Read the book: «Die Zauberfabrik »

Font::

DIE ZAUBERFABRIK

(OLIVER BLUE UND DIE SCHULE FÜR SEHER — BUCH EINS)

MORGAN RICE

Morgan Rice

Morgan Rice, Nummer 1 USA Today Bestsellerautorin, schrieb die epische Fantasy-Reihe DER RING DER ZAUBEREI, bestehend aus siebzehn Büchern; die Bestsellerserie DER WEG DER VAMPIRE, bestehend aus zwölf Büchern; die Bestsellerserie DIE TRILOGIE DES ÜBERLEBENS, ein post-apokalyptischer Thriller in drei Teilen; die epische Fantasy-Reihe VON KÖNIGEN UND ZAUBERERN, bestehend aus sechs Büchern; die epische Fantasy-Reihe FÜR RUHM UND KRONE, bestehend aus acht Büchern; die epische Fantasy-Reihe EIN THRON FÜR SCHWESTERN, bestehend aus acht Büchern (Fortsetzung folgt); die neue Science-Fiction Reihe DIE INVASION CHRONIKEN, bestehend aus vier Büchern; und die brandneue Fantasy-Reihe OLIVER BLUE und die schule für Seher, bestehend aus drei Büchern (Fortsetzung folgt). Morgans Bücher sind als Audio- und Printedition verfügbar und wurden in über 25 Sprachen übersetzt.

Morgan freut sich, von Ihnen zu hören. Gehen Sie zu www.morganricebooks.com und setzen Sie Ihren Namen auf die E- Mail Liste. Sie bekommen ein kostenloses Buch als Werbegeschenk und Sie können sich die kostenfreie App herunterladen, um immer die exklusivsten News zu erhalten. Folgen Sie uns auch bei Facebook und Twitter!

Resonanz auf Morgan Rice

„Wenn Sie dachten, dass es nach dem letzten Teil von THE SORCERER’S RING keinen Grund mehr gibt weiterzuleben, dann haben Sie falsch gedacht. Mit RISE OF THE DRAGONS hat Morgan Rice den Auftakt zu einer vielversprechenden neuen Romanreihe geschaffen, in der er uns in eine Fantasy-Welt voller Trolle und Drachen, Heldenmut, Ehre, Tapferkeit, Magie und Vertrauen versetzt. Wieder hat Morgan es geschafft, ein starkes Set von Protagonisten zu erschaffen, das den Leser mit jeder Seite aufs Neue überzeugt... Diese Romanreihe ist für jede Büchersammlung überzeugter Fantasy-Leser absolut empfehlenswert.“

--Buch- und Filmrezensionen

Roberto Mattos

„Action-geladene Fantasy, die allen Fans von Morgan Rice Geschichten definitiv gefällt, aber auch Fans von Werken wie THE INHERITANCE CYCLE von Christopher Paolini… und Fans von Young Adult Fiction werden dieses neueste Werk von Rice verschlingen und um mehr betteln.“

--The Wanderer, Ein Literaturjournal (über Rise of the Dragons)

„Fantasy mit Geist, bei der auch Elemente von Mystery und Intrigen in die Storyline verwoben sind. In A Quest of Heroes geht es um Courage und um die Erkenntnis, dass der Sinn des Lebens in persönlicher Entfaltung, Reife und Vortrefflichkeit besteht… Für alle, die gehaltvolle Fantasy-Abenteuer lieben, bieten die Protagonisten, die einzelnen Elemente und die Action eine lebhafte Mischung von Begegnungen, die sich um Thors Entwicklung von einem verträumten Kind zu einem jungen Erwachsenen drehen, dessen Überleben schier unmöglich scheint… Der Beginn einer vielversprechenden, epischen Reihe für junge Erwachsene.“

--Midwest Book Review (D. Donovan, eBook Reviewer)

„THE SORCERER’S RING besitzt alle Zutaten für einen unmittelbaren Erfolg: Plots und Gegenplots, Mystery, tapfere Ritter, aufblühende Beziehungen und gebrochene Herzen, Täuschung und Betrug. Dieses Buch unterhält den Leser über Stunden hinweg und findet Anklang bei allen Altersgruppen. Für jede Fantasy-Sammlung nur zu empfehlen.“

--Buch- und Filmrezensionen, Roberto Mattos

„In diesem Action-geladenen ersten Buch der epischen Fantasy-Reihe THE SORCERER’S RING (derzeit bestehend aus vierzehn Teilen) stellt Rice dem Leser den vierzehnjährigen Thorgrin „Thor“ McLeod vor, der davon träumt, der Silbernen Legion beizutreten – eine elitäre Gruppe von Rittern, die dem König dienen… Rices Schreibstil ist solide, die Ausgangssituation fesselnd.“

--Publishers Weekly

Bücher von Morgan Rice

OLIVER BLUE UND DIE SCHULE FÜR SEHER

DIE ZAUBERFABRIK (Buch #1)

DIE KUGEL VON KANDRA (Buch #2)

DIE OBSIDIANE (Buch #3)

DIE INVASION CHRONIKEN

ÜBERMITTLUNG (Buch #1)

ANKUNFT (Buch #2)

AUFSTIEG (Buch #3)

RÜCKKEHR (Buch #4)

EIN THRON FÜR SCHWESTERN

EIN THRON FÜR SCHWESTERN (Buch #1)

EIN GERICHT FÜR DIEBE (Buch #2)

EIN LIED FÜR WAISEN (Buch #3)

EIN KLAGELIED FÜR PRINZEN (Buch #4)

EIN JUWEL FÜR KÖNIGE (Buch #5)

EIN KUSS FÜR KÖNIGINNEN (Buch #6)

EINE KRONE FÜR MÖDERINNEN (Buch# 7)

EIN HÄNDEDRUCK FÜR THRONERBINNEN (Buch #8)

FÜR RUHM UND KRONE

SLAVIN, KRIEGERIN, KÖNIGIN (Buch 1)

SCHURKIN, GEFANGENE, PRINZESSIN (Buch 2)

RITTER, THRONFOLGER, PRINZ (Buch 3)

REBELL, SCHACHFIGUR, KÖNIG (Buch 4)

SOLDAT, BRUDER, ZAUBERER (Buch 5)

HELD, VERRÄTER, TOCHTER (Buch 6)

HERRSCHER, RIVALE, VERBANNTE (Buch 7)

SIEGER, BESIEGTER, SOHN (Buch 8)

VON KÖNIGEN UND ZAUBERERN

DER AUFSTAND DER DRACHEN (Buch 1)

DER AUFSTAND DER TAPFEREN (Buch 2)

DAS GEWICHT DER EHRE (Buch 3)

DIE SCHMIEDE DES MUTS (Buch 4)

EIN REICH DER SCHATTEN (Buch 5)

DIE NACHT DER VERWEGENEN (Buch 6)

DER RING DER ZAUBEREI

QUESTE DER HELDEN (Buch 1)

MARSCH DER KÖNIGE (Buch 2)

FESTMAHL DER DRACHEN (Buch 3)

KAMPF DER EHRE (Buch 4)

SCHWUR DES RUHMS (Buch 5)

ANGRIFF DER TAPFERKEIT (Buch 6)

RITUS DER SCHWERTER (Buch 7)

GEWÄHR DER WAFFEN (Buch 8)

HIMMEL DER ZAUBER (Buch 9)

MEER DER SCHILDE (Buch 10)

REGENTSCHAFT DES STAHLS (Buch 11)

LAND DES FEUERS (Buch 12)

DIE HERRSCHAFT DER KÖNIGINNEN (Buch 13)

DER EID DER BRÜDER (Buch 14)

DER TRAUM DER STERBLICHEN (Buch 15)

DAS TOURNIER DER RITTER (Buch 16)

DAS GESCHENK DER SCHLACHT (Buch 17)

DIE TRILOGIE DES ÜBERLEBENS

ARENA EINS: DIE SKLAVENTREIBER (Buch 1)

ARENA ZWEI (Buch 2)

ARENA DREI (Buch 3)

GEFALLENE VAMPIRE

VOR DEM MORGENGRAUEN (Buch 1)

DER WEG DER VAMPIRE

GEWANDELT (Buch 1)

VERGÖTTERT (Buch 2)

VERRATEN (Buch 3)

BESTIMMT (Buch 4)

BEGEHRT (Buch 5)

VERMÄHLT (Buch 6)

GELOBT (Buch 7)

GEFUNDEN (Buch 8)

ERWECKT (Buch 9)

ERSEHNT (Buch 10)

BERUFEN (Buch 11)

BESESSEN (Buch 12)

Wussten Sie, dass Morgan Rice verschiedene Serien geschrieben hat? Wenn Sie noch nicht alle kennen, klicken Sie einfach auf ein Cover und holen Sie sich einen Serienauftakt!

Wollen Sie kostenlose Bücher?

Setzten Sie Ihren Namen auf die E-Mail Liste von Morgan Rice und erhalten Sie 4 kostenlose Bücher, 3 kostenlose Karten, 1 Kostenlose App, 1 kostenloses Game, 1 kostenlosen Graphic Novel sowie exklusive Werbegeschenke! Zum Abo geht es hier: www.morganricebooks.com

Copyright © 2018 by Morgan Rice. Alle Rechte vorbehalten. Außer mit Genehmigung unter dem U.S. Copyright Act von 1976 darf kein Teil dieser Veröffentlichung vervielfältigt, weitergegeben oder in jedweder Form durch jegliche Mittel übertragen oder in einer Datenbank oder einem Speichersystem gespeichert werden, ohne ausdrückliche Genehmigung des Autors. Dieses eBook ist rein für Ihre persönliche Unterhaltung lizenziert. Dieses eBook darf nicht weiterverkauft oder an andere Leser weitergegeben werden. Wenn Sie dieses Buch gerne mit anderen Personen teilen möchten, erwerben Sie bitte eine weitere Kopie für jeden weiteren Leser. Wenn Sie dieses eBook lesen ohne eine eigene Kopie erworben zu haben, geben Sie es bitte zurück und erwerben Sie eine eigene Kopie. Vielen Dank, dass Sie die harte Arbeit des Autors respektieren. Dieses Buch beruht auf Fiktion. Namen, Charaktere, Unternehmen, Organisationen, Orte, Ereignisse und Gegebenheiten sind entweder vom Autor ausgedacht oder fiktional verwendet. Jede Ähnlichkeit zu real existierenden Personen, lebend oder verstorben, ist absolut zufällig.

INHALT

KAPITEL EINS

KAPITEL ZWEI

KAPITEL DREI

KAPITEL VIER

KAPITEL FÜNF

KAPITEL SECHS

KAPITEL SIEBEN

KAPITEL ACHT

KAPITEL NEUN

KAPITEL ZEHN

KAPITEL ELF

KAPITEL ZWÖLF

KAPITEL DREIZEHN

KAPITEL VIERZEHN

KAPITEL FÜNFZEHN

KAPITEL SECHZEHN

KAPITEL SIEBZEHN

KAPITEL ACHTZEHN

KAPITEL NEUNZEHN

KAPITEL ZWANZIG

KAPITEL EINUNDZWANZIG

KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG

KAPITEL DREIUNDZWANZIG

KAPITEL VIERUNDZWANZIG

KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG

KAPITEL SECHSUNDZWANZIG

KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG

KAPITEL ACHTUNDZWANZIG

KAPITEL NEUNUNDZWANZIG

KAPITEL DREISSIG

KAPITEL EINUNDDREISSIG

KAPITEL ZWEIUNDDREISSIG

KAPITEL DREIUNDDREISSIG

KAPITEL VIERUNDDREISSIG

KAPITEL FÜNFUNDDREISSIG

KAPITEL SECHSUNDDREISSIG

KAPITEL SIEBENUNDDREISSIG

KAPITEL EINS

Oliver Blue blickte sich in dem düsteren, schmuddeligen Raum um. Er seufzte. Dieses neue Haus war etwa so schäbig wie das letzte. Er drückte seinen Koffer fester an sich.

„Mom?“, sagte er. „Dad?“

Beide drehten sich um und sahen ihn mit ihren stets finsteren Blicken an.

„Was, Oliver?“, sagte seine Mutter. Sie klang genervt. „Wenn du sagen wolltest, dass dir das Haus nicht gefällt, dann lass es. Etwas Besseres können wir uns nicht leisten.“

Sie schien noch angespannter als sonst. Oliver presste die Lippen aufeinander.

„Nicht so wichtig“, murmelte er.

Er drehte sich um und ging auf die Treppe zu. Oben hörte er seinen älteren Bruder Chris, der bereits durch das Haus donnerte. Er stürmte immer sofort durch alle Zimmer eines neuen Hauses, um das Beste für sich zu beanspruchen, bevor Oliver die Gelegenheit dazu hatte.

Langsam schleppte er seinen Koffer hinauf. Oben gab es drei Zimmer: ein Badezimmer, ein großes Schlafzimmer mit Doppelbett und ein Zimmer, in dem sich Chris wie ein Seestern auf das Bett geworfen hatte.

„Wo ist mein Zimmer?“, fragte Oliver laut.

„Es gibt nur ein Zimmer, ihr müsst es euch teilen“, schallte die Stimme seiner Mutter die Treppe hinauf.

Panik machte sich in Olivers Magen breit. Teilen? Das Wort würde Chris überhaupt nicht gefallen.

In der Tat schoss dieser wie eine Rakete in die Luft. Er schnappte Oliver und drückte ihn schwungvoll gegen die Wand. Oliver gab ein lautes Uff von sich.

„Ich teile überhaupt nichts“, zischte er zwischen den Zähnen hindurch. „Ich bin dreizehn Jahre alt, ich teile mein Zimmer nicht mit einem BABY!“

„Ich bin kein Baby“, protestierte Oliver. „Ich bin elf Jahre alt.“

„Ganz genau“, spottete Chris. „Ein Winzling. Du geht’s jetzt zu Mom und Dad und sagst ihnen, dass du nicht mit mir teilen willst.“

„Sag es ihnen doch selbst“, knurrte Oliver, „schließlich hast du ein Problem damit.“

Chris funkelte ihn finster an. „…und meinen Ruf als Lieblingssohn beflecken? Auf keinen Fall. Du gehst!“

Oliver wusste, dass er seinen Bruder nicht provozieren durfte. Manchmal bekam er schon wegen Kleinigkeiten richtige Wutanfälle. Er hatte bereits lange genug das Pech, Chris‘ jüngerer Bruder zu sein, und so hatte er gelernt, seinen Launen besser aus dem Weg zu gehen. Er versuchte es mit Logik.

„Aber es gibt keinen anderen Platz zum Schlafen. Wo soll ich denn hin?“

„Das ist nicht mein Problem“, erwiderte Chris und schubste Oliver noch einmal. „Von mir aus kannst du unter dem Spülbecken in der Küche schlafen, bei den Mäusen. Aber in mein Zimmer kommst du nicht.“

Dann hob Chris seine geballte Faust drohend in die Luft, eine Geste, die keine weitere Erklärung brauchte. Es gab nichts mehr zu sagen. Mit einem resignierten Seufzen sammelte Oliver sich, strich seine Kleidung glatt und trottete wieder die Treppe hinab.

Sein riesiger Bruder rauschte an ihm vorbei und stieß ihm den Ellbogen in die Seite.

„Oliver sagt, dass er nicht teilen will“, bellte er und grinste seinen Bruder dabei breit an.

Oliver hörte zu, wie seine Eltern und sein Bruder begannen, über die Zimmerverteilung zu diskutieren. Wenig begeistert, in diesen Streit hineingezogen zu werden, verlangsamte er seine Schritte.

Vor kurzem hatte er sich eine neue Strategie ausgedacht. Wenn es zu größeren Diskussionen in der Familie kam, schickte er seinen Geist einfach an einen anderen Ort, eine Art Traumwelt, in der alles still und friedlich war, und in der seine Vorstellungskraft die einzige Grenze war. Dort wünschte er sich jetzt auch hin. Er schloss die Augen und stellte sich eine große Fabrik vor. Sie war aus Backstein und dort gab es unglaubliche Erfindungen. Fliegende Drachen aus Messing und Kupfer, riesige Maschinen mit Zahnrädern, die sich leise bewegten und dampfenden Motoren. Oliver liebte Erfindungen, weswegen eine große Fabrik voller magisch wirkender Maschinen für ihn genau der richtige Rückzugsort war. Viel besser als die Realität, dieses schreckliche Haus mit dieser schrecklichen Familie.

Doch die schrille Stimme seiner Mutter holte ihn schnell zurück.

„Oliver, was soll das Tamtam?“

Oliver schluckte schwer und ging die letzten Schritte ins Wohnzimmer. Dort standen alle drei mit verschränkten Armen und sahen ihn düster an.

„Du weißt, dass es nur zwei Zimmer gibt“, begann sein Vater.

„Warum kannst du nicht einmal nett sein und mit deinem Bruder teilen?“, fügte Mom hinzu.

„Was erwartest du denn von uns? Wir haben einfach nicht genug Geld für ein größeres Haus“, fuhr Dad fort.

Oliver wollte ihnen am liebsten entgegenschreien, dass es Chris war, der nicht teilen wollte, aber er wusste, was sein Bruder dann mit ihm machen würde. Chris stand nur da und starrte ihn bedrohlich an. Also blieb Oliver nichts anderes übrig, als die Schimpftirade seiner Eltern über sich ergehen zu lassen.

„Also?“, fragte Mom herausfordernd. „Wo genau gedenkt eure Hoheit dann zu nächtigen?“

Oliver sah seinen Bruder fragend an, aber der grinste nur fiese zurück. Soweit er gesehen hatte, war das Erdgeschoss L-förmig angelegt. Das Wohnzimmer mündete in eine Art Esszimmer – im Prinzip eine kleine Ecke mit einem klapprigen Esstisch – und von dort aus ging es in die Küche. Ansonsten gab es unten keine Räume. Alle waren miteinander verbunden.

Oliver konnte es nicht glauben. Alle Häuser, in denen sie gewohnt hatten, waren heruntergekommen und schäbig, aber wenigstens hatte er bisher immer seine eigene kleine Kammer gehabt.

Oliver sah sich um und bemerkte eine Nische, vielleicht eine ehemalige Feuerstelle, die vor Jahren entfernt worden war. Ein Bett würde wohl kaum hineinpassen, aber hatte er eine Alternative? Er musste in einer Ecke im Wohnzimmer schlafen! Ohne jegliche Privatsphäre!

Was sollte jetzt aus seinen geheimen Erfindungen werden, an denen er Nacht für Nacht arbeitete, wenn alles endlich ruhig wurde und niemand ihn störte. Wenn Chris davon erfuhr, würde er sie sofort kaputt machen. Er würde so lange auf ihnen herumtrampeln, bis sie vollkommen unbrauchbar waren. Ohne eigenes Zimmer konnte er seine geheimen Sachen nirgends verstecken und er konnte auch nicht mehr daran arbeiten!

In diesem Moment überlegte er, ob er nicht vielleicht doch lieber in den Küchenschrank ziehen sollte. Der hatte wenigstens Türen. Andererseits würden dort die Mäuse an seinen Sachen nagen und das wäre fast genauso schlimm wie Chris. Also beschloss er, dass er mit einem Vorhang, ein paar Regalen, einer Leselampe und einer Matratze die Nische zu einer Art Zimmer machen konnte.

„Da“, sagte er und zeigte auf die Nische.

„Da drüben?“, rief seine Mutter.

Chris lachte bellend. Oliver sah ihn wütend an. Dad schüttelte den Kopf.

„Merkwürdiger Junge“, sagte er gleichgültig, ohne jemanden direkt anzusprechen. Dann seufzte er übertrieben laut, als wäre jede Mühe an diesem Kind vergebens. „Aber wenn er unbedingt in der Ecke schlafen will, soll er doch in der Ecke schlafen. Ich weiß nicht mehr, was ich noch mit ihm machen soll.“

„Schön“, sagte seine Mutter entnervt, „lassen wir ihn. Er wird wirklich jeden Tag merkwürdiger.“

Damit wandten sich alle drei von ihm ab und gingen in die Küche. Chris grinste ihn noch einmal über die Schulter an und flüsterte, „Freak“.

Oliver atmete tief durch. Er ging zu seiner Nische und stellte den Koffer neben seinen Füßen ab. Es gab dort nichts, wo er seine Kleidung hineinräumen konnte; kein Regal, keine Schubladen. Und es gab auch kaum Platz für ein Bett – wenn seine Eltern ihm überhaupt eines besorgen würden. Aber Oliver würde schon zurechtkommen. Er würde sich ein Regal aus Brettern bauen und irgendwie einen Vorhang als Raumteiler aufhängen. Dann konnte er noch eine Schublade unter das Bett schieben, das er hoffentlich bekam, um dort seine Erfindungen zu lagern.

Und wenn er das Positive an der Situation sehen wollte, worum er sich stets bemühte, dann hatte er wenigstens ein großes Fenster, das ihm viel Licht bot und aus dem man nachts die Sterne beobachten konnte.

Auch jetzt legte er die Ellbogen auf das Fensterbrett und blickte hinaus in den grauen Oktobernachmittag. Der Wind wehte in den Baumkronen und pustete eine leere Plastiktüte über die Straße. Am gegenüberliegenden Straßenrand stand ein verbeultes Auto neben einer verrosteten Waschmaschine. Es war offensichtlich ein armes Viertel. Vielleicht das ärmste, in dem sie je gewohnt hatten, überlegte Oliver.

Bei jedem Windstoß knackten und knarrten die Fenster und ein kalter Luftzug ließ Oliver frösteln. Für Oktober hatte hier in New Jersey schon spürbar abgekühlt. Vorhin im Radio hatten sie sogar eine Sturmwarnung gegeben. Doch Oliver fürchtete sich nicht. Er liebte es, wenn es draußen stürmte. Besonders, wenn es blitzte und donnerte.

Der Geruch von frisch gekochtem Essen machte sich von der Küche her breit. Er drehte sich weg vom Fenster und schlich um die Ecke in die Küche. Mom stand am Herd und rührte in einem großen Kochtopf.

„Was gibt es zum Abendessen?“, fragte er.

„Fleisch mit Kartoffeln und Erbsen“, sagte sie.

Olivers Magen knurrte voller Vorfreude. In seiner Familie gab es immer schlichte Mahlzeiten, aber das machte Oliver nichts aus. Er mochte es schlicht.

„Jungs, Hände waschen“, sagte Dad, der bereits am Tisch saß.

Aus dem Augenwinkel konnte Oliver seinen Bruder boshaft grinsen sehen. Damit war ihm klar, dass dieser sich schon die nächste Gemeinheit für ihn ausgedacht hatte. Das letzte, was Oliver jetzt wollte, war Chris im Badezimmer in die Arme zu laufen, aber Dad sah ihn auffordernd an.

„Muss ich dir immer alles zweimal sagen?“, beschwerte er sich.

Es gab kein Zurück. Oliver ging aus der Küche, dicht gefolgt von seinem großen Bruder. Er rannte die Treppen hinauf so schnell er konnte, in der Hoffnung das Badezimmer wieder verlassen zu können, bevor sein Bruder ihn eingeholt hatte.

Aber Chris war ihm dicht auf den Fersen. Sowie sie außer Hörweite der Eltern waren, packte er Oliver am Pullover und drückte ihn gegen die Wand.

„Jetzt pass mal gut auf, du Würstchen“, begann er. „Ich habe heute Abend einen Bärenhunger.“

„Na und?“

„Ich brauche eine doppelte Portion – deine Portion! Du wirst Mom und Dad sagen, dass du nichts essen willst.“

Oliver schüttelte den Kopf. „Ich habe dir schon das Zimmer überlassen!“, protestierte er. „Lass mich wenigstens meine Kartoffeln essen!“

Chris lachte. „Vergiss es. Morgen müssen wir in eine neue Schule und ich brauche Kraft, um andere Würstchen wie dich auseinandernehmen zu können.“

Bei dem Wort Schule erfasste Oliver eine Woge der Beklommenheit. Er hatte in seinem Leben schon oft auf neue Schulen gehen müssen – und jedes Mal wurde es ein bisschen schlimmer. Es gab immer einen Typen wie Chris, der seine Angst riechen konnte und ihn fertig machte, egal was er tat. Verbündete hatte er nie. Oliver hatte die Hoffnung auf Freunde schon längst aufgegeben. Nach ein paar Monaten würden sie ohnehin wieder umziehen.

Chris verzog sein Gesicht. „Weißt du was, Oliver? Heute will ich nicht so sein. Ich gönne dir doch etwas.“ Schon machte sich sein gehässiges Grinsen wieder breit. „Du darfst meine Faust fressen!“

Damit holte er aus. Oliver duckte sich und rannte los. Er stürzte vor Chris, dessen Schlag er nur knapp entkommen war, die Treppen hinunter.

„Komm zurück, du armseliges Würstchen!“, rief Chris.

Doch Oliver konnte schnell rennen und war bereits im Wohnzimmer angekommen. Sein Vater sah ihn vorwurfsvoll an.

„Müsst ihr schon wieder streiten?“, seufzte er. Oliver war von seinem Sprint noch außer Atem, als Chris neben ihn schlitterte. „Worum geht es denn jetzt schon wieder?“

„Nichts“, sagte Chris rasch.

Plötzlich spürte Oliver ein Stechen in seiner Hüfte. Chris bohrte die Fingernägel in seine Haut und sah triumphierend auf ihn hinab. Oliver wusste, was er zu tun hatte.

Hoffnungslos holte er Luft. „Ich habe nur gerade gesagt, dass ich heute gar keinen Hunger habe.“

Dad sah ihn prüfend an. „Deine Mutter steht seit einer Stunde am Herd und jetzt sagst du, dass du nichts essen willst?“

Auch sie drehte sich überrascht zu ihm um. „Isst du auf einmal kein Fleisch mehr? Oder sind die Kartoffeln das Problem?“

Chris‘ Nägel bohrten sich noch etwas tiefer in Olivers Hüfte.

„Es tut mir Leid, Mom“, sagte er leise. „Ich bin dir wirklich sehr dankbar, dass du für uns kochst, aber ich habe keinen Hunger.“

„Was soll ich nur mit dem Jungen machen?“, rief seine Mutter. „Erst die Faxen mit dem Zimmer, jetzt das. Meine Nerven halten das nicht mehr aus.“

„Ich esse gerne seine Portion“, sagte Chris zuckersüß. „Ich will doch nicht, dass du dir umsonst die Mühe gemacht hast, Mom.“

Die Eltern sahen ihren Erstgeborenen zufrieden an. Chris war schon immer ein stämmiger Junge gewesen, aber in letzter Zeit hatte er noch etwas mehr zugelegt. Sie schienen sich deswegen keine Gedanken zu machen. Oder vielleicht wollten sie ihren Bully von Sohn einfach nicht verärgern.

„Na schön“, sagte sie seufzend. „Aber jeden Abend lasse ich mir dieses Theater nicht gefallen, Oliver.“

Oliver fühlte, wie Chris seinen Griff lockerte. Erleichtert rieb er die wunde Stelle.

„Ja, Mom“, sagte Oliver traurig. „Tut mir leid, Mom.“

Als die anderen sich an den Tisch setzten und anfingen zu essen, wandte Oliver sich mit knurrendem Magen ab und ging zurück in seine Nische. Um sich von seinem Hunger abzulenken, packte er seinen einzigen wertvollen Besitz aus dem Koffer: ein Buch über die großen Erfindungen der Menschheit. Eine liebe Bibliothekarin hatte es ihm vor einigen Jahren geschenkt, nachdem er zwei Wochen lang jeden Tag in die Bibliothek gekommen war, um darin zu lesen. Inzwischen hatte es unzählige Eselsohren von den Millionen von Malen, die er darin herumgeblättert hatte. Oliver wurde es dabei nie langweilig. Im Gegenteil, dieses Buch war einer der wenigen Gründe, warum es Oliver egal war, in welcher Gegend und in welchem Haus sie wohnten. Er hatte sogar gelesen, dass einer seiner Lieblingserfinder, Armando Illstrom, seine großen Erfindungen in einer nahegelegenen Fabrik erschaffen hatte. Dass Armando Illstrom unter den Verrückten Erfindern angeführt war und die meisten seiner Apparate angeblich nicht richtig funktionierten, störte Oliver nicht. Oliver fand ihn trotzdem sehr inspirierend, besonders fasziniert war er von Armandos selbstschießender Waschbärenfalle. Oliver wollte nach diesem Vorbild eine eigene Version nachbauen, um sich seinen Bruder vom Leib zu halten.

Oliver hörte das Besteck klappern und sah zu seiner Familie hinüber. Chris war gerade dabei, Olivers Abendessen in sich zu schaufeln.

Oliver schüttelte den Kopf über die Ungerechtigkeit und nahm heimlich die Bestandteile seiner Falle aus dem Koffer. Vorsichtig breitete er sie vor sich auf dem Boden aus. Er war beinahe fertig.

Die Falle bestand aus einer Art Steinschleudermechanismus, der von einem Hebel ausgelöst wurde. Wenn der Eindringling mit dem Fuß dagegen stieß, wurde ihm eine Eichel an den Kopf geschleudert. Natürlich musste Oliver die Waschbär-Variante von Armando entsprechend an die Größe seines Bruders anpassen. Anstatt der Eicheln benutzte er einen kleinen Soldaten aus Plastik mit einem spitzen kleinen Gewehr. Er hatte sowohl den Mechanismus, als auch den Auslöser verblüffend gut hinbekommen, aber aus irgendeinem Grund funktionierte die Falle noch nicht zuverlässig. Anstatt durch die Luft zu fliegen, stand der kleine Soldat mit seinem Gewehr im Anschlag in der Schleuder und rührte sich nicht.

Da seine Familie gerade abgelenkt war, konnte er weiter daran arbeiten. Er setzte alle Teile zusammen und versuchte die Falle auszulösen. Oliver konnte einfach nicht begreifen, wo der Fehler lag. Er seufzte enttäuscht. Armando Illstrom musste das gleiche Problem gehabt haben. Vielleicht hatte man ihn deswegen für verrückt erklärt. In dem Buch stand, dass keine seiner Erfindungen den großen Durchbruch gebracht hatte.

Im Hintergrund hörte Oliver, wie seine Familie zu streiten begann. Er presste die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen, um ihre Stimmen auszublenden und sich in seine geheime Welt zu wünschen.

Schon war er wieder in der Fabrik. Er sah Armandos Falle direkt vor sich. Sie funktionierte perfekt. Die Eicheln flogen nach rechts, nach links und geradeaus, wie man sie gerade ausrichtete. Aber Oliver verstand nicht, was an seiner Falle anders war.

„Magie“, flüsterte eine Stimme hinter ihm.

Oliver sprang vor Schreck in die Luft. Noch nie waren andere Menschen in seiner Traumwelt erschienen!

Doch als er sich umsah, war keiner da.

Schließlich öffnete er die Augen, um sich wieder in die echte Welt zu holen. Nach wie vor saß er in der kleinen Nische des düsteren Raumes. Warum hatte seine Phantasie ausgerechnet das Wort Magie als Lösung zu seinem Problem heraufbeschworen? Eigentlich interessierte er sich nicht besonders dafür, sonst hätte er sich ein Buch über Zaubertricks besorgt. Er bevorzugte praktische, handfeste Dinge, die einen Zweck erfüllten. Er liebte Wissenschaft und Physik, nicht unbedingt unerklärliche Phänomene.

Der Duft des Abendessens lag immer noch in der Luft. Von seinem Platz aus blieb ihm nichts anderes übrig, als zum Esstisch hinüber zu schauen. Chris sah ihn an und steckte sich eine große Kartoffel in seinen großen Mund. Er grinste breit, während ihm das Öl am Kinn herunterlief.

Oliver wurde wütend. Das war seine Kartoffel! Am liebsten wäre zum Tisch hinübergegangen und hätte mit einer großen Armbewegung alles auf den Boden geworfen. Er sah es richtig vor sich. Es würde sich so gut anfühlen!

Plötzlich verwandelte sich seine Wut in etwas anderes, etwas, das Oliver noch nie zuvor gespürt hatte. Er wurde ruhig. Er wusste genau, was er tun würde. Schon ertönte ein lautes Knacken, das vom Esstisch kam. Eines der Tischbeine war durchgebrochen, genau in der Mitte. Die Tischplatte sackte weg und alles, was sich darauf befand, kam ins Rutschen. Mit lautem Scheppern landeten Teller, Gläser und Topf auf dem Boden.

Mom und Dad sprangen erschrocken auf. Erbsen und Kartoffeln rollten über den alten Teppich. Auch Oliver war aufgesprungen. Hatte er das getan? Hatte er den Tisch mit purer Willenskraft kaputt gemacht? Das konnte nur Zufall sein!

Während Mom in der Küche verschwand und ein paar Tücher holte, um die Sauerei aufzuwischen, inspizierte Dad auf Knien das gebrochene Tischbein.

„Billiges Ding“, knurrte er, „… ist glatt auseinander gebrochen!“

Chris hingegen starrte Oliver finster an. Ob er es getan hatte oder nicht, Chris machte ihn ganz offensichtlich dafür verantwortlich.

Langsam stand er auf. Erbsen rollten von seinem Schoß auf den Boden. Sein Gesicht wurde rot, wütend ballte er die Fäuste. Dann stürzte er wie eine explodierte Rakete auf Oliver zu.

Oliver sprang hinter seine Falle und zog den Auslöser.

Schieß! Bitte schieß! flehte er in Gedanken.

Alles geschah wie in Zeitlupe. Chris kam näher, Oliver hielt die Falle vor sich und stellte sich fest vor, wie der Soldat durch die Luft flog, genau wie er sich vor wenigen Augenblicken vorgestellt hatte, wie die Teller vom Tisch fielen.

Da geschah es. Der Soldat hob ab, schoss in hohem Bogen auf Chris zu und knallte mit der Gewehrspitze voran direkt gegen seine Stirn.

Oliver schnappte nach Luft. Er konnte kaum glauben, dass es funktioniert hatte.

Chris stand wie erstarrt vor ihm, der kleine Soldat fiel auf den Boden. Auf Chris‘ Stirn war ein kleiner, roter Abdruck.

„Du Dummkopf!“ schrie Chris und rieb fassungslos seinen Kopf. „Dafür mach‘ ich dich fertig!“

Aber zum ersten Mal zögerte er. Er ging nicht sofort auf Oliver los, um ihn am Ohr zu ziehen oder mit seinen Fingerknöcheln über den Kopf zu reiben. Stattdessen ging er einen Schritt zurück, fast als hätte er Angst.

Dann rannte er aus dem Wohnzimmer, die Treppen hinauf. Als er die Tür ins Schloss krachen ließ, vibrierte das ganze Haus.

Oliver starrte ihm mit offenem Mund hinterher. Er konnte kaum fassen, dass es wirklich funktioniert hatte! Nicht nur, dass sein Gerät in letzter Sekunde geschossen hatte – er hatte Chris‘ buchstäblich das Abendessen vom Tisch gefegt.

Er blickte auf seine Hände. Hatte er vielleicht geheime Kräfte? Gab es doch so etwas wie Magie? Oder war es am Ende wirklich nur Zufall? Tief in sich ahnte er, dass mehr dahinter steckte. Er fühlte sich auf einmal stark.

Aufgeregt setzte er sich wieder mit seinem Buch in die Ecke und las noch einmal das Kapitel über Armando Illstrom. Dank seiner Erfindung hatte Oliver sich zum ersten Mal gegen seinen Bruder schützen können. Der Wunsch, diesem Mann persönlich zu danken, wurde stärker als je zuvor. Die Fabrik war nicht weit von Olivers Schule entfernt. Vielleicht sollte er morgen nach dem Unterricht einen kleinen Ausflug machen.

Armando musste inzwischen ein sehr alter Mann sein. Vielleicht lebte er gar nicht mehr. Dieser Gedanke versetzte Oliver einen Stich. Es wäre furchtbar, wenn er sein Held gestorben wäre, bevor er ihn kennenlernen konnte!

Er las die Liste von Armandos fehlgeschlagenen Erfindungen. Oliver bemerkte, dass sie nicht gerade positiv beschrieben wurden.

Armando Illstrom hatte an einer Zeitmaschine gearbeitet, als der Zweite Weltkrieg ausgebrochen war. Die Arbeit in seiner Fabrik war nach und nach zum Stillstand gekommen. Als der Krieg endete, hatte Armando seine Arbeit jedoch nicht zu Ende gebracht. Die meisten Zeitgenossen hatten ihn für seine fantastischen Ideen ausgelacht. Von einigen wurde er sogar ‚verkappter Edison‘ genannt. Oliver fragte sich, warum Armando nicht weitergemacht hatte. Ob es daran lag, dass niemand an ihn geglaubt hat?

Sein Interesse war geweckt. Morgen nach der Schule wollte er zu dieser Fabrik gehen und wenn Armando Illstrom noch am Leben war, würde er ihn nach seiner Zeitmaschine fragen.

Seine Eltern kamen aus der Küche.

„Wir gehen ins Bett“, sagte Mom.

„Was ist mit meinem Bett?“, fragte Oliver und blickte auf die leere Nische.

Dad seufzte. „Ich nehme an, ich soll dir dein Bettzeug aus dem Auto holen?“

„Das wäre sehr nett“, sagte Oliver leise. „Ich möchte morgen früh fit sein.“

Das unangenehme Gefühl, das der kommende Schultag in ihm hervorrief, wuchs mit jeder Minute, genau wie der Sturm, der sich draußen zusammenbraute. Er fürchtete, dass es der schlimmste Schultag seines Lebens werden könnte. Dabei hatte er schon eine ganze Menge richtig mieser Tage erlebt. Das Mindeste, was er jetzt noch tun konnte, war sich ausreichend auszuruhen.

Dad trotte abgeschlagen aus dem Haus. Durch die offene Haustür wehte ein Windstoß bis in alle Ritzen. Kurz darauf brachte er Olivers Kissen und Decke.

„In ein paar Tagen besorgen wir dir ein Bett“, sagte sein Vater, als er alles in der Nische ablegte. Von dem langen Tag im kalten Auto fühlte sich das Bettzeug eisig an.

„Danke“, sagte Oliver, der selbst für das kleinste bisschen Komfort dankbar war.

Seine Eltern löschten die Lichter und gingen die Treppe hinauf. Oliver blieb alleine in der Dunkelheit zurück. Das einzige Licht fiel von der matt erleuchteten Straßenlaterne durch Olivers Fenster.

Der Wind rüttelte an den Fenstern. Oliver spürte förmlich, wie der Sturm draußen an Kraft gewann. Etwas Merkwürdiges lag in der Luft. Er dachte an die Sturmwarnung im Radio. Es hatte ernst geklungen. Die meisten Kinder würden sich davor vielleicht fürchten, aber Oliver fürchtete nur den nächsten Tag in der neuen Schule.

Er setzte sich ans Fenster, legte die Ellbogen auf das Fensterbrett und blickte in den düsteren Himmel. Ein dürrer Baum neigte sich im Wind. Oliver fürchtete, dass er jeden Moment abbrechen könnte. Er konnte beinahe sehen, wie die dünne Barke brach und die schmale Krone vom Wind davongetragen wurde.

Da bemerkte er sie. Gerade als seine Gedanken ihn in seine Traumwelt entführen wollten, entdeckte er die zwei Gestalten, die neben dem Baum standen. Es waren ein Mann und eine Frau, die Oliver so ähnlich sahen, dass man sie für seine Eltern halten konnte. Hand in Hand standen sie da und lächelten ihn freundlich an.

Erschrocken machte Oliver einen Satz zurück. Zum ersten Mal fiel ihm auf, dass seine Eltern ihm kein bisschen ähnlich sahen. Beide hatten dunkles Haar und blaue Augen, genau wie Chris. Oliver hatte hingegen blondes Haar und dunkle Augen.

Plötzlich bezweifelte er, dass seine Eltern wirklich seine Eltern waren. Vielleicht liebten sie ihn deswegen nicht auf die gleiche Art, wie sie Chris liebten. Oliver blickte wieder aus dem Fenster, aber die beiden Gestalten waren verschwunden. Wahrscheinlich hatte er sie sich nur eingebildet.

Aber sie hatten so echt gewirkt!

Und so vertraut.

Wunschdenken, sagte Oliver sich.

Oliver setzte sich auf den Boden und lehnte sich an die kalte Wand in seinem improvisierten Schlafzimmer. Dann zog er die Knie bis an die Brust und deckte sich zu. Er schloss die Augen.

Kurz vor dem Einschlafen überkam ihn ein Gefühl, nein, die Sicherheit, dass sein Leben sich sehr bald ändern würde.

KAPITEL ZWEI

Oliver erwachte voller Unruhe. Sein Körper war steif von der Nacht auf dem kalten, harten Fußboden. Die Decke war nicht annähernd dick genug, dass sie ihn warmgehalten hätte und jetzt saß ihm die Kälte tief in den Knochen. Er war überrascht, dass er überhaupt geschlafen hatte angesichts des kommenden Schultages.

Es war still im Haus. Die anderen schliefen noch. Der matte Sonnenaufgang, der sein Licht durch die Scheibe warf, hatte Oliver geweckt. Er stand auf und schaute nach draußen. Der Sturm hatte die ganze Straße verwüstet; Gartenzäune waren eingerissen, Briefkästen umgeworfen, Müll auf der Straße verteilt. Oliver sah zu dem dürren, schiefen Baum, neben dem er in der Nacht zuvor das freundliche Pärchen gesehen hatte. In ihm hatte sich die Hoffnung festgesetzt, dass er vielleicht gar nicht zu den Blues gehörte, sondern irgendwo auf dieser Welt seine wahren Eltern herumliefen.

Der Baum stand an derselben Stelle, auch wenn er im fahlen Tageslicht noch mickriger wirkte. Von dem Pärchen gab es jedoch keine Spur.

Oliver schüttelte den Kopf. Er musste sie sich wirklich eingebildet haben. Jeder, der einen Bruder wie Chris hatte, wünschte sich vermutlich eine andere Familie.

Da er noch etwas Zeit für sich hatte, bevor die anderen wach wurden, zog er seinen Koffer zu sich. Er öffnete ihn und betrachtete all die kleinen Zahnräder, Drähte, Hebel und Knöpfe, die er für seine Erfindungen gesammelt hatte. Als sein Blick auf die Steinschleuder fiel, lächelte er zufrieden. Noch immer konnte er kaum glauben, dass ihr erster Einsatz ein voller Erfolg gewesen war. Dabei war es nicht einmal Olivers wichtigste Erfindung. Bei Weitem nicht. Seine größte Erfindung war ein bisschen komplizierter und viel bedeutsamer – Oliver arbeitete an etwas, das ihn unsichtbar machte.

Theoretisch war es möglich. Er hatte viel darüber gelesen. Es bedurfte nur zwei wichtiger Komponenten um ein Objekt unsichtbar zu machen. Erstens musste das Licht so um das Objekt herum gebrochen werden, dass es keinen Schatten mehr warf – ähnlich wie bei einem Pool, in dem der Schatten des Schwimmers am Beckenboden merkwürdig gedrungen wirkte. Und zweitens musste man die Lichtreflektion des Objekts eliminieren.

Auf dem Papier erschien das Problem gar nicht unlösbar, aber Oliver war sich bewusst, dass es in der dreidimensionalen Wirklichkeit nicht so einfach war, sonst hätte ja bereits jemand anderes eine Lösung gefunden. Doch das würde ihn nicht davon abhalten, es wenigstens zu versuchen. Wenn er seinem jämmerlichen Leben entkommen wollte, brauchte er diese Erfindung, so lange es auch dauern mochte.

Er griff in seinen Koffer und beförderte eine ganze Sammlung von Materialien heraus, die negativ lichtbrechende Eigenschaften besaßen. Leider hatte er das richtige Material noch nicht gefunden. Dann holte er die kleinen Spiralen aus dünnem Draht, die er zur Erzeugung elektromagnetischer Wellen brauchte, um das Licht auf unnatürliche Weise zu brechen. Leider waren keine dabei, die dünn genug waren. Die Spiralen mussten kleiner als vierzig Nanometer sein, damit es funktionierte. Und das war kleiner, als das menschliche Auge erfassen konnte. Doch Oliver war sich ganz sicher, dass er eines Tages jemanden treffen würde, der ihm helfen würde, die richtigen Materialien zu finden und seine Erfindung herzustellen.

In diesem Moment erschallte der Wecker von Olivers Eltern. Schnell packte er seine Einzelteile ein, bevor Chris aufwachen und zu ihm herunterpoltern würde. Wenn Chris je von seiner Arbeit Wind bekäme, würde er ganz sicher alles zerstören.

Sein Magen knurrte und erinnerte ihn daran, dass Chris sich bald neue Quälereien einfallen lassen würde. Daher beeilte sich Oliver, etwas zu essen in den Bauch zu bekommen.

Er ging an dem kaputten Tisch vorbei in die Küche. Die meisten Regale waren leer. Seine Familie hatte seit dem Umzug noch nicht die Gelegenheit gehabt, frische Lebensmittel einzukaufen. Aber Oliver fand eine Schachtel Frühstücksflocken, die den Umzug überlebt hatte, und eine angebrochene Flasche Milch. Schnell bereitete er sich eine Schüssel zu und schlang sie hinein. Gerade rechtzeitig. Nur wenige Augenblicke später kamen seine Eltern in die Küche.

„Kaffee?“, fragte seine Mutter. Ihre Haare waren durcheinander und ihre Augen sahen müde aus.

Dad nickte nur. Seufzend sah er den kaputten Esstisch an. Dann holte er eine Rolle Klebeband und machte sich daran, das gebrochene Bein wieder zusammenzukleben.

„Dieses Bett bringt mich um“, stöhnte er und rieb sich den Rücken.

Oliver ärgerte sich. Wenigstens hatte er ein Bett! Er selbst musste auf dem Boden in einer kalten Ecke schlafen!

„Ich weiß nicht, wie ich den Tag im Callcenter überstehen soll“, jammerte Olivers Mutter, die mit zwei Tassen Kaffee zum Tisch kam. Vorsichtig stellte sie sie auf dem wackligen Tisch ab.

„Hast du einen neuen Job, Mom?“, fragte Oliver.

Für seine Eltern war es fast unmöglich, Vollzeit zu arbeiten, da sie ständig umziehen mussten. Und wenn sie gar keinen Job hatten, war es noch schwieriger für sie, den Alltag zu meistern. Wenn Mom eine Arbeit hatte, bedeutete das, dass sie etwas mehr Essen bekamen, bessere Kleidung und sogar ein bisschen Taschengeld. Dann konnte Oliver neue Teile für seine Erfindungen kaufen.

„Ja“, sagte sie lächelnd. „Wir haben beide neue Jobs gefunden. Aber wir haben lange Tage vor uns. Heute werden wir eingearbeitet, aber ab morgen müssen wir in der Spätschicht arbeiten. Das heißt, dass wir an den Nachmittagen nicht zu Hause sein können. Aber keine Sorge, Chris wird sich um dich kümmern.“

Olivers Magen war wie zugeschnürt. Lieber wäre er alleine zu Hause als mit Chris.

Wie auf sein Stichwort polterte Chris in die Küche. Er war an diesem Morgen der einzige Blue, der frisch und ausgeschlafen aussah. Er streckte sich und gähnte theatralisch. Dabei rutschte sein T-Shirt so hoch, dass sein blassrosa Bauchnabel zu sehen war.

„Guten Morgen, wunderbare Familie“, sagte er mit einem breiten Grinsen. Dann legte er seinen Arm um Olivers Kopf und zog ihn fest an sich. Was wie brüderliche Zuwendung aussah, war Olivers erste schmerzhafte Erfahrung des Tages. „Wie geht es dir, du Wurm? Freust du dich schon auf die Schule?“

Oliver bekam kaum noch Luft, so fest hatte Chris ihn im Schwitzkasten. Wie immer ignorierten seine Eltern die Schikane.

„Kann’s kaum… erwarten“, keuchte Oliver.

Dann ließ sein Bruder los und setzte sich.

Mom brachte einen Stapel Toast mit Butter und Stellte ihn mitten auf den Tisch. Dad nahm sich eine Scheibe und Chris die anderen. Damit war für Oliver nichts mehr übrig.

„Hey!“, rief Oliver. „Habt ihr das gesehen?“

Mom warf einen Blick auf den leeren Teller und seufzte. Dann sah sie Dad an. Offensichtlich erwartete sie, dass er das Problem löste, aber der zuckte nur mit den Schultern.

Oliver ballte die Fäuste. Es war so ungerecht! Wenn er das nicht schon geahnt hätte, wäre er dank seines Bruders wieder leer ausgegangen. Aber noch wütender machte ihn, dass seine Eltern sich nie für ihn einsetzten. Nein, sie schienen nicht einmal zu bemerken, wie oft er hungern musste.

„Lauft ihr zusammen zur Schule?“, fragte Mom, die damit das Thema beendete.

„Geht nicht“, sagte Chris mit vollem Mund. „Wenn ich mit diesem Troll gesehen werde, will niemand mehr mit mir befreundet sein.“

Dad hob den Kopf. Einen Augenblick dachte Oliver, dass er Chris für die ständigen Beleidigungen zurechtweisen würde, aber dann entschied er sich dagegen, seufzte und blickte wieder auf seinen Teller.

Oliver knirschte mit den Zähnen, um seine Wut unter Kontrolle zu halten.

„Mir egal“, sagte er. „Ist mir eh lieber, wenn du hundert Meter Sicherheitsabstand hältst.“

Chris lachte dreckig.

„Ach Jungs, seid doch nicht so…“, sagte Mom schwach.

Als die Eltern nicht hinschauten, hob Chris wieder einmal drohend die Faust.

Nach dem Frühstück machten sich alle fertig und verließen das Haus.

Oliver beobachtete, wie seine Eltern in den kleinen, ramponierten Wagen stiegen und davon fuhren. Chris stampfte ohne ein weiteres Wort los, die Hände in den Taschen vergraben, das Gesicht zu einem spöttischen Grinsen verzogen. Oliver wusste, wie wichtig es für seinen Bruder war, von Anfang an alle einzuschüchtern. Diese Ausstrahlung war sein Schutzschild, seine Art, mit dem ständigen Schulwechsel zurechtzukommen und sich mitten im Schuljahr in eine neue Gruppe einzufügen. Oliver war leider zu klein und zu schmächtig um irgendjemanden einzuschüchtern.

Chris ging so schnell, dass Oliver ihn bald nicht mehr sehen konnte und alleine den Weg durch die unbekannten Straßen finden musste. Er fühlte sich nicht besonders wohl dabei. Die Gegend wirkte nicht gerade freundlich. Ständig sprangen Zähne fletschende Hunde gegen halb zusammengefallene Gartenzäune und laute, klapprige Autos rasten über die Schlaglöcher der Straßen, ohne sich um Fußgänger zu scheren.

Als die Campbell Junior High School in Sicht kam, lief es Oliver kalt den Rücken hinunter. Das graue, viereckige Gebäude mit der heruntergekommenen Fassade sah kalt und unfreundlich aus. Jegliche Rasenflächen waren unter bröckeligem Asphalt begraben, ein kaputter Basketballkorb baumelte leblos an einer Wand. Die Kinder rempelten sich gegenseitig an und zankten sich um einen alten Ball. Dabei machten sie einen ohrenbetäubenden Lärm, der Oliver bereits aus der Ferne eine Gänsehaut einjagte.

Oliver wollte am liebsten umdrehen und weglaufen, aber er schluckte seine Furcht herunter und ging mit hängendem Kopf und in den Taschen vergrabenen Händen über den Pausenhof zur großen Glastür.

In den Gängen der Campbell Junior High war es dunkel. Es roch nach Chlor, obwohl der Boden aussah, als wäre er seit Jahrzehnten nicht mehr geputzt worden. Oliver folgte dem Schild zum Sekretariat. Dort saß eine gelangweilt und gleichzeitig genervt aussehende Frau mittleren Alters, die mit ihren langen Fingernägeln auf einer Computertastatur herumtippte.

„Entschuldigen Sie“, begann Oliver.

Keine Antwort.

Er räusperte sich und versuchte es noch einmal, diesmal etwas lauter.

„Entschuldigen Sie bitte, ich bin ein neuer Schüler. Heute ist mein erster Tag.“

Langsam drehte sie den Kopf vom Computer weg, hin zu Oliver. Sie kniff die Augen zusammen. „Ein neuer Schüler?“, fragte sie ungläubig. „Es ist Oktober, junger Mann.“

„Ich weiß“, sagte Oliver. Das brauchte sie ihm nicht sagen. „Meine Familie ist gerade hierher gezogen. Ich bin Oliver Blue.“

Sie sah ihn einen Augenblick stumm an. Dann wandte sie sich wieder dem Computer zu und tippte etwas ein. Ihre Fingernägel klickten laut auf den Tasten.

„Blue“, sagte sie. „Blue. Blue. Blue. Ach, hier. Christopher John Blue. Achte Klasse.“

„Nein, das ist mein Bruder“, entgegnete Oliver. „Ich heiße Oliver Blue.“

„Ich habe hier keinen Oliver“, sagte sie ausdruckslos.

„Doch… ich bin hier.“ Oliver lächelte unsicher. „Ich muss doch irgendwo auf der Liste stehen.“

Die Sekretärin sah ihn wieder genervt an. Das machte ihn nur noch nervöser. Sie tippte wieder, dann seufzte sie.

„Okay, hier. Oliver Blue, sechste Klasse.“ Sie drehte sich auf ihrem Bürostuhl zu einem Regal um und knallte einen dicken Stapel Papiere auf den Tisch. „Hier, Willkommenspaket, Stundenplan, wichtige Kontakte, et cetera. Alles hier drin.“ Sie tippte mit einem leuchtend roten Fingernagel auf den Stapel. „Erste Stunde: Englisch.“

„Das ist gut. Englisch spreche ich fließend.“ Oliver grinste matt über seinen eigenen Witz und nahm den dicken Ordner an sich. Für eine Sekunde verzog die Sekretärin einen Mundwinkel zu so etwas wie einem Lächeln. Dann wurde Oliver klar, dass es nichts mehr zu klären gab, und sie nur darauf wartete, dass er wieder verschwand. Er klammerte den Ordner fest an sich und ging langsam aus dem Büro.

Auf dem Gang legte er alles auf eine kleine Bank und suchte seinen Stundenplan und einen Plan vom Schulgelände heraus. Er musste in den dritten Stock, also ging er zu den Treppen. Dort drängten sich jede Menge Kinder aneinander vorbei. Oliver wurde mit der Menge mitgerissen. Die dichte Masse von Körpern ließ ihm keine Wahl als sich mit dem Strom aufwärts treiben zu lassen. Nur mit Mühe konnte er sich im dritten Stockwerk aus der Flut von Kindern herauslösen.

Schwer atmend stand er schließlich im richtigen Gang. Das war keine Erfahrung, die er mehrmals am Tag machen wollte.

Bald fand Oliver das richtige Klassenzimmer. Er warf einen schüchternen Blick durch das eckige Fenster in der Tür. Das Zimmer war bereits voll. Sein Magen überschlug sich bei dem Gedanken, gleich vor all diesen Kindern stehen zu müssen und ihre prüfenden, urteilenden Blicke über sich ergehen zu lassen. Er atmete noch einmal tief durch, öffnete die Tür und trat ein.

Er hatte diesen Moment oft genug erlebt um zu wissen, wie unangenehm es war, als Neuer vor eine Horde wilder Schüler zu stehen. Er versuchte, sich seine Angst nicht anmerken zu lassen.

„Wer bist du?“, fragte eine strenge Stimme.

Oliver drehte sich um und sah einen alten Mann mit weißen Haaren an seinem Pult sitzen.

„Ich bin Oliver. Oliver Blue. Ich bin neu hier.“

Der Lehrer hob die Augenbrauen. Seine Augen waren dunkel und misstrauisch. Er sah Oliver unangenehm lange an. Das ließ Oliver noch nervöser werden, denn jetzt waren absolut alle in der Klasse auf ihn aufmerksam geworden.

Sie sahen ihn neugierig an, als wäre er ein Zirkuspferd.

„Ich wusste gar nicht, dass ich noch einen bekomme“, sagte der Lehrer schließlich abschätzig. „Wäre schön gewesen, wenn mir das jemand gesagt hätte.“ Sein mattes Seufzen erinnerte Oliver an seinen Vater. „Dann such dir mal einen Platz.“

Eilig ging Oliver zu einem freien Platz. Er versuchte, sich so klein wie möglich zu machen, um sich vor den Blicken der anderen zu verstecken. Aber natürlich konnte er das nicht. Als Neuankömmling war er die Attraktion des Tages.

Nachdem sich alle Stühle gefüllt hatten, begann der Lehrer mit dem Unterricht.

„Wir machen an der Stelle weiter, an der wir beim letzten Mal aufgehört haben“, sagte er. „Grammatikregeln. Wer kann Oskar erklären, worum es zuletzt ging?“

Alle begannen über zu lachen.

Oliver spürte, wie sich sein Hals zuschnürte. „Entschuldigung, mein Name ist Oliver, nicht Oskar.“

Der Lehrer sah ihn wütend an. Oliver sah sofort, dass er nicht der Typ Erwachsener war, der sich von einem Kind verbessern ließ.

„Wenn du sechsundsechzig Jahre lang mit einem Namen wie Portendorfer gelebt hast“, hob er an, „hast du dich hoffentlich daran gewöhnt, dass die Leute dich mit dem falschen Namen ansprechen. Portendoofer, Portenworten, ich kenne sie alle. Also, Oskar, ich schlage vor, du findest dich einfach direkt damit ab.“

Oliver lief rot an und zog den Kopf ein. Auch die anderen Kinder schienen über diesen Ausbruch erschrocken zu sein. Keiner lachte. Mr. Portendorfers Reaktion hätte jedes Kind eingeschüchtert, aber bei dem Neuling hatte es doppelt gesessen. Nach der schlecht gelaunten Sekretärin und dem cholerischen Lehrer fragte sich Oliver, ob es nicht wenigstens eine freundliche Person an dieser Schule gab.

Mr. Portendorfer begann seinen Vortrag über Pronomen und Oliver wagte kaum, sich zu rühren. Glücklicherweise ließ der Lehrer ihn für den Rest der Stunde in Frieden. Doch als die Schulglocke eine Stunde später läutete, fühlte Oliver sich immer noch erniedrigt. Niedergeschlagen machte er sich auf die Suche nach dem nächsten Klassenzimmer. Als er es gefunden hatte, machte er sich schnurstracks auf den Weg in die letzte Reihe. Wenn der Englischlehrer nichts von einem neuen Schüler wusste, dann wusste der Mathematiklehrer bestimmt auch nicht, dass Oliver heute neu in die Klasse kam. Vielleicht konnte er sich für die nächste Stunde einfach unsichtbar machen.

Zu Olivers Erleichterung ging sein Plan auf. Still und anonym saß er wie ein von Algebra besessener Geist zwischen den anderen Schülern. Doch auch das fühlte sich nicht an, als wäre es die Lösung seiner Probleme. Ihn überhaupt nicht zu bemerken war fast genauso schlimm wie ihn zu erniedrigen. Oliver fühlte sich unsichtbar.

Als die Glocke wieder läutete, war Pause. Oliver ging den anderen hinterher in die Aula. Der Schulhof hatte ihm bereits ein mulmiges Gefühl gemacht, aber hier im Speisesaal ging es noch schlimmer zu. Die Kinder benahmen sich wie wilde Tiere. Ihre schrillen Stimmen hallten von der hohen Decke wider. Der Lärm war unerträglich. Mit eingezogenem Kopf stellte er sich an der Essensschlange an.

Rumms.

Oliver prallte gegen einen riesigen Körper. Langsam hob er den Kopf.

Zu seiner Überraschung sah er Chris vor sich. Neben ihm bauten sich drei Jungen und ein Mädchen auf, alle mit dem gleichen, finsteren Gesichtsausdruck. Spießgesellen war das erste Wort, das Oliver in den Sinn kam.

„Du hast schon Freunde?“, sagte Oliver und versuchte, dabei nicht allzu überrascht zu klingen.

Chris sah ihn aus schmalen Augen an. „Nicht jeder ist so ein asozialer Freak wie du.“

Sofort wurde ihm klar, dass das keine freundliche Begegnung werden würde – Oliver war nicht überrascht.

Chris sah seine neuen Freunde an. „Dieses Würstchen ist mein Bruder Oliver“, verkündete er und lachte. „Er schläft in einer Nische im Wohnzimmer.“

Die Bullys lachten.

„Er ist gut zum Schubsen, Kicken, Einklemmen und – mein persönlicher Favorit…“ Er schnappte Oliver, drückte ihm seine Knöchel in den Schädel und rubbelte hin und her. „Hirnmassage.“

Oliver versuchte, sich gegen den Griff seines Bruders zu wehren und dachte daran, wie er das Tischbein mit seinem Willen gebrochen hatte. Er wünschte, er könnte diese Kräfte jetzt aktivieren, aber er hatte keine Ahnung, wie er das schaffen sollte. Gestern hatte er sich einfach nur vorgestellt, wie es passierte. Was das der Trick? Seine Vorstellungskraft?

Er versuchte sich vorzustellen, wie er sich von Chris losriss, doch es war vergeblich. Seine neuen Freunde sahen Chris amüsiert zu, wie er seinen Bruder malträtierte.

Irgendwann ließ er schließlich los und Oliver taumelte rückwärts. Sein Kopf brannte und seine Haare standen in alle Richtungen. Aber noch schlimmer als der physische Schmerz stach ihn die Enttäuschung, dass er seine Kräfte nicht aktivieren konnte. Vielleicht hatte er sie sich doch nur eingebildet.

Das Mädchen hinter Chris sah grinsend auf ihn hinab. „Kann kaum erwarten, dich besser kennenzulernen, Oliver.“ Ihr Tonfall machte klar, dass sie ihm nicht besonders freundlich gesinnt war.

Oliver hatte geahnt, dass die anderen auf ihm herumhacken würden. Er hätte wissen müssen, dass sein Bruder der Schlimmste von allen war.

Wütend drückte er sich an dem Terrortrupp vorbei und stellte sich wieder in die Essensschlange. Seufzend nahm er sich ein Käsesandwich und ging damit zur Toilette. Wenn er sich dort einsperrte, war er wenigstens sicher.

*

Nach der Pause hatte Oliver Physik. Es dauerte eine Weile, bis er den richtigen Raum gefunden hatte. Er ging davon aus, dass die Stunde auch nicht besser wäre als die ersten beiden.

Als er endlich die richtige Tür gefunden hatte, klopfte er vorsichtig an. Die Lehrerin war jünger, als Oliver vermutet hatte. Seiner Erfahrung nach waren Physiklehrer alt und merkwürdig, aber Mrs. Belfry sah überhaupt nicht merkwürdig aus. Sie hatte lange, glatte Haare, die fast die gleiche Farbe hatten, wie ihr braunes Baumwollkleid. Sie öffnete die Tür und lächelte Oliver an. Schüchtern trat er ein.

„Hallo“, sagte Mrs. Belfry. „Du musst Oliver sein.“

Er nickte. Obwohl noch keine anderen Kinder da waren, fühlte er sich auf einmal eingeschüchtert. Wenigstens wusste diese Lehrerin von ihm.

„Ich freue mich, dass du zu uns kommst“, sagte Mrs. Belfry und hielt Oliver die Hand hin.

Diese Begrüßung hatte Oliver nicht erwartet, nach allem, was er bisher an der Campbell Junior High erlebt hatte. Er nahm ihre Hand und schüttelte sie sanft. Sie war warm und weich. Oliver entspannte sich ein wenig.

„Hattest du schon die Gelegenheit, dich etwas einzulesen?“, fragte Mrs. Belfry.

Mit großen Augen sah er sie an. „Ich wusste nicht, dass es etwas zu lesen gab“, sagte er entschuldigend.

„Ist schon in Ordnung“, sagte sie besänftigend und lächelte wieder. „Keine Sorge, wir sprechen gerade über einige Wissenschaftler und wichtige Persönlichkeiten.“ Sie zeigte auf eine Schwarz-Weiß Fotografie an der Tafel. „Das ist Charles Babbage, er hat den…“

„…Taschenrechner erfunden“, ergänzte Oliver.

Begeistert klatschte sie in die Hände. „Du weißt ja schon bescheid!“

Oliver nickte. „Ja. Man nennt ihn auch den Vater des Computers, weil er den Grundstein für die spätere Erfindung gelegt hat.“ Oliver sah sich das nächste Bild an. „Und das ist James Watt, der Erfinder des Dampfmotors.“

Mrs. Belfry nickte. Sie machte ein beeindrucktes Gesicht. „Ich habe das Gefühl, dass wir beiden ganz wunderbar miteinander auskommen werden, Oliver.“

In diesem Moment ging die Tür auf und Olivers Klassenkameraden kamen herein. Er schluckte seine Angst hinunter, die sofort wieder hochgekocht war.

„Warum suchst du dir nicht einen guten Platz aus, bevor alle belegt sind?“, schlug Mrs. Belfry vor.

Er nickte und setzte sich auf einen Stuhl am Fenster. Wenn ihm alles zu viel wurde, konnte er hinausschauen und sich an einen anderen Ort wünschen. Von hier aus hatte er einen fabelhaften Blick über das Viertel mit all seinen Schrotthalden und kargen Bäumen. Die Wolken am Himmel sahen noch dunkler aus als am Morgen. Sie machten Oliver ein mulmiges Gefühl. Die anderen Kinder waren laut und rabiat. Mrs. Belfry schaffte mit Mühe, dass alle sich hinsetzten und zuhörten.

„Heute reden wir über ein paar großartige Erfinder aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Weiß irgendjemand, wer das hier ist?“

Sie hielt ein altes Foto von einer Frau in die Höhe, über die Oliver in seinem Buch gelesen hatte. Katharine Blodgett hatte die Gasmaske erfunden, den Rauchvorhang und nichtreflektives Glas, das für U-Boot Periskope verwendet wurde. Nach Armando Illstrom war Katharine Blodgett Olivers zweite Lieblingswissenschaftlerin, weil ihre technologischen Erfindungen absolut faszinierend waren.

Oliver merkte, dass Mrs. Belfry ihn erwartungsvoll ansah. Wahrscheinlich vermutete sie, dass er genau wusste, wer auf dem Bild zu sehen war. Nachdem sein Tag bisher nicht allzu gut gelaufen war, wollte er sich nicht zu Wort melden. Seine Klassenkameraden würden ihn sonst gleich als Streber abstempeln.

Mrs. Belfry nickte ihm jedoch aufmunternd zu. Widerwillig antwortete er.

„Das ist Katharine Blodgett“, sagte er schließlich.

Mrs. Belfry lächelte zufrieden, was ihre sympathischen Grübchen in der Wange zum Vorschein brachte. „Das ist richtig, Oliver. Kannst du auch erklären, wer sie war? Was hat sie erfunden?“

Oliver hörte jemanden kichern. Es ging also wieder los.

„Sie war eine Wissenschaftlerin im Zweiten Weltkrieg. Sie hat eine Menge nützlicher Dinge erfunden, wie Periskope für U-Boote und Gasmasken, die viele Menschenleben gerettet haben.“

Mrs. Belfry war begeistert.

„FREAK“, rief jemand aus der letzten Reihe.

„Spar dir deine Kommentare, Paul“, sagte Mrs. Belfry streng. Dann drehte sie sich um und begann Informationen über Katharine Blodgett an die Tafel zu schreiben.

Oliver lächelte. Abgesehen von der netten Bibliothekarin, die ihm das Buch geschenkt hatte, war Mrs. Belfry die netteste Person, die er je getroffen hatte. Ihre Begeisterung wirkte auf ihn wie ein Schutzschild, an dem alle gemeinen Kommentare aus der Klasse abprallten. Er fühlte sich so zufrieden, wie seit Tagen nicht mehr. Entspannt lehnte er sich zurück.

*

Viel zu bald verkündete die Schulglocke das Ende der Stunde. Alle sprangen auf und rannten aus dem Zimmer. Oliver packte langsam seine Sachen ein und ging zur Tür.

„Oliver, ich bin wirklich beeindruckt, was du alles weißt“, sagte Mrs. Belfry, als sie ihm auf dem Gang begegnete. „Woher weißt du so viel über diese Wissenschaftler?“

„Ich habe ein Buch über Erfinder, das ist sehr interessant. Irgendwann will ich auch ein Erfinder werden.“

„Hast du denn schon etwas erfunden?“, fragte sie interessiert.

Er nickte, wollte aber nichts von seinem Unsichtbarkeitsumhang erzählen. Was, wenn sie ihn auslachte? Er konnte den Gedanken nicht ertragen.

„Das ist wirklich wundervoll, Oliver“, sagte sie aufmunternd. „Es ist sehr wichtig, nach seinen Träumen zu greifen. Welchen Erfinder magst du am liebsten?“

Oliver sah Armando Illstroms Gesicht vor sich.

„Armando Illstrom“, sagte er entschlossen. „Er ist zwar nicht sehr bekannt, aber er hat ein paar richtig coole Sachen erfunden. Er hat sogar an einer Zeitmaschine gearbeitet.“

„Wirklich? Eine Zeitmaschine?“, fragte Mrs. Belfry mit hochgezogenen Augenbrauen. „Das ist aber aufregend!“

Oliver nickte. „Seine alte Fabrik liegt nicht weit von hier. Ich dachte, ich schaue sie mir mal an.“

„Das solltest du wirklich tun“, sagte Mrs. Belfry und lächelte ermutigend. „Als ich in deinem Alter war, habe ich Physik geliebt. Die anderen Kinder haben mich damit immer aufgezogen, weil sie nicht verstehen konnten, dass ich lieber Schaltkreise baute als mit Barbies zu spielen. Eines Tages kam mein Lieblingswissenschaftler in unsere Stadt, um eine Folge seiner Wissenssendung zu drehen. Ich hatte hinterher die Gelegenheit mit ihm zu reden und er hat mir damals gesagt, dass ich meine Leidenschaft niemals aufgeben sollte. Auch wenn andere es komisch fanden, ich bin immer meinen Träumen gefolgt. Hätte ich damals nicht mit ihm geredet, wäre ich heute vielleicht nicht hier. Du darfst nicht unterschätzen, wie wichtig aufmunternde Worte sind von einer Person, die du verehrst. Besonders wenn dir sonst niemand Mut zuspricht.“

Mrs. Belfrys Worte trafen Oliver mitten ins Herz. Zum ersten Mal seit langem fühlte er sich beschwingt und lebendig. Jetzt hatte er fest vor, die Fabrik zu finden und seinen Helden persönlich zu treffen.

„Danke, Mrs. Belfry“, sagte er grinsend. „Bis zum nächsten Mal!“

Und damit sprang er den Gang hinunter. „Folge deinem Traum!“, hörte er Mrs. Belfry hinter sich rufen.

KAPITEL DREI

Oliver kämpfte sich gegen die starken Sturmböen zur Bushaltestelle. Dabei konzentrierte er sich auf den einzigen Lichtblick, der ihm in diesem trostlosen, neuen Kapitel seines Lebens geblieben war: Armando Illstrom. Wenn er die Fabrik und den Erfinder wirklich ausfindig machen könnte, wäre sein Leben nicht mehr so trostlos. Vielleicht würde er in Armando Illstrom einen Verbündeten finden. Jemand, der an einer Zeitmaschine gearbeitet hatte, würde bestimmt mit einem Jungen auskommen, der versuchte, sich unsichtbar zu machen. Einer wie Armando würde ganz sicher mit Olivers Eigenarten klarkommen. Wahrscheinlich wäre er noch viel verschrobener als Oliver selbst!

Oliver kramte in seiner Tasche und holte einen Zettel heraus, auf den er die Adresse der Fabrik gekritzelt hatte. Sie war weiter von der Schule entfernt, als er zuerst gedacht hatte. Er würde ein paar Stationen mit dem Bus fahren müssen. In seiner anderen Tasche suchte er nach Kleingeld und stellte fest, dass er gerade noch genug Geld vom Mittagessen übrig hatte. Erleichtert stellte er sich an die Bushaltestelle.

Während er wartete, tobte der Wind unablässig. Wenn es noch schlimmer wurde, würde er bald nicht mehr gerade stehen können. Auch die anderen Leute schoben sich nur mit Mühe an dem kleinen Bushäuschen vorbei durch den Wind. Hätte sein erster Schultag ihn nicht so ausgelaugt, würde er über den Anblick lachen, aber jetzt hielt ihn nur noch der Gedanke an die Fabrik auf den Beinen.

Als der Bus schließlich kam, stieg Oliver schnell ein. Er war ebenso heruntergekommen wie die meisten Autos in diesem Viertel. Im Bus roch es nach kaltem Fritteusenfett und Zwiebeln. Sein Magen knurrte, was ihn daran erinnerte, dass er wahrscheinlich wieder das Abendessen verpassen würde. Vielleicht war es doch nicht so schlau gewesen, sein letztes Geld für den Bus anstatt für etwas zu Essen auszugeben, doch der Gedanke an Armandos Fabrik war Olivers ganzer Antrieb. Welche Hoffnung hätte er noch, wenn er jetzt nicht wenigstens versuchte, die Fabrik zu finden?

Der Bus rumpelte über die Straßen. Melancholisch sah Oliver aus dem Fenster. Mülltonnen lagen achtlos auf der Seite, ihre Inhalte waren vom Wind überall verteilt. Die Wolken waren so finster, dass sie beinahe schwarz waren.

Langsam waren die Straßen dünner besiedelt und die Gegend wirkte noch verlassener. Die wenigen Gebäude wirkten noch baufälliger. Immer wieder hielt der Bus an, um Fahrgäste aussteigen zu lassen. Diesmal war es eine erschöpft aussehende Mutter mit ihrem quengelnden Baby. Als der Bus wieder anfuhr, stellte Oliver fest, dass außer ihm niemand mehr mitfuhr. Die Stille wurde ihm unheimlich.

Schließlich fuhren sie an einer Haltestelle vorbei, deren Schild verrostet und verblichen war. Schnell stellte Oliver fest, dass er hier richtig war. Er rannte nach vorne zum Fahrer.

„Kann ich bitte hier aussteigen?“, fragte er.

Der Fahrer sah ihn mit müden, roten Augen an. „Drück auf Stopp.“

„Meinen Sie, ich soll…“

„Wenn du aussteigen willst, musst du den Knopf drücken“, wiederholte er.

Seufzend drückte Oliver auf die rote Taste und eine Glocke ertönte. Mit erhobenen Augenbrauen sah er den Fahrer an. „Kann ich jetzt aussteigen?“

„An der nächsten Haltestelle.“

Oliver war frustriert. „Ich muss aber hier aussteigen!“

„Dann hättest du früher drücken sollen.“

Verärgert ballte Oliver die Fäuste. Dann merkte er, wie der Bus langsamer wurde und neben einem Schild hielt, dass nur noch ein rostiges Rechteck war. Quietschend öffneten sich die Türen.

„Vielen Dank auch“, murmelte Oliver und stieg rasch aus. Auch aus der Nähe konnte er nicht lesen, was einst auf dem Schild gestanden hatte. Nur die Spitzen einiger Buchstaben ließen erahnen, dass die Schrift sehr altmodisch war.

Der Bus verschwand in einer Wolke aus Abgas. Sofort wurde Oliver bewusst, wie einsam und verlassen er jetzt war. Doch sowie er sich umdrehte, erschien ein sehr vertraut aussehendes Gebäude vor ihm. Es war das Gebäude aus seinem Buch! Er hatte Armando Illstroms Fabrik gefunden! Er hätte sie überall erkannt. Die Bushaltestelle musste damals, zur Blütezeit der Fabrik, den Arbeitern gedient haben. Jetzt war Oliver dankbar, dass der Busfahrer sich so stur gezeigt und ihn an genau der richtigen Stelle abgesetzt hatte.

Nur dass das Gebäude um einiges verfallener war, als Oliver gedacht hätte. In der langgezogenen Gebäudefront waren mehrere Fenster eingeschlagen. Es brannte kein einziges Licht und Oliver hatte nicht den Eindruck, dass sich irgendjemand dort aufhielt.

Was, wenn Armando doch bereits gestorben war? Ein Erfinder, der zur Zeit des Zweiten Weltkrieges gearbeitet hatte, musste inzwischen wahnsinnig alt sein. Die Wahrscheinlichkeit, dass er nicht mehr am Leben war, war nicht gerade gering. Was würde Oliver machen, wenn er ihn nicht antreffen würde?

Ein Anflug von Verzweiflung wallte in ihm auf, als er auf das marode, alte Gebäude zuging. Aus der Nähe sah er, dass sämtliche Fenster im Erdgeschoss mit Brettern vernagelt waren. Eine riesige Eisentür, die einst der Haupteingang war, war mit einem dicken Schloss gesichert. Wie sollte er jetzt hineingelangen?

Langsam ging er an der Außenwand entlang, wobei er sich durch einen Dschungel von Brennnesseln und Efeu schlagen musste. An einem Fenster entdeckte er einen Spalt zwischen den Brettern. Er blickte hinein, aber es war zu dunkel um etwas zu erkennen. Immer weiter ging er, bis er an der Rückseite der Fabrik angekommen war. Dort befand sich ein weiterer Eingang. Anders als der Haupteingang, war dieser Hintereingang nicht abgesperrt. Im Gegenteil, sie stand sogar einen Spalt offen.

Mit klopfendem Herzen schob er sie weiter auf. Sie ließ sich nur langsam und schwerfällig bewegen. Dabei knarrte das verrostete Metall laut. Das war kein gutes Zeichen, dachte Oliver enttäuscht. Wenn man sie auch nur hin und wieder benutzte, dürfte sie nicht so eingerostet sein.

Dennoch drückte sich Oliver durch den Spalt hinein und fand sich auf einmal mitten in der Fabrik wieder. Seine Schritte hallten, es war pechschwarz und Olivers Augen brauchten ein paar Augenblicke, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Er schien jedoch auf einmal viel intensiver hören und riechen zu können, was das fehlende Augenlicht kompensierte. Es roch nach Staub und Metall, wie es für verlassene Häuser typisch war.

Mit angehaltenem Atem wartete er darauf, endlich besser sehen zu können. Langsam tastete er sich voran. Bald konnte er ein großes Gerät aus Holz und Metall ausmachen, das ihn an einen überdimensionalen Kochtopf erinnerte.

Er berührte die Seite und der Topf begann in seiner Metallfassung zu schwingen wie ein Pendel. Gleichzeitig drehte es sich. Oliver vermutete, dass es etwas mit der Kartierung des Sonnensystems und der Platzierung der einzelnen Planeten zu tun haben könnte, die um verschiedene Achsen rotierten. Was genau der Zweck dieses Geräts war, war ihm jedoch schleierhaft. Er ging weiter und fand bald das nächste merkwürdige Objekt. Es bestand aus einer Reihe von Metallstreben mit einer Art mechanischem Arm und einem Greifer in Form einer Hand. Oliver drehte an einem schweren Rad und der Arm begann, sich zu bewegen.

Sieht aus wie ein Arcade-Spiel, dachte Oliver.

Es bewegte sich wie einer dieser mechanischen Arme bei den Geräten, mit denen Kinder für eine Münze versuchen konnten, ein Spielzeug aus einem Glaskasten zu fischen. Nur dass dieses Gerät viel größer und bestimmt auch stärker war.

Oliver berührte die Finger der Greifhand. Sie hatten die gleiche Anzahl an Gelenken wie eine echte Hand und jedes Gelenk war erstaunlich beweglich. Oliver fragte sich, ob Armando Illstrom versucht hatte, einen Roboter zu bauen. Er hatte viel darüber gelesen; Roboter mit menschlichen Gliedmaßen, die dazu konzipiert wurden, bestimmte Bewegungen auszuführen, wie tippen oder stapeln.

Oliver ging weiter. Überall fand er großartige Maschinen, die still standen wie erstarrte Riesen. Die meisten waren aus Holz und Metall und bestanden aus vielen kleinen Einzelteilen wie Zahnräder, Drahtseile, Hebel und Flaschenzüge. Alles war mit Spinnweben und Staub überzogen. Oliver versuchte ein paar davon in Gang zu setzen und scheuchte dabei mehrere Insekten auf, die sich in den Nischen und Kanten der Maschinen eingenistet hatten.

Doch seine Begeisterung schwand, als Oliver bewusst wurde, dass die gesamte Fabrik tatsächlich verlassen und halb verfallen war. Der Staubschicht nach zu schließen war seit Jahrzehnten keiner mehr hier gewesen.

Mit zunehmendem Unbehagen eilte Oliver durch die ganze Fabrik und warf in jeden Raum einen kurzen Blick. Nichts deutete darauf hin, dass außer ihm noch jemand in dem riesigen Gebäude war. Hoffnungslos stand er in einer finsteren Lagerhalle, umgeben von den Hinterlassenschaften eines Mannes, den er zwar verehrte, aber niemals treffen würde. Dabei brauchte er Armando Illstrom so sehr. Er brauchte einen Retter, der ihm aus seiner Verzweiflung holen würde.

Aber das war nur ein Traum.

Und dieser Traum war gerade geplatzt.

*

Die gesamte Rückfahrt über rang Oliver mit seiner Enttäuschung. Er war sogar zu deprimiert um in seinem Buch zu lesen.

Als er an der richtigen Haltestelle angekommen war, stieg er auf die regennasse Straße. Schnell hatte der Regen ihn durchweicht, doch Oliver fühlte sich so niedergeschlagen, dass er es kaum wahrnahm.

Zu Hause angekommen fiel ihm wieder ein, dass er noch keinen eigenen Schlüssel zu seinem neuen Zuhause bekommen hatte. Er hatte keine andere Wahl als anzuklopfen und sich auf das gefasst zu machen, was ihn dort erwartete.

Die Tür wurde fast sofort geöffnet und Chris stand mit einem dämonischen Grinsen vor ihm.

„Du kommst zu spät zum Essen“, sagte er schadenfroh. „Mom und Dad sind fast ausgeflippt.“

Hinter Chris ertönte die schrille Stimmer seiner Mutter: „Ist er das? Ist das Oliver?“

„Ja! Und er sieht aus wie eine nasse Ratte!“, rief Chris zurück.

Oliver konnte ihm ansehen, dass er sich auf die Standpauke freute, die er von seinen Eltern bekommen würde. Er drückte sich an Chris vorbei und hinterließ kleine Pfützen im Gang.

Mom kam ihm entgegen und starrte ihn an, Oliver konnte nicht sagen, ob Wut oder Erleichterung in ihrem Blick zu lesen war.

„Hi Mom“, sagte er schwach.

„Wo hast du gesteckt? Sieh dich nur an!“

Falls sie wirklich erleichtert war, ihn zu Hause zu haben, dann konnte sie das gut verbergen. Jedenfalls nahm sie ihn nicht in den Arm. Das tat sie eigentlich nie.

„Ich musste nach der Schule noch etwas erledigen“, sagte Oliver ausweichend und zog seinen nassen Pullover aus.

„Streberklasse?“, stichelte Chis.

Mom streckte die Hand nach dem nassen Pullover aus. „Gib den her, ich wasche ihn. Jetzt komm endlich rein, dein Essen wird kalt.“ Sie seufzte.

Sie drängte Oliver durchs Wohnzimmer, aber er merkte sofort, dass seine Sachen nicht mehr dort waren, wo er sie hinterlassen hatte. Jemand hatte sie bewegt. Zuerst dachte er, dass es an der Matratze lag, die sein Vater anscheinend für ihn in die Nische geschleppt hatte und dann alles einfach darauf abgelegt hatte, aber dann sah er die Steinschleuder zerbrochen auf seiner Decke liegen und den Deckel seines Koffers offenen stehen. Voller Schreck fiel sein Blick auf die Rädchen und Materialien, die völlig verbogen und verdreht auf dem Boden verteilt waren und aussahen, als wäre jemand darauf herumgetrampelt. Sein geheimes Projekt!

Er wusste sofort, dass Chris es getan hatte. Wütend funkelte er ihn an. Sein Bruder machte ein unschuldiges Gesicht. Bestimmt hatte er sich auf Olivers Reaktion gefreut.

„Du warst das!“, zischte Oliver.

Chris steckte die Hände in die Hosentaschen und lehnte sich auf die Absätze wie die Unschuld in Person. „Keine Ahnung, wovon du redest“, sagte er und unterdrückte ein Grinsen.

Das war zu viel! Nach allem was sich in den vergangenen Tagen zugetragen hatte, konnte Oliver sich nicht mehr zurückhalten. Er explodierte.

Ohne nachzudenken warf er sich auf seinen Bruder. Der kam nur leicht aus dem Gleichgewicht, einerseits weil er so groß und stark war, andererseits weil er mit Olivers Attacke gerechnet hatte. Er lachte dreckig und schob Oliver mit einer Hand von sich.

Oliver schlug blind um sich, traf seinen Bruder jedoch nicht.

„SCHLUSS DAMIT! HÖRT JETZT AUF!“, rief Dad vom Esstisch.

„Ich mache gar nichts! Oliver ist einfach ausgerastet!“, rief Chris zurück.

„Du weißt genau, was los ist!“, schrie Oliver und wirbelte seine Fäuste durch die Luft.

„Weil ich auf deine komischen kleinen Dinger getreten bin?“, knurrte er gerade so leise, dass die Eltern ihn nicht hören konnten. „Oder weil ich diese dämliche Schleuder kaputt gemacht habe? Du bist so ein Freak, Oliver!“

Oliver gab es auf, nach seinem Bruder zu treten.

„Ich HASSE diese Familie!“, schrie er.

Er rannte in seine Nische, sammelte die kaputten Spiralen und Platten ein und verstaute sie in seinem Koffer.

Mom und Dad waren aufgebracht.

„Was fällt dir ein!“, donnerte sein Vater.

„Nimm das zurück“, rief seine Mutter.

„Das war endgültig zu viel“, sagte Chris und grinste fiese.

Während seine Familie auf ihn schimpfte, wusste Oliver, dass es nur einen Ort gab, an den er flüchten konnte – seine Traumwelt.

Er schloss die Augen und blendete ihre Stimmen aus.

Plötzlich war er wieder in der Fabrik. Nur war sie diesmal nicht düster und es gab dort auch keine Spinnweben. Sie war sauber und die Maschinen funkelten im hellen Licht.

Oliver staunte über diese Herrlichkeit. Aber wie zuvor begrüßte ihn dort kein Armando Illstrom. Kein Verbündeter. Kein Freund. Selbst in seiner Fantasie war er mutterseelenallein.

*

Als alle ins Bett gegangen waren, wurde es still im Haus. In der Stille beruhigte sich Oliver bald und er versuchte, seine Schätze zu reparieren. Es war hoffnungslos. Sie waren einfach zu kaputt. Er konnte sie nicht mehr retten, was hieß, dass er wieder von ganz vorne beginnen musste.

Er warf die Teile in seinen Koffer und donnerte ihn zu. Doch weil jetzt beide Verschlüsse kaputt waren, federte der Deckel direkt wieder auf. Oliver ließ sich seufzend auf seine Matratze fallen und zog die Decke über den Kopf. Erschöpft schlief er ein. Sein Traum begann damit, dass er aus seinem Fenster auf den kahlen Baum blickte. Dort standen wieder der Mann und die Frau, die er dort schon in der Nacht zuvor gesehen hatte. Schweigend hielten sie sich an den Händen.

Oliver trommelte an die Scheibe.

„Wer seid ihr?“, rief er.

Die Frau lächelte verständnisvoll. Ihr Lächeln war warm und freundlich; sogar noch freundlicher als Mrs. Belfrys Lächeln.

Doch keiner der beiden sagte etwas. Sie standen nur da und lächelten.

Oliver öffnete das Fenster. „Wer seid ihr?“, rief er noch einmal, doch diesmal ging seine Stimme im Wind unter.

Keine Antwort. Sie sahen ihn nur einladend an.

Als Oliver durch das Fenster klettern wollte, begannen die Figuren zu flattern und zu zucken, als wären sie Hologramme, die unter der flackernden Straßenlaterne langsam verschwanden.

„Wartet!“, rief er. „Wartet auf mich!“

Er stürzte sich halb aus dem Fenster und rannte über die Straße. Mit jedem seiner Schritte verblassten sie mehr.

Als er endlich bei ihnen ankam, waren sie kaum mehr zu sehen. Er griff nach der Hand der Frau, aber seine Hand glitt durch sie hindurch, als wäre sie nur ein Geist.

„Bitte sagt mir, wer ihr seid!“, bettelte er.

Der Mann öffnete den Mund, aber Oliver hörte nicht, was er sagte. Er wurde immer verzweifelter.

„Wer seid ihr? Warum beobachtet ihr mich?“, rief er noch einmal.

Der Mann und die Frau waren jetzt fast nicht mehr zu sehen. Wieder sagte der Mann etwas und diesmal hörte Oliver ein leises Flüstern.

„Du musst deinem Schicksal folgen…“

„Was?“, stammelte Oliver. „Was meint ihr? Ich verstehe nicht…“

Doch bevor sie noch etwas sagen konnten, verschwanden sie endgültig.

„Nein! Kommt zurück!“, rief er in den Wind.

Und auf einmal, als würde sie ihm ins Ohr flüstern, hörte Oliver die Stimme der Frau. „Du wirst die Menschheit retten.“

Oliver öffnete die Augen. Er lag wieder auf der Matratze in seiner Nische. Blaues Morgenlicht fiel durch das Fenster und glitzerte auf seiner schweißnassen Stirn. Sein Herz hämmerte wie wild. Der Traum hatte ihn tief berührt. Was hatte er zu bedeuten? Welchem Schicksal sollte er folgen und wie sollte ausgerechnet er die Menschheit retten? Wer waren die beiden überhaupt? Gab es sie wirklich oder waren sie ein Produkt seiner Fantasie? Oliver wusste nicht was er glauben sollte.

Bald hatte sich die erste Verunsicherung gelegt. Ein vollkommen neues Gefühl keimte in Oliver auf.

Hoffnung.

Plötzlich hatte er das Gefühl, dass ein bedeutungsvoller Tag vor ihm lag und dass sich die Dinge sehr bald ändern würden.

KAPITEL VIER

Olivers gute Laune wurde noch besser, als sich herausstellte, dass er in der ersten Stunde Physik bei Mrs. Belfry hatte. Selbst als er zügig über den Pausenhof ging und dabei den Bällen auswich, die ihm um die Ohren flogen, hielt seine Begeisterung an.

Er kam zum Treppenhaus und fügte sich in den Strom von Kindern ein, die ihn in den vierten Stock schwemmten. Dort löste er sich aus der Masse und ging leichtfüßig die letzten Schritte zum Klassenzimmer.

Er war der erste an diesem Morgen und sah Mrs. Belfry in ihrem braunen Baumwollkleid, wie sie vor ihrem Pult stand, auf dem eine Reihe von Modellen aufgebaut war: ein Heißluftballon, eine Rakete, ein Flugzeug und ein Doppeldecker.

„Geht es heute ums Fliegen?“, fragte Oliver fröhlich.

Mrs. Belfry, die ihn nicht hatte kommen hören, zuckte zusammen.

„Ach Oliver, du bist es! Guten Morgen!“, sagte sie. „Ja, das ist richtig. Ich nehme an, du weißt schon einiges darüber?“

Oliver nickte. In seinem Erfinderbuch gab es ein ganzes Kapitel über das Fliegen, von den ersten Heißluftballons, die die beiden Montgolfier-Brüder in Frankreich erfunden hatten, über die frühen Flugzeuge der Wright-Brüder, bis hin zur modernen Raumfahrttechnik. Auch diesen Teil hatte er so oft gelesen, dass er den Text fast auswendig kannte.

Mrs. Belfry lächelte Oliver zufrieden zu.

„Vielleicht kannst du mir helfen, es den anderen zu erklären“, sagte sie.

Mit rotem Kopf setzte sich Oliver an seinen Platz. Er sprach nicht gerne vor den anderen Kindern, vor allem, wenn er ohnehin schon Gefahr lief, als Streber abgestempelt zu werden. Er legte eigentlich keinen gesteigerten Wert darauf, diesen Ruf noch zu bestätigen. Doch Mrs. Belfrys Lächeln sagte ihm, dass Oliver sich nicht für sein Wissen schämen, sondern stolz darauf sein sollte. Er hatte sich einen Platz in der ersten Reihe ausgesucht. Wenn er schon vor den anderen reden musste, dann sollten sie ihn wenigstens nicht schief über die Schulter ansehen. Außerdem würde er so nur die Blicke der anderen Kinder in der ersten Reihe zu sehen bekommen. Was hinter seinem Rücken geschah, war ihm egal.

Schon strömten die anderen Kinder in den Raum. Es wurde lauter. Oliver hatte noch nie verstanden, wie die anderen so viel zu reden hatten. Er konnte zwar endlos lange über Erfindungen und Wissenschaft reden, aber abgesehen davon hatte er nicht viel zu sagen. Er verstand auch nicht, warum die anderen ständig über Dinge reden wollten, die im Grunde völlig unbedeutend waren.

Mrs. Belfry hielt die Arme in die Höhe, um die Aufmerksamkeit der Klasse auf sich zu ziehen. Es dauerte eine Weile, bis alle still wurden. Nie hätte sie ihre sanfte Stimme erhoben, deswegen ging leider viel Zeit verloren, bis sie endlich anfangen konnten.

„Heute habe ich ein Problem, das wir zusammen lösen werden“, begann sie und hielt ein Holzstäbchen in die Luft. „Wer hat eine Idee, wie wir es schaffen können, dass das hier fliegt?“

Gemurmel machte sich breit.

„Werfen sie es einfach!“, rief eine Stimme aus den hinteren Reihen.

Mrs. Belfry warf es. Es flog kaum einen Meter, bevor es zu Boden segelte.

„Das sah für mich eher nach fallen aus. Ich möchte, dass es fliegt.“

Paul, der Junge, der sich in der letzten Stunde über Oliver lustig gemacht hatte, meldete sich zu Wort. „Schießen Sie es mit einem Gummiband, dann fliegt es weiter.“

Mrs. Belfry nickte. „Gar keine schlechte Idee. Aber das hier ist nur ein Modell. Der echte Pfahl ist drei Meter lang.“

„Dann bauen Sie ein Katapult!“, rief jemand anderes.

„Oder einen Düsentrieb“, rief eine weitere Stimme.

Die Kinder lachten, aber Mrs. Belfry brachte schnell wieder Ruhe in die Klasse.

Oliver rutschte auf seinem Stuhl herum. Er wusste genau, wie man das Stäbchen zum Fliegen brachte. Man musste nur schlichte physikalische Gesetze anwenden.

„Genau dieses Problem mussten die Brüder Wright lösen, als sie das erste Flugzeug der Welt bauen wollten. Sie mussten den Flug der Vögel nachahmen. Sie mussten aus dem hier“ – sie hob das Stäbchen in die Luft – „Flügel machen, mit denen man fliegen kann. Weiß irgendjemand, wie das funktioniert?“

Ihr Blick wanderte zu Oliver. Er schluckte. Einerseits wollte er wirklich nicht vor der ganzen Gruppe reden, andererseits wollte er Mrs. Belfry beweisen, wie schlau er war.

„Man muss Auftrieb erzeugen“, sagte er leise.

„Was hast du gesagt?“ Mrs. Belfry forderte ihn auf, es noch einmal laut für alle zu wiederholen, obwohl sie ihn ganz sicher verstanden hatte.

Zögerlich wiederholte er seine Antwort. Sowie er es gesagt hatte, lief er rot an. Er spürte förmlich in seinem Rücken, wie dreißig Augenpaare ihn anstarrten.

„Was genau ist Auftrieb?“, fragte Mrs. Belfry weiter.

Oliver befeuchtete seine trockenen Lippen und schluckte seine Beklommenheit herunter. „Auftrieb nennt man die Kraft, die der Schwerkraft entgegenwirkt. Schwerkraft zieht alle Objekte zum Erdmittelpunkt und Auftrieb wirkt entgegengesetzt.“

Von irgendwo hinter sich hörte er Pauls leise Stimme, wie er ihn nachäffte. „Auftrieb wirkt entgegengesetzt.“

Als sich Gekicher breitmachte, verspannten sich Olivers Nackenmuskeln.

Mrs. Belfry hatte offensichtlich nichts mitbekommen.

„Aha“, sagte sie, als wäre die Information neu für sie. „Das klingt kompliziert. Wie kann man denn der Schwerkraft entgegenwirken? Ist das überhaupt möglich?“

Oliver rutschte unbehaglich auf dem Stuhl herum. Er wollte nichts mehr sagen, das ihnen noch mehr Angriffsfläche bot, aber außer ihm wusste scheinbar keiner die Antwort. Mrs. Belfry sah ihn aufmunternd an.

„Das ist überhaupt nicht kompliziert“, sagte Oliver schließlich, „um Auftrieb zu erzeugen, muss man regulieren, wie schnell die Luft um ein Objekt strömt. Das erreicht man, indem man die Form des Objekts ändert. Für Ihr Stäbchen bedeutet das, dass Sie einen Kamm oder eine Kante auf die Oberseite kleben müssen. Wenn es sich vorwärts bewegt, strömt die Luft oben und unten in unterschiedlich geformten Linien. Oben ist die Linie gebogen, unten glatt, also nicht unterbrochen.“

Oliver beendete seine Erklärung und presste die Lippen aufeinander. Er hatte nicht nur die Frage beantwortet, sondern das ganze Phänomen erklärt. Das würde den anderen jede Menge Zündstoff bieten.

„Könntest du das für uns aufzeichnen?“, fragte Mrs. Belfry.

Sie hielt Oliver eine Kreide hin. Er sah sie mit großen Augen an. Erwartete sie wirklich, dass er vor allen an die Tafel ging, wie eine wandelnde Zielscheibe?

„Lieber nicht“, murmelte er.

Mrs. Belfry sah ihn verständnisvoll an. Wahrscheinlich hatte sie begriffen, dass er sich dabei nicht wohlfühlte, mehr noch, dass es für ihn fast unmöglich war.

„Vielleicht kann jemand anderes an die Tafel malen, was Oliver gerade erklärt hat“, forderte sie die Klasse auf.

Samantha, ein vorlautes Mädchen, das immer um Aufmerksamkeit heischte, sprang auf und kam nach vorne. Mit Mrs. Belfrys Hilfe malte sie, was Oliver beschrieben hatte.

Aber sobald sich Mrs. Belfry umdrehte, spürte Oliver etwas gegen seinen Hinterkopf fliegen. Er sah nach unten, wo ein zusammengeknüllter Zettel lag. Er versuchte, ihn zu ignorieren.

„Hey“, zischte Paul, „Nachricht für dich!“

Oliver seufzte, hob den Zettel auf und strich ihn glatt. Mit krakeliger Schrift stand darauf geschrieben Rate mal, was noch fliegen kann.

Schon spürte Oliver eine weitere Papierkugel an seinem Kopf. Und noch eine. Und noch eine.

„HEY!“, rief Oliver und sprang auf.

Mrs. Belfry drehte sich um. „Was ist hier los?“, fragte sie streng.

„Wir finden gerade heraus, welche Dinge noch fliegen können“, flötete Paul unschuldig. „Ich habe Oliver aus Versehen getroffen.“

Mrs. Belfry sah skeptisch aus. „Oliver?“, fragte sie und sah ihn eindringlich an.

Oliver setzte sich wieder und ließ den Kopf hängen. „So war es wohl“, sagte er leise.

Samantha beendete ihre Zeichnung und Mrs. Belfry wandte sich wieder der Klasse zu. Sie zeigte auf die Tafel, wo jetzt ein Diagramm von einem Flügel zu sehen war, der nicht gerade, sondern gebogen war, wie ein Tropfen, der auf der Seite lag. Zwei Strichlinien zeigten die Luft an, die einmal gerade unter dem Flügel entlanglief und einmal gebogen an der Oberseite.

„Etwa so?“, fragte Mrs. Belfry. „Ich verstehe immer noch nicht, wie das Auftrieb erzeugt.“

Oliver war klar, dass Mrs. Belfry sehr genau Bescheid wusste. Er hätte gern geantwortet, aber da er bereits mit Papierkügelchen bombardiert worden war, zögerte er.

Auf einmal wurde ihm etwas klar. Egal was er tat oder sagte, es würde Paul und die anderen nicht davon abhalten, sich über ihn lustig zu machen. Entweder würde er sich zurückhalten und ohne jeden Grund fertig gemacht werden, oder er beteiligte sich am Unterricht und würde für seine Intelligenz bestraft werden. Die Wahl war nicht schwer.

„Auch wenn die Luft zwei verschiedenen Bahnen folgt – wie hier – dann wirkt die Schwerkraft nach wie vor nach unten“, begann er. „Aber wenn man Isaac Newtons drittes Bewegungsgesetz heranzieht – nämlich dass jede Kraft eine gleichwertige Gegenkraft erzeugt – dann wird klar, dass als Gegengewicht zu dieser nach unten wirkenden Kraft der Luftzug unter dem Flügel Auftrieb erzeugt.“ Er kreuzte die Arme vor der Brust und lehnte sich zurück.

Mrs. Belfry sah ihn triumphierend an. „Das ist absolut richtig, Oliver.“

Sie drehte sich wieder um und setzte ein paar Pfeile in die Zeichnung ein. Oliver spürte eine Papierkugel an seinem Kopf, aber diesmal reagierte er gar nicht. Es war ihm egal, was seine Klassenkameraden über ihn dachten. Wahrscheinlich waren sie nur neidisch, dass er coole Sachen wusste, wie Isaac Newtons Grundgesetze der Bewegung, während sie nur zerknülltes Papier durch die Luft schießen konnten.

Er schlang die Arme fester um sich und ignorierte, was ihn alles traf. Stattdessen konzentrierte er sich auf Mrs. Belfrys Zeichnung. Neben einen nach unten zeigenden Pfeil schrieb sie abwärts gerichtete Kraft, neben einen nach oben gerichteten Pfeil schrieb sie aufwärts gerichtete Kraft.

„Was ist mit Heißluftballons?“, rief jemand von hinten. „Die funktionieren nicht so, fliegen aber trotzdem!“

Oliver drehte sich nach der Stimme um. Sie gehörte einem mürrisch aussehenden Jungen mit dunklen Augenbrauen und einem tiefen Grübchen im breiten Kinn. Er hatte zusammen mit Paul die Papierkügelchen geworfen.

„Da geht es um ein ganz anderes physikalisches Gesetz“, erwiderte Oliver, „Der Ballon fliegt, weil heiße Luft aufsteigt. Die Montgolfier-Brüder, die den Heißluftballon erfunden haben, haben festgestellt, dass die heiße Luft den Ballon zum Steigen bringt, wenn sie im Inneren gesammelt wird und die Außenluft kälter ist.“

Jetzt sah der junge noch mürrischer aus. „Und Raketen? Die gehen ohne Flügel und ohne Ballon in die Luft. Wie funktioniert das, Herr Superschlau?“

Oliver lächelte. „Wieder Newtons drittes Gesetz, nur dass diesmal Antrieb anstatt Auftrieb wirkt. Antrieb ist das gleiche Prinzip, das auch bei einem Dampfmotor wirkt. Eine kontrollierte Explosion an einem Ende verursacht Bewegung in die andere Richtung. Aber da eine Rakete bis ins Weltall fliegen soll, muss die Explosion massiv sein.“

Oliver wurde ganz aufgeregt, wenn er über Physik sprach. Es störte ihn nicht, dass die anderen Kinder ihn anstarrten, als wäre er verrückt.

Er drehte sich wieder zur Tafel. Mrs. Belfry lächelte ihn stolz an.

„Und wisst ihr auch, was diese Erfinder gemeinsam hatten, die Wrights, die Montgolfiers und Robert Goddard, der Erfinder der Rakete? Ich werde es euch verraten: Sie haben Dinge getan, die alle anderen für unmöglich gehalten haben! Ihre Erfindungen waren verrückt. Stellt euch vor, jemand würde euch sagen, dass wir nach dem Prinzip der alten chinesischen Katapulte einen Menschen ins All schießen könnten! Klingt verrückt, oder? Trotzdem waren es weltbewegende Erfindungen, die die Geschichte der Menschheit für immer verändert haben!“

Oliver wusste, dass sie mit ihm redete. Sie sagte ihm, dass er niemals aufgeben sollte, egal was die anderen dachten.

Dann geschah etwas Bemerkenswertes. Als Reaktion auf Mrs. Belfrys Begeisterung wurde die ganze Klasse still. Es war nicht die angespannte Stille vor einem Angriff, sondern die demütige Stille, etwas Inspirierendes gelernt zu haben.

Oliver war stolz. Mrs. Belfry war wirklich die tollste Lehrerin, der er je begegnet ist. Sie war der einzige Mensch, der auch nur annähernd so begeistert von der Welt der wissenschaftlichen Erfindungen war, wie er selbst. Ihr Enthusiasmus brachte sogar seine ungehobelten Klassenkameraden zum Schweigen, wenn auch nur vorübergehend.

Als eine starke Windböe an den Fensterscheiben rüttelte, schreckten alle zurück. Sie sahen aus den Fenstern. Düstere Wolken hingen tief über der Erde.

„Sieht aus, als würde der Sturm uns bald erwischen“, sagte Mrs. Belfry.

Schon ertönte die Stimme des Direktors aus dem Lautsprecher.

„Liebe Kollegen, liebe Schüler, der Nationale Wetterdienst hat soeben eine Warnung herausgegeben. Wir erwarten einen Sturm von nie dagewesener Stärke. Uns wurde geraten, die Schüler vorzeitig aus dem Unterricht zu entlassen und nach Hause zu schicken.“

Alle schrien begeistert durcheinander und Oliver konnte nur mit Mühe die Ansage zu Ende hören.

„Der Sturm soll uns in der nächsten Stunde erreichen. Die Busse stehen draußen bereit. Bitte geht direkt nach Hause. Wenn der Sturm uns erreicht, soll niemand mehr draußen sein. Da die ganze Stadt von der Wetterwarnung betroffen ist, werden eure Eltern euch zu Hause erwarten. Jeder, der dann noch auf dem Schulgelände erwischt wird, muss mit einer Suspension rechnen.“

Außer Oliver schien sich niemand Sorgen zu machen. Die Kinder interessierten sich nur dafür, dass sie schulfrei hatten. Sie rafften ihre Bücher, Taschen und Jacken zusammen und rannten aus dem Klassenzimmer wie eine Herde Wasserbüffel.

„Das war wirklich beeindruckend“, sagte Mrs. Belfry zu Oliver, als sie ihre kleinen Modelle in einem Korb verstaut hatte. „Kommst du auch sicher nach Hause?“, fragte sie besorgt.

Oliver nickte. „Ich nehme den Bus, zusammen mit den anderen“, sagte er. Sofort wurde ihm klar, dass das bedeutete, mit Chris und den anderen Kindern fahren zu müssen. Er erschauderte.

Dann schwang er seinen Rucksack auf den Rücken und machte sich auf den Weg nach draußen. Der Himmel war inzwischen so schwarz, dass er fast dunkel war. Spannung lag in der Luft.

Mit gebeugtem Kopf ging Oliver zum Bus. Da bemerkte er etwas hinter sich, das ihm weit mehr Angst einjagte, als jeder Sturm. Chris und seine Spießgesellen.

Oliver drehte ab und rannte weg. Er rannte direkt zum ersten Bus in der Reihe. Er war bereits voll und wollte gerade anfahren, als Oliver gegen die Tür trommelte. Ohne zu sehen, wohin er ihn bringen würde, stieg er ein.

Die Tür schloss sich und der Bus fuhr los. Gerade rechtzeitig, bevor Chris ihn erreichen konnte. Er starrte Oliver wütend durch die geschlossene Scheibe an.

Doch Oliver bewegte sich bereits mit dem Bus in eine unbekannte Richtung. Oliver sah, wie sein Bruder in einen anderen Bus stieg, bevor er um die nächste Ecke bog und außer Sichtweite war.

Wenn der andere Bus die gleiche Route fuhr wie dieser, dann würden Chris und seine Freunde genau sehen, wo Oliver ausstieg. Er schluckte schwer. Sie würden ihm bestimmt eine Abreibung verpassen! Er biss sich auf die Unterlippe und sehnte sich nach seinem Unsichtbarkeits-Mantel. Wenn er doch nur schon fertig wäre! In dieser Situation wäre er perfekt!

Der Himmel brach auf und dicke Tropfen fielen auf die Straße. Keine Minute später zerriss der erste Blitz den Himmel. Sollte der Sturm sie nicht erst in einer Stunde erreichen?

Der Bus wankte gefährlich die Straße entlang. Oliver griff nach einer Metallstange und stieß gegen die Kinder, die um ihn herum standen. Seine Besorgnis war nun echter Furcht gewichen. Wieder zuckte ein Blitz über den Himmel. Einige Kinder schrien vor Schreck auf.

Oliver überlegte, ob er den Sturm zu seinem Vorteil nutzen konnte. Nachdem er wegen Chris nicht an seiner eigentlichen Haltestelle aussteigen konnte, musste er am besten in einer Schar von anderen untertauchen und spontan aussteigen. Der dichte Regen und der allgemeine Tumult würde ihm bestimmt helfen, von Chris unbemerkt davonzukommen.

Der Bus hielt an, eine Gruppe von Kids drängte sich zum Ausgang. Oliver sah sich um und erkannte, dass sie kurz davor waren, in sein schäbiges Viertel einzubiegen. Die meisten Kinder, die auf die Campbell Junior High gingen, wohnten in dem benachbarten, freundlicheren Viertel. Oliver kannte sich hier zwar nicht richtig aus, aber er hatte eine grobe Vorstellung davon, in welche Richtung er gehen musste.

Kurz entschlossen zog er den Kopf ein und stieg mit den anderen Kindern zusammen aus. Der Regen hatte ihn in wenigen Augenblicken vollkommen durchnässt. Er wollte sich mit der Menge von der Haltestelle wegbewegen, aber zu seinem Schreck verstreuten sich die Kinder sofort in alle Richtungen. Bevor er reagieren konnte, stand er alleine mitten auf dem Gehweg. Keine Sekunde später sah er den zweiten Bus ankommen. Chris hatte Oliver sofort gesichtet, wild gestikulierend machte er seine Freunde auf Oliver aufmerksam.

Jeden Augenblick würde sich die Tür öffnen und die Spießgesellen über ihn herfallen.

Oliver rannte los.

Er hatte keine Ahnung, wohin ihn die Straße führen würde, aber er rannte trotzdem immer weiter, ohne sich umzudrehen. Regen und Wind schlugen ihm entgegen und machten es ihm schwer, aber dies war eine der seltenen Situationen, in der es ein Vorteil war, klein und wendig zu sein. Chris hatte bestimmt noch größere Schwierigkeiten, sich gegen den Wind voranzukämpfen. Doch Chris war nicht sein einziges Problem. Seine Freunde waren auch hinter ihm her und Oliver wusste, dass das Mädchen sehr schnell rennen konnte. Er blickte über die Schulter und sah sie hinter sich.

Oliver rannte an ein paar Geschäften vorbei und bog in eine enge Gasse ein. Er knallte gegen kleine und große Hindernisse, wie einen alten Einkaufswagen, leere Kisten und Ähnliches.

Dann bog er um eine Ecke und war einen kurzen Moment lang außer Sichtweite der Bullys. Eine gewaltige Windböe warf eine große Mülltonne um. Plötzlich hatte er eine Idee. Ohne zu zögern kletterte er in die Tonne und versteckte sich zwischen alten Folien und Essensresten.

Er wartete.

Die Beine des Mädchens erschienen auf dem Gehsteig neben der Tonne. Sie wurden langsamer und drehten sich langsam um sich selbst. Sie suchte ihn. Dann hörte er weitere Schritte. Chris und die anderen waren angekommen.

„Wo ist er?“, rief einer.

„Wie konntest du ihn verlieren?“, fragte Chris.

„Ich hatte ihn die ganze Zeit im Blick und auf einmal war er weg!“, rief das Mädchen.

Oliver rührte sich nicht. Sein Herz klopfte wild und seine Beine zitterten vor Erschöpfung.

„Er hat einen seiner Tricks angewendet“, sagte Chris.

Oliver zog in der stinkigen, dunklen Tonne die Augenbrauen hoch. Wovon redete er?

„Meinst du, er hat sich selbst verschwinden lassen? Das ist sowas von gruselig!“

„Ich habe euch doch gesagt, dass er ein Freak ist!“, sagte Chris.

„Vielleicht ist er von Satan besessen oder so“, sagte einer der anderen Jungen.

„So ein Quatsch. Der ist einfach nur verrückt“, entgegnete Chris.

„Ich glaube, du hast recht“, sagte das Mädchen. Ihre Stimme wurde leiser, als würde sie sich entfernen.

Oliver konnte die Beine nicht mehr sehen. Gaben sie etwa auf?

Oliver lauschte gebannt. Ihre Stimmen wurden tatsächlich immer leiser. Aber selbst, als sie schon längst verklungen waren, harrte Oliver noch eine Weile in seinem Versteck aus. Bald wurde der Regen noch stärker und prasselte laut auf die Metalltonne. Erst jetzt traute er sich aus seinem Versteck. Selbst wenn Chris ihn unbedingt verprügeln wollte, würde er dafür nicht ewig im strömenden Regen stehen und seine Spießgesellen auch nicht.

Langsam begann er, aus der Tonne zu kriechen, als plötzlich ein starker Windstoß die Tonne erfasste und sie ins Rollen brachte.

Oliver versuchte sich festzuhalten, doch er wurde erbarmungslos herumgeschleudert und verlor schnell Halt und Orientierung. Panik und Übelkeit machten sich in ihm breit. Er hoffte, dass der Wind nachließ und die Tonne zum Stehen kam, doch es war vergeblich.

Sein Kopf schlug mit einem lauten Knall gegen das Metall. Sterne leuchteten vor seinen Augen auf. Dann wurde alles schwarz.

*

Oliver öffnete die Augen. Noch immer befand er sich in seinem Gefängnis aus Metall. Doch jetzt bewegte sich die Tonne nicht mehr. Oliver hörte immer noch den Sturm toben. Orientierungslos blinzelte er und fasste sich an en schmerzenden Kopf. Eine stinkende Pfütze von Dreck und verrottenden Essensresten ließ ihn würgen. Wie lange er wohl schon hier lag?

Schnell kroch er aus der Tonne heraus. Der Himmel war noch immer dunkel und der Regen fiel in dicken Bahnen. Frierend wurde er aufs Neue von Kopf bis Fuß durchweicht. Wenigstens wusch der Regen ihn wieder sauber. Er rieb sich die Arme und sah sich zitternd um. Oliver hatte nicht die geringste Ahnung, wo er war.

Als aus dem dichten Regenschleier plötzlich ein riesiges Gebäude auftauchte, begriff er, wohin die Tonne ihn gebracht hatte. Er war bei der Fabrik! Doch diesmal brannte darin Licht. Olivers Kinnlade klappte auf. Sah er es wirklich, oder hatte er eine Halluzination?

Der Regen peitschte weiterhin auf Oliver hinab. Er starrte die beleuchteten Fenster der Fabrik an. Sie schienen ihn magisch anzuziehen.

Er ging auf die Fabrik zu. Jeder Schritt patschte auf dem Asphalt. Schnell schlug er sich zwischen Brennnesseln und Efeu an dem Gebäude entlang, bis er auf die andere Seite gelangte. Bald hatte er die Tür erreicht, die wie am Vortag einen Spalt breit geöffnet war. Schnell zwängte er sich hindurch und befand sich wieder in der finsteren Halle.

Oliver atmete auf, erleichtert endlich im Trockenen zu sein. Als sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnte hatten, sah er, dass alles aussah wie bei seinem letzten Besuch. Die alten, mit Spinnweben behangenen Maschinen staubten vor sich hin.

Doch etwas war anders…

Auf dem Boden bemerkte Oliver eine dünne gelbe Linie. Aber es war keine Farbe, sondern Licht. Als er die Quelle des Lichtstrahls geortet hatte, lief er schnell darauf zu. Er führte ihn direkt zu einer Wand aus Backstein.

Wie seltsam, dachte Oliver und legte seine Finger an die Wand. Licht kann doch nicht durch die Wand hindurch scheinen.

Es musste irgendwo einen Spalt geben. Er tastete die Wand ab, bis er etwas fühlte. War das ein Griff? Hoffnungsvoll drückte er darauf. Erstaunt sprang er zurück, als sich die Wand mit einem gewaltigen Knarren in Bewegung setzte.

Der Boden bebte und Oliver begann zu wanken. Er konnte sich nur mit Mühe auf den Füßen halten. Drehte er sich? Nein, die ganze Wand drehte sich! Sie musste auf einer Drehscheibe gebaut sein! Schon ergoss sich goldenes Licht über den Jungen.

In der gleißenden Helligkeit blinzelte er. Seine Beine zitterten, als die Scheibe so plötzlich zum Stehen kam, wie sie sich in Bewegung gesetzt hatte.

Klickend rastete die Wand in ihrer neuen Position ein.

Erstaunt sah Oliver sich um. Er befand sich jetzt in einem verborgenen Flügel der Fabrik. Überall standen fantastische, wirklich unglaubliche Geräte! Diese Erfindungen waren keine verstaubten und verrosteten Relikte, sondern glänzende, gigantische Neuschöpfungen.

Staunend ging er auf die nächstbeste Maschine zu. Ein beweglicher Arm schwang direkt über seinen Kopf hinweg. Er duckte sich in letzter Sekunde und sah, wie die Hand am Ende des Arms ein gekochtes Ei in einen Korb legte. Direkt daneben stand ein Gerät, dessen Hände über die Tasten eines Klaviers flogen und eine zauberhafte Melodie spielten, während ein Metronom den Takt dazu schlug.

Er war so bezaubert von diesen Erfindungen, dass Oliver das topfförmige Gebilde, das er am Vortag in der Dunkelheit gesehen hatte, gar nicht bemerkte. Ebenso wenig bemerkte er den alten Mann, der daran arbeitete. Erst als ein Kuckuck lärmend über seinen Kopf flog, erschrak er und stolperte rückwärts gegen ihn.

Oliver wirbelte herum. Er erkannte das Gesicht sofort. Auch wenn er einige Jahre älter geworden war, hätte er den Mann aus seinem Buch immer und überall erkannt.

Vor ihm stand Armando Illstrom.

Oliver schnappte nach Luft. Er konnte es nicht fassen! Sein großes Vorbild stand lebendig und kerngesund vor ihm!

„Aha“, sagte Armando lächelnd. „Ich habe mich schon gefragt, wann du mich finden würdest.“

KAPITEL FÜNF

Ungläubig rieb sich Oliver die Augen. Ganz anders als die düstere, verstaubte, verlassene Fabrik jenseits der Mauer, war diese Seite der Fabrik warm, hell und sauber. Das lebhafte Vibrieren von fleißig arbeitenden Maschinen lag in der Luft.

„Du bist ja völlig durchnässt. Ist dir kalt?“, fragte Armando.

Oliver sah ihn mit großen Augen an. Er konnte immer noch nicht fassen, dass er sein großes Vorbild wirklich gefunden hatte. Er brachte kein Wort heraus.

Er wollte sagen, dass er wirklich durchgefroren war, aber aus seiner Kehle kam nur ein leises Kratzen.

„Na komm, mein Junge, ich mache dir einen heißen Tee.“

Obwohl sein Gesicht viele Jahre älter aussah, war Oliver sich ganz sicher, dass es der Mann aus seinem Buch war. Oliver rechnete nach. Er wusste, dass diese Fabrik bereits im Zweiten Weltkrieg betrieben worden war und dass Armando um die zwanzig Jahre gewesen sein musste, als sie ihre Blütezeit erlebt hatte. Das bedeutete, dass er jetzt über neunzig Jahre alt sein musste! Erst jetzt bemerkte er, dass Armando seinen gebrechlichen Körper auf einen Gehstock stützte.

Langsam folgte er dem alten Mann durch die Fabrik. Die Beleuchtung in den Gängen war zu schwach um zu erkennen, was genau die großen Gebilde waren, an denen sie vorbei gingen. Oliver vermutete wunderbare Erfindungen dahinter, die im Gegensatz zu den verrosteten Maschinen auf der anderen Seite der Mauer einwandfrei funktionierten.

Sie gingen einen Gang entlang und Oliver konnte immer noch nicht glauben, dass das, was er sah, echt war. Er erwartete, jeden Moment aufzuwachen und festzustellen, dass es wirklich nur ein Traum war.

Es war schwer zu sagen, was fantastischer war: der großartige Erfinder oder die Fabrik an sich?

Die Fabrik erinnerte ihn an einen Kaninchenbau, ein Labyrinth mit Türen und Gängen und Treppen, die von der Haupthalle wegführten. Als er am Tag zuvor durch die äußeren Gänge gegangen war, war er nicht einmal auf die Idee gekommen, dass es hier einen verborgenen Flügel geben könnte. Es gab keinerlei Hinweise auf weitere Treppenaufgänge oder Ähnliches. Ja, die Fabrik war groß, von außen sah sie aus wie ein riesiges, rechteckiges Prisma. Niemand konnte ahnen, wie verschlungen die innere Struktur war. Er wusste, dass Armando außergewöhnlich war, aber dieses Gebäude war geradewegs bizarr!

Oliver sah sich aufmerksam um. Hinter einer Glastür sah er eine riesige Maschine, die Charles Babbages erstem Computer ähnlich sah. Durch eine andere Tür sah er einen Raum mit vielen Türen, wie eine Kirche. Und durch ein Fenster in einem Zwischengeschoss sah er eine ganze Reihe von großen Teleskopen aus Messing.

Immer weiter ging der tattrige Erfinder, sein Atem rasselte leise. Er sah in einen weiteren Raum voller unheimlich menschlich aussehender Roboter. In wieder einem anderen entdeckte er einen Panzer, der mit den komischsten Waffen ausgestattet war, die Oliver je gesehen hatte.

„Ich hoffe, du hast keine Angst vor Horatio“, sagte Armando plötzlich. Oliver zuckte zusammen. Er war ganz in Gedanken versunken.

Er sah sich nach dem ominösen Horatio um und stellte sich alle möglichen Maschinen vor, die diesen Namen tragen könnten, bis er einen klapprig aussehenden Jagdhund in einer Ecke in seinem Korb schlafen sah.

Armando redete weiter. „Seine Arthritis ist noch schlimmer als meine. Armes Ding. Die Schmerzen machen ihn ganz mürrisch.“

Oliver sah den alten Hund an, der neugierig die Luft schnüffelte. Dann legte er seinen Kopf seufzend wieder auf die Pfoten und schlief weiter.

Armando trottete in die Küche. Oliver folgte ihm. Es war eine kleine Küche, in der eine große Unordnung herrschte. Genau wie man es sich vorstellte bei einem Mann, der seit sechzig Jahren verrückte Erfindungen in einer verlassenen Fabrik erschuf.

Oliver blinzelte im fluoreszierenden Licht.

„Magst du Tomatensuppe?“, fragte Armando.

„Mhm“, brummte Oliver, der immer noch keinen vollständigen Satz herausbrachte.

„Das soll wohl ein Ja sein“, sagte Armando und lächelte freundlich.

Oliver sah zu, wie er zwei Dosen Suppe aus einem Schrank holte, dessen Türen ganz schief hingen. Dann nahm er ein Gerät aus der Schublade, das zwar wie ein Dosenöffner aussah, aber viel größer war – so groß, dass er zwei Hände brauchte um es zu bedienen.

„Es gibt einen Grund, warum man sagt, dass das Rad nicht neu erfunden werden muss“, sagte Armando kichernd, als er Olivers neugierigen Blick sah.

Als er die Dosen geöffnet hatte, goss er deren Inhalt in einen Topf und stellte ihn auf eine kleine Gasflamme. Oliver stand regungslos daneben. Er konnte nur noch den alten Mann anstarren. Ein paarmal kniff er sich in den Arm, nur um sicher zu gehen, dass er nicht träumte.

Es war wirklich wahr.

Er war mit Armando Illstrom in seiner unglaublichen Fabrik.

„Setz dich doch, mein Junge“, sagte Armando und stellte zwei dampfende Teller Suppe auf einen wackeligen Holztisch. „Iss.“

Wenigstens das konnte Oliver noch. Mit einem flauen Gefühl im Bauch setzte er sich auf einen Stuhl. Langsam nahm Armando ihm gegenüber Platz. Im Licht bemerkte Oliver, dass auf seinen Augen ein dünner, grauer Schleier lag und in seinem Gesicht ein paar Altersflecken zu sehen waren. Als Armando die Hände auf den Tisch legte, sah Oliver, wie rot und geschwollen seine Knöchel waren.

Die Suppe dampfte direkt in sein Gesicht. Olivers Magen knurrte, und obwohl er von der ganzen Situation völlig benommen war, übernahm sein Hunger das Kommando. Ganz automatisch nahm er den Löffel und begann zu essen. Die Suppe schmeckte wunderbar, besser als alles, was es zu Hause gab. Sie wärmte ihn im Handumdrehen.

„Schmeckt sie dir?“, fragte Armando, während er seine eigene Suppe weit langsamer löffelte.

Oliver nickte.

„Hoffentlich taust du bald ein bisschen auf“, fügte Armando freundlich hinzu.

Oliver war nicht sicher, ob er seinen durchgefrorenen Körper oder seine Sprachlosigkeit meinte. Hatte er überhaupt schon etwas gesagt, seit er hier angekommen war? Selbst wenn er etwas sagen wollte, fehlten ihm einfach die Worte.

Jetzt wollte er es wagen und die eine Frage stellen, die ihn die ganze Zeit schon unter den Nägeln brannte. Doch als er den Mund öffnete, kam nur ein lautes Gähnen heraus.

„Du bist ja ganz müde“, sagte Armando. „Ich habe ein Gästezimmer, in dem du dich hinlegen kannst, wenn du möchtest. Ich hole dir eine Decke. Es ist wirklich kalt draußen.“

Oliver sah ihn erstaunt an. „Mich hinlegen?“

Armando nickte. „Du willst doch nicht wieder in diesen Sturm hinausgehen, oder? Bei der letzten Radioansage habe sie dazu geraten, noch ein paar Stunden in Deckung zu bleiben.“

Erst jetzt dachte Oliver an seine Eltern. Sie hatten ganz sicher auch die Warnung gehört. Was würde wohl passieren, wenn sie feststellten, dass nur einer ihrer Söhne zu Hause angekommen war? Er hatte keine Ahnung, wie lange er in dieser Mülltonne bewusstlos gelegen hatte. Ob sie sich schon Sorgen um ihn machten? Ob sie sich überhaupt Sorgen machen würden?

Dann schüttelte Oliver den Gedanken ab. Seine Eltern hatten ganz bestimmt noch gar nicht bemerkt, dass er weg war. Wieso sollte er die Gelegenheit, in einem richtigen Bett zu schlafen, einfach aufgeben? Zu Hause wartete doch nur die kalte Nische im Wohnzimmer auf ihn.

Er sah Armando entschlossen an.

„Das klingt wunderbar. Vielen Dank.“ Endlich hatte er einen ganzen Satz herausgebracht. Nach einer kurzen Pause fügte er einen weiteren hinzu. „Ich habe so viele Fragen, die ich Ihnen stellen möchte.“

„Die laufen nicht weg, mein Junge. Jetzt ruh‘ dich erstmal richtig aus. Wenn du wieder wach bist, können wir weiterreden.“

Er sah ihn an, als wüsste er etwas über Oliver, das er selbst noch nicht verstanden hatte. Ob Armando etwas über seine seltsamen Kräfte und Visionen wusste? Er schüttelte den Kopf. Natürlich nicht. Armando war schließlich kein Hellseher. Er war ein Erfinder, das hatte nichts mit Magie zu tun.

Dann überwältigte die Müdigkeit ihn. Der Sturm, der Stress der letzten Tage, der Hunger und die Begeisterung über die Fabrik, das alles war zu viel für ihn.

„Einverstanden“, sagte Oliver schließlich. „Nur ein kleines Nickerchen.“

„Na also“, sagte Armando zufrieden.

Oliver stand auf und rieb seine müden Augen. Armando stützte sich auf seinen Stock. „Hier entlang“, sagte er und zeigte auf einen schmalen, finsteren Gang.

Langsam ging Oliver hinter dem alten Mann her. Sein Körper fühlte sich träge und schwer an.

Am Ende des Ganges befand sich eine niedrige, geschwungene Holztür, wie Oliver sie aus kleinen Kirchen kannte. In der Tür war sogar ein kleines Fenster mit einem polierten Metallrahmen.

Armando öffnete die Tür und schob Oliver in das Zimmer. Als Oliver über die Schwelle trat, war er überrascht.

Das Zimmer war viel größer, als er vermutet hatte, und auch viel ordentlicher, wenn man es mit dem Zustand der kleinen Küche verglich. In der Mitte stand ein großes Bett mit einer dicken, weichen Decke und passenden Kissen. Am Fußende lag noch eine zusätzliche Wolldecke ordentlich gefaltet. Unter dem Fenster mit den langen blauen Vorhängen stand ein kleiner Holztisch, auf dem unzählige Zinnsoldaten standen. In einer Ecke stand ein hübscher Sessel, daneben ein großes Bücherregal, das vollgestopft war mit interessant aussehenden Abenteuergeschichten.

Es war in jeder Hinsicht ein Zimmer, in dem ein elfjähriger Junge wie Oliver wohnen sollte, anstatt in einer kalten, schummrigen Nische in einem unmöblierten Wohnzimmer. Er wurde auf einmal wahnsinnig traurig. Noch stärker war das Gefühl von Dankbarkeit für diese unverhoffte Chance, seine verkorkste Welt für ein paar Stunden hinter sich zu lassen.

Er drehte sich zu Armando um. „Das ist wirklich ein sehr hübsches Zimmer“, sagte er. „Sind Sie sicher, dass es Ihnen nichts ausmacht, wenn ich ein wenig hier bleibe?“

Armando lächelte gütig und warf einen besorgten Blick auf Olivers nasse Kleidung. Oliver war bewusst, dass er eine nasse Spur durch die ganze Fabrik gezogen hatte. Doch Armando schien das kein bisschen zu stören. Nicht wie seine Mutter, die am Tag zuvor deswegen ganz wütend geworden war.

„Ich hoffe du schläfst gut und fühlst dich frisch und erholt, wenn du wieder wach wirst“, sagte er. Dann drehte er sich um und ging.

Ehrfürchtig stand Oliver noch einen Augenblick im Zimmer, bevor er spürte, dass seine Beine fast vor Erschöpfung nachgaben. Er wollte so gerne über all seine Erlebnisse nachdenken und versuchen, die Kette von Ereignissen zu verstehen, die ihn hierher geführt hatten, aber sein Körper wollte mit aller Macht schlafen.

Er zog seine nasse Kleidung aus und zog einen zu großen Pyjama an, der im Schrank hing. Dann kroch er ins Bett. Die Matratze war wahnsinnig gemütlich, die Decke war schnell warm und duftete nach frischem Lavendel.

In diesem großen, weichen Bett fühlte sich Oliver sicherer als je zuvor in seinem Leben.

Es kam ihm vor, als hätte er endlich seinen Platz in der Welt gefunden.

KAPITEL SECHS

Die Welt war still und leise. Sonnenlicht wärmte Olivers Augenlider. Langsam öffnete er sie.

Durch den Schlitz im Vorhang fiel ein goldener Lichtstrahl. Es dauerte einen Moment, bis Oliver begriff, wo er sich befand. Er setzte sich auf und sah sich blinzelnd in dem schönen Zimmer in Armandos Fabrik um. Es war also kein Traum. Er war wirklich hier!

Es musste der nächste Morgen sein. Sein kleines Nickerchen hatte sich als Tiefschlaf entpuppt. Er war nicht überrascht. Er lag schließlich im wärmsten, bequemsten Bett der Welt. Für Oliver fühlte sich Armandos Fabrik jetzt schon mehr nach Zuhause an, als all die Häuser, in denen er bisher gewohnt hatte. Zufrieden kuschelte er sich noch einmal unter die Decke. Er empfand eine tiefe Verbundenheit mit diesem Ort und er wollte nie wo anders sein.

Aber was ist mit meiner Familie? dachte er beklommen. Sie mussten sein Fehlen inzwischen bemerkt haben. Er war eine ganze Nacht lang nicht nach Hause gekommen. Vielleicht dachten sie, dass der Sturm ihn weggespült hatte. Wahrscheinlich machten sie sich Sorgen.

Einerseits tat ihm das leid, aber ein anderer Gedanke machte sich in seinem Kopf breit. Wenn sie wirklich dachten, dass der Sturm ihn weggespült hatte, dann musste er nie wieder zurückgehen…

Oliver überlegte hin und her. Schließlich entschied er, dass er zuerst mit Armando sprechen sollte. Er würde bestimmt Rat wissen.

Bestens erholt sprang er aus dem Bett und eilte aus dem Zimmer. Er musste Armando finden! Schnell huschte er die Gänge des riesigen Kaninchenbaus entlang und fand bald zurück zur Küche, wo Horatio in der Ecke schlummerte. Von dort aus irrte er weiter. Dieses Gebäude war ein wahres Labyrinth. Türen, an die er sich vom Abend zuvor genau zu erinnern glaubte, waren auf einmal verschwunden.

Aber irgendwann hatte er es geschafft. Er war wieder in der großen Fabrikhalle. Im Tageslicht erschien sie ihm noch großartiger. Er konnte bis zur Decke sehen, die ihm so hoch vorkam wie die einer Kathedrale. Dort, an den schweren Holzbalken, sah er einige mechanische Vögel sitzen und zwischen den Dachbalken entlangflattern. Sie bewegten sich so natürlich, dass sie von echten Vögeln kaum zu unterscheiden waren, abgesehen davon dass ihre Flügel aus Messing waren und rot schimmerten. Dort oben sah er auch Fledermäuse, die kopfüber von den Latten hingen und ihre metallenen Flügel um die Brust gelegt hatten.

„Wie um alles in der Welt hat er das geschafft?“, flüsterte Oliver, während er fassungslos die fliegenden Maschinen über seinem Kopf beobachtete.

„Ah, Oliver! Guten Morgen!“, ertönte Armandos Stimme.

Oliver wandte den Blick von den Vögeln ab. Armando stand neben der Maschine, an der er auch am Abend zuvor gearbeitet hatte.

Sofort verließ Oliver der Mut. Er konnte ihn nicht einfach fragen, ob er in der Fabrik bleiben durfte.

„Hast du gut geschlafen?“, fragte der alte Mann.

„Ja, das habe ich“, sagte Oliver. „Um genau zu sein habe ich besser geschlafen als je zuvor. Dabei wollte ich mich doch nur ganz kurz hinlegen. Warum haben Sie mich nicht geweckt, als der Sturm vorbei war?“

Armando lachte leise. „Das habe ich versucht, mein Junge, aber du hast tief und fest geschlafen. Ich glaube, das hast du gebraucht.“ Er lächelte herzlich. „Aber jetzt will ich dir etwas über meine Fabrik und meine Erfindungen erzählen. Das habe ich dir doch versprochen. Möchtest du davor noch etwas essen? Oder eine heiße Dusche nehmen? Vielleicht frische Kleidung?“

Erst jetzt merkte Oliver, dass er immer noch den Pyjama trug.

Er wägte das Angebot ab. Frühstück, eine heiße Dusche und frische Kleidung bekam er zu Hause nicht jeden Tag. Es konnte doch nicht schaden, noch ein wenig zu bleiben. Er wollte sich auf jeden Fall anhören, was Armando zu erzählen hatte.

„Wenn du möchtest, kannst du auch deine Familie anrufen, damit sich deine Eltern keine Sorgen machen“, fügte der alte Erfinder hinzu, dem Olivers Zögern nicht entgangen war.

Doch das war das Letzte, was Oliver jetzt wollte. Rasch schüttelte er den Kopf. „Nicht nötig. Ich würde lieber zuerst die Fabrik besichtigen.“

Der alte Mann lehnte sich nach vorne und legte seine schwere Hand auf Olivers Schulter. Er sah ihn aus matten Augen an, doch Oliver erkannte die Warmherzigkeit darin. Er vertraute ihm. Zum wiederholten Male bekam Oliver das Gefühl, dass Armando mehr wusste, als er zu verstehen gab. Er wies mit einer ausladenden Handbewegung auf den Hallenboden.

„Hier entlang, bitte“, sagte er.

Sofort vertrieb die Neugier alle Gedanken an seine Familie und Oliver schlenderte langsam neben Armando her.

„Als ich meine ersten eigenen Geräte erfunden habe, war ich etwa so alt wie du, Oliver“, begann er. „Aber nichts wollte funktionieren“, lachte er. „Eine Steinschleuder habe ich hinbekommen, aber das war vorerst alles, was ich an mechanischem Geschick vorzeigen konnte.“

Oliver dachte an die Steinschleuder, mit der er auf Chris geschossen hatte. Was für ein Zufall, dass es ihm genauso ging.

Armando redete weiter. „In der Schule habe ich immer geglänzt, aber die anderen Kinder haben es mir nicht gerade leicht gemacht.“

„Mir machen es die anderen auch nicht leicht“, sagte Oliver leise.

Sie kamen zu einem Zimmer, dessen Tür geschlossen war. Armando öffnete sie und Oliver stockte der Atem. Es war eine Bibliothek, deren Regale bis ganz oben an die hohe Decke ragten. Eine hölzerne Wendeltreppe führte auf ein zweites Stockwerk, auf dem ein sehr gemütlich aussehender Sessel und eine große Leselampe standen.

Armando nahm ein Buch aus dem Regal. Es war in Leder eingebunden und der Titel war mit goldenen Buchstaben eingeprägt. Odontodactylus scyllarus. Es sah alt und sehr wertvoll aus.

„Wenn es um Bücher geht, bin ich unersättlich“, sagte Armando. „Die Geschichte der Luftfahrt interessiert mich ganz besonders. Ich wollte alles darüber wissen. Die Kinder haben mich immer Streber genannt.“

Oliver war sprachlos. Er nickte verblüfft, dass Armandos Schulzeit so viele Parallelen zu seiner eigenen aufwies. Es machte ihm Mut. Fasziniert beobachtete er, wie Armando das Buch sorgfältig zurück an seinen Platz stellte. Dann wanderte er langsam weiter. Neugierig folgte Oliver ihm.

„Ich habe die Schule mit hervorragenden Zeugnissen abgeschlossen. Danach bin ich auf ein College gegangen. Dann ging mein Leben erst richtig los. Zum ersten Mal hatte ich Zugang zu allen möglichen Materialien und Werkzeugen. Natürlich hatte ich auch brillante Mentoren. Ein paar der hellsten Köpfe aller Zeiten, wenn du mich fragst.“

Plötzlich schoss ein mechanischer Fasan schwirrend über Olivers Kopf. Erschrocken sprang er zur Seite. Der Bauch des Tieres hatte Olivers Hinterkopf gestreift. Oliver legte sich die Hand an die Stelle und stellte überrascht fest, dass die metallenen Federn des Tieres in allen Farben des Regenbogens schimmerten, als hätte jemand Öl darüber gegossen.

Armando hingegen wirkte nicht beeindruckt, er redete einfach weiter. Oliver richtete sich wieder auf.

„Damals waren große Erfindungen ganz hoch im Kurs“, erklärte Armando. „Durch den Krieg eröffneten sich mir ungeahnte Möglichkeiten. Das Militär brauchte innovative Technologien, sodass erfinderische Köpfe wie ich auf einmal sehr gefragt waren. Zuerst habe ich an Kriegswerkzeugen gearbeitet.“

Er deutete auf einen großen Raum. Oliver hatte den Raum am Abend zuvor bereits gesehen. Er beherbergte den riesigen Panzer mit den fremdartigen Waffen. Bei Tageslicht konnte Oliver noch mehr erkennen. Überall lagen Bahnschienen und Reifen herum, einige davon mit Stacheln und anderen merkwürdigen Besonderheiten.

„Sie haben mir diese Fabrik gegeben, dazu einen ganzen Stab von Mitarbeitern“, erklärte Armando.

„Wirklich?“, rief Oliver begeistert. In Seinem Buch hatte nichts davon gestanden, dass man Armando eine ganze Fabrik zur Verfügung gestellt hatte. Er war eher als Verrückter beschrieben, der über Fluggeräte fantasiert hatte, nicht wie jemand, der erfolgreich Kriegsmaschinerien entwickelt und produziert hatte.

Armando nickte. „Ich weiß, heute erscheint das fast unglaublich. Alles ist so… ruhig geworden.“

Einen Augenblick schien er seinen eigenen Gedanken nachzuhängen, doch dann schüttelte er sanft den Kopf und ging langsam weiter.

Sie kamen in einen Raum, in dem zahlreiche Glasbehälter voller brodelnder Flüssigkeiten standen, kleine Bunsenbrenner leuchteten darunter und gaben zischende Laute von sich. Es war hieß hier und roch nach Chemikalien. Oliver rümpfte die Nase.

„Vielleicht hast du ja das Gerücht gehört, dass keine meiner Erfindungen je funktioniert hat“, sagte Armando.

Oliver wurde rot. Er schämte sich ein bisschen. „Ja, sowas habe ich gelesen“, piepste er.

Armando nickte traurig. „Sie haben mir mein Team weggenommen. Sie wurden alle in andere Fabriken und Labore geschickt, wo man größeren Nutzen aus ihnen schlagen konnte. Und meine Fabrik wurde geschlossen – na, zumindest offiziell. Ich habe aber heimlich weiter gemacht.“

Die geheime Wand! Na klar! Kein Wunder, dass dieser Teil der Fabrik so versteckt liegt. Armando musste sich und seine Arbeit einschließen, damit man ihn nicht aufhalten konnte.

„Dann sind Sie seitdem alleine hier?“, fragte Oliver.

„Ohne Unterstützung trifft es wohl besser“, entgegnete Armando. Er seufzte, als läge ihm eine schwere Last auf den Schultern. Mit dem Zeigefinger tippte er gegen seine Schläfe. „Hier drinnen ist so viel Wissen, aber es gibt niemanden, an den ich es weitergeben kann. Kein Sohn und keine Tochter, kein Freund und kein Nachfolger.“

Sie näherten sich einer Maschine. Sie sah aus, wie diese topfförmige Erfindung, die Oliver bereits zuvor im verlassenen Teil der Fabrik aufgefallen war, doch während die alte halb zerstört wirkte, sah diese hier brandneu aus.

Oliver berührte das kühle Metall mit der Fingerspitze.

„Ich nenne sie Vogelperspektive“, verkündete Armando.

„Wofür benutzt man sie?“

„Sie ermöglicht dir, bestimmte Dinge von oben zu betrachten. Im Krieg sollte sie zur Erkundung von feindlichen Gebieten eingesetzt werden.“

Oliver staunte. „Aber wie funktioniert sie? Dafür bräuchte man doch Kameras am Himmel. Und wozu ist dieser Topf gut? Soll sich das hier drehen? Ich verstehe es nicht ganz…“ Murmelnd untersuchte Oliver das Gerät.

Vielleicht hatte es etwas mit elektromagnetischen Strahlen zu tun, die durch Regentropfen flossen und so irgendwelche Bilder erzeugten, ähnlich wie Ultraschallwellen oder Sonarsysteme. Doch diese Erklärung schien Oliver zu abgehoben. So etwas wäre nur mithilfe einer unerklärlichen physikalischen Kraft zu bewerkstelligen.

Magie.

Armando lächelte. „Diese Erfindung hat leider nie richtig funktioniert. Ein Puzzlestück konnte ich nicht knacken. So ging es mir leider bei den meisten meiner ganz großen Erfindungen. Irgendeine Komponente hat immer gefehlt.“

Oliver fragte sich, was Armando damit meinte. Was sollte diese mysteriöse fehlende Komponente sein?

Schnell huschte er hinter Armando her, der bereits aus dem Zimmer ging.

„Sie haben also siebzig Jahre lang neue Geräte erfunden?“, fragte er.

„Und noch ist meine Zeit nicht abgelaufen.“

„Wurden Sie nicht in den Krieg geschickt, nachdem die Fabrik geschlossen war?“

Armando verzog das Gesicht. „Natürlich hätte ich gehen sollen, genau wie die anderen Männer. Aber die Regierung hat mir erlaubt, an meiner letzten großen Erfindung weiter zu arbeiten. Es handelt sich um ein Gerät, das wichtiger ist, als alle Kriegswaffen zusammen. Sie gaben mir sozusagen eine letzte Chance, es fertigzustellen.“

„Was ist es?“, fragte Oliver gebannt. Da fiel ihm wieder ein, dass in seinem Buch von einer Zeitmaschine die Rede gewesen war. Wollte Armando etwa darauf anspielen?

Doch der alte Mann hob abwehrend die Hand. „Nicht der Rede wert, mein Junge, es ist mir nie gelungen.“ Er wirkte plötzlich niedergeschlagen. Es tat Oliver leid, ihn auf dieses Thema gebracht zu haben. Die Enttäuschung stimmte ihn ganz offensichtlich immer noch traurig.

„Nichts ist unmöglich“, sagte er in dem Versuch, den Erfinder wieder aufzumuntern. „Vielleicht finden Sie morgen das fehlende Stück!“

Doch seine Worte schienen Armando noch trauriger zu machen. Langsam und mit ächzenden Gelenken ließ er sich auf einen Stuhl nieder.

„Die Zeit läuft mir davon, mein Junge“, sagte er. „Meine Tage sind gezählt.“

Oliver hatte den Eindruck, dass er nicht nur sein Alter meinte, sondern eine Art Vorsehung.

Armando seufzte. Sein ganzer Enthusiasmus war verpufft.

„Damit ist die Tour dann wohl zu Ende“, sagte er matt.

Oliver war enttäuscht. Das konnte nicht das Ende sein! Es durfte nicht das Ende sein! Er wollte nicht, dass die Zeit mit seinem großen Vorbild zu Ende ging. Er wollte für immer hier bleiben! Doch selbst als Armando mit hängenden Schultern auf die Tür zu wankte, wollte Oliver diese eine große Bitte nicht über die Lippen kommen. Sie waren wie zugenäht.

Die Feigheit blockierte seinen Hals, als Oliver Armando langsam in den langen Gang folgte. An einem Ende des Ganges lag das Zimmer, in dem Oliver geschlafen hatte. Das Zimmer, das er insgeheim schon als sein eigenes Zimmer betrachtete und das er für immer behalten wollte. Doch sie gingen in die entgegengesetzte Richtung, weg von dem gemütlichen Zuhause, hin zu der alten, offiziellen Fabrik.

Als sie zu der geheimen Wand kamen, sah Oliver sich noch einmal sehnsüchtig um. Der Anblick der glänzenden Maschinen, künstlichen Vögel und Fledermäuse brachte ihn immer noch zum Staunen. Er bewunderte Armando für all diese fantastischen Schöpfungen. Traurig dachte er, dass er niemals die Gelegenheit bekommen würde, mit seinem großen Vorbild daran zu arbeiten.

„Es war mir ein großes Vergnügen, dich zu treffen, Oliver“, sagte Armando und hielt ihm die Hand zum Abschied hin.

Oliver hörte die Melancholie in seiner freundlichen Stimme. Er ergriff die Hand des alten Mannes. Obwohl er es sich so sehr wünschte, schaffte er es einfach nicht, sein großes Anliegen vorzutragen.

„Ja“, sagte er stattdessen tonlos. „Es war wirklich wundervoll.“

Dann drehte er sich langsam um und ging mit schlurfenden Schritten auf die geheime Wand zu. Schwermütig dachte er an das beklemmende Leben, in das er nun zurückkehren musste, an die ungemütliche Nische und seinen gewalttätigen Bruder.

Er streckte die Hand aus und suchte nach dem Hebel. Da fiel sein Blick auf einen kleinen Tisch mit der heutigen Tageszeitung. Darauf waren die traurigen Gesichter von Olivers Familie zu sehen. Oliver erschrak. Warum waren Chris und seine Eltern in der Zeitung? Er las den Titel:

Junge im Sturm verschwunden – Aufruf der Eltern

Sein Herz blieb stehen. Dann machten sie sich also doch Sorgen um ihn? Sofort bekam er ein schlechtes Gewissen.

Er nahm die Zeitung und klappte sie auf. Als er den Artikel genauer ansah, bemerkte er, dass die Überschrift noch weiter ging: Aufruf der Eltern zu emotionaler und finanzieller Unterstützung

Oliver war fassungslos. Es ging also doch nicht um ihn, sondern darum, Geld und Mitleid aus der Sache zu schlagen. Wahrscheinlich würden sie sich auch noch darüber ärgern, wenn er jetzt nach Hause käme, weil er ihren großen Auftritt im Rampenlicht zerstören würde und keine Spendengelder mehr fließen würden.

Seine Hand lag auf dem Hebel. Auf der anderen Seite dieser Wand wartete eine Welt voller Gemeinheiten und Quälereien, voller Verzweiflung und Ungerechtigkeit. Aber hier, in Armandos Welt, gab es so viel mehr. Hier konnte er seine Träume wahr werden lassen. Hier hatte er ein echtes Zuhause, ein eigenes Zimmer und einen Menschen, der ihm Respekt und Weisheit bot. Er wäre verrückt, all das aufzugeben. Außerdem hatte er das unverkennbare Gefühl, dass er dazu bestimmt war, an diesem Ort zu sein. Hier hatte er alles, auf der anderen Seite hatte er nichts.

Wie ein Blitz durchfuhr ihn eine Welle von Courage. Langsam nahm er die Hand von dem Hebel. Er drehte sich um und ging einen Schritt auf Armando zu. Fest entschlossen sah er ihn an. Sein Hals fühlte sich immer noch an, als käme nie wieder ein Wort heraus, aber er nahm all seinen Mut zusammen und sagte so laut er konnte die Worte, die sein Leben für immer verändern konnten:

„Armando, lassen Sie mich hier bleiben und helfen. Ich bin sicher, dass wir sehr gut zusammen arbeiten werden.“

Dann biss er sich auf die Lippen und beobachtete die alte, klapprige Gestalt auf der anderen Seite der großen Halle.

„Hierbleiben?“, wiederholte Armando.

Oliver trat nervös von einem Bein auf das andere. „Also… ich meine… hier arbeiten. Zusammen mit Ihnen.“ Immer wilder nagte er an seiner Unterlippe. Schnell ging er näher zu seinem Helden. „Ich bin wirklich gut mit technischen Dingen und ich kann helfen. Ich bin ganz sicher.“

Armando zog eine Augenbraue hoch. „Du meinst, dass du hier bleiben willst? Für immer? Aber was ist mit deinem Leben, Oliver?“

„Mein Leben ist ein Alptraum“, sagte Oliver grimmig. „Mein Bruder ist brutal, ich habe kein Zimmer, sondern nur eine alte Matratze in einer windigen Nische. Ich habe das Gefühl, dass ich… hierher gehöre. Zu Ihnen. Zu dieser Fabrik. Verstehen Sie das?“

Armando lächelte gütig. „Aber ich bin zu alt um für dich zu sorgen.“

„Aber sie sorgen doch jetzt schon viel besser für mich, als meine Eltern es je getan haben.“

„Und was soll aus der Schule werden? Du musst doch in die Schule gehen.“

„Alles, was sie mir dort erzählen, weiß ich schon längst! Und alles, was ich noch lernen muss, kann ich von Ihnen lernen. Sie können mir beibringen, wie man Maschinen baut. Ich kann Ihr Lehrling werden!“

Oliver spürte, dass Armando mit sich rang. Er wollte sich dem alten Mann nicht aufzwängen, aber zum ersten Mal in seinem Leben war er ganz sicher, dass er das Richtige tat. Er konnte es nicht einfach aufgeben.

„Ich werde alles tun, wirklich“, bettelte Oliver. „Bitte! Bitte lassen Sie mich beweisen, dass ich Ihnen keine Last bin.“

Armando sah Oliver lange an, bevor er antwortete.

„Ich schätze, es kann nicht schaden, deine Geschicklichkeit zu testen“, sagte er schließlich.

Oliver machte große Augen. Er hatte zwar nicht zugestimmt, aber er hatte ihn auch nicht abgewiesen. „Wirklich? Sie lassen mich helfen?“

„Ja“, sagte Armando. „Aber davor musst du mir noch einen Gefallen tun.“

„Sofort! Was Sie wollen!“

Armando grinste. „Zieh dir etwas Anständiges an.“

Oliver sah an sich hinab und wurde rot.

Er trug noch immer den fremden Pyjama.

KAPITEL SIEBEN

Als Oliver unter dem warmen Wasser in der Dusche stand, schwirrte ihm der Kopf. Armando hatte zwar nicht gesagt, dass er als Lehrling bei ihm wohnen durfte, aber er durfte vorerst bleiben. Das machte ihm Hoffnung. Er hatte das Gefühl, dass es eine Art Probe war, der er sich in den kommenden Stunden unterziehen musste. Nicht dass Armando es so genannt hatte. Eigentlich hatte er gar nicht viel gesagt, aber Oliver hatte das dringende Bedürfnis, sich zu beweisen und Armando zu zeigen, dass er zu ihm gehörte.

Er ging zum Schrank und fand darin mehrere Overalls. Sie waren sauber, aber sehr altmodisch. Er nahm sich einen dunkelblauen Overall aus dem Schrank und zog ihn an. Natürlich war er viel zu groß. Oliver krempelte die Ärmel und Hosenbeine hoch und blickte in den Spiegel. Er sah aus, als käme er direkt aus den 1940ern!

Kaum war er fertig, rannte er auch schon zurück zu Armando, um seine erste Lektion zu lernen.

„Hier bin ich“, rief er enthusiastisch und kam schlitternd neben dem alten Mann zum Stehen.

Armando sah ihn von oben bis unten an, dann nickte er zufrieden, dass der Junge nicht länger im Pyjama herumlief.

„Du hast also die Sachen meiner damaligen Arbeiter gefunden“, sagte er. „Sie sind noch aus der Zeit des Krieges. Damals haben ein paar Arbeiter hier gewohnt.“

„Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich sie trage?“, fragte Oliver schüchtern.

„Überhaupt nicht! Es ist schön zu sehen, dass sie nach all den Jahren wieder gebraucht werden. Armandos Blick schweifte in die Ferne. Er dachte an bessere Zeiten. „Nun, wenn ich mich richtig erinnere, wolltest du mir zeigen, was du alles kannst.“

Oliver nickte aufgeregt. Er folgte Armando zu einer langen Werkbank. Dort lagen verschiedene Stoffe und ein ganzer Haufen von Drähten. Er begriff sofort, dass dort alles bereitlag, was er für seinen Unsichtbarkeitsumhang brauchte. Er sah Armando begeistert an.

„Arbeiten Sie etwa an einem Unsichtbarkeitsumhang?“, fragte er.

„Nicht mehr“, winkte Armando ab. „Das hat bisher noch keiner geschafft und ich habe es auch aufgegeben.“

„Ich würde es gerne versuchen“, gestand Oliver.

„Wenn ich dir einen Rat geben darf, dann verschwende keine wertvolle Zeit damit!“, entgegnete Armando. „Mich hat es Jahre gekostet!“

Oliver war enttäuscht. Der Gedanke daran, sich irgendwann wirklich unsichtbar machen zu können, war für ihn eine große Hoffnung. Aber wenn Armando nicht wollte, dass er daran arbeitete, dann würde er es auch nicht tun. Vielleicht musste er diesen einen Traum einfach aufgeben.

Oliver folgte Armando durch die verschlungenen Gänge der Fabrik. Bald erkannte er den Gang wieder, in dem der Raum mit dem großen Panzer lag.

Zu Olivers Überraschung führte Armando ihn genau auf diesen Raum zu.

„Sie wollen doch nicht etwa, dass ich eine Kriegswaffe baue?“, fragte Oliver unsicher und starrte mit großen Augen den Panzer an.

„Himmel, nein“, sagte Armando. „Ich will sehen, ob du es schaffst, das Periskop digital zu machen.“

„Oh“, sagte Oliver, der nicht sicher war, ob das so viel besser war.

Das einzige Periskop, das er je gebaut hatte, hatte er aus einem alten Teleskop und einem Spiegel gebaut. Er wusste aber, dass die Navy bereits in den 60ern Periskope erfunden hatte, die an einen Monitor angeschlossen waren, und später dann photonische Masten, die Kameras und Infrarot-Technologien benutzten. Es war also möglich. Und Oliver hatte fest vor, es zu schaffen. Armando hatte nicht gesagt, dass es ein Test war, oder dass Olivers Zukunft in der Fabrik von dieser Aufgabe abhing, aber Oliver hatte trotzdem das Gefühl, dass es um sein Leben ging.

Er nahm sich viel Zeit, das Periskop genau anzusehen. Es war tatsächlich die gleiche schlichte Variant, die er selbst gebaut hatte. Als er sich schließlich eine Lösung ausgedacht hatte, machte er eine Liste von Dingen, die er brauchen würde, um seinen Plan umzusetzen.

„Haben Sie vielleicht eine Kathodenstrahlröhre?“, fragte Oliver. Er würde sie brauchen, um einen Bildschirm zu bauen.

„Selbstverständlich“, sagte Armando. „Ich habe hier von allem etwas… irgendwo.“

„Wenn das so ist, dann brauche ich auch eine Kamera. Und jede Menge Kabel. Eine Hauptplatine und Lötzinn. Oh, und ein paar Batterien oder eine andere Energiequelle.“

War da gerade ein zufriedenes Lächeln über Armandos Gesicht gehuscht, oder hatte Oliver sich das eingebildet? Vielleicht konnte er ihn wirklich überzeugen, dass er der richtige Lehrling war. Vorerst wollte Oliver sich jedoch keine falschen Hoffnungen machen. Erst wollte er seine Aufgabe lösen.

„Du darfst dir alles nehmen, was du dafür brauchst“, sagte Armando und machte mit der Hand eine großzügige Bewegung durch den Raum. Ich muss mich jetzt um ein paar Sachen kümmern. Komm zu mir, wenn du fertig bist.“

Das sollte wohl bedeuten, dass Oliver sich alles selbst zusammensuchen musste.

Er sah Armando hinterher, der sich langsam zur Tür bewegte und im Gang verschwand. Kaum war er auf sich alleine gestellt, fertigte er rasch eine Zeichnung zu seinem Vorhaben an. Er zeichnete einen einfachen Mast, an dessen Ende er die Kamera montieren würde. Die Kabel sollten durch eine Röhre am Mast entlang nach unten führen und unten würde sich der Bildschirm befinden, der alles anzeigen sollte, was es außerhalb des Panzers zu sehen gab. Theoretisch war alles ganz einfach, aber gleichzeitig war es größer als alles, was Oliver bisher gebaut hatte.

Sobald er sich im Klaren darüber war, wie genau seine Erfindung aussehen sollte, machte er sich auf die Suche nach den Einzelteilen. Er wanderte durch die Fabrik, öffnete Schränke und war sehr beeindruckt, was es dort alles gab. Armando hatte nicht gelogen. Hier gab es wirklich von allem etwas. Kleine und große Metallteile, biegsame Röhren, Holzstücke, Reifenteile, Spiralen und bunte Druckfedern, die aussahen, als kämen sie aus einem Zauberkasten.

Es dauerte lange, bis Oliver alles zusammen gesammelt hatte, was auf seiner Liste stand. Mit vollen Armen trug er seine Beute zu der Werkbank im Panzerraum.

Er arbeitete zügig und versuchte, sich von seinem Stress nicht allzu sehr unter Druck setzen zu lassen. Doch wenn er jetzt versagte, würde Armando ihn bestimmt nicht als Lehrling wollen. Er musste ihm einfach beweisen, dass er der Richtige war, sonst müsste er zurück zu der schäbigen Nische und seinem brutalen Bruder. Er durfte nicht scheitern.

Oliver setzte sich eine Schutzbrille auf und zündete den Lötkolben. Er war begeistert, dass er endlich die Werkzeuge benutzen durfte, für die die meisten Erwachsenen ihn immer zu jung hielten. Er befestigte alle Kabel an der Hauptplatine, wie er es in seinem Buch tausendmal gesehen hatte. Er genoss den Geruch des geschmolzenen Lötzinns und war stolz, als er die Geräte mit der Energiequelle erfolgreich verbunden hatte.

Ohne zu wissen, wie viel Zeit bereits verstrichen war, schloss er die letzten Teile an und trat schließlich zurück, um sein Werk zu bewundern. Leider musste er gestehen, dass das Resultat nicht so eindrucksvoll wirkte, wie er es sich vorgestellt hatte. Das Abflussrohr, das er als Mast genommen hatte, war schief, der Bildschirm war uralt und mitgenommen – er kam ganz offensichtlich von einer Müllhalde – und hatte einen merkwürdig gebogenen Bildschirm. Aber besser konnte er es nicht hinbekommen.

Er holte Armando, der von Olivers Werk nicht besonders beeindruckt wirkte. Oliver glaubte sogar, Enttäuschung in seinem Blick zu sehen.

„Bist du fertig?“, fragte er.

Wieder spürte Oliver, wie wichtig diese Aufgabe war. Hatte er wirklich alles gegeben? War das hier das Beste, was er in sich hatte? Plötzlich fühlte er sich sehr verunsichert.

Vielleicht hatte er doch nicht das Zeug dazu, Armandos Lehrling zu werden. Dann würde er ihn bestimmt in sein armseliges Leben zurückschicken. Oliver konnte den Gedanken kaum ertragen.

„Ja, es ist fertig“, sagte Oliver schweren Herzens.

Er schaltete die Maschine ein und hörte ein elektrisches Summen. Oliver atmete durch. Soweit, so gut. Das kleine Licht an der Rückseite der Kamera begann rot zu blinken. Sie funktionierte also. Oliver schöpfte neue Hoffnung.

Dann führte er Armando zu dem Bildschirm. Zu Olivers Entsetzen mussten sie feststellen, dass der Bildschirm schwarz blieb. Das Bild der Kamera wurde nicht angezeigt, dabei war das der ganze Punkt der Aufgabe gewesen. Wenn er es nicht schaffen würde, das Bild auf den Bildschirm zu bekommen, dann hatte er auf der ganzen Linie versagt.

Er spürte Armandos Enttäuschung, doch das war nicht annähernd so schmerzhaft wie seine eigene Enttäuschung. Er hatte sich selbst im Stich gelassen. Es war naiv gewesen zu denken, dass er mehr als ein armer Junge aus einer schlechten Familie sein konnte.

Oliver konnte es nicht ertragen, sich Armandos Meinung über seine Arbeit anzuhören. Er drehte sich traurig um und ging, ließ seinen großen Misserfolg einfach hinter sich.

„Oliver…“, sagte Armando.

Oliver wollte es nicht hören. „Sie müssen es nicht aussprechen. Ich werde einfach gehen.“

„Oliver…“, wiederholte Armando.

„Lassen Sie nur. Ich verstehe schon. Ich gehe.“

„OLIVER!“, rief Armando.

Diesmal blieb Oliver stehen. Er war inzwischen bei der Tür angekommen und drehte sich mit Tränen in den Augen zu Armando um. Der stand immer noch neben Olivers Werk.

„Ja?“, sagte er leise und machte sich auf Armandos vernichtende Worte gefasst.

„Ich glaube, du hast etwas übersehen“, sagte Armando.

Das hatte Oliver nicht erwartet. „Was denn?“

Armando wies mit dem Kinn auf das Gebilde. „Komm und sieh es dir an. Ich wette, du wirst es selbst merken.“

Schnell ging Oliver zurück zu seiner hässlichen Maschine. Eigentlich wollte er sie nicht einmal mehr ansehen. Was sollte er noch an dem Ergebnis ändern können?

Doch als er näher kam, bemerkte er schnell, was Armando gemeint hatte. Etwas hakte bei der Verbindung zwischen der Kamera und dem Bildschirm. Obwohl beides eingeschaltet und funktionstüchtig war, sah die Linse irgendwie falsch aus. Sie war zu dunkel, als wäre eine Öl- oder Schmutzschicht darauf.

Schnell eilte er hin und wischte sie mit dem Ärmel seines Overalls sauber. Dicker, schwarzer Dreck blieb an seinem Ärmel kleben und schon erschien ein verschmiertes Bild auf dem Bildschirm.

Oliver konnte es nicht glauben. Seine Erfindung hatte also doch funktioniert! Nur der Dreck auf der Linse hatte die Kamera blind gemacht, weswegen der Bildschirm schwarz geblieben war.

„Ich habe es geschafft“, murmelte Oliver erstaunt. Er konnte es kaum glauben.

Immer wieder wischte er über die Linse und beobachtete, wie das Bild immer klarer wurde. Das war der Beweis: seine Erfindung war ein Erfolg!

Er sah zu Armando hinüber. Er lächelte zufrieden. Oliver spürte, wie ihm Tränen der Freude in die Augen stiegen.

„Heißt das etwa…?“, begann er voller Freude. „Kann ich etwa doch… bleiben?“

„Ja“, bestätigte Armando mit einem Nicken. „Du kannst hier bei mir bleiben.“ Dann fügte er lächelnd hinzu: „Zumindest fürs Erste.“

Das konnte Olivers Freude nicht mindern. Er war außer sich vor Begeisterung. Er sprang immer wieder in die Höhe und schlug mit geballter Faust in die Luft. Dabei schrie er vor Vergnügen.

„Ich habe es geschafft!“, rief er und rannte ein paar Ehrenrunden durch den Raum. „Ich habe es geschafft!“

Auch Armando kicherte fröhlich. „Ich denke, bei deiner Entschlossenheit und Gründlichkeit, nicht zu vergessen deine beeindruckende Denkkraft, wäre ich ganz schön dumm, dich wegzuschicken anstatt deine Talente zu fördern.“

Oliver rannte weiter, bis er vor seinem großen Vorbild stand. Dann blickte er zu ihm auf. Am liebsten hätte er ihn vor lauter Dankbarkeit in die Arme geschlossen, aber er hielt sich zurück.

„Was passiert jetzt?“, fragte er voller Tatendrang. „Woran soll ich als nächstes arbeiten? Vielleicht doch an dem Unsichtbarkeitsumhang?“

Seine Scheu wich der puren Aufregung. Er wollte sich sofort wieder an die Arbeit machen, aber Armando schüttelte belustigt den Kopf.

„Immer langsam mit den jungen Pferden, mein Junge. Zuerst muss ich mir ansehen, wie du mit echten Erfindungen zurechtkommst, bevor du dich an theoretisch lösbare, aber praktisch unmögliche Dinge machen kannst. Ich glaube, du brauchst du ein paar Grundlagen.“

„Ich bin bereit zu tun, was auch immer Sie für richtig halten. Es kann sofort losgehen.“

Armando lächelte. „Natürlich, natürlich. Komm mit. Wir arbeiten ein bisschen zusammen und sehen, wie es dir gefällt. Dann können wir immer noch darüber reden, wie die Zukunft aussehen soll.“

Wie auf Wolken ging Oliver hinter Armando her. Sie gingen in eine Ecke der Fabrik, in der eine große Werkbank mit jeder Menge verschiedener Werkzeuge und Materialien stand. Sägen, Klemmen, Holz, Glas, Metall, Plastik und vieles mehr. Sanft berührte Oliver die Utensilien und freute sich darauf bald damit zu arbeiten.

„Gut, beginnen wir. Erstens, du musst immer auf deine Sicherheit achten.“ Armando gab Oliver eine Schutzbrille, die dieser sofort aufsetzte.

„Das ist übrigens eine ganz besondere Brille“, sagte Armando. Ich habe sie selbst entworfen.“

Er drückte auf eine kleine Taste zwischen den Gläsern. Oliver schnappte nach Luft, als die Welt vor ihm auf einmal schwarz-weiß wurde.

„Das macht es dir leichter, Kontraste zu sehen“, erklärte Armando. Dann drückte Armando noch einmal und alles wurde grün. „Infrarot, für die Arbeit im Dunkeln.“

„Im Dunkeln? Heißt das, ich werde auch nachts arbeiten?“, fragte Oliver gespannt.

Er hatte nichts dagegen. Genaugenommen war er neugierig darauf. Der Gedanke, bis tief in die Nacht hinein an Erfindungen zu tüfteln, erschien ihm sehr romantisch.

„Wir werden versuchen, es auf einem Minimum zu begrenzen“, sagte er und drückte wieder auf die Taste zwischen Olivers Augen. „Aber es kann schon sein, dass es Zeiten geben wird, in denen du auf Schlaf verzichten musst.“

„Ich werde alles tun“, antwortete Oliver gelassen. Das meinte er wirklich ernst. Nichts auf dieser Welt wünschte er sich mehr, als Armando Illstrom zu helfen, sein Lehrling zu sein und ihn als Mentor zu haben.

Aber Armandos Blick ließ vermuten, dass er andere Dinge im Kopf hatte. „Gewiss, mein Junge, gewiss.“ Er tätschelte Olivers Schulter. „Jetzt müssen wir uns aber an die Arbeit machen.“

Den Rest des Tages erlebte Oliver wie im Traum. Armando zeigte ihm alle Grundlagen bei der Arbeit mit Holz und mit Elektrik. Sie begannen mit einfachen Stromkreisläufen aus Kupferband, Knopfbatterien und LED Lämpchen und machten sich dann an einen kleinen, batteriebetriebenen Elektromotor.

„Über Chemikalien werde ich dir auch bald einiges erzählen“, bemerkte Armando, als sich der Tag langsam dem Ende neigte.

Olivers Kopf war zum Platzen voll. Er hatte die Informationen aufgesaugt wie ein Schwamm, so versessen war er darauf, immer mehr und mehr zu erfahren und gleichzeitig dem alten Erfinder zu beweisen, dass er ein guter Lehrling war.

Als Olivers zweite Nacht in der Fabrik hereinbrach, klatschte Armando in die Hände. „So, es wird Zeit aufzuräumen. Ich habe Hunger und dir geht es bestimmt auch nicht anders.“

Oliver nahm seine Schutzbrille ab und strich seine Haare glatt, die in alle Richtungen standen und an seiner Stirn klebten. Er hatte einen Tag voller schwerer Arbeit hinter sich, aber er war glücklich und zufrieden.

Als sie zielstrebig auf die Küche zugingen, hörte Oliver plötzlich ein Geräusch aus dem anderen Teil der Fabrik. Er zuckte zusammen, als er den alten Hund Horatio knurren hörte.

„Da ist jemand!“, rief Oliver und sah Armando erschrocken an.

„Ja“, sagte der alte Mann, „das ist bestimmt Lucas, der Fabrikmeister.“

Oliver war schockiert. „Wollen Sie damit sagen, dass noch jemand in der Fabrik arbeitet?“ Eine merkwürdige Eifersucht machte sich in seiner Brust breit. Er hatte gedacht, dass er der Einzige wäre, der hier mit Armando arbeiten durfte. Es gefiel ihm überhaupt nicht, dass er seinen Helden mit jemandem teilen sollte.

„Ich habe ganz vergessen, dir das zu sagen“, sagte Armando leichtfertig, „Lucas war seit dem ersten Tag an meiner Seiter. Er ist der einzige, der immer zu mir gehalten hat. Wenn ich mal nicht hier sein kann, wirst du mit ihm zusammenarbeiten. Er kann dir zeigen, was zu tun ist.“

„Wenn Sie nicht hier sind?“, wiederholte Oliver verunsichert. Er schluckte schwer. Dass er Armando mit jemandem teilen musste, war eine Sache, aber dass er vielleicht nicht für ihn da sein konnte, war noch etwas ganz anderes! „Was meinen Sie? Wo sollten Sie denn sein, wenn nicht hier in der Fabrik?“

Bevor Armando etwas sagen konnte, erschien ein Mann neben ihnen. Lucas war ebenfalls ein alter Mann, wenn auch nicht ganz so alt wie Armando. Oliver schätzte ihn dennoch auf achtzig Jahre. Wenn er tatsächlich seit siebzig Jahren hier in der Fabrik war, musste er etwa so alt wie Oliver gewesen sein, als er hier angefangen hatte. Das machte Oliver noch eifersüchtiger.

Lucas sah aus, als würde er permanent die Stirn runzeln. Er hatte tiefe Falten im Gesicht und seine Mundwinkel hingen herab. Er erinnerte Oliver irgendwie an Horatio. Er sah Oliver misstrauisch an.

„Lucas, das ist Oliver“, verkündete Armando fröhlich.

Lucas wirkte kühl. Seine blassblauen Augen schienen bis in Olivers Seele zu blicken. Dass er den alten Erfinder und die Fabrik mit Oliver teilen musste, gefiel ihm offenbar ebenso wenig wie Oliver.

„Er arbeitet jetzt hier, ja?“, fragte Lucas in abfälligem Tonfall.

„Ja“, sagte Armando fröhlich. Er hatte die Abneigung in Lucas‘ Stimme anscheinend nicht gehört. „Zumindest vorerst. Ich hätte gerne, dass du ihm morgen früh alles zeigst. Ich muss mich um ein paar wichtige Angelegenheiten kümmern und werde den ganzen Tag nicht hier sein.“

Oliver blickte von Armando zu Lucas und zurück. Er fühlte sich auf einmal gar nicht mehr wohl in seiner Haut. So hatte er sich seine Zeit hier nicht vorgestellt. Er dachte, dass Armando sein Lehrmeister wäre, nicht dieser schrecklich finster dreinblickende Typ, der ihn ganz klar nicht leiden konnte!

„So, nun kommt, meine Lieben! Jetzt gibt es Essen und dann geht’s ab ins Bett!“, sagte Armando fröhlich.

„Warten Sie“, begann Oliver, der gegen die Abmachung für den kommenden Tag protestieren wollte.

Doch Armando war auf einmal sehr abgelenkt. Er schien Oliver gar nicht mehr zu beachten.

Oliver sah zu Lucas, den Eindringling in seiner sonst so perfekten neuen Welt. Lucas sah ihm tief in die Augen. Dann machte sich langsam ein bedrohliches Grinsen auf seinem Gesicht breit.

Oliver schluckte.

KAPITEL ACHT

Als der nächste Morgen hereinbrach, machte sich Oliver für den Tag bereit. Er zog sich einen frischen Overall aus den 40er Jahren an und verließ sein Zimmer. Er ging direkt zu den Werkräumen, wo Lucas bereits auf ihn wartete. Von Armando gab es keine Spur. Beklommen schluckte er.

Lucas sagte nicht einmal guten Morgen, er sah ihn nur finster an.

„Ich soll heute auf dich aufpassen“, sagte er schließlich und sein Ton machte klar, dass es das letzte war, worauf er Lust hatte.

Oliver zuckte mit den Schultern und steckte die Hände in die Taschen. In Lucas‘ Gegenwart fühlte er sich nicht besonders wohl.

In diesem Moment hörte Oliver etwas hinter sich. Er blickte über die Schulter und sah Armando, der mit seinem Gehstock durch die Fabrik hinkte.

Er trug einen altmodischen, grünen Regenmantel und ging auf die Drehwand zu. Oliver fragte sich, wohin er wohl ging.

„Armando!“, rief Oliver. In ihm machte sich langsam Panik breit. Er wollte nicht mit Lucas allein gelassen werden.

Als der alte Erfinder nicht reagierte, wollte er zu ihm rennen. Doch bevor er auch nur einen Schritt auf Armando zu gehen konnte, hielt ihn eine schwere Hand an der Schulter zurück.

Überrascht drehte er sich um. Lucas blickte ihn sauer an. Für einen Mann um die achtzig hatte er einen verdammt festen Griff.

„Misch dich nicht ein“, brummte er.

Oliver hatte bereits vermutet, dass Lucas ihn nicht mochte, aber der Hass in seinem Blick erschreckte ihn doch. Oliver konnte nicht begreifen, woher diese Abneigung kam.

„Wohin geht er denn?“, fragte Oliver kleinlaut.

„Geht dich nichts an“, sagte Lucas. Seine Augen wurden schmal, bis sie nur noch enge Schlitze waren. Seine dünnen Lippen zuckten und Oliver hatte plötzlich den Eindruck, dass er mehr über Oliver wusste.

Die Drehwand knarrte. Oliver sah hinüber, aber Armando war bereits verschwunden.

Lucas lockerte seinen Griff. Er schien jetzt nicht mehr so angespannt zu sein.

Auch Oliver entspannte sich ein wenig.

„Ich zeige dir die Fabrik. Ich wette, Armando hat dir nur seinen Arbeitsbereich gezeigt.“

Oliver war immer noch misstrauisch. So, wie er Lucas bisher erlebt hatte, konnte er sich gut vorstellen, dass seine Absichten nicht unbedingt freundlich waren. Vielleicht hatte er einen hinterhältigen Plan, Oliver wieder loszuwerden. Vielleicht würde er ihn in den Panzer sperren oder die mechanischen Tiere auf ihn hetzen.

„Ähm… okay“, sagte Oliver zögerlich.

Er wollte Lucas nicht zeigen, wie sehr er sich fürchtete, deswegen bemühte er sich, selbstbewusst und mit erhobenem Kinn hinter Lucas herzugehen.

Lucas führte ihn zu einem Gang, den Oliver noch nicht gesehen hatte. Dort befand sich eine rote Wendeltreppe.

„Da oben ist mein Büro. Ich will dich dort nicht sehen, verstanden?“, sagte Lucas.

„Verstanden“, wiederholte Oliver mit fester Stimme.

Sie kamen in einen weiteren Gang, den Oliver nicht kannte. Er war überrascht, wie viele dieser Gänge es in der Fabrik gab. Man konnte sich so leicht verlaufen!

„Hier unten sind unsere Arbeiten aus Kunststoff“, erklärte Lucas, als sie langsam weitergingen. Sie kamen an einem Raum vorbei, in dem eine Gießmaschine und ein Förderband standen.

„Hier kannst du alles herstellen, was du willst. Du musst nur den Computer programmieren, die Rohstoffe einfüllen und die Maschine macht den Rest.“

Olivers Augen wurden groß. „Werde ich hier arbeiten?“

Lucas zuckte die Schultern. „Irgendwann vielleicht. Heute habe ich eine andere Aufgabe für dich. Es hat nichts mit Formengießen zu tun.“

Oliver war etwas enttäuscht, weil er diese coole Maschine heute nicht benutzen würde, aber er war sicher, dass seine Aufgabe ebenso interessant war.

Im nächsten Raum standen noch kompliziertere Geräte. Als er sie sich genauer ansah, erkannte er einen 3D-Drucker darunter.

„Den benutzen wir für komplexere Formen und filigrane Teile“, erklärte Lucas.

Oliver staunte. Er wollte schon immer mit einem 3D-Drucker arbeiten. „Darf ich den heute benutzen?“, fragte er.

Lucas schüttelte den Kopf. „Das ist viel zu fortgeschritten für dich.“

Oliver schmollte. Er mochte es nicht, wenn man ihn herablassend behandelte. Bei Lucas störte es ihn besonders. Er kannte Oliver nicht und hatte keine Ahnung, was er alles konnte und wie schnell er lernte. Doch Oliver widersprach nicht. Er hatte schon so viele tolle Sachen in der Fabrik gesehen, dass er überzeugt war, auch heute wunderbare Dinge zu lernen.

Lucas brachte Oliver in den nächsten Gang. Er war sehr schmal und niedrig. Er musste zwischen dem Gang zu seinem Zimmer und dem Gang mit den verschiedenen Geräten zur plastischen Arbeit liegen. Er war so versteckt, dass Oliver ihn bisher übersehen hatte.

„Hier ist Armandos Zimmer“, sagte Lucas, „Aber dort hast du natürlich nichts zu suchen.“

„Ja, ja“, seufzte Oliver. Es machte Lucas offensichtlich Spaß, Oliver in seine Schranken zu weisen.

Der junge sah die Tür neugierig an. Er fragte sich, wie das Zimmer seines großen Helden wohl aussehen mochte und welche Geheimnisse sich darin verbargen.

Sie gingen weiter den winzigen Gang entlang. Oliver war die Enge unangenehm. Das schummrige Licht half nicht gerade. Doch plötzlich wurde der Gang wieder breiter und auch höher. Eine riesige Tür erschien vor ihnen.

Lucas blieb stehen und Oliver ebenfalls. Die Tür war aus Stahl. Schwarz-gelbe Streifen waren darauf zu sehen und in dicken roten Lettern stand KEIN ZUTRITT darauf geschrieben. Die Tür sah sehr sicher aus, undurchdringlich sogar.

„Hier bewahren wir Armandos geheime Erfindung sicher auf“, sagte Lucas. Dann drehte er sich um und sah Oliver an. „Hier hast du aber nichts verloren“, wiederholte er sein Mantra.

Oliver glaubte, ein Grinsen in seinem Gesicht zu sehen und erst jetzt wurde ihm klar, dass dieser Rundgang nur dazu da war, Oliver zu zeigen, was ihm alles verborgen bleiben würde. Wahrscheinlich wollte Lucas ihm damit unmissverständlich klarmachen, dass er in der Rangordnung weit über Oliver stand.

Trotzdem war Olivers Interesse geweckt. Armandos geheime Erfindung. Das klang so faszinierend, dass Oliver noch neugieriger wurde.

„Können Sie mir nicht sagen, was sich darin befindet?“, fragte er. „Auch wenn ich es nicht sehen darf, würde ich doch zu gerne wissen, woran Armando arbeitet.“

Lucas sah Oliver ernst an. „Streng vertraulich, tut mir leid“, sagte er ausweichend.

Doch Oliver hatte eine andere Vermutung. Er hatte das Gefühl, dass Lucas es selbst nicht wusste.

„So vertraulich, dass Sie auch keinen Zugang haben, wie?“, sagte er voller Wonne, dass dieser arrogante Kerl nicht ganz so wichtig war, wie er tat.

Dass Lucas nicht widersprach, nahm Oliver als Bestätigung. Wenn er wirklich seit siebzig Jahren Armandos Werkmeister war und trotzdem kein besonderes Vertrauen genoss, dann konnte Oliver verstehen, warum Lucas so gegen ihn war. Deswegen brauchte er ihn aber nicht gemein behandeln. Armando bewahrte seine Geheimnisse bestimmt nicht, um Lucas zu ärgern. Er hatte ganz sicher einen guten Grund dafür, das, was sich hinter dieser Tür verbarg, geheim zu halten.

„Los jetzt, es ist Zeit mit der Arbeit anzufangen“, sagte Lucas bestimmend. Seit Oliver ihm frech gekommen war, war seine Laune noch schlechter geworden.

Oliver freute sich auf die Arbeit. Er hoffte, dass er eine coole Aufgabe bekommen würde. Er hatte so viele unglaubliche Geräte und Dinge gesehen, vom Chemielabor bis hin zu dem 3D-Drucker, dass sein Herz aufgeregt pochte.

„Du kannst hier helfen“, bellte Lucas, als sie die Werkbank erreichten.

Oliver blickte auf hunderte kleiner Zahnräder. Seine Freude verpuffte.

„Was ist das?“, fragte er enttäuscht. „Was soll ich da machen?“

Spannung lag in der Luft. Oliver spürte, wie sich Lucas‘ Blick in ihn bohrte. Er seufzte laut.

„Das ist ein Zehnradantrieb“, sagte er. „Damit betreiben wir die Förderbänder.“ Dann zeigte er auf winzige Zahnradteilchen. „Und die hier müssen da eingesetzt werden, damit es wieder läuft.“

Oliver war mehr als enttäuscht. Sein erster Auftrag war die Reparatur einer absolut unbedeutenden Maschine. Ein kaputtes Förderband. Viel lieber hätte er etwas Interessantes erfunden oder ein neues Gerät zusammengebaut. Er wurde von Lucas nur für niedere Dienste missbraucht.

„Warum brauchen Sie die alle?“, fragte er ohne den Blick von der Arbeitsfläche abzuwenden. Wahrscheinlich waren es sogar um die tausend Zahnräder. Das würde Stunden dauern! „Selbst das komplizierteste Förderband braucht keine tausend Zahnräder.“

Lucas‘ Blick wurde wütend. „Bist du ein Experte für Zahnradantrieb?“, fragte er trocken. „Nein? Dann mach dich jetzt an die Arbeit.“

Seufzend setzte Oliver sich auf den Stuhl und nahm seine Aufgabe in Angriff. Er hatte dennoch das starke Gefühl, dass Lucas im Unrecht war. Es ergab einfach keinen Sinn, so viele Zahnräder einzusetzen! Aber er wollte ihn nicht noch wütender machen. Wenn Armando gesagt hatte, dass dies Olivers Aufgabe war, dann würde er sie auch erledigen. Vielleicht sollte heute sein Gehorsam und sein Durchhaltevermögen auf den Prüfstand gestellt werden.

Während er arbeitete, entwarf er in Gedanken neue Pläne, die die Maschine viel einfacher machten. In ihrem momentanen Zustand Sie hatte sie so viele unnötige Komponenten, dass er die Maschine gleichzeitig auch effektiver machte! Mit jedem beweglichen Teil gab es schließlich auch einen gewissen Energieverlust.

Lucas stand auf. „Mach weiter, ich nehme mir jetzt eine Pause.“

„Sicher“, sagte Oliver geistesabwesend. Er konzentrierte sich nur noch auf die Maschine. Wieder ging er in Gedanken seine verbesserte Version durch. Er beschloss, es einfach nach seinem Plan zu versuchen. Gleichzeitig setzte er mehrere kleine Zahnräder ein. Es ergab mehr Sinn weniger große zu verwenden, denn sie verminderten nur die Kraft und verbrauchten Energie ohne jeden ersichtlichen Nutzen. Nach seiner Überlegung konnte man mindestens hundert Zahnräder einfach weglassen und weitere fünfzig schadeten der Funktionstüchtigkeit sogar. Oliver arbeitete schnell, so dass er bald alle in Position gebracht hatte.

Sobald er fertig war, baute er eine Kurbel ein, um den Mechanismus zu testen. Er betätigte die Kurbel und die Zahnräder setzten sich in Bewegung. Sie funktionierten einwandfrei, jedes Zahnrad griff in das nächste und schnell waren alle in Bewegung. Sein Design erzielte voll und ganz die gewünschte Funktion.

Oliver klatschte begeistert in die Hände. Dann sah er sich um. Er war mit seiner Aufgabe fertig, aber Lucas war nicht hier um ihm eine neue zu geben.

Er dachte an den Unsichtbarkeitsumhang. Armando hatte ihm gesagt, dass er keine Zeit damit vergeuden sollte, aber wenn er nur hier herumsaß und gar nichts tat, war die Zeit noch viel sinnloser vergeudet. Lieber wollte er es einfach versuchen, auch wenn er nichts damit erreichte. Er würde schließlich ganz sicher nichts erreichen, wenn er es nie versuchte, oder etwa nicht?

Als Oliver sich gerade daranmachte, die Materialien näher zu begutachten, hörte er Schritte.

„Was machst du da? Ich habe dir gesagt, du sollst an dem Förderband arbeiten!“, donnerte er.

Lucas sah wütend aus. Oliver zog instinktiv den Kopf ein.

„Ich bin fertig“, stammelte er eingeschüchtert.

„Kann nicht sein! Das kannst du noch nicht geschafft haben“, entgegnete Lucas.

„Das habe ich aber“, sagte Oliver beharrlich. Er ging wieder ans Ende der Werkbank und zeigte Lukas, was er gebaut hatte. Dann betätigte er die Kurbel, um ihm zu zeigen, dass der Mechanismus ordnungsgemäß lief. „Ich habe es etwas einfacher gemacht“, erklärte Oliver. Er zeigte auf die übrigen Zahnräder. Lucas sah erstaunt aus. „Die braucht man gar nicht, es funktioniert auch so.“

Lucas sah es sich schweigend an. Dann wandte er den Blick zu Oliver. Anstatt ihm zu gratulieren, sah er fast noch wütender aus.

Oliver würde sich nicht dafür entschuldigen, dass er die Aufgabe noch besser gelöst hatte, als von ihm erwartet wurde. Er kreuzte die Arme vor der Brust. „Was soll ich als nächstes machen?“, fragte er ruhig.

Lucas zuckte mit den Schultern. „Mach, was du willst. Aber eines kann ich dir gleich sagen, mit dem Umhang verschwendest du nur deine Zeit.“

Oliver begriff, dass es heute keine weiteren Aufgaben für ihn gab. Wahrscheinlich hatten die beiden Männer angenommen, dass er mit den Zahnrädern den ganzen Tag verbringen würde.

Er triumphierte innerlich. Er war besser, als sie erwartet hatten. Oliver konnte kaum abwarten, dass Armando zurückkam und er ihm zeigen konnte, was er geschafft hatte.

„Okay“, sagte Oliver mit erhobenem Kinn. „Wenn ich hier nicht gebraucht werde, würde ich lieber in meinem Zimmer an dem Umhang arbeiten.“ Dort würde er wenigstens tüfteln können ohne Lucas‘ argwöhnischen Blick.

„Mir egal“, murmelte Lucas. Er sah Oliver nicht einmal an, als er mit ihm redete.

Oliver sammelte die nötigen Sachen zusammen und begab sich zu seinem Zimmer. Im Gang hörte er Lucas lachen.

„Viel Glück, Junge, daran haben sich schon ganz andere die Zähne ausgebissen. Selbst Armando hat es nicht geschafft!“

Oliver spürte, dass seine Wangen brannten, aber er wollte sich von Lucas nicht den Mut nehmen lassen. Wenn er die Quälereien von Chris überlebt hatte, würde er diesen Lucas locker wegstecken.

Er ging mit der Kiste in sein neues Zimmer, wo er sie auf den Schreibtisch stellte. Bedächtig nahm er die Materialien heraus. Der schwarze, matte Stoff hatte bei Armando nicht funktioniert, dennoch hielt Oliver ihn für die beste Wahl. Wenn etwas kein Licht absorbierte, blieb es schließlich schwarz. Plötzlich erlebte Oliver einen Moment der Inspiration. Schwarz sah man, wenn kein Licht absorbiert wurde, aber was passierte eigentlich, wenn etwas das ganze Licht absorbierte? Vielleicht sollte er einen weißen Stoff benutzen, der kaum Licht reflektierte, weil er alles absorbierte!

Er wühlte in der Kiste und fand einen weißen Stoff. Dann machte er sich an die mühselige Arbeit, einen Draht im Zickzack in eine Ecke des Stoffes zu nähen. Sobald er genug Stoff für eine Probe bearbeitet hatte, drehte er die Tischlampe ein wenig und hielt den Stoff darunter.

Enttäuscht stellte er fest, dass er das Rätsel nicht gelöst hatte.

Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und stöhnte. Was hatte er übersehen? Der Draht war dünn genug und er war sicher, dass er den besten Stoff ausgesucht hatte.

Wieder suchte er in der Kiste. Diesmal zog er den Draht heraus und sah ihn im Licht genauer an. Vielleicht war daran etwas falsch. Er sollte so dünn sein, dass er für das menschliche Auge kaum noch wahrnehmbar war, aber Oliver konnte ihn problemlos sehen. Sollte er noch dünner sein? Wie sollte er das schaffen? Selbst wenn er es schaffte, wie würde er mit etwas arbeiten, das er nicht sehen konnte?

Armando hatte bestimmt ein Vergrößerungsglas oder ein Mikroskop, das er ausleihen durfte. Wenn er den Draht wirklich noch dünner machte, brauchte er so etwas, um damit zu arbeiten. Irgendwo in der Fabrik würde er das richtige Gerät finden. Er glaubte sich daran zu erinnern, dass er bei seinem Rundgang ein Mikroskop gesehen hatte.

Das Problem war, dass Oliver nicht durch die Fabrik wandern wollte, solange Lucas dort arbeitete und Armando nicht da war. Er wollte nicht, dass der grimmige Alte ihm noch mehr überflüssige Arbeit gab. Und er wollte ganz bestimmt nicht noch einmal hören, dass er versagen würde.

Er dachte an den Unterricht bei Mrs. Belfry. Sie hatte ihn ermutigt, sich ins Rampenlicht zu stellen, obwohl er Angst vor seinen Klassenkameraden hatte. Eigentlich war die Situation mit Lucas sehr ähnlich. Wenn er seine Angst einmal besiegen konnte, konnte er es wieder tun.

Er atmete tief durch und trat aus seinem Zimmer. Draußen im Gang sah Horatio ihn mit feuchten Augen an. Oliver kniete sich auf den Boden und tätschelte seinen Kopf. Der Hund schnaufte laut und schlief wieder ein.

Oliver schlich zurück in die Produktionsräume, wo er bald Lucas an seiner Werkbank fand. Vielleicht konnte Oliver sich unbemerkt an ihm vorbeischleichen.

Er huschte durch die Schatten der Fabrik und suchte nach etwas, mit dem er seine Arbeit entsprechend vergrößern konnte. Vielleicht fand er irgendwo einen Raum, in dem Armando Mikroskope aufbewahrte.

Plötzlich fiel ihm ein Schrank auf, der an der Wand befestigt war. Er sah genauso aus, wie die Schränke in der Schulwerkstatt, in der die ganzen Handbohrer und Schraubenzieher waren. Das musste er sein!

Schnell ging er darauf zu, doch sowie Oliver aus dem Schatten ans Licht trat und den Schrank anfasste, drehte Lucas sich um und sah ihn finster an, als hätte er Oliver mit einem unsichtbaren Radar wahrgenommen. Selbst von der anderen Seite des Raumes konnte Oliver die Abneigung in seinen Augen sehen.

„Wie kommst du voran?“, fragte Lucas, doch seine Stimme klang nicht sehr freundlich. „Noch nicht weiter gekommen? Große Überraschung. Ich wette du wirst bald die Geduld verlieren.“

Oliver biss sich auf die Zunge. Er würde sich von Lucas nicht von seinem Plan abbringen lassen. Er öffnete den Schrank und stellte erfreut fest, dass es tatsächlich ein Werkzeugschrank war. Er beherbergte jede Menge Werkzeuge zum Schneiden: Messer, Zangen, Hobel, Scheren und so ziemlich alles, was man noch zum Bearbeiten der verschiedenen Materialien gebrauchen konnte. Er suchte sich ein paar Skalpelle mit unterschiedlichen Klingen aus und sah sich eines nach dem anderen ganz genau an. Die Klinge eines Skalpells war so dünn wie ein Haar. Erst als er es vom Regal nahm, sah er die Klinge im Licht schimmern. Sie musste aus Diamant sein. Diamant war das beste Schneidwerkzeug der Welt! Das Skalpell war perfekt für seine Arbeit.

Überglücklich, dass er so schnell ein gutes Werkzeug gefunden hatte, machte er sich auf die Suche nach einem Mikroskop. Er hatte eines bei dem Rundgang mit Armando gesehen, aber er konnte sich einfach nicht daran erinnern, wo. Alles war so schnell gegangen. Fest stand, dass er keinesfalls Lucas danach fragen würde. Der würde ihn wahrscheinlich nur in die falsche Richtung schicken, um sich über ihn lustig zu machen.

Oliver ging weiter zu den Räumen, wo Armando ihn zuerst hingeführt hatte. Auch wenn er sich nicht mehr genau daran erinnern konnte, in welcher Reihenfolge sie die Räume abgegangen waren, konnte er doch wenigstens noch nachvollziehen, welche Räume Armando ihm gezeigt hatte. Bei vielen Räumen hatten sie jedoch nur kurz den Kopf hineingesteckt, bevor Armando entschieden hatte, dass es dort nichts für Oliver zu sehen gab. Er kam zu dem Raum mit der Erfindung zur Beobachtung von oben, gefolgt von einem Raum voller halbfertiger Roboter, doch in keinem der Räume fand er das Mikroskop.

Verwirrt stand Oliver in einem der Gänge. Er hatte keine Ahnung mehr, wo er war.

Er wanderte ziellos umher, bis er vor der schwarz-gelb gestreiften Stahltüre stand. Wieder fragte er sich, was sich dahinter wohl verbergen mochte. Wahrscheinlich handelte es sich um die großartigste Erfindung aller Zeiten, dachte er und ließ seiner Fantasie freien Lauf.

Was auch immer es war, nur Armando hatte es je gesehen. Selbst vor Lucas hatte er es geheim gehalten. Oliver fragte sich, ob er diese geheimnisvolle Erfindung eines Tages sehen durfte. Wenn er den Unsichtbarkeitsumhang wirklich erschaffen könnte, würde Armando ihn vielleicht mit einem Blick in seinen geheimen Raum belohnen.

Oliver musste sich so schnell wie möglich wieder an die Arbeit machen. Er drehte sich um… und erschrak!

Horatio, der Bluthund stand direkt hinter ihm.

„Was machst du denn hier?“, rief Oliver und lehnte sich zu ihm, um ihn hinter den Ohren zu streicheln.

Horatio brummte vor Wonne. Er drehte sich um und trottete hinkend davon. Am Ende des Ganges blieb er noch einmal stehen und sah Oliver erwartungsvoll an, als wollte er, dass Oliver im folgte. Oliver kratzte sich am Kopf und ging zu dem alten Hund, doch bevor er ihn erreicht hatte, ging er um die nächste Ecke. Plötzlich bekam Oliver den Eindruck, dass Horatio etwas mit ihm vorhatte. Er ging hinterher. Tatsächlich. Wieder wartete Horatio mit hängenden Wangen auf den Jungen.

Sobald er Oliver sah, trottete er weiter durch eine offene Tür.

Oliver folgte. Als er hinter dem Hund in den Raum trat, staunte er.

Überall standen Mikroskope herum! Der Hund hatte ihn tatsächlich ans Ziel geführt!

„Danke, Horatio! Vielen, vielen Dank!“, rief er und fragte sich, wie der Hund wissen konnte, wonach er suchte und warum er ihm geholfen hatte.

Doch der Hund schnaubte nur traurig. Dann drehte er sich um und ging. Seine Krallen gaben bei jedem Schritt ein klickendes Geräusch von sich.

Oliver wollte keine Zeit mehr verlieren. Er sah sich die Mikroskope an. Einige waren groß und schwer, andere waren kleiner und man konnte sie leicht mitnehmen. Er suchte sich eins aus, das nicht zu schwer war und trotzdem sehr gut vergrößerte. Damit eilte er zu seinem Zimmer.

Als er an der Küche vorbeikam, hörte er Horatio zufrieden in seinem Korb schnarchen. Wahrscheinlich hatte es ihn viel Kraft gekostet, Oliver zu helfen.

Bald saß Oliver wieder an seinem Schreibtisch. Er stellte das Mikroskop ab und machte sich im Schein seiner Lampe sofort an die Arbeit. Mit dem feinen Diamanten-Skalpell schnitt er den bereits haarfeinen Draht noch dünner. Es war eine mühsame, schwierige Arbeit, doch Oliver war mit Konzentration und Begeisterung bei der Sache. Er war fest überzeugt, dass er so dem Unsichtbarkeitsumhang einen Schritt näher kam.

Oliver war so konzentriert bei der Arbeit, dass er nicht einmal roch, dass Lucas sich etwas zum Mittagessen kochte und er merkte auch nicht, dass später am Nachmittag die Sonne langsam zum Horizont wanderte und das Licht immer mehr verblasste. Er hörte zwar irgendwann, wie jemand den Kopf in sein Zimmer steckte und in der Küche etwas in der Pfanne briet, doch er drehte nicht einmal den Kopf um. Er achtete nicht darauf, dass sein eigener Magen längst knurrte und seine Augen müde wurden. Anstatt sich in sein gemütliches Bett zu legen, schlief er einfach direkt an seinem Tisch ein.

*

Oliver schwamm im tiefen Meer. Er war unter Wasser und es war so dunkel, dass er die Wasseroberfläche kaum über sich ausmachen konnte. Mit den Armen rudernd sah er sich um. Sein blondes Haar trieb um sein Gesicht. Obwohl er unter Wasser war, konnte er ohne Probleme atmen.

Er blinzelte. Seine Augen gewöhnten sich an die Dunkelheit und er bemerkte, dass überall um ihn herum Meereslebewesen waren. Große Krebse mit bunter Schale, die mindestens zehn Zentimeter lang waren, einen grünen Körper und orange Beine hatten. Auf ihren Schalen schimmerten leopardenartige Flecken.

Oliver streckte die Hand aus und berührte einen mit den Fingerspitzen. Er schoss sofort davon und Oliver spürte einen leichten elektrischen Schlag. Er zuckte zurück und zog die Hand an seine Brust. Der Schlag hatte nicht richtig wehgetan, aber er hatte in ihm ein Gefühl ausgelöst, das ihm bekannt vorkam. Er sah seine Hand fassungslos an. Es war das gleiche Gefühl wie vor ein paar Tagen, als er mit seinen Gedanken den Tisch kaputt gemacht hatte.

Wie konnte es sein, dass dieser Krebs in ihm die gleiche Energie ausgelöste? Wieder streckte er die Hand nach einem der Tiere aus. Diesmal zuckte er nicht zurück. Er nahm den elektrischen Impuls ganz bewusst wahr und öffnete seine Sinne. Bunter Fangschreckenkrebs. Obwohl er sich nicht an diese Bezeichnung erinnerte, waren diese Worte plötzlich in seinem Kopf. Vor einiger Zeit hatte er in der Bibliothek darüber gelesen und jetzt hatte die bloße Berührung gereicht, um sich an alle Details zu erinnern. Er wusste wieder, dass er gelesen, wie gut sie sehen konnten. Sie konnten Farben wahrnehmen, die dem menschlichen Auge verborgen blieben, weil sie ein auf bestimmte Weise polarisiertes Licht sehen konnten.

Oliver zog die Hand zurück und das Bild verblasste. Doch die Information war immer noch in seinem Kopf. Er sah den Artikel wie eine Aufnahme vor sich. Langsam wurde ihm bewusst, dass dies vielleicht das letzte Teil des Puzzles war, das ihm zum Erfolg gefehlt hatte.

Oliver öffnete die Augen. Es war dunkel, aber der Tag kündigte sich bereits mit dem ersten Blau an. Er saß noch immer am Tisch, wo er vor einigen Stunden eingeschlafen war.

Er spürte das prickelnde Gefühl in den Fingerspitzen, genauer gesagt in dem Zeigefinger, mit dem er den Krebs berührt hatte. Mit offenem Mund starrte er die Hand an. Wie konnte es sein, dass allein durch die Berührung diese Informationen in sein Bewusstsein gerufen worden waren?

Wieder und wieder dachte er an den Traum und versuchte, ihn zu verstehen. Es war mehr als nur ein Traum. Die Energie floss immer noch durch seine Venen. Oliver war sicher, dass der Traum ihm die letzte Eingebung geschickt hatte, um sein Rätsel zu lösen.

Er sprang auf.

Eilig lief er im Raum auf und an. Odontodactylus scyllarus. Das war der wissenschaftliche Name des Fangschreckenkrebses. Irgendwo hatte er das vor kurzem erst gelesen. Oliver zerbrach sich den Kopf, bis es ihm endlich wieder einfiel. In Armandos Bibliothek! Das Buch, das er aus dem Regal gezogen hatte, hatte diesen Titel getragen. Odontodactylus scyllarus.

Oliver rannte aus dem Zimmer. Er musste dieses Buch wieder finden! Nachdem er ein paar Gänge in vollem Tempo zurückgelegt hatte, stellte er verärgert fest, dass er sich verlaufen hatte. Es war einfach unmöglich, sich in so kurzer Zeit alle Gänge und Treppen und geheimen Türen einzuprägen. Wo war die Bibliothek?

Er befürchtete, im Kreis gerannt zu sein, als er schließlich Horatio in der Ecke schlummern sah. Der verschlafene Hund schien die einzige Konstante in diesen verwirrenden Gängen zu sein. Schon zum zweiten Mal half ihm der Hund dabei, sich zu orientieren.

Bald fand er die Bibliothek. Das Buch Odontodactylus scyllarus stand in einem der unteren Regale. Zum Glück hatte Armando es nicht ganz so tief zwischen die anderen Bücher geschoben, sodass er es schnell wiederfinden konnte. Es kam Oliver fast vor, als wollte das Schicksal ihm auf die Sprünge helfen.

Oliver nahm das Buch, schlug es auf und begann sofort, darin zu lesen. Das Kapitel über die sogenannte zirkulare Polarisierung war schwer zu verstehen. Oliver hatte Mühe der altmodischen und hochwissenschaftlichen Sprache zu folgen, aber im Prinzip ging es darum, die Wahrnehmung des Betrachters zu manipulieren. Genau wie bei der Unsichtbarkeit sollte das Auge denken, dass es nichts sah, indem die zirkulare Bewegung einer elektromagnetischen Welle verändert wurde.

Oliver setzte sich. Diese Information ließ seinen Kopf schwirren. Doch seine Freude hielt nicht allzu lange an. Selbst wenn er eine Veränderung der elektromagnetischen Wellen herbeiführen könnte, müsste er sie bei dem Betrachter erzeugen, nicht am Umhang.

Außer… außer es würde eine Möglichkeit geben, eine Art Strom zu erzeugen, der um den Umhang herumfloss und elektromagnetische Wellen erzeugte, die zirkular polarisiert waren!

Das musste es sein!

Oliver sprang auf und rannte wieder zurück in sein Zimmer. Unterwegs verlief er sich mindestens dreimal, doch es machte ihm nichts aus. Sein Gehirn arbeitete auf Hochtouren daran, das Rätsel der Unsichtbarkeit zu knacken.

Als er an seinem Schreibtisch ankam, schnappte er sich den Stoff. Sein Design war bereits halb fertig, die Drähte waren notwendig, um die elektromagnetischen Wellen zu erzeugen, er hatte nur noch nicht gewusst, wie er das Auge des Betrachters beeinflussen konnte.

Obwohl der letzte Schritt theoretisch sehr kompliziert war, brauchte man in der Praxis nur zwei entgegengesetzte Ströme anzuschließen. Nachdem er an dem Periskop gearbeitet hatte, war es für ihn kein Problem mehr, die Ströme zu erzeugen. Jetzt musste er nur noch die Feinarbeit leisten, dass die beiden Ströme auch einander perfekt entgegengesetzt wirkten.

Draußen war es hell geworden, als Oliver seine Arbeit langsam fertigstellte. Er lehnte sich zurück und begutachtete sein Werk. Mit dem dünneren Draht hatte er bisher nur einen kleinen Teil des Stoffes genäht. Aber diesmal war er absolut sicher, dass er es geschafft hatte. Er hatte es geschafft.

Voller Vorfreude hielt er die Hand unter das Licht. Dann hielt er die Luft an und legte ganz vorsichtig das Stück Stoff darauf.

Tatsächlich! Ein kleines Stück seiner Handfläche verschwand direkt vor seinen Augen.

Aus Instinkt zog er die Hand zurück. Sein Verstand konnte einfach nicht fassen, was die Wissenschaft möglich gemacht hatte. Es war wie Zauberei!

Oliver quietschte triumphierend.

Lucas musste ihn gehört haben, denn plötzlich stand er mit einem großen Teller Toastbrot vor der Tür.

„Morgen“, grummelte er. „Es gibt neue Arbeit für dich.“

Oliver war noch immer so benommen von seinem großen Erfolg, dass er ein breites Grinsen nicht unterdrücken konnte.

„Was gibt es da zu lachen?“, fragte Lucas. „Es gibt viel zu tun, harte Arbeit. Findest du das etwa lustig?“

Noch immer grinsend schüttelte Oliver den Kopf. „Ist Armando wieder hier?“, fragte er höflich.

Lucas sah ihn misstrauisch an. Sein Blick wanderte zu dem Durcheinander auf Olivers Schreibtisch. Dort lagen das aufgeschlagene Buch, der Stoffballen und jede Menge Drähte.

„Ja. Warum?“, fragte er mit schmalen Augen.

Auch wenn Lucas nicht der Mensch war, von dem er sich Anerkennung wünschte, konnte Oliver die große Neuigkeit nicht mehr zurückhalten.

„Weil ich es geschafft habe! Ich kann unsichtbar machen!“

Lucas sah weder beeindruckt, noch überzeugt aus.

„Zeig her.“

Oliver war immer noch so aufgeregt, dass er Lucas das kleine Viereck aus Stoff zeigte, das unter dem Licht seine Hand unsichtbar machte.

„Es vibriert etwas wegen der Strömungen“, erklärte Oliver. „Das ist des Rätsels Lösung! Aber es gibt noch so viel zu tun! Ich kann es nicht fassen! Ich habe das erste große Problem gelöst!“ Es war ihm unerklärlich, wie er geschafft hatte, was so viele Wissenschaftler vor ihm nicht erreichen konnten.

„Nun, dann gib es mir, ich werde es Armando zeigen. Er möchte heute früh nicht gestört werden. Er hatte gestern einen anstrengenden Tag und muss sich ausruhen.“

Oliver drückte den Stoff fest an seine Brust. „Ich möchte es ihm selbst zeigen!“, entgegnete er.

Lucas seufzte laut. „Los jetzt, Junge, du musst heute in der Fabrik helfen. Es muss gefegt werden. Ich verspreche dir, ich werde es Armando zeigen, sobald er Zeit dafür hat.“

„Ich soll fegen?“, fragte Oliver fassungslos.

„Ja“, sagte Lucas streng, „das gehört genauso zu deinen Aufgaben wie alles andere. Ein richtiger Erfinder muss seinen Arbeitsplatz rein halten.“

Damit hatte Oliver nicht gerechnet. Er wollte Armando zwar nicht enttäuschen, aber gleichzeitig wollte er viel lieber an seiner Erfindung arbeiten. Er konnte doch jetzt nicht einfach alles fallen lassen, um die Fabrik zu fegen!

„Komm jetzt“, drängelte Lucas.

Oliver stand auf und ging langsam zur Tür. Als er an Lucas vorbeikam, hielt der ihm die ausgestreckte Handfläche hin.

„Ich glaube, du hast was vergessen“, sagte er.

Den unsichtbaren Stoff. Oliver hielt ihn immer noch fest an sich gedrückt. Er wollte ihn um keinen Preis aus der Hand geben.

„Ich werde darauf aufpassen, bis ich ihn Armando zeigen kann.“

Lucas bewegte sich keinen Zentimeter. Sein Beschluss stand nicht zur Diskussion. Er würde ihm den Stoff abnehmen, ob Oliver wollte oder nicht. Mit einem schweren Seufzen legte Oliver ihn vorsichtig in Lucas‘ Hand. Wie zuvor ließ der Stoff die Hand teilweise verschwinden. Oliver starrte das Loch in seiner Hand ungläubig an und auch Lucas beäugte es fassungslos.

Er schaltete die Ströme an und aus, der Stoff erschien und verschwand wieder. Dann steckte er ihn schließlich in seine Tasche.

„Der Besen ist in der Küche“, sagte er und seine Lippen verzogen sich wieder zu einem schiefen Grinsen. „Ich werde jetzt eine Pause machen. Wenn ich zurückkomme, ist der Boden sauber, verstanden?“

Er stampfte davon.

Oliver hatte immer noch ein schlechtes Gefühl, weil er seine Erfindung an Lucas abgegeben hatte. Er ging in die Küche, um den Besen zu holen und machte sich damit auf den Weg in die Werkräume. Seine Gedanken kreisten um das Stück Stoff in Lucas‘ Hosentasche.

Bei der Werkbank begann er zu fegen, doch seine Unruhe wuchs mit jeder Sekunde.

Er vertraute Lucas einfach nicht. Womöglich würde er Olivers Erfindung gar nicht erst an Armando weitergeben! Oder vielleicht würde er behaupten, dass es seine Erfindung war!

Der Besen fiel klappernd zu Boden, als Oliver zur Tür rannte, so schnell er konnte. Er musste sofort mit Armando sprechen!

Aber natürlich hatte er wieder Probleme, sich in den verworrenen Gängen zurechtzufinden. Umso verzweifelter er wurde, desto schlechter wurde seine Orientierung.

Plötzlich hörte er Stimmen. Armando und Lucas! Schnell fand er eine halb offen stehende Tür, hinter der die Stimmen zu hören waren. Es war die Tür zu Armandos Büro.

Oliver wollte gerade hineinstürmen, als er hörte, was Lucas sagte.

„Endlich habe ich das Rätsel gelöst! Ich habe die ganze Nacht damit verbracht. Nach all den Jahren werde ich endlich in die Geschichte eingehen!“

Oliver erstarrte. Lucas hatte seine Erfindung geklaut!

Durch den Türspalt sah er Lucas mit dem Stoff in der Hand.

„Ich bin wirklich sehr beeindruckt“, sagte Armando.

Oliver konnte es nicht fassen! Lucas hatte ihn hintergangen um die Lorbeeren für seine Arbeit einzuheimsen!

Oliver kochte vor Wut. Plötzlich drehte Lucas sich um. Oliver wusste, dass er ihn bemerkt hatte. Sein hinterhältiges Grinsen wurde noch breiter. Es schien ihm zu gefallen, dass Oliver dieses Gespräch mitbekommen hatte.

Dann knallte er Oliver die Tür vor der Nase zu, bevor Armando ihn bemerkte.

Wütend starrte Oliver die Tür an. Er atmete heftig.

Es war, als wäre der Boden unter seinen Füßen eingebrochen.

KAPITEL NEUN

Oliver stand ein paar Sekunden vor der Tür. Er war so schockiert über diesen Verrat, dass er sich nicht bewegen konnte. Aber dann hörte er ein Geräusch auf der anderen Seite der Fabrik.

Erschrocken drehte er sich um. Da waren Männer in der Fabrik! Männer in dunklen Anzügen. Die sollten bestimmt nicht hier sein. Plötzlich kam ihm ein schrecklicher Gedanke: Waren die Männer auf der Suche nach ihm?

Er hatte das dringende Bedürfnis, sich zu verstecken. Die Männer gingen in einen anderen Gang. Oliver beobachtete sie. Einer hielt ein Klemmbrett in der Hand, der andere einen Aktenkoffer. Oliver war so nah an ihnen, dass er verstehen konnte, was sie sprachen.

„Wie Sie sehen muss hier zwar teilweise saniert werden, aber dieses Gelände hat eine Menge Potenzial. Das Bauamt hat ein weiteres Stockwerk genehmigt, Strom- und Wasserleitungen sind im gesamten Gebäude vorhanden.“

Schnell begriff Oliver, was diese Männer wollten. Die Fabrik sollte verkauft werden! Wusste Armando Bescheid? Vielleicht hatte er finanzielle Probleme.

Olivers Magen verkrampfte sich. Er hatte gerade ein Zuhause gefunden, in dem er für immer bleiben wollte und jetzt sollte ihm das wieder genommen werden? Das war zu viel!

Hilflos sah er zu, wie die beiden Männer durch die Räume gingen und über mögliche Umgestaltungen sprachen. Dann schüttelten sie die Hände und gingen zurück zu der geheimen Wand.

„Die hier lassen wir natürlich entfernen“, sagte der Mann mit dem Klemmbrett und betätigte den geheimen Hebel.

Dann waren sie verschwunden.

Oliver starrte ihnen entsetzt hinterher. Er musste unbedingt mit Armando sprechen – über diese Männer und über seine Erfindung. Er konnte nicht einfach zusehen, wie seine Hoffnung und seine Träume zerstört wurden!

Er ging zurück zu der Tür, hinter der Armando und Lucas redeten. Entschlossen klopfte er an. Die Stimmen verstummten einen Augenblick.

„Komm herein!“, rief Armando dann.

Oliver stürmte hinein. Es war das erste Mal, dass er Armandos Büro von innen sah. Es war chaotisch.

Armando hatte mehrere verschieden große Tische an den Wänden stehen. Jeder einzelne war unter Bergen von Papieren und Büchern begraben. Oliver sah vier Computer aus verschiedenen Epochen herumstehen.

„Oliver, mein Junge“, sagte Armando und sah von dem ältesten Modell auf, das Oliver je gesehen hatte. Das Gerät musste aus den 70ern stammen. „Wie kann ich dir helfen?“

Lucas stand mit verschränkten Arman neben Armando. Er sah Oliver eindringlich an.

„Ja, Oliver, wie können wir dir helfen? Ist deine Aufgabe heute zu kompliziert?“

Oliver funkelte Lucas wütend an. Einerseits hatte er Angst davor, ihn zu verärgern, aber andererseits war er wütend, dass Lucas ihn ausgetrickst hatte.

„Der Stoff“, begann Oliver, „Armando, du weißt doch, dass…“

„Der Stoff ist einfach fabelhaft!“, rief Armando nickend.

Lucas machte ein stolzes Gesicht.

„Aber…“, begann Oliver.

Armando unterbrach ihn. „Lucas, könntest du bitte die Eulen und Fledermäuse für ihre jährliche Wartung einfangen?“

„Das kann doch jetzt Oliver machen.“

„Ich brauche Oliver heute selbst. Du kannst ihm ein anderes Mal zeigen, wie man die Flugroboter bedient.“

Lucas zögerte. Er sah empört aus. Es gefiel ihm nicht, Oliver und Armando alleine zu lassen. Doch er hatte keine Wahl. Armando hatte ihm einen Auftrag gegeben und er musste folgen. Also nickte er und ging.

Sowie die Tür ins Schloss fiel, wandte Oliver sich an Armando.

„Der Stoff!“, rief er. „Ich habe ihn erfunden! Ich habe ihn gemacht! Nicht Lucas!“

Armando nickte kichernd. „Ich weiß, Oliver, ich weiß. Ist schon okay.“

„Sie wussten es?“, fragte Oliver erstaunt.

„Natürlich“, sagte Armando. „Lucas hätte niemals das Zeug dazu, so etwas zu erschaffen.“ Er blickte auf die unsichtbare Stelle auf seiner Hand. „Ich muss schon sagen, das ist wirklich eine ganz ausgezeichnete Arbeit. Du hast großes Talent, Oliver. Ich bin sehr stolz auf dich.

Oliver atmete laut aus. Es war eine große Erleichterung, dass Armando Lucas durchschaut hatte und Olivers Arbeit nicht umsonst war. Doch schnell fiel ihm wieder der zweite Grund ein, weshalb er zu Armando gekommen war.

„Armando“, sagte er, „da waren zwei Männer in der Fabrik. Sie sind überall herumgelaufen und haben darüber geredet, dass ein neuer Besitzer alles verändern will.“

Armando sah verunsichert aus. „Ach, wirklich? Nun, es tut mir leid, dass du es auf diese Art herausfinden musst, Oliver. Doch die finanziellen Sorgen sind mein Problem, nicht deins.“

„Also ist es wahr? Die Fabrik wird verkauft?“

Armando schwieg. Dann setzte er sich und klopfte auf den Stuhl neben sich. „Setz dich, mein Junge, lass uns in Ruhe reden.“

Oliver setzte sich neben ihn. Er hatte Bauchschmerzen vor Aufregung.

„Es ist wahr, dass wir in einem finanziellem Engpass stecken“, begann Armando. „Und das ist ganz allein mein Verschulden. All die Jahre habe ich meine Zeit und mein Wissen investiert, um der Menschheit zu helfen, doch ich bin nicht sehr gut darin, meine Erfindungen gewinnbringend und verantwortungsvoll zu verkaufen. Genauer gesagt habe ich keine einzige verkauft.“

„Der unsichtbare Stoff! Ich bin ganz sicher, dass wir dafür jede Menge Geld bekommen können! Das wird alle Probleme auf einmal lösen!“, rief Oliver aufgeregt.

Armando schüttelte den Kopf. „So einfach ist es leider nicht. Großen Erfindungen erfordern große Verantwortung. Eine solche Erfindung kann man nicht einfach irgendjemandem verkaufen. Sie muss beschützt werden. Wenn sie in die falschen Hände gerät, kann sie großen Schaden anrichten! Das ist der Grund, warum ich meine größten Erfindungen nie an Chemiekonzerne oder das Militär verkauft habe.“

Oliver war zwar erleichtert, dass Armando starke ethische Prinzipien hatte, doch das half ihm nicht bei seiner finanziellen Notlage. Außerdem hatte er so schwer an seiner eigenen Erfindung gearbeitet – Oliver wollte nicht, dass seine Mühe vergeblich war.

„Es muss doch einen Weg geben, wie uns meine Erfindung helfen kann!“, sagte Oliver.

Armando strich über seinen Bart. „Ganz bestimmt. Deine Arbeit ist eine große Errungenschaft für die Welt der Wissenschaft.“

„Vielleicht kann ich einen ganzen Umhang anfertigen, dann können wir überall auf der Welt damit auftreten! Wir können an Wettbewerben teilnehmen! Wir müssen ihn nicht verkaufen, wenn Sie sich Sorgen machen, dass er in die falschen Hände gerät. Aber es muss doch möglich sein, damit Geld zu verdienen.“

Armando nickte zustimmend. „Doch, doch, du hast schon recht. Die ganze Welt wird begeistert sein. Wir werden den Umhang fertigstellen und dann an die richtigen Leute verkaufen. Lucas soll sich darum kümmern. Für dich habe ich eine wichtigere Aufgabe, eine, die deine außergewöhnliche Begabung fördert…“

„Welche Aufgabe ist das denn?“, fragte Oliver neugierig. Seine Augen leuchteten vor Stolz.

Armando sah ihn grübelnd an. Sofort sank Olivers Übermut.

„Armando? Welche Aufgabe meinen Sie denn?“

Armando antwortete nicht. Er war tief in Gedanken versunken. Ob er ahnte, dass Oliver besondere Fähigkeiten besaß? Was war das für eine Aufgabe, die Olivers außergewöhnliche Begabung fördert?

Endlich sah Armando Oliver in die Augen. „Das werde ich dir sagen, wenn du dafür bereit bist.“

Oliver dachte an das zerbrochene Tischbein, den Mann und die Frau in seiner Vision, seinen Traum, der ihn zum Durchbruch verholfen hatte. „Bitte Armando, ich bin ganz sicher, dass ich bereit bin“, bettelte er.

Armando sah ihn eine Weile schweigend an.

„Oliver“, sagte er dann langsam, „du bist etwas Besonderes, das habe ich gleich gesehen. Du bist das, was man im Allgemeinen einen Seher nennt.“

„Was?“, stammelte Oliver.

„Ein Seher“, wiederholte Armando. „Du bist mit einer besonderen Begabung geboren worden. Noch kannst du nicht richtig damit umgehen, aber du wirst bald lernen, deine Kräfte richtig einzusetzen.“

„Werden Sie es mir beibringen, Armando?“, fragte Oliver.

Armando schmunzelte zufrieden.

„Sind Sie auch ein Seher?“, flüsterte Oliver.

„Ich?“ Armando schüttelte den Kopf. „Nein, mein Junge, das bin ich nicht. In der Geschichte der Menschheit gibt es nur wenige. Ich bin noch nie einem begegnet und es würde mich nicht wundern, wenn du der einzige auf der Welt bist.“

Seine Worte trafen Oliver wie ein Blitz. Es hörte sich schrecklich einsam an, der einzige Seher auf der Welt zu sein. Als wäre er der letzte seiner Art.

„Aber wenn ich der einzige bin, wer wird mich dann unterrichten?“, fragte Oliver.

Armando tätschelte Olivers Hand. „Genug jetzt, Oliver. Du brauchst Zeit und Ruhe, um über alles nachzudenken. Das war schon sehr viel für einen Tag.“

„Ich muss alles wissen! Mein ganzes Leben habe ich mich wie ein Außenseiter gefühlt. Bitte sagen Sie mir alles, was ich wissen muss.“

Doch Armando schüttelte den Kopf. „Ich kann dir nur sagen, dass dies der Beginn eines völlig neuen Lebens für dich sein wird.“ Er sah Oliver tief in die Augen. „Eines Tages, Oliver Blue, wirst du die Menschheit retten.“

KAPITEL ZEHN

An diesem Abend kroch Oliver erschöpft in sein Bett. Der Tag hatte ihn angestrengt und er war immer noch aufgewühlt von dem Gespräch mit Armando.

Doch so merkwürdig und schwierig es für ihn auch gewesen sein mochte, Oliver fürchtete sich nicht vor der Zukunft. Ob er wirklich ein Seher war? Seit er in der Fabrik war, hatte er seltsame Träume, aber sie machten ihm keine Angst.

Auch heute dauerte es nicht lange, bis er eingeschlafen war. Er träumte, dass er in der Fabrik war. Es war mitten in der Nacht, überall um ihn herum standen riesige Roboter und Maschinen in der Dunkelheit.

Er hörte ein Geräusch in der Ferne und erkannte sofort, dass es das Summen eines Motors war. Blinzelnd sah er ein silbernes Licht in Armandos Büro. Als er darauf zuging, wurde das Summen immer lauter. Oliver schlüpfte in Armandos Büro, das eigentlich aussah wie immer, abgesehen von einer kleinen, bizarren Ausnahme: In der Mitte des Raumes stand ein großer silberner Kokon mit Türen aus mattem Glas. Er war so groß, dass kaum noch Platz war, daran vorbei zu gehen.

„Armando! Wo sind Sie?“, rief Oliver über das Summen der Maschine hinweg.

Er bekam keine Antwort.

Plötzlich wurde es still. Zischend öffneten sich die Glastüren. Etwas fiel aus dem Inneren heraus.

Oliver sprang erschrocken zurück. Denn vor ihm lag – mit weit geöffneten, starren Augen – Armandos lebloser Körper.

Oliver schoss in die Höhe. Er saß in seinem Bett und schnappte nach Luft. Seine Stirn war nass geschwitzt.

Der Alptraum hatte ihn sehr beunruhigt und Oliver wusste, dass er nicht mehr schlafen würde. Es war noch sehr früh am Morgen, aber er beschloss, aufzustehen und in die Werkräume hinunter zu gehen.

Wie er erwartet hatte, war alles noch still. Lucas war bestimmt in seinem Zimmer am Ende der Wendeltreppe und Armando schlief wahrscheinlich noch.

Doch plötzlich hörte Oliver Stimmen.

Sie kamen von der anderen Seite der beweglichen Wand. Er rannte hinüber und drückte sein Ohr dagegen. Sehr dick konnte sie nicht sein, denn Oliver konnte fast jedes Wort verstehen, das auf der anderen Seite gesprochen wurde.

„Dann werden Sie sicherlich wissen, wie wertvoll eine solche Technologie für Sie sein kann“, sagte die erste Stimme. Es war eindeutig Lucas, der da sprach.

„Einfach fantastisch“, entgegnete die zweite Stimme. „Ich stimme Ihnen vollkommen zu. Wir von ChemCorp können dieses bahnbrechende Meisterwerk sehr gut gebrauchen.“

Oliver schluckte. Was er da hörte, gefiel ihm überhaupt nicht. ChemCorp war bestimmt die Abkürzung für Chemicals Corporation. War das einer dieser gefährlichen Waffenhersteller, vor denen Armando Oliver gewarnt hatte? Das, was er als die falschen Hände für seine Erfindungen bezeichnet hatte?

Ob er diese Firma gemeint hatte oder nicht, Lucas war gerade dabei, ihnen irgendetwas zu verkaufen.

In diesem Moment hörte Oliver, wie der Hebel betätigt wurde und sich die Wand ächzend in Bewegung setzte. Schnell sprang er in den Schatten einer riesigen Maschine und versteckte sich dort.

Mehrere Männer in Anzug und Krawatte gingen an ihm vorbei. Wie Oliver vermutet hatte, war Lucas bei ihnen. Mit Schreck erkannte er, dass Lucas seine Erfindung in der Hand hielt! Er wollte Olivers Arbeit verkaufen! An diese furchtbaren Männer!

Oliver hatte genug gesehen. Er rannte so schnell und leise er konnte von Schatten zu Schatten. Er musste Armando warnen!

Sobald er seine Tür erreicht hatte, klopfte er wie wild an. Armando antwortete nicht, aber Oliver öffnete dennoch die Tür. Alles war dunkel. Oliver knipste das Licht an und schrie auf.

Das Zimmer war völlig auf den Kopf gestellt. Überall waren Bücher und Papiere achtlos auf den Boden geworfen. Dann gefror Oliver das Blut in den Adern: Mitten in diesem Durcheinander steckten zwei Füße aus dem Teppich von Papieren.

„Armando! Nein!“

Er sprang hinüber und wischte die Blätter von seinem Körper. Als er Armandos Gesicht befreit hatte, hielt er die Luft an. Armandos Augen standen offen. Er schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen.

„Oliver“, krächzte er.

Oliver lehnte sich zu ihm und legte ihm seine Hände auf die Schultern. „Ich hole Hilfe! Ich rufe den Rettungsdienst!“

Er wollte aufstehen, doch Armando packte ihn am Ärmel.

„Oliver“, flüsterte er noch einmal.

Er versuchte, ihm etwas mitzuteilen. Oliver musste sich zwingen, nicht zum Telefon zu rennen um Hilfe zu holen. Stattdessen hielt er sein Ohr direkt vor Armandos Gesicht.

„Ich wusste, dass du kommst.“

Oliver sah dem alten Mann tief in die Augen. „Was meinen Sie damit?“

„Ich wusste es. Ich habe gewartet. Du musst deinem Schicksal folgen…“

Oliver schüttelte den Kopf. Dafür war keine Zeit. Er musste Hilfe holen, aber der alte Mann ließ ihn nicht los.

„Der Raum…“, flüsterte er.

Oliver verstand nicht, was er ihm sagen wollte. Wieder versuchte er sich loszureißen.

„Der Raum“, sagte Armando lauter.

„Welcher Raum?“, fragte Oliver mit zunehmender Panik. „Bitte Armando, Sie brauchen Hilfe!“

Armando schüttelte den Kopf. „Keine Zeit. Keine Zeit. Denk immer… an die Zeit.“

„Denk‘ an die Zeit? Was meinen Sie damit?“ Oliver verstand einfach nicht, was Armando ihm sagen wollte.

„Denk an… die Zeit!“, wiederholte Armando. „…die Zeit…“

Dann erschlaffte sein Körper plötzlich. Seine Hand glitt von Olivers Arm. Sein Kopf sank auf den Boden.

Oliver fühlte sich wie in seinem Alptraum. Er schüttelte Armando. Das durfte einfach nicht wahr sein!

Oliver schluchzte auf.

Armando war tot.

KAPITEL ELF

Tränen stiegen in Olivers Augen. Er ließ sich auf Armandos Brust fallen und schluchzte ungehalten. Sein ganzer Körper wurde durchgeschüttelt. Noch nie in seinem Leben hatte Oliver sich so verloren gefühlt.

Was hatte Armando versucht, ihm zu sagen? Er hatte von Zeit und Schicksal geredet, aber für Oliver ergab es einfach keinen Sinn.

Auf einmal hörte er Schritte. Erschrocken blickte er über die Schulter und sah durch seine Tränen Lucas auf sich zukommen.

„Was hast du mit ihm gemacht?“, schrie Oliver, „Du hast ihn umgebracht!“

Lucas verzog keine Miene. Er ließ sich von der Szene, die sich ihm bot, nicht beeindrucken.

„Ich?“, fragte er unschuldig. „Wenn jemand an seinem Tod Schuld hat, dann du, Junge. Dein Erscheinen hat ihn unter großen Druck gesetzt. Deine ständigen Fragen und Ansprüche waren einfach zu viel für den Alten. Ganz zu schweigen von deinem Hirngespinst mit dem Umhang. Das hätte niemand in Armandos Alter lange ausgehalten.“ Er seufzte. „Wie dem auch sei, der Krankenwagen ist unterwegs, er wird jeden Moment abgeholt.“

Oliver hatte wahnsinnige Angst. Er begann zu zittern. Seine Arme langen schützend um Armando. Er wollte nicht, dass sein großer Held von ihm weggenommen wurde. Und er glaubte nicht, dass Lucas wirklich einen Krankenwagen gerufen hatte.

„Was wird aus seiner geheimen Erfindung…“, stammelte Oliver. „Die Zukunft der Menschheit…“

Lucas lachte schallend. „Ach das. Armando war schon immer melodramatisch. Ehrlich, er hat sich doch für so etwas wie einen Gott gehalten!“ Lucas schüttete den Kopf. Er benahm sich, als wäre der Mann, an dessen Seite er ein Leben lang gearbeitet hatte, nichts weiter als eine Belastung gewesen. „Zerbrich dir nur nicht dein hübsches Köpfchen, Junge. Alles Quatsch. Jetzt gehört die Fabrik mir und ich kümmere mich schon um seine sogenannten Erfindungen. Es wird Zeit, dass ein paar Dinge verkauft werden, um die Fabrik wieder in Gang zu bringen. Armando hat ja immer alles behütet wie den heiligen Gral.“ Er rollte die Augen.

„Das kannst du nicht machen!“, schrie Oliver. „Du kannst nicht einfach Armandos Sachen verkaufen!“

„Oh doch, ich kann“, erwiderte Lucas kühl. „Und das werde ich auch. Deine Erfindung verkaufe ich auch. Alles, was sich in dieser Fabrik befindet, gehört jetzt mir. Und als erstes werde ich das Ungeziefer loswerden, das Armando hier angeschleppt hat… Du und dieser stinkige Köter habt hier nichts mehr verloren! Die Polizei weiß schon Bescheid, dass ein streunender Straßenjunge hier eingebrochen ist und meine Erfindungen stehlen will. Dafür werden sie dich ins Gefängnis werfen.“

Oliver hatte das Gefühl, als bräche die ganze Welt zusammen.

Er sah Lucas verzweifelt an. Hinter ihm erschienen zwei stämmige Wachmänner.

„Ergreift ihn“, befahl Lucas.

Oliver musste etwas tun! Er musste entkommen. Er sprang auf und rannte auf die Wachmänner zu. Sie zögerten gerade lang genug, dass Lucas auf seinen Knien zwischen ihnen hindurchschlittern konnte.

Wieder kam ihm seine zierliche Statur zugute.

Schon rannte er den Gang hinunter und verschwand um ein paar Ecken, in der Hoffnung, seine Verfolger abzuhängen. Doch ihre Schritte folgten ihm durch die Gänge und Räume.

Wenn er es zu den Werkräumen schaffen konnte, konnte er vielleicht durch die Drehwand entkommen, aber dort würden sie ihn sofort sehen. Außerdem rotierte die Wand so langsam, dass sie ihn erwischen würden, bevor er sich hindurch drücken konnte. Er musste sich also verstecken. Aber wo?

Da fiel Oliver die Lösung ein. Es gab nur einen Ort, an den Lucas nicht gelangen konnte. Armandos geheimer Arbeitsraum. Das einzige Problem an der Sache war, dass auch Oliver nicht wusste, wie er hineinkommen sollte. Aber einen Vorteil hatte er doch: Er war ein Seher. Er hatte Kräfte, über die Lucas nicht verfügte. Vielleicht konnte er die Stahltüre Kraft seiner Gedanken öffnen!

Während er zu dem geheimen Raum rannte, hörte er immer noch die beiden Männer hinter sich. Die Stahltür kam in Sicht. Oliver wusste, dass man sie nicht aufzwingen konnte. Leider wusste er über seine geheimen Kräfte noch nicht genug, um sie zielsicher einzusetzen. Er musste es einfach versuchen.

Oliver konzentrierte sich mit aller Macht auf seine Energie. Er spürte, wie ihm immer wärmer wurde. Dann richtete er seine Gedanken auf die riesige Tür und stellte sich genau vor, wie sie sich öffnete. Doch es geschah nichts. Auch als er näher herankam, tat sich nichts.

Oliver hörte, dass die Männer ihm dicht auf den Fersen waren. Erschrocken sah er sich um. Zusammen mit Lucas erschienen sie jetzt am Ende des Ganges.

Dort blieben sie stehen. Überrascht stellte er fest, dass Horatio sich ihnen Zähne fletschend in den Weg gestellt hatte. Er knurrte laut und bedrohlich.

Sofort konzentrierte Oliver sich wieder auf die Tür. Mit klopfendem Herz und knirschenden Zähnen stemmte er sich in Gedanken gegen den Stahl. Er schob und drückte, ohne sie wirklich zu berühren. Gerade als er aufgeben wollte, hörte er ein lautes Knarren. Das Metall begann, nachzugeben.

Oliver ließ nicht locker und plötzlich flog die Tür auf.

Ohne zu zögern stürmte er in den Raum und ließ die Tür hinter sich zuknallen.

Er konnte es nicht fassen. Er hatte es wirklich getan!

Er war noch immer in Panik. Er hatte kaum Zeit sich zu freuen oder sich an diesem geheimnisvollen Ort umzusehen. Er sah aber, dass er eine gewölbte Decke hatte und ein paar Stufen auf eine niedrigere Ebene hinabführten. Dort war ein Geländer wie ein Zaun angebracht. Dahinter bot sich ihm der seltsamste Anblick, den Oliver sich vorstellen konnte:

Ein wirbelnder Ring aus schwarzem und violettem Nebel. Es erinnerte ihn an das Aufnahmegerät aus der Vogelperspektive, das Armando gebaut hatte, nur dass es viel – viel – größer und rätselhafter war. Die fließende Substanz wirkte fast wie eine Wolke oder wie das Innere eines Wirbelsturms.

Ein Blitzt zuckte durch den Ring.

Oliver ging staunend auf eine Seite des Geländers und bewunderte das unerklärliche Gebilde. Was mochte es nur sein?

Plötzlich ertönte ein lautes Donnern an der Stahltür. Die Wachmänner versuchten wahrscheinlich, die Tür einzuschlagen. Es klang, als würden sie es mit Metallstangen versuchen. Oliver fragte sich, wie lange die Tür noch standhalten würde. Es war schließlich durchaus möglich, dass seine Kräfte die Tür geschwächt hatten. Vielleicht hatte er nur noch wenige Augenblicke Zeit, um sich zu überlegen, wie es weitergehen sollte.

Oliver starrte in das Auge des düsteren Strudels. Er wusste nicht warum, aber plötzlich fielen ihm wieder Armandos Worte ein. Er hatte von Schicksal und Zeit geredet. Oliver wurde das Gefühl nicht los, dass es mit diesem merkwürdigen Gebilde zu tun hatte. Es war majestätisch anzusehen, eine Erfindung mit erschreckend magischen Eigenschaften.

Die Geräusche an der Tür wurden lauter. Oliver blickte über die Schulter. In der Mitte der Tür zeigte sich bereits eine riesige Delle. Sie würden schneller in diesen Raum eindringen, als er es für möglich gehalten hatte.

Er hatte keine Zeit mehr zu verlieren. Schnell kletterte er über das Geländer und ging einmal um den schwarz-violetten Strudel herum. Er suchte nach einer Erklärung, was diese Erscheinung verursacht hatte und wozu Armando sie gebrauchen wollte.

Schließlich sah er einen großen Schalter an der Wand, ein riesiger, roter Auslöser, wie man ihn sich bei einer Atomwaffe vorstellte. Ihn zu betätigen war wahrscheinlich das letzte, was er tun sollte, aber sein Instinkt war es, genau das zu tun.

Er rannte hinüber, gerade als die Stahltür den ersten Spalt nachgab. Er konnte bereits Hände sehen, die versuchten, hineinzugreifen. Ein riesiges Brecheisen erschien. Nicht mehr lange und sie würden eindringen.

Ohne noch einmal darüber nachzudenken, schlug Oliver mit der flachen Hand auf den roten Schalter.

Sofort drehte sich der violette Wirbel noch schneller. Aus dem Inneren drang ein tickendes Geräusch, nicht wie das Ticken einer Bombe, sondern eher wie das gleichmäßige Ticken einer Uhr. Eine gigantische Uhr. Es wurde lauter und immer schneller. Plötzlich war ein Bildschirm zu sehen, der zuvor in der Dunkelheit verborgen war. Eine Reihe von Zahlen leuchtete rot auf. Schnell begriff Oliver, worum es sich dabei handelte – Jahr, Monat, Tag, Stunde, Minute, Sekunde. Und sie zählten rückwärts!

Da fügte sich in Olivers Kopf alles zusammen: Armando hatte gesagt, dass er an die Zeit denken musste. Dieser Wirbel war eine Zeitmaschine! Olivers Bestimmung, sein Schicksal, die Menschheit zu retten, begann damit, dass er in die Vergangenheit reisen musste!

Schon sprang die riesige Stahltüre hinter ihm krachend auf. Die Männer stürmten herein. Mit ausgestreckten Armen stürzten sie auf Oliver zu.

Oliver sprintete auf den Wirbel zu. Nur wenige Zentimeter trennten die Wachmänner von seinem Körper. Mit ein paar letzten kräftigen Schritten stieß er sich ab und sprang mit dem Kopf voran in den Wirbel.

Er spürte, wie ihn jemand am Fuß packte, doch es war zu spät. Der Sog der Zeitmaschine hatte ihn bereits erfasst. Olivers Hosenbein rutschte dem Mann aus den Fingern und Oliver glitt über die Schwelle.

Jetzt trennte ihn nichts mehr von dem rauschenden Violett. Das letzte, was Oliver sah, bevor er die Augen fest zupresste, war ein greller, zuckender Blitz.

So kam es, dass Oliver Blue sich vor den Augen der Männer einfach in Luft auflöste.

TEIL ZWEI

KAPITEL ZWÖLF

Langsam öffnete Oliver die Augen.

Er stand in demselben Raum, in dem er noch vor wenigen Sekunden vor dem violetten Wirbel gestanden hatte, doch der war jetzt verschwunden. Alles, was davon übrig war, war ein Ring aus Rauch, der sich nach und nach im Raum auflöste. Auch Lucas und die Wachmänner waren nirgends zu sehen.

Eine Sekunde später gab es eine Explosion. Ein Feuerball flog in die Luft, dichter, schwarzer Rauch hüllte den Jungen ein. Oliver wurde von einer unsichtbaren Macht nach hinten geschleudert. Er prallte gegen die Wand und sein Kopf dröhnte vor Schmerz.

Kleine Sternchen blinkten vor seinen Augen im dichten Qualm. Er konnte kaum atmen.

Oliver war nicht sicher, wie lange er dort auf dem Boden gelegen hatte, aber irgendwann begann sich die Luft um ihn herum wieder zu klären.

Erst jetzt wurde ihm das volle Ausmaß bewusst. Die Zeitmaschine war verschwunden. Sie war nicht nur beschädigt, sondern weg, als hätte sie nie existiert.

Die Einzelteile der Maschine lagen um ihn herum auf dem Boden verstreut. Darunter befanden sich auch die Scheiben, die seine momentane Zeit wiedergaben. Sie erinnerten Oliver an die Holzscheiben, auf denen bei einem Baseballspiel die Punktzahl angezeigt wird.

Sie zeigten ‚1944‘.

Blinzelnd sah er sich um. War er wirklich in die Vergangenheit gereist? In das Jahr 1944? Und war sein einziger Weg zurück ins Jetzt gerade in Rauch aufgegangen? Bedeutete das etwa, dass er für immer in der Vergangenheit festsaß?

Langsam hievte er sich auf die Beine und ging vorsichtig zur Tür. Sie war nicht mehr aus Stahl, sondern aus schwerem, dunklem Eichenholz.

Unsicher, was ihn auf der anderen Seite wohl erwarten mochte, drückte er den Griff. Sofort gab die Tür nach. Jede Faser seines Körpers war zum Zerreißen Angespannt. Was wartete erwartete ihn wohl auf der anderen Seite?

Der Anblick ließ Olivers Atem stocken. Anstatt der gewundenen Gänge eines Kaninchenbaus, stand er an der Schwelle zu einer riesigen, offen angelegten Lagerhalle. Dort sah es aus wie in den Werkräumen der Fabrik, in denen er am Tag zuvor mit Lucas gearbeitet hatte, nur um ein Vielfaches größer.

Die Halle vibrierte vor Geschäftigkeit. Überall waren Leute bei der Arbeit. Sie schleppten Papierrollen und Holzplanken durch die Halle und trugen helmartige Hüte und hohe Stiefel. Dampfmotoren rumorten, hydraulische Mechanismen zischten. Alles war auf Hochglanz poliert!

Dieselben Maschinen, die in Armandos Fabrik vor sich hin rosteten, funkelten hier unter langen Leuchtröhren. Die Maschinen sahen nagelneu und prunkvoll aus, fast als wären sie nicht aus Kupfer, sondern aus Gold gefertigt. Die hohen Fenster der Fabrik, die Oliver nur mit Brettern vernagelt gesehen hatte, waren jetzt offen und ließen das Sonnenlicht einfallen. Der Dielenboden war glänzend poliert, anstatt der stumpfen, staubigen Farbe, wie Oliver sie kannte, leuchteten sie hier in freundlichem Kastanienbraun.

Eine Gruppe von Arbeitern war auf verschieden großen Leitern gerade dabei, einen mechanischen Koloss mit Schraubenziehern und anderen Werkzeugen zu bearbeiten. Alle trugen den gleichen dunkelblauen Overall, den auch Oliver trug. Wie Armando erwähnt hatte, war das die Uniform der Fabrikarbeiter.

„Aus dem Weg, Kleiner!“, rief eine laute Männerstimme. Oliver sprang zur Seite und sah, wie zwei Männer einen großen Stahlträger nur knapp an seinem Kopf vorbei bugsierten.

Er starrte ihnen begeistert hinterher, bis sein Blick an einem anderen, sehr vertrautem Gesicht haften blieb.

„Armando…!“, rief Oliver fassungslos.

Der Wissenschaftler sah ganz genau so aus, wie auf dem Foto in Olivers Buch.

Siebzig Jahre jünger mit dem frischen, makellosen Gesicht eines Zwanzigjährigen. Er trug sogar das gleiche lockere Baumwollhemd und die dunkle Cordhose wie auf dem Bild, der gleiche weiße Kittel, der gleiche Werkzeuggürtel. Nur sein Gehstock fehlte.

Oliver konnte seinen Augen kaum trauen. Er war wirklich in die Vergangenheit gereist! In eine Zeit, in der Armando noch am Leben war.

In das Jahr 1944.

Obwohl Schreck und Verwirrung noch tief saßen, war Oliver überglücklich, Armando zu sehen. Fröhlich warf er die Arme in die Luft und sprang vor Freude auf und ab.

„Armando! Armando!“, rief er quer durch die Halle, doch sein Stimme ging im Zischen und Rauschen der Fabrik unter.

Der Erfinder sah und hörte Oliver nicht. Er war zu beschäftigt damit, Schaltpläne und Schaubilder zu studieren, die vor ihm auf einem Tisch ausgebreitet waren. Zur Vergrößerung hatte er ein Monokel vor das Auge geklemmt.

Olivers Anwesenheit blieb jedoch nichtganz unbemerkt. Ein Junge, der neben Armando stand, starrte Oliver feindselig an.

Oliver erkannte ihn sofort. Diese blassen, hinterhältigen Augen hätte er überall wiedererkannt. Es war Lucas.

Als wäre Lucas ein Magnet, der ihn abstieß, ließ Oliver die Arme sinken und machte einen Schritt zurück.

Oliver beobachtete, wie der Junge an Armandos Ärmel zupfte, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Armando war so konzentriert, dass er ihm zuerst keine Beachtung schenkte. Als Lucas nicht nachgab, wandte Armando sich ihm schließlich doch zu. Aufgeregt sagte Lucas etwas zu dem jungen Erfinder, dann zeigte er auf Oliver.

Oliver schluckte, als sich Armando suchend in der Fabrik umsah. Er sah verwirrt aus. Schließlich trafen sich ihre Blicke. Oliver hätte vor Enttäuschung weinen können. Es war eindeutig, dass Armando ihn nicht wiedererkannte. Dieser junge Armando wusste nicht, wer Oliver war.

Seine Freude verpuffte.

Plötzlich spürte er, wie sich große Hände um seine Oberarme legten. Er blickte auf – erst nach links, dann nach rechts – und sah sich von zwei Aufsehern eingekesselt. Sie hielten ihn fest.

„Das ist Privatgrund“, sagte der eine.

„Wie bist du hier hereingekommen?“, fragte der andere.

„Das ist eine lange Geschichte“, piepste Oliver und schluckte schwer. „In etwa siebzig Jahren wird…“

Die Männer sahen sich kurz an und ohne ein weiteres Wort begannen sie, ihn durch die Halle zu schleifen.

„Wartet! Nein! Wartet!“, protestierte Oliver und versuchte sich gegen die Männer zu wehren. Doch es war zwecklos. Sie waren viel stärker als er.

Oliver blickte noch einmal über die Schulter zu Armando.

„Armando! Hilfe! Armando, ich bin‘s! Oliver!“

Doch Armando hatte sich bereits wieder an die Arbeit gemacht. Nur Lucas beobachtete weiterhin die Szene. Seine blassen Augen leuchteten wie die eines Adlers und auf seinen Lippen zeichnete sich ein teuflisches Grinsen ab.

Oliver wurde zum Eingang gezogen und durch die geöffnete Tür hinausgeworfen.

Er fiel auf den Boden und sofort krachte die Tür hinter ihm ins Schloss. Wie ein Häufchen Elend blieb er liegen. Dann hob er den Kopf.

Zum ersten Mal seit er die Fabrik betreten hatte, war er wieder unter freiem Himmel. Nur dass dies nicht der gleiche Ort war, von dem aus er die Fabrik betreten hatte.

Langsam richtete er sich auf. Er klopfte sich den Staub von seinem Overall und sah sich um. Nichts, was er hier sah, kam ihm auch nur im Entferntesten bekannt vor. Das war nicht mehr die Welt, die er kannte.

Er war an irgendwo anders gelandet.

Nicht irgendwo, dachte er, sondern irgendwann.

KAPITEL DREIZEHN

Oliver blickte schwermütig zurück zur Fabrik. Auch wenn sie nur kurz sein Zuhause gewesen war, hatte sie ihm mehr bedeutet als alle Häuser seines ganzen vorherigen Lebens. Er hatte keine Ahnung, was er jetzt tun sollte.

Von außen gesehen war der Unterschied zur gleichen Fabrik siebzig Jahre später noch frappierender. Die verblassten, ergrauten Backsteine waren noch hellrot, die Flecken von Wasserschäden und Vogeldreck waren noch nicht einmal im Ansatz zu erahnen. Wo zuvor eingefallene Dachziegel und eingeschlagene Fenster waren, sah jetzt alles makellos aus.

Der Efeu, der noch vor ein paar Tagen das gesamte Gebäude bedeckt hatte, war jetzt nicht mehr als kleine Zierstöcke entlang der Fassade. Von den beinahe mannshohen Brennnesseln war nichts zu sehen. Über dem Eingang prangte ein Schild, Illstroms Erfindungen, geschrieben in der gleichen altmodischen Schriftart wie man sie von Postern aus dem Zweiten Weltkrieg kannte. An der Straße sah Oliver ein Brandneues Schild, das die Bushaltestelle ankündigte. Nur bei näherem Hinsehen konnte Oliver erkennen, dass es das gleiche war, an dem er bei seinem ersten Besuch gestanden hatte.

„Und jetzt?“, fragte Oliver sich laut.

Er dachte an den Moment, als er in den Wirbel gesprungen ist. Die Zeitmaschine war nicht seine Erfindung und er hatte auch nicht geplant in die Vergangenheit zu reisen, aber auf der Flucht vor Lucas und den Wachmännern hatte ihn eine unsichtbare Kraft in diesen geheimen Raum getrieben und in diesen Wirbel springen lassen. Wenn es sein Schicksal war, hier zu sein, was sollte er dann als nächstes tun? Was würde hier mit ihm geschehen?

Gedankenverloren wanderte Oliver durch die Straßen. Die Häuser und Gärten sahen hübsch und gepflegt aus, kein Vergleich zu der verlassenen und heruntergekommenen Gegend, die Oliver aus dem Busfenster gesehen hatte. Sämtliche Wände und Gemäuer, die halb verfallen und voller Graffiti waren, waren plötzlich vollkommen intakt und frisch gestrichen. Die überwucherten und vermüllten Gärten waren gemäht und mit hübschen Blumen bestückt.

Auch zusätzliche Lagerhallen, die zwischen den Wohnhäusern verteilt lagen, pulsierten nur so vor Leben. Oliver las die Schilder im Vorbeigehen. In allen Hallen waren Kriegsmaschinen und Ausrüstung gelagert. Von thermoplastischen Scheiben hin zu Pistolen, Munition und Stiefeln. Es war verblüffend zu sehen, wie viele Menschen hier lebten und arbeiteten.

Doch Oliver wusste immer noch nicht, was jetzt aus ihm werden sollte. Indem er versucht hatte, Armando zu retten, war er aus seiner eigenen Zeit in die Vergangenheit geraten. Damit hatte er Armando zwar auf gewisse Weise wieder zum Leben erweckt, aber das war keine Lösung für sein Problem! Wohin sollte er jetzt gehen? Was sollte er tun? Er konnte doch nicht den Rest seines Lebens in der Vergangenheit verbringen!

Gerade als er immer mehr in Panik geriet, bemerkte er eine Gestalt im Schatten, die ihn zu beobachten schien. Überrascht sah Oliver zu, wie sich die Gestalt von der Wand abstieß und ins Licht trat.

Es war ein großer, schlaksiger Junge, der etwas älter aussah als Oliver. Er schätzte den Fremden auf vierzehn Jahre, also ein paar Jahre älter als er. Er hatte freundliche grüne Augen und jede Menge Sommersprossen auf seiner schiefen Nase. Mit seinen dunklen Locken und den Grübchen in seiner Wange war er Oliver auf Anhieb sympathisch.

„Hast du dich verlaufen?“, fragte er Oliver, als er in Hörweite kam. „Kann ich dir vielleicht helfen?“

Oliver wollte ihm sagen, dass er sich tatsächlich verlaufen hatte, aber das war nicht ganz richtig. Er wusste eigentlich genau, wo er war. Das Problem war nur, dass er in der falschen Zeit war.

Schüchtern sah er dem Jungen ins Gesicht. Dieser hob erwartungsvoll die Augenbrauen. Er wartete auf Olivers Antwort.

„Ich sollte mich dir zuerst vorstellen“, sagte der Junge freundlich. Er hielt Oliver die Hand hin. „Ich heiße Ralph Black.“

Oliver blickte auf seine Hand, die sich ihm wie eine angebotene Freundschaft entgegenstreckte. Obwohl er nicht sicher war, ob er ihm vertrauen sollte, hatte Oliver nie zuvor so dringend einen Freund gebraucht. Und Ralph kam ihm durchaus vertrauenserweckend vor.

Nach kurzer Erwägung nahm Oliver die knochige Hand des Jungen und schüttelte sie sanft.

„Ich bin Oliver. Oliver Blue.“

Ralphs Gesichtsausdruck veränderte sich schlagartig – von freundlich zu erstaunt. Seine grünen Augen weiteten sich.

„Du bist Oliver?“, rief er. „Wirklich? Was für ein Glück! Ich hätte gedacht, dass du viel älter bist! Und größer!“

Ralph freute sich anscheinend sehr über dieses Treffen, auch wenn Oliver nicht ganz verstand, warum. Ralph umkreiste ihn aufgeregt und plapperte immer weiter darüber, wie anders er sich Oliver vorgestellt hatte. Oliver hingegen fragte sich, warum er ihn sich überhaupt irgendwie vorgestellt hatte! Wie konnte es sein, dass ein Junge im Jahr 1944 damit gerechnet hatte, ihm zu begegnen?

Ich dachte wirklich, dass ich viel, viel länger warten muss, bis ich dich endlich treffe“, sagte Ralph.

Er drückte Oliver fest an sich, dann hielt er ihn auf Armlänge vor sich.

„Warum hast du diesen merkwürdigen Anzug an?“, fragte er beim Anblick des viel zu großen Overalls. „Wolltest du dich unter den Arbeitern verstecken? Echt gut, dass ich dich zufällig angesprochen habe, sonst hätte ich dich in diesen Klamotten nie erkannt! Ich wäre einfach an dir vorbei gegangen! Ich dachte, du kommst in Jeans und T-Shirt. Das tragen die Kinder im dritten Jahrtausend doch, oder nicht?“

Oliver sah an sich hinab. Mit diesem Overall passte er wirklich bestens in die 1940er Jahre.

„Lange Geschichte“, murmelte er verwirrt. „Moment mal. Drittes Jahrtausend? Du weißt Bescheid?“ Die ganze Unterhaltung erschien Oliver verrückt. Aber Ralphs Begeisterung war ansteckend. Auch wenn er noch nicht verstand, warum er hierher kommen sollte, so war er jetzt doch überzeugt, das Richtige getan zu haben.

Ja. Er sollte im Jahre 1944 vor der Fabrik seines großen Vorbilds Armando Illstrom stehen und diesem Jungen, Ralph Black, in die Arme laufen. Sofort fühlte er sich nicht mehr ganz so verloren, denn wenigstens war er jetzt nicht mehr alleine.

„Komm, lass uns gehen“, sagte Ralph fröhlich, ohne auf Olivers Frage einzugehen.

„Gehen? Wohin denn?“, fragte Oliver.

Ralph blieb stehen du sah ihn fragend an.

„In die Schule natürlich“, sagte Ralph, als wäre es die größte Selbstverständlichkeit. Als Oliver zur Antwort nur die Stirn runzelte, fügte Ralph schnell hinzu, „…das ist doch der Grund, warum du gekommen bist, oder nicht? Also zu uns, in die Vergangenheit…“

Oliver schüttelte den Kopf. „Also… eigentlich… eigentlich habe ich das gar nicht geplant. Es war eher… ein Unfall…“

Ralph staunte. Dann zuckte er mit der rechten Schulter. „Nun, das ändert nichts daran, dass die Geschichte sich nicht selbst neu schreibt. Und ich nehme an, sie hätten mich nicht geschickt um dich abzuholen, wenn du nicht hier sein solltest. Vielleicht sind wir auf einer Zeitachse, in der du zufällig kommst, ohne zu wissen, dass es dein Schicksal ist.“ Wieder hob er eine Schulter. „Lass uns trotzdem gehen, sonst verpassen wir das Abendessen.“

Er wollte wieder losgehen, aber Oliver würde ihm nicht einfach folgen. Zuerst brauchte er ein paar Antworten.

„Entschuldige, aber ich verstehe nicht ganz“, sagte er zu Ralph.

„Was verstehst du nicht?“, fragte er.

„Dass ich in die Vergangenheit reise, um in eine Schule zu gehen“, stammelte Oliver. „Das ergibt doch keinen Sinn.“

„Doch, natürlich“, entgegnete Ralph und kam wieder zurück zu Oliver, „Wie sollst du denn sonst lernen?“

„Ich wäre auf eine der abertausend Schulen im dritten Jahrtausend gegangen!“, rief Oliver und warf frustriert die Arme in die Höhe.

Jetzt sah Ralph noch verwirrter aus. „Wovon redest du da? Es gibt im ganzen Universum nur diese eine Schule für Seher!“

Oliver erstarrte.

Seher?

Er dachte an Armandos Worte.

„Willst du damit etwa sagen…“, flüsterte Oliver.

„Ja. Ich bringe dich zur Schule für Seher. Du bist doch ein Seher, oder? Du weißt nur noch nicht, wie du mit deinen Kräften umgehen kannst, richtig?“

Oliver schüttelte ungläubig den Kopf. Das war es also, was Armando ihm nicht sagen wollte! Er sollte auf diese Schule im vergangenen Jahrtausend gehen!

Aber dann dachte er daran, wie Armando angedeutet hatte, dass er womöglich der einzige Seher auf der Erde war. Skeptisch blickte er zu Ralph.

„Bist du etwa auch ein Seher?“

Ralph grinste. „Ja.“

„Aber wie kann das sein?“, fragte Oliver. „Ich dachte, ich wäre der einzige.“

Ralph kicherte leise. „Wer auch immer dir das gesagt hat, hat einen guten Sinn für Humor“, sagte. „Vielleicht meinte er, dass du einzigartig bist.“

Oliver verzog das Gesicht. Er fand das alles überhaupt nicht lustig.

„Bitte“, sagte er leise zu Ralph. „Ich habe viel durchgemacht und bin sehr durcheinander, Kannst du mir bitte alles so erklären, dass ich es auch verstehe?“

Ralph legte seine Hände auf Olivers Schultern. „Ich bringe dich jetzt zu unserer Schule, damit du lernst, wie du mit deinen Kräften umgehen kannst. Alle Seher aus allen Zeitachsen kommen an diesen Ort um zu lernen. Vielleicht hast du recht und du bist in deiner Welt der einzige Seher, aber insgesamt gibt es viel, viel mehr von uns. Jeder von uns kommt zu einem gewissen Zeitpunkt im Leben an diesen Ort in diese Zeit, weil die Schule für Seher nur hier und jetzt existiert.“

Oliver war sprachlos. Selbst das Atmen fiel ihm schwer. Er hatte das Gefühl, gleich in Ohnmacht zu fallen. Das war einfach zu viel für ihn. Wenn Ralphs Hände ihn nicht im festgehalten hätten, wäre er auf die Knie gesunken.

Er atmete tief ein und blickte in Ralphs wohlwollende grüne Augen.

„Ist das wirklich wahr?“, fragte Oliver. Ein Teil seines Geistes wollte einfach nicht akzeptieren, dass das sein konnte. „Es gibt wirklich noch mehr Seher? Eine ganze Schule voller Kinder, denen es genauso geht wie mir?“

Wenn dieser Junge wirklich die Wahrheit gesagt hatte, dann wäre er nicht der einzige Seher. Dann wäre er kein einsamer Verrückter!

„Glaube mir, wo ich herkomme, sind mehr“, sagte Ralph nickend. „Naja, nicht wo ich herkomme, sondern wann. Ach, du weißt schon.“

Oliver wusste es nicht, aber langsam begann er sich ein Bild zu machen. Doch je mehr er das versuchte, desto verrückter kam ihm alles vor. Er ging ein paar Schritte vorwärts, dann fuhr er sich mit beiden Händen durch sein blondes Haar. „Eine Schule, die Seher ausbildet? In genau dieser Zeit an genau diesem Ort?“ Er drehte sich zu Ralph um. „Und du bist hierher geschickt worden, um mich abzuholen?“

Ralph nickte. „Naja, nicht unbedingt genau jetzt. Wie ich schon gesagt habe, Geschichte kann verändert werden. Aber mehr oder weniger hier und jetzt sollte ich dich finden.“

Oliver konnte es einfach nicht ganz fassen. Das bloße Konzept von parallelen Zeitachsen kam ihm völlig paradox vor. Theoretisch war es möglich, aber in der Praxis nicht einmal vorstellbar. Doch jetzt hatte Oliver noch dringendere Fragen. Was er eigentlich wissen wollte, war…

„Warum?“

„Warum was?“, fragte Ralph.

„Warum?“, wiederholte Oliver. „Warum gibt es eine Schule für Seher? Warum solltest du mich finden? Warum soll ich auf diese Schule gehen?“

Ralph sah ihn lange nachdenklich an. Dann zuckte er mit den Schultern.

„Das weiß ich auch nicht so genau“, sagte er. „Professor Amethyst – der Direktor unserer Schule – hat gesagt, dass der Kopf explodieren kann, wenn man alles auf einmal erfährt. Also buchstäblich explodieren. Deswegen bekommen wir die Antworten nach und nach. Am wichtigsten ist aber, dass wir verstehen, dass wir für den Schutz der Menschheit eine ganz besondere Rolle spielen. Das ist eine wichtige Aufgabe, für die wir lernen müssen, unsere Kräften richtig einzusetzen und sie zu kontrollieren.“

Ralph brachte diese Tatsache absolut überzeugend hervor, sodass Oliver sie beinahe einfach akzeptiert hätte. Aber es war eine große Sache! Sogar eine gigantisch große Sache! Alles, was Ralph von sich gab, klang vollkommen verrückt. Was, wenn er ausgerechnet einem Wahnsinnigen in die Arme gelaufen und auf seinen Irrsinn hereingefallen war?

Doch das konnte kaum sein. Schließlich war er wirklich durch die Zeit gereist. Er hatte es am eigenen Leib erfahren. Und Armando hatte ihm gesagt, dass er ein Seher war. Es wäre schon ein großer Zufall, wenn er jetzt einem Verrückten über den Weg lief, der zufällig mit die gleiche Geschichte erzählte. Vielleicht war es doch wahrscheinlicher, dass Ralph wirklich der war, der zu sein er behauptete und dass Oliver wirklich dazu auserwählt war, auf diese Schule für Seher zu gehen.

Aber vielleicht wollte er das gar nicht! Vielleicht wollte er lieber ein ganz normales Leben führen!

Er dachte an die Alternative: Campbell Junior High. Abgesehen von Mrs. Belfry war diese Schule abscheulich! Wollte er wirklich zurück in sein altes Leben, in dem Chris ihn schikanierte und Mr. Portendorfer ihn absichtlich vor der ganzen Klasse bloßstellte? Und was sollte aus Armando werden? In seinem alten Leben war Armando tot. Aber hier, 1944, war Armando jung und hatte sein Leben noch vor sich! Wenn Oliver auf diese Schule ging und lernte, mit seinen Kräften umzugehen, würde er vielleicht einen Weg finden, zurückzukehren und Armandos Leben zu retten.

„Ich sehe schon, du bist nicht überzeugt.“ Ralphs Stimme durchbrach den Strudel von Gedanken. „Du kannst immer noch umkehren, wenn du das willst. Ein kleines Zeitfenster hast du noch. Aber das würde ich an deiner Stelle nicht tun. Vielleicht bekommst du keine zweite Chance. Man kann nicht einfach kommen und gehen wie man möchte. Wenn du jetzt gehst, ist die Schule für Seher für dich vielleicht für immer verloren.“

Oliver schüttelte den Kopf. Er steckte in einem Dilemma. „Es ist eine wichtige Entscheidung. Ich kenne dich gar nicht. Du könntest mich anlügen.“

„Ich kann es dir beweisen“, sagte Ralph. „Auch wenn Dr. Ziblatt immer sagt, dass ich der schlechteste Schüler bin, der die Schule je besucht hat. Leider musst du mit mir Vorlieb nehmen.“

Grinsend hob er ein vertrocknetes Blatt vom Boden auf. Er legte es auf die offene Hand und konzentrierte sich darauf. Oliver sah interessiert zu, was Ralph damit tun würde.

Ralphs Blick wurde weich und unscharf, als würde er sich selbst hypnotisieren. Zuerst passierte gar nichts und Oliver dachte schon, dass er sich einen Scherz mit ihm erlaubte, doch dann, ganz langsam begann das Blatt sich zu verändern. Es rollte sich langsam nach innen. Oliver staunte. Es schrumpfte! Seine orange Farbe wurde immer brauner und plötzlich zerfiel es in Ralphs Händen zu Staub, bevor es im Wind davonwehte.

Olivers Mund stand offen. Er sah Ralph erschrocken und fasziniert an. So etwas hatte er noch nie gesehen! Aber jetzt hatte er den Beweis. Ralphs Geschichte stimmte wirklich!

„Uff. Ich dachte schon, es funktioniert nicht.“

Er lächelte. „Also“, sagte er, „noch kannst du dich entscheiden. Wenn du nicht willst, brauchst du nichts über deine Kräfte zu erfahren. Aber dann wirst du nie die Antworten auf deine Fragen bekommen.“ Er schwieg einen Augenblick. „Oder du kommst mit mir zur Schule für Seher und findest heraus, was das Schicksal mit dir vorhat.“

Oliver starrte ihn an. Er dachte daran, wie dieser Junge vor seinen Augen das Blatt manipuliert hatte und wägte seine Worte immer wieder ab. Es war keine leichte Entscheidung.

Aber hatte er wirklich noch eine Wahl? Die Zeitmaschine hatte ihn hierher gebracht und dann war sie explodiert. Sie existierte nicht mehr. Damit war eigentlich alles entschieden.

Er schluckte.

„Okay, ich komme mit.“

KAPITEL VIERZEHN

Ralph und Oliver gingen die Straße entlang, die Oliver sowohl bekannt als auch fremd vorkam. Die kleinen Häuser lagen bis zum Horizont in der grünen Landschaft verstreut. Altmodische Autos, an deren Steuer Männer mit dunklen Filzhüten saßen, fuhren an ihnen vorbei. Viele der Grundstücke, die in Olivers Erinnerung lückenlos bebaut waren, waren noch unberührt.

Sie gingen an einer Schule vorbei, vor der Kinder in altmodischen, grauen Schuluniformen mit Ringen aus Holz spielten. Das alles war Oliver unheimlich.

Er konnte immer noch nicht glauben, dass er in das Jahr 1944 gereist war.

Sie kamen an einem alten Schild zwischen ein paar Lagerhallen vorbei. Ralph blieb stehen und zeigte nach oben. Das Schild war aus Holz und Eisen, wie die, die in diesen historischen Dörfern vor der Kneipe hingen. Oliver bemerkte ein Symbol, das in das verrostete Eisen eingeprägt war. Es sah aus wie ein Ring. Drei Augen waren in gleichmäßigem Abstand an dem Ring entlang abgebildet.

„Was ist das?“, fragte Oliver.

„Das ist das Symbol der Schule für Seher“, erklärte Ralph. „Der Ring symbolisiert, dass Zeit nicht linear ist, und die Augen bedeuten, dass man in alle Richtungen sehen kann: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Nur Seher können das Symbol sehen. Alle anderen sehen nur das Schild. Wenn du dieses Symbol siehst, findest du zurück zur Schule. Hier lang.“

Er ging weiter. Oliver fand, dass Ralph über diese Dinge viel zu locker sprach. Seine Gelassenheit stand in absolutem Gegensatz zu Olivers Gefühlen. Er hatte den Eindruck, dass der Boden unter seinen Füßen jeden Augenblick zu beben begann und sein Leben von neuem auf den Kopf gestellt wurde. Er hatte kaum Zeit gehabt, sich damit zurechtzufinden, dass er besondere Fähigkeiten hatte, Armandos plötzlicher Tod, seine Reise in die Vergangenheit und das Aufeinandertreffen mit Ralph machten ihn fast schwindelig.

Oliver folgte Ralph in eine dunkle Gasse. Ohne das wärmende Sonnenlicht fror Oliver. Er trug schließlich nur den dünnen Overall.

Ein paar wenige Leute kamen ihnen entgegen, aber Ralph bog in eine noch engere Gasse ab und Oliver folgte ihm. Es erinnerte ihn an die Labyrinth-ähnlichen Gänge in Armandos Fabrik. Die Hauswände waren auf beiden Seiten waren steil und hoch. Der Himmel war nur noch als schmales, silbernes Band direkt über ihren Köpfen zu sehen. An einigen Stellen wurde die Gasse so eng, dass seine Schultern die Wände auf beiden Seiten streiften.

Schließlich blieb Ralph neben einem kleinen Busch stehen und ging in die Hocke. Oliver sah wieder das dreiäugige Ringsymbol. Ralph griff in den Busch und dort erschien ein Schalter.

Sobald Ralph ihn umgelegt hatte, verschwand die Wand und es kam eine Lücke im Gemäuer zum Vorschein, die etwa so groß war wie eine Tür. Dahinter lag eine weitere Gasse.

Oliver staunte. Es war fast wie sein Unsichtbarkeitsumhang – nur umgekehrt. Anstatt etwas zu verbergen, das es gab, verschleierte die Mauer den Durchgang an einem Ort, wo es keine Mauer gab.

„Ein optischer Trick“, erklärte Ralph, als er Olivers Überraschung bemerkte. „Eine Illusion.“

Oliver überlegte, was man für eine solche Technologie wohl brauchte. Es gab hier kein Licht um eine Illusion zu projizieren. Es war kein Hologramm. Bei seinem Umhang hatte er zuvor gewusst, dass es theoretisch möglich sein musste, bevor er es geschafft hatte, aber diese Erscheinung konnte er nicht erklären.

„Wahnsinn“, murmelte Oliver. „Ich würde gerne wissen, wie es funktioniert. Ich bin so etwas wie ein Wissenschaftler.“

Er blickte auf und stellte fest, dass Ralph bereits gegangen war. Er war schon die halbe Gasse hinuntergelaufen. „Mach wieder zu, wenn du durch bist. Wir wollen nicht, dass aus Versehen die Falschen hereinkommen!“, rief er Oliver zu.

Oliver hatte plötzlich den Eindruck, dass Ralph es eilig hatte.

Schnell trat er durch die Öffnung und drückte auf der anderen Seite auf den Schalter. Die Illusion der Backsteinmauer erschien wieder und Oliver überkam das unangenehme Gefühl, eingeschlossen zu sein. Er rannte zu Ralph.

Die Gasse, die sie jetzt entlanggingen, war nicht nur schmal, sondern wurde auch immer dunkler. Es drang kaum noch Tageslicht zu ihnen durch. Oliver hatte den Eindruck, dass sie in einer Art Gebäude waren.

Ralph ging mit schnellen Schritten weiter. Oliver sah, dass er jetzt gebückt ging. Die Decke über ihnen war inzwischen sichtbar und sie wurde niedriger und niedriger. Auch Oliver zog den Kopf ein, doch schon bald konnte er überhaupt nicht mehr aufrecht gehen. Wie Ralph es vor ihm tat, musste auch Oliver auf Händen und Knien weiter kriechen. Es war keine Gasse mehr, es war ein Tunnel. Er versuchte gegen sein mulmiges Gefühl anzukämpfen, aber er fühlte sich immer beengter und panischer.

Plötzlich stieß Oliver gegen Ralphs Hinterteil. Er hatte angehalten und setzte sich mit eingezogenem Kopf auf den Hosenboden.

„Jetzt kommt der beste Teil“, sagte Ralph. „Bist du bereit?“

„Bereit wofür?“, fragte Oliver.

Doch es war schon zu spät. Ralph lehnte sich nach vorne und verschwand.

Erschrocken kroch Oliver an die Stelle, an der gerade noch Ralph gesessen hatte. Er sah eine viereckige Öffnung im Boden, kaum größer als ein Belüftungsschacht. Darüber war ein merkwürdiges Netz gespannt, kaum dicker als ein Spinnennetz, darunter war alles schwarz.

„Ralph!“, rief Oliver. „Ralph, wo bist du? Ist alles in Ordnung? Ralph! Antworte doch!“

Es dauerte einen Augenblick, bis Ralphs Antwort aus der Dunkelheit kam. „Jetzt komm schon!“ Er klang, als wäre er ziemlich weit weg.

Oliver atmete erleichtert auf. Wenigstens war er okay.

„Wo bist du?“, rief Oliver. „Ich kann nichts sehen!“

„Es ist eine Rutsche“, rief Ralph von noch weiter weg.

Eine Rutsche?

„Da ist ein Netz“, rief Oliver.

„Nur eine Illusion!“ Ralphs Stimme wurde immer leiser.

Stille.

Vorsichtig streckte Oliver die Hand aus. Er erwartete den Widerstand des Netzes, aber er spürte in der Tat nichts. Seine Hand war direkt durch das Netz hindurchgeglitten. Es war wirklich eine Illusion.

Oliver wusste, was er zu tun hatte. Er musste Ralph folgen, aber in die ungewisse Finsternis zu springen war leichter gesagt als getan.

Er atmete tief ein um seine Nerven zu beruhigen. Er hatte schon schwierigere Dinge in seinem Leben getan. Zum Beispiel als Neuling vor eine Klasse zu treten und sich von neugierigen Gesichtern beäugen zu lassen. Dagegen kam ihm diese Mutprobe hier harmlos vor.

Oliver schloss die Augen und ließ sich über die Kante fallen.

Sein Magen machte einen Sprung, als er fiel. Er glitt so schnell über die glatte Rutsche, dass es fast mit einem freien Fall zu vergleichen war. Der Wind pfiff an seinen Ohren und wäre er nicht so erschöpft gewesen, hätte ihm diese wilde Fahrt vielleicht sogar Spaß gemacht.

Dann landete er auf etwas Weichem. Er öffnete die Augen und sah, dass er in einem hell erleuchteten Raum gelandet war. Er lang auf dem Rücken und federte sanft auf einem Trampolin auf und ab.

Oliver tastete rasch seinen Körper ab und war froh, dass alles an heil war. Das grelle Licht ließ ihn blinzeln.

Dann erschien auf einmal Ralphs grinsendes Gesicht über ihm. Oliver war erleichtert, ihn wieder zu sehen.

Aber Ralph ließ Oliver keine Zeit, sich von dem Schreck zu erholen. Er zerrte ihn am Arm vom Trampolin und Oliver landete unsanft auf dem Boden. Als er sich umsah, stellte er fest, dass sie jetzt auf einem Gehweg aus Holzbrettern waren. Er führte um ein Loch im Boden, das mit einer aus Glas gesichert war.

„Oliver Blue“, sagte Ralph feierlich. „Willkommen in der Schule für Seher.“

KAPITEL FÜNFZEHN

Oliver stand an der gläsernen Wand und blickte in die Tiefe. Der Anblick war atemberaubend. Es ging etwa fünfzig Stockwerke hinunter, alles verschiedene Ebenen der Schule für Seher. Sie erinnerte Oliver an eine dieser modernen Universitäten. Über das offene zentrale Atrium waren kreuz und quer zahlreiche hängebrückenartige Gänge gespannt, auf denen Schüler mit Büchern unter dem Arm fröhlich hin und her gingen. Es waren unglaublich viele.

Sie alle waren wie Oliver. Er starrte mit großen Augen hinunter und beobachtete, wie sie zu ihrem Unterricht eilten. Sie bewegten sich unnatürlich schnell, als hätte jemand sie auf Schnelllauf programmiert. Da fiel ihm plötzlich auf, dass die Gänge eigentlich Förderbänder waren, die die Schritte der Kinder noch schneller machten.

Sobald eine Tür hinter einer Gruppe von Schülern geschlossen wurde, öffnete sich die nächste und eine neue Ladung Kinder strömte aus einem anderen Zimmer und verteilte sich über die Förderbänder zügig in alle Richtungen.

Der Anblick hatte etwas Hypnotisches an sich. Es war so faszinierend, wie eine Ameisenkolonie zu beobachten. Jeder hatte ein Ziel, niemand trödelte und doch geschah alles in einer gewissen Synchronie.

Die Schule war viel moderner, als Oliver erwartet hätte. Weit unter sich entdeckte er einen tropischen Baum, dessen Äste – obwohl er sehr groß war – lange nicht an Olivers Höhe heran kamen.

„Unglaublich“, flüsterte Oliver.

„Warte nur, bis ich dir den Rest gezeigt habe“, sagte Ralph grinsend. Bis zum Abendessen ist noch genug Zeit, dass ich dich etwas herumführen kann.“

Sie folgten dem hölzernen Weg und Oliver staunte mit jedem Schritt. Sein Kopf schwirrte.

„Professor Amethyst ist der Schulleiter“, sagte Ralph, „sein Büro ist hier auf der obersten Etage. Du wirst ihn bestimmt treffen, aber er ist oft in anderen Zeitachsen unterwegs.“

Sie gingen auf einen gläsernen Aufzug zu. Als sie einstiegen, stellte Oliver fest, dass für die verschiedenen Etagen negative Zahlen angegeben waren. Die gesamte Schule musste unter der Erde liegen, auch wenn man das kaum glauben konnte. Durch ein riesiges Oberlicht fiel echtes Tageslicht ein und auch die Luft kam Oliver so frisch vor, dass sie unmöglich von einer Klimaanlage erzeugt werden konnte.

„Professor Amethyst unterrichtet übrigens nicht selbst“, fuhr Ralph fort, als sich die Aufzugtüren schlossen. „Wir haben verschiedene Lehrer: Dr. Ziblatt, Mr. Lazzarato und Coach Finkle. Das sind jedenfalls die drei wichtigsten, die unsere Kurse für die Schüler im ersten Jahr geben.“

Ralph drückte auf die Taste für das Erdgeschoss und schon zischte der Aufzug beinahe unangenehm schnell in die Tiefe. Oliver hielt sich am Handlauf fest. Sein Magen hob sich. Durch das Glas sah er all die verschiedenen Stockwerke an sich vorbeiziehen.

„An das Tempo gewöhnt man sich schnell“, lachte Ralph. Er musste laut sprechen um den Fahrtwind zu übertönen. „Bei einem so großen Gebäude ist es wichtig, schnell voranzukommen. Was eigentlich ironisch ist, denn wir leben hier unabhängig von der Zeit.“

Oliver wurde schlecht. Er kämpfte mit seiner Übelkeit und konnte nichts erwidern. Vorerst musste er Ralphs Informationen einfach hinnehmen. Er würde bestimmt später noch die Gelegenheit bekommen, ein paar Fragen zu stellen.

Hoffentlich.

Sie erreichten schließlich das unterste Stockwerk – Ebene -55, als sich die Fahrstuhltüren öffneten. Mit wackligen Beinen stieg Oliver aus. Er fühlte sich wie nach einer Achterbahnfahrt.

Hier unten im Bauch des Gebäudes konnte er den Trubel richtiggehend fühlen. Es summte und vibrierte von Stimmen und Bewegung, als wäre das Gebäude lebendig.

Erstaunt bemerkte Oliver den Geruch von blühenden Pflanzen. Es musste der Baum sein. Bei näherem Hinsehen stellte Oliver fest, dass es ein Kapokbaum war, einer der größten Bäume der Welt. Normalerweise würde man ihn im Regenwald finden, aber dieser hier schien in seinem ganz eigenen Ökosystem bestens zu florieren. Sein Stamm war so dick, dass es mindestens zehn Leute brauchte, um ihn zu umfassen. Tausende von Ästen wuchsen in das Atrium hinein und seine Wurzeln schlängelten sich über den Boden.

Von hier unter hochzublicken war eine vollkommen neue Erfahrung. Die Decke war so weit weg, dass sie nur wie ein Lichtschein wirkte. Dennoch war das komplette Innere so hell, dass es Oliver wie echtes Tageslicht vorkam.

„Wie kann es hier unten so hell sein?“, fragte Oliver neugierig.

„Das hat irgendetwas mit Reflektoren zu tun“, erklärte Ralph. „Das habe ich zumindest an meinem ersten Tag gehört, auch wenn ich es nicht ganz verstanden habe. Wenn man Spiegel im richtigen Winkel aufstellt, kann man damit Licht erzeugen oder so ähnlich…“

„Wie bei einem Periskop“, ergänzte Oliver. Natürlich kannte er sich durch sein Erfinderbuch bestens damit aus. Das Wissen war ihm ja bereits in der Fabrik zugutegekommen.

„Ja, genau“, bestätigte Ralph nickend. „Du bist ziemlich clever für einen … wie alt bist du eigentlich?“

„Elf“, sagte Oliver und fragte sich, wie alt Ralph wohl sein mochte. Seine Körpergröße und sein Selbstbewusstsein ließen ihn jedenfalls fast erwachsen wirken. „Und du?“

„Ich bin dreizehn“, sagte Ralph. „Aber meistens werde ich älter geschätzt. Ich bin auch erst seit Kurzem hier. Wir werden nicht unbedingt nach Alter trainiert, aber die meisten Kinder an der Schule sind zwischen zehn und sechzehn Jahre alt. Es hängt immer davon ab, wann Professor Amethyst von den Sehern erfährt und sie zu sich ruft. Ich schätze, es ist nicht ganz einfach bei den vielen Zeitachsen den Überblick zu behalten.“ Er lächelte. „Hier entlang, bitte. Ich will dir die coolen Sachen zeigen, nicht nur die Klassenzimmer.“

Er ging auf eine große Tür mit einem rieseigen S zu. Oliver runzelte die Stirn.

„Wofür steht ‚S‘?

Ralph wackelte mit den Augenbrauen auf und ab.

„Sport!“

Er drückte die große Tür auf und Oliver schnappte nach Luft. Dahinter befand sich eine Halle, die fast noch größer war als das Atrium, das sie gerade hinter sich gelassen hatten. Hier gab es hier so ziemlich alle Arten von Sportfeldern, die man sich nur vorstellen konnte. Jedes einzelne war in einem eigenen gigantischen Glaskasten. Oliver sah ein paar Kinder auf einer Ebene Tennis spielen, darüber wurde geturnt. Auf der gegenüberliegenden Seite fand gerade ein Basketballspiel statt und ein paar Etagen weiter oben sah Oliver ein großes Baseballfeld. Eine breite Skipiste erstreckte sich gleich über mehrere Etagen und ein Eistunnel zum Bobschlittenfahren war auch dort. Weiter hinten leuchtete ein blaues Schwimmbecken mit gläsernen Wänden, in dem einige Kinder gerade trainierten, ein kleinerer, aber dafür tieferer Pool musste zum Kunstspringen dienen. Es gab wirklich alles, was man sich nur wünschen konnte: Eine Joggingstrecke, Turngeräte, Tischtennistische, einen Skatepark und vieles mehr.

„Es ist sehr wichtig, dass sich die Seher auch körperlich fit halten“, erklärte Ralph. „Jeder muss sich mindestens einmal am Tag sportlich betätigen. Darum kümmert sich Coach Finkle.“

Oliver verzog das Gesicht. Er war nicht besonders sportlich und bisher hatte sich auch niemand – weder die Schule noch seine Familie – darum geschert. Er hatte sich bisher immer sehr gut vor sportlichen Aktivitäten gedrückt.

„Müssen wir?“, fragte er.

Ralph nickte. „Ja, das ist eine der Regeln hier. Es ist egal, welche Aktivität du dir aussuchst. Du hast freie Wahl. Ich verspreche dir, dass du etwas findest, das dir Spaß macht.“

Er lächelte Oliver aufmunternd an. Dann drehte er sich um und verließ die Halle durch die gleiche Tür, durch die sie gekommen waren. Als nächstes führte Ralph Oliver zu einer Tür mit einem großen B.

„B steht für Belohnung“, erklärte er.

Dann schob er Oliver durch die Tür. Staunend blieb er stehen. Er stand in einer weiteren großen Halle, die mit riesigen Süßigkeiten-Automaten gefüllt war. Sie führten wie Murmelbahnen durch den gesamten Raum. Oliver sah sich mit offen stehendem Mund um. Kinder drückten auf verschieden farbige Knöpfe und sahen zu, wie ihre Süßigkeiten die Bahnen und Röhren entlang sausten, bevor sie den Kindern in die Hände fielen.

„WOW“, flüsterte Oliver und sah Ralph mit großen Augen an. „Was muss man tun um sich eine Belohnung zu verdienen?“

„Sich an die Regeln halten“, sagte Ralph. „Es gibt eine Menge Regeln.“

Sie verließen die Halle wieder und gingen zurück ins Atrium. Hier sah Oliver eine Tür mit einem großen BIB.

„Das ist bestimmt die Bibliothek“, tippte Oliver und konnte kaum erwarten einzutreten.

Ralph nickte.

Oliver öffnete die Tür. Wieder stand er in einer großen Halle, die sich über fünfzig Stockwerke erstreckte. Lange Leitern verbanden alle Regale auf allen Ebenen miteinander und jede Menge Schüler schwirrten fröhlich umher. Ein paar trugen sogar Klettergurte und kletterten wie Affen an den Regalen entlang. Sobald sie das richtige Buch gefunden hatten, sprangen sie wieder zurück auf den Boden. In der Mitte war eine lange Sitzreihe. Eine gigantische rote Ledercouch, einzelne Sitzecken mit Ohrensesseln und andere Rückzugsgelegenheiten standen überall bereit.

„Das ist mein Lieblingsort“, sagte Oliver staunend. „Ich liebe Bücher!“

„Du darfst dir aber noch keine Bücher nehmen“, sagte Ralph. „Ich weiß auch nicht genau warum, aber es ist eine Regel. Hat angeblich etwas mit paradoxen Textexplosionen zu tun.“ Er lachte. „Aber jetzt lass uns weitergehen, sonst bekomme ich dich hier nie wieder weg.“

In einem anderen Gang, der von Atrium wegführte, war eine Tür mit einem X.

„X? Vielleicht für Xylophone?“, scherzte Oliver. Ihm fiel keine gute Verwendung mit X ein.

„X bedeutet Kein Zutritt. Es gibt ein paar wenige Räume, die die Schüler nicht betreten dürfen. Also wenn du irgendwo ein X siehst, dann geh einfach weiter.“

„Oh, okay“, sagte Oliver etwas enttäuscht. Er hatte sich eine aufregendere Erklärung erhofft. „Und warum?“

„Ist auch eine Regel“, sagte Ralph. „Stell dir einfach vor es wären Lehrerzimmer. Die gibt es an jeder Schule.“

Das holte Oliver wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Er war hier um zu lernen, nicht um Süßigkeiten zu essen und Tischtennis zu spielen. So sehr er auch den Rundgang mit Ralph genoss, er hatte noch immer wahnsinnig viele Fragen im Kopf.

„Wie sind die Lehrer hier?“, fragte er Ralph. „Und was wird unterrichtet?“

„In unserem ersten Jahr haben wir drei Kurse. Dr. Ziblatt unterrichtet Hellsehen, also in die Zukunft, die Vergangenheit und parallele Dimensionen sehen. Mr. Lazzarato ist unser Lehrer für Transformation. Er bringt uns bei, wie wir unsere Kräfte einsetzen, um die Realität zu verändern. Und Coach Finkle arbeitet mit uns, damit wir stark und fit sind. Wir haben bei jedem Lehrer zwei Stunden Unterricht pro Tag.“

Das hörte sich nach viel Arbeit an. Oliver war aufgeregt und eingeschüchtert zugleich. Er arbeitete gerne, vor allem wenn es bedeutete, dass er mehr über seine Kräfte erfuhr. Aber er war auch etwas nervös. Alles erschien ihm so unglaublich.

„Was passiert nach einem Jahr?“, fragte Oliver.

„Dann kommt das zweite Jahr. Mehr Unterricht, andere Lehrer, ein neuer Stundenplan. Das ist sehr wichtig. Alles ist genau geplant, damit sich bei so vielen Schülern auch nichts überschneidet.“

Noch nie hatte Oliver sich so sehr unter Druck gesetzt gefühlt. Er kannte die Regeln nicht und sollte sich doch daran halten, um keine Schwierigkeiten zu machen? Alles war genau geregelt. Nicht einmal ein Buch durfte er sich ausleihen!

„Du wirst dich schnell zurecht finden“, sagte Ralph. „Ich werde dir helfen, ich und meine Freunde. Alle sind hier total nett. Naja… nicht alle. In meiner Gruppe sind Walter, Simon und Hazel. Du wirst sie mögen, da bin ich ganz sicher. Und Ichiro auch! Er ist schon im zweiten Jahr, aber er hängt oft mit uns zusammen. Halte dich aber von Edmund und Vinnie fern.“

Oliver nickte. Er wollte sich alles merken, aber Ralph ging so schnell von einem Thema zum nächsten, dass Oliver bestimmt einiges wieder vergaß.

Er deutete auf eine Tür mit einem großen Z. „Was gibt es hier? Einen Zoo vielleicht?“

Ralph lachte. „Nein, aber das wäre super. Z steht für das Ende unseres Tages. Hier wird geschlafen. Hast du schon mal eine Schlafkapsel gesehen?“

„Eine Schlafkapsel?“, fragte Oliver. „Nein, noch nie! Darf ich mir eine ansehen?“

Ralph schüttelte den Kopf. „Wir haben ganz bestimmte Schlafzeiten und an die müssen wir uns halten. Hier drinnen ist immer Nacht. Das ist auch eine ganz wichtige…“

„…Regel“, ergänzte Oliver den Satz.

In dieser Schule gab es mehr Regeln, als er sich je vorgestellt hätte.

„Kann ich zusehen, wie jemand seine Kräfte einsetzt?“, fragte Oliver. „Ich verstehe immer noch nicht ganz, wie das aussehen soll.“

„Hat dein Mentor dir das nicht erklärt?“, fragte Ralph erstaunt.

„Mein Mentor? Bist das nicht du?“, fragte Oliver.

Ralph lachte. „Nein, ich meine deinen Mentor in der Zeitachse, aus der du kommst. Du musst doch einen gehabt haben. Er ist dir erschienen, als du ihn am dringendsten gebraucht hast. Er hat dir Antworteten gegeben, die du immer gesucht hast.“

„Meinst du vielleicht …. Armando?“, fragte Oliver. Sein Herz schmerzte, als er wieder vor sich sah, wie sein lieber Freund in seinen Armen gestorben war.

„Wir alle haben einen Mentor“, sagte Ralph. „Das ist der Mensch, der den Auftrag hat uns zu helfen und uns auf den richtigen Weg zu bringen. Oft halten ihn die Leute für verrückt. Kein Wunder, wenn man sich überlegt, was uns hier alles erwartet.“

Er lachte. Für Ralph schien alles ganz einfach zu sein, wie ein großes, verrücktes Abenteuer. Oliver bewunderte seine Sorglosigkeit.

„Armando sollte mich also zu euch bringen?“, fragte Oliver noch einmal. „Das erklärt. Warum er so viel über mich wusste. Er wurde getötet, bevor er mir alles sagen konnte.“

„Er wurde getötet?“, fragte Ralph mitfühlend. „Das tut mir wirklich leid.“

Oliver spürte, wie Tränen in seine Augen stiegen. Er hielt die Luft an, weil er vor Ralph nicht weinen wollte.

„Sei nicht traurig“, sagte Ralph. „Ich werde dir alles sagen, was du wissen musst. Hast du irgendwelche Fragen?“

Oliver schluckte seine Trauer herunter und versuchte sich zu freuen, dass er endlich ein paar Antworten bekommen würde. Es war ihm ein bisschen peinlich, dass er so wenig wusste. Normalerweise war er derjenige, der mehr wusste als die anderen.

„Kannst du mir genau erklären, was ein Seher eigentlich ist?“

Ralph machte ein überraschtes Gesicht.

„Oh. Okay. Wir müssen wirklich ganz vorne anfangen.“

Oliver wurde rot.

„Also dann. Suchen wir uns einen gemütlichen Platz und fangen wir an.“

KAPITEL SECHZEHN

Sie gingen zurück zur Bibliothek und setzten sich auf eines der roten Ledersofas. Ralph holte ein Buch aus einem der Regale und legte es offen auf den kleinen Couchtisch. Es war abgegriffen und hatte einige Eselsohren. Oliver musste an sein Erfinderbuch denken.

„Fangen wir ganz am Anfang an“, sagte Ralph und blätterte auf Seite eins. „Vergiss alles, was du glaubst über Zeit zu wissen. Das allgemein verbreitete Konzept von Zeit ist nicht real. Es gibt keinen Anfang und kein Ende. Alles existiert gleichzeitig. Immer.“

Oliver sah ihn ungläubig an. „Das klingt nicht gerade einfach.“

„Hier“, sagte Ralph und zeigte auf eine Textpassage. „Das hier erklärt es vielleicht besser.“

Oliver begann zu lesen.

Zeit verläuft simultan. Alles, was je geschehen wird, ist bereits geschehen und geschieht in genau diesem Augenblick.

Oliver rieb sich die Stirn. „Ich verstehe es nicht ganz.“

„Nun ja, ich bin selbst noch kein Experte, vielleicht bin ich nicht der Beste um dir diese Dinge zu erklären. Aber im Grunde genommen kann Zeit gar nicht real sein, sonst dürften Zeitreisen nicht möglich sein. Aber die Tatsache, dass wir beide hier zusammen sitzen – im Jahr 1944 – beweist, dass sie möglich sind. Man könnte ja nicht an einen Ort und in eine Zeit reisen, die es nicht gibt. Verstehst du?“

„Mhm…“ Oliver nickte zaghaft. Er war noch immer nicht überzeugt. „Aber da es eben doch möglich ist, muss alles konstant sein. Damit alles für alle Zeit konstant bleibt, darf nichts einfach so verändert werden, sonst würden zu viele Unstimmigkeiten entstehen.“

Ralph schüttelte heftig den Kopf. „Das ist so nicht ganz richtig, weil es eine unendliche Anzahl von Dimensionen gibt. Das Universum will, dass eine Hauptdimension einer bestimmten Zeitachse folgt – nämlich der Besten. Damit alle auch dem richtigen Pfad folgen, verleiht das Universum den Sehern die Macht, Zeitachsen zu verändern, um Fehler auszugleichen und alles wieder auf den besten Weg zu bringen. Keiner merkt, dass etwas verändert wurde, und dass es eine neue Realität gibt, aber wir Seher wissen es. Normale Menschen tendieren dazu, Ungereimtheiten in der Abfolge von Ereignissen zu vergessen, aber wir können verschiedene Ebenen in unserem Bewusstsein festhalten. Deswegen müssen wir ein Leben lang immer wieder lernen, wie die Geschichte verändert wird.“

Oliver verzog das Gesicht. Sein Kopf pochte und sein Geist konnte nicht richtig fassen, was er soeben gehört hatte. „Dann sind wir nur Spielbälle des Universums?“

Ralph blinzelte. Er sah irgendwie verletzt aus. Als er wieder zu reden begann, klang seine Stimme sanfter und nicht mehr ganz so enthusiastisch. „Unsere Kräfte sind ein Geschenk des Universums. Es hat uns ausgewählt. Wir sind Teil der Materie, die die Wirklichkeit ausmacht. Ich glaube, das ist eine große Ehre.“

Oliver blickte in Ralphs ernste, grüne Augen. Es tat ihm leid, dass er Ralphs Stolz nicht teilen konnte, aber für Oliver klang alles wie ein Gedankenspiel, das ihn vollkommen überwältigte.

„Kannst du mir vielleicht mehr über unsere Kräfte erzählen?“, schlug Oliver vor.

Ralphs Miene hellte sich umgehend auf. „Gerne! Wir alle haben eine spezielle Kraft, die es uns ermöglicht, die physikalischen Gegebenheiten unserer Welt zu manipulieren und damit die Zukunft zu verändern. Meine Begabung ist biologisch. Ich kann Materie beeinflussen. Zum Beispiel kann ich Ranken wachsen lassen und damit jemanden fesseln, oder ich kann die Bäume eines Waldes so teilen, dass sich ein Weg öffnet. Weißt du noch, wie ich vorhin das Blatt altern und zerfallen lassen konnte? Ich kann es noch nicht richtig kontrollieren, aber bald werden meine Kräfte voll ausgebildet sein. Im Augenblick kann ich nicht viel mehr als ein Blütenblatt von einer Blüte fallen lassen.“

„Und die anderen? Welche Kräfte haben sie?“, fragte Oliver.

„Mein Freund Simon hat eine molekulare Begabung“, erklärte Ralph. „Er kann Flüssigkeiten zu Gas werden lassen, Blei zu Gold machen, solche Dinge eben. Hazel hat eine chemische Begabung. Sie kann menschliche Launen beeinflussen, einen traurigen Menschen fröhlich machen und so. Sie hat mir einmal geholfen mexikanisches Essen zu verdauen. Wenn du also deine Kräfte als prädestinierte Last sehen willst, dann kannst du das natürlich tun. Oder aber du betrachtest sie wie ich – als etwas ganz FANTASTISCHES!“

„Okay, okay“, lachte Oliver. „Das klingt wirklich fantastisch. Es ist ziemlich cool, Atome und Moleküle einfach verändern zu können. Aber wie genau funktioniert es?“

„Du musst dich auf die Zukunft konzentrieren und ganz genau vor dir sehen, was du brauchst. Dann überlegst du dir, welche Veränderung das erreichen würde. Wenn ich also zum Beispiel einen Berg wachsen lassen möchte, dann muss ich mir genau vorstellen, wie der Berg aussieht, wenn er gewachsen ist und dann das manipulieren, was dazu nötig ist. Hast du schon eine Ahnung, was deine Spezialität ist?“

Oliver dachte nach. Er hatte bisher seine Kräfte nur eingesetzt, um ein Tischbein zu zerbrechen und eine riesige Stahltüre zu öffnen.

„Wäre es eine Spezialität, bestimmte Materialien zu beeinflussen? Holz und Stahl zum Beispiel?“, fragte Oliver.

Ralph sah ihn ratlos an. „Ich weiß nicht genau. Ich schätze, das wäre eine atomische Begabung. Das ist die stärkste Kraft und sie ist am schwersten zu beherrschen, kommst aber auch ziemlich selten vor…“ Er sah ihn nachdenklich an. Plötzlich leuchteten Ralphs Augen auf. „Außer du bist der, auf den wir gewartet haben!“

„Was meinst du?“, fragte Oliver.

Plötzlich war Ralph ganz aufgeregt. „Wir warten auf einen besonderen Menschen, der der mächtigste Seher überhaupt sein soll. Bei jedem Neuankömmling hoffen wir, ihn gefunden zu haben, aber bisher war er noch nicht dabei.“

„Und jetzt glaubst du, dass ich es sein könnte?“ Oliver schluckte.

Ralph zuckte mit den Schultern. „Das werden wir herausfinden.“ Dann sprang er auf und rieb sich den Bauch. „Ich verhungere! Lass uns essen gehen!“

Oliver stand auf und sah noch einmal auf das schwere alte Buch, das alle Theorien über Raum und Zeit enthielt, über die er gerade mit Ralph geredet hatte. Er beschloss, so bald wie möglich zurück zu kommen und mehr darüber zu lesen. Er würde sich alles ganz genau anschauen. Diese Theorien klangen für ihn noch viel faszinierender als Einsteins Relativitätstheorie.

Jetzt musste Oliver aber akzeptieren, dass sein knurrender Magen Vorrang hatte.

Sie gingen wieder durch die BIB-Tür und Ralph führte ihn zu einer Tür mit einem großen E. Das musste also das Esszimmer – oder besser der Speisesaal sein.

Ralph stieß die Tür auf und vor Olivers Augen erschien das wunderbarste Esszimmer, das Oliver sich je hätte vorstellen können.

Wie die anderen Hallen erstreckte sich auch diese über fünfzig Stockwerke. Bunt beleuchtete Röhren verliefen kreuz und quer durch den Raum. Darin bewegten sich Teller mit verschiedenen Speisen auf Förderbändern. Es war wie eine gigantische Sushi-Bar in Leuchtfarben.

In der Mitte befand sich ein riesiger Würfel aus Beton, um den herum unzählige, lange Glastische auf allen Ebenen waren. Oliver sah zu, wie Kinder von allen Seiten zu den Tischen strömten, sich auf die Bänke setzten und mit Sitzgurten anschnallten. Sobald alle Plätze besetzt waren, hob der Tisch mit den Kindern ab. Der Würfel musste eine Art Aufzugsystem sein. Sobald ein Tisch seinen Platz auf der jeweiligen Etage erreicht hatte, rastete er in der richtigen Position ein. Oliver sah, wie die Kinder dann die Teller ihrer Wahl ganz bequem vom Förderband nahmen. Dabei plapperten sie fröhlich durcheinander.

Der Anblick machte Oliver sprachlos. Wie alles andere in dieser Schule, schien auch das Essen besonders schnell zu gehen.

„Verrückt“, flüsterte er.

„Komm schon“, sagte Ralph und zog an seinem Ärmel. „Lass uns schnell einen Platz suchen, sonst müssen wir auf den nächsten Tisch warten.“

Oliver ging mit Ralph auf den großen Würfel zu, als gerade der nächste Tisch vom Boden abhob. Überall sprangen Kinder auf die Bänke und schnallten sich an. Auch Ralph schob Oliver auf einen Platz und rutschte neben ihn.

„Schnall‘ dich an!“, forderte er Oliver auf.

Es dauerte eine Weile, bis Oliver den Gurt verschlossen hatte. Die freien Plätze hatten sich schnell gefüllt.

Sobald er es geschafft hatte, begann die Bank zu beben und schoss in die Höhe. Oliver sah nach unten. Das war ein großer Fehler. Er sah, wie seine Beine weit über dem Boden baumelten. Sie flogen schnell in die Höhe, bis der Tisch plötzlich stoppte. Oliver fühlte sich mulmig.

„Alles okay?“, fragte Ralph.

„Ich glaube schon“, antwortete er und wischte sich eine Haarsträhne aus der Stirn.

Mechanisches Pfeifen ertönte und Oliver sah, wie hunderte von Tellern durch verschiedenfarbige Röhren auf ihren Tisch zukamen: Schüsseln mit lilafarbenem Reis, bunte Hamburger, glitzernder Brokkoli.

„Was ist…“, murmelte Oliver.

Er sah zu Ralph hinüber, der sich bereits ein paar Speisen ausgesucht hatte und sich jetzt hungrig darüber hermachte. Drei Teller standen bereits vor ihm: Er hatte sich einen Hot Dog, einen Teller mit Pommes und Gemüsenuggets in der Form von Dinosauriern ausgesucht. Dann griff auch Oliver nach einem Teller.

Erleichtert stellte er fest, dass es ein ganz normal aussehendes Stück Salamipizza war. Hungrig biss er hinein. Die Pizza schmeckte köstlich.

Als er seine erste Scheu überwunden und den größten Hunger gestillt hatte, sah er sich die Gesichter der anderen Kinder am Tisch an. Unter ihnen war ein Mädchen mit zwei ordentlich geflochtenen Zöpfen, ein Junge mit dunkler Haut und einem halblangen Afro und ein sehr blasser Junge mit großen blauen Augen, die weit auseinander standen. Sein Haar war so hell, dass es fast silberfarben glänzte.

„Du bist neu“, sagte das Mädchen, als sich ihre Blicke trafen. Sie hatte graue Augen, die sich an den Winkeln leicht nach unten neigten. Das ließ sie fast etwas traurig erscheinen.

„Woher weißt du das?“, fragte Oliver.

„Du siehst irgendwie eingeschüchtert aus“, antwortete sie. „So sehen alle aus, wenn sie zum ersten Mal im Esszimmer sind. Außerdem hast du nur einen Teller genommen.“

Oliver blickte auf die Auswahl, die sie vor sich stehen hatte: blauer Kartoffelstampf, rote Erbsen und eine riesige Wurst in der Form eines Flugzeuges. Ihr Getränk sah aus wie ein Milchshake. Oliver leckte sich die Lippen.

„Das ist Hazel“, sagte Ralph. „Hazel, das ist Oliver, der Junge, den ich für Professor Amethyst abholen sollte.“

Hazel schob ihm ihren Milchshake hin. „Hier, ich habe gesehen, dass du Lust darauf hast. Du musst schnell zugreifen, wenn du etwas siehst, das du haben willst.“

„Danke“, sagte Oliver. „Ich bin so eine tolle Auswahl nicht gewöhnt.“ Er lief rot an, als er an die armen Verhältnisse dachte, aus denen er selbst kam. „So viel Essen hat es bei mir zu Hause nie gegeben.“

„Das hätte mich auch gewundert“, kicherte Hazel.

Der dunkle Junge neben Hazel lehnte sich zu ihr hinüber und nahm sich eine Gabel von ihren Kartoffeln. Er grinste frech und schob sich die Gabel in den Mund.

„Walter!“, rief Ralph von der anderen Seite des Tisches. Er kreuzte die Amre vor der Brust. „Hol‘ dir deinen eigenen Teller!“

Walter gab sich unbeeindruckt. Er grinste einfach weiter. Oliver hatte den Eindruck, dass Ralph, der mit Abstand der älteste war, eine Art Erzieherrolle übernahm. Vielleicht war das auch nötig, da es hier zwar unzählige Kinder, aber kaum Erwachsene gab. Oliver fragte sich, ob sie sich hin und wieder einsam fühlten. Er vermisste seine Familie kein bisschen, aber er konnte sich vorstellen, dass andere Kinder ihre Eltern und Geschwister sehr liebten. Es musste schwer für sie sein, so ganz alleine in dieser Schule zu sein. Ob einige von ihnen Heimweh hatten?

„Also, was denkst du?“, fragte Walter, der Junge mit dem Afro, nachdem er den geklauten Kartoffelbrei heruntergeschluckt hatte.

„Ganz schön viel auf einmal“, gestand Oliver und dachte wieder an die Unterhaltung mit Ralph in der Bibliothek. „Es ist sehr anders hier, als die Welt, aus der ich komme.“

„Woher kommst du denn?“, fragte Walter.

Von wann, dachte Oliver, nicht woher? Er war nicht ganz sicher, wie er es am besten beschreiben sollte.

„Aus dem dritten Jahrtausend“, begann er.

„Gar nicht so weit weg“, entgegnete Walter. „Ich komme aus 1982. Hazel kommt aus dem vierten Jahrtausend – 3032.“

Olivers Augen wurden groß. Hazels Wangen liefen rot an.

„Ich weiß“, sagte sie. „Ganz schön schaurig.“

Oliver verstand nicht, warum sie das sagte. Ihm kam es nur wahnsinnig verrückt vor. Hazel kam aus der Zukunft!

„Gibt es hier auch Kinder aus der Vergangenheit?“, fragte Oliver.

Ralph blickte auf und lachte. „Das kommt darauf an, was du als Gegenwart bezeichnest. Für dich ist Walter aus der Vergangenheit. Für mich bist du aus der Vergangenheit.“

„Aus welcher Zeit kommst du eigentlich“, fragte Oliver Ralph. Er war noch nicht auf den Gedanken gekommen, dass Ralph aus einer vollkommen anderen Zeit stammen konnte als er selbst.

„Ich bin 4040 geboren worden“, antwortete Ralph. „Fünftes Jahrtausend.“ Er grinste, als wäre diese Information etwas, worauf man sehr stolz sein durfte. Er sah den blassen Jungen neben sich an. „Und du, Simon?“

„1890“, sagte der Junge mit einem breiten britischen Akzent.

Oliver konnte kaum glauben, was er da hörte. Er war in einer Schule, die völlig unabhängig von Jahreszahlen war und von Schülern aus der Zukunft und der Vergangenheit besucht wurde. Alles drehte sich in seinem Kopf.

„Hast du schon ein paar Lehrer getroffen?“, fragte Hazel. Sie nahm sich eine große Schüssel Popcorn vom Förderband.

Oliver schüttelte den Kopf. „Seit ich hier bin, bin ich noch keinem einzigen Erwachsenen begegnet.“

Hazel lachte. „Man muss sich erst daran gewöhnen. Die Erwachsenen vertrauen darauf, dass wir uns an die Regeln und Stundenpläne halten. Abgesehen davon haben wir alle Freiheiten, die wir uns nur wünschen können.“

„Aber es gibt viele Regeln“, wiederholte Ralph.

„Die einzigen Erwachsenen, die es hier gibt, sind die Lehrer“, fügte Hazel hinzu ohne Ralphs Kommentar zu beachten. Dabei kaute sie eine Handvoll Popcorn. „Und natürlich hat man hin und wieder Gespräche mit seinem Hologramm-Mentor.“

Oliver ließ den Blick auf seinen Teller sinken. Wie immer, wenn er an Armando dachte, machte sich ein Stechen in seiner Magengegend breit.

Ralph warf Hazel einen warnenden Blick zu.

„Habe ich etwas Falsches gesagt?“, fragte Hazel verunsichert.

Oliver schüttelte den Kopf. „Nein. Es ist nur… mein Mentor ist leider gestorben.“

Die Kinder am Tisch sahen sich unsicher an.

„Tut mir Leid“, sagte Hazel.

„Das ist wirklich Pech“, sagte Simon und schüttelte traurig den Kopf.

„Ja, wirklich großes Pech“, fügte Walter hinzu.

Oliver hielt inne. Er versuchte, den dicken Kloß in seinem Hals hinunterzuschlucken.

Dann mischte sich Ralph ein. „Olivers Mentor ist gestorben, bevor er ihm erklären konnte, was er wirklich ist und warum er hierher kommen soll. Wir sollten besonders einfühlsam sein. Und mutet ihm nicht zu viel auf einmal zu. Wir wollen nicht, dass sein Kopf explodiert.“

Oliver war dankbar, dass Ralph sich so für ihn einsetzte. Auch wenn der einzige Grund, dass sein Kopf explodieren könnte, bisher Ralphs Erklärungen waren.

Hazel tätschelte Olivers Hand. „Das muss sehr schwer für dich gewesen sein. Aber du wirst hier viel lernen und eine Menge Spaß haben. Ich verspreche dir, dass das der richtige Ort für dich ist!“

Walter grinste. „Hast du schon die Sporthalle gesehen?“

Oliver nickte.

„Wir sollten nach dem Essen eine Runde Switchit spielen“, schlug er vor.

„Das ist so einfältig“, wand Simon ein. „Cricket ist viel besser!“

„Gar nicht! Switchit ist super!“, rief Walter. „Ich kann gar nicht genug davon bekommen! Es ist wie Basketball mit ganz vielen Körben! Dabei fliegt man auf Straußlern.“

„Was ist ein Straußler?“, fragte Oliver.

„Ein Tier aus dem dritten Jahrtausend“, erklärte Hazel. „Eine Paarung von Straß und Adler.“

„Wow“, sagte Oliver beeindruckt.

„Ich glaube kaum, dass wir vor dem Schlafengehen noch Zeit für Switchit haben, Walter. Du weißt selbst, wann wir ins Bett müssen“, sagte Ralph wieder in seiner lehrerhaften Art.

Walter rollte die Augen und konzentrierte sich wieder auf das Essen.

Auch Oliver wandte sich wieder seinem Teller zu und steckte sich eine Scheibe Salami in den Mund. Dabei stellte er fest, dass ein Kind auf einer Ebene unterhalb zu ihm hinaufsah.

Es war ein hübsches Mädchen mit leuchtend grünen Augen und glatten schwarzen Haaren. Sie lächelte ihn schüchtern an und aß dann weiter.

„Das ist Esther“, sagte Hazel. „Alle Jungen lieben sie“, sagte sie und schlug sich theatralisch eine Hand auf die Brust.

Auch Oliver fand, dass sie sehr liebenswert aussah. Er hätte gerne mehr über sie erfahren, aber nach Hazels Reaktion beschloss er, besser nicht weiter über sie zu reden. Vielleicht war sie eifersüchtig auf Esther, auch wenn sie selbst ein sehr hübsches Mädchen war mit ihren hellgrauen Augen und ihren sanften blonden Haaren. Oliver konnte sich gut vorstellen, dass auch sie von einigen Jungen geliebt wurde. Was ihn betraf, fühlte er sich jedoch eher zu Esthers mysteriöser Schönheit hingezogen.

Plötzlich rauschte es über ihm und ein riesiger mechanischer Arm erschien, um die Teller und Schüsseln der Kinder einzusammeln. Schon drohte der Rest von Olivers Pizza vor ihm davonzufliegen. Schnell schnappte er ihn.

Der Tisch setzte sich in Bewegung und sank in die Tiefe, was in Olivers Bauch, der gerade zum ersten Mal seit Langem wieder richtiges Essen bekommen hatte, ein sehr unangenehmes Gefühl auslöste. Sobald sie unten waren, öffnete Ralph seinen Gurt und kam herüber zu Oliver.

„Wir sollten schlafen gehen“, sagte er. „Es ist Zeit.“

KAPITEL SIEBZEHN

Ralph begleitete Oliver durch die Halle. Wie üblich eilten überall Schüler umher. Aus der Schlafhalle kamen ihnen einige frisch und erholt aussehende Kinder entgegen, die jetzt auf direktem Weg zum Unterricht gingen. Sie sahen schon etwas älter aus, um die sechzehn Jahre vielleicht. Oliver nahm an, dass sie schon länger auf die Schule für Seher gingen.

Die kleine Gruppe, mit der Oliver gegessen hatte, ging um den großen Kapokbaum herum, direkt zur Schlafhalle. Davor standen einige Kinder, die Oliver neugierig ansahen.

„Das da ist Edmund“, sagte Hazel. „Ignorier‘ ihn einfach.“

Doch als sie näher kamen, wandte Edmund sich sofort an Oliver.

„Aha, ein Neuer“, sagte er laut zu seinen Freunden, die ebenso unfreundlich wirkten wie er. „Bestimmt ist das wieder so einer, der denkt, dass er der größte und mächtigste Seher von allen ist. Er sieht aber nicht aus, als wäre er der, auf den wir warten.“ Dann sah er Oliver direkt ins Gesicht. „Hey, du! Du siehst aus wie ein kleiner Popel! Nichts Besonderes, wenn du mich fragst.“

„Halt‘ doch einfach mal die Klappe, Edmund“, knurrte Ralph.

Er legte schützend den Arm um Oliver und ging einfach an Edmund vorbei.

„Ich wette, du bist Kobalt!“, rief Edmund ihm hinterher.

„Kobalt? Was ist das denn?“, fragte Oliver. „Soll das eine Beleidigung sein?“

Ralph schob ihn zügig weiter und Oliver war überrascht, dass es selbst hier an diesem magischen Ort Bullys gab.

Wenigstens verstand er nicht, womit sie ihn beleidigten.

„Einfach ignorieren“, sagte Ralph.

Doch Oliver bemerkte seinen verunsicherten Gesichtsausdruck. Das, was Edmund gesagt hatte, hatte Ralph beunruhigt. Oliver hatte plötzlich den Eindruck, dass Ralph ihm etwas verschwieg.

„Was meint er?“, fragte Oliver. „Gibt es etwas, das du mir nicht sagen willst?“

Ralph schwieg. Sie standen zusammen mit den anderen vor der Tür mit dem großen Z. Als das Z auf einmal weiß wurde, öffneten sie die Tür und strömten hinein. Ralph hielt Oliver zurück, bis Edmund verschwunden war.

„Okay, lass uns gehen“, sagte er dann.

Oliver folgte ihm. „Kannst du bitte meine Frage beantworten, Ralph?“, bat er. „Da ist doch etwas, das du mir verheimlichst.“

In dem Raum war es dunkel. Doch bei genauerem Hinsehen stellte Oliver fest, dass es eher ein Gang war, von dem Zahlreiche weiß schimmernde ovale Türen abgingen, die Oliver vorkamen wie Umkleidekabinen.

Wieder ging Ralph nicht auf Olivers Bitte ein.

„Nimm dir einen Schlafanzug von hier drüben“, erklärte er und öffnete eine Tür. Sie zischte und weißer Dampf strömte heraus.

Verwirrt griff Oliver hinein und holte einen merkwürdigen weißen Anzug heraus. Er erinnerte Oliver an Pyjamas, wie kleine Kinder sie hatten.

„Das soll ich anziehen?“

Ralph nickte. „Umziehen kannst du dich da hinten“, sagte er und zeigte auf einen weißen Vorhang.

„Danke“, murmelte Oliver.

Er konnte nicht verstehen, warum Ralph sich plötzlich so anders verhielt. Entweder war Kobalt eine schwere Beleidigung, oder es bedeutete etwas, das Ralph nicht sagen wollte. Er eilte hinter die Vorhänge und zog sich schnell um, dann wollte er wieder zu Ralph um ihm noch ein paar Fragen zu stellen. Der seltsame weiße Schlafanzug fühlte sich auf seiner Haut sehr kühl an, als hätte er einen Anzug aus Luft angezogen. Mit seiner Kleidung unter dem Arm eilte er zurück.

„Leg die ins Regal“, sagte Ralph sofort und schob Olivers Kleidung in die leere Kammer, aus der er den Anzug genommen hatte. „Sie werden für dich gereinigt, während du schläfst.“

Das Schlafen lief an dieser Schule genauso seltsam ab wie das Essen. Aber noch merkwürdiger fand Oliver, dass Ralph ihn so drängte.

„Bereit?“, fragte er und klang ungeduldig.

Oliver nickte. „Ja, aber kannst du mir bitte erklären, warum Edmunds Kommentar dich so aus der Bahn geworfen hat?“

Er sah, dass Edmund immer noch bei den anderen Kindern stand. Alle trugen die gleichen Schlafanzüge.

„Ach, nichts“, sagte Ralph.

Die nächste Tür öffnete sich und die Kinder strömten hindurch.

„Es ist ganz offensichtlich nicht nichts…“, begann Oliver und folgte den anderen.

Oliver blieben die Worte im Hals stecken, als er den Schlafsaal sah. Wie die anderen besonderen Bereiche erstreckte auch dieser sich über mehr als fünfzig Etagen. Er enthielt einzelne runde Glaszellen, die in Reihen angeordnet waren. Es war dunkel hier, bis auf das schwache weiße Glühen der einzelnen Zellen und einige Nachtlichter, die wie Schneeflocken durch die Luft schwebten.

„Wie kann das sein…?“, murmelte Oliver, der von diesem Anblick vollkommen hypnotisiert war. Als er sich umdrehte, sah er, dass Ralph sich bereits in die Schlange eingereiht hatte. Schnell stellte Oliver sich dazu.

Ganz vorne stand ein japanisch aussehender Junge, der schon etwas älter war. Er teilte den Kindern ihre Schlafkapseln zu. Es lief schnell und reibungslos ab, fast wie beim Militär. Der große Junge drückte einen Knopf und eine Kapsel öffnete sich. Sobald ein Kind hineingeklettert war, verschloss sich diese wieder und schwebte an ihren Platz. Schon war das nächste Kind an der Reihe.

Edmund stand jetzt ganz vorne. Er drehte sich um und suchte mit den Augen die Reihe ab. Als er Oliver sah, rief er, „Hoffe du kannst schlafen! Morgen kommt einiges auf dich zu!“ Dann stieg er in seine Schlafkapsel und zischte davon.

Oliver wandte sich an Ralph.

„Was meint er damit?“, fragte er. „Worum geht es hier eigentlich?“ Er war jetzt sehr verunsichert. Er hatte das Gefühl, dass es um mehr ging als die gewohnte Schikane fieser Mitschüler. Ralph verschwieg ihm etwas, da war er ganz sicher.

Hazel, die direkt vor ihnen stand, mischte sich ein. „Er meint einfach deine ersten Kurse“, sagte sie schnell. „Du weißt schon, neue Lehrer, neue Kinder, neuer Unterrichtsstoff. Er will dir Angst einjagen.“

Auch wenn Oliver ohnehin aufgeregt war, wie der nächste Tag für ihn laufen würde, spürte er, dass das nicht alles war, was Ralph und Hazel im Kopf hatten.

„Kommt schon“, versuchte Oliver es noch einmal. „Was passiert morgen?“

Mit jedem Kind, das in einer Schlafkapsel davonzischte, kamen sie dem Ende der Schlange näher. Oliver sah, wie Simon, der blasse Junge, in seine Kapsel stieg. Als nächstes war Walter an der Reihe. Sehr bald würde auch Oliver in seine Zelle klettern. Doch vorher musste er noch herausfinden, was auf ihn zukam.

Ralph seufzte. „Du wirst getestet.“

„Getestet?“ Oliver schluckte. „Wie?“

„Mach dir keine Gedanken. Du bestehst ohne Probleme“, sagte Hazel um ihn zu beruhigen.

Doch jetzt war Oliver noch aufgeregter.

„Ich muss einen Test bestehen?“, fragte Oliver. „Was passiert, wen ich nicht bestehe?“

Jetzt sah Ralph noch ernster aus. Er sah Hazel vorwurfsvoll an. Edmund hatte diesen Kommentar ganz sicher gemacht, um Oliver zu verunsichern. Jetzt war es Ralphs Aufgabe, ihn wieder zu beruhigen.

„Sie wollen herausfinden, was deine besondere Begabung ist“, erklärte Ralph.

„Okay…“, sagte Oliver.

„Aber…“, sagte Ralph.

Oliver schluckte.

„Es besteht eine Chance, dass du nicht bestehst. Professor Amethyst liegt mit seinen Vermutungen nicht immer richtig.“

Oliver spürte einen Stich in der Brust. „Du meinst, es kann sein, dass ich gar keine Kräfte habe?“

Ralph schüttelte den Kopf. „Doch, Oliver, du bist ein Seher mit besonderen Kräften, so viel steht fest. Aber es ist nicht ganz sicher, ob du Brom oder Kobalt bist.“

„Ich verstehe nicht…“, stammelte Oliver. „Brom und Kobalt sind Elemente. Was hat das zu bedeuten?“

„Es gibt zwei Arten von Sehern“, erklärte Ralph. Er klang, als hätte er Oliver bereits zu viel verraten. „Brom ist rot und Kobalt ist blau.“

Oliver wusste, dass das nicht alles war. „Wenn es nur darum geht, ob ich rot oder blau bin, warum bist du dann vorhin so blass geworden?“

„Weil Kobalt-Seher früher oder später auf die andere Seite wechseln“, sagte Ralph. „Sie nutzen ihre Kräfte für das Böse.“

Oliver war sprachlos. Sein Herz klopfte wild in seiner Brust. Ihm wurde schwindelig. Hazel, die plötzlich neben ihm stand, hielt ihn am Ellbogen fest, sonst wäre er vermutlich umgefallen. Sie sah besorgt aus.

„Ich bin sicher, dass alles gut sein wird“, sagte sie sanft. „Selbst wenn sich herausstellen sollte, dass du ein Kobalt-Seher bist, wirst du nicht einfach weggeschickt. Das würde nur heißen, dass du besonders vorsichtig mit deinen Kräften umgehen musst und lernen musst, wie du dem Bösen widerstehst.“

Die nächste Schlafkapsel öffnete sich und Hazel stieg hinein. Schon flog sie in die Dunkelheit und plötzlich war Oliver an der Reihe.

„Wir hätten dir das nicht sagen sollen“, sagte Ralph besorgt. „Du musst dich jetzt ausruhen. Morgen fühlst du dich bestimmt schon viel besser.“

„Ich kann jetzt keinesfalls schlafen!“, protestierte Oliver. „Was, wenn sich morgen herausstellt, dass ich ein Kobalt-Seher bin?“

Ralph sah niedergeschlagen aus. Olivers Furcht wuchs.

Der japanische Junge sah ihn an. „Du bist neu hier“, sagte er. „Ich bin Ichiro, Bewohner-Assistent, oder einfach BA. Aber jetzt ab in deine Schlafkapsel.“

Oliver rührte sich nicht. Er war kurz davor, vollends die Nerven zu verlieren. Die ganze Zeit hatte er über seine Kräfte nachgedacht und sich darüber gefreut. Nicht einmal war ihm der Gedanke gekommen, dass sie etwas Schlechtes bedeuten konnten. Das war einfach zu viel für ihn.

„Er ist ein bisschen aufgeregt“, sagte Ralph.

„Das sind wir alle am Anfang“, entgegnete Ichiro.

Er öffnete die Schlafkapsel und jetzt konnte Oliver zum ersten Mal einen Blick hinein werfen. Sie sah aus wie ein Sarg.

„Wenn du dich hinlegst, schließt du die weißen Sonden an deine Schläfen und klebst diesen herzförmigen Aufkleber auf deine Brust. Diese Klemme steckst du an deinen Zeigefinger, dann legst du dich auf den Rücken und drückst die weiße Taste“, erklärte Ichiro.

Er hatte schnell geredet und Oliver, der ohnehin vollkommen durcheinander war, hatte sich die Anweisung nicht gemerkt.

„Entschuldige… was soll ich mit diesem Aufkleber machen?“, murmelte er.

Doch anscheinend war keine Zeit für lange Erklärungen. Ichiro schob Oliver in die Schlafkapsel.

„Du wirst schon zurecht kommen“, sagte er und setzte Oliver auf die weiße Matte. „Nur die rote Taste darfst du nicht drücken, okay?“

Oliver zitterte. Er sah, wie Ichiro, Ralph und die anderen hinter der Glaswand verschwammen. Vielleicht hatte Ralph recht gehabt und Oliver hätte vor dem Schlafen besser nichts von diesen Dingen erfahren sollen. Jetzt war er auf jeden Fall noch nervöser. Auf keinen Fall würde er jetzt schlafen können!

Ichiro drückte auf eine Taste und panisch stellte Oliver fest, dass er bereits vom Boden abhob. Er war gefangen!

Oliver krallte sich an den Seiten fest. Er fühlte sich, als wäre er in der instabilsten Achterbahn der Welt gelandet. Oliver sah die Kabel und Sonden, an die er sich anschließen sollte, aber die Kapsel war so wackelig wie die Mülltonne, die ihn im Sturm durchgeschüttelt hatte. All die Regeln und die Sorge vor dem, was schiefgehen konnte, spukten ihm im Kopf herum.

Plötzlich blieb die Schlafkapsel stehen und alles wurde still. Oliver starrte den gläsernen Deckel an. Nach einiger Zeit fielen ihm wieder die Kabel ein, an die er sich anschließen sollte.

Er klebte den Herzaufkleber auf sein Herz und die Sonden an seine Schläfen. Dann steckte er den Finger in die Klemme und legte sich auf den Rücken.

Über ihm waren drei Tasten. Eine weiße, eine rote und eine blaue.

Rot oder blau. Brom oder Kobalt. Gut oder böse. Morgen würde er herausfinden, welcher Typ er war. Außerdem würde er endlich ein paar Antworten bekommen.

Oliver atmete tief durch. Es gab kein Zurück. Er streckte die Hand aus und drückte auf die weiße Taste.

Schon war er eingeschlafen.

KAPITEL ACHTZEHN

„Hast du gut geschlafen?“

Oliver blinzelte verwirrt. Er blickte in Ichiros Gesicht. Hatte der Junge ihn nicht vor wenigen Augenblicken erst in die Schlafkapsel geschoben? Zumindest fühlte es sich so an. Hinter Ichiro waren keine funkelnden Sterne mehr am Himmel, sondern weiches, warmes Tageslicht, wie an einem Frühlingsmorgen, leuchtete in Olivers Augen.

Überrascht setzte Oliver sich auf und rieb sein Gesicht. Er fühlte sich desorientiert und zog schnell die Sonden und den Aufkleber ab. „Es ist schon morgen? Aber wie kann das sein? Es fühlt sich an, als wäre keine Zeit vergangen.“

Ichiro kicherte. „Es gibt hier keine Nacht und keinen Morgen. Alles ist gemacht. Aber wenn du es so nennen möchtest, dann ist es jetzt morgen. Und das mit der Zeit… Nun, es ist nicht so einfach zu sagen, ob Zeit vergangen ist.“

Oliver hielt abwehrend eine Hand in die Luft. Ralph hatte ihn mit dieser Sache schon genug Kopfschmerzen bereitet. Jetzt wollte er jedenfalls nichts davon hören.

Er ergriff Ichiros ausgestreckte Hand und stieg aus.

Sofort kam seine Erinnerung an den Vorabend zurück. Heute, dachte er erschrocken, würde er herausfinden, ob er gut oder böse war. Was würde geschehen, wenn er wirklich ein Kobalt-Seher war?

Ichiro bemerkte Olivers Sorge.

„Entspann‘ dich, interdimensionaler Schlaf fühlt sich immer erstmal komisch an“, sagte er. „Du wirst dich schnell daran gewöhnen.“

„Das ist es nicht“, murmelte Oliver. „Heute werde ich getestet.“

„Interessant! Was glaubst du, was deine Begabung ist? Elektrisch? Oder elementar wie ich? Würde mich freuen noch einen Kumpel auf meinem Feld zu haben!“

„Darüber mache ich mir keine Gedanken. Ich habe Angst, dass ich vielleicht kein Brom, sondern ein Kobalt-Seher sein könnte“, flüsterte er.

Ichiro verzog das Gesicht. „Ich habe die Nase voll von dieser Schwarz-Weiß-Malerei! Mach dir doch keine Gedanken. Kobalt-Seher können auch Gutes tun! Und kenne ich Brom-Seher, die sich dem Bösen zugewendet haben. Genauso kann man behaupten, dass alle Soziopaten böse sind. Es ist einfach nicht wahr! Du bist ein guter Junge, Oliver. Ich sehe keinen Grund, warum du böse werden solltest, Kobalt, Brom oder sonst irgendwas!“

Nach diesen Worten fühlte Oliver sich wahnsinnig erleichtert. „Denkst du das wirklich?“, fragte er.

„Ich bin absolut überzeugt! Und ich sollte es wissen, ich bin nämlich ein Kobalt-Seher.“

Oliver war überrascht. Ichiro kam ihm kein bisschen böse vor – im Gegenteil! Und weggeschickt hatte man ihn auch nicht. So schlimm konnte es also gar nicht sein.

Vielleicht hatte Oliver sich ganz umsonst Gedanken gemacht.

„Deine Kleidung ist gereinigt und liegt bereit“, sagte Ichiro und klopfte Oliver auf die Schulter. „Ich wünsche dir einen tollen Tag!“

Oliver fiel ein Stein vom Herzen. Jetzt hatte er keine Angst mehr davor, getestet zu werden. Ganz und gar nicht! Nein, eigentlich war er sogar sehr neugierig darauf, mehr über seine Kräfte zu erfahren.

Er ging zurück in die Umkleidekabine, in der er am Abend zuvor seine Kleidung abgelegt hatte und hoffte, Ralph und Hazel, Simon und Walter bald wiederzutreffen. Und natürlich die schöne Esther.

Nur auf Edmund und seine Freunde konnte er gut verzichten.

Und tatsächlich waren Ralph und Hazel bereits im Umkleideraum. Hazel bürstete gerade ihre Haare und begann, sich wieder zwei Zöpfe zu flechten, wie sie sie am Vortag getragen hatte.

„Hi, Oliver! Hast du dich gut ausgeruht?“, fragte Ralph.

„Ich habe deine Kleidung schon abgeholt“, sagte Hazel und übergab Oliver seinen blauen Overall, der ordentlich zusammengelegt war und nach Lavendel duftete. „Und das hier soll ich dir auch geben.“

Sie hielt ihm ein durchsichtiges Rechteck aus Plastik hin.

„Dein Stundenplan“, sagte sie.

Oliver nahm die Scheibe und sofort erschien eine leuchtende Schrift darauf.

„Da steht, wann du wo sein sollst“, erklärte Hazel.

„Steht da auch, wann mein Test stattfindet?“, fragte Oliver.

Hazel zeigte auf ein paar Zahlen und Buchstaben. Der Test sollte also direkt im Anschluss an seinen Unterricht stattfinden. Sie lächelte in an. „Ich verspreche dir, es wird gut laufen.“

Oliver nahm ihr den Overall aus der Hand. „Ich weiß“, sagte er und ging zu einem der Vorhänge, um sich dort umzuziehen. „Ichiro hat mir gesagt, dass es gar nicht so wichtig ist.“ Er zog den Vorhang hinter sich zu und zog den merkwürdigen Schlafanzug aus. Es fühlte sich gut an, wieder seine eigene Kleidung zu tragen. Es war in dieser Schule das einzige, was sich wie sein Eigentum anfühlte, auch wenn er eigentlich aus Armandos Fabrik stammte. „Wenn er ein Kobalt-Seher ist, dann kann es gar nicht so schlimm sein“, rief er den anderen zu. „So wie ihr es beschrieben habt, klang es sehr dramatisch. Aber wenn ich mir Ichiro ansehe, können Kobalt-Seher gar nicht so böse sein.“ Kobalt, Brom oder sonst irgendwas, hatte Ichiro gesagt. Oliver fragte sich, ob es eine Redensart war, oder ob es wirklich noch weitere Kategorien gab.

Er steckte seinen Stundenplan in die große Hosentasche und ging zurück zu Hazel und Ralph. Inzwischen waren auch andere Kinder hinzugekommen, unter anderem Edmund und seine fiesen Freunde. Sie alle hatten Oliver gehört und jetzt sah Edmund ihn schief an.

„Hey, Vinnie! Hast du das gehört?“, sagte Edmund zu einem seiner Freunde. „Anscheinend ist es jetzt egal geworden, ob man Kobalt oder Brom ist!“

Vinnie lachte.

„Das kannst du dir ruhig einreden, wenn deine Ergebnisse da sind!“, rief Edmund Oliver zu.

Oliver spürte, wie seine Wangen rot wurden. Er schob sich an Edmund und Vinnie vorbei und stellte sich zu Ralph und Hazel. Insgeheim fragte er sich, warum sie ihm nicht gesagt hatten, dass sie nicht mehr unter sich waren. Er hatte nicht beabsichtigt, sich so schnell wieder in Edmunds Schusslinie zu begeben. In diesem Moment kam Walter in Sneakers und Cartoon T-Shirt hinter einem Vorhang hervor.

„Mann, Leute, freue ich mich auf eine Runde Switchit!“ Grinsend schlug er Oliver auf den Rücken. „Gut geschlafen?“

„Ja, danke“, sagte Oliver leise.

Simon kam in viktorianischer Kleidung dazu. Er sah aus, wie ein britischer Gentleman. „Einen wunderschönen guten Tag“, sagte er.

Schon öffnete sich die große Tür und alle Kinder strömten wie gewohnt sofort hinaus. Oliver ließ sich von der Menge mitreißen.

Sie gingen in den Speisesaal, setzten sich an einen Tisch und hoben ab. Oliver saß neben Hazel. Diesmal wurde ihm von der plötzlichen Aufwärtsbewegung nicht so flau im Magen. Schnell schnappte er sich eine ovale Schale mit Bananen und leuchtend bunte Pfannkuchen. Doch als er nach einem Glas Orangensaft griff, fiel sein Blick durch den Glastisch in die Tiefe. Unter sich sah er Edmund und Vinnie am Tisch sitzen. Als sie zu ihm aufblickten, sah Oliver schnell weg.

„Alles okay, Oliver?“, fragte Hazel. „Du machst dir doch keine Sorgen mehr um den Test, oder? Ich habe versucht dir zu sagen, dass es nicht so schlimm ist.“

„Nein, das ist es nicht“, sagte Oliver. „Es ist wegen Edmund. Ich habe einfach die Nase voll von Fieslingen. Ich dachte, dass es hier, an dieser besonderen Schule solche Typen nicht gibt.“

Hazel sah ihn mitfühlend an. „Beachte ihn am besten gar nicht. Ich weiß, wie du dich fühlst. An meiner alten Schule bin ich auch ständig geärgert worden.“

„Wirklich?“, fragte Oliver und fühlte sich noch stärker mit Hazel verbunden.

Sie nickte. „Als Seher ist man immer ein Außenseiter, selbst wenn man noch nichts von seinen Kräften weiß. Wahrscheinlich sind wir einfach schlauer als die anderen Kinder und das kommt nicht gut an.“

„Ich halte mich nicht für besonders schlau“, meldete sich Ralph zu Wort. „Schrecklichster Seher, den die Schule je gesehen hat – laut Dr. Ziblatt.“

Oliver musste daran denken, dass sein Unterricht bald beginnen würde. Er wurde nervös.

Als sie gegessen hatten, erschienen wieder die riesigen Arme, die alles wegräumten, bevor der Tisch wieder auf den Boden sank.

Die Kinder verließen den Speisesaal und gingen zum Atrium. Oliver hatte den Eindruck, dass heute noch mehr Schüler unterwegs waren als am Tag zuvor.

Ralph ging auf den Aufzug zu. Er ging mit großen Schritten vor seinen Freunden her und Oliver war froh, dass er ohne nachzudenken hinterhergehen konnte.

Oliver, Hazel, Ralph, Walter und Simon drängten sich in den Aufzug. Oliver fühlte sich in der Gegenwart dieser Kinder besonders wohl, auch wenn er sie noch nicht sehr gut kannte. Sie kamen zwar aus sehr verschiedenen Zeiten, aber durch ihre Kräfte waren sie miteinander verbunden. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte Oliver das Gefühl, richtige Freunde gefunden zu haben.

Sie fuhren einige Stockwerke nach oben und folgten dort Ralph durch einen Gang. Dann blieben sie vor einer Tür stehen. Zum ersten Mal seit seiner Ankunft betrat Oliver ein Klassenzimmer in der Schule für Seher.

Er wusste nicht recht, was ihn dort erwartete, aber er ahnte bereits, dass es kein normales Klassenzimmer war. Der Raum war rund, genau wie die Decke. Die Stühle waren hufeisenförmig um das Lehrerpult angeordnet, das sich auf einer Art Bühne befand. Dort stand eine Frau in weißem Kittel. Ihr braunes Haar und ihr freundliches Lächeln erinnerte Oliver sofort an Mrs. Belfry. Er fragte sich, wie es ihr wohl ging.

„Dr. Ziblatt ist eine tolle Lehrerin“, sagte Simon zu Oliver. „Sie ist die intelligenteste Frau, der ich je begegnet bin.“

Als sie sich setzten, bemerkte Oliver Esther, die ein paar Reihen weiter vorne saß. Sie wirkte zurückhaltend, als hätte sie keine Ahnung, dass alle Jungen in diesem Zimmer sie anhimmelten.

„Oliver“, sagte Ralph, „du solltest dich besser anschnallen.“

„Was? Warum?“

Ohne eine Antwort abzuwarten, nahm er den schwarzen Gurt, der an seinem Sitz baumelte, und schnallte sich an. Schon begann der Raum, sich zu drehen.

„Was passiert hier?“, fragte Oliver, der jetzt bereute, die neonfarbenen Pfannkuchen gefrühstückt zu haben.

Walter, Simon, Ralph und Hazel verschwammen vor seinen Augen, so schnell drehte sich der Raum.

Dann wurde alles wieder klar. Gestochen klar.

„Alles okay, Oliver?“, fragte Ralph grinsend.

Oliver blinzelte. „Ich denke schon.“

„Zentrifugale Drehbewegung“, erklärte Hazel. „So können wir leichter auf unsere Kräfte zugreifen. Aber zuerst muss man dieses schwindelige Gefühl loswerden. Keine Sorge, es wird bald besser.“

„Heißt das, wir drehen uns immer noch?“, fragte Oliver überrascht.

„Ja“, sagte Walter enthusiastisch. „Cool, oder?“

Dr. Ziblatt wandte sich an die Klasse. „Hallo Kinder, heute werden wir uns wieder der dimensionalen Sicht zuwenden. Wer kann noch einmal zusammenfassen, was das ist?“

Oliver staunte, als so gut wie alle Hände in die Höhe schossen. Die Schule für Seher war vollkommen anders als die Campbell Junior High. Diese Schüler hier wollten wirklich etwas lernen. Selbst Edmund und Vinnie meldeten sich. Wenigstens würde ihn hier niemand als Streber bezeichnen.

Dr. Ziblatt sah sich in der Klasse um. „Miss Valentini“, sagte sie und zeigte auf Esther.

Oliver sah zu, wie die atemberaubend schöne Esther aufstand. Ihr schwarzes Haar schimmerte im Licht. „Als dimensionale Sicht bezeichnet man die Fähigkeit, aus seiner eigenen Dimension direkt in die nächste zu sehen.“

Ihre Stimme klang melodisch wie eine Komposition. Olivers Herz machte einen Sprung.

„Vielen Dank“, sagte Dr. Ziblatt. „Wenn wir uns also Dimensionen vorstellen, wie Glasplatten, die direkt übereinander liegen, dann laufen die Dimensionen sozusagen parallel zueinander ab. Eine neben der anderen, unendlich viele. Als Seher ist es wichtig, alle diese Dimensionen einsehen zu können, da die Informationen in den verschiedenen Schichten absolut essenziell sein können für die Entscheidung, die man in dieser bestimmten Dimension treffen muss. Jeder Moment in jeder Dimension kann von einem Seher eingesehen werden, sofern man es gründlich gelernt und trainiert hat.“

Oliver war begeistert. Alleine die Vorstellung, verschiedene Dimensionen sehen zu können, löste eine ganze Reihe neuer Fragen aus.

„Können wir auch in die Vergangenheit sehen?“, fragte er gespannt.

„Ja“, sagte Dr. Ziblatt. „Wenn man es übt.“

„Dann könnte ich zum Beispiel echte Dinosaurier sehen?“

„Ja. Mit viel Übung kannst du sogar durch die Zeit reisen und ihnen persönlich gegenüberstehen.“

„Wow“, flüsterte Oliver.

Dr. Ziblatts Mundwinkel kräuselten sich zu einem Lächeln. „Du bist bestimmt neu bei uns, oder? Wie heißt du?“

„Oliver Blue.“

Normalerweise hätte er sich nie freiwillig vor so vielen Kindern zu Wort gemeldet. Aber hier, in der Schule für Seher, war alles anders. Er fühlte sich, als würde er an diesen Ort gehören.

„Oliver Blue, komm doch bitte nach vorne und wir finden heraus, ob du in die nächste Dimension sehen kannst.“

Sofort stand er auf. Obwohl er nervös war, hatte er kein bisschen Angst. Schnell ging er nach vorne und schüttelte Dr. Ziblatts Hand. „Die anderen haben diese Übung schon gemacht, aber ich möchte gerne sehen, wo du stehst.“

Sie gab ihm eine Schutzbrille und Oliver musste sofort an die Brille denken, die Armando ihm in der Fabrik gegeben hatte. Diese hier sah ganz ähnlich aus, nur dass an der Seite zwei Elektroden befestigt waren. Sie erinnerten Oliver an die Sonden, die er zum Schlafen an seinen Kopf angeschlossen hatte. Dr. Ziblatt drückte sie an seine Schläfen und sofort erschien hinter ihm ein Hologramm, das zeigte, was Oliver sah.

„Das ist ja der absolute Wahnsinn“, murmelte Oliver.

„Ja, so kann man es nennen“, sagte Dr. Ziblatt. „So, Oliver, dieses kleine Rädchen hilft dir, den Fokus von unserer Dimension zu nehmen. Es ist nur eine kleine Starthilfe. Bald schaffst du es auch ohne Hilfe.“ Sie drehte an dem Rädchen und Olivers Sicht verschwamm, genau wie die Abbildung hinter ihm.

„Nur so wirst du imstande sein, durch diese Dimension zu sehen und in eine andere Schicht einzudringen.“

„Das klingt so einfach, wenn Sie es sagen“, sagte Oliver und zu seiner Überraschung begannen alle zu kichern. Er sah über die verschwommenen Gesichter und das einzige, das er klar sehen konnte, war Esther. Auch sie lachte über seinen Scherz und das machte sie noch hübscher.

„Aha, da hat jemand eine Schwäche für unsere Esther“, lachte Vinnie laut und alle anderen lachten mit.

Entsetzt stellte Oliver fest, dass Esthers Gesicht als riesiges Hologramm hinter ihm zu sehen war. Ihm wurde heiß. Schnell sah er weg.

„Jetzt aber Ruhe“, sagte Dr. Ziblatt streng.

Sofort wurden alle still. Oliver sah verschwommen, wie Dr. Ziblatt etwas aus ihrem Pult holte. Es sah aus wie ein Stück weiße Pappe mit einem dicken schwarzen Punkt in der Mitte.

„Noch eine Starthilfe?“, fragte Oliver.

„So kannst du dich besser auf einen Punkt konzentrieren“, bestätigte die Lehrerin. „Hoffentlich kannst du auch durch diesen Punkt hindurch in die nächste Ebene sehen.“

Oliver nickte. Er war fest entschlossen, das zu tun. Es klang wahnsinnig aufregend.

Die unscharfe Sicht machte es ihm schwer, seinen Blick auf den schwarzen Punkt zu konzentrieren. Unruhig knirschte er mit den Zähnen. Es strengte ihn sehr an, diese Aufgabe zu erfüllen.

Schließlich wurde der Punkt in seinen Gedanken immer schärfer. Dann wechselte er auf einmal die Farbe – von schwarz zu blau zu rot. Die wechselnden Farben machten ihn schwindelig.

„Was geschieht mit mir?“, fragte Oliver unsicher.

„Dein Verstand versucht die Dimensionsebene zu durchdringen“, erklärte Dr. Ziblatt. „Es ist das erste Mal, deswegen fühlt es sich so seltsam an. Das menschliche Gehirn ist für diese Art von Arbeit nicht gemacht.“

Olivers Herz klopfte immer schneller. Seine Handflächen schwitzten. Er zog an seinem Kragen um besser Luft zu kriegen. Schweiß rann seinen Rücken hinab.

Dann wurde es ihm zu viel. Er ließ die Karte fallen und riss sich die Brille aus dem Gesicht. Um nicht hinzufallen musste er sich am Tisch festhalten. Fast hätte er gewürgt.

„Haha!“, hörte er Edmunds gehässige Stimme. „Oliver schafft es nicht einmal mit der Brille!“

„Mr. Banner“, schnappte Dr. Ziblatt.

Oliver schnappte nach Luft und spürte ihre Hand auf dem Rücken. „Vielleicht solltest du unserem Schularzt einen Besuch abstatten.“

„Nein, kein Arzt“, flüsterte Oliver. Ihm war die Sache so schon peinlich genug. Er konnte es nicht ertragen, bei seinem ersten Versuch, seine Kräfte gezielt einzusetzen, direkt zum Arzt geschickt zu werden. Er richtete sich mit rebellierendem Magen auf. Seine Knie zitterten. Dr. Ziblatt stützte ihn am Ellbogen.

„Mr. Black, bring bitte Mr. Blue auf seinem Platz zurück.“

Er sah Ralph auf sich zukommen, sah aber an ihm vorbei zu Esther. Sie blickte schüchtern zu Boden. Wahrscheinlich schämte sie sich für ihn. Sofort fühlte Oliver sich noch schlechter.

Schon legte Ralph seinen Arm um Olivers Schulter. „Keine Sorge, Ollie. Am Anfang ist es für jeden schwer.“

Gerne hätte Oliver ihm geglaubt, aber im Hintergrund hörte er Edmund und seine Freunde immer noch lachen.

„Mr. Black hat recht. Es ist nicht einfach“, pflichtete Dr. Ziblatt ihm bei. Dann drehte sie sich um. Wahrscheinlich dachte sie, dass Oliver sie nicht mehr hören konnte, denn leise sagte sie, „er ist wohl doch nicht der Junge, auf den wir alle warten.“

KAPITEL NEUNZEHN

Den Rest der Stunde konnte Oliver nur noch an Dr. Ziblatts Worte denken. Er war so enttäuscht, dass er dem Unterricht kaum noch folgen konnte. Außerdem wagte er sich nicht mehr Esther anzusehen. Das Bild ihrer purpurroten Wangen hatte sich in seinem Kopf gebrannt.

Als der Unterricht vorbei war, konnte Oliver nicht schnell genug aus dem Klassenzimmer kommen. Er eilte zum Ausgang und versuchte, sich in der Mitte seiner Freunde zu halten. Aber in seiner Eile stieß Oliver mit der Schulter gegen ein anderes Kind.

„Sorry“, flüsterte er und drehte sich um.

Schimmernd schwarzes Haar, leuchtend grüne Augen.

Es war Esther.

„Kein Problem“, sagte sie schnell und blickte wieder zu Boden. Dann war sie schon verschwunden.

Oliver dachte traurig, dass sie so schnell wie möglich von ihm weg wollte. Als die anderen Schüler aus dem Zimmer kamen, fühlte Oliver ein Klopfen auf den Rücken. Er drehte sich um und sah Hazels freundliches Lächeln.

„Schau nicht so traurig“, sagte sie. „So dumm hast du dich doch gar nicht angestellt!“

„Ich habe mich lächerlich gemacht“, sagte Oliver bedrückt.

Walter grinste breit. „Immerhin hast du nicht gekotzt!“

Oliver verzog das Gesicht.

Auch Ralph sah ihn aufmunternd an. „Vergiss es einfach. Nächstes Mal sieht die Sache schon ganz anders aus.“

„Ach, ich bekomme noch eine Chance, mich zum Affen zu machen? Wunderbar.“

Simon klopfte ihm auf die Schultern. „Kopf hoch, mein Freund. Es kann nur besser werden.“

„Na schlechter wird es bestimmt nicht mehr“, kicherte Walter und Hazel boxte ihn am Arm.

„Aua!“, rief Walter und rieb die wunde Stelle.

Plötzlich spürte Oliver eine Vibration in seinem Overall. Es war sein Stundenplan. Es gab eine Änderung und sie sollten jetzt in den vierzehnten Stock gehen. Das hieß, dass er keine Pause hatte. Es ging hier wirklich so hektisch zu, wie es auf den ersten Blick gewirkt hatte!

„Beeilen wir uns“, sagte Ralph.

Unruhig folgte Oliver Ralph über die schnellen Förderbänder. Er hatte auf einmal das Gefühl, dass er sich zu viel zugemutet hatte. Vielleicht war das doch nicht der richtige Ort für ihn.

Wieder drängten sie sich in den Aufzug und fuhren hinauf. Dann gingen sie zu einem Zimmer, auf dessen Tür in großen weißen Buchstaben Transformation zu lesen war.

Oliver schluckte.

Als sie hineingingen sah Oliver, dass der Raum genauso ausgestattet war wie ein Physiksaal. Dennoch war dieser Ort besonders. Bei näherem Hinsehen erkannte er, dass es eher wie ein High-Tech Labor war, als ein Klassenzimmer.

„Herzlich Willkommen, Schüler. Bitte nehmt Platz“, sagte der Lehrer, ein junger Mann mit einem Schnurrbart.

„Das ist Mr. Lazzarato“, sagte Ralph leise zu Oliver.

Oliver nickte und versuchte, sein Gehirn auf weitere Informationen vorzubereiten.

„Letzte Woche war Miss Kerr unsere beste Schülerin. Sie war die einzige, die es geschafft hat, mit der gegebenen chemischen Masse ein Feuer zu entzünden. Glückwunsch, Hazel.“

Alle klatschten und Oliver sah, wie stolz Hazel auf ihre Leistung war.

„Heute hoffe ich, dass Mr. Black uns mit seiner biologischen Fähigkeit zum Staunen bringt“, sagte Mr. Lazzarato.

Oliver blickte hinüber zu Ralph, der knallrot anlief. Er hatte Oliver gegenüber mehr als einmal angedeutet, dass er Probleme mit seinen Kräften hatte.

Walter seufzte. „Meine magnetischen Kräfte interessieren wohl niemanden“, brummte er. „Ich wünschte, wir hätten einmal eine Aufgabe, die ich auch lösen kann.“

Mr. Lazzarato sah Simon an. „Wenn Mr. Cavendish vielleicht die Arbeitsblätter austeilen könnte? Und Mr. Banner kann mit den Kästen helfen.“

Simon stand auf und ging zum Lehrerpult. Edmund folgte ihm. Simon nahm sich einen Stapel Kopien und Edmund ging zu einem kleinen Wagen neben dem Pult, in dem einige kleine thermoplastische Kästen bereitlagen.

„Was ist das denn?“, fragte Hazel und reckte den Hals, um hineinsehen zu können.

Auch Oliver sah neugierig hinein. Er sah eine kleine weiße Maus darin sitzen.

„Mäuse?“, sagte er erstaunt. „Wir müssen die doch nicht etwa aufschneiden?“

Schon brachte Simon das Arbeitsblatt. Oliver las den Titel und begriff, dass sie ihre anatomischen Komponenten umstrukturieren sollten.

„Das schaffe ich nie“, murmelte er.

„Ich auch nicht“, sagte Ralph voller Unmut. „Du hast ja gesehen, was ich mit dem Blatt gemacht habe. Absolut nutzlos.“

„Wenigstens konntest du das. Ich kann überhaupt nichts“, klagte Oliver.

Er war immer noch enttäuscht über sein Versagen in Dr. Ziblatts Unterricht.

In diesem Moment kam Edmund an seinen Tisch. Er zog den Wagen mit den Kästen hinter sich her. In jedem saß eine kleine weiße Maus. Edmund stellte einen Kasten vor Ralph dann vor Hazel ab. Als er zu Oliver kam, hielt er einen Kasten hoch, der anders war als die anderen. Er war mit Drähten umwickelt und ein kleiner Computer war daran befestigt.

„Ein bisschen mehr Hilfestellung für Oliver“, sagte er und ließ den Kasten vor Oliver auf den Tisch fallen. „Die meisten schaffen es ohne irgendwelche Extras. Aber für dich wird selbstverständlich eine Ausnahme gemacht.“ Er grinste Oliver breit an. „Nicht, dass es dir beim letzten Versuch geholfen hätte. Man, war das peinlich! Alle haben gesehen, wie du Esther angestarrt hast! Und dein kleiner Nervenzusammenbruch war echt die Krönung. Ich lach mich tot!“

Olivers Gesicht wurde immer heißer. Er schämte sich nicht nur, er war auch stinksauer! Er hatte gedacht, dass er endlich diese nervigen Tyrannen hinter sich gelassen hatte. Aber selbst hier, an diesem wunderbaren, magischen Ort wurde er fertig gemacht.

Er zog am Kragen seines Overalls.

„Hör‘ gar nicht hin“, flüsterte Hazel Oliver ins Ohr.

Doch das war leichter gesagt als getan. Edmund wusste, dass er mit seinen Kommentaren ins Schwarze getroffen hatte, und er hatte nicht vor damit aufzuhören. Er lachte. „Dir sollte klar sein, dass du bei Esther Valentini nicht den Hauch einer Chance hast. Sie interessiert sich nur für den allerbesten Switchit-Spieler der ganzen Schule. Und das bin ich.“

Oliver spürte einen dicken Kloß im Hals, als er sich Esther und Edmund zusammen vorstellte. Da mischte sich Walter ein. „Edmund, jeder hier weiß, dass ich der beste Switchit-Spieler bin. Wenn es Esther also darum geht, dann interessiert sie sich nur für mich!“

Edmund sah Walter abschätzig an. „Träum‘ weiter!“, schnappte er und ging weiter zum nächsten Tisch.

Oliver sah seine Freunde an. „Danke“, seufzte er.

Dann konzentrierte er sich wieder auf die Aufgabe. Er sah den Kasten genauer an. Überall waren Schalter und andere elektronische Komponenten. Sogar ein kleiner Bildschirm war an dem Kasten angebracht. Im Inneren kroch eine weiße Maus nervös umher.

„Wird es ihr wehtun?“, fragte Oliver besorgt. „Atome umstrukturieren klingt schmerzhaft.“

„Sie wird gar nichts spüren“, entgegnete Hazel. „Zuerst werden wir für sie die Zeit anhalten.“

„Natürlich…“, murmelte Oliver.

In diesem Moment erinnerte auch Mr. Lazzarato die Kinder an den ersten Arbeitsschritt. Für Oliver war es einfach. Er musste nur einen Schalter umlegen. Es kam ihm vor wie Betrug, dass er diesen Schritt nicht selbst durchführte, aber ohne seine ‚Hilfestellung‘ konnte er so komplexe Dinge noch nicht vollziehen.

Sowie Oliver den Schalter betätigt hatte, bewegte sich die Maus nicht mehr. Es war, als hätte er sie eingefroren. Ihre kleine Nase war in die Luft gerecht, die Ohren neugierig aufgestellt. Für Oliver war es nicht ganz einfach zu begreifen, dass die Zeit für die Maus stillstand. Sein Gehirn konnte diese Tatsache einfach nicht akzeptieren. So langsam verstand er, dass diese Dinge für ein menschliches Gehirn einfach zu viel waren und dass sein Kopf explodieren würde, wenn er die Informationen zu schnell bekam.

„Ich hab’s geschafft!“, rief Hazel aufgeregt.

Oliver sah zu ihr hinüber. Er konnte kaum fassen, was er da sah. Die kleine weiße Maus war nicht wieder zu erkennen. Sie sah jetzt aus wie eine putzige Zeichentrickfigur. Sie stand auf den Hinterbeinen, hatte riesige Augen und lange dichte Wimpern.

„Unfassbar“, murmelte Oliver.

„Meine Güte, Hazel! Das war unglaublich schnell!“, sagte Simon.

Walter klatschte begeistert in die Hände, aber Ralph, der an seiner Maus noch nichts verändert hatte, sah traurig aus.

„Dabei sollte das mein Spezialgebiet sein“, murmelte er.

Während Hazel mit ihrem Kasten zu Mr. Lazzarato ging, machten die anderen sich schnell wieder an die Arbeit. Oliver versuchte alles zu begreifen. Noch nie hatte man ihn so herausgefordert. Schule war ihm immer leicht gefallen, doch hier würde er lernen und wachsen und hoffentlich eines Tages zeigen, was in ihm steckte. Noch schien dieser Tag jedoch in weiter Ferne zu liegen.

Oliver schloss die Elektroden des Kastens an seine Schläfen an. Er spürte ein schwaches Pulsieren und seine Gedanken wurden diffus. Dann schloss er die Augen und stellte sich genau vor, war es erreichen wollte. Eine Maus mit dicken Muskeln, die aussah wie ein Boxchampion.

Auf dem Arbeitsblatt stand, dass es etwa dreißig Sekunden dauerte, bis sich die Moleküle umstrukturiert hatten, also zählte Oliver in Gedanken mit. Es fiel ihm überraschend schwer. Die Impulse aus der Elektrode machten seine Gedanken zu einem einzigen Nebel.

Irgendwann hatte er bis dreißig gezählt. Gespannt öffnete er die Augen, doch enttäuscht stellte er fest, dass sich die Maus nicht verändert hatte.

„Ich schaffe es nicht“, sagte er traurig.

„Es ist wirklich schwer“, sagte Walter, doch seine Maus hatte sich verändert. Es war keine große Veränderung, aber ihr Kopf war größer und ihr Schwanz länger als zuvor. Obwohl er sich beschwert hatte, dass seine magnetischen Kräfte nutzlos waren, hatte er mehr Erfolg als Oliver.

„Was ist eigentlich die schwächste Begabung, die ein Seher besitzen kann?“, fragte Oliver.

Walter überlegte. „Ich schätze, Sonar. Warum fragst du?“

„Weil ich glaube, dass mein Test genau das ergeben wird“, sagte Oliver. „Entweder das oder sie stellen fest, dass ich gar kein Seher bin.“

Walter schüttelte den Kopf. „Es hat nicht auf Anhieb geklappt, das ist alles. Das ist nicht das Ende der Welt.“

„Lass‘ dich nicht entmutigen“, sagte Simon. „Du musst es eben immer wieder versuchen.“

„Du hast gut reden“, grollte Ralph, der selbst frustriert war. „Deine Begabung ist molekular, wenn du mich fragst ist das fast genauso gut wie atomisch.“

Schweigend machten sie sich wieder an die Arbeit. Doch obwohl Oliver alles gab, konnte er die Maus nicht verändern. Er hatte plötzlich das Gefühl, dass die Elektroden ihn behinderten. Er wusste, dass sie seinen Verstand in den richtigen Zustand versetzen sollten, aber das Pulsieren irritierte ihn.

Er beschloss, es noch einmal ohne die Elektroden zu versuchen. Es war bestimmt nicht einfach, seinen Verstand in den diesen milchigen, schwammigen Zustand zu versetzen, aber Oliver schaffte es ohne Probleme. Nur diesmal war er bei klarem Verstand. Es fiel ihm nicht so schwer, bis dreißig zu zählen. Er hatte seine Gedanken besser unter Kontrolle und es war leichter, das Bild der Muskelmaus vor sich zu sehen.

Achtundzwanzig, neunundzwanzig, dreißig…

Oliver öffnete die Augen. Er sah die Maus von allen Seiten an, in der Hoffnung, irgendeine Veränderung feststellen zu können.

„Sie sieht irgendwie größer aus“, sagte Walter.

„Finde ich nicht“, entgegnete Oliver. Er wusste, dass Walter nur etwas Nettes sagen wollte.

Oliver hatte genug. Er legte den Schalter wieder um, der die Maus aus ihrer Starre holen würde und sah zu, wie sie sich langsam bewegte. Sie schnüffelte in ihrem Kasten herum, dann stellte sie sich auf die Hinterbeine und spannte ihren Bizeps an.

Oliver atmete scharf ein. Dann schnüffelte die Maus weiter im Kasten herum. Hatte er sich das gerade eingebildet? Oder hatte er vielleicht wirklich geschafft, die Atome der Maus zu manipulieren? Wäre das der Fall, hätte er sein Ziel zwar nicht direkt erreicht, aber auch nicht komplett verfehlt. War er vielleicht doch kein hoffnungsloser Fall?

Dieser kleine Erfolg baute Oliver auf. Doch der Test lag noch vor ihm, das wusste er.

Mr. Lazzarato beendete den Unterricht und alle packten ihre Sachen zusammen.

Gerade als Oliver aufstehen wollte, krachte eine Faust vor ihm auf den Tisch. Erschrocken blickte er auf und sah direkt in Edmunds finstere Augen.

„Als nächstes spielen wir Switchit!“, zischte er. „Da trete ich dir so richtig schön in den Arsch!“

KAPITEL ZWANZIG

Oliver folgte seinen Freunden über das Atrium in die Sporthalle. Das Switchit-Feld sah aus wie ein überdimensionaler Basketballplatz. Überall hingen Körbe auf verschiedenen Höhen und Oliver bekam fast Kopfschmerzen, als er versuchte sie zu zählen.

Am meisten faszinierten Oliver jedoch die riesigen Käfige neben dem Feld, in denen die Straußler saßen. Sie sahen so einschüchternd aus wie normale Adler, waren aber zehnmal so groß. Oliver konnte sich nicht vorstellen, dass er auf einem von ihnen reiten sollte.

Er drehte sich zu seinen Freunden um.

„Wie spielt man dieses Spiel eigentlich?“, fragte er. „Gibt es etwa genauso viele Bälle wie Körbe?“

Walter, der selbsternannte Switchit-König, erklärte Oliver die Regeln. „Man benutzt seine Kräfte um den Ball zu verstecken, damit die anderen nicht wissen, wer ihn hat und in welchen Korb man ihn werfen will.“

„Die besten Spieler können den Ball natürlich auch vervielfachen und mehrere Körbe gleichzeitig werfen“, fügte Ralph hinzu.

Oliver hob die Augenbrauen. „Bedeutet das, dass jeder gegen jeden spielt?“

„Natürlich! Ist doch kein Teamsport!“, sagte Walter selbstverständlich. „Man bekommt einen Punkt, wenn man den Korb eines anderen verhindert, und drei Punkte, wenn man selbst einen wirft. Wer nach sechzig Minuten die meisten Punkte hat, gewinnt. Es geht um Kraft, Stärke und Ausdauer.“

„Und Aggression“, warf Ralph ein. „Ich meine, den meisten Spielern geht es nicht gerade um eine gute Verteidigung.“

Hazel nickte. „Stimmt. Meistens gewinnt einer, der selbstbewusst und rücksichtslos spielt.“

„Ein vulgäres Spiel, sagte ich doch bereits“, sagte Simon.

Oliver fühlte sich beklommen. Die Regeln dieses Spiels klangen nicht gerade sanft. Er war schon erschöpft, wenn er nur daran dachte.

„Und dabei fliegt man auf denen da?“, fragte er und zeigte auf die Käfige.

„Ganz genau“, sagte Walter grinsend und klopfte ihm auf den Rücken. „Du wirst es schnell lernen.“

„Und wenn es dir nicht gefällt, dann halte dich an mich. Ich persönlich bevorzuge Tennis“, sagte Simon.

Oliver folgte seinen Freunden zum Sportlehrer, der bereits dabei war, einen Schüler nach dem anderen in die Käfige zu führen. Oliver stellte sich in die Reihe. Er wurde immer nervöser. Edmund und Vinnie standen weiter vorne. Sie flüsterten und zeigten auf ihn. Oliver schluckte schwer.

Nachdem seine Freunde in den Käfigen verschwunden waren, wurde Oliver noch unruhiger. Dann war er an der Reihe.

Coach Finkle war ein großer, schlanker Mann mit lockigen roten Haaren. Er sah Oliver neugierig an, als er ihn in die Käfige führte.

„Du bist neu, oder?“, fragte er.

Oliver nickte. „Und aufgeregt. Ich habe noch nie einen Straußler aus der Nähe gesehen.“

Schon kam einer der gewaltigen Vögel in Sicht. Oliver wäre am liebsten davongelaufen.

„Nun, ich schätze es gibt nur einen Weg, dieses Spiel zu lernen“, sagte Coach Finkle. Er ging zu dem Tier und streichelte seine Flanke. Es gab ein schnalzendes Geräusch von sich. „Mabel ist ausgezeichnet für Anfänger. Sie ist ganz brav.“

Mit weichen Knien ging Oliver zu ihr. Ihre Augen waren gelb und stechend. Er berührte ihre Federn sanft und sie machte wieder das Geräusch.

Coach Finkle redete weiter. „Den hier wirst du brauchen.“ Damit setzte er Oliver einen Helm auf, der ein pochendes Gefühl in seinem Kopf verursachte.

„Bitte keine zusätzliche Hilfe mehr“, sagte Oliver leise. „Ich bin der einzige, der sie benutzt. Alle lachen mich aus.“

„Papperlapapp. Jeder hat sie am Anfang benutzt“, sagte Coach Finkle entschlossen.

Doch Oliver wusste, dass das keinen Unterschied machen würde. Es ging nicht darum, ob die anderen sie früher benutzten. Er war derjenige, der sie jetzt benutzte.

„Los jetzt“, sagte Coach Finkle ungeduldig.

Oliver musste den Helm akzeptieren. Er kletterte auf das Tier. Es war überraschend gemütlich. Mabels Federn waren weich und Oliver hielt sich an ihrem Hals fest.

Als alle aufgestiegen waren, ging Coach Finkle zum großen Tor und legte die Hand auf einen Hebel.

„Auf die Plätze! Fertig? Los!“

Schon öffneten sich die Käfige und die Straußler zischten aus heraus.

Oliver krallte sich fest. Mabel flog so schnell, dass ihm der Wind ins Gesicht peitschte. Sie stieg in die Höhe. Oliver konnte Hazel sehen, sie war noch weiter oben. Der Helm drückte Oliver und das Pulsieren machte seine Gedanken träge und schwer.

Plötzlich zischte etwas an ihm vorbei.

„Schicker Hut, Baby!“, rief Edmund lachend.

Oliver sah sich um, aber er war schon wieder verschwunden.

„Ganz oben ist es am sichersten!“, rief Simon über ihm. Oliver konnte ihn zwar nicht klar sehen, aber ein blonder Haarschopf genügte ihm, um seinen Freund zu erkennen.

Oliver war vollkommen orientierungslos. Der Helm störte ihn. Wenn Edmund ihm wirklich in den Arsch treten wollte, hatte Oliver mit diesem Helm bestimmt keine Chance, sich zu wehren.

Ganz unten auf dem Feld sah er Coach Finkle mit einem Basketball. Er pfiff, warf den Ball hoch und schon begann das Spiel.

Die Straußler reagierten sofort, als wäre der Ball ein besonderer Leckerbissen. Alle stürmten darauf los. Oliver wurde beinahe schlecht, als Mabel sich in die Tiefe stürzte.

„Nein! Stopp!“, rief er. Jetzt konnte er gar nichts mehr sehen.

Plötzlich hielt Mabel an. Sie schnaubte und Oliver hätte schwören können, dass sie genervt war.

„Es tut mir leid!“, rief er und bemühte sich, wieder etwas ruhiger zu atmen. „Ich kann nichts sehen, wenn wir da runter fliegen, stoßen wir mit irgendjemandem zusammen!“

Mabel flog in großen Kreisen über das Feld. Oliver hatte keine Ahnung, ob sie ihn verstehen konnte, aber sie folgte seinen gedanklichen Anweisungen, so viel stand fest.

Von hier oben konnte Oliver beobachten, wie die anderen sich tummelten und plötzlich alle hinter demselben Spieler herjagten. Schnell begriff er, dass es Walter war, der verfolgt wurde. Es kam Oliver vor, wie eine Schar von Geiern, die über ihrem Opfer kreiste.

Ich hasse dieses Spiel, dachte Oliver. Er hatte den Eindruck, dass seine Gedanken viel zu langsam waren, um dem Geschehen zu folgen und er hatte Angst davor, diesen Ball auch nur anzufassen, wenn all diese riesigen Tiere deswegen über ihn herfallen würden!

Er blinzelte und versuchte zu sehen, was vor sich ging. Walter bewegte sich so schnell über das Feld, dass Olivers träger Blick kaum erkennen konnte, was geschah.

Walters Spezialgebiet für Magnetismus war für das Switchit-Match ein eindeutiger Vorteil. Er nutzte seine Kraft, um den Ball mit einem starken Magneten zu versehen. Er flitzte so schnell über das Feld, dass er kaum wahrnehmbar war, gleichzeitig schien er von den metallenen Körben magnetisch angezogen zu werden. Dann flog der Ball direkt durch den Korb.

Ein lautes Horn ertönte. Walter warf die Faust triumphierend in die Luft.

„Drei Punkte für Walter Stroud“, rief Coach Finkle.

Schon hatte er den nächsten Ball in der Hand. Er pfiff in seine Trillerpfeife und warf ihn weit in die Höhe. Schon ging es wieder los.

Oliver spürte, dass Mabel frustriert war. Sie wollte unbedingt mitspielen, aber Oliver war nach wie vor schwindelig. Er konnte sich auf nichts konzentrieren. Genau genommen konnte er nicht einmal mehr seine Freunde erkennen, ganz zu schweigen von dem kleinen Ball, der sich irgendwo auf diesem riesigen Spielfeld befand. Es war frustrierend. So würde er niemals vorankommen.

„Komm schon, Oliver! Mach mit!“, hörte er Hazel rufen.

Er drehte den Kopf in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war, aber er sah nur undeutlich etwas vorbeizischen. Er glaubte, einen honigblonden Haarschopf zu erkennen, deswegen ging er davon aus, dass sie es war. Eigentlich hätte er gerne mitgemacht. Er wollte nicht wie Simon das ganze Spiel nur von oben sehen.

Plötzlich bemerkte er, dass etwas auf ihn zu rauschte. Oliver spürte einen elektrischen Schlag. Mabel schüttelte sich vor Schmerz und Oliver konnte sich nicht mehr an ihren glatten Federn festhalten. Er rutschte zur Seite und schrie vor Schreck.

Er griff im Sturz nach ihren Krallen und hielt sich mit aller Kraft daran fest. So baumelte er hoch über dem Boden. Oliver gab alles, um sich wieder auf Mabels Rücken zu ziehen. Nach einigen Minuten hatte er es schließlich geschafft. Erst jetzt bemerkte er, dass ein weiterer Straußler neben ihm und Mabel schwebte.

„Ich habe dich gewarnt!“, rief Edmund von seinem Rücken.

Oliver kochte vor Wut. Edmund hatte ihm und Mabel den elektrischen Schlag verpasst! Das war ein schmutziger Trick! Auch ohne den Helm hatte Oliver keine Chance gegen ihn, aber so war es doppelt unfair. Das würde er sich nicht gefallen lassen!

Oliver riss sich den Helm vom Kopf und sofort verschwand das schreckliche Gefühl. Er konnte wieder richtig sehen und funkelte Edmund wütend an.

„Glaubst du, dass es so besser klappt?“, lachte Edmund fies. „Na dann viel Glück!“

„Das werden wir gleich sehen!“, rief Oliver.

Edmund trat seinem Straußler in die Flanken und schoss davon. Innerhalb weniger Sekunden hatte er sich den Ball erkämpft und flog im Zickzack in die Höhe. Hinter ihm zuckten elektrische Blitze, um die anderen Spieler fernzuhalten. Dann warf Edmund den Ball auf einen Korb, aber anstatt hineinzufliegen, verschwand der Ball plötzlich.

Alle Tiere hielten abrupt an und sahen sich mit ihren scharfen Adleraugen danach um. Irgendwo musste der Ball wieder auftauchen!

Plötzlich erschien er direkt neben Hazel. Sie hatte ihre Kräfte benutzt, um ihn von einem Ort an den anderen zu teleportieren.

Das Horn ertönte und Coach Finkle verkündete: „Einen Punkt für Hazel Kerrs Block!“

Oliver war schwer beeindruckt und er freute sich, dass Edmund keine Punkte bekommen hatte.

Hazel wollte gerade den Ball schnappen, da ging ein Puls durch das Feld. Er fühlte sich an wie die gekräuselte Wasseroberfläche, wenn man einen Kieselstein in einen See warf. Der Ball wurde von Hazels Fingern weggestoßen, direkt in Esthers Hände. Ihr Straußler sauste zum nächsten Korb und Esther warf den Ball hinein.

Das Horn ertönte wieder.

„Drei Punkte für Esther Valentini.“

„Wahnsinn!“, rief Oliver begeistert. Langsam begriff er, wie dieses Spiel lief.

Weit unten hatte Coach Finkle bereits den nächsten Ball in der Hand. Oliver klammerte sich an Mabel.

„Bist du bereit? Diesmal spielen wir mit!“

Sie krächzte aufgeregt.

Coach Finkle warf den Ball in die Luft und Mabel schoss los. Olivers Magen machte einen Salto, als er durch die Luft donnerte.

Schon war der Ball verschwunden. Mabel hielt ihren Sturzflug abrupt an und Olivers Magen überschlug sich ein zweites Mal. Plötzlich erschien der Ball direkt neben ihm. Er vermutete, dass Hazel das getan hatte, um ihm in das Spiel einzubeziehen.

Mabel flog zum Ball und die anderen Straußler schossen auf sie zu. Oliver hatte keine Zeit mehr nachzudenken. Er schnappte den Ball und warf ihn mit voller Kraft auf den nächsten Korb.

Er flog geradewegs auf sein Ziel zu, doch auf einmal zuckte Elektrizität durch den Korb, bis das Metall zu schmelzen begann. Der Ball flog weiter, genau an die Stelle, an der soeben noch der Korb war, doch jetzt war er weggeschmolzen und Oliver bekam keine Punkte.

Das Horn erklang. „Blockpunkt für Edmund Branner.“

Oliver war irritiert. Wütend schlug er mit der Faust in die Luft.

„Guter Wurf, Oliver!“, rief Hazel ihm im Vorbeifliegen zu.

Oliver wusste, dass sie versucht hatte, ihm zu helfen, aber ohne seine besonderen Kräfte würde er bei diesem Spiel keine Punkte machen.

Wieder hatte Coach Finkle einen Ball in der Hand. „Cavendish! Jetzt wird gespielt!“, rief er Simon zu, der nach wie vor hoch oben über dem Feld kreiste. Er winkte gleichgültig nach unten. Das sollte wohl bedeuten, dass er den Coach gehört hatte und seiner Anweisung folgen würde – oder zumindest so tat. Denn Oliver sah ihm an, dass er nicht die Absicht hatte, sich ins Getümmel zu stürzen. Oliver hingegen wollte es noch einmal versuchen. Er war fest entschlossen, einen Korb zu werfen. Wenn er drei Punkte bekommen könnte, hätte er mehr als Edmund. Aber noch konnte er von diesem Triumph nur träumen.

Coach Finkle warf den Ball und Oliver und Mabel zischten los. Edmund war jedoch der erste, der ihn ergriff und sofort auf den nächsten Korb warf. Der befand sich zufällig direkt über Olivers rechter Schulter.

Es dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde. Oliver war so fest entschlossen, den Ball zu blocken, dass er sich mit aller Macht auf den Ball konzentrierte.

Da geschah es. Kaum war der Ball an Oliver vorbeigeflogen, veränderte er seine Konsistenz. Aus dem prallen, festen Ball wurde eine Art Schleim, der umgehend seine Flugbahn veränderte.

Er war zwar nur noch wenige Zentimeter von dem Korb entfernt, aber es hatte gereicht, um als schlabberige Pfütze auf dem Boden zu enden.

Es hatte Oliver alle Kraft gekostet, seine noch unerforschten Fähigkeiten zu nutzen.

Das Horn ertönte und erschöpft hörte er die Stimme von Coach Finkle: „Blockpunkt für Oliver Blue!“

Er hatte einen Punkt bekommen! Er hatte Edmunds Schuss geblockt! Auch ohne den Helm hatte er es geschafft, seine Kräfte einzusetzen. Er hätte am liebsten die ganze Welt umarmt. Noch nie war er gut in irgendeinem Sport gewesen, aber dieses Spiel machte ihm einen Heidenspaß. Und erfolgreich war er auch noch!

An dieses Gefühl konnte man sich gewöhnen.

„Spitze, Oliver!“, riefen seine Freunde ihm zu.

Ralph hielt einen Daumen in die Luft und strahlte über das ganze Gesicht. Dann fiel sein Blick auf Esther. Sie lächelte ihn beeindruckt an.

Doch lange konnte er seinen Triumph nicht genießen. Der nächste Ball flog bereits in die Höhe.

Sofort heftete sich Edmund an den Ball. Fest entschlossen zischte er hinterher und fing ihn aus der Luft.

Oliver blieb fast das Herz stehen, als Mabel mit ihm im Sturzflug auf Edmund zuschoss – genau wie alle anderen Vögel. Doch Mabel war die schnellste. Sie schien ebenfalls aus ihrem Erfolg neue Energie zu ziehen. Als sie nicht mehr weit entfernt waren, sah Oliver den hochkonzentrierten Gesichtsausdruck auf Edmund Gesicht. Er war gerade dabei, seine Kräfte zu bündeln. Doch wie es aussah, wollte ihm das nicht gelingen. Schweiß lief ihm über die Stirn, als er verbissen zu Oliver herübersah. Außerdem konnte Oliver ihm ansehen, dass er Respekt vor der immer schneller werdenden Mabel hatte.

„Wirf den Ball!“, rief Oliver, doch Edmund hatte einen anderen Plan.

Als Oliver begriff, was geschah, hatte er nur noch genug Zeit, seinen Arm schützend vor das Gesicht zu reißen.

KAWUMM!

Die beiden Straußler prallten in voller Geschwindigkeit gegeneinander. Beide Jungen fielen von ihren Tieren und stürzten in die Tiefe.

Oliver schrie fassungslos, während der Boden immer näher kam. Doch anstatt auf einen harten Untergrund zu prallen, landete er weich wie auf einem Daunenkissen. Er federte auf und ab. Oliver brauchte einen Augenblick, bis er begriff, dass Coach Finkle die physikalische Zusammensetzung des Spielfeldes verändert hatte. Schnell wurde es wieder hart.

Auf dem Rücken liegend sah Oliver, wie die beiden Straußler ohne Reiter über ihm kreisten. Plötzlich erschien Edmund über ihm. Er sah stinksauer aus.

„Du Vollidiot!“, schrie er und packte Oliver an der Schulter. „Du hast mich absichtlich gerammt!“

Oliver schlug seine Hand weg. „Habe ich nicht! Mabel wollte an den Ball und ich konnte sie nicht aufhalten! Ich habe dir gesagt, dass du ihn werfen sollst!“

Edmunds Gesicht war so rot, dass es fast explodierte. Er schüttelte Oliver grob und kleine elektrische Funken stoben von seinen Fingerspitzen. Sie fühlten sich an wie Nadelstiche.

Oliver konnte sich das nicht einfach gefallen lassen. Vielleicht hatte er sich nicht gegen seinen dicken großen Bruder gewehrt, aber er hatte genug davon, immer der Schwächere zu sein. Hier, an der Schule für Seher, hatte er die gleichen Rechte wie alle anderen. Den ganzen Tag hatte er sich schwach und unterlegen gefühlt, aber jetzt hatte er genug davon!

Mit aller Kraft stieß er Edmund von sich, aber es waren nicht nur seine Arme, die er dafür benutzte. Noch etwas anderes brach aus ihm heraus.

Seine Kräfte. Er hatte nicht beabsichtigt, sie heraufzubeschwören, aber sein Verstand hatte sich so genau vorgestellt, wie seine starken Hände Edmund von sich stießen, dass sie wirklich zu Stahl geworden waren.

Edmund flog rückwärts.

Die Zeit schien plötzlich viel langsamer zu ticken. Oliver sah ungläubig zu, wie Edmund ein paar Meter weiter hart auf den Boden knallte. Er jaulte laut auf.

Mit offenem Mund richtete Oliver sich auf. Das hatte er nicht gewollt. Er fasste sich an die Stirn, aber anders als bei den letzten Malen, als er seine Kräfte benutzt hatte, schwitzte er diesmal kein bisschen. Es schien fast, als würden seine Kräfte in bestimmten Situationen ganz von selbst aktiviert werden, wie damals, als Chris ihn angegriffen hatte. Auch jetzt hatten sie ihn beschützt, auch wenn es vollkommen unerwartet und unkontrolliert geschah. Er hatte Edmund verletzt, obwohl er ihn nur aufhalten wollte. Oliver schämte sich.

Um ihn herum begannen seine Klassenkameraden miteinander zu tuscheln. Sie alle waren von seinem plötzlichen Ausbruch überrascht. Er war jedoch nicht sicher, ob irgendjemand gesehen hatte, dass sein Körper sich verwandelt hatte. Im Transformationskurs hatte er es nicht geschafft, die winzige Maus zu verändern und jetzt hatte er es mit seinem eigenen Körper getan.

Verblüfft sah er seine Hände an. Sie sahen wieder ganz normal aus. Wie hatte er das fertig gebracht? Er hatte Haut und Knochen zu Metall gemacht. Musste man für so etwas nicht jahrelang üben? Vielleicht hatte er doch eine atomische Begabung. Vielleicht hatte er bisher versagt, weil er eine Begabung besaß, die besonders schwer zu kontrollieren war, nicht weil er besonders schwach war.

Coach Finkle erschien auf einmal neben ihm. Er sah Oliver ernst an.

„Du gehst direkt ins Büro des Direktors. Verstanden?“

Oliver schluckte. „D…D…Direktor?“, stotterte er.

Coach Finkle verschränkte die Arme. Er sah knallhart aus. „Das hast du schon richtig gehört, Blue. Los jetzt.“

„Aber ich weiß gar nicht, wo das Büro des Direktors ist“, sagte Oliver leise.

„Mit dem Aufzug auf die oberste Etage und dann durch die Tür in die sechste Dimension“, sagte Coach Finkle knapp. Damit drehte er sich um und ließ Oliver auf dem Boden sitzen.

„Wer holt den Schularzt für unseren Verletzten?“, rief der Coach.

Oliver stand langsam auf. Einige Kinder waren inzwischen gelandet und von ihren Straußlern abgestiegen. Jetzt standen sie um Edmund herum. Vinnie sah Oliver wütend an. Er würde sich ganz sicher an Oliver rächen.

Aber was auch immer sich Edmund und Vinnie für ihn überlegen würden, es machte Oliver nicht so viel Angst wie dieser Gang zum Direktor. Das hatte Oliver nicht gewollt. Enttäuscht und eingeschüchtert ging er vom Spielfeld.

KAPITEL EINUNDZWANZIG

Oliver ging zum Atrium und fuhr mit einem der gläsernen Aufzüge ins oberste Stockwerk. Dort sah er sich um und fand eine Tür mit einer großen Sechs.

Er wollte anklopfen, aber noch bevor seine Knöchel die Tür berührten, öffnete sie sich. Vorsichtig trat er näher.

„Hallo?“

Sowie Oliver über die Schwelle getreten war, begann er zu schweben. Es war dunkel im Raum und Oliver kam sich vor wie im Weltall. Bunte Kugeln flogen leuchten umher. Oliver streckte die Hand aus, um eine anzufassen. Sie wirbelte von ihm fort wie ein Objekt in der Schwerelosigkeit.

„Oliver, bist du das?“, rief eine Stimme.

Oliver sah sich um. Er hatte keine Ahnung, woher diese Stimme gekommen war. Soweit er sehen konnte, war niemand hier.

„Hier oben, Oliver!“

Oliver blickte auf und sah einen Mann mit ausgestreckten Armen und Beinen durch die Luft schweben. Er lächelte ihn freundlich an. In seinem orangefarbenen Anzug sah er überhaupt nicht aus, wie Oliver sich den Direktor der Schule für Seher vorgestellt hatte. Er wirkte auch nicht, als wollte er Oliver für irgendetwas bestrafen.

Verwundert sah er zu, wie der Mann mit schwimmenden Bewegungen auf ihn zu schwebte. Als er Oliver erreichte, schüttelte er seine Hand.

„Ich bin Professor Amethyst“, sagte er und lächelte noch breiter.

„Ich bin Oliver Bl…“

„Ich weiß, wer du bist“, unterbrach er ihn. „Ich kann in die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft aller Dimensionen sehen. Ich weiß so gut wie alles über dich.“

Oliver sah ihn mit großen Augen an. „Wirklich?“

Es war sehr schwierig, ein Gespräch aufrechtzuerhalten, während man durch die Dunkelheit schwebte, und es half nicht gerade, dass sein Körper immer wieder vom Professor weg driftete.

„Aber ja doch“, sagte Professor Amethyst eifrig. „Du bist ein sehr wichtiger junger Mann, Oliver. Einige würden sogar behaupten, dass du wichtiger bist als ich, aber das kommt wohl darauf an, welches Geschichtsbuch man liest.“

„Es tut mir leid, aber ich kann Ihnen nicht ganz folgen“, sagte Oliver und drehte sich wieder um, weil der Mann gerade hinter ihm schwebte.

Dr. Ziblatt schien davon überzeugt, dass Oliver nicht der war, auf den sie warteten und bei allem, was an diesem Tag schief gelaufen war, musste Oliver ihr recht geben. Der Direktor schien nun aber anderer Meinung zu sein. Oliver wusste nicht mehr, was er glauben sollte.

„Es wird bald alles klar werden“, sagte Professor Amethyst. „Eine Erkenntnis nach der anderen. Wir wollen doch nicht, dass dein Kopf…“

„…explodiert.“, vollendete Oliver den Satz. Er hatte ihn inzwischen oft genug gehört.

Professor Amethyst lachte. „Ich habe dich rufen lassen, weil Edmund in Neunundneunzig Komma Neun Prozent aller Dimensionen schnell wieder auf die Füße kommt und dich windelweich prügelt.“

„Oh“, sagte Oliver. „Deswegen bin ich hier?“

„Ich hatte nicht vor, dich wegen deiner Reaktion beim Spiel zu rügen“, fügte der Professor hinzu. „Allerdings kann ich an meiner Schule auch keine Gewalt dulden. Deswegen dachte ich, dass jetzt der richtige Zeitpunkt für eine kleine Unterhaltung ist. Als Willkommensgruß sozusagen.“

Oliver war erleichtert.

„Können wir uns vielleicht irgendwo hinsetzen? Die Schwerelosigkeit bekommt mir nicht so gut“, sagte er.

„Selbstverständlich“, sagte Professor Amethyst.

Er schnippte mit den Fingern und im nächsten Augenblick transformierte sich alles. Die Galaxie, in der sie gerade noch schwebten, verschwand. Stattdessen saß Oliver plötzlich auf einer braunen Ledercouch. Eine ganz normale Ledercouch mit einem kleinen Riss in der Armlehne. Links von ihnen knisterte ein Feuer in einer hübschen Feuerstelle und vor ihnen stand ein kleiner Couchtisch auf einem Perserteppich.

„Hast du an so etwas gedacht?“, fragte Professor Amethyst.

Oliver sah sich um. Der Raum erinnerte ihn an ein Arbeitszimmer, wie es in den 40er Jahren typisch gewesen sein musste. Sein Verstand hatte Mühe, diese unmittelbare Verwandlung zu verarbeiten. Professor Amethyst musste ein sehr mächtiger Seher sein, damit er all diese Atome so schnell und ohne Mühe umordnen konnte.

„Ja“, sagte Oliver zaghaft.

„Gut, dann können wir uns jetzt unterhalten“, sagte Professor Amethyst. Er lehnte sich nach vorne und stützte die Ellbogen auf den knorrigen Knien ab. „Zuerst möchte ich mich bei dir entschuldigen.“

„Entschuldigen? Wofür?“, fragte Oliver verwirrt.

„Dafür, dass dein Mentor gestorben ist. Armando Illstrom, der Erfinder, richtig?“

Als der Professor Armandos Namen sagte, wurde Oliver eng ums Herz. Seit er an der Schule war, hatte er kaum mehr an Armando gedacht. Die fabelhafte Fabrik war in den Hintergrund gerückt. Jetzt hatte er ein schlechtes Gewissen.

Dann fiel ihm etwas anderes auf. Warum entschuldigte Professor Amethyst sich für dafür?

„Armandos Tod war doch nicht Ihre Schuld“, sagte er verwundert.

„Das nicht, aber als Direktor dieser Schule ist es meine Aufgabe, jedem Seher einen Mentor zuzuweisen. Mr. Illstrom war absolut perfekt für dich, aber das Timing war unglücklich gewählt. Ich habe viele Dimensionen und Abfolgen überprüft, Oliver, aber die paar Tage, die du mit ihm hattest, war das Beste, was ich für dich finden konnte.“

Er sah niedergeschlagen aus, als wäre es ein persönlicher Misserfolg, dass Armando so kurz nach dem Eintritt in Olivers Leben gestorben war. Oliver war sich nicht sicher, ob er den alten Professor trösten sollte, und so wartete er schließlich nur die unangenehme Stille ab.

Dann ergriff er doch das Wort.

„Hätte Armando mir mehr über mein Schicksal erzählen sollen?“, fragte er. „Er hatte leider keine Gelegenheit dazu. Meine Zeit in der Fabrik verging so wahnsinnig schnell.“

Professor Amethyst nickte. „Es war seine Aufgabe, dich auf den richtigen Weg zu bringen. Ein Seher zu werden, kann einem einiges abverlangen. Aber das hast du inzwischen ja selbst herausgefunden. Es ist nicht leicht zu akzeptieren, dass alles in der Welt – physikalisch gesprochen – manipuliert und verändert werden kann, dass man durch die Zeit reisen und verschiedene Versionen der Wirklichkeit erleben kann. Das ist mehr, als man einem menschlichen Verstand zumuten kann. Der Mentor soll dem Seher sozusagen helfen, die ersten Schritte zu gehen. Er soll ihm die ersten Puzzleteile an die Hand geben, damit sein Verstand nicht vollkommen überfordert wird.“

Oliver nickte. Die Welt war also noch viel komplexer, als er es für möglich gehalten hätte.

„Können Sie es mir erklären? Jetzt bin ich ja bereits an der Schule. Die anderen Kinder wissen so viel über die besonderen Kräfte, die jeder von uns in sich trägt, aber alle sagen etwas anderes. Meine Kräfte zeigen sich bisher nur, wenn es absolut nötig ist. Ich habe keinerlei Kontrolle darüber. Außerdem habe ich diese Visionen…“

„Oliver“, sagte Professor Amethyst sanft. „Es gibt keinen Verstand, der alles auf einmal begreifen kann. Du musst darauf vertrauen, dass du die Dinge nach und nach erfahren wirst. Wenn wir der falschen Person die falschen Dinge zur falschen Zeit sagen, kann alles einstürzen. Ganze Zeitebenen könnten aufgrund solcher Fehler zusammenbrechen. Wenn ich dir jetzt alle deine Fragen beantworte, würde dein Kopf platzen wie ein Luftballon. Mich hat es Jahrhunderte gekostet, bis ich all die Dinge erfahren habe, die ich jetzt weiß. Du musst es langsam angehen lassen.“

Jahrhunderte!? dachte Oliver. Sollte das heißen, dass der Professor schon so lange lebte? Wie alt mochte er wohl sein?

Er wollte ihn gerade fragen, als Professor Amethyst weitersprach. „Wir beginnen ganz am Anfang. Ich dachte, wir nutzen unser Gespräch, um herauszufinden, wo genau deine persönliche Begabung liegt.“

„Der Test!“, rief Oliver.

Bei der ganzen Aufregung hatte er völlig vergessen, dass er heute herausfinden sollte, welche Art von Seher und welche Art von Begabung in ihm schlummerte. War er Brom oder Kobalt? Bei allem, was er an diesem Tag erlebt hatte, hatte er keine Zeit mehr gehabt, darüber nachzudenken. Er hatte auch schon lange keinen Blick mehr auf seinen Stundenplan geworfen. Als er jetzt darauf sah, stellte er fest, dass er genau zur richtigen Zeit und am richtigen Ort für seinen Test war. Es war also tatsächlich alles genauso vorbestimmt!

„Wahrscheinlich hast du inzwischen von allen neun Spezialgebieten gehört“, begann Professor Amethyst. „Biologisch, Sonar, Chemisch, Molekular, Magnetisch, Elektrisch, Elementar, Nuklear – und die mächtigste Begabung ist: Atomisch.“

„Nach dem zu schließen, was ich bei meinen Klassenkameraden beobachtet habe, sind alle Seher mit großartigen Begabungen beglückt. Jeder von ihnen kann die Welt zu seinem Vorteil verändern.“

Professor Amethyst lächelte. „Das ist für dein Alter eine sehr weise Erkenntnis. Vielleicht ein erster Hinweis auf eine atomische Begabung.“

Oliver spürte, dass seine Wangen rot wurden. Die Vorstellung, dass er die mächtigste Begabung von allen in sich tragen könnte, machte ihn ganz nervös. Gleichzeitig hatte er den Verdacht, dass es auch eine Belastung sein könnte, da an diese Kräfte bestimmt auch Erwartungen geknüpft waren. Er wollte nicht mit seinen Freunden in Konkurrenz stehen. Er hatte bereits mitbekommen, dass Ralph enttäuscht war, weil er eine Aufgabe, die einem biologisch begabten Seher leicht fallen sollte, nicht hatte lösen können. Er erinnerte sich auch daran, dass Walter sich beschwert hatte, dass seine magnetischen Kräfte nicht besonders genug waren. Auch wenn jede Begabung etwas ganz Besonderes war, schienen die Seher nicht immer damit zufrieden zu sein. Oliver gefiel es nicht, dass er zu der Unzufriedenheit seiner Freunde womöglich noch beitragen würde.

Außerdem befürchtete er immer noch, dass er ein Kobalt-Seher sein könnte. Was würden atomische Kräfte in der Hand eines Kobalt-Sehers bedeuten? Wäre er dann vielleicht sogar eine Gefahr? Oliver wurde immer nervöser.

Ich habe gehört, dass es nicht nur um die Art der Begabung, sondern auch um den Typ geht“, sagte er schüchtern.

Professor Amethyst sah enttäuscht aus. „Leider haben sie es dir schon gesagt. Ich finde es besser, wenn die Schüler im ersten Jahr nicht davon eingeschüchtert werden, aber manche Dinge lassen sich eben nicht verhindern.“ Er schüttelte den Kopf. „Es stimmt. Brom und Kobalt. Lass dich von diesen Begriffen nicht verwirren. Am Ende kommt es schlicht und einfach darauf an, was man mit seinen Kräften anfängt. Alle Seher tragen die Fähigkeit in sich, der größte Seher aller Zeiten zu sein. Und alle Seher haben die gleiche Aufgabe: das Universum mit all seinen unschuldigen Bewohnern beschützen.“

Diese Worte brannten sich fest in Olivers Gedanken. Es gab also eine gemeinsame Mission. Ralph hatte es angedeutet, als sie zusammen in der Bibliothek waren, aber Oliver hatte nicht ganz verstanden, was dahinter steckte. Jetzt begriff er, dass er in der Tat die Aufgabe hatte, die Menschheit zu beschützen und womöglich zu retten.

„Aber wovor beschützen wir das Universum?“, fragte er aufgeregt.

Professor Amethyst wurde ernst. „In jedem Moment der Geschichte, in jeder Dimension gibt es Schurken, die darauf aus sind, Zerstörung und Ungleichgewicht zu verursachen. Einige werden von Sehern unterstützt. Die betrachten wir als unsere Feinde.“

„Aber warum? Warum sollte jemand absichtlich Zerstörung verursachen?“

„Macht? Bosheit? Die Natur des Menschen ist nicht leicht zu verstehen. Wir können vielleicht nicht nachvollziehen, warum sie es tun, aber wir können absolut sicher sein, dass es solche Menschen gibt. Hitler. Genghis Khan. Jack the Ripper. Die Geschichte ist voll von solchen Menschen. Skrupellose Seher, die sich von ihrer Aufgabe abgewendet haben, werden von solchen Menschen förmlich angezogen. Sie haben den inneren Drang zu zerstören und Chaos zu verbreiten. Sie arbeiten zusammen, um die Zeitebenen zu verwüsten, und sie versuchen, die Ereignisse der Geschichte zu verdrehen. Du kannst skrupellose Seher an ihren eigentümlich schimmernden blauen Augen erkennen. Auch wenn normale Menschen das nicht wahrnehmen können. Nur wir Seher erkennen sie als das, was sie wirklich sind. Unsere gemeinsame Mission ist es, der Fügung des Universums zu folgen und die Zeitachsen in Ordnung zu halten, zerstörerische Handlungen zu verhindern und diejenigen Ereignisse neu zu schreiben, die von Zerstörung geprägt sind, um das Leid auf der Welt zu minimieren.“

Oliver konnte kaum glauben, was er da hörte. Sein Schicksal war es, die Menschen vor den schrecklichsten Personen zu beschützen, die je existiert haben?

„Aber… alleine die Tatsache, dass ich weiß, wer diese Menschen waren und was sie getan haben, bedeutet doch, dass sie es geschafft haben und wir nicht.“

Er dachte an das, was Ralph ihm erklärt hatte, dass nämlich alle Zeitachsen bereits existieren und dass alles, was passieren kann, bereits passiert ist.

Professor Amethyst lächelte Oliver zufrieden an. „Au contraire, Oliver. Das, was du über diese Leute weißt, ist nur ein Bruchteil dessen, was sie hätten anrichten können – und was sie in anderen Dimensionen angerichtet haben. Wenn es keine Seher gäbe, die sie jedes Mal aufhielten, wären ihre Taten noch weit grausamer gewesen.“

Oliver dachte nach. Er konnte sich kaum vorstellen, dass es einen Hitler geben könnte, der noch schlimmere Dinge anrichtete, als die, die für die er bekannt war. Er bekam Angst.

Dann fiel ihm noch etwas anderes auf.

„Diese Aufgabe hat keinen Anfang und kein Ende, oder?“, fragte er. „Wenn alle Zeitachsen gleichzeitig geschehen, ist es wie ein Schachspiel. Auf jeden Zug folgt ein Gegenzug. Sie verändern die Geschichte und wir versuchen, es rückgängig zu machen. Können wir überhaupt gewinnen?“

Professor Amethyst sah ihn ernst an. „Es wird niemals enden, Oliver. Deswegen ist die Aufgabe der Seher so schwer. Es ist eine große Herausforderung und eine große Verantwortung. Sie wird dein Leben für immer bestimmen. Du musst hier an der Schule hart arbeiten und deine Fähigkeiten in den Griff bekommen. Du kannst einer der stärksten, wichtigsten und mächtigsten Seher werden, die je gelebt haben und je leben werden. Du musst üben! Lerne, dich zu konzentrieren und vor allem darfst du niemals aufgeben. Was auch immer du tust, du musst der dunklen Seite widerstehen. Die Versuchung ist stark.“ Er sah weg, als läge ihm etwas auf der Zunge, das er Oliver noch nicht sagen wollte. „Das Schicksal der Welt wird bald in deinen Händen liegen.“

Oliver schluckte. Es bestand kein Zweifel mehr, dass ihn jetzt eine schwierige, schreckliche Mission erwartete, eine, die Professor Amethyst zuvor gesehen hatte, aber eine, die Oliver, wenn die Zeit gekommen war, alleine bewältigen musste.

„Wir kommen vom Thema ab“, sagte der Direktor. „Sollen wir mit dem Test beginnen?“

Nach allem, was Oliver gerade gehört hatte, hatte er nicht das Gefühl bereit zu sein. Dennoch nickte er. Es war an der Zeit, herauszufinden, wer oder was er wirklich war.

Der Direktor ließ die Hände durch die Luft gleiten. Aus dem Nichts materialisierte sich eine weiße Kugel, die direkt vor ihnen schwebte. Sie leuchtete in einem matten, warmen Weiß.

„Wow“, murmelte Oliver.

„Sie ist hübsch, nicht?“, sagte der Direktor. „Wir bezeichnen sie als Perle.“

Oliver sah ihn neugierig an. „Perle?“

Professor Amethyst bewegte langsam seine Hände und die Perle begann zu tanzen. „Sie ist eine ganz neue Welt. Eine parallele Dimension, die aus einem Ableger des Universums entstanden ist. Sie ist noch nicht vollständig. Ein Baby, sozusagen.“

„Wow“, wiederholte Oliver.

„Sie ist extrem zerbrechlich“, fuhr der Direktor fort. Das Licht der neugeborenen Dimension spiegelte sich in seinen Pupillen wieder. „So viel Potenzial, so viele Möglichkeiten.“

Plötzlich warf er die Kugel hoch. Anders als der Ball beim Switchit flog diese Kugel immer schneller und immer weiter weg.

„NEIN!“, rief Oliver und griff instinktiv danach.

„Wie ungeschickt von mir“, sagte der Professor. „Am besten holst du sie schnell zurück, bevor sie zerbricht. Es wäre ein Jammer, so viel Potenzial einfach zugrunde gehen zu lassen.“

Das war also der Test, Oliver war sich ganz sicher. Was auch immer er jetzt tun würde um die Kugel zurückzuholen, würde festlegen, was seine besondere Begabung war.

Er sprang hoch und war überrascht, dass die Schwerkraft nicht mehr auf ihn zu wirken schien. Professor Amethyst blieb auf der Couch sitzen und wurde unter Oliver immer kleiner.

Oliver schwamm hinter der Kugel her.

Er konnte das Leuchten der Perle nur noch in weiter Ferne ausmachen. Um ihn herum wurde alles still. Bald war es nicht nur still, sondern auch stockdunkel.

Olivers Herz schlug schneller. Das Licht der Kugel wurde noch blasser, als es in dem Vakuum verschwand, das Oliver auf einmal umgab. Er war einfach nicht schnell genug um es zu erreichen. So schnell er auch die Arme und Beine bewegte, er bekam einfach nicht genügend Schwung.

Da machte sich ein innerer Drang in seiner Brust breit, der bald alles bestimmte. Es war wie ein Ruf. Eine Kraft in ihm wollte alles geben, um diese junge Welt zu retten.

Es gab nur eine Möglichkeit. Er musste seine Kräfte aktivieren.

Oliver holte noch einmal mit den Armen weit aus. Er atmete tief ein und schloss die Augen.

Zuerst schaffte er es nicht, sich in diesen besonderen Zustand zu versetzen, durch den er seine Kräfte aktivieren konnte. Doch dann, als würde er von weit weg gerufen, spürte er die Perle tief in sich. Es war eine Sehnsucht, die jede Faser seines Körpers überwältigte.

Auf einmal klickte etwas in seinem Verstand, als hätte er auf die richtige Frequenz gedreht. Er fühlte, wie seine Kräfte in seinem Kopf anschwollen. Er visualisierte die Kugel – zart und verloren – wie er sie vorsichtig in der Hand hielt und fixierte das Bild in seinem Kopf.

Er öffnete die Augen. Sein Fokus war verschwommen, lag aber fest auf der Perle, die noch im Zentrum seines Blickfeldes war. Langsam streckte er seine Hände mit nach oben geneigten Handflächen aus und spürte die Kraft der Perle darin. Doch er konnte ihre Substanz nicht spüren. War sie nur eine Illusion?

Oliver zwang die Kugel mit seinem puren Willen, ihre Atome aufzulösen und sie genau hier, in seinen Händen, neu zu materialisieren. Er ließ nicht davon ab, in seinen Gedanken diese neue Realität zu formen, auch wenn sie nur in seinem Kopf existierte. Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn. Er würde nicht aufgeben, bis die kleine Kugel sicher in seinen Händen lag. Er fühlte sich verpflichtet, sie in Sicherheit zu bringen.

Plötzlich breitete sich ein federleichtes Gefühl in seinen Fingern aus. Dann ein Prickeln. Es war die Kugel! Es hatte funktioniert! Oliver machte sie real, riss sie buchstäblich Atom für Atom aus dem Weltraum und baute sie in seinen sanft gebogenen Handflächen zusammen.

Er spürte, wie das Gewicht der Perle zunahm. Das Licht, das sie abgab, wurde stärker, heller, heißer. Sie wurde immer schwerer in seinen Händen, seine Muskeln begannen sich krampfen. Aber er hielt sie trotzdem fest und stellte sich vor, wie sich die Kugel nach seinem Willen veränderte. Sie wurde noch heißer, bis sie sich anfühlte wie eine Glühbirne. Olivers ganzer Körper fing an, vor Anstrengung zu zittern. Er presste die Zähne aufeinander. Die Perle versengte seine Haut, doch er konnte nicht loslassen.

Dann hörte plötzlich alles auf.

Oliver blinzelte. Er saß wieder auf der Couch, direkt gegenüber von Professor Amethyst. Die Kugel war weg.

Oliver schnappte nach Luft und sah hinab in seine leeren Hände. Seine Haut zeigte keinerlei Anzeichen von Verbrennungen – als hätte er die Perle nie gehalten!

„Wo ist sie?“, fragte er erschrocken und sah den Direktor panisch an. „Die Perle! Ich habe sie verloren!“

Professor Amethyst lehnte sich zurück. Langsam hob er eine Augenbraue an. „Perle…?“

Oliver war von diesem jähen Ende völlig benommen. Die kleine Welt, die er so sehr beschützen wollte, war verschwunden.

„Sie ist weg… ich habe sie verloren…“, stammelte er und fühlte sich unendlich niedergeschlagen. „Heißt das, dass ich durchgefallen bin?“

„Du kannst gar nicht durchfallen, Oliver“, sagte der Direktor mit einem sanften Lächeln. „Der Test ist nur da, damit wir herausfinden können, wie sich die sechste Dimension auf dich auswirkt. Am besten erzählst du mir von deinen Visionen und ich werte sie aus. Also, erzähle mir mehr über diese Perle.“

Oliver blinzelte. „Moment mal. Visionen? Heißt das, dass nichts davon real war?“

Der Direktor nickte.

Oliver atmete erleichtert aus. Er versuchte, sich noch einmal an alles zu erinnern und seine Gedanken zu ordnen. Zuerst musste er jedoch verdauen, dass es gar keine junge Welt gab, die verloren durch die sechste Dimension schwebte. Er konnte kaum glauben, dass es nicht wirklich passiert war. Es war ihm so real vorgekommen. Dieser Drang, die kleine Welt zu beschützen, war ein vollkommen neues Gefühl. Noch nie hatte er so etwas empfunden. Wie hatte er sich das alles einbilden können?

„Also, die Perle…“, drängte der Professor. „Erzähle mir mehr.“

Oliver kam langsam zu sich. „Sie sah ein bisschen aus wie die leuchtenden Kugeln, die hier herumschwebten, als ich zu Ihnen gekommen bin. Nur irgendwie spektakulärer. Sie haben mir gesagt, dass es eine neue, kleine Welt ist, die ich beschützen soll.“

Der Gesichtsausdruck des Professors war nicht zu deuten. Er schien tief in Gedanken zu sein. Dann stand er unvermittelt auf. „Komm mal mit, Oliver.“

Oliver stand auf und folgte ihm. Mit jedem Schritt zerfiel die Fassade des Raumes, den Professor Amethyst für Oliver erschaffen hatte, bis Oliver nur noch auf einem schwarzen Marmorboden durch die unendliche Dunkelheit ging. In der Ferne sah er ein Leuchten. Sofort machte sich diese merkwürdige Sehnsucht wieder in ihm breit.

„Das ist sie! Die Perle!“, rief er.

Mit jedem Schritt wurde das Gefühl stärker.

„Sehr interessant“, murmelte der Professor.

Sie gingen zu einem Sockel, über dem die Perle aus Olivers Vision in der Luft schwebte. Sie wieder zu sehen löste eine ganze Welle von Gefühlen in ihm aus. Instinktiv griff er nach ihr.

Plötzlich schlug der Direktor ihm auf die Finger.

„Nicht anfassen!“, sagte er streng. „ Das ist die Kugel von Kandra. Sie versorgt die gesamte Schule mit Energie. Sie ist unsere Lebenskraft, der wertvollste Gegenstand des ganzen Universums.“

Oliver starrte den Direktor lange an. Es war die Perle aus seiner Vision. Aber wie konnte das sein? Wie hatte er diesen Gegenstand in seinem Kopf heraufbeschworen, ohne dass er ihn je zuvor in seinem Leben gesehen hatte?

„Ich verstehe das nicht“, sagte Oliver. „Was hat das zu bedeuten? Was bin ich?“

„Ich denke, diese Vision ist ein sehr gutes Zeichen, Oliver. Es bedeutet, dass du mit dem Universum tief verbunden bist. Deine Begabung ist ohne jeden Zweifel Atomisch. Du bist der, auf den wir alle gewartet haben.“

Oliver war erstaunt. Er hatte die Hoffnung fast aufgegeben, dass er der geheimnisvolle, mächtige Seher sein könnte. Die Nachricht löste eine ganze Reihe von Emotionen bei ihm aus. Aufregung, aber auch Sorge und ein wenig Angst. Sollte er sich darüber freuen? Schon jetzt spürte er die Last der Erwartung auf seinen Schultern.

„Erzähle mir noch ein bisschen mehr“, forderte der Direktor ihn auf. „Was ist dann geschehen?“

„Sie haben die Perle hochgeworfen und ich sollte sie sicher zurückbringen“, erzählte Oliver. „Ich bin durch den Raum geschwebt, aber ich war einfach nicht schnell genug. Ich musste meine Kräfte einsetzen und habe visualisiert, wie sie in meinen Händen liegt.“

„Und das hat funktioniert?“

Oliver nickte. „Ja, zuerst schon.“

„Zuerst? Wie meinst du das?“

„Sie hat meine Hände verbrannt. Sie wurde so heiß, dass meine Haut verbrannt ist.“

Professor Amethyst sah ihn mit gespannter Aufmerksamkeit an. „Was hast du dann gemacht?“

„Ich habe sie weiter festgehalten“, sagte Oliver. „Dann war auf einmal alles vorbei und ich saß wieder neben Ihnen auf der Couch.“

Ein unauffälliges Lächeln umspielte die Mundwinkel des Direktors. „Sieh einer an. Was für ein faszinierendes Ergebnis.“

„Was heißt das?“, fragte Oliver.

„Nun, ein Brom-Seher würde sich nicht verbrennen. Ein Kobalt-Seher hätte jedoch nicht festgehalten.“ Er grinste breit. „Das, mein Junge, kann nur bedeuten, dass du weder eindeutig Brom noch Kobalt bist. Du bist beides.“

Olivers Kiefer wurde schlaff. Von allen Ergebnissen, die er sich hätte vorstellen können, wäre er nie darauf gekommen.

„Beides? Wie kann man denn beides sein?“

„Es ist sehr selten“, erklärte der Professor. „Außergewöhnlich selten sogar. Wenn ich genau darüber nachdenke, glaube ich, dass mir noch nie ein atomischer Seher mit gemischtem Typ untergekommen ist. Du bist ein Unikat, Oliver. Etwas ganz Besonderes!“

Der Direktor schien sich sehr zu freuen, aber Oliver war sich nicht sicher. Sein Leben lang war er der Außenseiter gewesen. Immer war er anders und deswegen hatten sie ihn gemobbt. Als er hier in die Schule kam, hatte er sich endlich zugehörig gefühlt. Doch das würde sich jetzt ändern. Wieder war er anders als alle anderen.

Er schluckte schwer. „Kann ich jetzt gehen, Professor?“

„Natürlich. Du kannst es bestimmt kaum erwarten, deinen Freunden von diesem fabelhaften Ergebnis zu erzählen.“

Oliver schüttelte den Kopf. „Ehrlich gesagt würde ich das lieber niemandem sagen. Könnten wir das nicht für uns behalten? Den anderen Lehrern und Schülern nichts davon sagen? Zumindest für eine Weile? Ich muss mich erst an den Gedanken gewöhnen. Wäre das in Ordnung, Professor?“

Professor Amethyst sah ihn sonderbar an. „Wenn du das gerne möchtest, Oliver, dann werde ich es akzeptieren.“ Er stieß ein feierliches Lachen aus und schwebte vor sich hin murmelnd davon. „Ich frage mich, ob Madame Obsidian je einen atomischen Misch-Seher hatte.“

Oliver sah zu, wie er in der Dunkelheit verschwand. Ganz im Gegensatz zum Direktor war ihm nicht nach Feiern zumute. Er hatte eine merkwürdige Vorahnung. Was auch immer er war und was auch aus ihm werden sollte, es würde nicht leicht werden.

KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG

Oliver fuhr mit dem gläsernen Aufzug hinunter ins Erdgeschoss und ließ dabei seine Begegnung mit Professor Amethyst in der sechsten Dimension immer wieder Revue passieren. Seine Vision war wahnsinnig intensiv gewesen. Er bekam die Kugel von Kandra gar nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Sie war einfach atemberaubend.

Als sich die Türen des Aufzugs öffneten, war Oliver überrascht, Ralph, Hazel, Walter und Simon neben dem riesigen Kapokbaum stehen zu sehen. Sie hatten scheinbar nur auf ihn gewartet, denn sowie sie ihn sahen, eilten sie auf ihn zu.

„Und?“, fragte Hazel und sah ihn mit ihren großen grauen Augen erwartungsvoll an.

„Was ist passiert?“, fragte Ralph.

Oliver wusste genau, dass sie auf sein Testergebnis neugierig waren, aber er hatte Angst davor, ihnen zu sagen, dass er sowohl ein Brom- als auch ein Kobalt-Seher mit atomischer Begabung war. Diese mächtige und ausgefallene Kombination würde womöglich Missgunst unter ihnen streuen.

„Komm schon, Oliver! Spuck‘ es aus!“, drängte Walter.

„Gar nichts ist passiert“, sagte Oliver ausweichend. „Professor Amethyst sagte, dass ich später noch bestraft werde und…“

„Nicht das! Der Test! Du wurdest doch bestimmt wegen des Tests zu ihm gerufen!“, unterbrach ihn Hazel.

Oliver zuckte zusammen. Er wollte wirklich nicht verraten, was er in der sechsten Dimension über sich selbst gelernt hatte, und er wollte schon gar nicht über die Kugel von Kandra sprechen. Sie zu sehen und zu erleben hatte sich für ihn sehr persönlich angefühlt. Das konnte er nicht mit den anderen teilen.

Lachend klopfte Simon ihm auf die Schulter. „Lasst ihn in Ruhe. Oliver hat das Recht, es für sich zu behalten.“

„Danke“, sagte Oliver erleichtert.

Die anderen seufzten enttäuscht.

In diesem Moment spürte Oliver, wie sein Stundenplan vibrierte. Seine Freunde mussten es auch gespürt haben, denn alle zogen gleichzeitig ihre Scheiben aus der Tasche.

„Abendessen“, sagte Hazel. „Vielleicht hast du ja nach dem Essen Lust, es uns zu erzählen.“ Sie grinste frech.

„Komm schon, Hazel. Simon hat Recht. Wenn Oliver es uns nicht sagen möchte, dann sollten wir das respektieren“, ermahnte Ralph sie auf seine lehrerhafte Art.

Oliver steckte seinen Stundenplan wieder in die große Tasche seines Overalls. Auf seiner Scheibe hatte nicht E für Essen gestanden, sondern ST.

„Was heißt ST?“, fragte er.

Walter bekam große Augen. Hazel biss sich auf die Lippen.

„Was ist denn?“, fragte Oliver eindringlicher.

„Das steht für Strafe“, erklärte Ralph. Er legte Oliver eine Hand auf die Schulter. „Ich schätze, das ist die Konsequenz für die Auseinandersetzung mit Edmund.“

Oliver schluckte. Er wusste nicht, wie man in der Schule für Seher bestraft wurde und er wollte es eigentlich nicht herausfinden.

„Wir sollten besser gehen“, sagte Ralph. Er sah Oliver mitleidig an und drückte noch einmal seine Schulter.

Oliver beobachtete, wie Simon, Ralph, Hazel und Walter zusammen zur E-Tür gingen.

Als er alleine war, blickte Oliver noch einmal auf seinen Stundenplan. Die Koordinaten schienen ihn zum Schlafsaal zu führen. Er stellte sich vor die Tür und war überrascht, als der graue Buchstabe weiß wurde, was bedeutete, dass er eintreten sollte. Er öffnete die Tür zur Schleuse.

In dem Raum befand sich ein kleiner Tisch. Darauf stand ein Käse-Sandwich und ein Glas Milch.

Oliver lachte. Das war seine Strafe? Eine kleine Mahlzeit und früh ins Bett? Seine Jahre im Haus der Blues hatten ihn auf das Schlimmste vorbereitet. Aber hiermit konnte er umgehen. Wenn er überlegte, wie viele Abendessen seine Eltern ihm vorenthalten hatten, weil er sich angeblich schlecht benommen hatte, dann war ein Käsesandwich echter Luxus dagegen.

Oliver setzte sich an den Tisch und begann zu essen. In Gedanken ging er noch einmal alles durch, was er an diesem Tag erlebt hatte – seine Hände hatten sich in Stahl verwandelt; er hatte herausgefunden, dass seine Begabung atomisch und er ein ungewöhnlicher Mischtyp war; er dachte an Esthers schöne grüne Augen und Edmunds schreckliches Grinsen. Vor allem aber dachte er an die Kugel von Kandra.

Der Tag war wirklich besonders gewesen.

Als er sein Sandwich gegessen hatte, ging er zu den Schließfächern, um seinen Schlafanzug anzuziehen. Eigentlich war er ganz dankbar für die Auszeit. Endlich fand er die Ruhe, einmal tief Luft zu holen und sich langsam und in Frieden auf die Veränderungen in seinem Leben vorzubereiten. An der Schule für Seher ging es so hektisch zu, dass er diesen Moment wirklich gebraucht hatte, um seine Gedanken zu ordnen ohne die Ablenkung der anderen.

Die Luftschleusenbeleuchtung zeigte an, dass er nun in den Schlafsaal eintreten konnte. Er ging hinein und sah, dass alle Schlafkapseln frei waren. Nicht einmal Ichiro war hier.

Oliver ging zu einer der Kapseln und stieg hinein. Er befestigte seine Elektroden und den Herzmonitor und schloss den Deckel. Als er auf das milchige Glas blickte, sah er wieder die Kugel von Kandra vor sich. Sie hatte ihn verzaubert. Sie rief ihn zu sich. Er verstand nicht, was es bedeutete, aber er spürte, dass sie etwas in ihm verändert hatte.

Er gähnte. Der Tag hatte ihn erschöpft. Oliver drückte den Schalter und konnte kaum erwarten, dass der Schlaf ihn wegholte.

KAPITEL DREIUNDZWANZIG

Am nächsten Morgen saß Oliver in Dr. Ziblatts Unterricht. Noch immer dachte er an die Kugel von Kandra. Die Kinder übten wieder, in die verschiedenen Dimensionen zu sehen, aber Oliver konnte sich nicht konzentrieren.

Er blickte auf den schwarzen Punkt auf seiner Karte. Heute hatte jeder eine eigene Karte bekommen. Einige hatten es bereits geschafft, durch ihre eigene Dimension in die nächste zu sehen – zum Beispiel Hazel, die begeistert von einer grünen Weide erzählte – doch andere wollten schon frustriert aufgeben.

Plötzlich klatschte jemand laut in die Hände. Alle drehten sich um. Es war Edmund. Triumphierend war er aufgesprungen.

„Ich habe ins Gestern gesehen!“, rief er.

Sofort ertönte aufgeregtes Gemurmel im Klassenzimmer. Niemand hatte es bisher geschafft, in die Vergangenheit oder in die Zukunft zu blicken. Edmunds Leistung war unglaublich.

Alle Augen waren auf Edmund gerichtet, als er zum Pult stolzierte, um sein erstaunliches Talent auf der Hologrammmaschine zu zeigen.

Gerade in diesem Moment drehte sich Esther zu ihnen um. Ihre hübschen grünen Augen waren auf Oliver gerichtet. Er schluckte.

„Edmund ist so ein Angeber“, sagte sie und rollte die Augen. „Wie läuft es bei dir?“

Olivers Hals war wie zugeschnürt. Seine Handflächen begannen zu schwitzen.

„Noch kein Glück. Und du?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Mit der Brille konnte ich es, aber ohne läuft nichts.“

Erst jetzt wurde ihm diese lächerliche Brille wieder bewusst, die auf seiner Nase saß. Beschämt zog er sie ab.

„Hast du dich schon eingewöhnt?“, fragte Esther lieblich. „Kennst du dich inzwischen aus hier?“

Oliver brachte nur ein schüchternes Nicken zustande.

„Die Schule ist sehr groß. Ich habe noch lange nicht alles gesehen.“

„Warst du schon im Garten?“, fragte Esther. „Das ist mein absoluter Lieblingsplatz.“

„Nein, da war ich noch nicht“, sagte Oliver. „Hast du Lust, ihn mir zu zeigen?“ Er erschrak über seine eigenen Worte.

Esther lächelte. „Ja, warum nicht. Nach der Stunde?“

Oliver nickte und Esther drehte sich wieder um.

Hazel lehnte sich grinsend zu ihm.

„Hast du gerade Esther auf ein Date eingeladen?“, fragte sie erstaunt.

„Ich weiß nicht. Habe ich? Ich glaube, ja.“ Er riss die Augen auf. „Himmel! Und sie hat ja gesagt!“

Hazel kicherte. „Saubere Arbeit, Romeo.“

Ralph sah ihn beeindruckt an. „Ich glaube nicht, dass sie jemals mit einem der Schüler auf ein Date gegangen ist.“ Er klopfte ihm anerkennend auf den Rücken.

„Versau‘ es nicht!“, lachte er.

*

„Bist du soweit?“

Oliver blickte von seiner Karte auf, direkt in Esthers Augen. Der Unterricht war zu Ende.

„Ähm… ja, klar“, stotterte er schüchtern. Er packte seine Sachen ein, stand auf und winkte seinen Freunden kurz zu, die ihm zuzwinkerten und den Daumen übertrieben in die Luft hielten.

Oliver und Esther verließen gemeinsam das Klassenzimmer und gingen zum Atrium. Bald kamen sie an eine Tür, die Oliver noch nicht aufgefallen war. Ein großes G stand darauf. Als sie sie öffneten, war Oliver überrascht. Es kam ihm vor, als wären sie draußen unter freiem Himmel, auch wenn Oliver wusste, dass das eigentlich nicht sein konnte. Alles in der Schule war unterirdisch, die Gärten eingeschlossen, aber es sah wirklich so aus, als wäre er in der Natur. Es roch sogar nach frischen Pflanzen und es wehte eine leichte Brise. Die Luft war warm, wie an einem freundlichen Frühlingstag.

Langsam gingen sie nebeneinander durch das Gras und erreichten eine Hecke, in der rosafarbene Heckenrosen leuchteten. Daneben befand sich ein Gehweg aus verblassendem Ziegelstein, dem sie ein Stück folgten.

„Wow, es ist wirklich schön hier“, sagte Oliver.

„Hierher komme ich immer, wenn ich in Ruhe nachdenken will“, sagte Esther. „Man kann hier auch super meditieren. Dabei kann ich entspannen und meine Kräfte sammeln.“

„Warum? Hast du das denn nötig?“

Esther sah plötzlich aus, als wollte sie lieber über etwas anderes reden. „Meine Begabung ist Sonar“, sagte sie schließlich. „Das heißt leider, dass ich ziemlich limitiert bin.“

„Ich habe gehört, dass das eine der schwächeren Begabungen ist.“

Esther sah niedergeschlagen aus. Sofort bereute Oliver seine Worte.

„Ich glaube das nicht unbedingt“, sagte er schnell. „Ich glaube, dass Sonar viel cooler ist als beispielsweise Magnetisch. Es ist also alles eine Frage der Perspektive.“

Esther schnaubte nur leise. Oliver fühlte sich schlecht. Das Gespräch ging in die völlig falsche Richtung.

In angespanntem Schweigen gingen sie nebeneinander her. Esther kickte ein paar Kieselsteine vor sich her. Oliver zerbrach sich den Kopf. Er wollte unbedingt etwas Nettes zu ihr sagen, um dieses Date zu retten.

„Aus welcher Zeit kommst du eigentlich?“, fragte er.

„1977, New Jersey“, sagte sie. „Und du?“

„Ich komme auch aus New Jersey! Nur etwa vierzig Jahre später.“

„Cool. Aber das heißt, dass ich in deiner Zeit schon fünfzig Jahre alt bin. Seltsam, nicht?“

Oliver war nicht sicher, ob er das Gespräch gerettet oder endgültig versaut hatte. Esther war nicht leicht zu durchschauen. Es war vielleicht nicht die beste Idee, über sie als erwachsene Frau zu reden. Er überlegte, was er als nächstes fragen konnte, doch Esther kam ihm zuvor.

„Bist du auch Italiener?“, fragte er. „Meine Familie ist aus Italien. Oder war.“

Oliver hörte einen Hauch von Melancholie in ihrer Stimme. Für ihn war klar, dass mit Esthers Familie etwas passiert war. Er wollte aber lieber nicht danach fragen.

„Ich? Nein“, sagte er und zeigte auf sein blondes Haar. „Wir sind aber oft umgezogen. Sehr oft. In New Jersey waren wir nur etwa eine Woche, bevor ich hierhergekommen bin. Über meine Vorfahren weiß ich nicht viel. Meine Eltern haben nie darüber geredet.“

Jetzt hatte sich die Melancholie auch in seine Stimme geschlichen. Über ihre Familien zu reden, fiel also beiden nicht besonders leicht.

Oliver wollte ein Thema finden, bei dem sie sich wohler fühlten. Haustiere vielleicht? Nein, das war zu langweilig. Switchit? Darüber wusste er nicht besonders viel.

Doch bevor Oliver sich eine gute Frage überlegt hatte, bemerkte er etwas in der Ferne.

„Hey, schau mal! Was ist das denn?“, fragte er.

Esther blinzelte in den Himmel. Eine dunkle Masse bewegte sich am Horizont wie eine seltsame Wolke. Bald wurde klar, dass es sich um fliegende Kreaturen handelte, die sich wie ein Vogelschwarm bewegten.

„Sieht aus wie ein Schwarm von Fledermäusen“, sagte Esther.

„Hast du sie schon öfter hier im Garten gesehen?“, fragte Oliver.

Unsicher schüttelte sie den Kopf. „Noch nie.“

Plötzlich änderten die Fledermäuse ihre Flugbahn. Sie kamen jetzt direkt auf Oliver und Esther zu. Und sie flogen verblüffend schnell.

„Sie kommen“, sagte Oliver alarmiert. Bald erkannte Oliver ein blaues Schimmern in den Augen der Tiere. Es war unheimlich.

Sofort dachte er an das, was Professor Amethyst ihm über die blauen Augen ihrer Feinde gesagt hatte. Konnten es wirklich feindliche Seher sein, die sich in Fledermäuse verwandelt hatten, um in die Schule einzudringen?

„Feinde!“, rief Oliver.

Esther ergriff Olivers Hand und klammerte sich daran fest. Sie war vor Schreck wie gelähmt.

„Wir müssen sie aufhalten! Sie dürfen nicht in die Schule gelangen!“, rief Esther.

„Dein Sonar-Schild!“, rief Oliver und dachte daran, wie sie beim Switchit-Spiel einen Puls über das Spielfeld gesendet hatte, der alles für einen Augenblick zum Stillstand gebracht hatte. Entschlossenheit legte sich über Esthers Gesicht. Sie änderte ihre Haltung, so dass ihre Füße sich fast in den Boden gruben, dann sammelte sie ihre Kräfte. Plötzlich war es, als ob ein Schild um sie herum lag, wie ein Schutzmantel aus Glas.

Die Fledermäuse prallten gegen den Schutzschild, quietschten und schlugen mit ihren schrecklichen schwarzen Flügeln. Sie konnten die Barriere nicht durchdringen und schlugen nur hilflos dagegen.

Esther schob den Schutzschild weiter. Die Luft kräuselte sich wie Wellen auf dem Wasser und trieb die Fledermäuse zurück.

Oliver sah mit offenem Mund zu. Esther nutzte ihre Kräfte mit so atemberaubender Präzision, dass sein Herz höher schlug.

„Du bist fantastisch!“, flüsterte er.

„Danke“, sagte Esther konzentriert. „Aber ich werde das nicht mehr lange halten können. Wir müssen die anderen warnen. Du musst den Alarm auslösen.“

Oliver sah ihrem Gesicht an, wie sehr es sie anstrengte.

„Wie?“, fragte er.

Hochkonzentriert und ohne den Blick abzuwenden wies sie mit dem Kinn nach rechts. „Da drüben im Baum ist ein Schalter.“

Oliver rannte zu der großen Eiche. Eilig suchte er die Rinde ab, ohne genau zu wissen, wonach er suchte. Da fiel ihm eine Wölbung auf, die ihm zu gleichmäßig vorkam, um natürlich zu sein. Atemlos flüsterte Oliver ein stilles Gebet und schlug seine Handfläche auf den Knoten. Sofort durchdrang ein schrilles Kreischen die Luft.

In nur wenigen Sekunden waren die ruhigen Gärten voll mit Lehrern und Sicherheitspersonal. Oliver sah Doktor Ziblatt und Coach Finkle unter ihnen. Es kamen auch jede Menge Wachen; Seher, die ihr Leben der Verteidigung der Schule widmeten.

Dann tauchte auch Professor Amethyst in der Menge auf.

„Esther, Oliver! Zurück! Wir übernehmen das!“

Das brauchte er Esther nicht zweimal sagen. Sie senkte die Hände und ließ den Schild los. Erschöpft sank sie auf die Knie und Oliver fing sie gerade noch auf.

„Esther!“, rief er besorgt.

„Sie wird sich schnell erholen. Sie ist nur erschöpft, weil sie all ihre Kräfte verbraucht hat“, erklärte Professor Amethyst. „Du solltest sie jetzt in Sicherheit bringen.“

Oliver nickte entschlossen. Er legte sich Esthers Arme um die Schultern und hob sie auf ihre Füße. Sie hatte gerade noch genügend Kraft, sich mit seiner Hilfe auf den Beinen zu halten. Schnell brachte er sie über die Wiese zurück zum Eingang.

Als sie die große Tür erreicht hatten, sah Oliver, dass die Wachen dort einen ganzen Haufen von Schülern zurückhalten mussten, die mit großen Augen in die Gärten sahen.

Oliver blickte kurz über die Schulter zurück. Sofort wünschte er sich, er hätte es nicht getan. In den vor kurzem noch friedlichen Gärten fand eine epische Schlacht statt. Die Fledermäuse verwandelten sich in Menschen. Ihre Augen blitzten blau.

Dann zogen die Wachen Oliver und Esther aus der Tür. Damit war seine Sicht blockiert. Aber Oliver hatte genug gesehen, um zu wissen, dass Professor Amethyst ihn genau davor gewarnt hatte. Ihre Feinde. Abtrünnige Seher.

Irgendwie waren sie in die Schule eingedrungen.

Die Schule wurde angegriffen.

KAPITEL VIERUNDZWANZIG

Oliver half Esther auf die Bank unter dem Kapokbaum. Sie brach erschöpft zusammen, ihr Kopf hing nach vorne. Oliver setzte sich neben sie und legte seinen Arm um ihre Taille.

Das ganze Atrium war voll von aufgeregten Kindern, deren Gesichtsausdruck schockiert bis verängstigt war. Der schrille Alarm kreischte weiter.

„Oliver!“, rief eine Stimme.

Er blickte auf und sah Hazel durch das Atrium auf sich zu rennen. Hinter ihr folgten Simon, Walter und Ralph.

„Was ist passiert?“, fragte Ralph, als sie ihn erreicht hatten. „Bist du okay?“

„Oh nein! Esther!“, rief Hazel bestürzt. Sie setzte sich neben sie auf den Boden und strich ihr vorsichtig die Haare aus dem Gesicht.

„Wir sind unverletzt“, sagte Oliver. „Unsere Schule wird von feindlichen Sehern angegriffen!“

Seine Freunde schnappten erschrocken nach Luft.

„Professor Amethyst und die Wachen kümmern sich darum“, fügte Oliver hinzu, um seine Freunde zu beruhigen.

Dabei jagte auch ihm ein kalter Schauer über den Rücken, wenn er an die unheimlichen blauen Augen der feindlichen Seher dachte.

Hazel sah zu ihm auf. „Was ist mit ihr geschehen?“

„Sie hat einen Schutzschild mit ihren Kräften erschaffen, der die Angreifer zurückgehalten hat. Sie hat uns gerettet! Es war der helle Wahnsinn! Aber dabei hat sie all ihre Kräfte verbraucht.“

Esther hob ihren Kopf ein wenig und lächelte erschöpft. „So hatte ich mir unseren Ausflug nicht vorgestellt“, flüsterte sie.

In diesem Moment verklang der Alarm. Alle wurden still und sahen gespannt zu der Tür zum Garten.

Sie wurde geöffnet und Professor Amethyst kam herein. Die Wächter und Lehrer, einschließlich Dr. Ziblatt, Coach Finkle und Mr. Lazzarato, folgten ihm. Die Kinder starrten sie erwartungsvoll an.

„Schulversammlung“, verkündete Professor Amethyst. „Jetzt sofort.“

Alles setzte sich in Bewegung. Die Schüler gingen zu einer Tür, die Oliver bisher noch nicht aufgefallen war. Ein großes D stand darauf. Sein Leuchten sagte ihnen, dass sie eintreten konnten.

Oliver und Hazel halfen Esther auf die Beine. Auch wenn sie schon wieder besser stehen konnte, brauchte sie immer noch Hilfe. Oliver und Hazel stützten sie, die anderen folgten.

„Das D steht für Diskussion“, erklärte Ralph. „Auch wenn es heute vielleicht nicht viel Raum für Diskussion geben wird.“

Als sie in den Saal kamen, sah Oliver sich um. Er wirkte fast wie eine Kirche, mit langen Bänken in Hufeisenform. In der Mitte stand Professor Amethyst an einem Rednerpult. Die Stimmung war ernst.

Die Kinder setzten sich und Professor Amethyst begann zu sprechen.

„Die Schule wurde angegriffen…“, begann er mit donnernder Stimme. Die Kinder waren mucksmäuschenstill, „…von feindlichen Sehern. Solche, die sich von ihrer Aufgabe abgewendet und mit dem Bösen verbündet haben.“

Ein Raunen ging durch die Reihen. Der Direktor senkte den Blick. Er sah fast beschämt aus, dachte Oliver, als ob er die Seher, die sich gegen ihn stellten, als persönlichen Misserfolg empfand. Er wirkte jetzt noch entschlossener, den richtigen Weg zu verteidigen und zu predigen.

„Sie haben versucht, die Kugel von Kandra zu stehlen, um die Schule zu zerstören. Der Angriff konnte dank unserer furchtlosen Wachen und Lehrer abgewendet werden. Und dank der schnellen Reaktion zweier mutiger Schüler, die den Alarm ausgelöst und eine erste Verteidigung aufgebaut haben.“

Er sah direkt zu Esther und Oliver. Oliver rutschte nervös auf der Bank hin und her.

Der Direktor sprach weiter. „Ich habe den Riss in unserem unsichtbaren Schild wieder repariert, aber die Gefahr ist noch nicht gebannt. Die Feinde konnten diese Schwachstelle nur entdecken, weil jemand ihnen geholfen hat. Ich befürchte, dass sich ein Verräter unter uns befindet. Ein Spion.“

Diesmal war das Raunen noch lauter. Oliver sah zu seinen Freunden. Vor allem Ralph sah beunruhigt aus. Simon war noch blasser als sonst. Esther nahm Olivers Hand und er drückte sie.

„Für die nächsten achtundvierzig Stunden werden eure Stundenpläne deaktiviert“, fuhr Professor Amethyst fort. „Ich werde mit den Kollegen beraten, wie wir vorgehen können und ich möchte, dass ihr alle diese Zeit nutzt, um euch auszuruhen und Kraft zu sammeln. In zwei Tagen wird der Unterricht ganz normal fortgesetzt.“

Oliver sah auf seinen Stundenplan und bemerkte, dass er grau geworden war. Keine Koordinaten, Uhrzeiten oder Buchstaben waren darauf zu sehen. Zum ersten Mal seit er hier angekommen war, war nicht jeder seiner Schritte vorgeschrieben. Er kam sich seltsam frei vor.

Nach der Ankündigung strömten alle aus dem Saal und gingen zur E-Halle. Esther hatte sich mehr oder weniger erholt, doch Oliver ging zur Sicherheit dicht an ihrer Seite. Alle waren still und nachdenklich, als sie sich an einen Tisch setzten und anschnallten.

Der Tisch erhob sich und rastete an seinem Platz ein. Die Förderbänder brachten eine große Auswahl an bunten Lebensmitteln, doch niemand hatte richtigen Hunger. Sie waren immer noch fassungslos. Schließlich brach Simon das Schweigen.

„Ich weiß, dass ich das nicht sagen sollte, aber ich fürchte mich.“

„Ich auch“, stimmte Hazel zu.

„Es war wirklich knapp“, sagte Ralph. „Wenn sie es geschafft haben, die unsichtbare Mauer zu durchdringen, ist es kein Wunder, dass wir uns nicht mehr sicher fühlen. Was passiert, wenn sie wieder kommen?“

„Glaubst du, die Schule ist in Gefahr?“, fragte Simon.

„Professor Amethyst hat gesagt, dass der Riss verschlossen wurde“, warf Hazel ein.

„Aber er hat auch gesagt, dass es einen Spion in der Schule gibt!“, rief Walter.

Schweigend hörte Oliver zu, was seine Freunde zu sagen hatten. Der Angriff hatte auch ihn aus der Bahn geworfen. Er konnte spüren, dass alles sich verändert hatte. Die Kinder waren nicht mehr so sorglos und leichtfüßig wie zuvor. Stattdessen waren sie mit der harten Realität konfrontiert. Eine gute Sache gab es aber. Esther saß jetzt als neue Freundin bei ihnen.

War sie jetzt seine Freundin?, fragte er sich.

Er wusste nicht genau, wie er ihre Beziehung definieren sollte, aber er war sehr froh, sie an seiner Seite zu haben.

Nach und nach wählten die Kinder ihr Essen aus, aber sie stocherten nur lustlos in ihren Tellern herum, bis die metallenen Arme kamen, um das Geschirr abzuräumen. Dann sank der Tisch auf den Boden und sie verließen die Halle.

Sie brauchten nicht abzusprechen, wohin sie gehen sollten. Sie machten sich auf den direkten Weg zum Schlafsaal. Die Tür blinkte weiß, die Schüler konnten eintreten. Professor Amethyst hatte angeordnet, dass sie sich ausruhen sollten. Oliver war dankbar, denn er war sehr erschöpft.

Ichiro war im Dienst. Sein übliches Lächeln wirkte matt. Er wies den Kindern ihre Schlafkapseln zu, ohne die flotten Sprüche, die er sonst für sie parat hatte.

Oliver hatte seine Kabel und Monitore schnell angeschlossen. Er wollte einfach nur die Aufregung des Tages hinter sich bringen. Sobald er verkabelt war, drückte er den weißen Knopf und fiel in einen tiefen Schlaf.

*

Oliver stand auf einem hohen Gebäude. Obwohl er die Schule für Seher nie von außen gesehen hatte, wusste er instinktiv, dass sie es war. Er konnte die schimmernde, blasenartige Schutzbarriere sehen, die sich rund um das Gebäude bog und die weiten grünen Felder des Schulgeländes umgab.

Olivers Blick fiel auf etwas in der Ferne. Er sah eine Bewegung. Ein dunkles Gebilde zog sich über den Horizont.

Es war eine Armee, die einheitlich und zielgerichtet marschierte.

Oliver erschrak. Die Armee kam direkt auf die Schule zu!

Als sie näher kamen, konnte er weitere Details erkennen. Ihre Uniformen waren in dunkler Khakifarbe. Sie erinnerten Oliver an die Uniformen des Zweiten Weltkrieges. Die Soldaten manövrierten etwas, eine Art Waffe auf einer metallischen Trage mit Rädern. Sie sah aus wie eine Rakete mit einem seltsamen, eiförmigen Körper und herausstehenden Drähten. Oliver begriff sofort.

Die erste Atombombe! Er hatte ein Bild davon in seinem Erfinderbuch gesehen.

Die Armee erreichte die schimmernde Grenze der Schutzmauer und blieb in einer plötzlichen, gleichmäßigen Bewegung stehen. Oliver beobachtete entsetzt, wie die Soldaten die Bombe in Position brachten und auf die Wand richteten.

„Sie wollen die Schule vernichten!“, flüsterte er.

Auf einmal trat eine einzelne Figur aus der Reihe der Soldaten. Er ging zu der Bombe und hielt seine Hand über einen großen roten Knopf. Dann hielt er inne und blickte direkt zu Oliver.

Bestürzt schrie Oliver auf. Er hatte ihn sofort erkannt.

Es war Lucas!

KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG

Oliver fuhr erschrocken aus dem Schlaf. Der Traum war immer noch in seinem Kopf. War es wirklich nur ein Traum? Oder war es vielleicht eine Vorahnung? Olivers Träume hatten ihm schon einmal die Richtung gewiesen. War es bei diesem Traum ähnlich?

Verzweifelt versuchte er zu verstehen, warum er träumte, dass Lucas mit einer Armee die Schule angriff. Warum wollte er sie zerstören? Woher wusste er überhaupt davon? Er war weder ein Mentor wie Armando noch ein Seher.

Sofort dachte Oliver an das Gespräch mit Professor Amethyst in der sechsten Dimension. Der Direktor hatte ihm von abtrünnigen Sehern erzählt, die den bösartigsten Menschen der Geschichte halfen. War Lucas eine solche Person? Nicht nur gemein, sondern.... böse? Hatte Oliver deshalb gesehen, wie er eine ganze Armee anführte?

Was auch der Grund war, Oliver wusste, dass er handeln musste. Und zwar schnell. Die Dinge, die ihm im Schlaf erschienen, waren mehr als nur Träume. Es waren Visionen. Armandos Tod, der bunt schimmernde Fangschreckenkrebs. Das Universum leitete ihn.

Plötzlich hörte Oliver eine Stimme in seinem Kopf. Es war Mrs. Belfry, die ihm sagte, er solle immer seinen Träumen folgen. Oliver fragte sich jetzt, ob sie es wörtlich gemeint hatte – ob sie über ihn Bescheid wusste.

In diesem Moment drangen ihre Worte jedenfalls in sein Bewusstsein wie ein lautes Rufen, als wären sie ein weiteres Zeichen aus dem Universum, das ihn auf seiner Reise führte.

Es durfte keine Zeit verlieren. Oliver musste Lucas aufhalten und die Schule beschützen. Dafür musste er in die Fabrik zurückkehren.

Als er spürte, wie sich seine Kapsel unter ihm bewegte, riss er die Elektroden von seinem Körper, damit er noch schneller aussteigen konnte.

Schließlich hielt die Kapsel auf dem Boden an, der Deckel öffnete sich zischend und Ichiros lächelndes Gesicht erschien über ihm.

„Hallo, Oliver“, begann er.

Doch Oliver war bereits auf den Füßen.

„Entschuldige, Ichiro, ich muss dringend weg“, sagte er und rannte zur Tür. Eilig zog er seinen frisch gewaschenen Overall an und rannte wieder los.

Dabei stieß er mit Hazel zusammen.

„Uff! Oliver! Du hast es aber eilig! Was ist denn los?“, fragte sie und machte einen Schritt zur Seite.

Oliver wich ihrem Blick aus und sah stattdessen nervös zur Tür. „Ich… es ist nichts… ich muss nur… etwas erledigen.“

Damit wollte er an ihr vorbei gehen, doch Hazel stellte sich ihm wieder in den Weg. Besorgt sah sie ihn mit ihren großen, grauen Augen an.

„Was ist los, Oliver? Ich sehe dir doch an, dass etwas nicht stimmt!“, hakte sie noch einmal nach.

In diesem Moment kam Ralph aus der Umkleide.

„Was ist denn los?“, fragte auch er, als er Hazel und Oliver sah.

Oliver versuchte, seine Gedanken zu sortieren.

„Ich muss ihn aufhalten!“, sagte er aufgeregt.

Ralph und Hazel sahen sich verwirrt an.

„Wen musst du aufhalten?“, fragte Ralph.

Olivers Gedanken überschlugen sich fast. Er ging ein paar Schritte, doch schon standen Walter, Simon und Esther vor ihm.

„Alles okay bei euch?“, fragte Walter grinsend.

„Nun, gibt es etwa Streitereien?“, fragte Simon in seiner altmodischen Ausdrucksweise.

„Irgendetwas stimmt nicht mit Oliver. Ich glaube er hatte einen Alptraum oder so etwas“, sagte Hazel.

„Es war kein Alptraum, sondern eine Vision…eine Vorsehung… nennt es, wie ihr wollt! Das war nicht das erste Mal. Ich weiß, wer hinter dem Angriff auf die Schule steckt!“

Esther riss die Augen weit auf. Sie legte ihre Hand an Olivers Ellbogen und führte ihn aus dem Raum, zu den Bänken unter dem Kapokbaum.

Schnell versammelten sich die Freunde um die beiden.

„Wer war es, Oliver? Wer hat die Schule angegriffen?“, fragte Esther leise.

„Lucas. Es war Lucas“, flüsterte Oliver aufgeregt. „Der Mann, der meinen Mentor umgebracht hat. Er steckte hinter dem Angriff gestern und er plant noch einen Größeren! Diesmal wird er mit einer ganzen Armee kommen! Er hat eine Bombe! Ich muss zurück zu Armandos Fabrik! Ich muss ihn aufhalten!“

„Woher weißt du das alles?“, fragte Hazel, die ihn skeptisch ansah.

„Ich habe es in meinem Traum gesehen!“, rief Oliver. Er hatte keine Zeit für dieses Gespräch. Er musste sich auf den Weg machen. Jetzt sofort!

Er wollte aufstehen, aber sie hielten ihn an der Schulter fest, entschlossen ihn aufzuhalten. Hazel sah nicht überzeugt aus und auch die anderen warfen sich unsichere Blicke zu.

„Wir lassen dich nicht einfach gehen. Dafür könntest du von der Schule suspendiert werden! Nur wegen eines Traumes!“, sagte Ralph ernst und hielt Oliver weiter fest. Verzweifelt schnaubte Oliver.

„Es war nicht nur ein Traum, es war eine Vorsehung. Das hatte ich schon ein paarmal“, erklärte er.

Esther setzte sich neben ihn. Sie legte ihre Hand sanft auf Olivers Arm. Es beruhigte ihn ein wenig.

„Erklär‘ uns doch alles von Anfang an“, bat sie ihn.

Etwas in Oliver begann sich zu entspannen. „Ich habe geträumt, dass Armando stirbt und genau das ist geschehen. Jetzt weiß ich, dass der Mann, der ihn getötet hat, die Schule zerstören will.“

In seinem Kopf herrschte ein solches Durcheinander, dass es für ihn eine große Herausforderung war, seine Gedanken so zu formulieren, dass seine Freunde ihm folgen konnten.

„Und das glaubst du, weil du es geträumt hast?“, fragte Hazel, die mit verschränkten Armen vor ihm stand und auf ihn herabblickte.

„Ja“, sagte Oliver angespannt.

„Verrückt“, kommentierte Walter.

„Vollkommen aberwitzig“, fügte Simon hinzu.

„Du kannst nicht einfach die Schule verlassen“, betonte Ralph noch einmal.

Oliver wurde immer verzweifelter. Warum glaubten sie ihm nicht?

Esther hob besänftigend die Hände. „Ralph hat recht“, sagte sie diplomatisch. „Selbst wenn du einen guten Grund hast, würde dein Stundenplan dich nicht einfach durch die Zeit reisen lassen.“

Oliver zog seinen Stundenplan aus der Tasche und wirbelte damit in der Luft herum. „Kein Unterricht! Professor Amethyst hat alles ausgesetzt. Das ist noch ein Zeichen, dass ich gehen muss!“

Sie sahen immer noch nicht überzeugt aus.

„Aber ich muss mich beeilen!“, sagte Oliver nachdrücklich.

„Wir brauchen dich hier“, widersprach Esther. Ihre Stimme klang flehend. „Wir müssen die Schule beschützen.“

Olivers Herz zerbrach bei dem Gedanken, dass Esther sich ohne ihn fürchten würde.

„Aber verstehst du denn nicht? Ich kann die Schule nur beschützen, indem ich gehe.“

„Und wenn es noch einen Angriff von innen gibt?“, fragte sie.

„Dann wirst du kämpfen. Ich habe doch gesehen, wie stark du bist!“

Ralph hatte genug. Er stellte sich vor Oliver und sah gebieterisch auf ihn herab.

„Du wirst nicht gehen und basta! Keine Chance! Professor Amethyst würde das nie zulassen!“

„Professor Amethyst weiß nichts davon.“

„Wenn er herausfindet, dass du deiner eigenen Agenda folgst, wird er dich von der Schule werfen!“

Olivers Augen wurden schmal. Er war nicht dumm. Er wusste, dass es nicht erlaubt war, die Schule zu verlassen. Er würde nicht aus Lust und Laune gehen. Oliver wusste, dass für ihn ein großes persönliches Opfer auf dem Spiel stand. Er konnte für immer ausgeschlossen werden. Aber es war ein Risiko, das er eingehen musste.

„Dann sollten wir alle unser Bestes tun, dass er es nicht herausfindet“, sagte Oliver ernst.

Ralph war schockiert.

„Und wie willst du diesen Lucas aufhalten?“, fragte Esther. „Du wirst da draußen vollkommen auf dich alleine gestellt sein. Außer deinem Instinkt hast du nichts, was dir sagen kann, ob du auf dem richtigen Weg bist. Du wirst sozusagen blind sein!“

„Ich weiß nicht, wie ich es euch erklären soll, aber das Universum wird mich führen. Ich kann ihm nicht nicht folgen.“

Oliver blickte von einem skeptischen Gesicht zum nächsten. Er war frustriert. Sie glaubten ihm nicht. Sie vertrauten ihm nicht. Und helfen würden sie ihm erst recht nicht. Er musste Lucas wirklich alleine aufhalten.

Plötzlich hörten sie Schritte. Als sie sich umdrehten, sahen sie jemanden weglaufen. Es war ohne jeden Zweifel Edmund.

„Oh nein!“, rief Oliver und sprang auf. „Edmund hat uns belauscht! Ich wette, er wird es Professor Amethyst erzählen! Wie soll ich es jetzt unbemerkt zur Fabrik schaffen? Er wird mich keine Sekunde aus den Augen lassen!“

Oliver war klar, dass es jetzt noch viel schwieriger war, sich heimlich davonzustehlen. Er konnte nicht auf seine Freunde bauen und zu allem Übel wusste sein Feind, was er vorhatte. Er musste sich alleine einen Fluchtplan ausdenken. Nur so konnte er Lucas noch stoppen. Oliver wurde immer unruhiger. Es war schon schwer genug, Lucas aufzuhalten, ohne diese zusätzlichen Hürden.

„Vielleicht ist das ja ein Zeichen des Universums, dass du nicht gehen sollst“, sagte Esther leise.

Oliver sah in ihre grünen Augen. Er wollte sie nicht anlügen, aber er hatte seinen Entschluss gefasst. Er würde die Schule verlassen und er würde es ohne die Hilfe seiner Freunde tun. Jetzt brauchte er nur noch einen bombensicheren Plan. Er hatte nur eine Chance.

„Vielleicht hast du recht“, seufzte er. „Es tut mir leid, Leute, ich habe die Nerven verloren.“

Sie sahen sich erleichtert an.

„Dann wirst du dich nicht davonschleichen?“, fragte Hazel zur Sicherheit.

Oliver schüttelte den Kopf.

„Sehr gut“, sagte Ralph zufrieden. „Dann lass uns jetzt frühstücken gehen und die ganze Angelegenheit vergessen.“

Oliver ging hinter den anderen her zum Speisesaal.

So weit, so gut…

KAPITEL SECHSUNDZWANZIG

Oliver verhielt sich den ganzen Tag über unauffällig und plante schweigend seine Flucht. Seinen Freunden gegenüber tat er so, als hätte er den dummen Traum fast vergessen. Er wusste, dass er nur gehen konnte, so lange die Stundenpläne deaktiviert waren, und er entschied, dass er die beste Chance hatte, wenn alle in ihren Schlafkapseln lagen. Er musste sie nur überzeugen, dass auch er ins Bett gehen würde, dann konnte er sich davonschleichen.

Als der Tag zu Ende ging, ging Oliver mit seinen Freunden zum Schlafsaal. Der Buchstabe an der Tür leuchtete weiß und sie gingen in den Umkleideraum.

Als sie zu den Schließfächern gingen, um ihre Schlafanzüge abzuholen, behielt Oliver seinen Overall bei sich. Es war für ihn undenkbar, die Welt in einem seltsamen weißen Schlafanzug zu retten.

Schnell zog er sich um und stopfte seinen Overall in die Vorderseite seines Schlafanzuges. Dann eilte er zu den Schließfächern und tat so, als würde er seine Kleider in einem Fach deponieren. Gerade als er die Schranktür schloss, tauchte Esther – ebenfalls im Schlafanzug – vor ihm auf. Oliver drehte sich abrupt um und versuchte, alle Anzeichen von schlechtem Gewissen von seinem Gesicht zu wischen. Esther schien nicht zu bemerken, dass etwas nicht stimmte. Sie legte ihre Kleidung in eines der Fächer.

Auch der Rest von Olivers Freunden versammelte sich im Umkleideraum, dann ging es durch die Schleuse zu den Schlafkapseln. Oliver hatte den Schlafsaal noch nie so voll gesehen. Alle Schüler mussten an diesem Tag gleichzeitig schlafen gehen, wie Professor Amethystes angeordnet hatte. Ichiro war nicht da, um sie ihren Kapseln zuzuweisen. Das kam Oliver gerade recht. Ohne ihn würde es einfacher sein, sich wegzuschleichen.

Olivers Freunde stiegen nacheinander in ihre Schlafkapseln und verschwanden in der Dunkelheit. Bei jedem einzelnen spürte Oliver einen Stich, weil er wusste, dass es vielleicht das letzte Mal war, dass er sie sah. Er wünschte, er könnte ihnen sagen, wie viel sie ihm bedeuteten, aber dann hätten sie sofort geahnt, was er im Schilde führte.

Er hielt sich ganz hinten im Raum auf und hoffte, dass er als Letzter wacher Schüler einfach nicht in die Kapsel steigen konnte. Aber Esther blieb hinter ihm.

„Nach dir“, sagte er, als die nächste Schlafkapsel bereit stand. Er spürte einen Kloß im Hals, als er daran dachte, dass er ihr womöglich zum letzten Mal gegenüber stand.

„Nein, du zuerst“, erwiderte Esther.

Es gab keinen Ausweg. Oliver warf einen letzten Blick auf Esthers schönes Gesicht, damit er sich immer daran erinnern konnte. Dann schluckte er den Klumpen in seinem Hals hinunter und wandte sich von ihr ab. Er kletterte in die Schlafkapsel, zog den Deckel zu und starrte das milchige Glas an. Dabei bemühte er sich, nicht an seinen Verlust zu denken, sondern sich auf die anstehende Aufgabe zu konzentrieren.

Die Kapsel begann sich an ihren Platz zu bewegen. Oliver hoffte, dass sie nicht zu weit weg fliegen würde. Er wollte nicht riskieren, seine Knochen schon bei der ersten Hürde zu brechen.

Sobald sie zum Stillstand kam, öffnete er den Deckel. Frustriert stellte er fest, dass seine Kapsel tatsächlich viele, viele Meter über dem Boden schwebte, fast unter der Decke des Schlafsaals.

Er schob den Deckel ganz auf und zog wieder seinen Overall an. Dann stand er auf und spürte, wie die Kapsel unter ihm hin und her schwankte.

Die Kapseln waren mit einem dicken Kabel verbunden. Oliver klammerte sich daran fest. Er blinzelte in die Dunkelheit und versuchte, sich einen Weg bis zum Boden zu suchen. Er hatte einen langen Weg vor sich. Über mindestens zwanzig Kapseln musste er bei seinem Abstieg klettern.

Oliver griff nach dem Kabel und zog sich zur nächsten Kapsel. Dabei spürte er, wie sie wackelte, als er sein Gewicht von einer auf die nächste verlagerte. Sein Herz klopfte ihm bis zum Hals, aber schnell stabilisierte sich die Kapsel.

Oliver arbeitete sich weiter voran. Diesmal war es ein größerer Sprung nach unten als bei der ersten. Er lehnte sich nach vorne und griff nach dem Kabel auf der anderen Seite, doch seine Finger bekamen es nicht ganz zu fassen. Er streckte sich so weit er konnte und stellte sich dabei auf die Zehenspitzen, um noch einen Zentimeter näher heran zu kommen. Es war sinnlos. Er kam einfach nicht an das Kabel heran.

Als Oliver sich nach einer Alternative umsah, verlor er plötzlich den Halt. Er rutschte aus und fiel mit dem Bauch auf den Deckel der Kapsel. Dann glitt er langsam über die Oberfläche.

Oliver tastete panisch nach dem Kabel. Er bekam es zu fassen, rutschte aber trotzdem weiter. Das Kabel glitt heiß durch seine wunden Hände. Er biss die Zähne zusammen.

Plötzlich rutschte er nicht mehr, aber dafür baumelte er jetzt über den Rand der schwankenden Kapsel. Einen Moment lang klammerte er sich noch an das Kabel, doch dann verlor er den Halt und stürzte in die Tiefe.

Es blieb keine Zeit zum Nachdenken. Oliver beschwor seine Kräfte und dachte daran, wie er seinen Körper in der Sporthalle verändert hatte. Könnte er das noch einmal tun?

Während er stürzte, stellte er sich vor, wie sein Körper zu Gummi wurde, ohne Knochen und Gelenke. Er kam dem Boden immer näher. Wenn er es nicht schaffen würde, wäre das sein sicheres Ende.

Oliver schlug auf den Boden auf und fühlte, wie seine Beine die Wucht aufnahmen wie Sprungfedern. Sie beugten sich nach unten durch und warfen ihn dann wieder in die Höhe.

Es hatte funktioniert!

Oliver landete ein zweites Mal, diesmal ohne den Rückstoß. Er hielt einen Moment inne, um Luft zu holen. Erleichtert und überrascht stellte er fest, dass er unversetzt war. Dann eilte er durch die Dunkelheit zur Tür.

Aber gerade als er sie erreichte, tauchte eine Gestalt vor ihm auf und stellte sich in den Weg. Oliver taumelte rückwärts und erkannte entsetzt, dass es Edmund war.

„Was machst du hier?“, fragte Oliver erschrocken und wich noch einen Schritt zurück.

Dabei wusste er, dass er Edmund nicht entkommen konnte. Dieser packte Oliver und warf ihn zu Boden. Sie begannen zu kämpfen und Oliver schaffte es, sich auf Edmund zu rollen. Aber jedes Mal wenn er aufstehen wollte, trat Edmund ihm die Beine weg und Oliver stürzte wieder. Nach einigem Gerangel hatte Edmund die Oberhand gewonnen. Oliver sah sein vor Wut verzerrtes Gesicht über sich, das von einer Kulisse aus weißen Schlafkapseln und Dunkelheit umgeben war.

„Was ist eigentlich dein Problem mit mir?“, zischte Oliver, während er versuchte, sich zu verteidigen.

„Ich wusste gleich, dass du dich über die Regeln hinwegsetzen würdest“, knurrte Edmund. „Deswegen bin ich aufgeblieben und habe dich beobachtet!“

Er schlug hart gegen Olivers Schulter und drückte ihn auf den Boden. Oliver versuchte, sich loszureißen, aber er hatte keine Chance.

„Warum? Warum willst du mich unbedingt aufhalten?“, fragte Oliver.

Er spürte, wie sich seine Kräfte regten.

Er wollte sie unterdrücken, aber nicht sein Verstand schien sie zu steuern, sondern sein Instinkt.

Edmund ignorierte Olivers Frage. Er drückte seine Schultern noch fester zu Boden.

Oliver schrie vor Schmerz.

Plötzlich kam ihm ein furchtbarer Gedanke. „Du bist der Verräter!“, rief er.

Edmund lachte. „Und du bist noch dümmer als ich dachte. Ich bin kein Verräter! Ich liebe diese Schule! Nur dich hasse ich.“

„Aber warum? Ich habe dir nichts getan!“

Sie kämpften weiter. Edmund war Oliver zwar körperlich überlegen, aber Olivers Kräfte als Seher waren stärker. Vielleicht sogar zu stark. Oliver kämpfte gegen sie an. Er wollte Edmund nicht noch einmal verletzen.

„Ist das nicht offensichtlich“, zischte Edmund.

Plötzlich fiel Olivers Blick auf eine Bewegung zwischen den Kapseln. Noch jemand hangelte sich auf den Boden herab. Ihre Bewegungen waren tänzerisch, fast mühelos. Oliver erkannte sofort, dass es Esther war.

Als er sie sah, wurde es ihm klar. Edmund mochte Esther auch. Diese ganze Rivalität zwischen ihnen war nur wegen Esther entstanden.

Oliver sah, wie Esther sich an der letzten Kapsel herabließ und auf den Boden hüpfte. Dann huschte sie zu ihnen herüber.

„Lass ihn los, Edmund!“, rief sie und das Echo ihrer Stimme hallte durch den ganzen Saal.

Erschrocken blickte Edmund über die Schulter.

Mehr als diese halbe Sekunde brauchte Oliver nicht. Er schob ihn mit den Armen von sich und hob gleichzeitig seine Knie bis zur Brust. Dann trat er zu wie ein Känguru. Ohne seine Kräfte einsetzen zu müssen, schaffte Oliver es, Edmund von sich zu stoßen. Der flog rückwärts und krachte zu Boden. Schnell sprang Oliver auf die Beine.

„Ich werde Professor Amethyst sagen, was du vorhast!“, rief Edmund beleidigt.

Dann wollte er Oliver erneut angreifen, aber gleichzeitig baute Esther einen ihrer Schilde auf. Edmund knallte gegen die Barriere, seine Stimme war wie abgeschnitten. Auf der anderen Seite tobte er weiter, aber Oliver konnte seine Worte nicht mehr hören. Wütend schlug Edmund gegen die unsichtbare Barriere.

Oliver sah zu Esther hinüber. Sie konzentrierte sich auf den Schild.

„Woher wusstest du, dass ich wach bin?“, fragte er sie unschuldig.

„Du bist leicht zu durchschauen“, sagte Esther. „Und du hast deinen Overall nicht ins Fach gelegt.“

So viel dazu, dachte Oliver.

„Und warum hilfst du mir?“, fragte er dann. „Ich dachte, du willst nicht, dass ich gehe.“

„Ich vertraue dir, Oliver“, antwortete Esther ruhig. „Ich habe gesehen, wie du bei Switchit deine Hände in Stahl verwandelt hast. So etwas können nur die Besten. Du musst sehr starke Kräfte haben. Deswegen vertraue ich darauf, dass du weißt, worauf du dich einlässt.“

Ihre Worte bedeuteten ihm sehr viel.

„Danke“, flüsterte er. Dann blickte er zu Edmund. „Was machen wir mit ihm?“

Esther lächelte. „Ich glaube, ich weiß schon was.“

Sie senkte den Schild und sofort stürmte Edmund auf Oliver zu.

„Runter!“, rief Esther.

Oliver machte einen Schritt zur Seite und Edmund stolperte. Esther wirbelte herum und erzeugte damit eine Welle, die Edmund in Richtung der Schlafkapseln über den Boden rutschen ließ.

Eine Kapsel stand geöffnet bereit. Oliver begriff sofort, was Esther versuchte. Er rannte zu Edmund und gerade als er ihn erreichte, schob Esther ihn mit einer weiteren Welle in die Kapsel. Noch ehe Edmund sich aufraffen konnte, schubste Oliver ihn auf das Kissen, hielt ihn mit einem Arm in Position und beeilte sich, mit der anderen die Kabel an sein Herz und seine Schläfen anzuschließen.

„Lass mich los!“, kreischte Edmund wütend, aber Oliver drückte ihn fest in sein Bett.

Schon erschien Esther an Olivers Seite. Sie drückte auf den weißen Schalter.

„NEIN!“, schrie Edmund. Zu spät hatte er begriffen, was vor sich ging.

Keine Sekunde später war Edmund tief und fest eingeschlafen.

Esther knallte den Deckel zu und drückte auf den Knopf, der die Schlafkapsel in die Dunkelheit schickte.

„Süße Träume, Edmund“, kicherte sie.

Oliver sah sie mit offenem Mund an. „Das war klasse!“, jubelte er.

Esther lächelte, aber Oliver sah ihr an, dass sie bedrückt war. Jetzt war es an der Zeit, sich zu verabschieden.

„Esther… ich…“, begann er mit zittriger Stimme.

Doch sie schüttelte nur den Kopf. „Spar dir das für später“, sagte sie streng. „Jetzt müssen wir dich erstmal aus der Schule schaffen.“

Oliver sah sie verblüfft an. „Heißt das, du willst mir helfen einen Weg nach draußen zu finden?“

Ihre Augen funkelten. „Hast du wirklich geglaubt, du kannst es alleine aus der Schule schaffen? Komm, wir müssen los!“

Sie rannten durch den Umkleideraum hinaus ins Atrium. Dort war alles finster und still. Das einzige Licht leuchtete ganz oben auf der letzten Etage.

„Die Lehrer sind bestimmt in der sechsten Dimension“, flüsterte Oliver ihr zu.

„Dann müssen wir uns an ihnen vorbeischleichen.“

Sie stiegen in den Aufzug und fuhren hinauf. Leise gingen sie den Gang entlang, bis zu dem großen Auffangnetz und der langen Rutsche. Soweit Oliver wusste, war das die einzige Verbindung zur Außenwelt.

Oliver blickte hinauf. Die Rutsche war so lang, dass er das Ende nicht einmal erahnen konnte. Außerdem war sie so glatt, dass er sich an keiner einzigen Ritze festhalten konnte. Niemals würde er die Rutsche einfach hochklettern können.

„Und jetzt?“, flüsterte Esther.

Oliver wusste, dass sie ihre Kräfte benutzen mussten.

„Ich habe eine Idee“, sagte er.

Oliver schloss die Augen, um seine Gedanken zu sammeln. Er beschwor seine Kräfte und visualisierte, wie sich seine Hände in große Saugnäpfe verwandelten. Als er seinen Fokus von der Realität auf seine Vorstellung verlagerte, entstand ein neues Bild. Er blickte nach unten. Seine Hände hatten sich tatsächlich verwandelt!

Esther sah ihn erschrocken an. „Was ist das?“

„Saugnäpfe“, sagte er grinsend und wedelte seine Arme durch die Luft. „Damit komme ich die Rutsche hoch.“

„Und ich? Soll ich mich an dir festhalten?“, fragte sie mit erhobener Augenbraue.

„Hast du eine bessere Idee?“, fragte Oliver.

Esther seufzte widerwillig. Sie sprang auf Olivers Rücken und klammerte sich an ihm fest. Oliver begann, die Innenseite der Rutsche zu erklimmen.

Es fiel ihm schwer, sich an seinen neuen Händen hochzuziehen; sowohl körperlich als auch mental. Durch das zusätzliche Gewicht von Esthers Körper wurde es noch schwieriger. Sie hielt sich an seinem Hals so fest, dass er kaum noch atmen konnte.

„Esther“, krächzte er. „Du erwürgst mich.“

„Entschuldige“, sagte sie, lockerte ihren Griff aber nur minimal.

Oliver kletterte weiter.

„Ich hoffe, dir ist klar, dass das nicht als zweites Date gilt“, flüsterte Esther in sein Ohr.

Oliver musste grinsen. „Nein, das holen wir nach, wenn ich wieder da bin.“

Sie wurden nachdenklich. Es gab keine Garantie, dass Oliver jemals zurückkommen würde.

Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichten sie schließlich das Ende der Rutsche. Als sie hinaus in den engen Korridor kletterten, erinnerte Oliver sich daran, wie er Ralph bei seiner Ankunft in die Schule gefolgt war. Es tat ihm leid, dass sein Freund jetzt nicht bei ihm sein konnte. Wenigstens hatte er Esther an seiner Seite. Fürs Erste jedenfalls.

Sie krabbelten auf Händen und Knien weiter, bis die Decke wieder hoch genug war, dass sie sich aufrichten konnten. Dann eilten sie durch die Gänge und folgten den gewundenen Wegen bis zum Haupttor.

Sie hielten an. Hier befand sich die unsichtbare Wand von Professor Amethyst.

Oliver streckte die Hand aus und berührte die Oberfläche. Die Wand fühlte sich an wie eine Blase, wie ein Gummiband, das ihm zähen Widerstand leistete. Er drückte vorsichtig und fühlte, wie sie ihn zurückschob. Wie er vermutet hatte, war die Wand undurchdringlich. Er sah zu Esther hinüber.

Sie starrte in den leeren Raum. Dann griff sie mit den Fingerspitzen nach vorne und strich über die unsichtbare Wand.

„Fühlt sich genauso an wie mein Schild“, sagte sie nachdenklich.

„Glaubst du, dass sie auch aus Wellen besteht?“

Sie nickte.

„Wie komme ich auf die andere Seite?“, fragte er.

„Ich glaube, ich kann sie mit meiner Kraft öffnen“, sagte sie.

Oliver sah sie begeistert an. „Glaubst du immer noch, dass Sonar nicht wertvoll genug ist?“

Esther lächelte verschmitzt.

Oliver sah zu, wie sie ihre Kräfte sammelte. Schweißperlen bildeten sich auf ihrer Stirn. „Das wird nicht einfach“, sagte sie angestrengt.

Sie streckte die Hände aus. Es sah aus, als wollte sie zwei Magnete voneinander trennen oder einen Stoff mit bloßen Händen zerreißen.

„Ich bin nicht stark genug, das alleine zu schaffen“, sagte sie.

„Ich werde versuchen, dir zu helfen“, sagte Oliver.

Er beschwor seine eigenen Kräfte und verwandelte diesmal eine seiner Hände in ein Brecheisen. Er griff nach vorne und fand die Lücke, die Esther durch den Schild gerissen hatte, und riss sie weiter auf. Der Widerstand war stark, aber sie ließen nicht locker und arbeiteten zusammen weiter, bis sie einen Spalt geschaffen hatten, der groß genug war, dass Oliver sich hindurch zwängen konnte.

„Jetzt!“, rief Esther und machte ihm Platz, doch sobald sie auch nur ein wenig locker ließ, verschloss sich der Spalt wieder.

Esther blickte zu Oliver hinüber. In ihrem Blick lag die Erkenntnis, dass sie es nicht schaffen würden. Sie wurde blass.

„Der Schild ist so stark, dass wir ihn nicht öffnen können.“

Oliver atmete laut aus. „Und wenn ich doch durchkomme, sitze ich auf der anderen Seite fest.“

Esther schüttelte den Kopf. Das wollte sie nicht zulassen. „Dann halte ich den Spalt eben offen, bis du wieder kommst.“

„Das schaffst du nicht. Es ist zu schwer.“

„Ich bin stark. Das hast du selbst gesagt!“

„Nein, Esther. Es ist zu schwer. Darum würde ich dich nie bitten!“

„Du bittest mich nicht. Ich möchte es tun.“

Oliver ergriff ihre Schultern. „Ich will deine Hilfe nicht.“

Doch Esther blieb stur. „Ich werde es tun, ob du willst oder nicht.“

Oliver seufzte. „Ich möchte nicht, dass du für mich deine Gesundheit riskierst.“

„Und ich möchte nicht, dass du auf der anderen Seite festsitzt und nicht zurückkommst.“ Sie nickte entschlossen. „Ich werde es tun!“

Oliver erkannte, dass es keinen Sinn hatte, weiter zu diskutieren. Esther würde nicht nachgeben.

„Na gut“, gab er schließlich nach. „Aber nur, solange die Stundenpläne deaktiviert sind. Sobald sie morgen wieder aktiv sind, musst du loslassen. Du könntest sonst die ganze Dimension destabilisieren.“

Esther rechnete nach. „Professor Amethyst hat gesagt, dass sie für achtundvierzig Stunden ausgesetzt sind. Das heißt, dass du nur noch acht Stunden hast.“

Oliver nickte. Er wusste genau, wie seine Chancen standen.

Schweigend machten sie sich wieder daran, eine Öffnung in die Wand zu reißen. Oliver sah, wie sehr es sie anstrengte.

„Esther“, sagte er noch einmal, „du musst das nicht tun.“

„Doch“, sagte sie und sah ihn mit ihren wunderschönen smaragdgrünen Augen an. Tränen glitzerten darin. „GEH JETZT!“

Oliver verlor keine Zeit mehr. Er zwängte sich durch die Öffnung und wurde auf der anderen Seite von einer seltsamen Kälte empfangen. Er drehte sich noch einmal um, um zu Esther zurück zu blicken, aber sie war bereits hinter der unsichtbaren Wand verschwunden.

„Auf Wiedersehen“, flüsterte er schweren Herzens.

KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG

Plötzlich hörte Oliver ein Hupen. Er drehte sich schnell um und sah ein Taxi direkt auf sich zukommen.

Sein Herz schlug wild, als er zurücksprang und auf dem Bürgersteig landete. Gerade noch rechtzeitig! Das Auto fuhr an ihm vorbei.

Erst als Oliver dem Wagen hinterherblickte, erkannte er, dass es kein Taxi war, sondern ein Polizeiauto. Es hatte ein kleines Schild auf dem Dach und das Wort Sheriff prangte auf der Seite. Das Auto hatte einen abgerundeten schwarzen Körper und große, glänzende Kotflügel. Es war ein altmodisches Modell aus der Zeit des zweiten Weltkrieges.

Sofort wusste Oliver ohne Zweifel, dass er wieder in der Vergangenheit war, im Jahr 1944.

Er sah sich um. Die Straßen von New Jersey waren genau so, wie er sie zuletzt gesehen hatte, als er Ralph in die Schule für Seher gefolgt war. Er stand an derselben Stelle, an der er die Welt verlassen hatte. Es waren sogar die gleichen Kinder, die auf dem Spielplatz mit Reifen und Bällen spielten, die gleichen elegant gekleideten Männer, die glänzende, schwarze Autos fuhren. Es war, als ob die Zeit stillgestanden hatte, während er in der Schule war, als wäre ein Tag in der Schule nur eine Sekunde hier draußen gewesen.

Es war ein beunruhigender Gedanke, aber Oliver war nicht allzu überrascht, wenn man bedachte, dass die Schule außerhalb der Zeit existierte. Bedeutete das, dass die Zeit, die er hatte, um Lucas aufzuhalten, bevor Esther den Riss in der Wand aufgeben musste, noch kürzer war als die angenommenen acht Stunden?

Oliver eilte zur Fabrik. Ohne Ralphs Hilfe musste er sich selbst in den Straßen zurecht finden. Er vermisste seine Freunde. Sie hätten ihm gewiss geholfen. Er fragte sich, was passieren würde, wenn sie aufwachten, bevor er zurück war. Was würde Esther ihnen über seine Mission sagen? Und wie würde Professor Amethyst reagieren, wenn er herausfand, dass Oliver weg war. Würde er ihn von der Schule werfen? Und wenn Oliver sein Vorhaben wirklich überleben und es zurück zur Schule schaffen würde, würde man ihn wieder hineinlassen?

Er lief an den Wohnhäusern und Munitionshallen vorbei, in denen die Arbeiter und Zivilisten ihr Leben im Schatten des Krieges führten. Er konnte die Anspannung, dass die Katastrophe überall lauern konnte, kaum ertragen. Das Leben zu Kriegszeiten musste furchtbar gewesen sein. Oliver war äußerst dankbar für die sicheren und friedlichen Tage, die er an der Schule für Seher verbringen durfte. Er hatte sie gebraucht. Jetzt hatte er das starke Gefühl, dass seine nächste Aufgabe ihn bald an seine Grenzen bringen würde.

Endlich tauchte die Fabrik vor ihm auf. Oliver bekam Gänsehaut. Trotz ihrer glänzend neuen Erscheinung verbreitete die Fabrik für Oliver ein Gefühl von Heimat. Er bekam Bauchschmerzen, wenn er an die Gefahr dachte, in der sie sich jetzt befand.

Wieder war er beeindruckt von der Lebendigkeit, die dort herrschte, als er auf den Haupteingang zuging. Arbeiter kamen und gingen, alle trugen denselben blauen Overall wie Oliver.

Grinsend stellte er fest, dass er überhaupt nicht auffallen würde.

Er eilte zu einer Gruppe von Arbeitern, die von der Bushaltestelle zur Fabrik gingen. Schnell mischte er sich unter sie und versuchte, in ihre Mitte zu bleiben. Er kam sich vor wie ein Chamäleon. Niemand schien seine Anwesenheit zu bemerken. Er ging mit der Gruppe die Stufen hinauf und betrat die Fabrik durch die große Doppeltür.

In der Fabrik angekommen, war er wieder beeindruckt, wie lebendig es dort in diesen Jahren zugegangen war. Überall waren Arbeiter und lärmende Maschinen. Ehrfürchtig bewunderte er die glänzenden Maschinen. Sie sahen aus, als wären sie aus Gold und nicht aus Messing. Die große Halle war offen, es gab weder Armandos falsche Wand noch das Labyrinth von Gängen, die viele Jahre später geheime Räume verbergen würden. Zu dieser Zeit war die Finanzierung der Fabrik noch kein Problem, sodass er zusätzliche Mauern und Durchgänge bauen konnte, um Eindringlinge zu verwirren. Dies war die Blütezeit der Fabrik! Armando arbeitete an der Erfindung unglaublicher Dinge. Damals war der Blick in die Zukunft aufregend und vielversprechend.

Langsam zerstreute sich die Gruppe von Arbeitern in alle Richtungen. Oliver musste Armando finden, bevor man ihn wieder aus der Fabrik warf.

Er blickte sich suchend um. Als Oliver ihn zuletzt gesehen hatte, hatte der Erfinder an seiner Werkbank gearbeitet, doch jetzt war er nicht mehr dort. Oliver schätzte, dass seit seinem letzten Besuch nur ein paar Minuten verstrichen waren. Oder doch mehrere Tage? Lief die Zeit hier draußen wirklich langsamer ab als in der Schule? Ob die Stundenpläne schon wieder aktiv waren? Er hoffte verzweifelt, dass er Lucas aufhalten konnte, bevor Esthers Kräfte nachließen.

Während Oliver die Fabrikhalle durchsuchte, wurde ihm plötzlich bewusst, dass er beobachtet wurde. Er drehte sich um und sah den jungen Lucas, der jede seiner Bewegungen wie ein Falke von der anderen Seite der Fabrik aus verfolgte. Jetzt, da Oliver wusste, was dieser Mann eines Tages tun würde, fühlte er sich unter diesem durchdringenden Blick unbehaglicher als je zuvor. Selbst als Junge hatte Lucas diesen sauren Gesichtsausdruck, als hätte er an einer Zitrone gelutscht. Oliver fragte sich, warum er so verbittert war.

Er wusste, dass Lucas wie beim letzten Mal die Wachen rufen würde. Er drehte sich um und eilte davon auf der Suche nach dem Eingang zu den Hinterzimmern der Fabrik. Er bahnte sich einen Weg durch die Gruppen von Arbeitern und versuchte, im Getümmel unterzutauchen.

Aber plötzlich stieß er mit jemandem zusammen. Lucas! Der Junge starrte Oliver böse an.

„Bist du schon wieder hier?“, knurrte er. „Ich dachte, unsere Wachen haben dir klar gemacht, dass du nicht willkommen bist. Du willst wohl noch eine Tracht Prügel!“

Oliver hatte keine Zeit, sich mit der jungen Version seines größten Feindes abzugeben; nicht, solange sein erwachsenes Gegenstück die Schule zerstören wollte! Aber schon als Junge war Lucas gemein und hartnäckig. Er kreuzte die Arme vor der Brust und versperrte ihm den Weg. Dabei sah er genauso hasserfüllt aus, wie Oliver ihn in Erinnerung hatte. Es existierte etwas Düsteres in ihm, das schon jetzt sichtbar war.

Oliver wollte an Lucas vorbeigehen, aber der Junge packte ihn grob und schob ihn zurück.

„WACHEN! Er ist schon wieder hier! Ergreift ihn!“

Oliver sah, dass die beiden bulligen Männer ihn von der anderen Seite der Fabrik aus entdeckt hatten und sich jetzt in Bewegung setzten. Wütend schoben sie sich zwischen den Arbeitern vorbei auf ihn zu.

Oliver befreite sich aus Lucas‘ Händen und flitzte in die andere Richtung. Er rannte durch die Fabrikhalle, um große Maschinen herum, und zwischen den Arbeitern hindurch.

Er sprang unter einen Tisch und rutschte auf den Knien über den Boden, bevor er auf der anderen Seite wieder hervorsprang. Dann war er wieder auf den Füßen und raste zur nächsten Gruppe von Arbeitern. Dort wiederholte er seinen Zickzacktanz. Der Flur mit den Hinterzimmern kam in Sichtweite. Er war fast da. Nur noch ein paar Meter.

Oliver rannte los, direkt in die Arme der beiden Wachen. Sie packten ihn grob und begannen, ihn in Richtung Ausgang zu schleppen.

„Nein! Wartet!“, flehte Oliver.

„Wir haben dir schon einmal gesagt, dass du abhauen sollst“, bellte einer der beiden gereizt.

„Aber Ihr versteht nicht…“, versuchte Oliver es noch einmal.

Doch es half nichts. Die Wachen ignorierten ihn und zogen ihn weiter durch die Halle. Als sie das große Tor erreichten, stieß einer der beiden die Tür auf.

„Verschwinde!“, rief der eine.

„Und lass dich hier nicht mehr blicken!“, rief der andere.

Sie warfen ihn buchstäblich auf die Straße. Oliver flog durch die Luft und landete hart auf seinem Hinterteil.

Dann wurde ihm die Tür vor der Nase zu gedonnert.

Plötzlich spürte Oliver eine Vibration in seiner Hosentasche. Er zog seinen Stundenplan heraus und stöhnte. Es würde nicht mehr lange dauern, bis er wieder aktiviert wurde. Das erste Leuchten kündigte sich bereits an.

Oliver hatte also Recht. Die Zeit lief innerhalb und außerhalb der Schule unterschiedlich schnell ab. Hier draußen tickten die Uhren langsamer. Bald würden auf seinem Stundenplan wieder alle Lichter brennen und dann wäre er für immer von der Schule für Seher ausgeschlossen. Wenn er das verhindern wollte, musste er zur Schule zurückkehren, bevor man sein Fehlen bemerkte.

Aber er konnte nicht gehen, so lange Lucas auf freiem Fuß war.

Oliver drückte seinen Stundenplan fest an sich. Er wusste, dass er bleiben musste, auch wenn er dafür sein neues Leben, seine Freunde und die Schule aufgeben musste. Er musste die Bombe finden und unschädlich machen.

Schweren Herzens schob er seinen Stundenplan zurück in die Tasche des Overalls.

KAPITEL ACHTUNDZWANZIG

Er durfte keine Zeit mehr verlieren. Sofort stand Oliver auf und ging um das Gebäude herum. Die Brennnesseln und Dornenbüsche, die er hier bei seinem ersten Besuch vorgefunden hatte, gab es glücklicherweise noch nicht. Auch die Fenster waren nicht mit Brettern vernagelt.

Auf der Rückseite des Gebäudes angekommen, warf er vorsichtig einen Blick durch eines der Fenster. Er stand vor einer Besenkammer, in der verschieden große Besen und Wischmops standen. Oliver ging weiter. Als nächstes kam er zum Pausenraum. Schnell duckte er sich, damit die Männer, die gerade am Tisch saßen und Brotzeit machten, ihn nicht bemerkten. Nur sehr zögerlich ging er zum nächsten Fenster. Er sah hinein.

Und tatsächlich, dort saß Armando an seinem Schreibtisch und sah durch das Fenster direkt zu Oliver. Er machte ein überraschtes Gesicht. Dann stand er auf und kam zu ihm.

Oliver freute sich wahnsinnig, seinen Mentor gesund und munter vor sich zu sehen.

Armando öffnete das Fenster.

„Was machst du da? Das ist ein Privatgrundstück.“

„Lucas!“, rief Oliver.

„Mein Lehrling?“, fragte Armando überrascht. „Was ist mit ihm?“

„Er baut eine Bombe!“, versuchte Oliver zu erklären.

„Aber er ist doch nur ein kleiner Junge.“

Es blieb keine Zeit zu erklären, dass er aus der Zukunft kam und Lucas als alten Mann gesehen hatte, denn Armando schlug das Fenster zu und wandte sich von Oliver ab.

Oliver drückte die Nasenspitze gegen die Glasscheibe. Er fühlte sich hilflos. Armando glaubte ihm nicht.

Aber er konnte nicht einfach aufgeben. Es war Zeit, drastischere Maßnahmen zu ergreifen, um Armando klar zu machen, dass er Oliver zuhören musste.

Als der Erfinder an seinen Schreibtisch zurückkehrte, holte Oliver tief Luft und konzentrierte sich. Er sammelte seine Kräfte.

Sofort spürte er, dass es hier um einiges schwieriger war, als an der Schule für Seher. Er fragte sich, ob um die Schule herum eine Art magisches Kraftfeld lag, das es den Schülern erleichterte, auf ihre Kräfte zuzugreifen, genau wie die anderen Hilfestellungen – die Brille von Dr. Ziblatt oder der Helm von Coach Finkle.

Aber nach ein paar weiteren Sekunden stellte er erleichtert fest, dass es zwar schwieriger war, aber nicht unmöglich. Es kostete ihn mehr Mühe als sonst, ein Bild in seinem Kopf heraufzubeschwören, und noch mehr Mühe, es in die Realität umzusetzen, aber langsam fühlte Oliver, dass es zu wirken begann. Schweiß lief über seine Stirn, während er all seine Aufmerksamkeit auf die Gegenstände auf Armandos Schreibtisch richtete und eine neue Realität in seinem Kopf erzeugte.

Lineal, Bleistift, Kompass und Winkelmesser stiegen langsam vor Armandos Augen in die Höhe. Der Erfinder sprang zurück.

Oliver behielt den Fokus auf den Gegenständen. Langsam, ganz langsam zog er ihre Atome immer weiter auseinander, bis er sie nach und nach in Gas verwandelte. Als graue Wolke formten sie die Nachricht: Lass mich rein!

Armando beobachtete das Geschehen fassungslos. Dann drehte er sich wieder um und starrte Oliver durch das Fenster an. Sein Gesichtsausdruck verriet, dass er verunsichert war. Oliver betete, dass diese Vorführung Armando dazu brachte, ihn anzuhören.

Der junge Erfinder war wie eingefroren. Immer wieder Blickte er von Oliver zu den Buchstaben und zurück. Man konnte ihm ansehen, dass er neugierig war, sich aber auch fürchtete. Dann schüttelte er plötzlich den Kopf, nahm ein paar Blätter von seinem Schreibtisch und verließ das Zimmer.

Enttäuscht ließ Oliver von seiner Visualisierung ab. Lineal, Bleistift, Kompass und Winkelmesser verwandelten sich in ihre normalen Strukturen zurück und fielen klappernd auf die Tischplatte.

Er kippte nach vorne und stützte die Hände auf den Knien ab. Es hatte ihn viel Kraft gekostet, seine Kräfte in der echten Welt zu mobilisieren. Er fühlte sich wie nach einem Marathon. Alles umsonst! Armando hatte sich geweigert zu glauben, was sich direkt vor seinen Augen abspielte.

Oliver musste die Bombe also alleine finden.

Er richtete sich wieder auf, legte die Hand an den Fensterrahmen und versuchte, das Fenster nach oben zu schieben. Dann zog er sich hinauf und kroch durch den Spalt. Erschöpft landete er auf dem Boden in Armandos Arbeitszimmer. Es war ein Jammer, dass seine Kräfte so schwer einzusetzen waren. Bei all den Stürzen hätte sein Körper ein bisschen Polsterung gebrauchen können. Sein Hintern war wahrscheinlich schon grün und blau!

Oliver stand auf und ging schnell zur Tür. Er steckte den Kopf in den Gang und sah sich um. Niemand zu sehen.

Links würde er zurück in die Fabrikhalle und zu den Wachen kommen, deswegen entschied er sich, nach rechts zu gehen. Er lief so schnell und so leise er konnte und erreichte bald eine Tür. Ein Blick durch das Schlüsselloch verriet ihm, dass sich dahinter ein Lagerraum befand. Oliver ging weiter. Die Tür zum nächsten Raum war einen Spalt breit geöffnet. Schnell schaute er hinein und sah hohe Holzregale mit staubigen, alten Büchern.

Oliver warf einen suchenden Blick in jeden Raum, an dem er vorbeikam. Wo konnte Lucas die Bombe verstecken?

Schließlich erreichte er die letzte Tür im Gang. In seiner eigenen Zeitebene war an dieser Stelle die riesige Stahltür zu Armandos geheimen Arbeitsraum, in dem er die Zeitmaschine gefunden hatte. Aber noch gab es diesen Raum nicht. Die Tür war aus Holz wie alle anderen auch.

Oliver öffnete sie und sah hinein. Der Anblick war enttäuschend. Der Raum war mit alten Möbeln vollgestellt.

Frustriert schloss Oliver die Tür wieder und lehnte sich mit dem Rücken dagegen. Sein Herz hämmerte nervös. Jede Sekunde, die verstrich, fühlte sich an wie Zeitverschwendung.

Er zerbrach sich den Kopf nach einem Hinweis, einer Erinnerung oder einer Idee.

Plötzlich fiel ihm etwas ein. Während der kurzen Zeit, die er mit Lucas zusammengearbeitet hatte, war ihm bei dem alten Mann etwas aufgefallen. Er war immer wieder in eine bestimmte Ecke gegangen. Es war nur eine Nische neben der Werkbank, aber Lucas war mehrmals am Tag dorthin gegangen. Oliver fragte sich, was Lucas an dieser Nische so wichtig war.

Er rannte zurück in den Gang und schaute durch ein Fenster auf den Hof der Fabrik. Noch immer waren Arbeiter unterwegs, die von hier nach dort gingen, aber da der Tag langsam zu Ende ging, waren es deutlich weniger geworden. Oliver sah zu der Stelle, an der sich später Lucas' Werkbank befinden würde. Obwohl dort noch nichts war, gab es die Nische bereits. Oliver hatte nur eine Chance, die Nische zu erreichen ohne entdeckt zu werden.

Er wartete, bis eine Gruppe von Arbeitern zur Tür gegangen war, dann rannte er so schnell er konnte zu der Nische, wo er sich duckte um wieder außer Sichtweite zu sein.

Doch Oliver war nicht sicher, wonach er suchte. Es schien eine ganz normale Wand zu sein. Es gab keine Falltür oder geheimen Fächer. Er tastete die Wand ab. Plötzlich spürte er, dass die Textur unter seinen Fingerspitzen an einer Stelle anders war.

Einer der Backsteine war locker! Er versuchte seine Finger in den engen Spalt zu schieben und den Stein zu bewegen. Mit etwas Mühe schaffte er es, den Stein zu lösen. Tatsächlich! Hinter dem Stein war ein Hebel!

Oliver verlor keine Sekunde. Er zog den Hebel und sofort klickte die Wand nach hinten. Lag dort noch einer von Armandos geheimen Räumen? Oder lauerte auf der anderen Seite etwas noch Unheimlicheres? Es gab nur einen Weg, es herauszufinden. Oliver musste hineinklettern.

Schnell sah er um die Ecke der Nische. Die Fabrik war jetzt fast leer. Die Wachen waren damit beschäftigt, die Arbeiter zu verabschieden und solange sie abgelenkt waren, wollte Oliver die Gelegenheit nutzen. Leise öffnete er die Klappe, so weit es ging und rutschte hinein. Dann zog er sie hinter sich wieder zu.

Es war dunkel und roch nach Staub. Als sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah er eine schmale Wendeltreppe aus Metall. Sie war rot lackiert und kam Oliver irgendwie bekannt vor. Er erinnerte sich daran, wie Lucas ihm bei dem Rundgang durch die Fabrik gesagt hatte, dass er dort oben sein Zimmer hatte. Aber das war in der Zukunft. Ob er jetzt auch schon dort wohnte?

Oliver atmete ein paarmal tief durch, dann stieg er so leise wie möglich die Stufen hinauf.

Als er endlich oben ankam, befand er sich direkt unter dem Dach des Gebäudes. Wieder stand er vor einer Tür. Es musste die Tür zum Dachboden sein.

Er versuchte, sie zu öffnen, aber sie war abgeschlossen. Jetzt war er sicher, dass sich dahinter ein Geheimnis verbarg. Glücklicherweise hatte er in den Jahren, die er mit Chris zusammen unter einem Dach verbracht hatte, sich schnell selbst beigebracht, wie man Schlösser ohne große Mühe aufknackte. Unzählige Male hatte dieser Tyrann von einem Bruder ihn aus den Häusern ausgesperrt, und so musste er immer wieder Fenster von außen öffnen und Schlösser aufbekommen. Damals hatte er schrecklich gelitten, aber jetzt kam ihm diese Fähigkeit sehr zugute.

Nach wenigen Versuchen hörte er, wie das Schloss knackte und schon betrat Oliver den Dachboden.

Oliver erstarrte. Ihm war sofort klar, dass er den geheimen Arbeitsplatz seines Erzfeindes entdeckt hatte.

Auf Schreibtisch und Fensterbrett lagen Skizzen und Notizbücher. Oliver nahm ein paar Blätter mit Notizen und Diagrammen in die Hand, um herauszufinden, woran Lucas arbeitete. Es sah aus wie ein Eiförmiges Gebilde mit Drähten auf einem Sockel, der zur Stabilisierung diente. Es erinnerte ihn an eine Rakete.

Er blätterte um und hielt einen anderen Entwurf in den Händen, eine Überarbeitung des vorherigen Designs. Auf der nächsten Seite fand er noch mehr Linien und Formen.

Während er sich durch das Notizbuch arbeitete, wuchs seine Furcht. Die Diagramme und Zeichnungen wurden immer akribischer. Sie sahen nicht mehr aus wie die phantasievollen Zeichnungen eines aufgeregten Kindes, sondern wie die präzisen Schaltpläne eines Wissenschaftlers. Die Handschrift wurde immer gründlicher und regelmäßiger, bis sie auf den letzten Seiten wieder zittriger wurde, wie die Schrift eines alten Mannes.

Erschrocken starrte er auf die Pläne. Er hatte wirklich Lucas‘ Geheimnis gelüftet. In den Händen hielt er den Entwurf für eine Atombombe.

Doch das war noch nicht alles. Auf dem Tisch lagen noch weitere Dokumente – und sie waren nicht auf Englisch verfasst.

Er kannte die Sprache aus der Schule. Es war Deutsch. Er verstand zwar nicht allzu viel davon, aber konnte sie zweifelsfrei identifizieren. Olivers Herz schlug schneller. Die Deutschen waren damals im Krieg die Feinde!

Er blätterte weiter. Neben der wissenschaftlichen Arbeit fanden sich unter den Dokumenten auch Aufzeichnungen von schriftlicher Korrespondenz. Leider war Olivers Deutsch nicht gut genug, um zu verstehen, was darin gesagt wurde.

Als er die letzte Seite erreichte, brauchte er keine Übersetzung mehr um zu wissen, wie gefährlich diese Dokumente waren. Sein Herz blieb beinahe stehen, als er erkannte, dass dies ein Vertrag war, den Lucas unterzeichnet hatte.

Und dort, wo die andere Unterschrift zu sehen war, prangte ein Hakenkreuz.

KAPITEL NEUNUNDZWANZIG

Oliver schwirrte der Kopf. Hatte Lucas seine Bombe etwa an die Nazis verkauft?

Er fand inmitten des Papierkrames ein Foto von Lucas. Darauf war nicht der kleine Junge zu sehen, sondern der alte Mann, den Oliver so sehr hasste. Und noch mehr als das Gesicht des alten Mannes erschreckte ihn, was er auf dem Foto trug: eine Nazi-Uniform.

Die Armee in seinem Traum! Es war die gleiche Uniform!

Erschüttert ging er einen Schritt zurück. Doch er hatte keine Zeit, sich seiner Furcht hinzugeben, denn plötzlich hörte er ein Motorengeräusch. Durch ein Dachfenster sah er, dass es draußen dunkel geworden war. Ein Lastwagen fuhr auf das Fabrikgelände. Er hielt an und mehrere Männer sprangen heraus. Sie gingen über den Innenhof. Eine kleine schemenhafte Figur führte sie in die Fabrik. Es war der junge Lucas.

Oliver packte den ganzen Papierkram zusammen und steckte ihn in die Tasche seines Overalls. Dann huschte er aus dem Raum und rannte die Wendeltreppe hinunter.

Er kam gerade rechtzeitig. Das Geräusch schwerer Stiefel hallte auf dem Flur, als Oliver sich in einer Ecke versteckte. Er konnte flüsternde Stimmen hören, die in scharfem, hastigem Deutsch kommunizierten.

Der Eingang zur Fabrik stand offen und ließ das helle Mondlicht herein. Die Männer verschwanden in einem Gang und kamen mit einer großen Kiste in die Fabrikhalle zurück. Dann gingen sie zum Ausgang. Lucas ging voran.

Ob in dieser Kiste die Bombe war?

Oliver hörte einen Schlag am Ende des Ganges, gefolgt von gedämpften Rufen und Klopfen. Armando! Lucas musste ihn in sein Büro eingesperrt haben!

Oliver war hin und her gerissen. Er wollte Armando befreien und gleichzeitig die Kiste im Auge behalten. Als die Männer sie zum Ausgang manövriert hatten, blickte Oliver noch einmal traurig zu Armandos Büro.

Es tut mir so leid, Armando, murmelte er.

Damit hatte er sich entschieden, vorerst nicht seinen Helden zu befreien, sondern sich aus der Fabrik zu schleichen und der Bombe zu folgen. Im Hof huschte er von Baum zu Baum durch das Mondlicht und duckte sich schließlich hinter einigen Mülltonnen. Von dort aus sah er zu, wie die Männer den Lastwagen beluden. Er musste etwas unternehmen!

Oliver schloss die Augen, um sich zu konzentrieren, aber plötzlich knackte ein Ast direkt neben ihm.

Er schoss herum und sah, wie eine Silhouette aus dem Schatten trat. Das erste, was Oliver auffiel, war das unheimliche blaue Leuchten seiner Augen. Es waren die Augen eines Kobalt-Sehers. Ein Feind!

Oliver schnappte keuchend nach Luft.

Lucas! Lucas war ein Seher! Ein Abtrünniger… Er hatte sich ganz eindeutig dem Bösen zugewandt.

„Was hast du nur getan!?“, rief er dem Jungen ins Gesicht.

Lucas grinste nur. „Er hat mir alles gesagt, der Mann aus der Zukunft. Er wusste, dass du kommst und dass du Armandos Liebling werden würdest… dass du meinen Platz einnehmen willst! Aber er hat mir auch gesagt, wie ich Armandos Zuneigung für immer gewinnen würde – indem ich diese Kiste ausliefere.“

Langsam ergab alles Sinn. Lucas aus der Zukunft hatte den jungen Lucas davon überzeugt, dass er den Nazis die Bombe verkaufen musste. Das waren die einzigen, die verrückt genug waren, die Bombe auch zu zünden.

„Er hat dich hereingelegt!“, schrie Oliver. „Verstehst du denn nicht, dass das deutsche Soldaten sind? Du hast ihnen die Atombombe gegeben!“

Lucas sah ihn skeptisch an. „Quatsch… Die Deutschen sind doch unsere Feinde…“

„Der Mann aus der Zukunft… Das bist DU!“, rief Oliver. „Er hat dich dazu gebracht, die Bombe an Hitler auszuhändigen!“

Aber Lucas wollte sich nicht überzeugen lassen. Sie hatten keine Zeit für große Erklärungen, Oliver musste verhindern, dass die Bombe ihr Ziel erreichte. Ohne an seine eigene Sicherheit zu denken, wollte er zu dem Lastwagen rennen, aber Lucas hielt ihn zurück. Oliver versuchte ihm zu entkommen und sprang zur Seite, aber er spürte, wie Lucas‘ Finger seinen Overall erwischten.

„Bleib stehen!“, schrie der Junge. „Du machst alles kaputt!“

Doch Oliver rannte schon wieder los. Lucas war direkt hinter ihm.

Der Motor des Lastwagens lief bereits. Die Abgase qualmten aus dem Auspuff. Oliver sprang mit Schwung in die beißende Wolke und landete mit einem harten Schlag an der Rückseite des Trucks. Seine Füße balancierten unsicher auf einem kleinen Vorsprung. Er versuchte, die Tür zu öffnen, aber sie war verschlossen. Er fühlte, wie der Motor unter ihm vibrierte, als der Lastwagen beschleunigte. Oliver klammerte sich fest, während der Lastwagen aus dem Parkplatz fuhr. Kieselsteine knirschten unter den Reifen, keinen halben Meter unter ihm.

Er rüttelte wieder an der Tür zur Ladefläche und sah, wie Lucas hinter ihm her rannte. Doch der Lastwagen wurde schneller und die Entfernung zwischen ihnen wuchs.

Plötzlich gab das Schloss nach. Oliver öffnete die Tür und schwang sich hinein. Der Wind peitschte durch sein Haar, als er noch einmal zurückblickte. Lucas‘ Figur schrumpfte in der Ferne.

Oliver hatte keine Zeit, sich zu freuen. Lucas war nur eine kleine Hürde gewesen. Die eigentliche Herausforderung war die Kiste mit der Bombe. Er schlug die Tür zu und drehte sich langsam zu ihr um.

Der Lastwagen wurde immer schneller und er wurde über die Ladefläche geworfen. Mit dem Rücken prallte er gegen die verschlossene Tür. Er sank auf die Knie und wurde sofort von einer Seite auf die andere geschleudert. Olivers Magen rebellierte, doch er presste die Zähne fest aufeinander und bezwang seine Übelkeit. Er war schließlich schon auf dem Rücken eines Straußlers geritten. Das hier war nichts dagegen. Das Switchit-Match war ein gutes Training für ihn gewesen, das erkannte er jetzt.

Oliver stützte sich auf seine wackeligen Knie und kroch auf allen Vieren zu der Kiste, in der sich die Bombe befand. Er musste irgendwie an sie herankommen. Wenn er sie in die Finger bekommen würde, würde er ganz bestimmt auch einen Weg finden, sie zu zerlegen.

Er griff nach einer der Holzbohlen und zog daran, so fest er nur konnte. Doch es war zwecklos. Sie waren mit Nägeln befestigt. Die Kiste war nicht zu öffnen. Wenn er an die Bombe kommen wollte, brauchte er irgendein Werkzeug. Hinzu kam, dass Oliver von der rasanten Fahrt immer wieder durchgeschüttelt wurde. So sehr er sich auch bemühte, er konnte sich nicht lange genug auf den Beinen halten, um die Ladefläche gründlich zu durchsuchen.

Plötzlich hatte Oliver das Gefühl, sich nach oben zu bewegen. Der Lastwagen wurde auf eine Rampe gefahren!

Er rannte nach hinten und sah aus einem kleinen, verdunkelten Fenster in der Tür. Zu seinem Entsetzen sah er, dass sie direkt in den Frachtraum eines großen Militärflugzeugs gefahren waren!

Erst jetzt wurde ihm das ganze Ausmaß klar: Der Lastwagen mit der Bombe war auf dem Weg nach Deutschland, das von den Nazis kontrolliert wurde.

Und er würde mit ihr fliegen.

KAPITEL DREISSIG

Oliver hatte Angst. Als die Motoren des Flugzeugs zu dröhnen begannen, wurde es sehr laut im Frachtraum. Außerdem war es dunkel. So dunkel, dass Oliver nicht einmal die Hand vor Augen sehen konnte. Er versuchte, ruhig zu bleiben, aber gleichzeitig wusste er, dass er schnell etwas tun musste. Das Flugzeug hatte sich bereits in Bewegung gesetzt. Alles begann zu wackeln, während sie immer schneller wurden. Oliver hatte nichts, woran er sich festhalten und keinen Sitz, an dem er sich anschnallen konnte. Er würde mit der Atombombe nach Deutschland fliegen! Panik kroch in sein Bewusstsein.

Dann hoben sie ab. Sofort rutschte Oliver nach hinten. Die Schwerkraft schien sich durch den Auftrieb um ein Vielfaches zu verstärken und so wurde er fest gegen die Hintertür des Lastwagens gedrückt. Mit Mühe gelang es ihm, sich wieder nach vorne zu kämpfen, wo er tastend nach etwas suchte, an dem er sich festhalten konnte, doch es dauerte keine Minute, bis er wieder durch den Laderaum geworfen wurde. Oliver konnte nichts tun, außer die Augen zu schließen und die Zähne fest aufeinander zu pressen. Er musste abwarten, bis sie in der Luft waren und sich das Flugzeug stabilisierte.

Es schien ewig zu dauern. Sie stiegen immer höher und Oliver kam sich vor wie in einer Achterbahn. Im Gegensatz zu den Passagierflugzeugen, die Oliver gewohnt war, war dieses Militärflugzeug nicht dazu gemacht, seinen Passagieren Komfort zu bieten. Es flog hoch über den Wolken, damit der Feind sie nicht entdecken würde.

Irgendwann spürte Oliver, wie sich die Flugbahn stabilisierte. Endlich konnte er aufatmen.

Oliver erhob sich aus der unbequemen Position, in der er gegen die Hintertür des Lastwagens gekauert hatte, und stand vorsichtig auf. Eigentlich war es im Flugzeug viel angenehmer, als die wilde Fahrt im Lastwagen.

Wieder ging er zu der Kiste mit der gefährlichen Ladung. Er musste irgendwie an die Bombe kommen und sie unschädlich machen.

Er durchsuchte noch einmal den Lastwagen nach einem Werkzeug und obwohl es immer noch dunkel war, fiel es ihm jetzt viel leichter, sich frei zu bewegen. Zwischen ein paar kleineren Holzkisten fand er ein Brecheisen. Triumphierend zog er es zwischen den festgeschnallten Kisten heraus.

Oliver eilte zurück zur großen Kiste und suchte blinzelnd nach den Nägeln. Es war schwer in der Dunkelheit irgendetwas zu finden, aber schließlich gelang es ihm und er beeilte sich, einige Nägel herauszuziehen und die Bretter zur Seite zu werfen. Er arbeitete fieberhaft. Die Dunkelheit machte seine Aufgabe noch schwieriger, doch nach und nach kam er voran. Schließlich trat er zurück.

Er hatte die Bombe jetzt direkt vor sich.

Sie war noch viel erschütternder, als er je für möglich gehalten hätte. Es war nicht mehr nur ein Entwurf. Es war eine echte Bombe. Eine komplexe Maschine aus poliertem Metall; zwei Meter hoch; eiförmig; mit Drähten bestückt; voll mit tödlicher Macht.

Oliver erschauderte, als er an den kranken Geist dachte, der sie geschaffen hatte – Lucas. Seine Entschlossenheit, die Bombe zu zerstören, bevor sie den Menschen schaden konnte, wurde noch stärker.

Schnell griff er in seine Overall-Tasche und holte alle Pläne heraus, die er aus Lucas‘ geheimen Arbeitszimmer gestohlen hatte. Es war so dunkel, dass er sie ganz nah an sein Gesicht halten musste, um etwas zu erkennen. Lange studierte er sie und verglich das, was dort geschrieben und gezeichnet war, mit dem, was er vor sich hatte. So versuchte er herauszufinden, wie Lucas sie zusammengebaut hatte und wie er sie wieder demontieren konnte.

Zu seinem Leidwesen stellte er fest, dass sie extrem gut konzipiert war. Makellos. Offensichtlich hatte Lucas Ideen von Armando geklaut und sie für seine dunklen Machenschaften missbraucht. Die Bombe war nicht im Kopf eines brillanten Menschen entstanden, sondern in dem gestörten Kopf eines schrecklich bösen Sehers. Sie war mit vielen Tricks versehen, wie einem unsichtbaren Schild, das ihn an Esther erinnerte, und mit jeder Menge Drähte und Schalter, die es fast unmöglich machten, alles zu entschlüsseln. Eine falsche Bewegung und sie konnte einfach in die Luft fliegen.

Oliver würde Tage brauchen, um das alles zu entschlüsseln. Dabei würde das Flugzeug schon in ein paar Stunden Deutschland erreichen. Er fühlte sich überfordert, einsam und verzweifelt. Wenn er nur die Unterstützung seiner Freunde hätte, die Weisheit von Armando und die Erfahrung von Professor Amethyst!

Aber kaum hatte er das gedacht, wurde Oliver klar, dass er genau das hatte. All diese Menschen hatten ihm im Laufe der Zeit, die er mit ihnen verbringen durfte, etwas gegeben: ihre Ermutigung, ihr Wissen, ihre Erfahrung. Diese Aufgabe war wie für ihn gemacht! Alle nötigen Informationen waren in Oliver vereint. Abgesehen von Lucas war er der einzige Seher, der von Armando Illstrom ausgebildet worden war. Die Person, die am besten in der Lage war, diese Bombe zu zerlegen, war Oliver selbst. Deshalb hatte das Universum auch ausgerechnet ihn berufen.

Beflügelt von dieser Erkenntnis machte sich Oliver an die Arbeit. Er konzentrierte sich nur noch auf die anstehende Aufgabe. Er konnte vielleicht nicht tagelang daran arbeiten, aber es bestand immer noch die Chance, dass er in den wenigen Stunden, die ihm noch blieben, die Bombe untauglich machen konnte. Er vertiefte sich so sehr in seine Arbeit, wie er es bei der Arbeit am Periskop und bei der Herstellung des unsichtbaren Mantels getan hatte. Er holte jedes bisschen Wissen aus seiner Erinnerung, verlor sich in Theorie und Physik und konzentrierte sich voll und ganz auf die Bombe.

Alles andere blendete er einfach aus. Für seinen Verstand gab es nur noch diese eine Sache.

*

Plötzlich spürte Oliver, wie sich die Motorengeräusche veränderten. Sie verloren an Geschwindigkeit. Er wusste, was das bedeutete. Das Flugzeug bereitete sich auf die Landung vor.

Ein Blick auf seinen Stundenplan verriet ihm, dass tatsächlich mehrere Stunden vergangen waren. Außerdem blinkte sein Zeitplan jetzt rot und warnte ihn, dass er sich außerhalb der Schule befand. Das bedeutete, dass Esther die Öffnung in der Mauer geschlossen hatte und seine Chance, jemals wieder an die Schule zurückzukehren, vertan war. Er war von der Bombe so fasziniert, dass er nicht nur die Zeit, sondern auch das große Opfer, das er dafür brachte, völlig vergessen hatte. Obwohl er unablässig daran gearbeitet hatte, war die Bombe noch immer intakt und bereit, ihre Zerstörung auf der Welt zu verrichten. Panik packte ihn.

Oliver fühlte, wie sich die Flugbahn änderte. Er tastete nach irgendetwas, woran er sich hätte festhalten können, doch er fand nichts. Diesmal wurde er zur Vorderseite des Trucks geworfen, direkt hinter das Fahrerhaus. Er schlug hart gegen die Wand, wo er zusammengerollt liegen blieb und hoffte, dass es schnell vorbei war. Der Druck auf seinen Ohren nahm so schnell zu, dass er fast unerträglich war. Der Pilot ließ das Flugzeug ebenso schnell sinken, wie es aufgestiegen war.

Als die Räder auf den Boden aufsetzten, gab es ein schreckliches Rucken.

Sie waren gelandet. Jetzt war Oliver in Deutschland.

Als sie die Landebahn entlangfuhren, wurde er wieder über die Ladefläche geworfen und er hörte, wie die Triebwerke des Flugzeugs abbremsten. Er wusste, dass sie bald anhalten würden.

Die Lage wurde für ihn immer aussichtsloser. Er musste sich schnell etwas einfallen lassen, aber alles ging so schnell, dass er nicht einmal ansatzweise dazu kam, sich einen Plan zurecht zu legen.

Bald blieb das Flugzeug stehen. Oliver hörte, wie die Motoren abgeschaltet wurden. Dann verrieten kratzende Geräusche ihm, dass die große Rampe zum Frachtraum bereits geöffnet wurde. Er hörte Schritte näher kommen. Ein Schlüssel sperrte die Fahrertür auf und kurz danach wurde sie zugeschlagen. Der Fahrer des Lastwagens startete den Motor.

Er rangierte das Fahrzeug rückwärts aus dem Flugzeug und schon fiel wieder Tageslicht durch das kleine Fenster. Sie waren unterwegs.

Oliver sprang auf und blickte aus dem kleinen Fenster. Der Anblick, der sich ihm bot, ließ sein Blut in den Adern gefrieren.

Er befand sich mitten im Deutschland der 1940er Jahre.

Überall prangten schwarze Hakenkreuze auf roten Fahnen.

KAPITEL EINUNDDREISSIG

Oliver schnappte nach Luft. An fast allen Gebäuden hingen riesige Hakenkreuze. Er sah sie auf jedem Verkehrsschild, an jedem Autofenster. Es sah aus wie ein Straßenfest, aber anstatt bunter Fahnen hing hier überall das Symbol des Hasses. Es tauchte die Stadt in ein Meer aus Rot und Schwarz. Gequält von diesem Anblick schluckte Oliver schwer.

Die Straßen waren abgesehen von wenigen Autos und Militärfahrzeugen leer. Oliver beobachtete, wie sie an einen mit Wehrmachtssoldaten besetzten Kontrollpunkt kamen. Sie passierten einen Lastwagen, der am Straßenrand stand und von Soldaten umringt war. Sie hielten ihre Gewehrte im Anschlag. Oliver wurde schlecht.

Er riss seinen Blick vom Fenster los und wandte sich wieder der Bombe zu. Er musste eine Entscheidung treffen, ein Risiko eingehen. Wenn er den falschen Draht erwischte, würde die Bombe explodieren und seine Welt untergehen. Aber wenn er nichts tat, würde Hitler die Bombe zünden und die Welt würde für zahllose Menschen untergehen.

Oliver wollte sich der Bombe wieder nähern, aber der Lastwagen brachte ihn aus dem Gleichgewicht. Er fiel zur Seite, als sie eine scharfe Linkskurve nahmen. Er landete schmerzhaft auf den Knien. Kaum hatte er sich wieder hochgezogen, warf ihn die nächste Kurve um. Geschwindigkeitsschwellen ließen ihn in die Luft fliegen und wieder aufprallen. Seine Zähne krachten unkontrolliert aufeinander.

Auf einmal hielten sie an. Oliver stürmte ans Fenster. Sie standen vor einem imposanten, graue Gebäude, das von Stacheldraht umgeben war. Erschrocken dachte er, dass das Hitlers Hauptquartier sein musste.

Langsam passierte der Lastwagen den letzten Kontrollpunkt. Wachtürme warfen dunkle Schatten über alles. Oliver blickte zu ihnen auf und erzitterte vor dem Anblick der schwer bewaffneten Soldaten, die darauf patrouillierten.

Dann zitterte der Lastwagen noch einmal, bis er schließlich still stand. Es war zu spät. Sie waren angekommen. Die Zeit war um und Oliver hatte noch keine Gelegenheit gehabt, einen der Drähte zu ziehen. Schnell versteckte er sich hinter der Kiste. Sein Fluchtinstinkt hatte übernommen.

Ein metallisches Geräusch verriet ihm, dass die Hintertüren des Lastwagens von außen geöffnet wurden. Er blickte aus seinem Versteck und sah mit Schrecken direkt in ein Gesicht. Ein Gesicht, das jeder Mensch auf dem Planeten kannte und fürchtete. Hitler.

KAPITEL ZWEIUNDDREISSIG

Oliver blieb der Atem in der Lunge stecken. Er konnte nicht glauben, dass er Hitler selbst, den bösartigsten Menschen der Welt, vor sich hatte. Schreckensstarr beobachtete er, wie der furchterregende Nazi-Führer in den Lastwagen blickte.

Hitler schien die herausgerissenen Holzbohlen nicht zu bemerken. Sein dunkler Blick war zu sehr auf die Bombe fixiert, um etwas anderes wahrzunehmen.

Seine Augen untersuchten systematisch, was da vor ihm lag. Oliver konnte darin die pure Freude sehen, die der Anblick dieser fortschrittlichen Technologie – oder besser diese teuflische Kreation – in ihm verursachte.

Hitler schien begeistert zu sein. Er sagte aufgeregt etwas auf Deutsch, doch der Mann, mit dem er redete, befand sich außerhalb Olivers Sichtweite. Dann verschwand auch Hitler wieder.

Jetzt bekam Oliver doch noch eine Gelegenheit. Hitler würde bald zurückkommen, um seine Waffe abzuholen. Aber in den Sekunden, die ihm zur Verfügung standen, musste er etwas tun. Jetzt oder nie. Er musste das Risiko eingehen und eine Entscheidung treffen.

Und auf einmal, als hätte das Universum selbst ihm eine Eingebung geschickt, war Oliver klar, wie er die Bombe zerstören konnte. Er hatte das Problem die ganze Zeit falsch betrachtet! Er hatte es aus den Augen eines Bombenentschärfers gesehen und nicht wie ein Seher! Er brauchte keinen Draht zu durchtrennen, um die Bombe stillzulegen; er musste sich vielmehr mit seinem Verstand in sie drängen und seine Begabung nutzen, um die Atome darin anders anzuordnen. Wie er es mit den Objekten in Armandos Büro getan hatte, musste er die Atome von einem Zustand in einen anderen bringen. Nur diesmal musste er sie in dem veränderten Zustand belassen.

Oliver schloss die Augen und entspannte seinen Verstand, um seine Kräfte heraufzubeschwören. Diesmal fiel es ihm leichter als je zuvor, als wirkte seine Angst als treibende Kraft. Mit klopfendem Herz machte er sich bereit.

Er visualisierte die Bombe in all ihren Details und absoluter Präzision, nicht nur ihre Drähte, Schrauben und Metallplatten, sondern jedes einzelne Atom. Er konnte alles sehen, in kristallklarer, perfekter Genauigkeit, vom Sonarschild, den Lucas um die Bombe gelegt hatte, bis hin zu den Chemikalien, die tief in ihr verstaut waren und die die Explosion verursachen würden.

Oliver visualisierte, wie sich die gefährlichen, empfindlichen Chemikalien zu Wasser verwandelten. Sofort spürte er den Widerstand, weil seine eigenen Kräfte mit Lucas‘ Schild kollidierten. Aber nach und nach merkte er, dass es funktionierte. Die Atome begannen, sich zu verwandeln.

Plötzlich hörte er Schritte. Seine Zeit war abgelaufen. Sie kamen um die Bombe abzuholen. Er musste an seiner Visualisierung festhalten und er durfte auf gar keinen Fall erwischt werden. Schnell duckte er sich hinter einem Stapel kleinerer Holzkisten.

Hitler kam mit mehreren Soldaten zurück.

Er beobachtete, wie die Bombe von der Rückseite des Lastwagens entladen wurde. Von seinem Versteck aus beobachtete Oliver, wie die Bombe auf einem Raketenwerfer montiert wurde, der sie in die Luft schießen sollte. Die Soldaten standen stramm, einer sah bedrohlicher aus als der andere. Die Spannung war fast unerträglich.

Olivers Anspannung wurde durch seine mentale Anstrengung, die Atome der Bombe in ihrer neuen Ordnung zu verankern, zusätzlich verstärkt.

Er beobachtete, wie die Männer die Waffe auf eine vertikale Bahre montierten, sodass ihre Spitze in den Himmel gerichtet war. Sie war startbereit.

Eine kleine Gestalt näherte sich. Seine Haltung war beeindruckend, seine Aura eisig. Der Wunsch, den roten Knopf zu drücken, stand ihm ins Gesicht geschrieben. Sein Moment des Ruhms war gekommen.

Mit bösartigem Grinsen streckte Hitler die Hand nach dem großen roten Knopf aus.

KAPITEL DREIUNDDREISSIG

Oliver wollte nicht hinsehen, aber er konnte auch nicht wegschauen. Er musste sich auf seine Visualisierung konzentrieren und durfte dabei nicht wanken. Wenn er die Konzentration auch nur eine Millisekunde verlor, konnte das katastrophale Folgen haben.

Er hielt den Atem an. Jede Faser seines Körpers war angespannt. Er konzentrierte sich mit aller Kraft darauf, eine Explosion zu verhindern.

Hitler hielt seine Handfläche über den großen roten Knopf. Für einen kurzen Moment fragte sich Oliver, ob er seine Meinung geändert hatte, ob ihm das Ausmaß seiner Handlungen plötzlich bewusst wurde. Doch dann wurde ihm klar, dass Hitler diesen Moment nur herauszögerte, um seine Macht voll auszukosten. Er hielt sich selbst für eine Art Gott und er badete in der ultimativen Macht, die ihm diese Waffe gab.

Oliver konnte klar und deutlich sehen, was Professor Amethyst ihm über das Böse gesagt hatte, über die Gier, die den Menschen verzehrte. Oliver beschloss in diesem Augenblick, dass er sich niemals von seinen Kräften verführen ließ, wenn er das hier überlebte. Er wollte nicht so sein wie Lucas. Obwohl in ihm auch ein Kobalt-Seher schlummerte, würde er sein Leben lang gegen die dunkle Seite kämpfen.

Er durfte jetzt nicht versagen. Oliver hielt den Atem an und fixierte das Bild in seinem Kopf.

Hitler hielt immer noch die Hand über den Knopf. Die Augen seiner Soldaten waren vor Aufregung geweitet. In einer plötzlichen, heftigen Bewegung schlug Hitler mit der Handfläche zu.

Die ganze Welt schien stillzustehen. Oliver fühlte ein schreckliches Ziehen in seinem Kopf, Kopfschmerzen zuckten wie Blitze durch sein Gehirn. Die Atome in der Bombe kämpften gegen Olivers Vision und schlugen in seinem Verstand um sich wie die Fäuste eines Tyrannen. Der Befehl in Olivers Kopf stand in direktem Gegensatz zu dem Befehl, den Hitler soeben per Knopfdruck gegeben hatte. Die Gesetze der Physik, auf denen die Bombe beruhte, waren aus der Bahn geworfen. Olivers Kräfte wurden auf eine Belastungsprobe gestellt, der er kaum noch standhalten konnte.

Hitlers Gesicht lief rot an. Immer wieder ließ er die Hand auf den Knopf knallen und Oliver spürte jedes Mal einen mächtigen Schlag. Doch die Zündung blieb aus. Die Bombe wurde nicht abgefeuert.

Mit jedem Schlag wurde Oliver schwächer. Er wusste nicht, wie lange er noch durchhalten konnte. Doch Hitler ließ nicht locker. Er versuchte es wieder und wieder. Inzwischen schlug er mit der Faust auf den roten Knopf ein.

Olivers Kräfte schwanden mit jeder Sekunde. Er würde gleich zusammenbrechen!

In diesem Moment trat Hitler zurück.

Er gab auf!

Brüllend warf er den Kopf nach hinten.

Oliver löste die Visualisierung und lockerte erleichtert seine Spannung. Er atmete schwer und seine Muskeln schmerzten. Erst jetzt fiel ihm auf, dass sein Kiefer ganz verkrampft war, so fest hatte er die Zähne aufeinandergebissen. Sein Rücken war nass vom Schweiß. Sein ganzer Körper war geschwächt und fühlte sich an wie Wackelpudding.

Er hatte überhaupt keine Kraft mehr. Seine Fähigkeiten als Seher waren vollständig aufgebraucht. Oliver taumelte. Er war kaum in der Lage, sich auf den Beinen zu halten. Er klammerte sich an eine der Kisten, um nicht zu stürzen. Fürs Erste hatte Oliver verhindert, dass die Bombe explodierte, aber er war so geschwächt, dass er die Atome nicht noch einmal halten konnte, wenn Hitler es sich jetzt anders überlegte und den Knopf erneut drückte.

Er beobachtete Hitler angespannt und beschwor ihn, einfach zu gehen. Doch plötzlich drehte sich der Mann um. Olivers Herz blieb stehen. Hitler starrte auf den roten Knopf. Oliver betete, dass er ihn nicht noch ein letztes Mal drücken würde. Er spürte, wie jede Faser seines Körpers rebellierte, als Hitler langsam einen Schritt auf die Bombe zuging. Dann noch einen.

Schließlich blieb er stehen. Er war jetzt direkt neben der Bombe. Dann wandte er sich an seine Soldaten, bellte irgendeinen Befehl auf Deutsch und ging weg.

Er hatte aufgegeben.

Oliver hatte es wirklich geschafft. Er hatte verhindert, dass Lucas‘ bösartiger Plan in Erfüllung ging. Er fühlte, wie sein Herz schneller schlug.

Aber die Gefahr war noch nicht gebannt. Oliver hatte vielleicht die Welt gerettet, aber jetzt musste er sich selbst retten. Er saß in der Falle. Es würde nur eine Frage von Minuten sein, bis sie ihn entdecken würden. Er musste irgendwie entkommen.

Hitlers Soldaten sprachen eilig miteinander. Sie schienen sehr aufgeregt und verwirrt zu sein, während sie zusehen mussten, wie ihr wütender Anführer noch wütender wurde. Hitler stand am Rande des Wahnsinns, Spucke spritzte von seinen Lippen, während er ihnen Befehle entgegenschmetterte.

Es gab nur ein Wort, das Oliver verstehen konnte.

„Sabotage!“

Die Soldaten rannten in alle Richtungen und durchsuchten jeden Winkel. Dann zeigte einer auf den Lastwagen, in dem Oliver sich versteckte.

Panisch zog Oliver sich wieder hinter die Kisten zurück, ein dicker Kloß bildete sich in seinem Hals. Er musste etwas tun!

Oliver ging in sich und versuchte, seine Kräfte noch einmal zu sammeln. Aber außer einem leichten Prickeln spürte er nichts. Er konnte sie überhaupt nicht mehr erreichen. Sie waren versiegt.

Ohne seine Kräfte hatte er nur eine Möglichkeit. Er musste weglaufen.

Er sprang aus seinem Versteck auf und stürmte los. Doch es war zwecklos. Seine Beine konnten ihn kaum aufrecht halten. Er fiel nach wenigen Schritten auf den harten Asphalt.

Die Soldaten sahen ihn sofort. Innerhalb von Sekunden war er umzingelt. Von Hass verzerrte Gesichter blickten auf ihn herab. Unter ihnen war auch das Gesicht, das Oliver am meisten fürchtete. Hitler.

Voller Verachtung starrte er Oliver an. Weder Edmund noch Chris trugen solch einen Hass in sich. Nicht einmal Lucas! Sie alle waren nichts im Vergleich zu diesem Mann. Oliver hatte den Eindruck, dass Hitler genau wusste, wer die Bombe manipuliert hatte.

Dann murmelte Hitler ein Wort, das Olivers Verdacht bestätigte.

„Seher.“

Hitler wusste also Bescheid. Oliver erstarrte.

Er schrie etwas auf Deutsch. Oliver verstand zwar die Worte nicht, wohl aber die Kälte in seinem Ton. Hitler hatte soeben seinen Tod angeordnet.

Oliver wusste, dass das sein Ende bedeutete. Sie würden ihn töten. Sein Leben war vorbei. Sein einziger Trost war, dass er die Welt gerettet hatte, so hatte sein Leben wenigstens einen Zweck erfüllt. Damit hatte sein Tod Bedeutung. Er machte sich gefasst auf das Unvermeidliche, auf den Schlag, der sein Leben auslöschen würde.

Doch der kam nicht.

Plötzlich erschallte über ihnen das Dröhnen eines Triebwerks. Plötzlich starrten alle in den Himmel, Oliver, die Soldaten und auch Hitler, der aussah wie ein Geistesgestörter.

Oliver suchte den düsteren Himmel ab, um die Quelle des Geräusches auszumachen. Er erwartete deutsche Flugzeuge, aber stattdessen sah er etwas ganz anderes.

Durch die grauen Wolken schnitt ein sehr kleines Flugzeug, wie es Oliver noch nie zuvor gesehen hatte. Es bewegte sich schneller und wendiger als alle Helikopter und Flugzeuge, die er je gesehen hatte. Mühelos schwebte es über ihnen am Himmel. Es hatte eine seltsame metallisch-weiße Farbe und das klare Fenster an der Vorderseite sah aus, als wäre es aus einer Kunststofffolie, wie ein High-Tech-Schild. Die Technologie dieses Fluggeräts konnte nur aus der Zukunft kommen, dachte Oliver plötzlich.

Olivers erste schreckliche Vermutung fiel auf Lucas. Hatte der alte Mann ein besonderes Flugobjekt erschaffen, um damit in die Vergangenheit zu reisen und die Geschichte umzuschreiben? Sicher würde er alles nach seinen Wünschen manipulieren.

Doch dann bemerkte er, dass er falsch lag. Das Flugobjekt gehörte nicht dem Feind, sondern seinen Freunden! Denn ganz hinten auf dem Flugzeug sah Oliver ein Symbol, das er sofort erkannte: Der Ring mit den drei Augen – das Symbol seiner Schule! Es hier, zwischen den Hakenkreuzen zu sehen, kam Oliver geradezu abwegig vor. Hatte er es herbeigewünscht? Hatten seine Freunde und die anderen Seher gespürt, dass er Hilfe brauchte?

Als das Flugzeug nahe genug war, blickte Oliver ins Cockpit und entdeckte dort keinen Geringeren als Professor Amethyst!

Hitler brüllte etwas auf Deutsch und sofort hörte Oliver das Trommeln der Stiefel, als die Soldaten anrückten. Er wandte seinen Blick vom Himmel ab und sah mit Schrecken die Waffen der Soldaten. Sie richteten ihre Geschütze auf den Himmel und begannen, auf das Flugzeug zu schießen.

„Nein!“, schrie Oliver.

Das Geschützfeuer war so laut, als würde jeder einzelne Knall sein Trommelfell zerreißen. Oliver konnte nichts tun, außer seinen Arm schützend vor das Gesicht zu halten und zu beten, dass das Flugzeug dem Kugelhagel standhielt.

„OLIVER!“, hörte er plötzlich jemanden rufen.

Er blickte nach oben und konnte kaum glauben, wen er dort sah. Es musste eine Illusion sein!

Oder war sie es wirklich?

Esther!

KAPITEL VIERUNDDREISSIG

Jetzt geschah alles auf einmal. Oliver beobachtete, wie Walter, Hazel, Simon und Ralph im Cockpit hinter Esther erschienen.

Oliver hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, warum sie hier waren und wie sie ihn gefunden hatten. Das Einzige, was jetzt zählte, war seine Chance, sich aus dieser ausweglosen Situation zu retten, obwohl noch vor wenigen Sekunden sein Tod sicher schien.

Er lag noch immer auf dem Boden, sein Körper und sein Geist waren kraftlos, aber Oliver empfand eine Welle der Dankbarkeit und Erleichterung, als seine Freunde entschlossen auf die Soldaten zusteuerten. Er hatte die Welt gerettet und jetzt würden sie ihn retten.

Während die Soldaten alle von Professor Amethysts Flugobjekt abgelenkt waren, beschwor Ralph seine Kräfte und ließ dicke, dunkle Wolken aufziehen. Wie schwarze Wellen schoben sie sich heran und verdunkelten den Himmel. Die Schüsse verhallten, die Soldaten hatten ihr Ziel nicht mehr klar im Visier.

Simon ließ dicke Regentropfen aus Ralphs Wolken fallen. Sie donnerten in einem Sturzbach hinunter und durchweichten Oliver und die Soldaten.

Die ersten Soldaten lösten sich aus der Gruppe um Schutz zu suchen. Oliver sah auch Hitler weglaufen. Er verließ seine Armee. Er war also wirklich ein Feigling, wie er in den Geschichtsbüchern beschrieben war. Er musste herausgefunden haben, dass die Seher seine Pläne durchkreuzt hatten. Gegen ihre Macht konnte kein Sterblicher etwas ausrichten. Doch die Soldaten wussten es nicht. Er hatte sie im Stich gelassen, damit sie das Chaos bereinigten, das er verursacht hatte.

Endlich bekam Oliver eine Chance, ihm zu entkommen. Schnell stemmte er sich auf Hände und Knie, noch immer fassungslos, dass er noch am Leben war. Er versuchte aufzustehen, aber seine Beine gaben nach. Seine Muskeln hatten einfach keine Kraft mehr.

Plötzlich erschien jemand neben ihm. In der Dunkelheit unter Ralphs Wolke konnte er nur das Funkeln smaragdgrüner Augen erkennen.

„Esther“, keuchte er.

Sie legte ihren Arm um ihn und half ihm auf die Beine. Dann schleppte sie Oliver über den Platz zu einer kleinen Überdachung. Dort fiel er wieder auf die Knie.

Esther drehte sich um und wollte wieder zurück in den Regen gehen, aber Oliver hielt sie am Arm fest.

„Wie bist du hierhergekommen?“, fragte er.

„Jetzt ist keine Zeit für Erklärungen“, entgegnete sie, „bleib hier und warte auf uns!“

„Hitler…“, stammelte Oliver, „…er ist entkommen!“

„Wir haben keine Zeit!“, wiederholte Esther und schon verschwand sie in der Dunkelheit.

Schnell projizierte Esther einen Schild um sie herum, genau wie sie es bei dem Angriff der Fledermäuse getan hatte. Oliver blieb unter dem Vordach und beobachtete, wie sich jetzt Hazel vorbereitete, ihre Kräfte zum Einsatz zu bringen. Wie würde sie ihre chemische Begabung nutzen? Verblüfft beobachtete Oliver, wie sie die Zusammensetzung des Regens zu verändern schien. Die Wolken sahen jetzt merkwürdig orange aus. Als die veränderten Regentropfen vom Himmel fielen, begannen die Soldaten vor Schmerz zu schreien. Was auch immer Hazel mit den Wolken getan hatte, es brannte anscheinend furchtbar auf der Haut. Die Gruppe von jungen Sehern war jedoch durch Esthers Schild geschützt.

Ralph, Hazel, Simon und Esther hatten ihre Feinde völlig außer Gefecht gesetzt.

Aber die Bombe musste nach wie vor noch zerstört werden. Sie mussten Zeit gewinnen mit einer letzten Ablenkung, um die Feinde lange genug in Schach zu halten, damit Oliver seine Aufgabe zu Ende bringen konnte.

Walter stand jetzt an der Spitze ihres magischen Dreiecks und beschwor seine magnetischen Kräfte. Schon setzten sich sämtliche Fahrzeuge knirschend und kreischend in Bewegung, ihre Räder kratzten verdreht über den Asphalt. Die Fahrzeuge zogen sich gegenseitig an – wie Magneten.

Bald konnten die Bremsen der Autos und Lastwagen Walters Kraft nicht mehr standhalten. Immer schneller schlitterten sie aufeinander zu, bis sie in der Mitte des Platzes zusammenstießen. Es gab eine wahre Explosion von Hitze und Licht. Sie war so stark, dass der Boden zitterte. Ein Feuerball schoss in die Luft. Alles ging in Flammen auf. Walter hatte eine undurchdringliche Feuerbarriere zwischen ihnen und ihren Feinden geschaffen.

Jetzt, da die Flammen die die Szene erhellten, sah Oliver seine Freunde auf sich zu kommen. Noch nie in seinem Leben hatte er sich so sehr über jemanden gefreut.

Er hatte zwar so gut wie keine Kraft mehr, aber er schrie ihnen begeistert entgegen: „Wer hat nochmal behauptet, die magnetische Begabung sei schwach?“

Walter drehte sich grinsend um, um den Ort der Verwüstung zu betrachten. Oliver folgte seinem Blick. Er war wirklich kaum zu glauben. Für die Sterblichen waren die Kräfte der Seher unbezwingbar.

„Wir müssen die Bombe zerstören“, sagte Ralph.

Oliver schüttelte den Kopf. „Zuerst müssen wir sie entschärfen. Eine falsche Bewegung und alles fliegt in die Luft.“

„Kannst du das denn? Sie entsichern?“, fragte Simon.

„Ich habe es versucht“, sagte Oliver. „Aber ich habe es nicht geschafft. Meine Kräfte sind vollkommen aufgebraucht.“

Esther beugte sich zu ihm und sah ihm in die Augen. „Nicht mit deinen Kräften. Kannst du die Bombe mit deinem Wissen entschärfen?“

„Genau!“, rief Hazel. „Wenn Lucas diese Bombe mit dem Wissen gebaut hat, das er von Armando erlernt hat, dann bist du der einzige Mensch auf der Welt, der sie auch wieder zerlegen kann.“

Auch wenn Oliver genau das stundenlang versucht hatte, wusste er, dass sie recht hatten.

Er nickte. Walter und Simon halfen ihm auf die Beine. Oliver biss die Zähne zusammen. Gemeinsam brachten sie ihn hinüber zur Bombe. Der Rest seiner Freunde folgte. Die Hitze der brennenden Lastwagen brannte auf der Haut. Beißender Rauch stieg schwarz in die Luft.

Oliver holte die Pläne aus seiner Tasche.

„Die Bombe ist mit einem Schild versehen, das ich kaum durchdringen kann. Wenn ich an die Drähte kommen soll, müssen wir es aufheben. Esther, glaubst du, du kannst mir dabei helfen?“

Sie nickte und schloss die Augen. Schon wurde der schimmernde Schild schwächer und war bald ganz verschwunden.

Oliver studierte in der Zeit noch einmal die Entwürfe. Er war so erschöpft, dass er am ganzen Körper zitterte. Aber jetzt war es wenigstens so hell, dass er sehen konnte, was er zu tun hatte. Er durchschaute das komplexe Netzwerk von Drähten und kleinen Fallen, die Lucas eingebaut hatte, und erkannte, wie die Puzzleteile zusammenpassten.

„Das rote Kabel“, sagte er schließlich. „Es ist das rote Kabel!“

„Bist du ganz sicher?“, fragte Ralph, dessen Gesicht noch besorgter wirkte als sonst.

„Ja, ich bin sicher.“

Er beugte sich nach vorne um es abzutrennen, aber Hazel legte ihre Hand auf seine.

„Du zitterst. Vielleicht sollte ich es tun. Meine Hände sind kleiner und ruhiger.“

Alle hielten den Atmen an, als Hazel ihre schmalen Finger vorsichtig durch das komplexe Bündel von bunten Kabeln schob und sanft das rote Kabel nahm, auf das Oliver gezeigt hatte.

„Okay“, sagte sie und hielt das Kabel zwischen den Fingern. „Jetzt oder nie.“

Simon schloss die Augen und Ralph sah weg. Walter strahlte eine Anspannung aus, die fast greifbar war. Esther begann zu zittern vor lauter Anstrengung, den Schild zurückzuhalten. Oliver ballte seine Fäuste. Wenn er sich getäuscht hatte, würden sie alle sterben.

Hazel zog. Das Kabel lockerte sich und rutschte aus der Fassung.

Nichts passierte.

„Du hast es geschafft!“, rief Walter.

Die Jungs wandten sich an Oliver, schlugen ihm auf den Rücken und jubelten. Esther wankte erschöpft nach vorne und Hazel schien in ihrer geduckten Position wie gelähmt zu sein. Sie hielt den roten Draht in die Höhe.

„Wir müssen die Bombe zerlegen, schnell!“, sagte Oliver.

Sofort machten sie sich daran, die Metallplatten und Drähte auseinander zu nehmen und warfen alles in das gleißende Feuer.

Ralph zeigte nach oben. „Da kommt Professor Amethyst um uns abzuholen! Schnell!“

Die Freunde sahen, wie das seltsame Flugobjekt auf sie zukam. Es bewegte sich wie eine Mischung aus Helikopter und Adler. Als es schließlich den Boden berührte, landete es nicht auf Rädern, sondern auf krallenartigen Beinen.

Seine Freunde rannten darauf zu.

Aber Oliver wusste, dass es noch eine letzte Sache gab, die er erledigen musste. Um die Bombe vollständig zu zerstören und sicherzustellen, dass sie nie wieder zusammengebaut werden konnte, musste er die Pläne vernichten.

Er zog die Blätter aus der Tasche, warf sie in das Inferno und sah zu, wie sie brannten. Dann atmete er erleichtert durch.

Zufrieden, dass er die Bombe für immer zerstört hatte, drehte sich Oliver um und lief über den Hof zum Flugzeug des Professors. Hazel und Simon waren bereits eingestiegen und Esther stand an der Tür und gestikulierte, dass auch die anderen schnell einsteigen sollten.

Walter sprang hinein und mit Ralphs Hilfe war auch Oliver rasch in die offene Luke geklettert. Eine Sekunde war auch Ralph bei ihnen.

Die Triebwerke des Flugobjekts begannen zu surren und innerhalb weniger Sekunden hoben sie ab. Hazel zerrte an der Tür. Kurz bevor sie sie schloss, warf Oliver noch einen letzten Blick auf die chaotische Szene unter ihnen.

Der Ort war zerstört – vom Regen durchnässt, überzogen mit rostroten Pfützen; im wütenden Feuer bog sich rußgeschwärztes Metall von all den explodierten Lastwagen und Bombenteilen. Hier und da lagen verletzte Soldaten. Für Oliver war es ein befriedigender Anblick.

Er blickte zu seinen Freunden hinüber und genoss freute sich über ihre Anwesenheit und sah sie lange an: Hazels aufrichtige, graue Augen, Ralphs freundliche Grübchen, Walters freches Grinsen, Simons blasse, weit auseinanderstehenden Augen und schließlich Esthers schüchterne Röte. Sein Herz schlug höher.

„Wir haben es wirklich geschafft“, murmelte er.

Trotz ihrer Erschöpfung klatschen sie und redeten aufgeregt durcheinander.

Auf einmal hatte Oliver das Gefühl, dass jetzt der richtige Zeitpunkt war, seinen Freunden von seinem Testergebnis zu erzählen. Er hatte gezögert, weil er nicht wollte, dass seine Freunde ihn deswegen anders behandelten. Aber nach allem, was sie gerade zusammen durchgemacht hatten, war es an der Zeit, ihnen die Wahrheit zu sagen.

„Ich muss euch etwas sagen“, begann er. „Darüber, wer ich bin – oder was ich bin. Mein Test hat ergeben, dass ich eine atomische Begabung habe. Und ich bin beides – Brom und Kobalt.“

Die Kinder tauschten erstaunte Blicke aus.

„Das kann nicht sein“, flüsterte Esther beeindruckt. „Ich wusste gar nicht, dass das möglich ist!“

„Wenn das keine großen Neuigkeiten sind!“, rief Simon.

„Es tut mir leid, dass ich euch nichts gesagt habe. Ich wollte so sein wie ihr. Ich hatte Angst, dass ihr mich nicht akzeptieren würdet.“

Oliver schaute zu Boden. Dann spürte er eine Hand auf seinem Arm. Es war Esther, die ihn liebenswürdig ansah.

„Aber natürlich akzeptieren wir dich“, sagte sie.

Dann lehnten sich alle zu ihm, klopften ihm auf den Rücken und nahmen ihn in die Arme. Oliver lächelte dankbar. Sie nahmen ihn wirklich so an, wie er war.

Gleichzeitig wurden seine Augenlider wahnsinnig schwer. Sein Körper war eine leere, ausgelaugte Hülle. Er war so erschöpft, dass er kaum noch dagegen ankam.

Oliver spürte die sanften Bewegungen des Flugzeuges und lauschte, wie seine Freunde fröhlich und aufgeregt über die Ereignisse in Deutschland redeten. Doch er war zu müde, um auf ihre enthusiastischen Glückwünsche noch reagieren zu können.

Seine Augenlider wurden unendlich schwer. Er konnte sie nicht mehr offenhalten.

Also gab er nach.

Sofort wusch eine angenehme Dunkelheit über ihn und hüllte ihn in einen tiefen, tiefen Schlaf.

KAPITEL FÜNFUNDDREISSIG

Als Oliver die Augen öffnete, sah er zwei bekannte Gesichter auf ihn hinabblickten.

„Ich glaube, er ist zu sich gekommen“, sagte der Mann.

„Du hast recht. Oliver? Kannst du uns hören?“, sagte die Frau liebevoll.

Oliver schoss in die Höhe und sah von einem zum anderen. Es waren der Mann und die Frau aus seiner Vision! Er war nicht mehr im Flugzeug, sondern irgendwo in der dunklen Schwerelosigkeit von Professor Amethysts sechster Dimension. Außer ihm und den beiden Fremden war niemand hier.

„Wo bin ich?“, fragte Oliver. „Und wo sind meine Freunde? Wo ist der Direktor?“

Seine Stimme klang stumpf, als würden sich die Schallwellen hier anders verbreiten als normal.

„Du bist zwischen Schlaf und Wachen“, sagte der Mann, „und gleichzeitig ist dein Körper noch bei deinen Freunden im Flugzeug.“ Oliver war erleichtert.

„Warum seid ihr hier?“, fragte er.

„Wir wollten dich beglückwünschen“, sagte die Frau. „Du hast die Menschheit gerettet.“

Oliver erinnerte sich an die Vision, in der ihm diese beiden gesagt hatten, dass es seine Aufgabe war, die Menschheit zu retten. Aus irgendeinem Grund schien diesen beiden Fremden sein Erfolg sehr nahe zu gehen. Doch er verstand nicht, warum. Sie hatten es ihm nie erklärt.

„Seid ihr vielleicht meine Schutzengel oder so etwas? Warum erscheint ihr immer wieder in meinen Träumen?“

Der Mann und die Frau sahen sich vielsagend an.

„Ich glaube, du weißt genau, wer wir sind“, sagte die Frau.

„Ich weiß es?“

Der Mann nickte. Etwas Liebevolles lag in seinem Blick. „Ja. Ja, du weißt es. Aber du musst es akzeptieren.“

Olivers Kehle war wie zugeschnürt. Seine Finger berührten sein blondes Haar. Die Haarfarbe stimmte genau mit der Haarfarbe der Frau überein. Und seine Augen hatten das gleiche Braun wie die des Mannes, ganz im Gegensatz zu den blauen Augen der Familie Blue, die sich nie wie seine richtige Familie angefühlt haben. Konnte es wirklich sein, dass die Blues nicht seine Eltern und Chris nicht sein Bruder war? Wäre es verrückt zu glauben, dass diese Leute seine Eltern waren?

„Seid ihr meine Eltern?“, flüsterte er und seine Stimme zitterte vor Hoffnung.

Tränen liefen über die Wange der Frau. Die beiden lächelten ihn gütig an und nahmen seine Hände.

„Ja, genau das sind wir“, sagte die Frau. „Wir sind deine Mama und dein Papa.“

Mama. Papa. In Gedanken wiederholte er die Worte immer wieder, als wäre es für ihn ein völlig neues Konzept.

„Aber ich verstehe das nicht. Ich habe doch schon Eltern. Wie kann das sein?“

Der Mann ließ traurig den Kopf hängen.

„Wir haben dich verloren“, sagte er leise. „Es ist nicht leicht zu erklären.“

In Olivers Kopf drehte sich plötzlich alles. Es war zu viel für ihn. Doch tief in seinem Inneren leuchtete ein Funke auf. Ein schwaches Bild begann sich zu formen. Natürlich war er kein richtiger Blue. Er sah ihnen kein bisschen ähnlich. Sie hatten keinerlei Gemeinsamkeiten und sie hatten ihn immer wie einen Außenseiter behandelt.

Jetzt begriff er endlich, warum.

Dieser Mann und diese Frau, die ihm schon so lange in seinen Visionen erschienen waren, waren seine wahren Eltern. Der Gedanke war seltsam, fühlte sich aber gut an.

Als er sie wieder ansah, verblassten sie langsam.

„Geht nicht weg!“, sagte er.

„Aber du musst jetzt aufwachen, Oliver“, sagte seine Mutter sanft.

„Wo geht ihr hin? Warum kann ich euch nur in meinen Träumen sehen?“

„Das können wir dir jetzt nicht erklären“, sagte sein Vater. „Aber wir werden uns bald wieder sehen. Versprochen.“

„Und dann werden wir für immer vereint sein“, fügte seine Mutter hinzu.

Die beiden waren jetzt nur noch Schatten.

„Nein! Lasst mich nicht alleine!“, rief Oliver

„Wir lassen dich niemals alleine“, sagte sein Vater. Oliver konnte ihn jetzt kaum mehr sehen. „Denk‘ immer daran – wir sind immer bei dir.“

Die Stimmen waren nur noch ein Flüstern im Wind, aber ganz zum Schluss glaubte Oliver, doch noch etwas zu hören.

Wir lieben dich!

KAPITEL SECHSUNDDREISSIG

Oliver wurde sanft wachgerüttelt. Seine Augenlider flatterten. Als er sie öffnete, blickte er direkt in Esthers smaragdgrüne Augen.

Er blieb einen Moment lang regungslos liegen und bewunderte ihre hübschen Gesichtszüge. Dann verblasste die Benommenheit in seinem Kopf langsam und er erinnerte sich wieder an alles. Er war immer noch im Flugzeug von Professor Amethyst. Schnell richtete er sich auf.

Anders als bei der Schlafkapsel war Oliver diesmal bewusst, dass einige Stunden vergangen sein mussten. Sein Körper war steif, sein Hals tat weh. Er sah sich um.

Die Motoren waren kaum lauter als ein sanftes Summen im Hintergrund.

„Wir sind gelandet“, sagte Esther lächelnd.

„Gelandet?“, krächzte er heiser. „Wo?“

„Zu Hause.“

„Zu Hause? Meinst du…?“

Esther nickte. „In der Schule.“

Überwältigt ließ Oliver sich in seinen Sitz zurück fallen. Er hatte nicht geglaubt, dass er je wieder an diesen Ort zurückkehren durfte. Er war sehr erleichtert und ganz benommen vor Glück.

Esther redete weiter mit ihrer melodischen Stimme und Oliver hörte aufmerksam zu.

„Du hast die ganze Reise über geschlafen“, sagte sie. „Professor Amethyst hat gesagt, dass du all deine Energie aufgebraucht hast, um die Bombe zu zerstören. Er konnte kaum glauben, dass du es ganz alleine geschafft hast, obwohl du kaum Zeit hattest zu üben. Aber ich habe an dich geglaubt! Ich wusste von Anfang an, dass du etwas ganz Besonderes bist, Oliver.“

Oliver wurde rot. Schüchtern blickte er zu Boden. „Was ist passiert… nachdem ich gegangen bin? Ich hoffe, du hast die Lücke in der Wand nicht zu lange offen gehalten. Wann sind die Stundenpläne wieder aktiv geworden?“

„Ich habe die Lücke gehalten, so lange ich konnte“, erklärte sie. „Aber als mein Stundenplan sich gerührt hat, wusste ich, dass ich etwas unternehmen musste. Edmund ist natürlich sofort zu Professor Amethyst gegangen und hat ihm gesagt, was wir getan haben. Ich glaube, er wollte, dass du von der Schule geworfen wirst, aber der Professor hat alle Schüler versammelt und mit uns beraten, was zu tun wäre.“

„Edmund hat mich aus Versehen gerettet?“, grinste Oliver. „Ironie.“

Esther lachte. „Kann man so sagen. Professor Amethyst wusste bereits, dass du in Deutschland bist. Zumindest hat er uns gesagt, dass es in den meisten Dimensionen so war. Also sind wir dorthin geflogen und … nun ja… den Rest der Geschichte kennst du ja.“

„Wie konntet ihr ihn überreden, dass er euch mitnimmt?“, fragte Oliver.

„Das mussten wir gar nicht“, entgegnete Esther. „Er hat uns ausgewählt. Er wusste, dass unsere Kräfte am besten geeignet waren, wegen der starken Verbindung, die wir zu dir haben.“

Als er an seine Freunde dachte, sah er sich in der leeren Kabine um.

„Wo sind die anderen? Ralph, Hazel, Simon und Walter?“ Erst jetzt bemerkte er, dass die Tür offen stand. Licht fiel herein.

„Sie sind schon vorgegangen, um den anderen Schülern alles zu erzählen. Bist du bereit, als Held gefeiert zu werden?“

„Ich… Was?“, fragte er erschrocken.

Esther lächelte breit und ihre hübschen, perlweißen Zähne kamen zum Vorschein. „Du bist ein Held, Oliver! Komm schon!“

Für Oliver ging alles viel zu schnell, aber als Esther seine Hand nahm, verflogen seine Zweifel. Für ihn zählte nur noch das Gefühl von Esthers warmer, weicher Haut.

Sie zog ihn aus der offenen Tür des Flugzeugs und Oliver taumelte orientierungslos hinter ihr her ins gleißend helle Licht. Sofort entbrannte tosender Applaus, der immer lauter zu werden schien.

Er trat mitten in ein großes Konzert von Jubel. Das künstlich erzeugte Sonnenlicht ließ ihn blinzeln.

Als sich seine Augen an das Licht gewöhnt hatten, konnte er sehen, dass er sich in einer der großen Versammlungshallen in der Schule für Seher befand. Jede erdenkliche Variante von Fahrzeugen stand hier bereit, von Fähren über Hubschrauber bis hin zu futuristischen Gefährten wie dem Flugobjekt von Professor Amethyst. Sie mussten durch eine Öffnung an der Decke der Halle eingeflogen sein.

Überall um ihn herum standen Schüler und Lehrer zwischen den Fahrzeugen. Alle jubelten ihm zu, klatschten, sprangen auf und ab und feierten seinen großen Erfolg.

Oliver platzte vor Stolz. Aber es war mehr als das. Er empfand auch Dankbarkeit und das tiefe Gefühl, zu Hause zu sein.

Vor ihm war eine Bühne, auf der Professor Amethyst mit Ralph, Hazel, Walter und Simon in einer Reihe stand und auf ihn wartete. Sie winkten Oliver zu. Esther zog sanft an seiner Hand und führte ihn zu ihnen.

Als Oliver sich zu seinen Freunden stellte, verstummte die Menge. Professor Amethyst begann zu sprechen und seine dröhnende Stimme schallte durch die Halle.

„Heute haben Oliver und seine Freunde eine bemerkenswerte Leistung vollbracht. Sie haben die Welt vor dem Untergang gerettet. Noch nie hat ein Seher aus unserer Schule solch einen Erfolg verzeichnet.“

Wieder jubelten und schrien alle vor Begeisterung. Doch Oliver bemerkte ein Gesicht, das finster und ernst dreinblickte. Edmund. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und starrte Oliver wütend an.

„Die Gefahr, der unsere Schule durch den hinterhältigen Angriff eines abtrünnigen Sehers ausgesetzt war, ist gebannt!“, fuhr Professor Amethyst fort. „Auch wenn sich dieser Angriff nicht wiederholen kann, müssen wir uns dennoch auf weitere Herausforderungen gefasst machen. Aber heute wird gefeiert! Ein besonderes Festmahl erwartet euch im Speisesaal!“

Wieder brandete ein ohrenbetäubender Applaus auf. Erst nach einer ganzen Weile begann sich die Versammlung nach und nach aufzulösen. Alle freuten sich jetzt auf das Festmahl.

Olivers Freunde umringten ihn.

„Mein Freund! Es tut wirklich gut, dich wohlauf zu sehen!“, sagte Simon und klopfte ihm herzlich auf den Rücken.

„Ich bin so froh, dass es dir gut geht, Oliver!“, rief Hazel.

„Das war echt einmalig! Wahnsinnig mutig bist du!“, fügte Walter begeistert hinzu.

„Und leichtsinnig!“, fügte Ralph mit erhobenem Zeigefinger hinzu. „Ich hatte fast einen Herzinfarkt, als ich aufgewacht bin und gehört habe, dass du dich aus dem Staub gemacht hast!“

„Das war wirklich verrückt“, stimmte Hazel zu. „Du hast Glück, dass Professor Amethyst dir geholfen hat.“

„Er hatte gar keine Wahl. Die Schule war in Gefahr. Er musste handeln“, widersprach Esther.

„Aber es ist ein kleines Wunder, dass sie dich wieder in die Schule aufgenommen haben“, entgegnete Ralph.

Sie redeten immer weiter auf ihn ein, aber Oliver konnte nicht mehr zuhören. Noch immer fühlte er sich schwach und desorientiert. Und da war noch etwas anderes, das ihn belastete.

Er drehte sich um und ging zu Professor Amethyst.

„Könnte ich Sie einen Augenblick sprechen?“, fragte er.

Professor Amethyst nickte. Olivers Freunde sahen enttäuscht zu ihm.

„Kommst du nicht mit uns zum Essen?“, fragte Hazel.

„Ich muss nur erst…“, begann Oliver. „Es gibt da etwas, das ich klären muss.“

„Oliver, gönn dir doch mal eine Pause!“, rief Walter. „Komm mit uns und stärke dich!“

„Ja, und ruh‘ dich aus“, sagte Ralph.

„Das würde dir bestimmt nicht schaden“, fügte Simon hinzu.

Doch Oliver schüttelte den Kopf. „Es tut mir leid, aber ich muss mit Professor Amethyst reden.“

Sein Blick verweilte auf Esther. Er sah ihr an, dass sie traurig war. Es war, als ob sie etwas wusste, das Oliver selbst noch nicht verstand. Wusste sie etwa, was er mit dem Direktor besprechen wollte?

Professor Amethyst schob Oliver an durch die Tür. Sie gingen hinaus in das Atrium und fuhren direkt in die oberste Etage der Schule. Dort überquerten sie die Schwelle zur sechsten Dimension und begann zu schweben. Um sie herum schwebten die bunt leuchtenden Quallen. Es war wunderschön. Oliver entspannte sich etwas.

„Was bedrückt dich, Oliver?“, fragte Professor Amethyst.

„Lucas“, sagte er leise. „Ich… ich glaube, es ist meine Schuld, dass er die Schule so sehr hasst.“

„Warum denkst du das?“

„Lucas ist ein Seher“, erklärte Oliver, „ein Kobalt-Seher, aber Armando hat das nicht erkannt. Deswegen wurde er auch nie hierher an die Schule geschickt und ich glaube, deswegen hat er sich dem Bösen zugewandt. Vielleicht war es ein Fehler in die Vergangenheit zu reisen und Armando meine Kräfte vorzuführen. So hat er nie erkannt, dass vielleicht Lucas der Seher war, den er in die richtige Richtung weisen sollte. Ich habe jedenfalls das Gefühl, dass es meine Schuld ist.

Der Direktor schüttelte den Kopf. „Ich glaube, du solltest wissen, dass Lucas von der Schule verwiesen wurde.

„Was?“

Professor Amethyst nickte. „Es war mein Fehler, Oliver. Ich habe nicht erkannt, dass Lucas ein Seher ist. Aber du musst auch verstehen, dass wir für die Entscheidungen anderer Menschen nicht verantwortlich sind. Lucas hat sich selbst entschieden, zur dunklen Seite zu wechseln.“

„Wirklich?“, hakte Oliver nach. „Er war genauso alt wie ich. Die Fabrik war sein Zuhause. Armando war sein Vorbild – dann kam ich und habe alles kaputt gemacht.“

Er spürte die Hand des Direktors auf seiner Schulter.

„Lucas hatte ein schweres Leben, das kann man nicht bestreiten. Aber das hattest du auch, Oliver. Trotzdem bist du an den Umständen nicht verzweifelt. Lucas hat sich seinen Lebensweg selbst ausgesucht. Dass du seinen Weg gekreuzt hast, hat nichts daran geändert.“

Oliver hätte dem Direktor gerne geglaubt, aber er fühlte sich immer noch schuldig und glaubte, dass er eine Kettenreaktion ausgelöst hatte. Es belastete ihn sehr.

„Er wird sich irgendwann rächen“, sagte Oliver laut. „Vielleicht wird es nicht ganz so furchtbar, wie er es geplant hatte, aber er wird Armando töten.“

„Ein Seher kann nicht alles und jeden retten“, sagte Professor Amethyst. „Es ist eine harte Lektion und du bist nicht der erste Seher, der in diesem Dilemma steckt. Auch ich habe immer wieder mit dem Schicksal gehadert. Es gibt einfach ein paar Dinge, die ein Seher nicht kontrollieren kann. Hitler, zum Beispiel. Du hast die Verschwörung eines Sehers sabotiert, der zusammen mit einem der bösesten Männer der Geschichte die Welt zerstören wollte. Aber das, was über Hitler in unseren Geschichtsbüchern steht, kannst auch du nicht ändern. Gegen manche Dinge sind wir machtlos. Auch wenn du dein Leben dem Kampf gegen die feindlichen Seher widmest, musst du diese Sache hinter dich bringen. Wir können die Weltgeschichte nicht perfekt machen.“

„Hitler wollte mich töten“, sagte Oliver. „Aber kann man überhaupt sterben, wenn es gegen das Schicksal geht?“

„Auch wenn das Schicksal vorgesehen hat, dass du lebst, kannst du trotzdem sterben“, sagte Professor Amethyst vorsichtig. „Nichts ist festgelegt. Aber das Universum wird immer versuchen, einen Weg zu finden. Wenn man stirbt, obwohl man zu Größerem bestimmt ist, dann kann es sich einschalten und beispielsweise weitere Seher zur Unterstützung schicken. Manche Dinge können nicht in jeder Dimensionen passieren, besonders die bösen Taten von abtrünnigen Sehern.“

„Aber Lucas ist ein abtrünniger Seher“, wandte Oliver ein, „heißt das, seine Taten können rückgängig gemacht werden?“

Wenn Armando von Lucas, einem abtrünnigen Seher, getötet wurde, bedeutete das vielleicht, dass es eine Chance gab, die Geschichte noch einmal zu ändern. Wollte das Universum, dass Oliver einen besseren Weg fand?

Der Professor hielt inne. Ein Lächeln zuckte an seinem Mundwinkel. Oliver hatte den starken Eindruck, dass er ihn zu einem bestimmten Entschluss führte. Oliver war aufgeregt.

„Ich habe recht, oder?“, bohrte er nach. „Weil Lucas ein abtrünniger Seher ist, ist keine seiner Handlungen in den Zeitebenen festgelegt – auch nicht der Mord an Armando.“

Professor Amethyst lächelte jetzt etwas breiter.

„Armando sollte nicht sterben!“, rief Oliver. „Genau wie Hitlers Bombe nicht explodieren sollte.“ Er starrte den Direktor mit großen Augen an. „Sie wussten es die ganze Zeit!“

Der Professor nickte. „Alles hat einen Grund und einen Zweck. Nichts ist festgelegt. Ein Seher muss seinen eigenen Weg finden, und du hast deinen eigenen Weg gefunden. Armando Illstrom ist nicht dein Mentor, weil du so gut zu ihm passt, sondern weil er wichtig ist. Eure beiden Schicksale sind miteinander verwoben. Jeder von euch braucht die Hilfe des anderen und das Universum braucht euch beide.“

Oliver war von dieser Offenbarung völlig überwältigt. Sein Kopf schwirrte. Er dachte, dass für Armando jede Hoffnung verloren war, aber jetzt hatte er erfahren, dass das nicht stimmte. Vielleicht würde er ihn doch noch retten können!

„Armandos Schicksal gehört zu meinem Schicksal“, sagte Oliver laut.

„Und jeder Moment ist für ihn gefährlich“, sagte der Professor. „Bei unserem ersten Treffen habe ich dir gesagt, dass ich dir nur ein paar Tage mit ihm möglich machen konnte. Das liegt an Lucas‘ Machenschaften. Es wird nicht leicht sein – womöglich ist es sogar unmöglich, das zu ändern. Mit jedem Moment sind sie fester in die Zeit eingebrannt.“

„Ich muss Armando helfen.“

Jetzt begriff er, was hinter Esthers traurigem Blick steckte. Sie hatte bereits herausgefunden, dass Armando gerettet werden konnte und dass Oliver derjenige war, der es tun musste. Sie hatte gewusst, dass er sie und die Schule wieder verlassen würde. Und das bedeutete, dass er möglicherweise nie wieder zurückkam.

„Armando braucht mich. Ich werde sofort gehen.“

Der Professor schwieg. Aber Oliver verstand den Blick in seinen Augen. Es war sein Schicksal. Die Zeit war eine Aneinanderreihung von Augenblicken, die ihn hierher geführt hatten.

Das Schicksal hatte ihn wieder zurück in die Schule für Seher gebracht, aber vielleicht hatte er das nächste Mal nicht so viel Glück. Es gab keine Garantie, dass es in Zukunft wieder so sein würde. Jetzt zu gehen, konnte das Ende seiner Zeit an der Schule bedeuten.

Professor Amethyst blieb stoisch. „Verstehst du auch wirklich, was das für dich bedeutet? Verstehst du alle Konsequenzen?“

Oliver nickte langsam. „Es bedeutet, dass ich womöglich nicht mehr zurückkehren kann.“

„Und du bist bereit, dieses Risiko einzugehen?“, fragte der Professor nachdrücklich. „Du willst wirklich, alles, was du hier hast, für deinen Mentor aufgeben?“

Oliver wurde schwer ums Herz. „Ich muss es tun. Armando muss leben. Ich weiß selbst nicht, warum, aber vielleicht hat es etwas mit seinen Erfindungen zu tun. Er hat wunderbare Dinge für die Menschheit geleistet.“

„Dann musst du deiner Eingebung folgen. Ich möchte dir das hier geben“, sagte der Professor.

Er zog etwas aus seiner Tasche und gab es Oliver. Es war ein Amulett. Darauf war ein Ring mit drei Augen zu sehen. Das Symbol der Schule.

„Trage es immer bei dir. Wenn eine Zeitebene mit dem Moment verschmilzt, den du gerade erlebst, wird es leuchten und dir ein Tor zurück in die Schule öffnen.“

Oliver drückte es dankbar an sich. Vielleicht würde er doch eines Tages zurückkommen.

„Jetzt geh zu den anderen“, sagte Professor Amethyst. „Deine Freunde haben es verdient, dass du ihnen von deinem Vorhaben erzählst. Danach werde ich dich zum Ausgang bringen – zu einem richtigen Ausgang.“ Grinsend sah er ihm in die Augen. „Diesmal braucht Miss Valentini nicht mein Schild beschädigen.“

Oliver nickte. Er verließ die sechste Dimension und ging zum Aufzug. Auf dem Weg nach unten kämpfte er gegen die Tränen. Wie sollte er seinen Freunden ins Gesicht sehen und ihnen sagen, dass er sie vielleicht nie wieder sehen würde? Dass er sich für immer von ihnen verabschiedete?

Als er den Speisesaal erreichte, öffnete sich die Tür, noch bevor er sie berührte. Seine Freunde kamen heraus.

„Oliver!“, rief Ralph überrascht. „Wir wollten gerade nach dir sehen.“

Oliver senkte den Blick. Wie Esther hatten wohl auch die anderen gespürt, dass etwas nicht stimmte.

Traurig sah er von Gesicht zu Gesicht. Alleine der Gedanke, sich von ihnen verabschieden zu müssen, war so schmerzhaft, dass Oliver fast bereit war, seine Meinung zu ändern. Aber das Gefühl, dass er gehen musste, war zu stark. Die Fabrik zog ihn magnetisch an.

„Ich muss gehen“, sagte er, um es kurz und schmerzlos zu machen.

Sie waren nicht überrascht und niemand versuchte, es ihm auszureden. Es kam Oliver fast vor, als wären sie alle stillschweigend zum gleichen Schluss gekommen. Aber gleichzeitig war das Gefühl des Verlustes fast unerträglich.

„Wir können dich von deinem Entschluss nicht abbringen, oder?“, sagte Simon leise.

Oliver schüttelte den Kopf.

„Auch wenn es eine große Dummheit wäre, alleine zu gehen?“, fragte Hazel. Sie klang dabei nicht herablassend, sondern wehmütig. In ihren Augen glitzerten Tränen.

Oliver lachte traurig und schüttelte den Kopf.

„Oder wenn ich dir sagen würde, dass es gegen die Regeln verstößt?“, fügte Ralph hinzu.

Wieder schüttelte Oliver den Kopf.

„Bleibst du noch für eine letzte Runde Switchit?“, fragte Walter.

„Ich kann leider nicht“, entgegnete Oliver, der immer trauriger wurde.

Jetzt trat Esther auf ihn zu. „Du hast mir ein zweites Date versprochen“, sagte sie leise.

„Ich weiß“, sagte Oliver. „Es tut mir leid. Aber ich hoffe, dass ich eines Tages zurückkehren kann, dann werden wir es nachholen.“

Ralph legte seine Hand auf Olivers Schulter.

„Ich wünsche dir viel Glück“, sagte er. Oliver sah, dass auch er mit den Tränen kämpfte.

Oliver nahm in die Arme, dann schlangen auf einmal alle ihre Arme um ihn, hielten ihn fest und überschütteten ihn mit Liebe und Freundschaft. Er wollte diesen Moment für immer festhalten. Sein ganzes Leben lang hatte er sich nach solchen Freunden gesehnt. Aber jetzt hatte er eine wichtigere Aufgabe zu erfüllen. Seine Pflicht als Seher verlangte es. Armando musste leben.

Er löste sich aus der Umarmung. Es war zu schmerzhaft, sie ein letztes Mal anzusehen.

Schnell drehte er sich um und eilte davon.

KAPITEL SIEBENUNDDREISSIG

Oliver ging schwermütig neben Professor Amethyst her. Sie betraten die sechste Dimension und Oliver sah diesen wunderbaren Raum ganz bewusst noch einmal an. Womöglich war es seine letzte Gelegenheit, noch einmal die in der Dunkelheit schwebenden und die leuchtenden Kugeln zu bewundern. Der Anblick war bemerkenswert.

„Ich habe für dich ein Wurmloch geschaffen“, sagte der Professor, als er Oliver tiefer in die Dunkelheit führte. „Es wird dich zurück in deine Zeitebene bringen.“

Oliver sah ihn erstaunt an. „Bedeutet das, dass ich direkt in die Fabrik komme?“

Der Professor nickte. „Ja.“

„Vielen Dank, Professor“, sagte er aufrichtig.

Professor Amethyst lächelte ihn gütig an. „Solche Wurmlöcher sind nicht leicht zu erschaffen, Oliver. Ich würde das nicht für jeden tun. Aber für dich ist es die Mühe wert. Du musst dich jedoch beeilen, es bleibt nur für eine halbe Stunde stabil und die Zeit ist bald abgelaufen.“

Oliver nickte und atmete noch einmal tief durch. Dann schloss er die Finger um das Amulett, dass Professor Amethyst ihm gegeben hatte. Es war glühend heiß geworden. Der Professor öffnete den Durchgang.

Oliver konnte seinen Augen kaum trauen, als er auf der anderen Seite den Lagerraum der Fabrik erkannte. Ein schimmernder Film lag vor dem Raum. Es schien das einzige zu sein, was die beiden Dimensionen voneinander trennte.

„Wie komme ich zurück?“, fragte Oliver.

Professor Amethyst sah ihn ernst an.

„Gar nicht“, sagte er dann.

Obwohl Oliver die Antwort bereits kannte, war es doch erschreckend, sie aus dem Munde des Professors zu hören. Es machte die Tatsache endgültig.

„Dieses Wurmloch kann man nur ein einziges Mal benutzen“, erklärte der Professor noch einmal ganz deutlich. „Sobald du auf der anderen Seite bist, wird es aufhören zu existieren. Du wirst es kein zweites Mal benutzen können um zurück in die Schule zu gelangen. Hast du das verstanden?“

Oliver sah ihn noch einmal an. „Ja, ich habe verstanden.“

Oliver war ihm sehr dankbar für die Zeit, die er an der Schule für Seher verbringen durfte. Ohne Professor Amethyst wäre er nie hier gewesen. Er hätte auch nie so tolle Freunde in Walter, Ralph, Simon, Hazel und Esther gefunden, oder die Gelegenheit bekommen, so viel über sich selbst und seine Fähigkeiten zu erfahren. Mit Switchit hatte sogar endlich einen Sport gefunden, den er liebte! Dank der Schule würde er jetzt Erinnerungen haben, die er für immer in Ehren halten konnte, ganz zu schweigen von den Kräften, die er weiterentwickeln würde.

„Ich danke Ihnen für alles, was Sie für mich getan haben, Professor“, sagte er.

Professor Amethyst nickte. „Ich habe es gern getan, Oliver. Und ich wünsche dir viel Glück.“

Oliver drehte sich noch einmal um und sah in den Lagerraum. Der Gedanke, die Schule für immer hinter sich zu lassen, war beinahe zu viel für ihn. Vielleicht würde er nie mehr an diesen Ort zurückkehren, nie wieder seine Freunde sehen. Die Zukunft war ungewiss. Er hatte keine Ahnung, was ihn auf der anderen Seite dieses Durchgangs erwartete oder wie er die Geschichte beeinflussen würde.

Aber jetzt musste er tapfer sein. Wenn er etwas gelernt hatte, dann war es Tapferkeit und Zuversicht. Er drückte das Amulett fest an sich und machte einen großen Schritt in das Wurmloch.

Es gab ein merkwürdiges Zischen. Oliver spürte Wind in seinen Haaren. Sein T-Shirt flatterte wie ein Segel im Sturm. Sein Körper wurde hin und her gerissen. Er konnte kaum atmen. Noch schwerer fiel es ihm, die Augen offen zu halten. Blinzelnd drehte er den Kopf zur Seite und kämpfte sich blind voran.

Plötzlich stieß er gegen etwas Hartes. Er öffnete die Augen und sah ein paar umgeworfene Besen, die wohl zuvor an der Wand gelehnt hatten. Der Wind verebbte und das merkwürdige Gefühl ließ nach.

Oliverblickte auf sein Amulett. Das Metall war kalt. Er hängte es um seinen Hals und blickte sich um. Der Durchgang war verschwunden und mit ihm die Schule für Seher.

Jetzt gab es kein Zurück mehr.

JETZT VORBESTELLEN!


DIE KUGEL VON KANDRA

(Oliver Blue und die Schule für Seher—Buch Zwei)

„Ein starker Startschuss zu einer Serie, die eine gute Mischung aus lebhaften Protagonisten und herausfordernden Situationen bietet und nicht nur junge, sondern auch erwachsene Fantasy-Fans mit epischen Geschichten über starke Freundschaften und Feindschaften in ihren Bann zieht.“

--Midwest Book Review (Diane Donovan) (über A Throne for Sisters)

„Morgan Rices Ideenreichtum ist grenzenlos!”

--Books and Movie Reviews (über A Throne for Sisters)

Von der Fantasy Bestsellerautorin Morgan Rice kommt eine neue Serie für junge Leser — und auch Erwachsene! Fans von Harry Potter und Percy Jackson – aufgepasst!


In DIE KUGEL VON KANDRA: OLIVER BLUE UND DIE SCHULE FÜR SEHER (BUCH ZWEI) ist der elfjährige Oliver Blue wieder in die Gegenwart zurückgekehrt, um den Mord an seinem großen Vorbild Armando Illstrom zu verhindern.

Doch als Oliver herausfindet, dass die Kugel von Kandra gestohlen wurde, weiß er, dass er sie zurückholen muss, damit die Schule für Seher nicht zerstört wird. Dafür muss er weit in die Vergangenheit Englands reisen, in das Jahr 1690 und eine überaus wichtige Person retten: Sir Isaac Newton.

Gleichzeitig werden an der Obsidian-Schule ebenfalls sehr mächtige Seher herangezogen, deren Ziel es sein soll, Oliver aufzuhalten. Als die Schule schließlich Olivers hinterhältigen großen Bruder Chris rekrutiert, kann das für Oliver nur eines bedeuten: ein Kampf auf Leben und Tod!

Die mitreißende Fantasy-Geschichte DIE KUGEL VON KANDRA ist der zweite Teil einer fesselnden neuen Serie voller Magie, Liebe, Humor, Sehnsucht, Schicksal und spannenden Wendungen. Die Geschichte von Oliver Blue wird auch Sie bezaubern und bis tief in die Nacht hinein fesseln.

Buch 3 dieser Reihe (DIE OBSIDIANE) ist auch bald zu haben!

„Der Beginn einer bemerkenswerten Geschichte.”

--San Francisco Book Review (über A Quest of Heroes)

Ebenfalls erhältlich: Eine große Auswahl an Fantasy-Reihen von Morgan Rice, einschließlich A QUEST OF HEROES (BUCH 1 von THE SORCERER’S RING), der als kostenloser Download zu Verfügung steht und mehr als 1300 Mal mit fünf Sternen bewertet wurde!


DIE KUGEL VON KANDRA

(Oliver Blue und die Schule für Seher—Buch Zwei)

Wussten Sie, dass Morgan Rice viele verschiedene Serien geschrieben hat? Wenn Sie noch nicht alle kennen, klicken Sie einfach auf ein Cover und holen Sie sich einen Serienauftakt!

Bücher von Morgan Rice

OLIVER BLUE UND DIE SCHULE FÜR SEHER

DIE ZAUBERFABRIK (Buch #1)

DIE KUGEL VON KANDRA (Buch #2)

DIE OBSIDIANE (Buch #3)

DIE INVASION CHRONIKEN

ÜBERMITTLUNG (Buch #1)

ANKUNFT (Buch #2)

AUFSTIEG (Buch #3)

RÜCKKEHR (Buch #4)


EIN THRON FÜR SCHWESTERN

EIN THRON FÜR SCHWESTERN (Buch #1)

EIN GERICHT FÜR DIEBE (Buch #2)

EIN LIED FÜR WAISEN (Buch #3)

EIN KLAGELIED FÜR PRINZEN (Buch #4)

EIN JUWEL FÜR KÖNIGE (Buch #5)

EIN KUSS FÜR KÖNIGINNEN (Buch #6)

EINE KRONE FÜR MÖDERINNEN (Buch# 7)

EIN HÄNDEDRUCK FÜR THRONERBINNEN (Buch #8)

FÜR RUHM UND KRONE

SLAVIN, KRIEGERIN, KÖNIGIN (Buch 1)

SCHURKIN, GEFANGENE, PRINZESSIN (Buch 2)

RITTER, THRONFOLGER, PRINZ (Buch 3)

REBELL, SCHACHFIGUR, KÖNIG (Buch 4)

SOLDAT, BRUDER, ZAUBERER (Buch 5)

HELD, VERRÄTER, TOCHTER (Buch 6)

HERRSCHER, RIVALE, VERBANNTE (Buch 7)

SIEGER, BESIEGTER, SOHN (Buch 8)

VON KÖNIGEN UND ZAUBERERN

DER AUFSTAND DER DRACHEN (Buch 1)

DER AUFSTAND DER TAPFEREN (Buch 2)

DAS GEWICHT DER EHRE (Buch 3)

DIE SCHMIEDE DES MUTS (Buch 4)

EIN REICH DER SCHATTEN (Buch 5)

DIE NACHT DER VERWEGENEN (Buch 6)

DER RING DER ZAUBEREI

QUESTE DER HELDEN (Buch 1)

MARSCH DER KÖNIGE (Buch 2)

FESTMAHL DER DRACHEN (Buch 3)

KAMPF DER EHRE (Buch 4)

SCHWUR DES RUHMS (Buch 5)

ANGRIFF DER TAPFERKEIT (Buch 6)

RITUS DER SCHWERTER (Buch 7)

GEWÄHR DER WAFFEN (Buch 8)

HIMMEL DER ZAUBER (Buch 9)

MEER DER SCHILDE (Buch 10)

REGENTSCHAFT DES STAHLS (Buch 11)

LAND DES FEUERS (Buch 12)

DIE HERRSCHAFT DER KÖNIGINNEN (Buch 13)

DER EID DER BRÜDER (Buch 14)

DER TRAUM DER STERBLICHEN (Buch 15)

DAS TOURNIER DER RITTER (Buch 16)

DAS GESCHENK DER SCHLACHT (Buch 17)

DIE TRILOGIE DES ÜBERLEBENS

ARENA EINS: DIE SKLAVENTREIBER (Buch 1)

ARENA ZWEI (Buch 2)

ARENA DREI (Buch 3)

GEFALLENE VAMPIRE

VOR DEM MORGENGRAUEN (Buch 1)

DER WEG DER VAMPIRE

GEWANDELT (Buch 1)

VERGÖTTERT (Buch 2)

VERRATEN (Buch 3)

BESTIMMT (Buch 4)

BEGEHRT (Buch 5)

VERMÄHLT (Buch 6)

GELOBT (Buch 7)

GEFUNDEN (Buch 8)

ERWECKT (Buch 9)

ERSEHNT (Buch 10)

BERUFEN (Buch 11)

BESESSEN (Buch 12)

Morgan Rice


Morgan Rice, Nummer 1 USA Today Bestsellerautorin, schrieb die epische Fantasy-Reihe DER RING DER ZAUBEREI, bestehend aus siebzehn Büchern; die Bestsellerserie DER WEG DER VAMPIRE, bestehend aus zwölf Büchern; die Bestsellerserie DIE TRILOGIE DES ÜBERLEBENS, ein post-apokalyptischer Thriller in drei Teilen; die epische Fantasy-Reihe VON KÖNIGEN UND ZAUBERERN, bestehend aus sechs Büchern; die epische Fantasy-Reihe FÜR RUHM UND KRONE, bestehend aus acht Büchern; die epische Fantasy-Reihe EIN THRON FÜR SCHWESTERN, bestehend aus acht Büchern (Fortsetzung folgt); die neue Science-Fiction Reihe THE INVASION CHRONICLES, bestehend aus vier Büchern; und die brandneue Fantasy-Reihe OLIVER BLUE und die schule für Seher, bestehend aus drei Büchern (Fortsetzung folgt). Morgans Bücher sind als Audio- und Printedition verfügbar und wurden in über 25 Sprachen übersetzt.

Morgan freut sich, von Ihnen zu hören. Gehen Sie zu www.morganricebooks.com und setzen Sie Ihren Namen auf die E- Mail Liste. Sie bekommen ein kostenloses Buch als Werbegeschenk und Sie können sich die kostenfreie App herunterladen, um immer die exklusivsten News zu erhalten. Folgen Sie uns auch bei Facebook und Twitter!

Age restriction:
16+
Release date on Litres:
10 October 2019
Volume:
321 p. 3 illustrations
ISBN:
9781640296862
Download format:
First book in the series "Oliver Blue und die Schule für Seher"
All books in the series

Similar books