht geradeaus.

„Das kann sein“, sagte er nachdenklich. „Das kann gut sein.“

Thor wunderte sich über den Umfang und Tiefgang, mit dem er sich Feinde geschaffen hatte. Er war in einen Hof gestolpert, über den er rein gar nichts wusste. Er wollte einfach nur dazugehören. Er war einfach nur seiner Leidenschaft und seinem Traum gefolgt und hatte getan, was er konnte, um das zu erreichen. Er hatte nicht gedacht, dass er Neid oder Eifersucht erzeugen würde, indem er dies tat. Er ließ es sich wieder und wieder durch den Kopf gehen, wie ein Rätsel, doch er konnte ihm nicht auf den Grund gehen.

Während Thor darüber nachgrübelte, erreichten sie den Gipfel einer Anhöhe, und als der Anblick sich vor ihnen ausbreitete, verschwanden alle Gedanken an andere Dinge. Thor war atemlos—und nicht nur wegen des starken, böigen Windes.

Vor ihnen erstreckte sich der Canyon, soweit das Auge reichte. Es war das erste Mal, das Thor ihn sah, und der Anblick erschreckte ihn so gründlich, dass er wie angewurzelt dastand und sich nicht rühren konnte. Es war das Gewaltigste und Majestätischste, das er je gesehen hatte. Die riesige Kluft in der Erde schien sich endlos zu erstrecken und wurde nur von einer einzelnen schmalen Brücke überquert, die mit Soldaten bestückt war. Die Brücke schien sich zum Ende der Erde selbst zu erstrecken.

Der Canyon erstrahlte in den Grün- und Blautönen der untergehenden zweiten Sonne, und das Licht tanzte und funkelte auf seinen Wänden. Sobald er seine Beine wieder spüren konnte, begann Thor seine Wanderung mit den anderen näher und näher an die Brücke heran, und schon konnte er hinunterblicken, weit in die Tiefen des Canyon: sie schienen in die Eingeweide der Erde hineinzustürzen. Thor konnte den Boden nicht einmal sehen und wusste nicht, ob es daran lag, dass es keinen Boden gab, oder daran, dass er von Nebel bedeckt war. Der Fels, der die Klippen formte, wirkte eine Million Jahre alt, mit Mustern bedeckt, die über die Jahrhunderte hinweg von Stürmen hinterlassen worden sein mussten. Es war der ursprünglichste Ort, den er je gesehen hatte. Er hatte keine Ahnung gehabt, dass sein Planet so gewaltig war, so pulsierend, so lebendig.

Es war, als wäre er am Beginn der Schöpfung angelangt.

Thor hörte, wie auch die anderen um ihn herum die Luft einsogen.

Der Gedanke daran, dass sie zu viert diesen Canyon patrouillieren sollten, schien lachhaft. Allein sein Anblick machte sie zu Winzlingen.

Als sie der Brücke entgegengingen, gingen die Soldaten auf beiden Seiten in Stellung, standen stramm, machten Platz für die neue Patrouille. Thor fühlte, wie sein Puls schneller wurde.

„Ich weiß nicht, wie wir das hier nur zu viert auch nur ansatzweise patrouillieren können?“, sagte O’Connor.

Elden kicherte abschätzig.

„Es gibt außer uns noch zahlreiche Patrouillen. Wir sind nur ein kleines Rädchen im Getriebe.“

Während sie die Brücke überquerten, war das einzige Geräusch, das zu hören war, der peitschende Wind, die Schritte ihrer Stiefel und Erecs Pferd. Die Hufe erzeugten einen hohlen und beruhigenden Laut, das einzig Echte, an das Thor sich in dieser unwirklichen Umgebung klammern konnte.

Keiner der Soldaten, die sich in Erecs Anwesenheit aufrichteten, sprach ein Wort, während sie Wache standen. Sie kamen an wohl hunderten von ihnen vorbei.

Während sie gingen, bemerkte Thor an beiden Seiten der Brüstung entlang alle paar Fuß lang Pfähle, auf denen die Köpfe von einfallenden Barbaren aufgespießt worden waren. Manche noch frisch, von denen noch Blut tropfte.

Thor sah weg. Das machte es allzu wirklich. Er wollte nicht wissen, ob er dafür bereit war. Er versuchte, sich die vielen Gefechte nicht vorzustellen, die diese Köpfe hervorgebracht hatten; die Leben, die verloren wurden; und was ihn auf der anderen Seite erwartete. Er fragte sich, ob sie es zurückschaffen würden. Was war der Zweck dieser gesamten Expedition? Ihn aus dem Weg zu räumen?

Er blickte über den Rand, auf die endlos verschwindenden Klippen, und hörte das Kreischen eines fernen Vogels; es war ein Laut, den er nie zuvor gehört hatte. Er fragte sich, was für eine Art Vogel es war, und was für andere exotische Tiere auf der anderen Seite lauerten.

Doch es waren nicht wirklich die Tiere, die ihn bekümmerten, und nicht einmal die Köpfe auf den Pfählen. Mehr als alles andere war es, wie sich dieser Ort anfühlte. Er konnte nicht sagen, ob es der Nebel war, oder der heulende Wind, oder die unermessliche Weite des offenen Himmels, oder das Licht der untergehenden Sonne—aber irgendetwas an diesem Ort war so unwirklich, das es ihn entrückte. Völlig einhüllte. Er fühlte eine schwere magische Energie über ihnen hängen. Er fragte sich, ob es der Schutz des Schwertes war, oder eine andere uralte Macht. Es fühlte sich an, als würden sie nicht einfach eine Landmasse überqueren, sondern in einen anderen Bereich des Daseins übergehen.

Er konnte kaum glauben, dass er zum ersten Mal in seinem Leben eine Nacht ungeschützt auf der anderen Seite des Canyons verbringen würde.

KAPITEL SECHZEHN

Als die Sonne langsam vom Himmel verblasste—ein dunkles Rot, gemischt mit Blau, das schien, als würde es das Universum einhüllen—wanderte Thor gemeinsam mit Reece, O’Connor und Elden auf dem Pfad, der in den Wald der Wildlande hineinführte. Thor hatte sich in seinem ganzen Leben nicht so aufgekratzt gefühlt. Nun waren nur sie vier übrig, nachdem Erec im Lager zurück geblieben war, und trotz all ihres Gezankes untereinander spürte Thor, dass sie einander jetzt mehr brauchten als je zuvor. Sie mussten alleine zueinander finden, ohne Erec. Vor ihrer Abreise hatte Erec gesagt, sie sollten sich keine Sorgen machen, er würde im Lager bleiben und ihre Schreie hören, und würde da sein, falls sie ihn brauchten.

Das war für Thor in diesem Moment wenig beruhigend.

Als der Wald um sie herum dichter wurde, sah sich Thor an diesem exotischen Ort um. Der Waldboden war mit Dornen und merkwürdigen Früchten bedeckt. Die Äste der unzähligen Bäume waren knorrig und uralt; sie berührten einander beinahe, so eng zusammenstehend, dass Thor sich oft unter ihnen hinwegducken musste. Sie hatten Dornen anstelle von Blättern, und sie ragten überall hervor. Gelbe Lianen hingen an manchen Stellen herunter, und Thor hatte einmal den Fehler begangen, die Hand zu heben, um eine Liane aus seinem dem Gesicht zu wischen—nur um festzustellen, dass es eine Schlange war. Er hatte aufgeschrien und war gerade noch rechtzeitig aus dem Weg gesprungen.

Er hatte damit gerechnet, von den anderen ausgelacht zu werden, doch auch sie waren ganz kleinlaut vor Angst. Überall um sie herum erklangen die fremden Geräusche exotischer Tiere. Manche waren tief und kehlig, andere schrill und kreischend. Manche tönten aus weiter Ferne; andere schienen unmöglich nahe zu sein. Die Dämmerung brach zu schnell herein, während sie zusammen tiefer in den Wald vordrangen. Thor war sich sicher, dass sie jeden Moment überfallen werden konnten. Als der Himmel dunkler wurde, wurde es schwerer, sogar die Gesichter seiner Kumpanen zu sehen. Er fasste den Griff seines Schwertes so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten, während seine andere Hand die Schleuder umklammerte. Auch die anderen hatten ihre Waffen gepackt.

Thor zwang sich dazu, stark, selbstsicher und mutig zu sein, wie es sich für einen guten Ritter gehörte. Wie Erec es ihn gelehrt hatte. Es war besser für ihn, dem Tod jetzt ins Auge zu sehen, als auf ewig in Angst vor ihm zu leben. Er versuchte, sein Kinn zu heben und tapfer vorwärts zu schreiten, wurde sogar schneller und ging ein paar Fuß vor den anderen her. Sein Herz klopfte, doch er fühlte sich, als würde er sich seinen Ängsten stellen.

„Wonach genau hält eine Patrouille eigentlich Ausschau?“, fragte Thor.

Sobald er es ausgesprochen hatte, wurde ihm klar, dass das vielleicht eine dumme Frage war, und er rechnete damit, dass Elden sich über ihn lustig machen würde.

Doch zu seiner Überraschung kam nur Schweigen zurück. Thor blickte zurück und sah das Weiße in Eldens Augen, und ihm wurde klar, dass er sogar noch mehr Angst hatte. Das zumindest verlieh Thor etwas Zuversicht. Thor war jünger und kleiner als er, und ließ sich von dieser Angst nicht kleinkriegen.

„Dem Feind, schätze ich“, sagte Reece schließlich.

„Und wer ist das?“, fragte Thor. „Wie sieht er aus?“

„Es gibt hier draußen alle möglichen Feinde“, sagte Reece. „Wir sind jetzt in den Wildlanden. Es gibt hier Nationen von wilden Völkern, und alle Arten von Rassen böser Kreaturen.“

„Aber was ist der Zweck unserer Patrouille?“, fragte O’Connor. „Was können wir denn hier überhaupt bewirken? Selbst wenn wir einen oder zwei töten, wird das die Million aufhalten, die dahinter kommt?“

„Wir sind nicht hier, um eine Kerbe zu schlagen“, antwortete Reece. „Wir sind hier, um unsere Anwesenheit zu verkünden, im Namen unseres Königs. Sie wissen zu lassen, dass sie dem Canyon nicht zu nahe kommen sollen.“

„Ich denke, es wäre sinnvoller, darauf zu warten, dass sie eine Überquerung versuchen, und sich dann um sie zu kümmern“, sagte O’Connor.

„Nein“, sagte Reece. „Es ist besser, sie davon zu entmutigen, es überhaupt zu probieren. Darum diese Patrouillen. Zumindest sagt das mein großer Bruder.“

Thors Herz klopfte, als sie tiefer in den Wald vordrangen.

„Wie weit sollen wir denn gehen?“, fragte Elden mit zitternder Stimme, zum ersten Mal sprechend.

„Hast du vergessen, was Kolk gesagt hat? Wir sollen das rote Banner holen und zurückbringen“, sagte Reece. „Das dient als Beweis, dass wir weit genug für unsere Patrouille gegangen sind.“

„Ich habe weit und breit noch kein rotes Banner gesehen“, sagte O’Connor. „In Wirklichkeit kann ich kaum irgendwas sehen. Wie sollen wir zurück finden?“

Niemand antwortete. Thor dachte genau dasselbe. Wie soll es möglich sein, in der tiefschwarzen Nacht ein Banner zu finden? Er fragte sich langsam, ob das alles nur ein Trick war, eine Übung, nur ein weiteres der psychologischen Spiele, die die Legion mit den Jungen spielte. Er dachte wieder an Erecs Worte, seine vielen Feinde am Hof. Er hatte ein ungutes Gefühl bei dieser Patrouille. Wurden sie in eine Falle geschickt?

Plötzlich ertönte ein furchtbares Gekreische, gefolgt von einer Bewegung in den Ästen—und etwas Großes lief vor ihnen über den Pfad. Thor zog sein Schwert, gleichzeitig mit den anderen. Der Klang von Schwertern, die aus ihren Scheiden gezogen wurden, von Metall auf Metall, erfüllte die Luft, während sie alle da standen, ihre Schwerter vor sich hielten und nervös in alle Richtungen blickten.

„Was war das?“, rief Elden aus; seine Stimme krächzte vor Angst.

Das Tier lief ein zweites Mal über ihren Pfad, raste von einer Seite des Waldes auf die andere, und diesmal konnten sie einen guten Blick darauf werfen.

Thors Schultern entspannten sich, als er es erkannte.

„Nur ein Reh“, sagte er, enorm erleichtert. „Das seltsamste Reh, das ich je gesehen habe—aber immerhin nur ein Reh“.

Reece lachte, ein beruhigendes Geräusch; ein Lachen, das zu reif klang für sein Alter. Als Thor es hörte, wurde ihm klar, dass es das Lachen eines künftigen Königs war. Er war ein gutes Gefühl, seinen Freund an seiner Seite zu haben. Und dann fing er selbst zu lachen an. All diese Angst, völlig umsonst.

„Ich wusste gar nicht, dass deine Stimme so krächzt, wenn dich die Angst übermannt“, verspottete Reece Elden und lachte erneut.

„Wenn ich dich sehen könnte, würde ich dich niederknüppeln“, sagte Elden.

„Ich kann dich gut genug sehen“, sagte Reece. „Komm und versuchs doch.“

Elden warf ihm einen finsteren Blick zu, wagte es aber nicht, auf ihn loszugehen. Stattdessen steckte er das Schwert zurück in die Scheide, zugleich mit den anderen. Thor bewunderte Reece dafür, dass er Elden so zusetzte; Elden machte sich über jeden anderen lustig—er hatte es verdient, eine kleine Retourkutsche zu bekommen. Er bewunderte, dass Reece keine Angst davor hatte: immerhin war Elden immer noch zweimal so groß wie er.

Thor fühlte, wie ein Teil der Anspannung endlich aus seinem Körper wich. Sie hatten ihre erste Begegnung überlebt, das Eis war gebrochen, und sie waren immer noch am Leben. Er lehnte sich zurück und lachte erneut, aus schierer Freude, am Leben zu sein.

„Lach nur weiter, kleiner Fremdling“, sagte Elden. „Wir werden sehen, wer zuletzt lacht.“

Ich lache nicht dich aus, wie Reece das tut, dachte Thor. Ich bin bloß erleichtert, am Leben zu sein.

Aber er machte sich nicht die Mühe, es laut auszusprechen; er wusste, dass nichts, was er sagen konnte, Eldens Hass auf ihn ändern würde.

„Seht nur!“, schrie O’Connor. „Da drüben!“

Thor kniff die Augen zusammen, doch er konnte kaum erkennen, worauf er in der schwärzer werdenden Nacht deutete. Dann sah er es: das Banner der Legion, das von einem der Äste hing.

Sie alle begannen, darauf zuzulaufen.

Elden überholte sie alle, stieß sie unsanft zur Seite.

„Diese Flagge gehört mir!“, schrie er.

„Ich hab sie zuerst gesehen!“, schrie O’Connor.

„Aber ich werde sie als Erstes holen, und ich werde derjenige sein, der sie zurückbringt!“, schrie Elden.

Thor brodelte; er konnte Eldens Verhalten kaum glauben. Er erinnerte sich, was Kolk gesagt hatte—dass derjenige, der das Banner brachte, eine Belohnung erhalten würde—und da wurde ihm klar, warum Elden vorpreschte. Doch das war keine Entschuldigung. Sie sollten doch ein Team sein, eine Gruppe—nicht jeder sich selbst der Nächste. Eldens wahres Gesicht kam zum Vorschein—keiner der anderen rannte voraus und versuchte, die anderen zu übertrumpfen. Es brachte Thor dazu, Elden nur noch mehr zu hassen.

Elden preschte vorbei, nachdem er O’Connor einen Ellbogen verpasst hatte, und bevor die anderen reagieren konnten, hatte er mehrere Fuß Vorsprung und packte sich das Banner.

In dem Moment kam ein riesiges Fangnetz aus dem Nichts hervor, erhob sich vom Boden, sprang in die Luft, fing Elden ein und hob ihn hoch hinauf. Er baumelte vor ihren Augen hin und her, nur wenige Fuß entfernt, wie ein Tier, das in einer Falle gefangen war.

„Helft mir! Helft mir!“, schrie er panisch.

Sie alle wurden langsamer, als sie näher an ihn heran kamen; Reece fing zu lachen an.

„Nun, wer ist jetzt der Angsthase?“, rief Reece amüsiert aus.

„Oh du kleiner Mistkäfer!“, schrie er. „Ich bring dich um, wenn ich hier runterkomme!“

„Ach wirklich?“, schoss Reece zurück. „Und wann wird das sein?“

„Lasst mich runter!“, schrie Elden und warf sich im Netz hin und her. „Ich befehle es euch!“

„Ach, du befiehlst es uns, wie?“, sagte Reece und lachte schallend.

Reece drehte sich zu Thor um.

„Was denkst du?“, fragte Reece.

„Ich denke, dass er uns allen eine Entschuldigung schuldet“, sagte O’Connor. „Besonders Thor.“

„Finde ich auch“, sagte Reece. „Ich mach dir einen Vorschlag“, sagte er zu Elden. „Entschuldige dich—und meine es ernst—und ich werde mir überlegen, dich runterzuschneiden.“

„Mich entschuldigen?“, wiederholte Elden entsetzt. „Nicht in einer Million Sonnen.“

Reece wandte sich zu Thor.

„Vielleicht sollten wir diesen Klotz einfach über Nacht hier lassen. Er wäre gutes Futter für die Tiere. Was meinst du?“

Thor grinste breit.

„Ich denke, das ist eine feine Idee“, sagte O’Connor.

„Wartet!“, schrie Elden aus.

O’Connor griff hoch und schnappte sich das Banner aus Eldens baumelden Fingern.

„Schätze, du hast uns doch nicht zum Banner geschlagen“, sagte O’Connor.

Die drei drehten sich um und gingen langsam davon.

„Halt, wartet!“, plärrte Elden. „Ihr könnt mich nicht einfach hier lassen! Das würdet ihr doch nicht tun!“

Die drei gingen weiter.

„Es tut mir leid!“, fing Elden zu schluchzen an. „Bitte! Es tut mir leid!“

Thor blieb stehen, doch Reece und O’Connor gingen weiter. Schließlich drehte Reece sich um.

„Was machst du denn?“, fragte Reece Thor.

„Wir können ihn nicht einfach hierlassen“, sagte Thor. So sehr er Elden auch nicht ausstehen konnte, fand er es doch nicht richtig, ihn dort zurückzulassen.

„Warum nicht?“, fragte Reece. „Er hat es sich selbst eingebrockt.“

„Wenn es umgekehrt wäre“, sagte O’Connor, „weißt du ganz genau, dass er dich mit Freuden zurücklassen würde. Warum stört es dich also?“

„Das ist mir klar“, sagte Thor. „Aber das heißt noch lange nicht, dass wir uns so verhalten sollten wie er.“

Reece stemmte die Hände in die Hüften und seufzte tief, beugte sich vor und flüsterte Thor zu.

„Ich hätte ihn doch nicht die ganze Nacht hier gelassen. Vielleicht nur die halbe. Aber du hast schon recht. Er ist für so was nicht geschaffen. Er würde sich wahrscheinlich anpinkeln und einen Herzanfall haben. Du bist zu nett. Das ist ein Problem“, sagte Reece und legte Thor eine Hand auf die Schulter. „Aber deswegen habe ich dich auch als Freund ausgesucht.“

„Und ich auch“, sagte O’Connor, und legte eine Hand auf Thors andere Schulter.

Thor kehrte um, marschierte auf das Netz zu, streckte sich hoch und schnitt es herunter.

Elden krachte zu Boden. Er raffte sich hoch, warf das Netz von sich ab und suchte hektisch den Boden ab.

„Mein Schwert!“, schrie er. „Wo ist es hin?“

Thor blickte auf den Boden, doch es war zu dunkel, um etwas zu erkennen.

„Es muss in die Bäume hochgesegelt sein, als du hochgezogen wurdest“, antwortete Thor.

„Wo immer es ist, es ist fort“, sagte Reece. „Du wirst es nie finden.“

„Aber ihr versteht nicht“, flehte Elden. „Die Legion. Es gibt nur eine Regel: Lasse nie deine Waffe zurück. Ich kann nicht ohne Schwert zurückkehren. Sie würden mich hinauswerfen!“

Thor drehte sich um und suchte nochmals den Boden ab, suchte in den Bäumen, suchte überall. Doch er konnte absolut keine Spur davon sehen. Reece und O’Connor standen einfach nur da und machten sich nicht die Mühe, mitzusuchen.

„Es tut mir leid“, sagte Thor, „ich sehe es nirgends.“

Elden krabbelte überall herum, dann gab er schließlich auf.

„Es ist deine Schuld“, sagte er und zeigte auf Thor. „Du hast uns in dieses Schlamassel hineingebracht!“

„Habe ich gar nicht“, erwiderte Thor. „Du warst das! Du bist auf die Flagge zugestürmt. Du hast uns alle zur Seite gestoßen. Du hast es niemandem anderen zuzuschreiben als dir selbst.“

„Ich hasse dich!“, brüllte Elden.

Er ging auf Thor los, packte ihn am Hemd und warf ihn zu Boden. Sein Gewicht überrumpelte Thor. Thor schaffte es, sich umzudrehen, doch Elden drehte sich mit und drückte Thor zu Boden. Elden war einfach zu groß und stark, und es war zu schwer, ihn wegzudrücken.

Auf einmal ließ Elden jedoch los und rollte von ihm herunter. Thor hörte das Geräusch eines Schwertes, das aus seiner Scheide gezogen wurde, und blickte hoch. Er sah Reece, der über Elden stand und ihm die Schwertspitze an die Kehle hielt.

O’Connor streckte die Hand aus und half Thor auf die Beine. Thor stand mit seinen beiden Freunden da und blickte auf Elden hinunter, der mit Reeces Schwert an der Kehle am Boden liegen blieb.

„Fass meinen Freund noch einmal an“, sagte Reece langsam und todernst zu Elden, „und ich versichere dir, ich werde dich umbringen.“

KAPITEL SIEBZEHN

Thor, Reece, O’Connor, Elden und Erec saßen auf dem Boden, im Kreis um ein Feuer herum, das vor ihnen prasselte. Die fünf saßen bedrückt und schweigend da. Thor war ganz überrascht davon, wie kalt so eine Sommernacht sein konnte. Dieser Canyon, die kalten, rätselhaften Windstöße, die herumwirbelten, seinen Rücken hinunterfuhren und sich in den Nebel mischten, der sich nie zu verziehen schien, hatten etwas an sich, das an ihm stets das Gefühl hinterließ, bis auf die Knochen durchfeuchtet zu sein. Er lehnte sich vor und rieb seine Hände über dem Feuer, die einfach nicht warm werden wollten.

Thor kaute an dem Stück Dörrfleisch, das die anderen herumreichten; es war zäh und salzig, aber irgendwie fand er es nahrhaft. Erec streckte die Hand aus und reichte ihm etwas, und Thor spürte, wie ein weicher Weinschlauch in seine Hand gedrückt wurde und die Flüssigkeit darin herumschwappte. Er war überraschend schwer, als er ihn an seine Lippen hob und sich den Wein ein wenig zu lange in die Kehle goss. Er fühlte sich zum ersten Mal in dieser Nacht warm.

Alle schwiegen und starrten in die Flammen. Thor war immer noch aufgekratzt; hier auf dieser Seite des Canyon zu sein, in feindlichem Gebiet, fühlte er sich immer noch, als müsse er ohne Pause achtsam sein, und er bewunderte, wie ruhig Erec zu sein schien—als würde er lässig im eigenen Hintergarten sitzen. Thor war jedenfalls erleichtert, aus den Wildlanden heraus zu sein, wieder mit Erec vereint, und in aller Ruhe am Feuer zu sitzen. Erec beobachtete den Waldrand, auf jedes kleinste Geräusch achtend, und doch zuversichtlich und gelassen. Thor wusste: sollte sich irgendeine Gefahr nähern, würde Erec sie alle beschützen.

Thor fühlte sich am Feuer zufrieden; er blickte umher und stellte fest, dass auch die anderen zufrieden schienen—außer natürlich Elden, der seit der Rückkehr aus dem Wald niedergeschlagen war. Er hatte sein selbstsicheres Gehabe von vorher verloren und saß mit säuerlicher Mine da, ohne sein Schwert. Der Kommandant würde so einen Fehler niemals nachsehen—Elden würde bei ihrer Rückkehr aus der Legion fliegen. Er fragte sich, was Elden tun würde. Er hatte das Gefühl, er würde sich nicht so einfach fügen—dass er irgendeinen Trick, einen Notfalls-Plan, im Ärmel hatte. Thor ging davon aus, dass, was immer es auch war, nichts Gutes sein würde.

Thor folgte Erecs Blick zum fernen Horizont hinüber, in südliche Richtung. Ein schwaches Leuchten, eine endlose Linie, soweit das Auge reichte, erhellte die Nacht. Thor war verwundert.

„Was ist das?“, fragte er schließlich Erec. „Dieses Leuchten? Das, worauf Ihr die ganze Zeit starrt?“

Erec schwieg noch eine lange Weile, und das einzige Geräusch war das Peitschen des Windes. Schließlich, ohne sich umzudrehen, antwortete er: „Die Goralen.“

Thor tauschte mit den anderen einen Blick aus, die ihn alle ängstlich erwiderten. Thors Magen zog sich beim Gedanken daran zusammen. Die Goralen. So nahe. Zwischen ihnen und ihm stand nichts außer einem einfachen Wald und einer weiten Ebene. Hier gab es keinen Canyon mehr, der sie trennte und sie beschützte. Sein ganzes Leben lang hatte er Geschichten von diesen gewalttätigen wilden Völkern aus den Wildlanden gehört, die kein anderes Ziel im Leben hatten, als den Ring anzugreifen. Und nun stand nichts zwischen ihnen. Er konnte nicht glauben, wie viele von ihnen es gab. Es war eine gewaltige und wartende Armee.

„Habt Ihr keine Angst?“, fragte Thor Erec.

Erec schüttelte den Kopf.

„Die Goralen bewegen sich als Einheit. Ihre Armee lagert jede Nacht da draußen. Schon seit Jahren. Sie würden den Canyon nur angreifen, wenn sie die gesamte Armee mobilisieren und als Einheit angreifen könnten. Und sie würden es nicht wagen, das zu versuchen. Die Macht des Schwertes bildet ein Schild. Sie wissen, dass sie es nicht durchbrechen können.“

„Aber warum lagern sie dann da draußen?“, fragte Thor.

„Es ist ihre Art, einzuschüchtern. Und sich bereit zu halten. Im Laufe der Geschichte gab es viele Vorfälle, zu Zeiten unserer Vorväter, als sie angriffen und versuchten, den Canyon zu überwinden. Doch während meiner Zeit ist dies noch nicht vorgefallen.“

Thor blickte zum schwarzen Himmel hinauf, zu den gelben und blauen und orangen Sternen, die hoch über ihm funkelten, und grübelte. Diese Seite des Canyons war ein alptraumhafter Ort, und war es immer schon für ihn gewesen, schon seit er laufen konnte. Der Gedanke daran erfüllte ihn mit Angst, doch er schob ihn beiseite. Er war nun ein Legionär und musste sich entsprechend verhalten.

„Sorge dich nicht“, sagte Erec, als würde er seine Gedanken lesen. „Sie werden nicht angreifen, solange wir das Schicksalsschwert haben.“

„Habt ihr es je in Händen gehalten?“, fragte Thor Erec, plötzlich neugierig. „Das Schwert?“

„Natürlich nicht“, gab Erec scharf zurück. „Niemandem ist es erlaubt, es anzufassen, außer den Nachkommen des Königs.“

Thor blickte ihn verwirrt an.

„Ich verstehe nicht? Warum?“

Reece räusperte sich.

„Darf ich?“, warf er ein.

Erec nickte zurück.

„Es gibt eine Legende um das Schwert. Es ist in Wahrheit noch nie von irgendjemandem erhoben worden. Der Legende nach wird nur einer, der Auserwählte, in der Lage sein, es selbst zu heben. Nur dem König ist es gestattet, es zu versuchen, oder einem Nachkommen des Königs, sobald er zum König ernannt wurde. Und so liegt es da, unberührt.“

„Und wie sieht es mit unserem derzeitigen König aus? Deinem Vater?“, fragte Thor. „Kann er es nicht versuchen?“

Reece blickte zu Boden.

„Das hat er einmal. Am Tag seiner Krönung. So hat er es uns erzählt. Er konnte es nicht hochheben. Und so steht es für ihn da wie ein Symbol des Tadels. Er hasst es. Es lastet auf ihm wie ein lebendiges Wesen.“

„Wenn der Auserwählte erscheint“, fügte Reece hinzu, „wird er den Ring von seinen Feinden rundum befreien und uns in ein größeres Schicksal führen, als wir je kannten. Alle Kriege werden enden.“

„Märchen und Unsinn“, warf Elden ein. „Niemand wird dieses Schwert heben können. Es ist zu schwer. Es ist unmöglich. Und einen ‚Auserwählten‘ gibt es nicht. Es ist alles Quatsch. Diese Legende wurde nur erfunden, um das gemeine Volk am Boden zu halten und uns alle dazu zu bringen, auf den angeblichen ‚Auserwählten‘ zu warten. Um die Linie der MacGils zu stärken. Für sie ist es eine äußerst praktische Legende.“

„Halte deine Zunge, Junge“, fuhr Erec ihn an. „Du wirst stets respektvoll von deinem König sprechen.“

Elden blickte kleinlaut zu Boden.

Thor dachte über das alles nach und versuchte, es zu begreifen. Es gab so viel auf einmal zu verarbeiten. Sein ganzes Leben hatte er davon geträumt, das Schicksalsschwert zu sehen. Er hatte Geschichten von seiner vollendeten Form gehört. Es wurde gemunkelt, dass es aus einem Material gefertigt worden war, das niemand verstand, dass es eine magische Waffe sein solle. Thor musste sich fragen, was passieren würde, wenn das Schwert nicht da wäre, um sie zu beschützen. Würde die Armee des Königs dann vom Imperium vernichtet werden? Thor sah hinaus zu den Feuern, die am Horizont leuchteten. Sie schienen sich bis in die Ewigkeit zu ziehen.

„Wart Ihr jemals da draußen?“, fragte Thor Erec. „Weit draußen? Hinter dem Wald? In den Wildlanden?“

Die anderen drehten sich allesamt Erec zu, während Thor gespannt auf seine Antwort wartete. In der schweren Stille starrte Erec lange in die Flammen—so lange, dass Thor sich nicht mehr sicher war, ob er überhaupt antworten würde. Thor hoffte, dass er nicht zu neugierig gewesen war; er fühlte sich so dankbar und so tief in Erecs Schuld, und wollte ihn gewiss nicht verärgern. Thor war sich auch nicht sicher, ob er die Antwort überhaupt hören wollte.

Gerade, als Thor sich wünschte, er könnte seine Frage zurücknehmen, kam Erecs Antwort:

„Ja“, sagte er voll Ernst.

Das einzelne Wort hing viel zu lange in der Luft, und in ihm hörte Thor eine Last, die ihm alles verriet, was er wissen musste.

„Wie ist es da draußen?“, fragte O’Connor.

Thor war erleichtert, dass er nicht der Einzige war, der Fragen stellte.

„Das Ganze wird von einem einzigen, unbarmherzigen Imperium beherrscht“, sagte Erec. „Doch das Land ist weit und vielseitig. Es gibt das Land der wilden Völker. Das Land der Sklaven. Und das Land der Monster. Monster, die mit nichts zu vergleichen sind, was du dir vorstellen kannst. Und es gibt Wüsten und Berge und Hügel, so weit das Auge reicht. Es gibt die Sümpfe und Moore und den großen Ozean. Es gibt das Land der Druiden. Und das Land der Drachen.“

Thors Augen öffneten sich weit bei dieser Bemerkung.

„Drachen?“, fragte er überrascht. „Ich dachte, die gibt es nicht.“

Erec sah ihn todernst an.

„Ich versichere dir, es gibt sie. Und es ist ein Ort, an dem du niemals sein möchtest. Ein Ort, den sogar die Goralen fürchten.“

Bei dem Gedanken musste Thor schlucken. Er konnte sich kaum vorstellen, sich so tief in die Welt hinein zu wagen. Er fragte sich, wie Erec es je lebend zurückgeschafft hatte. Er machte sich eine geistige Notiz, ihn das ein andermal zu fragen.

Es gab so vieles, das Thor ihn fragen wollte—über das Wesen des bösen Imperiums, wer es regierte; warum sie angreifen wollten; wann Erec dorthin ausgezogen war; wann er zurückgekehrt war. Doch während Thor in die Flammen starrte, wurde es kälter und dunkler, und während all diese Fragen in seinem Kopf herumschwirrten, fühlte er seine Augen schwer werden. Dies war nicht der rechte Zeitpunkt, um zu fragen.

Stattdessen ließ er sich vom Schlaf davontragen. Er fühlte, wie seine Augen schwer wurden, und legte den Kopf auf den Boden. Bevor seine Augen sich endgültig schlossen, blickte er hinüber auf den fremden Boden und fragte sich, wann—oder ob—er jemals wieder nach Hause zurückkehren würde.

*

Thor öffnete verwirrt die Augen, verwundert, wo er war und wie er hier hergekommen war. Er blickte nach unten und sah dichten Nebel bis zu seinen Hüften, so dicht, dass er nicht einmal seine Füße sehen konnte. Er drehte sich um und sah, wie der Morgen über den Canyon vor ihm hereinbrach. Weit drüben auf der anderen Seite lag seine Heimat. Er war immer noch auf dieser Seite, der falschen Seite der Schlucht. Sein Herz schlug schneller.

Thor blickte auf die Brücke, doch merkwürdigerweise war sie nun frei von Soldaten. Tatsächlich wirkte die ganze Umgebung verlassen. Er konnte nicht verstehen, was gerade geschah. Während er die Brücke betrachtete, fielen ihre Holzplanken eine nach der anderen weg, wie Dominosteine. In wenigen Augenblicken war die Brücke zusammengebrochen, hinuntergestürzt in den Abgrund. Der Boden des Canyons lag so tief, dass er die Planken nie aufschlagen hörte.

Thor schluckte und blickte umher, suchte die anderen—doch sie waren nirgends zu sehen. Er hatte keine Ahnung, was er tun sollte. Nun steckte er fest. Alleine hier auf der anderen Seite des Canyon, ohne einen Weg zurück. Er konnte nicht verstehen, wo die anderen alle hin verschwunden waren.

Er hörte etwas und drehte sich zum Wald hinüber. Er sah, wie sich etwas bewegte. Er stand auf und ging dem Geräusch entgegen. Seine Füße sanken beim Gehen in die Erde ein. Als er näher kam, sah er ein Netz, das von einem tiefen Ast hing. Darin baumelte Elden, drehte sich wild im Kreis; die Äste knarrten, wenn er sich bewegte.

Ein Falke saß auf seinem Kopf, eine eigenartig aussehende Kreatur mit einem Körper, der silbern glänzte, und einem einzelnen schwarzen Streifen, der sich über seine Stirn bis zwischen die Augen zog. Er beugte sich vor, pickte Eldens Auge aus, und hielt es fest. Er drehte sich zu Thor, das Auge im Schnabel haltend.

Thor wollte den Blick abwenden, aber es gelang ihm nicht. Gerade, als er bemerkte, dass Elden tot war, erwachte auf einmal der ganze Wald zum Leben. Aus allen Richtungen brach ein Heer von Goralen hervor. Riesig, nur mit Lendenschurzen bekleidet, mit enormen muskulösen Oberkörpern, drei Nasen, die im Dreieck in ihrem Gesicht angeordnet waren, und zwei langen, gekrümmten, scharfen Fangzähnen zischten und knurrten sie, und rannten direkt auf ihn zu. Das Geräusch stellte ihm die Haare auf, und es gab nirgendwo, wo Thor hinlaufen konnte. Er fasste nach unten und griff nach seinem Schwert—doch als er hinsah, merkte er, dass es weg war.

Thor schrie.

Er erwachte aufrecht sitzend, schwer atmend, hektisch in alle Richtungen um sich blickend. Um ihn herum herrschte Stille—eine echte, lebendige Stille, nicht die Stille aus seinem Traum.

Neben ihm, im ersten Licht der Morgendämmerung, schliefen Reece, O’Connor und Erec ausgestreckt am Boden, die letzte Glut des Feuers neben ihnen. Am Boden vor ihm hüpfte ein Falke. Er drehte sich um und sah Thor mit schräg gestelltem Kopf an. Er war groß und silbern und stolz, mit einem einzelnen schwarzen Streifen die Stirn hinunter, und er starrte ihn an, blickte ihm direkt in die Augen, und kreischte. Der Laut jagte ihm Schauer über den Rücken: es war der Falke aus seinem Traum.

In dem Moment wurde ihm klar, dass der Vogel eine Botschaft war—dass sein Traum mehr als nur ein Traum gewesen war. Dass etwas nicht stimmte. Er konnte es fühlen, ein leichtes Zittern in seinem Rücken, das seine Arme hoch lief.

Rasch sprang er auf und blickte sich um. Er fragte sich, was es sein konnte. Er konnte nichts Ungewöhnliches hören, und nichts schien fehl am Platz zu sein; die Brücke war immer noch da, die Soldaten standen alle darauf.

Was war los? fragte er sich.

Und dann dämmerte es ihm. Jemand fehlte. Elden.

Zuerst fragte sich Thor, ob er sie vielleicht verlassen hatte, die Brücke zurück auf die andere Seite des Canyon genommen hatte. Vielleicht hatte er sich so darüber geschämt, sein Schwert zu verlieren, dass er die Region gleich ganz verlassen wollte.

Doch dann blickte Thor zum Wald hinüber und sah, dass jemand frische Eindrücke im Moos hinterlassen hatte, Fußspuren, die im Morgentau in Richtung Waldpfad verliefen. Es gab keinen Zweifel, dass sie von Elden waren. Elden war nicht weggegangen; er war zurück in den Wald gegangen. Alleine. Vielleicht, um sich zu erleichtern. Oder vielleicht, erkannte Thor mit Schrecken, um sein Schwert zurückzuholen.

Es war reinste Dummheit, es alleine zu versuchen, und es bewies, wie verzweifelt Elden war. Thor fühlte sofort, dass eine große Gefahr lauerte. Eldens Leben stand auf dem Spiel.

In dem Moment kreischte der Falke, als wolle er Thors Gedanken bestätigen. Dann schwang er sich hoch und flog direkt auf Thors Gesicht zu. Thor zog den Kopf ein—seine Krallen verfehlten ihn knapp, und er stieg in die Luft auf und flog davon.

Thor sprang auf und setzte sich in Bewegung. Ohne nachzudenken, ohne überhaupt zu überlegen, was er tat, lief er davon in den Wald, den Fußspuren nach.

Thor hielt sich nicht damit auf, sich davor zu fürchten, alleine tief in die Wildlande hineinzulaufen. Wäre er stehengeblieben, um darüber nachzudenken, wie verrückte es war, wäre er womöglich erstarrt, und von einer Panik überrollt worden. Doch stattdessen reagierte er einfach. Er verspürte das dringende Bedürfnis, Elden zu helfen. Er rannte und rannte—alleine—tiefer in den Wald hinein, im frühen Licht der Morgendämmerung.

„Elden!“, schrie er.

Er konnte es nicht erklären, doch irgendwie spürte er, dass Elden kurz vor dem Tod stand. Vielleicht sollte es ihm egal sein, aufgrund der Art, wie Elden ihn behandelt hatte, doch er konnte es nicht ändern: es war ihm nicht egal. Wenn er in der gleichen Situation wäre, würde Elden bestimmt nicht zu seiner Rettung kommen. Es war verrückt, sein Leben für jemanden zu riskieren, der sich nicht um einen scherte—und der sich in Wahrheit freuen würde, einen sterben zu sehen. Doch er konnte es nicht ändern. Er hatte noch nie so empfunden wie jetzt, wo alle seine Sinne ihn anschrien, zu handeln—schon gar nicht bei etwas, das er unmöglich wissen konnte. Irgendwas an ihm verwandelte sich, und er wusste nicht, wie. Es fühlte sich an, als würde sein Körper von einer neuen, geheimnisvollen Kraft gesteuert werden, und er fühlte sich unwohl dabei; außer Kontrolle. Verlor er seinen Verstand? War seine Reaktion übertrieben? Kam es alles nur von seinem Traum? Sollte er umkehren?

Doch das tat er nicht. Er ließ sich von seinen Füßen leiten und gab der Furcht und den Zweifeln nicht nach. Er rannte und rannte, bis seine Lunge platzte.

Thor bog um eine Kurve, und der Anblick vor ihm ließ ihn wie angewurzelt stehen bleiben. Er stand da und versuchte, Atem zu schöpfen, das Bild vor ihm zu begreifen, das keinen Sinn ergab. Es reichte aus, um das Herz des abgehärtetsten Kriegers mit Schrecken zu erfüllen.

Da stand Elden, sein Schwert in der Hand, und blickte zu einer Kreatur hoch, die mit nichts vergleichbar war, das Thor je gesehen hatte. Sie war grauenerregend. Sie türmte sich über den beiden auf, zumindest neun Fuß hoch und so breit wie vier Männer. Sie hob ihre muskulösen roten Arme, die am Ende jeder Hand mit drei langen Fingern wie Nägeln bestückt war. Ihr Kopf glich einem Dämon, mit vier Hörnern, einem langgezogenen Kiefer und einer breiten Stirn. Sie hatte zwei große gelbe Augen und Hauer, die wie Stoßzähne gekrümmt waren. Sie lehnte sich zurück und stieß einen schrillen Schrei aus.

Der Schrei spaltete einen dicken, hunderte Jahre alten Baum, der neben ihr stand, in der Mitte entzwei.

Elden stand vor Grauen erstarrt da. Er ließ sein Schwert fallen und am Boden unter ihm bildete sich eine Pfütze.

Die Kreatur sabberte und fauchte, und machte einen Schritt auf Elden zu.

Auch Thor war von Grauen erfüllt, doch anders als Elden konnte er sich trotzdem bewegen. Aus irgendeinem Grund machte die Angst ihn klarer. Sie schärfte seine Sinne, führte dazu, dass er sich lebendiger fühlte. Sie verschaffte ihm einen Tunnelblick; erlaubte ihm, seinen Fokus ausschließlich auf die Kreatur vor ihm zu richten, auf ihre Position zu Elden, auf ihre Breite und Höhe und Stärke und Geschwindigkeit. Auf jede einzelne ihrer Bewegungen. Sie erlaubte ihm auch, sich auf seine eigene Körperhaltung zu konzentrieren, seine eigenen Waffen.

Thor trat in Aktion. Er stürmte vor, zwischen Elden und das Ungeheuer. Die Bestie brüllte; ihr Atem war so heiß, dass Thor ihn von Weitem fühlen konnte. Bei dem Geräusch stellte sich jedes Haar in Thors Nacken auf und brachte ihn fast dazu, umzukehren. Doch er hörte Erecs Stimme in seinem Kopf, die ihm sagte, dass er stark sein müsse. Furchtlos. Seinen Gleichmut beibehalten müsse. Und er zwang sich dazu, standhaft zu bleiben.

Thor hob sein Schwert hoch und griff an, stieß es dem Biest in die Rippen, auf sein Herz zielend.

Die Kreatur kreischte vor Schmerz auf; ihr Blut ergoss sich über Thors Hand, als Thor das Schwert vollkommen, bis zum Griff, versenkte.

Doch zu Thors Verwunderung starb sie nicht. Die Bestie schien unverwundbar.

Ohne Unterbrechung wirbelte die Bestie herum und erwischte Thor so fest, dass er seine Rippen knacken fühlte. Thor flog quer über die Lichtung, krachte in einen Baum und fiel zu Boden. Als er so dalag, verspürte er heftige Kopfschmerzen.

Thor blickte auf, benommen und verwirrt; die Welt drehte sich. Die Bestie fasste nach unten und zog sich Thors Schwert aus dem Bauch. Das Schwert wirkte winzig in ihren Händen, wie ein Zahnstocher, und die Bestie holte aus und warf es; es flog durch die Bäume, brach unterwegs Zweige ab, und verschwand im Wald.

Sie wandte ihre volle Aufmerksamkeit Thor zu und bewegte sich langsam auf ihn zu.

Elden stand immer noch vor Angst erstarrt da. Doch als die Bestie auf Thor losging, sprang Elden plötzlich in Bewegung. Er griff die Bestie von hinten an und sprang ihr auf den Rücken. Dies bremste die Bestie gerade lange genug, dass Thor sich aufsetzen konnte; die Bestie warf wütend ihre Arme nach hinten und warf Elden ab. Er flog quer über die Lichtung, krachte in einen Baum und sackte am Boden zusammen.

Immer noch blutend und schwer keuchend machte sich die Bestie wieder über Thor her. Sie fauchte und legte ihre Stoßzähne frei, als sie sich näherte.

Thor hatte nicht mehr viele Möglichkeiten. Sein Schwert war fort, nichts stand mehr zwischen ihm und dem Monster. Das Monster fuhr auf ihn hinunter und Thor rollte sich in letzter Sekunde aus dem Weg. Das Monster traf den Baum an der Stelle, wo Thor gelegen hatte, mit einer solchen Kraft, dass es ihn entwurzelte.

Die Bestie hob ihren Fuß und trat nach Thors Kopf. Thor rollte sich ein weiteres Mal aus dem Weg; die Kreatur hinterließ einen Fußabdruck, wo Thors Kopf gelegen hatte.

Thor sprang auf die Beine, legte einen Stein in seine Schleuder, und schoss.

Er traf das Monster genau zwischen die Augen, ein härterer Treffer als alle, die er je geschossen hatte, und die Kreatur stolperte rückwärts. Thor war sich sicher, dass sie das getötet hatte.

Doch zu seinem Erstaunen hielt es die Bestie nicht auf.

Thor tat sein Bestes, seine Kräfte hervorzurufen, was auch immer es für Kräfte waren, die er besaß. Er stürmte auf die Bestie zu, sprang nach vorne, krachte in sie hinein, mit dem Ziel, sie umzuwerfen und mit übermenschlicher Stärke zu Boden zu bringen.

Doch zu Thors Schrecken traten seine Kräfte diesmal nicht ein. Er war nur ein gewöhnlicher Junge. Ein zerbrechlicher Junge, neben dieser massiven Bestie.

Die Bestie reichte einfach nach unten, packte Thor um die Mitte und hob ihn hoch über ihren Kopf hinauf. Thor fühlte sich so hilflos, wie er da hoch in den Lüften baumelte—und dann wurde er geworfen. Er flog wie ein Geschoss über die Lichtung und krachte wieder in einen Baum.

Thor lag benommen da, sein Kopf höllisch schmerzend, seine Rippen gebrochen. Die Bestie ging auf ihn los und er wusste, dieses Mal war es sein Ende. Sie hob ihren roten, muskelbepackten Fuß und machte sich bereit, ihn direkt auf Thors Kopf herunterkrachen zu lassen. Er machte sich bereit, zu sterben.

Dann, aus irgendeinem Grund, erstarrte die Bestie mitten in der Luft. Thor blinzelte und versuchte zu verstehen, warum.

Die Bestie fasste sich den Hals, und Tor bemerkte die Spitze eines Pfeils, die daraus hervortrat. Einen Augenblick später fiel das Ungeheuer tot zu Boden.

Erec kam gerannt, gefolgt von Reece und O’Connor. Thor sah, wie Erec auf ihn herunterblickte, fragte, ob er in Ordnung war, und mehr als alles andere wollte er ihm antworten. Doch er brachte kein Wort hervor. Einen Augenblick später schlossen sich seine Augen, und seine Welt wurde schwarz.

KAPITEL ACHTZEHN

Thor öffnete langsam seine Augen, zunächst noch schwindlig, unsicher, wo er war. Er lag auf Stroh und fragte sich einen Moment lang, ob er in der Kaserne zurück war. Er stemmte sich auf einen Ellbogen, aufmerksam geworden, auf der Suche nach den anderen.

Er war irgendwo anders. Dem Anschein nach war er in einem sehr aufwändig gestalteten Raum aus Stein. Es sah aus, als wäre er in einer Burg. Einer königlichen Burg.

Bevor er es noch ganz zusammenfügen konnte, öffnete sich mit einem Schwung eine große Eichentüre, und Reece spazierte herein. In der Ferne konnte Thor den gedämpften Lärm einer Menschenmenge hören.

„Endlich, er lebt“, verkündete Reece mit einem Lächeln, als er nach vorne eilte, Thors Hand packte und ihn auf die Füße zerrte.

Thor hob eine Hand zum Kopf und versuchte, seine schrecklichen Kopfschmerzen davon abzuhalten, zu schnell hochzusteigen.

„Komm schon, ab mit uns, alle warten schon auf dich“, drängte er und zerrte an Thor.

„Bitte warte eine Minute“, sagte Thor und versuchte, sich zu sammeln. „Wo bin ich? Was ist passiert?“

„Wir sind zurück in Königshof—und du wirst gleich als Held des Tages gefeiert!“, sagte Reece fröhlich, als sie auf die Tür zugingen.

„Held? Was meinst du damit? Und...wie bin ich hier hergekommen?“, fragte er und versuchte, sich zu erinnern.

„Die Bestie hat dich bewusstlos geschlagen. Du warst eine ganze Weile weg. Wir mussten dich zurück über die Canyon-Brücke tragen. Ziemlich dramatisch. Nicht gerade das, wie ich mir meine Rückkehr auf die andere Seite vorgestellt habe!“, sagte er mit einem Lachen.

Sie gingen hinaus in die Korridore der Burg, und Thor sah alle möglichen Leute—Frauen, Männer, Knappen, Wachen, Ritter—ihn anstarren, als hätten sie darauf gewartet, dass er erwachte. Er sah auch etwas Neues in ihren Augen, so etwas wie Respekt. Es war das erste Mal, dass er so etwas sah. Bisher hatte ihn jeder noch am ehesten mit etwas wie Missachtung angesehen—jetzt sahen sie ihn an, als wäre er einer von ihnen.

„Was genau ist passiert?“ Thor zermarterte sich das Gehirn beim Versuch, sich zu erinnern.

„Weißt du denn gar nichts mehr?“, fragte Reece.

Thor versuchte, nachzudenken.

„Ich weiß noch, dass ich in den Wald gelaufen bin. Mit der Bestie gekämpft habe. Und dann...“ Da war gar nichts.

„Du hast Elden das Leben gerettet“, sagte Reece. „Du bist furchtlos in den Wald gelaufen, ganz alleine. Ich weiß nicht, warum du deine Kraft darauf verschwendet hast, diesem Pinkel das Leben zu retten. Aber das hast du. Der König ist sehr, sehr zufrieden mit dir. Nicht, weil er sich um Elden schert. Aber deine Tapferkeit bedeutet ihm sehr viel. Er liebt Feierlichkeiten. Es ist ihm wichtig, Geschichten wie diese zu feiern, um andere zu inspirieren. Und es lässt den König gut dastehen, und die Legion auch. Er möchte es feiern. Du bist hier, weil er dir eine Belohnung überreichen möchte.“

„Mir, eine Belohnung?“, fragte Thor verblüfft. „Aber ich habe doch nichts getan!“

„Du hast Elden das Leben gerettet.“

„Ich habe nur reagiert. Ich habe nur getan, was sich natürlich angefühlt hat.“

„Und genau dafür möchte der König dich belohnen.“

Thor war dies peinlich. Er dachte nicht, dass seine Handlungen eine Belohnung verdienten. Immerhin wäre Thor jetzt tot, wenn Erec nicht gewesen wäre. Thor dachte darüber nach, und wieder einmal füllte sich sein Herz mit Dankbarkeit für Erec. Er hoffte, dass er es ihm eines Tages vergelten könnte.

„Aber was ist mit unserem Patrouillendienst?“, fragte Thor. „Wir haben ihn nicht zu Ende gebracht.“

Reece legte eine beruhigende Hand auf seine Schulter.

„Freund, du hast einem Jungen das Leben gerettet. Einem Legionär. Das ist wichtiger als unsere Patrouille.“ Reece lachte. „Soviel also zu einer ereignislosen ersten Patrouille!“, setzte er hinzu.

Sie kamen ans Ende eines weiteren Korridors, zwei Wachen öffneten ihnen eine Tür, und Thor blinzelte, als er sich in einem königlichen Saal wiederfand. Es mussten gut hundert Ritter sein, die im Raum verteilt standen, mit seinem hoch aufragenden Dom-Gewölbe, Buntglas-Fenstern, und Waffen und Rüstungen, die rundum wie Trophäen an den Wänden hingen. Der Waffensaal. Es war der Versammlungsraum für alle großen Krieger, alle Männer der Silbernen. Thors Herz raste, als er die Mauern betrachtete, all die berühmten Waffen, die Rüstungen von heldenhaften und legendären Rittern. Thor hatte sein ganzes Leben lang schon Gerüchte über diesen Ort gehört. Es war sein Traum gewesen, ihn eines Tages mit eigenen Augen zu sehen. Üblicherweise war es Knappen nicht erlaubt, hier zu sein—niemandem außer den Silbernen.

Was noch überraschender war: als er eintrat, drehten sich von allen Seiten echte Ritter um, um ihn—ihn—anzusehen. Und sie trugen einen Ausdruck von Bewunderung auf dem Gesicht. Thor hatte noch nie so viele Ritter in einem Raum gesehen, und hatte sich noch nie so akzeptiert gefühlt. Es war, als hätte er einen Traum betreten. Besonders, da er Augenblicke zuvor noch fest geschlafen hatte.

Reece war Thors entgeisterter Gesichtsausdruck scheinbar aufgefallen.

„Die Feinsten unter den Silbernen haben sich hier versammelt, um dich zu ehren.“

Thor fühlte, wie Stolz und Unglaube in ihm aufstieg. „Mich ehren? Aber ich habe doch nichts getan.“

„Falsch“, kam eine Stimme.

Thor drehte sich um und spürte, wie eine schwere Hand sich auf seine Schulter legte. Es war Erec, der auf ihn hinuntergrinste.

„Du hast Tapferkeit und Ehre und Mut bewiesen, die über das hinausgingen, was von dir verlangt wurde. Du hast fast dein Leben dafür gegeben, um einen deiner Brüder zu retten. Das ist es, was wir von der Legion wollen, und das ist es, was wir von den Silbernen verlangen.“

„Ihr habt mein Leben gerettet“, sagte Thor zu Erec. „Wenn Ihr nicht gewesen wärt, hätte mich diese Bestie getötet. Ich weiß nicht, wie ich Euch danken kann.“

Erec grinste zu ihm hinunter.

„Das hast du doch schon“, antwortete er. „Hast du das Turnier vergessen? Ich würde sagen, wir sind quitt.“

Thor marschierte den Gang zu König MacGils Thron hinunter, der am anderen Ende des Saales stand, mit Reece an einer Seite und Erec auf der anderen. Er spürte hunderte Augen auf ihm, und es fühlte sich alles wie ein Traum an.

Um den König herum standen seine dutzenden Ratgeber, zusammen mit seinem ältesten Sohn, Kendrick. Als Thor sich näherte, schwoll sein Herz voll Stolz an. Er konnte kaum glauben, dass der König ihm eine weitere Audienz gewährte—und dass so viele wichtige Männer anwesend waren, um dem beizuwohnen.

Sie erreichten den Thron des Königs, MacGil erhob sich, und ein gedämpftes Flüstern legte sich über den Raum. MacGils nachdenklicher Gesichtsausdruck wandelte sich in ein breites Lächeln, als er drei Schritte nach vorne machte und ihn, sehr zu Thors Überraschung, umarmte.

Tosender Jubel erfüllte den Raum.

Er lehnte sich zurück, hielt Thor fest an den Schultern und grinste ihn an.

„Du hast der Legion wohl gedient“, sagte er.

Ein Diener reichte dem König einen Kelch, den er erhob. Mit lauter Stimme rief er aus:

„AUF DIE TAPFERKEIT!“

„AUF DIE TAPFERKEIT!“, riefen die hunderten Männer im Saal als Antwort zurück. Ein aufgeregtes Raunen folgte, dann wurde der Saal wieder ruhig.

„Zu Ehren deiner heutigen Heldentaten“, dröhnte der König, „gewähre ich dir ein großes Geschenk.“

Der König machte eine Geste und ein Bediensteter trat vor, mit einem langen schwarzen Lederhandschuh, auf dem ein prächtiger Falke saß. Der Vogel drehte sich um und blickte Thor geradewegs an—als würde er ihn kennen.

Es verschlug Thor den Atem. Es war genau der gleiche Falke wie in seinem Traum, mit seinem silbernen Körper und der einzelnen schwarzen Linie, die seine Stirn hinunter lief.

„Der Falke ist das Symbol unseres Königreichs und unserer königlichen Familie“, dröhnte MacGil. „Er ist ein Raubvogel voll Stolz und Ehre. Und doch ist er auch ein Vogel von Geschicklichkeit und Raffinesse. Er ist loyal und entschlossen, und er erhebt sich über alle anderen Tiere. Er ist auch eine geheiligte Kreatur. Es heißt, dass der, der einen Falken sein Eigen nennt, auch dessen Eigen ist. Er wird dich auf allen deinen Wegen leiten. Er wird dich verlassen, doch er wird stets zurückkommen. Und nun gehört er dir.“

Der Falkner trat vor, stülpte einen schweren Kettenhandschuh über Thors Hand und Unterarm, und setzte dann den Vogel darauf. Thor fühlte sich wie geladen, als er auf seinem Arm saß. Er konnte sich kaum bewegen. Er war verblüfft von seinem Gewicht; es war anstrengend, stillzuhalten, während er sich auf seinem Arm bewegte. Er fühlte, wie seine Krallen sich eingruben, doch zum Glück fühlte er nur Druck, da er vom Handschuh geschützt war. Der Vogel drehte sich um, starrte ihn direkt an, und kreischte. Thor fühlte, wie er in seine Augen blickte, und er spürte eine geheimnisvolle Verbindung zu dem Tier. Er wusste einfach, dass er für alle Tage bei ihm bleiben würde.

„Und welchen Namen wirst du ihr geben?“, fragte der König in die schwere Stille im Raum.

Thor zermarterte sich das Gehirn, das zu erstarrt war, um richtig zu arbeiten.

Er versuchte, rasch zu denken. Er rief sich alle Namen von allen ruhmreichen Kriegern des Königreichs ins Gedächtnis. Er blickte sich um und suchte die Wände ab, und erblickte eine Reihe an Plaketten mit den Namen aller Schlachten, aller Orte im Königreich. Seine Augen blieben an einem bestimmten Ort hängen. Es war ein Ort innerhalb des Rings, den er nie besucht hatte, von dem er aber immer gehört hatte, dass es ein geheimnisvoller, kraftvoller Ort war. Es klang richtig in seinen Ohren.

„Sie soll Estopheles heißen“, rief Thor aus.

„Estopheles!“, wiederholte die Menge und klang erfreut.

Der Falke kreischte, wie zur Antwort.

Auf einmal flatterte Estopheles mit den Flügeln und flog hoch hinauf, bis an die Spitze der Gewölbe-Decke, und durch ein offenes Fenster hinaus. Thor sah ihr nach.

„Keine Sorge“, sagte der Falkner, „sie wird stets zu dir zurückkehren.“

Thor drehte sich zum König um. Er hatte noch nie in seinem Leben ein Geschenk erhalten, geschweige denn eines von solcher Größe. Er wusste kaum, was er sagen sollte, wie er ihm danken konnte. Er war überwältigt.

„Mein Herr“, sagte er und senkte seinen Kopf. „Ich weiß nicht, wie ich Euch danken soll.“

„Das hast du bereits“, sagte MacGil.

Die Menge jubelte, und die Spannung im Raum war gebrochen. Eine herzhafte Unterhaltung entstand unter den Männern, und so viele Ritter kamen auf Thor zu, dass er kaum wusste, wohin er sich wenden sollte.

„Das ist Algod aus der Ostprovinz“, sagte Reece, der ihn einem von ihnen vorstellte.

„Und das ist Kamera, aus dem Niedermoor.... Und das Basikold von der Nordfeste....“

Schon bald verschwammen die Namen in seinem Kopf. Thor war überwältigt. Er konnte kaum glauben, dass ihn alle diese Ritter kennenlernen wollten. Er hatte sich noch nie in seinem Leben so akzeptiert oder geehrt gefühlt, und er hatte das Gefühl, dass so ein Tag nie wieder kommen würde. Zum ersten Mal in seinem Leben verspürte er etwas wie seinen eigenen Wert.

Und er konnte nicht aufhören, an Estopheles zu denken.

Als Thor sich hierhin und dahin drehte, Leute grüßte, deren Namen an ihm vorbeizogen, Namen, die er kaum erfassen konnte, eilte ein Bote herüber, der zwischen den Rittern durch zu ihm schlüpfte. Er hielt eine kleine Schriftrolle, die er Thor in die Hand drückte.

Thor rollte sie auf und las in feiner, zierlicher Schrift:

Triff dich mit mir im hinteren Hof. Hinter dem Tor.

Thor konnte einen zarten Duft riechen, den die rosafarbene Rolle verströmte, und versuchte verdutzt, dahinterzukommen, von wem sie sein konnte. Sie trug keine Unterschrift.

Reece beugte sich vor, las über seine Schulter mit und lachte.

„Es sieht aus, als hätte meine Schwester Gefallen an dir gefunden“, sagte er lächelnd. „Ich würde gehen, wenn ich du wäre. Sie hasst es, warten zu müssen.“

Thor fühlte, wie er rot anlief.

„Der hintere Hof liegt hinter diesen Türen. Beeil dich. Es soll vorkommen, dass sie ihre Meinung schnell ändert“, lächelte Reece, als er ihn ansah. „Und ich hätte dich liebend gern in meiner Familie.“

KAPITEL NEUNZEHN

Thor versuchte, sich an Reeces Wegbeschreibung zu halten, während er sich seinen Weg durch die vor Leuten wimmelnde Burg bahnte; doch es war nicht einfach. Die Burg hatte zu viele Ecken und Winkel, zu viele versteckte Hintertüren und zu viele lange Korridore, die immer nur zu noch mehr Korridoren zu führen schienen.

Er ging im Kopf noch einmal Reeces Beschreibung durch, als er eine weitere kleine Treppe hinunterlief, in einen weiteren Korridor abbog, und endlich vor einer kleinen gewölbten Tür mit einem roten Knauf zu stehen kam—die, von der Reece gesprochen hatte—und sie aufdrückte.

Thor eilte hinaus und wurde vom starken Licht des Sommertages erwischt; es fühlte sich gut an, draußen zu sein, raus aus der stickigen Burg; frische Luft zu atmen, mit der Sonne auf dem Gesicht. Er kniff die Augen zusammen, während sie sich an das grelle Licht gewöhnten, und genoss den Anblick: vor ihm erstreckten sich die königlichen Gärten, so weit das Auge reichte; fein getrimmte Hecken in den unterschiedlichsten Formen, die hübsche Reihen an Gärten bildeten, zwischen denen sich Pfade schlängelten. Es gab Brunnen, ungewöhnliche Bäume, Obsthaine voll von Frühsommer-Früchten, und Felder an Blumen in jeder Größe und Farbe und Form. Der Anblick verschlug ihm den Atem. Es war, als würde man ein Gemälde betreten.

Mit klopfendem Herzen blickte sich Thor überall nach einem Zeichen von Gwendolyn um. Dieser Hinterhof war menschenleer, und Thor nahm an, dass er wahrscheinlich für die königliche Familie reserviert war, von der Öffentlichkeit abgeschirmt durch hohe steinerne Gartenmauern. Und doch konnte er sie nirgendwo entdecken.

Er fragte sich, ob ihre Nachricht ein Schwindel war. Das muss es wohl gewesen sein. Wahrscheinlich machte sie sich nur über ihn lustig, den Bauerntölpel, und genoss einen Scherz auf seine Kosten. Immerhin, wie konnte jemand von ihrem Status sich ernsthaft für ihn interessieren?

Thor las noch einmal ihre Nachricht und rollte sie dann beschämt ein. Er war zum Affen gehalten worden. Was für ein Narr er doch gewesen war, sich solche Hoffnungen zu machen. Er war tief verletzt.

Thor kehrte um und wollte schon wieder mit gesenktem Kopf zurück in die Burg gehen. Als er gerade die Tür erreicht hatte, erklang eine Stimme.

„Und wohin willst du denn nun?“, kam die fröhliche Stimme. Sie klang wie Vogelgesang.

Thor fragte sich, ob er es sich nur einbildete. Er wirbelte herum, suchte, und da war sie, im Schatten unter der Burgmauer sitzend. Sie lächelte zurück, in ihre feinsten königlichen Kleider gehüllt, Lagen aus weißem Satin mit rosafarbener Borte. Sie war noch viel schöner, als er sie in Erinnerung hatte.

Sie war es. Gwendolyn. Das Mädchen, von dem Thor geträumt hatte, seit sie einander begegnet waren, mit ihren mandelförmigen blauen Augen und dem langen rötlichen Haar, mit ihrem Lächeln, das sein Herz entflammte. Sie trug einen großen Hut in Weiß und Rosa, der sie vor der Sonne schützte, und dahinter funkelten ihre Augen. Einen Moment lang wollte er sich umdrehen, um sich zu vergewissern, dass niemand hinter ihm stand.

„Ähm...“, begann Thor. „Ich...ähm...weiß nicht. Ich...ähm...war auf dem Weg hinein.“

Wieder einmal fand er sich in ihrer Gegenwart völlig aus der Bahn geworfen, hatte Schwierigkeiten, seine Gedanken zu sammeln und auszudrücken.

Sie lachte, und es war der schönste Klang, den er je gehört hatte.

„Und warum solltest du das denn tun?“, fragte sie verspielt. „Du bist doch gerade erst angekommen.“

Thor war ganz durcheinander. Er fand keine Worte.

„Ich...ähm...habe dich nicht gesehen“, sagte er beschämt.

Sie lachte wieder.

„Nun, ich bin genau hier. Möchtest du nicht herkommen und mich holen?“

Sie streckte eine Hand aus; Thor eilte hinüber, beugte sich zu ihr hinunter und nahm ihre Hand. Er war elektrisiert von der Berührung ihrer Haut, so glatt und weich; ihre zierliche Hand passte genau in seine. Sie sah zu ihm auf und ließ ihre Hand eine Weile dort ruhen, bevor sie sich langsam erhob. Er liebte das Gefühl ihrer Fingerspitzen auf seiner Handfläche und hoffte, sie würde sie nie mehr von dort wegziehen.

Sie zog die Hand zurück und hakte ihren Arm dann unter seinen ein. Sie führte ihn an den gewundenen Pfad vor ihnen und begann ihren Spaziergang. Sie schlenderten einen schmalen Pfad aus Pflastersteinen entlang und waren bald in einem Labyrinth an Hecken angelangt, vor Blicken von außen geschützt.

Thor war nervös. Vielleicht würde er, aus dem gemeinen Volk, in Schwierigkeiten geraten, wenn er so mit der Tochter des Königs spazierte. Er fühlte, wie seine Stirn in leichten Schweiß ausbrach und wusste nicht, ob es von der Hitze kam, oder von ihrer Berührung.

Er war nicht sicher, was er sagen sollte.

„Du hast hier für einiges an Aufruhr gesorgt, nicht wahr?“, fragte sie mit einem Lächeln. Er war ihr dankbar, dass sie das ungemütliche Schweigen brach.

Thor zuckte die Schultern. „Es tut mir leid. Es war nicht meine Absicht.“

Sie lachte. „Und warum solltest du es nicht beabsichtigen? Ist es nicht gut, für Aufruhr zu sorgen?“

Thor saß fest. Er wusste kaum, was er darauf antworten sollte. Es schien, als würde er immer das Falsche sagen.

„Dieser Ort ist sowieso so spießig und langweilig“, sagte sie. „Es ist mal nett, jemand Neuen hier zu haben. Mein Vater scheint starken Gefallen an dir gefunden zu haben. Mein Bruder auch.“

„Ähm...danke“, antwortete Thor.

Er gab sich in Gedanken einen Tritt. Innerlich starb er. Er wusste, er sollte mehr sagen, und er wollte es auch. Er wusste nur nicht, was.

„Hast du...“, setzte er an, und zermarterte sich das Hirn, die richtigen Worte zu finden, „...es hier gern?“

Sie lehnte sich zurück und lachte.

„Ob ich es hier gern habe?“, sagte sie. „Na das will ich doch stark hoffen. Ich wohne hier!“

Sie lachte wieder und Thor spürte, wie er rot wurde. Er hatte das Gefühl, als würde er es hier so richtig vermasseln. Doch er war nicht unter Mädchen aufgewachsen, hatte nie eine Freundin in seinem Dorf gehabt, und wusste einfach nicht, was er zu ihr sagen sollte. Was könnte er sie fragen? Woher kommst du? Er wusste schon, woher sie kam. Er fragte sich langsam, warum sie sich überhaupt um ihn bemühte; war es nur zu ihrer Unterhaltung?

„Warum magst du mich?“, fragte er.

Sie sah ihn an und machte ein komisches Geräusch.

„Du bist aber voreilig“, kicherte sie. „Wer sagt, dass ich dich mag?“, fragte sie mit einem breiten Lächeln. Offenbar amüsierte sie alles, was er sagte.

Jetzt fühlte sich Thor, als ob er noch tiefer in Schwierigkeiten steckte.

„Tut mir leid. Das wollte ich damit nicht sagen. Ich habe mich nur gewundert. Ich meine...ähm...ich weiß schon, dass du mich nicht magst.“

Sie lachte stärker.

„Du bist unterhaltsam, das muss ich dir lassen. Ich nehme an, du hattest noch nie eine Freundin, richtig?“

Thor blickte zu Boden und schüttelte beschämt den Kopf.

„Ich nehme an, auch keine Schwestern?“, drängte sie weiter.

Thor schüttelte den Kopf.

„Ich habe drei Brüder“, platzte er heraus. Endlich hatte er es geschafft, zumindest etwas Normales zu sagen.

„Tatsächlich?“, fragte sie. „Und wo sind sie? In deinem Dorf?“

Thor schüttelte den Kopf. „Nein, sie sind hier in der Legion, wie ich.“

„Oh, das muss angenehm sein.“

Thor schüttelte den Kopf.

„Nein. Sie können mich nicht ausstehen. Sie wünschten, ich wäre nicht hier.“

Zum ersten Mal verschwand ihr Lächeln.

„Wie können sie dich denn nicht ausstehen?“, fragte sie entsetzt. „Deine eigenen Brüder?“

Thor zuckte mit den Schultern. „Das würde ich auch gern wissen.“

Sie gingen eine Weile schweigend weiter. Plötzlich hatte er Angst, dass er ihre gute Laune verdorben hatte.

„Aber mach dir nichts draus, es stört mich nicht. Es war schon immer so. In Wahrheit habe ich hier sehr gute Freunde gewonnen. Bessere Freunde, als ich je welche hatte.“

„Meinen Bruder? Reece?“, fragte sie.

Thor nickte.

„Reece ist ein guter Kerl“, sagte sie. „Er ist in mancher Hinsicht mein Lieblingsbruder. Ich habe vier Brüder, weißt du. Drei sind echt, und einer nicht. Der Älteste ist der Sohn meines Vaters mit einer anderen Frau. Mein Halbbruder. Kennst du ihn, Kendrick?“

Thor nickte. „Ich stehe tief in seiner Schuld. Nur dank ihm habe ich einen Platz in der Legion. Er ist ein feiner Mann.“

„Das stimmt. Er ist einer der feinsten im Königreich. Ich liebe ihn genauso wie einen echten Bruder. Und dann ist da Reece, den ich genauso lieb habe. Die andern beiden...tja... Du weißt ja, wie Familien so sind. Nicht alle vertragen sich. Manchmal frage ich mich, wie wir alle von den gleichen Menschen abstammen können.“

Jetzt war Thor neugierig. Er wollte mehr darüber erfahren, wer sie waren, ihre Beziehung zu ihnen, warum sie einander nicht nahe standen. Er wollte sie fragen, aber er wollte nicht bohren. Und es schien auch nicht, als ob sie sich weiter darüber Gedanken machen wollte. Sie schien ein fröhlicher Mensch zu sein; jemand, der sich lieber auf fröhliche Dinge konzentrieren wollte.

Als sie am Ende des Labyrinth-Pfades angekommen waren, öffnete sich der Hof zu einem neuen Garten, wo das Gras perfekt getrimmt und zu Formen gestaltet war. Es war eine Art enormes Spielbrett, das sich zumindest fünfzig Fuß in jede Richtung erstreckte, mit riesigen Spielsteinen aus Holz, größer als Thor, die rundum verteilt waren.

Gwen gab einen entzückten Laut von sich.

„Spielst du mit mir?“, fragte sie.

„Was ist es?“, fragte er.

Sie drehte sich und sah ihn mit großen Augen staunend an.

„Du hast noch nie Klötze gespielt?“, fragte sie.

Thor schüttelte den Kopf; es war ihm peinlich, er fühlte sich noch mehr wie ein Landei als je zuvor.

„Es ist das tollste Spiel!“, rief sie aus.

Sie streckte beide Hände aus und nahm seine, und zerrte ihn aufs Spielfeld. Sie lief voller Freude dahin; er konnte nicht anders, und lächelte selbst. Mehr als alles andere, mehr als das Feld, mehr als dieser wunderschöne Ort, war es das Gefühl ihrer Hände auf den seinen, das ihn elektrisierte. Das Gefühl, erwünscht zu sein. Sie wollte, dass er mit ihr ging. Sie wollte Zeit mit ihm verbringen. Warum sollte sich irgendjemand um ihn scheren? Besonders so jemand wie sie? Er fühlte sich immer noch, als wäre das alles hier ein Traum.

„Stell dich dort drüben hin“, sagte sie. „Hinter der Figur. Du musst sie bewegen, und du hast nur zehn Sekunden dafür Zeit.“

„Was meinst du, sie bewegen?“, fragte Thor.

„Schnell, such dir eine Richtung aus!“, rief sie aus.

Thor hob den riesigen Holzklotz hoch, von seinem Gewicht erstaunt. Er trug ihn mehrere Schritte und stellte ihn auf einem anderen Feld ab.

Ohne zu zögern stieß Gwen ihren eigenen Stein an. Er landete auf Thors Figur und warf sie ins Gras.

Sie lachte erfreut auf.

„Das war ein schlechter Zug!“, sagte sie. „Du bist mir genau in den Weg gelaufen! Du hast verloren!“

Thor blickte auf die beiden Figuren am Boden und war verwirrt. Er hatte das Spiel überhaupt nicht verstanden.

Sie lachte und nahm seinen Arm, als sie ihn weiter die Pfade entlangführte.

„Keine Sorge, ich werde es dir beibringen“, sagte sie.

Sein Herz schwebte bei diesen Worten. Sie würde es ihm beibringen. Sie wollte ihn wiedersehen. Mit ihm Zeit verbringen. Bildete er sich das alles nur ein?

„Also, sag schon, was hältst du von diesem Ort?“, fragte sie, als sie ihn in eine weitere Reihe an Labyrinthen führte. Dieses war mit farbenprächtigen Blumen geschmückt, die acht Fuß hoch wuchsen, mit seltsamen Insekten, die über ihren Spitzen schwebten.

„Es ist der schönste Ort, den ich je gesehen habe“, antwortete Thor wahrheitsgemäß.

„Und warum möchtest du zur Legion gehören?“

„Es ist das, von dem ich immer geträumt habe“, antwortete er.

„Aber warum?“, fragte sie. „Weil du meinem Vater dienen möchtest?“

Thor dachte darüber nach. Er hatte sich nie wirklich darüber Gedanken gemacht, warum—es war einfach immer da gewesen.

„Ja“, antwortete er. „Möchte ich. Und dem Ring.“

„Aber was ist mit deinem Leben?“, fragte sie. „Möchtest du keine Familie haben? Land? Eine Frau?“

Sie blieb stehen und sah ihn an; es warf ihn aus der Bahn. Er war ratlos. Er hatte über diese Dinge nie nachgedacht und wusste kaum, was er antworten sollte. Ihre Augen funkelten, als sie ihn ansahen.

„Ähm...ich...ich weiß nicht. Ich habe nie wirklich darüber nachgedacht.“

„Und was würde deine Mutter dazu sagen?“, fragte sie spielerisch.

Thors Lächeln schwand.

„Ich habe keine Mutter“, sagte er.

Zum ersten Mal verging ihr das Lächeln.

„Was ist mit ihr geschehen?“, fragte sie.

Thor wollte ihr gerade antworten, ihr alles erzählen. Es würde das erste Mal in seinem Leben sein, dass er von ihr sprach, zu irgendjemandem. Und das Verrückte daran war, er wollte es. Er wollte sich ihr ganz dringend öffnen, dieser Fremden, und ihr alles über seine tiefsten Gefühle erzählen.

Doch als er den Mund öffnete, kam plötzlich eine strenge Stimme aus dem Nichts hervor.

„Gwendolyn!“, kreischte die Stimme.

Sie beide wirbelten herum und sahen ihre Mutter, die Königin, in ihren feinsten Kleidern, von ihren Zofen begleitet, direkt auf ihre Tochter zumarschieren. Ihr Gesicht war wutentbrannt.

Die Königin kam auf Gwen zu, packte sie grob am Arm und zerrte sie davon.

„Du gehst sofort wieder hinein. Was habe ich dir gesagt? Ich will nicht, dass du je wieder mit ihm sprichst. Hast du mich verstanden?“

Gwens Gesicht wurde tiefrot, dann wandelte sich der Ausdruck in Ärger und Stolz.

„Lass mich los!“, schrie sie ihre Mutter an. Doch es half nichts: ihre Mutter zerrte sie weiter davon, und auch ihre Zofen umzingelten sie.

„Ich sagte, lass mich los!“, schrie Gwen. Sie blickte zurück zu Thor, mit einem verzweifelten, traurigen Blick, in dem ein Flehen lag.

Thor kannte das Gefühl. Er fühlte das Gleiche. Er wollte ihr zurufen und fühlte, wie ihm das Herz brach, als er zusah, wie sie davongezerrt wurde. Es war, als würde er dabei zusehen müssen, wie ihm ein zukünftiges Leben weggenommen wurde, direkt vor seinen Augen.

Er stand noch lange da, nachdem sie aus seiner Sicht verschwunden war, und starrte, auf der Stelle angewurzelt, atemlos. Er wollte nicht fort, wollte das alles nicht einfach vergessen.

Doch vor allem anderen wollte er sich nicht vorstellen, dass er sie nie wiedersehen sollte.

*

Während Thor zur Burg zurückschlenderte, immer noch aufgewühlt von seiner Begegnung mit Gwen, nahm er seine Umgebung gar nicht richtig wahr. Seine Gedanken waren erfüllt von ihr; er sah unentwegt ihr Gesicht vor sich. Sie war wundervoll. Die schönste und freundlichste und süßeste und sanfteste und liebevollste und lustigste Person, der er je begegnet war. Er musste sie wiedersehen. Er fühlte richtigen Schmerz in Abwesenheit ihrer Gegenwart. Er konnte seine Gefühle für sie nicht verstehen, und das machte ihm Angst. Er kannte sie kaum, und doch wusste er jetzt schon, dass er nicht ohne sie sein konnte.

Gleichzeitig dachte er aber an die Königin, wie sie sie weggezerrt hatte, und ihm wurde mulmig beim Gedanken an die Mächte, die da zwischen ihnen standen. Mächte, die aus irgendeinem Grund nicht wollten, dass sie zusammen waren.

Während er sich das Hirn zermarterte und versuchte, dem Ganzen auf den Grund zu gehen, fühlte er plötzlich eine steife Hand auf seiner Brust, die ihn brüsk anhielt.

Er blickte auf und sah einen Jungen, vielleicht ein paar Jahre älter als er, groß und dünn, gekleidet in die teuersten Gewänder, die er je gesehen hatte—Seide in Königspurpur und Grün und Dunkelrot, mit einem ausladenden, gefiederten Hut—finster auf ihn hinunterblicken. Der Junge wirkte geziert, verwöhnt, als wäre er im Schoß des Luxus aufgewachsen, mit weichen Händen und hohen, gewölbten Augenbrauen, die voll Abneigung auf ihn hinunterblickten.

„Man nennt mich Alton“, begann der Junge. „Ich bin der Sohn von Lord Alton, dem ersten Cousin des Königs. Wir sind bereits seit sieben Jahrhunderten Lords des Reiches. Was mich zum Titel eines Herzogs berechtigt. Du, andererseits, bist aus dem gemeinen Volk“, sagte er, die Worte fast ausspuckend. „Der königliche Hof ist für königliche Menschen. Und für Männer von Rang. Nicht für deinesgleichen.“

Thor stand ohne eine Ahnung da, wer dieser Junge war oder was er getan hatte, um ihn aufzuregen.

„Was willst du von mir?“, fragte Thor.

Alton schnaubte abfällig.

„Klar, das würdest du nicht wissen. Du weißt wahrscheinlich gar nichts, oder? Wie kannst du es wagen, hier hereinzuplatzen und vorzugeben, einer von uns zu sein!“, fauchte er.

„Ich gebe gar nichts vor“, sagte Thor.

„Nun, mir ist egal, welche Welle dich hier hereingespült hat. Ich will dich nur warnen—bevor du dir noch weitere Phantasien in den Kopf setzt—dass Gwendolyn mir gehört.“

Thor starrte ihn schockiert an. Ihm gehört? Er wusste kaum, was er sagen sollte.

„Unsere Vermählung war von Geburt an arrangiert“, setzte Alton fort. „Wir sind von gleichem Alter, und von gleichem Rang. Pläne sind bereits im Laufen. Wage ja nicht, zu glauben, auch nicht für einen Augenblick, dass sich daran irgendetwas ändern wird.“

Thor war, als wäre ihm der Atem geraubt worden; er hatte nicht einmal die Kraft, zu antworten.

Alton kam einen Schritt näher und starrte auf ihn herab.

„Weißt du“, sagte er mit sanfter Stimme, „ich gestatte Gwen ihre Liebeleien. Davon hat sie viele. Immer wieder mal schließt sie einen aus dem Volk ins Herz, oder auch mal einen Diener. Sie gestattet ihnen, ihre Unterhaltung, ihr Amüsement zu sein. Du magst vielleicht zum Schluss gekommen sein, dass es mehr wäre als das. Doch für Gwen ist das alles. Du bist nur eine weitere Bekanntschaft, eine weitere Vergnügung. Sie sammelt sie, wie Puppen. Sie bedeuten ihr nichts. Sie ist ganz begeistert vom nächsten gewöhnlichen Typen, und nach einem oder zwei Tagen wird es ihr langweilig. Sie wird dich schnell fallenlassen. In Wirklichkeit bist du gar nichts für sie. Und bis zum Jahresende sind sie und ich vermählt. Für immer.“

Altons Augen wurden weit, zeigten seine wilde Entschlossenheit.

Thor spürte, wie bei seinen Worten sein Herz brach. War das die Wahrheit? War er wirklich gar nichts für Gwen? Jetzt war er verwirrt; er wusste kaum, was er glauben sollte. Sie hatte so aufrichtig gewirkt. Doch vielleicht hatte Thor nur einen voreiligen, falschen Schluss gezogen?

„Du lügst“, erwiderte Thor schließlich.

Alton rümpfte die Nase, hob dann einen einzelnen verwöhnten Finger hoch und drücke ihn in Thors Brust.

„Wenn ich dich je wieder in ihrer Nähe erblicke, werde ich meine Autorität nutzen und die königliche Wache holen. Sie werden dich in den Kerker werfen!“

„Mit welcher Begründung!?“, fragte Thor.

„Ich brauche keine Begründung. Ich habe hier einen Rang. Ich werde mir etwas ausdenken, und sie werden mir Glauben schenken. Wenn ich damit fertig bin, dich schlechtzumachen, wird das halbe Königreich glauben, dass du ein Verbrecher bist.“

Alton lächelte selbstzufrieden; Thor wurde schlecht.

„Dir fehlt es an Ehre“, sagte Thor, nicht begreifend, wie jemand mit so wenig Anstand handeln konnte.

Alton lachte, ein schriller Ton.

„Davon hatte ich nie viel“, sagte er. „Ehre ist für Narren. Ich habe, was ich will. Du kannst dir deine Ehre behalten. Und ich behalte Gwendolyn.“

KAPITEL ZWANZIG

Thor verließ gemeinsam mit Reece Königshof durch das gewölbte Tor, und sie betraten die Landstraße, die zurück zur Legionskaserne führte. Die Wachen standen für sie stramm, als sie vorbeikamen, und Thor hatte ein starkes Gefühl, dazuzugehören—als wäre er nicht mehr so ein Außenseiter. Er dachte daran zurück, wie es nur vor ein paar Tagen noch war, als ein Wachmann ihn von hier davongejagt hatte. Wie viel sich doch geändert hatte, und so schnell.

Thor hörte ein Kreischen und blickte hoch, wo er in den Lüften Estopheles sah, die kreisend hinunterblickte. Sie ging in den Sturzflug und Thor hielt aufgeregt seinen Arm aus, auf dem er immer noch den Metallhandschuh trug. Doch sie stieg wieder hoch und flog davon, höher und höher, doch niemals völlig außer Sichtweite. Thor bewunderte sie. Sie war eine geheimnisvolle Kreatur, und er fühlte eine intensive Verbundenheit mit ihr, die schwer zu beschreiben war.

Thor und Reece gingen schweigend weiter, mit schnellen Schritten auf die Kaserne zu. Thor wusste, dass seine Kameraden ihn erwarten würden, und fragte sich, welche Art von Empfang ihn erwartete. Würde es Neid geben, Eifersucht? Würden sie verärgert sein, dass er all diese Aufmerksamkeit bekam? Würden sie sich über ihn lustig machen, weil er über den Canyon zurückgetragen werden musste? Oder würden sie ihn endlich akzeptieren?

Thor hoffte auf das Letztere. Er war es leid, gegen den Rest der Legion ankämpfen zu müssen, und er wollte nur, mehr als alles andere, dazugehören. Als einer von ihnen akzeptiert werden.

Die Kaserne kam in der Ferne in Sicht, und Thors Gedanken wurden langsam von etwas anderem erfüllt.

Gwendolyn.

Thor wusste nicht, wie viel er mit Reece darüber sprechen konnte, da es immerhin um seine Schwester ging. Doch er bekam sie nicht aus dem Kopf. Er konnte nicht aufhören, an seine Begegnung mit diesem bedrohlichen Adeligen Alton zu denken, und fragte sich, wie viel von dem, was er gesagt hatte, wahr war. Ein Teil von ihm fürchtete sich davor, es mit Reece zu besprechen; er wollte nicht riskieren, ihn irgendwie zu verärgern und seinen neuen Freund wegen seiner Schwester zu verlieren. Doch ein anderer Teil von ihm musste einfach wissen, was er dachte.

„Wer ist Alton?“, fragte Thor schließlich zögernd.

„Alton?“, wiederholte Reece. „Warum erkundigst du dich nach ihm?“

Thor zuckte mit den Schultern, unsicher, wie viel er sagen sollte.

Zum Glück fuhr Reece fort.

„Er ist nichts anderes als ein geringeres Mitglied der königlichen Familie, der gern bedrohlich tut. Dritter Cousin zum König. Wieso? Ist er dir wegen irgendetwas nahegetreten?“ Dann verengte Reece die Augen. „Gwen? Geht es darum? Ich hätte dich warnen sollen.“

Thor blickte Reece an; er wollte mehr erfahren.

„Was meinst du?“

„Er ist ein Flegel. Er ist hinter meiner Schwester her, seit er laufen kann. Er ist sich sicher, dass die beiden vermählt werden. Meine Mutter scheint der gleichen Ansicht zu sein.“

„Und werden sie?“, fragte Thor, überrascht von der Dringlichkeit in seiner eigenen Stimme.

Reece sah ihn an und lächelte.

„Na, na, du hast dich ganz schön in sie verguckt, nicht wahr?“ Er schmunzelte. „Das ging schnell.“

Thor wurde rot; er hatte gehofft, dass es nicht so offensichtlich war.

„Ob sie das tun werden oder nicht, würde davon abhängen, welche Gefühle meine Schwester für ihn hat“, antwortete Reece schließlich. „Außer, sie zwingen sie, zu heiraten. Aber ich bezweifle, dass mein Vater das tun würde.“

„Und was sind ihre Gefühle für ihn?“, drängte Thor, der befürchtete, dass er zu neugierig war—aber er musste es wissen.

Reece zuckte mit den Schultern. „Da musst du sie selber fragen, schätze ich. Darüber rede ich mit ihr nie.“

„Aber würde dein Vater sie zur Heirat zwingen?“, drängte Thor. „Könnte er so etwas wirklich tun?“

„Mein Vater kann tun, was er will. Aber das ist eine Sache zwischen ihm und Gwen.“

Reece sah Thor an.

„Warum all diese Fragen? Worüber habt ihr gesprochen?“

Thor wurde rot, unsicher, was er sagen sollte.

„Nichts“, sagte er schließlich.

„Nichts!“ Reece lachte. „Klingt mir nach einem ganzen Haufen Nichts!“

Reece lachte stärker, und Thor war es peinlich; er fragte sich, ob er sich nicht nur einbildete, dass Gwen ihn gern hatte. Reece streckte die Hand aus und legte sie ihm fest auf die Schulter.

„Hör zu, alter Knabe“, sagte Reece, „das einzige, was du über Gwen mit Sicherheit wissen kannst, ist, dass sie weiß, was sie will. Und sie bekommt, was sie will. Das war schon immer so. Sie hat einen ebenso starken Willen wie mein Vater. Niemand kann sie dazu zwingen, irgendetwas zu tun—oder irgendjemanden gern zu haben—wenn sie das nicht will. Also mach dir keine Sorgen. Wenn sie dich wählt, glaub mir, dann wird sie es dich wissen lassen. In Ordnung?“

Thor nickte; wie immer fühlte er sich nach dem Gespräch mit Reece besser.

Er blickte auf und sah die riesigen Tore zu der Legionskaserne vor ihm aufragen. Er war überrascht, mehrere der anderen Jungen am Tor stehen zu sehen, als ob sie auf sie warten würden, und noch mehr überrascht, als er sah, dass sie freudig grinsten und ihm bei seinem Anblick zujubelten. Sie rannten vor, packten Thor an den Schultern, legten die Arme um ihn und zogen ihn hinein. Thor war begeistert, als er von den anderen in einer wohlgesinnten Umarmung hineinbugsiert wurde.

„Erzähl uns vom Canyon. Wie ist es auf der anderen Seite?“, fragte einer.

„Wie war die Kreatur? Die, die du getötet hast?“, fragte ein anderer.

„Ich habe sie nicht getötet“, protestierte Thor. „Das war Erec.“

„Ich habe gehört, dass du Elden das Leben gerettet hast“, sagte einer.

„Ich habe gehört, dass du die Kreatur direkt angegriffen hast. Ohne echte Waffen.“

„Du gehörst jetzt zu uns!“, schrie einer heraus, und die anderen Jungs jubelten, schoben ihn vor sich her, als wäre er ihr lange verlorener Bruder.

Thor konnte es kaum glauben. Je mehr er ihre Worte hörte, umso mehr glaubte er ihnen, dass sie vielleicht recht haben könnten. Vielleicht hatte er wirklich etwas sehr Tapferes getan. Er hatte nie wirklich darüber nachgedacht. Zum ersten Mal seit langem fing er an, sich mit sich zufrieden zu fühlen. Großteils deshalb, weil er jetzt endlich das Gefühl hatte, dass er zu diesen Jungs dazugehörte. Er fühlte, wie sich eine Anspannung aus seinen Schultern löste.

Thor wurde zum großen Trainingsplatz geführt, und vor ihm standen dutzende weitere Legionäre, zusammen mit dutzenden der Silbernen. Auch sie jubelten ihm zu, als sie ihn erblickten. Sie alle traten vor und klopften ihm auf den Rücken.

Kolk trat vor und die anderen wurden still. Thor machte sich auf etwas gefasst, da Kolk nie etwas anderes als Verachtung für Thor gezeigt hatte. Doch jetzt stellte Thor überrascht fest, dass er ihn mit einem anderen Ausdruck anblickte. Wenn er sich auch immer noch nicht zu einem Lächeln zwingen konnte, so war sein Ausdruck zumindest auch nicht mehr finster. Und Thor hätte schwören können, dass er in seinen Augen so etwas wie Bewunderung hätte sehen können.

Kolk trat vor, hielt eine kleine Anstecknadel in Form eines schwarzen Falken hoch, und steckte sie Thor an die Brust.

Die Nadel der Legion. Thor war aufgenommen worden. Endlich war er einer von ihnen.

„Thorgrin aus der Südprovinz des Westlichen Königreichs“, sagte Kolk gewichtig. „Wir heißen dich in der Legion willkommen.“

Die Jungen stießen einen Jubelruf aus, dann stürzten sich alle auf ihn, legten ihre Arme um Thor und wiegten ihn mal hierhin, mal dahin.

Thor konnte es gar nicht alles erfassen. Er wollte es auch gar nicht. Er wollte einfach nur diesen Moment genießen. Jetzt, endlich, gab es einen Ort, wo er hingehörte.

Kolk drehte sich zu den anderen Jungen.

„In Ordnung, Jungs, beruhigt euch wieder“, befahl er. „Heute ist ein besonderer Tag. Keine Heugabeln und Politur und Pferdemist mehr für euch. Jetzt ist es an der Zeit, richtig zu trainieren. Heute ist Waffentag.“

Die Jungen antworteten mit einem aufgeregten Schrei und folgten Kolk auf seinem Weg zum Trainingsplatz, hin zu einem riesigen runden Gebäude aus Eichenholz mit glänzenden Türen aus Bronze. Thor ging mit der Gruppe hinüber; eine aufgeregte Spannung lag in der Luft. Reece war an seiner Seite und O’Connor gesellte sich zu ihnen.

„Hätte nie gedacht, dass ich dich lebend wiedersehe“, sagte O’Connor, lächelte und klatschte ihm die Hand auf die Schulter. „Nächstes Mal lass mich erst wach werden, ja?“

Thor grinste zurück.

„Was ist das für ein Gebäude?“, fragte Thor Reece, als sie näher kamen. Riesige Eisennieten bedeckten die Tür, und der Ort hatte eine beeindruckende Ausstrahlung.

„Das Waffenlager“, antwortete Reece. „Hier werden alle unsere Waffen aufbewahrt. Hier und da mal lassen sie uns einen Blick auf sie werfen, manchmal sogar mit ihnen trainieren. Je nachdem, welche Lektion sie uns gerade erteilen wollen.“

Thors Magen zog sich zusammen, als er Elden bemerkte, der zu ihnen herüberkam. Thor machte sich auf eine Drohung gefasst—aber dieses Mal, zu Thors Erstaunen, hatte Elden einen Ausdruck von Wertschätzung auf dem Gesicht.

„Ich muss dir danken“, sagte er, kleinlaut zu Boden blickend. „Dafür, dass du mein Leben gerettet hast.“

Thor war überrumpelt: das hätte er von ihm nie erwartet.

„Ich habe mich in dir getäuscht“, fügte Elden hinzu. „Freunde?“, fragte er.

Er streckte die Hand aus.

Thor war nicht von der nachtragenden Sorte; er streckte freudig die Hand aus und packte seine.

„Freunde“, sagte Thor.

„Mit diesem Wort gehe ich nicht leichtfertig um“, sagte Elden. „Ich werde immer auf deinen Rücken aufpassen. Und ich schulde dir was.“

Mit diesen Worten huschte er davon und verschwand wieder in der Menge.

Thor wusste kaum, was er davon halten sollte. Er war verblüfft, wie schnell sich die Dinge gewandelt hatten.

„Schätze, er ist kein völliger Fiesling“, sagte O’Connor. „Vielleicht ist er ja doch ganz in Ordnung.“

Sie erreichten das Waffenlager, die enormen Türen schwangen auf, und Thor trat ehrfürchtig hinein. Er ging langsam herum, mit ausgestrecktem Hals, schritt den Ort in einem großen Kreis ab, alles in sich aufnehmend. Hunderte von Waffen—Waffen, die er nicht einmal erkannte—hingen an den Wänden. Die anderen Jungen eilten in aufgeregter Hast hinein, rannten auf die Waffen zu, nahmen sie hoch, fühlten sie, untersuchten sie. Thor machte es ihnen nach und fühlte sich wie ein Kind im Süßwarenladen.

Er eilte hinüber zu einer langen Hellebarde, hob den Holzstiel mit beiden Händen hoch und fühlte ihr Gewicht. Sie war wuchtig, gut geölt. Die Klinge war abgenutzt und eingekerbt, und er fragte sich, ob sie viele Männer im Kampf getötet hatte.

Er setzte sie ab und nahm einen stachelbewehrten Dreschflegel in die Hand, eine beschlagene Metallkugel, die mit einer langen Kette an einem Kurzstab befestigt war. Er hielt den beschlagenen Holzstab fest und fühlte die Metallspitzen am Ende der Kette baumeln. Neben ihm spielte Reece sich mit einer Streitaxt, und O’Connor prüfte das Gewicht eines langen Spießes, indem er ihn durch die Luft in einen imaginären Gegner stieß.

„Hört alle her“, schrie Kolk, und sie alle drehten sich ihm zu.

„Heute lernen wir, wie man Gegner aus der Ferne bekämpft. Kann mir hier jemand sagen, welche Waffen man dazu verwenden kann? Was kann einen Mann aus dreißig Schritt Entfernung töten?“

„Pfeil und Bogen“, schrie jemand.

„Jawohl“, antwortete Kolk. „Was noch?“

„Einen Speer!“, rief jemand.

„Was sonst? Es gibt noch mehr Möglichkeiten. Lasst sie hören.“

„Eine Steinschleuder“, fügte Thor dazu.

„Was noch?“

Thor zermarterte sich das Gehirn, aber ihm fiel nichts mehr ein.

„Wurfmesser“, rief Reece.

„Was noch?“

Die anderen Jungen zögerten. Keiner hatte mehr Ideen.

„Es gibt Wurfhämmer“, schrie Kolk, „und Wurfäxte. Es gibt die Armbrust. Spieße können geworfen werden. Aber auch Schwerter.“

Kolk schritt durch den Raum, überflog die Gesichter der Jungen, die vor Aufmerksamkeit gebannt dastanden.

„Das ist noch nicht alles. Ein einfacher Steinbrocken vom Boden kann euer bester Freund werden. Ich habe einen Mann gesehen, groß wie ein Bulle, ein Kriegsheld, der vom Fleck weg mit einem geworfenen Stein von einem geschickteren Soldaten getötet wurde. Soldaten verstehen auch oft nicht, dass Rüstungsteile ebenso als Waffen verwendet werden können. Ein Handschuh kann abgenommen und dem Feind ins Gesicht geworfen werden. Das kann ihn aus mehreren Fuß Entfernung aus der Fassung bringen. In dem Moment kann man ihn töten. Auch ein Schild kann geworfen werden.“

Kolk holte Atem.

„Es ist lebenswichtig, dass, wenn ihr zu kämpfen lernt, ihr nicht nur lernt, im Abstand zwischen euch und eurem Gegner zu kämpfen. Ihr müsst euren Kampf in weit größere Entfernung ausdehnen können. Die meisten Leute kämpfen mit drei Schritten. Ein guter Krieger kämpft mit dreißig. Verstanden?“

„Jawohl, Kommandant!“, ertönte ein Chor von Rufen.

„Gut. Heute werden wir eure Wurfkünste schärfen. Sucht den Raum ab und schnappt euch alle Wurfgegenstände, die ihr seht. Schnappt euch jeder einen und tretet in dreißig Sekunden draußen an. Bewegung!“

Im Raum brach ein Gerangel, aus und Thor rannte zur Wand auf der Suche nach etwas, dass er sich schnappen konnte. Er wurde von anderen aufgeregten Jungen in alle Richtungen gerempelt und geschubst, bis er endlich sah, was er wollte, und es schnappte. Es war eine kleine Wurfaxt. O’Connor schnappte sich einen Dolch, Reece ein Schwert, und die drei rannten nach draußen, in das Feld mit den anderen Jungen.

Sie folgen Kolk ans andere Ende des Feldes, wo ein Dutzend Schilde auf Pfosten aufgestellt waren.

Alle Jungen, mit ihren Waffen ihn der Hand, versammelt sich erwartungsvoll um Kolk.

„Ihr werdet euch hier aufstellen“, dröhnte er hinaus und zeigte auf eine Linie am Boden, „und auf diese Schilde zielen, wenn ihr eure Waffen werft. Dann werdet ihr zu den Schilden rennen, eine andere Waffe ziehen, und mit dieser weiterüben. Wählt nie die gleiche Waffe zweimal. Zielt immer auf den Schild. Wer einen Schild verfehlt, muss eine Runde um das Feld laufen. Los!“

Die Jungen stellten sich in Reihe auf, Schulter an Schulter, hinter der Linie am Boden, und begannen, ihre Waffen auf die Schilde zu werfen, die gut dreißig Schritt entfernt standen. Thor stellte sich in die Reihe. Der Junge neben ihm holte aus und warf seinen Speer—haarscharf am Ziel vorbei.

Der Junge drehte sich herum und begann seinen Lauf um die Arena. Einer von des Königs Mannen gesellte sich zu ihm und legte den schweren Mantel einer Kettenrüstung über seine Schultern, der ihn niederdrückte.

„Renn damit, Junge!“, befahl er.

Der Junge, niedergedrückt, jetzt schon schwitzend, lief in der Hitze weiter.

Thor wollte sein Ziel nicht verfehlen. Er lehnte sich zurück, konzentrierte sich, hob seine Wurfaxt nach hinten und warf. Er schloss die Augen und hoffte, sie würde ihr Ziel treffen, und war erleichtert, als er hörte, wie sie sich in den ledernen Schild eingrub. Er hatte es nur knapp geschafft, eine untere Ecke erwischt, aber immerhin hatte er ihn erwischt. Rund um ihn herum schossen einige der Jungen vorbei und brachen zu ihrer Runde auf. Die wenigen, die trafen, liefen auf die Schilde zu, um sich eine neue Waffe zu holen.

Thor erreichte die Schilde und fand einen langen, schmalen Wurfdolch, den er herauszog und zur Wurflinie zurücklief.

Sie warfen stundenlang weiter, bis Thors Arm ihn fast umbrachte und er selbst eine Runde zuviel gelaufen war. Er war schweißtriefend, genau wie die anderen um ihn. Es war eine interessante Übung, alle Arten von Waffen zu werfen, sich an das Gefühl und das Gewicht von allen möglichen unterschiedlichen Stielen und Klingen zu gewöhnen. Thor spürte, wie er besser wurde, mehr daran gewöhnt, mit jedem Versuch. Dennoch war die Hitze niederdrückend, und er wurde langsam müde. Nur noch ein Dutzend Jungen standen noch vor den Schildern; die meisten von ihnen waren dabei, Runden zu laufen. Es war einfach zu schwer, so oft zu treffen, mit so vielen unterschiedlichen Waffen, und die Runden und die Hitze machten Genauigkeit noch schwerer. Thor keuchte und wusste nicht, wie viel länger er noch durchhalten würde. Gerade, als er das Gefühl hatte, bald zusammenzuklappen, trat Kolk plötzlich vor.

„Genug!“, schrie er.

Die Jungen kamen von ihren Runden zurück und krachten ins Gras. Dort lagen sie, keuchend, schwer atmend, die schweren Kettenmäntel ablegend, die um sie gelegt worden waren. Auch Thor setzte sich im Gras nieder, mit einem erschöpften Arm und triefend vor Schweiß. Einige von des Königs Mannen brachten Eimer, die sie im Gras absetzten. Reece holte sich einen, trank daraus und reichte ihn dann O’Connor, der trank und ihn an Thor weitergab. Thor trank und trank, und Wasser tropfte von seinem Kinn auf seine Brust. Das Wasser fühlte sich wunderbar an. Er atmete schwer, als er ihn an Reece zurückreichte.

„Wie lang kann das so weitergehen?“, fragte er.

Reece schüttelte keuchend den Kopf. „Ich weiß es nicht.“

„Ich schwöre, die wollen uns umbringen“, kam eine Stimme. Thor blickte sich um und sah Elden, der sich zu ihnen herübergesetzt hatte. Thor war überrascht, ihn hier zu sehen, und ihm wurde klar, dass Elden wirklich sein Freund sein wollte. Es war seltsam, einen solchen Sinneswandel zu sehen.

„Jungs!“, rief Kolk, der langsam zwischen ihnen hindurchmarschierte. „Immer mehr von euch verfehlen so spät am Tag ihr Ziel. Wie ihr sehen könnt, ist es schwieriger, genau zu sein, wenn ihr müde seid. Darum geht es hier. In einer Schlacht werdet ihr nicht ausgeruht sein. Ihr werdet erschöpft sein. Manche Schlachten können Tage andauern. Besonders, wenn ihr eine Burg angreift. Und gerade dann, wenn ihr am müdesten seid, müsst ihr eure genauesten Würfe setzen. Oft werdet ihr gezwungen sein, jede Waffe zu verwenden, die ihr gerade zur Verfügung habt. Ihr müsst mit jeder Waffe ein Experte werden, und mit jedem Erschöpfungszustand. Ist das klar?“

„JAWOHL, KOMMANDANT!“, riefen sie zurück.

„Manche von euch können ein Messer werfen, oder einen Speer. Doch die gleiche Person verfehlt mit einem Hammer oder einer Axt. Denkt ihr, ihr könnt überleben, wenn ihr nur eine Waffe werfen könnt?“

„NEIN, KOMMANDANT!“

„Denkt ihr, das ist alles nur ein Spiel?“

„NEIN, KOMMANDANT!“

Kolk verzog das Gesicht, als er umher schritt, und versetzte Jungen einen Tritt in den Rücken, wenn er meinte, dass sie nicht aufrecht genug dasaßen.

„Ihr habt euch lange genug ausgeruht“, sagte er. „Zurück auf die Beine!“

Thor raffte sich mit den anderen zusammen auf die Füße; seine Beine waren müde, und er war nicht sicher, wie viel mehr davon er aushalten würde.

„Es gibt im Fernkampf zwei Seiten“, fuhr Kolk fort. „Ihr könnt werfen—aber euer Feind kann das auch. Er mag vielleicht in dreißig Schritt Entfernung nicht in Sicherheit sein—aber das seid ihr vielleicht auch nicht. Ihr müsst auch lernen, wie ihr euch in dreißig Schritt Entfernung verteidigen könnt. Ist das klar?“

„JAWOHL, KOMMANDANT!“

„Um euch vor einem Wurfgegenstand zu verteidigen, müsst ihr nicht nur achtsam und schnellen Schrittes sein, euch ducken, rollen oder ausweichen können—ihr müsst auch gut darin sein, euch mit einem großen Schild zu schützen.“

Kolk gab ein Zeichen, und ein Soldat brachte einen riesigen, schweren Schild herüber. Thor war beeindruckt: er war fast zweimal so groß wie er selbst.

„Habe ich einen Freiwilligen?“, fragte Kolk.

Die Gruppe von Jungen war still, zögerlich, und ohne nachzudenken hob Thor, vom Moment mitgerissen, seine Hand.

Kolk nickte, und Thor eilte nach vorne.

„Gut“, sagte Kolk. „Zumindest einer von euch ist dämlich genug, sich freiwillig zu melden. Ich mag deinen Schneid, Junge. Eine dumme Entscheidung. Aber gut.“

Thor fragte sich langsam, ob er eine schlechte Entscheidung getroffen hatte, als Kolk ihm den riesigen Metallschild überreichte. Er schnallte ihn an einen Arm, und konnte nicht glauben, wie schwer er war. Er war kaum in der Lage, ihn hochzuheben.

„Thor, deine Aufgabe ist es, von dieser Seite des Feldes auf die andere zu laufen. Unversehrt. Siehst du die fünfzig Jungen, die dir hier gegenüber stehen?“, sagte Kolk zu Thor. „Sie alle werden mit Waffen auf dich werfen. Echten Waffen. Verstehst du das? Wenn du deinen Schild nicht benutzt, um dich zu schützen, kannst du sterben, bevor du es auf die andere Seite schaffst.“

Thor starrte ungläubig zurück. Die Jungen wurden ganz still.

„Dies ist kein Spiel“, fuhr Kolk fort. „Das hier ist sehr ernst. Kampf ist eine ernste Sache. Es geht um Leben und Tod. Bist du sicher, dass du immer noch Freiwilligendienst machen willst?“

Thor nickte, zu erstarrt vor Schreck, um etwas anderes zu sagen. Er konnte wohl kaum jetzt noch seine Meinung ändern, nicht vor all den anderen.

„Gut.“

Kolk gab einem Helfer ein Zeichen, der vortrat und in ein Horn blies.

„Lauf!“, schrie Kolk.

Thor hievte den schweren Schild mit beiden Händen hoch, packte ihn mit allem, was er hatte. Währenddessen fühlte er einen schallenden Rums, so heftig, dass sein Schädel dröhnte. Es musste ein Hammer aus Metall gewesen sein. Er hatte nicht den Schild durchstoßen, aber er hatte eine heftige Erschütterung durch seinen ganzen Körper geschickt. Er ließ den Schild beinahe fallen, doch zwang sich, ihn zu packen und sich weiterzubewegen.

Thor begann, zu rennen, vorwärts zu stolpern, so schnell es ihm der Schild erlaubte. Als Waffen und Geschosse an ihm vorbeisegelten, zwang er sich, sich so gut es ging hinter den Schild zu kauern. Der Schild war sein Rettungsring. Und während er lief, lernte er, innerhalb seines Schutzkreises zu bleiben.

Ein Pfeil flog an ihm vorbei, verfehlte ihn nur um einen Fingerbreit, und er zog sein Kinn stärker ein. Ein weiterer schwerer Gegenstand krachte gegen den Schild, traf so kräftig, dass er mehrere Fuß zurückstolperte und auf den Boden fiel. Doch Thor kam wieder auf die Beine und setzte seinen Lauf fort. Mit übermäßiger Anstrengung, nach Luft schnappend, kam er endlich am anderen Ende an.

„Einhalten!“, schrie Kolk.

Thor ließ den Schild fallen, schweißgebadet. Er war mehr als dankbar dafür, dass er die andere Seite erreicht hatte: er wusste nicht, ob er diesen Schild noch einen Augenblick länger hätte halten können.

Thor eilte zurück zu den anderen; viele von ihnen warfen ihm bewundernde Blicke zu. Er wunderte sich, dass er überlebt hatte.

„Gut gemacht“, flüsterte Reece ihm zu.

„Sonst noch Freiwillige?“, rief Kolk aus.

Eine Totenstille legte sich über die Jungen. Nachdem sie Thor zugesehen hatten, wollte niemand anderer es versuchen.

Thor fühlte sich stolz. Er war nicht sicher, ob er sich gemeldet hätte, wenn er gewusst hätte, was alles dazugehörte, aber jetzt, da es vorbei war, war er froh, es getan zu haben.

„Auch gut. Dann werde ich euch freiwillig melden“, schrie Kolk. „Du! Saden!“, rief er aus und deutete auf jemanden.

Ein älterer, schmaler Junge trat vor, Entsetzen in seinem Gesicht.

„Ich?“, sagte Saden mit krächzender Stimme.

Die anderen Jungen lachten ihn aus.

„Natürlich du. Wer sonst?“, sagte Kolk.

„Es tut mir leid, Hauptmann, aber ich möchte das lieber nicht tun.“

Ein erschrockenes Raunen zog sich durch die Legion.

Kolk trat vor, auf ihn zu, und verzog das Gesicht.

„Du tust hier nicht, was du möchtest“, knurrte Kolk. „Du tust, was ich dir sage.“

Saden stand erstarrt da und sah aus, als hätte er Todesangst.

„Er sollte nicht hier sein“, flüsterte Reece zu Thor.

Thor drehte sich zu ihm um. „Was meinst du?“

„Er kommt aus einer Adelsfamilie, und sie haben ihn hier hereingesetzt. Aber er will nicht hier sein. Er ist kein Kämpfer. Kolk weiß das. Ich glaube, sie versuchen, ihn kleinzukriegen. Ich glaube, sie wollen, dass er geht.“

„Es tut mir leid, Kommandant, aber ich kann nicht“, sagte Saden. Er klang grauenvoll.

„Du kannst“, schrie Kolk, „und du wirst!“

Es gab ein starres, angespanntes Kräftemessen.

Saden blickte hinunter, sein Kinn beschämt zu Boden hängend.

„Es tut mir leid, Kommandant. Gebt mir irgendeine andere Aufgabe, und ich werde sie mit Freude erfüllen.“

Kolk wurde rot im Gesicht, stürmte auf ihn zu, bis er nur wenige Fingerbreit von seinem Gesicht entfernt war.

„Ich werde dir eine andere Aufgabe geben, Junge. Mir ist egal, wer deine Familie ist. Von jetzt an wirst du rennen. Du wirst um dieses Feld herum rennen, bis du zusammenbrichst. Und du wirst nicht wiederkommen, bis du dich meldest, diesen Schild aufzunehmen. Hast du mich verstanden?“

Saden sah aus, als würde er jeden Moment in Tränen ausbrechen, als er zur Antwort nickte.

Ein Soldat kam heran, legte einen Kettenmantel über Saden, und dann legte ein weiterer Soldat einen zweiten Kettenmantel über ihn. Thor konnte nicht verstehen, wie er das Gewicht überhaupt tragen konnte. Er hatte kaum mit einem davon laufen können.

Kolk lehnte sich zurück und trat Saden kräftig in den Hintern, und der stolperte vorwärts und begann seinen langen, langsamen Lauf um das Feld. Er tat Thor leid. Als er ihm zusah, wie er voran stolperte, musste er sich fragen, ob der Junge die Legion überleben würde.

Plötzlich erklang ein Horn, und Thor sah eine Kompanie des Königs Mannen auf Pferden heranreiten, ein Dutzend der Silbernen mit ihnen, die Langspeere hielten und gefiederte Helme trugen. Sie ritten heran und hielten vor der Legion an.

„Zu Ehren des Hochzeitstages der Tochter des Königs, und zu Ehren der Sommersonnenwende, hat der König den restlichen Tag zum Jagdtag ausgerufen!“

Alle Jungen um Thor herum brachen in schallenden Jubel aus. Alle zusammen liefen los und hinter den Pferden her, die umkehrten und über das Feld stürmten.

„Was ist los?“, fragte Thor Reece, während sie mit den anderen mitliefen.

Reece hatte ein riesiges Lächeln auf dem Gesicht.

„Ein Geschenk des Himmels!“, sagte er. „Wir haben den Rest des Tages frei! Wir dürfen jagen!“

KAPITEL EINUNDZWANZIG

Thor lief mit den anderen gemeinsam den Waldpfad entlang, den Speer in der Hand, der ihm für die Jagt überreicht worden war. Neben ihm waren Reece, O’Connor und Elden, zusammen mit zumindest fünfzig anderen Legionären. Vor ihnen ritten einhundert Silberne, auf Pferden und in leichter Rüstung, manche von ihnen mit Kurzspeeren ausgestattet, die meisten jedoch mit Bogen und Pfeilen über ihren Rücken geschlungen. Zu Fuß zwischen ihnen herum liefen dutzende Knappen und Bedienstete.

An der Spitze ritt König MacGil, groß und stolz wie eh und je, mit einem aufgeregten Grinsen auf dem Gesicht. Er war von seinen Söhnen flankiert, Kendrick und Gareth, und wie Thor überrascht feststellte, sogar Godfrey. Dutzende Pagen liefen zwischen ihnen her, ein paar von ihnen in Hörner aus langen Elfenbeinzähnen blasend; andere zerrten an bellenden Hunden, die aufgeregt vorliefen, um mit den Pferden Schritt zu halten. Es war der reinste Trubel. Als die riesige Gruppe durch den Wald preschte, verteilten sie sich nach und nach in alle Richtungen, und Thor wusste kaum, wohin sie zogen oder welcher Gruppe er folgen sollte.

Erec ritt in der Nähe, und Thor und die anderen beschlossen, auf seiner Fährte zu bleiben. Thor lief neben Reece her.

„Wohin gehen wir?“, fragte er Reece, vom Laufen außer Atem.

„Tief in den Wald“, rief Reece zurück. „Des Königs Mannen haben vor, eine Tagesausbeute an Wild zurückzubringen.“

„Warum sind manche Silbernen auf Pferden und andere zu Fuß?“, fragte O’Connor Reece.

„Die Reiter jagen die leichtere Beute, wie Rehe und Vögel“, antwortete Reece. „Sie benutzen ihre Bögen. Die zu Fuß haben es auf gefährlichere Tiere abgesehen. Wie Gelbschwanz-Wildschweine.“

Bei der Erwähnung der Tiere war Thor zugleich aufgeregt und nervös. Er hatte eines gesehen, als er jünger war: es war eine fiese und gefährliche Kreatur, die dafür bekannt war, einen Menschen auch mit wenig Provokation in Stücke zu reißen.

„Die ältesten Krieger bleiben für gewöhnlich zu Pferd und jagen Rehe und Vögel“, fügte Erec von oben hinzu. „Die jüngeren sind für gewöhnlich zu Fuß unterwegs und jagen das größere Wild. Dafür muss man natürlich in besserer Verfassung sein.“

„Deswegen lassen wir diese Jagd auch für euch Jungen zu“, rief Kolk aus, der in der Nähe mit den anderen rannte, „auch sie ist Training für euch. Ihr werdet die gesamte Jagd lang zu Fuß laufen, mit den Pferden mithalten. Unterwegs werdet ihr euch in kleinere Gruppen abspalten und jede auf euren eigenen Weg abzweigen und jede euer eigenes Tier erlegen. Ihr werdet das bösartigste Tier finden, das ihr könnt—und ihr werdet es auf Leben und Tod bekämpfen. Dabei geht es um dieselben Qualitäten, die einen Soldaten ausmachen: Ausdauer, Furchtlosigkeit, und sich nicht vor eurem Gegner zurückzuziehen, egal wie groß oder grimmig. Und jetzt los!“, schrie er.

Thor rannte schneller, so wie alle seine Waffenbrüder, im Rennen darum, die Pferde einzuholen, die durch den Wald preschten. Er kannte den Weg kaum, doch er dachte sich, wenn er sich in der Nähe von Reece und O’Connor hielt, würde alles in Ordnung sein.

„Schnell, einen Pfeil!“, rief Erec hinunter.

Thor setzte sich in Bewegung, rannte an die Seite von Erecs Pferd, schnappte sich einen Pfeil aus dem Köcher am Sattel und reichte ihn hinauf. Erec legte ihn im Reiten in seinen Bogen, wurde langsamer und nahm ruhig Ziel auf etwas im Wald.

„Die Hunde!“, rief Erec aus.

Einer der Bediensteten des Königs ließ einen bellenden Hund von der Leine, der sich ins Gebüsch warf. Zu Thors Überraschung flog ein großer Vogel auf, und Erec ließ den Pfeil fliegen.

Es war ein perfekter Schuss, genau durch die Kehle, und der Vogel fiel tot herab. Thor konnte nicht fassen, wie Erec ihn erspäht hatte.

„Den Vogel!“, rief Erec aus.

Thor rannte, schnappte sich den toten Vogel, der noch warm war, mit Blut, das aus seinem Hals floss, und rannte zu Erec zurück. Er warf ihn über Erecs Sattel, wo er hängen konnte, während er ritt.

Um Thor herum taten viele Ritter zu Pferde es ihm gleich, jagten Vögel auf und schossen sie herunter, damit ihre Knappen sie holen konnten. Die meisten von ihnen verwendeten Pfeile; manche nahmen Speere. Kendrick holte mit seinem Speer aus, zielte und schleuderte ihn auf ein Reh. Es war ein perfekter Treffer, genau in seinen Hals, und es fiel ebenso zu Boden.

Thor war verblüfft von der Fülle an Wild in diesen Wäldern, der Menge an Beute, die sie heimbringen würden. Es würde ausreichen, um Königshof für Tage zu versorgen.

„Warst du schon einmal auf einer Jagd?“, rief Thor zu Reece hinüber, nur knapp vermeidend, dass ihn einer von des Königs Mannen überrannte, während sie liefen. Er konnte nur schlecht hören bei dem Gebell der Hunde, dem Dröhnen der Hörner und den Schreien der Männer, lachend, siegreich, als sie ein Tier nach dem anderen erlegten.

Reece trug ein breites Lächeln auf dem Gesicht, als er über ein Holzstück sprang und weiterlief.

„Schon oft! Aber nur wegen meines Vaters. Sie lassen uns bis zu einem gewissen Alter nicht an der Jagd teilnehmen. Es ist eine aufregende Sache—auch wenn niemand je wirklich unversehrt davonkommt. Mehr als ein Mann ist bei der Jagd nach Wildschweinen schon verletzt worden, oder gar getötet.“

Reece schnappte im Laufen nach Luft. „Aber bisher war ich immer zu Pferd unterwegs“, fügte er hinzu. „Ich durfte bisher noch nie zu Fuß mit der Legion mit, durfte noch nie Wildschweine jagen. Das ist alles neu für mich!“

Plötzlich wandelte sich der Wald; dutzende Pfade erstreckten sich vor ihnen und teilten sich in dutzende Richtungen auf. Wieder ertönte ein Horn, und die große Jagdgesellschaft teilte sich in kleinere Gruppen auf.

Während sie sich verteilten, hielt sich Thor nahe an Erec, und Reece und O’Connor blieben bei ihnen; gemeinsam bogen sie auf einen engen Weg ein, der in einer scharfen Kurve abwärts führte. Sie rannten und rannten; Thor hielt seinen Speer fest und sprang über einen kleinen Bach. Ihre kleine Gruppe bestand aus Erec und Kendrick zu Pferd, Thor, Reece, O’Connor und Elden zu Fuß, womit sie zu sechst waren—und als Thor sich umwandte, bemerkte er zwei weitere Legionäre, die hinter ihnen liefen und sich ihnen anschlossen. Sie waren groß und breit, mit welligem, sandfarbenem Haar, das bis über ihre Augen herunterhing, und einem breitem Lächeln. Sie wirkten ein paar Jahre älter als Thor—und sie waren eineiige Zwillinge.

„Ich bin Conval“, rief einer von ihnen zu Thor hinüber.

„Und ich Conven.“

„Wir sind Brüder“, sagte Conval.

„Zwillinge!“, fügte Conven hinzu.

„Hoffe, es macht euch nichts aus, wenn wir uns anschließen“, sagte Conval zu Thor.

Thor kannte sie vom Sehen in der Legion, aber hatte sie noch nicht wirklich kennengelernt. Er lernte gern neue Legionäre kennen, besonders solche, die freundlich zu ihm waren.

„Wir freuen uns, dass ihr dabei seid“, rief Thor hinüber.

„Je mehr Hände, umso besser“, stimmte Reece ein.

„Man sagt, die Wildschweine in diesem Wald sind riesig“, bemerkte Conval.

„Und tödlich“, meinte Conven.

Thor blickte auf die langen Speere, die die Zwillinge trugen—dreimal so lange wie seiner—und wunderte sich. Er sah, wie sie auf seinen kurzen Speer blickten.

„Dieser Speer wird nicht lang genug sein“, sagte Conval.

„Diese Wildschweine haben lange Stoßzähne. Du brauchst etwas Längeres“, sagte Conven.

„Nimm meinen“, sagte Elden, rannte zu Thor und bot seinen Speer an.

„Ich kann deinen nicht nehmen“, sagte Thor. „Was nimmst du dann?“

Elden zuckte die Schultern. „Ich regle das schon.“

Thor war berührt von seiner Großzügigkeit und wunderte sich darüber, wie sehr sich ihre Freundschaft verändert hatte.

„Nimm einen von meinen“, befahl eine Stimme.

Thor blickte hoch und sah Erec, der neben ihn geritten war und auf den Sattel zeigte, an dem zwei Langspeere befestigt waren.

Thor schnappte sich einen Langspeer vom Sattel, so dankbar, einen zu haben. Er war schwerer und es war schwieriger, mit ihm zu laufen—aber er fühlte sich besser geschützt, und es klang, als würde er ihn brauchen.

Sie rannten und rannten, bis die Luft in Thors Lungen brannte und er nicht wusste, ob er es noch viel weiter schaffen würde. Er war aufmerksam, blickte sich nach einem Zeichen von irgendeinem Tier um. Er fühlte sich geschützt mit diesen anderen Männern um ihn herum, und unbesiegbar mit dem Langspeer. Aber er war trotzdem sehr aufgekratzt. Er hatte noch nie ein Wildschwein gejagt und er hatte keine Ahnung, was ihn erwartete.

Während seine Lungen brannten, ging der Wald in eine Lichtung über und dankenswerterweise hielten Erec und Kendrick ihre Pferde an. Thor nahm an, dass sie damit allesamt die Erlaubnis hatten, selbst anzuhalten. So standen sie da, alle acht in der Waldlichtung, die Jungen zu Fuß nach Luft schnappend, und Erec und Kendrick von ihren Pferden absteigend. Die Pferde hechelten, doch ansonsten war es still, der einzige Laut der Wind in den Bäumen. Der Lärm der hunderten anderen Männer, die durch den Wald jagten, war nun weg, und Thor wurde klar, dass sie weit weg von den anderen sein mussten.

Er stand da, keuchend, und sah sich die Lichtung an.

„Ich habe nicht viele Anzeichen von Tieren gesehen“, sagte Thor zu Reece. „Du etwa?“

Reece schüttelte den Kopf.

„Wildschweine sind listige Tiere“, sagte Erec und trat vor. „Sie zeigen sich nicht immer. Manchmal sind sie es, die dich beobachten. Es kann sein, dass eines darauf wartet, dass du unachtsam bist, und dann angreift. Seid stets auf der Hut.“

„Achtung!“, schrie O’Connor.

Thor wirbelte herum, und plötzlich preschte ein großes Tier mit viel Aufruhr in die Lichtung. Thor zuckte zusammen und glaubte, sie wurden von einem Wildschwein angegriffen. O’Connor schrie, und Reece fuhr herum und schleuderte einen Speer in seine Richtung. Er verfehlte es, und das Tier flog in die Lüfte davon. Erst dann erkannte Thor, dass es nur ein Truthahn war, der wieder im Wald verschwand.

Alle lachten, die Spannung war gelöst. O’Connor wurde rot und Reece legte ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter.

„Mach dir nichts draus, Freund“, sagte er.

O’Connor blickte beschämt zur Seite.

„Hier finden wir keine Wildschweine“, sagte Elden. „Wir haben den falschen Pfad gewählt. Das Einzige, was wir hier finden werden, sind Vögel. Wir werden mit leeren Händen zurückkommen.“

„Vielleicht ist das gar nicht so schlecht“, sagte Conval. „Wie ich höre, kann es bei einem Kampf mit einem Wildschwein um Leben und Tod gehen.“

Kendrick stand da und beobachtete ruhig den Wald; Erec ebenso. Thor konnte an den Gesichtern dieser beiden erkennen, dass etwas da draußen war. Er konnte an ihrer Erfahrenheit und Weisheit erkennen, dass sie auf der Hut waren.

„Nun, der Pfad scheint hier zu enden“, sagte Reece. „Wenn wir also weitergehen, gibt es keine Markierungen mehr im Wald. Wir werden den Weg zurück nicht finden.“

„Aber wenn wir zurückkehren, ist unsere Jagd vorbei“, sagte O’Connor.

„Und was würde passieren, wenn wir mit leeren Händen zurückkehrten?“, fragte Thor. „Ohne Wildschwein?“

„Wir würden zum Gespött der anderen werden“, sagte Elden.

„Würden wir nicht“, sagte Reece. „Nicht jeder findet ein Wildschwein. In Wirklichkeit kommt es seltener vor, dass man eines findet, als keines.“

Während ihre Gruppe schweigend dastand, schwer atmend, den Wald beobachtend, merkte Thor plötzlich, dass er zu viel Wasser getrunken hatte. Er hatte es schon die gesamte Jagd lang zurückgehalten und hatte inzwischen solche Schmerzen in der Blase, dass er es kaum mehr aushielt.

„Entschuldigt mich“, sagte er und machte sich auf den Weg in den Wald.

„Wo gehst du hin?“, fragte Erec vorsichtig.

„Ich muss mich nur mal erleichtern. Ich bin gleich wieder zurück.“

„Geh nicht zu weit“, warnte Erec.

Verlegen eilte Thor in den Wald und entfernte sich etwa zwanzig Schritt von den anderen, bis er ein Plätzchen fand, das gerade außer Sichtweite war.

Gerade als er damit fertig war, sich zu erleichtern, hörte er plötzlich einen Zweig knacken. Es war laut und unverkennbar, und er wusste—wusste ganz einfach—dass es nicht von einem Menschen war.

Er drehte sich langsam um, die Haare sträubten sich ihm im Nacken, und er sah nach. Vor ihm, vielleicht weitere zehn Schritte entfernt, lag eine weitere kleine Lichtung, in deren Mitte ein Felsbrocken aufragte. Und da, am Fuß des Felsens, bewegte sich etwas. Ein kleines Tier—er konnte nicht erkennen, was.

Thor stand da und überlegte hin und her, ob er zu seinen Leuten zurückgehen sollte oder nachsehen sollte, was es war. Ohne nachzudenken kroch er vor. Was immer das Tier auch war, er wollte es nicht verlieren, und wenn er jetzt umkehrte, könnte es fort sein, bis er wiederkam.

Thor kam näher, mit aufgestellten Haaren, und der Wald wurde dichter und ließ ihm weniger Bewegungsfreiheit. Er konnte nichts als dichten Wald sehen, die Sonne schien in scharfen Winkeln herein. Endlich erreichte er die Lichtung. Als er näherkam, lockerte er den Griff an seinem Speer und senkte ihn an die Hüfte. Auf das, was er vor ihm in der Lichtung, in einem kleinen Fleckchen Sonnenlicht, sah, war er nicht vorbereitet.

Da, sich im Gras neben dem Felsen windend, war ein kleines Leopardenjunges. Es lag da, wand sich und wimmerte, die Augen gegen die Sonne zusammengekniffen. Es sah aus, als wäre es gerade erst geboren worden, gerade mal einen Fuß lang—klein genug, um in Thors Hemd zu passen.

Thor stand verblüfft da. Das Junge war ganz weiß und er wusste, es musste das Junge eines weißen Leoparden sein, das seltenste aller Tiere.

Er hörte ein plötzliches Rascheln im Laub hinter sich und sah die gesamte Gruppe auf ihn zustürmen—Reece voran—und besorgt aussehen. Innerhalb von Augenblicken waren sie bei ihm.

„Wohin bist du verschwunden?“, forderte er. „Wir dachten schon, du bist tot.“

Als sie sich um ihn stellten und auf das Junge hinuntersahen, konnte er sie vor Schreck laut einatmen hören.

„Ein gewaltiges Omen“, sagte Erec zu Thor. „Du hast den Fund deines Lebens gemacht. Das seltenste aller Tiere. Es ist verlassen worden. Es hat niemanden, der es umsorgt. Das bedeutet, es gehört dir. Es ist deine Verpflichtung, es großzuziehen.“

„Meine?“, fragte Thor perplex.

„Es ist deine Pflicht“, fügte Kendrick hinzu. „Du hast es gefunden. Oder, besser gesagt, es hat dich gefunden.“

Thor war sprachlos. Er hatte sich um Schafe gekümmert, aber er hatte noch nie in seinem Leben ein Tier großgezogen, und er hatte keine Ahnung, was zu tun war.

Doch zur selben Zeit fühlte er jetzt schon eine starke Zugehörigkeit zu dem Tier. Seine kleinen hellblauen Augen öffneten sich und schienen nur auf ihn zu starren.

Er kam ihm näher, beugte sich hinunter und nahm es in seine Arme hoch. Das Tier streckte sich hoch und leckte ihm über die Wange.

„Wie sorgt man für ein Leopardenjunges?“, fragte Thor überfordert.

„Ich nehme an, genauso wie man für alles andere sorgt“, sagte Erec. „Füttere es, wenn es Hunger hat.“

„Du musst ihm einen Namen geben“, sagte Kendrick.

Thor zermarterte sich das Hirn, erstaunt, dass er zum zweiten Mal in ebensovielen Tagen einen Namen für ein Tier suchen musste. Er erinnerte sich an eine Geschichte aus seiner Kindheit, über einen Löwen, der ein Dorf terrorisierte.

„Krohn“, sagte Thor.

Die anderen nickten zustimmend.

„Wie die Legende“, sagte Reece.

„Mir gefällts“, sagte O’Connor.

„Krohn soll es sein“, sagte Erec.

Als Krohn seinen Kopf in Thors Brust vergrub, fühlte Thor eine stärkere Verbundenheit zu ihm als zu allem, das er je gehabt hatte. Er konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass er Krohn schon seit Lebzeiten kannte, während das Tier sich wand und quiekte.

Plötzlich kam ein unverkennbarer Laut; einer, der Thor die Haare im Nacken aufstellte und ihn ruckartig herumfahren und zum Himmel hinaufsehen ließ.

Da, hoch über ihnen, war Estopheles. Sie ging plötzlich in den Sturzflug, direkt auf Thors Kopf zu, kreischte dabei und schweifte in letzter Sekunde ab.

Zuerst fragte Thor sich, ob sie eifersüchtig auf Krohn war. Aber dann, in letzter Sekunde, wurde Thor klar: sein Falke wollte ihn warnen.

Einen Augenblick später ertönte ein klares Geräusch von der anderen Seite des Waldes. Es war ein Rascheln, gefolgt von einem Preschen—und alles ging blitzschnell.

Aufgrund der Warnung war Thor im Vorteil: er war vorbereitet und sprang gerade noch aus dem Weg, als ein riesiges Wildschwein direkt auf ihn zustürmte. Es verfehlte ihn um Haaresbreite.

In der Lichtung brach Chaos aus. Der Eber griff die anderen an, mit seinen Hauern wild um sich schwingend. Mit einem Schwung riss er O’Connors Arm auf und Blut schoss heraus, als er ihn sich schreiend hielt.

Es war wie ein Kampf mit einem Bullen, nur ohne die richtigen Waffen. Elden versuchte, ihn mit dem Langspeer zu stechen, doch der Eber drehte einfach nur seinen Kopf, biss mit seinem enormen Maul darauf und brach ihn damit sauber entzwei. Dann ging der Eber auf Elden los und traf ihn in die Rippen; zu Eldens Glück schrammte er knapp daran vorbei, von den Stoßzähnen zerrissen zu werden.

Dieser Eber war nicht aufzuhalten. Er lechzte nach Blut und würde sie sichtlich nicht in Ruhe lassen, bis er es hatte.

Die anderen sammelten sich und setzten sich in Bewegung. Erec und Kendrick zogen die Schwerter, wie auch Thor, Reece und die anderen.

Sie umkreisten ihn gemeinsam, doch es war schwierig, einen Treffer zu landen, besonders wegen der drei Fuß langen Stoßzähne, die sie davon abhielten, auch nur in seine Nähe zu gelangen. Er rannte und jagte sie im Kreis um die Lichtung herum. Reihum attackierten sie ihn, Erec landete einen direkten Treffer und verwundete ihn an seiner Seite; doch dieser Eber musste aus Stahl sein, denn er machte einfach weiter.

Das war der Moment, der alles änderte. Für einen kurzen Augenblick fiel Thor etwas ins Auge und er blickte angestrengt in den Wald. In der Ferne, zwischen den Bäumen versteckt, hätte er schwören können, einen Mann in einem schwarzen Umhang mit Kapuze gesehen zu haben; er sah, wie er Pfeil und Bogen hob und damit direkt in die Lichtung zielte. Er schien jedoch nicht auf den Eber zu zielen, sondern auf die Männer.

Thor fragte sich, ob er es sich einbildete. Konnte es sein, dass sie angegriffen wurden? Hier? Mitten im Nirgendwo? Von wem?

Thor ließ sich von seinen Instinkten leiten. Er fühlte, dass die anderen in Gefahr waren und rannte zu ihnen. Er sah, wie der Mann seinen Bogen auf Kendrick richtete.

Thor sprang auf Kendrick zu. Er verpasste ihm einen kräftigen Stoß, warf ihn zu Boden, und im gleichen Augenblick flog der Pfeil haarscharf an ihm vorbei.

Thor blickte sofort zurück in den Wald hinein, auf der Suche nach dem Angreifer. Doch er war verschwunden.

Aber zum Nachdenken war keine Zeit: der Eber raste immer noch wie von Sinnen über die Lichtung, nur wenige Fuß von ihnen entfernt. Nun wandte er sich in ihre Richtung, und Thor hatte keine Zeit, zu reagieren. Er bereitete sich auf den Treffer vor, als die langen, scharfen Stoßzähne direkt auf ihn zugeschossen kamen.

Einen Augenblick später ertönte ein schrilles Jaulen; Thor sah Erec, der auf den Rücken des Biests gesprungen war, sein Schwert mit beiden Händen hochgerissen und es ihm in den Nacken gestoßen hatte. Das Biest brüllte, und Blut schoss aus seinem Maul, während es in die Knie sank und dann zu Boden krachte, mit Erec auf seinem Rücken. Es kam nur wenige Fuß von Thor entfernt zu stehen.

Sie alle standen da, auf der Stelle erstarrt, und sahen einander an—und fragten sich, was zum Himmel gerade passiert war.

KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG

Thor, der Krohn in seinem Hemd mit sich trug, war vom Lärm überwältigt, als Reece die Tür zur Kneipe öffnete. Eine große Gruppe wartender Legionäre und Soldaten, die hineingepfercht waren, begrüßten sie mit einem Johlen. Drinnen war es vollgestopft und heiß, und Thor war sofort inmitten seiner Waffenbrüder eingepfercht, Schulter an Schulter drängend. Es war ein langer Jagdtag gewesen und sie alle hatten sich hier in dieser Kneipe tief im Wald versammelt, um zu feiern. Die Silbernen waren vorausgezogen und Thor, Reece und die anderen folgten.

Hinter Thor schleppten die Zwillinge Conval und Conven ihren wertvollen Besitz, den Eber, größer als der aller anderen, an einer langen Stange über den Schultern. Sie mussten ihn vor der Tavernentüre absetzen, bevor sie hinein konnten. Als Thor einen letzten Blick auf ihn warf, sah er so grimmig aus, dass es kaum vorstellbar war, dass sie ihn erlegt hatten.

Thor fühlte eine Bewegung in seiner Jacke und blickte zu seinem neuen Gefährten Krohn hinunter. Er konnte kaum fassen, dass er tatsächlich ein weißes Leopardenjunges trug. Es blickte mit kristallblauen Augen zu ihm hinauf und quiekte. Thor fühlte, dass es Hunger hatte.

Thor wurde in die Kneipe hineingedrängt, dutzende weitere Männer hinter ihm, und er drang tiefer in den kleinen überfüllten Raum vor, der gut zehn Grad wärmer sein musste als draußen—von der höheren Luftfeuchtigkeit ganz zu schweigen. Er folgte Erec und Kendrick, und hinter ihm folgten wiederum Reece, Elden, die Zwillinge und O’Connor, dessen Arm nach dem Schnitt vom Eber bandagiert war, aber endlich zu bluten aufgehört hatte. O’Connor wirkte mehr benommen als verletzt, seine gute Laune war zurückgekehrt und die ganze Gruppe drückte sich tief in den Raum hinein.

Alle standen Schulter an Schulter, und es war so vollgepackt, dass kaum Platz war, sich umzudrehen. Es gab lange Bänke, und manche Männer standen, während andere saßen, allesamt Trinklieder singend und ihre Krüge gegen die ihrer Freunde stoßend, oder sie auf den Tisch krachend. Es war ein lärmendes, festliches Umfeld, und Thor hatte nie etwas Ähnliches erlebt.

„Erstes Mal in einer Kneipe?“, fragte Elden, der geradezu schreien musste, um gehört zu werden.

Thor nickte zurück und fühlte sich wieder einmal wie ein Landei.

„Ich wette, du hast noch nicht mal je zuvor einen Bierkrug gehalten, oder?“, fragte Conven und klopfte ihm lachend auf die Schulter.

„Natürlich habe ich das“, warf Thor empfindlich zurück.

Er wurde aber rot und hoffte, dass niemand es sehen konnte, denn in Wirklichkeit hatte er noch nie einen gehabt. Sein Vater hatte es nie gestattet. Und selbst wenn er es hätte, war er sicher, er hätte es sich nicht leisten können.

„Also gut!“, rief Conval aus. „Wirt, gebt uns eine Runde Eures Stärksten. Thor hier ist ein alter Profi!“

Einer der Zwillinge gab eine Goldmünze her und Thor war verblüfft darüber, wie viel Geld diese Jungen bei sich hatten; er fragte sich, aus welcher Familie sie wohl stammten. Diese eine Münze hätte seine Familie in seinem Dorf einen ganzen Monat lang durchgebracht.

Einen Augenblick später wurden ein Dutzend Krüge voll schäumendem Bier über den Tresen geschoben, und die Jungs schoben sich vor und griffen sie; einer der Krüge wurde Thor in die Hand gedrückt. Der Schaum tropfte über seine Hand und sein Magen krampfte sich erwartungsvoll zusammen. Er war nervös.

„Auf unsere Jagd!“, rief Reece aus.

„AUF UNSERE JAGD!“, riefen die anderen zurück.

Thor machte es den anderen nach, versuchte, natürlich zu wirken, als er die schäumende Flüssigkeit an die Lippen hob. Er nahm einen Schluck und hasste den Geschmack, doch sah, wie die anderen ihre hinunterschlangen, ohne sie von den Lippen abzusetzen, bis sie fertig waren. Thor fühlte sich verpflichtet, es ihnen gleichzutun, oder wie ein Schwächling dazustehen. Er zwang sich dazu, es zu trinken, trank es hinunter, so schnell er konnte, bis er es schließlich bei der Hälfte absetzen musste und hustete.

Die anderen sahen ihn an und röhrten vor Lachen. Elden klopfte ihm auf den Rücken.

„Es ist doch dein erstes Mal, nicht?“, fragte er.

Thor wurde rot, als er den Schaum von seinen Lippen wischte. Zu seinem Glück tönte, bevor er antworten konnte, ein Ausruf durch den Raum und alle drehten sich zu den Musikern um, die sich hereindrängten. Sie begannen, auf Lauten und Flöten zu spielen, Zimbeln zu klirren, und die lärmende Atmosphäre verstärkte sich.

„Brüderchen!“, kam eine Stimme.

Thor drehte sich um und sah einen Jungen nur wenige Jahre älter als er, mit einem kleinen Bauch und doch breiten Schultern, unrasiert, etwas ungepflegt aussehend, vortreten und Reece eine ungelenke Umarmung geben. Er war in Begleitung von drei Kumpanen, die alle gleichermaßen ungepflegt wirkten.

„Ich hätte nie gedacht, dich hier zu sehen!“, setzte er hinzu.

„Tja, ab und zu muss ich ja in die Fußstapfen meines Bruders treten, nicht?“, rief Reece mit einem Lächeln zurück. „Thor, kennst du meinen Bruder Godfrey?“

Godfrey schüttelte Thor die Hand, und Thor konnte nicht umhin, zu bemerken, wie weich und plump sie war. Es war nicht die Hand eines Kriegers.

„Natürlich kenne ich den Neuen“, sagte Godfrey, der sich zu weit vorlehnte und undeutlich sprach. „Das ganze Königreich ist ganz aufgewühlt mit Erzählungen über ihn. Ein feiner Krieger, wie ich höre“, sagte er zu Thor. „Schade. Ein vergeudetes Talent für die Kneipe!“

Godfrey lehnte sich zurück und brüllte vor Lachen, und seine drei Kumpanen fielen mit ein. Einer von ihnen, einen Kopf größer als die anderen, mit einem dicken Bauch, hellroten Wangen, und vom Trunk gerötetem Gesicht, lehnte sich vor und klopfte Thor eine Hand auf die Schulter.

„Tapferkeit ist ein feiner Zug. Doch sie schickt dich aufs Schlachtfeld und in die Kälte. Betrunken sein ist ein besserer Zug: es hält dich sicher und warm—und garantiert dir ein warmes Mädel an deiner Seite!“

Er grölte vor Lachen, wie auch die anderen, und der Wirt stellte frische Bierkrüge vor sie hin. Thor hoffte, sie würden ihn nicht zum Trinken auffordern; er konnte jetzt schon fühlen, wie das Bier ihm zu Kopf stieg.

„Heute war seine erste Jagd!“, schrie Reece seinem Bruder zu.

„Ist das so?“, antwortete Godfrey. „Nun, das verlangt nach einem Trunk, nicht wahr?“

„Oder zweien!“, fiel sein großer Freund mit ein.

Thor blickte hinunter, als ihm ein zweiter Becher in die Hand gedrückt wurde.

„Auf erste Male!“, rief Godfrey aus.

„AUF ERSTE MALE!“, stimmten die anderen mit ein.

„Möge dein Leben voller erster Male sein!“, setzte der Große hinzu, „außer dem ersten Mal nüchtern sein!“

Alle brüllten sie vor Lachen, als sie tranken.

Thor schlürfte sein Getränk und versuchte dann, damit davonzukommen, es abzusetzen—doch Godfrey erwischte ihn.

„Das ist keine Art, zu trinken, Junge!“, schrie Godfrey. Er trat vor, packte den Krug, setzte ihn Thor an die Lippen, und alle Männer lachten, während Thor hinunterschluckte. Er setzte den leeren Krug ab, und sie jubelten.

Thor fühlte sich schwindelig. Er fühlte sich langsam außer Kontrolle, und es war schwerer, sich zu konzentrieren. Das Gefühl mochte er gar nicht.

Thor fühlte eine weitere Bewegung in seinem Hemd, als Krohn den Kopf hob.

„Na, was haben wir denn da!“, rief Godfrey verzückt.

„Es ist ein Leopardenjunges“, sagte Thor.

„Wir haben es auf der Jagd gefunden“, setzte Reece hinzu.

„Er hat Hunger“, sagte Thor. „Ich weiß nicht genau, was ich ihm füttern soll.“

„Was wohl, Bier natürlich!“, schrie der große Mann.

„Wirklich?“, fragte Thor. „Ist das gut für ihn?“

„Na klar!“, schrie Godfrey. „Es ist doch nur Hopfen, Junge!“

Godfrey tauchte einen Finger in den Schaum und streckte ihn hin; Krohn lehnte sich vor und leckte ihn ab. Er leckte wieder und wieder.

„Siehst du, es schmeckt ihm!“

Auf einmal zog Godfrey mit einem Aufschrei seinen Finger zurück. Er hielt ihn hoch und zeigte Blut.

„Scharfe Zähne hat der Kleine!“, rief er aus—und alle anderen brachen in Gelächter aus.

Thor streichelte über Krohns Kopf und goss den Rest in seinem Krug dem Leoparden ins Maul. Krohn schleckte es auf und Thor beschloss, ihm richtiges Futter zu suchen. Er hoffte, Kolk würde ihm erlauben, ihn in der Kaserne zu halten, und dass niemand in der Legion etwas dagegen haben würde.

Die Musiker änderten ihr Lied, und noch mehr von Godfreys Freunden erschienen. Sie kamen herüber, schlossen sich ihnen zu einer weiteren Runde an und führten Godfrey davon, in die Menge zurück.

„Wir sehen uns später, junger Mann“, sagte Godfrey zu Reece, bevor er verschwand. Dann wandte er sich an Thor. „Ich hoffe, du kommst jetzt öfter in die Kneipe!“

„Ich hoffe, du kommst jetzt öfter aufs Schlachtfeld“, rief Kendrick zurück.

„Das bezweifle ich stark!“, sagte Godfrey und grölte vor Lachen gemeinsam mit seinen restlichen Kumpanen, als er in der Menge verschwand.

„Feiern die immer so?“, fragte Thor Reece.

„Godfrey? Er ist schon in der Kneipe, seit er laufen kann. Eine Enttäuschung für meinen Vater. Aber er ist glücklich damit.“

„Nein, ich meinte des Königs Mannen. Die Legion. Gibt es jedes Mal einen Abstecher in die Kneipe?“

Reece schüttelte den Kopf.

„Heute ist ein besonderer Tag. Die erste Jagd und die Sommersonnenwende. Das kommt nicht allzu oft vor. Genieße es, solange es dauert.“

Thor fühlte sich zunehmend desorientiert, während er sich im Raum umblickte. Das war nicht der Ort, an dem er sein wollte. Er wollte wieder in der Kaserne sein und trainieren. Und seine Gedanken wanderten wieder einmal zu Gwendolyn.

„Hast du ihn gut erkennen können?“, fragte Kendrick und kam zu Thor herüber.

Thor sah ihn verwirrt an.

„Den Mann im Wald, der den Pfeil abschoss?“, fügte Kendrick hinzu.

Die anderen scharten sich eng um sie, versuchten, mitzuhören, als die Stimmung ernster wurde.

Thor versuchte, sich zurückzuerinnern, doch er konnte es nicht. Alles war verschwommen.

„Ich wünschte, ich hätte es“, sagte er. „Alles ging so schnell.“

„Vielleicht war es nur einer der anderen Männer des Königs, der unabsichtlich in unsere Richtung schoss“, sagte O’Connor.

Thor schüttelte den Kopf.

„Er war nicht wie die anderen gekleidet. Er war ganz in Schwarz gekleidet, mit einem Umhang und Kapuze. Und er schoss nur einen Pfeil ab, direkt auf Kendrick gerichtet, und dann verschwand er. Es tut mir leid. Ich wünschte, ich hätte mehr gesehen.“

Kendrick schüttelte den Kopf und versuchte, nachzudenken.

„Wer möchte dich tot sehen?“, fragte Reece Kendrick.

„War es ein Auftragsmörder?“, fragte O’Connor.

Kendrick zuckte mit den Schultern. „Ich habe keine Feinde, soweit ich weiß.“

„Aber Vater hat viele“, sagte Reece. „Vielleicht möchte dich jemand umbringen, um ihm zu schaden.“

„Oder vielleicht möchte Euch jemand aus dem Weg zum Thron räumen“, schlug Elden vor.

„Aber das ist absurd! Ich bin illegitim! Ich kann den Thron nicht erben!“

Während sie alle die Köpfe schüttelten, ihr Bier tranken und versuchten, der Sache auf den Grund zu kommen, hallte ein weiterer Ruf durch den Raum und aller Augen richteten sich auf die Treppe, die nach oben führte. Thor blickte auf und sah eine Reihe Frauen, die auf einen Flur oben hinaustraten, sich an ein Geländer lehnten und auf den Raum hinuntersahen. Sie alle waren freizügig gekleidet und hatten zu viel Schminke im Gesicht.

Thor wurde rot.

„Na hallo, meine Herren!“, rief die vorderste Dame aus, die große Brüste hatte und in rote Spitze gekleidet war.

Die Männer jubelten.

„Wer hat heut Nacht Geld, das er ausgeben möchte?“, fragte sie.

Die Männer jubelten erneut.

Thors Augen weiteten sich überrascht.

„Ist das hier auch ein Freudenhaus?“, fragte er.

Die anderen blickten ihn sprachlos an, dann brachen sie zusammen in schallendes Gelächter aus.

„Mein Gott, bist du naiv!“, sagte Conval.

„Sag bloß, du warst noch nie in einem Freudenhaus?“, sagte Conven.

„Ich wette, er war noch nie mit einer Frau zusammen!“, sagte Elden.

Thor spürte, wie sie ihn alle anstarrten, und sein Gesicht lief puterrot an. Er wollte im Boden versinken. Sie hatten recht: er war noch nie mit einer Frau zusammengewesen. Doch das würde er ihnen niemals sagen. Er fragte sich, ob es von seinem Gesicht offensichtlich war.

Bevor er antworten konnte, packte ihn einer der Zwillinge fest an der Schulter und warf eine Goldmünze zu der Frau auf der Treppe hinauf.

„Ich würde sagen, Ihr habt Euren ersten Kunden!“, rief er.

Der Raum jubelte, und allem Drücken und Schieben und Widerstand zum Trotz fühlte Thor sich von dutzenden Männern nach vorne geschoben, durch die Menge, und die Treppen hinauf. Währenddessen füllten sich seine Gedanken mit Gwen. Wie sehr er sie liebte. Wie sehr er mit keiner anderen zusammensein wollte.

Er wollte umkehren und davonlaufen. Doch es gab wortwörtlich keinen Ausweg. Dutzende der größten Männer, die er je gesehen hatte, schoben ihn vorwärts und ließen keinen Rückzug zu. Ehe er es sich versah, war er oben auf der Treppe, auf dem Flur, und starrte eine Frau an, die größer war als er und zu viel Parfüm trug, und auf ihn herablächelte. Was alles noch schlimmer machte: Thor war betrunken. Der Raum drehte sich geradezu außer Kontrolle, und er fühlte sich, als ob er jeden Moment zusammenbrechen würde.

Die Frau packte ihm am Hemd, zog ihn entschlossen in ein Zimmer, und warf die Tür hinter ihnen zu. Thor war entschlossen, nicht mit ihr zusammenzukommen. Er hielt an seinen Gedanken an Gwen fest und zwang sie in den Vordergrund. Er wollte nicht, dass seine erste Erfahrung so war.

Doch seine Gedanken gehorchten nicht. Er war so betrunken, dass er inzwischen kaum mehr sehen konnte. Und das letzte, woran er sich erinnern konnte, bevor er das Bewusstsein verlor, war, wie er durch das Zimmer zum Bett einer Dame geführt wurde, und hoffte, dass er es erreichen würde, bevor er zu Boden fiel.

KAPITEL DREIUNDZWANZIG

MacGil öffnete mühsam die Augen, von einem unerbittlichen Pochen an seiner Tür geweckt, und wünschte sich sofort, es nicht getan zu haben. Sein Kopf schmerzte wie verrückt. Erbarmungsloses Sonnenlicht schien durch die offenen Burgfenster herein und er bemerkte, dass sein Gesicht in seiner Schaffell-Decke vergraben war. Desorientiert versuchte er, sich zu erinnern. Er war zuhause, in seiner Burg. Er versuchte, sich die vorhergehende Nacht in Erinnerung zu rufen. Er erinnerte sich an die Jagd. Danach, eine Kneipe im Wald. Zu viel getrunken. Irgendwie hatte er es hierher zurück geschafft.

Er blickte hinüber und fand seine Frau, die Königin, neben ihm unter den Decken schlummernd und langsam erwachend.

Das Pochen kam wieder, der furchtbare Lärm eines hämmernden Eisenklopfers.

„Wer mag das sein?“, fragte sie entnervt.

MacGil fragte sich das Gleiche. Er konnte sich genau daran erinnern, seinen Bediensteten Anweisungen hinterlassen zu haben, ihn nicht zu wecken—besonders nicht nach der Jagd. Dafür würde es ein Donnerwetter setzen.

Wahrscheinlich war es sein Verwalter mit irgendeiner kleinlichen Geldangelegenheit.

„Genug mit dem verdammten Gehämmer!“, dröhnte MacGil schließlich, rollte aus dem Bett, saß mit den Ellbogen auf die Knie gestützt da und hielt sich den Kopf. Er fuhr sich mit den Fingern durch sein ungewaschenes Haar und seinen Bart, dann über das Gesicht, und versuchte, munter zu werden. Die Jagd—und das Bier—hatten ihm einiges abverlangt Er hielt nicht mehr so viel aus wie früher. Die Jahre hatten ihren Tribut gefordert; er war erschöpft. In diesem Moment war ihm danach, nie wieder zu trinken.

Mit übermäßiger Anstrengung stemmte er sich von den Knien hoch und auf die Füße. Nur mit einem Morgenmantel bekleidet durchquerte er rasch das Zimmer und erreichte schließlich die Tür, die einen Fuß dick war, packte sie an der eisernen Klinke und riss sie auf.

Vor ihm stand sein höchster General, Brom, flankiert von zwei Bediensteten. Sie senkten ehrerbietig ihre Köpfe, doch sein General starrte ihn geradewegs an, ein grimmiger Ausdruck auf seinem Gesicht. MacGil hasste es, wenn er diesen Ausdruck aufgesetzt hatte. Es bedeutete immer düstere Nachrichten. In Augenblicken wie diesen hasste er es, König zu sein. Gerade gestern noch hatte er einen so wundervollen Tag gehabt, eine großartige Jagd, und es hatte ihn an die Zeiten erinnert, als er jung und sorglos war. Insbesondere das Vertrinken der Nacht in der Kneipe. Jetzt so unsanft geweckt zu werden, zerstörte jede Illusion von Frieden, die er gehabt hatte.

„Mein Herr, ich bedaure, Euch wecken zu müssen“, sagte Brom.

„Ihr solltet es auch bedauern“, brummte MacGil. „Ich hoffe für Euch, dass es wichtig ist.“

„Das ist es“, sagte er.

König MacGil erkannte die Ernsthaftigkeit in seinem Gesicht und sah sich nach seiner Königin um. Sie war wieder eingeschlafen.

MacGil bedeutete ihnen, einzutreten, und führte sie dann durch das weite Schlafgemach und über eine weitere gewölbte Tür in eine Seitenkammer, wo er die Tür hinter ihnen zuzog, um ihren Schlaf nicht zu stören. Manchmal benutzte er dieses kleinere Zimmer, nicht größer als zwanzig Schritt in jede Richtung, mit einigen bequemen Stühlen und einem großen Buntglas-Fenster, wenn ihm nicht danach war, in die Große Halle hinunterzugehen.

„Mein Herr, unsere Spione berichten von einem Trupp McCloud-Männer, die gen Osten zum Fabian-Meer unterwegs sind. Und unsere Späher im Süden berichten von einem Zug imperialer Schiffe, die nordwärts ziehen. Mit Gewissheit sind sie dorthin unterwegs, um die McClouds zu treffen.“

MacGil bemühte sich, diese Neuigkeiten zu verarbeiten; sein Hirn war in seinem betrunkenen Zustand noch langsam.

„Und?“, forderte er ungeduldig, müde. Er war so erschöpft von den endlosen Intrigen und Spekulationen und Täuschungsmanövern an seinem Hof.

„Wenn die McClouds wirklich ein Treffen mit dem Imperium haben, kann es dafür nur einen Zweck geben“, fuhr Brom fort. „Eine Verschwörung, den Canyon zu überwinden und den Ring zu stürzen.“

MacGil blickte zu seinem Kommandanten auf, einem Mann, neben dem er dreißig Jahre lang gekämpft hatte, und er sah den tödlichen Erst in seinen Augen. Er konnte auch Angst erkennen. Das bestürzte ihn: dies war kein Mann, den er je in Angst vor irgendetwas gesehen hatte.

MacGil erhob sich langsam zu voller Höhe, welche immer noch beträchtlich war, und durchquerte das Zimmer, bis er am Fenster stand. Er blickte hinaus über seinen Hof unter ihm, der so früh am Morgen leer stand, und dachte nach. Er hatte immer schon gewusst, dass eines Tages ein Tag wie dieser kommen würde. Er hatte nur nicht gedacht, dass es so bald sein würde.

„Das war schnell“, sagte er. „Es ist erst Tage her, dass ich meine Tochter an ihren Prinz verheiratet habe. Und jetzt sagst du mir, sie sind bereits dabei, unseren Untergang zu planen?“

„Das denke ich, mein Herr“, antwortete Brom aufrichtig. „Ich sehe keinen anderen Grund. Alle Anzeichen besagen, dass das Treffen friedfertigen Charakter hat. Nicht militärischen.“

MacGil schüttelte langsam den Kopf.

„Aber es ergibt keinen Sinn. Sie könnten das Imperium nicht hereinlassen. Warum würden sie das tun? Selbst wenn sie es irgendwie zustande brächten, das Schild auf unserer Seite außer Kraft zu setzen und einen Durchbruch zu schaffen, was käme danach? Das Imperium würde auch sie überwältigen. Sie würden selbst nicht in Sicherheit sein. Bestimmt wissen sie das.“

„Vielleicht handeln sie etwas aus“, erwiderte Brom. „Vielleicht lassen sie das Imperium herein im Gegenzug dafür, dass nur wir angegriffen werden, sodass die McClouds den Ring beherrschen.“

MacGil schüttelte den Kopf.

„Die McClouds sind zu schlau dafür. Sie sind gerissen. Sie wissen, dass sie dem Imperium nicht trauen können.“

Sein General zuckte mit den Schultern.

„Vielleicht wollen sie den Ring so verzweifelt beherrschen, dass sie sich auf das Risiko einlassen wollen. Besonders nun, da sie Eure Tochter zur Königin haben.“

MacGil dachte darüber nach. Sein Herz klopfte. Er wollte sich damit jetzt nicht auseinandersetzen. Nicht so früh am Morgen.

„Was schlägst du also vor?“, fragte er, barsch mit ihm, der Spekulationen müde.

„Wir könnten vorbeugende Maßnahmen setzen, Herr, und die McClouds angreifen. Jetzt oder nie.“

MacGil konnte es kaum glauben.

„Direkt, nachdem ich ihnen meine Tochter in einer Eheschließung überreicht habe? Das glaube ich nicht.“

„Wenn wir es nicht tun“, entgegnete Brom, „lassen wir zu, dass sie unser Grab schaufeln. Sie werden uns mit Gewissheit angreifen. Wenn nicht gleich, dann später. Und wenn sie sich mit dem Imperium verbünden, sind wir am Ende.“

„So schnell können sie die Hochlande nicht überqueren. Wir kontrollieren alle Engpässe. Es wäre ein Gemetzel. Selbst mit dem Imperium im Schlepptau.“

„Das Imperium hat Millionen von Männern, die sie entbehren können“, erwiderte Kolk. „Sie können es sich leisten, gemetzelt zu werden.“

„Selbst bei geschwächtem Schild“, sagte MacGil, „wäre es kein Leichtes, einfach so mal Millionen von Soldaten über den Canyon zu befördern—oder über die Hochlande, oder sich per Schiff anzunähern. Wir würden ein solches Unternehmen weit im Voraus sehen können. Wir hätten Vorwarnzeit.“

MacGil dachte nach.

„Nein, wir werden nicht angreifen. Aber fürs Erste können wir Vorsichtsmaßnahmen setzen: verdoppelt unsere Patrouillen in den Hochlanden. Verstärkt unsere Befestigungsanlagen. Und verdoppelt unsere Spione. Das wäre alles.“

„Ja, mein Herr“, sagte Brom, wandte sich mit seinen Leutnants um und eilte aus dem Raum.

MacGil drehte sich mit pochendem Herzen wieder zum Fenster um. Er fühlte Krieg am Horizont, unerbittlich wie ein Wintersturm auf ihn zukommend. Er fühlte auch, dass es nichts gab, was er dagegen unternehmen konnte. Er blickte um sich, auf seine Burg, auf den Stein, auf den makellosen königlichen Hof, der sich unter ihm erstreckte, und musste sich fragen, wie lange all dies noch so sein würde.

Was würde er nicht für einen weiteren Krug Bier geben.

KAPITEL VIERUNDZWANZIG

Thor spürte, wie ihn ein Fuß sanft in die Rippen stieß, und öffnete langsam und mühevoll die Augen. Er lag mit dem Gesicht nach unten auf einem Haufen Stroh und wusste für einen Moment nicht, wo er war. Sein Kopf fühlte sich an, als würde er eine Million Pfund wiegen, seine Kehle war trockener als je zuvor, und seine Augen und sein Kopf brachten ihn um. Er fühlte sich, als wäre er vom Pferd gefallen.

Wieder stupste ihn etwas an, und er setzte sich auf. Der Raum drehte sich heftig. Er beugte sich vornüber und übergab sich, wieder und wieder würgend.

Ein schallendes Gelächter brach rund um ihn aus, und er blickte auf und sah Reece, O’Connor, Elden und die Zwillinge über ihn gebeugt auf ihn hinunterblicken.

„Endlich, der Schönheitsschlaf ist beendet!“, rief Reece und lächelte.

„Wir dachten schon, du wachst gar nicht mehr auf“, sagte O’Connor.

„Gehts dir gut?“, fragte Elden.

Thor setzte sich auf, wischte sich mit dem Handrücken den Mund ab und versuchte, alles zu verarbeiten. Da jaulte Krohn auf, der wenige Fuß von ihm entfernt gelegen hatte, und rannte zu ihm herüber, sprang in seine Arme hoch und vergrub seinen Kopf in seinem Hemd. Thor war erleichtert, ihn zu sehen, und froh, ihn an seiner Seite zu haben. Er versuchte, sich zu erinnern.

„Wo bin ich?“, fragte Thor. „Was ist letzte Nacht passiert?“

Die drei lachten.

„Ich fürchte, du hattest einen zuviel, mein Freund. Hier verträgt einer das Trinken nicht. Erinnerst du dich nicht? Die Kneipe?“

Thor schloss die Augen, rieb sich die Schläfen und versuchte, sich zurückzuerinnern. Es kam in Bruchstücken. Er erinnerte sich an die Jagd...als sie die Kneipe betraten...das Bier. Er erinnerte sich daran, nach oben geführt zu werden...das Freudenhaus. Alles danach war schwarz.

Sein Herz schlug schneller, als er an Gwendolyn dachte. Hatte er mit dem Mädchen dort etwas Dummes gemacht? Hatte er seine Chancen mit Gwen vermasselt?

„Was ist passiert?“, drängte er Reece, ernsthaft, und umklammerte seine Handgelenke. „Bitte, sags mir. Sag mir, dass ich mit dieser Frau nichts angestellt habe.“

Die anderen lachten, aber Reece starrte ernsthaft zurück zu seinem Freund und erkannte, wie aufgebracht er war.

„Keine Sorge, Freund“, antwortete er. „Du hast gar nichts getan. Außer dich zu übergeben und auf ihrem Fußboden zusammenzubrechen!“

Die anderen lachten wieder.

„Soviel zu deinem ersten Mal“, sagte Elden.

Doch Thor fühlte sich zutiefst erleichtert. Er hatte Gwen nicht befremdet.

„Das war das letzte Mal, dass ich dir eine Frau kaufe!“, sagte Colven.

„Eine völlige Geldverschwendung“, sagte Caven. „Sie wollte es nicht einmal zurückgeben!“

Die Jungen lachten erneut. Thor schämte sich, war aber enorm erleichtert, dass er nicht alles ruiniert hatte.

Er nahm Reece am Arm und zog ihn zur Seite.

„Deine Schwester“, flüsterte er eindringlich. „Sie weiß nichts von all dem hier, oder?“

Ein Lächeln breitete sich langsam über Reeces Gesicht, und er legte ihm einen Arm um die Schulter.

„Dein Geheimnis ist bei mir sicher, auch wenn du gar nichts getan hast. Sie weiß nichts. Und ich kann sehen, wie wichtig sie dir ist, und das schätze sich sehr“, sagte er mit einem Gesichtsausdruck, der ernst wurde. „Ich sehe, dass dir wirklich sehr viel an ihr liegt. Wenn du zu huren begonnen hättest, das wäre nicht der Schwager gewesen, den ich gewollt hätte. Übrigens wurde ich gebeten, dir diese Nachricht zu überreichen.“

Reece steckte Thor eine kleine Schriftrolle in die Hand, und Thor schaute verwirrt auf sie hinunter. Er sah das königliche Siegel darauf, das rosafarbene Papier, und er wusste Bescheid. Sein Herz schlug höher.

„Von meiner Schwester“, fügte Reece hinzu.

„Ooooh!“, ertönte ein Chor von Stimmen.

„Da hat jemand einen Liebesbrief erhalten!“, sagte O’Connor.

„Lies ihn uns vor!“, schrie Elden.

Die anderen stimmten in ihr Gelächter ein.

Doch für Thor war das persönlich; er eilte an die Seite der Kaserne, weg von den anderen. Sein Kopf schmerzte höllisch, und der Raum drehte sich immer noch—aber das war ihm jetzt egal. Er rollte das zarte Pergament auf und las die Nachricht mit zitternden Händen.

„Triff mich zu Mittag in Waldklipp. Komm nicht zu spät. Und errege keine Aufmerksamkeit.“

Thor stopfte sich die Nachricht in seine Tasche.

„Was stand drin, Frauenheld?“, rief Calven ihm zu.

Thor eilte zu Reece hinüber; er wusste, dass er ihm trauen konnte.

„Die Legion hat heute keine Übungen, stimmts?“, fragte Thor.

Reece schüttelte den Kopf. „Natürlich nicht. Heute ist ein Feiertag.“

„Wo liegt Waldklipp?“, fragte Thor.

Reece lächelte. „Ah, Gwens Lieblingsort“, sagte er. „Nimm die östliche Straße, die aus dem Hof führt, und halte dich rechts. Steig den Hügel hinauf, und es beginnt hinter der zweiten Anhöhe.“

Thor sah Reece an.

„Bitte, ich möchte nicht, dass irgendjemand Bescheid weiß.“

Reece lächelte.

„Das sieht sie bestimmt auch so. Wenn meine Mutter das herausfindet, würde sie euch beide umbringen. Sie würde meine Schwester in ihrem Zimmer einsperren und dich ans Südende des Königreichs verbannen.“

Thor schluckte bei dem Gedanken schwer.

„Wirklich?“, fragte er.

Reece nickte zurück.

„Sie kann dich nicht leiden. Ich weiß nicht, warum, aber ihre Meinung steht fest. Geh schnell, und sage es keiner Menschenseele. Und keine Sorge“, sagte er und packte seine Hand. „Das werde ich auch nicht.“

*

Thor ging schnellen Schrittes durch den frühen Morgen, Krohn neben sich, und tat sein Bestes, nicht gesehen zu werden. Er folgte Reeces Wegbeschreibung so gut er konnte, wiederholte sie im Kopf, während er am Rande des königlichen Hofes vorbei eilte, einen kleinen Hügel hinauf und dem Rand eines dichten Waldes entlang. Zu seiner Linken fiel der Boden steil ab, womit ihm ein schmaler Pfad am Rand eines steilen Grates blieb, mit einer Klippe zu seiner Linken und dem Wald zu seiner Rechten. Waldklipp. Sie hatte gesagt, dass er sie hier treffen sollte. Meinte sie es ernst? Oder spielte sie nur mit ihm?

Hatte dieser schnöselige Adelige Alton recht? War Thor für sie nur eine Vergnügung? Würde sie seiner bald müde sein? Er hoffte mehr als alles andere, dass das nicht der Fall sein würde. Er wollte glauben, dass ihre Gefühle für ihn echt waren; und doch fand er es schwer, sich vorzustellen, wie das der Fall sein könnte. Sie kannte ihn kaum. Und sie stammte aus der königlichen Familie. Welches Interesse konnte sie schon an ihm haben? Ganz zu schweigen davon, dass sie ein Jahr oder zwei älter war als er, und sich noch nie ein älteres Mädchen für ihn interessiert hatte; überhaupt hatte sich noch nie irgendein Mädchen für ihn interessiert. Nicht, dass es in seinem kleinen Dorf eine große Auswahl an Mädchen gegeben hätte.

Thor hatte noch nie so viel über Mädchen nachgedacht. Er war nicht mit Schwestern aufgewachsen, und die Auswahl an Mädchen in seinem Dorf war klein. Keiner der Jungen in seinem Alter hatte sich großartig darum Gedanken gemacht. Die meisten Jungen schienen um ihr achtzehntes Jahr herum zu heiraten, in arrangierten Ehen—in Wahrheit mehr wie geschäftliche Vereinbarungen. Jene von hohem Rang, die bis zu ihrem fünfundzwanzigsten Jahr nicht verheiratet waren, erreichten ihren Kür-Tag: sie waren verpflichtet, entweder eine Braut zu küren oder auszuziehen, um eine zu finden. Doch das traf auf Thor nicht zu. Er war arm, und Leute von seinem Stand wurden üblicherweise nur auf eine Art wegverheiratet, die den Familien nutzte. Es war wie Viehhandel.

Doch als Thor Gwendolyn zum ersten Mal sah, hatte das alles geändert. Zum ersten Mal war er von etwas berührt, einem Gefühl so tief und stark und eindringlich, das es ihm kaum erlaubte, an etwas anderes zu denken. Beide Male, da er sie gesehen hatte, war dieses Gefühl nur tiefer geworden. Er verstand es kaum, doch es schmerzte ihn, von ihr fern zu sein.

Thor verdoppelte seinen Schritt am Grat entlang, suchte die Gegend nach ihr ab, fragte sich, wo genau sie auf ihn warten würde—oder ob sie überhaupt auf ihn warten würde. Die erste Sonne stieg höher und die ersten Schweißtropfen bildeten sich auf seiner Stirn. Ihm war immer noch schlecht und mulmig von den Nachwirkungen der letzten Nacht. Als die Sonne noch höher stieg und seine Suche nach ihr sich als zwecklos erwies, fragte er sich langsam, ob sie ihn wirklich überhaupt treffen würde. Er fragte sich auch langsam, in wie viel Gefahr er sie brachte: wenn ihre Mutter, die Königin, wirklich so stark gegen ihn eingestellt war, würde sie ihn wirklich aus dem Königreich ausweisen? Aus der Legion? Weg von allem, was er kannte und liebte? Was würde er dann tun?

Als er darüber nachdachte, beschloss er, dass es das trotzdem alles wert war, für die Chance, mit ihr zusammen zu sein. Er war bereit, alles für diese Chance zu riskieren. Er hoffte nur, dass er nicht zum Narren gehalten wurde, oder voreilige Schlüsse darüber zog, wie stark ihre Gefühle für ihn waren.

„Willst du einfach so an mir vorbeilaufen?“, kam eine Stimme, gefolgt von einem Kichern.

Thor erschrak heftig, dann blieb er stehen und drehte sich um. Da, im Schatten einer riesigen Fichte, stand Gwendolyn und lächelte ihm entgegen. Sein Herz stieg beim Anblick dieses Lächelns höher. Er konnte die Liebe in ihren Augen sehen, und all seine Sorgen und Befürchtungen schmolzen mit einem Mal dahin. Er schimpfte mit sich selbst, wie er nur so dämlich sein konnte, sie je zu hinterfragen.

Krohn quiekte, als er sie sah.

„Und wen haben wir da!?“, rief sie entzückt aus.

Sie kniete nieder, und Krohn kam auf sie zugelaufen und sprang ihr mit einem Wimmern in die Arme; sie hob ihn hoch, hielt und streichelte ihn.

„Er ist so niedlich“, sagte sie und drückte ihn sanft. Er leckte ihr das Gesicht. Sie kicherte und küsste ihn zurück.

„Und wie heißt du, mein Kleiner?“, fragte sie.

„Krohn“, sagte Thor. Diesmal endlich war er nicht ganz so sprachlos wie zuvor.

„Krohn“, sprach sie ihm nach und sah dem Kleinen in die Augen. „Und reist du jeden Tag einfach so mit einem Leopardenfreund herum?“, fragte sie Thor mit einem Lachen.

„Ich habe ihn gefunden“, sagte Thor, und fühlte sich verlegen, wie immer neben ihr. „Im Wald—bei der Jagd. Dein Bruder sagte, ich solle ihn behalten, weil ich ihn gefunden habe. Das es so bestimmt war.“

Sie sah ihn an, und ihr Ausdruck wurde ernst.

„Tja, da hat er recht. Tiere sind etwas sehr Heiliges. Man findet sie nicht. Sie finden dich.“

„Ich hoffe, es macht dir nichts aus, dass er sich zu uns gesellt“, sagte Thor.

Sie kicherte.

„Ich wäre betrübt, wenn er es nicht täte“, antwortete sie.

Sie blickte zu beiden Seiten, wie um sicherzugehen, dass niemand sie beobachtete; dann griff sie nach Thors Hand und zog ihn in den Wald hinein.

„Gehen wir“, flüsterte sie. „Bevor uns jemand entdeckt.“

Thor war ganz selig bei ihrer Berührung, als sie ihn weiter auf den Waldpfad führte. Sie gingen raschen Schrittes tiefer in den Wald hinein. Der Pfad wandte und schlängelte sich zwischen den hohen Fichten hindurch. Sie ließ seine Hand los, doch er vergaß nicht, wie es sich anfühlte.

Er fühlte sich langsam sicherer, dass sie ihn tatsächlich gern hatte, und es war offensichtlich, dass auch sie nicht entdeckt werden wollte, wahrscheinlich von ihrer Mutter. Es war ihr sichtlich ernst, da auch sie etwas zu verlieren hatte, wenn sie mit ihm gesehen wurde.

Dann wiederum, dachte Thor, vielleicht wollte sie nur nicht von Alton entdeckt werden—oder von irgendwelchen anderen Jungen, mit denen sie sich traf. Vielleicht hatte Alton recht gehabt. Vielleicht war es ihr in Wahrheit peinlich, mit Thor gesehen zu werden.

Alle diese gemischten Gefühle schwirrten in Thor umher.

„Hast du deine Zunge verschluckt?“, fragte sie und brach damit endlich das Schweigen.

Thor fühlte sich hin und her gerissen: er wollte die Sache mit ihr nicht vermasseln, indem er ihr sagte, was er sich dachte—doch gleichzeitig fühlte er, er musste seine Sorgen endgültig begraben. Er musste wissen, wo sie wirklich stand. Er konnte es nicht länger zurückhalten.

„Als du letztes Mal weg warst, lief mir Alton über den Weg. Er hat mich konfrontiert.“

Gwendolyns Gesichtsausdruck wurde finster, ihre gute Laune mit einem Mal ruiniert—und Thor fühlte sich sofort schuldig, dass er es erwähnt hatte. Er schätzte ihre gute Stimmung, ihren Frohsinn, und wünschte, er könnte es zurücknehmen. Er wollte aufhören, doch es war zu spät. Es gab jetzt kein Zurück mehr.

„Und was hat er gesagt?“, sagte sie mit ernster Stimme.

„Er befahl mir, mich von dir fernzuhalten. Er sagte, ich würde dir nicht wirklich etwas bedeuten. Er sagte, ich wäre nur eine Vergnügung für dich. Dass du nach einem oder zwei Tagen von mir genug haben würdest. Er sagte auch, dass du und er dazu bestimmt waren, zu heiraten, und dass eure Heirat bereits arrangiert war.“

Gwendolyn stieß ein wütendes, spöttisches Lachen aus.

„Hat er das also?“, prustete sie. „Dieser Junge ist das arroganteste, unerträglichste kleine Gör“, fügte sie wütend hinzu. „Er ist mir schon ein Dorn im Auge, seit ich laufen kann. Nur, weil unsere Eltern Cousins sind, denkt er, er gehört zur königlichen Familie. Ich bin noch nie jemandem begegnet, der so viele Ansprüche hat und sie so wenig verdient. Noch schlimmer, er hat es sich irgendwie in den Kopf gesetzt, dass wir beide dazu bestimmt sind, zu heiraten. Als würde ich einfach so das tun, was meine Eltern mir aufzwingen wollen. Niemals. Und bestimmt nicht mit ihm. Ich kann seinen Anblick nicht ertragen.“

Thor fühlte sich bei ihren Worten so erleichtert, dass er sich eine Million Pfund leichter fühlte; ihm war danach, von den Baumwipfeln zu trällern. Genau das hatte er hören müssen. Nun tat es ihm leid, dass er ihr für nichts die Laune verdorben hatte. Doch er war noch nicht ganz zufriedengestellt; ihm fiel auf, dass sie noch immer nicht gesagt hatte, ob sie ihn, Thor, wirklich gern hatte.

„Was dich angeht“, sagte sie, ihn verstohlen anblickend und dann wegschauend. „Ich kenne dich kaum. Ich muss mich wohl kaum jetzt sofort zu meinen Gefühlen bekennen. Aber ich würde sagen, dass ich nicht glaube, dass ich mit dir Zeit verbringen würde, wenn ich dich so wenig leiden könnte. Es steht mir natürlich zu, es mir anders zu überlegen, wie es mir einfällt, und ich kann wankelmütig sein—aber nicht, wenn es um die Liebe geht.“

Mehr brauchte Thor gar nicht. Er war beeindruckt von ihrer Ernsthaftigkeit, und noch mehr beeindruckt von der Wahl ihrer Worte: „Liebe“. Er fühlte sich wie neu.

„Und übrigens, ich könnte dich genau dasselbe fragen“, sagte sie und drehte den Spieß um. „In Wirklichkeit habe ich, denke ich, sehr viel mehr zu verlieren als du. Immerhin bin ich aus der königlichen Familie, und du bist aus dem gemeinen Volk. Ich bin älter und du bist jünger. Meinst du nicht, ich sollte diejenige sein, die vorsichtiger ist? Gerüchte erreichen mich am Hof über deine Absichten, deinen sozialen Aufstieg, dass du mich nur benutzt, um zu einem Rang zu kommen. Dass du die Gunst des Königs willst. Soll ich das alles glauben?“

Thor war entsetzt.

„Nein, edle Dame! Niemals. Solche Dinge sind mir noch nicht einmal in den Sinn gekommen. Ich bin bei dir, weil ich nicht daran denken kann, irgendwo anders zu sein. Weil ich es möchte. Weil, wenn ich nicht bei dir bin, ich an nichts anderes denken kann.“

Ein Lächeln umspielte ihre Mundwinkel und er konnte sehen, wie ihr Gesichtsausdruck freudiger wurde.

„Du bist neu hier“, sagte sie. „Du bist neu in Königshof, in der Welt der Adeligen. Du brauchst Zeit, um zu sehen, wie die Dinge wirklich laufen. Hier meint niemand das, was er sagt. Jeder hat versteckte Absichten. Jeder angelt nach Macht—oder Rang oder Wohlstand oder Reichtum oder Titeln. Niemanden kann man dem Anschein nach beurteilen. Jeder hat seine eigenen Spione, und Interessen, und Absichten. Als Alton dir zum Beispiel erzählte, dass meine Hochzeit bereits arrangiert ist, wollte er in Wirklichkeit dadurch herausfinden, wie nahe wir beide uns stehen. Er fühlt sich bedroht. Und es kann sein, dass er für jemanden spioniert. Für ihn bedeutet Heirat nicht Liebe. Es ist eine Vereinigung. Rein für finanziellen Gewinn, für Rang. Für Besitz. An unserem königlichen Hof ist nichts, wie es scheint.“

Auf einmal rannte Krohn an ihnen vorbei, den Waldpfad hinunter und auf eine Lichtung hinaus.

Gwen sah zu Thor und kicherte; sie nahm seine Hand und lief mit ihm davon.

„Komm schon!“, rief sie aufgeregt.

Die beiden liefen den Pfad hinunter und platzten lachend in die große Lichtung. Thor war vom Anblick verblüfft: es war eine wunderschöne Waldwiese voller Wildblumen von jeder erdenklichen Farbe, die bis an ihre Knie wuchsen. Bienen und Schmetterlinge in allen Farben und Größen tanzten und flogen durch die Luft, und ein Zwitschern erfüllte die Wiese mit Leben. Die Sonne schien leuchtend herunter, und es fühlte sich wie ein geheimer Ort an, der hier inmitten dieses hohen, dunklen Waldes versteckt war.

„Hast du schon einmal Blinde Kuh gespielt?“, fragte sie lachend.

Thor schüttelte den Kopf, und bevor er sich wehren konnte, nahm sie ein Tuch von ihrem Hals, streckte die Hände aus und band es Thor um die Augen. Er konnte nichts sehen, und sie kicherte ihm laut ins Ohr.

„Du bist es!“, sagte sie.

Dann hörte er, wie sie durch das Gras davonlief.

Er lächelte.

„Und was mache ich jetzt?“, rief er ihr zu.

„Mich finden!“, rief sie zurück.

Ihre Stimme war jetzt schon weit weg.

Mit verbundenen Augen begann Thor, ihr nachzulaufen, und stolperte dabei umher. Er lauschte aufmerksam nach dem Rascheln ihres Kleides, um ihre Richtung auszumachen. Es war schwierig, und er rannte mit vor sich ausgestreckten Armen umher, stets befürchtend, dass er in einen Baum krachen könnte, obwohl er wusste, dass es eine offene Lichtung war. In wenigen Augenblicken hatte er die Orientierung verloren und kam sich vor, als würde er im Kreis laufen.

Doch er horchte weiter und hörte den Klang ihres Kicherns in weiter Ferne, stellte sich darauf ein, und lief los. Manchmal hörte es sich näher an, dann weiter weg. Er fühlte sich langsam schwindelig.

Er hörte Krohn neben sich laufen, japsen, und er horchte stattdessen auf Krohn und folgte seinen Schritten. Als er das tat, wurde Gwens Kichern lauter und Thor erkannte, dass Krohn ihn zu ihr führte. Er war erstaunt, wie schlau Krohn war, und wie er mitspielte.

Bald konnte er sie nur wenige Fuß von ihm entfernt hören; er jagte sie, lief ihr im Zickzack durch das Feld hinterher. Er streckte die Hand aus und sie schrie entzückt auf, als er einen Zipfel ihres Kleides erwischte. Als er sie packte, stolperte er, und sie beide plumpsten zu Boden, in die weiche Wiese hinein. In letzter Sekunde drehte er sich herum, sodass er zuerst aufschlug und sie auf ihn fiel, und er ihren Sturz abfangen konnte.

Thor landete am Boden, und sie mit einem überraschten Aufschrei auf ihm. Sie kicherte immer noch, als sie ihm das Tuch von den Augen zog.

Thors Herz klopfte stärker, als er ihr Gesicht so nahe an seinem sah. Er fühlte ihr Gewicht auf seinem, in ihrem dünnen Sommerkleid, fühlte jeden Umriss ihres Körpers. Sie kam mit ihrem ganzen Gewicht auf ihm zu liegen, und sie machte keine Anstalten, das zu ändern. Sie blickte ihm tief in die Augen, ihr Atem war flach, und sie wandte ihren Blick nicht ab. Er auch nicht. Thors Herz pochte so schnell, dass er Schwierigkeiten hatte, scharf zu sehen.

Plötzlich beugte sie sich vor und drückte ihre Lippen auf seine. Sie waren weicher, als er sich je vorstellen konnte, und als sie aufeinander trafen, fühlte er sich zum ersten Mal in seinem Leben richtig lebendig.

Er schloss seine Augen, und sie schloss ihre, und sie hielten still; ihre Lippen berührten einander—er wusste nicht, wie lange. Er wollte diesen Augenblick für immer festhalten.

Schließlich zog sie sich langsam zurück. Sie lächelte immer noch, als sie langsam ihre Augen öffnete, und sie lag immer noch da, ihr Körper auf seinem.

Eine lange Weile lagen sie so da, einander tief in die Augen blickend.

„Woher kommst du denn?“, fragte sie sanft, und lächelte.

Er lächelte zurück. Er wusste nicht, wie er antworten sollte.

„Ich bin nur ein einfacher Junge“, sagte er.

Sie schüttelte ihren Kopf und lächelte.

„Nein, das bist du nicht. Ich kann es spüren. Ich habe den Verdacht, dass du weitaus mehr als das bist.“

Sie beugte sich vor und küsste ihn noch einmal, und diesmal berührten ihre Lippen seine für eine viel längere Zeit. Er langte hoch und fuhr mit seinen Fingern durch ihr Haar, und sie durch seines. Er konnte nicht verhindern, dass seine Gedanken rasten.

Er fragte sich jetzt schon, wie das alles enden würde. War es überhaupt möglich, dass sie zusammen waren, bei all den Mächten zwischen ihnen? War es ihnen möglich, wirklich ein Paar zu sein?

Thor hoffte, mehr als alles andere in seinem Leben, dass es möglich war. Er wollte jetzt mit ihr zusammen sein, sogar noch mehr, als er in der Legion sein wollte.

Während er diesen Gedanken nachhing, hörte er ein plötzliches Rascheln im Gras, und die beiden fuhren erschrocken herum. Krohn sprang durch das Gras, nur wenige Fuß entfernt, und ein weiteres Rascheln ertönte. Krohn wimmerte, dann knurrte er—dann ertönte ein Hissen. Darauf folgte Stille.

Gwen rollte sich von Thor hinunter und sie setzten sich beide auf und blickten sich um. Thor sprang auf die Füße, Gwen beschützen wollend, und sich fragend, was es sein konnte. Er konnte meilenweit niemanden sehen. Aber irgendjemand—oder irgendetwas—musste da sein, nur wenige Fuß entfernt, im hohen Gras.

Krohn tauchte vor ihnen auf; in seinem Maul, zwischen seinen kleinen rasiermesserscharfen Zähnen, baumelte eine riesige, erschlaffte weiße Schlange. Sie war bestimmt zehn Fuß lang, ihre Haut von leuchtendem, schimmerndem Weiß, so dick wie ein großer Ast.

Thor erkannte sofort, was passiert war: Krohn hatte die beiden vor einem Angriff dieses tödlichen Reptils bewahrt. Sein Herz raste in Dankbarkeit für den Kleinen.

Gwen sog die Luft ein.

„Eine Weißrücken“, sagte sie. „Das tödlichste Reptil im gesamten Königreich.“

Thor starrte es ehrfurchtsvoll an.

„Ich dachte, diese Schlange existiert nicht. Ich dachte, es ist nur eine Legende.“

„Sie sind äußerst selten“, sagte Gwen. „Ich habe in meinem Leben erst eine gesehen. An dem Tag, als der Vater meines Vaters starb. Es ist ein Omen.“

Sie blickte Thor an.

„Es bedeutet, dass der Tod nahe ist. Der Tod von jemandem Nahestehenden.“

Thor fühlte, wie ein Schauer über seinen Rücken lief. Eine plötzliche kalte Brise wehte an diesem Sommertag über die Waldwiese, und er wusste mit absoluter Sicherheit, dass sie recht hatte.

KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG

Gwendolyn wanderte alleine durch die Burg, über die Wendeltreppe, die sich nach oben wand. In ihrem Kopf rasten die Gedanken an Thor. An ihren Spaziergang. An ihren Kuss. Und dann, an diese Schlange.

In ihr brannten widersprüchliche Gefühle. Auf der einen Seite war es wunderschön, mit ihm zusammen zu sein; auf der anderen Seite versetzte sie diese Schlange in Furcht und Schrecken, durch das Todesomen, das sie mit sich brachte. Doch sie wusste nicht, für wen, und auch das konnte sie sich nicht aus ihren Gedanken bannen. Sie fürchtete, dass es jemand in ihrer Familie sein würde. Konnte es einer ihrer Brüder sein? Godfrey? Kendrick? Könnte es ihre Mutter sein? Oder, sie wagte gar nicht, es zu denken, ihr Vater?

Der Anblick dieser Schlange hatte einen düsteren Schatten auf ihren fröhlichen Tag geworfen, und sobald die gute Stimmung zerstört war, gelang es ihnen nicht mehr, sie wiederzufinden. Sie machten sich gemeinsam zurück auf den Weg zum Hof und trennten sich, kurz bevor sie aus dem Wald kamen, sodass sie nicht gesehen werden konnten. Das letzte, was sie wollte, war, dass ihre Mutter sie beide zusammen erwischte. Doch Gwen würde Thor nicht so einfach aufgeben, und sie würde einen Weg finden, sich gegen ihre Mutter zu stellen; sie brauchte Zeit, um ihre Strategie zu entwerfen.

Es war schmerzhaft, sich von Thor zu trennen; wenn sie daran zurückdachte, fühlte sie sich schuldig. Sie hatte vorgehabt, ihn zu fragen, ob er sie wieder treffen wollte, hätte Pläne für einen anderen Tag machen wollen. Doch sie war benebelt, so aus der Fassung gebracht vom Anblick dieser Schlange, dass sie darauf vergessen hatte. Nun machte sie sich Sorgen, dass er dachte, er wäre ihr egal.

In der Sekunde, als sie in Königshof angekommen war, hatten die Diener ihres Vaters sie zu ihm gerufen. Seither war sie die Treppen nach oben unterwegs, mit klopfendem Herzen, sich wundernd, warum er sie sprechen wollte. War sie mit Thor gesehen worden? Es konnte keinen anderen Grund geben, warum ihr Vater sie so dringend sprechen wollte. Würde auch er ihr verbieten, ihn zu sehen? Sie konnte sich kaum vorstellen, dass er das machen würde. Er war immer auf ihrer Seite gewesen.

Ganz außer Atem kam Gwen endlich oben an. Sie eilte den Korridor hinunter, vorbei an den Bediensteten, die stramm standen und ihr die Tür in die Gemächer ihres Vaters öffneten. Zwei weitere Diener, die drinnen warteten, verbeugten sich vor ihr.

„Lasst uns allein“, sagte ihr Vater zu ihnen.

Sie verbeugten sich und eilten aus dem Zimmer, die Tür hinter sich mit einem hallenden Echo schließend.

Ihr Vater erhob sich von seinem Schreibtisch, mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht, und bewegte sich durch den großen Raum auf sie zu. Bei seinem Anblick fühlte sie sich entspannt wie immer, und fühlte sich erleichtert, keinen Ärger in seinem Gesicht zu sehen.

„Meine Gwendolyn“, sagte er.

Er streckte die Arme aus und schloss sie in eine feste Umarmung ein. Sie umarmte ihn zurück, und er geleitete sie zu zwei riesigen Stühlen, die schräg zum knisternden Feuer standen. Mehrere große Hunde, Wolfshunde, von denen sie die meisten seit ihrer Kindheit kannte, machten Platz, als sie zum Feuer hinübergingen. Zwei von ihnen folgten ihr und legten ihr die Köpfe in den Schoß. Sie war dankbar für das Feuer: es war für einen Sommertag ungewöhnlich kalt geworden.

Ihr Vater lehnte sich dem Feuer entgegen, starrte in die Flammen, die vor ihnen knisterten.

„Du weißt, warum ich dich zu mir gerufen habe?“, fragte er.

Sie suchte in seinem Gesicht, doch war sich immer noch nicht sicher.

„Ich weiß es nicht, Vater.“

Er sah sie überrascht an.

„Unser Gespräch neulich. Mit deinen Geschwistern. Über das Königtum. Das ist es, was ich heute mit dir besprechen wollte.“

Gwens Herz schwebte vor Erleichterung. Es ging hier nicht um Thor. Es ging um Politik. Die dumme Politik, die ihr nicht gleichgültiger sein konnte. Sie seufzte erleichtert auf.

„Du wirkst erleichtert“, sagte er. „Was dachtest du, das wir besprechen würden?“

Ihr Vater war zu aufmerksam; war er schon immer gewesen. Er war einer der wenigen Menschen, die in ihr wie in einem Buch lesen konnten. Sie musste in seiner Gegenwart vorsichtig sein.

„Nichts, Vater“, sagte sie schnell.

Er lächelte wieder.

„Also, sag mir. Was hältst du von meiner Entscheidung?“, fragte er.

„Entscheidung?“, fragte sie.

„Für meinen Erben! Des Königreichs!“

„Du meinst mich?“, fragte sie.

„Wen sonst?“, lachte er.

Sie wurde rot.

„Vater, ich war überrascht, gelinde gesagt. Ich bin nicht die Erstgeborene. Und ich bin eine Frau. Ich verstehe nichts von Politik. Und ich schere mich nicht um sie—auch nicht darum, ein Königreich zu regieren. Ich habe keinen politischen Ehrgeiz. Ich verstehe nicht, warum du mich erwählt hast.“

„Aus genau diesen Gründen“, sagte er, sein Ausdruck todernst. „Deswegen, weil du es nicht auf den Thron abgesehen hast. Du willst das Königtum nicht. Und du verstehst nichts von Politik.“

Er holte tief Luft.

„Aber du verstehst die menschliche Natur. Du bist sehr scharfsinnig. Das hast du von mir. Du hast den flinken Verstand deiner Mutter, aber meine Art, mit Menschen umzugehen. Du weißt sie einzuschätzen; du siehst geradewegs durch sie durch. Und das ist es, was ein König braucht. Du verstehst die Natur von anderen. Mehr braucht man gar nicht. Alles Weitere ist Geschick. Kenne dein Volk. Verstehe es. Vertraue deinen Instinkten. Behandle sie gut. Das ist alles.“

„Bestimmt gehört noch mehr dazu, ein Königreich zu regieren“, sagte sie.

„Nicht wirklich“, sagte er. „Alles Weitere kommt daraus hervor. Entscheidungen kommen daraus hervor.“

„Aber Vater, du vergisst wohl, dass ich erstens nicht den Wunsch habe, zu regieren, und zweitens, du nicht sterben wirst. Das ist alles nur eine dumme Tradition in Verbindung mit dem Hochzeitstag deiner Ältesten. Warum darauf verweilen? Ich möchte lieber gar nicht davon sprechen, oder daran denken. Ich hoffe, dass der Tag nie kommen wird, an dem ich dich sterben sehe—also ist das alles belanglos.“

Er räusperte sich und sah sie ernsthaft an.

„Ich sprach mit Argon, und er sieht eine düstere Zukunft für mich voraus. Ich habe es auch selbst schon gespürt. Ich muss mich vorbereiten“, sagte er.

Gwen fühlte, wie ihr Magen sich zusammenzog.

„Argon ist ein Narr. Ein Zauberer. Die Hälfte seiner Vorhersagen treten nicht ein. Ignoriere ihn. Glaub nicht an seine dummen Omen. Es geht dir gut. Du wirst ewig leben.“

Doch er schüttelte langsam den Kopf, und sie konnte die Traurigkeit in seinem Gesicht sehen, und ihr Magen zog sich noch fester zusammen.

„Gwendolyn, meine Tochter, ich liebe dich. Ich möchte, dass du vorbereitet bist. Ich möchte, dass du der nächste Herrscher des Rings bist. Ich meine ernst, was ich sage. Es ist keine Bitte. Es ist ein Befehl.“

Er blickte sie mit solcher Ernsthaftigkeit an, seine Augen so dunkel werdend, dass sie Angst bekam. Noch nie hatte sie diesen Ausdruck auf dem Gesicht ihres Vaters gesehen.

Sie spürte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen, und wischte sich eine weg.

„Es tut mir leid, wenn ich dich aufgebracht habe“, sagte er.

„Dann hör auf, so zu sprechen“, sagte sie weinend. „Ich will nicht, dass du stirbst.“

„Es tut mir leid, doch das kann ich nicht. Ich brauche deine Antwort.“

„Vater, ich will dich nicht beleidigen.“

„Dann sag ja.“

„Aber wie könnte ich denn überhaupt regieren?“, flehte sie.

„Es ist nicht so schwer, wie du denkst. Du wirst von Ratgebern umringt sein. Die erste Regel ist, keinem von ihnen zu trauen. Traue dir selbst. Du schaffst das. Dein mangelndes Wissen, deine Naivität—sie werden dir helfen, wirklich gut zu sein. Deine Entscheidungen werden aufrichtig sein. Versprich es mir“, bestand er.

Sie blickte in seine Augen und erkannte, wie viel es ihm bedeutete. Sie wollte das Thema ändern, wenn auch nur zu dem Zweck, seine Todesstimmung zu beschwichtigen und ihn aufzuheitern.

„Also gut, ich verspreche es“, sagte sie eilig. „Geht es dir jetzt besser?“

Er lehnte sich zurück und sie konnte sehen, dass er höchst erleichtert war.

„Ja“, sagte er. „Ich danke dir.“

„Gut, können wir jetzt von etwas anderem sprechen? Von Dingen, die vielleicht wirklich passieren werden?“, fragte sie.

Ihr Vater lehnte sich zurück und brach in schallendes Gelächter aus; er wirkte eine Million Pfund leichter.

„Und genau deswegen liebe ich dich“, sagte er. „Immer so frohsinnig. Immer in der Lage, mich zum Lachen zu bringen.“

Er betrachtete sie, und sie konnte fühlen, dass er nach etwas suchte.

„Du selbst wirkst ungewöhnlich glücklich“, sagte er. „Gibt es da vielleicht einen jungen Mann?“

Gwen lief rot an. Sie stand auf und ging zum Fenster hinüber, sich von ihm abwendend.

„Es tut mir leid, Vater, aber das ist eine persönliche Angelegenheit.“

„Sie wird nicht mehr persönlich sein, wenn du mein Königreich regierst“, sagte er. „Aber ich werde nicht nachbohren. Deine Mutter, andererseits, hat eine Audienz mit dir erbeten, und ich nehme nicht an, dass sie so nachsichtig sein wird. Du kannst jetzt gehen. Aber mache dich darauf gefasst.“

Ihr Magen zog sich zusammen, und sie blickte zum Fenster hinaus. Sie hasste diesen Ort. Sie wünschte, sie würde irgendwo anders sein. In einem einfachen Dorf, auf einem einfachen Bauernhof, ein einfaches Leben mit Thor leben. Weit weg von all dem hier, von all diesen Mächten, die versuchten, sie zu steuern.

Sie fühlte eine sanfte Hand auf ihrer Schulter und drehte sich zu ihrem Vater um, der lächelnd hinter ihr stand.

„Deine Mutter kann streng sein. Aber was sie auch entscheiden mag, sollst du wissen, dass ich auf deiner Seite stehe. In Sachen Liebe steht es einem zu, sich frei entscheiden zu dürfen.“

Gwen streckte die Arme hoch und umarmte ihren Papa. In jenem Moment liebte sie ihn über alles. Sie versuchte, das Omen dieser Schlange aus ihrem Kopf zu verbannen und betete mit aller Kraft, dass es nicht für ihren Vater gedacht war.

*

Gwen wand sich durch einen Korridor nach dem anderen, an Reihen von Buntglas-Fenstern vorbei auf dem Weg zu den Gemächern ihrer Mutter. Sie hasste es, von ihrer Mutter zu sich gerufen zu werden, hasste ihre kontrollierende Art. In vieler Hinsicht war ihre Mutter diejenige, die das Königreich wirklich regierte. Sie war in vieler Hinsicht stärker als ihr Vater, standfester, gab nicht so leicht nach. Das Königreich wusste davon natürlich nichts: er machte ein starkes Gesicht und erschien als der weise Mann.

Doch wenn er zur Burg zurückkehrte, hinter geschlossenen Türen, war sie es, die er um Rat fragte. Sie war die Weisere. Die Kältere. Die Berechnendere. Die Härtere. Die Furchtlose. Sie war der Fels. Und sie regierte ihre große Familie mit eiserner Faust. Wenn sie etwas wollte, besonders, wenn sie sich in den Kopf gesetzt hatte, dass es zum Wohl der Familie war, stellte sie sicher, dass es passierte.

Und nun hatte sich der eiserne Wille ihrer Mutter gegen sie gewendet; sie wappnete sich innerlich bereits gegen die Auseinandersetzung. Sie fühlte, es hatte etwas mit ihrem Liebesleben zu tun, und sie fürchtete, dass sie mit Thor zusammen gesehen worden war. Doch sie war fest entschlossen, nicht nachzugeben. Egal, was nötig war. Wenn sie diesen Ort verlassen müsste, würde sie es tun. Ihre Mutter konnte sie in den Kerker stecken, wenn sie wollte.

Als Gwen sich den Gemächern ihrer Mutter näherte, wurde die schwere Eichentür von ihren Dienern geöffnet, die zur Seite traten, als sie hindurchging, und sie danach hinter ihr schlossen.

Das Zimmer ihrer Mutter war viel kleiner als das ihres Vaters, intimer, mit großen Teppichen und einem kleinen Teegeschirr und Spielbrett, die neben einem knisternden Feuer aufgebaut waren. Daneben standen mehrere zierliche Stühle aus gelbem Samt. Ihre Mutter saß in einem der Stühle, mit dem Rücken zu Gwen, obwohl sie sie erwartete. Sie saß dem Feuer zugewandt, trank Tee und bewegte eine der Spielfiguren auf dem Brett. Hinter ihr standen zwei Zofen, eine machte ihr Haar, die andere zog die Riemen hinten an ihrem Kleid zurecht.

„Komm herein, Kind“, kam die strenge Stimme ihrer Mutter.

Gwen hasste es, wenn ihre Mutter dies tat—Hof halten vor ihren Dienern. Sie wünschte, sie würde sie fortschicken, so wie ihr Vater es bei ihrem Gespräch getan hatte. Das war das Mindeste, was sie für Privatsphäre und Anstand tun konnte. Doch das tat ihre Mutter nie. Gwen war zu dem Schluss gekommen, dass es ein Machtspiel war, dass ihre Bediensteten hierbehalten wurden, im Raum hingen, zuhörten, um Gwen zu verunsichern.

Gwen hatte keine Wahl, als die Kammer zu durchqueren und in einem der Samtstühle ihrer Mutter gegenüber Platz zu nehmen, zu nahe am Feuer. Noch eines der Machtspiele ihrer Mutter: ihrem Gesprächspartner wurde zu warm, die Flammen brachten ihn aus dem Konzept.

Die Königin blickte nicht auf; vielmehr starrte sie auf ihr Spielbrett hinunter und verschob eine der Elfenbeinfiguren über das komplexe Feld.

„Dein Zug“, sagte ihre Mutter.

Gwen blickte auf das Brett hinunter; sie war überrascht, dass ihre Mutter dieses Spiel immer noch am Laufen hatte. Sie erinnerte sich, dass sie die braunen Figuren spielte, aber sie hatte dieses Spiel schon seit Wochen nicht mehr mit ihrer Mutter gespielt. Ihre Mutter war eine Meisterin im Bauernspiel—doch Gwen war noch besser. Ihre Mutter hasste es, zu verlieren, und sie hatte dieses Brett sichtlich schon einige Zeit lang analysiert, in der Hoffnung, den perfekten Zug zu spielen. Nun, da Gwen da war, zog sie.

Anders als ihre Mutter brauchte Gwen das Brett nicht zu studieren. Sie warf nur einen kurzen Blick darauf und sah den perfekten Zug in ihrem Kopf. Sie griff hinüber und bewegte eine der braunen Figuren zur Seite, quer über das gesamte Feld. Nun war ihre Mutter einen Zug davon entfernt, zu verlieren.

Ihre Mutter starrte bis auf ein Zucken ihrer Augenbraue ausdruckslos hinunter, von dem Gwen wusste, dass es Missmut ausdrückte. Gwen war klüger, und ihre Mutter würde das nie akzeptieren.

Ihre Mutter räusperte sich, studierte das Brett, ohne sie weiterhin anzusehen.

„Ich weiß alles über deine Eskapaden mit diesem Jungen aus dem gemeinen Volk“, sagte sie herablassend. „Du widersetzt dich mir.“ Ihre Mutter blickte zu ihr hoch. „Warum?“

Gwen holte tief Luft; spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog; versuchte, die bestmögliche Antwort zu formulieren. Sie würde nicht aufgeben. Nicht dieses Mal.

„Meine persönlichen Angelegenheiten gehen dich nichts an“, antwortete Gwen.

„Tun sie das nicht? Sie gehen mich sogar sehr viel an. Deine persönlichen Angelegenheiten werden Auswirkungen auf Königtümer haben. Auf das Schicksal dieser Familie. Auf den Ring. Deine persönlichen Angelegenheiten sind politisch—so sehr du das auch vergessen möchtest. Du bist nicht aus dem gemeinen Volk. Nichts in deiner Welt ist persönlich. Und nichts ist persönlich vor mir.“

Die Stimme ihrer Mutter war eisern und kalt, und Gwen fand jeden Augenblick davon widerlich. Gwen konnte nichts tun, als dazusitzen und zu warten, bis sie fertig war. Sie fühlte sich gefangen.

Endlich räusperte sich ihre Mutter.

„Da du nicht auf mich hören willst, werde ich die Entscheidungen für dich treffen müssen. Du wirst dich mit diesem Jungen nie wieder treffen. Falls du es doch tust, werde ich ihn aus der Legion befördern, aus Königshof hinaus und zurück in sein Dorf. Dann werde ich ihn an den Pranger stellen—zusammen mit seiner ganzen Familie. Er wird ein Ausgestoßener ohne Würde sein. Und du wirst ihn nie wieder sehen.“

Ihre Mutter blickte zu ihr auf; ihre Unterlippe zitterte vor Zorn.

„Hast du mich verstanden?“

Gwen sog scharf den Atem ein, erstmals wirklich begreifend, zu welchen Boshaftigkeiten ihre Mutter fähig war. Sie hasste sie mehr, als sie sagen konnte. Gwen fielen auch die nervösen Blicke der Bediensteten auf. Es war demütigend.

Bevor sie antworten konnte, fuhr ihre Mutter fort.

„Des Weiteren, um weiteren dreisten Handlungen deinerseits vorzubeugen, habe ich in die Wege geleitet, dass eine vernünftige Vereinigung für dich arrangiert wird. Du wirst mit Alton verheiratet werden, am ersten Tage des nächsten Monats. Du darfst gleich beginnen, dich auf deine Hochzeit vorzubereiten. Auf das Leben als verheiratete Frau. Das wäre alles“, sagte ihre Mutter abweisend und wandte sich wieder dem Brett zu, als hätte sie soeben die gewöhnlichste aller Angelegenheiten erwähnt.

Gwen brodelte und brannte innerlich, und wollte schreien.

„Wie kannst du es wagen“, warf Gwen zurück, und Zorn baute sich in ihr auf. „Denkst du, ich bin eine Marionette, an deren Fäden du ziehen kannst, wie du willst? Denkst du wirklich, ich werde heiraten, wen auch immer du mir anschaffst?“

„Ich denke nicht“, entgegnete ihre Mutter. „Ich weiß es. Du bist meine Tochter, und du tust, was ich dir sage. Und du wirst exakt denjenigen heiraten, den ich bestimme.“

„Nein, werde ich nicht!“, schrie Gwen zurück. „Und du kannst mich nicht zwingen! Vater sagte, du kannst mich nicht zwingen!“

„Arrangierte Vereinigungen sind nach wie vor das Recht eines jeden Elternteils in diesem Königreich—und sie sind mit Gewissheit das Recht von König und Königin. Dein Vater sträubt sich, doch du weißt genauso gut wie ich, dass er sich meinem Willen immer fügen wird. Ich habe meine Mittel und Wege.“

Ihre Mutter funkelte sie an.

„Du siehst also, du wirst tun, was ich sage. Deine Hochzeit wird stattfinden. Nichts kann sie aufhalten. Bereite dich vor.“

„Ich tue das nicht“, antwortete Gwen. „Niemals. Und wenn du darauf bestehst, weiter darüber zu reden, werde ich nie wieder mit dir sprechen.“

Ihre Mutter blickte hoch und lächelte sie an, ein kaltes, hässliches Lächeln.

„Es kümmert mich nicht, ob du je wieder mit mir sprichst. Ich bin deine Mutter, nicht deine Freundin. Und ich bin deine Königin. Dies hier mag gut und gerne unsere letzte Begegnung miteinander sein. Es spielt keine Rolle. Am Ende wirst du tun, was ich sage. Und ich werde dir von Weitem zusehen, wie du das Leben lebst, das ich für dich geplant habe.“

Ihre Mutter wandte sich wieder ihrem Spiel zu.

„Du bist entlassen“, sagte sie mit einer Handbewegung, als wäre Gwen nichts als eine Dienerin.

Gwen kochte dermaßen vor Wut, dass sie es nicht mehr aushielt. Sie machte drei Schritte, marschierte zum Spielbrett ihrer Mutter und warf es mit beiden Händen um; die Elfenbeinfiguren und der große Elfenbeintisch krachten zu Boden und zersprangen in Stücke.

Ihre Mutter sprang schockiert zurück, als es passierte.

„Ich hasse dich“, zischte Gwen.

Mit diesen Worten kehrte sie ihr hochrot den Rücken zu und stürmte aus dem Zimmer, wischte die Hände der Bediensteten zur Seite, entschlossen, aus eigener Kraft hinauszugehen—und das Gesicht ihrer Mutter nie wieder zu sehen.

KAPITEL SECHSUNDZWANZIG

Thor wanderte stundenlang über die gewundenen Pfade im Wald und dachte über seine Begegnung mit Gwen nach. Er konnte sie nicht aus seinen Gedanken bannen. Ihre Zeit zusammen war magisch, weit über seine Vorstellungen hinaus, und er machte sich nicht länger über die Tiefe ihrer Gefühle zu ihm Gedanken. Es war ein perfekter Tag gewesen—bis natürlich zu dem Vorfall am Ende ihres Treffens.

Diese weiße Schlange, so selten, und ein so schlechtes Omen. Sie hatten Glück, dass sie nicht gebissen wurden; Thor blickte zu Krohn hinunter, der loyal neben ihm herwanderte, fröhlich wie immer, und fragte sich, was passiert wäre, wenn er nicht dagewesen wäre, die Schlange nicht getötet und ihnen das Leben gerettet hätte. Wären sie beide nun tot? Er war Krohn ewig dankbar und wusste, er hatte einen lebenslangen, vertrauten Begleiter in ihm.

Und doch störte ihn das Omen immer noch: diese Schlange war überaus selten und nicht einmal in diesem Teil des Königreichs zuhause. Sie lebte weiter südlich, in den Mooren und Sumpfländern. Wie konnte sie so weit gereist sein? Warum musste sie genau in jenem Moment über sie kommen? Es war zu geheimnisvoll: er fühlte sich absolut sicher, dass es ein Zeichen war. Wie Gwen fühlte er, dass es ein böses Omen war, ein Vorbote eines bevorstehenden Todes. Doch wessen Tod?

Thor wollte die Bilder aus seinen Gedanken bannen, es vergessen, an andere Dinge denken—doch er konnte es nicht. Es plagte ihn, ließ ihm keine Ruhe. Er wusste, er sollte zur Kaserne zurückkehren, doch er war nicht in der Verfassung dazu. Heute war immer noch ihr freier Tag, und so war er stattdessen stundenlang herumgewandert, hatte die Waldpfade umkreist und versucht, seinen Kopf zu leeren. Er fühlte sich sicher, dass die Schlange eine tiefe Botschaft nur für ihn trug, dass er aufgefordert wurde, irgendeine Maßnahme zu treffen.

Schlimmer noch, es hatte seine Verabschiedung von Gwen so abrupt gemacht. Als sie den Waldrand erreicht hatten, hatten sie sich hastig getrennt, mit kaum einem Wort. Sie hatte verstört gewirkt. Er nahm an, dass es wegen der Schlange war, doch er konnte sich nicht sicher sein. Sie hatte nichts von einem weiteren Treffen gesagt. Hatte sie ihre Meinung über ihn geändert? Hatte er etwas falsch gemacht?

Der Gedanke daran riss Thor in Stücke. Er wusste kaum, was er mit sich anfangen sollte, während er stundenlang im Kreis lief. Er musste mit jemandem reden, der diese Dinge verstand, der Zeichen und Omen deuten konnte.

Thor blieb auf der Stelle stehen. Natürlich. Argon. Er würde perfekt geeignet sein. Er könnte ihm alles erklären und seinen Geist zur Ruhe bringen.

Thor sah sich um: er stand am nördlichen Ende des weitesten Grats und hatte von hier aus einen weiten Blick auf die königliche Stadt unter ihm. Er stand nahe einer Kreuzung und er wusste, dass Argon allein lebte, in einer Steinhütte am nördlichen Stadtrand von Felsflur. Er wusste, wenn er sich links hielt, von der Stadt weg, würde einer dieser Pfade ihn dorthin führen. Er machte sich auf den Weg.

Es würde eine lange Reise werden, und die Chancen standen hoch, dass Argon nicht einmal anwesend sein würde, wenn Thor ankam. Doch er musste es versuchen. Er konnte nicht ruhen, bis er Antworten hatte.

Thor lief mit einem frischen Schwung in seinem Schritt mit doppelter Geschwindigkeit auf die Ebenen zu. Aus dem Morgen wurde Nachmittag, während er wanderte und wanderte. Es war ein wunderschöner Sommertag, und das Licht fiel glänzend auf die Felder um ihn herum. Krohn hüpfte fröhlich neben ihm her, blieb immer wieder stehen, um einen Sprungangriff auf ein Eichhörnchen durchzuführen, welches er danach triumphierend im Maul trug.

Der Pfad wurde steiler, gewundener, und die Felder verschwanden und gingen in trostloses Gelände voller Steine und Felsen über. Bald darauf verschwand auch der Pfad. Es wurde hier oben kälter und windiger, und auch die Bäume wurden weniger, und die Landschaft wurde felsig und schroff. Es war unheimlich hier oben, nichts als kleine Steine, Staub und Felsbrocken, so weit das Auge reichte; Thor fühlte sich, als würde er eine verlorene Welt bereisen. Als der Pfad völlig verschwunden war, blieb Thor nur noch eine Wanderung über Schotter und Stein.

Neben ihm begann Krohn zu wimmern. Ein unheimliches Gefühl lag in der Luft, und auch Thor konnte es spüren. Es war nicht unbedingt böse; es war nur anders. Wie ein schwerer spiritueller Nebel.

Gerade, als Thor sich langsam fragte, ob er in die richtige Richtung unterwegs war, erspähte er am Horizont hoch oben auf einem Hügel eine kleine Steinhütte. Sie war kreisrund, wie ein Ring geformt, aus schwarzem, solidem Stein und nahe am Boden gebaut. Sie hatte keine Fenster und eine einzelne Türe, die wie ein Bogen geformt war—doch hatte sie weder Klopfer noch Klinke. Konnte es wahr sein, dass Argon hier lebte, an diesem trostlosen Ort? Würde es ihn verärgern, dass Thor so uneingeladen auftauchte?

Thor kamen langsam Zweifel, doch er zwang sich dazu, es jetzt durchzuziehen. Als er sich der Tür näherte, fühlte er die Energie so dick in der Luft, dass er kaum atmen konnte. Sein Herz schlug vor Aufregung schneller, als er die Hand vorstreckte, um mit seiner Faust anzuklopfen.

Bevor er sie berühren konnte, öffnete sich die Tür von selbst einen Spalt breit. Drinnen sah es schwarz aus, und Thor konnte nicht sagen, ob sie nur vom Wind aufgedrückt worden war. Es war so dunkel, dass er nicht erkennen konnte, ob jemand im Inneren sein konnte.

Thor drückte die Tür sanft auf und steckte den Kopf hinein.

„Hallo?“, rief er hinein.

Er drückte sie weiter auf. Drinnen war es vollkommen dunkel, bis auf einen sanften Lichtschein am anderen Ende der Behausung.

„Hallo?“, rief er hinein, lauter. „Argon?“

Neben ihm wimmerte Krohn. Es wirkte offensichtlich auf Thor, dass dies eine schlechte Idee war; dass Argon nicht zuhause war. Und doch zwang er sich dazu, nachzusehen. Er machte zwei Schritte hinein, und da krachte die Tür hinter ihm zu.

Thor wirbelte herum, und da, an der gegenüberliegenden Wand, stand Argon.

„Verzeiht mir die Störung“, sagte Thor mit pochendem Herzen.

„Du kommst uneingeladen“, sprach Argon.

„Vergebt mir“, sagte Thor. „Ich wollte mich nicht aufdrängen.“

Thor sah sich um, während seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnten, und sah mehrere Kerzen, die im Kreis entlang der runden Steinmauer aufgestellt waren. Der Raum wurde hauptsächlich von einem einzelnen Lichtstrahl erleuchtet, der durch eine kleine kreisrunde Öffnung in der Decke hereinkam. Dieser Ort war überwältigend, ernüchternd und surreal.

„Nur wenige waren je hier“, antwortete Argon. „Natürlich wärst du nicht hier, wenn ich es nicht zulassen würde. Diese Tür öffnet sich nur für jene, die dazu bestimmt sind. Für jene, die es nicht sind, würde sie sich niemals öffnen—nicht mit aller Kraft der Welt.“

Thor fühlte sich besser, und doch fragte er sich auch, wie Argon gewusst hatte, dass er kommen würde. Alles an diesem Mann war ihm ein Rätsel.

„Ich hatte eine Begegnung, die ich nicht verstand“, sagte Thor mit dem Bedürfnis, alles herauszulassen und Argons Meinung zu hören. „Da war eine Schlange. Eine Weißrücken. Sie griff uns beinahe an. Wir wurden von meinem Leoparden Krohn gerettet.“

„Wir?“, fragte Argon.

Thor errötete und erkannte, dass er zu viel verraten hatte. Er wusste nicht, was er sagen sollte.

„Ich war nicht alleine“, sagte er.

„Und wer war bei dir?“

Thor biss sich auf die Zunge, unsicher, wie viel er verraten sollte. Immerhin stand dieser Mann ihrem Vater, dem König, nahe, und vielleicht würde er sie verraten.

„Ich sehe nicht, wie das bezüglich der Schlange von Belang ist.“

„Es ist gänzlich von Belang. Hast du dich nicht gefragt, ob das der Grund war, warum die Schlange überhaupt kam?“

Darauf war Thor nicht vorbereitet.

„Ich verstehe nicht“, sagte er.

„Nicht jedes Omen, das du siehst, ist für deine Augen bestimmt. Manche sind für andere bestimmt.“

Thor betrachtete Argon im schwachen Licht und begann, zu verstehen. Stand Gwen ein böses Schicksal bevor? Und wenn ja, konnte er es aufhalten?

„Kann man das Schicksal verändern?“, fragte Thor.

Argon durchschritt langsam sein Zimmer.

„Dies ist natürlich die Frage, die wir uns seit Jahrhunderten stellen“, entgegnete Argon. „Kann das Schicksal verändert werden? Einerseits ist alles vorherbestimmt, alles ist festgeschrieben. Andererseits verfügen wir über freien Willen. Unser Schicksal wird genauso von unseren Entscheidungen bestimmt. Es scheint unmöglich, dass diese beiden—Schicksal und freier Wille—zusammenleben, Seite an Seite, und doch ist es der Fall. Es ist da, wo die beiden sich überschneiden—wo Schicksal auf freien Willen trifft—dass das menschliche Verhalten ins Spiel kommt. Das Schicksal kann nicht immer gebrochen werden, doch manchmal lässt es sich biegen, gar verändern, durch ein großes Opfer und ein großes Aufgebot an freiem Willen. Und doch ist das Schicksal in den meisten Fällen festgeschrieben. In den meisten Fällen sind wir nur Zuschauer, hierher bestellt, um den Ereignissen beizuwohnen. Wir meinen, wir spielen eine Rolle darin, doch üblicherweise tun wir das nicht. Zumeist sind wir Beobachter, nicht Teilnehmer.“

„Nun, warum hält sich das Universum dann damit auf, uns Omen zu zeigen, wenn es nichts gibt, was wir gegen sie tun können?“, fragte Thor.

Argon lächelte ihn an.

„Du bist flink von Begriff, Junge, das muss ich dir lassen. Zumeist werden uns Omen gezeigt, sodass wir uns vorbereiten können. Unser Schicksal wird uns gezeigt, damit wir etwas Zeit haben, uns zu rüsten. Manchmal, selten, wird uns ein Omen gegeben, sodass wir etwas unternehmen können; ändern können, was sein wird. Doch dies geschieht äußerst selten.“

„Ist es wahr, dass die Weißrücken den Tod ankündigt?“

Argon betrachtete ihn eingehend.

„Das ist es“, sagte er schließlich. „Unweigerlich.“

Thors Herz klopfte bei dieser Antwort, bei der Bestätigung seiner Befürchtungen. Er war auch überrascht von Argons geradliniger Antwort.

„Mir ist heute eine begegnet“, sagte Thor, „doch ich weiß nicht, wer sterben wird. Oder ob es irgendeine Handlung gibt, die ich setzen kann, um es zu verhindern. Ich möchte es aus meinen Gedanken verbannen, doch es gelingt mir nicht. Stets begleitet mich das Bild des Schlangenkopfes. Warum?“

Argon betrachtete ihn für eine lange Weile, und seufzte.

„Weil wer es auch ist, der sterben soll, dich direkt betrifft. Es wird sich auf dein Schicksal auswirken.“

Thor wurde immer aufgewühlter; er hatte das Gefühl, als würde jede Antwort noch mehr Fragen aufwerfen.

„Aber das ist nicht gerecht“, sagte Thor. „Ich muss wissen, wer es ist, der sterben soll. Ich muss ihn warnen!“

Langsam schüttelte Argon den Kopf.

„Es soll vielleicht nicht sein, dass du es weißt“, antwortete er. „Und wenn du es weißt, kann es dennoch sein, dass du nichts dagegen tun kannst. Der Tod findet sein Ziel—selbst, wenn jemand gewarnt wird.“

„Warum wurde es mir dann gezeigt?“, fragte Thor gequält. „Und warum bekomme ich es nicht aus dem Kopf?“

Argon trat vor, so nahe, nur eine Handbreit entfernt; seine eindringlichen Augen brannten hell an diesem düsteren Ort, und es beängstigte Thor. Es war, als würde man in die Sonne blicken, und er konnte sich kaum halten, nicht wegzusehen. Argon hob eine Hand und legte sie Thor auf die Schulter. Die Berührung war eisig und schickte einen Schauer durch ihn durch.

„Du bist jung“, sprach Argon bedächtig. „Du lernst noch. Du empfindest die Dinge zu tief. Die Zukunft zu sehen ist eine große Entlohnung. Doch es kann auch ein großer Fluch sein. Die meisten Menschen, die ihr Schicksal leben, haben kein Bewusstsein darüber. Manchmal ist es das Schmerzvollste, Wissen über dein Schicksal zu haben—darüber, was sein wird. Du hast noch nicht einmal begonnen, deine Kräfte zu verstehen. Doch das wirst du. Eines Tages. Sobald du verstehst, woher du stammst.“

„Woher ich stamme?“, fragte Thor verwirrt.

„Die Heimat deiner Mutter. Weit von hier entfernt. Hinter dem Canyon, in den äußeren Ausläufern der Wildlande. Dort steht eine Burg, hoch oben in den Lüften. Sie liegt alleine an einer Klippe, und um zu ihr zu gelangen, muss man über eine gewundene Felsstraße wandern. Es ist eine magische Straße—als würde man in den Himmel selbst hinaufsteigen. Es ist ein Ort tiefer Macht. Von dort stammst du. Bevor du diesen Ort erreicht hast, wirst du nie völlig begreifen. Sobald du es tust, werden alle deine Fragen beantwortet werden.“

Thor blinzelte, und als er die Augen öffnete, fand er sich zu seinem Erstaunen, außen vor Argons Behausung wieder. Er hatte keine Ahnung, wie er dorthin geraten war.

Der Wind peitschte durch die felsige Schlucht, und Thor blinzelte gegen das harte Sonnenlicht. Neben ihm stand Krohn und wimmerte.

Thor ging zurück zu Argons Tür und schlug mit aller Kraft dagegen. Nichts als Schweigen war seine Antwort.

„Argon!“, schrie Thor.

Nur das Pfeifen des Windes antwortete ihm.

Er versuchte, die Tür zu öffnen, presste sogar seine Schulter dagegen—doch sie bewegte sich nicht.

Thor wartete lange Zeit—er war sich nicht sicher, wie lange—bis schließlich der Tag sich zu Ende neigte. Endlich wurde ihm klar, dass seine Zeit hier vorüber war.

Er kehrte um und begann seinen Abstieg über den steinigen Hang, und wunderte sich. Er fühlte sich so verwirrt wie nie zuvor, und fühlte sich auch sicherer, dass ein Tod bevorstand—und noch hilfloser, ihn zu verhindern.

Als er durch diesen trostlosen Ort wanderte, spürte er etwas Kaltes um seine Knöchel und sah, wie sich ein dichter Nebel bildete. Er stieg auf und wurde mit jedem Augenblick dichter und höher. Thor verstand nicht, was passierte. Krohn wimmerte.

Thor versuchte, schneller zu werden, seinen Weg den Berg hinunter fortzusetzen, doch in wenigen Momenten war der Nebel so dicht geworden, dass er kaum die Hand vor Augen sehen konnte. Zugleich fühlte er, dass seine Glieder schwer wurden und der Himmel wie durch Zauber dunkel wurde. Er fühlte, wie er immer erschöpfter wurde. Er konnte keinen Schritt weiter gehen. Er rollte sich am Boden zusammen, genau da, wo er gestanden hatte, eingehüllt in den dichten Nebel. Er bemühte sich, die Augen zu öffnen, sich zu bewegen, doch es gelang ihm nicht. Innerhalb weniger Augenblicke war er tief eingeschlafen.

*

Thor sah sich selbst, wie er am Gipfel eines Berges stand und über das gesamte Königreich des Rings blickte. Vor ihm lag Königshof, die Burg, die Befestigungen, die Gärten, die Bäume, und sanfte Hügel, so weit das Auge reichte—allesamt in voller Sommerblüte. Die Felder standen voller Früchte und bunter Blumen, und der Klang von Musik und Festlichkeiten war zu hören.

Doch als Thor sich langsam drehte und alles betrachtete, fing das Gras an, sich schwarz zu verfärben. Früchte fielen von den Bäumen. Dann verdorrten die Bäume selbst zu Staub. All die Blumen vertrockneten, und zu seinem Entsetzen bröckelte ein Gebäude nach dem anderen, bis das gesamte Königreich nichts als eine Einöde war, Haufen von Geröll und Stein.

Thor blickte hinunter und sah plötzlich eine riesige Weißrücken zwischen seinen Füßen hervorgleiten. Er stand hilflos da, während sie sich um seine Beine wickelte, dann seinen Bauch, dann die Arme. Er fühlte, wie er erstickt wurde, das Leben aus ihm herausgepresst wurde, als die Schlange sich ganz um ihn herum legte und ihm in die Augen starrte, eine Handbreit entfernt, zischend, ihre lange Zunge beinahe Thors Wange berührend. Und dann öffnete sie weit das Maul, legte riesige Zähne frei, beugte sich vor und schluckte Thors Gesicht.

Thor kreischte, dann fand er sich alleine im Inneren der königlichen Burg wieder. Sie war völlig leer, kein Thron stand mehr da, wo früher einer war; das Schicksalsschwert lag unberührt am Boden. Die Fenster waren alle zerschmettert, Buntglas lag in kleinen Haufen auf dem Steinboden. Er hörte entfernt Musik, drehte sich dem Klang zu und lief durch einen leeren Raum nach dem anderen. Endlich erreichte er eine große Flügeltüre, hundert Fuß hoch, und öffnete sie mit all seiner Kraft.

Thor stand im Eingang zum königlichen Festsaal. Vor ihm standen zwei Festtafeln, die sich durch den Raum erstreckten, überfüllt mit Speisen—und doch leer an Männern. Am Ende der Halle saß ein Mann. König MacGil. Er saß auf seinem Thron und starrte Thor direkt an. Er wirkte so weit weg.

Thor spürte, dass er ihn erreichen musste. Er fing an, durch die große Halle zu schreiten, auf ihn zu, zwischen den beiden Festtafeln durch. Während er ging, verdarben alle Speisen zu seinen Seiten, verrotteten mit jedem Schritt, den er machte, wurden schwarz und sofort mit Fliegen überzogen. Fliegen surrten und schwärmten überall um ihn umher und zersetzten die Speisen.

Thor ging schneller. Der König war jetzt schon nahe, kaum zehn Schritt entfernt, als ein Diener aus einer Seitenkammer hervortrat und einen riesigen goldenen Kelch mit Wein brachte. Es war ein unverkennbarer Kelch, aus solidem Gold gefertigt und mit Reihen von Rubinen und Saphiren bedeckt. Als der König sich abwandte, sah Thor, wie der Diener ein weißes Pulver in den Kelch schüttete. Thor erkannte, dass es Gift war.

Der Diener brachte den Kelch näher und MacGil nahm ihn mit beiden Händen auf.

„Nein!“, schrie Thor.

Thor warf sich nach vorne und versuchte, dem König den Wein aus der Hand zu schlagen.

Doch er war nicht schnell genug. MacGil trank den Wein in großen Schlucken. Er rann seine Wangen hinunter auf seine Brust, während er ihn leertrank.

MacGil blickte zu Thor hinüber, und seine Augen wurden weit. Er griff sich an die Kehle, bis er würgend vornüber fiel und von seinem Thron stürzte; er fiel zur Seite und landete auf dem harten Steinboden. Seine Krone rollte vom Kopf, fiel klirrend auf den Steinboden und rollte einige Fuß weit weg.

Er lag da, bewegungslos, mit offenen Augen, tot.

Estopheles glitt herunter und landete auf MacGils Kopf. Sie saß da, blickte Thor direkt an und kreischte. Der Ton war so schrill, dass es Thor einen Schauer über den Rücken jagte.

„Nein!“, schrie Thor.

*

Thor wachte schreiend auf.

Er setzte sich auf, sah sich hektisch um, schwitzend, schwer atmend, und versuchte, herauszufinden, wo er war. Er lag immer noch am Boden auf Argons Berg. Er konnte es nicht glauben: er musste hier eingeschlafen sein. Der Nebel war fort und als er hochblickte, sah er, dass der Morgen heranbrach. Eine blutrote Sonne stieg über dem Horizont auf und erhellte den Tag. Neben ihm wimmerte Krohn, sprang auf seinen Schoß und leckte ihm über das Gesicht.

Thor umarmte Krohn mit einem Arm, während er schwer atmend versuchte, festzustellen, ob er wach war oder schlief. Es dauerte eine ganze Weile, bis ihm klar wurde, dass es nur ein Traum gewesen war. Es hatte sich so echt angefühlt.

Thor hörte ein Kreischen und sah Estopheles, die auf einem Felsen nur einen Fuß entfernt hockte. Sie sah ihn direkt an und kreischte, wieder und wieder.

Der Ton jagte Thor einen Schauer über den Rücken. Es war das gleiche Kreischen wie in seinem Traum, und in dem Moment wusste er, mit jeder Faser seines Körpers, dass dieser Traum eine Botschaft war.

Der König würde vergiftet werden.

Thor sprang auf die Beine und lief durch den Tagesanbruch den Berg hinunter, Richtung Königshof. Er musste zum König. Er musste ihn warnen. Der König mochte glauben, er wäre verrückt, doch er hatte keine Wahl: er würde alles tun, was er konnte, um dem König das Leben zu retten.

*

Thor rannte über die Zugbrücke, hastete auf das Außentor der Burg zu und hatte das Glück, dass die beiden Wachen ihn aus der Legion erkannten. Sie ließen ihn hindurch, ohne ihn aufzuhalten, und er rannte weiter, mit Krohn an seiner Seite.

Thor raste über den königlichen Innenhof, an den Brunnen vorbei, und rannte direkt zum Innentor der königlichen Burg. Dort standen vier Wachen, die den Weg versperrten.

Thor blieb stehen und schnappte nach Luft.

„Was möchtest du hier, Junge?“, fragte einer von ihnen.

„Ihr versteht nicht, ihr müsst mich hineinlassen“, keuchte Thor. „Ich muss den König sprechen.“

Die Wachen sahen einander skeptisch an.

„Ich bin Thorgrin aus der Legion des Königs. Ihr müsst mich vorbeilassen.“

„Ich kenne ihn“, sagte ein Wachmann zum anderen. „Er gehört zu uns.“

Doch der Hauptmann trat vor.

„Welche Angelegenheit führt dich zum König?“, bestand er.

Thor rang immer noch um Atem.

„Eine sehr dringende. Ich muss ihn sofort sprechen.“

„Nun, er hat dich wohl nicht erwartet, denn du bist schlecht informiert. Unser König ist nicht hier. Er zog vor Stunden mit seinem Reisetrupp aus, in höfischer Angelegenheit. Sie werden nicht vor heute Abend, zum königlichen Festmahl, zurückkehren.“

„Festmahl?“, fragte Thor mit pochendem Herzen. Er dachte an seinen Traum zurück, die Festtafeln, und hatte das unheimliche Gefühl, dass es alles Wirklichkeit wurde.

„Ja, Festmahl. Wenn du zur Legion gehörst, wirst du bestimmt dabei sein. Doch jetzt gerade ist er nicht da, und es gibt keine andere Möglichkeit für dich, ihn zu sprechen. Komm heute Abend mit den anderen zusammen wieder.“

„Aber ich muss ihm eine Nachricht übermitteln!“, bestand Thor. „Noch vor dem Festmahl!“

„Du kannst die Nachricht mir überlassen, wenn du möchtest. Doch auch ich kann sie nicht früher überbringen als du.“

Thor wollte eine solche Nachricht nicht einem Wachmann überlassen; ihm war klar, wie verrückt sie klingen würde. Er musste sie persönlich überbringen, heute Abend, vor dem Festmahl. Er betete nur, dass es nicht zu spät sein würde.

KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG

Thor eilte durch die Morgendämmerung zurück zur Legionskaserne und schaffte es zum Glück gerade noch, bevor das Training des Tages begann. Er war atemlos als er ankam, Krohn an seiner Seite, und er rannte geradewegs in die anderen Jungen hinein, als sie sich für die Aufgaben des Tages hinausbegaben. Er stand keuchend da und war besorgter als je zuvor. Er wusste kaum, wie er es durch das Tagestraining schaffen sollte; er würde die Minuten bis zum Festmahl am Abend zählen, bis er den König warnen konnte. Er war sich sicher, dass das Omen zu ihm gekommen war, damit er dem König die Warnung überbringen konnte. Das Schicksal des Königreichs lag auf seinen Schultern.

Thor rannte erschöpft zu Reece und O’Connor hinüber, die sich gerade auf den Weg hinaus aufs Feld machten, und stellte sich in die Reihe.

„Wo warst du letzte Nacht?“, fragte Reece.

Thor wünschte, er wüsste, wie er antworten sollte—doch er wusste selbst nicht so genau, wo er gewesen war. Was sollte er sagen? Dass er im Freien auf dem Boden eingeschlafen war, auf Argons Berg? Es ergab keinen Sinn, nicht einmal für ihn.

„Ich weiß es nicht“, antwortete er, unsicher, wie viel er ihnen verraten sollte.

„Was meinst du, du weißt es nicht?“, fragte O’Connor.

„Ich habe mich verlaufen“, sagte Thor.

„Verlaufen?“

„Na, du hast Glück gehabt, dass du es rechtzeitig zurückgeschafft hast“, sagte Reece.

„Wenn du zu spät für die Aufgaben des Tages gewesen wärst, hätten sie dich nicht in die Legion zurückgelassen“, fügte Elden hinzu, der sich neben sie gesellte und ihm eine massive Hand auf die Schulter klopfte. „Schön, dich zu sehen. Wir haben dich gestern vermisst.“

Thor war immer noch schockiert von dem Unterschied, wie Elden ihn seit ihrer Zeit über dem Canyon behandelte.

„Wie lief die Sache mit meiner Schwester?“, fragte Reece mit leiser Stimme.

Thor errötete, unsicher, wie er antworten sollte.

„Hast du sie getroffen?“, pochte Reece.

„Ja, habe ich“, begann er. „Wir verbrachten eine wunderbare Zeit. Doch wir mussten abrupt weg.“

„Tja“, fuhr Reece fort, als sie sich alle nebeneinander vor Kolk und des Königs Mannen aufstellten, „du wirst heute Abend mehr von ihr sehen. Zieh deine feinsten Kleider an. Heute ist Festmahl des Königs.“

Thors Magen sank. Er dachte an seinen Traum und fühlte sich, als würde das Schicksal vor seinen Augen tanzen—und dass er hilflos war; dazu bestimmt, nichts zu tun, als zuzusehen, wie es eintraf.

„RUHE!“, schrie Kolk, als er anfing, vor den Jungen auf und ab zu schreiten.

Thor richtete sich mit den anderen zusammen auf, und alle wurden ruhig.

Kolk wanderte langsam die Reihe entlang und betrachtete sie.

„Ihr hattet gestern euren Spaß. Heute gehts wieder ans Training. Und heute lernt ihr die uralte Kunst des Graben-Aushebens.“

Ein gesammeltes Stöhnen erhob sich unter den Jungs.

„RUHE!“, brüllte er.

Die Jungs verstummten.

„Graben ist harte Arbeit“, fuhr Kolk fort. „Aber es ist wichtige Arbeit. Eines Tages werde ihr euch da draußen wiederfinden, in Verteidigung eures Königreichs, in der Wildnis, mit niemandem, der euch hilft. Es wird frierend kalt sein, so kalt, dass ihr eure Zehen nicht fühlen könnt, in der pechschwarzen Nacht, und ihr werdet alles tun, um warm zu bleiben. Oder ihr findet euch in einer Schlacht wieder, in der ihr Deckung braucht, um euch vor den Pfeilen des Feindes zu retten. Es kann eine Million Gründe geben, warum ihr einen Graben braucht. Und ein Graben kann euer bester Freund sein.“

„Heute“, fuhr er fort und räusperte sich, „werdet ihr den ganzen Tag graben, bis eure Hände mit Schwielen rot sind und eure Rücken brechen, und ihr nicht mehr könnt. Dann wird es am Tag der Schlacht nicht so schlimm erscheinen.“

„FOLGT MIR!“, brüllte Kolk.

Ein weiteres Stöhnen der Enttäuschung erklang, als die Jungs sich in Zweierreihen aufteilten und hinter Kolk her über das Feld marschierten.

„Toll“, sagte Elden. „Graben ausheben. Genau das, wie ich den Tag verbringen wollte.“

„Könnte schlimmer sein“, sagte O’Connor. „Es könnte regnen.“

Sie blickten zum Himmel hinauf und Thor sah bedrohliche Wolken über ihnen.

„Das könnte gut passieren“, sagte Reece. „Beschrei’s bloß nicht.“

„THOR!“, kam ein Ausruf.

Thor sah Kolk auf der Seite stehen und ihm einen finsteren Blick zuwerfen. Er rannte zu ihm hinüber und fragte sich, was er falsch gemacht hatte.

„Ja, Herr.“

„Dein Ritter lässt dich zu sich rufen“, sagte er kurz. „Melde dich bei Erec in den Burggründen. Du bist ein Glückspilz: du hast heute frei. Du wirst stattdessen deinem Ritter dienen, wie es sich für einen guten Knappen gehört. Aber denke bloß nicht, dass dir das Graben erspart bleibt: wenn du morgen zurückkommst, wirst du für dich alleine Graben ausheben. Ab mit dir!“, schrie er.

Thor blickte sich um und sah die neidvollen Blicke der anderen, dann rannte er vom Feld und zur Burg zurück. Was konnte Erec von ihm wollen? Hatte es etwas mit dem König zu tun?

*

Thor rannte durch Königshof und bog in einen Weg ein, den er noch nie gelaufen war: zur Kaserne der Silbernen. Ihre Kaserne war weitaus ansehnlicher als die der Legion, ihre Gebäude doppelt so groß, mit Kupfer ausgekleidet, und ihre Pfade mit frischem Stein gepflastert. Um dorthin zu gelangen, musste Thor durch ein großes gewölbtes Tor, an dem ein Dutzend von des Königs Mannen Wache standen. Der Weg wurde danach breiter, erstreckte sich über ein riesiges, offenes Feld und endete in einem Komplex an Steinbauten, von einem Zaun umringt und von Dutzenden weiterer Ritter bewacht. Es war selbst von hier ein beeindruckender Anblick.

Thor rannte den Weg hinunter, auffällig sichtbar auf dem offenen Feld, und Ritter bereiteten sich schon auf seine Ankunft vor, obwohl er noch so weit weg war; sie traten vor und kreuzten ihre Lanzen, geradeaus blickend, ihn ignorierend, während sie seinen Weg verstellten.

„Was suchst du hier?“, fragte einer von ihnen.

„Ich melde mich zum Dienst“, antwortete Thor. „Ich bin Erecs Knappe.“

Die Ritter tauschten einen vorsichtigen Blick aus, doch ein anderer Ritter trat vor und nickte. Sie traten zurück, öffneten die gekreuzten Waffen, und langsam öffnete sich das Tor. Seine metallenen Spitzen hoben sich knarrend. Das Tor war enorm, zumindest zwei Fuß dick, und Thor dachte, dass dieser Ort noch stärker befestigt war als sogar die Königsburg.

„Das zweite Gebäude links“, rief der Ritter. „Du findest ihn im Stall.“

Thor eilte den Weg durch den Hof hinunter, vorbei an einer Gruppe von Steinbauten, und nahm alles in sich auf. Alles hier strahlte, makellos, perfekt in Schuss gehalten. Der ganze Ort strahlte eine Aura von Stärke aus.

Thor fand das Gebäude und war geblendet von dem Anblick vor ihm: dutzende der größten und schönsten Pferde, die er je gesehen hatte, waren in ordentlichen Reihen vor dem Gebäude angebunden, die meisten von ihnen mit Rüstung bedeckt. Die Pferde glänzten. Alles hier war größer, erhabener.

Echte Ritter trotteten in alle Richtungen vorbei, trugen die unterschiedlichsten Waffen, passierten den Hof auf ihrem Weg durch die verschiedenen Tore hinaus oder herein. Es war ein geschäftiger Ort, und Thor konnte die Gegenwart von Kampf hier spüren. An diesem Ort ging es nicht um Training: es ging um Krieg. Leben und Tod.

Thor kam durch einen kleinen gewölbten Eingangsbereich, einen dunklen Korridor aus Stein hinunter, und eilte weiter hindurch, einen Stall nach dem anderen passierend, auf der Suche nach Erec. Thor kam am Ende an, doch Erec war nirgends zu finden.

„Du suchst Erec, wie?“, fragte eine Wache.

Thor nickte ihm zu.

„Ja, Herr. Ich bin sein Knappe.“

„Du bist spät dran. Er ist bereits draußen und bereitet sein Pferd vor. Beeil dich.“

Thor rannte den Korridor hinunter und platzte aus dem Stall hinaus auf ein offenes Feld. Da stand Erec vor einem riesigen, prächtigen Hengst, einem glänzenden schwarzen Ross mit weißen Nüstern. Das Pferd schnaubte bei Thors Ankunft, und Erec drehte sich um.

„Es tut mir leid, Herr“, sagte Thor atemlos. „Ich kam, so schnell ich konnte. Es war nicht meine Absicht, zu spät zu kommen.“

„Du kommst genau rechtzeitig“, sagte Erec mit einem freundlichen Lächeln. „Thor, darf ich vorstellen, Lannin“, fügte er hinzu und zeigte auf das Pferd.

Lannin schnaubte und tänzelte wie zur Antwort. Thor kam näher, streckte die Hand aus und streichelte ihm über die Nüstern; er wieherte sanft zurück.

„Er ist mein Reisepferd. Ein Ritter von Rang hat viele Pferde, wie du lernen wirst. Es gibt eins für Turniere, eins für die Schlacht, und eins für die lange, einsame Reise. Das ist das Pferd, mit dem du die engste Freundschaft bildest. Er mag dich. Das ist gut.“

Lannin beugte sich vor und drückte seine Nüstern in Thors Handfläche. Thor war überwältigt von der Pracht dieses Wesens. Er konnte die Intelligenz in seinen Augen leuchten sehen. Es war unheimlich: es fühlte sich an, als ob er jedes Wort verstand.

Doch etwas, das Erec gesagt hatte, warf Thor aus der Bahn.

„Sagtet Ihr eine Reise, Herr?“, fragte er überrascht.

Erec hielt mit dem Engerschnallen des Geschirrs inne und drehte sich zu ihm um.

„Heute ist der Tag meiner Geburt. Ich habe mein fünfundzwanzigstes Jahr erreicht. Das ist ein besonderer Tag. Weißt du, was der Kür-Tag ist?“

Thor schüttelte den Kopf. „Nicht sehr gut, Herr; nur soviel, wie mir andere erzählen.“

„Wir Ritter des Rings müssen immer weiter existieren, eine Generation nach der anderen“, begann Erec. „Wir haben bis zu unserem fünfundzwanzigsten Jahr Zeit, eine Braut zu küren. Wenn bis dahin keine auserkoren ist, gebietet uns das Gesetz, eine zu finden. Wir erhalten ein Jahr Zeit, sie zu finden und zurückzubringen. Wenn wir ohne Braut zurückkehren, wird uns vom König eine zugewiesen und wir verlieren das Recht, zu küren.“

„So breche ich also heute zu meiner Reise auf, meine Braut zu finden.“

Thor starrte ihn sprachlos an.

„Aber Herr, Ihr geht fort? Für ein Jahr?“

Thors Magen sank beim Gedanken daran. Er fühlte, wie seine Welt unter ihm bröckelte. Erst in diesem Augenblick erkannte er, wie sehr er Erec mochte; in mancher Hinsicht war er wie ein Vater für ihn geworden—gewiss mehr ein Vater, als der, den er hatte.

„Doch für wen soll ich dann Knappe sein?“, fragte Thor. „Und wohin werdet ihr gehen?“

Thor dachte daran zurück, wie sehr sich Erec für ihn eingesetzt hatte, wie er ihm das Leben gerettet hatte. Sein Herz sank beim Gedanken daran, dass er weggehen würde.

Erec lachte, ein sorgenfreies Lachen.

„Welche Frage soll ich zuerst beantworten?“, sagte er. „Keine Sorge. Du wurdest einem neuen Ritter zugewiesen. Du wirst ihm bis zu meiner Rückkehr als Knappe dienen. Kendrick, der älteste Sohn des Königs.“

Thors Herz schlug höher, als er das hörte; er fühlte sich Kendrick ebenso stark verbunden, der immerhin als erstes für ihn Partei ergriffen und ihm einen Platz in der Legion beschafft hatte.

„Was meine Reise angeht...“, fuhr Erec fort, „...ich weiß es noch nicht. Ich weiß, ich werde mich gen Süden richten, zu dem Königreich, aus dem ich stamme, und in dieser Richtung nach einer Braut suchen. Wenn ich innerhalb des Rings keine finde, dann kreuze ich vielleicht sogar die See zu meinem eigenen Königreich, um dort nach einer zu suchen.“

„Euer eigenes Königreich, Herr?“, fragte Thor.

Thor erkannte, dass er nicht wirklich allzu viel über Erec wusste, darüber, woher er kam. Er hatte einfach stets angenommen, dass er von innerhalb des Rings kam.

Erec lächelte. „Ja, weit von hier entfernt, über dem Meer. Doch das ist eine Erzählung für ein andermal. Es wird eine weite Reise und eine lange, und ich muss mich vorbereiten. Also hilf mir jetzt. Die Zeit ist knapp. Zäume mein Pferd und bestücke es mit allen Arten von Waffen.“

Thors Kopf drehte sich, als er in Aktion sprang, zur Rüstkammer für die Pferde lief und die leicht erkennbare schwarze und silberne Rüstung holte, die Lannin gehörte. Er lief mit jedem Stück einzeln zurück, legte erst den Kettenmantel auf den Pferderücken, sich streckend, um ihn um seinen riesigen Körper zu drapieren. Dann legte Thor die Rossstirn an, die dünne Platte aus veredeltem Metall für den Pferdekopf.

Lannin wieherte dabei, aber er schien es zu mögen. Er war ein edles Pferd, ein Krieger, das konnte Thor erkennen, und er fühlte sich in Rüstung scheinbar genauso wohl wie ein Ritter es würde.

Thor lief zurück und holte Erecs goldene Sporen, und half ihm, auf jedem Fuß eine zu befestigen, als Erec aufs Pferd stieg.

„Welche Waffen werdet ihr benötigen, Herr?“, fragte Thor.

Erec blickte hinunter; aus dieser Perspektive wirkte er riesig.

„Es ist schwer, vorauszusagen, in welche Kämpfe ich im Verlauf eines Jahres geraten könnte. Doch ich muss in der Lage sein, zu jagen und mich zu verteidigen. Also brauche ich natürlich mein Langschwert. Ich sollte auch mein Kurzschwert dabei haben, einen Bogen, einen Köcher Pfeile, einen Kurzspeer, einen Streitkolben, einen Dolch und meinen Schild. Ich vermute, das wird reichen.“

„Ja, Herr“, sagte Thor und machte sich auf. Er rannte zu Erecs Waffengestell neben Lannins Stall und ließ seinen Blick über die dutzenden Waffen schweifen. Es stand ein beeindruckendes Arsenal zur Auswahl.

Sorgfältig entnahm er alle die Waffen, die Erec aufgezählt hatte, brachte sie einzeln zurück und überreichte sie Erec oder befestigte sie sicher am Geschirr.

Wie Erec da saß, seine ledernen Handschuhe festziehend, zum Aufbruch bereit, konnte Thor es nicht ertragen, ihn fortgehen zu sehen.

„Herr, ich fühle, es ist meine Pflicht, Euch auf dieser Reise zu begleiten“, sagte Thor. „Immerhin bin ich Euer Knappe.“

Erec schüttelte den Kopf.

„Dies ist eine Reise, die ich alleine antreten muss.“

„Darf ich euch denn zumindest bis zum ersten Wegekreuz geleiten?“, drängte Thor. „Wenn ihr südwärts zieht, diese Straßen kenne ich wohl. Ich bin aus dem Süden.“

Erec blickte hinunter und überlegte es sich.

„Wenn du mich zum ersten Wegekreuz geleiten willst, sehe ich keinen Schaden darin. Doch es ist ein harter Tagesritt, also müssen wir gleich los. Nimm mein Knappenpferd, hinten im Stall. Das braune mit der roten Mähne.“

Thor rannte in den Stall zurück und fand das Pferd. Als er aufstieg, steckte Krohn seinen Kopf aus seinem Hemd hervor, blickte hoch und wimmerte.

„Alles in Ordnung, Krohn“, beruhigte ihn Thor.

Thor lehnte sich vor, trieb das Pferd an und ritt aus dem Stall. Erec wartete kaum darauf, dass er ihn erreichte, bevor er und Lannin losgaloppierten. Thor folgte Erec, so gut er konnte.

Gemeinsam ritten sie aus Königshof hinaus, durch das Tor durch, das von mehreren Wachen hochgezogen wurde, die daraufhin zur Seite traten. Mehrere Silberne standen in Reihe da, beobachtend, wartend, und als Erec an ihnen vorbei ritt, hoben sie zum Gruß ihre Fäuste.

Thor war stolz, neben ihm herzureiten, sein Knappe zu sein, und aufgeregt, ihn zu begleiten, wenn auch nur bis zum ersten Wegekreuz.

Es gab noch so vieles, was Thor Erec sagen wollte, so viele Dinge, die er ihn fragen wollte—und so vieles, für das er ihm danken wollte. Doch es war keine Zeit, als die beiden nach Süden galoppierten, über die Ebenen preschten, und das Terrain sich ständig änderte, während ihre Pferde in der späten Morgensonne über die Königsstraße jagten. Als sie einen Hügel passierten, konnte Thor in der Ferne all die Legionäre sehen, wie sie im Feld standen und sich beim Graben den Rücken brachen. Thor war froh, nicht dabei zu sein. Als Thor hinsah, sah er in der Ferne einen von ihnen anhalten und eine Faust in die Luft heben, in seine Richtung. Es war schwer, es in der Sonne zu erkennen, doch er war sich sicher, dass es Reece war, der ihn grüßte. Thor hob seine Faust zur Antwort, und sie ritten weiter.

Die gut gepflasterten Straßen wichen unbefestigten Landstraßen: enger, grober, und am Ende wenig mehr als gut ausgetretene Pfade, die sich durch die Landschaft schnitten. Thor wusste, es war gefährlich für gewöhnliche Leute, diese Straßen alleine zu bereisen—besonders bei Nacht, mit all den Räubern, die auf ihnen lauerten, doch Thor sorgte sich selbst wenig darum, besonders mit Erec an seiner Seite—in der Tat, sollte sich ein Räuber ihnen in den Weg stellen, fürchtete Thor mehr um des Räubers Leben. Natürlich wäre jeder Dieb verrückt, zu versuchen, einen Silbernen aufzuhalten.

Sie ritten den ganzen Tag, mit kaum einer Pause, bis Thor erschöpft und außer Atem war. Er konnte Erecs Ausdauer kaum fassen—und doch wagte er nicht, Erec wissen zu lassen, dass er müde war; aus Angst, schwach zu wirken.

Sie passierten eine große Kreuzung, und Thor erkannte sie. Er wusste, wenn sie sich rechts halten würden, würde sie in sein Dorf führen. Einen Moment lang fühlte sich Thor von Nostalgie überwältigt, und ein Teil von ihm wollte die Straße nehmen, seinen Vater besuchen, sein Dorf. Er fragte sich, was sein Vater wohl gerade tat, wer die Schafe hütete, wie verärgert sein Vater gewesen sein musste, als Thor nicht zurückkam. Nicht, dass er ihm viel bedeutete. Er vermisste nur für einen Moment das, was vertraut war. Er war in Wahrheit erleichtert, dass er aus jenem kleinen Dorf entkommen war, und ein anderer Teil von ihm wollte nie wieder dorthin zurück.

Sie galoppierten weiter, immer weiter nach Süden, in Gegenden, in denen selbst Thor noch nie gewesen war. Er hatte vom südlichen Wegekreuz gehört, wenn er auch selbst nie einen Grund gehabt hatte, dort zu sein. Es war eines von drei großen Wegekreuzen, die in die südlichen Ausläufer des Rings führte. Er war nun einen guten halben Tagesritt von Königshof entfernt, und die Sonne stand bereits hoch am Himmel. Schwitzend und außer Atem begann Thor, sich besorgt zu fragen, ob er es rechtzeitig zum königlichen Festmahl am Abend zurück schaffen würde. Hatte er einen Fehler gemacht, Erec so weit zu geleiten?

Sie kamen über eine Hügelkuppe und endlich konnte Thor es am Horizont sehen: die unverkennbaren Anzeichen des ersten Wegekreuzes. Es war mit einem hohen, schmalen Turm gekennzeichnet, von dem die königliche Flagge in alle vier Richtungen wehte, und die Silbernen standen auf seiner Brüstung Wache. Als sie Erec erblickten, stieß der Ritter oben am Turm in seine Trompete. Langsam hob sich das Tor.

Sie waren nur noch wenige hundert Schritt entfernt, und Erec wechselte in den Schritt. Thor hatte einen Knoten im Magen, als ihm klar wurde, dass dies seine letzten paar Minuten mit Erec waren, für keiner wusste wie lange. Keiner wusste in Wahrheit, ob er überhaupt je zurückkommen würde. Ein Jahr war eine lange Zeit, und es könnte alles Mögliche passieren. Thor war froh, dass er zumindest diese Gelegenheit gehabt hatte, ihn zu geleiten. Er hatte das Gefühl, dass er seine Pflicht erfüllt hatte.

Die beiden ritten im Schritt nebeneinander her, die Pferde außer Atem, die Männer außer Atem, auf den Turm zu.

„Es mag sein, dass ich dich viele Monde lang nicht sehe“, sagte Erec. „Bei meiner Rückkehr werde ich eine Braut mit mir bringen. Die Dinge werden sich ändern. Doch egal was passiert, sollst du wissen, dass du immer mein Knappe sein wirst.“

Erec holte tief Luft.

„Da ich dich nun verlasse, gibt es ein paar Dinge, an die ich dich erinnern möchte. Ein Ritter ist nicht aus Stärke gemacht—sondern aus Intelligenz. Mut alleine macht keinen Ritter, sondern Mut und Ehre und Weisheit zusammen. Du musst stets daran arbeiten, deinen Geist, deinen Kopf zu perfektionieren. Ritterlichkeit ist nicht passiv—sie ist aktiv. Du musst an ihr arbeiten, dich bessern, jeden Augenblick, jeden Tag.“

„In den folgenden Monden wirst du alle Arten von Waffen erlernen, alle Arten von Fertigkeiten. Doch vergiss nie: es gibt eine weitere Seite an unserer Kampfkunst. Die Seite des Zauberers. Suche Argon auf. Lerne, deine versteckten Kräfte zu entwickeln. Ich habe sie in dir gespürt. Du hast großes Potential. Es ist nichts, wofür du dich schämen musst. Verstehst du das?“

„Ja, Herr“, antwortete Thor, vor Dankbarkeit für seine Weisheit und sein Verständnis gerührt.

„Ich habe aus gutem Grund beschlossen, dich unter meine Fittiche zu nehmen. Du bist nicht wie die anderen. Du hast ein höheres Schicksal. Höher vielleicht sogar als meines. Doch noch ist es unerfüllt. Nimm es nicht als selbstverständlich an. Du musst daran arbeiten. Um ein großer Krieger zu sein, musst du nicht nur furchtlos und kunstfertig sein. Du brauchst auch den Geist eines Kriegers; trage dies stets in deinem Herzen und deinem Kopf. Du musst bereit sein, dein Leben für andere aufzugeben. Der größte Krieger zieht nicht aus auf der Suche nach Reichtümern oder Ehre oder Ruhm. Der größte Krieger zieht mit dem schwierigsten Ziel, auf die schwierigste Queste von allen aus: der Queste, ein besserer Mensch zu werden. Jeden Tag musst du danach streben, besser zu werden. Nicht nur besser als andere—sondern besser als du selbst. Du musst danach streben, für die einzustehen, die geringer sind als du. Du musst diejenigen verteidigen, die sich nicht selbst verteidigen können. Es ist keine Aufgabe für jene von leichtem Herzen. Es ist eine Queste der Helden.“

Thors Verstand drehte sich, als er das alles aufnahm und Erecs Worte sorgsam überdachte. Er war vor Dankbarkeit an ihn überwältigt und wusste kaum, wie er antworten sollte. Er fühlte, dass es viele Monde dauern würde, bis diese Botschaft vollständig angekommen war.

Sie erreichten das Tor des ersten Wegekreuzes, und mehrere Silberne traten heraus, um Erec zu begrüßen. Sie ritten mit breiten Grinsern auf dem Gesicht auf ihn zu, und als sie abstiegen, klopften sie ihm kräftig auf den Rücken, als alte Freunde.

Thor sprang ab, nahm Lannins Zügel entgegen und führte ihn zum Wärter am Tor, um ihn füttern und abreiben zu lassen. Thor stand da, als Erec sich zu ihm umwandte und ihn ein letztes Mal ansah.

Es gab zu viel, das Thor ihm in seiner endgültigen Verabschiedung sagen wollte. Er wollte ihm danken. Doch er wollte ihm genauso von allem erzählen. Von dem Omen. Von seinem Traum. Von seiner Sorge um den König. Er meinte, dass Erec vielleicht verstehen würde.

Doch er brachte es nicht über sich. Erec war bereits von Rittern umringt, und Thor fürchtete, dass Erec—und alle anderen—ihn für verrückt erklären würden. So stand er sprachlos da, als Erec die Hand ausstreckte und ihm ein letztes Mal die Hand auf die Schulter drückte.

„Beschütze unseren König“, sagte Eric bestimmt.

Die Worte jagten Thor einen Schauer über den Rücken, als hätte Erec seine Gedanken gelesen.

Erec wandte sich um, schritt mit den anderen Rittern durch das Tor, und als sie es passierten, mit dem Rücken zu ihm, sanken die Metallspitzen langsam hinter ihm herunter.

Erec war nun fort. Thor konnte es kaum glauben, fühlte einen Knoten im Magen. Es konnte gut ein ganzes Jahr vergehen, bis er ihn wiedersehen würde.

Thor stieg auf sein Pferd, packte die Zügel und trieb es an. Der Nachmittag war angekommen und er hatte einen guten halben Tagesritt vor sich, um zum Festmahl zurück zu sein. Er spürte Erecs Abschiedsworte in seinem Kopf herumschwirren wie ein Mantra.

Beschütze unseren König.

Beschütze unseren König.

KAPITEL ACHTUNDZWANZIG

Thor ritt hart durch die Dunkelheit, raste durch das letzte Tor nach Königshof, bremste kaum sein Pferd, bevor er schwer atmend absprang und die Zügel einem Bediensteten überreichte. Er war den ganzen Tag geritten, die Sonne war vor Stunden untergegangen, und er konnte sofort am Licht der Fackeln im Inneren erkennen, am festlichen Lärm hinter den Toren hören, dass das Festmahl des Königs in vollem Gange war. Er gab sich innerlich einen Tritt dafür, dass er so lange weggewesen war, und konnte nur beten, dass es nicht zu spät war.

Er rannte zum nächsten Bediensteten hinüber.

„Ist drinnen alles in Ordnung?“, fragte er eilig. Er musste herausfinden, ob es dem König gut ging—auch wenn er natürlich nicht direkt fragen konnte, ob er vergiftet worden war.

Der Bedienstete blickte ihn verwirrt an.

„Warum sollte dem nicht so sein? Alles ist in Ordnung, außer, dass du zu spät kommst. Angehörige der Legion des Königs sollten stets pünktlich sein. Und deine Kleider sind verschmutzt. Du stellst deine Genossen in schlechtem Licht dar. Wasch dir die Hände und beeil dich hinein.“

Thor rannte durch das Tor, schwitzend, steckte seine Hände in ein kleines Steinbecken voll Wasser, platschte es sich ins Gesicht und wischte sich über sein mittellanges Haar. Er war seit früh am Morgen in ständiger Bewegung gewesen, war mit Straßenstaub bedeckt und es fühlte sich an, als wären es zehn Tage in einem gewesen. Er holte tief Luft, versuchte, sich zu beruhigen und ordentlich zu erscheinen, und schritt rasch einen Korridor nach dem anderen hinunter, auf die ausladenden Türen zum Festsaal zu.

Als er durch die riesigen gewölbten Türen eintrat, war es genau wie in seinem Traum: vor ihm standen die beiden Festtafeln, zumindest hundert Fuß lang, und am anderen Ende saß der König am Kopf seiner eigenen Tafel, von Männern umringt. Der Lärm traf Thor wie ein lebendes Wesen; der Saal war absolut vollgestopft mit Leuten. Nicht nur des Königs Mannen, Angehörige der Silbernen und der Legion saßen da an den Festtafeln, sondern auch hunderte andere, Gruppen von reisenden Musikanten, Gruppen von Tänzern, Narren, dutzende Frauen aus den Freudenhäusern... Auch alle Arten von Dienern, Wachen und Hunden rannten umher. Es war ein Irrenhaus.

Männer tranken aus riesigen Kelchen voll Wein und Bier, und viele von ihnen standen und sangen Trinklieder, die Arme umeinander gelegt und die Krüge zusammenstoßend. Massen an Speisen lagen auf den Tafeln aus, während Wildschweine und Rehe und alle möglichen anderen Sorten von Wild auf Spießen vor dem Kamin brieten. Der halbe Saal stopfte sich den Magen voll, während die andere Hälfte im Raum herumwandelte. Als er auf das Chaos im Saal blickte, sah, wie betrunken die Männer waren, wurde Thor klar, dass es am Anfang, wenn er früher aufgetaucht wäre, ordentlicher abgelaufen wäre. Nun, zu so später Stunde, hatte es sich eher zu einem betrunkenen Gelage entwickelt.

Thors erste Reaktion, abgesehen davon, überwältigt zu sein, war große Erleichterung darüber, zu sehen, dass der König am Leben war. Er stieß einen tiefen Erleichterungsseufzer aus. Es ging ihm gut. Er fragte sich wieder einmal, ob das Omen nichts bedeutet hatte, ob sein Traum nichts bedeutet hatte, ob er nur auf Launen überreagierte, etwas in seinem Kopf größer machte, als es sein sollte. Und doch konnte er das Gefühl nicht abschütteln. Immer noch fühlte er einen überwältigenden Drang, den König zu erreichen und ihn zu warnen.

Beschütze unseren König.

Thor drängte sich seinen Weg durch die dichte Menge und versuchte, den langen Weg zum König hin zurückzulegen. Er kam nur langsam voran. Die Männer waren betrunken und unbeholfen, Schulter an Schulter aneinandergedrückt, und MacGil saß hunderte Fuß entfernt.

Thor schaffte es etwa auf halben Weg durch die Menge, als er anhielt, da er plötzlich Gwendolyn erblickte. Sie saß auf einem der kleineren Tische am Rande des Saals, umringt von ihren Zofen. Sie blickte betrübt drein, was ihr nicht ähnlich sah. Ihr Teller und Becher waren unberührt, und sie saß im Abseits, abgetrennt von den restlichen Mitgliedern der königlichen Familie. Thor fragte sich, was los war.

Thor brach durch die Menge und eilte zu ihr hinüber.

Sie blickte hoch und sah ihn näherkommen; doch anstatt zu lächeln, wie sie es sonst tat, wurde ihr Gesicht finster. Zum ersten Mal sah Thor Wut in ihren Augen.

Gwen schob ihren Stuhl zurück, stand auf, drehte ihm den Rücken zu und fing an, davonzumarschieren.

Thor fühlte sich, als hätte jemand ein Messer in seinem Herzen versenkt. Er konnte ihre Reaktion nicht verstehen. Hatte er etwas falsch gemacht?

Er rannte um den Tisch herum, eilte zu ihr hinüber und fasste sie sanft am Handgelenk.

Sie überraschte ihn damit, dass sie ihm grob die Hand entriss, sich zu ihm herumdrehte und ihn wütend anfuhr.

„Fass mich nicht an!“, schrie sie.

Thor machte einen Schritt zurück, von ihrer Reaktion schockiert. War das die gleiche Gwendolyn, die er kannte?

„Es tut mir leid“, sagte er. „Ich hatte keine bösen Absichten. Und wollte nicht respektlos sein. Ich wollte dich nur sprechen.“

„Ich habe keine Worte für dich übrig“, zischte sie, und ihre Augen glühten vor Wut.

Thor konnte kaum atmen; er hatte keine Ahnung, was er getan hatte.

„Meine Dame, bitte sagt mir, was ich getan habe, um Euch zu erzürnen? Was immer es war, ich möchte mich dafür entschuldigen.“

„Was du getan hast, ist nicht wiedergutzumachen. Keine Entschuldigung wird ausreichend sein. Es liegt darin, wer du bist.“

Sie fing wieder an, davonzugehen, und ein Teil von Thor dachte, er sollte sie ziehen lassen; doch ein anderer Teil von ihm konnte es nicht ertragen, einfach wegzugehen, nicht nach all dem, was sie miteinander hatten. Er musste es wissen; er musste den Grund erfahren, warum sie ihn so sehr hasste.

Thor rannte vor sie hin und stellte sich ihr in den Weg. Er konnte sie nicht gehen lassen. Nicht so.

„Gwendolyn, ich bitte dich. Bitte gib mir zumindest die Chance, zu wissen, was ich getan habe. Bitte, gib mir nur das.“

Sie starrte wütend zurück, die Hände in die Hüften gestemmt.

„Ich denke, du weißt es. Ich denke, du weißt es sehr gut.“

„Das tue ich nicht“, sagte Thor aufrichtig.

Sie starrte ihn ab, als würde sie ihn abschätzen, und schließlich schien sie es ihm zu glauben.

„Am Abend vor unserem Treffen, so wurde mir gesagt, hast du die Freudenhäuser besucht. Mir wurde gesagt, dass du dich mit zahlreichen Frauen vergnügt hast. Und sie die ganze Nacht lang genossen hast. Dann, als die Sonne aufging, kamst du zu mir. Weckt das deine Erinnerungen? Ich bin von diesem Benehmen angewidert. Angewidert, dass ich mich mit dir getroffen habe, dass du mich je berührt hast. Ich hoffe, ich werde dein Gesicht nie wieder sehen. Du hast einen Narren aus mir gemacht—und niemand macht einen Narren aus mir!“

„Meine Dame!“, rief Thor aus, wollte sie aufhalten, ihr alles erklären. „Das ist nicht wahr!“

Doch eine Gruppe Musiker kam zwischen sie und sie stürzte davon, schlüpfte so flink durch die Menge, dass er sie nicht finden konnte. Innerhalb weniger Augenblicke hatte er jede Spur von ihr verloren.

Thor brannte innerlich. Er konnte nicht glauben, dass jemand sie so erwischt hatte, ihr diese Lügen über ihn erzählt hatte, sie gegen ihn aufgebracht hatte. Er fragte sich, wer dahinter steckte. Nicht, dass es etwas ausmachte: seine Chancen mit ihr waren nun ruiniert. Er starb innerlich.

Thor begann, langsam durch den Raum zurückzustapfen, wieder an den König zu denken, und fühlte sich ausgehöhlt, als hätte er nichts mehr, für das er leben konnte.

Nachdem er nur wenige Fuß weit gekommen war, tauchte plötzlich Alton auf, verstellte ihm den Weg und rümpfte seine Nase mit einem zufriedenen Lächeln. Er trug Hosen aus Seide, eine Jacke aus Samt und einen gefiederten Hut. Er blickte mit langgezogener Nase und Kinn auf Thor hinunter, und voll von äußerster Arroganz und Selbstüberschätzung.

„Nun, nun“, sagte er. „Wenn das nicht der aus dem gemeinen Volk ist. Hast du deine künftige Braut hier schon gefunden? Natürlich hast du das nicht. Ich denke, die Gerüchte über deine Abenteuer im Freudenhaus haben sich schon weitum verbreitet.“ Er lächelte und beugte sich nahe vor, und entblößte kleine gelbe Zähne. „Ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass sie das haben.

Du weißt ja, wie man so schön sagt: ein Fünkchen Wahrheit entfacht ein Gerücht. Ich habe dieses Fünkchen gefunden. Und nun ist dein Ruf ruiniert, Junge.“

Rasend vor Wut konnte sich Thor nicht länger zurückhalten. Er stürmte vor und verpasste Alton einen Schlag in den Magen, und er beugte sich vornüber.

Augenblicke später war er von anderen belagert, Kollegen der Legion, Soldaten, die sich zwischen sie stellten und sie auseinanderzogen.

„Du hast deine Grenzen überschritten, Junge!“, schrie Alton ihm zu, über die anderen Männer hinweg auf ihn zeigend. „Niemand rührt ein Mitglied der königlichen Familie an! Du wirst den Rest deines Lebens am Pranger hängen! Ich lasse dich verhaften! Da kannst du sicher sein! Beim ersten Morgenlicht werden sie dich holen kommen!“, schrie Alton, drehte sich um und stürmte davon.

Thor waren Alton oder seine Wachen aber völlig egal. Er dachte nur noch an den König. Er schüttelte die Legionsmitglieder ab und drehte sich wieder nach MacGil um. Er schob Leute zur Seite, als er zum Tisch des Königs hinübereilte. Sein Kopf schwirrte voller Emotionen und er konnte diese Wendung der Ereignisse kaum glauben. Hier war er nun, gerade als sein Ruf angestiegen war, rein dafür, dass ihn eine boshafte Schlange ruinierte, dass seine Liebste ihm davongemogelt wurde. Und nun, morgen schon, die Androhung von Gefängnis. Und mit der Königin gegen ihn fürchtete er, dass dies tatsächlich eintreten könnte.

Doch Thor war das alles im Moment egal. Das einzig Wichtige war, den König zu beschützen.

Er schob stärker, als er sich seinen Weg durch die Menge bahnte, stieß gegen einen Hofnarren, lief ihm quer durch seinen Auftritt, und schließlich, nachdem er drei weitere Bedienstete beiseite geschoben hatte, hatte er es zum Tisch des Königs geschafft.

MacGil saß in der Mitte des Tisches, einen riesigen Weinschlauch in einer Hand, mit roten Wangen da und lachte über die Vorführungen. Er war von all seinen höchsten Generälen umringt und Thor stand vor ihnen; er drückte sich seinen Weg bis direkt vor die Bank, bis der König ihn endlich bemerkte.

„Mein Herr“, rief Thor aus und hörte die Verzweiflung in seiner eigenen Stimme. „Ich muss Euch sprechen! Bitte!“

Ein Wachmann kam, um Thor fortzuziehen, doch der König hob die Hand.

„Thorgrin!“, dröhnte MacGil in seiner tiefen, königlichen Stimme, vom Wein betrunken. „Mein Junge. Warum bist du zu unserem Tisch gekommen? Der Legionstisch ist dort drüben.“

Thor verbeugte sich tief.

„Mein König, verzeiht. Doch ich muss euch sprechen.“

Ein Musiker klirrte eine Zimbel in Thors Ohr, und endlich bedeutete MacGil ihm, aufzuhören.

Die Musik wurde still, und alle Generäle drehten sich zu Thor um und sahen ihn an. Thor konnte fühlen, wie alle Aufmerksamkeit auf ihm lag.

„Nun, junger Thorgrin, jetzt hast du das Wort. Sprich. Was ist es denn, das nicht bis morgen warten kann?“, sagte MacGil.

„Mein Herr“, setzte Thor an, dann blieb er stehen. Was genau könnte er sagen? Dass er einen Traum gehabt hatte? Dass er ein Omen gesehen hatte? Dass er das Gefühl hatte, der König würde vergiftet werden? Würde es sich absurd anhören?

Doch er hatte keine Wahl. Er musste weitermachen.

„Mein Herr, ich hatte einen Traum“, begann er. „Er handelte von Euch. In diesem Festsaal, an diesem Ort. Der Traum war...dass Ihr nicht trinken solltet.“

Der König beugte sich mit weiten Augen vor.

„Dass ich nicht trinken sollte?“, wiederholte er langsam und laut.

Dann, nach einem Augenblick verdutzter Stille, lehnte MacGil sich zurück und brüllte vor Lachen, dröhnte, erschütterte den ganzen Tisch.

„Dass ich nicht trinken sollte!“, wiederholte MacGil. „Was für ein Traum ist das denn! Das würde ich einen Alptraum nennen!“

Der König lehnte sich zurück und bellte vor Lachen, und alle seine Männer stimmten ein. Thor lief rot an, doch er konnte nicht zurückweichen.

MacGil winkte, und ein Wachmann trat heran, packte Thor und fing an, ihn fortzubringen—doch Thor riss sich grob aus dem Griff des Wachmanns. Er war fest entschlossen. Er musste dem König diese Nachricht überbringen.

Beschütze unseren König.

„Mein König, ich verlange, dass Ihr zuhört!“, schrie Thor mit hochrotem Gesicht, drängte sich nach vorne und schlug die Faust auf den Tisch.

Der Tisch erzitterte, und alle Männer starrten Thor an.

Ein schockiertes Schweigen machte sich breit, als das Gesicht des Königs sich verfinsterte.

„DU verlangst?“, schrie MacGil. „Du verlangst von mir gar nichts, Junge!“, schrie er mit wachsendem Zorn.

Der Tisch wurde noch stiller und Thor fühlte, wie sich seine Wangen vor Scham röteten.

„Mein König, vergebt mir. Ich möchte nicht respektlos erscheinen. Doch ich bin besorgt um Eure Sicherheit. Ich bitte Euch. Trinkt nicht. Ich träumte, ihr wurdet vergiftet! Bitte. Ihr liegt mir sehr am Herzen. Nur aus diesem Grund würde ich so etwas sagen.“

Langsam wurde MacGils Gesicht freundlicher. Er starrte Thor tief in die Augen und holte tief Luft.

„Ja, ich sehe, dass es dir am Herzen liegt. Selbst wenn du ein närrischer Junge bist. Ich vergebe dir deine Respektlosigkeit. Und nun geh. Und sieh zu, dass ich dein Gesicht bis zum Morgen nicht mehr sehe.“

Er winkte seinen Wachen und sie zerrten Thor davon, diesmal mit Gewalt. Der Tisch kehrte langsam zu seiner Vergnüglichkeit zurück, als sie sich alle wieder dem Trinken zuwandten.

Einige Fuß weit davongezerrt, brannte Thor vor Empörung. Er war besorgt über das, was er hier heute Abend getan hatte, und hatte das ungute Gefühl, dass er morgen dafür bezahlen würde. Vielleicht sogar von diesem Ort fortgeschickt werden würde. Für immer.

Als die Wachen ihm einen letzten Stoß verpassten, fand er sich am Tisch der Legion wieder, vielleicht zwanzig Fuß vom König entfernt. Er fühlte eine Hand auf seiner Schulter und wirbelte herum. Reece stand hinter ihm.

„Ich habe dich den ganzen Tag gesucht. Was ist mit dir passiert?“, fragte Reece. „Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen!“

Thor war zu überwältigt, um zu antworten.

„Komm, setz dich zu mir—ich habe einen Platz für dich freigehalten“, sagte Reece.

Reece zog Thor neben sich auf einen Platz an einem Tisch, der für die königliche Familie beiseite gestellt worden war. Godfrey hatte einen Krug in jeder Hand, und neben ihm saß Gareth, der mit herumhuschenden Augen zusah. Thor hoffte entgegen jeglicher Hoffnung, dass Gwendolyn auch dort sein würde, doch das war sie nicht.

„Was ist los, Thor?“, fragte Reece nach, als er sich neben ihm hinsetzte. „Du starrst den Tisch an, als ob er dich beißen möchte.“

Thor schüttelte den Kopf.

„Wenn ich es dir sagen würde, würdest du es mir nicht glauben. Also halte ich am besten den Mund.“

„Sag schon. Du kannst mir alles erzählen“, drängte Reece mit Nachdruck.

Thor sah den Ausdruck in seinen Augen und erkannte, dass ihn endlich jemand ernst nahm. Er holte tief Atem und begann. Er hatte nichts zu verlieren.

„Neulich im Wald habe ich mit deiner Schwester zusammen eine Weißrücken-Schlange gesehen. Sie sagte, es war ein Todesomen, und ich glaube, dass das stimmt. Ich ging zu Argon und er bestätigte, dass ein Tod bevorsteht. Kurz darauf hatte ich einen Traum, dass dein Vater vergiftet würde. Hier. Heute Abend. In diesem Saal. Ich spüre es tief in meinen Knochen. Es wird passieren. Jemand versucht, ihn zu ermorden“, sagte Thor.

Er sprach hastig, und es fühlte sich gut an, es sich von der Seele zu reden. Es fühlte sich gut an, dass jemand ihm tatsächlich zuhörte.

Reece starrte ihm lange Zeit ruhig in die Augen. Schließlich sprach er.

„Du wirkst aufrichtig. Ich habe keine Zweifel. Und ich weiß zu schätzen, dass dir mein Vater wichtig ist. Ich glaube dir. Wirklich. Doch Träume sind trickreich. Nicht immer das, was wir glauben.“

„Ich habe es dem König erzählt“, sagte Thor. „Und sie lachten mich aus. Natürlich wird er heute Abend weitertrinken.“

„Thor, ich glaube dir, dass du das geträumt hast. Und ich glaube dir, dass du so empfindest. Aber auch ich habe schreckliche Träume, schon mein ganzes Leben. Neulich träumte ich, dass ich aus der Burg gestoßen wurde, und als ich erwachte, fühlte es sich immer noch so an. Aber es war nicht so. Verstehst du? Träume sind eigenartige Dinge. Und Argon spricht in Rätseln. Du darfst das alles nicht so ernst nehmen. Meinem Vater geht es gut. Mir geht es gut. Es geht uns allen gut. Versuche, dich zurückzulehnen und zu trinken und dich zu entspannen. Und genieße es.“

Mit diesen Worten lehnte sich Reece in seinen Stuhl zurück, der mit Fellen ausgelegt war, und trank. Er winkte einem Diener, der eine riesige Portion Wild vor Thor hinsetzte, zusammen mit einem Kelch zu trinken.

Doch Thor saß nur da und starrte sein Essen an. Er fühlte sich, als würde sich sein ganzes Leben um ihn herum auflösen. Er wusste nicht, was er tun sollte.

Er konnte immer noch an nichts anderes als seinen Traum denken. Es war, als würde er bei wachem Verstand in einem Alptraum sitzen, jedem beim Trinken und Essen um sich herum zusehen. Alles, was er tun konnte, war, alle Getränke, alle Kelche, die zum König kamen, zu beobachten. Er beobachtete scharf jeden servierenden Diener, jeden Weinkelch. Jedes Mal, wenn der König trank, zuckte Thor zusammen.

Doch Thor war besessen. Er konnte seinen Blick nicht abwenden. Er beobachtete weiter und weiter, es fühlte sich wie Stunden an.

Schließlich fiel Thor Diener auf, der sich dem König mit einem Kelch näherte, der anders war als die anderen. Er war groß, aus einem sehr auffälligen Gold gefertigt, mit Reihen von Rubinen und Saphiren besetzt.

Es war genau der Kelch aus Thors Traum.

Mit klopfendem Herzen sah Thor entsetzt dabei zu, wie der Diener näher an den König herantrat. Als er nur noch wenige Fuß entfernt war, hielt es Thor nicht länger aus. Jede Faser seines Körpers schrie, dass dies der vergiftete Kelch war.

Thor sprang von seinem Tisch hinunter und schob sich durch die dichte Menge, jedem in seinem Weg grob den Ellbogen in die Rippen stoßend.

Gerade, als der König den Kelch in seine Hände nahm, sprang Thor auf seinen Tisch hoch, streckte sich und schlug dem König den Kelch aus den Händen.

Ein entsetztes Zischen erfüllte den gesamten Saal, als der Kelch dem König aus den Händen flog und mit einem harten Klirren auf dem Steinboden landete.

Der gesamte Saal wurde totenstill. Jeder Musiker, jeder Jongleur hielt ein. Hunderte Männer und Frauen drehten sich allesamt um und starrten.

Der König erhob sich bedächtig und blickte finster auf Thor hinunter.

„Du wagst es!“, stieß der König aus. „Du unverfrorener kleiner Junge!“, schrie er. „Dafür werde ich dich an den Pranger stellen!“

Thor stand entsetzt da. Er spürte seine ganze Welt um sich herum zusammenbrechen. Er wollte einfach nur verschwinden.

Plötzlich lief ein Jagdhund zur Weinpfütze hinüber, die sich am Boden gebildet hatte, und leckte sie auf. Bevor Thor antworten konnte, bevor der Raum wieder in Bewegung geraten konnte, richteten sich alle Augen auf den Hund, der anfing, furchtbare, entsetzliche Laute von sich zu geben.

Einen Augenblick später erstarrte der Hund und fiel tot zur Seite. Der gesamte Saal blickte auf den Hund und hielt entsetzt den Atem an.

„Du wusstest, dass der Wein vergiftet war!“, schrie eine Stimme.

Thor sah sich um und sah Prinz Gareth, der sich neben den König stellte und beschuldigend auf Thor deutete.

„Wie konntest du überhaupt wissen, dass er vergiftet war? Es sei denn, du warst es! Thor hat versucht, den König zu vergiften!“, schrie Gareth aus.

Die gesamte Menge brach in lautstarke Empörungsrufe aus.

„Bringt ihn in den Kerker“, befahl der König.

Einen Augenblick später spürte Thor, wie Wachen ihn unsanft von hinten packten und durch den Saal zerrten. Er wehrte sich, wollte protestieren.

„Nein!“, schrie er, „Ihr versteht nicht!“

Doch niemand hörte ihn. Er wurde rasch durch die Menge gezerrt und sah währenddessen dabei zu, wie sie alle vor ihm verschwanden, sein ganzes Leben vor ihm verschwand. Sie durchquerten den Saal und durch eine Seitentür hinaus; eine Tür krachte hinter ihnen zu.

Es war still hier. Einen Augenblick später fühlte Thor, wie es nach unten ging. Er wurde von mehreren Händen eine gewundene steinerne Treppe hinuntergezogen. Es wurde immer dunkler, und bald schon konnte er die Schreie von Gefangenen hören.

Eine eiserne Zellentür öffnete sich, und er erkannte, wohin er gebracht wurde. Der Kerker.

Er wand sich, versuchte, zu protestieren, freizukommen.

„Ihr versteht nicht!“, schrie er.

Thor blickte hoch und sah einen Wachmann vortreten, ein großer, grobschlächtiger Mann mit unrasiertem Gesicht und gelben Zähnen.

Er blickte grimmig auf Thor hinunter.

„Oh, ich verstehe sehr wohl“, kam seine heisere Stimme.

Er zog seinen Arm zurück, und das letzte, was Thor sah, war seine Faust, wie sie direkt auf sein Gesicht zufuhr.

Dann versank seine Welt in Dunkelheit.

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