Read the book: «Der Aufstand Der Drachen »
D E R A U F S T A N D D E R D R A C H E N
(VON KÖNIGEN UND ZAUBERERN—BUCH 1)
MORGAN RICE
Morgan Rice
Morgan Rice ist die #1 Besteller- und USA Today Bestseller-Autorin der 17 Bände umfassenden epischen Fantasy-Serie DER RING DER ZAUBEREI, der neuen #1 Bestseller Fantasy-Serie VON KÖNIGEN UND ZAUBERERN, der #1 Bestseller-Serie DER WEG DER VAMPIRE (bestehend aus derzeit 11 Bänden) und der #1 Bestseller-Serie DIE TRILOGIE DES ÜBERLEBENS, eine post-apokalyptische Thriller-Serie. Morgans Bücher sind verfügbar als Hörbücher und Printeditionen und wurden bisher in mehr als 25 Sprachen übersetzt.
GEWANDELT (Band #1 Der Weg Der Vampire), ARENA EINS (Band #1 Der Trilogie Des Überlebens) und QUESTE DER HELDEN (Band #1 im Ring der Zauberei) sind als kostenlose Downloads auf Amazon verfügbar! Das erste Buch aus Morgans neuer epischer Fantasy-Serie, DER AUFSTAND DER DRACHEN (VON KÖNIGEN UND ZAUBERERN Buch #1) wurde gerade veröffentlicht!
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Ausgewählte Kommentare zu Morgan Rices Büchern
“Eine Fantasievolle Fantasy-Geschichte, die Elemente von Mystik und Intrige in die Handlung einwebt. In Queste der Helden geht es um Mut und um das Erkennen des Sinns des Lebens, was zu Wachstum, Erwachsenwerden und Vortrefflichkeit führt… Für alle, die gehaltvolle Fantasy-Abenteuer suchen bieten die Hauptfiguren, ihre Waffen und die Handlung eine Reihe von Begegnungen, die sich auf Thor Entwicklung weg von einem verträumten Kind zu einem jungen Erwachsenen konzentrieren, bei denen er sich schier unlösbaren Aufgaben gegenüber findet... Das ist nur der Anfang von etwas, das verspricht, eine epische Serie für Junge erwachsene zu werden.”
--Midwest Book Review (D. Donovan, eBook Reviewer)
“DER RING DER ZAUBEREI hat alle Zutaten die für sofortigen Erfolg nötig sind: Anschläge und Gegenanschläge, Mysterien, edle Ritter und blühende Beziehungen die sich mit gebrochenen Herzen, Täuschung und Betrug abwechseln. Die Geschichten werden sie über Stunden in ihrem Bann halten und sind für alle Altersstufen geeignet. Eine wunderbare Ergänzung für das Bücherregal eines jeden Liebhabers von Fantasy Geschichten.”
--Books and Movie Reviews, Roberto Mattos
“Schnell und leicht zu lesen… Man muss lesen was als nächstes passiert. Man kann das Buch einfach nicht aus der Hand legen.”
—FantasyOnline.net (über Queste der Helden)
“Aktionsgeladen… Rice schreibt solide und die Geschichte ist faszinierend.”
—Publishers Weekly (über Queste der Helden)
“[Eine] unterhaltsame epische Fantasy-Geschichte.”
—Kirkus Reviews (über Queste der Helden))
“Der Anfang von etwas Bemerkenswertem ist gemacht.”
—San Francisco Book Review (über Queste der Helden))
Bücher von Morgan Rice
VON KÖNIGEN UND ZAUBERERN
DER AUFSTAND DER DRACHEN (BAND #1)
DER RING DER ZAUBEREI
QUESTE DER HELDEN (Band #1)
MARSCH DER KÖNIGE (Band #2)
LOS DER DRACHEN (Band #3)
RUF NACH EHRE (Band #4)
SCHWUR DES RUHMS (Band #5)
ANGRIFF DER TAPFERKEIT(Band #6)
RITUS DER SCHWERTER (Band #7)
GEWÄHR DER WAFFEN (Band #8)
HIMMEL DER ZAUBER (Band #9)
MEER DER SCHILDE (Band #10)
REGENTSCHAFT DES STAHLS (Band #11)
LAND DES FEUERS (BAND #12)
DIE HERRSCHAFT DER KÖNIGINNEN (BAND #13)
DER EID DER BRÜDER (BAND #14)
DER TRAUM DER STERBLICHEN(BAND #15)
DAS TOURNIER DER RITTER (BAND #16)
DAS GESCHENK DER SCHLACHT
DIE TRILOGIE DES ÜBERLEBENS
ARENA EINS: DIE SKLAVENTREIBER (BAND #1)
ARENA TWO -- ARENA ZWEI (Band #2)
DER WEG DER VAMPIRE
GEWANDELT (Band #1 Der Weg Der Vampire)
VERGÖTTERT (Band #2 Der Weg Der Vampire)
VERRATEN (Band #3 Der Weg Der Vampire)
BESTIMMT (Band #4 Der Weg Der Vampire)
BEGEHRT (Band #5 Der Weg Der Vampire)
VERMÄHLT (Band #6)
GELOBT (Band #7)
GEFUNDEN (Band #8)
ERWECKT (Band #9)
ERSEHNT (Band #10)
BERUFEN (Band #11)
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Copyright © 2014 by Morgan Rice
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Diese Geschichte ist frei erfunden. Namen, Figuren, Unternehmen, Organisationen, Orte, Ereignisse und Vorfälle sind entweder ein Produkt der Phantasie des Autors oder werden im fiktionalen Sinne verwendet. Jegliche Ähnlichkeit mit existierenden Personen, tot oder lebendig, ist rein zufällig
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INHALT
KAPITEL EINS
KAPITEL ZWEI
KAPITEL DREI
KAPITEL VIER
KAPITEL FÜNF
KAPITEL SIX
KAPITEL SIEBEN
KAPITEL ACHT
KAPITEL NEUN
KAPITEL ZEHN
KAPITEL ELF
KAPITEL ZWÖLF
KAPITEL DREIZEHN
KAPITEL VIERZEHN
KAPITEL FÜNFZEHN
KAPITEL SECHZEHN
KAPITEL SIEBZEHN
KAPITEL ACHTZEHN
KAPITEL NEUNZEHN
KAPITEL ZWANZIG
KAPITEL EINUNDZWANZIG
KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG
KAPITEL DREIUNDZWANZIG
KAPITEL VIERUNDZWANZIG
KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG
KAPITEL SECHSUNDZWANZIG
KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG
KAPITEL ACHTUNDZWANZIG
KAPITEL NEUNUNDZWANZIG
KAPITEL DREISSIG
“Der Mensch ist manchmal seines Schicksals Meister:
Nicht durch die Schuld der Sterne, lieber Brutus,
Durch eigne Schuld nur sind wir Schwächlinge.”
--William Shakespeare
Julius Caesar
KAPITEL EINS
Es schneite. Kyra stand auf einem Grashügel, den hart gefrorenen Boden unter ihren Stiefeln, während sie versuchte, die beißende Kälte zu ignorieren, als sie ihren Bogen hob und sich auf ihr Ziel konzentrierte. Sie kniff die Augen zusammen, und sperrte den Rest der Welt aus – eine Windbö, das Krächzen einer Krähe in der Ferne – und zwang sich, nur die dünne Birke zu sehen, weit entfernt, schneeweiß und auffällig in einer Landschaft voller purpurner Kiefern. Sie stand 40 Metern Entfernung, nur ein wenig weiter, als ihre Brüder oder selbst die Männer ihres Vaters treffen konnten – was sie noch entschlossener werden ließ da sie die jüngste von allen und noch dazu das einzige Mädchen war.
Kyra hatte sich nie eingefügt. Ein Teil von ihr wollte natürlich tun, was von ihr erwartet wurde und Zeit mit den anderen Mädchen verbringen, und sich – so wie es sich für ein Mädchen gehörte – den häuslichen Dingen widmen; doch es entsprach einfach nicht ihrer Persönlichkeit. Sie war die Tochter ihres Vaters, hatte den Geist eines Kriegers wie er, und man konnte sie nicht in den steinernen Mauern der Festung einsperren; sie würde sich nicht ein Leben an Heim und Herd ergeben. Sie war ein besserer Schütze als all diese Männer – sie war tatsächlich schon besser als die besten Schützen ihres Vaters – und sie würde tun, was immer sie auch tun musste, um es allen zu beweisen – am meisten von allem ihrem Vater – dass man sie ernstnehmen musste. Sie wusste, dass ihr Vater sie liebte, doch er weigerte sich zu sehen, was wirklich in ihr steckte.
Kyra trainierte meistens außerhalb der Festung, allein hier draußen in der Ebene von Volis. Es störte sie nicht, denn als einziges Mädchen in einer Festung voller Krieger, hatte sie sich daran gewöhnt, allein zu sein. Hierhin, an ihren Lieblingsort, zog sie sich jeden Tag zurück; hier, hoch oben auf dem Plateau, von wo aus man die weitläufigen Steinmauern der Festung überblicken konnte, fand sie die besten Bäume – dünne Bäume, die schwer zu treffen waren. Das Zischen ihrer Pfeile war ein wohlbekanntes Geräusch geworden, das über das Dorf hallte. Nicht einem Baum hier oben waren ihre Pfeile erspart geblieben. Die Rinde ihrer Stämme war vernarbt, und einige neigten sich schon deutlich.
Kyra wusste, dass die meisten der Bogenschützen ihres Vaters auf die Mäuse in der Ebene schossen; als sie angefangen hatte, hatte sie es selbst auch versucht, und festgestellt, dass sie sie recht leicht töten konnte. Doch es hatte ihr Übelkeit bereitet. Sie war furchtlos, doch sie war auch sensibel, und ein Lebewesen vollkommen sinnlos zu töten gefiel ihr nicht. Sie hatte geschworen, nie wieder auf ein Lebewesen zu schießen, es sei denn es war gefährlich und griff sie an – so wie die Wolfsfledermäuse, die in der Nacht aus ihren Verstecken hervorkamen und zu dicht an das Fort ihres Vaters heranflogen. Sie hatte keine Skrupel, sie abzuschießen, besonders nachdem ihr jüngerer Bruder, Aidan, von einer gebissen worden und einen halben Mond lang krank gewesen war. Davon abgesehen waren sie die schnellsten Kreaturen hier, und sie wusste, wenn sie eine davon treffen konnte, besonders bei Nacht, dann konnte sie alles treffen. Sie hatte einmal eine ganze Vollmondnacht damit verbracht, vom Turm ihres Vaters aus zu schießen und war bei Sonnenaufgang erwartungsvoll hinausgerannt, begeistert, die zahllosen Wolfsfledermäuse am Boden zu sehen, in denen immer noch ihre Pfeile steckten. Die Dorfbewohner hatten sich staunend um sie herum versammelt.
Kyra zwang sich dazu, sich zu konzentrieren. Sie spielte den Schuss vor ihrem geistigen Auge durch, sah, wie sie den Bogen hob, die Sehne schnell an ihr Kinn zog und sie ohne Zögern losließ. Sie wusste, dass die eigentliche Arbeit vor dem Schuss geschah. Sie hatte gesehen, dass zu viele Bogenschützen ihres Alters – sie war vierzehn – die Sehne zogen und zögerten, und wusste, dass damit ihre Schüsse verloren waren.
Sie atmete tief durch, hob den Bogen, spannte und schoss. Sie musste nicht einmal nachsehen, um zu wissen, dass sie den Baum getroffen hatte.
Einen Augenblick später hörte sie den Einschlag – doch sie hatte sich schon abgewandt und suchte nach einem neuen Ziel, das weiter entfernt war.
Kyra hörte ein Winseln zu ihren Füssen, und sie senkte den Blick zu Leo, ihrem Wolf, der wie immer neben ihr ging und sich an ihrem Bein rieb. Leo, ein ausgewachsener Wolf, der ihr fast bis zur Taille reichte, beschützte Kyra genauso wie sie ihn, und die beiden waren ein untrennbares Paar im Fort ihres Vaters.
Kyra konnte nirgendwo hingehen, ohne dass Leo ihr folgte. Und immer war er dicht an ihrer Seite – es sei denn ein Eichhörnchen oder Kaninchen kreuzte ihren Weg; dann verschwand er für mehrere Stunden.
„Ich hab dich nicht vergessen, mein Junge“, sagte Kyra, griff in ihre Tasche und reichte Leo einen Knochen, der vom heutigen Festmahl übriggeblieben war. Leo nahm ihn ihr dankbar ab und trottete weiter neben ihr her.
Im Gehen hängte Kyra den Bogen über ihre Schulter und blies sich dampfend in die kalten Hände. Sie ging über das weite, flache Plateau und sah sich um. Von diesem Aussichtspunkt konnte sie über das ganze Land sehen. Die sanften Hügel von Volis, sonst von sattem Grün, waren schneebedeckt. Volis war die Provinz in der die Festung ihres Vaters lag, im nordöstlichen Winkel des Königreichs Escalon gelegen. Von hier oben sah sie die Ereignisse im Fort ihres Vaters aus der Vogelperspektive, das Kommen und Gehen der Dorfbewohner und Krieger – ein weiterer Grund, warum sie so gerne hier oben war. Sie studierte gerne die alten steinernen Umrisse der Festung ihres Vaters, die Formen ihrer Zinnen und Türme, die sich eindrucksvoll über die Hügel erstreckten und sich bis zum Horizont auszubreiten schienen. Volis war die größte Anlage in der Gegend. Manche der Gebäude waren vier Stockwerke hoch und wurden von eindrucksvollen Wehrgängen eingerahmt. Die Festung wurde von einem kreisrunden Turm am anderen Ende, einer Kapelle für die Bürger, vervollständigt – doch sie kletterte gerne hinauf, um den Blick über die Landschaft schweifen zu lassen und allein zu sein. Die gesamte Anlage wurde von einem Graben umgeben, der bei der Straße von einer steinernen Bogenbrücke überspannt wurde. Der Graben wiederum war von einer Reihe äußerer Befestigungsanlagen umgeben, Hügel, Senken, Mauern – ein Ort, wie er sich für den wichtigsten Krieger des Königs – ihren Vater – ziemte.
Auch wenn Volis, die letzte Festung vor den Flammen, ein paar Tagesritte von Andros, Escalons Hauptstadt entfernt war, war es immer noch die Heimat vieler berühmter Krieger des vorherigen Königs. Es war zu einem Leuchtfeuer geworden, einem Ort, innerhalb oder vor dessen Mauern hunderte von Dorfbewohnern und Bauern sicher lebten.
Kyra blickte hinab auf Dutzende von kleinen Lehmhütten, die sich an die Hügel außerhalb des Forts schmiegten. Rauch stieg aus den Schornsteinen auf, Farmer eilten hin und her und bereiteten sich auf den Winter vor – und auf die Festlichkeiten, die heute Nacht bevorstanden. Die Tatsache, dass sich die Dorfbewohner sicher genug fühlten, außerhalb der Mauern zu leben, war ein Zeichen großen Respekts vor der Macht ihres Vaters, das wusste Kyra – ein Anblick, den es sonst nirgendwo in Escalon gab. Doch schließlich waren sie alle nicht mehr als einen Ruf des Horns vom Schutz entfernt. Ertönte der Ruf, versammelten sich sofort alle Männer ihres Vaters.
Kyra blickte zur Zugbrücke hinunter, die immer voller Menschen war, Bauern, Schuhmacher, Schlachter, Schmiede und natürlich Krieger – die alle geschäftig zwischen der Festung und dem Dorf hin und her eilten. Denn das Innere des Forts war nicht nur ein Ort zu leben und zu trainieren, sondern die endlosen gepflasterten Höfe hatten sich auch zu einem bunten Markt für Händler aller Art entwickelt. Jeden Tag bauten sie ihre Stände auf, boten ihre Waren feil, tauschten, präsentierten den Jagd- oder Fangerfolg des Tages oder exotische Tücher oder Gewürze oder Spezereien aus fernen Ländern. Die Höfe des Forts waren immer von exotischen Düften erfüllt, von Tees, von Eintöpfen; sie konnte Stunden dort verbringen. Und auf der anderen Seite der Mauern, in der Ferne, lag Fighter’s Gate, die Trainingsanlage der Männer ihres Vaters, von einer niedrigen Steinmauer umgeben. Bei ihrem Anblick schlug ihr Herz schneller und sie sah aufgeregt zu, wie die Männer auf ihren Pferden versuchten, Ziel mit ihren Lanzen zu treffen – Schilde, die von den Bäumen hingen. Sie sehnte sich danach, mit ihnen trainieren zu dürfen.
Plötzlich hörte Kyra einen Ruf aus Richtung des Torhauses kommen, und sie drehte sich sofort alarmiert um, denn sie kannte die Stimme. Die Menge war unruhig und sie sah, wie sich ihr jüngerer Bruder Aiden, angeführt von ihren beiden älteren Brüdern, Brandon und Braxton, den Weg auf die Hauptstraße bahnten, und Kyra verkrampfte sich. An der Stimme ihres kleinen Bruders konnte sie hören, dass ihre älteren Brüder nichts Gutes im Schilde führten.
Kyra kniff die Augen zusammen, als sie ihre älteren Brüder beobachtete, und eine nur zu bekannte Wut stieg in ihr auf, die sie unbewusst ihren Bogen fester packen ließ. Sie hatten Aiden, den sie fast eine Elle überragten, zwischen sich genommen und zerrten ihn an den Armen aus dem Fort hinaus aufs Land. Aiden, ein kleiner, dünner, sensibler Junge von kaum zehn Jahren, sah zwischen seinen Brüdern, ausgewachsenen Jungen von 17 und 18 Jahren, besonders verletzlich aus. Sie sahen sich alle ähnlich, hatten alle starke Kiefer, ein stolzes Kinn, dunkelbraune Augen und lockiges braunes Haar – auch wenn Brandon und Braxton ihre Haare kurz geschoren hatte, während Aidans Haar ihm immer noch ungebändigt in die Augen fiel. Sie sahen sich alle ähnlich – doch sie glich ihnen mit ihrem hellblonden Haar und den grauen Augen überhaupt nicht. Sie trug gewebte Hosen, ein wollenes Hemd und Mantel und war dünn und blass – viel zu blass, hatte man ihr gesagt, mit hoher Stirn und kleiner Nase, gesegnet mit einem hübschen Gesicht, das viele Männer zweimal hinsehen ließ. Besonders jetzt, wo sie 15 wurde, bemerkte sie die Blicke in zunehmendem Maße.
Sie fühlte sich unbehaglich dabei. Sie zog nicht gerne die Aufmerksamkeit anderer auf sich und fand sich auch nicht schön. Ihr Aussehen war ihr egal – alles was sie interessierte waren Training, Tapferkeit und Ehre. Ihr wäre es lieber gewesen, wenn sie wie ihre Brüder ihrem Vater geähnelt hätte, einem Mann, den sie über alles liebte. Sie suchte im Spiegel immer wieder nach etwas von ihm in ihren Augen, doch so sehr sie auch suchte, sie fand es nicht.
„Ich habe gesagt, lasst mich in Ruhe!“, rief Aidan und seine Stimme hallte bis zu ihr hinauf. Als sie die Schreie ihres geliebten kleinen Bruders hörte, stand sie kerzengrade wie eine Löwin, die ihr Junges beobachtet. Auch Leo erstarrte und die Haare auf seinem Rücken stellten sich auf.
Nachdem ihre Mutter schon lange nicht mehr bei ihnen war, fühlte Kyra sich verantwortlich, über Aidan zu wachen, ihm die Mutter zu geben, die er niemals gehabt hatte.
Brandon und Braxton zerrten ihn grob die Straße entlang, weg vom Fort, auf eine einsame Landstraße, die zu einem einsamen Wald führte, und sie sah, dass sie ihn zwangen, einen Speer zu werfen, der viel zu groß für ihn war.
Aidan war ein leichtes Ziel für Braxtons und Brandons Gemeinheiten. Sie waren stark und mutig, wie Jungen in ihrem Alter eben sind, doch sie waren bessere Maulhelden als wirkliche Krieger, und sie brockten sich immer wieder Ärger ein, aus dem sie alleine nicht wieder herauskamen. Es machte sie wütend.
Kyra erkannte, was vor sich ging: Brandon und Braxton zerrten Aidan mit sich auf die Jagd. Sie sah die Weinschläuche in ihren Händen, und wusste, dass sie getrunken hatte. Sie kochte vor Wut. Nicht genug, dass sie sinnlos irgendein Tier töten würden, doch nun schleppten sie auch noch trotz seines Protests ihren kleinen Bruder mit sich.
Kyras Instinkte erwachten und sie rannte mit Leo an ihrer Seite den Hügel hinunter, um sie zu stellen.
„Du bist alt genug!“, sagte Brandon zu Aidan.
„Es ist höchste Zeit, dass du ein Mann wirst“, grunzte Braxton.
Kyra brauchte nicht lange, um sie einzuholen. Sie rannte hinaus auf die Straße und blieb schwer atmend vor ihnen stehen. Leo stand mit gesträubtem Fell neben ihr und die Brüder blieben stehen und sahen sie erschrocken an.
Sie konnte die Erleichterung in Aidans Miene sehen.
„Hast du dich verlaufen?“, höhnte Braxton.
„Du stehst im Weg“, sagte Brandon. „Geh zurück zu deinen Pfeilen und Stöcken.“
Die beiden lachten höhnisch, doch sie sah sie böse an und Leo begann zu knurren.
„Halt dein Biest von uns fern“, sagte Braxton, und versuchte mutig zu klingen, doch die Angst in seiner Stimme war offensichtlich als er seinen Speer fester in seinen Händen hielt.
„Und was denkt ihr, wo ihr Aidan hinbringt?“, fragte sie todernst und sah sie ungerührt an.
Sie hielten inne und ihre Gesichter wurden langsam härter.
„Wir bringen ihn hin, wo immer es uns passt“, knurrte Brandon.
„Er geht mit uns auf die Jagd, um zu lernen wie man ein Mann wird“, sagte Braxton und betonte das letzte Wort bewusst.
Doch sie ließ nicht locker.
„Er ist zu jung“, sagte sie mit fester Stimme.
Brandon verzog das Gesicht.
„Wer sagt das?“
„Ich sage das.“
„Bist du seine Mutter?“, fragte Braxton.
Lyra wurde rot vor Wut, und wünschte sich mehr denn je, dass ihre Mutter jetzt hier wäre.
„So sehr wie du sein Vater bist“, antwortete sie.
Sie standen in angespannter Stille da und Kyra sah Aidan an, der ihren Blick aus ängstlichen Augen erwiderte.
„Aidan“, fragte sie, „möchtest du mit ihnen auf die Jagd gehen?“
Aidan senkte beschämt den Blick. Er stand schweigend da und wich ihrem Blick aus. Kyra hatte Bedenken, ein Machtwort zu sprechen, da sie ihre Brüder nicht provozieren wollte.
„Na bitte, da hast du’s“, sagte Brandon. „Er hat nichts dagegen.“
Kyra stand brennend vor Frustration da, und wollte, das Aidan etwas sagte, doch konnte ihn nicht dazu zwingen.
„Es ist dumm, ihn auf die Jagd mitzunehmen“, sagte sie. „Ein Sturm braut sich zusammen, und es wird bald dunkel. Der Wald ist voller Gefahren. Wenn ihr ihm beibringen wollt, wie man jagt, nehmt ihn an einem anderen Tag mit, wenn er älter ist.
Sie sahen sie verärgert an.
„Was weißt du schon von der Jagd?“, fragte Braxton. „Was hast du schon gejagt außer deinen Bäumen?“
„Hat dich etwa einer davon gebissen?“, fügte Brandon hinzu.
Beide lachten. Kyra kochte und überlegte, was sie tun sollte. Ohne, dass Aidan etwas sagte, konnte sie nicht viel tun.
„Du machst dir zu viele Sorgen“, sagte Brandon schließlich. „Mit uns wird Aidan schon nichts passieren. Wir wollen nur, dass er zum Mann wird – wir bringen ihn schon nicht um. Glaubst du etwa, dass du die einzige bist, die sich um ihn sorgt?“
„Davon abgesehen – Vater beobachtet uns“, sagte Braxton. „Willst du ihn etwa enttäuschen?“
Kyra warf einen Blick über ihre Schultern, und hoch oben, im Turm, konnte sie ihren Vater sehen, der an einem der großen Fenster stand und sie beobachtete. Sie war zutiefst von ihm enttäuscht, dass er sie nicht aufhielt.
Sie versuchten, sich an Kyra vorbeizudrängen, doch Kyra blockierte den Weg. Sie sahen aus, als wollten sie sie beiseite schubsen, doch Leo trat knurrend zwischen sie und sie überlegten es sich anders.
„Aidan, es ist noch nicht zu spät“, sagte sie zu ihm. „Du musst das nicht tun. Möchtest du mit mir zum Fort zurückgehen?“
Sie sah ihn an und konnte die Tränen in seinen Augen sehen, doch sie spürte, dass er hin und hergerissen war. Langes Schweigen folgte, durch nichts unterbrochen außer dem Heulen des Windes und dem dichter werdenden Schnee.
Schließlich regte er sich.
„Ich will jagen gehen“, murmelte er halbherzig.
Sofort stürmten ihre Brüder an ihr vorbei, rempelten sie an der Schulter an und zerrten Aidan mit sich die Straße hinunter.
Kyra drehte sich um und sah ihnen zu, ein Ungutes Gefühl im Bauch.
Sie wandte sich zum Fort um und blickte zum Turm auf, doch ihr Vater war schon verschwunden.
Kyra sah zu, wie ihre drei Brüder aus im Schnee verschwanden. Im immer stärker werdenden Sturm gingen sie auf den Dornenwald zu, und sie konnte das Ungute Gefühl im Bauch nicht loswerden. Sie überlegte, ob sie sie einholen und Aidan zurückbringen sollte – doch sie wollte ihn nicht beschämen.
Sie wusste, dass sie es vergessen sollte – doch es gelang ihr nicht. Irgendetwas in ihr ließ es nicht zu. Sie spürte die Gefahr an diesem Vorabend des Wintermondes. Sie traute ihren älteren Brüdern nicht; sie wusste zwar, dass sie Aidan nichts antun würden, doch sie waren leichtsinnig und zu grob. Was noch viel schlimmer war: sie hatten viel zu großes Vertrauen in ihre Fähigkeiten – und das war keine gute Kombination.
Kyra konnte es nicht länger ertragen. Wenn ihr Vater nichts tun würde, würde sie handeln. Sie war jetzt alt genug und musste niemandem mehr Rede und Antwort stehen außer sich selbst.
Sie rannte gefolgt von Leo los, die einsame Landstraße entlang, direkt auf den Dornenwald zu.
KAPITEL ZWEI
Kyra ging in den düsteren Dornenwald westlich der Festungsanlage, einem Wald, der so dicht war, dass man kaum etwas sehen konnte. Während sie langsam mit Leo weiterging, und Schnee und Eis unter ihren Füssen knirschten, blickte sie auf. Im Vergleich mit den riesigen Dornenbäumen kam sie sich winzig vor. Es waren uralte schwarze Bäume mit knorrigen Ästen, die Dornen ähnelten und fleischigen, schwarzen Blättern. Sie spürte, dass dieser Ort verflucht war; nichts Gutes kam jemals von hier. Die Männer ihres Vaters kehrten oft verletzt von der Jagd zurück und mehr als nur einmal war ein Troll durch die Flammen gebrochen, hatte hier Zuflucht gesucht und den Wald als Lager benutzt, um das Dorf anzugreifen.
In dem Augenblick, in dem sie ihn betrat, spürte sie sofort einen Schauer. Es war dunkler hier, kälter, und die Luft war feuchter; der Geruch der Dornenbäume lag schwer in der Luft – wie verrottende Erde – und die riesigen Bäume sperrten das letzte verbliebene Licht des Tages aus. Kyra war wütend auf ihre älteren Brüder. Es war gefährlich ohne die Begleitung von mehreren Kriegern hierher zu kommen – besonders in der Abenddämmerung. Jedes Geräusch ließ sie aufschrecken. Aus der Ferne hörte sie den Schrei eines Tieres und sah sich suchend danach um. Doch sie konnte es im dichten Wald nicht finden.
Leo jedoch knurrte neben ihr und stürmte plötzliche los.
„Leo!“, rief sie.
Doch er war schon verschwunden.
Sie seufzte verärgert; so war er immer, wenn sie einem Tier begegneten. Sie wusste, dass er irgendwann zurückkommen würde.
Kyra ging nun allein weiter; der Wald wurde immer dunkler, und es fiel ihr schwer, den Spuren ihrer Brüder zu folgen – bis sie fernes Gelächter hörte. Sie straffte sich und folgte dem Lachen durch die dicken Bäume, bis sie vor sich ihre Brüder sah,
Kyra hielt Abstand, denn sie wollte nicht, dass sie sie sahen. Sie wusste, dass Aidan sich schämen und sie wegschicken würde, wenn er sie sah. Sie würde sie aus der Deckung beobachten, nur um sicherzugehen, dass sie keinen Ärger bekamen. Es war besser für Aidan, sich wie ein Mann zu fühlen, als sich zu schämen.
Ein Zweig brach unter ihrem Stiefel und Kyra duckte sich, besorgt, dass das Geräusch sie verraten könnte – doch ihre betrunkenen Brüder bemerkten nichts. Sie waren etwa 30 Meter vor ihr und übertönten jedes Geräusch mit ihrem Lachen. An Aidans Körperhaltung konnte sie sehen, wie angespannt er war. Er sah aus, als würde er gleich in Tränen ausbrechen. Er hielt seinen Speer fest, um sich als Mann zu beweisen, doch er hielt die viel zu große Waffe unsicher und schwankte unter ihrem Gewicht.
„Komm hier hoch!“, rief Braxton Aidan zu, der ein paar Meter hinter ihnen lief.
„Wovor hast du solche Angst?“, fragte Brandon ihn.
„Ich habe keine Angst…“, beharrte Aidan.
„Ruhe!“, sagte Brandon plötzlich, blieb stehen und hielt Aidan zurück. Zum ersten Mal seit sie losgegangen waren, war seine Miene ernst. Auch Braxton blieb angespannt stehen.
Kyra versteckte sich hinter einem Baum und beobachtete ihre Brüder. Sie standen am Rand einer Lichtung und sahen geradeaus, als hätten sie etwas gesehen.
Vorsichtig kroch sie auf sie zu, um besser sehen zu können, und als sie zwischen zwei Bäumen hindurchsah, blieb sie verblüfft stehen, als sie entdeckte, was ihre Brüder sahen.
Mitten auf der Lichtung stand ein Eber und grub Eicheln aus. Doch es war kein normaler Eber; es war ein riesiger, schwarz gehörnter Eber – der größte, den sie je gesehen hatte, mit langen gebogenen weißen Hauern und drei langen scharfen Hörnern, wovon eines aus seiner Nase und zwei aus dem Kopf hervorragten. Beinahe so groß wie ein Bär, war es ein seltenes Tier, bekannt für seine Bösartigkeit und seine Schnelligkeit. Es war ein weithin gefürchtetes Tier, eines, dem kein Jäger je begegnen wollte.
Es bedeutete Ärger.
Kyra, die eine Gänsehaut bekam, wünschte sich, dass Leo hier wäre – doch in gewisser Weise war sie dankbar, dass er nicht hier war, denn sie wusste, er hätte sich sofort auf das Tier gestürzt und war sich nicht sicher, ob er die Konfrontation überleben konnte.
Kyra nahm langsam ihren Bogen von der Schulter während sie instinktiv nach einem Pfeil griff. Sie betrachtete genau, wie weit der Eber von den Jungen entfernt war – und sah, dass er viel zu nah war. Außerdem waren viel zu viele Bäume im Weg, als dass sie einen sauberen Treffer landen konnte, und bei einem Tier dieser Größe war kein Raum für Fehler. Sie bezweifelte, dass ein Pfeil ausreichen würde, es zu töten.
Kyra sah die Angst in den Gesichtern ihrer Brüder – doch der Blick wich bei Braxton und Brandon schnell einem Ausdruck von Draufgängertum – wahrscheinlich der Mut der Betrunkenen. Beide hoben ihre Speere und gingen einige Schritte auf den Eber zu. Als Braxton Aidan wie angewurzelt stehen bleiben sah, packte er den kleinen Jungen an der Schulter und zog ihn mit sich.
„Das ist deine Chance, ein Mann zu werden“, sagte Braxton. „Töte den Eber und sie werden noch in Generationen über dich singen.“
„Ja, bring seinen Kopf zurück und du wirst berühmt werden“, sagte Brandon.
„Ich… hab Angst“, sagte Aidan.
Brandon und Braxton schnaubten, dann lachten sie ihn aus.
„Angst?“, sagte Brandon. „Was würde Vater sagen, wenn er das hören könnte?“
Der Eber hob aufmerksam den Kopf und starrte sie aus leuchtend gelben Augen an. Seine Schnauze verzog sich zu einem wütenden Brummen. Er öffnete das Maul und zeigte sabbernd seine Hauer, während er ein böses Knurren ausstieß. Selbst Kyra, die ein ganzes Stück weit entfernt war, spürte einen Anflug von Angst – sie konnte sich nur zu gut vorstellen, was Aidan empfinden musste.
Kyra schrieb jegliche Vorsicht in den Wind und tastete sich schnell voran, entschlossen, zu ihnen aufzuholen, bevor es zu spät war. Als sie nur noch ein paar Meter hinter ihren Brüdern war, rief sie, „Lasst es bleiben!“
Ihre strenge Stimme zerriss die Stille, und ihre Brüder fuhren, offensichtlich erschrocken, herum.
„Ihr hattet euren Spaß“, sagte sie. „Lasst es bleiben!“
Während Aidan erleichtert war, sahen Brandon und Braxton sie wütend an.
„Was weißt du schon?“, gab Brandon zurück. „Hör auf, dich in Männerangelegenheiten einzumischen.“
Der Eber knurrte lauter während er auf sie zu kroch, und Kyra, wütend und ängstlich zur gleichen Zeit, trat vor.
„Wenn ihr dumm genug seid, euch mit dem Vieh anzulegen, dann nur los“, sagte sie. „Doch ich nehme Aiden mit zurück.“
Brandon schnitt eine Grimasse.
„Aidan passiert hier schon nichts“, gab Brandon zurück. „Er ist im Begriff zu lernen, wie man kämpft. Nicht wahr, Aidan?“
Aidan stand schweigend da, starr vor Angst.
Kyra wollte gerade Aidan am Arm packen, als sie ein Rascheln von der Lichtung hörte. Sie sah wie der Eber langsam Schritt für Schritt bedrohlich näher kam.
„Er greift nicht an, wenn ihr ihn nicht provoziert“, flehte Kyra ihre Brüder an. „Lasst es gut sein.“
Doch ihre Brüder ignorierten sie, wandten ihr den Rücken zu, und hoben ihre Speere. Sie betraten die Lichtung, als ob sie ihr beweisen wollten, wie mutig sie waren.
„Ich ziele auf seinen Kopf“, sagte Brandon.
„Und ich auf seinen Hals“, stimmte Braxton zu.
Der Eber knurrte lauter, öffnete sein Maul weiter, sabberte, und ging weiter auf sie zu.
„Kommt zurück!“, schrie Kyra verzweifelt.
Doch Brandon und Braxton gingen weiter, hoben ihre Speere und warfen sie plötzlich.
Kyra beobachtete gebannt, wie die Speere durch die Luft segelten, und bereitete sich auf das Schlimmste vor. Zu ihre Entsetzen sah sie, wie Brandons Speer das Tier nur am Ohr kratzte – gerade genug, um es zu provozieren – während Braxtons Speer einen guten Meter am Kopf des Ebers vorbei segelte.
Plötzlich sahen Brandon und Braxton nicht mehr so mutig aus. Sie standen mit offenen Mündern und einem dummen Ausdruck im Gesicht da, und ihr betrunkener Mut wich nackter Angst.
Der Eber senkte wütend seinen Kopf, stieß ein schreckliches Grunzen aus und stürmte los.
Kyra sah mit Schrecken zu, wie er auf ihre Brüder zu stürmte. Für seine Größe war das Tier unglaublich schnell.
Als es näher kam, drehten sich Braxton und Brandon um und rannten in entgegengesetzte Richtungen davon.
Damit stand Aidan allein wie von der Furcht angewurzelt da. Sein Mund stand offen und er ließ den Speer fallen.
Kyra wusste, dass es keinen Unterschied machte: Aidan hätte sich ohnehin nicht gegen das Tier wehren können. Nicht einmal ein ausgewachsener Mann wäre dazu in der Lage gewesen. Und als ob er es spürte, stürmte der Eber direkt auf Aidan zu.
Mit pochendem Herzen stürzte sie zwischen den Bäumen hervor. Sie wusste, dass sie nur eine Chance hatte: ihr Schuss musste sitzen. Selbst wenn sie nicht vor Panik zittern würde war der Schuss auf den rasenden Eber kein leichter – doch wenn sie wollte, dass Aidan überlebte, musste sie treffen.
„AIDAN, RUNTER!“, rief sie.
Zuerst bewegte er sich nicht. Aidan stand ihr im Weg, störte ihre Schussbahn. Wenn er sich nicht rührte, konnte sie nicht schießen. Sie hob ihren Bogen und rannte los. Während sie durch den Wald stolperte und auf dem Schnee und Eis rutschte, fürchtete sie einen Augenblick lang, dass alles verloren war.
„AIDAN!“, rief sie verzweifelt.
Wundersamer Weise hörte er sie diesmal, und warf sich im letzten Augenblick zur Seite, sodass Kyra einen Schuss abgeben konnte.
Während der Eber auf Aidan zustürmte, lief die Zeit für Kyra plötzlich langsamer ab. Sie spürte, dass sich etwas öffnete, etwas in ihr aufstieg, das sie noch nie zuvor gespürt hatte, und nicht verstand. Die Welt um sie herum verschwand und alles was sie hörte war ihr eigener Herzschlag und ihr Atem, das Rascheln der Blätter und das Krächzen einer Krähe über ihr. Sie fühlte sich eins mit der Natur, als ob sie ein Reich betreten hätte, in dem sie eins mit dem Universum war.
Kyras Hände wurden warm und prickelten, als ob etwas Fremdes die Kontrolle über ihren Körper übernahm. Es war als ob sie, für einen winzigen Moment nur, über sich hinauswuchs und jemand weitaus Mächtigeres wurde.
Kyra hörte auf zu denken und ließ sich von ihrem Instinkt und der neuen Energie, die durch ihren Körper pulsierte leiten. Sie blieb stehen, hob den Bogen, legte den Pfeil an, spannte und schoss.
Sie wusste in dem Augenblick, in dem sie den Pfeil losgelassen hatte, dass es ein ganz besonderer Schuss war. Sie musste den Pfeil nicht beobachten um zu wissen, dass er genau dort traf, wo sie ihn haben wollte: ins rechte Auge des Tiers.
Das Tier stieß einen Schrei aus als seine Beine unter ihm nachgaben und stürzte mit der Schnauze voran in den Schnee. Es rutschte weiter über den glatten Boden, sich windend, bis es Aidan erreichte. Weniger als einen halben Meter vor Aidan blieb es schließlich liegen.
Es zuckte, und Kyra legte einen weiteren Pfeil an und schoss dem Tier von hinten durch den Schädel. Endlich rührte es sich nicht mehr.
Kyra stand mit pochendem Herzen auf der Lichtung und das Prickeln in ihren Händen ließ langsam nach, die Energie schwand und sie fragte sich, was gerade geschehen war. Hatte sie wirklich den Eber erlegt?
Sofort dachte sie an Aidan, fuhr herum und zog ihn zu sich heran. Er blickte zu ihr auf wie er seine Mutter angesehen hätte, die Augen voller Angst, doch unverletzte. Sie war grenzenlos erleichtert, als sie sah, dass ihm nichts geschehen war.
Dann drehte sie sich um und sah ihre älteren Brüder, die immer noch auf der Lichtung kauerten, und sie geschockt und staunend ansahen. Doch da lag noch etwas anderes in ihrem Blick, das sie nervös machte: Argwohn. Als ob sie anders war als sie. Eine Außenseiterin. Es war ein Blick, den Kyra schon zuvor gesehen hatte. Selten zwar, doch oft genug, dass sie selbst darüber nachdachte. Sie drehte sich um und betrachtete das tote Tier, riesig und blutend zu ihren Füssen, und sie fragte sich, wie sie, ein fünfzehnjähriges Mädchen, das vollbringen konnte. Sie wusste, dass es selbst ihre Fähigkeiten überstieg. Das war mehr als ein Glückstreffer.
Da war immer etwas an ihr gewesen, das anders war, als die anderen. Sie stand da, betäubt, und wollte sich bewegen, doch es gelang ihr nicht. Denn das was sie heute erschüttert hatte war nicht das Tier, das wusste sie, sondern der Blick ihrer Brüder. Und sie stellte sich zum wiederholten Mal die Frage, vor der sie sich schon ihr ganzes Leben gefürchtet hatte“
Wer war sie?
KAPITEL DREI
Kyra ging hinter ihren Brüdern her, als sie über die Landstraße zurück zum Fort gingen, und beobachtete sie dabei, wie sie sich mit dem Gewicht des Ebers abmühten. Aidan ging neben ihr her, und Leo, der zurückgekommen war, folgte ihnen.
Brandon und Braxton mussten sich abmühen, das Tier zu tragen. Sie hatten es an ihre Speere gebunden, die sie nun über den Schultern trugen. Die grimmige Laune hatte sich dramatisch geändert, seit dem sie aus dem Wald gekommen und wieder unter freiem Himmel waren, besonders jetzt, wo die Festung des Vaters in Sichtweite war. Mit jedem Schritt gewannen Brandon und Braxton ihr Selbstbewusstsein zurück, und waren beinahe wieder so aufgeblasen wie zuvor, lachten und scherzten über ihren Fang.
„Es war mein Speer, der ihn gestreift hat“, sagte Brandon zu Braxton.
„Doch es war mein Speer, der ihn dazu gebracht hat, in Kyras Pfeil zu laufen.“
Kyra lauschte, und ihr Gesicht rötete sich vor Wut über die Lügen der beiden; ihre verbohrten Brüder hatten sich selbst eine überzeugende Geschichte eingeredet, und schienen sie zwischenzeitlich ernsthaft zu glauben. Sie konnte sich ihre Prahlerei in der Festung schon ausmahlen – wie sie jedem von ihrem Jagderfolg erzählten.
Es machte sie wütend. Doch es war unter ihrer Würde, sie zu korrigieren. Sie glaubte fest an die Mühlen der Gerechtigkeit, und sie wusste, dass irgendwann die Wahrheit ans Licht kommen würde.
„Ihr seid Lügner!“, knurrte Aidan, der neben ihr herlief, immer noch erschüttert von dem, was er erlebt hatte. „Ihr wisst, dass Kyra allein den Eber getötet hat.“
Brandon warf ihm über die Schulter einen höhnischen Blick zu.
„Was weißt du schon?“, fragte er. „Du warst doch viel zu sehr damit beschäftigt, dir in die Hosen zu pinkeln.“
Beide lachten, als ob ihre kleine Geschichte für sie mit jedem Schritt wahrer wurde.
„Und ihr seid nicht wie die Hasen davongerannt?“, fragte Kyra, denn sie konnte nicht einen Moment länger ertragen, wie sie mit Aidan umgingen.
Damit verstummten sie. Kyra hätte ihnen wirklich Saures geben können – doch sie musste nicht einmal ihre Stimme heben. Sie ging zufrieden weiter und fühlte sich wirklich gut, wissend, dass sie das Leben ihres Bruders gerettet hatte; mehr brauchte sie nicht.
Lyra spürte eine kleine Hand auf ihrer Schulter und sah Aidans tröstenden Blick, der offensichtlich dankbar war am Leben und unverletzt zu sein. Kyra fragte sich, ob ihre älteren Brüder auch zu schätzen wussten, was sie für sie getan hatte; schließlich wären sie alle gestoben, wenn sie nicht gewesen wäre.
Kyra sah zu, wie der Eber bei jedem ihrer Schritte hin und her schwang, und schnitt eine Grimasse; sie wünschte, dass ihre Brüder ihn auf der Lichtung gelassen hätten, wo er hingehörte. Es war ein verfluchtes Tier, das nicht aus Volis stammte, und es gehörte hier auch nicht hin. Es war ein schlechtes Omen, besonders, da es aus dem Dornenwald kam, und viel mehr noch am Vorabend des Wintermondes. Sie erinnerte sich an einen alten Spruch, den sie gelesen hatte: rühme dich nicht, nachdem du vom Tod verschont worden bist.
Sie hatte das Gefühl, dass ihre Brüder das Schicksal herausforderten und die Finsternis mit sich in ihr Heim brachten. Sie konnte das Gefühl nicht loswerden, dass es Vorbote schlimmer Dinge war.
Sie erklommen einen Hügel und unter ihnen tat sich ein atemberaubender Blick auf die Festungsanlage und die Landschaft drum herum auf. Trotz dem Wind und dem immer heftiger werdenden Schnee, war Kyra erleichtert, zu Hause zu sein. Rauch stieg aus den Schornsteinen auf und die Feuer des Forts strahlten ein warmes Leuchten aus. Sie schritten schneller aus und gingen eilige auf die Brücke zu. So nah an der Festung war die Straße voller Menschen, die sich trotz dem Wetter und der hereinbrechenden Nacht auf das Fest freuten.
Kyra war kaum überrascht. Das Fest des Wintermondes war eines der wichtigsten Feste des Jahres, und alle waren mit Vorbereitungen beschäftigt. Zahllose Menschen drängten über die Zugbrücke in die Festung, während mindestens genauso viele hinausdrängten, auf dem Weg nach Hause, um mit ihren Familien zu feiern. Ochsen zogen Wägen und trugen Ware in beide Richtungen, während Maurer an einer weiteren Mauer um das Fort herum arbeiteten. Kyra fragte sich, wie sie in diesem Wetter arbeiten konnten, ohne dass ihre Hände taub wurden.
Als sie die Brücke betraten und sich unter die Menge mischten, schnürte sich Kyras Magen zusammen, als sie einige Männer des Lords in der Nähe des Tors stehen sah, Krieger des örtlichen Lord Regenten, der von Pandesia ernannt worden war, in ihren unverkennbaren roten Kettenpanzern.
Die Gegenwart der Männer des Lords war zu jeder Zeit erdrückend – doch ganz besonders zur Zeit des Wintermondes, wenn sie nur dazu hier sein konnten, die Nachernte von den Leuten einzufordern. Sie hielt sie für Plünderer. Plünderer und Grobiane für die verabscheuenswürdigen Adligen, die seit der pandesischen Invasion die Macht ergriffen hatten.
Die Schwäche ihres ehemaligen Königs, der kapituliert hatte, war daran schuld – doch das half ihnen auch nicht weiter. Jetzt, zu ihrer Schande, mussten sie sich diesen Männern unterwerfen. Es füllte Kyra mit grenzenlosem Zorn. Es machte ihren Vater und seine großen Krieger – und alle ihre Leute – zu nicht mehr, als besseren Leibeigenen; sie wünschte sich so sehr, dass sie sich auflehnten, um für ihre Freiheit zu kämpfen, um in den Krieg zu ziehen, für den ihr alter König zu feige gewesen war. Doch sie wusste auch, dass sie, wenn sie sich jetzt erhoben, den Zorn der pandesischen Armee zu spüren bekommen würden. Vielleicht hätten sie sie aufhalten können, wenn sie sie nie eingelassen hätten; doch jetzt, wo sie sich erst einmal breit gemacht hatten, waren ihre Möglichkeiten beschränkt.
Sie erreichten die Brücke und mischten sich unter die Leute, die sie anstarrten und auf den Eber deuteten, als sie vorbeigingen. Kyra zog eine gewisse Befriedigung daraus zu sehen, dass ihre Brüder unter der Last des Tiers schwitzten und keuchten. Die Leute wandten ihre Köpfe und gafften, Bürger genauso wie Krieger, alle beeindruckt von dem riesigen Tier. Sie sah auch ein paar abergläubische und fragende Blicke. Auch andere Leute schienen es für ein böses Omen zu halten.
Doch alle sahen ihre Brüder stolz an.
„Ein guter Fang für das Fest“, rief einer der Bauern aus, der einen Ochsen an ihnen vorbei führte.
Braxton und Brandon strahlten stolz.
„Das wird den halben Hof eures Vaters satt machen!“, rief ein Schlachter.
„Wie habt ihr das geschafft?“, fragte ein Sattler.
Die beiden Brüder tauschten Blicke aus und Brandon grinste schließlich den Mann an.
„Mit einem feinen Wurf und ohne Furcht“, antwortete er dreist.
„Wenn man nicht in den Wald geht“, fügte Braxton hinzu, „weiß man nicht, was man verpasst!“
Ein paar Männer jubelten und klopften ihnen auf den Rücken. Kyra schwieg. Sie brauchte das Wohlwollen dieser Leute nicht; sie wusste, was sie getan hatte.
„Sie haben den Eber nicht getötet!“, rief Aidan empört.
„Halt deinen Mund“, zischte Brandon. „Noch ein Wort und ich erzähle allen, dass du dir in die Hosen gepinkelt hast, als er angegriffen hat.“
„Aber das habe ich nicht!“, protestierte Aidan.
„Und das werden sie dir glauben?“, fügte Braxton hinzu.
Brandon und Braxton lachten, und Aidan warf Kyra einen Blick zu, als wollte er fragen, was er tun sollte.
Sie schüttelte den Kopf.
„Verschwende nicht deine Energie“, sagte sie. „Die Wahrheit setzt sich immer durch.“
Die Menschenmassen wurden dichter, als sie die Brücke überquerten, und bald waren sie im dichten Gedränge über dem Burggraben. Kyra spürte die Aufregung in der Luft, als es dunkel wurde; Fackeln erleuchteten die Brücke und der Schnee fiel ununterbrochen weiter. Als sie das Tor vor sich sah, das von einem Dutzend der Männer ihres Vaters bewacht wurde, schlug ihr Herz schneller. Aus dem Bogen ragten die Spitzen eines eisernen Fallgitters hervor, dessen Gitterstäbe stark genug waren, jeden Feind abzuhalten, bereit beim Klang eines Horns geschlossen zu werden. Das Tor war 10 Meter hoch, und darüber befand sich eine breite Plattform, die sich um das ganze Fort erstreckte, mit breiten steinernen Zinnen, die mit Wächtern bemannt waren, die immer ein wachsames Auge auf die Landschaft hatten. Volis war eine feine Festung, davon war Kyra immer überzeugt gewesen, und war stolz darauf. Doch was sie noch stolzer machte, waren die Männer im Inneren, die Männer ihres Vaters, die besten Krieger von Escalon, die sich langsam in Volis sammelten, nachdem sie nach der Kapitulation des Königs in alle Winde verstreut waren. Ihr Vater zog sie wie ein Magnet an. Mehr als einmal hatte sie ihren Vater gedrängt, sich zum neuen König auszurufen – doch er hatte immer nur den Kopf geschüttelt und gesagt, dass das nicht seine Art war.
Als sie sich dem Tor näherten, kamen ein Dutzend der Männer ihres Vaters zu Pferde hindurch, und die Menschen machten ihnen Platz. Sie ritten zum Trainingsgelände außerhalb des Forts, ihrem liebsten Ort in der ganzen Umgebung.
Sie ging dorthin und sah ihnen stundenlang beim Training zu, studierte jede einzelne ihrer Bewegungen, wie sie ihre Pferde ritten, und wie sie ihre Schwerter zogen, die Speere warfen und die Flegel schwangen.
Diese Männer ritten trotz des Wetters und der bevorstehenden Festlichkeiten hinaus um zu trainieren, weil sie es wollten. Sie wollte lieber draußen auf einem Schlachtfeld sein als drinnen eingesperrt zu sein – genau wie sie. Sie spürte, dass sie in Wirklichkeit eine von ihnen war.
Eine weitere Gruppe von Männern ihres Vaters kam durchs Tor, diesmal zu Fuß und als Kyra sich ihnen näherte, traten sie beiseite, um Brandon und Braxton mit dem Eber durchzulassen. Sie pfiffen bewundernd und sammelten sich um sie herum, große, muskelbepackte Männer, die mindestens eine Elle größer waren als ihre nicht gerade kleinen Brüder. Die meisten von ihnen hatten von Grau durchzogene Bärte, alles hartgesottene Krieger zwischen 30 und 40, die zu viele Schlachten gesehen hatten und dem König gedient hatten, als sie die Schmach seiner Kapitulation hinnehmen mussten. Diese Männer hätten nie aus eigenem Antrieb kapituliert. Diese Männer hatten alles gesehen und waren nicht so leicht zu beeindrucken – doch der Eber schien es ihnen angetan zu haben.
„Den habt ihr ganz alleine getötet?“, fragte einer von ihnen Brandon, als er das Tier betrachtete.
Die Menge war so dicht, dass Brandon und Braxton stehen bleiben mussten. Sie badeten sich im Lob und der Bewunderung dieser großen Männer, und versuchten nicht zu zeigen, wie schwer ihnen die Last des Tiers war.
„Das haben wir“, rief Braxton stolz.
„Ein schwarz gehörnter Eber!“, rief ein anderer Krieger, der mit seiner Hand über das Fell des Tiers strich. „Hab keinen mehr gesehen seit ich ein Junge war. Hab einmal selbst dabei geholfen, einen zu töten, doch das war eine ganze Gruppe von Männern gewesen, und einige von ihnen haben dabei ein paar Finger verloren.“
„Wir haben nichts verloren“, rief Braxton prahlerisch. „Nur eine Speerspitze.“
Kyra brannte innerlich, als die Männer lachten. Sie bewunderten den Jagderfolg, während ein anderer Krieger, Anvin, ihr Anführer, vortrat und das Tier genauer untersuchte. Die Männer machten ihm respektvoll Platz.
Anvin, den Kommandanten der Männer ihres Vaters, mochte Kyra von allen am meisten; er war immer wie ein zweiter Vater für sie gewesen, und sie kannte ihn schon solange sie denken konnte. Er liebte sie innig, das wusste sie, und er passte auf sie auf. Doch was noch viel wichtiger war – er nahm sich immer Zeit für sie, zeigte ihr Kampftechniken und den Gebrauch der Waffen, wenn andere abwinkten. Er hatte sie sogar schon öfter mit den Männern trainieren lassen und sie hatte jede dieser Gelegenheiten genossen. Er war der Härteste von allen, doch er hatte auch das sanfteste Herz – denen gegenüber, die er mochte. Doch die, die er nicht mochte, mussten sich vor ihm fürchten.
Anvin tolerierte keine Lügen; er war ein Mann, der den Dingen immer auf den Grund gehen musste, egal wie schmutzig die Antwort war. Er hatte einen unbestechlichen Blick, und als er den Eber untersuchte, sah Kyra, wie er die beiden Pfeilwunden betrachtete. Er hatte ein Auge für Details und wenn irgendjemand die Wahrheit sehen konnte, dann er.
Anvin untersuchte die beiden Wunden, und musterte die kleinen Pfeilspitzen, die noch immer in den Löchern steckten, zusammen mit den Holzsplittern ihrer Pfeile, die die Brüder abgebrochen hatten. Sie hatten sie dicht an der Spitze abgebrochen, damit niemand sehen konnte, wer das Tier wirklich getötet hatte. Doch Anvin war nicht irgendwer.
Kyra sah wie Anvin die Wunden studierte, wie er die Augen zusammenkniff und sie wusste, dass er die Wahrheit erkannt hatte. Er zog einen Handschuh aus und zog die Pfeilspitze heraus. Er hielt das bluttriefende Metall hoch, dann wandte er sich den Brüdern mit skeptischem Blick zu.
„Eine Speerspitze sagt ihr?“, fragte er mit missbilligendem Ton.
Eine angespannte Stille breitete sich über die Gruppe aus, und Brandon und Braxton sahen plötzlich nervös aus und traten von einem Fuß auf den anderen.
Anvin wandte sich Kyra zu.
„Oder war es eine Pfeilspitze?“, fügte er hinzu und Kyra konnte sehen, wie er nachdachte, sehen, dass er seine eigenen Schlüsse zog.
Anvin ging zu Kyra hinüber, zog einen Pfeil aus ihrem Köcher und hielt ihn neben die Pfeilspitze. Sie glichen sich wie ein Haar dem anderen, und alle konnten es sehen. Er warf Kyra einen stolzen, bedeutungsvollen Blick zu, und Kyra spürte, wie alle Blicke zu ihr wanderten.
„Du hast es erlegt, nicht wahr?“, fragte er. Es war eher eine Feststellung als eine Frage.
Sie nickte.
„Ja“, antwortete sie schlicht, und liebte Anvin dafür, dass er ihr die Anerkennung gab, die sie verdiente.
„Ein meisterlicher Schuss, der das Tier zu Fall gebracht hat“, schloss er. Auch das war eine Feststellung und keine Frage. Seine Worte waren hart und endgültig, während er den Eber betrachtete.
„Außer den beiden Pfeilwunden sehe ich keine anderen“, fügte er hinzu, und strich mit der Hand über das Fell des Tiers. Als er am Ohr innehielt, untersuchte er es. Dann wandte er sich Brandon und Braxton zu, und sah sie verachtungsvoll an. „Es sei denn, man bezeichnet diese Schramme von einem Speer hier als Wunde.“
Er hielt das Ohr de Ebers hoch und Brandon und Braxton erröteten, als die Krieger lachten.
Ein anderer bekannter Krieger ihres Vaters trat vor – Vidar, ein enger Freund Anvins, ein dünner, kleiner Mann Mitte 30, mit hagerem Gesicht und einer Narbe über der Nase. So zierlich wie er war, sah er nicht wie ein Krieger aus, doch Kyra wusste es besser: Vidar war hart wie Stein, und bekannt für seine Nahkampf-Fähigkeiten. Er war einer der tapfersten Männer, denen Kyra je begegnet war und er konnte Männer überwältigen die doppelt so groß waren wie er. Zu viele Männer machten den Fehler, ihn zu provozieren, denn sie unterschätzten ihn – nur um auf schmerzliche Art eines Besseren belehrt zu werden. Auch er hatte Kyra unter seine Fittiche genommen und passte auf sie auf.
„Sieht aus, als hätten unsere beiden Helden hier das Ziel verfehlt“, schlussfolgerte Vidar, „und das Mädchen musste sie retten. Wer hat euch beiden das Werfen beigebracht?“
Brandon und Braxton sahen zunehmend nervös aus. Offensichtlich hatte man ihre Lüge durchschaut, und keiner von beiden wagte, etwas zu sagen.
„Es ist eine schwerwiegende Angelegenheit, über einen Jagderfolg zu lügen“, sagte Anvin finster an die Brüder gewandt. „Heraus damit. Euer Vater würde wollen, dass ihr die Wahrheit sagt.“
Brandon und Braxton standen da und stiegen unbehaglich von einem Bein aufs andere, und sahen einander an, als überlegten sie, was sie antworten sollten. Zum ersten Mal seit sie denken konnte, erlebte Kyra sie sprachlos.
Gerade als sie etwas sagen wollten, schrillte eine fremde Stimme durch die Menge.
„Es ist egal wer es getötet hat“, sagte die Stimme. „Es gehört jetzt uns.“
Kyra und die anderen fuhren herum, erschrocken über die unbekannte, grobe Stimme – und ihr Magen zog sich zusammen, als sie die Gruppe der Männer des Lords in ihren roten Rüstungen sah, die gierig den Eber beäugten. Kyra konnte sehen, dass sie diese Trophäe nicht wollten, weil sie sie brauchten, sondern weil es ihre Art war, die Leute zu erniedrigen, ihnen ihren Stolz zu nehmen. Leo knurrte neben ihr, und sie legte ihm beruhigend die Hand auf den Nacken und hielt ihn zurück.
„Im Namen des Lord Regenten“, sage einer der Männer des Lords, ein untersetzter Krieger mit niedriger Stirn, dicken Brauen, fettem Bauch und einem dümmlichen Gesicht, „beanspruchen wir diesen Eber. Er dankt euch für euer großzügiges Geschenk zum Fest.“
Er winkte seinen Männern und ging auf den Eber zu, als ob er ihn packen wollte.
Doch als er es tat, traten Anvin und Vidar plötzlich vorm und stellten sich ihm in den Weg.
Eine überraschte Stille legte sich über die Menge – niemand hatte es je gewagt, sich den Männern des Lords in den Weg zu stellen; es war ein ungeschriebenes Gesetz. Niemand wollte den Zorn Pandesias auf sich ziehen.
„Soweit ich sagen kann, hat niemand euch oder eurem Regenten ein Geschenk angeboten“, sagte er mit kalter Stimme.
Die Menschenmenge wuchs, hunderte von Dorfbewohnern sammelten sich, um die angespannte Situation zu verfolgen, spürten die Auseinandersetzung, die in der Luft lag. Gleichzeitig wichen sie zurück und die Spannung zwischen den Männern wurde greifbar.
Kyras Herz pochte. Unbewusst griff sie nach ihrem Bogen. Sie wusste, dass die Situation im Begriff war, zu eskalieren. So sehr sie sich einen Kampf und die Freiheit wünschte, wusste sie auch, dass es sich ihre Leute nicht leisten konnten, den Zorn des Lord Regenten auf sich zu ziehen.
Selbst wenn es ihnen wie durch ein Wunder gelingen sollte, seine Männer zu bezwingen, stand das pandesische Reich hinter ihnen. Sie konnten eine Armee zur Unterstützung rufen, die an Größe all ihre Vorstellungskraft überstieg.
Doch gleichzeitig war Kyra stolz auf Anvin, weil er für sie eintrat. Endlich hatte jemand genug.
Der Krieger blickte finster drein.
„Du wagst es, dich dem Lord Regenten zu widersetzen?“, fragte er.
Doch Anvin blieb standhaft.
„Der Eber gehört uns – niemand schenkt ihn euch“, wiederholte er.
„Er hat euch gehört“, korrigierte der Krieger ihn, ‚und jetzt gehört er uns.“ Er wandte sich seinen Männern zu. „Nehmt den Eber!“, befahl er.
Die Männer des Lords näherten sich dem Eber, doch ein Dutzend der Männer von Kyras Vater stellten sich ihnen neben Anvin und Vidar in den Weg, die Hände an den Waffen.
Die Anspannung war so greifbar, dass Kyra ihren Bogen so fest hielt, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten. Sie fühlte sich schrecklich, gerade so, als ob sie verantwortlich für die Situation war, das sie es war, die den Eber getötet hatte. Sie spürte, dass gleich etwas Schreckliches passieren würde, und verfluchte ihre betrunkenen Brüder dafür, dass sie das schlechte Omen ins Dorf gebracht hatten, besonders am Tag des Wintermondes. An Tagen wie diesen geschahen ohnehin immer seltsame Dinge; es waren mystische Zeiten, von denen man sagte, dass die Toten von einer Welt in die andere treten hinübertreten konnten. Warum nur hatten ihre Brüder die Geister so herausfordern müssen?
Als sich die Männer gegenüberstanden, die Männer ihres Vaters bereit, die Schwerter zu ziehen, so nahe dem Blutvergießen, drang eine autoritäre Stimme plötzlich durch die Stille.
„Das Mädchen hat den Eber erlegt!“, sagte die Stimme.
Es war eine laute, selbstbewusste Stimme, die die Aufmerksamkeit aller auf sich zog, eine Stimme die Kyra mehr bewunderte und respektierte als jede andere auf der Welt. Die Stimme von Declan, einem weiteren Kommandanten der Männer ihres Vaters.
Als ihr Vater sich näherte, wanderten alle Augen zu ihm, und die Menge machte ihm respektvoll Platz. Da stand er, ein Berg von einem Mann, der alle anderen um einiges Überragte. Sein ungezähmter Bart und seine langen braunen Haare waren von grauen Strähnen durchzogen, über seinen Schultern hing ein Umhang aus Fell und am Gürtel trug er zwei lange Schwerter und einen Speer auf dem Rücken. Sein Rüstzeug, Schwarz, wie das aller Männer aus Volis, hatte einen Drachen auf dem Brustpanzer graviert, das Wappen ihres Hauses. Seine Waffen trugen Scharten und Kratzer von viel zu vielen Kämpfen, und er strahlte Erfahrung aus. Er war ein Mann, den man fürchten musste, ein Mann den man bewundern musste, und ein Mann von dem alle wussten, dass er gerecht war. Ein Mann der von allen geliebt und respektiert wurde.
„Kyra hat den Eber erlegt“, wiederholte er, und warf dabei ihren Brüdern einen missbilligenden Blick zu. Dann wandte er sich Kyra zu, wobei er die Männer des Lords vollkommen ignorierte. „Es ist an dir, zu entscheiden, was mit ihm geschehen soll.“
Kyra erschrak über die Worte ihres Vaters. Sie hätte nie mit seiner Anerkennung gerechnet, und schon gar nicht damit, dass er ihr eine so schwerwiegende Entscheidung überlassen würde. Denn es war nicht einfach nur eine Entscheidung über den Eber, das wussten sie beide, sondern auch über das Schicksal ihrer Leute an diesem Tag.
Angespannte Krieger standen auf beiden Seiten bereit, die Händen an den Schwertern, und sie betrachtete ihre Gesichter, die sie fragend ansahen und auf ihre Antwort warteten. Sie wusste, dass ihre nächsten Worte, ihre nächste Entscheidung die wichtigsten waren, die sie je in ihrem Leben gesprochen hatte.
KAPITEL VIER
Merk wanderte langsam den Pfad hinunter durch Whitewood, und dachte dabei über sein Leben nach. Seine vierzig Jahre waren keine leichten gewesen; er hatte sich nie zuvor die Zeit genommen, durch den Wald zu wandern und die Schönheit um ihn herum zu bewundern. Er sah auf die weißen Blätter hinab, die unter seinen Füssen raschelten, begleitet vom leisen Geräusch seines Stabs auf dem weichen Waldboden; im Gehen blickte er auf und nahm die Schönheit der Aesopbäume mit ihren glänzenden weißen Blättern an den leuchtend roten Ästen, die in der Morgensonne glänzten in sich auf. Die Blätter fielen wie Schnee auf ihn herab, und zum ersten Mal in seinem Leben verspürte er ein Gefühl des Friedens.
Von durchschnittlicher Größe und Statur mit schwarzen Haaren und einem immer unrasiert wirkenden Gesicht mit breitem Kiefer und markanten Wangenknochen und schwarzen Augen mit dunklen Ringen darunter, wirkte Merk immer, als hätte er tagelang nicht geschlafen. Und so fühlte er sich meistens auch. Doch nicht jetzt. Jetzt fühlte er sich endlich ausgeruht. Hier, in Ur, im Nordwesten von Escalon, gab es keinen Schnee. Die angenehme Brise vom Meer her, das nur einen Tagesritt gen Westen entfernt lag, sorgte für ein wärmeres Klima und erlaubte Blättern jeder Farbe zu gedeihen. Es erlaubte Merk auch, nur mit einem dünnen Umhang zu reisen, anstatt sich vor den eisigen Winden schützen zu müssen. Er musste sich immer noch daran gewöhnen, dass er einen Mantel anstelle eines Harnischs trug, einen Stab anstelle eines Schwertes, und dass er mit seinen Stab in Blätter stach und nicht mit einem Dolch in Feinde. All das war neu für ihn. Er wollte lernen, wie es war, dieser neue Mensch zu werden, der er so gerne sein wollte. Es war friedlich – und doch unbehaglich. Als ob er vorgab jemand zu sein, der er nicht war.
Denn Merk war kein Reisender, kein Mönch – und schon gar kein friedlicher Mann. Der Krieger lag ihm immer noch im Blut. Er war auch nicht irgendein Krieger; er war ein Mann, der nach seinen eigenen Regeln kämpfte, und er hatte nie auch nur eine Schlacht verloren. Er war ein Mann, der sich nicht vor einem Kampf fürchtete, egal ob es auf einer Tournierbahn war oder in einer der Tavernen in den Seitenstraßen, die er so gerne besuchte. Manche Leute bezeichneten ihn als Söldner. Als Assassinen. Als gekauftes Schwert. Es gab viele Bezeichnungen für das, was er tat, manche davon noch viel weniger schmeichelhaft, doch Merk machte sich nichts aus Titeln und Bezeichnungen, oder daraus, was andere Leute dachten. Alles was ihm wichtig war, war dass er einer der Besten war.
Um die Rolle zu erfüllen hatte Merk schon auf viele Namen gehört, und wechselte sie nach Lust und Laune. Den Namen, den sein Vater ihm gegeben hatte, mochte er nicht – genau genommen mochte er seinen Vater ebenso wenig – und er hatte nicht vor mit dem Stempel eines Namens durchs Leben zu gehen, den ihm jemand anderes aufgedrückt hatte. Merk war der letzte in einer ganzen Reihe von Namen, und für den Augenblick gefiel er ihm. Es war ihm egal, wie die anderen ihn nannten. Ihn interessierten nur zwei Dinge im Leben: den perfekten Eintrittspunkt für die Spitze seines Dolches zu finden, und dass seine Auftraggeber ihn in frisch gemünztem Gold bezahlten – einer Menge Gold.
In jungen Jahren hatte Merk entdeckt, dass er ein natürliches Talent besaß, und, in dem, was er tat, besser war als alle anderen.
Seine Brüder, genau wie sein Vater und alle seine berühmten Vorfahren, waren stolze und edle Ritter in den besten Rüstungen, mit den besten Waffen, die auf ihren edlen Pferden umherritten und ihre Banner und Haare im Wind wehen ließen, während die Damen ihnen Blumen vor die Füße warfen. Sie hätten nicht stolzer auf sich selbst sein können.
Doch Merk verabscheute den Prunk und die Aufmerksamkeit. Diese Ritter erschienen ihm schwerfällig beim Töten, unglaublich uneffektiv, und Merk hatte keinen Respekt für sie übrig. Er brauchte all die Anerkennung auch nicht, die Insignien oder Banner oder Wappen, die die Ritter so heiß begehrten. Das war für Leute, denen es an der Sache fehlte, die am wichtigsten war: der Fähigkeit, einem Mann leise, schnell und effizient das Leben zu nehmen. Alles andere stand für ihn nicht zur Debatte.
Als er jung war, und auf seinen Freunden, die zu klein waren, um sich selbst zu verteidigen, herumgehackt worden war. Waren sie zu ihm gekommen, da er schon damals als außergewöhnlich guter Schwertkämpfer bekannt gewesen war – und er hatte ihre Bezahlung angenommen. Die, die sie gequält hatten, taten es nie wieder, sie anzufassen, da Merk immer einen Schritt weiterging. Seine Fähigkeiten waren bald weitbekannt, und als Merk mehr und mehr Aufträge annahm, wuchsen auch seine Fähigkeiten, was das Töten anging.
Merk hätte ein Ritter werden können, ein gefeierter Krieger wie seine Brüder. Doch er hatte sich stattdessen dafür entscheiden, im Schatten zu wirken. Als er das erlangte, was ihn interessierte, nämlich tödliche Effizienz, erkannte er schnell, dass Ritter mit all ihren schönen Waffen und schwerfälligen Rüstungen nicht so schnell und effizient töten konnten wie er, ein einzelnen Mann mit Lederharnisch und einem scharfen Dolch.
Während seiner Wanderung spießte er mit seinem Stab die Blätter auf und erinnerte sich an eine Nacht in der Taverne mit seinen Brüdern, als feindliche Ritter ihre Schwerter gezogen hatten. Seine Brüder waren umzingelt gewesen, in der Unterzahl; doch während all die schicken Ritter herumstanden, hatte Merk nicht gezögert. Er war mit seinem Dolch durch ihre Reihen gehuscht und hatte ihnen die Hälse aufgeschlitzt, bevor sie auch nur ihre Schwerter heben konnten.
Seine Brüder hätten ihm danken sollen, doch stattdessen distanzierten sie sich von ihm. Sie fürchteten ihn, und sie blickten auf ihn herab. Das war die Dankbarkeit, die er erhielt, und ihr Verrat verletzte Merk tiefer, als er zugeben wollte. Er vertiefte den Bruch zwischen ihnen, mit all ihrer edlen Ritterlichkeit. In seinen Augen war alles nur eigennützige Heuchelei. Sollte sie doch in ihren glänzenden Rüstungen herumlaufen und auf ihn herabblicken, doch wenn er mit seinem Dolch nicht gewesen wäre, wären sie alle tot.
Merk wanderte immer weiter und versuchte seufzend, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Während er nachdachte, erkannte er, dass er die Quelle seines Talents nicht ganz verstand. Vielleicht war es, weil er so schnell und geschickt war; vielleicht war es weil er schnelle Hände hatte; vielleicht, weil er in besonderes Talent dafür hatte, lebenswichtige Punkte zu finden; vielleicht war es auch, weil er nie davor zurückschreckte, den einen Schritt weiterzugehen, den letzten Stoß zu vollziehen, vor dem sich andere Männer fürchteten; vielleicht war es auch, weil er niemals zweimal zuschlagen musste – oder es war, weil er improvisieren konnten und mit jedem Werkzeug töten konnte, das ihm zur Verfügung stand – einem Federkiel, einem Hammer, eine Holzscheit. Er war gerissener als andere, anpassungsfähiger und schneller auf den Beinen – eine tödliche Kombination.
Als er heranwuchs, hatten all diese stolzen Ritter sich von ihm distanziert und sich im Stillen sogar über ihn lustig gemacht (denn niemand wagte es, es ihm direkt ins Gesicht zu sagen). Doch jetzt, wo sie alle älter waren, und ihre Fähigkeiten schwanden, während sein Ruhm sich verbreitete, war er derjenige, an den sich Könige wandten, während sie alle in Vergessenheit gerieten. Denn was seine Brüder nie verstanden hatten war die Tatsache, dass Ritterlichkeit nicht das war, was einen König ausmachte. Es war die hässliche, brutale Gewalt, die Angst, die Vernichtung der Feinde – einer nach dem anderen, das grausame Töten, das niemand sonst tun wollte, das Könige zu dem machte, was sie waren. Und er war es, an den sie sich wandten, wenn sie wollten dass jemand die wirkliche Arbeit für sie erledigte.
Mit jedem Schritt und jeder Berührung seines Stabes dachte er an seines Opfer. Er hatte die schlimmsten Feinde des Königs getötet – nicht mit Gift – dafür kauften sie niedere Meuchelmörder, Giftmischer und Verführerinnen. Die schlimmsten Feinde jedoch wollten sie oft mit einem Paukenschlag beseitigen, und dafür brauchten sie ihn. Für etwas Grausiges, etwas Öffentliches: einen Dolch im Auge, einen Leichnam, der auf einem öffentlichen Platz lag, oder aus einem Fenster hing, damit alle beim nächsten Sonnenaufgang den sehen konnten, der es gewagt hatte, sich dem König zu widersetzen.
Als der alte König Tarnis das Königreich aufgegeben hatte, hatte er Pandesia die Tore geöffnet, und Merk war sich zum ersten Mal in seinem Leben leer und nutzlos vorgekommen. Ohne einen König, dem er dienen könnte, hatte er das Gefühl gehabt, herrenlos zu sen. Etwas, das lange Zeit in ihm vor sich hin geköchelt hatte, war zum Vorschein gekommen, und aus irgendeinem Grund, den er nicht verstehen konnte, begann er, über das Leben nachzudenken. Sein ganzes Leben lang war er vom Tod besessen gewesen, vom Töten, davon, Leben zu nehmen. Es war ihm leicht gefallen – zu leicht. Doch jetzt schien sich etwas in ihm zu verändern; es war, als ob er kaum den Boden unter den Füssen spürte. Er hatte immer aus erster Hand gewusst, wie zerbrechlich das Leben war, und wie leicht es einem genommen werden konnte, doch jetzt begann er darüber nachzudenken, wie man es schützen konnte. Leben war so zerbrechlich, so vergänglich. War es zu schützen nicht die schwerere Aufgabe?
Und ohne es zu wollen, begann er sich zu fragen: was war das, was er anderen nahm?
Merk wusste nicht, was diese Reflexion ausgelöst hatte, doch er fühlte sich zutiefst unwohl dabei. Etwas war in ihm aufgetaucht, eine große Übelkeit, und er war des Tötens müde geworden – er hatte eine Abneigung dafür entwickelt die so groß war wie der Spaß, den er einst daran gefunden hatte. Er wünschte sich, dass es eine Sache gäbe, auf die er alles zurückführen konnte – den Mord an einer bestimmten Person vielleicht – doch die gab es nicht. Es hatte sich vollkommen grundlos angeschlichen. Und das war das, was ihn am meisten irritierte.
Anders als andere Söldner, hatte Merk nur Aufträge angenommen, die er für gerechtfertigt hielt. Erst später im Leben, als er zu gut in dem geworden war, was er tat, als die Bezahlung zu groß geworden war, die Leute, die seine Dienste in Anspruch nahmen zu wichtig, hatte er angefangen, die Grenzen zu überschreiten, und Leute gegen Bezahlung umgebracht, die nicht unbedingt schuldig waren – nein, Schuld war kein Grund mehr gewesen. Und das war es, was ihn störte.
Merk hatte eine mindestens genauso große Leidenschaft dafür entwickelt, das wiedergutzumachen, was er getan hatte, um anderen zu beweisen, dass er sich ändern konnte. Er wollte seine Vergangenheit auslöschen, alles, was er getan hatte rückgängig machen, er wollte Buße tun. Er hatte den stillen Eid geschworen, nie wieder zu töten; niemals wieder einen Finger gegen andere zu heben, und den Rest seiner Tage damit zu verbringen, Gott um Vergebung zu bitten, sich selbst der Hilfe für andere zu widmen, und ein besserer Mensch zu werden. Und das war es, was ihn auf diesen Waldweg geführt hatte.
Merk sah den Waldweg vor sich ansteigen und dann wieder abfallen, leuchtend von den weißen Blättern. Immer wieder wanderte sein Blick auf der Suche nach dem Turm von Ur gen Horizont, doch er war immer noch nicht zu sehen. Er wusste, dass dieser Pfad in irgendwann dorthin führen musste, denn er hatte schon seit Monaten den Ruf dieser Pilgerfahrt gehört. Er war seit seiner Kindheit fasziniert gewesen von den Geschichten der Wächter, einem geheimen Orden von Ritter-Mönchen, halb Mann, halb etwas anderes, deren Aufgabe es war, in den beiden Türmen zu wohnen – dem Turm von Ur im Nordwesten und dem von Kos im Südosten – und über das wertvollste Relikt des Königreichs zu wachen: das Schwert des Feuers.
Die Legende besagte, dass es das Schwert des Feuers war, das die Flammen am Leben hielt. Niemand wusste sicher, in welchem Turm es sich befand. Es war ein Geheimnis, dessen Antwort außer den ältesten Wächtern niemand kannte. Wenn es je bewegt oder gestohlen wurde, würden die Flammen auf ewig verlöschen – und Escalon wäre schutzlos einem Angriff ausgeliefert.
Man sagte, dass das Wachen über den Turm eine hohe Berufung war, eine heilige Pflicht, und ehrenhafte Aufgabe – wenn die Wächter einen als einen der ihren aufnahmen. Merk hatte als Junge immer von den Wächtern geträumt und war jede Nacht mit der Frage schlafen gegangen, wie es wohl wäre, einer von ihnen zu sein. Er wollte sich selbst in der Einsamkeit verlieren, im Dienst, in Selbstreflexion, und er wusste, dass es keinen besseren Weg gab, als ein Wächter zu werden. Merk fühlte sich bereit. Er hatte seinen Kettenpanzer gegen Leder getauscht, sein Schwert gegen einen Stab und zum ersten Mal in seinem Leben hatte er einen ganzen Mond lang niemanden getötet oder verletzt. Er fing an, sich gut damit zu fühlen.
Als Merk einen kleinen Hügel erklomm, sah er sich hoffnungsvoll um, so wie er es schon seit Tagen tat. Er betete, dass der Gipfel ihm den Blick auf den Turm von Ur irgendwo am Horizont freigeben würde. Doch da war nichts – nichts außer noch mehr Wald, soweit das Auge reichte. Doch er wusste, dass er näher kam – nach so vielen Tagen des Wanderns konnte der Turm nicht mehr weit sein.
Merk folgte weiter dem Pfad. Das Dickicht wurde immer dicker, bis im Tal ein großer umgestürzter Baum den Weg blockierte. Er blieb stehen und sah ihn an, bestaunte seine Größe und fragte sich, wie er ihn überwinden konnte.
„Ich würde sagen, das ist wie genug“, hörte er eine unheilverkündende Stimme sagen.
Merk spürte sofort die finstere Absicht in der Stimme, darin war er mit den Jahren ein Experte geworden. Er musste sich nicht einmal umdrehen um zu wissen, was als nächstes kommen würde. Überall um sich herum hörte er Blätter rascheln und aus dem Wald kamen Gesichter hervor, die zu der Stimme passten: Halsabschneider von denen einer gefährlicher als der andere aussah. Das waren die Gesichter von Männern, die grundlos töteten. Die Gesichter gemeiner Diebe und Mörder, die den Schwachen mit willkürlicher und sinnloser Gewalt auflauerten. In Merks Augen waren sie der niederste Abschaum.
Merk sah, dass er umzingelt war und er wusste, dass er in eine Falle gelaufen war. Er sah sich unbemerkt um, und seine Instinkte erwachten. Er zählte acht Männer. Sie alle waren mit Dolchen bewaffnet und trugen zerschlissene Kleider. Ihre Gesichter, Hände und Fingernägel waren schmutzig. Die Männer waren unrasiert. Sie sahen aus, als hätten sie viel zu lange nichts gegessen und wären zu allem bereit. Und offensichtlich waren sie gelangweilt.
Merk verkrampfte, als der Anführer der Männer näher kam, doch nicht, weil er ihn fürchtete; Merk konnte ihn töten – er konnte sie alle töten – ohne mit der Wimper zu zucken, wenn er es wollte. Was ihn jedoch verkrampfen ließ war die Möglichkeit, zu Gewalt gezwungen zu werden. Er war entschlossen, sich an seinen Eid zu halten, koste es, was es wolle.
„Was haben wir denn da?“, fragte einer von ihnen, der um Merk herumging.
„Sieht aus wie ein Mönch“, sagte ein anderer mit höhnischer Stimme. „Nur die Stiefel passen nicht ins Bild.“
„Vielleicht ist er ein Mönch, der sich für einen Krieger hält“, lachte ein anderer.
Sie brachen in Gelächter aus und einer von ihnen, ein Ochse von einem Mann Mitte 40, dem ein Schneidezahn fehlte, beugte sich vor und stieß Merk an der Schulter an. Der alte Merk hätte jeden getötet, der es gewagt hätte, ihm zu nahe zu kommen.
Doch der neue Merk war entschlossen, ein besserer Mann zu werden, sich über die Gewalt zu erheben –selbst wenn die Gewalt ihn zu suchen schien. Er schloss die Augen, holte tief Luft, und zwang sich, ruhig zu bleiben.
Flüchte dich nicht in die Gewalt, redete er sich immer wieder zu.
„Was tut der Mönch da?“, fragte einer von ihnen. „Betet er etwa?“
Daraufhin brachen alle wieder in Gelächter aus.
„Dein Gott wird dich nicht retten, mein Freund!“, rief ein anderer.
Merk öffnete die Augen und sah den Idioten an.
„Ich möchte euch kein Leid zufügen“, sagte er ruhig.
Die Männer lachten, lauter als zuvor, und Merk erkannte, dass ruhig zu bleiben und nicht mit Gewalt zu reagieren, die schwerste Prüfung für ihn war.
„Welch ein Glück für uns“, antwortete einer.
Sie lachten wieder; dann verstummten sie, als ihr Anführer vortrat und Merk ansprach.
„Doch vielleicht“, sagte er mit ernster Stimme, und kam dabei so nah, dass Merk seinen schlechten Atem riechen konnte, „wollen wir dir Leid zufügen.“
Ein Mann schlang Merk von hinten seinen dicken Arm um den Hals und begann, ihn zu würgen. Merk keuchte. Der Griff des Mannes war stark genug, ihm Schmerzen zuzufügen, reichte jedoch nicht, ihm die Luft abzuschnüren. Sein Instinkt riet ihm, den Mann zu packen und zu töten. Es wäre leicht; er kannte den Druckpunkt am Arm, der ihn zwingen würde, ihn loszulassen. Doch er zwang sich, nichts zu tun.
Lass sie gehen, sagte er zu sich selbst. Der Weg zur Demut muss irgendwo beginnen.
„Nehmt alles was ihr wollt“, sagte Merk keuchend. „Nehmt es und verschwindet.“
„Und was, wenn wir es uns nehmen und leiben?“, antwortete ihr Anführer.
„Niemand hat dich gefragt, was wir nehmen dürfen, Junge“, sagte ein anderer.
Einer von ihnen trat an ihn heran und durchsuchte Merk. Mit gierigen Händen durchwühlte er die wenigen Habseligkeiten, die Merk bei sich trug. Merk zwang sich, ruhig zu bleiben. Schließlich zog der Mann seinen silbernen Dolch, seine Lieblingswaffe hervor, und so schmerzlich es auch war, reagierte Merk nicht.
Lass es gehen, redete er sich zu.
„Was ist das denn?“, fragte einer. „Ein Dolch?“
Er sah Merk böse an.
„Was für ein Mönch trägt denn einen Dolch bei sich?“, fragte ein anderer.
„Was tust du damit, Junge? Schnitzen?“, fragte ein Dritter.
Alle lachten. Merk biss die Zähne zusammen und fragte sich, wie viel mehr er ertragen konnte.
Der Mann der den Dolch genommen hatte hielt inne, warf einen Blick auf Merks Handgelenk und riss seinen Ärmel zurück. Merk wappnete sich – sie hatten es gefunden.
„Was ist das?“, fragte er Dieb, der sein Handgelenk gepackt hatte, es hochhielt und eingehend betrachtete.
„Sieht aus wie ein Fuchs“, sagte ein anderer.
„Was tut ein Mönch mit einer Tätowierung eines Fuchses?“, fragte ein weiterer.
Ein anderer der Männer trat vor, ein großer, schlanker Man mit roten Haaren, packte das Handgelenk und untersuchte es eingehend. Er ließ es los und sah Merk argwöhnisch an.
„Das ist kein Fuchs, du Idiot“, sagte er zu den Männern. „Das ist ein Wolf. Das ist ein Wolf. Das ist das Zeichen eines Mannes des Königs. Er ist ein Söldner!“
Merks errötete, als er sah, dass alle seine Tätowierung anstarrten. Er wollte nicht entdeckt werden.
Die Diebe starrten es schweigend an, und zum ersten Mal spürte Merk ein Zögern.
„Das sind Killer“, sagte einer und sah ihn an. „Woher hast du das, Junge?“
„Hat er wahrscheinlich selbst gemacht“, antwortete ein anderer. „Macht die Straßen sicherer.“
Der Anführer nickte dem Mann zu, der Merk von hinten festhielt, und er ließ seinen Hals los. Merk atmete erleichtert auf.
Doch dann hielt der Anführer ein Messer an Merks Hals und er fragte sich, ob er heute hier an diesem Ort sterben würde. Er fragte sich, ob das die Strafe für all das Töten war. Doch war er bereit zu sterben?
„Antworte ihm?“, fragte der Anführer. „Hast du das selbst gemacht, Junge? Man sagt, dass man hundert Männer töten muss, bevor man diese Tätowierung bekommt.“
Merk atmete tief durch, und in der langen Stille die folgte, überlegte er, was er sagen sollte. Schließlich seufzte er.
„Tausend“, sagte er.
Der Anführer blinzelte irritiert.
„Was?“, fragte er.
„Tausend Männer, erklärte Merk. „Nicht weniger. Das bringt einem die Tätowierung ein. Und König Tarnis selbst, hat sie mir verliehen.“
Sie starrten ihn schockiert an und die Männer schwiegen. Es war so still, das Merk die Insekten zirpen hören konnte. Er fragte sich, was als nächstes passieren würde.
Einer von ihnen brach in hysterisches Gelächter aus – und die anderen stimmten ein. Sie lachten und brüllten und starrten Merk an – sie mussten es für besonders witzig halten.
„Der war gut, Junge“, sagte einer. „Du bist ein ebenso guter Lügner wie du ein Mönch bist.“
Der Anführer drückte den Dolch gegen seinen Hals, fest genug, um in die Haut einzuschneiden.
„Ich sagte antworte mir!“, wiederholte der Anführer. „Eine richtige Antwort. Oder willst du sterben?“
Merk stand da, spürte den Schmerz und dachte über die Frage nach – er dachte ernsthaft nach. Wollte er sterben. Das war eine gute Frage, und eine tiefergehende Frage, als der Dieb dachte. Und als er darüber nachdachte, erkannte er, dass ein Teil von ihm sterben wollte. Er war müde vom Leben, hundemüde.
Doch je mehr er darüber nachdachte, erkannte Merk schließlich, dass er nicht sterben wollte. Nicht jetzt. Nicht heute. Nicht, wo er sich gerade dazu entschlossen hatte, neu anzufangen. Nicht, wo er gerade anfing, das Leben zu genießen. Er wollte eine Chance auf Veränderung. Er wollte die Chance im Turm zu dienen, ein Wächter zu werden.
„Nein, das will ich nicht“, antwortete Merk.
Schließlich blickte er dem Dieb direkt in die Augen, und seine Entschlossenheit wuchs.
„Und darum“, fuhr er fort, „Gebe ich dir eine Chance, mich gehen zu lassen, bevor ich euch alle töte.“
Sie sahen ihn in stillem Schock an, bevor der Anführer eine Grimasse zog und handelte.
Merk spürte den Druck der Klinge, mit der der Mann ihm den Hals aufschneiden wollte, und etwas in ihm übernahm die Kontrolle. Es war der Krieger in ihm, der Mann, der sein Leben lang trainiert hatte, der es nicht länger ertragen konnte. Er würde seinen Eid brechen – doch es störte ihn nicht mehr.
Der alte Merk kam so schnell zurück, als wäre er nie fort gewesen – und im nächsten Augenblick war er wieder der eiskalte Killer.
Merk konzentrierte sich und sah die Bewegungen seiner Gegner, jedes Zucken, jeden Druckpunkt, jede Verletzlichkeit. Der Drang zu töten überwältigte ihn, wie ein alter Freund, und Merk ließ es zu.
In einer blitzschnellen Bewegung packte Merk das Handgelenk des Anführers, grub seine Finger in einen Druckpunkt, und drehte es bis es brach; dann fing er den fallenden Dolch auf und schlitzte dem Mann den Hals von Ohr zu Ohr auf.
Der Anführer starrte ihn mit einem erstaunten Ausdruck auf dem Gesicht an, bevor er tot zu Boden fiel.
Merk wandte sich den anderen zu, und sie starrten ihn sprachlos mit offenen Mündern an.
Nun war es an Merk zu lächeln, als er sie ansah und sich auf das freute, was gleich kommen würde.
„Manchmal Jungs“, sagte er, „legt man sich einfach mit dem Falschen an.“
KAPITEL FÜNF
Kyra stand mitten auf der Brücke, die voller Menschen war, und spürte alle Blicke, die auf sie gerichtet waren und auf ihre Entscheidung über das Schicksal des Ebers warteten. Ihre Wangen brannten; sie war nicht gern im Zentrum der Aufmerksamkeit. Sie liebte ihren Vater dafür, dass er ihr Anerkennung gab, und sie war ausgesprochen stolz, besonders dafür, dass er ihr die Entscheidung überließ.
Doch gleichzeitig spürte sie auch die Last der Verantwortung. Sie wusste, welche Entscheidung auch immer sie treffen sollte, das Schicksal ihrer Leute bestimmen würde. So sehr sie die Pandesier auch verabscheute, sie wollte nicht die Verantwortung dafür tragen, ihr Volk in einen Krieg zu stürzen, den es nicht gewinnen konnte. Doch sie wollte auch nicht klein beigeben, um die Männer des Lords zu ermutigen, ihr Volk zu triezen. Sie wollte nicht, dass sie schwach erschienen, besonders nachdem Anvin und die anderen so mutig Widerstand geleistet hatten.
Sie erkannte, dass ihr Vater weise war: indem er die Entscheidung in ihre Hände legte, erweckte er den Eindruck, dass es ihre Entscheidung war und nicht die der Männer des Lords – und das alleine wahrte das Gesicht seiner Leute.
Sie erkannte auch, dass er einen guten Grund gehabt hatte, die Entscheidung in ihre Hände zu legen: er musste gewusst haben, dass die Situation eine Stimme von außen nötig gehabt hatte, um zu gewährleisten, dass niemand das Gesicht verlor. Er hatte sie gewählt, weil sie die einfache Wahl war, und weil er wusste, dass sie keine überstürzten Entscheidungen treffen würde – sie war eine Stimme der Mäßigung. Je mehr sie darüber nachdachte, desto mehr erkannte sie, warum er sie gewählt hatte: nicht um einen Krieg anzuzetteln – dafür hätte er Anvin wählen können – sondern um seinen Leuten einen Krieg zu ersparen.
Sie fällte eine Entscheidung.
„Das Biest ist verflucht“, sagte sie abfällig. „Es hätte beinahe meine Brüder getötet. Es kam aus dem Dornenwald und ist am Vorabend des Wintermondes getötet worden, an einem Tag, an dem wir nicht jagen dürfen. Es war ein Fehler, ihn hierher zu bringen – er hätte in der Wildnis verrotten sollen, dort, wo er hingehört.“
Sie sah die Männer des Lords mit höhnischem Blick an.
„Bringt das Tier zu eurem Lord Regenten“, sagte sie lächelnd. „Ihr tut uns einen Gefallen.“
Die Männer des Lords sahen zwischen ihr und dem Tier hin und her, und ihre Mienen veränderten sich; plötzlich sahen sie aus, als hätten sie etwas Schlechtes gegessen, als wollten sie es nicht mehr.
Kyra sah, wie Anvin und die anderen sie zustimmend und dankbar ansehen – am meisten von allen ihr Vater. Sie hatte es geschafft – sie hatte dafür gesorgt, dass ihr Volk das Gesicht wahren konnte, und hatte ihnen einen Krieg erspart; noch dazu hatte sie einen ordentlichen Seitenhieb gegen Pandesia ausgeteilt.
Ihre Brüder ließen das Wildschwein fallen und es landete mit einem dumpfen Schlag im Schnee. Mit offensichtlich schmerzenden Schultern traten demütig sie einen Schritt zurück.
Die Blicke fielen nun auf die Männer des Lords, die unentschlossen dastanden und nicht wussten, was sie tun sollten. Kyras Worte hatten sie tief getroffen; nun sahen sie das Tier an, als wäre es etwas Böses, das aus den Eingeweiden der Erde gekrochen war. Jetzt, wo es ihnen gehörte, wollten sie es offensichtlich nicht mehr haben.
Nach einer langen, angespannten Stille bedeutete ihr Anführer seinen Männern, das Tier aufzuheben, dann drehte e sich mit bitterer Miene um und zog verärgert ab – er wusste, das er überlistet worden war.
Die Menge verstreute sich, die Anspannung löste sich auf und die Erleichterung war deutlich spürbar. Viele der Männer ihres Vaters legten ihr zustimmend die Hände auf die Schultern.
„Gut gemacht“, sagte Anvin beifällig. „Eines Tages wirst du eine gute Herrscherin sein.“
Die Dorfbewohner gingen wieder ihren Arbeiten nach, das bunte Treiben kehrte zurück, und Kyra sah ihren Vater an. Er erwiderte ihren Blick, nur wenige Meter von ihr Entfernt. Vor seinen Männern war er immer reserviert, was sie anging, und auch diesmal war es nicht anders. Seine Miene war unbewegt, doch er nicke kaum merklich – das war seine Art der Zustimmung.
Kyra sah sich um und sah Anvin und Vidar, die ihre Speere fest umklammert hielten, und ihr Herz schlug schneller.
„Kann ich mit euch kommen?“, fragte sie Anvin, denn sie wusste, dass er mit den anderen auf dem Weg zum Trainingsgelände war.
Anvin warf ihrem Vater einen nervösen Blick zu, denn er wusste, dass er es missbilligen würde.
„Der Schnee wird immer dichter“, antwortete Anvin schließlich zögernd, „und es wird schon dunkel.“
„Das hält dich nicht davon ab…“, gab Kyra zurück.
Er grinste sie an.
„Nein, das tut es nicht“, gab er zu.
Anvin warf ihrem Vater einen Blick zu und sie drehte sich um und sah, wie er mit dem Kopf schüttelte, bevor er sich seinerseits umdrehte und zurück nach drinnen ging.
Anvin seufzte.
„Sie bereiten ein großes Festmahl vor“, sagte er. „Du solltest nach drinnen gehen.“
Kyra konnte es riechen, die Luft war schwanger vom Duft des Fleischs, das über dem Feuer röstete, und sie sah ihre Brüder und ein paar Dutzend Dorfbewohner hineingehen, um sich auf die Festlichkeiten vorzubereiten.
Doch Kyra wandte sich um und blickte sehnsüchtig in Richtung der Felder zum Trainingsgelände.
„Ein Mahl kann warten“, sagte sie. „Training nicht. Lass mich mitkommen. Bitte.“
Vidar lächelte und schüttelte den Kopf.
„Du bist sicher, dass du ein Mädchen und kein Krieger bist?“, fragte er.
„Kann ich nicht beides sein?“, antwortete sie.
Anvin seufzte, und schüttelte den Kopf.
„Dein Vater würde mir das Fell über die Ohren ziehen“, sagte er.
Dann, endlich, nickte er.
„Ein nein wirst du ohnehin nicht akzeptieren“, sagte er. „Und du hast mehr Mut als ein guter Teil meiner Männer. Ich schätze, einer mehr schadet nicht.“
*
Kyra rannte über die verschneite Landschaft Anvin, Vidar und einigen anderen Männern ihres Vaters hinterher, Leo wie immer an ihrer Seite. Der Schneefall wurde dichter und es war ihr egal. Sie spürte ein Gefühl der Freiheit, der Ausgelassenheit, wie immer, wenn sie durch das Tor ging, ein niedriger Bogen, der ins Innere der steinernen Mauern führte, die das Trainingsgelände umgaben.
Sie atmete tief durch, als der Himmel aufriss und sie über die sanften Hügel lief, die nun von Schnee bedeckt waren, umgeben von einer weitläufigen Steinmauer – vielleicht eine Vierteilmeile lang und breit. Sie spürte, dass alles so war, wie es sein sollte, als sie die Männer trainieren sah, wie sie auf ihren Pferden umherritten mit ihren Lanzen, mit Bögen auf ferne Ziele schossen und immer besser wurden. Für sie war das das wahre Leben.
Dieses Trainingsgelände war den Männern ihres Vaters vorbehalten; Frauen und Jungen, die noch keine 18 waren, waren hier nicht willkommen – genauso wie alle, die nicht eingeladen waren. Braxton und Brandon warteten jeden Tag ungeduldig auf ihre Einladung, doch Kyra vermutete, dass sie nie eine bekommen würden. Fighter’s Gate, so hieß die Trainingsanlage, war etwas für ehrenhafte schlachterprobte Krieger, nicht für Aufschneider wie ihre Brüder.
Kyra rannte durch die Felder, und fühlte sich glücklicher und lebendiger als an jedem anderen Ort. Die Energie war intensiv, da Dutzende der besten Krieger ihres Vaters umherritten; jeder von ihnen trug ein leicht andere Rüstungen, Krieger aus allen Regionen Escalons, die alle mit der Zeit zum Fort ihres Vaters gekommen waren. Da waren Männer aus dem Süden, aus Thebus und Leptis; aus den Midlands, meist aus der Hauptstadt, Andros, doch manche auch aus den Bergen von Kos; Leute aus dem Westen aus Ur; Flussmänner aus Thusis und ihre Nachbarn aus Ephesus. Da waren Männer, die am Ufer des Ire-Sees gelebt hatten und Männer, die sogar von den Wasserfällen bei Everfall angereist waren. Alle trugen unterschiedliche Farben, Rüstungen, Waffen. Alle waren sie Männer aus Escalon, doch jeder von ihnen vertrat seine eigene Festung – es war eine unglaubliche Vielfalt an Macht.
Ihr Vater, der Recke des ehemaligen Königs, ein Mann, der großen Respekt verlangte, war der einzige Mann in diesen Zeiten, in diesem zerbrochenen Königreich, um den sich die Männer sammeln konnten. Als der alte König das Königreich kampflos aufgegeben hatte, war es ihr Vater gewesen, den die Menschen gedrängt hatten, den Thron zu besteigen und den Kampf zu führen. Mit der Zeit waren die besten Krieger des Reiches zu ihm gekommen, und nun, wo seine Macht von Tag zu Tag wuchs, erreichte Volis eine Stärke, die es beinahe mit der Hauptstadt aufnehmen konnte. Vielleicht war das der Grund, warum die Männer des Lords sie nur zu gerne demütigten.
Nirgendwo sonst in Escalon ließen die Lord Regenten von Pandesia es nicht zu, dass die Ritter sich versammelten, aus Angst vor einem Aufstand. Doch hier, in Volis, war es anders. Hier hatten sie keine andere Wahl: sie brauchten die besten Männer, um die Flammen zu schützen.
Kyra drehte sich um und ließ den Blick schweifen, über die Mauern und die weißen Hügel hinweg. In der Ferne, selbst durch den dichten Schnee, konnte sie das sanfte Leuchten der Flammen sehen. Die Wand aus Feuer, die die östliche Grenze von Escalon beschützte, die Flammen, war gut 15 Meter breit und gut 100 Meter hoch, und brannte so hell wie immer. Über eine Strecke von fast 50 Meilen erstreckte sie sich und war das einzige, was zwischen Escalon und dem Volk der wilden Trolle im Osten stand.
Und trotzdem gelang es jedes Jahr genug Trollen, sie zu überwinden, und Chaos und Zerstörung zu verbreiten, und wenn die Hüter nicht wären, die tapferen Männer ihres Vaters, die die Flammen warteten, wäre Escalon schon lange von den Trollen unterworfen worden. Die Trolle, die sich vor dem Wasser fürchteten, konnten Escalon nur zu Land angreifen, und die Flammen waren das einzige, was sie zurückhielt. Die Hüter standen Wache und Patrouillierten – kurz, Pandesia brauchte sie. Auch andere waren an den Flammen stationiert - Wehrpflichtige, Sklaven und Verbrecher – doch die Männer ihres Vaters, die Hüter, waren die einzigen wirklichen Krieger hier und die einzigen die wussten, wie man die Flammen wartete.
Im Gegenzug erlaubte Pandesia Volis und den Männern dort viele kleine Freiheiten, wie dieses Trainingsgelände hier und echte Waffen – ein kleiner Geschmack der Freiheit, der ihnen immer noch das Gefühl gab, echte Krieger zu sein, selbst wenn es nur eine Illusion war. Sie waren nicht frei, und alles wussten es. Sie lebten in einer heiklen Balance zwischen Freiheit und Dienst, die keiner von ihnen ertragen konnte.
Doch zumindest hier, in Fighter’s Gate, waren diese Männer frei wie sie es einst gewesen waren, Krieger, die sich messen und trainieren und ihre Fähigkeiten verbessern konnten. Sie repräsentierten die Besten der Besten von Escalon, besser Krieger als Pandesia sie zu bieten hatte, und alle waren Veteranen, was die Flammen anging. Sie leisteten Schichten dort, etwa einen Tagesritt von hier entfernt. Kyra wollte so gerne eine von ihnen werden, sich beweisen, an den Flammen stationiert werden, um gegen echte Trolle zu kämpfen, wenn sie es hindurch schafften, und helfen das Königreich vor einer Invasion zu schützen.
Natürlich wusste sie, dass man ihr das niemals erlauben würde. Sie war zu jung – und sie war ein Mädchen. Es gab keine Frauen unter den Hütern, und selbst wenn es sie gäbe, würde es ihr Vater nie erlauben. Seine Männer hatte es amüsiert, als sie vor Jahren anfing, sie zu besuchen, sie hatten sich über die kleine Zuschauerin gefreut. Doch nachdem die Männer gegangen waren, war sie geblieben und hatte jeden Tag und jede Nacht mit ihren Waffen auf den leeren Feldern trainiert, mit ihren Waffen und ihren Zielen. Zuerst waren sie überrascht gewesen, wenn sie am nächsten Tag zurückgekommen waren und Pfeile in ihren Zielen gefunden hatten – mitten im Zentrum. Doch mit der Zeit hatten sie sich daran gewöhnt.
Kyra hatte angefangen, sich ihren Respekt zu verdienen, besonders bei den seltenen Gelegenheiten, wenn sie ihr erlaubt hatten, sich ihnen anzuschließen. Doch jetzt, zwei Jahre später, wusste sie, dass sie Ziele treffen konnte, die für die meisten von ihnen zu schwierig waren – und die bloße Toleranz hatte sich zu etwas anderem gewandelt: Respekt. Natürlich hatte sie nie in einer Schlacht gekämpft wie diese Männer, hatte nie einen Mann getötet, bei den Flammen Wache gestanden, oder war einem Troll in einem Kampf begegnet. Sie konnte auch nicht mit einem Schwert, einer Kriegsaxt oder einer Hellebarde umgehen; sie konnte nicht Ringen wie diese Männer, denn sie besaß nicht annähernd ihre körperliche Stärke, was sie zutiefst bedauerte.
Doch Kyra hatte festgestellt, dass sie ein natürliches Talent für zwei Waffen besaß, die sie beide trotz ihres Geschlechts und ihrer Größe zu einer gefährlichen Gegnerin machten: ihr Bogen und ihr Stab.
Vom Bogen war sie schon immer fasziniert gewesen, ihr Talent mit dem Stab hatte sie vor Monden eher zufällig entdeckt, als sie es nicht geschafft hatte, ein zweihändiges Schwert zu heben. Damals hatten sich die Männer darüber lustig gemacht, und einer hatte ihr eher zum Hohn einen Stab zugeworfen.
„Schau, ob du stattdessen den Stock heben kannst!“, hatte er gelacht. Kyra hatte nie vergessen, wie sehr sie sich damals geschämt hatte.
Zuerst war es ein Witz gewesen, und sie schien den Respekt, den sie sich zuvor verdient hatte, verloren zu haben.
Doch sie hatte den Witz zu einer unerwarteten Waffe der Rache gemacht, einer Waffe, vor der man sich fürchten musste. Eine Waffe, gegen die sich zwischenzeitliche viele der Männer ihres Vaters nicht zu verteidigen wussten.
Kyra war über das leichte Gewicht des Stabes überrascht gewesen, und noch überraschter, als sie ihr natürliches Talent dafür entdeckte. Sie war so schnell, dass sie damit schon Treffer landen konnte, während die Männer noch ihre Schwerter zogen. Mehr als nur einer der Männer, mit denen sie trainiert hatte, war grün und blau gewesen, als er den Kampfplatz verlassen hatte, und Schlag um Schlag hatte sie sich ihren Respekt erkämpft.
Durch endlose Nächte des Trainierens, in denen sie sich die Techniken selbst beigebracht hatte, hatte sie Bewegungen gemeistert, die die Männer überraschten, die keiner von ihnen wirklich nachvollziehen konnte. Sie hatten sich interessiert gezeigt, und sie hatte es ihnen beigebracht. Kyra war der Ansicht, dass ihr Bogen und ihr Stab einander komplimentierten und beide gleich wichtig waren: den Bogen brauchte sie für ferne Ziele, den Stab für den Kampf Mann gegen Mann.
Kyra hatte auch festgestellt, dass sie eine Gabe hatte, die all diesen Männern fehlte: sie war beweglich. Sie war wie ein kleiner Fisch in einem See voller langsamer Haie, und während diese alternden Männer große körperliche Kraft hatten, konnte Kyra regelrecht um sie herumtanzen, in die Luft springen und über sie hinweg, um perfekt abzurollen oder auf den Füssen zu landen. Und wenn sie ihre Beweglichkeit mit ihrem Stab kombinierte, wurde das zu einer tödlichen Kombination.
„Was sucht sie denn hier?“, kam eine schroffe Stimme.
Kyra stand am Rande des Trainingsgeländes neben Anvin und Vidar. Sie hörte Pferde näherkommen und drehte sich um. Maltren und ein paar seiner Kriegerfreunde kamen vom Gelände geritten, schwer atmend, das Schwert noch in der Hand. Ihr Magen zog sich zusammen, als er sie verächtlich ansah. Von allen Männern ihres Vaters, war Maltren der einzige, der sie nicht mochte. Sie kannte den Grund nicht, doch er hatte sie seit ihrer ersten Begegnung gehasst.
Maltren saß auf seinem Pferd und kochte vor Wut; mit seiner flachen Nase und dem hässlichen Gesicht, war er ein Mann, der einfach gerne hasste, und in Kyra schien er ein Ventil gefunden zu haben.
Er war immer gegen ihre Anwesenheit hier gewesen, wohl, weil sie ein Mädchen war.
„Du solltest zurück zur Festung gehen, Mädchen“, sagte er, „und den Frauen und den anderen dummen jungen Dingern bei den Vorbereitungen für das Fest helfen.“
Leo zu ihren Füssen knurrte Maltren an und Kyra legte beruhigend ihre Hand auf seinen Kopf.
„Und warum lasst ihr den Wolf auf das Gelände?“, fügte er hinzu.
Anvin und Vidar sahen Malten mit grimmigem Blick an, und Kyra lächelte ihm entgegen, denn sie wusste, dass sie unter ihrem Schutz stand und sie sie nicht zum Gehen zwingen würden.
„Vielleicht solltest du zurück aufs Trainingsgelände gehen“, gab sie zurück, „Und dich nicht mit der Anwesenheit eines dummen jungen Dings belasten.“
Maltren wurde rot – ihm fiel keine passende Antwort ein. Er drehte sich um, und ritt davon, doch nicht ohne einen Seitenhieb auf sie.
„Wir trainieren heute mit Speeren“, sagte er. „Du hältst dich besser fern wenn echte Männer echte Waffen werfen.“
Damit ritt er mit den anderen davon doch ihre Freude hier zu sein hatte durch seine Gegenwart einen deutlichen Dämpfer erhalten.
Arvin warf ihr einen tröstenden Blick zu und legte ihr die Hand auf die Schulter.
„Die erste Lehrstunde eines Kriegers“, sagte er, „ist mit jenen leben zu lernen, die dich hassen. Ob es dir gefällt oder nicht, werdet ihr Seite an Seite kämpfen, und eure Leben werden voneinander abhängen. Oft sind deine schlimmsten Feinde nicht die, die von außen kommen, sondern die aus deinen eigenen Reihen.
„Und die, die nicht kämpfen können, reißen das Maul auf“, kam eine Stimme.
Kyra drehte sich um und sah Arthfael lächelnd näher kommen, der sich wie immer auf ihre Seite stellte. Wie Anvin und Vidar hatte Arthfael, ein großer wild aussehender Krieger mit kahlem Schädel und langem schwarzen Bart, einen Faible für sie. Er war einer der besten Schwertkämpfer hier, und er setzte sich immer für sie ein. Seine Gegenwart spendete ihr Trost.
„Das ist nur Gerede“, fügte Arthfael hinzu. „Wenn Maltren ein besserer Krieger wäre, würde er sich mehr Sorgen um sich machen, als um andere.“
Anvin, Vidar und Arthfael bestiegen ihre Pferde und ritten davon, während Kyra stehen blieb, und ihnen nachdenklich hinterherblickte. Warum mussten manche Menschen einfach hassen?, fragte sie sich. Sie war sich nicht sicher, ob sie es jemals verstehen würde.
Als sie in weiten Kreisen über das Gelände ritten, studierte Kyra ehrfürchtig ihre großartigen Pferde, und sehnte sich nach dem Tag, an dem sie vielleicht einmal selbst eines haben würde. Sie beobachtete, wie die Männer an den Steinmauern entlang ritten, und wie ihre Pferde dabei manchmal im Schnee ausrutschten. Die Männer nahmen die Speere, die ihnen von ihren dienstbeflissenen Knappen gereicht wurden und warfen sie auf die fernen Ziele: Schilde, die von den Ästen hingen. Wenn sie trafen, konnte man das Metall klirren hören.
Es war schwerer, als es aussah vom Pferd aus zu werfen – das konnte sie sehen – und mehr als einer der Männer verfehlte die Ziele, besonders, wenn sie die kleineren Schilde anvisierten. Von denen, die trafen, trafen nur wenige genau ins Zentrum – unter ihnen Anvin, Vidar, Arthfael und ein paar andere.
Sie bemerkte, dass Maltren ein paarmal daneben warf und leise fluchend zu ihr hinübersah, als wäre es ihre Schuld.
Kyra wollte warm bleiben. Sie zog ihren Stab heraus und begann, ihn zwischen den Händen und über ihrem Kopf herumzuwirbeln, drehte sich im Kreis und ließ ihn tanzen, als wäre er ein lebendiges Wesen. Sie hieb gegen imaginäre Feinde, wehrte ihre Schläge ab, wechselte die Hände; über ihrem Kopf, um hier Taille herumwirbelnd war der Stab wie ein dritter Arm für sie, und sein Holz war glatt von all den Jahren, die sie schon mit ihm trainierte.
Als die Männer um das Gelände herumritten, rannte Kyra zu ihrem einen kleinen Übungsfeld, einem kleinen Bereich des Geländes, das die Männer kaum nutzten. Sie jedoch liebte es.
Rüstungsteile hingen von Seilen in einer Gruppe von Bäumen auf verschiedenen Höhen und Kyra rannte hindurch und tat so, als wäre jedes Teil ein Gegner, den es mit ihrem Stab zu treffen galt. Lautes Klirren und Klappern erfüllte die Luft, während sie durch den Hain rannte, schlug, hieb und ihnen auswich, wenn sie zurückschwangen. In ihrer Vorstellung griff sie an und verteidigte vorzüglich, und besiegte eine ganze Armee imaginärer Feinde.
„Schon jemanden getötet?“, kam eine höhnische Stimme.
Kyra fuhr herum und sah Maltren, der spöttisch lachend auf dem Pferd an ihr vorbeiritt. Sie kochte vor Wut und wünschte sich, dass jemand ihn zurechtwies.
Kyra machte eine Pause, als sie sah wie die Männer von ihren Pferden abstiegen und sich im Kreis aufstellten. Ihre Knappen eilten zu ihnen hinüber und reichten ihnen hölzerne Trainingsschwerter, die aus dickem Holz gemacht waren und beinahe so schwer waren, wie echte Schwerter aus Stahl. Kyra hielt sich am Rande, und ihr Herz schlug schneller als sie zusah, wie diese Männer gegeneinander antraten – mehr denn je wollte sie eine von ihnen werden.
Bevor sie anfingen, trat Anvin in die Mitte und sah sie an.
„An diesem besonderen Tag kämpfen wir um einen besonderen Lohn“, verkündete er. „Der Sieger soll das beste Stück Fleisch beim Festmahl erhalten!“
Aufgeregtes Geschrei erklang als sich die Männer aufeinander stürzten. Das Klappern ihrer hölzernen Schwerter erfüllte die Luft, während sie einander hin und her trieben.
Das Training wurde von Stößen in ein Horn unterbrochen, das jedes Mal erklang, wenn ein Kämpfer „tödlich“ getroffen wurde, und denjenigen an den Rand des Feldes schickte. Das Horn erklang immer wieder, und bald waren immer weniger Männer übrig. Die meisten standen am Rand und sahen zu.
Lyra stand neben ihnen und brannte darauf, mitkämpfen zu dürfen, auch wenn es ihr nicht erlaubt war. Doch diese Nacht läutete ihren Geburtstag ein; sie war jetzt 15 und sie fühlte sich bereit. Sie hatte das Gefühl, dass es an der Zeit war, den Mund aufzumachen.
„Lass mich mitmachen!“, bettelte sie Anvin an, der neben ihr stand.
Anvin schüttelte ohne den Blick vom Kampfgeschehen abzuwenden den Kopf.
„Heute bin ich fünfzehn!“, beharrte sie. „Erlaube mir zu kämpfen!“
Er sah sie skeptisch an.
„Das ist ein Trainingsgelände für Männer“, mischte sich Maltren ein, der ebenfalls bereits am Rand stand. „Nicht für kleine Mädchen. Du kannst bei den Knappen sitzen und zusehen, und uns Wasser bringen, wenn wir durstig sind.“
Kyra wurde rot.
„Hast du etwa solche Angst, von einem Mädchen besiegt zu werden?“, gab sie zurück, und spürte wie die Wut in ihr hochkochte. Sie war schließlich die Tochter ihres Vaters, und niemand durfte sich erdreisten, so mit ihr zu sprechen.
Ein paar der Männer kicherten, und diesmal wurde Maltren rot.
„Sie hat Recht“, mischte Vidar sich ein. „Vielleicht sollten wir sie mitmachen lassen. Was haben wir schon zu verlieren?“
„Und mit was soll sie kämpfen?“, grunzte Maltren.
„Mit meinem Stab!“, rief Kyra. „Mein Stab gegen eure hölzernen Schwerter.“
Maltren lachte.
„Das wäre was!“, sagte er.
Alle Blicke wanderten zu Anvin, der noch immer grübelte.
„Wenn du verletzt wirst, bringt mich dein Vater um“, sagte er.
„Ich werde nicht verletzt!“, bettelte sie.
Er schwieg eine ganze Weile, bis er schließlich seufzte.
„Nun gut. Es kann ja nicht schaden“, sagte er. „Zumindest gibst du dann Ruhe. Solange die Männer keine Einwände haben?“, fügte er hinzu und drehte sich zu den Kriegern um.
„Aye!“, rief etwa ein Dutzend Männer ihres Vaters wie aus einem Mund, alle begeistert von der Idee, dass sie ihre Chance bekommen sollte. Kyra liebte sie dafür, mehr als sie auszudrücken vermochte. In ihrer Bewunderung sah sie dieselbe Liebe, die sie auch ihrem Vater entgegenbrachten. Sie hatte nicht viele Freunde, und diese Männer bedeuteten ihr alles.
Maltren schnaubte.
„Dann lass das Mädchen einen Narren aus sich machen“, sagte er. „Vielleicht begreift sie es dann ja ein für alle Mal.“
Ein Horn erklang, und als der nächste Mann den Kreis verlief, stürmte Kyra hinein. Alle Augen richteten sich auf sie, denn die kämpfenden Männer hatten die Diskussion am Rande nicht mitbekommen und waren überrascht. Sie stand vor ihrem Gegner, einem untersetzten Mann in seinen Dreißigern, ein starker Krieger, den sie schon kannte, als ihr Vater noch am Hof des Königs gewesen war. Sie hatte ihn oft beobachtet, und wusste, dass er ein guter Kämpfer war – doch er war ein wenig zu selbstsicher und stürmte zu Beginn eines jeden Kampfes ein wenig leichtsinnig drauf los.
Er verzog das Gesicht und sah Anvin an.
„Soll das eine Beleidigung sein?“, rief er. „Ich kämpfe nicht gegen Mädchen.“
„Du beleidigst dich selbst, weil du Angst hast, gegen mich zu kämpfen“, antwortete Kyra empört. „Ich habe zwei Arme und zwei Beine, genau wie du. Wenn du nicht gegen mich kämpfen willst, dann gib dich geschlagen!“
Er blinzelte überrascht, und sah sie grimmig an.
„Also gut“, sagte er. „Aber renn nicht heulend zu deinem Vater wenn du verlierst.“
Er stürmte auf sie zu, genau wie sie es erwartet hatte, und riss sein hölzernes Schwert hoch; dann ließ er es in Richtung ihrer Schulter hinuntersausen. Auch diese Bewegung hatte sie erwartet, da er seine Kämpfe immer wieder so begann, außerdem ließ die schwerfällige Bewegung seiner Arme darauf schließen. Sein hölzernes Schwert war zwar eine starke Waffe, doch verglichen mit ihrem Stab war es plump.
Kyra beobachtete ihn genau, wartete bis zum letzten Augenblick, dann trat sie beiseite und ließ den heftigen Schlag neben sich ins Leere laufen. In derselben Bewegung schwang sie ihren Stab herum und schlug ihm auf die Schulter.
Er grunzte und stolperte zur Seite. Sprachlos und verärgert stand er da, und musste zugeben, dass er geschlagen war.
„Noch jemand?“, fragte Kyra mit breitem Lächeln, und drehte sich im Kreis der Männer um. Die meisten von ihnen lächelten, offensichtlich stolz auf sie – stolz, zu sehen, wie sie zu einer Kriegerin heranwuchs. Außer natürlich Maltern, der sie mit finsterer Miene ansah. Er sah aus, als wollte er sie herausfordern, als plötzlich ein anderer Krieger erschien, und sich mit ernstem Blick vor ihr aufbaute. Dieser Mann war kleiner und breiter gebaut, mit einem ungepflegten roten Bart und wilden Augen. Daran, wie er sein Schwert hielt, konnte sie ablesen, dass er vorsichtiger war, als ihr erster Gegner. Sie nahm es als Kompliment: endlich fingen sie an, sie ernst zu nehmen.
Er stürmte los und Kyra verstand nicht warum, doch aus irgendeinem Grund fiel es ihr fast zu leicht. Es war, als ob ihr Instinkt die Kontrolle übernahm. Sie war viel leichtfüßiger und beweglicher als diese Männer mit ihrem schweren Rüstzeug und ihren dicken hölzernen Schwertern. Sie alle kämpften mit großer Wucht, und sie alle erwarteten, dass ihre Gegner ihre Schläge blocken würden. Doch Kyra wich ihnen geschickt aus und weigerte sich, zu ihren Bedingungen zu kämpfen. Die Männer nutzten ihre Kraft, doch sie nutzte ihre Geschwindigkeit.
Kyras Stab bewegte sich in ihrer Hand wie ein verlängerter Arm; sie wirbelte ihn so schnell herum, dass ihre Gegner keine Zeit zu reagieren hatten. Sie holten noch aus, wenn sie schon hinter ihnen war. Ihr neuer Gegner hechtete in Richtung ihrer Brust – doch sie wich einfach aus, schwang ihren Stab hoch und schlug ihm das Schwert aus der Hand. Dann wirbelte sie das andere Ende herum und ließ es ihm auf den Kopf krachen.
Das Horn erklang und der Punkt gehörte ihr. Er sah schockiert zwischen seinem Schwert auf dem Boden und ihr hin und her und rieb sich den Kopf. Kyra betrachtete ihre Leistung und war erstaunt, dass sie immer noch stand.
Sie war zu der Person geworden, die es zu schlagen galt, und jetzt zögerten die Männer nicht mehr, ihre Fähigkeiten mit Kyras zu messen.
Der Schneesturm tobte, als Fackeln angezündet wurden, um gegen das Zwielicht anzukämpfen, und Kyra kämpfte gegen einen Mann nach dem anderen. Sie lächelten nicht mehr; ihre Mienen waren jetzt todernst, überrascht, dann geradezu verärgert, als keiner gegen sie ankam – und jeder besiegt aus dem Kreis treten musste. Im Kampf gegen einen der Männer sprang sie während er zustieß über seinen Kopf, wirbelte herum, und schlug ihm von hinten auf die Schulter; bei einem anderen duckte sie sich und rollte ab, nahm den Stab in die andere Hand und landete unerwartet den entscheidenden Treffer mit ihrer Linken. Bei jedem Mann bewegte sie sich anders, einmal tänzerisch, einmal mehr wie ein Schwertkämpfer, damit niemand ihren Angriff voraussehen konnte. Alle gingen mit vor gesenktem Kopf vom Platz, jeder beschämt, sich geschlagen geben zu müssen.
Bald war nur noch ein Handvoll Männer übrig. Kyra stand schwer atmend in der Mitte des Kreises und drehte sich auf der Suche nach einem neuen Gegner um. Anvin, Vidar und Arthfael sahen vom Rand aus zu, alle mit einem breiten Lächeln im Gesicht, wie stolze Väter. Wenn ihr eigener Vater schon nicht zusah und stolz auf sie war, so waren es zumindest diese Männer.
Kyra besiegte den nächsten Gegner, diesen mit einem Schlag hinters Knie, der ihn zu Boden schickte, und ein anderes Horn erklang, das signalisierte, dass schließlich niemand mehr übrig war, gegen den sie kämpfen konnte. Maltren trat in den Kreis.
„Die Tricks eines Kindes“, spie er, und ging auf sie zu. „Du kannst ein Holzstöckchen herumwirbeln. Doch im Kampf bringt dir das nichts. Ein echtes Schwert schlägt deinen Stab ohne Probleme entzwei.“
„Würde es das?“, fragte sie mutig und furchtlos. Sie spürte das Blut ihres Vaters durch ihre Adern rauschen und wusste, dass sie diesem Rüpel ein für alle Mal eine Lehre erteilen musste, besonders jetzt, wo all diese Männer zusahen.
„Warum versuchen wir es dann nicht?“, schlug sie vor.
Maltren blinzelte sie überrascht an. Mit dieser Reaktion hatte er offensichtlich nicht gerechnet/
„Warum?“, schnaubte er. „Damit du zu deinem Vater rennen und Schutz suchen kannst?“
„Ich brauche weder den Schutz meines Vaters, noch den von irgendjemand anderem“, gab sie zurück. „Das ist zwischen dir und mir – egal was geschieht.“
Maltren sah Anvin an. Ihm war offensichtlich unbehaglich, als hätte er sich in etwas hineingeritten, aus dem er jetzt nicht wieder herauskam.
Anvin sah ihn nicht minder irritiert an.
„Wir kämpfen mit hölzernen Schwertern hier“, rief er. „Ich lasse nicht zu, dass jemand unter meiner Aufsicht verletzt wird – und schon gar nicht die Tochter unseres Anführers!“
Maltrens Miene verfinsterte sich.
„Wenn das Mädchen will Waffen echte“, sagte er mit fester Stimme, „soll sie echte Waffen bekommen. Vielleicht lernt sie so ja was fürs Leben.“
Ohne abzuwarten ging Maltren über das Feld, zog sein Schwert klirrend aus der Scheide und stürmte zurück. Die Anspannung lag in der Luft und alle schwiegen, unsicher, was zu tun war.
Kyra stand Malten gegenüber. Ihre Hände schwitzten trotz der Kälte und des Windes, der die Fackeln seitwärts brennen ließ. Sie spürte wie der Schnee zu Eis wurde und unter ihren Stiefeln knirschte, und sie zwang sich dazu, sich zu konzentrieren, denn sie wusste, dass das kein normaler Trainingskampf war.
Maltren stieß einen spitzen Schrei aus, mit dem er sie einschüchtern wollte und riss sein Schwert in die Höhe. Es glänzte im Licht der Fackeln. Sie wusste, dass Maltren anders kämpfte als die meisten anderen, unberechenbarer. Er scherte sich wenig um Ehre im Kampf für ihn ging es ums Überleben, weniger um den Sieg. Sie war überrascht, als er direkt nach ihrer Brust hieb.
Kyra wich aus und die Klinge ging ins Leere.
Die Männer keuchten aufgebracht, und Anvin, Vidar und Arthfael traten vor.
„Maltren!“, schrie Anvin wütend, bereit, ihn aufzuhalten.
„Nein!“, rief Kyra, ohne den Blick von Maltren abzuwenden, als er sie erneut angriff. „Lasst uns kämpfen.“
Maltren wirbelte sofort herum und schlug wieder zu – wieder und wieder. Jedes Mal duckte sie sich, trat zurück, oder sprang über seine Hiebe hinweg. Er war stark, doch er war deutlich langsamer als sie.
Dann riss er sein Schwert hoch und ließ es senkrecht heruntersausen. Er rechnete offensichtlich damit, dass sie den Schlag blocken würde und er damit ihren Stab entzwei schlagen konnte.
Doch Kyra sah es kommen, wich aus und schwang ihren Stab zur Seite. Sie traf das Schwert auf der breiten Seite der Klinge und lenkte es ab, während sie ihren Stab schützte. In derselben Bewegung nutzte sie seine offene Deckung, wirbelte herum und rammte ihm die Spitze ihres Stabs in die Magengrube.
Er keuchte und fiel auf die Knie. Das Horn erklang.
Die Männer jubelten und sahen sie voller Stolz an, als sie als Siegerin über Maltren stand.
Maltren blickte zu ihr auf – und anstatt sich geschlagen zu geben wie all die anderen, die sie besiegt hatte, sprang er auf und griff sie plötzlich wieder an. Er riss sein Schwert hoch und holte aus.
Damit hatte Kyra nicht gerechnet, da sie davon ausgegangen war, dass es ein fairer Kampf war, den sie fair gewonnen hatte. Als sie ihn bemerkte, erkannte sie, dass sie nicht viel tun konnte. Sie konnte ihm nicht rechtzeitig ausweichen.
Kyra ließ sich fallen und rollte beiseite, während sie gleichzeitig den Stab herumwirbelte und Maltren in die Kniekehlen schlug und ihm die Beine unter dem Körper wegzog.
Er landete im Schnee auf dem Rücken und sein Schwert flog in hohem Bogen durch die Luft, Kyra sprang auf, stellte sich über ihn und drückte die Spitze ihres Stabs gegen seine Kehle. Gleichzeitig kam Leo herbeigerannt und knurrte Maltren ins Gesicht, nur Zentimeter entfernt. Sabber tropfte aus seinem Maul auf Maltrens Wange während er auf Kyras Befehl wartete, zuzubeißen.
Mit blutigen Lippen, geschockt und endlich demütig blickte Maltren auf.
„Du bringst Schande über die Männer meines Vaters“, zischte Kyra, immer noch wütend. „Was denkst du jetzt über mein kleines Stöckchen?“
Eine angespannte Stille legte sich über den Platz, und ein Teil von ihr wollte gerne zuschlagen und Leo auf ihn hetzen. Keiner der Männer hielt sie auf oder kam ihm zu Hilfe.
Als er bemerkte, dass er allein war, sah Maltren sie mit echter Angst in den Augen an.
„KYRA!“
Eine strenge Stimme hallte plötzlich durch die Stille.
Alle wandten sich um, als ihr Vater begleitet von einem Dutzend Männern plötzlich auftauchte und den Kreis betrat. Er trug einen Fellmantel und sah sie missbilligenden an.
Er blieb vor ihr stehen und starrte sie an, und sie konnte sich schon die Predigt vorstellen, die gleich folgen würde. Als sie einander ansahen, kroch Maltren unter ihr hervor und machte sich davon, was Vater und Tochter allein im Ring ließ. Sie fragte sich, warum er nicht Maltren an ihrer Stelle tadelte. Das machte sie wütend, und sie starrte ihn an.
Schließlich drehte sich ihr Vater wortlos um, und ging gefolgt von seinen Männern zurück zum Fort. Er wusste, dass sie ihm folgen würde. Die Anspannung verflog, als die Männer ihm folgten und Kyra sich widerwillig anschloss. Sie trottete langsam durch den Schnee zurück zum Fort. Sie wusste, dass er ihr die Leviten lesen würde – doch es war ihr egal.
Ob er sie nun akzeptierte oder nicht, heute hatten die meisten seiner Männer sie als eine der Ihren akzeptiert – und das war alles, was für sie zählte. Sie wusste, dass von heute an alles anders werden würde.
KAPITEL SIX
Kyra ging neben ihrem Vater einen Flur von Fort Volis hinunter, durch die große Festungsanlage mit glatten Steinwänden, Tonnendecken, dicken, geschnitzten Holztüren, eine alte Redoute, die den Hütern der Flammen schon seit Jahrhunderten als Unterkunft diente. Für das Königreich war es ein wichtiges Bollwerk, das wusste sie, doch es war auch ihre Heimat, die einzige Heimat, die sie je gekannt hatte. Oft schlief sie begleitet vom Gesang der Krieger ein, die unten in den Sälen feierten. Sie liebte das Zischen des Feuers im Kamin, wenn der Wind hineinfuhr und die Glut anfachte.
Sie liebte die Festung mit all ihren Macken.
Während Kyra Mühe hatte, mit ihrem Vater mitzuhalten, fragte sie sich, was ihn bedrückte. Sie gingen schnell und schweigend nebeneinander her. Sie waren bereits spät dran für das Festmahl. Als sie an ein paar Wachen vorbeikamen, nahmen diese schnell Haltung an. Ihr Vater ging schneller als sonst, und auch wenn sie spät dran waren, war es untypisch für ihn. Normalerweise ging er Seite an Seite mit ihr, lächelte sie hinter seinem Bart an und legte ihr den Arm um die Schulter. Manchmal scherzte er auch mit ihr oder erzählte ihr von seinem Tag.
Doch jetzt ging er mit starrem Gesicht ein paar Schritte vor ihr, und auf seinem Gesicht lag ein missbilligender Ausdruck. Sie nahm an, dass es nur wegen der Ereignisse des heutigen Tages sein konnte – der leichtsinnige Jagdausflug ihrer Brüder, die Männer des Lords, die praktisch ihren Eber gestohlen hatten – und vielleicht sogar, weil Kyra mit den Männern trainiert hatte. Zuerst hatte sie angenommen, dass er in Gedanken beim Fest war – Gelage zu besonderen Tagen wie heute waren immer anstrengend für ihn, da er so viele Krieger und Gäste bis weit nach Mitternacht bewirten musste, so wie es die Tradition wollte.
Sie hatte gehört, dass als ihre Mutter noch lebte und die Gastgeberin dieser Gelage war, für ihn alles viel leichter gewesen war. Er war kein soziales Wesen, und er tat sich schwer mit den höfischen Umgangsformen.
Doch als er immer noch schwieg, fragte sich Kyra, ob es einen ganz anderen Grund hatte. Wahrscheinlich hatte es damit zu tun, dass sie mit seinen Männern trainiert hatte. Ihre Beziehung zu ihrem Vater, die so einfach gewesen war, war immer komplizierter geworden, je älter sie wurde. Er schien sich zutiefst unsicher zu sein, was er mit ihr anfangen, und was er von ihr erwarten sollte. Einerseits brachte er ihr oft bei, was es hieß ein Krieger zu sein, wie ein Ritter denken, und wie sie sich benehmen sollte. Sie führten endlose Gespräche über Tapferkeit, Ehre, Mut und oft blieb er bis spät in die Nacht wach, um ihr die Geschichten von den Schlachten ihrer Vorfahren zu erzählen, Geschichte, die sie so gerne hörte.
Doch gleichzeitig bemerkte Kyra, dass er oft plötzlich verstummte, wenn er mit ihr über solche Dinge sprach, als ob er dachte, dass er nicht darüber sprechen sollte, als ob er bemerkt hatte, dass etwas in ihr geweckt hatte, und es lieber zurücknehmen wollte.
Über schlachten und Ehre zu sprechen war ganz natürlich für ihn, doch jetzt, wo Kyra kein Kind mehr war, jetzt, wo sie zur Frau wurde, und selbst eine aufblühende Kriegerin, schien ein Teil von ihm darüber überrascht zu sein, als ob er nicht erwartet hatte, dass sie erwachsen wurde. Er schien sich nicht sicher zu sein, wie er mit seiner heranwachsenden Tochter umgehen sollte, besonders weil sie eine Kriegerin werden wollte, als ab er nicht wusste, zu welchem Pfad er sie ermutigen sollte. Sie erkannte, dass er nicht wusste, was er mit ihr anfangen sollte, und in gewisser Weise schien er sich in ihrer Gegenwart unbehaglich zu fühlen. Doch sie spürte, dass er insgeheim stolz auf sie war. Er konnte es nur nicht zeigen.
Kyra konnte das Schweigen nicht länger ertragen – sie musste den Grund erfahren.
„Machst du dir Sorgen wegen dem Fest?“, fragte sie.
„Warum sollte ich mir Sorgen machen?“, antwortete er, ohne sie anzusehen – ein Zeichen dafür, dass er wegen irgendetwas verärgert war. „Alles ist bereit. Wir sind nur spät dran. Wenn ich nicht nach Fighter’s Gate hätte kommen müssen, um dich zu holen, würde ich jetzt schon am Tisch sitzen“, schloss er erbost.
Das war es also, dachte sie: das Training. Die Tatsache, dass er deswegen böse war, verärgerte sie. Schließlich hatte sie diese Männer geschlagen und sie hatte sein Lob verdient. Stattdessen tat er so, als wäre nichts geschehen, nein, er schien es vielmehr zu missbilligen.
„Hast du nicht gesehen, dass ich deine Männer geschlagen habe?“, fragte sie. Sie wollte das Lob erzwingen, das er ihr verweigerte.
Sie sah zu, wie sich sein Gesicht rot färbte, doch er schwieg, was sie nur noch wütender machte.
Sie gingen weiter, vorbei am Saal der Helden, an der Kammer der Weisheit, und als sie schon fast am großen Saal angekommen waren, konnte sie es nicht mehr ertragen.
„Was ist Vater?“, wollte sie wissen. „Wenn du missbilligst, was ich tue, sag es einfach.“
Schließlich blieb er vor den großen Bogentüren des Festsaals stehen und sah sie mit versteinertem Gesicht an. Der Anblick tat ihr weh. Ihr Vater, der eine Mensch, den sie mehr als alles andere auf der Welt liebte, der immer ein Lächeln für sie übrig gehabt hatte, sah sie an, als wäre sie eine Fremde. Sie konnte es nicht verstehen.
„Ich will dich nicht noch einmal auf dem Trainingsgelände sehen“, sagte er mit kalter Wut in der Stimme.
Sein Tonfall verletzte sie noch mehr als seine Worte, und sie fühlte sich verraten. Von jedem anderen hätte sie es nicht gekümmert – doch aus seinem Mund, aus dem Mund des Mannes den sie so liebte, zu dem sie aufblickte, der immer so liebevoll mit ihr umgegangen war, ließ es ihr das Blut gefrieren.
Doch Kyra war niemand, der einfach kampflos aufgab – ein Zug, den sie von ihm gelernt hatte.
„Und warum nicht?“, wollte sie wissen.
Seine Miene verfinsterte sich.
„Ich muss dir keinen Grund geben“, sagte er. „Ich bin dein Vater. Ich bin der Kommandant dieses Forts, dieser Männer. Und ich will nicht, dass du mit ihnen trainierst.“
„Hast du Angst, dass ich sie schlagen könnte?“, sagte Kyra. Sie wollte ihn provozieren, sie weigerte sich, seine Entscheidung zu akzeptieren.
Er wurde rot, und sie konnte sehen, dass ihre Worte ihn verletzten.
„Hybris ist für Normalsterbliche“, schalt er sie, „nicht für Krieger.“
„Aber Vater, hast du nicht gerade klargemacht, dass ich kein Krieger bin?“, provozierte sie.
Er kniff die Augen zusammen und wusste nicht, was er sagen sollte.
„Ich bin jetzt 15 Jahre alt, Vater. Willst du, dass ich mein Leben lang gegen Bäume und Zweige kämpfe?“
„Ich will, dass du überhaupt nicht kämpfst“, herrschte er sie an. „Du bist ein Mädchen – nein eine Frau. Du solltest tun, was auch immer Frauen tun: kochen, nähen, was immer deine Mutter dir beigebracht hätte, wenn sie noch am Leben wäre.“
Jetzt verdunkelte sich Kyras Miene.
„Es tut mir leid, dass ich nicht das Mädchen bin, das du dir wünschst“, antwortete sie. „Es tut mir leid, dass ich nicht wie die anderen Mädchen bin.“
Er sah gequält aus.
„Doch ich bin die Tochter meines Vaters“, fuhr sie fort. „Ich bin das Mädchen, das du großgezogen hast. Und wenn du mich ablehnst, lehnst du dich selbst ab.“
Sie hatte die Hände in die Hüften gestemmt, und glitzerte ihn aus ihren hellgrauen Augen an, in denen die Stärke eines Kriegers lag. Er erwiderte ihren Blick und schüttelte den Kopf.
„Heute begehen wir ein Fest“, sagte er. „Ein Festmahl nicht nur für Krieger, sondern auch für Gäste und Würdenträger. Es kommen Leute aus ganz Escalon und aus fremden Ländern.“ Er musterte sie missbilligend von unten bis oben. „Du trägst die Kleider eines Kriegers. Geh in deine Kammer und zieh dir ein Kleid an wie alle anderen Frauen am Tisch es tragen.“
Sie wurde rot, und er beugte sich zu ihr vor und hob einen Finger.
„Und ich will dich nicht mehr da draußen auf dem Feld mit meinen Männern sehen“, zischte er.
Er drehte sich abrupt um, und als die Diener die schweren Türen für ihn öffneten, schlug ihm eine Welle von lautstarkem Gerede entgegen, begleitet vom Duft des gegrillten Fleischs, dem Gestank der Jagdhunde und der prasselnden Feuer. Musik hallte durch den Flur und der Krach, der aus dem Festsaal kam, übertönte alles. Kyra sah zu, wie ihr Vater durch die Türen trat.
Die Diener blieben unsicher stehen und hielten die Türen auf, unsicher, ob Kyra ihm folgen würde. Diese jedoch kochte vor Wut und überlegte, was sie tun sollte. Sie war noch nie so wütend gewesen. Zum ersten Mal in ihrem Leben hasste sie ihren Vater. Sie hatte gedacht, dass er anders war, sich nicht auf dieses Niveau herablassen würde; doch jetzt erkannte sie, dass er ein weitaus kleinerer Mann war, als sie gedacht hatte – und das tat ihr mehr weh als alles andere. Ihr das zu nehmen, was sie am meisten liebte – ihre Besuche auf dem Trainingsgelände – war wie ein Dolchstoß in ihr Herz. Der Gedanke, ein Leben in Kleidern eingesperrt bei Stickerei und Tratsch führen zu müssen, weckte in ihr ein Gefühl der Verzweiflung.
Sie wollte Volis verlassen und nie wieder zurückkommen.
*
Kommandant Duncan saß am Kopfende des Banketttischs im riesigen Festsaal von Fort Volis, und ließ schweren Herzens den Blick über seine Familie, Krieger, Untergebene, Ratgeber und Gäste schweifen – mehr als hundert Menschen, die sich für den Festtag an seinem Tisch eingefunden hatten.
Von all den Menschen an seiner Tafel versuchte er, diejenige, die ihm am meisten am Herzen lag, nicht anzusehen: seine Tochter. Kyra. Duncan hatte immer eine besondere Beziehung mit ihr gehabt, hatte immer geglaubt, sowohl Vater als auch Mutter für sie sein zu müssen, um den Verlust ihrer Mutter wettzumachen. Doch er spürte, dass er als Vater versagte und noch viel mehr als Mutter.
Duncan hatte immer großen Wert darauf gelegt, über sie zu wachen. Sie war schließlich das einzige Mädchen in einer Familie von Jungen in einem Fort voller Krieger – und ganz besonders, weil sie anders als andere Mädchen und ihm viel zu ähnlich war. Sie war ziemlich allein in dieser Männerwelt, und er gab sich die größte Mühe mit ihr, nicht nur aus Verpflichtung, sondern auch weil er sie von ganzem Herzen liebte, mehr als er es auszudrücken vermochte, vielleicht sogar noch mehr als seine Söhne, auch wenn er das nur ungern zugab. Denn von all seinen Kindern sah er ausgerechnet in ihr, einem Mädchen, viel von sich selbst. Ihr Eigensinn; ihre wilde Entschlossenheit; ihr Kriegergeist; ihre Weigerung, nachzugeben; ihr Furchtlosigkeit und ihr Mitgefühl. Sie setzte sich immer für die Schwachen ein, besonders für ihren jüngeren Bruder, und sie setzte sich immer für die Gerechtigkeit ein, egal, was es kostete.
Das war ein weiterer Grund, warum ihr Gespräch ihn so wütend gemacht und seine Laune verdorben hatte. Als er sie an diesem Abend auf dem Trainingsgelände beobachtet hatte, wie sie mit ihrem Stab mit unglaublichem Talent gegen diese Männer gekämpft hatte, hatte sein Herz vor Stolz und Freude einen Sprung gemacht. Er konnte Maltren nicht leiden, er war ein Aufschneider, ein Dorn im Auge, und er war hocherfreut, dass ausgerechnet seine Tochter ihn zurechtgewiesen hatte. Er war mehr als stolz, dass sie, ein Mädchen von gerade einmal 15 Jahren, mit seinen Männern mithalten und sie sogar schlagen konnte. Er wollte sie dafür in den Arm nehmen und sie vor allen anderen mit Lob überschütten.
Doch er war ihr Vater und konnte es nicht tun. Duncan wollte das Beste für sie und tief im Inneren spürte er, dass sie einen gefährlichen Weg beschritt, den Weg der Gewalt in einer Männerwelt. Sie wäre die einzige Frau unter vielen gefährlichen Männern, Männern mit fleischlichen Begierden, Männern, die bis zum Tod kämpfen würden, wenn das Blut kochte. Sie wusste nicht, was ein echter Kampf war, wie sich Blutvergießen, Schmerz und Tod anfühlten. Das war nicht das Leben, das er sich für sie wünschte – selbst wenn ihre Traditionen es zuließen. Er wollte, dass sie hier in der Sicherheit des Forts ein friedliches und komfortables Leben führte. Doch er wusste nicht, wie er sie dazu bringen konnte, es selbst zu wollen.
All das hatte ihn verwirrt. Er hatte angenommen, dass er sie davon abbringen konnte, indem er ihr das Lob verweigerte. Doch tief im Inneren fürchtete er, dass er sie nicht davon abbringen konnte – und dass es sie nur weiter von ihm entfremden würde. Es gefiel ihm nicht, wie er heute Abend gehandelt hatte und es gefiel ihm nicht, wie er sich damit jetzt fühlte. Doch er wusste nicht, was er sonst tun sollte.
Was ihm jedoch noch mehr bestürzte, war etwas, was in seiner Erinnerung widerhallte: die Prophezeiung vom Tag ihrer Geburt. Er hatte ihr nie viel Beachtung geschenkt, sie als Unsinn abgetan, als Altweibergeschwätz. Doch sie heute so zu sehen, all ihre Können, ließ ihn erkennen, wie besonders sie war, und er fragte sich, ob an der Prophezeiung doch etwas Wahres dran war. Und der Gedanke daran machte ihm mehr Angst als alles andere. Ihr Schicksal kam mit großen Schritten auf sie zu, und er konnte es nicht aufhalten. Wie lange noch, bis alle die Wahrheit über sie herausfanden?
Duncan schloss die Augen und schüttelte den Kopf; dann nahm er einen langen Schluck aus dem Weinschlauch und verscheuchte die Gendanken. Heute war schließlich eine Nacht zum Feiern. Der Tag der Wintersonnenwende war gekommen, und als er die Augen öffnete, sah er den Schneesturm vor dem Fenster toben. Während draußen der Wind heulte, waren sie alle sicher hier im Fort, gewärmt von den prasselnden Feuern, vom Essen und vom Wein.
Als er sich umsah, sahen alle glücklich aus – Jongleure, Barden und Musikanten machten ihre Runden, und die Männer tauschten lachend und scherzend Kriegsgeschichten aus. Duncan betrachtete wohlwollend die reiche Tafel vor sich, die vor Essen überquoll. Er war stolz, als er all die Schilde betrachtete, die hoch oben an den Wänden hingen – jedes von Hand gehauen mit einem anderen Wappen; jedes Zeichen repräsentierte ein anderes Haus seines Volkes, einen anderen Krieger, der gekommen war, um an seiner Seite zu kämpfen. Und er betrachtete auch all die Trophäen, die an den Wänden hingen, Erinnerungen an ein Leben des Kampfes für Escalon. Er wusste, dass er sich glücklich schätzen konnte.
Und doch, so gerne er es auch ignorierte, musste er zugeben, dass das Königreich besetzt war. Der alte König, Tarnis, hatte sein Volk der Schande ausgeliefert, die Waffen kampflos niedergelegt, und Pandesia erlaubt, einzumarschieren. Sicher hatte er damit viele Leben und die Städte geschont – doch er hatte ihnen ihren Geist genommen. Tarnis hatte immer schon behauptet, dass man Escalon nicht verteidigen konnte, dass selbst, wenn sie das Südliche Tor, die Brücke der Sorgen halten konnten, Pandesia sie einfach umrunden und vom Meer aus angreifen würde. Escalon war gesegnet mit einer schroffen Küstenlinie und Klippen, die mehr als 30 Meter hoch waren und vorgelagert waren zerklüftete Felsen, an denen sich die Wellen brachen. Kein Schiff konnte der Küste nahe kommen, und keine Armee ins Land eindringen, ohne einen hohen Preis zu zahlen. Pandesia hätte sie vom Meer aus angreifen können, doch der Preis dafür wäre viel zu hoch gewesen, selbst für ein so großes Reich. Zu Land war der einzige Weg, was nur den Engpass am Südlichen Tor übrigließ, von dem ganz Escalon wusste, dass er leicht zu verteidigen war. Die Kapitulation war ein Zeichen der persönlichen Schwäche gewesen, nichts sonst.
Nun waren er und die anderen großen Krieger ohne König in seiner eigenen Provinz, in seiner eigenen Festung, auf sich selbst gestellt und dazu gezwungen einem Lord Regenten zu folgen, den das pandesische Reich eingesetzt hatte. Duncan konnte sich immer noch an den Tag erinnern an dem er gezwungen worden war, den neuen Lehenseid zu schwören und an das Gefühl, das ihn beschlichen hatte, als er sich verbeugen musste – der Gedanke daran machte ihn krank.
Duncan versuchte an die frühen Tage zurückzudenken, als er in Andros stationiert gewesen war, als alle Ritter aller Häuser zusammen gewesen waren, vereint unter einem Ziel, einem König, einer Hauptstadt, einem Banner, mit einer Armee zehnmal so groß wie die Männer, die er jetzt hier hatte.
Jetzt waren sie alle in alle Ecken und Winkel des Königreichs verstreut und Duncan musste ganz neu anfangen. Als oberster Kommandant des Königs war es seine Aufgabe gewesen, ihn zu verteidigen, selbst wenn er es nicht verdient hatte. In gewisser Weise hatte es Duncan nicht überrascht, dass der König kapituliert hatte – doch er war überrascht, wie schnell alles geschehen war. All die großen Ritter hatten sich in alle Winde verstreut, waren zu ihren eigenen Familien zurückgekehrt – schließlich gab es keinen König mehr, der sie führte und all die Macht war an Pandesia abgetreten worden. Das Gesetz des Landes zerfiel zu Asche und Staub und ihr Königreich, einst so friedlich, war zu einer Brutstätte für Verbrechen und Unzufriedenheit geworden. Es war nicht einmal mehr sicher, auf den Straßen zwischen den Festungen zu reisen, die einst so sicher gewesen waren.
Stunden verflogen und als sich das Festmahl dem Ende zu neigte, wurden die Tafeln abgeräumt und frisches Bier aufgetragen. Duncan nahm ein paar Pralinen und ließ sie sich schmecken als süße Delikatessen zum Anlass des Wintermondes serviert wurden. Krüge mit königlicher Schokolade wurden mit dicker Sahne darauf herumgereicht, und Duncan, in dessen Kopf sich vom Trinken alles drehte, nahm einen und wärmte sich daran die Hände. Er trank ihn in einem Zug aus und genoss die Wärme in seinem Bauch. Draußen tobte der Schneesturm, der immer stärker zu werden schien, und der Hofnarr spielte Spielchen mit den Gästen, während die Barden Geschichten sangen und die Musikanten spielten. Es war Tradition am Tag des Wintermondes bis weit nach Mitternacht zu feiern, um den Winter willkommen zu heißen wie einen alten Freund. Man sagte, dass der Winter nicht lange bleiben würde, wenn man nur lange genug feierte.
Ohne es zu wollen, sah Duncan schließlich zu Kyra hinüber; sie saß mit gesenktem Kopf da und wirkte trostlos, gerade so, als ob sie alleine wäre. Sie hatte sich nicht umgezogen, wie er es verlangt hatte, und einen Augenblick lang entfachte es seinen Zorn von neuem, doch dann entschied er sich, es zu ignorieren. Er konnte sehen, dass auch sei bestürzt war; sie ließ die Dinge viel zu sehr an sich heran, genau wie er.
Duncan entschied, dass es an der Zeit war, Frieden mit ihr zu schließen und sie zumindest zu trösten, wenn er schon nicht zustimmen konnte. Er wollte gerade aufstehen und zu ihr gehen, als plötzlich die Türen zum Festsaal geöffnet wurden.
Ein Besucher eilte in den Raum, ein Mann von kleiner Statur, gekleidet in einen Fellumhang, der ihn als fremdländisch auswies. Sein Haar und sein Umhang waren voller Schnee als die Diener ihn zur Tafel führten.
Duncan war überrascht, so spät in der Nacht noch einen Besucher zu empfangen, besonders in diesem Sturm.
Als der Mann seinen Mantel ablegte, bemerkte Duncan, dass er Violett und Gelb trug, die Farben von Andros. Er musste den ganzen Weg von der Hauptstadt hierhergekommen sein, eine gut dreitägige Reise.
Die ganze Nacht über waren Reisende angekommen, doch keiner so spät, und keiner aus Andros. Die Farben erinnerten Duncan an den alten König und bessere Tage.
Die Gäste im Raum verstummten, als der Gast vor ihm stehen blieb, sich verbeugte und darauf wartete, aufgefordert zu werden, Platz zu nehmen.
„Vergebt mir Mylord“, sagte er. „Ich wollte viel früher kommen, doch der Schnee hat das leider verhindert. Ich wollte nicht respektlos erscheinen.“
Duncan nickte.
„Ich bin kein Lord“, korrigierte er ihn, „nur ein Kommandant. Und wir sind alle gleich hier, egal ob von hoher oder niederer Geburt, Männer und Frauen. Alle Gäste sind willkommen, egal wann sie ankommen.“
Der Gast nickte dankbar und wollte sich gerade hinsetzen, als Duncan die Hand hob.
„Unsere Tradition verlangt, dass Gäste, die eine besonders weite Anreise haben, einen Ehrenplatz bekommen. Komm, setz dich zu mir.“
Der überraschte Gast sah ihn überrascht an, nickte dankbar und ließ sich von den Dienern zu seinem Platz in Duncans Nähe führen. Der Mann war von kleinem Wuchs, dünn, mit hagerem Gesicht und wachen Augen. Er musste um die Vierzig sein, doch er wirkte viel älter. Duncan betrachtete ihn und bemerkte eine gewisse Unruhe in seinen Augen; der Mann schien zu nervös zu sein für einen Besucher, der zu einem Fest kam. Er spürte, dass etwas nicht stimmte.
Als der Gast mit gesenktem Kopf Platz genommen hatte, und die freudige Stimmung im Raum wieder aufbrandete, aß er hungrig eine Schale Suppe mit einem großen Stück Brot und trank den Krug mit der Schokolade aus, die vor ihn hingestellt wurden.
„Erzähle“, sagte Duncan neugierig, als der Mann aufgegessen hatte, „Welche Neuigkeiten bringst du aus der Hauptstadt?“
Langsam schob der Gast seine Schale von sich und wich Duncans Blick aus. Als die Leute an seinem Tisch den grimmigen Ausdruck auf seinem Gesicht sahen, verstummten sie und warteten auf seine Antwort.
Schließlich drehte er sich um und sah Duncan mit geröteten und wässrigen Augen an.
„Keine Nachrichten, die irgendjemand überbringen müssen sollte“, sagte er.
Duncan hatte es gespürt.
„Dann raus damit, sagte Duncan. „Schlechte Neuigkeiten werden nur schlimmer, je länger man sie für sich behält.“
Der Mann senkte den Blick wieder auf den Tisch und rieb sich nervös die Hände.
„Ab dem Wintermond wird ein neues pandesisches Gesetz in unserem Land durchgesetzt: puellae nuptias.“
Duncan spürte, wie sein Blut bei diesen Worten gerann, und empörtes Keuchen erklang überall am Tisch – eine Empörung die er mit den anderen teilte. Puellae Nuptias. Das war unfassbar.
„Bist du sicher?“, fragte Duncan.
Der Gast nickte.
„Vom heutigen Tag an, kann der jeweilige Lord Regent die erste unverheiratete Tochter eines jeden Mannes, Lords, oder Kriegers in unserem Königreich, die das fünfzehnte Lebensjahr erreicht hat, zur Vermählung einfordern – für sich, oder für wen auch immer er möchte.
Duncan sah sofort Kyra an, und er sah den überraschten und empörten Ausdruck in ihren Augen. Auch die anderen Männer, besonders die Krieger im Raum, drehten sich nach Kyra um, denn sie verstanden, wie schwer diese Nachricht wog. Im Gesicht jedes anderen Mädchens hätte man Angst gesehen, doch in ihrem Blick schien nichts als Rachedurst zu liegen.
„Sie werden sie nicht bekommen!“, rief Anvin empört, und war der erste, der das Schweigen brach. „Sie werden keines unserer Mädchen bekommen!“
Arthfael zog seinen Dolch und rammte ihn in den Tisch.
„Sie können unseren Eber haben, doch wir kämpfen bis zum Tod, bevor sie auch nur eines unserer Mädchen holen!“
Die Krieger stießen zustimmende Rufe aus, und ihr Zorn wurde vom Wein und Bier nur angefacht. Die Stimmung im Raum kippte sofort.
Als Duncan langsam aufstand, verstummten alle, und die anderen Krieger standen ebenso auf – ein Zeichen des Respekts.
„Das Festmahl ist beendet“, verkündete er mit ernster Stimme. Als er die Worte aussprach, bemerkte er, dass es noch nicht einmal Mitternacht war, ein schlechtes Omen für den Wintermond.
Duncan ging in der angespannten Stille hinüber zu Kyra, vorbei an Reihe von Kriegern und Würdenträgern. Neben ihrem Stuhl blieb er stehen und sah ihr in die Augen. Sie erwiderte seinen Blick mit Stärke und Trotz in ihren Augen, voller Stolz. Auch Leo, der neben ihr lag, blickte zu ihm auf.
„Komm, Tochter“, sagte er. „Du und ich haben viel zu besprechen.“
KAPITEL SIEBEN
Kyra saß in der Kammer ihres Vaters, einem kleinen Raum im oberen Stock der Festung mit einem hohen Deckengewölbe und einem marmornen Kamin, der von jahrelanger Nutzung schwarz geworden war. Sie saßen einander gegenüber auf Stapeln von Fellen und sahen einander in der erdrückenden Stille des Raumes an, die nur vom Prasseln des Feuers unterbrochen wurde.
Kyras Gedanken kreisten um die Nachricht während sie Leo streichelte, der zu ihren Füssen zusammengerollt war, und sie konnte es immer noch kaum fassen. War der Wandel schließlich doch nach Escalon gekommen. Sie hatte das Gefühl, dass mit der Nachricht ihr Leben geendet hatte. Sie starrte in die Flammen und fragte sich, wofür sie noch leben sollte, wenn Pandesia sie ihrer Familie entriss, ihrem Fort, allem, was sie kannte und liebte und sie mit irgendeinem alten Lord Regenten verheiratete. Lieber würde sie starben.
Normalerweise fand Kyra Trost darin, hier, in diesem Raum zu sein, wo sie zahllose Stunden beim Lesen zugebracht hatte, und sich in Geschichten von Tapferkeit und alten Legenden verloren hatte. Ihr Vater hatte ihr hier oft aus seinen alten Büchern vorgelesen, manchmal bis zum nächsten Morgen – Chroniken von anderen Zeiten und fremden Orten. Am meisten liebte Kyra seine Geschichten von Kriegern und großen Schlachten. Leo lag immer zu ihren Füssen und Aidan leistete ihnen oft Gesellschaft; es kam oft vor, dass Kyra bei Sonnenuntergang mit müden Augen in ihre Kammer zurückkehrte, trunken von all den Geschichten.
Sie liebte das Lesen sogar noch mehr als ihre Waffen, und sie betrachtete die Bücherregale an den Wänden, die voller Schriftrollen und ledergebundener Bücher lagen, die über Generationen vererbt worden waren und wünschte sich, sich auch jetzt wieder in die Geschichten flüchten zu können.
Doch als sie ihren Vater ansah, sein grimmiges Gesicht, brachte es die furchtbare Realität zurück. Das war keine Nacht, in der sie gemeinsam lesen würden. Sie hatte ihren Vater nie so aufgewühlt, so hin und hergerissen gesehen. Zum ersten Mal schien er nicht zu wissen, was er tun sollte. Ihr Vater war ein stolzer Mann, genau wie seine Männer, das wusste sie, und in jenen Tagen, als Escalon noch einen König hatte, eine Hauptstadt und einen Hof, wo sich alle versammeln konnte, hätten sie alle ihr Leben für die Freiheit gegeben. Ihr Vater war nicht jemand, der kapitulierte oder handelte. Der alte König hatte sie verkauft, in ihrem Namen kapituliert, und sie in einer schrecklichen Situation zurückgelassen. Als zersplitterte, führerlose Armee konnten sie nicht gegen einen Feind kämpfen, der sich bereits unter ihnen breitgemacht hatte.
„Es wäre besser gewesen, an jenem Tag in einer Schlacht geschlagen worden zu sein“, sagte ihr Vater mit trauriger Stimme. „Wir hätten uns Pandesia stolz stellen sollen – selbst wenn wir verloren hätten. Die Kapitulation des Königs hat unsere Niederlage besiegelt – eine lange, grausame Niederlage. Tag um Tag, Jahr um Jahr wird uns eine Freiheit nach der anderen genommen, und damit unsere Männlichkeit.“
Kyra wusste, dass er Recht hatte – doch sie konnte König Tarnis Entscheidung auch verstehen: das pandesische Reich umfasste die halbe Welt. Mit ihrer riesigen Sklavenarmee hätten sie Escalon in Schutt und Asche gelegt. Sie hätten nie aufgegeben, egal wie viele Männer sie dabei verloren hätten. Zumindest war das Land unversehrt geblieben und die Menschen am Leben – wenn man das noch Leben nennen konnte.
„Für sie geht es nicht darum, unsere Mädchen zu nehmen“, fuhr ihr Vater fort. „Es geht um Macht. Um Unterwerfung. Um das, was noch von unserem Kampfgeist übrig ist, zu vernichten.“
Duncan starrte in die Flammen und sie spürte, dass sein Blick gleichzeitig in die Vergangenheit und in die Zukunft gerichtet war. Kyra betete, dass er sich ihr zuwenden würde, und ihr sagen würde, dass die Zeit zu Kämpfen gekommen war, die Zeit, in der sie alle für das, an was sie glaubten aufstehen mussten; dass er nie zulassen würde, dass sie sie holten.
Doch stattdessen, zu ihrer wachsenden Enttäuschung und Wut, saß er schweigend da, starrte in die Flammen und grübelte, ohne ihr die Zuversicht zu geben, die sie brauchte. Sie hatte keine Ahnung, was er dachte, besonders nicht nach ihrem Streit vorhin.
„Ich erinnere mich an eine Zeit, als ich dem König gedient habe“, sagte er langsam, und seine tiefe, starke Stimme tröstete sie, wie sie es immer getan hatte, „als das Land eins war. Escalon war unbesiegbar. Alles, was wir tun mussten, war die Flammen zu bewachen, um die Tolle fernzuhalten, und das Südliche Tor, um Pandesia abzuwehren. Jahrhundertelang waren wir ein freies Volk, und so hatte es immer sein sollen.“
Er schwieg eine ganze Weile, und während Kyra Leos Kopf streichelte und dem Knistern des Feuers lauschte, wartete sie ungeduldig darauf, dass er fortfuhr.
„Wenn Tarnis uns befohlen hätte, das Tor zu verteidigen“, sagte er, „hätten wir es bereitwillig bis zum letzten Mann verteidigt. Wir alle wären gerne für die Freiheit gestorben. Doch eines Morgens sind wir aufgewacht, und haben unser Land voller Fremder vorgefunden“, sagte er, und in seinen Augen spiegelte sich sein Schmerz wider.
„Ich weiß dass alles“, sagte Kyra ungeduldig, müde, immer die gleiche Geschichte zu hören.
E wandte sich ihr zu und sah sie niedergeschlagen an.
„Unser eigener König hat aufgegeben“, sagte er, „der Feind ist bereits mitten unter uns. Was ist dann noch übrig, wofür es sich zu kämpfen lohnt?“
Kyra kochte vor Wut.
„Vielleicht verdienen nicht alle Könige ihren Titel“, sagte sie. Ihre Geduld war aufgebraucht. „Schließlich sind Könige auch nur Menschen. Und Menschen machen Fehler. Vielleicht ist manchmal der ehrenhafteste Weg, sich seinem König zu widersetzen.“
Ihr Vater seufzte, starrte ins Feuer. Er hatte ihr gar nicht richtig zugehört.
„Wir hier in Volis, wir haben gut gelebt, verglichen mit dem Rest von Escalon. Sie haben uns erlaubt, unsere Waffen zu behalten – echte Waffen – anders als die anderen, die unter Androhung von Todesstrafe keinen Stahl besitzen dürfen. Sie lassen uns trainieren, sie geben uns die Illusion der Freiheit – gerade genug, um uns bei Laune zu halten. Weißt du warum?“, fragte er.
„Weil du der beste Ritter des Königs warst“, antwortete sie. „Weil sie dir die Ehre zukommen lassen wollen, derer du würdig bist.“
Er schüttelte den Kopf.
„Nein“, antwortete er. „Nur, weil sie uns brauchen. Sie brauchen Volis, um die Flammen zu bewachen. Wir sind alles, was zwischen ihnen und Marda steht. Pandesia fürchtet Marda mehr als wir. Es ist nur, weil wir die Hüter sind. Sie patrouillieren die Flammen mit ihren eigenen Männern, mit ihren eigenen Wehrpflichtigen, doch sie sind lange nicht so wachsam wie wir.“
Kyra dachte darüber nach.
„Ich dachte immer, dass wir über allem stehen, außerhalb von Pandesias Reichweite sind. Doch heute Nacht“, sagte er ernst und sah sie dabei an, „habe ich begriffen, dass das nicht stimmt. Diese Nachrichten… Ich habe schon seit Jahren mit so etwas gerechnet. Und trotz all dieser Jahre, jetzt, wo sie gekommen sind… kann ich nichts dagegen tun.“
Er ließ den Kopf hängen. Sie starrte ihn entsetzt an und spürte, wie der Zorn in ihr Hochkochte.
„Soll das heißen, dass du zulassen wirst, wenn sie kommen und mich holen?“, fragte sie. „Willst du damit sagen, dass du nicht für mich kämpfen würdest?“
Seine Miene wurde finster.
„Du bist jung“, sagte er wütend. „Naiv. Du verstehst die Welt nicht. Du siehst nur diesen einen Kampf – nicht das ganze Königreich. Wenn ich für dich kämpfe, wenn meine Männer für dich kämpfen, gewinnen wir vielleicht eine Schlacht. Doch sie werden zurückkommen. Nicht mit hundert Männern, oder mit tausend Männern, oder Zehntausend – sondern einem Meer von Männern. Wenn ich für dich kämpfe, führe ich meine Leute in den sicheren Tod.“
Seine Worte trafen sie wie ein Dolchstoß, ließen sie innerlich erzittern – nicht nur seine Worte, sondern auch die Verzweiflung, die in ihnen lag. Ein Teil von ihr wollte aus der Kammer stürmen, so enttäuscht war sie von dem Mann, der einmal ihr Idol gewesen war. Sie wollte weinen über diesen Verrat.
Sie stand zitternd auf und sah böse auf ihn herab.
„Du“, zischte sie, „du, der größte Kämpfer unseres Landes – hat Angst die Ehre deiner eigenen Tochter zu schützen?“
Sie sah zu wie er vor Demütigung errötete.
„Pass auf was du sagst“, warnte er sie.
Doch Kyra hatte nicht vor, nachzugeben.
„Ich hasse dich!“, rief sie.
Jetzt stand er auf.
„Willst du etwa, dass all unsere Leute sterben?“, schrie er zurück. „Für deine Ehre?“
Kyra konnte nicht anders. Zum ersten Mal seit sie denken konnte, brach sie in Tränen aus, so verletzt war sie davon, dass ihr Vater sie hintenan stellte.
Er ging auf sie zu, um sie zu trösten, doch sie senkte den Kopf und wandte sich ab. Dann fasste sie sich wieder, wischte schnell die Tränen ab und drehte sich um und blickte mit feuchten Augen in die Flammen.
„Kyra“, sagte er sanft.
Sie blickte zu ihm auf und sah, dass auch seine Augen wässrig wurden.
„Natürlich würde ich für dich kämpfen“, sagte er. „Ich würde für dich kämpfen, bis mein Herz aufhört zu schlagen. Ich und alle meine Männer würden für dich sterben. Doch in dem Krieg, der dadurch ausbrechen würde, müsstest auch du sterben. Willst du das etwa?“
„Und dass ich die Sklavin eines Pandesiers werde?“, schoss sie zurück. „Ist das etwas das, was du willst?“
Kyra wusste, dass sie egoistisch war, dass sie sich an erste Stelle setzte, und das entsprach nicht ihrer Natur. Natürlich würde sie nie zulassen, dass irgendjemand für sie starb. Doch sie wollte es von ihrem Vater hören. Sie wollte hören, dass er sagte: Ich werde für dich kämpfen, egal was geschieht. Du stehst an erster Stelle. Du bist mir am wichtigsten.
Doch er schwieg, und die Stille schmerzte mehr als alles andere.
„Ich werde für dich kämpfen!“, hörte sie eine Stimme.
Kyra drehte sich überrascht um, und sah Aidan, der den Raum betrat. Er hielt einen kurzen Speer in seinen Händen und hatte eine tapfere Miene aufgesetzt.
„Was willst du hier?“, herrschte Duncan ihn an. „Ich spreche mit deiner Schwester.“
„Und ich habe alles gehört!“, sagte Aidan, während Leo ihn freudig begrüßte und ihm die Hände ableckte.
Kyra musste lächeln. Aidan war genauso trotzig wie sie, selbst wenn er noch zu jung war, als dass sein Können seiner Willensstärke folgen konnte.
„Ich kämpfe für meine Schwester!“, fügte er hinzu. „Selbst gegen alle Trolle von Marda!“
Sie legte ihm den Arm um die Schulter und küsste ihn auf die Stirn.
Dann wischte sie ihre Tränen ab und wandte sich mit finsterem Blick wieder ihrem Vater zu. Sie brauchte eine Antwort. Sie musste es von ihm hören.
„Bin ich dir nicht wichtiger als deine Männer?“, fragte sie.
Er starrte sie mit schmerzerfülltem Blick an.
„Du bist mir wichtiger als alles andere auf der Welt“, sagte er. „Doch ich bin nicht einfach nur ein Vater – ich bin ein Anführer. Meine Männer unterliegen meiner Verantwortung. Kannst du das nicht verstehen?“
Sie verzog das Gesicht.
„Und wo ziehst du die Grenze, Vater? Wann genau sind dir deine Leute wichtiger als deine Familie? Wenn die Entführung deiner einzigen Tochter nicht diese Grenze darstellt, was dann? Ich bin sicher, wenn sie einen deiner Söhne holen würden, dann würdest du in den Krieg ziehen.“
Er sah sie böse an.
„Darum geht es nicht.“
„Nein?“, schoss sie entschlossen zurück. „Warum ist das Leben eines Jungen mehr wert als das eines Mädchens?“
Ihr Vater kochte vor Wut, atmete schwer, und öffnete seine Weste. Er war aufgebrachter, als sie ihn je gesehen hatte.
„Es gibt einen anderen Weg“, sagte er schließlich.
Sie sah ihn irritiert an.
„Morgen“, sagte er langsam, und seine Stimme klang dabei wieder autoritär, als spräche er mit seinen Beratern. „Morgen wirst du einen Jungen auswählen. Einen Jungen aus unserem Volk den du magst. Bei Sonnenuntergang werdet ihr heiraten. Und wenn die Männer des Lords kommen, bist du vermählt. Unantastbar. Du wirst sicher sein, hier bei uns.“
Kyra starrte ihn sprachlos an.
„Erwartest du wirklich von mir, dass ich irgendeinen fremden Jungen heirate?“, fragte sie. „Einfach einen auswähle? Einfach so? Jemanden, den ich nicht liebe?“
„Das wirst du tun!“, schrie ihr Vater mit hochrotem Gesicht. „Wenn deine Mutter noch am Leben wäre, hätte sie sich um diese Angelegenheit gekümmert – sie hätte es schon vor langer Zeit geregelt. Doch sie ist nicht hier. Und du bist kein Krieger. Du bist ein Mädchen. Und Mädchen heiraten. Wenn du bis zum Ende des Tages keinen Gemahl ausgewählt hast, dann werde ich es tun. Und damit ist das Thema beendet!“
Kyra sah ihn an. Sie war angewidert und wütend – doch am schwersten wog die Enttäuschung.
„So gewinnt also der große Kommandant Duncan seine Schlachten?“, fragte sie. Sie wollte ihn verletzen. „Dadurch, dass er Schlupflöcher in den Gesetzen findet, um sich vor seinen Besatzern zu verstecken?“
Kyra wartete nicht auf eine Antwort. Sie stürmte mit Leon aus dem Raum und schlug die Tür hinter sich zu.
„KYRA!“, schrie ihr Vater – doch die Tür dämpfte seine Stimme.
Kyra marschierte den Flur hinunter. Sie hatte das Gefühl, den Boden unter den Füssen zu verlieren. Mit jedem Schritt wurde ihr klarer, dass sie nicht länger hier bleiben konnte. Ihre Anwesenheit brachte alle in Gefahr, und das konnte sie nicht zulassen.
Kyra konnte die Worte ihres Vaters nicht fassen. Sie würde niemals jemanden heiraten, den sie nicht liebte. Sie würde nicht aufgeben, und ein Leben am Herd führen, wie all die anderen Frauen. Lieber würde sie sterben. Wusste er das nicht? Kannte er seine eigene Tochter nicht?
Kyra ging in ihre Kammer, schlüpfte in ihre Stiefel, zog ihre wärmsten Felle an, nahm ihren Bogen und Stab und ging.
„KYRA!“ Die wütende Stimme ihres Vaters hallte durch den Flur.
Sie würde ihm nicht die Gelegenheit geben, sie einzuholen. Sie ging weiter durch die Flure, entschlossen, Volis zu verlassen und nie wieder zurückzukehren. Was auch immer da draußen lag, sie würde sich der Welt stellen. Vielleicht würde sie sterben, das wusste sie – doch zumindest war es ihre Wahl, Zumindest würde sie nicht nach den Vorschriften anderer leben müssen.
Kyra erreichte mit Leo das Haupttor des Forts, und die Diener die unter den sterbenden Fackeln standen sahen sie erstaunt an.
„Mylady“, sagte einer. „Es ist spät und da draußen tobt noch immer der Sturm.“
Doch Kyra sah ihn entschlossen an. Die Diener tauschten unsichere Blicke aus, dann öffneten sie langsam die schwere Tür.
Im selben Augenblick schlug ihnen heulend eine eiskalte Windbö ins Gesicht, begleitet von dicken Flocken. Kyra zog ihren Umhang fester um die Schultern, als sie sah, dass der Schnee vor dem Tor ihr bis zu den Waden reichte.
Sie trat hinaus. Sie wusste, dass es draußen in der Nacht nicht sicher war: der Wald war voller gefährlicher Kreaturen, voller Verbrecher, und manchmal drangen sogar Trolle bis hierher vor; besonders heute Nacht, in der Nacht des Wintermondes, der eines Nacht des Jahres, in der man nicht hinausgehen sollte – in der die Toten zwischen den Welten wandelten und alles geschehen konnte. Kyra blickte zum Himmel auf und sah den riesigen blutroten Mond am Horizont, der sich über sie lustig zu machen schien.
Sie atmete tief durch, machte einen ersten Schritt und verschwand ohne sie noch einmal umzudrehen in die Nacht.
KAPITEL ACHT
Alec saß in der Schmiede seines Vaters. Vor ihm stand der große eiserne Amboss, der von all den Jahren, die er im Gebrauch war voller Dellen war. Er hob seinen Hammer und schlug auf den glühenden Stahl eines Schwertes ein, das er gerade aus den Flammen gezogen hatte. Er war frustriert. Schwitzend, versuchte er sich den Frust von der Seele zu hämmern. Mit gerade mal sechzehn Jahren war er kleiner als die meisten Jungen seines Alters, doch er war stärker. Er hatte breite Schultern und seine Muskeln waren bereits wohl definiert. Schwarze Locken fielen ihm über die Augen. Alec war niemand, der einfach so aufgab. Sein Leben war schwer gewesen – geschmiedet, wie dieses Eisen, und während er neben den Flammen saß und sich die Haare aus dem Gesicht wischte, dachte er über die Nachrichten nach, die ihn gerade erreicht hatte. Noch nie war er so verzweifelt gewesen. Er schlug immer wieder mit dem Hammer zu, und der Schweiß rann ihm über die Stirn und tropfte zischend auf das Schwert. Er wollte alle seine Sorgen weghämmern.
Sein ganzes Leben lang hatte Alec die Kontrolle gehabe, hatte gearbeitet so hart es nötig war, um es zu schaffen. Doch jetzt musste er zum ersten Mal in seinem Leben dasitzen und zusehen, wie die Ungerechtigkeit in sein Dorf und seine Familie Einzug hielt – und er konnte nichts dagegen tun.
Alec hämmerte immer weiter, das Singen des Metalls klang in seinen Ohren und der Schweiß brannte in seinen Augen, doch es war ihm egal. Er wollte dieses Eisen schlagen, bis nichts mehr übrig war, und mit jedem Schlag dachte er nicht an das Schwert, sondern an Pandesia. Er würde sie alle töten, wenn er könnte, diese Invasoren, die kommen würden, um seinen Bruder zu holen. Alec schlug auf das Schwert ein und stellte sich dabei vor, dass es ihre Köpfe waren. Er wünschte sich, mächtig genug zu sein, um alleine gegen Pandesia aufzustehen.
Heute, der Tag des Wintermondes, war der Tag, den er am meisten verabscheute, der Tag an dem Pandesia alle Dörfer in ganz Escalon durchsuchten und alle Jungen im Alter von 18 Jahren zum Dienst an den Flammen einzusammeln. Mit 16 war Alec noch zwei Jahre zu jung dazu und damit sicher. Doch sein Bruder Ashton war im letzten Herbst 18 geworden und war an der Reihe. Warum ausgerechnet Ashton? fragte er sich. Ashton war sein Held. Obwohl er mit einem Klumpfuß zur Welt gekommen war, hatte Ashton immer ein Lächeln auf den Lippen, war immer gut gelaunt, und hatte immer das Beste aus seinem Leben gemacht. Er war das Gegenteil von Alex, der sich alles zu Herzen nahm und immer in einem Wirbelsturm von Gefühlen gefangen war. Egal wie sehr er sich bemühte glücklich wie sein Bruder zu sein, konnte Alec seine Leidenschaft nicht kontrollieren, und ertappte sich immer wieder beim Grübeln. Alle sagten, dass er das Leben viel zu ernst nahm; doch für ihn war das Leben eine schwere, ernste Angelegenheit, und er wusste nicht, wie er es leichter nehmen sollte.
Ashton dagegen, war ruhig, ausgeglichen und glücklich, trotz seiner Situation. Er war auch ein guter Schmied, wie ihr Vater und versorgte seit ihr Vater erkrankt war allein die Familie. Wenn sie Ashton holten, würde ihre Familie verarmen. Schlimmer noch. Es würde Alec zerstören, denn er hatte Geschichten gehört, dass das Leben eines Wehrpflichtigen seinen Bruder umbringen würde.
Mit Ashtons Klumpfuß wäre es grausam und gerecht, wenn die Pandesier ihn holen würden. Doch sie war nicht gerade bekannt für ihr Mitleid, und Alec fürchtete, dass er heute seinen Bruder zum letzten Mal sehen würde.
Sie waren keine reiche Familie in einem reichen Dorf. Ihr Haus war schlicht, ein kleines Häuschen, das an die Schmiede angrenzte am Rand von Soli, einen Tagesritt von der Hauptstadt und vom Süden von Whitewood gelegen. Es war eine friedliche Ortschaft inmitten von sanften Hügeln, weit ab von allem, ein Ort, den die meisten Leute auf dem Weg nach Andros ignorierten.
Die Familie hatte gerade genug zu Essen – und mehr wollten sie auch nicht. Sie nutzten ihre Fähigkeiten um Eisen zu bearbeiten, und das war gerade genug, um sich alles leisten zu können, was sie brauchten.
Alec hatte nicht viele Wünsche – doch er sehnte sich nach Gerechtigkeit. Er schauderte bei dem Gedanken, dass sein Bruder weggeholt werden würde, um Pandesia zu dienen. Er hatte zu viele Geschichten davon gehört, wie es war, eingezogen zu werden, und Wache an den Flammen zu schieben, die Tag und Nacht brannten und ein Hüter zu werden. Die pandesischen Sklaven, die die Flammen bemannten, waren harte Männer, Sklaven aus aller Welt, Wehrpflichtige, Verbrecher und die schlimmsten pandesischen Krieger. Die meisten von ihnen waren keine edlen Krieger aus Escalon, nicht die edlen Hüter aus Volis. Die größte Gefahr der Flammen, hatte Alec gehört, waren nicht die Trolle, sondern die anderen Hüter. Ashton würde sich nicht selbst schützen können; er war ein guter Schmied, doch er war kein Kämpfer.
„ALEC!“
Die schrille Stimme seiner Mutter hallte durch die Luft und übertönte sogar sein Hämmern.
Alec legte schwer atmend den Hammer nieder. Er hatte gar nicht bemerkt, wie sehr er sich verausgabt hatte und wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. Er drehte sich um und sah, wie seine Mutter mit missbilligendem Blick den Kopf durch die Tür steckte.
„Ich habe dich nun schon seit zehn Minuten gerufen!“, sagte sie streng. „Das Abendessen steht auf dem Tisch! Uns bleibt nicht mehr viel Zeit bevor sie kommen. Wir warten nur auf dich. Komm sofort rein!“
Alec erwachte aus seinen Grübeleien, stand widerwillig auf und zwängte sich an den Gerätschaften der Schmiede vorbei. Er konnte das Unausweichliche nicht länger aufschieben.
Er ging an der missmutig dreinblickenden Mutter vorbei zurück ins Haus. Vor dem Esstisch blieb er stehen: sie hatte das beste Geschirr hervorgeholt, doch das war nicht viel. In die Mitte des einfachen Holztischs, um den vier Stühle standen, hatte sie einen silbernen Kelch gestellt, das einzige Stück von Wert, das die Familie besaß.
Um den Tisch herum saßen sein Bruder und sein Vater, die Suppe bereits in den Schalen vor ihnen.
Ashton war groß und dünn und dunkel, während der Vater, der neben ihm saß, ein großer Mann war, doppelt so breit wie Alec, mit wachsendem Bauch, breiter Stirn, dicken Augenbrauen und den schwieligen Händen eines Schmieds. Sie sahen einander ähnlich, doch keiner ähnelte Alec, dessen störrisches schwarzes Haar und die grünen Augen denen seiner Mutter glichen.
Alec sah sie an und bemerkte sofort die Angst in den Augen seines Bruders und die Sorge im Blick seines Vaters. Beide Männer sahen aus, als wären sie auf einer Totenwache. Sein Magen zog sich zusammen, als er den Raum betrat. Als Alec am Tisch Platz nahm, stellte seine Mutter auch eine Schale Suppe vor ihm hin, und setzte sich schließlich selbst.
Auch wenn es schon spät war, und er normalerweise um diese Zeit am Verhungern war, konnte Alec den Geruch des Essens kaum ertragen.
„Ich habe keinen Hunger“, murmelte er in die Stille.
Seine Mutter warf ihm einen strengen Blick zu.
„Das ist mir egal“, herrschte sie ihn an. „Du isst, was dir vorgesetzt wird. Das ist vielleicht unser letztes gemeinsames Mahl – hab gefälligst Respekt vor deinem Bruder.“
Alec wandte sich seiner Mutter zu, einer hausbackenen Frau in den Fünfzigern. Ihr Gesicht hatte tiefe Falten von einem harten Leben, und er sah die Entschlossenheit in ihren grünen Augen flackern, dieselbe Entschlossenheit, die auch in seinem Blick lag.
„Sollen wir etwa tun, als würde nichts geschehen?“, fragte er.
„Ashton ist auch unser Sohn“, knurrte sie. „Du bist nicht der einzige hier.“
Alec wandte sich verzweifelt seinem Vater zu.
„Wirst du es zulassen, Vater?“
Der Vater verzog das Gesicht, doch er schwieg.
„Du ruinierst eine schöne Mahlzeit“, sagte seine Mutter.
Der Vater hob die Hand und sie verstummte, dann warf er Alec einen Blick zu.
„Was soll ich schon tun?“, fragte er mit ernster Stimme.
„Wir haben Waffen!“, beharrte Alex, der auf diese Frage gehofft hatte. „Wir haben Stahl. Wir gehören zu den wenigen, die Zugang dazu haben! Wir können jeden Krieger töten, der sich ihm auch nur nähert! Sie werden nie damit rechnen!“
Sein Vater schüttelte ablehnend den Kopf.
„Das sind die Träumereien eines Jungen“, sagte er. „Du, der du noch nie einen Mann getötet hast. Stell dir vor du tötest den Krieger der Ashton holen kommt – was ist mit den hundert anderen, die ihn begleiten?
„Dann verstecken wir Ashton einfach!“, beharrte Alec.
Sein Vater schüttelte den Kopf.
Sie haben Aufzeichnungen von jedem Jungen hier im Dorf. Sie wissen, dass er hier ist. Wenn wir ihnen Ashton nicht geben, werden sie jeden von uns töten.“ Er seufzte. „Denkst du etwa, dass ich nicht selbst schon daran gedacht habe? Denkst du etwa, du bist der einzige, dem es etwas ausmacht? Denkst du ich will, dass sie meinen einzigen Sohn mitnehmen?“
Alec hielt inne, verdutzt von seinen Worten.
„Dein einziger Sohn? Was meinst du damit?“, fragte er.
„Ich habe nicht einziger gesagt – ich habe ältester gesagt.“
„Nein, du hast einziger gesagt“, beharrte Alec.
Das Gesicht seines Vaters wurde rot und er hob seine Stimme.
„Höre auf darauf rumzureiten!“, schrie er. „“Nicht zu einer Zeit wie dieser. Ich habe ältester gesagt und damit Schluss! Ich will genauso wenig wie du, dass sie meinen Jungen mitnehmen!“
„Entspann dich, Alec“, erklang eine teilnahmsvolle Stimme, die einzige im Raum, die ruhig zu sein schien.
Ashton lächelte ihn über den Tisch hinweg an, gefasst wie immer.
„Mir wird schon nichts geschehen, Bruder“, sagte Ashton. „Ich werde meinen Dienst tun, und danach komme ich zurück.“
„Zurück?“, wiederholte Alec. „Sie holen die Hüter für sieben Jahre!“
Ashton lächelte.
„Dann sehe ich dich in sieben Jahren wieder“, antwortete er lächelnd. „Ich nehme an, dass du mir bis dahin über den Kopf gewachsen bist.“
So war Ashton nun einmal. Immer dachte er an andere, immer versuchte er alles, damit er sich besser fühlte, selbst in einem Augenblick wie diesem.
Es brach Alec das Herz.
„Ashton“, beharrte er, „du darfst nicht gehen. Du wirst die Flammen nicht überleben.“
„Ich…“, begann Ashton.
Doch seine Worte wurden von der Unruhe draußen unterbrochen. Pferde ritten ins Dorf und Männer schrien. Alle am Tisch sahen einander voller Angst an. Sie saßen wie erstarrt da, während draußen die Leute begannen wie aufgescheuchte Hühner umher zu rennen. Alec konnte durchs Fenster sehen, wie die Familien sich mit ihren Söhnen draußen aufstellten.
„Es hilft nichts, es hinauszuzögern“, sagte der Vater, stützte seine Hände auf den Tisch und stand auf. „Wir wollen nicht die Schande erleben, dass sie in unser Haus kommen und ihn wegzerren. Wir werden uns wie die anderen stolz draußen aufstellen. Lasst uns beten dass sie Ashton verschonen, wenn sie seinen Fuß sehen.“
Zögernd stand Alec auf und folgten ihnen aus dem Haus.
Als er in die kalte Nacht hinaustrat, erschrak Alec über das, was er sah: noch nie war das Dorf in einem solchen Aufruhr gewesen. Die Straßen waren von Fackeln erleuchtet und alle Jungen über 18 standen aufgereiht, während ihre Familien nervös zusahen.
Staubwolken wirbelten in den Straßen hoch, als die Karawane von Pandesiern ins Dorf geritten kam; Dutzende von Kriegern in den scharlachroten Rüstungen Pandesias, begleitet von Kutschen, die von großen Pferden gezogen wurden. Die Kutschen waren mit eisernen Gittern versehen und holperten hart über die Straße.
Alec betrachtete sie, und sah, dass sie voller Jungen aus dem ganzen Land waren, die verängstigt das Geschehen um sie herum betrachteten. Er schluckte, als er sich vorstellte, was seinen Bruder erwartete.
Die Karawane hielt auf dem Dorfplatz an, und eine angespannte Stille legte sich über das Dorf, während die Dorfbewohner mit angehaltenem Atem warteten
Der Kommandant der pandesischen Krieger sprang von einer der Kutschen. Er war großgewachsen und in seinen schwarzen Augen lag nicht ein Funken Wärme. Er ging langsam an den Reihen der Jungen vorbei, während es im Dorf so still war, dass man seine Sporen klirren hören konnte.
Dier Krieger musterte jeden der Jungen, hob das Kinn des einen hoch, sah einem anderen in die Augen, zwickte dem nächsten in den Oberarm, und manchen versetzte er einen leichten Stoß, um ihre Balance zu testen. Er nickte und die wartenden Krieger fingen an die Jungen in die Kutschen zu treiben. Manche der Jungen folgten ihnen schweigend; andere protestierten jedoch und kassierten dafür einen Schlag mit der Keule und wurden zu den anderen in die Kutsche geworfen. Manchmal schrie eine Mutter oder ein Vater auf – doch die Pandesier ließen sich durch nichts aufhalten.
Der Kommandant ging weiter und nahm dem Dorf seinen kostbarsten Besitz, bis er schließlich vor Ashton stehen blieb, der der letzte in der Reihe war.
„Mein Sohn ist lahm“, rief die Mutter schnell und bettelte verzweifelt: „Er wäre nutzlos für euch.“
Der Krieger musterte Ashton eingehend und blieb an seinem Fuß hängen.
„Roll deine Hosen hoch“, sagte er. „Und zieh deine Stiefel aus.“
Ashton folgte seinem Befehl und stützte sich auf Alec, um die Balance zu halten. Dieser kannte seinen Bruder gut genug, um sehen zu können, wie sehr er sich schämte. Er hatte sich immer für seinen Fuß geschämt, der kleiner als der andere war, verdreht und verbogen, und ihn zwang, zu hinken.
„Er arbeitet für mich in der Schmiede“, mischte sich der Vater ein. „Er ist unsere einzige Einkommensquelle. Wenn ihr ihn mitnehmt, hat unsere Familie nichts mehr. Wir können ohne ihn nicht überleben.“
Nachdem der Kommandant seinen Fuß begutachtet hatte, bedeutete er Ashton, seinen Stiefel wieder anzuziehen. Dann drehte er sich zum Vater um und sah ihn mit seinen kalten Augen an.
„Das ist jetzt unser Land“, sagte er, und seine Stimme war dabei kalt wie Eis. „Dein Sohn gehört uns, und wir können mit ihm tun, was wir wollen. Nehmt ihn mit!“, rief der Kommandant, und sofort eilten die Krieger, die ihn begleiteten, zu ihm.
„NEIN!“,, schrie die Mutter voller Schmerz. „NICHT MEINEN SOHN!“
Sie sprang vor und packte Ashton und klammerte sich an ihn, bis ein pandesischer Krieger sie schallend ohrfeigte.
Der Vater packte den Arm des Kriegers und sofort stürzten sich mehrere Krieger auf ihn und schlugen ihn nieder.
Als Alec dastand und zusehen musste, wie die Krieger Ashton wegzerrten, konnte er es nicht mehr ertragen. Die Ungerechtigkeit machte ihn fertig – er wusste, dass er damit nicht Leben konnte. Das Bild seines Bruders, der weggezerrt wurde, würde für immer in seiner Erinnerung eingebrannt sein.
Etwas in ihm zerbrach.
„Nehmt mich an seiner Stelle!“, rief er, und schob sich zwischen Alec und die Krieger.
Sie blieben stehen und sahen ihn an, offensichtlich überrascht.
„Wir sind Brüder!“, fuhr Alec fort. „Das Gesetz verlangt einen Jungen aus jeder Familie. Lasst es mich sein!“
Der Kommandant sah ihn skeptisch an.
„Und wie alt bist du, Junge?“, fragte er.
„Ich bin sechzehn Jahre alt!“, rief er stolz.
Die Krieger lachten, während ihr Kommandant die Augen zukniff.
„Du bist zu jung, um dich einzuziehen“, stellte er ablehnend fest.
Doch als er sich zum Gehen umdrehte, stellte sich Alec ihm in den Weg. Er weigerte sich, die Ablehnung zu akzeptieren.
Ich bin ein besserer Kämpfer als er“, beharrte Alec. „Ich kann einen Speer weiter werfen und bin besser mit dem Schwert. Ich kann besser zielen und ich bin stärker als Jungen die viel älter sind als ich. Bitte“, bettelte er, „gib mir eine Chance!“
Als der Kommandant ihn ansah, bebte Alec innerlich vor Angst, auch wenn er sich nach außen selbstbewusst gab. Er wusste, dass er ein großes Risiko einging. Sie könnten ihn einsperren oder sogar töten für diese Respektlosigkeit.
Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an, als der Kommandant ihn anstarrte, und das ganze Dorf schwieg, bis er schließlich seinen Männern zunickte.
„Lasst den Krüppel hier“, befahl er. „Nehmt den hier.“
Die Krieger stießen Ashton in den Staub der Straße und packten Alec. Alles geschah so schnell, dass es ihm wie ein Alptraum vorkam.
„NEIN!“, schrie Alecs Mutter.
Er sah sie weinen, als er grob in die Kutsche voller anderer Jungen geworfen wurde.
„Nein!“, schrie Ashton. „Lasst meinen Bruder in Ruhe! Nehmt mich!“
Doch niemand hörte ihm zu. Alec wurde in den Wagen geschoben, in dem es nach Schweiß, Urin und Angst stank, und stolperte über andere Jungen, die ihn grob wegstießen; dann wurde die Gittertür hinter ihm zugeschlagen. Alec fühlte sich erleichtert, dass er seinen Bruder gerettet hatte, und das Gefühl war stärker als seine Angst. Er hatte sein Leben für das seines Bruders aufgegeben, und was auch immer als nächstes geschehen würde war bedeutungslos.
Als er sich auf den Boden setzte und gegen die eisernen Gitterstäbe lehnte, wusste er, dass seine Chancen, das Ganze hier zu überleben schlecht standen. Er begegnete den aufgebrachten Blicken der anderen Jungen, die ihn in der Dunkelheit musterten, und als sie über die Straße holperten wusste er, dass es auf dem Weg, der vor ihm lag, unzählige Arten gab, zu sterben. Er fragte sich, welche das Schicksal für ihn bestimmt hatte. Verbrennen in den Flammen? Würde ihn einer der anderen Hüter erstechen? Oder würde er von einem Troll gefressen werden?
Oder würde er vielleicht doch überleben, so unwahrscheinlich es auch war?
KAPITEL NEUN
Kyra wanderte durch das Schneegestöber. Leo wich ihr dabei nicht von der Seite, und seinen Körper an ihren Beinen zu spüren war für sie wie ein Anker im weißen Nichts. Der Schnee peitschte ihr ins Gesicht, und sie konnte kaum die Hand vor Augen sehen. Der blutrote Mond warf das einzige Licht über das Land, wenn er gespenstisch zwischen den Wolken hervorlugte. Die Kälte fraß sich in ihre Knochen, und auch wenn sie es erst vor wenigen Stunden verlassen hatte, vermisste sie bereits die Wärme des Forts. Sie stellte sich vor am Feuer eingehüllt in warme Felle eine Schokolade zu trinken und ein Buch zu lesen.
Kyra verdrängte diese Gedanken und konzentrierte sich auf den Weg vor ihr. Sie würde dem Leben entfliehen, das ihr Vater für sie bestimmt hatte, koste es, was es wolle. Sie ließ sich nicht zwingen, einen Mann zu heiraten, den sie nicht liebte, und schon gar nicht, um Pandesia ruhig zu stellen. Sie ließ sich nicht befehlen, ein Leben am Herd zu verbringen und ihre Träume aufzugeben. Lieber würde sie hier draußen in der Kälte sterben, als ein Leben zu führen, das sie sich nicht wünschte.
Kyra wanderte weiter. Der Schnee reichte ihr zwischenzeitlich bis zu den Knien. Alles fühlte sich surreal an. Sie konnte die besondere Energie dieser Nacht spüren, von der man sagte, dass die Toten die Erde mit den Lebenden teilten, in der andere es selbst beim besten Wetter nicht wagten, vor die Tür zu gehen. Die Luft fühlte sich dick an, nicht nur vom Schnee: sie konnte die Geister um sich herum spüren. Es fühlte sich an, als beobachteten sie sie, als ob sie zusahen, wie sie auf ihr Schicksal zuging – oder ihren Tod.
Kyra kam auf den Gipfel eines Hügels und zum ersten Mal seit sie aufgebrochen war, erfüllte sie der Anblick mit Hoffnung. Dort, in der Ferne lagen die Flammen, die trotz des Sturms den Himmel erhellten, ihr Leuchtfeuer im weißen Nichts. In der Finsternis der Nacht zogen er sie an wie ein Magnet, dieser Ort, den sie ihr Leben lange bestaunt hatte; doch ihr Vater hatte ihr strikt verboten, dorthin zu gehen. Sie war überrascht, dass sie schon so weit gekommen war, und fragte sich, ob sie die ganze Zeit unbewusst in diese Richtung gegangen war.
Kyra blieb stehen um durchzuatmen und nahm den Anblick in sich auf. Die Flammen. Die große Wand aus Feuer, die sich fünfzig Meilen weit entlang der östlichen Grenze von Escalon erstreckte, das einzige, was ihr Land von der weite von Marda trennte, dem Königreich der Trolle. Der Ort an dem ihr Vater und dessen Vater vor ihm pflichtbewusst ihren Dienst geleistet und ihre Heimat verteidigt hatte, wo alle Männer ihres Vaters, alle Hüter abwechselnd Dienst taten.
Die Flammen waren höher und größer als sie sich vorgestellt hatte, auch wenn alle Männer davon erzählt hatten – und sie fragte sich, welche magische Kraft sie brennen ließ, wie sie jeden Tag und jede Nacht brennen konnten ohne je zu verlöschen. Sie selbst zu sehen warf mehr Fragen auf, als es beantwortete.
Kyra wusste, dass Tausende von Männern entlang der Flammen stationiert waren, alle Arten von Männern – die Ritter aus Volis, doch auch Pandesier, Sklaven, Wehrpflichtige und Verbrecher. Rein technisch betrachtet waren sie alle Hüter, auch wenn keiner der anderen die Fähigkeiten der Leute ihres Vaters hatte, die die Flammen über Generationen bewacht hatten. Auf der anderen Seite lauerten Tausende von Trollen auf eine Gelegenheit, durchzubrechen. Es war ein gefährlicher Ort; ein mythischer Ort; ein Ort der Verzweifelten, der Mutigen und der Furchtlosen.
Kyra musste ihn einfach aus der Nähe sehen. Zumindest musste sie in diesem Sturm ein Ziel vor Augen haben, einen Ort, wo sie sich aufwärmen und entscheiden konnte, wo sie als nächstes hingehen wollte.
Kyra wanderte den Hügel hinab durch den Schnee und benutzte dabei ihren Stab, um sich abzustützen. Auch wenn sie kaum mehr als eine Meile weit weg sein konnten, fühlte es sich an wie zehn Meilen, und für eine Strecke, für die sie normalerweise nicht mehr als zehn Minuten gebraucht hätte, brauchte sie eine Stunde, denn das Schneegestöber wurde immer dichter und die Kälte war bereits tief in ihre Knochen gekrochen. Sie drehte sich um und blickte zurück in Richtung Volis, doch es war schon vor langer Zeit hinter einem Vorhang aus Schnee verschwunden. Sie war ohnehin zu durchfroren, um es zurück zu schaffen.
Mit vor Kälte zitternden Beinen und tauben Zehen stolperte Kyra auf ihren Stab gestützt den Hügel hinunter und spürte plötzlich die Hitze, als sie den Flammen immer näher kam. Der Anblick raubte ihr den Atem. Kaum mehr als 100 Meter von ihr entfernt erhellte die Wand aus Feuer die Nacht, und als sie aufblickte, konnte sie nicht sehen, wo sie endete. Die Hitze, die sie ausstrahlten war so intensiv, dass sie sie sogar in dieser Entfernung fühlen konnte, und langsam kehrte das Leben in ihren Körper zurück und sie spürte ihre Hände und Füße wieder. Das Knistern und Zischen des Feuers war so laut, dass es selbst das Heulen des Sturms übertönte.
Fasziniert ging Kyra näher heran, und spürte die Hitze, als ginge sie auf die Sonne selbst zu. Sie fühlte, wie sie langsam auftaute und ihr Finger und Zehen begannen zu prickeln, als die Wärme in sie zurückkehrte. Wie hypnotisiert stand sie vor dem lodernden Feuer und bestaunte dieses Wunder, das größte Wunder ihres Landes, den Garanten ihrer Sicherheit, den niemand wirklich verstand. Weder die Geschichtsschreiber, noch die Könige und selbst die Zauberer nicht. Wann war das Feuer entfacht worden? Was ließ es brennen? Würde es je verlöschen?
Man sagte, dass die Wächter die Antwort wussten. Doch natürlich würden sie sie niemals preisgeben. Die Legende besagte, dass das Schwert des Feuers, das in einem der beiden Türme bewacht wurde, die Flammen am Leben erhielt. Die Türme wurden von einer kultartigen Gruppe von Männern bewacht, den Wächtern, einem alten Ordern, Teils Mann, teils etwas anderes, die wohlversteckt und bewacht an entgegengesetzten Enden von Escalon lagen – einer an der westlichen Küste in Ur, der andere im südwestlichen Winkel von Kos. Auch die Wächter wurden aus den Reihen der besten Ritter des Königreichs rekrutiert, deren einziges Ziel es war, das Schwert des Feuers zu schützen und die Flammen am Leben zu erhalten.
Ihr Vater hatte ihr erzählt, dass mehr als nur ein Troll, der den Weg durch die Flammen gefunden hat, versucht hat, die Türme zu finden und das Schwert zu stehlen, doch keiner von ihnen war je erfolgreich gewesen. Die Wächter waren einfach zu gut. Schließlich wagte es nicht einmal Pandesia mit all seiner Macht, zu versuchen, die Türme zu belagern, und wagte nicht, die Wächter zu verärgern, aus Angst, sie könnten die Flammen löschen.
Kyra nahm eine Bewegung war, und in der Ferne sah sie eine Patrouille von Kriegern, die mit Schwertern bewaffnet der Schneise entlang der Flammen folgten. Ihr Herz schlug schneller als sie sie sah. Sie hatte es wirklich geschafft.
Kyra stand da und fühlte sich lebendig wie selten. Sie wusste jetzt, dass alles möglich war. Jeden Augenblick konnte ein Troll durch die Flammen brechen. Natürlich tötete das Feuer die meisten von ihnen, doch manchen gelange es mit Hilfe von Schilden durchzubrechen und zu überleben – zumindest lange genug, um großen Schaden unter den Kriegern anzurichten. Manchmal schaffte es ein Troll sogar, sich in den Wald zu flüchten und ein paar Dörfer zu tyrannisieren. Sie erinnerte sich daran, wie die Männer ihres Vaters einmal den Kopf eines Trolls in die Festung gebracht hatten. Es war ein Anblick, den sie nie vergessen würde.
Als Kyra in die mysteriösen Flammen starrte, fragte sie sich, was das Schicksal von ihr wollte, so weit weg von zu Haus. Was sollte jetzt aus ihr werden?
„Hey! Was machst du hier?“, rief eine Stimme.
Ein Krieger, einer der Männer ihres Vaters, hatte sie gesehen und kam auf sie zu.
Kyra wollte keine Konfrontation. Ihr war wieder warm, sie fühlte sich besser, und es war an der Zeit weiterzuziehen.
Sie pfiff und Leo folgte ihr in den Sturm, zurück in Richtung des Waldes. Sie wusste nicht, wo sie als nächstes hingehen sollte, doch inspiriert von den Flammen wusste sie, dass ihr Schicksal irgendwo da draußen auf sie wartete, selbst wenn sie es jetzt noch nicht sehen konnte.
*
Kyra stolperte durch die Nacht, fröstelnd und müde. Sie war froh, dass Leo bei ihr war, und doch fragte sie sich, wie lange sie noch weitergehen konnte. Sie hatte sich überall nach einem Unterschlupf umgesehen, einer Zuflucht vor dem beißenden Wind und dem Schnee, und trotz aller Gefahren, war sie in Richtung des Dornenwaldes gegangen, dem einzigen Ort, der ihr weit und breit einfiel. Die Flammen lagen nun schon weit hinter ihr, und sie konnte ihr Leuchten schon nicht mehr am Horizont sehen. Der Blutmond war schon vor Stunden von den Wolken verschluckt worden und sie nur mit dem matten Leuchten des Schnees zurückgelassen. Ihre Finger und Zehen waren wieder taub und ihre Situation schien mit jedem Augenblick düsterer zu werden. Sie begann sich zu fragen, ob es dumm gewesen war, das Fort zu verlassen. Sie fragte sich, ob es ihrem Vater überhaupt etwas ausmachte, nachdem er sie ohnehin den Pandesiern hatte geben wollen.
Kyra spürte eine Welle der Wut in sich aufsteigen während sie weiter ziellos durch den Schnee stapfte. Sie wusste nicht wohin, doch sie war fest entschlossen, dem Leben zu entkommen, das im Fort auf sie wartete. Als ein weiterer Windstoß sie erfasste und Leo winselte, blickte Kyra auf und war überrascht zu sehen, dass sie es geschafft hatte: vor ihr lag der riesige Dornenwald.
Kyra blieb stehen. Sie fürchtete sich, denn sie wusste, wie gefährlich er war – selbst am Tag und in einer Gruppe. Allein in der Nacht und dann auch noch in der Nacht des Wintermondes hierher zu kommen, wenn die Geister auf Erden wandelten – war mehr als leichtsinnig. Sie wusste, dass alles passieren konnte.
Doch eine weitere Böe erfasste sie und wehte ihr Schnee in den Nacken; darum ging Kyra weiter, an den ersten Bäumen, deren Äste schwer waren vom Schnee, vorbei in den Wald hinein.
Sofort war Kyra erleichtert. Das dichte Astwerk schützte sie vor dem Wind, und es war deutlich ruhiger hier. Der wütende Schneesturm war hier nicht mehr als ein paar leise Flocken, die von den dicken Ästen aufgehalten wurden. Hier konnte sie endlich wieder die Hand vor Augen sehen und es fühlte sich auch sofort wärmer an.
Kyra nutzte die Gelegenheit und schüttelte den Schnee von ihrem Mantel und ihrer Kapuze ab, und auch Leo schüttelte sich. Sie griff in ihren Beutel und zog ein Stück getrocknetes Fleisch für ihn heraus, das er gierig fraß. Sie streichelte seinen Kopf und sagte, „Mach dir keine Sorgen mein Freund, ich werde schon eine Unterkunft für uns finden.“
Kyra ging auf ihrer Suche nach einem Unterschlupf tiefer in den Wald hinein, da sie erkannt hatte, dass sie hier bleiben und den Sturm aussitzen mussten, bevor sie am nächsten Morgen weiterziehen konnten. Sie sah sich nach einem Felsen oder einem hohlen Baum um, doch da war nichts.
Kyra wanderte durch den knietiefen Schnee weiter, und lauschte den seltsamen Rufen der Tiere um sie herum. Sie hörte ein leises Schnurren neben sich, wirbelte herum, und spähte durch das dicke Astwerk, doch es war zu dunkel, um irgendetwas erkennen zu können. Kyra eilte weiter und wollte nicht über die Tiere nachdenken, die hier womöglich lauerten. Sie war nicht in Stimmung für eine Konfrontation. Mit den Fingern hielt sie ihren Bogen fest umschlungen, und war sich nicht einmal sicher, ob sie ihn nutzen könnte, so taub wie ihre Finger waren.
Kyra ging einen kleinen Hügel hinauf, und sah sich um, als sie den Gipfel erreichte. Das Mondlicht, das in diesem Augenblick durch die Bäume fiel, gewährte ihr einen Blick über die Landschaft, die sich unter ihre ausbreitete.
Vor ihr im Tal lag ein glitzernder See, dessen eisblaues Wasser durchsichtig zu sein schien. Sie erkannte ihn sofort. Es war der See der Träume. Ihr Vater hatte sie einmal hierher gebracht, als sie noch ein kleines Kind gewesen war, und sie hatten eine Kerze angezündet und auf ein Seerosenblatt gestellt, um ihrer Mutter zu gedenken. Man sagte, dass der See ein heiliger Ort war, ein riesiger Spiegel, der einem erlaubte, sowohl das Leben oben wie auch unten zu sehen. Es war ein mystischer Ort, ein Ort, an den man nicht ohne guten Grund kam, ein Ort, an dem Herzenswünsche nicht ignoriert wurden.
Kyra fühlte sich magisch von dem See angezogen. Sie stolperte den steilen Hügel hinunter und stützte sich dabei auf ihren Stab. Durch die Bäume hindurch rutschte und stolperte sie, bis sie ans Ufer kam. Seltsamerweise war das Ufer, das aus feinem weißen Sand bestand, vollkommen frei von Schnee. Es war magisch.
Kyra kniete am Wasser nieder, zitternd vor Kälte, und blickte hinein. Im Mondlicht sah sie ihr Spiegelbild, ihr blondes Haar, das ihr über die Wangen fiel, ihre hellgrauen Augen, ihre Hohen Wangenknochen, ihre fein geschnittenen Züge. Sie war so ganz anders als ihr Vater und ihre Brüder. Ihre Augen waren die eines Kriegers, voller Trotz und Entschlossenheit.
Während sie ihr Spiegelbild betrachtete, erinnerte sie sich an die Worte, die ihr Vater vor so vielen Jahren hier gesprochen hatte: ein Gebet, das von Herzen kommt, kann am See der Träume nicht abgelehnt werden.
Kyra, die an der ersten großen Kreuzung ihres Lebens angekommen war, brauchte mehr denn je eine Hand die sie führte. Sie war sich nie unsicherer gewesen, was sie tun sollte, und wo sie als nächstes hingehen sollte. Sie schloss die Augen und betete inbrünstig.
Gott, ich weiß nicht, wer du bist, doch ich bitte dich um deine Hilfe. Gib mir einen Rat, und ich werde dir alles geben, was du willst. Zeig mir, welchen Weg ich gehen soll. Gib mir ein Leben voll Tapferkeit und Mut; voll Ehre. Erlaube mir, eine große Kriegerin zu werden, und nicht dem Willen von Männern ausgeliefert zu sein. Erlaube mir, die Freiheit zu haben, zu tun, was ich möchte – nicht das, was jemand anderer für mich bestimmt.
Kyra kniete am Wasser, taub vor Kälte. Sie wusste nicht weiter und hatte niemanden, an den sie sich wenden konnte; darum betete sie von ganzem Herzen und aus tiefster Seele. Dabei verlor sie jegliches Zeitgefühl.
Kyra hatte keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen war, als sie die Augen öffnete. Sie fühlte sich verändert, doch sie wusste nicht was es war, als hätte sich ein tiefer innerer Frieden über sie gelegt. Sie blickte in den See hinein, und diesmal nahm ihr das, was sie sah, den Atem.
Nicht ihr eigenes Spiegelbild starrte ihr entgegen, sondern ein Drache. Er hatte wilde, leuchtend gelbe Augen und rote Schuppen, und es lief ihre kalt den Rücken hinunter als er das Maul öffnete und sie anbrüllte.
Erschrocken fuhr Kyra herum und erwartete, einem Drachen in die Augen zu blicken. Sie sah sich um, doch da war nichts.
Neben ihr war nur Leo, der leise winselte.
Kyra drehte sich um und sah wieder ins Wasser, und diesmal war es nur ihr Gesicht, das ihr entgegenblickte.
Ihr Herz pochte wild in ihrer Brust. Hatte sie geträumt? Sich alles nur eingebildet? Natürlich war es vollkommen unmöglich – seit mehr als tausend Jahren hatte kein Drachen mehr Escalon besucht. Verlor sie etwa den Verstand? Was hatte all das zu bedeuten?
Kyra zuckte, als sie plötzlich ein Geräusch aus dem Wald hörte. Es klang wie ein Heulen, oder vielleicht sogar ein Kichern. Auch Leo hatte es gehört und er drehte sich mit aufgestelltem Fell um. Kyra ließ den Blick durch den Wald schweifen und sah in der Ferne ein Leuchten. Es war, als brannte dort im Wald ein Feuer – doch es war kein Feuer. Es war ein gespenstisches, weißes Leuchten.
Kyra spürte, wie sich ihre Nackenhaare aufstellten, denn sie hatte das Gefühl, eine andere Welt rief sie. Sie hatte das Gefühl, das Tor zu einer anderen Welt geöffnet zu haben. So sehr wie jede Faser ihres Körpers sie anflehte, umzudrehen und wegzulaufen, war sie fasziniert, und ohne ihr Zutun erhob sich ihr Körper und ging auf das Licht zu.
Kyra wanderte mit Leo den Hügel hinauf und das Leuchten wurde heller, als sie zwischen den Bäumen hindurch ging. Endlich erreichte sie den Rücken und blieb entsetzt stehen. Vor ihr, auf einer kleinen Lichtung, eröffnete sich ihr ein Anblick, den sie nie erwartet hatte – und den sie nie vergessen würde.
Eine alte Frau, deren Gesicht weißer war als der Schnee, grotesk, voller Warzen und Narben, starrte in ein Feuer zu ihren Füssen und rieb ihre runzligen Hände darüber. Doch das Feuer brannte leuchtend weiß, und da war kein Holz, das es nährte. Sie sah Kyra aus eisblauen pupillenlosen Augen an. Es war der furchteinflößendste Anblick, den Kyra je gesehen hatte. Alles in ihr schrie ihr zu, davonzurennen, doch sie konnte nicht anders als auf die Frau zuzugehen.
„Der Wintermond“, sagte die alte Frau mit ungewöhnlich tiefer Stimme. „Die Nacht in der die Toten nicht wirklich tot sind und die Lebenden nicht wirklich leben.“
„Und was bist du?“, fragte Kyra.
Die Frau kicherte, ein schreckliches Geräusch, bei dem ihr kalte Schauer über den Rücken liefen. Leo begann neben ihr zu knurren.
„Die Frage ist“, kicherte die Alte, „was bist du?“
Kyra legte die Stirn in Falten.
„Ich leben“, erklärte sie.
„Wirklich? In meinen Augen bist du toter als ich.“
Kyra fragte sich, was sie meinte und spürte, dass es eine Rüge war, eine Rüge dafür, dass sie nicht tapfer voranging und ihrem Herzen folgte.
„Was suchst du, tapfere Kriegerin?“, fragte die Frau.
Kyras Herz schlug schneller, und sie fühlte sich ermutigt.
„Ich möchte eine Aufgabe“, sagte sie. „Ich will ein Krieger werden, wie mein Vater.“
Die alte Frau blickte ins weiße Feuer, und Kyra war erleichtert, ihren bohrenden Blick nicht mehr auf sich zu spüren. Eine lange Stille legte sich über sie und Kyra wartete.
Schließlich, als die Stille sich unendlich hinzuziehen schien, war Kyra enttäuscht. Vielleicht würde die Alte ja überhaupt nicht antworten – oder vielleicht war ihr Wunsch einfach unmöglich.
„Kannst du mir helfen?“, fragte Kyra schließlich. „Kannst du mein Schicksal ändern?“
Die Frau blickte mit glühenden Augen auf.
„Du hast eine Nacht gewählt, in der alles möglich ist“, antwortete sie langsam. „Wenn du dir etwas nur genug wünschst, kannst du es haben. Die Frage ist nur: was bist du bereit, dafür aufzugeben?“
Kyra dachte mit klopfendem Herzen an die Möglichkeiten.
„Ich würde alles geben“, sagte sie. „Alles.“
Eine lange Stille folgte, in der nur der Wind heulte. Leo begann zu winseln.
„Wir alle werden mit einem Schicksal geboren“, sagte die alte Frau schließlich. „Doch wir müssen es auch für uns wählen. Schicksal und freier Wille führen einen Tanz auf, dein ganzes Leben lang. Zwischen ihnen findet dein ganzes Leben lang ein Tauziehen statt. Welche Seite gewinnt… nur, das hängt ganz davon an…“
„Wovon?“, fragte Kyra.
„Von deiner Willenskraft. Wie sehr du etwas willst – und welche Gnade dir Gott erweist. Und vielleicht noch mehr als alles andere – was du aufzugeben bereit bist.“
„Ich bin bereit Opfer zu bringen“, sagte Kyra, und spürte die Stärke in sich aufsteigen. „Ich würde alles opfern, um nicht das Leben leben zu müssen, das andere für mich gewählt haben.“
In der langen Stille die folgte, starrte die Alte Kyra so intensiv in die Augen, dass sie den Blick abwenden musste.
„Schwöre mir“, sagte die alte Frau. „Schwöre mir heute Nacht, dass du jeden Preis zahlen wirst.“
Kyra ging ernst und mit pochendem Herzen auf sie zu, und spürte, dass ihr Leben im Begriff war, sich zu verändern.
„Ich schwöre“, erklärte sie und meinte es mehr als jedes andere Wort, das sie je in ihrem Leben gesagt hatte.
Die Bestimmtheit ihrer Stimme schnitt durch die Luft, und ihre Stimme trug eine Autorität, die sie selbst überraschte.
Die alte Frau sah sie an und nickte, und auf ihrem Gesicht lag ein Ausdruck, der Respekt widerzuspiegeln schien.
„Du wirst eine Kriegerin werden – und noch viel mehr“, verkündete die Alte polternd, und hob ihre Hände. Ihre Stimme wurde immer lauter, als sie fortfuhr. „Du wirst die größte aller Kriegerinnen sein, größer noch als dein Vater. Und mehr noch. Du wirst eine große Herrscherin sein. Du wirst Macht erlangen, die deine kühnsten Träume übersteigt. Ganze Reiche werden zu dir aufblicken.“
Kyras Herz raste in ihrer Brust als sie den Worten der Frau lauschte, die mit solcher Autorität sprach, als wäre es bereits geschehen.
„Doch du wirst auch von der Finsternis in Versuchung geführt werden“, fuhr sie fort. „Es wird einen großen Kampf in dir geben. Die Finsternis wird gegen das Licht ankämpfen. Wenn du dich selbst besiegen kannst, wird dir die Welt zu Füssen liegen.“
Kyra war schwindelig. Sie konnte es kaum glauben. Wie sollte all das möglich sein? Sie? Die alte Frau musste sie verwechseln. Niemand hatte ihr je gesagt, dass sie wichtig wäre oder dass sie etwas Besonderes werden würde. Es erschien ihr so fremd, so unerreichbar.
„Wie?“, fragte Kyra. „Wie ist das möglich? Ich bin doch nur ein Mädchen?“
Die Frau lächelte. Es war ein fürchterliches, böses Grinsen, an das sich Kyra bis ans Ende ihrer Tage erinnern würde. Die Frau trat an sie heran, so dicht, das Kyra vor Angst bebte.
„Manchmal“, grinste die alte Frau, „erwartet dich dein Schicksal hinter der nächsten Ecke, und ist nur einen Atemzug entfernt.“
Vor ihr blitzte es plötzlich und Kyra riss schützend die Hände vor die Augen während Leo knurrte, und sich auf die alte Frau stürzte.
Als Kyra die Augen wieder öffnete, war das Licht verschwunden. Die Frau war verschwunden, und Leo sprang ins Leere. Die Lichtung lag in vollkommener Dunkelheit.
Kyra sah sich sprachlos um. Hatte sie sich alles nur eingebildet?
Plötzlich, wie eine Antwort auf ihre Gedanken, hörte sie einen grässlichen, vorzeitlichen Schrei als ob der Himmel selbst aufgeschrien hätte. Kyra stand wie angewurzelt da und dachte an den See und ihre Reflexion.
Denn auch wenn sie nie zuvor einen gesehen hatte, wusste sie – sie wusste einfach – dass das der Schrei eines Drachen war; dass er auf sie wartete, dort draußen, hinter der Lichtung.
Alleine, ohne die alte Frau, fühlte sich Kyra wie im Taumel, als sie versuchte zu verarbeiten, was gerade geschehen war und was all das zu bedeuten hatte. Viel mehr noch versuchte sie zu verstehen, was das für ein Schrei war.
Es war ein Schrei, ein Klang anders als alles, was sie je gehört hatte, urzeitlich, wie aus dem Anbeginn der Zeit geboren. Es machte ihr zugleich Angst und zog sie an. Sie konnte nirgendwo anders hingehen. Er hallte auf eine Art und Weise in ihr wider, die sie nicht verstehen konnte, und sie erkannte, dass das der Klang war, den sie tief im Inneren schon ihr ganzes Leben lang gehört hatte.
Kyra rannte durch den Wald und Leo stolperte neben ihr durch den knietiefen Schnee. Zweige schlugen ihr ins Gesicht, doch es war ihr egal, denn sie spürte einen unbändigen Drang, dem Schrei zu folgen, denn als sie ihn wieder hörte, wusste sie, dass es ein verzweifelter Ruf war.
Sie spürte, dass der Drachen im Sterben lag und dringend ihre Hilfe brauchte.
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KAPITEL ZEHN
Merk stand auf dem Weg ein Mann tot zu seinen Füssen, und sah die anderen sieben Diebe an, die ihn mit offenen Mündern angafften. Plötzlich lag Respekt und Angst in ihren Augen, da sie offensichtlich erkannt hatten, dass sie einen Fehler gemacht hatten, als sie ihn für einen normalen, verwundbaren Reisenden gehalten hatten.
„Ich bin das Töten leid“, sagte Merk leise mit einem Lächeln auf den Lippen. „Heute ist euer Glückstag. Ich gebe euch die Gelegenheit, davonzulaufen.“
Eine lange, angespannte Stille legte sich über sie, als die Männer einander ansahen und überlegten, was sie tun sollten.
„Das ist unser Freund, den du getötet hast“, zischte einer.
„Er war euer Freund“, korrigierte Merk. „Und wenn du so weitermachst, bist du der nächste.“
Der Dieb schnitt eine Grimasse und hob seine Keule.
„Wir sind immer noch sieben gegen einen. Lass dein Messer fallen und heb langsam deine Hände, dann werden wir dich vielleicht nicht in Stücke reißen.“
Merks Lächeln wurde breiter. Er war es leid, sich dem Drang zu töten zu widersetzen, zu leugnen wer er war. Es war so viel einfacher, nicht dagegen anzukämpfen, und wieder zu dem Killer zu werden, der er immer gewesen war.
„Ich habe euch gewarnt“, sagte er kopfschüttelnd.
Der Dieb stürmte los und schwang wild seine Keule.
Merk war überrascht. Für einen so großen Mann war er schneller, als er gedacht hatte. Doch er war schwerfällig, und Merk duckte sich nur, und stach ihm in den Bauch. Dann zog er das Messer heraus, und ließ ihn zu Boden fallen.
Ein weiterer Dieb griff an, hob seinen Dolch und zielte auf Merks Schulter. Doch Merk ergriff sein Handgelenk, bog es, und rammte dem Mann den eigenen Dolch ins Herz.
Merk sah, wie ein anderer Dieb seinen Bogen hob und zielte. Schnell packte er einen Mann, wirbelte ihn herum und benutzte ihn als menschlichen Schild. Der Mann schrie auf, als er von einem Pfeil getroffen wurde. Merk stieß den sterbenden Mann von sich, direkt auf den Dieb mit dem Bogen, dann holte er mit seinem Dolch aus und warf ihn. Zischend flog er durch die Luft und blieb im Hals des Schützen stecken.
Damit waren noch drei Diebe übrig, die Merk nun unsicher ansahen, als ob sie überlegte, ob sie angreifen oder davonlaufen sollten.
„Wir sind drei, und er ist alleine!“, rief einer von ihnen. „Lasst uns zusammen angreifen!“
Sie stürmten gemeinsam auf ihn los und Merk erwartete sie mit entspannter Miene. Er war unbewaffnet, und so gefiel es ihm; der beste Weg, einen Gegner zu bezwingen, besonders wenn man zahlenmäßig in der Unterzahl war, war es oft, die Waffen des Feindes gegen ihn zu verwenden.
Merk wartete, bis der erste nach ihm Schlug, ein Ochse von einem Jungen, der ungeschickt mit dem Schwert auf ihn zu stolperte – pure Kraft ohne jede Technik. Merk trat einen Schritt beiseite, packte das Handgelenk des Jungen und brach es. Dann nahm er ihm die Waffe ab und schlitzte ihm damit den Hals auf. Als der zweite Angreifer kam, wirbelte Merk herum, und schlitzte ihm die Brust auf. Dann drehte er sich um, zielte und warf das Schwert nach dem dritten Dieb – ein Zug, den dieser nicht erwartet hatte. Es flog in hohem Bogen durch die Luft und durchbohrte seine Brust.
Merk stand ruhig da, und betrachtete die acht toten Männer um sich herum. Mit geübtem Auge nahm er Bestand auf. Er bemerkte, dass einer von ihnen, der mit der Keule, noch am Leben war und sich am Boden wand. Der alte Merk übernahm die Kontrolle und er ging zu dem Mann hinüber. Lass nie einen Feind am Leben. Niemals. Lass nie jemanden dein Gesicht sehen.
Merk drehte den Mann mit seinem Stiefel um. Der Dieb blickte mit angsterfüllten Augen zu ihm auf.
„Bitte… tu’s nicht“, bettelte er. „Ich hätte dich gehen lassen.“
Merk lächelte.
„Hättest du das?“, sagte er. „Wäre das nach der Folter gewesen oder davor?“
„Bitte“, rief der Mann, und fing an zu wimmern. „Du hast gesagt, dass du der Gewalt abgeschworen hast!“
Merk richtete sich auf und dachte darüber nach.
„Du hast recht“, sagte er.
Der Mann blinzelte ihn hoffnungsvoll an.
„Das habe ich“, fügte Merk hinzu. „Doch das Problem ist, dass du und deine Kumpane heute in mir etwas aufgewühlt haben; etwas, das ich lieber unterdrückt hätte.“
„Bitte!“, kreischte der Mann.
„Ich frage mich“, sagte Merk nachdenklich, „wie viele unschuldige Frauen und Kinder du auf dieser Straße getötet hast?“
Der Mann schluchzte.
„ANTWORTE MIR!“, schrie Merk.
„Wen interessiert das schon?“, schrie der Mann.
Merk senkte die Spitze des Schwertes auf den Hals des Mannes.
„Mich“, sagte Merk. „Und zwar sehr.“
„Schon gut, schon gut!“, rief der Dieb. „Ich weiß nicht! Dutzende? Hunderte? Ich mache das schon mein ganzes Leben lang!“
Merk dachte darüber nach. Zumindest war es eine ehrliche Antwort.
„Ich habe selbst viele Männer getötet“, sagte Merk. „Nicht auf alle bin ich stolz – doch es war immer aus gutem Grund, für einen Zweck. Manchmal bin ich getäuscht worden und habe einen Unschuldigen getötet – doch wenn ich es herausgefunden habe, habe ich den getötet, der mich angeheuert hat. Ich habe nie Unschuldigen oder Wehrlosen aufgelauert. Ich habe nie gestohlen und nie betrogen. Ich denke, das macht mich vergleichen mit dir zu einem Heiligen“, sagte Merk und musste über seinen eigenen Humor lächeln.
Er seufzte.
„Doch du“, fuhr er fort. „Du bist Abschaum.“
„Bitte“, flehte der Mann. „Du kannst doch keinen unbewaffneten Mann töten!“
Merk dachte darüber nach.
„Du hast Recht“, sagte er und sah sich um. „Siehst du das Schwert da neben dir? Nimm es.“
Der Mann sah es ängstlich an.
„Nein“, wimmerte er mit Tränen in den Augen.
„Nimm es“, sagte Merk und drückte die Spitze seines Schwertes gegen seinen Hals, „oder ich werde dich töten.“
Schließlich griff der Dieb nach dem Griff des Schwertes und hielt es mit zitternden Händen fest.
„Du kannst mich nicht töten“, rief der Mann. „Du hast geschworen, nie wieder zu töten!“
Merk lächelte und stieß mit einer schnellen Bewegung sein Schwert in die Brust des Mannes.
„Das Schöne an einem neuen Anfang ist, dass es immer ein Morgen gibt.“
KAPITEL ELF
Kyra rannte durch den Schnee und schob die Äste beiseite, die auf den Weg hingen.
Der Schrei des Drachens hallte immer noch in ihren Ohren stürmte sie auf eine Lichtung hinaus und blieb plötzlich wie angewurzelt stehen. All ihre Erwartungen hatten sie nicht auf diesen Anblick vorbereitet.
Es nahm ihr den Atem – nicht der Sturm oder die Kälte – sondern der Anblick von etwas, was sie noch nie zuvor gesehen hatte. Sie hatte die Geschichten gehört, Nacht um Nacht in der Kammer ihres Vaters, die alten Legenden von Drachen, und hatte sich gefragt, ob sie wahr waren. Sie hatte versucht, sie sich vorzustellen, und war viele Nächte lang wach gelegen und hatte von ihnen geträumt, und nie hatte sie glauben können, dass es sie gab.
Bis jetzt.
Vor ihr, kaum mehr als sechs Meter entfernt, war ein echter, lebender, atmender Drache. Er war furchteinflößend – und doch wunderbar. Er kreischte, während er auf der Seite lang und vergeblich versuchte, aufzustehen. Er flatterte mit einem Flügel und der andere schien gebrochen zu sein. Er war riesig; jede einzelne seiner scharlachroten Schuppen war fast so groß wie sie. Kyra bemerkte, dass der Drache Dutzende von Bäumen umgerissen hatte, und erkannte, dass er vom Himmel gestürzt sein musste und damit diese Lichtung geschaffen hatte. Er lag auf einer Schneeverwehung am steilen Ufer eines Flusses.
Kyra starrte ihn an und konnte nicht fassen, dass da ein Drache vor ihr lag. Ein Drache. Hier, in Escalon. In Volis, im Dornenwald. Es war vollkommen unmöglich. Sie wusste, dass Drachen auf der anderen Seite der Welt lebten, und nie solange sie lebte, oder zu Lebzeiten ihres Vaters und Großvaters war je ein Drache in Escalon gesehen worden – und schon gar nicht in der Nähe von Volis. Es ergab keinen Sinn.
Sie blinzelte ein paarmal und rieb sich die Augen: es musste eine Illusion sein.
Und doch lag er vor ihr und schrie wieder. Er grub seine Klauen in den Schnee, der von seinem Blut rot gefärbt wurde. Er war definitiv verletzt; und er war definitiv ein Drache.
Kyra wusste, dass sie sich umdrehen und fliehen sollte, und ein Teil von ihr wollte es auch; schließlich konnte dieser Drache sie wahrscheinlich mit einem einzigen Atemzug töten, oder mit dem Schlag einer seiner Klauen. Sie hatte die Geschichten von dem Schaden gehört, den Drachen anrichten konnten, von ihrem Hass auf die Menschen, davon, dass sie einen Menschen in Stücke reißen konnten oder ein ganzes Dorf mit einem einzigen feurigen Hauch auslöschen konnten.
Doch etwas ließ Kyra nicht gehen. Sie wusste nicht, ob es Mut oder Dummheit oder ihre eigene Verzweiflung war – oder etwas Tiefgreifenderes. Denn tief im Inneren, so lächerlich es auch klang, spürte sie eine Bindung zu dem Tier, die sie nicht verstehen konnte.
Es blinzelte langsam und sah sie genauso überrascht an; und als er sie ansah, waren es nicht seine Fangzähne, oder seine Krallen oder seine schiere Größe, die ihr Angst macht, sondern ihre Augen. Es waren riesige, leuchtend gelbe Augen, so wild, so alt, so seelenvoll – und sie blickten direkt in ihre Augen. Die Haare an ihren Armen stellten sich auf als sie erkannte, dass das genau jene Augen waren, die sie in ihrer Reflexion im See der Träume gesehen hatte.
Kyra wappnete sich und rechnete damit, eingeäschert zu werden – doch der Drache spie kein Feuer. Stattdessen starrte er sie nur an. Er blutete, und sein Blut rann über den Schnee in den Fluss. Kyra tat schon der Anblick weh. Sie wollte ihm helfen. Viel mehr noch: sie fühlte sich dazu verpflichtet. Jedes Haus im Königreich hatte einen heiligen Kodex, nach dem die Angehörigen lebten, ein heiliges Familiengesetz, an das sie sich halten mussten, um keinen Fluch über die Familie zu bringen. Das Gesetz ihrer Familie, das über Generationen weitergegeben wurde, war es, nie ein verwundetes Tier zu töten – und es lag im Wappen ihrer Familie: ein Ritter hielt einen Wolf. Ihre Familie hatte sich über Generationen daran gehalten und das Gesetz dahingehend ausgeweitet, dass sie jedem verwundeten Tier helfen mussten, dem sie begegneten.
Als Kyra den angestrengten Atem des Drachen sah, sein Keuchen, tat er ihr leid uns sie dachte an die Verpflichtung ihrer Familie. Sie wusste, dass es einen schrecklichen Fluch über ihre Familie bringen würde, wenn sie ihm nicht half – und sie war fest entschlossen, alles zu versuchen, egal wie riskant es auch sein mochte.
Als Kyra wie hypnotisiert dastand und sich nicht regen konnte, erkannte sie, dass es noch einen anderen Grund gab, warum sie nicht einfach gehen konnte: sie spürte eine stärkere Bindung zu diesem Tier, als sie je zuvor gespürt hat, tiefer noch sogar als die zu Leo, der wie ein Bruder für sie war. Sie hatte das Gefühl, wieder mit einem lange verlorenen Freund vereint zu sein. Sie konnte die unglaubliche Macht und den Stolz des Drachen spüren, und nur in seiner Nähe zu sein, inspirierte sie. Er gab ihr das Gefühl, dass ihr Horizont mit einem Mal viel weiter war.
Als Kyra am Rande der Lichtung stand, und überlegte, was sie tun sollte, erschrak sie, als sie einen Zweig brechen hörte, gefolgt von Gelächter – dem grausamen Gelächter eines Mannes. Sie sah einen Krieger der in roter Rüstung und Fellen gekleidet war, der ihn als einen wichtigen Mann des Lords auswiesen, der auf die Lichtung geschlendert kam und sich mit einem Speer über dem Drachen aufbaute.
Kyra zuckte zusammen, als der Mann dem Drachen den Speer zwischen die Rippen rammte. Das Tier kreischte auf und krümmte sich; plötzlich fühlte sie sich, als wäre sie selbst verletzt worden. Offensichtlich nutzte der Krieger die Verletzung des Drachen, und wollte ihn töten, doch nicht ohne ihn vorher zu quälen. Der Gedanke schmerzte Kyra ohne Ende.
„Meine Axt, Junge!“, schrie der Krieger.
Ein Junge von vielleicht dreizehn Jahren, der ein Pferd an den Zügeln führte, betrat zögernd die Lichtung. Er sah aus wie ein Knappe und schien vollkommen verängstigt zu sein, als er näher kam und dabei argwöhnisch den Drachen beobachtete. Er tat, wie ihm geheißen, löste eine lange Axt vom Sattel und reichte sie seinem Meister.
Kyra sah mit Grauen zu, wie der Krieger sich dem Drachen näherte, während seine Klinge im Mondlicht aufblitzte.
„Ich würde sagen, dass er eine großartige Trophäe abgibt“, sagte er stolz. „Über Generationen werden sie von mir singen – das ist die Trophäe aller Trophäen.“
„Aber ihr habt ihn nicht getötet!“, protestierte der Knappe. „Ihr habt ihn verwundet gefunden!“
Der Krieger fuhr herum, und drückte bedrohlich seinen Dolch an den Hals des Jungen.
„Ich habe ihn getötet, Junge. Hast du verstanden?“
Der Junge schluckte und nickte langsam.
Der Krieger wandte sich wieder dem Tier zu, hob seine Axt und betrachtete den ungeschützten Hals des Drachen. Der Drache versuchte noch immer sich aufzurichten, doch er war hilflos.
Plötzlich wandte der Drache den Kopf und starrte Kyra hilfesuchend an, als hätte er sich an sie erinnert. Seine gelben Augen leuchteten und sie konnte spüren, wie er sie anflehte.
Kyra konnte sich nicht länger zurückhalten.
„NEIN!“, schrie sie.
Ohne nachzudenken rannte Kyra auf die Lichtung, und rutschte den Hang hinunter durch den Schnee, dicht gefolgt von Leo. Sie dachte nicht einmal daran, dass die Todesstrafe darauf stand, einen der Männer des Lords anzugreifen; dass sie allein und ungeschützt hier draußen war; und dass ihre Handlungen sie womöglich umbringen würden. Sie dachte einzig und allein daran, das Leben des Drachen zu retten – daran, das unschuldige Tier zu schützen.
Als sie auf die Lichtung rannte, griff sie instinktiv nach ihrem Bogen, legte einen Pfeil an, und zielte auf den Krieger.
Der Mann war überrascht, hier draußen noch einen anderen Menschen zu sehen. Hier mitten im Nirgendwo hatte er mit niemandem gerechnet – und schon gar nicht mit einem Mädchen, das ihn mit einem Bogen bedrohte. Er hielt seine Axt über seinem Kopf, wie eingefroren, dann senkte er sie langsam, während er sich umdrehte, um sie anzusehen.
Kyras Arm bebte, während sie die Sehne hielt und auf die Brust des Mannes zielte. Sie wollte nicht schießen, wenn sie es nicht musste. Sie hatte noch nie zuvor einen Mann getötet, und wusste auch nicht, ob sie es konnte.
„Leg deine Axt hin“, befahl sie, und versuchte, so selbstbewusst wie möglich zu klingen. In diesem Augenblick wünschte sie sich, die tiefe Stimme ihres Vaters.
„Und wer befiehlt mir das?“, rief der Mann mit höhnischer Stimme zurück. Er schien sich über sie lustig zu machen.
„Ich bin Kyra“, rief sie, „Tochter von Duncan, Kommandant von Volis“, sie betonte den letzten Teil in der Hoffnung, dass es ihn beeindrucken würde.
Doch er grinste nur.
„Ein leerer Titel“, konterte er. „Ihr seid alle Leibeigene Pandesias, genau wie der Rest von Escalon. Ihr untersteht dem Lord Regenten – genau wie jeder andere auch.“
Er musterte sie von oben nach unten und leckte sich die Lippen. Dann trat er offensichtlich unbeeindruckt einen Schritt auf sie zu.
„Weißt du, welche Strafe darauf steht, eine Waffe auf einen Mann des Lords zu richten, Mädchen? Ich könnte dich, deinen Vater und alle eure Leute dafür einsperren.“
Der Drache begann plötzlich zu keuchen, und der Krieger drehte sich um und sah ihn an. Er versuchte offensichtlich Feuer zu speien, doch es gelang ihm nicht.
Der Krieger sah Kyra wieder an.
„Ich habe zu arbeiten!“, herrschte er sie ungeduldig an. „Heute ist dein Glückstag. Geh zurück zu deinem Vater und sei froh, dass ich dich am Leben lasse. Hau ab!“
Er wandte ihr den Rücken zu und ignorierte sie, als wäre sie keine Bedrohung. Er hob wieder seine Axt und machte einen Schritt nach vorn, über den Hals des Drachen.
Kyra wurde rot vor Wut.
„Ich warne dich nicht noch einmal!“, rief sie, diesmal mit tieferer Stimme, die sie selbst überraschte.
Sie spannte ihren Bogen, und der Krieger wandte sich ihr wieder zu, diesmal ohne zu lächeln, als hätte er begriffen, dass sie es ernst meinte. Kyra war irritiert, als er über ihre Schulter blickte, als ob er etwas hinter ihr beobachtete. Dann plötzlich bemerkte sie eine Bewegung im Augenwinkel – doch es war zu spät. Sie wurde von der Seite angesprungen, und ließ den Bogen fallen, als ein schwerer Körper auf ihr landete, und sie zu Boden riss. Sie landete so tief im Schnee, dass sie kaum atmen konnte.
Desorientiert kämpfte sich Kyra zurück an die Oberfläche und sah auf sich einen Krieger, der sie zu Boden presste. Sie sah vier der Männer des Lords über sich stehen und erkannte, dass sich die anderen im Wald versteckt hatten. Wie dumm sie doch gewesen war, anzunehmen, dass dieser Mann allein her war. Darum hatte er keine Angst gehabt, als sie den Bogen auf ihn gerichtet hatte.
Zwei der Männer zerrten sie grob auf die Beine, während die anderen hinzukamen. Sie sahen grob und ungeschlacht aus, mit grausamen Gesichtern, unrasiert, lüstern nach Blut – oder Schlimmerem.
Einer begann, seinen Gürtel zu öffnen.
„Ein kleines Mädchen mit einem Bogen“, machte sich einer lustig.
„Du hättest zu Hause in der Festung deines Vaters bleiben sollen“, sagte ein anderer.
Er hatte kaum zu Ende gesprochen, als ein knurren zu hören war: Leo raste durch den Schnee und riss ihn zu Boden.
Einer der anderen Männer trat nach Leo, doch dieser wirbelte herum und biss ihm ins Bein. Leo knurrte und ließ nicht von den Männern ab, selbst wenn sie ihn von sich traten.
Die beiden anderen Krieger jedoch konzentrierten sich auf Kyra, und da Leo beschäftigt war, stieg Panik in ihr auf. Doch seltsamerweise fürchtete sie sich nicht um sich selbst, sondern um den Drachen.
Aus dem Augenwinkel sah sie, wie der erste Krieger wieder seine Axt hob und auf das Tier zuging und in diesem Augenblick wusste sie, dass er sich durch nichts aufhalten lassen würde.
Kyra reagierte instinktiv. Als der Mann, der sie festhielt, von Leo abgelenkt für einen Augenblick den Griff um ihren Arm lockerte, riss sie sich los und zog ihren Stab, der über ihren Rücken hing, Sie wirbelte herum und schlug wie der Blitz zu. Einen der Männer traf sie an der Schläfe und schlug ihn bewusstlos, bevor er es überhaupt kommen sah.
Dann griff sie um und rammte dem anderen Krieger die Spitze gegen den Nasenrücken. Er schrie auf, Blut lief ihm über die Hände, die er vors Gesicht geschlagen hatte, und er ging zu Boden.
Kyra wusste, dass dies ihre Chance war, die beiden Männer zu erledigen. Sie lagen am Boden während Leo die beiden anderen beschäftigte.
Doch ihr Herz war immer noch beim Drachen – sie konnte an nichts anderes denken – und sie wusste, dass sie keine Zeit zu verlieren hatte. Darum rannte sie zu ihrem Bogen, hob ihn auf und legte einen Pfeil an. Sie hatte einen Schuss, und der musste sitzen. Es würde der erste Schuss sein, den sie jemals in einem richtigen Kampf abgab, noch dazu in der Nacht, mitten in einem Schneesturm zwischen abgeknickten Bäumen und Ästen. Ihr Ziel war fast 20 Meter weit weg, und es war auch der erste Schuss, den sie jemals unter Lebensgefahr abgab.
Kyra konzentrierte sich und rief sich all ihr Training in Erinnerung – all die langen Tage und Nächte, die sie im Wald und in Fighter’s Gate verbracht hatte. Sie wurde eins mit ihrem Bogen.
Kyra spannte und ließ den Pfeil fliegen, und die Zeit schien unendlich langsam abzulaufen, als sie zusah, wie der Pfeil durch die Luft flog, das Zischen hörte, und sich nicht sicher war, ob sie treffen würde. Zu viele Variablen waren im Spiel: von einem Windstoß, zu sich wiegenden Ästen, von ihren eigenen vor Kälte steifen Händen zu den Bewegungen des Kriegers.
Kyra hörte den Einschlag, als der Pfeil sein Ziel fand, gefolgt vom Schrei des Mannes. Im Mondlicht sah sie, wie der Mann vor Schmerz das Gesicht verzerrte, und sah zu, wie seine Axt harmlos neben ihm in den Schnee fiel, bevor er selbst tot zusammenbrach.
Der Drachen sah Kyra an und ihre Blicke begegneten sich. Seine riesigen gelben Augen, die selbst in der Dunkelheit zu leuchten schienen, schienen anzuerkennen, was sie getan hatte, und in diesem Augenblick hatte sie das Gefühl, dass er wusste, dass sie ihn gerettet hatte und sie damit einen lebenslangen Bund geschlossen hatten.
Kyra stand schockiert da und konnte kaum fassen, was sie getan hatte. Hatte sie gerade wirklich einen Mann getötet? Und nicht nur irgendeinen Mann – sondern einen der Männer des Lords. Sie hatte Pandesias Gesetz gebrochen. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Damit hatte sie womöglich einen Krieg ausgelöst in den ganz Escalon hineingezogen werden würde. Was hatte sie nur getan?
Doch aus irgendeinem Grund spürte sie keine Reue und keine Zweifel über das, was sie getan hatte. Sie spürte, dass sie ihrem Schicksal gefolgt war.
Ein brennender Schmerz in ihrem Gesicht riss sie aus ihren Gedanken, als Kyra den Einschlag von dicken, schwieligen Fingerknochen auf ihrer Wange spürte. Sie sah Sterne, alles drehte sich, und sie fiel auf Hände und Knie in den Schnee. Bevor sie sich aufrappeln konnte trat er ihr in die Rippen und ein weiterer Krieger drückte ihr Gesicht in den Schnee. Kyra rang nach Luft, als der Mann sie hochriss. Sie fand sich den beiden Männern gegenüber, die sie am Leben gelassen hatte. Leo knurrte, doch er hatte selbst mit den beiden anderen zu kämpfen. Einer der Männer hatte eine zertrümmerte Nase und der andere blutete aus einer Platzwunde an der Schläfe und Kyra erkannte, dass sie sie hätte töten sollen, als sie die Gelegenheit gehabt hatte. Sie wehrte sich mit aller Kraft, um sich aus ihrem Griff zu befreien, doch es half nichts. Sie konnte den Blutdurst in ihren Augen sehen.
Einer von ihnen warf seinem toten Kommandanten einen Blick zu, dann packte er sie beim Kinn, kam ganz dicht an sie heran und zischte „Glückwunsch! Morgen früh werden wir dein Fort und alle Menschen darin dem Erdboden gleich machen.“
Er ohrfeigte sie, und unter Schmerzen stolperte sie zurück. Der andere Krieger packte sie und drückte ihr den Dolch gegen den Hals, während der erste, nach seinem Gürtel griff.
„Doch bevor du stirbst, werden wir dafür sorgen, dass deine letzte Erinnerung, die Erinnerung an uns ist.“
Kyra hörte Leos Winseln und als sie hinüberblickte, sah sie, dass einer der Männer auf ihn einstach. Sie zuckte zusammen, als wäre sie selbst getroffen worden, doch Leo, furchtlos wie immer, wirbelte herum und grub seine Zähne in den Arm des Kriegers.
Kyra spürte die Klinge an ihrem Hals, und sie wusste, dass sie auf sich allein gestellt war. Doch sie spürte keine Angst – sie spürte sich befreit. Sie fühlte ihren Zorn und ihren Rachedurst gegen die Männer des Lords in sich aufsteigen. Und dieser Mann war das perfekte Ziel. Vielleicht würde heute sterben, doch sie würde es nicht kampflos tun.
Sie wartete bis zum letzten Augenblick, in dem der Pandesier auf sie zukam und nach ihren Kleidern greifen wollte; schnell riss sie ihr Knie hoch und rammte es mit aller Kraft zwischen seine Beine. Er schrie auf und fiel auf die Knie. Im selben Augenblick gelang es Leo, seine Angreifer abzuwehren; er stürzte sich auf den Mann, den sie zu Boden geschickt hatte und biss ihm in den Hals.
Sie wirbelte herum, um sich dem anderen Mann zu stellen, dem letzten, der noch stand. Er zog sein Schwert, und als Kyra ihren Stab aufhob, lachte er.
„Ein Stöckchen gegen ein Schwert“, höhnte er. „Du solltest lieber gleich aufgeben, dein Tod wird dann nicht ganz so schmerzhaft sein.“
Er holte aus und hieb mit dem Schwert nach ihr. In diesem Augenblick übernahm Kyras Instinkt wieder die Kontrolle; sie stellte sich vor, wieder in Fighter’s Gate zu sein. Sie wich seinen Hieben aus, duckte sich und nutzte ihre Geschwindigkeit zu ihrem Vorteil. Der Krieger war goss und stark und sein Schwert war schwer – doch sie war leicht und wurde nicht von schwerem Rüstzeug belastet. Als er sein Schwert auf sie herabsausen ließ, wich sie aus und er verlor das Gleichgewicht im Schnee; sie wirbelte ihren Stab herum und schlug ihm damit auf das Handgelenk, woraufhin er das Schwert fallen ließ und es im Schnee verschwand.
Er sah sie schockiert an, dann schnitt er eine Grimasse und stürzte sich mit bloßen Händen auf sie. Kyra wartete. Im letzten Augenblick ließ sie sich in die Hocke fallen und rammte die Spitze ihres Stabs in die Höhe, gegen sein Kinn. Der Einschlag ließ krachend seinen Kopf in den Nacken schlagen und er stürzte und blieb regungslos liegen. Um sicherzugehen, dass er auch wirklich tot war, stürzte sich Leo auf ihn und zerfetzte seinen Hals.
Kyra, die annahm, dass nun alle Krieger tot waren, war irritiert, als sie ein Geräusch hinter sich hörte. Sie fuhr herum und sah, wie einer der beiden Krieger, mit denen Leo gekämpft hatte, sich doch wieder aufgerappelt hatte, zu seinem Pferd hinkt und ein Schwert aus seinem Sattel zog. Blutverschmiert stürmte er auf Leo zu, der immer noch seine Zähne in den Hals des anderen gegraben und ihm den Rücken zugekehrt hatte.
Kyras Herz raste, sie war zu weit weg, ihn rechtzeitig zu erreichen.
„LEO!“, schrie sie.
Doch Leo hörte sie nicht.
Kyra wusste, dass sie schnell etwas tun musste, wenn sie nicht wollte, dass Leo vor ihren Augen getötet wurde.
Ihr Bogen lag zu weit weg im Schnee.
Sie dachte schnell nach, hob ihren Stab und brach ihn über ihrem Knie entzwei. Sie nahm eine der Hälften, dessen Spitze scharf gebrochen war, zielte und warf sie wie einen Speer.
Der Stab flog zischend durch die Luft und sie betete, dass er sein Ziel finden würde.
Kyra atmete erleichtert auf, als sie zusah, wie er den Hals des Mannes durchbohrte, bevor er Leo erreichen konnte. Er stolperte und fiel tot neben Leo in den Schnee.
Kyra stand in der Stille des Waldes, atmete schwer, und betrachtete das Blutbad um sie herum; alle fünf Männer lagen im Schnee und färbten ihn rot, und sie konnte kaum fassen, was sie getan hatte. Doch bevor sie alles verarbeiten konnte, bemerkte sie erneut eine Bewegung. Sie wirbelte herum und sah den Knappen, der zu seinem Pferd rannte.
„Warte!“, rief Kyra.
Sie wusste, dass sie ihn aufhalten musste. Wenn er es zurück zum Lord Regenten schaffte, würde er berichten, was geschehen war. Sie würden herausfinden, dass sie es gewesen war und ihr Vater und alle Menschen in Volis würden sterben.
Kyra hob ihren Bogen auf, zielte und wartete, bis sie ein freies Schussfeld hatte. Schließlich rissen die Wolken auf und als der Junge zwischen den Bäumen hervor kam, hatte sie ihre Chance.
Doch sie konnte es nicht tun. Der Junge hatte ihr nichts getan und etwas in ihr ließ nicht zu, einen Unschuldigen zu töten.
Mit zitternden Händen senkte sie den Bogen und sah zu, wie er davonritt. Ihr war übel, denn sie wusste, dass das ihr Todesurteil war. Das bedeutete sicher Krieg.
Jetzt, wo der Knappe auf der Flucht war, wusste Kyra, dass ihr nicht viel Zeit blieb. Sie sollte durch den Wald zurück zur Festung ihres Vaters laufen und sie alarmieren. Sie brauchten Zeit, das Fort für einen Krieg vorzubereiten und die Mauern zu versiegeln – oder um zu fliehen. Sie spürte ein schreckliches Gefühl der Schuld, jedoch auch eines der Pflicht.
Doch Kyra ging nirgendwo hin. Stattdessen stand sie da, und beobachtete fasziniert, wie der Drache mit seinem gesunden Flügel flatterte und sie ansah. Sie spürte, dass er sie brauchte.
Sie stapfte durch den Schnee, zum Flussufer hinunter, bis sie vor dem Drachen stand. Er hob den Hals ein wenig und ihre Blicke trafen sich. In seinen Augen lag ein unergründlicher Ausdruck. Sie sah Dankbarkeit – doch auch Wut. Sie konnte es nicht verstehen.
Sie ging näher heran, bis sie nur noch ein paar Meter entfernt war. Leo knurrte neben ihr. Kyra stockte der Atem; sie konnte kaum fassen, dass sie so dicht neben einer so prachtvollen Kreatur stand. Sie wusste, wie gefährlich es war, wusste, dass der Drache sie jederzeit töten konnte, wenn er wollte.
Sie hob ihre Hand und mit vor Angst pochendem Herzen berührte sie seine Schuppen. Seine Haut war so rau und dick, so urzeitlich – es war, als berührte sie etwas vom Anbeginn der Zeit. Ihre Hand zitterte, als sie ihn streichelte – jedoch nicht vor Kälte.
Seine Gegenwart war ein derartiges Mysterium und zahllose Fragen kreisten in ihrem Kopf.
„Was hat dich verletzt?“, fragte sie, während sie seine Schuppen streichelte. „Was tust du hier, auf dieser Seite der Welt?“
Tief aus seinem Hals kam ein Knurren, und Kyra zog ängstlich ihre Hand zurück. Sie konnte das Tier nicht verstehen, und auch wenn sie gerade sein Leben gerettet hatte, hatte sie plötzlich das Gefühl, dass es keine gute Idee war, ihm so nahe zu kommen.
Der Drache sah Kyra an und hob langsam eine seiner Krallen, bis sie Kyras Hals berührte. Kyra stand wie angewurzelt da, starr vor Angst, und fürchtete, dass er ihr den Hals aufschneiden würde.
Doch etwas blitzte in seinen Augen auf, und er schien seine Meinung zu ändern. Er zog seine Krallen zurück und ließ sie fallen.
Kyra spürte einen brennenden Schmerz in ihrem Gesicht und schrie auf, als die Kralle über ihre Wange kratzte. Sie blutete. Es war nur ein Kratzer, das spürte Kyra, doch er war tief genug, um eine Narbe zurückzubehalten.
Kyra berührte die Wundem sah das Blut an ihren Händen und fühlte sich hintergangen und verwirrt. Sie sah in die gelben Augen des Drachen, die voller Trotz waren, und konnte ihn einfach nicht verstehen. Hasste er sie etwa? War es ein Fehler gewesen, sein Leben zu retten? Warum hatte er sie nur gekratzt, wo er sie doch so leicht hätte töten können?“
„Wer bist du?“, fragte sie leise.
In ihrem Kopf hörte sie eine uralte Stimme.
Theos.
Sie erschrak. Sie war sich sicher, dass das die Stimme des Drachen war.
Kyra wartete, und hoffte, dass er ihr mehr zu sagen hatte – doch plötzlich, ohne Vorwarnung, brach Theos kreischend die Stille, warf den Kopf in den Nacken und wollte von ihr weg. Er bäumte sich auf und flatterte verzweifelt mit den Flügeln.
Kyra verstand nicht warum.
„Warte!“, rief sie. „Du bist verletzte! Lass mich dir helfen!“
Es tat ihr weh zu sehen, wie er sich aufbäumte und Blut aus seiner Wunde floss, während es ihm nicht gelang, seinen gebrochenen Flügel zu strecken. Er war so riesig, dass er mit jeder Bewegung eine Schneewolke auf wirbelte und den Boden erzittern ließ. Er mühte sich ab, zu fliegen, doch es gelang ihm nicht.
„Wo willst du hin?“, fragte Kyra.
Theos wand sich und bäumte sich erneut auf, doch diesmal geriet er auf dem steilen Abhang ins Rollen und rollte auf den reißenden Fluss zu.
Hilflos und geschockt sah Kyra zu, wie der Drache in den Fluss stürzte.
„NEIN!“, schrie sie und rannte ihm hinterher.
Doch sie konnte nichts tun. Die Strömung trug Theos, der wild um sich schlug und kreischte, flussabwärts durch den Wald, bis sie ihn hinter einer Biegung aus den Augen verlor.
Kyra sah zu, wie er verschwand und es brach ihr das Herz. Sie hatte alles geopfert, ihr Leben, das Schicksal ihrer Leute, um dieses Tier zu retten – und nun war es verschwunden. Wozu war all das gut gewesen? War irgendetwas davon überhaupt real?
Kyra drehte sich um und betrachtete die toten Männer, die immer noch im Schnee lagen und den verwundeten Leo neben sich; sie berührte ihre Wange und spürte das Brennen, sah das Blut – und wusste, dass es real war. Sie hatte eine Begegnung mit einem Drachen überlebt und sie hatte fünf Männer des Lords getötet.
Sie wusste, dass nach dieser Nacht nichts mehr so war wie früher.
Kyra entdeckte die Spur der Pferde, die sich durch den Wald zog, und erinnerte sich an den Jungen, der losgeritten war, um seine Leute zu alarmieren. Sie wusste, dass die Männer des Lords das Fort angreifen würden.
Kyra drehte sich um und rannte in den Wald, dicht gefolgt von Leo, entschlossen, nach Volis zurückzugehen, um ihren Vater und seine Leute zu alarmieren – wenn es dafür nicht schon zu spät war.
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KAPITEL ZWÖLF
Vesuvius, König der Trolle und Herrscher über Marda, stand in der gigantischen Höhle unter der Erde auf einem Steinbalkon und betrachtete die Arbeit seiner Armee von Trollen dreißig Meter unter ihm. Tausende von Trollen arbeiteten in den Höhlen, schlugen mit Spitzhacken und Hämmern auf Erde und Fels ein. Endlose Reihen von Fackeln erhellten die Gänge, während Lavaströme den Boden durchzogen und die Höhle aufheizten, sodass die Trolle in der Hitze schwitzten und keuchten.
Vesuvius grinste breit. Sein Gesicht war grotesk, unförmig, doppelt so groß wie das eines Menschen, mit zwei langen Hauern, die wie Stoßzähne aus seinem Maul ragten und kleinen roten Knopfaugen, die es genossen, wenn andere litten. Er wollte, dass sein Volk schuftete, dass sie härter arbeiteten denn je, denn er wusste, dass er nur mit extremen Anstrengungen erreichen konnte, was seinem Vater und dessen Vorvätern nicht gelungen war. Gut doppelt so groß wie ein durchschnittlicher Troll und dreimal so groß wie ein Mensch, schien Vesuvius nur aus Muskeln und Zorn zu bestehen, und er wusste dass er anders war, wusste, dass er erreichen würde, was andere vor ihm nicht geschafft hatten. Er hatte einen ausgeheckt, der selbst seinen Vorfahren nicht eingefallen war, einen Plan, der seinem Land auf ewig Ruhm einbringen würde. Es würde der größte Tunnel werden, der je gebaut worden war, ein Tunnel, der sie unter den Flammen bis nach Escalon hinein bringen würde – und mit jedem Hammerschlag wurde der Tunnel ein wenig tiefer.
Nicht ein einziges Mal war es seinem Volk gelungen einen Weg durch die Flammen zu finden, durch den eine ganze Armee gehen konnte; einzelnen Trollen war es hier und da gelungen, durchzubrechen, doch die meisten starben dabei. Was Vesuvius brauchte, war eine ganze Armee von Trollen, die auf einmal die Grenze überschritt und Escalon ein für alle Mal vernichten würde. Sein Vater wusste nicht, wie er es anstellen sollte und hatte sich mit einem Leben hier in der Wildnis von Marda zufrieden gegeben. Doch nicht er. Er, Vesuvius, war weiser als sein Vater und seine Vorväter, stärker, entschlossener – und rücksichtsloser. Eines Tages war ihm beim Nachdenken eingefallen, dass er, wenn er schon nicht durch die Flammen hindurch gehen konnte, es vielleicht darunter möglich war.
Fasziniert von der Idee hatte er begonnen, seinen Plan in die Tat umzusetzen und seitdem keine Ruhe gegeben. Er hatte Tausende seiner Krieger und Sklaven herbeigerufen, um den größten Triumph des Trollkönigreichs zu bauen: einen Tunnel unter den Flammen hindurch.
Vesuvius sah höchst zufrieden zu, wie einer seiner Zuchtmeister einen menschlichen Sklaven auspeitschte, einen, den sie im Westen gefangen hatten, der an hunderte von anderen Sklaven gefesselt war. Der Mensch schrie auf und stürzte, und der Zuchtmeister schlug auf ihn ein, bis er starb. Vesuvius grinste zufrieden, als er sah, dass die anderen Menschen daraufhin noch härter arbeiteten. Seine Trolle waren fast doppelt so groß wie die Menschen und sahen, verglichen mit ihnen, grotesk aus. Mit schwellenden Muskeln und deformierten Gesichtern und einem Blutdurst, der schier unstillbar war. Er hatte festgestellt, dass die Menschen ein gutes Ventil für sein Volk war, um dort ihren angeborenen Zorn auszulassen.
Doch Vesuvius war immer noch frustriert, als er zusah: egal wie viele Menschen er versklavte, wie viele Krieger er zur Arbeit verpflichtete, egal wie hart er sie antrieb, wie sehr er seine eigenen Leute quälte oder tötete um sie zu motivieren, machten sie nur langsam Fortschritte. Der Fels war zu hart, die Aufgabe zu groß. Er wusste, dass mit diesem Tempo der Tunnel nie zu seinen Lebzeiten fertig werden, und sein Traum, Escalon zu besetzen nur ein Traum bleiben würde.
Natürlich war Marda mehr als groß genug für alle – doch nicht groß genug für Vesuvius. Er wollte alle Menschen töten und unterwerfen und sich nehmen, was ihnen gehörte, einfach so zu seinem Vergnügen. Er wollte alles. Und er wusste, dass er drastische Maßnahmen ergreifen musste, wenn er dieses Ziel erreichen wollte.
„Mein Herr und König?“, kam eine Stimme.
Vesuvius drehte sich um und sah einige seiner Krieger vor sich stehen in der unverkennbaren grünen Rüstung der Trolle. Ihr Wappen – der Kopf eines Bären, der einen Hund im Maul trug – prangte auf den Brustpanzern. Seine Männer senkten in Ehrerbietung die Köpfe, so es sich in seiner Gegenwart gehörte.
Vesuvius sah, dass sie einen Krieger festhielten, der eine verkohlte Rüstung trug, Brandwunden am ganzen Körper hatte, und über und über mit Ruß beschmiert war.
„Sprecht“, befahl er.
Langsam hoben sie ihre Köpfe und sahen ihn an.
„Wir haben ihn in Marda eingefangen, im Südwald“, berichtete einer. „Er wurde gefangen, als er von den Flammen zurückkehrte.“
Vesuvius musterte den gefangenen Krieger mit Abscheu. Jeden Tag schickte er Männer nach Westen auf die Mission, die Flammen zu durchqueren und auf der anderen Seite in Escalon herauszukommen. Wenn sie die Reise überlebten, hatten sie den Befehl, so viel Angst und Schrecken unter den Menschen zu verbreiten, wie sie konnten. Wenn sie das überlebten, war der nächste Befehl, die Türme zu finden und das Schwert des Feuers zu stehlen, die legendäre Waffe, die die Flammen brennen ließ. Die meisten seiner Trolle kehrten nie von dieser Reise zurück – sie starben entweder in den Flammen oder wurden schließlich von den Menschen in Escalon getötet. Es war eine Selbstmordmission. Sie hatten den Befehl, nie zurückzukehren – es sei denn mit dem Schwert in der Hand.
Doch immer wieder kam es vor, dass einer sich zurück schlich. Meistens waren diese Trolle entstellt von ihrer Reise durch die Flammen. Ohne Erfolg auf ihrer Mission versuchten sie dennoch ins sichere Marda zurückzukehren. Vesuvius konnte diese Trolle nicht ertragen – er betrachtete sie als Deserteure.
„Und welche Nachrichten bringst du aus dem Westen?“, fragte er. „Hast du das Schwert gefunden?“
Der Krieger schluckte schwer und sah verängstigt aus.
Langsam schüttelte er den Kopf.
„Nein, mein Herr und König“, sagte er mit gebrochener Stimme.
Vesuvius kochte vor Wut.
„Warum bist du dann nach Marda zurückgekehrt?“, fragte er.
Der Troll blickte zu Boden.
„Ich wurde von einer Gruppe von Menschen angegriffen“, sagte er. „Ich hatte Glück, dass ich entkommen konnte und es hierher zurück geschafft habe.“
„Doch warum bist du zurückgekommen?“, drängte Vesuvius.
Der Krieger sah ihn verwirrt und nervös an.
„Weil meine Mission beendet war, mein Herr und König.“
Vesuvius kochte.
„Deine Mission war es, das Schwert zu finden, oder beim Versuch, es zu finden, zu sterben!“
„Aber ich habe es durch die Flammen geschafft“, bettelte er. „Ich habe viele Menschen getötet! Und ich habe es zurück geschafft!“
„Und sag mir“, sagte Vesuvius freundlich, während er vortrat, dem Troll die Hand auf die Schulter legte und langsam mit ihm zum Rand des Balkons ging. „Hast du wirklich geglaubt, dass ich dich am Leben lasse, wenn du zurückkommst?“
Plötzlich packte Vesuvius den Troll am Rücken und warf ihn über die Brüstung.
Der Krieger schlug um sich und kreischte. Die Arbeiter unten hielten inne und beobachteten, wie er in die Tiefe stürzte. Als er am Boden aufschlug.
Die Arbeiter sahen Vesuvius an der böse zu ihnen herab starrte. Er wusste, dass das eine gute Erinnerung war, was mit jenen geschah, die ihn enttäuschten.
Schnell gingen die Trolle zurück an die Arbeit.
Vesuvius, der immer noch wütend war, und das Bedürfnis hatte, es an jemandem auszulassen, wandte sich vom Balkon ab und ging die steinerne Treppe hinab, die in den Fels gehauen war. Er wollte den Fortschritt mit eigenen Augen aus der Nähe sehen – und während er hier unten war, konnte er einen dieser erbärmlichen Sklaven zu Brei schlagen.
Je weiter er hinabstieg, desto heißer wurde es. Dutzende Krieger folgten ihm, als er über den Boden der Höhle spazierte, Lavaströmen und Horden von Arbeitern auswich. Die Trolle hielten inne, machten ihm Platz und verbeugten sich vor ihm.
Es war heiß hier unten, nicht nur von all den Trollen, die hier arbeiteten, sondern von den Lavaströmen, die die Höhle durchkreuzten und wie Bäche aus den Wänden flossen. Vesuvius marschierte durch die riesige Höhle, bis er schließlich den Eingang des Tunnels erreichte. Dreißig Metern breit und fünfzehn Metern hoch führte er in einem leichten Gefälle unter die Erde. Er war groß genug, eine Armee hindurchzuführen, wenn die Zeit dafür gekommen war. Eines Tages würden sie in Escalon einfallen, an die Oberfläche kommen und Tausende menschlicher Sklaven nehmen. Das wäre der schönste Tag seines Lebens. Vesuvius ging weiter, nahm einem Zuchtmeister die Peitsche ab und begann, um sich zu schlagen. Alle Arbeiter gingen eilig zurück ans Werk und schlugen auf den harten schwarzen Stein ein, bis es staubte. Dann ging er zu den menschlichen Sklaven, Männern und Frauen, die sie aus Escalon entführt hatten. Das waren die Missionen, die er am liebsten hatte – Missionen, die nur darauf ausgelegt waren, den Westen zu terrorisieren. Die meisten Menschen starben auf dem Weg zurück, doch genug von ihnen überlebten. Und selbst wenn sie entstellt oder verstümmelt waren, konnten sie noch bis zum Tod im Tunnel arbeiten.
Vesuvius sah sie an. Er warf einem Mann die Peitsche zu und deutete auf eine Frau.
„Töte sie!“, befahl er.
Der Mensch stand zitternd vor ihm und schüttelte schwach den Kopf.
Vesuvius nahm ihm die Peitsche wieder ab und schlug stattdessen auf ihn ein, bis er schließlich tot am Boden lag.
Die anderen arbeiteten weiter und wichen seinem Blick aus, während Vesuvius schwer atmend die Peitsche von sich warf und wieder in Richtung des Tunneleingangs blickte. Es war, als sah er seinem Erzfeind in die Augen. Es war ein halbfertiges Unternehmen, das nirgendwo hin führte. Es ging einfach viel zu langsam voran.
„Mein Herr und König“, hörte er eine Stimme hinter sich.
Vesuvius drehte sich um und sah mehrere Krieger der Mantra, seiner Eliteeinheit, ganz in Schwarz und Grün gekleidet, den Farben seiner besten Krieger. Sie standen stolz da und hielten ihre Hellebarden neben sich. Sie waren die wenigen Trolle, die sich Vesuvius Respekt verdient hatten, und sie zu sehen, ließ sein Herz schneller schlagen, denn es konnte nur eines bedeuten: sie brachten Neuigkeiten.
Vesuvius hatte die Mantra vor vielen Monden auf eine Mission geschickt, den Riesen zu finden, der im Großen Wald lauerte, von dem man sagte, dass er Tausende von Trollen getötet hatte.
Er träumte davon, den Reisen zu fangen, ihn hierher zu bringen und seine Muskelkraft zu nutzen, um den Tunnel fertigzustellen. Vesuvius hatte eine Mission nach der anderen losgeschickt, und keiner der Trolle war zurückgekehrt. Man hatte sie alle tot aufgefunden, vom Riesen getötet.
Als Vesuvius diese Trolle ansah, schlug sein Herz vor Hoffnung schneller.
„Sprecht“, befahl er.
„Mein Lord und König, wir haben den Riesen gefunden“, berichtete einer. „Wir haben ihn in die Enge getrieben und erwarten deinen Befehl.“
Vesuvius grinste. Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit war er zufrieden. Sein Lächeln breitete sich über sein ganzes Gesicht aus, als sich der Plan in seinem Kopf festigte. Endlich würde alles möglich sein, endlich wuchsen seine Chancen, die Flammen wirklich zu überwinden.
Er starrte den Troll entschlossen an, bereit zu tun, was getan werden musste.
„Bringt mich zu ihm!“
KAPITEL DREIZEHN
Kyra stolperte durch den Schnee, der ihr nun bis über die Knie reichte, auf der Wanderung durch den Dornenwald. Sie stützte sich schwer auf ihren Stab auf dem Weg durch den Blizzard. Der Sturm tobte jetzt so heftig, dass er sogar durch das dichte Geäst des Waldes hindurch kam und die riesigen Bäume und ihre Äste verbog. Windböen wehten ihr ins Gesicht und erschwerten die Sicht. Während der Wind immer stärker wurde, kostete es sie unglaubliche Kraft auch nur ein paar Schritte zu gehen.
Der blutrote Mond war lange verschwunden, verschluckt vom Sturm, und sie hatte nichts, woran sie sich orientieren konnte. Alles was ihr blieb war die tröstende Anwesenheit des verletzten Leo, der langsam neben ihr her ging und sich immer wieder an sie lehnte. Mit jedem Schritt schien sie tiefer einzusinken und sie fragte sich, ob sie überhaupt vorankam. Sie spürte, wie wichtig es war, zu ihren Leuten zurückzukommen, sie zu warnen, und das machte jeden Schritt nur noch frustrierender.
Kyra blickte auf und blinzelte gegen den Wind, in der Hoffnung, irgendwo in der Ferne etwas zu sehen, woran sie sich orientieren konnte; doch da war nichts. Sie war im weißen Nichts verloren. Ihre Wange brannte vom Kratzer des Drachen. Sie berührte sie und sah das Blut auf ihrer Hand. Ihre Wange pochte, als hätte der Drache sie mit irgendetwas infiziert.
Als ein besonders starker Windstoß sie zurückwarf, erkannte Kyra schließlich, dass sie nicht weitergehen konnte; sie mussten einen Unterschlupf finden. Sie wollte Volis unbedingt vor den Männern des Lords erreichen, doch sie wusste, dass sie es nicht überleben würde, wenn sie in diesem Wetter weiterging. Ihr einziger Trost war dass die Männer des Lords bei diesem Wetter nicht angreifen konnten – falls es der Knappe überhaupt bis nach Hause geschafft hatte.
Kyra sah sich nach einem Unterschlupf um – doch sie konnte keinen finden. Um sich herum sah sie nichts als Schnee und der Wind heulte so laut, dass sie kaum denken konnte. Panik stieg in Kyra auf und sie stellte sich vor, wie man sie und Leo hier draußen erfroren finden würde. Sie wusste, wenn sie nicht bald etwas fand, mussten sie beide sterben. Sie war verzweifelt. Von allen Nächten hatte sie sich ausgerechnet die schlimmste ausgesucht, um Volis zu verlassen.
Als ob Leo spürte, was sie vorhatte, begann er zu winseln, drehte sich um und rannte plötzlich los. Er rannte über die Lichtung und als er das andere Ende erreichte, begann er wie wild in einen Schneehügel hinein zu graben.
Kyra sah verwundert zu, während Leo jaulte und wie wild tiefer und tiefer in den Schnee grub. Sie fragte, was er gefunden hatte. Schließlich brach er ein und überrascht sah sie, dass er eine kleine Höhle gefunden hatte, die in einem riesige Felsblock lag. Ihr Herz schlug schneller. Sie rannte zu ihm hinüber und sah, dass sie groß genug war, um beiden Schutz zu bieten – und sie war trocken und vor dem Wind geschützt.
Sie beugte sich zu Leo hinunter und küsste seinen Kopf.
„Du hast es geschafft, mein Junge!“
Er leckte ihr glücklich das Gesicht.
Sie kroch in die Höhle und zog Leo an sich heran. Drinnen war sie sofort erleichtert. Endlich war es ruhig; das Heulen des Windes drang nur gedämpft hinein, endlich brannte die Kälte nicht mehr in ihrem Gesicht und es war trocken. Sie hatte das Gefühl endlich wieder atmen zu können.
Auf Kiefernnadeln kroch sie weiter in die Höhle, bis sie schließlich die Rückwand erreichte. Sie lehnte sich an die Wand und sah nach draußen. Gelegentlich wehte etwas Schnee hinein, doch ein Großteil der Höhle war trocken. Zum ersten Mal, seitdem sie das Fort verlassen hatte, konnte sie sich entspannen.
Leo rollte sich neben ihr zusammen und legte seinen Kopf auf ihren Schoß. Sie schmiegte sich an ihn und versuchte, sich zu wärmen. Sie wischte die Schneeflocken von seinem Fell und ihrem Mantel und untersuchte seine Wunde. Zum Glück war sie nicht tief, doch als Kyra den Schnee benutzte, um sie zu reinigen, winselte er.
„Schhhh“, sagte sie.
Sie griff in ihre Tasche und gab ihm das letzte Stück getrockneten Fleischs, das er gierig verschlang.
Als sie sich zurücklehnte und dem Wind draußen lauschte und zusah, wie der Schnee sich wieder vor dem Höhleneingang auftürmte, hatte sie das Gefühl, dass dies das Ende der Welt war. Sie schloss die Augen, denn sie war hundemüde, kalt und musste sich dringend ausruhen, doch der pochende Kratzer auf ihrer Wange hielt sie wach.
Irgendwann wurde ihre Lider schwer und fielen zu. Die Kiefernnadeln unter ihr boten ein seltsam bequemes Lage und bald gab sie sich der süßen Umarmung des Schlafs hin.
*
Kyra flog auf dem Rücken des Drachens und klammerte sich fest. Sie flogen schneller, als sie es je für möglich gehalten hätte begleitet von seinem Kreischen. Seine Flügel waren so groß und prächtig und sie schienen noch zu wachsen, als sie sie betrachtete und sich über die ganze Welt auszudehnen.
Als sie nach unten blickte, drehte sich ihr Magen, als sie die sanften Hügel von Volis entdeckte. Sie hatte sie noch nie zuvor aus dieser Höhe gesehen. Sie flogen über saftig grüne Hügel, Wälder, gurgelnde Flüsse und fruchtbare Weinberge. Es war bekanntes Gebiet und bald erkannte Kyra das Fort ihres Vaters, vor dem die Schafe weideten.
Doch als der Drachen hinabtauchte, spürte Kyra sofort, dass etwas nicht stimmte. Rauch stieg auf- nicht der weiße Rauch der Kamine, sondern dicker, schwarzer Rauch. Als sie genauer hinsah, bemerkte sie mit Schrecken, dass die Festung ihres Vaters in Flammen stand. Sie sah die Armee von Männern des Lords, die sich bis zum Horizont erstreckte und das Fort umzingelt hatte. Als sie die Schreie hörte, wusste sie, dass alle, die sie kannte und liebte abgeschlachtet wurden.
„NEIN!“, wollte sie schreien, doch die Worte blieben ihr im Halse stecken.
Der Drache beugte seinen Hals, drehte seinen Kopf zu ihr um und sah ihr in die Augen. Kyra war überrascht zu sehen, dass es derselbe Drache war, den sie vor den Männern des Lords gerettet hatte. Theos.
Du hast mich gerettet, hörte sie ihn sagen. Und jetzt werde ich dich retten. Wir sind jetzt eins, Kyra. Wir sind eins.
Plötzlich machte Theos eine scharfe Wende und Kyra verlor den Hals und stürzte ab.
„NEIN!“, schrie sie.
Kyra fuhr schreiend in der Dunkelheit hoch und wusste nicht, wo sie war. Schwer atmend sah sie sich um, bis es ihr schließlich wieder einfiel: sie war in einer Höhle.
Leo winselte neben ihr und leckte ihre Hand. Sie atmete tief durch und versuchte, etwas zu sehen. Es war noch immer dunkel draußen, und der Sturm tobte noch immer. Das Pochen in ihrer Wange war noch schlimmer geworden und als sie sie mit ihren Fingern berührte spürte sie frisches Blut. Sie fragte sich, ob sie jemals aufhören würde, zu bluten.
„Kyra!“, rief eine Stimme, und es klang eher wie ein Flüstern.
Kyra spähte erschrocken in die Dunkelheit, und fragte sich, wer hier mit ihr in der Höhle war.
Sie blickte auf und sah eine Gestalt über sich stehen. Er trug eine lange schwarze Kutte, einen Mantel und einen Stab; er schien ein älterer Mann zu sein, denn unter seiner Kapuze kam weißes Haar zum Vorschein. Sein Stab begann zu glühen und warf ein sanftes Licht über die Höhle.
„Wer bist du?“, fragte sie, und setzte sich wachsam auf. „Wie bist du hierhergekommen?“
Er trat auf sie zu, und sie wollte sein Gesicht sehen, doch es lag immer noch im Schatten.
„Wonach suchst du?“, fragte er, und seine alte Stimme ließ sie entspannen.
Sie dachte darüber nach und versuchte zu verstehen.
„Ich möchte frei sein“, sagte sie. „Und ich möchte eine Kriegerin sein.“
Langsam schüttelte er den Kopf.
„Du vergisst dabei etwas“, sagte er. „Das Wichtigste von allem. Was suchst du?“
Kyra sah ihn verwirrt an.
Schließlich trat er noch einen Schritt auf sie zu.
„Du suchst dein Schicksal.“
Kyra staunte über seine Worte.
„Und mehr noch“, sagte er. „Du willst wissen, wer du bist.“
Wieder trat er einen Schritt auf sie zu, so nahe jetzt, doch sein Gesicht lag immer noch im Schatten.
„Wer bist du Kyra?“, fragte er.
Sie starrte ihn verblüfft an, und wollte antworten, doch in diesem Augenblick wusste sie es nicht. Sie war sich nicht mehr sicher.
„Wer bist du?“, fragte er so laut, dass es ihr in den Ohren wehtat und von den Wänden widerhallte.
Kyra hob die Hände schützend vors Gesicht als er näher kam.
Sie blinzelte, und als sie die Augen wieder öffnete, erschrak sie, als er verschwunden war. Sie konnte nicht verstehen, was geschah. Langsam senkte sie ihre Hände und wusste, dass sie diesmal vollkommen wach war.
Helles Sonnenlicht, das vom Schnee reflektiert wurde, fiel in die Höhle. Sie blinzelte desorientiert und versuchte, sich zu sammeln. Der tosende Sturm war verschwunden und es hatte aufgehört zu schneien. Stattdessen lag hinter dem halb verschneiten Eingang zu ihrer Höhle ein leuchtend blauer Himmel und die Vögel sangen in den Bäumen. Es war, als wäre die Welt neu geboren worden.
Kyra konnte es kaum fassen: sie hatte die Nacht überlebt.
Leo begann, ihr ungeduldig am Hosenbein zu zerren.
Immer noch desorientiert stand Kyra langsam auf und ihr wurde schwindelig vor Schmerzen.
Ihr tat nicht nur der ganze Körper vom Kämpfen weh, von den Schlägen, die sie hatte einstecken müssen. Viel schlimmer war ihre Wange – der Kratzer brannte wie Feuer. Sie erinnerte sich an die Krallen des Drachens und betastete die Wunde. Auch wenn es nur ein Kratzer war, war die Wunde immer noch feucht und wollte nicht aufhören zu bluten.
Als sie aufstand war ihr schwindelig, und sie war sich nicht sicher, ob es von der Erschöpfung war, vom Hunger, oder vom Kratzer des Drachen. Sie ging auf wackeligen Beinen und fühlte sich benommen, als sie Leo folgte, der sie ungeduldig aus der Höhle führte.
Kyra bückte sich durch den Eingang und trat hinaus in die blendend weiße Welt. Sie hob ihre Hand vor Augen, denn sie hatte das Gefühl, ihr Kopf wollte zerspringen. Es war deutlich wärmer geworden, der Wind wehte nicht mehr, die Vögel sangen und die Sonne drang bis zum Boden der Lichtung hinab. Sie hörte ein Geräusch uns sah, wie sich ein riesiger Klumpen Schnee von einer der Kiefern löste und zu Boden fiel. Als sie den Blick senkte sah sie, dass der Schnee ihr bis zu den Oberschenkeln reichte.
Leo ging voraus, tollte durch den Schnee zurück in Richtung Volis, dessen war sie sich sicher. Sie folgte ihm und konnte nur mühsam mithalten.
Jeder Schritt fiel ihr schwer. Sie rieb sich die Augen, denn sie hatte das Gefühl, immer mehr zu schwanken. Das Blut pulsierte in ihrer Wange und sie fragte sich, ob die Wunde infiziert war. Sie spürte, dass sich etwas veränderte. Sie konnte nicht erklären was es war, doch sie hatte das Gefühl, als ob das Blut des Drachen durch ihre Adern rauschte.
„Kyra!“, hörte sie einen Schrei aus der Ferne, als käme er aus einer anderen Welt. Mehrere andere Stimmen folgten, riefen ihren Namen, doch sie wurden vom Schnee und den Bäumen gedämpft.
Sie brauchte eine Weile, bis sie die Stimmen erkannte: das waren die Männer ihres Vaters. Sie waren hier draußen auf der Suche nach ihr.
Kyra spürte eine Welle der Erleichterung.
„Hier!“, rief sie, doch ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. In diesem Augenblick bemerkte sie, wie schwach sie war. Ihre Wunde hatte etwas in ihr ausgelöst, was sie nicht verstehen konnte.
Plötzlich gaben ihre Knie unter ihr nach und Kyra fiel in den Schnee.
Leo heulte auf, dann rannte er den fernen Stimmen entgegen.
Sie wollte ihn rufen, sie wollte die Stimmen rufen, doch sie war zu schwach. Sie lag im tiefen Schnee, und blickte in eine schneeweiße Welt, der blendenden Wintersonne entgegen. Sie schloss die Augen und konnte sich dem Schlaf nicht länger wiedersetzen, der sie davontrug.
KAPITEL VIERZEHN
Alec hatte den Kopf in die Hände gestützt und versuchte seine Kopfschmerzen loszuwerden, während der Wagen, vollgestopft mit Jungen, über die Landstraße holperte, wie schon die ganze Nacht hindurch. Die Schlaglöcher schienen kein Ende zu nehmen, und dieser primitive Holzwagen, mit seinen eisernen Gitterstäben und den hölzernen Rädern schien dazu gemacht worden zu sein, so unbequem wie nur möglich zu sein. Mit jedem Schlagloch schlug Alecs Kopf gegen das Holz hinter ihm. Zunächst hatte er geglaubt, dass es nicht lange so weitergehen konnte, dass sie bald zu einer besseren Straße kommen würden.
Doch Stunde um Stunde verging, und die Straße schien nur noch schlimmer zu werden. Er war die ganze Nacht lang ohne Hoffnung auf Schlaf wach gewesen – wenn die Schlaglöcher es nicht waren, die ihn wach hielten, dann war es der Gestank der anderen Jungen und ihr Gedränge, das ihn aus dem Schlaf riss. Die ganze Nach lang waren sie von einem Dorf zum nächsten gefahren, und immer mehr Jungen waren in den engen Wagen gestopft worden. Alec konnte spüren, wie sie ihn ansahen, ein Meer niedergeschlagener Gesichert, die Augen voller Zorn. Sie waren alle älter als er, schlecht gelaunt, und suchten nach einem Ventil für ihre Aggression.
Alec hatte zuerst angenommen, dass es eine Solidarität unter den Jungen geben musste, da sie schließlich alle im selben Boot saßen; doch er hatte schnell lernen müssen, dass dem nicht so war. Jeder Junge war auf sich allein gestellt und wenn Alec eines spürte, dann war es Feindseligkeit. Unter ihnen waren Jungen mit groben Gesichtern, unrasiert, mit Pockennarben und Nasen, die mehr als einmal gebrochen gewesen waren. Langsam dämmerte es Alec, dass nicht alle hier gerade erst das 18. Lebensjahr erreicht hatten – manche waren deutlich älter und vom Leben gezeichnet. Sie sahen aus wie Verbrecher: Diebe, Vergewaltiger, Mörder, die alle hier mit ihm im Wagen saßen, auf dem Weg zu den Flammen.
Alex, der eingepfercht auf dem harten Holzboden saß, hatte das Gefühl, als befände er sich auf einer Reise in die Hölle, und war sich sicher, dass es unmöglich noch schlimmer kommen konnte; doch immer wieder hielt der Wagen an, und immer mehr Jungen wurden hinter den Gitterstäben eingepfercht. Als er hineingeworfen worden war, war es ihm mit einem Dutzend Jungen eng vorgekommen, doch jetzt mit mehr als zwei Dutzend Jungenhatte Alec das Gefühl, kaum noch atmen zu können. Die Jungen, die später gekommen waren, waren gezwungen, zu stehen, und versuchten verzweifelt, sich an der Decke festzuhalten, doch oft rutschten sie aus und fielen auf die anderen. Mehr als nur ein wütender Junge rempelte zurück, und immer wieder kam es zu Handgemengen. Ungläubig sah Alec zu, wie ein Junge dem anderen das Ohr abbiss. Ein Glück nur, dass sie kaum Platz hatten, sich zu bewegen, nicht einmal, um auszuholen und zuzuschlagen; darum endeten die Auseinandersetzungen schnell, meist mit dem Schwur, später weiterzumachen.
Alec hörte Vögel singen und als er sich mit müden Augen umsah, konnte er das erste Licht des Sonnenaufgangs sehen, das durch die Gitterstäbe fiel. Er staunte über den neuen Tag und darüber, dass er diese längste Nacht seines Lebens überstanden hatte.
Als die Sonne den Wagen erhellte, konnte Alec die anderen Jungen besser erkennen. Er war eindeutig der jüngste der Gruppe – und, so schien es zumindest, der harmloseste. Es war eine Gruppe muskelbepackter, jähzorniger Jungen voller Narben, manche sogar tätowiert, die aussahen, wie der von der Gesellschaft vergessen. Sie waren alle nervös, bitter von der langen Nacht, und Alec spürte, dass die Stimmung im Wagen zum Zerreißen angespannt war.
„Du siehst viel zu jung aus, um hier zu sein“, sagte eine tiefe Stimme.
Alec drehte sich um und sah einen Jungen, der nicht mehr als ein, vielleicht zwei Jahre älter war als er neben sich sitzen. Gegen ihn war er die ganze Nacht über gedrückt worden – ein Junge mit breiten Schultern, definierten Muskeln und dem unschuldigen, einfachen Gesicht eines Bauern. Sein Gesicht unterschied sich deutlich von den anderen. Er wirkte offen und freundlich, vielleicht sogar ein wenig naiv, doch Alec spürte in ihm eine verwandte Seele.
„Ich bin anstelle meines Bruders gegangen“, antwortete Alec schlicht.
„Hatte er Angst?“, fragte der Junge erstaunt.
Alec schüttelte den Kopf.
„Er ist ein Krüppel“, korrigierte Alec.
Der andere nickte, als ob er verstanden hatte und sah Alec plötzlich respektvoll an.
Die schwiegen und Alec musterte den Jungen.
„Und du?“, fragte er. „Du siehst auch nicht aus, als wärest du schon achtzehn.“
„Siebzehn“, sagte er.
Alec überlegte.
„Warum bist du dann hier?“, fragte er.
„Hab mich freiwillig gemeldet.“
Alec war überrascht.
„Freiwillig gemeldet? Warum das denn?“
Der Junge senkte den Blick und zuckte mit den Schultern.
„Ich wollte weg“, erklärte er.
„Weg von was?“, fragte Alec erstaunt.
Der Junge schwieg und Alec konnte den traurigen Ausdruck auf seinem Gesicht sehen. Alec rechnete schon nicht mehr mit einer Antwort, als er murmelte: „Von zu Hause.“
Alec sah sein trauriges Gesicht und verstand. Offensichtlich musste zu Hause bei diesem Jungen etwas ganz und gar nicht stimmen, besonders Anbetracht der blauen Flecken überall an seinen Armen und dem Ausdruck von Trauer und Wut in seinen Augen.
„Tut mir leid“, antwortete Alec.
Der junge sah ihn überrascht an, als hätte er in diesem Wagen kein Mitgefühl erwartet. Plötzlich streckte er ihm die Hand entgegen.
„Marco“, sagte er.
„Alec.“
Sie gaben sich die Hand, wobei die des anderen Jungen doppelt so groß wie Alecs war, mit einem festen Griff. Alec spürte, dass er in Marco einen Freund gefunden hatte, und er war erleichtert, besonders angesichts der grimmigen Mienen um ihn herum.
„Ich nehme an, dass du der einzige Freiwillige bist“, sagte Alec.
Marco sah sich um und zuckte mit den Schultern.
„Hast wahrscheinlich Recht“, sagte er. „Die meisten hier sind dazu eingezogen oder verurteilt worden.“
„Verurteilt?“, fragte Alec überrascht.
Marco nickte.
„Die Hüter bestehen nicht nur aus Wehrpflichtigen, sondern auch aus einer Menge Verbrecher.“
„Wen nennst du hier Verbrecher, Junge?“, hörte er eine grobe Stimme.
Sie drehten sich um und sahen einen der Jungen, der vom harten Leben frühzeitig gealtert war. Er sah aus als wäre er vierzig, dabei war er nicht älter als zwanzig, mit pockennarbigem Gesicht und matten Augen. Er ging in die Hocke und starrte Marco an.
„Ich hab nicht mit dir geredet“, antwortete Marco trotzig.
„Dann redest du jetzt eben mit mir“, zischte er, offensichtlich Streit suchend. „Sag es noch einmal. Willst du mir ins Gesicht sagen, dass ich ein Verbrecher bin?“
Marco wurde rot und biss die Zähne zusammen. Nun wurde er selbst wütend.
„Wenn du dich angesprochen fühlst“, erwiderte er.
Der andere Junge lief rot an, und Alec bewunderte Marcos Renitenz, seine Furchtlosigkeit. Der Junge stürzte sich auf Marco, schloss die Hände um seinen Hals und drückte zu.
Alles geschah so schnell, dass Marco vollkommen überrascht war – und dann auch noch in diesem Gedränge, wo er kaum Platz hatte, sich zu wehren. Seine Augen traten aus den Höhlen, als er erfolglos versuchte, die Hände des Jungen von seinem Hals zu lösen. Marco war größer als er, doch der andere hatte drahtige, schwielige Hände, offenbar von Jahren des Mordens, und Marco konnte ihn nicht abschütteln.
„KÄMPFT! KÄMPFT! KÄMPFT!“, riefen die anderen Jungen.
Mit wenig Interesse beobachteten sie die Gewalt, eines von Dutzenden von Handgemengen, die über Nacht ausgebrochen waren.
Marco wehrte sich, riss seinen Kopf hoch und rammte ihm die Stirn gegen die Nase. Man konnte sie brechen hören, und Blut schoss ihm über das Gesicht. Marco wollte aufstehen, doch der Stiefel eines anderen Jungen auf seiner Schulter hielt ihn am Boden fest. In diesem Augenblick griff der blutende Angreifer an seinen Gürtel und zog etwas Glänzendes hervor. Es blitzte im Licht des frühen Morgens und Alec erkannte erschrocken, dass es ein Dolch war. Alles geschah so schnell, dass Marco keine Zeit hatte, zu reagieren.
Der Junge stieß zu, und zielte dabei auf Marcos Herz.
Doch Alec reagierte. Er hechtete vor, packte mit beiden Händen das Handgelenk des Angreifers, drückte es zu Boden, und rettete Marco so vor dem tödlichen Stoß einen Augenblick, bevor die Klinge in seine Brust eindringen konnte. Die Spitze kratzte ihn nur und zerriss sein Hemd, doch er blutete nicht einmal.
Alec und der Junge stürzten zu Boden und kämpften um den Dolch während Marco den Stiefel des anderen packte und ihm mit einer schnellen Bewegung den Knöchel brach.
Alec spürte schmierige Hände in seinem Gesicht und die Fingernägel des Jungen, die ihn kratzten und nach seinen Augen tasteten. Alec wusste, dass er schnell handeln musste. Er ließ die Hand mit dem Dolch los, wirbelte herum und hörte ein befriedigendes Krachen, als sein Ellbogen in den Kiefer des anderen einschlug. Der Junge wurde von ihm geworfen und schlug mit dem Gesicht voran auf dem Boden auf.
Alec atmete schwer, und sein Gesicht brannte von den Kratzern, doch es gelang ihm, aufzuspringen, Marco stand neben ihm, eingezwängt zwischen all den anderen. Sie standen Seite an Seite und blickten auf die beiden Angreifer hinab, die nun regungslos am Boden lagen. Alecs Herz raste, und er entschied, dass es sicherer war, zu stehen. Im Sitzen war er einem Angriff von oben zu sehr ausgeliefert. Lieber wollte er den Rest des Weges stehen, egal wie lang die Reise auch war.
Alec sah sich um und sah die feindseligen Blicke, und diesmal erwiderte er sie, anstatt die Augen zu senken, denn er sah ein, dass er selbstbewusst erscheinen musste, wenn er in diesem Pack überleben wollte. Schließlich sahen ihn einige mit einem Anflug von Respekt an, bevor sie den Blick abwandten.
Marco betrachtete den Riss in seinem Hemd, wo der Dolch beinahe in seine Brust eingedrungen wäre. Er sah Alec an und Dankbarkeit lag in seinem Blick.
„Alec, damit hast du einen Freund fürs Leben gewonnen“, sagte er aus tiefstem Herzen.
Er griff nach Alecs Arm und drückte ihn. Es fühlte sich gut an. Ein Freund – das war genau das, was er brauchte.
KAPITEL FÜNFZEHN
Kyra öffnete langsam ihre Augen. Sie war desorientiert und fragte sich, wo sie war. Sie sah eine steinerne Decke über sich, das Licht von Fackeln, das an den Wänden flackerte und spürte, dass sie auf einem luxuriösen Bett aus Fellen lag. Sie konnte es nicht verstehen; das letzte, an was sie sich erinnern konnte war, dass sie in den Schnee gestürzt und sicher gewesen war, dass sie sterben würde.
Kyra hob den Kopf und sah sich um. Sie erwartete, den verschneiten Wald um sich zu sehen, doch stattdessen sah sie eine Reihe bekannter Gesichter, die um sie herumstanden – ihr Vater, ihre Brüder Brandon, Braxton und Aidan, Anvin, Arthfael, Vidar und ein Dutzend der besten Krieger ihres Vaters. Sie war zurück in der Festung, in ihrer Kammer, in ihrem Bett, und die Männer sahen sie besorgt an. Kyra spürte einen Druck auf ihrem Arm, und als sie Lyrah, die Heilerin, mit ihren großen braunen Augen und silbernen Haaren, die ihren Puls las.
Kyra öffnete die Augen ganz, als sie bemerkte, dass sie nicht mehr im Wald war. Irgendwie hatte sie es zurück geschafft. Sie hörte ein Winseln neben sich und spürte, wie Leo ihre Hand mit seiner Nase anstupste. Da begriff sie, dass er die Männer zu ihr geführt haben musste.
„Was ist passiert?“, fragte sie, immer noch verwirrt.
Die Männer schienen erleichtert zu sein, sie wach zu sehen, und ihr Vater trat mit reuevollem Gesicht an ihr Bett heran und ergriff ihre Hand. Aidan stürmte zu ihr und nahm ihre andere Hand, und sie lächelte ihren kleinen Bruder an.
„Kyra“, sagte ihr Vater mit mitfühlender Stimme. „Du bist jetzt zu Hause. Du bist in Sicherheit.“
Kyra sah die Schuldgefühle im Blick ihres Vaters und ihr fiel alles wieder ein: ihr Streit in der vorangegangenen Nacht… Sie realisierte, dass er sich verantwortlich fühlte. Es waren schließlich seine Worte, die sie dazu gebracht hatten, wegzulaufen.
Kyra schrie auf vor Schmerz als Lyrah ihr mit einem kühlen Lappen die Wange abtupfte; er war mit irgendeiner Tinktur getränkt, und nachdem das Brennen nachließ, fühlte sich ihre Wunde kühler an.
„Lilienwasser“, erklärte Lyrah mit beruhigender Stimme. „Ich habe sechs verschiedene Tinkturen ausprobieren müssen, bis ich die richtige gefunden habe, um deine Wunde zu behandeln. Du hast Glück, dass ich sie behandeln kann – die Infektion war schon weit fortgeschritten.“
Ihr Vater sah besorgt ihre Wange an.
„Sag uns, was passiert ist“, sagte er. „Wer hat dir das angetan?“
Kyra stützte sich auf ihren Ellbogen. Ihr wurde schwindelig dabei, doch als alle Männer sie ansahen und gebannt warteten, versuchte sie sich zu erinnern.
„Ich erinnere mich…“, begann sie mit heiserer Stimme. „Der Sturm… die Flammen… der Dornenwald.“
Ihr Vater runzelte besorgt die Stirn.
„Warum bist du dorthin gegangen?“, fragte er. „Warum bist du in einer solchen Nacht so weit gewandert?“
Sie versuchte, sich zu erinnern.
„Ich wollte die Flammen mit eigenen Augen sehen“, sagte sie. „Und dann… habe ich einen Unterschlupf gesucht. Ich… erinnere mich… der See der Träume… und dann… eine Frau.“
„Eine Frau?“, fragte er. „Im Dornenwald?“
„Sie war… uralt… der Schnee konnte ihr nichts anhaben.“
„Eine Hexe“, keuchte Vidar.
„Solche Wesen treiben sich in der Nacht des Wintermonds herum“, fügte Arthfael hinzu.
„Und was hat sie gesagt?“, fragte ihr Vater nervös.
Kyra konnte die Verwirrung und die Sorge in all ihren Gesichtern sehen und sie entschloss sich, ihnen nichts von der Prophezeiung und ihrer Zukunft zu erzählen. Sie versuchte ja selbst noch, alles zu verstehen – und machte sich sorgen, dass sie sie für verrückt halten würden, wenn sie ihnen davon erzählte.
„Ich… ich kann mich nicht erinnern“, sagte sie.
„Hat sie dir das angetan?“, fragte ihr Vater und deutete auf ihre Wange.
Kyra schüttelte den Kopf und hustete mit trockenem Hals und Lyrah beeilte sich, ihr etwas Wasser zu trinken zu geben. Sie trank es gierig und merkte erst jetzt, wie durstig sie war.
„Ich habe einen Schrei gehört“, fuhr Kyra fort, „anders als alles andere, was ich je gehört habe.“
Sie setzte sich auf, und fühlte sich wacher, als die Erinnerungen zurückkamen. Sie sah ihren Vater an und fragte sich, wie er darauf reagieren würde.
„Es war der Schrei eines Drachen“, sagte sie schlicht, und wappnete sich gegen die Reaktion der Männer, die ihr sicher nicht glauben würden.
Sie hörte deutliche Ausgerungen des Unglaubens von den Männern und sie starrten sie irritiert an. Eine angespannte Stille breitete sich aus, und sie sahen geschockter aus, als sie sie jemals zuvor gesehen hatte.
Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit, bis ihr Vater schließlich den Kopf schüttelte.
„Die Drachen haben seit Tausend Jahren Escalon nicht mehr besucht“, sagte er. Du musst etwas anderes gehört haben. Vielleicht haben dir deine Ohren nur einen Streich gespielt.
Thonos, der alte Geschichtsschreiber und Philosoph des Königs, der jetzt auch in Volis residierte, trat mit seinem langen grauen Bart vor und stützte sich auf seinen Gehstock. Er sprach selten und wenn er es tat, zollte man ihm immer großen Respekt, denn er war eine schier unerschöpfliche Quelle vergessenen Wissens.
„In der Nacht des Wintermondes“, sagte er mit der gebrochenen Stimme eines alten Mannes“, sind solche Dinge durchaus möglich.“
„Ich habe ihn gesehen“, beharrte Kyra. „Und ich habe ihn gerettet.“
„Gerettet?“, fragte ihr Vater, und sah sie dabei an, als wäre sie verrückt geworden. „Du hast einen Drachen gerettet?“
Alle Männer sahen sie an, als hätte sie den Verstand verloren.
„Es muss die Verletzung sein“, sagte Vidar. „Sie muss sie verwirrt haben.“
Kyra wurde rot, denn sie wollte so sehr, dass sie ihr glaubten.
„Ich bin nicht verwirrt“, beharrte sie. „Ich lüge nicht!“
Sie sah sie verzweifelt an.
„Wann habe ich euch je angelogen?“, fragte sie.
Die Männer sahen sie verunsichert an.
„Gebt dem Mädchen eine Chance“, sagte Vidar. „Lasst sie die Geschichte erzählen.“
Ihr Vater nickte.
„Erzähl uns davon“, sagte er.
Kyra benetzte ihre Lippen und begann, „Der Drache war verletzt“, erinnerte sie sich. „Die Männer des Lords hatten ihn in die Enge getrieben. Sie waren im Begriff, ihn zu töten. Ich konnte ihn nicht sterben lassen – nicht so!“
„Was hast du getan?“, fragte Anvin, der weniger skeptisch als die anderen klang.
„Ich habe sie getötet“, sagte sie und ihr Blick war dabei ins Leere gerichtet, ihre Stimmer ernst. Plötzlich begriff sie, wie fantastisch sich die Geschichte anhörte. Sie konnte es ja selbst kaum glauben. „Ich habe sie alle getötet.“
Eine lange Stille breitete sich aus, ernster als zuvor.
„Ich weiß, dass ihr mir nicht glauben werdet“, fügte sie schließlich hinzu.
Ihr Vater räusperte sich und drückte ihre Hand.
„Kyra“, sagte er ernst. „Wir haben fünf tote Männer ganz in deiner Nähe gefunden – Männer des Lords. Wenn das, was du sagst wahr ist, begreifst du, wie ernst das ist? Verstehst du, was du getan hast?“
„Ich hatte keine Wahl, Vater“, sagte sie. Das Wappen unseres Hauses, Vater… wir dürfen ein verwundetes Tier nicht sterben lassen.“
„Ein Drachen ist kein Tier!“, gab er erbost zurück. „Ein Drachen ist ein…“
Er verstummte, denn er wusste offensichtlich nicht, was er sagen sollte.
„Wenn die Männer der Lords alle tot sind“, mischte sich Arthfael ein und rieb sich den Bart, „Was macht es dann schon aus? Wer soll je erfahren, dass sie sie getötet hat? Wer sollte ihren Tod mit uns in Verbindung bringen?“
Kyras Magen zog sich zusammen, doch sie wusste, dass sie ihnen die ganze Wahrheit erzählen musste.
„Da war noch einer“, fügte sie zögernd hinzu. „Ein Knappe. Ein Junge. Er hat es gesehen. Er ist davongeritten.“
Die Männer sahen sie ernst an.
Maltren trat mit missbilligender Miene vor.
„Und warum hast du ihn am Leben gelassen?“, fragte er.
„Er war nur ein Junge“, sagte sie. „Unbewaffnet. Er ritt davon und hatte mir den Rücken zugekehrt. Hätte ich ihm etwa in den Rücken schießen sollen?“
„Ich bezweifle, dass du auch nur einen von ihnen getötet hast“, knurrte Maltren. „Doch wenn du es getan hast, warum hast du den verdammten Jungen am Leben gelassen und uns alle dem Tod ausgeliefert?“
„Niemand hat uns dem Tod ausgeliefert“, schalt ihr Vater Maltren.
„Hat sie nicht?“, fragte er. „Wenn sie nicht lügt, und es einen Zeugen dafür gibt, werden sie Volis die Schuld geben und wir sind alle erledigt!“
Ihr Vater wandte sich ihr zu, die Miene ernster, als sie ihn je zuvor gesehen hatte.
„Das sind wahrlich ernste Neuigkeiten“, sagte er, und klang unendlich alt.
„Es tut mir leid Vater“, sagte sie. „Ich wollte keinen Ärger machen.“
„Wolltest keinen Ärger machen?“, zeterte Maltren. „Nein, du hast rein zufällig fünf Pandesier getötet? Und weshalb?“
„Um den Drachen zu retten“, sagte sie. „Das habe ich schon mal gesagt.“
„Um den imaginären Drachen zu retten“, lachte er bitter. „Das macht alles besser. Einen Drachen, der – wenn er denn existierte – dich zum Dank in der Luft zerrissen hätte!“
„Er hat mich aber nicht in der Luft zerrissen“, gab sie zurück.
„Schluss mit dem blödsinnigen Gerede von einem Drachen“, sagte ihr Vater mit lauterer Stimme. „Sag die Wahrheit. Wir sind alle gestandene Männer hier. Was immer auch passiert ist, sag es uns. Wir werden dich nicht dafür verurteilen.“
Ihr war zum Weinen zumute.
„Ich habe es euch schon gesagt“, sagte sie.
„Ich glaube ihr“, sagte Aidan und stand vom Bett auf. Sie war ihm dankbar dafür. Doch als sie die Gesichter der anderen betrachtete, wusste sie, dass niemand sonst ihr glaubte.
„Es ist unmöglich, Kyra“, sagte ihr Vater schließlich sanft.
„Es ist möglich“, kam eine dunkle Stimme.
Sie drehten sich um, als die Tür zur Kammer aufschlug, einige der Männer ihres Vaters eintraten, und sich den Schnee von den Fellen abklopften. Das Gesicht des Mannes, der es gesagt hatte, war immer noch rot von der Kälte und er sah sie fast ehrfürchtig an.
„Wir haben Spuren gefunden“, sagte er. „Am Fluss, dort, wo wir die Leichen gefunden haben. Spuren, die viel zu groß sind, um aus Escalon zu stammen. Es sind die Spuren eines Drachen.“
Die Männer sahen Kyra wieder an, plötzlich unsicher.
„Und wo ist der Drache dann?“, fragte Maltren.
„Die Spur führt zum Fluss“, berichtete der Mann.
„Er konnte nicht fliegen“, erklärte Kyra. „Er war verletzt, wie ich schon gesagt habe. Er ist in den Fluss gerutscht, und danach habe ich ihn nicht mehr gesehen.
„Du sagst, du hast diesen Drachen gesehen?“, fragte ihr Vater.
Sie nickte.
„Ich war ihm so nah, wie du mir jetzt bist“, antwortete sie.
„Und wie hast du das überlebt?“, fragte er.
Sie schluckte, denn sie wusste es selbst nicht.
„Daher habe ich den Kratzer“, sagte sie und berührte ihre Wange.
Alle sahen ihre Verletzung nun in einem völlig anderen Licht und waren sprachlos.
Als Kyra mit ihren Fingern darüber strich, spürte sie, dass sie eine Narbe davontragen würde, die sie für immer verändern würde; doch seltsamerweise störte es sie nicht.
„Doch ich glaube nicht, dass er mich verletzten wollte“, fügte sie hinzu.
Sie starrten sie an, als hätte sie den Verstand verloren. Sie wollte ihnen die Bindung mit dem Drachen erklären, doch sie fürchtete, dass sie es nicht verstehen würden.
All diese erfahrenen Krieger starrten sie sprachlos an, und schließlich fragte ihr Vater:
„Warum hast du dein Leben riskiert, um einen Drachen zu retten? Warum würdest du uns alle in Gefahr bringen?“
Es war eine gute Frage, auf die Kyra keine Antwort wusste. Sie wünschte, sie hätte eine. Sie konnte die Gefühle nicht in Worte fassen, dieses Gefühl des Schicksals, das sie überkam, als sie neben dem Drachen gestanden war – und sie glaubte auch nicht, dass diese Männer es je verstehen würden. Doch sie wusste, dass sie sie alle in Gefahr gebracht hatte, und fühlte sich schrecklich deswegen.
Alles, was sie tun konnte, war den Kopf zu senken und zu sagen, „Vergib mir, Vater.“
„Das ist vollkommen unmöglich“, sagte Maltren aufgebracht. „Es ist unmöglich einem Drachen zu begegnen, und es zu überleben!“
„Es sei denn“, sagte Anvin, und warf Kyra einen seltsamen Blick zu. „Es sei denn, Kyra ist die…“
Ihr Vater warf Anvin einen Blick zu, der ihn sofort verstummen ließ.
Kyra sah die beiden Männer irritiert an und fragte sich, was Anvin hatte sagen wollen.
„Es sei denn ich bin was?“, wollte sie wissen.
Doch Anvin wandte den Blick ab und schwieg. Der ganze Raum schwieg und als sie die Männer ansah bemerkte sie, dass die Männer ihrem Blick auswichen, als teilten sie alle ein Geheimnis, das sie betraf.
Plötzlich stand ihr Vater auf und ließ ihre Hand los. Er richtete sich auf und signalisierte damit, dass die Zusammenkunft beendet war.
„Du musst dich jetzt ausruhen“, sagte er. Dann wandte er sich ernst an seine Männer. „Eine Armee dürfte hierher unterwegs sein. Wir müssen uns vorbereiten.“
KAPITEL SECHZEHN
Kyra stand in der Sonne auf einem sommerlichen Feld und bestaunte die Welt um sich herum. Alles blühte in bunten Farben, die Hügel waren so grün, so lebendig, und gesprenkelt mit gelben und roten Blüten. Bäume blühten überall, und ihr dichtes Blattwerk wiegte sich im Wind, die Äste schwer von den Früchten. Die Trauben in den Weinbergen waren Reif und der Duft der Ernte lag in der Luft. Kyra fragte sich, wo sie war, wo all die anderen waren, und was mit dem Winter passiert war.
Sie hörte einen Schrei, hoch am Himmel, und als sie aufblickte, sah sie Theos über sich kreisen. Er tauchte hinab, landete wenige Meter vor ihr im Gras, und sah sie aus seinen leuchtenden gelben Augen an. Sie tauschten etwas Unausgesprochenes aus – ihre Bindung war so intensiv, dass sie keiner Worte brauchten.
Plötzlich legte Theas den Kopf in den Nacken und spie kreischend Feuer in ihre Richtung.
Doch aus irgendeinem Grund fürchtete sie sich nicht. Sie zuckte nicht, als die Flammen in ihre Richtung schlugen, denn sie wusste, dass sie ihr nichts anhaben konnten. Das Feuer teilte sich wie das Wasser um einen Felsen im Fluss und setzte das Gras in Brand, doch sie blieb wie durch ein Wunder unverletzt.
Kyra drehte sich um und sah entsetzte, wie sich das Feuer ausbreitete, und all das satte Grün, all die Ernte verkohlte. Die Landschaft veränderte sich, die Bäume verbrannten, und wo eben noch grünes Gras war, war jetzt schwarze Erde.
Die Flammen loderten immer höher und breiteten sich immer weiter und schneller aus, und geschockt musste sie mitansehen, wie sie Volis verschlangen und außer Trümmern und Asche nichts mehr übrig war.
Als Theos endlich aufhörte, drehte sich Kyra um und starrte ihn an. Sie stand im Schatten des Drachen, winzig neben seiner Größe und wusste nicht, was sie erwarten sollte. Er wollte etwas von ihr, doch sie spürte nicht, was es war.
Kyra streckte die Hand aus und berührte seine Schuppen. Plötzlich schrie er auf, hob seine Krallen und schlitzte ihr die Wange auf.
Kyra schreckt in ihrem Bett hoch, schrie und hielt sich die Wange, von der aus ein fürchterlicher Schmerz durch ihren Körper schoss. Sie schlug um sich und versuchte, vor dem Drachen zu fliegen, und war überrascht, als sie stattdessen Hände spürten, die sie sanft zurückhielten und versuchten sie zu beruhigen.
Kyra blinzelte und sah Lyrah über sich gebeugt stehen, die ihr eine Kompresse auf die Wange legte.
„Schhh“, sagte Lyra beruhigend.
Kyra sah sich verwirrt um, bis sie schließlich erkannte, dass sie nur geträumt hatte. Sie war zu Hause, in ihrer Kammer, in der Festung ihres Vaters.
„Es war nur ein Alptraum“, sagte Lyrah.
Kyra erkannte, dass sie wieder eingeschlafen sein musste, doch sie wusste nicht, wie lange sie geschlafen hatte. Sie sah aus dem Fenster und bemerkte, dass es schon dunkel war. Erschrocken richtete sie sich auf.
„Wie spät ist es?“, fragte sie.
„Spät in der Nacht, Mylady“, sagte Lyrah. „Der Mond ist schon wieder untergegangen.“
„Hat man schon etwas von der Armee gehört, die auf uns zukommt?“, fragte sie mit pochendem Herzen.
„Es ist niemand gekommen, Mylady“, antwortete Lyrah. „Das Land liegt immer noch unter einer dicken Schneedecke und als du aufgewacht bist, war der Tag schon fast um. Bei diesem Wetter kann keine Armee angreifen. Mach dir keine Sorgen, du hast nur ein paar Stunden geschlafen. Leg dich wieder hin.“
Kyra ließ sich wieder auf die Felle sinken und atmete tief durch; dann spürte sie eine feuchte Nase an ihrer Hand und sah Leo, der sie anstupste.
„Er ist nicht einen Moment von deiner Seite gewichen“, lächelte Lyrah. „Und er auch nicht.“ Lyra wies in Richtung des Feuers, und als Kyra hinübersah, war sie tief gerührt, als sie Aidan sah, der mit einem ledergebundenen Buch in der Hand eingeschlafen war.
„Er hat dir vorgelesen während du geschlafen hast“, fügte sie hinzu.
Kyra war überwältigt von Liebe für ihren kleinen Bruder- und sie sorgte sich umso mehr wegen der Gefahren, die auf sie zukamen.
„Ich kann deine Anspannung spüren“, sagte Lyrah als sie eine neue Kompresse auf Kyras Wange legte, „Du hast unruhige Träume gehabt, Das kommt vom Zeichen des Drachen.“
Kyra sah, dass sie bedeutungsschwer ihre Wange ansah, geradezu ehrfürchtig, und wunderte sich.
„Ich kann nicht verstehen, was mit mir geschieht“, sagte sie. „Ich habe nie zuvor solche Träume gehabt. Sie fühlen sich nicht wie Träume an – es ist, als wäre ich wirklich dort. Als ob ich mit den Augen des Drachen sehen könnte.“
Die Heilerin sah sie mit ihren seelenvollen Augen an, setzte sich aufs Bett, und legte ihre Hände in den Schoß.
„Es ist eine sehr besondere Sache, das Zeichen eines Tiers zu empfangen“, sagte Lyrah. „Und das war kein normales Tier. Wenn eine Kreatur dich auf diese Weise berührt, dann teilst du auf ewig eine Bindung mit ihr. Du kannst sehen, was sie sieht, hören, was sie hört und fühlen, was sie fühlt. Es kann sofort geschehen oder vielleicht erst im folgenden Jahr. Doch eines Tages wird es passieren.“
Lyrah sah sie eindringlich an.
„Verstehst du das Kyra? Du bist nicht mehr dasselbe Mädchen, das gestern aus dem Fort gegangen ist. Das ist nicht nur eine Narbe auf deiner Wange – es ist ein Zeichen. Du trägst jetzt das Zeichen des Drachen in dir.“
Kyra runzelte die Stirn, während sie versuchte, es zu verstehen.
„Doch was bedeutete das?“, fragte sie.
Lyra seufzte und atmete langsam aus.
„Die Zeit wird es dir zeigen.“
Kyra dachte an die Männer des Lords, an den kommenden Krieg, und sie spürte einen seltsamen Drang.
Sie schlug die Decke zurück, stand auf und wäre fast gestürzt, so schwach war sie auf den Beinen. Lyrah fing sie auf und stützte sie.
„Du musst dich wieder hinlegen“, drängte Lyrah. „Du hast immer noch Fieber.“
Doch Kyra verspürte einen unbändigen Drang zu helfen und konnte nicht länger im Bett bleiben.
„Es wird schon“, antwortete sie, und griff nach ihrem Umhang, denn sie fror. Als sie gehen wollte, spürte sie Lyrahs Hand auf ihrer Schulter.
„Trink zumindest das“, sagte Lyrah, die ihr einen Krug entgegenhielt.
Kyra betrachtete die rote Flüssigkeit.
„Was ist das?“
„Meine eigene Mischung“, antwortete Lyrah lächelnd. „Sie senkt das Fieber und hilft gegen die Schmerzen.“
Kyra nahm einen langen schluck von dem dickflüssigen Gebräu und schnitt eine Grimasse. Lyrah lächelte.
„Es schmeckt wie Erde“, bemerkte Kyra.
Lyrahs Lächeln wurde breiter. „Es ist nicht für seinen Geschmack bekannt.“
Doch Kyra fühlte sich sofort besser, ihr ganzer Körper schien auf einmal wärmer zu sein.
„Danke“, sagte sie. Sie ging zu Aidan hinüber, beugte sich über ihn und küsste ihn vorsichtig auf die Stirn, um ihn nicht zu wecken. Dann drehte sie sich um, und verließ die Kammer, dicht gefolgt von Leo.
Sie ging durch die endlosen Flure der Festung, die nur schwach von wenigen flackernden Fackeln an den Wänden erleuchtet wurden. Nur wenige Männer standen zu so später Stunde Wache, alles war still, alles schlief.
Kyra stieg die Wendeltreppe hinauf und blieb vor der Kammer ihres Vaters stehen, vor deren Tür ein Wächter stand. Er sah sie ehrfürchtig an und sie fragte sich, wie weit sich die Geschichte schon verbreitet hatte. Er verbeugte sich leicht vor ihr.
„Mylady“, sagte er.
Sie nickte ihm zu.
„Ist mein Vater hier?“
„Er konnte nicht schlafen. Als ich ihn zuletzt gesehen habe, war er in seinem Studierzimmer.“
Kyra eilte die Flure entlang und ging eine Treppe hinunter, bis sie schließlich am anderen Ende der Festung ankam. Der Korridor endete an der dicken Holztür der Bibliothek ihres Vaters, die nur angelehnt war.
„Ich sage dir, das ist nicht was sie gesehen hat“, hörte sie die erboste Stimme ihres Vaters.
Er war aufgebracht, und sie blieb stehen, um zu hören, was hinter der Tür vor sich ging. Sie lauschte, neugierig darauf, mit wem er sprach und worüber. Sprach er etwa über sie?
„Wenn sie wirklich einen Drachen gesehen hatte“, sagte eine gebrochene Stimme, die sie sofort als die von Thonos erkannte, des ältesten Ratgebers ihres Vaters; „dann besteht wenig Hoffnung für Volis.“
Ihr Vater murmelte etwas, was sie nicht verstehen konnte, und Thonos seufzte.
„Die alten Schriftrollen“, antwortete Thonos angestrengt, „erzählen vom Aufstand der Drachen. Eine Zeit, in der wir alle von ihren Flammen vernichtet werden. Wir haben nichts, was sie aufhalten kann. Wir haben nur Hügel und den Himmel… und wenn sie gekommen sind, dann sind sie aus gutem Grund hier.“
„Doch aus welchem Grund?“, fragte ihr Vater. „Was würde einen Drachen dazu bringen, die halbe Welt zu umrunden?“
„Die bessere Frage ist vielleicht, was ihn verletzt hat“, antwortete Thonos.
Eine lange Stille folgte, in der nur das Knistern des Feuers zu hören war, bis Thonos schließlich wieder das Wort ergriff.
„Ich nehme an, dass es nicht der Drache ist, der dir die meisten Sorgen bereitet?“, stellte Thonos fest.
Wieder schwieg ihr Vater und Kyra beugte sich vor und spähte durch den Spalt, auch wenn sie wusste, dass es sich nicht schickte, zu lauschen. Ihr wurde schwer ums Herz als sie ihren Vater sah, der den Kopf in die Hände gestützt hatte und grübelte.
„Nein“, sagte er, und sie konnte die Erschöpfung in seiner Stimme hören. „Das ist es nicht“, gab er zu.
Kyra fragte sich, worüber sie sprachen.
„Du denkst über die Prophezeiung nach, nicht wahr?“, fragte Thonos. „Die bei ihrer Geburt?“
Kyra beugte sich vor. Ihr Herz pochte in ihren Ohren als sie spürte, dass sie über sie sprachen. Sie verstand jedoch nicht, um was es ging.
Ihr Vater antwortete nicht..
„Ich war hier, Duncan“, sagte Thonos schließlich. „Genau wie du.“
Ihr Vater seufzte, doch er hob seinen Kopf nicht.
„Sie ist deine Tochter. Denkst du nicht, dass es angebracht ist, ihr davon zu erzählen? Von ihrer Geburt? Von ihrer Mutter? Hat sie denn kein Recht zu wissen, wer sie ist?“
Kyras Herz raste; sie hasste Geheimnisse, besonders, wenn es um sie ging. Sie war schrecklich gespannt zu hören, was es war.
„Jetzt ist nicht die richtige Zeit dazu“, sagte ihr Vater schließlich.
„Doch wann ist die richtige Zeit?“, sagte der alte Mann.
Kyra atmete tief durch.
Plötzlich drehte sie sich um und rannte davon, ein erdrückendes Gefühl auf der Brust, während die Worte ihres Vaters in ihren Ohren klangen. Sie schmerzten wie zahllose Messerstiche, mehr als alles, was die Männer des Lords ihr je antun könnten. Sie fühlte sich verraten. Er hatte ein Geheimnis vor ihr, das er ihr ganzes Leben lang vor ihr bewahrt hatte. Er hatte sie immer angelogen.
Hat sie denn kein Recht zu wissen, wer sie ist?
Ihr ganzes Leben lang hatte Kyra das Gefühl gehabt, dass die Leute sie seltsam ansahen, als ob sie etwas über sie wüssten, was ihr selbst nicht bekannt war, als wäre sie ein Außenseiter – und sie hatte nie ganz verstanden warum. Doch jetzt verstand sie es. Sie fühlte sich nicht nur anders als alle anderen – sie war anders. Doch wie?
Wer war sie?
KAPITEL SIEBZEHN
Vesuvius marschierte, gefolgt von hundert Trollen, durch den Großen Wald, ein stark ansteigendes Gelände hinauf, zu steil, als dass Pferde hier von Nutzen gewesen wären. Er marschierte mit einem Gefühl der Entschlossenheit, und zum ersten Mal seit langem: Optimismus. Er hackte sich mit seinem Schwert durch das dichte Buschwerk, durch das er auch ohne Schwert gekommen wäre, doch er genoss es einfach, Dinge zu zerstören.
Mit jedem Schritt wurde das Brüllen des gefangenen Riesen lauter und ließ die Erde unter ihm beben. Er bemerkte die Angst in den Blicken der anderen Trolle und musste lächeln. Genau diese Angst hatte er all die Jahre zu sehen gehofft – sie bedeutete, dass er endlich, nach all den Jahren, den Riesen gefunden hatte.
Er hackte sich durch den Rest des Buschwerk und erreichte den Gipfel des Hügels, und vor ihm tat sich eine große Lichtung auf. Vesuvius blieb sehen, überrascht von dem Anblick, der sich ihm bot. Auf der anderen Seite der Lichtung lag eine riesige Höhle, deren Eingang gut dreißig Meter hoch war; an den Fels war mit dicken Ketten die größte und hässlichste Kreatur gefesselt, die er je gesehen hatte. Er war wahrlich ein Riese, grenzenlos hässlich, mindestens dreißig Meter groß mit zehn Meter breiten Schultern, mit einem Körper wie dem eines Trolls, doch mit vier Augen, ohne Nase und einem Maul, das nur aus Zähnen zu bestehen schien. Er öffnete sein Maul und brüllte – ein schreckliches Geräusch – und selbst Vesuvius, der sich vor nichts fürchtete, der schon gegen die schrecklichsten Kreaturen dieser Welt gekämpft hatte, musste zugeben, dass selbst er sich fürchtete. Der Riese riss sein Maul immer weiter auf, entblößte seine spitzen Zähne und sah dabei so aus, als wollte er die Welt verschlingen.
Es war wütend. Er brüllte immer wieder, stampfte mit den Füssen, und zerrte an den Ketten, mit denen er gefesselt war. Der Boden vibrierte, die Höhle erzitterte und der ganze Berg bebte. Es war, als ob das Monster mit all seiner Kraft, den ganzen Berg bewegen konnte – so viel Energie, die nur in die richtige Richtung gelenkt werden musste… Vesuvius grinste; das war genau das, was er brauchte. Eine Kreatur wie diese konnte den Tunnel mit einer Geschwindigkeit vorantreiben, von dem eine ganze Armee von Trollen nur träumen konnte.
Vesuvius trat auf die Lichtung und bemerkte all die toten Trolle, deren Körper auf dem Boden verstreut lagen, und hunderte anderer Trolle, die dort den Riesen bewachten, nahmen Haltung an. Er konnte die Angst in ihren Gesichtern sehen, als hätten sie keine Ahnung, was sie mit dem Riesen anfangen sollten, jetzt, wo sie ihn gefangen hatten.
Vesuvius blieb gerade außerhalb der Reichweite des Riesen stehen, denn er wollte nicht so enden, wie die getöteten Trolle. Als er ihn sah, fuhr der Riese herum, und stürmte auf ihn zu. Er schwang seine Klauen, doch von den Ketten zurückgehalten, verfehlte er Vesuvius um wenige Meter.
Vesuvius stand vor ihm und betrachtete ihn, während sein Kommandant angerannt kam und ein paar Meter hinter ihm stehen blieb.
„Mein Herr und König“, sagte der Kommandant, während er sich verbeugte. „Der Riese ist gefangen genommen worden. Er gehört euch; ihr könnt ihn zurückbringen. Doch wir wissen nicht wie – wir haben zu viele Trolle bei dem Versuch verloren. Wir wissen nicht, was wir tun sollen.“
Vesuvius stand da, die Hände in die Hüften gestemmt, und spürte die Blicke aller Trolle auf sich ruhen, während er die Kreatur betrachtete.
Der Riese war ein einzigartiges Stück Schöpfung, und als er böse auf ihn herabstarrte und anknurrte, begierig Vesuvius wie die anderen zu zerreißen, konnte dieser sehen, was das Problem war. Wie immer erkannte er sofort, wie man es lösen konnte.
Vesuvius legte die Hand auf die Schulter des Kommandanten und beugte sich vor.
„Sie versuchen, sich ihm zu nähern“, sagte er leise. „Doch ihr müsst ihn zu euch kommen lassen. Ihr müsst ihn überraschen – nur dann könnt ihr ihn fesseln. Ihr müsst ihm geben, was er will.
Der Kommandant sah ihn verwirrt an.
„Und was ist das, mein Herr und König?“
Vesuvius ging los und führte den Kommandanten weiter auf den Riesen zu.
„Was das ist? Du!“, antwortete Vesuvius schließlich, als gäbe es nichts Offensichtlicheres. Dann versetzte er dem Kommandanten einen heftigen Stoß, der den arglosen Krieger über die Lichtung stolpern ließ.
Vesuvius trat zurück, bis er wieder sicher außer Reichweite war, während der Riese überrascht blinzelte. Der Krieger sprang auf und versuchte wegzulaufen, doch der Riese reagierte sofort, schlug mit seinen Pranken zu, hob ihn auf und schloss seine Faust um die Hüften des Trolls, bevor er ihn vor seine Augen hob. Nach kurzer Betrachtung biss er dem Troll den Kopf ab.
Vesuvius lächelte, zufrieden, den unfähigen Kommandanten los zu sein.
„Wenn ich euch zeigen muss, was ihr tun müsst“, sagte er in Richtung des toten Körpers, der einmal sein Kommandant gewesen war, „für was brauche ich dann einen Kommandanten“
Vesuvius drehte sich um und betrachtete den Rest seiner Krieger, die ihn alle erschrocken und verängstigt ansahen. E deutete auf einen Krieger, der ganz in seiner Nähe stand.
„Du!“, sagte er.
Der Troll sah ihn nervös an.
„Ja mein Herr und König?“
„Du bist der nächste.“
Der Troll riss die Augen auf, ließ sich auf die Knie fallen und hob bettelnd die Hände.
„Nein mein Lord und König“, wimmerte er. „Ich flehe dich an! Nicht mich! Nimm jemand anderen!“
Vesuvius ging auf ihn zu und nickte freundlich.
„Gut“, sagte er, „das werde ich.“ Mit diesen Worten packte er den Troll und schlitzte ihm den Hals mit seinem Dolch auf.
Vesuvius wandte sich den anderen zu.
„Hebt ihn auf und werft ihn in Reichweite des Riesen. Wenn er sich nähert, habt die Taue bereit. Ihr fesselt ihn, wenn er sich den Köder holt.“
Sechs Trolle packten den Toten und warfen ihn mit Schwung in Richtung des Riesen. Die anderen Krieger nahmen auf beiden Seiten mit dicken Tauen Aufstellung.
Der Riese betrachtete den frischen Troll zu seinen Füssen, als ob er ihn nicht wollte. Doch schließlich – genau wie Vesuvius es erwartet hatte – sprang er mit seiner begrenzten Intelligenz vor und packte den Troll.
„JETZT!“, schrie Vesuvius.
Die Krieger warfen die Taue über den Riesen und rissen ihn damit zu Boden. Weitere Krieger eilten herbei und warfen noch mehr Seile, Dutzende, über seine Arme, seine Beine und seinen Hals. Sie zerrten mit aller Kraft daran, und das Monster wand und wehrte sich und kreischte wütend – doch bald war er ihnen hilflos ausgeliefert. Gefesselt mit Dutzenden von dicken Tauen, gehalten von Hunderten von Männern, lag er mit dem Gesicht nach unten im Dreck und brüllte hilflos.
Vesuvius trat dicht an ihn heran und sah auf ihn herab – was vor wenigen Augenblicken noch unvorstellbar gewesen war. Er betrachtete zufrieden seinen Fang.
Endlich, nach all diesen Jahren!
„Jetzt“, sagte er langsam, und sonnte sich in jedem Wort, „gehört Escalon mir!“
KAPITEL ACHTZEHN
Kyra stand am Fenster ihrer Kammer und sah mit einem Gefühl der Erwartung und Angst zu, wie die Sonne über den Hügeln aufging. Den Rest der Nacht war sie von Alpträumen geplagt worden, und hatte sich im Bett hin und hergeworfen nachdem sie das Gespräch ihres Vaters mitangehört hatte. Die Worte hallten immer noch in ihren Ohren:
Hat sie denn kein Recht zu wissen, wer sie ist?
Die ganze Nacht über hatte sie von einer Frau geträumt, deren Gesicht hinter einem Schleier verborgen war – einer Frau von der sie sicher war, dass sie ihre Mutter war. Sie streckte ihre Hand nach ihr aus, immer wieder, doch nie konnte sie sie erreichen.
Kyra war sich nicht mehr sicher was real und was ein Traum war, was wahr und was Lüge war. Was hatten sie ihr sonst noch alles verschwiegen? Was war es, das sie ihr nicht sagen konnten?
Bei Sonnenaufgang war sie schließlich aufgewacht und hatte sich die Wange gehalten, die immer noch von der Wunde brannte, und sie fragte sich, wer ihre Mutter war. Ihr ganze Leben lang hatte man ihr erzählt, dass ihre Mutter bei der Geburt gestorben war, und sie hatte keinen Grund gehabt, daran zu zweifeln. Kyra wusste, dass sie niemandem in der Familie oder im Fort ähnlich sah, und je mehr sie darüber nachdachte, desto mehr realisierte sie, dass alle sie anders ansahen, als gehörte sie nicht hierher. Doch sie hatte nie geglaubt, dass irgendetwas dran gewesen sein könnte, dass ihr Vater sie anlog und Geheimnisse vor ihr hatte. War ihre Mutter noch am Leben? Und warum hielten sie es vor ihr geheim?
Kyra stand innerlich bebend am Fenster und staunte, wie dramatisch sich ihr Leben innerhalb nur eines Tages verändert hatte. Sie spürte ein brennendes Feuer in ihren Adern, das von ihrer Wange durch die Schulter bis in ihre Handgelenk reichte, und sie wusste, dass sie nicht mehr dieselbe war. Sie spürte die Wärme des Drachen durch ihre Adern fließen, und fragte sich, was das zu bedeuten hatte.
Kyra sah aus dem Fenster auf die Menschen herab, die schon so früh am Morgen umhereilten und bestaunte all das Getümmel. Normalerweise war um diese Zeit noch alles still. Doch nicht heute. Die Männer des Lords waren auf dem Weg zu ihnen, wie ein Sturm, der sich am Horizont zusammenbraute, und die Leute wussten, dass sie Rache nehmen würden. Auch die Stimmung, die in der Luft lag, war anders. Ihre Leute hatten sonst immer schnell nachgegeben, doch diesmal war es anders und sie war aufgeregt zu sehen, dass sie sich auf einen Kampf vorbereiteten. Zahllose Männer sicherten die Wälle, verdoppelten die Wachen an den Toren, schlossen die Fallgitter, nahmen ihre Positionen auf den Zinnen ein, verbarrikadierten Fenster und gruben Gräben. Andere hatten die Aufgabe zugeteilt bekommen, die Waffen zu schärfen, die Köcher mit Pfeilen zu füllen, die Pferde zu satteln und bevölkerten nervös den Hof. Alle bereiteten sich auf das Unvermeidliche vor.
Kyra konnte kaum fassen, dass sie der Auslöser für all das war; sie fühlte sich schuldig und stolz zur gleichen Zeit. Doch das dominierende Gefühl war das der Angst. Sie wusste, dass ihre Leute keinen direkten Angriff der Männer des Lords überleben konnten – denn schließlich stand das ganze pandesische Reich hinter ihnen. Sie konnten sich wehren, doch wenn die Pandesier mit all ihrer Macht ankamen, würden sie sicher sterben.
„Schön zu sehen, dass du auf bist!“, hörte sie eine fröhliche Stimme.
Kyra fuhr erschrocken herum, genauso wie Leo, der neben ihr saß, und sah Anvin, der in der Tür stand. Neben seinem lächelnden Gesicht tauchten Vidar, Arthfael und ein paar andere der Männer ihres Vaters auf. Sie konnte spüren, dass sich etwas in ihrem Blick verändert hatte. Etwas Neues lag in ihren Augen: Respekt. Sie sahen sie nicht mehr als kleines Mädchen, als Zuschauerin, sondern vielmehr als eine von ihnen.
Ihre Blicke gaben ihr ein gutes Gefühl, vielleicht war es ja all die Schmerzen wert gewesen. Sie wünschte sich nichts mehr, als den Respekt dieser Männer zu verdienen.
„Dann geht’s dir also besser?“, fragte Vidar.
Kyra dachte einen Augenblick darüber nach, und als sie ihre Hände öffnete und schloss und ihre Arme streckte, bemerkte sie, dass es ihr wirklich besser ging – sie fühlte sich stärker als je zuvor. Als sie ihm zunickte, entdeckte sie noch etwas anderes in den Augen der Männer – war das etwa Angst? Als hätte sie eine Macht, die ihnen unbekannt war und der sie kein Vertrauen schenkten.
„Ich fühlte mich wie neu geboren!“
Anvin lächelte.
„Gut“, sagte er. „Wir brauchen jede Hilfe, die wir bekommen können.“
Sie sah ihn aufgeregt an.
„Soll das etwa heißen, dass ich mit euch kämpfen darf?“, fragte sie mit pochendem Herzen. Nichts hätte sie mehr gefreut.
Arthfael lächelte und legte ihr die Hand auf die Schulter.
„Erzähle es nur nicht deinem Vater“, sagte er.
Leo ließ sich von den Männern streicheln und leckte Arthfaels andere Hand.
„Wir haben ein Geschenk für dich“, sagte Vidar.
Kyra war überrascht.
„Ein Geschenk?“, fragte sie.
„Betrachte es als Willkommensgeschenk“, sagte Arthfael. „Nur eine Kleinigkeit, die dir helfen soll, den Kratzer auf deiner Wange zu vergessen.“
Er drehte sich um und bedeutete ihr, ihm zu folgen. Es gab nichts was sie lieber wollte. Sie lächelte die Männer an, und war glücklich.
„War es das, was nötig war, um eine von euch zu werden?“, fragte sie neugierig. „Ich musste nur diese fünf Männer des Lords töten?“
„Drei“, korrigierte Arthfael, „wenn ich mich recht erinnere hast du gesagt, dass Leo zwei von ihnen getötet hat.“
„Ja“, sagte Anvin. „Und die Begegnung mit einem Drachen zu überleben ist auch durchaus etwas wert/“
*
Kyra folgte den Männern mit Leo durch das Fort ihres Vaters. Der Schnee knirschte unter ihren Stiefeln, und sie fühlte sich inspiriert von der Energie und Betriebsamkeit um sie herum. Alle Menschen waren so geschäftig am frühen Morgen und endlich schien alles einen Sinn zu haben. Sie ging an Tischlern, Schustern, Sattlern und Maurern, vorbei, die alle bereits schwer beschäftigt waren, während zahllose Männer Schwerter und Dolche an den Schleifsteinen schärften. Kyra spürte die Blicke der Männer auf sich, als sie an ihnen vorbeigingen; ihre Ohren brannten. Sie mussten wissen, warum die Männer des Lords kamen und was sie getan hatte. Sie hatte das Gefühl, dass alle sie anstarrten und fürchtete, dass die Leute sie hassen würden.
Doch sie war überrascht, als sie die Bewunderung in ihren Blicken sah – und noch etwas anderes – vielleicht Furcht? Sie mussten gehört haben, dass sie eine Begegnung mit einem Drachen überlebt hatte, und schienen nicht zu wissen, was sie davon halten sollten.
Kyra blickte zum Himmel auf und suchte die Wolken ab, in der Hoffnung, Theos wiederzusehen. Sie hoffte, dass er sich erholt hatte und sie ihn über sich kreisend sehen würde. Doch da war nichts. Wo war er nur? Hatte er überlebt? Würde er jemals wieder fliegen? War er womöglich schon wieder nach Hause zurückgekehrt?
Als sie die Festungsanlage durchquerten, wurde Kyra neugierig, wo sie sie hinführten und was sie mit ihr vorhatten.
„Wo gehen wir hin?“, fragte sie Anvin, als sie eine enge gepflasterte Gasse hinuntergingen. Sie gingen an den Bewohnern vorbei, die den Schnee beiseite schaufelten, während immer wieder Schnee und Eislawinen von den Dächern der Gebäude rutschten. Rauch stieg aus den Kaminen auf und der Duft eines kalten Wintermorgens lag in der Luft.
Sie bogen in eine weitere Straße ein und Kyra sah ein breites, flaches, schneebedecktes Gebäude aus Stein mit einer roten Eichenholztür, das ein wenig von den anderen entfernt stand. Sie erkannte es sofort.
„Ist das nicht die Schmiede?“, fragte sie.
„Ja, das ist sie“, antwortete Anvin.
„Aber was wollen wir denn hier?“, fragte sie.
Sie kamen zur Tür. Vidar öffnete sie und trat beiseite.
„Du wirst schon sehen.“
Kyra betrat das Gebäude, dicht gefolgt von den anderen und Leo. Die Hitze der Feuer schlug ihre entgegen. Sie sah sich um und bemerkte sofort all die Waffen, die auf den Ambossen lagen. Voller Bewunderung betrachtete sie die Schwerter und Äxte, an denen noch gearbeitet wurde, manche steckten rotglühend im Feuer.
Der Schmied saß mit seinen drei Gesellen da, über und über mit Ruß beschmiert, und sah sie ausdruckslos an. Die Schmiede war vollgepackt mit Waffen, die überall herumlagen und hingen, und es schien, dass Dutzende andere in Arbeit waren. Kyra kannte Brot, den Schmied. Er war ein kleiner, dicklicher Mann, mit wolligem schwarzen Bart und einer hohen Stirn, die permanent konzentriert gerunzelt war. Er war ein ernster Mann der nicht viele Worte machte und für seine Waffen lebte. Er war ein bärbeißiger Mann, der sich nicht viel aus Menschen machte.
Doch bei den wenigen Gelegenheiten, als Kyra mit ihm gesprochen hatte, hatte sich Brot als warmherziger Mann erwiesen, der mit Leidenschaft über seine Waffen sprach. Er musste in Kyra eine verwandte Seele erkannt haben, denn beide verband eine Passion für Waffen und Rüstzeug.
„Kyra“, sagte er, und schien erfreut zu sein, sie zu sehen. „Nimm Platz.“
Sie setzte sich ihm gegenüber mit dem Rücken zum Ofen auf eine leere Bank. Anvin und die anderen sammelten sich um sie herum, und sie beobachteten, wie Brot mit ein paar Waffen hantierte: einer Lanze, einer Sichel, einer Keule, an der er arbeitete.
Kyra sah ein Schwert, dessen Schneiden noch stumpf waren und darauf warteten, geschärft zu werden. Hinter ihm arbeiteten die Gesellen und das Klirren ihrer Werkzeuge erfüllte den Raum. Einer hämmerte an einer Axt herum, dass die Funken stoben, während ein anderer mit einer lange Zange in den Ofen griff und einen Streifen weißglühendes Metall auf den Amboss legte. Der dritte nahm mit seiner Zange den Kopf einer Hellebarde von seinem Amboss und tauchte ihn zischend und begleitet von einer Dampfwolke in eine große eiserne Wanne.
Für Kyra war die Schmiede immer einer der faszinierendsten Orte von Volis gewesen.
Als sie ihm zusah, schlug ihr Herz schneller, und sie fragte sich, was für ein Geschenk die Männer wohl für sie hatten.
„Ich habe von deinen Abenteuern gehört“, sagte Brot ohne sie anzusehen, während er ein langes Schwert hochhob und es in den Händen wog. Es war das längste Schwert, das sie je gesehen hatte, und er runzelte unzufrieden die Stirn.
Sie wusste, dass man in besser nicht bei der Arbeit unterbrach und wartete geduldig schweigend darauf, dass er fortfuhr.
„Eine Schande“, sagte er schließlich.
Kyra sah ihn verwirrt an.
„Was?“
„Eine Schande, dass du den Jungen nicht getötet hast“, sagte er. „Wenn du es getan hättest, hätten wir jetzt nicht all diesen Ärger am Hals, nicht wahr?“
Er sah sie immer noch nicht an, und wog weiter das Schwert. Sie wurde rot. Sie wusste, dass er Recht hatte, doch sie bereute nicht, was sie getan hatte.
„Lass dir das eine Lehre sein“, fügte er hinzu. „Töte sie alle. Ohne Ausnahme. Verstehst du mich?“ fragte er, und sein Ton wurde todernst als er ihr in die Augen sah. „Töte sie alle.“
Trotz seines barschen Tonfalls und seiner unverblümten Art bewunderte Kyra Bort dafür, dass er immer das aussprach, woran er glaubte – Dinge, die andere sich nicht zu sagen wagten.
Sie bewunderte ihn auch dafür, dass er Waffen aus Stahl besaß, was von Pandesia unter Todesstrafe gestellt worden war für alle, die keine Hüter der Flammen waren. Die Waffen für die Männer ihres Vaters durfte er fertigen, doch Brot schmiedete auch illegal Waffen für Dutzende anderer Männer, und half, eine geheime Armee auszustatten. Die Pandesier könnten ihn dafür jederzeit festnehmen und töten, doch er hatte keine Angst.
„Bin ich deshalb hier?“, fragte sie irritiert. „Damit du mir einen Rat geben kannst, wie ich zu töten habe?“
Er begann, auf das Schwert einzuhämmern und ignorierte sie, bis er mit dem Ergebnis zufrieden war. Ohne den Blick vom Amboss abzuwenden sagte er:
„Nein, um dir dabei zu helfen, sie zu töten.“
Sie blinzelte verwirrt, und Brot winkte einem seiner Gesellen, der ihm einen Gegenstand reichte.
„Ich habe gehört, dass du letzte Nacht beide Waffen verloren hast“, sagte er. „Einen Bogen und einen Stab, nicht wahr?“
Sie nickte und fragte sich, worauf er hinauswollte.
Brot schüttelte missbilligend den Kopf.
„Das kommt davon, weil du mit Stöckchen spielst. Kinderspielzeug – keine Waffen. Du hast fünf Männer des Lords getötet, bist einem Drachen begegnet und mit dem Leben davongekommen. Das ist mehr, als jeder andere hier im Raum von sich behaupten kann. Du bist jetzt ein Krieger, und hast die Waffen eines Kriegers verdient.“
Er griff nach dem Gegenstand, den ihm sein Geselle reichte und legte ihn auf den Tisch. Er war in roten Samt gewickelt.
Sie sah ihn fragend an und ihr Herz raste vor Aufregung. Er nickte.
Kyra zog langsam den roten Stoff weg, und keuchte, als sie sah, was sich darunter verbarg: auf dem Tisch vor ihr lang ein wunderschöner Langbogen. Sein Griff war mit feinen Gravuren verziert und die Wurfarme von einer dünnen Schicht eines glänzenden Metalls überzogen. Einen solchen Bogen hatte sie noch nie zuvor gesehen.
„Das ist Alkanstahl“, erklärte er, als sie ihn hochhob und staunte, wie leicht er war. „Das stärkste Material auf Erden – und das leichteste. Sehr selten, und daher so gut wie nur von Königen verwendet. Diese Männer hier haben dafür gezahlt, und meine Gesellen haben die ganze Nacht daran gearbeitet.“
Kyra drehte sich um und als sie die Männer sah, die sie anlächelten, quoll ihr Herz von Dankbarkeit über.
„Probier ihn aus“, drängte Brot.
Kyra hielt den Bogen hoch und staunte, wie perfekt er in ihrer Hand lag.
„Er ist sogar leichter als mein Bogen aus Holz“, sagte sie irritiert.
„Das ist ein ganz besonders Holz unter dem Metall“, sagte er. „Stärker, als das der Bogens, den du hattest, und leichter noch dazu. Dieser Bogen hier wird niemals brechen – und deine Pfeile werden viel weiter fliegen.“
Sie bewunderte ihn sprachlos, und erkannte, dass das das Netteste war, was je jemand für sie getan hatte. Brot reichte ihr einen Köcher voller Pfeile, alle mit glänzenden neuen Spitzen, und als sie eine Pfeilspitze berührte, staunte sie, wie scharf sie war. Sie musterte die Form der Spitze.
„Breitkopfspitzen mit Widerhaken“, sagte Brot stolz. „Wenn du einen Treffer damit landest, kommt die Spitze nicht so leicht wieder raus. Die sind zum Töten gemacht.“
Kyra sah Brot und die anderen überwältigt an. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Was ihr jedoch noch mehr bedeutete als die Waffe, war die Tatsache, dass diese Männer sich so viel Mühe für sie gemacht hatten.
„Ich weiß nicht, wie ich dir danken soll“, sagte sie. „Ich werde mein Bestes geben, deine Arbeit zu ehren und mich dieser Waffe als würdig zu erweisen.“
„Ich bin noch nicht fertig“, sagte er schroff. „Streck deine Arme aus.“
Verwirrt streckte sie ihre Arme aus und er schob ihre Ärmel zurück und betrachtete sie. Schließlich nickte er zufrieden.
„Das dürfte passen“, sagte er.
Brot nickte seinem Gesellen zu, der ihm zwei glänzende Gegenstände reichte, die er um ihre Unterarme schloss. Als von innen mit weichem Leder bezogene Metall sich um ihre Arme schloss, sah sie überrascht, dass es Armschienen waren, zum Schutz gegen den Sehnenschlag beim Schießen. Sie waren ebenso wie der Bogen graviert und reichten von ihren Handgelenken bis zu den Ellenbogen. Als er sie zuklappte, passten sie perfekt.
Kyra bewegte staunend ihre Arme und untersuchte die Armschienen. Sie hatte das Gefühl, damit unbesiegbar zu sein, als wären sie ein Teil ihrer Haut. Sie waren so leicht und doch so stabil.
„Armschienen“, sagte Brot. „Die sind nicht nur gegen den Schlag der Sehne beim Schießen.“ Er sah sie eindringlich an. „Sie sind dünn und leicht genug, dass du dich darin bewegen kannst, doch stark genug, jedem Schwerthieb standzuhalten. Auch sie sind aus Alkanstahl gemacht und ersetzen einen Schild. Wenn ein Gegner dich mit einem Schwert angreift, kannst du dich jetzt verteidigen.“
Plötzlich nahm er das Schwert vom Amboss, riss es hoch und ließ es auf ihren Kopf hinuntersausen.
Kyra erschrak und riss instinktiv die Arme mit den neuen Schienen hoch. Staunend sah sie, wie leicht sie den Schlag abfingen und die Funken stoben.
Brot lächelte und senkte zufrieden das Schwert.
Kyra betrachtete überwältigt die Armschienen.
„Ihr habt mir alles gegeben, was ich mir nur wünschen kann“, sagte Kyra, und wollte die Männer schon umarmen, doch Brot hielt sie zurück.
„Noch nicht alles.“, korrigierte er sie.
Brot winkte dem dritten Gesellen zu, der einen weiteren langen Gegenstand brachte, der in schwarzen Samt gewickelt war.
Kyra betrachtete ihn neugierig, dann hängte sie ihren neuen Bogen über ihre Schulter und wickelte den Gegenstand langsam aus. Als sie schließlich sah, was sich unter dem Tuch verbarg, stockte ihr der Atem.
Es war ein unglaublich schöner Stab, länger als ihr Alter. Wie der Bogen, war er mit einer dünnen Schicht Alkanstahl überzogen, die das Licht spiegelte. Doch selbst mit dem Metallüberzug schien er leichter als ihr alter Stab zu sein.
„Das nächste Mal, wenn du mit deinem Stab zuschlägst“, sagte Brot, „wird er sicher nicht brechen. Und wenn du einen Gegner damit triffst, ist der Treffer wirkungsvoller. Er ist Waffe und Schild zugleich. Und das ist noch nicht alles“
Kyra sah ihn fragend an.
„Dreh ihn“, sagte er.
Als sie tat, was er gesagt hatte, teilte sich der Stab in zwei gleichlange Hälften. An jedem Ende war eine kurze, spitze Klinge eingebettet.
Kyra sah ihn mit offenem Mund an und Brot lächelte.
„Jetzt stehen dir mehr Möglichkeiten offen, einen Mann zu töten“, sagte er.
Sie betrachtete die glänzenden Klingen, die beste Arbeit, die sie je gesehen hatte und staunte. Er hatte die Waffe speziell für sie angefertigt – ein Stab, der zu zwei kurzen Speeren wurde – eine Waffe, die perfekt zu ihren Stärken passte. Sie fügte die beiden Hälften wieder zusammen und sie schlossen so spurlos miteinander ab, dass man nicht einmal sehen konnte, dass im Stab zwei Klingen verborgen lagen.
Sie sah Brot und all die anderen Männer mit Tränen in den Augen an.
„Ich weiß nicht, wie ich euch jemals dafür danken soll“, sagte sie.
„Das hast du schon“, sagte Anvin und legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Du hast uns den Krieg gebracht. Einen Krieg, den keiner von uns anzufangen gewagt hat. Du hast uns einen großen Dienst geleistet.“
Bevor sie seine Worte richtig verarbeiten konnte, erklang eine Reihe von Hörnern in der Ferne und hallte durch das Fort.
Sie tauschten schnelle Blicke aus, denn alle wussten, was das bedeutete: Es war Zeit zu kämpfen. Die Männer des Lords kamen.
KAPITEL NEUNZEHN
Merk folgte dem Waldweg und die Schatten wurden länger als er durch Whitewood wanderte. Die toten Diebe langen nun schon einen guten Tagesmarsch hinter ihm. Seitdem war er ununterbrochen gewandert und hatte versucht, den Vorfall zu vergessen, wieder den Frieden in sich zu finden, den er vorher in sich gespürt hatte. Es war nicht leicht.
Seine Weine wurden müde und Merk bemühte sich mehr denn je den Turm von Ur zu finden, um dort sein neues Leben als Wächter zu beginnen. Seine Augen wanderten suchend den Horizont entlang.
Doch da war immer noch nichts. Diese Wanderung fühlte sich immer mehr wie eine Pilgerfahrt an, die nicht enden wollte. Der Turm von Ur war abgelegener und besser versteckt, als er es erwartet hätte.
Die Begegnung mit den Dieben hatte etwas in ihm geweckt, und Merk erkannte, wie schwer es war, sein altes ich loszuwerden. Er wusste nicht, ob er die Disziplin dazu hatte. Er hoffte nur, dass die Wächter ihn in ihren Orden aufnehmen würden; wenn nicht blieb ihm keine Wahl, als wieder der Mann zu werden, der er einmal gewesen war.
Vor sich sah Merk, wie der Wald sich veränderte und sah einen Hain alter weißer Bäume, deren Stämme so dick waren wie zehn Männer und hoch in den Himmel reichten. Ihre Äste breiteten sich wie ein Schirm glänzend roter Blätter aus. Einer der Bäume, mit einem dicken, gebogenen Stamm, sah besonders einladend aus, und Merk nahm mit schmerzenden Füssen in seinem Schatten Platz. Er lehnte sich zurück und spürte sofort eine enorme Erleichterung, spürte, wie der Schmerz von Stunden des Wanderns von seinen Beinen und seinem Rücken ab. Er zog seine Stiefel aus und spürte den Schmerz der in seinen Füssen pochte, und er seufzte, als eine kühle Brise ihn umwehte, die die Blätter über ihm rascheln ließ.
Merk griff in seinen Beutel und zog die übrigen Streifen des Fleischs vom Hasen heraus, den er letzte Nacht gefangen hatte. Er steckte sich ein Stück in den Mund und kaute langsam, schloss die Augen, ruhte sich aus und fragte sich, was die Zukunft ihm bringen würde. Hier an den Baum gelehnt dem Rascheln der Blätter zu lauschen, reichte ihm vollkommen.
Merks Lider waren schwer, und er schloss die Augen, nur für einen Moment – er brauchte die Ruhe. Als Merk die Augen wieder aufschlug, war er überrascht zu sehen, dass der Himmel sich verdunkelt hatte und er realisierte, dass er eingeschlafen war. Die Dämmerung war schon hereingebrochen, und er bemerkte erschrocken, dass er wahrscheinlich die ganze Nacht geschlafen hätte – wenn er nicht von einem Geräusch geweckt worden wäre.
Merk richtete sich auf und sah sich um. Sofort übernahmen seine Instinkte die Kontrolle. Er ergriff seinen Dolch, der unter seinem Umhang versteckt war, und wartete. Er wollte nicht auf Gewalt zurückgreifen – doch bis er den Turm erreicht hatte, fürchtete er, dass alles möglich war.
Das Rascheln wurde lauter, und es klang, als rannte jemand durch den Wald. Merk war erstaunt: was suchte jemand hier draußen, mitten im Nirgendwo und noch dazu in der Dämmerung? Aus dem Rascheln der Blätter schloss Merk, dass es eine Person war, und sie war leicht. Vielleicht ein Kind oder eine junge Frau.
Einen Augenblick später kam tatsächlich ein Mädchen in Sicht, das weinend durch den Wald rannte. Er beobachtete überrascht wie sie wenige Meter von ihm entfernt stolperte und mit dem Gesicht voran im Dreck landete. Sie war hübsch, vielleicht achtzehn Jahre alt, ihre Haare waren wirr, voller Schmutz und Blätter, und ihre Kleider waren zerrissen und zerlumpt.
Merk stand auf, und als sie sich aufrappelte und sie ihn sah, riss sie vor Angst die Augen weit auf.
„Bitte tu mir nichts!“, weinte sie und wich zurück.
Merk hob die Hände.
„Ich will dir nichts Böses“, sagte er langsam und stand auf. „Ich wollte gerade weiterwandern.“
Verängstigt und immer noch weinend wich sie ein paar Schritte zurück und er fragte sich, was geschehen war. Was auch immer es war, er wollte sich nicht einmischen – er hatte selbst genug Probleme.
Merk drehte sich um und wollte weitergehen, als sie hinter ihm rief:
„Nein, warte!“
Er drehte sich um und sah ihren verzweifelten Blick.
„Bitte, ich brauche deine Hilfe“, bettelte sie.
Merk musterte sie, und sah wie hübsch sie unter ihrer zerzausten Erscheinung war. Sie hatte blonde Haare, hellblaue Augen und ein ebenmäßiges Gesicht, das von Tränen und Schmutz verschmiert war.
Er schüttelte den Kopf.
„Du hast nicht genug Geld, um mich zu bezahlen“, sagte Merk. „Ich kann dir nicht helfen. Außerdem bin ich auf der Suche nach etwas.“
„Du verstehst nicht“, bettelte sie und lief auf ihn zu. „Meine Familie – unser Haus ist heute Morgen überfallen worden. Söldner. Mein Vater ist verletzt. Er konnte sie verjagen, doch ich bin mir sicher, dass sie bald mit mehr Männern zurückkommen werden. Dann werden sie meine ganze Familie töten. Sie haben gesagt, dass sie unseren Hof abbrennen wollen. Bitte!“, bettelte sie und kam näher. „Ich will dir alles geben. Egal, was du verlangst!“
Merk stand vor ihr, und sie tat ihm leid, doch er wollte sich nicht einmischen.
„Es gibt viele Probleme auf dieser Welt“, sagte er. „Ich kann sich nicht alle lösen.“
Er drehte sich um und wollte weitergehen, als sie ihm wieder hinterherrief:
„Bitte“, weinte sie. „Es ist ein Zeichen, kannst du es nicht sehen? Dass ich dir ausgerechnet hier über den Weg laufe, mitten im Nirgendwo. Ich habe nicht damit gerechnet, irgendjemandem zu begegnen, doch ich habe dich gefunden. Es war vorherbestimmt, dass du hier bist, dass du mir hilfst. Gott gibt dir eine Chance auf Erlösung. Glaubst du nicht an Zeichen?“
Er beobachtete das schluchzende Mädchen und fühlte sich schuldig, doch hauptsächlich distanziert. Ein Teil von ihm dachte an all die Menschen, die er in seinem Leben getötet hatte, und er fragte sich: Was sind schon ein paar mehr? Aber da waren immer nur noch ein paar mehr. Es schien nie zu enden. Irgendwo musste er eine Grenze ziehen.
„Es tut mir leid“, sagte er. „Doch ich bin nicht dein Retter.“
Merk drehte sich um und ging los, entschlossen, diesmal nicht stehenzubleiben, und ihr Schluchzen vom Rascheln der Blätter unter seinen Füssen übertönen zu lassen.
Doch so sehr er sich auch bemühte, er hörte ihr Weinen, das ihm tief im Inneren zu rufen schien. Er drehte sich um und sah, wie sie im Wald verschwand, und wollte Erleichterung spüren, doch er fühlte sich von ihrem Weinen verfolgt, das er nicht hören wollte.
Fluchend wanderte er weiter und wünschte sich, ihr nie begegnet zu sein. Warum? fragte er sich. Warum er?
Es nagte an ihm und ließ ihn nicht los – und er hasste dieses Gefühl. Fühlte es sich etwa so an, ein Gewissen zu haben?
KAPITEL ZWANZIG
Kyras Herz pochte als sie mit ihrem Vater und ihren Brüdern, Anvin und all den anderen Kriegern schweigend durch die Stassen von Volis lief. Ein geradezu feierliches Schweigen lag in der Luft, der Himmel hing voller grauer Wolken und es hatte angefangen zu schneien, als sie durch den Schnee auf das Haupttor der Festungsanlage zugingen. Hörner erklangen immer wieder und ihr Vater führte seine Männer mit stoischem Blick. Kyra war überrascht, wie ruhig er war, als hätte er das alles schon hundert Mal gemacht.
Kyra blickte geradeaus und durch die eisernen Gitterstäbe des Fallgitters erhaschte sie einen Blick auf den Lord Regenten, der seine Männer anführte, etwa hundert von ihnen, alle in rotes Rüstzeug gewandet, und die blau-gelben pandesischen Banner flatterten im Wind.
Sie ritten auf großen schwarzen Pferden durch den Wind auf die Tore von Volis zu. Das gedämpfte Klappern der Hufe ihrer Pferde im Schnee war bis hier zu hören, und Kyra spürte, wie der Boden unter ihren Füßen bebte.
Kyra hielt mit pochendem Herzen ihren neuen Stab in Händen, hatte den neuen Bogen über ihre Schulter gehängt, trug die neuen Armschienen – und fühlte sich wie neu geboren. Endlich fühlte sie sich wie ein echter Krieger, mit richtigen Waffen. Sie war überglücklich, sie zu haben.
Während sie auf das Tor zugingen, sah sie zufrieden, wie sich die Leute furchtlos versammelten und sich ihnen anschlossen. Sie sah, wie die Dorfbewohner ihren Vater und seine Männer Hoffnungsvoll ansahen und sie fühlte sich geehrt, mit ihnen gehen zu dürfen. Alle Menschen hier schienen grenzenloses Vertrauen in ihren Vater zu haben und sie vermutete, dass die Leute nicht so ruhig wären, wenn ein anderer Anführer vor ihn stehen würde.
Die Männer des Lords kamen näher, wieder erklang ein Horn und Kyras Herz raste.
„Egal was passiert“, sagte Anvin, der neben ihr lief, „egal wie nahe sie kommen, tu nichts ohne den Befehl deines Vaters. Er ist jetzt dein Kommandant. Ich spreche zu dir nicht als seine Tochter, sondern als einen seiner Krieger. Einen von uns.“
Sie nickte und fühlte sich geehrt.
„Ich will nicht, dass wegen mir irgendjemand stirbt“, sagte sie.
„Mach dir keine Sorgen“, sagte Arthfael, der neben sie getreten war. „Wir haben lange auf diesen Tag gewartet. Du hast diesen Krieg nicht angefangen, sie waren es – in dem Augenblick, als sie das Südliche Tor durchschritten und Escalon besetzt haben.“
Kyra umfasste ihren Stab fester, bereit für alles, was auf sie zukommen würde. Vielleicht ließ der Lord Regent ja mit sich sprechen. Vielleicht konnten sie ja einen Waffenstillstand aushandeln?
Kyra und die anderen erreichten das Fallgitter. Sie blieben stehen und sahen ihren Vater an.
Dieser stand mit starrer Miene da und wandte sich seinen Männern zu.
„Wir werden uns nicht ängstlich hinter eisernen Gittern vor unseren Feinden verstecken!“, polterte er. „Wir werden uns ihnen als Männer vor dem Tor stellen. Öffnet das Tor!“, befahl er.
Ein quietschendes Geräusch erklang, als die Männer langsam das schwere Gittertor öffneten. Als es hoch genug war, gingen Kyra und die anderen hindurch.
Sie gingen über die hölzerne Brücke über den Graben, blieben auf der anderen Seite stehen und warteten.
Kurze Zeit später blieben die Männer des Lords ein paar Meter vor ihnen stehen.
Kyra war ein paar Meter hinter ihrem Vater bei den anderen gestanden, doch sie schob sich an den Männern vorbei nach vorn. Sie wollte neben ihm stehen – und sich den Männern des Lords von Angesicht zu Angesicht stellen.
Kyra sah den Lord Regenten, einen Mann mittleren Alters mit einer beginnenden Glatze, grauen Haaren und dickem Bauch, der fünf Meter vor ihr mit selbstzufriedenem Blick auf dem Pferd saß uns auf sie herabblickte. Hundert seiner Männer saßen mit ernster Miene auf Pferden hinter ihm.
Sie konnte sehen, dass diese Männer bereit für den Krieg waren.
Kyra war stolz ihren Vater ungerührt und ohne Angst vor seinen Männern stehen zu sehen. Auf seinem Gesicht lag der ernste Ausdruck eines Kommandanten im Krieg, ein Ausdruck, den sie noch nie bei ihm gesehen hatte. Es war nicht das Gesicht des Mannes, der ihr Vater war, sondern das des Anführers, das für seine Männer bestimmt war.
Ein langes angespanntes Schweigen breitete sich aus, das nur vom Heulen des Windes unterbrochen wurde.
Der Lord Regent nahm sich Zeit und betrachtete sie eine ganze Weile. Er wollte sie damit offensichtlich einschüchtern, wollte seine Gegner zwingen, aufzublicken zu den großen Pferden und den Rüstungen und Waffen seiner Männer. Die Stille dehnte sich so lange aus, dass Kyra sich fragte, ob jemand sie brechen würde; doch dann begann sie zu begreifen, dass es die Stille ihres Vaters war, dass er sie kalt und abweisend schweigend begrüßte, seine Männer bis an die Zähne bewaffnet, und das selbst war ein Akt des Widerstands. Dafür liebte sie ihn. Er war kein Mann, der irgendjemandem nachgab, egal wie die Chancen standen.
Leo war der einzige, der ein Geräusch von sich gab, und leise vor sich hin knurrte.
Schließlich räusperte sich der Lord Regent, während er ihren Vater anstarrte.
„Fünft meiner Männer sind tot“, verkündete er mit nasaler Stimme. Er blieb auf seinem Pferd sitzen, weigerte sich, den Boden zu betreten. „Deine Tochter hat pandesische Gesetzgebung gebrochen. Du kennst die Konsequenzen. Einen meiner Männer anzugreifen steht unter Todesstrafe.“
Er verstummte, doch ihr Vater antwortete nicht. Während der Schnee dichter wurde und der Wind stärker, war das einzige Geräusch, das zu hören war, das Flattern der Banner im Wind. Die Männer, etwa gleichviele auf beiden Seiten, starrten einander in angespannter Stille an.
Schließlich fuhr der Lord Regent fort.
„Doch weil ich ein gnädiger Mann bin“, sagte er. „Werde ich deine Tochter nicht exekutieren. Ich werde auch dich, deine Männer und all deine Leute nicht töten, wie es mir zustehen würde. Ich möchte diese unerfreuliche Angelegenheit hinter uns lassen.“
In der Stille wanderte der Blick des Lord Regenten langsam von einem Mann zum anderen, bis er an Kyra hängenblieb. Sie schauderte, als er sie mit gierigen Augen betrachtete.
„Im Gegenzug dafür, werde ich mir deine Tochter nehmen, so wie es mein Recht ist. Sie ist fünfzehn und unverheiratet, und du weißt, dass das pandesische Gesetz es mir erlaubt. Deine Tochter – alle deine Töchter – gehören jetzt mir.“
Er sah Duncan böse an.
„Du darfst dich glücklich schätzen, dass ich nicht auf eine härtere Strafe bestehe“, schloss er.
Der Lord Regent drehte sich um und nickte seinen Männern zu, und zwei seiner Krieger, gefährlich aussehende Männer, stiegen von ihren Pferde ab und gingen mit klirrenden Sporen auf sie zu.
Kyras Herz raste, als sie sah, dass sie kamen, um sie zu holen; sie wollte etwas tun, ihren Bogen spannen und schießen, oder ihren Stab gegen sie schwingen. Doch sie erinnerte sich an Anvins Worte, dass sie den Befehl ihres Vaters abwarten sollte, wie ein disziplinierter Krieger handeln sollte, und so schwer es ihr auch fiel, zwang sie sich, zu warten.
Als sie näher kamen, fragte Kyra sich, was ihr Vater tun würde. Würde er sie etwa diesen Männern geben? Würde er für sie kämpfen? Ob sie siegten oder verloren, ob sie sie mitnahmen oder nicht, all das war ihr egal – was ihr am wichtigsten war, war, dass ihr Vater Widerstand leistete.
Doch als sie immer näher kamen, reagierte ihr Vater nicht. Kyras Herz pochte bis zum Hals. Eine Welle der Enttäuschung brach über sie herein als sie begriff, dass er zulassen würde, dass sie sie holten. Sie wollte weinen.
Leo knurrte wütend und baute sich vor ihr auf; doch auch das hielt sie nicht auf. Sie wusste, dass Leo sich auf sie stürzen würde, wenn sie ihm dem Befehl dazu gab; doch sie wollte nicht, dass er von ihren Waffen verletzt wurde, sie wollte sich nicht dem Befehl des Vaters widersetzen und einen Krieg auslösen.
Die Männer waren nur noch wenige Meter entfernt, als plötzlich, im letzten Augenblick, ihr Vater seinen Männern zunickte, und sechs von ihnen vortraten. Kyra war überglücklich zu sehen, wie sie ihre Hellebarden senkten und den Kriegern den Weg versperrten.
Die Männer des Lords blieben stehen, und sahen ihren Vater überrascht an. Damit hatten sie offensichtlich nicht gerechnet.
„Ihr geht keinen Schritt weiter“, sagte er. Seine Stimme war fest, dunkel, eine Stimme, der sich niemand zu widersetzen wagte. Sie war autoritär und alles andere als die Stimme eines Leibeigenen.
In diesem Augenblick liebte Kyra ihren Vater mehr denn je.
Er hob den Blick und sah den Lord Regenten an.
„Wir sind alle freie Männer hier“, sagte er. „Männer und Frauen, alt und jung. Es ist ihre Wahl. Kyra“, sagte er und wandte sich ihr zu. „Möchtest du mit diesen Männern gehen?“
Sie sah ihn an und musste ein Lächeln unterdrücken.
„Nein“, antwortete sie fest.
Er wandte sich wieder dem Lord Regenten zu.
„Da hast du es“, sagte er. „Die Wahl ist ihre. Nicht deine und nicht meine. Wenn du etwas aus meinem Besitz oder Gold oder Silber möchtest, um deinen Verlust zu begleichen“, sagte er, „dann sollst du es haben. Doch meine Tochter bekommst du nicht – oder irgendeine unserer Töchter – egal was irgendein Schreiber als pandesisches Gesetz niedergeschrieben hat.“
Der Lord Regent blickte böse auf ihn herab und das Staunen stand ihm ins Gesicht geschrieben. Er war es nicht gewohnt, dass man so mit ihm sprach oder sich ihm widersetzte. Er sah aus als wüsste er nicht, was er tun sollte. Das war offensichtlich nicht der Empfang, mit dem er gerechnet hatte.
„Du wagst es, dich meinen Männern in den Weg zu stellen?“, fragte er. „Mein großzügiges Angebot abzulehnen?“
„Das war kein Angebot“, antwortete Duncan.
„Denk nach, Unfreier!“, schalt er. „Ich werde mein Angebot nicht wiederholen. Wenn du dich weigerst, werden wir dich umbringen – dich und alle deine Leute. Sicherlich weißt du, dass ich nicht allein bin: ich spreche für die Armee Pandesias. Glaubst du etwa, dass du es allein mit Pandesia aufnehmen kannst, wenn selbst dein König vor uns kapituliert hat? Wenn alle Chancen gegen dich sprechen?“
Duncan zuckte mit den Schultern.
„Ich kämpfe nicht für Chancen“, antwortete er. „Ich kämpfe für die Sache. Die Anzahl deiner Männer ist mir gleich. Was wichtig für mich ist, ist unsere Freiheit. Vielleicht wirst du siegen – doch du wirst uns niemals unseren Kampfgeist nehmen.“
Das Gesicht des Regenten versteinerte.
„Wenn wir euch all eure Frauen und Kinder schreiend entrissen werden“, sagte er, „dann erinnere dich an die Wahl, die du heut getroffen hast.“
Der Lord Regent drehte sein Pferd herum und gab ihm die Sporen. Gefolgt von seinen Wachen ritt er auf die Straße zurück, von der er gekommen war, in die verschneite Landschaft.
Doch seine Krieger blieben zurück, und ihr Kommandant hob das Banner und befahl: „ANGRIFF!“
Die Männer des Lords stiegen von ihren Pferden ab und stellten sich in Reihen auf. Mit perfekter Disziplin marschierten sie über die Ebene auf die Krieger von Volis zu.
Mit pochendem Herzen drehte sich Kyra um und sah ihren Vater an, genau wie die anderen auch und wartete auf seinen Befehl.
Plötzlich hob er seine Faust uns senkte sie mit einem wilden Kampfschrei.
Plötzlich war der Himmel voller Pfeile und Kyra sah über ihre Schulter zurück und sah, dass Dutzende von Bogenschützen ihres Vaters von den Zinnen aus feuerten. Pfeile zischten durch die Luft und sie sah zu, wie immer mehr der Männer des Lords getroffen wurden.
Schreie erklangen, als Männer überall um sie herum starben. Es war das erste Mal, dass sie so viele Männer aus nächster Nähe sterben sah und der Anblick überwältigte sie.
Ihr Vater zog seine Schwerter und erstach damit die beiden Krieger, die gekommen waren, seine Tochter zu holen.
Im gleichen Moment hoben Anvin, Vidar und Arthfael ihre Speere und warfen sie. Alle trafen perfekt ihre Ziele. Auch Brandon und Braxton schleuderten ihre Pfeile, und einer streifte den Arm eines Kriegers, während der andere ein Bein streifte.
Immer mehr Männer stürmten auf sie zu, und Kyra, inspiriert von den anderen, hängte ihren Stab über ihren Rücken, hob zum ersten Mal ihren neuen Bogen, legte einen Pfeil an, und schoss. Sie zielte auf den Kommandanten, der seine Männer zu Pferde anführte. Mit großer Befriedigung sah sie zu, wie ihr Pfeil in seine Brust eindrang. Es war ihr erster Schuss mit ihrem neuen Bogen, und das erste Mal, dass sie einen Mann in einer richtigen Schlacht tötete – und als der Kommandant zu Boden fiel, sah sie zu Boden, geschockt über das, was sie gerade getan hatte.
Gleichzeitig sah sie, wie ein Dutzend der Männer des Lords ihre Bögen hoben und zurückschossen, und Kyra beobachtete mit Schrecken die Pfeile, die in entgegengesetzter Richtung an ihr vorbeiflogen. Als einige der Männer ihres Vaters aufschrien und zu Boden gingen, schrie ihr Vater:
„FÜR ESCALON!“
Er zog sein Schwert und rannte seinen Männern voraus mitten unter die feindlichen Krieger. Seine Männer folgten ihm und Kyra zog ihren Stab und schloss sich ihnen an, glücklich, an der Seite ihres Vaters in die Schlacht ziehen zu können.
Als sie losstürmten, legten die Männer des Lords eine weitere Salve Pfeile an und feuerten erneut, und bald kam eine Wand von Pfeilen auf sie zu.
Doch dann hoben zu Kyras Überraschung die Männer ihres Vaters ihre großen Schilde, und suchten hinter ihnen Schutz, alle mit perfekter Disziplin. Sie hockte hinter einem der Männer und hörte die tödlichen Pfeile, die ins Holz einschlugen.
Als der Regen endete, sprangen sie sofort auf und stürmten weiter. Da begriff sie die Strategie ihres Vaters – er wollte so nahe herankommen, dass ihre Pfeile nutzlos waren. Bald erreichten sie die Krieger und ein wilder Kampf entbrannte als Metall gegen Metall schlug, Schwerter auf Schwerter trafen, Hellebarden auf Schilde und Speere Rüstzeug durchbohrten. Es war zugleich furchteinflößend wie aufregend.
Blockiert von den eigenen Männern hinter ihnen kämpften die Männer des Lords Mann gegen Mann, stöhnten und hieben und blockten. Der Lärm der Schlacht war ohrenbetäubend. Leo sprang vor und grub seine Zähne ins Bein eines der Feinde, während einer der Männer ihres Vaters neben Kyra aufschrie. Blut kam aus seinem Mund, als sie sah, dass er von einem Schwert erstochen worden war.
Kyra sah zu, wie Anvin einem Mann einen Kopfstoß versetzte und ihm anschließend das Schwert in den Bauch stieß. Sie sah, wie ihr Vater seinen Schild als Waffe verwendete, und so heftig damit auf zwei Männer einschlug, dass sie zu Boden gingen. Sie hatte nie zuvor ihren Vater im Kampf erlebt, und es war einfach fantastisch anzusehen. Noch beeindruckender war, wie sich seine Männer um ihn formierten, und es war offensichtlich an der Art, wie sie kämpften, dass sie Jahrelang gemeinsam in die Schlacht gezogen waren. Sie verband eine Kameradschaft um die sie sie beneidete.
Die Männer ihres Vaters kämpften gut, sie hatten die Männer des Lords unvorbereitet getroffen, denn diese hatten offensichtlich nicht mit Widerstand gerechnet. Die Männer des Lords kämpften für ihren Regenten, der sie schon verlassen hatte – während die Männer ihres Vaters um ihre Heimat, ihre Familien und ihr Leben kämpften. Ihre Leidenschaft und ihre Liebe verlieh ihnen Flügel.
Im Gedränge mit wenig Platz, sich zu bewegen, sah Kyra einen Krieger, der mit erhobenem Schwert auf sie zukam. Sofort packte sie mit beiden Händen ihren Stab und hob ihn wie einen Schild über sich. Das Langschwert rauschte auf sie herab, und sie betete, dass Brots‘ Alkanstahl halten möge.
Das Schwert prallte klirrend von ihrem Stab ab und er brach auch nicht.
Kyra wirbelte den Stab herum und schlug dem Krieger damit gegen die Schläfe. Er stolperte und sie versetze ihm einen Tritt, der in rückwärts in den Graben warf.
Ein weiterer Krieger griff sie von der Seite mit einem Flegel an und sie bemerkte, dass sie nicht rechtzeitig reagieren konnte. Doch Leo stürzte sich auf seine Brust und riss ihn zu Boden. Ein anderer Krieger schwang seitlich mit seiner Axt nach ihr und sie hatte kaum Zeit zu reagieren, doch sie wirbelte herum und nutzte wieder ihren Stab, ihn abzuwehren. Sie hielt den Stab senkrecht und konnte kaum den Krieger zurückhalten, als die Schneide der Axt auf sie zukam. Sie lernte eine Wertvolle Lektion und begriff, dass sie diesen Männern in einem Kräftemessen unterlegen war. Sie konnte sie nicht überwältigen; sie musste kämpfen, wie es ihre Kraft zuließ und nicht nach deren Regeln.
Als der Mann die Axt immer näher an sie heran drückte, erinnerte sich Kyra an die versteckten Klingen in ihrem Stab. Sie drehte ihn und zog ihn auseinander. Die Axt rauschte an ihre vorbei und verfehlte sie. Der Krieger war überrascht, denn damit hatte er nicht rechnen können. In derselben Bewegung hob Kyra die beiden Hälften ihres Stabes hoch und rammte dem ihm die Klingen in die Brust.
Ein Schrei erklang – und als Kyra einen Blick hinter sich warf, sah sie die Dorfbewohner – Bauern, Maurer, Schmiede, Rüstungsbauer, Schlachter – alle bewaffnet – über die Brücke laufen. Innerhalb von Sekunden schlossen sie sich den Männern ihres Vaters an bereit, alles zu geben.
Kyra sah zu wie Thomak, der Schlachter, einem Mann mit dem Hackbeil einen Arm abschlug, während Brine, der Maurer, einem Krieger mit dem Hammer den Schädel einschlug. Die Dorfbewohner brachten eine Welle frischen Schwungs in die Schlacht und so untrainiert wie sie waren, überraschten sie doch die Männer des Lords. Sie kämpften leidenschaftlich, und ließen jahrelang aufgestauten Frust über ihre Knechtschaft freien Lauf. Jetzt, endlich, hatte sie eine Gelegenheit, Widerstand zu leisten – eine Chance auf Rache.
Sie drängten die Männer des Lords immer weiter zurück, während sie sich mit roher Gewalt durch sie hindurch prügelten und Männer genauso wie Pferde auf dem Weg töteten. Doch nach wenigen Minuten intensiven Kämpfens begannen die untrainierten Krieger zu Fallen und ihre Schreie erhoben sich über dem Schlachtfeld, als die besser bewaffneten und besser trainierten Krieger sie niedermetzelten. Die Männer des Lords setzten sich zur Wehr und das Blatt wendete sich wieder.
Die Brücke war voller Männer als die Verstärkung der Männer des Lords eintraf. Die Männer ihres Vaters wurden Müde und immer mehr schrien und fielen, getötet von den Männern des Lords. Das Blatt wendete sich gegen sie und Kyra wusste, dass sie schnell etwas tun musste.
Sie betrachtete ihre Umgebung und hatte eine Idee. Sie sprang auf die steinerne Brüstung der Brücke, und fand so die erhöhte Position, die sie brauchte. Sie war die einzige, die geschickt genug war, hier hinauf zu klettern, darum nahm sie ihren Bogen und schoss.
Von ihrer überlegenen Position aus konnte Kyra einen Krieger nach dem anderen töten. Sie legte auf einen der Männer des Lords an, der mit einer Hacke auf den Rücken ihres ahnungslosen Vaters zielte, und traf ihn direkt in den Hals, bevor er seine Klinge in Duncans Rücken stoßen konnte. Dann schoss sie auf einen Krieger, der einen Kriegsflegel schwang und traf ihn zwischen den Rippen bevor er nach Anvins Kopf schlagen konnte.
Pfeil um Pfeil brachte Kyra ein Dutzend Männer zu Fall, bis sie schließlich jemand bemerkte. Sie hörte, wie ein Pfeil an ihr vorbeizischte, und sie sah, dass einer der Bogenschützen auf sie anlegte. Bevor sie reagieren konnte keuchte sie vor Schmerzen, als ein Pfeil ihren Arm streifte.
Kyra sprang von der Brüstung zurück ins Getümmel. Sie rollte sich ab und während sie ihren schmerzenden Arm hielt, sah sie, wie weitere gegnerische Einheiten die Brücke erreichten. Sie sah, wie ihre Leute weiter zurückgedrängt wurden, und musste mitansehen, wie direkt neben ihre ein Mann den sie kannte erstochen wurde und tot zu Boden ging.
Während sie noch immer um Atem rang, hieb ein Krieger über ihr mit seiner Axt nach ihr und sie wusste, dass es zu spät war, auszuweichen – als plötzlich Leo aus dem Getümmel kam und sich auf den Mann stürzte.
Kyra spürte eine Bewegung am Rand ihres Sichtfelds und wirbelte herum. Ein Krieger hatte mit seiner Hellebarde ausgeholt und ließ sie auf ihren Nacken heruntersausen. Geschockt sah sie zu, wie die Klinge näher kam, bis sie von einem Schwert nur wenige Zentimeter vor ihrem Kopf klirrend aufgehalten wurde. Über ihr stand ihr Vater, der sie vor dem tödlichen Hieb gerettet hatte. Er schwang sein Schwert und lenkte die Hellebarde ab, dann stach er dem Krieger ins Herz.
Doch damit war ihr Vater ungeschützt und sie musste zusehen, wie ein anderer Krieger ihren Vater am Arm traf und er zurück stolperte.
Als Kyra am Boden kniete, stieg ein seltsames ungewohntes Gefühl in ihr auf; es war eine Wärme, die von ihrem Bauch ausging und sich ausbreitete. Es war ein fremdes Gefühl, doch sie akzeptierte es sofort, denn es verlieh ihr ein Gefühl grenzenloser Stärke, die sich durch ihren ganzen Körper ausbreitete. Mit einem einzigen Blick erfasste sie alle feindlichen Krieger, sah ihre Schwächen, und sah, wie jeder einzelne von ihnen zu töten war.
Kyra verstand nicht, was mit ihr geschah – und es war ihr auch egal. Sie nahm diese Macht an, die die Kontrolle über sie übernahm und gab sich ihrer süßen Raserei hin.
Sie stand auf und fühlte sich unbesiegbar, hatte das Gefühl, dass die Zeit um sie herum endlos langsam verging. Sie hob ihren Stab und stürzte sich in die Menge.
Was dann geschah, passierte wie ein Blitz, ein blendendes Gewirr, das sie kaum wahrnehmen konnte und an das ihr fast jeglicher Erinnerung fehlte. Sie spürte, wie die Macht die Kontrolle über ihre Arme ergriff, ihr sagte, wie sie zuschlagen musste, wo sie hingehen musste und sie spürte, wie sie in dem Chaos einen feindlichen Krieger nach dem anderen angriff und sich den Weg durch die Menge bahnte.
Sie schlug einem Krieger gegen die Schläfe, dem nächsten versetzte sie einen Stoß gegen die Kehle; dann sprang sie hoch und schlug mit ihrem Stab zwei Kriegern die Köpfe ein. Sie wirbelte und drehte ihren Stab, während sie wie ein Wirbelwind eine Schneise durch die Menge schlug und eine Spur toter Krieger hinterließ. Niemand konnte sie fangen und niemand konnte sie aufhalten.
Das Klirren ihres Stabs, der auf Rüstzeug traf hallte durch die Luft und alles geschah unglaublich schnell. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sie sich eins mit dem Universum; sie hatte das Gefühl als hätte sie keine Kontrolle mehr – doch sie ließ es zu. Sie hatte das Gefühl, außerhalb ihres eigenen Körpers zu sein. Sie verstand diese Macht nicht, und sie machte ihr Angst, doch gleichzeitig fühlte es sich unglaublich gut an.
Innerhalb weniger Augenblicke stand kein feindlicher Krieger mehr auf der Brücke. Sie fand sich auf der anderen Seite wieder, wo sie dem letzten Mann ihren Stab zwischen die Augen stieß.
Schwer atmend stand sie da, und plötzlich begann die Zeit wieder normal zu fließen. Sie sah sich um, sah den Schaden, den sie angerichtet hatte – und war darüber mehr erschrocken als alle anderen.
Das Dutzend der Krieger des Lords, das auf der anderen Seite des Grabens übrig war, sah sie schockiert an, und mit Panik im Blick ergriffen die Männer die Flucht.
Ein Schrei erklang, und Kyras Vater nahm mit seinen Männern die Verfolgung auf. Sie metzelten sie nieder, bis keiner mehr übrig war.
Ein Horn erklang und die Schlacht war vorüber.
Alle Männer ihres Vaters, all die Dorfbewohner standen staunend da uns sahen, dass sie das Unmögliche erreicht hatten. Doch seltsamerweise folgte kein Jubeln, wie es sonst nach einer gewonnenen Schlacht üblich war, keine Umarmungen, kein Jubel.
Stattdessen war alles still, die Stimmung war ernst: sie hatten viele gute Männer verloren, deren tote Körper überall um sie herum lagen. Vielleicht war es das, was die Männer innehalten ließ.
Doch es war mehr als das, das spürte Kyra. Das war nicht der wahre Grund für die Stille. Sie spürte, dass sie der Grund war.
Alle Männer auf dem Schlachtfeld starrten sie an. Selbst Leo sah sie mit Angst im Blick an, als wäre sie eine Fremde.
Kyra stand immer noch schwer atmend da, die Wangen gerötet, und spürte die Blicke auf sich. Sie sahen sie staunend und argwöhnisch an. Sie sahen sie an wie eine Fremde in ihrer Mitte. Und sie wusste, dass jeder von ihnen sich dieselbe Frage stellte. Es war eine Frage, auf die sie selbst gerne die Antwort gewusst hätte, und vor der sie schreckliche Angst hatte:
Wer war sie?
KAPITEL EINUNDZWANZIG
Alec döste immer wieder im Stehen ein, eingezwängt zwischen den anderen Jungen im Wagen und hatte dabei wirre Träume. Er sah sich selbst, wie er in einem Sarg voller Jungen zu Tode gequetscht wurde.
Er erwachte erschrocken, und bemerkte schwer atmend, dass er sich immer noch im Wagen befand.
Zwischenzeitlich hatten sie noch mehrere Male angehalten und noch mehr Jungen waren in den Wagen gepfercht worden, während sie einen weiteren über die Schlaglöcher, bergauf und bergab, durch Wälder und Ebenen hoppelten. Alex war seit der Auseinandersetzung auf den Beinen gewesen, denn er fühlte sich im Stehen sicherer, doch sein Rücken bereitete ihm unerträgliche Schmerzen. Doch es war ihm egal. Es fiel ihm leichter, im Stehen einzudösen, besonders mit Marco an seiner Seite. Die Jungen, die sie angegriffen hatten, hatten sich ans andere Ende des Wagens zurückgezogen, doch zwischenzeitlich traute er niemandem mehr.
Das Hüpfen des Wagens war in Alecs Bewusstsein eingedrungen und er hatte vergessen, wie es ist, auf unbewegtem Boden zu stehen. Er dachte an Ashton und fand Trost in der Tatsache, dass zumindest sein Bruder nicht hier sein musste. Es gab ihm das Gefühl, wenigstens zu etwas Nutze gewesen zu sein und den Mut, durchzuhalten.
Als die Schatten länger wurden war immer noch kein Ende der Reise in Sicht. Alec begann die Hoffnung zu verlieren und fürchtete, dass sie die Flammen nie erreichen würden.
Mehr Zeit verstrich und nachdem er ein paarmal eingedöst war, spürte er einen Knuff gegen seine Rippen. Er öffnete die Augen und sah Marco, der mit seinem Kopf in Richtung der Gitterstäbe nickte.
Alec spürte eine Welle der Aufregung, die sich unter den Jungen ausbreitete, und diesmal spürte er, dass etwas anders war. Die Jungen wurden lebendig und begannen, durch die Gitterstäbe zu spähen. Alec drehte sich um und versuchte ein wenig desorientier einen Blick zu erhaschen, doch die Menge war einfach zu dicht.
„Das musst du sehen!“, sagte Marco.
Marco drehte sich, sodass Alec auch einen Blick erhaschen konnte – und diesen Anblick würde er niemals vergessen:
Die Flammen.
Alec hatte sein ganzes Leben lang davon gehört, doch er hatte sie sich einfach nicht vorstellen können. Es war eines dieser Dinge, die man sich nur schwer ausmalen konnte, und er konnte sich einfach nicht vorstellen, wie es möglich sein sollte. Wie konnten die Flammen bis zum Himmel reichen. Wie konnten sie ununterbrochen brennen?
Doch jetzt, wo er sie zum ersten Mal sah, sah er, dass all die Geschichten wahr waren, und es nahm ihm den Atem. Dort, am Horizont, erhoben sich die Flammen wie in den Geschichten der Leute bis zu den Wolken, und er konnte nicht sehen, wo sie endeten. Er konnte das Knistern des Feuers hören und die Hitze spüren, selbst von hier. Es war beeindruckend und erschreckend zugleich.
Entlang der Flammen sah Alec hunderte von Kriegern, Jungen und Männer, die etwa alle dreißig Meter Wache standen. Am Horizont am Ende der Straße sah er einen schwarzen Turm aus Stein, um den einige Gebäude angeordnet waren. Dort konnte er geschäftiges Hin und Her erkennen.
„Sieht aus, als wäre das unser neues Zuhause“, bemerkte Marco.
Alex sah eine Reihe verwahrloster Baracken, voller Jungen mit Ruß im Gesicht. Sein Magen zog sich zusammen als er erkannte, dass das ein Blick in seine erbärmliche Zukunft war, in die Hölle, zu der sein Leben werden würde.
*
Alec wurde von ein paar Pandesiern aus dem Wagen gezerrt und stolperte hinaus zu den anderen Jungen. Andere fielen auf ihn und er rang nach Luft, geschockt, dass der Boden unter ihm von Schnee bedeckt war. Er war das Wetter des Nordostens nicht gewohnt, und er spürte sofort, dass seine Kleider, die dem Klima der Midlands angepasst waren, viel zu dünn waren. Zu Hause in Soli war der Boden weich und von grünem, saftigem Moos bedeckt, auch wenn es nur wenige Tagesritte entfernt lag; dort schneite es nie und der Duft von Blumen lag in der Luft. Hier war der Boden kalt, hart und leblos – und die Luft roch nach Feuer und Ruß.
Alec hatte sich kaum wieder aufgerappelt, als jemand ihm einen Stoß in den Rücken versetzte. Er stolperte vorwärts und sah wie ein Krieger hinter ihm begann, die Jungen auf die Baracken zuzutreiben.
Alec sah, wie mehrere Dutzend Jungen aus seinem Wagen quollen; ein paar wurden tot herausgeschoben. Er staunte, dass er die Reise auf so engem Raum recht unbeschadet überlebt hatte. Jeder Knochen in seinem Körper tat weh, die Gelenke waren steif und als er sich auf die Baracken zu schleppte, hatte er das Gefühl, nie erschöpfter gewesen zu sein. Er hatte das Gefühl, monatelang nicht geschlafen zu haben, und dass er am Ende der Welt angekommen war.
Das Prasseln des Feuers erfüllte die Luft und Alec sah, kaum hundert Meter weit weg, die Flammen. Sie gingen auf sie zu und sie schienen immer größer und bedrohlicher zu werden. Aus der Nähe waren sie einfach ehrfurchtgebietend und er genoss die Wärme, die mit jedem Schritt, den er auf sie zuging, stärker wurde. Doch er fürchtete, wie heiß es werden würde, wenn er dorthin kam, wo die Hüter standen, kaum zwanzig Meter vom Feuer entfernt. Er sah, dass sie das normale Rüstzeug trugen, und einige saßen schlaff zusammengesunken da, kollabiert von der Hitze.
„Siehst du die Flammen da, Junge?“, hörte er eine finstere Stimme.
Alex drehte sich um und sah den Jungen, mit dem er im Wagen eine Auseinandersetzung gehabt hatte. Er lief mit einem Freund neben ihm her und sah ihn böse an.
„Wenn ich dein Gesicht da rein stoße, wird niemand dich mehr erkennen – nicht mal deine Mama. Ich werde dir deine Hände abbrennen, bis nur noch verkohlte Stümpfe übrig sind. Du solltest genießen was du hast, bevor du es verlierst.“
Er stieß ein finsteres, gemeines Lachen aus, das fast wie ein Husten klang.
Alec, mit Marco an seiner Seite, sah ihn trotzig an.
„Du konntest mich im Wagen nicht schlagen“, antwortete Alec, „und du wirst es auch hier nicht schaffen.“
Der Junge kicherte.
„Das hier ist kein Wagen, Junge“, sagte er. „Wir werden heute Nacht in derselben Baracke schlafen. Eine Nacht, ein Dach. Du und ich. Und ich habe alle Zeit der Welt. Vielleicht nicht heute und vielleicht auch nicht morgen – doch eines Nachts, wenn du es am wenigsten erwartest, wirst du schlafen und ich werde dich kriegen. Dann wachst du in den Flammen auf. Träum süß“, schloss er lachend.
„Wenn du so ein Harter bist“, sagte Marco, „worauf wartest du dann? Wir sind hier. Versuch‘s doch!“
Alex sah wie der Junge zögerte und den pandesischen Kriegern einen Blick zuwarf.
„Zur rechten Zeit“, antwortete er.
Damit verzog er sich in die Menge.
„Mach dir keine Sorgen“, sagte Marco. „Du schläfst wenn ich Wache halte und du tust dasselbe für mich. Wenn dieser Abschaum in unsere Nähe kommt, werden sie sich wünschen, dass sie es nicht getan hätten“
Alec nickte zustimmend, dankbar, während er die Barracken betrachtete und staunte. Ein paar Meter vor dem Eingang schon konnte Alec den Gestank von Schweiß riechen, der aus dem Gebäude drang. Er wich zurück, als er hinein geschoben wurde.
Alec versuchte, sich an das Dämmerlicht in der Baracke zu gewöhnen, das nur durch ein paar kleine Fenster hoch oben ins Innere drang. Er sah den Sandboden und erkannte sofort, dass er Wagen, in dem sie gekommen waren, so schlimm er auch gewesen war, besser war, als das hier. Er sah reihenweise argwöhnische, feindselige Gesichter, die ihn musterten. Sie fingen an zu johlen und brüllen, sichtlich bemüht, sie, die Neulinge einzuschüchtern und ihr Territorium abzustecken.
„Frischfleisch!“, rief einer.
„Futter für die Flammen“, schrie ein anderer.
Alec begann, sich zunehmend Sorgen zu machen, als sie immer weiter in den großen Raum getrieben wurden. Schließlich blieb er vor einem freien Haufen Stroh stehen – nur um einen Tritt zu bekommen.
„Das ist mein Platz, Junge.“
Alec drehte sich um und sah einen älteren Rekruten, der ihn böse anstarrte und einen Dolch in Händen hielt.
„Es sei denn, du willst, dass ich dir den Hals aufschneide“, warnte er.
Marco trat dazwischen.
„Behalt dein Heu“, sagte er. „Es stinkt sowieso.“
Beide drehten sich um und gingen weiter in das lange Gebäude hinein, bis sie in einem Winkel im Schatten zwei Heuhaufen fanden. Beide waren an der Wand und kaum einen Meter voneinander entfernt.
Alec atmete sofort erleichtert auf; es fühlte sich so gut an, die schmerzenden Beine auszuruhen und still zu liegen. Er fühlte sich sicher mit dem Rücken zur Wand, in einer Ecke, wo man ihn nicht so einfach aus dem Hinterhalt angreifen konnte und er einen Blick über den ganzen Raum hatte. Er sah hunderte von Rekruten, die umherwanderten, einige stritten und jeden Augenblick kamen mehr herein. Er sah auch, wie ein paar tot an den Füßen herausgezerrt wurden. Dieser Ort war die Hölle auf Erden.
„Mach dir keine Hoffnungen – es wird noch schlimmer werden“, sagte eine Stimme neben ihm.
Alec drehte sich um und sah einen Jungen, ein paar Meter entfernt von ihm im Schatten liegen. Die Hände hinter dem Kopf verschränkt blickte er zur Decke auf. Er kaute an einem Strohhalm herum und hatte eine tiefe, müde Stimme.
„Der Hunger bringt die meisten um“, fügte der Junge finster hinzu. „Etwa die Hälfte aller Jungen, die hierher kommen, sterben daran. Die anderen sterben an irgendwelchen Krankheiten. Und wenn dich das nicht umbringt, wird es einer der Jungen tun. Vielleicht wegen einem Stück Brot – oder wie meistens, vollkommen grundlos. Vielleicht mag er einfach nicht, wie du gehst, oder wie du aussiehst. Vielleicht erinnerst du ihn an jemanden. Oder vielleicht sucht er einfach ein Ventil für seinen Hass. Ich hab letzte Nacht gesehen, wie einer einem die Kehle durchgebissen hat, bevor die anderen irgendwas tun konnten.“
Alec und Marco tauschten Blicke aus und fragten sich, auf was sie sich da eingelassen hatten.
„Und nein“, fügte der Junge hinzu. „Ich habe keinen gesehen, der mehr als einen Mond lang überlebt hat.“
„Du bist noch da“, stellte Marco fest.
Der Junge grinste und kaute weiter an seinem Strohhalm herum.
„Weil ich gelernt habe, zu überleben“, antwortete er.
„Wie lange bist du schon hier?“, fragte Alec.
„Zwei Monde“, antwortete er. „Die längsten Monde meines Lebens.“
Alec keuchte geschockt. Zwei Monde, die ihn zu demjenigen machten, der hier am längsten überlebt hat? Hier wurden die Jungen wirklich im wahrsten Sinne des Wortes verheizt. Er begann sich zu fragen, ob es ein Fehler gewesen war, hierher zu kommen; vielleicht hätte er einfach in Solis gegen die Pandesier kämpfen und schnell sterben sollen. Dann wäre er wenigstens zu Hause gestorben. Er dachte an Flucht; schließlich hatte er seinem Bruder den Dienst erspart – was hatte er davon, wenn er hierblieb?
Alec betrachtete die Wände, musterte die Fenster und Türen, zählte die Wachen und fragte sich, ob es eine Möglichkeit zur Flucht gab.
„Das ist gut“, sagte der Junge, der immer noch an die Decke starrte, jedoch irgendwoher wusste, was er dachte. „Denk an Flucht. Denk an alles andere, als an diesen Ort. Nur so kannst du überleben.“
Alex wurde rot, verlegen, weil der Junge seine Gedanken gelesen hatte, und erstaunt, dass es ihm gelungen war, ohne ihn überhaupt anzusehen.
„Doch versuch es besser nicht“, sagte der Junge. „Ich weiß nicht wie viele von uns jede Nacht dabei sterben. Besser getötet zu werden als so zu sterben.“
„Wie zu sterben?“, fragte Marco. „Foltern sie einen?“
Der Junge schüttelte den Kopf.
„Schlimmer“, antwortete er. „Sie lassen dich gehen.“
Alec sah ihn verwirrt an.
„Was meinst du?“, fragte er.
„Sie suchen sich die Stelle dazu gut aus“, erklärte er. „Der Wald da draußen ist eine einzige Todesfalle. Wilde Eber und andere Tiere, Trolle – alles was du dir vorstellen kannst. Keiner hat es je überlebt.“
Der Jung grinste und sah sie zum ersten Mal direkt an.
„Willkommen meine Freunde“, sagte er lächelnd. „Willkommen bei den Flammen!“
KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG
Kyra ging durch die verwinkelten Straßen von Volis, der Schnee knirschte unter ihren Stiefeln und sie war wie in Trance von ihrer ersten Schlacht. Alles war so schnell passiert, so viel grausamer und intensiver als sie es sie je vorstellen konnte. Männer waren auf schreckliche und schmerzhafte Weise gestorben – gute Männer - die sie ihr ganzes Leben lang gekannt hatte. Väter, Brüder, Ehemänner lagen nun tot im Schnee, ihre Leichen aufgestapelt vor den Toren des Forts, da der Boden zu hart gefroren war, um sie zu beerdigen.
Sie schloss die Augen und versuchte, die Bilder loszuwerden.
Es war ein großer Sieg gewesen und doch hatte es sie demütig werden lassen. Sie hatte gesehen, was eine echte Schlacht war, wie verletzlich das Leben war. Es hatte ihr gezeigt, wie leicht ein Mann sterben konnte und wie leicht es war einen Mann zu töten – beides empfand sie in gleichem Maße verstörend.
Eine große Kriegerin zu sein hatte sie sich immer gewünscht; doch sie konnte jetzt sehen, dass das mit einem hohen Preis einherkam. Sie strebte nach Heldenmut und Tapferkeit, doch das war alles andere als einfach. Anders als Kriegsbeute war das nicht etwas, das man greifen konnte, nichts, was man an die Wand hängen konnte. Und doch strebten die Krieger danach. Wo konnte man sie finden? Wohin waren sie verschwunden, jetzt, wo die Schlacht vorbei war? Woher kamen sie? Kyra gefiel es nicht, wenn sie etwas nicht verstehen oder kontrollieren konnte.
Sie fragte sich wo ihre Kräfte hergekommen waren – und wenn sie ehrlich war, hätte die für das Wissen, woher ihre Talente kamen, gerne auf diese Macht verzichtet.
Als Kyra durch die Straßen ging, war sie erstaunt über die Reaktion der Dorfbewohner. Nach der Schlacht hätte sie erwartet, dass sie in Panik ausbrachen, in ihre Häuser stürmten und alles zusammenpackten, um die Festung zu evakuieren. Schließlich waren die Männer des Lords tot, und sie würden sicher bald den Zorn Pandesias dafür zu spüren bekommen. Eine große, schreckliche Arme würde kommen; vielleicht morgen, vielleicht übermorgen oder in einer Woche – doch sie würden sicher kommen. Hier waren sie wandelnde Tote. Wie konnte es sein, dass sie sich nicht fürchteten?
Als sich Kyra unter die Leute mischte, spürte sie keine Furcht. Im Gegenteil: was sie sah, war ein überglückliches Volk, erfrischt, verjüngt; die Menschen schienen befreit zu sein. In reger Betriebsamkeit klopften sie einander auf den Rücken und feierten – und bereiteten sich vor.
Sie schärften ihre Waffen, verstärkten die Tore, stapelten Steine, lagerten Nahrungsmittel ein, und eilten zielstrebig umher. Die Bürger von Volis folgten dem Beispiel ihres Vaters mit eisernem Willen. Sie waren ein Volk, das man nicht so leicht verschrecken konnte, und tatsächlich schienen sie sich auf die nächste Konfrontation zu freuen – egal wie hoch der Preis war und egal wie schlecht die Chancen für sie standen.
Kyra bemerkte auch noch etwas anderes, als sie zwischen all den Leuten hindurchging, etwas, das ihr ein unbehagliches Gefühl gab: sie sahen sie mit anderen Augen. Die Nachricht über das, was sie getan hatte, hatte sich offensichtlich schnell verbreitet, und sie konnte das Geflüster hinter ihrem Rücken spüren. All diese Leute, die sie ihr ganzes Leben lang gekannt und geliebt hatte, sahen sie an, als wäre sie keine von ihnen. Plötzlich fühlte sie sich wie eine Fremde hier und sie fragte sich, wo ihre wahre Heimat war. Viel mehr noch wollte sie das Geheimnis ihres Vaters erfahren.
Kyra ging zu der dicken Festungsmauer hinüber und stieg die Treppen hinauf zu den oberen Stockwerken. Sie ging an den Männern ihres Vaters vorbei, die alle sieben Meter Wache standen, und sie konnte sehen, dass auch sie sie anders ansahen. In ihren Blicken lag ein Respekt, der da vorher nicht gewesen war. Sie freute sich darüber.
Kyra bog ab und über dem Tor sah sie ihren Vater stehen, der den Blick über die Landschaft schweifen ließ. Er hatte die Hände in die Hüften gestemmt und sah mit einigen Männern in den Schnee hinaus. Er blinzelte in den Wind, und er schien ihn nicht zu stören, genausowenig wie die frischen Wunden, die ihm in der Schlacht beigebracht worden waren.
Er verabschiedete seine Männer und wandte sich ihr zu.
Leo rannte auf ihn zu und leckte seine Hand, und ihr Vater erwiderte die Zuneigung dadurch, dass er ihn am Kopf kraulte.
Kyra stand allein vor ihrem Vater und wusste nicht, was sie sagen sollte. Er sah sie mit ausdrucksloser Miene an und sie war sich nicht sicher ob er böse auf sie war, stolz oder womöglich beides. Sein Gesicht war hart wie der Fels der Berge hinter ihnen, und so weiß wie der Schnee, der um sie herum fiel. Er sah aus wie die Steine, aus denen Volis gebaut worden war.
Er drehte sich um und blickte hinaus auf die Landschaft und sie folgte seinem Beispiel. Sie teilten die Stille, die nur vom Wind unterbrochen wurde, während sie darauf wartete, dass er etwas sagte.
„Ich habe immer gedacht, dass unsere Sicherheit, unser sicheres Leben hier, wichtiger war, als unsere Freiheit“, begann er schließlich. „Heute habe ich jedoch gemerkt, dass ich mich geirrt habe. Du hast mir gezeigt, was ich vergessen habe: dass Freiheit und Ehre mehr wert sind als alles andere.“
Er lächelte als er sie ansah, und sie war erleichtert, als sie die Wärme in seinen Augen sah.
„Du hast mir ein großes Geschenk gemacht“, sagte er. „Du hast mich daran erinnert, was Ehre bedeutet.“
Sie lächelte, tief berührt von seinen Worten und erleichtert, dass er nicht böse auf sie war. Der Riss in ihrer Beziehung schien gekittet zu sein.
„Es ist schwer, Männer sterben zu sehen“, fuhr er nachdenklich fort, und ließ den Blick wieder über die Hügel schweifen. „Selbst für mich.“
Eine lange Stille folgte, und Kyra fragte sich, ober er ansprechen würde, was geschehen war. Sie wollte es selbst tun, doch war sich nicht sicher wie.
„Ich bin anders, nicht wahr, Vater?“, fragte sie schließlich mit leiser Stimme.
Mit unergründlichem Blick starrte er weiter gen Horizont, bis er leicht nickte.
„Es hat etwas mit meiner Mutter zu tun, nicht wahr?“, hakte sie nach. „Wer war sie? Bin ich überhaupt deine Tochter?“
Er drehte sich um und sah sie traurig an.
„Das sind Fragen, die ich dir beantworten werde, wenn du dazu bereit bist.“
„Ich bin jetzt dazu bereit“, beharrte sie.
Er schüttelte den Kopf.
„Es gibt viele Dinge, die du vorher lernen musst, Kyra. Viele Geheimnisse, die ich vor dir bewahren musste“, sagte er, und in seiner Stimme klang Bedauern mit. „Es hat mir schrecklich wehgetan, doch es war zu deinem Schutz. Du sollst bald alles wissen; wissen, wer du wirklich bist.“
Mit pochendem Herzen stand sie da und wollte es unbedingt wissen, und doch fürchtete sie sich davor.
„Ich dachte, dass ich dich großziehen könnte“, seufzte er. „Sie haben mich davor gewarnt, dass dieser Tag kommen würde, doch ich habe es nicht geglaubt. Bis heute. Bis ich deine Fähigkeiten gesehen habe. Deine Talente… sie übersteigen mein Verständnis.“
Sie legte verwirrt die Stirn in Falten.
„Ich verstehe dich nicht Vater“, sagte sie. „Was sagst du da?“
Sein Gesicht nahm einen entschlossenen Ausdruck an.
„Es ist an der Zeit, dass du uns verlässt“, sagte er entschlossen in dem Tonfall, der keine Widerrede duldete. „Du musst Volis sofort verlassen und zu deinem Onkel gehen, dem Bruder deiner Mutter. Sein Name ist Akis und er lebt im Turm von Ur.“
„Im Turm von Ur?“, antwortete sie. „Ist mein Onkel einer der Wächter?“
Ihr Vater schüttelte den Kopf.
„Er ist viel mehr als das. Er ist derjenige, der dich trainieren muss – und er ist derjenige – der einzige – der dir sagen kann, wer du bist.“
Während sie aufgeregt war, das Geheimnis zu erfahren, wer sie wirklich war, war sie von der Vorstellung, Volis verlassen zu müssen überfordert.
„Ich will nicht gehen“, sagte sie. „Ich will hier bleiben bei dir. Besonders jetzt!“
Er seufzte.
„Leider ist das was du oder ich wollen nicht länger von Bedeutung“, sagte er. „Es geht nicht mehr um dich oder mich. Es geht um Escalon – ganz Escalon. Das Schicksal unseres Landes liegt in deinen Händen. Kannst du es nicht sehen Kyra?“, sagte er und wandte sich ihr zu. „Du bist es. Du bist diejenige, die unser Volk aus der Finsternis führen wird.“
Sie blinzelte erschrocken und konnte seine Worte kaum fassen.
„Aber wie?“, fragte sie. „Wie ist das möglich?“
Er verstummte und weigerte sich, ihr mehr zu erklären.
„Ich kann dich nicht verlassen, Vater“, bettelte sie. „Ich werde dich nicht verlassen. Nicht jetzt.“
Traurig betrachtete er die Landschaft.
„Innerhalb von zwei Wochen wird all das, was du hier siehst, zerstört sein. Für uns gibt es keine Hoffnung. Du musst gehen, solange du noch gehen kannst. Du bist unsere einzige Hoffnung. Hier bei uns zu sterben hilft niemandem.“
Kyra taten die Worte weh. Sie brachte es nicht übers Herz ihre Leute zum Sterben zurückzulassen.
„Sie werden zurückkommen, nicht wahr?“, fragte sie.
Es war eher eine Feststellung als eine Frage.
„Das werden sie“, antwortete er. „Sie werden wie eine Herde von Heuschrecken über Volis herfallen. All das hier wird bald nicht mehr sein.“
Bei seiner Antwort zog sich ihr Magen zusammen, und doch wusste sie, dass es die Wahrheit war – und dafür war sie dankbar.
„Und was ist mit der Hauptstadt?“, fragte Kyra. „Was ist mit dem alten König? Könntest du nicht nach Andros schicken, die alte Armee zusammenrufen, und echten Widerstand leisten?
Er schüttelte den Kopf.
„Der König hat einmal kapitulier“, sagte er wehmütig. „Die Zeit zu kämpfen ist vorbei. Andros wird jetzt von Politikern regiert, nicht von Kriegern, und man kann keinem von ihnen trauen.“
„Aber sie würden doch sicherlich für Escalon eintreten, wenn schon nicht für Volis“, beharrte sie.
„Volis ist nur ein Bollwerk“, sagte er. „Sie können es sich leisten, uns den Rücken zuzukehren. Unser Sieg heute, so großartig er auch war, war zu klein, als dass sie es riskieren würden, ganz Escalon zum Kampf aufzurufen.“
Beide verstummten und während sie den Horizont betrachteten, dachte Kyra über seine Worte nach.
„Hast du Angst?“, fragte sie.
„Ein guter Anführer muss die Angst kennen“, antwortete er. „Angst schärft unsere Sinne, und hilft uns, uns vorzubereiten. Es ist nicht der Tod den ich fürchte – ich habe nur Angst davor, nicht mit Ehre zu sterben.“
Sie standen da, betrachteten den Himmel, und sie erkannte den Sinn in seinen Worten. Eine angenehme Stille legte sich über sie.
Schließlich wandte er sich ihr zu.
„Wo ist dein Drache jetzt?“, fragte er, dann drehte er sich um und ging davon, wie es manchmal seine Art war.
Kyra starrte allein zum Horizont; sie hatte sich seltsamerweise dasselbe gefragt. Der Himmel war außer der dicken Wolke leer, und insgeheim hoffte sie immer, einen Schrei zu hören oder seine Flügel zwischen den Wolken zu sehen.
Doch da war nichts. Nichts außer Leere und Stille und die Frage ihres Vaters.
Wo ist dein Drache jetzt?
KAPITEL DREIUNDZWANZIG
Alec wurde plötzlich von einem tritt in die Rippen geweckt und riss die Augen auf. Erschöpft und desorientiert wischte er sich das Heu aus dem Gesicht und erinnerte sich, wo er war: die Baracken. Er war fast die ganze Nacht lang wach gewesen und hatte über Marco gewacht, während permanent irgendwo jemand kämpfte und im Schatten hin und her kroch, oder einander Drohungen zuriefen. Wieder hatte er zugesehen, wie mehr als nur ein Junge tot aus dem Gebäude geschleift wurde, doch nicht bevor die anderen sich auf seinen Leichnam gestürzt und ihm alles vom Leibe gerissen hatten, was sie zu fassen bekamen.
Alec wurde wieder getreten, doch diesmal drehte er sich um, bereit für alles. E blickte auf und blinzelte in die Dunkelheit. Überrascht sah er, dass dort keiner der Jungen über ihm stand sondern zwei pandesische Krieger. Sie traten auf all die anderen Jungen ein, packten sie, und zerrten sie auf die Beine. Alec spürte grobe Hände unter seinen Armen und auch er wurde hochgezerrt und aus der Baracke getrieben.
„Was ist los? Was passiert hier?“, murmelte er, immer noch nicht sicher ob er wach war oder träumte.
„Du hast Dienst“, sagte der Krieger. „Du bist nicht zum Vergnügen hier, Junge.“
Alec hatte sich schon gefragt, wann sie auf eine Patrouille geschickt werden würden, doch mitten in der Nacht hatte er nicht damit gerechnet, und schon gar nicht so kurz nach der anstrengenden Reise. Schlaftrunken stolperte er vorwärts und fragte sich, wie er das überleben sollte. Seitdem sie angekommen waren hatten sie noch nichts zu essen bekommen, und er fühlte sich schwach.
Vor ihm brach ein Junge zusammen, vielleicht vor Hunger, vielleicht vor Erschöpfung – es war egal. Die Krieger stürzten sich auf ihn und traten brutal auf ihn ein, bis er sich nicht mehr bewegte. Sie ließen ihn einfach auf dem gefrorenen Boden liegen und gingen weiter.
Alec wollte nicht wie dieser Junge enden und riss sich zusammen. Marco kam zu ihm.
„Hast du überhaupt geschlafen?“, fragte er ihn mit einem schiefen Lächeln.
Alec schüttelte den Kopf.
„Keine Sorge“, sagte Marco. „Wir können schlafen, wenn wir tot sind, und dürfte hier nicht allzu lange auf sich warten lassen.“
Sie kamen um eine Biegung und Alec wurde einen Augenblick lang von den Flammen geblendet, die kaum fünfzig Meter weit weg waren und eine enorme Hitze ausstrahlten.
„Wenn ein Troll auftaucht“, rief ein pandesischer Krieger, „tötet ihn. Und bringt euch nicht gegenseitig um; zumindest nicht bis zum Morgen. Wir wollen dass dieser Abschnitt gut bewacht ist.“
Alec bekam noch einen letzten Tritt, dann ließen die Krieger die Jungen einfach in der Nähe der Flammen zurück und marschierten davon. Er fragte sich, warum sie glaubten, dass sie Wache schieben und nicht davonlaufen würden – doch als er sich umdrehte, sah er überall Wachtürme, die mit Männern mit Armbrüsten besetzt waren. Mit dem Finger am Abzug schienen sie nur darauf zu warten, dass einer der Jungen zu fliehen versuchte.
Alec stand da, ohne Rüstzeug, ohne Waffen und fragte sich wie er so viel Erfolg haben sollte. Er sah sich um und bemerkte, dass einige der anderen Jungen Schwerter hatten.
„Wo hast du das her?“, fragte Alec einen der Jungen.
„Wenn einer stirbt, nimmst du es dir einfach“, rief er ihm zu. „Wenn nicht jemand anderes schneller ist.“
Marco schnitt eine Grimasse.
„Wie sollen wir unbewaffnet Wache stehen?“, fragte er.
Einer der anderen Jungen, dessen Gesicht vom Ruß geschwärzt war, kicherte.
„Neulinge bekommen keine Waffen“, sagte er. „Sie erwarten sowieso, dass ihr sterbt, und wenn ihr nach ein paar Nächten immer noch da seid, dann findet ihr schon eine.“
Alec starrte in die Flammen, die so intensiv prasselten und sein Gesicht wärmten. Er versuchte, nicht daran zu denken, was auf der anderen Seite lauerte und darauf wartete, durchzubrechen.
„Und in der Zwischenzeit?“, fragte er. „Was, wenn ein Troll durch die Flammen kommt?“
Einer der Jungen lachte.
„Dann tötest du ihn mit bloßen Händen!“, rief er. „Vielleicht überlebst du es ja – doch andererseits, vielleicht überlebst du es auch nicht. Wenn einer durchkommt, brennt er, und du verbrennst wahrscheinlich mit ihm.“
Die anderen Jungen drehten sich um und verteilten sich auf ihre Posten, und Alec, unbewaffnet, starrte verzweifelt die Flammen an.
„Sie haben uns zum Sterben hierher geschickt“, sagte er zu Marco.
Marco, der ein paar Meter von ihm entfernt stand, starrte desillusioniert in die Flammen.
„Die Flammen zu hüten war einst eine edle Berufung“, sagte er mit beklommener Stimme. „Doch das war, bevor Pandesia Escalon besetzt hat. Doch jetzt… jetzt scheint es etwas vollkommen anderes zu sein. Die Pandesier wollen nicht, dass die Trolle durchkommen, doch sie wollen ihre eigenen Männer nicht verheizen. Sie wollen, dass wir die Flammen bewachen – und lassen uns zum Sterben hier draußen.“
„Vielleicht sollten wir sie dann durchlassen“, sagte Alec, „und sie alle töten lassen.“
„Das könnten wir tun“, sagte Marco. „Doch dann würden sie Escalon verwüsten und auch unsere Familien töten.“
Sie schwiegen und starrten gemeinsam in die Flammen. Alec wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, während er nachdachte. Er konnte das Gefühl nicht loswerden, seinem eigenen Tod ins Gesicht zu blicken. Was seine Familie wohl gerade tat? Dachten sie an ihn? Machte es ihnen überhaupt etwas aus, dass er fort war?
Alec spürte, wie er sich in erdrückenden Gedanken verlor und wusste, dass er seine Stimmung ändern musste, wenn er überleben wollte. Er zwang sich, den blick abzuwenden, zurück über seine Schulter und den dunklen Waldrand zu beobachten. Der Wald war stockdunkel, bedrohlich, und die meisten der Krieger auf den Wachtürmen machten sich kaum die Mühe, sie zu beobachten.
„Sie haben Angst, selbst Wache zu stehen“, bemerkte Alec, als er zu den Kriegern aufblickte. „Doch sie wollen auch nicht, dass wir fliehen. Feiglinge!“
Kaum hatte Alec die Worte ausgesprochen, da spürte er plötzlich einen schrecklichen Schmerz im Rücken, der ihn nach vorn stolpern ließ. Bevor er wusste, was geschah, spürte er, wie eine Keule auf seine Rippen traf und landete mit dem Gesicht voran am Boden.
Dann hörte er eine finstere Stimme, die er sofort erkannte.
„Ich hab dir doch gesagt, dass ich dich finden würde, Junge!“
Bevor er reagieren konnte, wurde Alec grob von hinten gepackt und auf die Flammen zu geschleift. Sie waren zu zweit, der Junge aus dem Wagen und sein Freund – und Alec versuchte, sich zu wehren, doch es half nichts. Sie waren zu stark und als sie ihm immer näher an die Flammen heran zerrten, spürte er die Hitze des Feuers.
Alec hörte Geräusche und als er sich umsah, sah er, dass Marco gefesselt war und von zwei anderen Jungen zurückgehalten wurde. Sie hatten es gut geplant – sie wollten sie wirklich tot sehen.
Alec versuchte sich zu wehren, doch er konnte keinen Halt finden. Sie zerrten ihn immer dichter an die Flammen heran, kaum zehn Meter entfernt, und die Hitze war so intensiv, dass es sich bereits hier anfühlte, als würde sein Gesicht schmelzen. Er wusste, dass es nur noch ein paar Meter waren, bis er für immer entstellt oder tot sein würde.
Alec bäumte sich auf, doch sie hatten ihn so fest im Griff, dass er sich nicht befreien konnte.
„NEIN!“, schrie er.
„Zeit, es dir heimzuzahlen!“, zischte ihm der Junge ins Ohr.
Dann plötzlich hörte er einen schrecklichen Schrei und Alec bemerkte erschrocken, dass es nicht sein eigener war. Die Hände, die ihn festgehalten hatten, ließen los und er taumelte sofort zurück. Im selben Augenblick sah er einen Blitz und sah wie hypnotisiert zu, wie eine brennende Kreatur durch die Flammen brach, und auf den Jungen neben ihm stürzte.
Der Troll, immer noch brennend, rollte mit dem Jungen über den Boden und grub seine Fangzähne in seinen Hals. Bevor er starb, konnte er noch einen letzten markerschütternden Schrei ausstoßen.
Der Troll drehte sich um und sah sich in wilder Raserei um. Seine Augen, groß und rot, begegneten Alecs Blick. Alec hatte schreckliche Angst. Immer noch brennend, röchelte der Troll durch sein geöffnetes Maul; von den langen Fangzähnen tropfte Blut und der Blutdurst sprach aus seinem Blick, wie bei einem wilden Tier.
Alec stand da, starr vor Angst, unfähig sich zu bewegen.
Der andere Junge rannte davon und der Troll, der die Bewegung wahrnahm, wandte sich von Alec ab und stürzte sich stattdessen auf den anderen. Mit einem Satz riss er ihn zu Boden, immer noch brennend und biss ihm den Nacken durch.
Marco riss sich von den erschrockenen Jungen los, die ihn festhielten, zerriss seine brüchigen Fesseln, schlug einem ins Gesicht und trat dem anderen zwischen die Beine.
Die Glocke eines Wachturms erklang und Chaos brach aus. Jungen kamen aus allen Richtungen angerannt, um gegen den Troll zu kämpfen. Sie stachen mit Speeren auf ihn ein, doch die meisten hatten Angst, sich ihm zu nähern. Unerfahren wie sie waren. Der Troll packte einen Speer und riss den Jungen zu sich heran, und hielt ihn fest, bis auch er anfing, zu brennen. Der Junge kreischte.
„Das ist unsere Chance!“, zischte ihm eine Stimme zu.
Alec sah Marco, der an seinem Ärmel zog.
„Sie sind alle abgelenkt, das könnte unsere einzige Chance sein.“
Marco sah sich um und Alec folgte seinem Blick in Richtung des Waldes. Er wollte fliehen.
Dunkel und bedrohlich lag der Waldrand vor ihnen. Alec wusste, dass dort noch viel größere Gefahren lauerten, doch er wusste auch, dass Marco Recht hatte: dies war ihre Chance; und außer dem Tod hatten sie hier ohnehin nichts zu erwarten.
Alec nickte und ohne ein weiteres Wort zu verlieren rannten sie gemeinsam los, weg von den Flammen, auf den Wald zu.
Alecs Herz pochte wild, denn er rechnete damit jeden Augenblick von einem Pfeil durchbohrt zu werden. Doch als er einen Blick zurück über seine Schulter warf, sah er, dass alle mit dem Troll beschäftigt waren.
Einen Augenblick später waren sie im Wald, umgeben von Finsternis, und wussten, dass sie womöglich hier sterben würden, doch zumindest waren sie frei.
KAPITEL VIERUNDZWANZIG
Kyra stand vor den Toren von Volis und betrachtete die winterliche Landschaft. Der Himmel war von roten Streifen durchzogen wo die Sonne versuchte, durch die Wolken zu brechen. Schwer atmend ließ sie einen weiteren Stein auf die wachsende Mauer fallen. Kyra hatte sich den anderen Angeschlossen, die die Steine am Fluss sammelten um einen weiteren Verteidigungsring um Volis herum zu errichten. Während der Maurer neben ihr den Lehm auf die Steine schmierte, platzierte sie einen Stein nach dem anderen. Ihre Arme zitterten und sie brauchte eine Pause.
Kyra und hunderte andere standen entlang der Mauer und türmten sie immer höher auf. Andere, auf der anderen Seite der Mauer, gruben neue Gräben, während wieder andere Gräber für die Toten aushoben.
Kyra wusste, dass all das umsonst war, dass es die große pandesische Armee, die auf sie zukam, nicht zurückhalten würde, und dass – egal was sie taten – alle hier sterben würden. Doch sie bauten mit ungebrochener Energie weiter. Es gab ihnen etwas zu tun, gab ihnen das Gefühl, die Kontrolle zu haben, während sie dem Tod in die Augen blickten.
Während sie eine Pause machte, lehnte sie sich an die Mauer und ließ den Blick über die Landschaft schweifen. Alles war so still, der Schnee dämpfte jedes Geräusch, als gäbe es nichts auf der Welt, das den Frieden stören könnte. Doch sie wusste, dass dem nicht so war: sie wusste, dass die Pandesier irgendwo da draußen waren und den Angriff vorbereiteten. Sie wusste, dass sie zurückkommen, und alles, was ihr so viel bedeutete, zerstören würden. Was sie vor sich sah, war nicht mehr als eine Illusion, die Ruhe vor dem Sturm. Es fiel ihr schwer zu verstehen, wie die Welt in einem Augenblick so still und so perfekt sein konnte, und im anderen so voller Chaos und Zerstörung.
Kyra warf einen Blick über ihre Schulter und sah, dass die Leute langsam die Arbeiten einstellten, denn der Abend kam. Sie legten ihre Kellen und Schaufeln nieder und kehrten langsam in ihre Häuser zurück. Rauch stieg aus den Kaminen aus und Kerzen erhellten sie Fenster und Volis sah so heimelig, so sicher aus, als könnte nichts in der Welt ihnen etwas anhaben. Sie staunte über diese Illusion.
Während sie dastand hallten die Worte ihres Vaters in ihren Ohren wieder und seine Bitte, sofort zu gehen. Sie dachte an ihren Onkel, den sie noch nie gesehen hatte, und die Reise, auf die sie sich dafür machen musste – quer durch Escalon, durch Whitewood hindurch bis zum Turm von Ur. Sie dachte an ihre Mutter, an das Geheimnis, das ihr niemand erzählen wollte. Sie dachte daran, dass ihr Onkel sie trainieren würde, damit sie noch stärker wurde – und darauf freute sie sich.
Und doch, als sie sich um drehte und die Leute betrachtete, wusste sie, dass sie sie nicht in dieser Zeit der Not im Stich lassen konnte, selbst, wenn sie damit ihr eigenes Leben retten könnte. Das entsprach einfach nicht ihrer Natur.
Ein leises Horn erklang und signalisierte das Ende des Arbeitstages.
„Die Nacht bricht herein“, sagte der Maurer, der neben ihr stand und legte seine Kelle nieder. „In der Dunkelheit können wir nichts tun. Komm, lass uns essen gehen“, sagte er, während die anderen schon über die Brücke und durch die Tore zurück in die Festung gingen.
„Ich komme gleich“, sagte sie. Sie wollte noch ein wenig die Ruhe und den Frieden genießen. Sie war am glücklichsten, wenn sie draußen sein konnte, allein, in der Natur.
Leo winselte und leckte sich die Lefzen.
„Nimm bitte Leo mit, er ist hungrig.“
Leo musste sie verstanden haben, denn sofort sprang er dem Maurer hinterher.
Kyra stand vor der Festungsanlage, schloss die Augen, und verlor sich in ihren Gedanken. Endlich verstummte auch der letzte Hammer, endlich spürte sie wirklichen Frieden.
Sie sah sich um und betrachtete den Horizont, den Waldrand, der immer dunkler wurde, die dunklen grauen Wolken mit den scharlachroten Streifen und sie fragte sich – wann würden sie kommen? Mit wie vielen Männern würden sie kommen? Wie würde die Armee aussehen?
Als sie sich umsah, sah sie überrascht eine Bewegung in der Ferne. Ein einzelner Reiter löste sich vom Waldrand und ritt auf der Straße auf das Fort zu. Unbewusst griff Kyra nach ihrem Bogen und fragte sich, ob es ein Kundschafter war, oder die Vorhut der Armee.
Doch als er näher kam, erkannte sie ihn und entspannte sich. Es war einer der Männer ihres Vaters: Maltren. Er ritt und hielt dabei ein weiteres reiterloses Pferd an den Zügeln. Ein höchst seltsamer Anblick.
Maltren blieb abrupt vor ihr stehen und sah sie eindringlich an.
„Was ist?“, fragte sie alarmiert. „Kommen die Pandesier?“
Schwer atmend saß er auf seinem Pferd und schüttelte den Kopf.
„Es ist dein Bruder“, sagte er. „Aidan.“
Bei der Erwähnung seines Namens schnürte es Kyra den Hals zu. Sie wurde nervös.
„Was ist mit ihm?“, fragte sie aufgeregt.
„Er ist schwer verletzt“, sagte er. „Er braucht Hilfe!“
Kyras Herz raste. Aidan, verletzt? Ihre Gedanken drehten sich im Kreis und sie stellte sich die schrecklichsten Szenarien vor.
„Was ist passiert?“, wollte sie wissen. „Was hat er im Wald zu suchen? Ich dachte er war im Fort und hat bei den Vorbereitungen für das Essen geholfen“
Maltren schüttelte den Kopf.
„Er war mit deinen Brüdern draußen“, sagte er. „Sie sind auf die Jagd gegangen. Er ist vom Pferd gestürzt und hat sich die Beine gebrochen.“
Ein Adrenalinstoß schoss durch Kyras Adern. Ohne nachzudenken sprang sie auf das Pferd, das er am Zügel führte.
Wenn sie sich nur einen Augenblick Zeit genommen hätte, um im Fort nachzusehen, hätte sie Aidan sicher dort vorgefunden. Doch seine drängenden Worte brachten sie dazu, Maltren nicht infrage zu stellen.
„Bring mich zu ihm“, sagte sie.
Beide ritten gemeinsam los, weg von Volis, auf den dunklen Wald zu.
*
Kyra und Maltren galoppierten die Straße entlang über die sanften Hügel dem Wald entgegen, und sie grub ihre Fersen in die Flanken des Pferdes, bestrebt, Aidan zu retten. Zahllose Szenarien schossen ihr durch den Kopf. Wie konnte Aidan beide Beine gebrochen haben? Warum waren ihre Brüder so kurz vor Einbruch der Dunkelheit auf die Jagd gegangen, wo doch ihr Vater verboten hatte, das Fort zu verlassen. Nichts ergab einen Sinn.
Sie erreichten den Rand des Waldes und überrascht bemerkte sie, dass Maltren plötzlich sein Pferd anhielt. Sie blieb stehen und sah zu, wie er abstieg. Auch sie stieg ab und sah irritiert zu, wie er m Waldrand stehen blieb.
„Warum bleibst du stehen?“, fragte sie. „Ich dachte Aidan ist im Wald?“
Kyra sah sich um und spürte plötzlich, dass etwas ganz und gar nicht stimmte – als plötzlich der Lord Regent selbst, flankiert von zwei Dutzend Männern, aus dem Wald trat. Sie hörte Schritte hinter sich und wirbelte herum, um zu sehen, dass weitere zwei Dutzend Männer sie umzingelten. Alle richteten gespannte Bögen auf sie und einer packte die Zügel ihres Pferdes. Ihr stockte der Atem als sie begriff, dass sie in eine Falle gelockt worden war.
Wütend sah sie Maltren an als sie realisierte, dass er sie verraten hatte.
„Warum?“, fragte sie, angewidert von seinem Anblick. „Du gehörst zu den Männern meines Vaters. Warum solltest du so etwas tun?“
Der Lord Regent ging zu Maltren hinüber und reichte ihm einen Sack mit Gold, während Maltren schuldbewusst den Blick abwandte.
„Du wirst sehen, dass für ausreichend Gold“, sagte de Lord Regent und wandte sich ihr mit einem hochmütigen Lächeln an, „beinahe jeder Mann zu tun bereit ist, was immer du wünschst. Maltren wird reich sein, reicher, als dein Vater es jemals war, und ihm bleibt der Tod erspart, der auf alle im Fort wartet“
Kyra sah Maltren böse an und konnte es kaum fassen.
„Elender Verräter!“, sagte sie.
Er erwiderte ihren Blick.
„Ich bin unser aller Retter“, sagte er. „Dank dir wären all unsere Leute beinahe getötet worden. Doch dank mir, wird Volis das erspart. Ich habe einen Handel geschlossen. Du darfst mir für ihre Leben danken“, grinste er zufrieden. „Und alles, was ich dafür tun musste, war dich auszuliefern.“
Kyra wurde plötzlich grob von hinten gepackt und hochgehoben. Sie versuchte um sich zu schlagen, buckelte und wand sich, doch sie konnte sie nicht loswerden und war ihnen hilflos ausgeliefert, während ihre Hände und Füße gefesselt wurden und sie in eine Kutsche geworfen wurde.
Einen Augenblick später wurde eine eiserne Gittertür zugeschlagen und die Kutsche fuhr los. Sie wusste, dass egal wo sie sie hinbrachten, niemand jemals wieder von ihr hören würde. Als sie in den Wald fuhren, war sie sich sicher, dass ihr Leben, so wie sie es bisher gekannt hatte, vorbei war.
KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG
Der Riese lag zu Vesuvius Füßen, gefesselt mit tausend Seilen, gehalten von hundert Trollen. Vesuvius betrachtete ihn fasziniert. Die Kreatur beugte knurrend den Nacken und versuchte ihn zu erreichen, ihn zu töten – doch er konnte sich nicht bewegen.
Vesuvius grinste erfreut. Es gefiel ihm, Macht über hilflose Wesen zu haben, und mehr als alles andere genoss er es, wenn Gefangene litten.
Den Riesen hier in seiner eigenen Höhle zu sehen, zurück auf seinem eigenen Gebiet, versetzte ihn in freudige Erregung. In der Lage zu sein, so dicht neben ihm zu stehen, gab ihm das Gefühl, allmächtig zu sein, als gäbe es nichts auf der Welt, was er nicht überwinden konnte. Endlich, nach all diesen Jahren, war sein Traum wahr geworden. Endlich war er in der Lage, sein lebenslanges Ziel zu erreichen, den Tunnel zu bauen, durch den er die Trolle unter den Flammen hindurch in den Westen führen konnte.
Vesuvius blickte auf die Kreatur herab..
„Wie du siehst, bist du nicht so stark wie ich“, sagte er. „Niemand ist so stark wie ich.“
Die Kreatur brüllte, ein schreckliches Geräusch, und wehrte sich vergeblich. Doch die Trolle, die ihn hielten schwankten dabei und die Seile rutschten, doch sie gaben nicht nach. Vesuvius wusste, dass sie nicht viel Zeit hatten. Wenn er seinen Plan umsetzten wollte, dann war jetzt die Zeit dazu gekommen.
Vesuvius drehte sich um und betrachtete die Höhle. Tausende von Arbeitern hatten mit ihrer Arbeit innegehalten, um den Riesen zu sehen. Am anderen Ende lag der unvollendete Tunnel, und Vesuvius wusste, dass der schwierige Teil erst noch kam. Er musste den Riesen dazu bringen, zu arbeiten. Irgendwie musste er ihn dazu bringen, in den Tunnel zu gehen und sich durch den Fels zu graben. Doch wie?
Vesuvius stand da und zermarterte sich das Hirn bis er eine Idee hatte.
Er drehte sich zu dem Riesen um und zog sein Schwert, das von den Feuern der Höhle zum Leuchten gebracht wurde.
„Ich werde deine Seile durchschneiden“, sagte Vesuvius zu dem Riesen, „denn ich fürchte dich nicht. Du wirst frei sein, und du wirst meinem Befehl folgen. Du wirst dich durch den Fels dieses Tunnels graben und nicht aufhören, bis du dich unter den Flammen von Escalon durchgegraben hast.“
Der Riese stieß einen trotzigen Schrei aus.
Vesuvius drehte sich um und betrachtete seine Trolle, die auf seinen Befehl warteten.
„Wenn ich mein Schwert senke“, rief er mit polternder Stimme, „werdet ihr alle gleichzeitig seine Fesseln durchschneiden. Dann treibt ihr ihn mit euren Waffen in den Tunnel.“
Seine Trolle sahen ihn nervös an. Alle hatten Angst sich auch nur vorzustellen was geschehen konnte, wenn sie ihn freiließen. Auch Vesuvius fürchtete sich davor, doch er würde es niemals zeigen. Und er wusste, dass es keinen anderen Weg gab – er musste es tun.
Vesuvius verschwendete keine Zeit. Er trat entschieden vor, hob sein Schwert und schlug das erste der dicken Taue durch, die um den Hals des Riesen lagen.
Sofort folgten hunderte von Trollen seinem Beispiel, hoben ihre Schwerter und trennten die Taue durch.
Vesuvius zog sich schnell unauffällig zurück, denn er wollte nicht, dass seine Männer sahen, dass er Angst hatte. Er huschte zurück hinter seine Männer, in den Schatten des Felsen, außer Reichweite der Kreatur. Er wollte zunächst abwarten, was geschah.
Ein schreckliches Brüllen hallte durch den Berg als der Riese sich wütend erhob und ohne zu zögern um sich schlug. Mit jeder Hand fegte er vier Trolle von den Füßen und warf sie durch die Luft an die Wand der Höhle.
Der Riese ballte seine Hände zu Fäusten, holte aus und schlug mit ihnen wie mit Hämmern auf die Trolle ein, die versuchten, ihm zu entkommen. Sie rannten um ihr Leben, doch es war zu spät. Er zerquetschte sie wie Ameisen, und die Höhle erzitterte unter jedem seiner Schlagen. Er hob seine Füße und zertrampelte die Trolle, die versuchten, zwischen seinen Beinen hindurch zu fliehen.
Wutentbrannt tötet er wahllos die Trolle um sich herum. Niemand schien seinem Zorn entkommen zu können.
Vesuvius sah mit Grauen zu. Er winkte seinem Kommandanten zu, und sofort erklang ein Horn.
Auf das Signal hin stürmten Hunderte von Trollen mit langen Speeren und Peitschen aus dem Schatten, um die Kreatur in die richtige Richtung zu treiben. Sie umzingelten sie, und gaben ihr Bestes, sie in den Tunnel zu scheuchen.
Doch Vesuvius sah mit Grauen zu, wie sein Plan vor seinen Augen wie ein Kartenhaus zusammenfiel. Der Riese holte aus, und versetzte einem Dutzend Trollen gleichzeitig einen Tritt; dann schwang er seine Arme herum und warf fünfzig von ihnen an die Wand und zerquetschte sie mitsamt ihrer Speere. Andere trampelte er nieder und tötete so schnell so viele, dass keiner an ihn herankam. Ihre Waffen waren nutzlos gegen diese Kreatur, auch wenn sie haushoch in der Überzahl waren. Vesuvius Armee löste sich vor seinen Augen in Luft auf.
Vesuvius dachte nach. Er konnte den Riesen nicht töten – er brauchte ihn lebendig, musste seine Stärke für sich nutzen. Doch er musste ihm gehorchen. Aber wie? Wie konnte er ihn dazu bringen, in den Tunnel zu gehen?
Plötzlich hatte er eine Idee: wenn er ihn schon nicht treiben konnte, vielleicht konnte er ihn locken.
Er drehte sich um und packte den nächstbesten Troll bei den Schultern.
„Du“, befahl er. „Lauf in den Tunnel, und sorg dafür, dass der Riese dich sieht.“
Der Troll starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an.
„Aber mein Herr und König, was, wenn er mir folgt?“
Vesuvius grinste.
„Genau das soll er tun!“
Der Troll stand mit Panik in den Augen vor ihm, zu verängstigt, um seinem Befehl zu folgen – bis Vesuvius ihm kurzerhand seinen Dolch ins Herz rammte. Dann trat er neben den nächsten Troll und hielt ihm den Dolch an den Hals.
„Du kannst hier und jetzt sterben“, knurrte er, „oder du kannst in den Tunnel rennen und hast eine Chance, zu überleben. Du hast die Wahl.“
Vesuvius sah zu, wie der er durch die Höhle eilte, und über die toten und sterbenden Trolle bahnte, durch die Beine der Kreatur eilte und auf den Eingang des Tunnels zu.
Der Riese sah ihn, trat zu, und verfehlte ihn nur knapp. Wütend folgte der Riese, ganz so, wie Vesuvius gehofft hatte, dem rennenden Troll. Er stampfte durch die Höhle, und jeder Schritt ließ die Wände erzittern. Auch wenn er hoch und breit war, endete der Tunnel trotz jahrelanger Arbeit nach nur fünfzig Metern, und der Troll stand bald vor der zerklüfteten Wand am Ende. Wütend stürmte der Riese ihm hinterher. Als er den Troll erreichte griff er mit seinen riesigen Pranken nach ihm. Der Troll duckte sich, und der Riese schlug stattdessen gegen den Fels. Der Boden erzitterte, und mit lautem Grollen brach eine Felslawine los, begleitet von einer riesigen Staubwolke.
Vesuvius Herz schlug schneller. Das war genau das, was er wollte. Davon hatte er immer geträumt, es war genau, was nötig war und was er sich von dem Tag an vorgestellt hatte, an dem er angefangen hatte, nach der Kreatur zu suchen.
Der Riese schlug wieder zu und zertrümmerte wieder ein großes Stück Fels – und grub sich mit einem einzigen Schlag mehr als fünfzehn Meter weiter in den Fels – weiter als Vesuvius Sklaven innerhalb eines ganzen Jahres vorgedrungen waren.
Vesuvius war überglücklich, denn nun war er davon überzeugt, dass sein Plan aufgehen konnte.
Doch der Riese packte den Troll und biss ihm kurzerhand den Kopf ab.
„SCHLIESST DEN TUNNEL!“, befahl Vesuvius eilig.
Hunderte von Trollen eilten vor und begannen, einen riesigen Block Altusiangesteins vor den Eingang des Tunnels zu rollen, den Vesuvius Trolle zuvor in der Höhle platziert hatten.
Der Felsblock war so dick, dass nichts und niemand, nicht einmal dieser Riese ihn zerstören konnte. Unter lautem Grollen rollten die Trolle den Brocken vor den Eingang.
Der Riese, der sah, was geschah, stürmte auf den Eingang zu, doch er konnte ihn nicht rechtzeitig erreichen. Die ganze Höhle erzitterte, als er seine Schultern gegen den Fels rammte, doch der Stein hielt.
Vesuvius lächelte; der Riese war gefangen. Er war genau dort, wo er ihn haben wollte.
„Schickt den nächsten rein!“, befahl er.
Ein menschlicher Sklave wurde mit Peitschenhieben zu einer winzigen Öffnung in dem riesigen Felsblock getrieben. Der Mensch, der begriff, was vor sich ging, weigerte sich, weiterzugehen, sträubte sich und schlug um sich; doch sie schlugen brutal auf ihn ein, bis sie ihn schließlich durch die Öffnung trieben.
Aus dem Inneren drangen die gedämpften Schreie des Sklaven durch den Fels, der um sein Leben rannte und versuchte, vor dem Riesen zu fliehen. Vesuvius lauschte erfreut, wie der wütende Riese dem Mann folgte und auf den Fels einschlug.
Schlag um Schlag grub er den Tunnel und jeder Schlag brachte Vesuvius näher an die Flammen heran – und an Escalon. Er würde alle Menschen dort zu Sklaven machen. Endlich würde der Sieg ihm gehören.
KAPITEL SECHSUNDZWANZIG
Kyra öffnete ihre Augen und fand sich auf einem kalten Steinboden liegend in absoluter Dunkelheit wieder. Ihr Kopf dröhnte, ihr Körper schmerzte, und sie fragte sich, wo sie war. Sie zitterte vor Kälte, ihr Hals war trocken, und sie fühlte sich, als hätte sie tagelang nichts gegessen. Sie tastete um sich herum und versuchte sich zu erinnern.
Bilder stürzten auf sie ein, und sie war sich zunächst nicht sicher, ob es Erinnerungen oder Alpträume waren. Sie erinnerte sich daran, wie sie von den Männern des Lords gefangen genommen worden und in eine vergitterte Kutsche geworfen worden war. Sie erinnerte sich an eine lange, holprige Fahrt, daran, wie sie sich gewehrt hatte, als sie die Tür geöffnet hatten, und daran, wie ihr jemand mit einer Keule auf den Kopf geschlagen hatte. Danach war sie in eine gnädige Finsternis gestürzt.
Kyra griff sich an den Kopf und fühlte die Beule an ihrem Hinterkopf – es war kein Traum gewesen. Alles war genau so geschehen. Die Wahrheit traf sie wie ein Schlag: die Männer des Lords hatten sie gefangen genommen, entführt und eingesperrt.
Kyra war wütend auf Maltren wegen seines Verrats und wütend auf sich selbst, weil sie ihm geglaubt hatte. Sie hatte schreckliche Angst und fragte sich, was als nächstes passieren würde. Sie lang alleine in der Kälte, in der Gewalt des Lord Regenten, und sie ahnte Schlimmes.
Sie war sich sicher, dass ihr Vater und ihre Leute keine Ahnung hatten, wo sie war. Vielleicht glaubte ihr Vatter, dass sie seinem Befehl gefolgt und zum Turm von Ur aufgebrochen war. Maltren würde sicher lügen und erzählen, dass er gesehen hatte, wie sie geflohen war.
Als Kyra sich durch die Dunkelheit tastete, griff sie instinktiv nach ihrem Bogen und ihrem Stab, doch man hatte sie ihr abgenommen. Sie blickte auf, und sah ein schwaches Leuchten hinter durch die Gitterstäbe der Zelle, und als sie sich aufsetzte, sah sie die Fackeln entlang der Wände des Kerkers, unter denen mehrere Krieger Wache standen. Sie sah eine große eiserne Tür, die von außen verriegelt war. Es war still hier unten, und das einzige Geräusch war das des Wassers, das irgendwo von der Decke tropfte und Ratten, die von Ecke zu Ecke huschten.
Kyra lehnte sich an die Wand, zog ihr Knie an die Brust, und versuchte, sich aufzuwärmen. Sie schloss die Augen und atmete tief durch und zwang sich dazu, sich vorzustellen, an einem anderen Ort zu sein. Plötzlich blickten ihr Theos leuchtend gelbe Augen entgegen. Sie konnte die Stimme des Drachen tief in ihrem Inneren hören.
Stärke wird nicht von Zeiten des Friedens definiert. Sie wird von Leid und Not definiert. Akzeptiere das Leid und schrecke nicht davor zurück. Nur so kannst du es überwinden.
Kyra öffnete die Augen, und sah sich erschrocken von der Vision um.
„Hast du ihn gesehen?“, sagte plötzlich die Stimme eines Mädchens in der Dunkelheit. Kyra schreckte hoch.
Sie fuhr herum, erschrocken, die Stimme einer anderen Person in der Zelle zu hören, und noch viel erstaunter, dass es die Stimme eines Mädchens war. Sie klang, als wäre sie in etwa im gleichen Alter, und als eine Gestalt aus dem Schatten trat, sah Kyra, dass sie Recht hatte: vor ihr stand ein hübsches Mädchen, vielleicht fünfzehn Jahre alt, bin haselnussbraunen Augen und langen, zerzausten Haaren, das Gesicht mit Schmutz verschmiert, die Kleider zerlumpt. Sie sah verängstigt aus, als sie Kyra ansah.
„Wer bist du?“, fragte Kyra.
„Hast du ihn gesehen?“, wiederholte das Mädchen eindringlich.
„Wen soll ich gesehen haben?“
„Seinen Sohn“, antwortete sie.
„Seinen Sohn?“, fragte Kyra verwirrt.
Das Mädchen drehte sich um und blickte ängstlich aus der Zelle, und Kyra fragt sich, was für schreckliche Dinge sie gesehen hatte.
„Ich habe niemanden gesehen“, sagte Kyra.
„Oh Gott, bitte lass nicht zu, dass sie mich töten“, bettelte das Mädchen. „Bitte. Ich hasse diesen Ort!“
Sie begann unkontrolliert zu schluchzen und hockte sich an die Wand. Kyra, der sie leid tat, stand auf, ging zu ihr hinüber und legte ihr den Arm um die Schulter um sie zu trösten.
„Schhhh“, sagte sie, um sie zu beruhigen. Kyra hatte noch nie jemanden in einem derartigen Zustand erlebt; das Mädchen hatte schreckliche Angst vor wem auch immer sie da sprach. Kyra fürchtete sich vor dem, was auf sie zukam.
„Erzähl mir von wem du sprichst“, sagte Kyra. „Wer hat dir wehgetan? Der Lord Regent? Wer bist du? Und was machst du hier?“
Sie sah die Blutergüsse im Gesicht des Mädchens, die Narben auf ihren Schultern und versuchte, nicht an das zu denken, was sie diesem armen Ding angetan hatten. Geduldig wartete Kyra darauf, dass sie zu weinen aufhörte.
„Mein Name ist Deirdre“, sagte sie. „Ich bin hier seit… ich weiß es nicht. Ich meine es war ein Mondzyklus, aber ich habe den Überblick verloren. Sie haben mich von meiner Familie weggeholt, gleich nach dem das neue Gesetz ausgerufen worden war. Ich habe mich gewehrt, und sie haben mich hierher gebracht.“
Deirdre starrte ins Leere als würde sie alles noch einmal erleben.
„Jeden Tag erwartet mich neue Folter“, fuhr sie fort. „Erst war es der Sohn, dann der Vater. Sie reichen mich weiter wie eine Puppe und jetzt… bin ich… nichts.“
Sie starrte Kyra mit einer Intensität an, die ihr Angst machte.
„Ich will einfach nur sterben“, bettelte Deirdre. „Bitte hilf mir zu sterben.“
Kyra sah sie schockiert an.
„Sag das nicht“, sagte sie.
„Ich habe gestern versucht ein Messer zu stehlen, um mich umzubringen – doch es ist runtergefallen und sie haben mich wieder eingesperrt. Bitte. Ich gebe dir alles, was ich habe. Töte mich.“
Kyra schüttelte sprachlos den Kopf.
„Hör mir zu, sagte Kyra, und spürte eine neue innere Stärke in sich aufsteigen, eine neue Entschlossenheit, ausgelöst von Deirdres Notlage. Es war die Stärke ihres Vaters, die Stärke von Generationen von Kriegern, die durch ihre Adern floss. Und mehr als das: es war die Stärke des Drachen. Eine Stärke, von der sie bis zu diesem Tag nicht gewusst hatte, dass sie sie besaß.
Sie packte Deirdres Schultern und sah ihr in die Augen.
„Du wirst nicht sterben“, sagte Kyra mit fester Stimme. „Und sie werden dir nicht wehtun. Verstehst du mich? Du wirst Leben. Dafür werde ich sorgen.“
Deirdre schien sich zu beruhigen und Kraft aus Kyras Stärke zu ziehen.
„Was immer sie dir angetan haben“, fuhr Kyra fort, „das ist jetzt vorbei. Du wirst bald frei sein – wir werden bald frei sein. Du kannst dein Leben neu beginnen. Wir werden Freunde sein und ich werde dich beschützen. Vertraust du mir?“
Deirdre starrte sie irritiert an, doch schließlich nickte sie ruhig.
„Aber wie?“, fragte Deirdre. „Du verstehst nicht. Man kann nicht von hier fliehen. Du verstehst nicht, wie sie sind…“
Beide zuckten zusammen, als die Tür krachend geöffnet wurde und der Lord Regent eintrat, gefolgt von sechs Männern und einem weiteren Mann, der große Ähnlichkeit mit ihm hatte: dieselbe Knollennase, derselbe selbstgefällig Ausdruck im Gesicht, vielleicht Anfang dreißig. Er musste sein Sohn sein. Er hatte dasselbe dümmliche Gesicht, dieselbe Arroganz wie sein Vater.
Sie gingen durch den Kerker auf ihre Zelle zu und erleuchteten sie mit ihren Fackeln. Kyras sah sich um und war geschockt, die getrockneten Blutflecke am Boden zu sehen. Sie wollte nicht daran denken, wer vor ihr hier gewesen, oder was ihnen zugestoßen war.
„Bringt sie her“, befahl der Regent seinen Männern.
Die Zellentür wurde geöffnet, die Männer marschierten hinein und zerrten Kyra auf die Beine. Ihre Arme wurden ihr hinter den Rücken gebogen und sie konnte sich nicht befreien, so sehr sie sich auch bemühte. Sie zerrten sie heraus und er musterte sie wie ein Tier von oben bis unten.
„Habe ich dich nicht gewarnt?“, sagte er leise mit bedrohlicher Stimme.
Kyra starrte ihn an.
„Das pandesische Gesetz sagt, dass ihr unverheiratete Mädchen als Frauen nehmen dürft, nicht als Gefangene“, zischte Kyra trotzig. „Du brichst dein eigenes Gesetz, indem du mich in den Kerker sperrst.“
Der Lord Regent tauschte amüsierte Blicke mit den anderen und sie brachen in Gelächter aus.
„Mach dir keine Sorgen“, sagte er und sah sie böse an. „Ich werde dich zu meinem Weib machen. Immer wieder. Und zu dem meiner Frau – und zu dem jedes anderen, der mir gefällt. Und wenn wir fertig mit dir sind – das heißt, wenn du dann noch lebst, bleibst du das Ende deiner Tage hier im Kerker fristen.“
Er grinste sie böse an; offensichtlich genoss er es.
„Was deinen Vater und deine Leute angeht“, fuhr er fort. „Wir werden auch den letzten Mann töten. Bald werden sie nur noch eine Erinnerung sein. Und nicht einmal das. Ich werde dafür sorgen, dass Volis aus den Geschichtsbüchern getilgt wird. In diesem Augenblick ist eine Division der pandesischen Armee auf dem Weg, meine Männer zu rächen und euer Fort zu zerstören.“
Kyra spürte, wie die Empörung in ihr hochkochte. Sie versuchte verzweifelt, die Macht zu rufen – was immer ihr auf der Brücke geholfen hatte – doch zu ihrer großen Bestürzung passierte nichts. Sie wand sich und wehrte sich, doch sie konnte sich nicht befreien.
„Du hast einen starken Willen“, sagte er. „Das ist gut. Es wird mir ein Vergnügen sein, dich zu brechen, ein großes Vergnügen.“
Er wandte sich ab, als ob er gehen wollte, doch plötzlich wirbelte er herum und versetzte ihr eine schallende Ohrfeige.
Damit hatte sie nicht gerechnet, und sie stürzte neben Deirdre zu Boden.
Mit schmerzendem Kiefer lag sie da und sah zu wie sie wieder gingen. Als sie die Zelle wieder verließen und hinter sich abschlossen, sah der Lord Regent auf sie herab.
„Ich werde bis morgen warten, bevor ich dich foltere“, sagte er grinsen. „Ich habe herausgefunden, dass meine Opfer am meisten leiden, wenn sie ein ganze Nacht haben, um über das nachzudenken, was auf sie zukommt.“
Er lachte amüsiert und verließ mit seinen Männern den Kerker. Die dicke Eisentür schlug hinter ihnen zu wie der Deckel eines Sarges.
KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG
Im Sonnenuntergang wanderte Merk durch Whitewood; seine Beine schmerzten, sein Magen knurrte und er versuchte, die Hoffnung nicht aufzugeben, dass der Turm von Ur irgendwo da draußen am Horizont lag und dass er ihn irgendwann erreichen würde. Er versuchte, sich auf sein neues Leben zu konzentrieren, dass er ein Wächter werden und neu anfangen würde.
Doch er konnte sich nicht konzentrieren. Seitdem er dem Mädchen begegnet war und ihre Geschichte gehört hatte, hatte es an ihm genagt. Er wollte sie aus seinen Gedanken verdrängen, doch so sehr er sich auch bemühte, es wollte ihm nicht gelingen. Er war sich so sicher gewesen, dass er sich von einem Leben der Gewalt abwenden konnte. Wenn er jedoch zurückging, um ihr zu helfen und dabei half, diese Männer zu töten – wann würde das Töten ein Ende nehmen? Würde da nicht sofort wieder eine andere Mission, ein anderer Grund folgen?
Merk wanderte immer weiter, bohrte seinen Stab in den Boden und stapfte aufgebracht durch die raschelnden Blätter. Warum hatte er ihr begegnen müssen? Es war ein riesiger Wald – warum hatten sie einander nicht verfehlen können? Warum musste ihm das Leben immer etwas in den Weg werfen?
Merk hasste schwere Entscheidungen und er hasste es, zu zögern. Sein ganzes Leben lang war er sich immer so sicher gewesen, und er hatte das als eine seiner Stärken betrachtet. Er hatte immer gewusst, was er war. Doch jetzt war er sich nicht sicher. Jetzt schwankte er.
Er verfluchte die Götter dafür, dass er dem Mädchen begegnet war. Warum konnten die Leute nicht selbst auf sich aufpassen? Warum brauchten sie ihn immer wieder? Wenn sie und ihre Familie nicht dazu in der Lage waren, sich zu verteidigen, warum verdienten sie es dann, zu leben? Wenn er sie rettete, würde nicht ein anderer sie früher oder später sowieso töten?
Nein. Er konnte sie nicht retten. Damit würde er ihnen keinen Gefallen tun. Die Leute mussten lernen, sich selbst zu verteidigen.
Und doch vielleicht, überlegte er, vielleicht gab es einen Grund, warum sie ihm über den Weg gelaufen war. Vielleicht war es ein Test.
Merk blickte zum Horizont, wo die bunten Streifen des Sonnenuntergangs kaum durch den Wald zu sehen waren, und er dachte über sein neues Schicksal nach.
Ein Test.
Es war ein mächtiges Wort, ein mächtiger Gedanke – und noch dazu einer, der ihm gar nicht gefiel. Er mochte nicht, was er nicht verstehen konnte, was sich seiner Kontrolle entzog; und getestet zu werden war so etwas. Während er weiter wanderte und mit seinem Stab auf die Blätter am Boden einstach, spürte Merk, wie seine so sorgfältig aufgebaute Welt um ihn herum zusammenbrach. Zuvor war sein Leben einfach gewesen; jetzt fühlte es sich an wie ein unbehaglicher Zustand des ständigen Infragestellens. Sich seiner Sache sicher zu sein war leicht, Dinge infrage zu stellen, war das, was schwer war. Er hatte eine schwarz-weiße Welt verlassen und hatte eine Welt betreten, die voller verschiedener Grautöne war, und die Unsicherheit machte ihn nervös. Er verstand nicht, was aus ihm wurde, und das störte ihn am meisten.
Merk stieg einen Hügel hinauf, schwer atmend vor Anstrengung. Als er den Gipfel erreichte und sich umsah, spürte er zum ersten Mal, seitdem er auf diese Reise aufgebrochen war einen Funken Hoffnung. Er konnte kaum fassen, was er sah.
Da stand er am Horizont und leuchtete in der Sonne. Keine Legende, kein Mythos, sondern ein realer Ort: der Turm von Ur.
Auf einer kleinen Lichtung gelegen, mitten in einem riesigen dunklen Wald, erhob sich der alte Turm. Aus Stein gemauert, maß er vielleicht Fünfzig Meter im Durchmesser und erhob sich weit über die Bäume hinaus. Er hatte noch nie ein so altes Gebäude gesehen – es schien noch älter zu sein als die Burgen, in denen er gedient hatte. Es hatte eine geheimnisvolle, undurchdringliche Aura. Er konnte spüren, dass es ein mystischer Ort war. Ein Ort der Macht.
Merk atmete erschöpft und erleichtert auf. Er hatte es geschafft. Den Turm zu sehen war wie ein Traum. Endlich hatte er einen Ort auf der Welt, an dem er bleiben konnte, einen Ort, den er sein Zuhause nennen konnte. Das war seine Chance, ein neues Leben zu beginnen, eine Chance zur Umkehr. Er würde ein Wächter werden.
Er wusste, dass er sich freuen sollte, dass er schneller laufen und den letzten Abschnitt seiner Reise bis zum Einbruch der Nacht hinter sich bringen sollte. Und doch, so sehr er es auch wollte, er konnte den ersten Schritt nicht machen. Er stand wie angewurzelt da und etwas nagte an ihm.
Merk drehte sich um. Von seinem Gipfel aus konnte er den Horizont in alle Richtungen sehen, und in der Ferne, gegen den Sonnenuntergang, konnte er schwarzen Rauch aufsteigen sehen. Es traf ihn wie ein Schlag in die Magengrube. Er wusste, wo der Rauch herkam: das Mädchen. Ihre Familie. Die Mörder setzten alles in Brand.
Als er der Spur des Rauchs folgte, sah er, dass sie den Hof noch nicht erreicht hatten. Sie waren erst am Rand ihrer Felder. Bald jedoch würden sie sie erreichen, doch in diesem Augenblick, in diesen letzten kostbaren Minuten, war sie sicher.
Merk streckte seinen Nacken, so wie er es immer tat, wenn ein innerer Konflikt ihn zerriss. Ein starkes Gefühl des Unbehagens überkam ihn, und er konnte nicht weitergehen. Er drehte sich um und sah zum Turm von Ur hinüber, dem Ziel seiner Träume, und er wusste, dass er einfach weitergehen sollte. Er war kurz vor dem Ziel, und er wollte sich entspannen und feiern.
Doch zum ersten Mal in seinem Leben machte sich eine Sehnsucht in ihm Breit – eine Sehnsucht, selbstlos zu handeln, nur um der Gerechtigkeit willen. Ohne Bezahlung und Lohn. Merk hasste dieses Gefühl.
Er warf den Kopf in den Nacken und schrie im Kampf mit sich und der Welt. Warum? Warum ausgerechnet jetzt?
Und dann, auch wenn ihm sein Verstand das Gegenteil riet, wandte er sich vom Turm ab und dem Hof zu. Zuerst ging er, dann verfiel er in einen Trab – dann rannte er.
Im Rennen wurde etwas in ihm freigesetzt. Der Turm konnte warten. Es war an der Zeit, dass Merk etwas Gutes tat. Es war an der Zeit, dass diese Mörder ihrem Meister begegneten.
KAPITEL ACHTUNDZWANZIG
Kyra lehnte an der kalten Steinmauer, die Augen blutunterlaufen, und betrachtete wie die ersten Sonnenstrahlen des neuen Morgens durch die eisernen Gitterstäbe fielen und den Raum in ein blasses Licht tauchten. Wie der Lord Regent vorhergesagt hatte war sie die ganze Nacht lang wach gewesen und hatte über die schrecklichen Dinge nachgedacht, die sie erwarteten. Sie fragte sich, was sie Deirdre angetan hatten, und versuchte nicht daran zu denken, was diese grausamen Männer versuchen würden, um sie zu brechen.
Kyra dachte darüber nach, wie sie sich ihnen widersetzen und fliehen konnte. Der Krieger in ihr weigerte sich, sich brechen zu lassen – sie würde lieber sterben. Doch als sie über all die Möglichkeiten nachdachte, wie sie Widerstand leisten oder fliehen konnte, beschlich sie immer wieder ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung.
Dieser Ort war besser bewacht als jeder andere Ort, den sie gesehen hatte. Sie war mitten in der Festung des Lord Regenten, einer Hochburg der Pandesier, einer riesigen militärischen Anlage mit Tausenden von Kriegern. Sie war weit weg von Volis, und selbst wenn es ihr irgendwie gelingen sollte zu fliehen, wusste sie, dass sie es nie zurückschaffen würde ohne dass sie sie unterwegs aufspürten und töteten. Angenommen, dass Volis überhaupt noch existierte. Und was noch viel schlimmer war, war die Tatsache, dass ihr Vater nicht wusste wo sie war – und er würde es nie erfahren. Sie war vollkommen allein.
„Kannst du nicht schlafen?“, riss eine leise Stimme sie aus ihren Gedanken.
Kyra sah Deirdre an, die an die gegenüberliegende Wand gelehnt saß. Die ersten Sonnenstrahlen fielen auf ihr viel zu blasses Gesicht mit den dunklen Ringen unter den Augen. Sie schien völlig niedergeschlagen, und starrte Kyra mit gehetzten Augen an.
„Ich hab auch nicht geschlafen“, fuhr Deirdre fort. „Ich habe die ganze Nacht über das nachgedacht, was sie dir antun werden – dasselbe, was sie auch mir angetan haben. Doch seltsamerweise tut es mir mehr weh, wenn ich daran denke, dass sie es dir antun werden. Ich bin schon kaputt; von meinem Leben ist nichts mehr übrig. Doch du bist noch perfekt.
Kyras Angst wuchs als sie über ihre Worte nachdachte. Sie konnte sich kaum vorstellen, welchen Schrecken ihre neue Freundin erlebt haben musste, und sie in diesem Zustand zu sehen, ließ ihre Entschlossenheit zu kämpfen nur noch weiter wachsen.
„Es muss einen anderen Weg geben“, sagte Kyra.
Deirdre schüttelte den Kopf.
„Hier gibt es nichts für uns außer unserer erbärmlichen Existenz. Der Tod erscheint einem hier wie eine Gnade.“
Plötzlich wurde die Tür zum Kerker aufgerissen und Kyra sprang auf, bereit, sich allem zu stellen, was auf sie zukommen würde, bereit, auf Leben und Tod zu kämpfen, wenn es sein musste.
Auch Deirdre sprang auf, eilte zu ihr und packte sie am Ellbogen.
„Bitte versprich mir eines“, sagte sie flehend.
Kyra sah die Verzweiflung in ihren Augen und nickte.
„Bevor sie dich holen“, sagte sie, „töte mich. Erwürg mich, wenn es sein muss. Aber lass mich nicht so weiterleben. Bitte. Ich flehe dich an.“
Während Kyra sie ansah kochte die Entschlossenheit in ihr Hoch. Sie schüttelte ihr Selbstmitleid und all ihre Zweifel ab. In diesem Augenblick wusste sie, dass sie Leben musste. Wenn schon nicht für sich selbst, dann für Deirdre. Egal wie aussichtslos ihre Lage zu sein schien, sie wusste, dass sie nicht aufgeben durfte.
Die Krieger kamen näher, ihre Schritte hallten durch den Kerker, ihre Schlüssel klirrten, und Kyra, die wusste, dass ihr nicht viel Zeit blieb, drehte sich um und fasste Deirdre mit festem Griff bei den Schultern und sah ihr in die Augen.
„Hör mir zu“, flehte Kyra. „Du wirst leben. Verstehst du mich? Du wirst nicht nur leben, sondern du wirst auch mit mir entkommen. Du wirst ein neues Leben anfangen und es wird ein schönes Leben sein. Wir werden Rache an diesem Abschaum üben, der dir all das angetan hat – gemeinsam. Hörst du mich?“
Deirdre sah sie unsicher an.
„Du musst stark sein“, beharrte Kyra, und richtete die Worte auch an sich selbst. „Das Leben ist nichts für die Schwachen. Sterben, Aufgeben, das ist für die Schwachen – Leben ist für die Starken. Willst du schwach sein und sterben? Oder willst du stark sein und leben?“
Kyra starrte sie intensiv an, als das Licht der Fackeln die Zelle erhellte und die Krieger eintraten – und endlich glaubte sie eine Veränderung in Deirdres Augen wahrzunehmen. Es war ein winziger Hoffnungsschimmer, gefolgt von einem kaum merklichen Nicken.
Schlüssel klirrten im Schloss, und die Tür wurde geöffnet. Grobe, schwielige Hände packten ihre Handgelenke und zerrten sie hinaus. Als die Zellentür hinter ihr zugeschlagen wurde, ließ sie sich hängen. Sie musste ihre Kräfte schonen. Jetzt war nicht die Zeit, sich zu wehren. Sie musste sie unvorbereitet treffen, den perfekten Augenblick finden. Sie wusste, dass selbst ein mächtiger Feind einen Augenblick der Verwundbarkeit hatte.
Zwei Krieger hielten sie fest und der Sohn des Regenten trat durch die Tür.
Kyra blinzelte verwirrt.
„Mein Vater hat mich geschickt, um dich zu holen“, sagte er als er sich ihr näherte, „doch ich werde dich zuerst haben. Natürlich wird ihm das nicht gefallen – doch was soll er dann schon tun?“
Das Gesicht des Sohns verzog sich zu einem bösen, kalten Lächeln.
Kyra spürte kalte Angst, als sie diesen Wahnsinnigen ansah, der sich die Lippen leckte, während er sie anstarrte.
„Weißt du“, sagte er, und trat einen Schritt auf sie zu, während er seinen Fellumhang ablegte und sein heißer Atem weiße Wolken hinterließ. „Mein Vater muss nicht alles wissen, was in dieser Festung vor sich geht. Ich nehme mir gerne als erster, was hier so durchkommt – und du, meine Liebe, bist ein besonders feines Exemplar. Mit dir werde ich viel Spaß haben. Dann werde ich dich foltern. Doch ich werde dich am Leben lassen, dass noch etwas übrig ist, das ich ihm bringen kann.“
Er grinste und kam ihr so nah, dass sie seinen stinkenden Atem riechen konnte.
„Du und ich, meine Liebe, werden einander sehr gut kennenlernen.“
Der Sohn nickte den Wachen zu, und sie war überrascht, als sie sie losließen und an die Wand zurückwichen.
Sie stand da, und ihre Hände waren frei; verstohlen sah sie sich im Raum um. Da waren zwei Wachen, jeder mit einem Langschwert bewaffnet und der Sohn, der viel größer und breiter war als sie selbst. Sie konnte sie nicht alle überwältigen, selbst wenn sie bewaffnet gewesen wäre.
In der Ecke des Raumes entdeckte sie ihre Waffen – ihren Stab, ihren Bogen und den Köcher mit den Pfeilen – und ihr Herz begann, schneller zu schlagen. Was sie nicht alles gegeben hätte, sie jetzt in Händen zu halten.
„Ah“, sagte der Sohn lächelnd. „Du hast deine Waffen gefunden. Du glaubst immer noch, dass du das hier überleben wirst. Ich sehe den Trotz in deinen Augen. Mach dir keine falschen Hoffnungen. Den werde ich dir schon bald austreiben.“
Unerwartet holte er aus und ohrfeigte sie so heftig, dass es ihr den Atem nahm und ihre Wange brannte. Kyra stolperte und fiel auf die Knie. Blut tropfte aus ihrem Mund und ihr Ohr klang. Sie kniete auf ihre Hände gestützt am Boden, rang nach Luft und begriff, dass das nur ein kleiner Vorgeschmack dessen war, was auf sie zukommen würde.
„Weißt du, wie wir unsere Pferde zähmen, meine Liebe?“, fragte er, und lächelte grausam auf sie herab. Eine Wache warf ihm Kyras Stab zu. Er fing ihn und schlug ohne zu zögern auf Kyras Rücken ein.
Der Schmerz war unerträglich. Sie schrie auf und fiel mit dem Gesicht voran zu Boden. Es fühlte sich an, als hätte er jeden Knochen in ihrem Rücken gebrochen. Sie konnte kaum atmen und wusste, dass sie zum Krüppel werden würde, wenn sie nicht bald etwas unternahm.
„Hör auf“, schrie Deirdre . „Tu ihr nicht weh! Nimm mich stattdessen!“
Doch er ignorierte sie.
„Es beginnt mit dem Stab“, sagte er zu Kyra. „Wilde Pferde wehren sich, doch wenn du sie immer wieder gnadenlos schlägst, Tag für Tag, geben sie eines Tages den Widerstand auf. Sie gehören dir. Es gibt nichts Besseres, als einem anderen Wesen Schmerzen zuzufügen, oder doch?“
Kyra spürte eine Bewegung und aus dem Augenwinkel sah sie, wie er den Stab mit einem sadistischen Ausdruck im Gesicht hob und zu einem noch heftigeren Schlag ausholte.
Kyras Sinne erwachten und die Zeit begann, langsamer abzulaufen. Das Gefühl, das sie auf der Brücke zum ersten Mal gespürt hatte kam zurück, zusammen mit der Wärme, die in ihrer Magengrube begann und sich durch ihren ganzen Körper ausbreitete. Sie spürte die Energie und fühlte sich stärker denn je.
Bilder blitzten vor ihren Augen auf. Sie sah, wie sie mit den Männern ihres Vaters trainierte, erinnerte sich an die Trainingskämpfe, wie sie gelernt hatte Schmerz zu empfinden ohne davon abgelenkt zu werden, wie man gegen mehrere Angreifer gleichzeitig kämpft. Anvin hatte sie gnadenlos stundenlang trainiert, Tag für Tag, bis sie ihre Technik perfektioniert hatte, bis sie ihr endlich in Fleisch und Blut übergegangen war. Sie hatte darauf bestanden, dass die Männer ihr alles beibrachten, egal wie schwer es war, und nun stürmten alle Erinnerungen auf sie ein. Genau für Zeiten wie diese hatte sie trainiert.
Während sie am Boden lag, den Schock des Schmerzes hinter sich gelassen hatte, und die Wärme sich in ihrem Körper ausbreitete, blickte sie zum Sohn des Regenten auf und spürte, wie ihre Instinkte die Kontrolle übernahmen. Sie würde sterben – doch nicht hier und nicht heute – und nicht von der Hand dieses Mannes.
Sie erinnerte sich an eine ihrer ersten Lehrstunden: In einer Position unter dem Gegner zu sein, kann ein Vorteil sein. Je größer ein Mann ist, desto verwundbarer ist er. Die Knie sind ein leichtes Ziel, wenn du am Boden liegst. Schlag zu, tritt zu. Dein Gegner wird fallen.
Als der Stab auf sie zu rauschte, stützte Kyra sich plötzlich mit den Händen ab, schwang schnell ihr Bein herum und zielte auf die Kniekehlen des Mannes. Sie trat mit aller Kraft zu und zog ihm die Füße unter dem Körper weg; seine Knie gaben nach und er fiel auf den Rücken. Der Stab flog in hohem Bogen durch die Luft und fiel klappernd zu Boden. Sie konnte kaum fassen, dass es funktioniert hatte. Als er auf den Boden aufschlug, fiel er auf den Schädel und es krachte so furchtbar, dass sie sich sicher war, dass sie ihn getötet hatte.
Doch sie hatte sich getäuscht, denn er richtete sich sofort auf und sah sie mit dem hasserfüllten Blick eines Dämonen an, bereit, sich auf sie zu stürzen.
Kyra wartete nicht. Sie sprang auf und hechtete in Richtung ihres Stabes, der kaum mehr als ein paar Meter von ihr entfernt am Boden lag. Sie wusste dass sie, wenn sie ihre Waffe erreichen konnte, eine echte Chance gegen diese Männer hatte. Doch der Sohn des Regenten sprang ihr in den Weg und wollte sie packen.
Doch wie eine Katze wich sie ihm aus, sprang über ihn, rollte geschickt ab und ergriff in derselben Bewegung ihren Stab. Sie stand da und hielt den Stab vor sich, so dankbar, ihre Waffe zurückzuhaben, die so perfekt in ihren Händen lag. Die beiden Wachen zogen ihre Schwerter und gingen um sie herum. Schnell sah sie sich um. Sie wusste, dass sie Glück gehabt hatte, dass die Wachen so langsam waren.
Der Sohn des Regenten stand auf, wischte das Blut von seiner Lippen und sah sie böse an.
„Das war der größte Fehler deines Lebens“, sagte er. „Ich werde dich nicht nur foltern…“
Doch Kyra hatte genug von ihm, und sie hatte nicht vor darauf zu warten, dass er zuerst angriff. Bevor er ausgesprochen hatte, sprang sie auf ihn zu und stieß zu wie eine Schlange, direkte zwischen seine Augen. Es war ein perfekter Treffer und er schrie auf, als seine Nase brach.
Fluchend und wimmernd fiel er auf die Knie und hielt sich die Nase.
Dann griffen die Wachen an und hieben mit den Schwertern nach ihrem Kopf. Kyra schwang ihren Stab herum und wehrte eine Klinge ab, dann wirbelte sie herum und blockte die andere; Funken flogen. So ginge es hin und her und sie wehrte einen Hieb nach dem anderen ab, während die beiden sie so schnell angriffen, dass sie kaum Zeit hatte, zu reagieren.
Einer der Wachen holte zu heftig aus und Kyra fand eine Lücke in seiner Deckung: sie hob ihren Stab, schlug ihn auf sein Handgelenk und zertrümmert es. Klappernd fiel sein Schwert zu Boden und Kyra rammte dem anderen ihrem Stab gegen den Hals, dann wirbelte sie herum und schlug ihm heftig gegen die Schläfe, woraufhin er bewusstlos zu Boden ging.
Kyra riskierte nichts. Als einer der Wachen, der auf dem Boden lag, versuchte, sich aufzurappeln, sprang sie hoch in die Luft und rammte ihm den Stab in den Magen – als er sich aufrichtete, trat sie ihm ins Gesicht und schickte ihn ins Land der Träume.
Plötzlich spürte Kyra grobe Arme, die sie von hinten umschlossen und erkannte, dass es der Sohn des Regenten war; er versuchte, sie zu quetschen und sie dazu zu bringen, den Stab fallen zu lassen.
„Netter Versuch“, flüsterte er ihr ins Ohr, sein Mund so nah, dass sie seinen heißen Atem in ihrem Nacken spürte.
Eine Welle der Energie schoss durch ihren Körper, genug, um mit ihren Armen ausholen und sich aus dem Griff des Mannes befreien zu können. Sie wirbelte herum und schwang ihren Stab aufwärts zwischen die Beine ihres Angreifers.
Er stöhnte und fiel auf die Knie. Sie sah ihn an, und er blickte geschockt und mit schmerzverzerrtem Gesicht zu ihr auf.
„Richte deinem Vater Grüße von mir aus“, sagte sie, hob ihren Stab und ließ ihn auf seinen Kopf heruntersausen, sodass er bewusstlos zu Boden fiel.
Kyra, schwer atmend und immer noch wütend, betrachtete ihr Werk: drei Männer, alle ausgezeichnete Krieger, lagen regungslos am Boden. Und sie, ein wehrloses Mädchen, hatte es getan.
„Kyra!“, schrie eine Stimme.
Deirdre fiel ihr wieder ein, und ohne Zeit zu verschwenden riss sie die Schlüssel vom Gürtel der Wache und schloss die Zelle auf. Deirdre fiel um den Hals und umarmte sie.
Kyra sah ihr in die Augen.
„Es ist Zeit“, sagte Kyra fest. „Bist du bereit?“
Deirdre stand da, immer noch geschockt, und betrachtete Kyras Werk.
„Du hast ihn geschlagen“, sagte sie, und starrte die Männer ungläubig an. „Ich kann es nicht fassen. Du hast ihn geschlagen.“
Sie sah, wie sich etwas in Deirdres Augen veränderte. Alle Angst schien zu verfliegen und Kyra sah, wie tief aus ihrem Inneren eine starke Frau emporkam, eine Frau, die sie vorher noch nicht bemerkt hatte. Die Angreifer bewusstlos vor sich zu sehen, hatte etwas in ihr ausgelöst und ihr große Kraft gegeben.
Deirdre ging zu einem der Schwerter hinüber, das auf dem Boden lag, hob es auf, und ging zum Sohn des Regenten hinüber. Sie blickte mit böser Miene auf ihn herab.
„Das ist für all das, was du mir angetan hast“, sagte sie.
Mit zitternden Händen hob sie das Schwert und Kyra konnte sehen, wie sie einen Kampf mit sich selbst ausfocht als sie zögerte.
Deirdre“, sagte Kyra leise.
Deirdre sah sie mit ungezügeltem Leid im Blick an.
„Wenn du es tust“, sagte Kyra leise, „ bist du nicht besser als er.“
Deirdre stand mit zitternden Armen da, gebeutelt von einem Sturm der Gefühle bis sie schließlich das Schwert senkte und es auf den Boden fallen ließ.
Sie spuckte dem Sohn des Regenten ins Gesicht, dann holte sie aus und versetzte ihm mit ihrem Stiefel einen heftigen Tritt ins Gesicht. Kyra begann zu erkennen, dass Deirdre viel stärker war, als sie gedacht hatte. Sie sah Kyra mit glänzenden Augen an und das Leben schien in sie zurückgekehrt zu sein, gerade so, als wäre die alte Deirdre zurückgekehrt.
„Lass uns gehen“, sagte sie mit plötzlich fester Stimme.
*
Kyra und Deirdre brachen bei Sonnenaufgang aus dem Kerker aus und fanden sich mitten in Argos, der Hochburg der Pandesier und sitz des Lord Regenten wieder. Kyra blinzelte ins Licht, glücklich, wieder Tageslicht zu sehen, auch wenn es draußen kalt war. Sie versuchte, sich in dem weitläufigen Komplex steinerner Wohntürme zu orientieren, der von einer hohen Mauer mit einem massiven Tor umgeben war. Die Männer des Lords wachten langsam auf und begannen, ihre Posten einzunehmen; es müssen Tausende gewesen sein. Es war eine professionelle Armee und das war eher eine Stadt als ein Dorf.
Die Krieger nahmen ihre Posten entlang der Mauer ein und hielten in Richtung Horizont Ausschau; keiner verschwendete einen Blick in den Innenbereich. Offensichtlich rechneten sie nicht damit, dass zwei Mädchen fliehen konnten, und das gab ihnen einen Vorteil. Es war immer noch dunkel genug, um ihnen Deckung zu geben und als Kyra den gut Bewachten Eingang am anderen Ende des Hofs sah, wusste sie, dass sie es jetzt versuchen mussten, wenn sie die Chance zur Flucht nutzen wollten.
Doch dafür mussten sie einen weitläufigen Platz überqueren und sie war sich nicht sicher, ob sie es schaffen konnten – und selbst wenn sie es schafften, mussten sie noch durch den Torbogen laufen, wo sie sicher geschnappt werden würden.
„Da!“ zischte Deirdre.
Kyra folgte ihrem Finger und sah ein Pferd in der Nähe, das von einem Krieger an den Zügeln gehalten wurde, der ihnen den Rücken zugekehrt hatte.
Deirdre sah sie an.
„Wir brauchen ein Pferd“, sagte sie. „Nur so können wir es schaffen.“
Kyra nickte, überrascht, dass sie dasselbe gedacht hatte und das Deirdre ein so waches Auge hatte. Deirdre, von der Kyra zuerst befürchtet hatte, dass sie eine Last war, entpuppte sich als intelligent, schnell und entscheidungsfreudig.
„Kannst du ihn erledigen?“, fragte Deirdre und nickte in Richtung des Kriegers.
Kyra nahm ihren Stab und nickte.
Gemeinsam huschten sie aus dem Schatten und rannten leise über den Hof. Kyras Herz pochte ihr bis zum Hals während sie sich auf den Krieger konzentrierte, der ihr immer noch den Rücken zugekehrt hatte. Sie schickte ein Stoßgebet gen Himmel, dass sie nicht entdeckt werden würden, bevor sie ihn erreichen konnten.
Kyra rannte so schnell, dass sie kaum atmen konnte, wobei sie darum bemüht war, auf dem vom Schnee glatten Boden nicht ausrutschte. Sie fror nicht mehr, denn das Adrenalin rauschte durch ihre Adern.
Schließlich erreichten sie den Krieger, der sie im letzten Augenblick hörte, und herumfuhr.
Doch Kyra hatte bereits ihren Stab gehoben und rammte ihn ihm in den Magen. Als er grunzend auf die Knie fiel, wirbelte sie ihn herum und schlug ihm mit aller Kraft auf den Schädel. Mit dem Gesicht voran viel er in den Schnee und blieb bewusstlos liegen.
Kyra schwang sich in den Sattel während Deirdre den Knoten löste, mit dem es angebunden war, und sich hinter Kyra auf den Rücken des Pferdes schwang.
Beide gruben ihre Fersen in seine Flanken und sie ritten los.
Kyra spürte den kalten Wind in ihren Haaren als das Pferd über den verschneiten Hof auf das Tor am anderen Ende zu ritt, das vielleicht hundert Meter entfernt war. Das Hufgetrappel zog die Aufmerksamkeit der müden Männer auf sich und sie drehten sich nach ihnen um.
„Los!“, schrie Kyra dem Pferd zu, und trieb es auf das Tor zu.
Der große steinerne Torbogen lag direkt vor ihnen, das Fallgitter hochgezogen, dahinter eine Brücke, die sie direkt aufs flache Land führen würde. Kyras Herz schlug schneller.
Verzweifelt trieb sie das Pferd an und sah, dass die Krieger am Tor sie bemerkt hatten.
„HALTET SIE AUF!“, rief ein Krieger hinter ihnen.
Mehrere Männer eilten zu den großen eisernen Kurbeln, und begannen, sehr zu Kyras Schrecken, das Gitter zu senken. Kyra wusste, dass ihr Leben vorbei war, wenn es den Männern gelang, das Tor zu schließen, bevor sie es erreicht hatten. Sie waren kaum mehr zwanzig Meter weit entfernt und ritten schneller, als sie je in ihrem Leben geritten war – doch das Fallgitter schloss sich gnadenlos Zentimeter um Zentimeter.
„Duck dich!“, rief sie Deirdre zu und verbarg selbst ihren Kopf in der Mähne des Tiers.
Ihr Herz pochte in ihren Ohren, und das Gitter senkte sich immer weiter, während sie darauf zu ritten, so weit, dass sie fürchtete, dass sie es nicht schaffen würden. Dann, in als sie schon glaubte, alles wäre vorbei, wieherte das Pferd und ritt durch den Bogen. Das Gitter war so tief, dass sie es streiften, als sie darunter durch ritten, und sich unter lautem Poltern hinter ihnen schloss.
Einen Augenblick später hatten sie die Brücke hinter sich gelassen und vor ihnen lag, sehr zu Kyras Erleichterung, das weite Land.
Hörner erklangen hinter ihnen und einen Augenblick später zuckte Kyra zusammen, als sie einen Pfeil vorbeizischen hörte.
Sie warf einen Blick über die Schulter und sah, wie die Männer des Lords ihre Positionen auf den Zinnen einnahmen, und auf sie schossen. Sie ließ das Pferd wilde Hake schlagen und trieb es an, schneller zu reiten.
Sie waren fast fünfzig Meter von der Mauer entfernt, weit genug, um außer Reichweite der meisten Schützen zu sein – als plötzlich zu ihrem großen Schrecken ein Pfeil in den Hintern des Pferdes einschlug. Es scheute und stieg auf und warf beide Mädchen ab.
Kyras Welt stand Kopf. Atemlos schlug sie auf den Boden auf und rollte ab. Mit dröhnendem Kopf rappelte Kyra sich auf und sah Deirdre neben sich. Sie warf einen Blick zurück und sah, wie in der Ferne das Fallgitter geöffnet wurde. Hunderte von Kriegern warteten darauf, ihnen zu folgen, eine Armee, die es nicht abwarten konnte, sie zu töten. Sie konnte nicht fassen, wie sie sich so schnell hatten sammeln können, doch dann fiel es ihr ein: sie waren schon dabei gewesen, sich zu sammeln, um ihren Angriff auf Volis zu starten.
Sie warf dem toten Pferd einen Blick zu und blickte dann auf die weite Eben vor ihnen hinaus. Sie wusste, dass ihre Zeit gekommen war.
.
KAPITEL NEUNUNDZWANZIG
Aidan marschierte mit Leo an seiner Seite ungeduldig zur Kammer seines Vaters. Er hatte das ungute Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Er hatte in der ganzen Festung nach Kyra gesucht und überall nachgesehen, wo sie sich gerne aufhielt – in der Rüstkammer, beim Schmied, auf Fighter’s Gate – doch er konnte sie nirgends finden. Er und Kyra hatten immer eine enge Bindung gehabt, schon seit seiner Geburt, und er wusste immer ganz genau, wenn etwas mit ihr nicht stimmte – und jetzt klangen alle Alarmglocken in seinem Kopf. Sie war nicht beim Essen gewesen, und er wusste, dass sie es um keinen Preis verpasst hätte.
Was ihm jedoch am meisten Sorgen machte war, dass Leo nicht bei ihr war – was sonst nie passierte. Aidan hatte Leo gefragt, doch der Wolf hatte sich ihm nicht verständlich machen können. Er wich Aidan jedoch nicht einen Augenblick von der Seite.
Aidan hatte beim Essen die ganze Zeit über ein seltsames Gefühl gehabt und immer wieder zur Tür geschaut. Er hatte seinen Vater fragen wollen, doch Duncan war von zu vielen Männern umgeben gewesen, von denen jeder einzelne viel zu sehr auf die bevorstehende Schlacht konzentriert war, als dass man ihn ernst genommen hätte.
Beim ersten Tageslicht war Aidan, der die ganze Nacht lang wach gelegen hatte, zum Fenster gerannt und hatte hinausgesehen. Doch da war nichts. Er rannte aus seiner Kammer, den Flur entlang und vorbei an den Männern seines Vaters in Kyras Kammer. Er klopfte nicht einmal an als er hineinrannte, und war enttäuscht gewesen, als er nur eine leere Kammer mit einem unberührten Bett vorgefunden hatte. Jetzt war er sich sicher, dass etwas nicht stimmte.
Aidan rannte den Flur hinunter zur Kammer seines Vaters, und stand vor der Tür die von zwei Kriegern bewacht wurde.
„Öffnet die Tür!“, befahl Aidan.
Die Wachen tauschten einen unsicheren Blick aus.
„Es war eine lange Nacht, Junge“, sagte einer der Männer. „Deinem Vater wird es nicht gefallen, so früh geweckt zu werden.“
„Heute reiten wir vielleicht in die Schlacht“, sagte der andere. „Er muss sich ausruhen.“
„Ich sage es nicht noch einmal“, beharrte Aidan.
Sie sahen ihn skeptisch an, doch Aidan hatte keine Zeit zu verlieren und griff nach dem Klopfer.
„Junge, nicht!“, rief einer.
Dann sahen sie, dass er sich nicht abbringen lassen würde und einer sagte. „Schon gut, aber wenn er wütend ist, ist es nicht unsere Schuld, Und der Wolf bleibt hier.“
Leo knurrte, doch der Wächter öffnete zögernd die Tür gerade so weit, dass Aidan hindurch schlüpfen konnte und schloss sie sofort wieder.
Aidan eilte zum Bett seines Vaters und fand ihn schnarchend unter seinen Felldecken mit einem spärlich bekleideten Mädchen neben sich. Er griff seinen Vater an der Schulter und schüttelte ihn.
Schließlich öffnete der Vater die Augen und sah ihn wütend an. Doch Aidan ließ sich nicht abschrecken.
Vater, du musst aufwachen“, drängte Aidan. „Kyra ist weg!“
Der Blick seines Vaters nahm einen verwirrten Ausdruck an, und er sah ihn mit geröteten Augen an.
„Weg?“, fragte er mit heiserer Stimme. „Was meinst du mit – weg?“
„Sie ist gestern Nacht nicht in ihrer Kammer gewesen. Irgendetwas muss ihr zugestoßen sein – ich bin mir sicher. Du musst sofort deine Männer alarmieren!“
Duncan setzte sich auf, rieb sich die Augen und versuchte den Schlaf abzuschütteln.
„Ich bin mir sicher, dass alle in Ordnung ist“, sagte er. „Deiner Schwester wird schon nichts passiert sein. Sie hat eine Begegnung mit einem Drachen überlebt – denkst du ein kleiner Schneesturm könnte sie wegblasen? Sie ist nur irgendwo, wo du noch nicht nachgesehen hast. Du weißt, dass sie gerne allein loszieht. Und jetzt geh schon. Geh zurück in dein Bett, bevor ich dich übers Knie lege.“
Doch Aidan stand mit rotem Kopf vor ihm.
„Wenn du sie nicht suchen willst, werde ich es tun“, schrie er ihn an und rannte aus der Kammer, in der Hoffnung, dass er doch irgendwie zu seinem Vater durchgedrungen war.
*
Aidan stand vor den Toren von Volis, und betrachtete mit Leo an seiner Seite, wie langsam die Sonne aufging. Er suchte den Horizont nach einem Zeichen von Kyra ab, in der Hoffnung, dass sie nur irgendwo im Wald mit ihrem Bogen trainiert hatte, doch da war nichts. Seine dunkle Vorahnung vertiefte sich. Er hatte die letzten vier Stunden damit verbracht, jeden zu wecken, von seinen Brüdern bis hin zum Schlachter, und hatte jeden gefragt, ob jemand sie gesehen hatte. Schließlich hatte einer der Männer ihres Vaters berichtet, dass sie gesehen hatte, wie sie mit Maltren zum Dornenwald geritten war. Aidan hatte die Festung nach Maltren durchsucht und jemand hatte ihm gesagt, dass er auf die Jagd gegangen war. Und nun stand er auf der Brücke und wartete darauf, dass Maltren zurückkam, denn er wollte ihn fragen, was mit seiner Schwester passiert war.
Aidan stand bis zu den Waden im Schnee und zitterte vor Kälte, doch er versuchte es zu ignorieren. Er hatte die Hände in die Hüften gestützt und spähte zum Horizont, wo er endlich eine Gestalt entdeckt hatte. Er erkannte die Rüstung der Männer seines Vaters und das Drachenemblem auf dem Brustpanzer. Sein Herz machte einen Sprung als er Maltren erkannte.
Maltren ritt auf die Festung zu und ein Reh hing über den Rücken seines Pferdes. Als er näher kam, sah er Aidan missbilligend an. Er warf ihm einen bösen Blick zu, als er widerwillig vor ihm stehen blieb.
„Aus dem Weg, Junge!“, rief Maltren. „Du blockierst die Brücke.“
Doch Aidan blieb stehen.
„Wo ist meine Schwester?“, wollte er wissen.
Maltren sah ihn an und Aidan bemerkte ein Zögern in seinem Blick.
„Woher soll ich das wissen?“, knurrte er ihn an. „Ich bin ein Krieger – ich achte nicht auf kleine Mädchen, die irgendwo herumtanzen.“
Doch Aidan blieb standhaft.
„Man hat mir gesagt, dass man sie zuletzt mit dir gesehen hat. Wo ist sie?“, wiederholte er mit fester Stimme. Er war beeindruckt, wie autoritär er klang, ähnlich seinem Vater, auch wenn ihm die Tiefe fehlte, die er so bewunderte.
Er spürte, dass er ihn getroffen haben musste, denn Maltren stieg langsam ab und Wut und Ungeduld blitzten in seinen Augen auf und er ging bedrohlich auf Aidan zu. Als er näher kam, knurrte Leo so gefährlich klingend, dass Maltren stehen blieb und zwischen Aidan und dem Wolf hin und her blickte.
Nach Schweiß stinkend sah er Aidan böse an, und auch wenn er versuchte es nicht zu zeigen musste Aidan zugeben, dass er sich vor ihm fürchtete. Er dankte Gott dafür, dass Leo an seiner Seite war.
„Weißt du welche Strafe darauf steht, dich einem der Männer deines Vaters zu widersetzen?“, fragte Maltren mit finsterer Stimme.
„Er ist mein Vater“, beharrte Aidan. „Und Kyra ist seine Tochter. Ich frage dich noch einmal: WO IST SIE?“
Innerlich zitterte Aidan – doch er würde nicht nachgeben – nicht, wo er das Gefühl hatte, dass Kyra in Gefahr war.
Maltren sah sich um, scheinbar, um sich zu versichern, dass niemand zusah; dann beugte er sich vor und sagte:
„Ich habe sie an die Männer des Lords verkauft – für eine stolze Summe. Sie war eine Verräterin und eine Unruhestifterin – genau wie du.“
Aidan riss die Augen weit auf, geschockt und wütend über seinen Verrat.
„Und was dich angeht“, sagte Maltren und packte Aidan an seinem Hemd und zog ihn zu sich heran. Aidans Herz begann zu rasen, als er sah, wie seine Hand an den Dolch an seinem Gürtel wanderte. „Weißt du, wie viele Jungen jedes Jahr in diesem Graben sterben? Eine ausgesprochen unglückliche Angelegenheit. Die Brücke ist zu glatt und das Ufer zu steil. Niemand wird es für mehr als einen Unfall halten.“
Aidan versuchte, sich loszureißen, doch Maltren hielt ihn zu fest. Panik stieg in ihm auf, denn er wusste, dass er ihn umbringen würde.
Plötzlich knurrte Leo und biss Maltren ins Bein. Maltren ließ Aidan los und hob seinen Dolch um den Wolf zu töten.
„NEIN!“, schrie Aidan.
Ein Horn erklang, gefolgt von Pferden, die durch das Tor und über die Brücke ritten und Maltren hielt inne. Aidan drehte sich um und sah erleichtert, dass sein Vater und seine Brüder kamen, begleitet von einem Dutzend Männern, die mit ihren Bögen auf Maltrens Brust zielten.
Aidan riss sich los und zum ersten Mal sah er Angst in Maltrens Gesicht. Er hielt immer noch den Dolch in der Hand – sie hatten ihn auf frischer Tat ertappt. Aidan schnippte mit den Fingern und Leo ließ widerwillig los.
Duncan stieg vom Pferd und ging gefolgt von seinen Männern auf sie zu. Aidan drehte sich zu ihm um.
„Ich hab‘s dir doch gesagt, Vater! Ich hab’s dir gesagt! Kyra ist Weg. Und Maltren hat sie verraten – er hat sie an den Lord Regenten verkauft!“
Duncan trat in der angespannten Stille vor die sich über sie legte, als seine Männer Maltren umzingelten. Dieser warf einen nervösen Blick über seine Schulter zu seinem Pferd, als dachte er an Flucht, doch einer der Männer packte die Zügel.
Maltren sah Duncan an, offensichtlich nervös.
„Wolltest du etwa Hand an meinen Jungen legen?“, fragte Duncan und sah Maltren in die Augen.
Maltren schluckte und schwieg.
Duncan hob langsam sein Schwert und hielt die Spitze an Maltrens Hals. Seine Augen loderten bedrohlich.
„Du wirst uns zu meiner Tochter führen“, sagte er. „Und das wird das letzte sein, was du tust, bevor ich dich töte.“
KAPITEL DREISSIG
Kyra und Deirdre rannten um ihr Leben über die verschneite Ebene und rangen nach Luft, während sie immer wieder ausrutschten und schlitterten. Sie rannten durch die eiskalte Morgenluft, weiße Wolken kamen aus ihren Mündern und die Kälte brannte in Kyras Lungen; mit tauben Händen hielt sie ihren Stab umklammert. Das Donnern tausender Hufe erfüllte sie Luft uns als sie sich umdrehte, wünschte sie sich, es nicht getan zu haben. Hinter ihnen waren Tausende Männer des Lords und kamen immer näher. Sie wusste, dass es keinen Sinn hatte, davonzulaufen. Ohne Rettung in Sicht und nur die weite weiße Ebene vor ihnen waren sie so gut wie tot.
Doch sie rannten weiter, angetrieben von ihrem Überlebenswillen.
Kyra rutschte aus und fiel mit dem Gesicht voran in den Schnee. Sofort fühlte sie eine Hand unter ihrem Arm, die sie hochzog; sie sah Deirdre, die sie zurück auf die Beine zog.
„Du kannst jetzt nicht schlapp machen“, sagte Deirdre. „Du hast mich nicht im Stich gelassen – und ich werde dich auch nicht im Stich lassen. Komm weiter!“
Kyra war überrascht über die Autorität und das Selbstvertrauen in Deirdres Stimme; es war, als ob sie ein neuer Mensch geworden war, seitdem sie den Kerker verlassen hatten. In ihrer Stimme schwang trotz ihrer verzweifelten Situation Hoffnung mit.
Kyra rappelte sich auf und sie rannten keuchend einen Hügel hinauf. Sie versuchte, nicht daran zu denken, was passieren würde, wenn die Armee sie einholte, oder wenn sie Volis erreichten und ihre Leute abschlachten würden. Und doch gab Kyra nicht auf.
Sie erklommen den Hügel und Kyra blieb wie angewurzelt sehen, erstaunt über den Anblick, der sich ihr Bot. Von hier oben konnte sie die Landschaft überblicken, ein riesiges Plateau, das sich vor ihr erstreckte und ihr Herz machte einen Sprung als sie sah, dass ihr Vater mit hundert Männern auf sie zugeritten km. Sie konnte es nicht fassen: er war gekommen, um sie zu retten. All diese Männer waren den ganzen Weg hierhergekommen, um sie zu retten. Sie riskierten ihr Leben für sie, Kyra.
Kyra brach in Tränen aus, überwältigt von Liebe und Dankbarkeit ihren Leuten gegenüber. Sie hatten sie nicht vergessen.
Kyra und Deirdre rannten auf sie zu, und als sie näher kamen, sah Kyra Maltrens abgetrennten Kopf an seinem Pferd baumeln. Sie begriff sofort, was geschehen war: sie hatten seinen Verrat bemerkt und waren gekommen, sie zu retten. Ihr Vater schien genauso überrascht zu sein, sie zu sehen, hier draußen, mitten auf dem freien Feld. Er hatte wahrscheinlich damit gerechnet, sie aus der Festung befreien zu müssen.
Die Männer bleiben stehen, und ihr Vater stieg vom Pferd, rannte auf sie zu und schloss sie in seine Arme. Als sie seine starken Arme um sich spürte, war sie unglaublich erleichtert, und hatte das Gefühl, das alles gut werden würde, auch wenn die Chancen schlecht standen. Sie war noch nie so stolz auf ihren Vater gewesen wie in diesem Augenblick.
Der Ausdruck im Gesicht ihres Vaters änderte sich plötzlich und er wurde ernst, als er über ihre Schulter blickte. Sie wusste, dass er sie gesehen hatte, die riesige Arme der Männer des Lords, die den Hügel erklommen hatten.
Er deutete auf ein paar Pferde ohne Reiter.
„Dein Pferd wartet auf dich“, sagte er und deutete auf einen schönen weißen Hengst. „Du wirst jetzt mit uns kämpfen.“
Da keine Zeit für viele Worte war, sprang Kyra sofort auf ihr Pferd und folgte ihm und seinen Männern in die Richtung, aus der sie eben noch geflohen war. Vor ihnen kamen die Männer des Lords über den Hügel, Tausende gegen gerade einmal hundert Männer aus Volis. Doch die Männer ihres Vaters saßen stolz auf ihren Pferden.
„MÄNNER!“, rief ihr Vater mit donnernder Stimme. „WIR KÄMPFEN FÜR DIE EWIGKEIT!“
Sie stießen einen kollektiven Kampfschrei aus und stießen in die Hörner und gemeinsam ritten sie los, dem Feind entgegen.
Kyra wusste, dass es Selbstmord war. Hinter den Männern des Lords waren noch weitere tausend Mann. Ihr Vater wusste es; all seine Männer wussten es. Doch keiner zögerte. Denn sie kämpften nicht nur für ihr Land, sie kämpften für etwas, was weitaus kostbarer war: ihr Leben, ihre Existenz; das Recht, als freie Männer zu leben. Freiheit bedeutete diesen Männern mehr als das Leben, und auch wenn sie womöglich alle sterben mussten, würden sie zumindest als freie Männer sterben.
Als Kyra neben ihrem Vater her ritt, neben Anvin, Vidar und Arthfael, war sie überglücklich und das Adrenalin rauschte durch ihre Adern. Wie im Nebel sah sie, wie ihr Leben vor ihren Augen ablief. Sie sah all die Menschen die sie kannte und liebte, die Orte, an denen sie gewesen war, das Leben das sie gelebt hatte, von dem sie wusste, dass es bald enden würde. Als die beiden Armeen sich einander näherten, sah sie das widerliche Gesicht des Lord Regenten, der allen voranritt, und eine neue Welle des Zorns auf Pandesia stieg in ihr auf. Der Rachedurst brannte in ihren Adern.
Kyra schloss die Augen und schickte einen letzten Wunsch gen Himmel.
Wenn mir wirklich bestimmt ist, eine große Kriegerin zu werden, dann lass es jetzt geschehen. Wenn ich wirklich eine besondere Macht besitze, dann zeig sie mir. Lass sie jetzt hervorkommen. Erlaube mir, meine Feinde zu vernichten. Nur dieses eine Mal, nur heute, an diesem Tag. Lass zu, dass der Gerechtigkeit genüge getan wird.
Kyra öffnete die Augen und hörte plötzlich einen schrecklichen Schrei, der den Himmel über ihr zerriss. Ihre Nackenhaare stellten sich auf als sie gen Himmel blickte.
Theos.
Der riesige Drachen schwang sich zu ihr hinab und starrte sie mit seinen großen gelben Augen an, den Augen, die sie in ihren Träumen gesehen hatte, jenen Augen, die sie nicht vergessen konnte. Sie hatte immer gewusst, dass sie ihn wiedersehen würde.
Sein Flügel war verheilt und er tauchte mit ausgestreckten Krallen zu ihr hinab, als wollte er sie töten.
Kyra sah, wie die Männer ihres Vaters aufblickten, die Münder vor Angst weit aufgerissen. Doch sie selbst hatte keine Angst. Sie spürte die Kraft des Drachen und wusste, dass sie und der Drachen eins waren.
Kyra sah ehrfürchtig zu, wie Theos auf sie zukam, die Flügel so weit gespreizt, dass sie den Himmel verdunkelten und sein Schrei so laut, dass er die Männer in Angst und Schrecken versetzte. Er kam unglaublich nah, dann schwang er sich wieder in die Höhe. Kyra drehte sich um und sah, wie Theos steil aufstieg, umdrehte und zurückkam. Diesmal flog er hinter ihren Männern her als ob er mit ihnen kämpfen wollte.
Er öffnete sein Maul und flog über sie hinweg, bis er ihnen schließlich voraus und direkt auf die Männer des Lords zu flog.
Kyra sah ehrfürchtig zu, wie sich der Drache ihren Feinden näherte und sah wie die Arroganz im Gesicht des Lord Regenten nackter Angst wich. Sie sah die Angst in den Gesichtern all seiner Männer, als sie begriffen, was da auf sie zukam: Rache.
Theos öffnete sein Maul und unter lautem Zischen und Knistern spie er Feuer. Die Flammen erhellten den verschneiten Morgen. Die Schreie von Männern erfüllten die Luft als sich das Feuer unter den Rängen der Männer des Lords ausbreitete und Reihe um Reihe tötete.
Der Drachen flog einen Bogen und flog erneut über sie hinweg und spie Feuer, bis niemand mehr übrig war. Nichts als endlose Haufen von Asche, dort wo eben noch Männer und Pferde gestanden waren.
Kyra betrachtete die Szene und es fühlte sich surreal an. Es war, als sah sie dabei zu, wie sich ihr Schicksal vor ihren Augen entfaltete. In diesem Augenblick wusste sie, dass sie anders war – dass sie besonders war. Der Drache war für sie gekommen.
Jetzt gab es kein Zurück mehr: Die Männer des Lords waren tot. Pandesia war angegriffen worden und Escalon hatte den ersten Treffer gelandet.
Der Drache landete vor ihnen auf dem aschebedeckten Feld und Kyra und all die Männer blieben stehen und sahen ihn ehrfürchtig an. Doch Theos hatte nur Augen für Kyra. Seine leuchtend gelben Augen waren nur auf sie gerichtet. Er hob seine Flügel und schrie; ein wütender Schrei, der durch das ganze Universum zu hallen schien.
Der Drache wusste es.
Die Zeit für den großen Krieg war gekommen.
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DER RING DER ZAUBEREI
QUESTE DER HELDEN (Band #1)
MARSCH DER KÖNIGE (Band #2)
LOS DER DRACHEN (Band #3)
RUF NACH EHRE (Band #4)
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ANGRIFF DER TAPFERKEIT(Band #6)
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VERRATEN (Band #3 Der Weg Der Vampire)
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