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Wünsch dich ins Wunder-Weihnachtsland

Erzählungen, Märchen und Gedichte zur Advents- und Weihnachtszeit

Band 7

Martina Meier (Hrsg.)


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Impressum:

Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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© 2020 – Papierfresserchens MTM-Verlag GbR

Mühlstraße 10, 88085 Langenargen

Alle Rechte vorbehalten. Taschenbuchausgabe erschienen 2014.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.

Titelbild: © Heike Georgi

Lektorat: Redaktions- und Literaturbüro MTM

ISBN: 978-3-86196-407-0 - Taschenbuch

ISBN: 978-3-96074-324-8 - E-Book

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Inhalt

Hüpfer, Lena und Herr Wurstbrot

Der Apfelbaum, der ein Weihnachtsbaum sein wollte

Ziemlich super Freunde

Der verlorene Klöppel

Das kleine Tannenbäumchen5

Beinahe ganz gewöhnliche Weihnachten

Tina und der Flug mit dem Schlitten

Tigerles süße Weihnachten

Weihnachtswichteln

Einst im Russland zur Zeit des Zarenreiches …

Das Licht

Weihnachtszeit, Kostbarkeit

Das Versprechen der Weihnachtskatze

Der verlorene Brief

Weihnachtszeit

Weihnachten

Weihnachten für Kater Lode

In der Weihnachtsküche

Wenn der Dezember naht

Eine Weihnachtsfeier

Weihnachtsball

Theo Tannes sehnlichster Wunsch

Bei Ochs und Esel

O Tannenbaum, o Tannenbaum ...

Katze Mini und Maus Trude

Weihnachten daheim

Von Einbrechern und Rentieren

Snowys schönstes Weihnachtsfest

Die Weihnachtszauberformel

Ein neuer Küchenchef für den Weihnachtsmann

Mia und die Helfer des Weihnachtsmanns

Im Weihnachtswald

Milas Weihnachtswunsch

Wer glaubt denn noch an den Weihnachtsmann?

Happy Christmas? – Not for everyone!

Schneemann im Regen

Weihnachtsmaus Friedl

Brunos Weihnachten

Wo geht es denn nach Bethlehem?

Der Tanz mit den Sternen

Wenn Kindertränen Wunder schaffen

Melinda wartet auf das Christkind

Lieschens Weihnachtsnacht

Der Bär des Lebens

Die Wunschliste

Basti, der Weihnachtshund

Die Puppe

Die Weihnachtswunschpuppe

Edi wünscht sich einen Hund

Die zwei Engel

Mach mit!

Unser Buchtipp

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Hüpfer, Lena und Herr Wurstbrot

„Mir ist soooo kalt“, maulte Hüpfer und zog Lena kräftig am Ärmel.

„Dann mache einfach das, was du am besten kannst.“ Lena grinste ihren Bruder an und begann, wild umherzuspringen. „Siehst du, mir ist schon ganz warm“, rief sie.

Felix, den ja nicht umsonst alle Welt Hüpfer nannte, zeigte nun seinerseits, was er drauf hatte. Sprungdrehungen, die konnte keiner so gut wie er. Und wenn er besonders viel Schwung nahm, schaffte er es sogar, sich einmal komplett herumzudrehen. Doch heute schien sein Spezialsprung nicht klappen zu wollen. Egal, wie oft er auch springend herumwirbelte, die Superdrehung wollte einfach nicht gelingen. „Das liegt an der dicken Jacke“, murrte er und zog sie kurzerhand aus.

„Die Jacke bleibt an“, erwiderte Lena sofort streng, „außerdem war dir eben doch noch so furchtbar kalt!“

„Jetzt nicht mehr!“, schrie Hüpfer und vollführte seine Drehsprünge. Einer nach dem anderen glückte. Hüpfer war so in seinem Element, dass er nicht bemerkte, wie er in immer schneller werdendem Tempo auf einen knienden Mann zusteuerte.

„Hüpffeeer! Stopp!“, brüllte Lena.

Jedoch zu spät. Es knallte und schepperte. Ein Plastikbecher kullerte über den Asphalt, während einzelne Euromünzen um Hüpfer und den alten Mann kreisten, die mehr aufeinander als nebeneinander lagen. „Oh nein! Es tut mir ja so leid. Entschuldigen Sie bitte, aber mein kleiner Bruder …“ Lena kam in Windeseile herbei und half dem Mann, sich wieder aufzurichten.

„Danke, mein Kind“, krächzte er behäbig, streckte sich und hob nun auch Hüpfer zurück auf die Beine. „Du bist ja ein hervorragender Sprungmeister“, lächelte er. Hüpfer nickte und kniff die Lippen fest zusammen. Ihm war zum Weinen zumute, denn er schämte sich plötzlich sehr, dass er nicht besser aufgepasst hatte. „Aber, aber“, rief der Alte, „wer wird denn da ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter ziehen?“

Lena knuffte unterdessen Hüpfer auffordernd in die Seite. „Es tut mir leid, dass ich Sie umgesprungen habe“, flüsterte der kleine Unfallverursacher verlegen und erntete ein anerkennendes Nicken seiner großen Schwester.

„Kein Problem“, lachte der Mann, „und weißt du, was?“ Er beugte sich weit vor, ehe er sprach: „Ich konnte als Bub die eineinhalbfache Sprungdrehung!“

„Echt??“ Hüpfers Augen weiteten sich, schnell war die Traurigkeit vergessen.

„Sicher! Damals war ich der Meister der Sprünge.“

„Und heute?“ Der Alte lachte erneut. Jedoch weniger fröhlich als zuvor. „Heute bin ich ein armer, alter Mann.“

„Sitzen Sie darum auf der Straße?“, fragte Lena.

„Ja, mein Kind, darum sitze ich hier.“ Ein tiefes Seufzen folgte.

„Aber da vorne steht doch eine Bank!“ Hüpfer streckte den Arm aus und wies auf die Sitzgelegenheit hinter ihnen. „Warum setzen Sie sich nicht dort hin? Das ist doch viel bequemer.“

Der Alte fing auch jetzt an zu lachen. Ein noch traurigeres Geräusch. „Ich sitze nicht nur so auf der Straße. Ich bettle um Geld. Und das tut man nun einmal vom Boden aus“, erklärte er knapp.

„Das verstehe ich nicht!“ Lena sah ihren Bruder lange an. „Mir geht es genauso“, stimmte sie zu, „wenn man schon betteln muss, warum darf man dann nicht wenigstens auf einer Bank sitzen?!“

„Ja, das ist voll unfair!“, schrie Hüpfer und sprang wütend in die Höhe.

„Naja, ein Gesetz gibt es dafür nicht“, sagte der Mann, „demnach ist es auch nicht unfair. Leider ist es aber so, dass die Menschen den Leuten auf dem Boden Geld in ihre Büchsen werfen und nicht denen, die auf einer Bank sitzen.“

„Ich würde das anders machen“, entgegnete Lena.

„Ich auch, Lena, ich auch!“ Hüpfer, der gerade dabei war, die Euromünzen aufzusammeln, wurde plötzlich nachdenklich. „Warum betteln Sie überhaupt? Also wenn Mama und Papa Geld brauchen, dann gehen die mit so einer Karte zum Geldautomaten. Vielleicht wissen Sie das ja noch nicht, aber da ist ganz viel Geld drin, das reicht bestimmt auch für Sie!“ Der Mann strich dem Jungen über das strubblige Blondhaar.

„Weißt du, mein Kind, die Sache mit der Karte ist nicht für jedermann geeignet. Um so eine Karte zu bekommen, brauche ich zum Beispiel auch eine Wohnung“, erklärte er.

„Sie haben keine Wohnung?“ Lena war fassungslos. „Es ist Winter!“

„Und Heiligabend“, fügte Hüpfer hinzu.

„Genau! Und an so einem Tag solltet ihr rasch nach Hause gehen und euch auf das große Fest vorbereiten“, wiegelte der Alte schnell ab und reichte den beiden Kindern zum Abschied die Hand. Doch Hüpfer verschränkte die Arme vor der Brust. „Magst du mir nicht die Hand geben, Kleiner?“ Hüpfer sprang einmal auf den Boden auf. „Das heißt Nein“, folgerte der Mann.

„Woher wissen Sie das?“

„Na, ich sagte doch bereits, dass ich der Meister der Sprünge war. Die Fachsprache beherrsche ich immer noch“, zwinkerte er grinsend.

Lena legte gerade Hüpfer die Jacke über die Schultern, als dieser die Hand nach dem Bettler ausstreckte. „Ich heiße Hüpfer, also eigentlich Felix, aber alle nennen mich Hüpfer. Und wie heißen Sie?“

„Ich heiße Springer, also eigentlich Herr Wurstbrot, aber alle nennen mich Springer“, sprach der Alte und wünschte den Kindern ein frohes Fest.

Auch wenn die Kinder sich köstlich über den Namen, sowohl Springer als auch Herr Wurstbrot, amüsierten, bedrückte sie doch etwas, als sie heimkehrten. „Da seid ihr ja“, rief Mama aus der Küche. Es duftete herrlich nach Zimt und Lebkuchengewürz. Hüpfer sprang sofort auf die Theke und angelte sich ein Plätzchen vom Backblech. „He, die sind für heute Abend und die Weihnachtstage gedacht“, sagte Mama und hob lachend den linken Zeigefinger. „Und, wie war der Stadtbesuch im vorweihnachtlichen Einkaufsgerangel? Habt ihr trotzdem alles bekommen?“

„Nö!“

„Nein?“ Mama sah erst Hüpfer fragend an und drehte sich dann zu Lena. „Ihr wolltet doch unbedingt noch ein Geschenk für Knusper und Müsli besorgen.“

„Die Meerschweinchen haben doch alles“, sagte Lena und griff ebenfalls zum Backblech.

„Genau!“, rief Hüpfer, „aber der arme Springer hat nichts!“

„Springer?“

„Hüpfer meint Herrn Wurstbrot“, erklärte Lena.

Mama kratzte sich verwirrt am Kopf. „Ich glaube, ihr wollt mich auf den Arm nehmen.“

„Nein Mama! Springer, also Herr Wurstbrot, sitzt auf der Straße und bettelt.“ Hüpfer sprang hinab und zeigte, wie Herr Wurstbrot kniete und den Arm ausstreckte. Lena machte es nach. „Und dann werfen die Leute Geld in seine Büchse.“

„Aber nur ganz wenig“, warf Hüpfer aufgebracht ein, „da kann man sich nicht mal die coolen Sticker für kaufen!“

„Die braucht er doch auch gar nicht!“ Lena verdrehte die Augen.

„Nein, die benötigt er wirklich nicht“, sagte Mama nachdenklich. Dann hellte sich ihr Gesicht auf. Entschlossen stemmte sie die Hände in die Hüften und sprach: „Kinder, packt die Kekse ein und holt von den Nachbarn einige Thermoskannen. Wir werden jetzt Herrn Wurstbrot und den anderen armen Leuten eine Freude machen!“

Hüpfer wirbelte herum und setzte zum Sprung an … „Die eineinhalbfache Drehung“, rief Lena bewundernd und umarmte ihren Bruder.

Jetzt gab es kein Halten mehr. Innerhalb einer Stunde wurde alles organisiert. Die Nachbarn waren so begeistert von der Idee, dass sie sich spontan bereit erklärten, etwas zu spenden. Und so kamen vier bis an den Rand gefüllte Bollerwagen zusammen, die von einigen Helfern in die Innenstadt gezogen wurden.

„Springer! Springeeeer!“, brüllte Hüpfer, als er den Bettler erkannte, und raste freudestrahlend auf ihn zu. Dieses Mal bremste er aber gerade noch rechtzeitig ab.

„Na, das ist ja eine Überraschung“, sagte der Mann und wischte sich eine Freudenträne aus dem Auge. Die Helfer stellten die Bollerwagen ab und begannen, die Leckereien an die Armen zu verteilen. Immer mehr Menschen kamen zu ihnen und freuten sich über die Gaben. Mama schenkte fleißig Tee und Kaffee aus. Lena spielte auf ihrer Blockflöte Weihnachtslieder. Hüpfer wunderte sich, dass es so viele arme Menschen in seiner Stadt gab, und kuschelte sich irritiert an seine Mama. „Ich weiß, es ist traurig zu sehen, dass es dieses Elend gibt“, erklärte sie sanft, „ihr habt jedoch etwas gemacht, auf das ihr sehr stolz sein könnt!“

„Was denn?“

„Ihr habt die Augen nicht verschlossen“, lächelte Mama weise.

„Dann würde ich ja auch nix mehr sehen!“

„Genauso ist das, mein Kind. Und nun lauf“, sagte sie, als sie den winkenden Herrn Wurstbrot entdeckte. Überglücklich beobachtete sie ihren Jungen, wie er dem Mann seine eineinhalbfache Drehung präsentierte.

„Jetzt bist du auch ein Meister der Sprünge“, jubelte Herr Wurstbrot und sprang mit Hüpfer um die Wette. Es wurde ein ausgelassenes Fest, das noch bis in die Abendstunden andauerte. Und als Hüpfer und Lena später unter dem Tannenbaum saßen, um die Geschenke auszupacken, fragte Hüpfer: „Wie Herr Wurstbrot wohl gerade feiert?“

Mama und Papa sahen sich lange an, dann sprach Papa: „Ich habe noch eine Überraschung für euch!“

Im Türrahmen stand Springer, also Herr Wurstbrot, und hielt zwei Weidenkörbe in den Händen. In beiden lagen leckere Mohrrüben und Äpfel. „Ich dachte, Knusper und Müsli brauchen auch noch ein Weihnachtsgeschenk“, sagte er und zwinkerte Mama zu.

Hüpfer machte einen Freudensprung und Lena fiel dem alten Mann in die Arme. „Das ist das tollste Fest aller Zeiten!“, rief er. Und während Knusper und Müsli ihr Futter verschlangen, feierte die Familie mit dem Meister der Sprünge das Fest der Liebe …

Britta Ahrens wurde als Novemberkind des Jahres 1978 geboren. Mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern lebt sie in Lunestedt, einem kleinen Dorf nahe der Weser. Sie schreibt seit ihrer Kindheit und konnte bereits einige ihrer Geschichten veröffentlichen.

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Der Apfelbaum, der ein Weihnachtsbaum sein wollte

Es war einmal ein kleiner Apfelbaum, der wuchs langsam und mühsam im Schatten einer großen Tanne heran. Langsam und mühsam war das Wachsen, weil die große Tanne ihm nicht viel Wasser und Sonne übrig ließ, da sie alles für sich selbst brauchte. Doch der kleine Apfelbaum war zäh und wuchs stetig jedes Jahr ein bisschen. Eines Tages war er dann alt genug, um sprechen zu können. Doch weil er so schwach war, verstand er nur die Sprache der Bäume, die Sprachen der Tiere des Waldes blieben ihm unverständlich. Vor allem die zweibeinigen Tiere, die sich Menschen nannten, redeten viel zu schnell, als dass der kleine Apfelbaum auch nur ein Wort vom anderen hätte unterscheiden können.

Der kleine Apfelbaum aber war froh, endlich zumindest die Sprache der Bäume zu sprechen, und sobald er die Kraft dazu fand, sprach er die große Tanne an: „Du, Tanne“, fragte er, „hörst du mich?“ Die Tanne nickte knapp mit ihren Zweigen. Der kleine Apfelbaum freute sich so sehr, dass er vergaß weiterzusprechen.

„Nun mach schon“, drängte die große Tanne, „ich habe keine Lust, mit dir kleinem Pimpf zu sprechen.“

„Aber wieso denn nicht?“, fragte der kleine Apfelbaum verwirrt.

„Warum sollte ich mich mit einem wie dir abgeben“, erklärte die Tanne, „du wirst doch eh bald sterben.“

Der kleine Apfelbaum war entsetzt.

„Schau dich doch einmal an“, sprach die Tanne weiter, „wie mickrig du dort unten in meinem Schatten stehst. Du wirst niemals groß werden. Und weil Bäume nun aber einmal dafür gemacht sind, groß zu werden, sterben die, die es nicht können, irgendwann. So einfach ist das.“

„Aber das will ich nicht!“, rief der kleine Apfelbaum und schüttelte sich vor Angst.

„Da wirst du keine andere Wahl haben. Wenn du eine Tanne so wie ich wärst, dann sähe die Sache schon anders aus. Dann würdest du entweder so schön und groß wie ich sein oder von einer Menschenfamilie mitgenommen werden, die dich in ihre Stube holt, dir Lichter, bunte Kugeln und Zimtsterne ansteckt, so wie es jetzt der Brauch ist. Aber das gilt eben nur für Tannen. Ein Apfelbaum ist als Weihnachtsbaum nicht geeignet. Und nun schweige still und lass mich meine Wipfel im Wind schaukeln!“

Der kleine Apfelbaum hatte auch gar keine Lust mehr zu reden. Was sollte denn nur aus ihm werden? Er hatte sich so darauf gefreut, groß zu werden, und nun sollte er das nie erleben? Und alles nur, weil er keine Tanne war? Er dachte an Kugeln, Lichter und vor allem an Zimtsterne, die er sich besonders schön vorstellte. Und mit diesen Gedanken fiel er in einen unruhigen, aber tiefen Schlaf. So merkte er gar nicht, wie der erste Schnee des Winters langsam vom Himmel zu fallen begann.

Klara hingegen blickte begeistert aus dem Fenster der kleinen Wohnstube ihrer Eltern, die im oberen Geschoss eines großen, alten Bauernhofes lag. „Schau nur, Vater“, rief sie. „Der Schnee kommt, nun können wir einen Weihnachtsbaum aussuchen, ja?“

„Aber Klara“, sagte der Vater, „wir brauchen hier oben doch keinen eigenen Weihnachtsbaum, weil wir doch Weihnachten unten bei Großvater und Großmutter auf der großen Diele feiern werden.“

„Ich hätte aber so gerne einen eigenen Weihnachtsbaum!“ Klara schaute mit glänzenden Augen zu ihrem Vater auf.

Nun kam aus dem Nebenzimmer auch Klaras Mutter hinzu. „Erfüll ihr doch den Wunsch!“, raunte die Mutter dem Vater zu. Klara war den ganzen Herbst sehr krank gewesen und keiner hatte gewusst, ob sie Weihnachten überhaupt noch erleben würde. Nun jedoch ging es ihr viel besser und weder Mutter noch Vater, weder Großmutter noch Großvater und auch die Knechte und Mägde, die auf dem Hof arbeiteten, konnten ihr einen Wunsch abschlagen.

„In Ordnung, Klara, lass uns in den Wald gehen und einen Baum aussuchen.“

„Oh, ja!“, rief Klara. „Einen ganz großen!“

„Na, aber ein ganz großer passt doch gar nicht in unsere Stube!“, erklärte Vater.

Klara überlegte kurz. „Dann nehmen wir einen ganz besonders besonderen!“, beschloss sie. Und schon machten sich Vater und Klara auf, um einen ganz besonderen Weihnachtsbaum zu finden.

Mittlerweile hatte es so viel geschneit, dass im Wald eine dünne Schneedecke lag. „Schau nur, Klara, wir machen feine Fußspuren. Wenn es nicht zu viel schneit, müssen wir nicht fürchten, uns zu verirren“, sagte Vater.

Aber Klara hatte sowieso nie Angst davor, sich im Wald zu verlaufen, denn sie hatte eine besondere Gabe: Sie konnte die Sprache der Bäume verstehen. Auch jetzt lauschte Klara den vielen Stimmen. Alle begrüßten sie mit fröhlichem Hurra, denn auch die Bäume hatten große Angst um Klara gehabt und waren nun froh, sie gesund und munter wiederzusehen. So groß war das Stimmengewirr, dass sie beinahe die kleine zittrige Stimme gar nicht gehört hätte. Als Klara sich jedoch konzentrierte, konnte sie die Stimme deutlich von den anderen unterscheiden, denn während die anderen fröhlich klangen, lag in dieser einen eine tiefe Traurigkeit.

Klara folgte der Stimme und Vater folgte Klara. Schließlich standen beide vor dem kleinen Apfelbaum, der im Schatten der großen Tanne noch immer schlief.

„Ein Weihnachtsbaum, ich wäre so gerne ein Weihnachtsbaum“, murmelte er im Traum. Klara tat der kleine Baum leid. Sie konnte spüren, dass er nicht mehr viel Kraft hatte und nur dank seines großen Willens überhaupt noch am Leben war. Das erinnerte sie an sich selbst und so war für sie die Entscheidung gefallen. „Diesen hier möchte ich“, sagte sie.

Vater schaute erschreckt auf die riesige Tanne. „Aber Klara“, sagte er, „der Baum wäre doch sogar für die große Diele viel zu groß!“

„Nicht die Tanne“, erklärte Klara ungeduldig, „das Apfelbäumchen hier!“

Da staunte der Vater sehr. Ein Apfelbaum als Weihnachtsbaum? „Aber der ist doch ganz kahl“, wandte Vater ein, „wollen wir nicht lieber eine schöne grüne Tanne nehmen?“

„Nein“, beharrte Klara, „ich möchte diesen. Wir werden ihn schmücken mit Lichtern, Kugeln und Zimtsternen, dann ist er gar nicht mehr kahl!“

Bei dem Wort Zimtsterne erwachte der kleine Apfelbaum plötzlich und erschreckte sich sehr, als er ein kleines Menschenmädchen und einen großen Mann mit einer Axt vor sich stehen sah. Der Mann sprach etwas in der schnellen, knatternden Sprache der Menschen und verschwand dann.

Das Mädchen hingegen beherrschte zu seiner Überraschung die melodische Sprache der Bäume. „Vater bringt nur die Axt zum Hof und holt stattdessen einen Spaten“, erklärte ihm das Mädchen, „damit holen wir dich aus der Erde, und dann darfst du unser Weihnachtsbaum sein. Wenn du den Winter überstehst und im Frühling gesund und kräftig bist, pflanzen wir dich in den Garten an einen luftigen und sonnigen Platz, und wenn es dir dort gefällt, kannst du wachsen und uns bald schon jeden Herbst frische Äpfel schenken.“

Von Herzen gerne wollte das der kleine Apfelbaum! Aber vorher wollte er ein Weihnachtsbaum sein, mit Lichtern, Kugeln und vor allem Zimtsternen. Erst danach würde er wachsen und groß werden und der Familie über viele Generationen hinweg Äpfel schenken. Und manchmal, alle paar Jahre, würde an ihm ein besonderer Apfel wachsen, der würde größer und runder als die anderen werden. Er schmeckt auch anders, denn statt saftig und leicht sauer, duftet er nach Zimt und schmeckt süß wie Kuchen. Anstatt eines Kerns trägt er in seinem Inneren einen goldenen Zimtstern – und so werden Klaras Urururenkel noch heute daran erinnert, wie einst dem kleinen Apfelbaum sein größter Wunsch erfüllt wurde und er ein Weihnachtsbaum sein durfte.

Britta Voß wurde 1979 in Bremen geboren. Sie lebt in Göttingen, wo sie auch studiert hat. Wenn sie nicht gerade in der Rechtsanwaltskanzlei ihres Ehemannes arbeitet, im Fitnessstudio trainiert, sich mit ihren „Literatur-Mädels“ über Bücher austauscht oder an einer neuen Kurzgeschichte schreibt, liest sie gern und viel. Ihre Kurzgeschichten haben bereits Aufnahme in viele Anthologien gefunden, darunter auch fast alle „Wünsch dich ins Wunder-Weihnachtsland“-Bücher und alle „Wie aus dem Ei gepellt“-Bände.

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Ziemlich super Freunde

Es war vor vielen Jahren, als die Menschen noch nicht so hektisch waren, die Technik das Leben nicht beherrschte und der Lebensstil einfacher war. Es gab keine Supermärkte, keine Versandhäuser und man kaufte im kleinen Tante-Emma-Laden um die Ecke gemütlich ein: pikante Salzbutter und würzige Salzgurken im Butterhaus, Zucker und Mehl, abgewogen in reißfesten Tüten, im Lebensmittelgeschäft – und Blumen im Blumenladen. Die Kinder lasen Bücher; Fernsehen und Telefone gab es nur wenige in den Haushalten.

Eben zu dieser Zeit bummelte ein kleines Mädchen nach der Schule durch die kleine Stadt und schaute sich die Auslagen in den Fenstern der Geschäfte an. Die Kleine hatte keine speziellen Wünsche und ihr Taschengeld war nicht hoch: 2,- D-Mark im Monat. Ihre Eltern waren zwar nicht arm, aber eben auch nicht reich. Das Mädchen musste mit seinem Geld haushalten.

An der Ecke, an der das zierliche Mädchen die Straße überqueren musste, gab es ein Sämereigeschäft, langweilig, aber trotzdem schaute die Kleine ins Schaufenster hinein. Sie musste lächeln. Hinter der Fensterscheibe tummelten sich kleine Küken von Enten, Gänsen und Hühnern.

„Sind die süß“, dachte die Kleine und ging spontan in den Laden, legte ihr gesamtes Taschengeld für einen Monat auf die Theke und sagte kess: „Ich möchte ein Gänseküken.“ Die Besitzerin wunderte sich ein wenig, hatte aber keine Bedenken – denn das hier war nicht der große Deal. Mit einem kleinen Karton in der Hand, in den Löcher gebohrt waren und aus dem es aufgeregt piepste, ging das Mädchen nach Hause.

„Was bringst du denn da mit?“, fragte die erstaunte Mutter.

„Eine Gans.“

„Wie bitte? Und was sollen wir damit?“

„Schwimmen lassen.“

„Schwimmen lassen. Du bist ja gut. Wir haben keinen Garten und auch keinen Teich.“

„Nee, aber Oma hat doch einen Garten.“

„Das stimmt schon, aber sie hat auch eine Katze …“ Mittlerweile hatte die überraschte Mutter sich beruhigt, eine große Spülschüssel aus der Kammer nebenan geholt, frisches Wasser in die Schüssel gefüllt und das kleine gelbe Federknäuel auf das Wasser gesetzt. Der Quirl paddelte vergnügt im Zickzack in dem Mini-Teich herum. „Da musst du erst mal die Oma fragen, ob sie den kleinen Pieper beaufsichtigen will. Außerdem müsstest du jeden Tag hingehen, um das Tier zu füttern. Der Oma kannst du das nicht zumuten. Das Tier braucht ein Gehege und und …“ Dieses Kind!

„Ich könnte ja erst einmal aus Draht provisorisch ein kleines Viereck umzäunen“, äußerte sich der Vater sachlich zu dem Chaos.

Erst vor Kurzem war die Familie in diese Mietwohnung gezogen, Bedingung: keine Tiere. Vorher lebten sie mit Oma beengt in dem alten Haus, nicht weit von hier, vielleicht 20 Häuser entfernt in der gleichen Straße.

Das Mädchen ging am späten Nachmittag zur Oma, um das piepsende Problem zu besprechen. „Oma, kannst du ein kleines Gänseküken in der Waschküche gebrauchen?“

„Wa...as?“

„Ich habe mir heute einen Gottlieb gekauft. Kann ich den behalten?“

„Wer ist Gottlieb?“

Das Mädchen erzählte, die Oma hatte Verständnis und schmunzelte. Die Waschküche war vor einiger Zeit angebaut worden, um das alte Haus moderner zu machen. An eine Waschküche mit Piepstönen in der Nacht hatte dabei wohl keiner gedacht. Der Vater baute im Garten ein kleines Karree mit festem Maschendraht und eine alte Weinkiste für den tagtäglichen Transport, abends rein und morgens raus, fand sich in der rumpeligen Scheune. Futter musste auch gekauft werden, aber fürs Erste taten es Haferflocken.

Eigentlich glaubte keiner, dass Gottlieb die abenteuerliche Einquartierung lange überstehen würde. Außerdem gab es noch andere Leute, die hier einen kleinen Garten gepachtet hatten, und die wunderten sich wahrlich über das einsame Küken. Na ja, Omas Kater Pepe würde sich schon um den Gottlieb kümmern. Aber der, der schaute nur zu, wie der Pieper herumlief, leise Töne von sich gab und etwas Gras pickte. Er beobachte das merkwürdige Piepsknäuel und sonst passierte nichts.

Mit der Zeit verlor Klein-Gottlieb seinen Flausch und er bekam schöne weiße Federn und vor allen Dingen: Er wuchs. Er wuchs zu einem stolzen Ganter heran, mit langen schneeweißen Federn und kräftigen Flügeln. Manchmal schaffte er es sogar über den Draht und dann lief er in den anderen Gärten herum – sehr zum Ärger des grauhaarigen Gartennachbarn.

„Das geht doch nicht. Der pickt doch alles ab. ... Ich könnte die Hauptarbeit schon erledigen …“, maulte er verdächtig gestikulierend. Der Vater dachte an seine kleine Tochter, holte tief Luft und vergrößerte das Gehege.

Die Kleine umsorgte den Gänserich liebevoll. Jeden Abend ging sie zu ihm, fütterte ihn und sprach mit ihm. Sogleich war der neugierige Kater Pepe zur Stelle. Ab und zu hatte Gottlieb Langeweile und er meuterte ziemlich laut. Dem großen Kerl fehlte Betätigung, besonders an sommersonnigen Tagen. Das Mädchen grub eine Mulde in ein Gartenbeet und füllte sie mit Wasser, denn das Regenfass reichte mittlerweile für Gottliebs Größe nicht mehr. Wenn das kleine Mädchen ihn vorsichtig und liebevoll auf den Arm nahm, nahm er das ruhig und gelassen hin. Die beiden mochten sich. Allerdings war der gebuddelte Teich nur begrenzt haltbar – das Wasser versickerte nach einiger Zeit. Also das Ganze noch einmal, oder aber die Badezeit war beendet.

Der Herbst kam, Blätter fielen, und bald erfanden die beiden ungleichen Gartenbewohner ein neues Spiel. Oft saß der Kater nur still da und beobachtete Fliegen und sonstiges Kleingetier. Dabei zuckte sein Schwanz aufgeregt hin und her. Gottlieb biss gereizt hinein. Pepe erschreckte sich dann furchtbar und rannte im Katzengalopp los. Der Ganter behielt jedoch den Schwanz im Schnabel und düste mit flatternden Flügeln hinterher. Eine heitere, filmreife Gemeinschaftsproduktion, ein lustiges Gespann. Mit der Zeit bekamen die beiden Übung und wurden immer schneller. Gottliebs Watschelbeinchen kamen kaum mit, aber sie hoben sich sogar vom Boden ab.

Das Mädchen musste darüber lachen. Der griesgrämige Nachbar schaute interessiert zu. Ab und zu hob er den Gänserich hoch. Überprüfte er sein Gewicht? Wollte er ihn kaufen? Oder wollte er ihn gar …? Gottlieb fauchte; er mochte ihn nicht. Gottlieb und Pepe, die beiden mochten sich. Manchmal saßen sie nahe beieinander, und schauten sich nur still an. Der Nachbar kam in letzter Zeit verdächtig oft, zu oft, sogar an kühleren Tagen.

Argwöhnisch schauten sich die beiden Freunde an. „Das lässt nichts Gutes ahnen. Was machen wir?“ Leise gab jeder ein paar Töne von sich. „Unser Spiel ist gut. Wir müssen es nur verbessern. Du musst noch kräftiger mit den Flügeln schlagen.“ Am nächsten Tag wiederholten sie das Spiel und wieder und wieder. Es klappte schon besser. Der Ganter kam ein ganzes Stück voran. Er hatte das Fliegen ja vorher nie gelernt. „Mau. Heute versuchen wir es. Es wird Zeit. Die Tage werden kürzer. Zieh du los! Ich habe meine Menschenfamilie und das Haus. Los!“ Pepe rannte wie der Blitz, Gottlieb hinterher und dann ging er in die Lüfte, und Kater Pepe stand mit steilem, winkendem Schwanz am Boden.

„Tschüss Pepe“, schnatterte Gottlieb wehmütig. Er flog über Felder und über weihnachtlich beleuchtete Tannenbäume auf Marktplätzen. Unter ihm weites Land und mittendrin ein Fluss. Gottlieb verlangsamte seinen Flügelschlag und landete tölpelhaft in der Nähe einer Vogelversammlung. Geschnatter und Geschnatter. Höckerschwäne, Graugänse und Stockenten. Die Gefiederten schauten ihn an. „Wo kommst du Fremdling denn her? Bist du aus der Stadt?“

„Kr-kr.“

„Ja, jetzt ist das eine gefährliche Zeit. Aber hier sind wir sicher. Freundliche Menschenkinder bringen uns sogar Futter. Und im Frühjahr sprießen kleine runde, blütenweiße Blümchen, richtige Leckereien.“ Die bunt Gefiederten musterten diesen fremden, gewichtigen Eindringling und nahmen ihn schließlich freundlich auf. Es gab genug zu fressen, keine Konkurrenz. Schlaraffenland. Ganter Gottlieb musste allen Umherstehenden seine aufregende Geschichte erzählen, und sie feierten lautstark seine Freiheit. Er dachte noch einmal an Pepe, der jetzt im warmen Haus auf dem Sofa lag, und dann mischte er sich unter das Futter pickende Federvolk.

Doris Giesler machte eine Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin. Sie schrieb schon damals kurze Geschichten für Zeitungen und Tierkalender.

*

Der verlorene Klöppel

Wie in jedem Jahr herrschte vor Weihnachten im Reiche des Weihnachtsmannes, in der Stadt am kalten Ende der Welt, große Aufregung. „Oh jemine, oh jemine, Wichtelzwerg und Winterfee, Jutesack und Sternenstrahl, nichts wird fertig allzumal!“, jammerte Ruprecht, der persönliche Assistent des Weihnachtsmannes. Das war nichts Besonderes, denn er begann immer schon um die Osterzeit herum zu jammern. Deshalb wurde er von den anderen fleißigen Weihnachtsgeistern nicht so recht ernst genommen. Im Gegenteil, die kleinen Weihnachtselfen kicherten und die Wichtel zogen Grimassen und äfften den Ruprecht nach. Zum Glück war der aber so beschäftigt, dass er keinen Blick für dererlei Späße hatte, sonst hätte es bestimmt ein Donnerwetter gegeben!

Es geschah einen Tag vor Weihnachten. Der große Schlitten des Weihnachtsmannes war hoch mit Geschenken beladen, die Rentiere warteten darauf, bald angespannt zu werden, und scharrten schon ungeduldig mit den Hufen. Ruprecht hatte eine Generalprobe angesetzt, etwas, das er in jedem Jahr tat. Er war der Meinung, nur nach einer Generalprobe würden der Weihnachtstag – und vor allem die Nacht – reibungslos ablaufen! Außerdem bestimmte er dabei immer die fünf Elfen, die dem Weihnachtsmannschlitten voranflogen und die gläsernen Weihnachtsglöckchen läuteten. Jede Elfe war für einen Teil der Erde zuständig, und das Läuten zeigte den Rentieren den Weg.

In diesem Jahr fiel seine Wahl auf Mariele, Amili, Nini, Leni und Mirie. Hei, wie freuten sich da die Ausgewählten! Aufgeregt flatterten sie herbei und bekamen von Ruprecht ihre Glöckchen ausgehändigt. „Dass ihr ja gut darauf aufpasst“, mahnte er die Elfen, deren Übermut er zur Genüge kannte.

„Aber ja, aber ja doch, lieber, lieber Ruprecht“, riefen die Fünf und tanzten einen Flatterreigen durch die Luft, von dem einem beim Zusehen angst und bange werden konnte. Und – hast du nicht gesehen – geschah auch schon das Unglück! Mirie stieß bei einem turbulenten Rückwärtsflug mit dem Popo heftig gegen den Schlitten. Dabei fiel ihr das Glöckchen aus der Hand, wirbelte hoch hinaus und landete auf einem halb vollen Sack Heu. Erschrocken hielten alle Elfen inne, dann eilten sie schnell an die Absturzstelle, um nach dem Glöckchen zu suchen. Das hatten sie auch bald gefunden, und es sah so aus, als wäre nichts kaputt gegangen.

Aber schnell bemerkte Mirie, dass ihr Glöckchen nur auf den ersten Blick in Ordnung war. Etwas Schlimmes war passiert: Der Klöppel hatte sich gelöst und war verschwunden! Und ohne Klöppel konnte das Glöckchen nicht klingen! Mirie schüttete das Heu aus dem Sack, sie suchte und suchte, kein Klöppel war zu finden. Verzweifelt saß das kleine Elfchen inmitten des Heuhaufens auf dem leeren Sack und weinte herzzerreißend. Was sollte sie nur tun? Die anderen Elfen trösteten sie und halfen, das Heu wieder in den Sack zu stopfen.

„Bestimmt ist der Klöppel auf den Schlitten gefallen und liegt nun inmitten der Geschenke“, meinte Leni.

„Dann werden wir ihn nicht finden“, sagte Nini und strich der traurigen Mirie über die blonden Löckchen.

„Ich weiß, was wir tun“, rief Amili, „wir fragen die Wichtel, die sind doch so geschickt, vielleicht können sie einen neuen Klöppel anfertigen?“

Gesagt, getan.

Amili und die anderen Elfen flogen mit Elfenhochgeschwindigkeit zur Wichtelwerkstatt. Dort angekommen hörten sie fröhlichen Gesang. Die Arbeit der Wichtel war für dieses Jahr beendet. Jetzt räumten sie auf und putzten, dazu sangen sie das Weihnachtswichtellied:

Weihnachtswichtel werden wir genannt,

sind bekannt in Stadt und Land.

Fleißig, fleißig das ganze Jahr

ist die Weihnachtswichtelschar!

Lalala und lulalei, fleißig ist die Wichtelei!

Lalala und lulalei, fleißig ist die Wichtelei!

„Hallo, hallo, alle mal herhören!“ Amili stellte sich auf die große Werkbank, um von allen gesehen zu werden. Da kamen alle Wichtel herbei und wollten wissen, was es denn so Wichtiges gäbe. Die kleine Elfe erzählte, was passiert war, und dass sie nun unbedingt schnell, dringend, und ohne dass Ruprecht etwas von dem Vorkommnis erfuhr, einen neuen Klöppel für das Glöckchen von Mirie brauchten!

„Mmh, das wird nicht einfach“, meinte der Holzwichtel – eigentlich war er für die Schaukelpferde und anderes Getier zuständig. „Ein Holzklöppel, der klingt nicht, da kann ich leider nicht helfen!“ Auch vom Schneiderwichtel war keine Hilfe zu erwarten, denn ein Klöppel aus Stoff? Da würde man ja rein gar nichts hören! Auch die anderen Handwerker der Wichtelwerkstatt hatten keine Idee. Da begannen die Elfen zu weinen. Mirie konnte vor lauter Traurigkeit nicht mehr fliegen und wollte gerade mit hängendem Köpfchen zu Ruprecht gehen und das Missgeschick beichten, da öffnete sich die Türe und herein kam Quirin, der Glasbläserwichtel.

„Nanu, was ist denn hier los?“, fragte er. „Morgen ist Weihnachten, da wird nicht geweint!“

Mirie erzählte schluchzend von ihrem Missgeschick.

„Mirie, Mirie, da sieht man mal wieder, wie wenig gut der Übermut tut! Aber ich kann dir helfen. Komm mal mit!“ Quirin nahm Mirie bei der Hand und ging mit ihr und den anderen Elfen in seinen Werkstattteil. Oh, wie glitzerte und funkelte es dort. Christbaumkugeln in allen Farben gab es zu sehen, gläserne Vögel und Tannenzapfen. Einfach wunderschön!

„So, jetzt gib mir mal dein Glöckchen“, sagte Quirin, „damit ich die Größe des Klöppels messen kann. Und dann geht ein wenig zur Seite, es wird heiß!“ Mit offenem Mund schauten die Elfchen Quirin zu. Der pustete mit dicken Bäckchen in ein Rohr, an dessen Ende aus einer Glasstange über dem Feuer ein Klöppel entstand. Quirin öffnete eine Schublade, holte eine passende Öse heraus und befestigte dann den Klöppel im Glöckchen.

„Kleine Klangprobe gefällig?“ Er grinste über das ganze Wichtelgesichtchen.

„Oh danke, danke“, riefen die Elfen im Chor und: „Quirin, du bist der Größte, nein, der Allergrößte!“

Jetzt wurde Quirin verlegen. „Ihr müsst wissen“, sagte er, „vor vielen, vielen Jahren habe ich diese Weihnachtsglöckchen geblasen, aus himmlischstem Glas. Damals hatte ich viel Arbeit, denn die Menschen schmückten ihre Christbäume mit den schönsten Glaskugeln, die ihr euch denken könnt. Leider nehmen sie heute viel Plastikzeug und hängen das an die Zweige. Deshalb habe ich nicht mehr viel zu tun. Umso mehr freut es mich, dass meine Kunst euch helfen konnte. Jetzt aber rasch, bevor euch Ruprecht vermisst, ich denke die Reise wird bald losgehen!“

Da bedankten die Elfchen sich noch mal und flogen winkend davon. Sie kamen genau rechtzeitig zum großen Abflug an, schwangen sich in die Lüfte und läuteten mit ihren gläsernen Glöckchen die Weihnacht ein.

Andrea Lutz war schon als Kind extrem fabuliersüchtig. Dieser Sucht ist sie bis ins Erwachsenenalter treu geblieben. Ihre Geschichten, Märchen und Gedichte können in über 50 Anthologien und eigenen Büchern gelesen werden.

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Das kleine Tannenbäumchen

Der Schnee lag so still über dem Wald. Es schneite und schneite ganz leise ... und die Zweige des kleinen Bäumchens waren weiß, voller Schnee. Es war traurig. Das kleine Tannenbäumchen war so traurig, wie es da neben den großen Tannenbäumen stand.

Familien gingen durch das Waldstück, in dem die Tannenbäume darauf warteten, später dann, am Heiligen Abend, in der warmen Stube stehen zu dürfen. Jeder große Tannenbaum träumte davon, als wunderschön glänzender Baum in der Stube stehen zu dürfen. Alle großen Bäume malten sich aus, wie sie glänzend mit Lametta, Kugeln und Kerzen die Kinderaugen zum Leuchten bringen würden. Das kleine Tannenbäumchen aber wurde trauriger und trauriger, weil die Familien mit ihren Kindern einfach an ihm vorbei liefen.

Sascha lief mit seinem Vater an der Hand die Bäume ab und bei jedem Baum lächelte er. „Papa, Papa, den nehmen wir!“ Bei vielen Bäumchen hatte der vierjährige Junge dies vor Aufregung laut ausgerufen. „Mama, Mama, ich will den haben!“, rief Sascha schon wieder bei dem nächsten Baum. Sascha war ganz aufgeregt und voller Freude. Der Heilige Abend stand vor der Türe, und das Christkind würde ihm bestimmt etwas schenken. Der Nikolaus war ja schon da gewesen und hatte ihm einige Überraschungen gebracht.

Im Kindergarten wurden Sterne gebastelt aus Folie und sie sangen Lieder. Manchmal wurde eine Kerze angezündet, und jedes Kind im Kindergarten freute sich schon auf Heiligabend.

Die Familie ging die Bäume weiter entlang. Es standen wunderschöne Bäume da. Jeden wollte Sascha schon mitnehmen. Der kleine Tannenbaum hörte Saschas Ausrufe und wurde trauriger und trauriger. Die großen Bäume aber wurden alle sehr stolz. Jeden großen Baum wollte Sascha mitnehmen. Da fing der kleine Tannenbaum zu weinen an und stand nun da, auf seinen Tannenzweigen glitzerte das Eis jetzt in den hellsten Farben. Silbern glitzerten die Zweige.

Es dämmerte jetzt leicht, und mit dem Schein der Taschenlampe, die Saschas Vater darum hervorgezogen hatte, leuchtete die Familie den kleinen Tannenbaum an. Er stand klein und glitzernd da. Silbern glitzernd die kleinen Tannenzweige!

Plötzlich stand Sascha still vor dem kleinen Tannenbaum. Er sah ihn einfach nur an. Stand da und sah ihn an. Sein Vater stand neben ihm. Sein Vater sah nun Sascha an. Sascha sagte lange Zeit kein Wort. Stand einfach nur vor dem kleinen Tannenbaum.

Dem Tannenbäumchen war, als würden nun vom warmen Blick des kleinen Jungen die Eiszapfen schmelzen.„Papa, Mama, der kleine Tannenbaum wird bei uns wunderschön aussehen!“, sagte da Sascha still. Seine Mutter sah Sascha an, dann sah sie zu Saschas Vater. Saschas Vater nahm den Jungen plötzlich in den Arm und lächelte. „Mama, wir nehmen das kleine Tannenbäumchen doch mit, oder?“ Sascha sah seine Mutter nun so bittend, fragend an! „Papi, wir nehmen ihn doch mit nach Hause, bitte ...?“ Sascha sah wieder fasziniert das kleine Tannenbäumchen an. „Papa, Mama, bitte!“ Still stand Sascha mit seinen Eltern vor dem kleinen Tannenbäumchen. „Papa, Mama, wir nehmen ihn mit, bitte!“ Sein Vater nickte seiner Frau lächelnd zu.

„Ja Sascha, wir nehmen ihn mit!“, sagte da seine Mutter.

Das kleine Tannenbäumchen hob nun voller Freude seine kleinen Zweige an, hoch in den Himmel hinauf. Gerade so, ja so, als würde es den Himmel nun umarmen wollen. Die großen Bäume sahen zu, wie das kleine Tannenbäumchen von der Familie mitgenommen wurde.

An Heiligabend stand es dann auf einem kleinen Tisch. Eine Weihnachtsdecke lag unter dem Tisch, und Saschas Eltern hatten es so liebevoll geschmückt. Das Lametta am Baum glitzerte nun silbern wie die Eiszapfen, die damals im Wald an ihm hingen, nur diesmal strahlte das kleine Bäumchen voller Freude. Saschas Augen würden bald strahlen. Das kleine Bäumchen strahlte in wunderschönem Glanz!

Dani Lorenz wurde in einer Kleinstadt in der Oberpfalz/Bayern geboren. Schreiben ist ihre Leidenschaft.

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Beinahe ganz gewöhnliche Weihnachten

Daniel war aufgeregt. Schon seit Tagen war er so aufgeregt, dass er kaum noch schlafen konnte. Manchmal dauerte es fast eine Stunde, bis er eingeschlafen war, und wenn er träumte, waren es meistens Träume, aus denen er schweißgebadet erwachte. Und dabei stand Weihnachten kurz bevor, ein Fest, auf das er sich jedes Jahr freute. So wäre es auch in diesem Jahr gewesen, besser gesagt, so war es auch in diesem Jahr gewesen, bis … bis er diese blöde Zusage gegeben hatte. Wie oft hatte er das schon bereut.

Alles hatte ganz harmlos angefangen. Vor drei Wochen war er guter Dinge vom Fußballspielen mit seinen Freunden nach Hause gekommen. Das heißt, so ganz guter Dinge war er doch nicht gewesen. Er hatte nämlich wieder einmal die Zeit vergessen und sich fast eine halbe Stunde verspätet. Das würde Ärger geben, da war er ganz sicher. Seine Eltern legten großen Wert auf Pünktlichkeit, besonders im Winter, wenn es draußen früh dunkel wurde. Sie begründeten das damit, dass in der Woche das Abendessen die einzige Mahlzeit sei, die die Familie gemeinsam einnehmen könnte, aber das traf schließlich im Sommer ebenso zu. Er wusste genau, dass sich seine Eltern nach Einbruch der Dämmerung einfach ganz schnell Sorgen um ihn machten. Das fand er zwar insgeheim gut, zeigte es ihm doch, wie viel er seinen Eltern bedeutete, andererseits wurde er deswegen von seinen Freunden manchmal gehänselt und als „der Kleine“ verspottet, was ihm natürlich überhaupt nicht gefiel. An jenem Abend vor drei Wochen schien der Ärger vorprogrammiert. Schuldbewusst blickte er zu seinen Eltern hinüber, die, statt am gedeckten Tisch zu sitzen, unruhig durch die Wohnung liefen.

„Endlich, da bist du ja!“, rief sein Vater in strengem Tonfall, wobei er die Augenbrauen anhob.

„Gott sei Dank, wir haben uns schon Sorgen gemacht“, sagte die Mutter. Das klang weniger streng als vielmehr sehr erleichtert.

„Ich zieh mich nur schnell um und wasch mir die Hände.“ Fünf Minuten später saß Daniel mit seinen Eltern beim Abendbrot. Ihm war ein Stein vom Herzen gefallen, als das befürchtete große Donnerwetter ausgeblieben war. Und aus dieser inneren Dankbarkeit heraus machte er einen verhängnisvollen Fehler.

„Übrigens hat mich heute der Pastor angerufen“, begann seine Mutter unvermittelt. „Er möchte gerne, dass am Heiligabend möglichst viele Kinder den Gottesdienst mitgestalten. Und da er weiß, dass du Oboe spielst, hat er mich gefragt, ob du während des Krippenspiels zwei oder drei weihnachtliche Stücke spielen würdest.“ Seine Mutter setzte das gewinnendste Lächeln auf, das ihr zu Gebote stand, und sah ihrem Sohn direkt in die Augen. „Ich habe dem Pastor gesagt, dass du es bestimmt machst. – Das wirst du doch, oder?“

Vor Schreck hätte sich Daniel beinahe verschluckt. Er ließ den Blick von seiner Mutter zu seinem Vater wandern, dessen Miene noch immer etwas verkniffen wirkte. Wenn er jetzt seine Mutter enttäuschte, würde sich der Zorn seiner Eltern wegen seiner Unpünktlichkeit möglicherweise doch noch Luft machen, das spürte er instinktiv. Und so antwortete er – genauer: So antwortete es aus ihm heraus: „Wenn’s denn sein muss. Meinetwegen.“

„Siehst du, ich hab es doch gewusst“, sagte seine Mutter triumphierend.

Dieser Satz hatte seinem Vater gegolten. Vielleicht hatten seine Eltern bereits Wetten darauf abgeschlossen, ob er sein Einverständnis geben würde, aber danach fragte er lieber nicht mehr. Ihm war sowieso kaum noch nach Sprechen zumute. Worauf hatte er sich bloß eingelassen?

Weihnachten rückte näher, und eines Morgens war es so weit: Der Kalender zeigte unmissverständlich den 24. Dezember an. Draußen schneite es, richtiges Weihnachtswetter. Normalerweise hätte spätestens jetzt die Vorfreude auf das Fest von Daniel Besitz ergriffen, aber normal war seit drei Wochen für ihn gar nichts mehr. Stattdessen steckte ihm schon am frühen Morgen ein dicker Kloß im Hals. In wenigen Stunden begann der Heiligabend-Gottesdienst, und damit auch sein Soloauftritt. Natürlich hatten schon einige Proben stattgefunden, und der Pastor hatte sich über alle mitwirkenden Kinder lobend geäußert. Aber was war eine Probe in der leeren Kirche im Vergleich zu einer Aufführung am Heiligen Abend, an dem die kleine Kirche – es handelte sich um eine Kapelle aus dem zwölften Jahrhundert – aus allen Nähten platzen würde? Jeder falsche Ton stünde unerbittlich für Sekundenbruchteile im Raum, bevor er von den nachfolgenden Tönen abgelöst würde. Oder, noch schlimmer als ein bloßes Verspielen: Was wäre, wenn er plötzlich ins Stocken geriete, überhaupt nicht mehr weiter spielen könnte, eine totale Blockade hätte? Gar nicht auszudenken.

Für einen Augenblick war Daniel furchtbar wütend, wütend auf den Pastor, der seine Mutter angerufen hatte, wütend auf seine Mutter, die dem Pastor eine Zusage gegeben hatte, noch bevor sie mit ihm selbst gesprochen hatte, und wütend auf sich selbst, sich auf diese Geschichte eingelassen zu haben. Dann sah er durch die Fensterscheiben die Schneeflocken tanzen, sacht durch die Luft wirbeln und sanft zu Boden gleiten, und seine Wut schrumpfte zu einem bloßen Unbehagen, einer nervösen Anspannung.

Daniel saß mit seinen Eltern und der Oma im gemütlich warmen Wohnzimmer. Der Duft der großen Nordmanntanne, die prächtig geschmückt vom Boden bis zur Decke ragte, mischte sich mit dem Geruch der Kerzen und der Leckereien, die auf mit weihnachtlichen Motiven bemalten Tellern vor ihnen standen. Unter dem Baum lagen viele in buntes Weihnachtspapier eingewickelte Päckchen. Daniel bemerkte drei auf ihn gerichtete Augenpaare.

„Na, möchtest du nicht deine Geschenke auspacken?“, fragte ihn die Mutter. „Im letzten Jahr konntest du es gar nicht erwarten.“

Daniel blieb noch einen Moment regungslos sitzen. Er dachte an den Gottesdienst, daran, dass das Krippenspiel und auch sein Oboenspiel ohne Pannen verlaufen waren. Nach dem Gottesdienst hatte sich der Pastor bei allen Kindern mit einem großen Schokoladennikolaus für die gelungene Aufführung bedankt. Der gesamte Ablauf des Gottesdienstes – das Singen der Gemeinde, die Weihnachtsbotschaft, die der Pastor verkündet hatte, und das Krippenspiel mit seiner musikalischen Begleitung auf der Oboe - hatte ihn in eine Stimmung heiterer Gelassenheit versetzt. Vor der Kirche, als die Gemeinde noch bei einem Glas Glühwein für die Erwachsenen und Orangensaft für die Kinder zusammenstand, hatte ihn Oma ganz gerührt in die Arme geschlossen und mehrfach geschluchzt, wie schön er doch gespielt habe. Auch die Mutter hatte ihm liebevoll über das Haar gestrichen und gesagt, wie toll die Aufführung gewesen sei, und dass er sich nicht ein einziges Mal verspielt habe. Selbst sein Vater brachte seine Anerkennung durch zweimaliges Klopfen auf seine Schultern zum Ausdruck. All dies hatte in Daniel ein Gefühl dankbarer Zufriedenheit ausgelöst. Mit einem Mal hatte er die tiefe Sehnsucht verstanden, die aus dem Feldpostbrief vom 26.11.1944 seines verstorbenen Uropas Josef herauszulesen war, den ihm Oma neulich gezeigt hatte:

In vier Wochen haben wir schon den 2ten Weihnachtstag. Wir wollen hoffen, dass wir nächstes Jahr Weihnachten alle zusammen in der Heimat feiern können, denn das ist doch eins unserer schönsten Feste.

Daniel hatte die leichte Enttäuschung in der Stimme seiner Mutter nicht überhört. Natürlich freute er sich auf die Geschenke, darauf, langsam und bedächtig ein Päckchen nach dem anderen auszupacken. Aber er spürte deutlich wie nie zuvor, dass die Geschenke nicht das Wichtigste am Fest waren, sondern der weihnachtliche Friede, der sich in sein Herz gesenkt hatte. Er lächelte seiner Mutter zu. Dann stand er auf, ging zum Weihnachtsbaum und griff behutsam nach einem der bunten Päckchen.

Norbert J. Wiegelmann wurde 1956 in Bochum geboren, wohnt in Arnsberg, ist verheiratet, Vater zweier erwachsener Töchter und arbeitet als Verwaltungsjurist. Ein Faible für Sprache, Bücher und das Schreiben hat er seit der Schulzeit. Mit neun Jahren veröffentlichte er erste Texte in der Wochenbeilage der Tageszeitung. Mittlerweile literarische Veröffentlichungen (Lyrik, Kurzprosa) in fast sechzig Anthologien verschiedener Verlage sowie in Zeitungen und Zeitschriften und Buchveröffentlichungen.

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Tina und der Flug mit dem Schlitten

Tina saß auf der Couch und hörte das Knistern verbrennenden Holzes im Kamin. Es duftete nach frischem Tannenholz und der Weihnachtsbaum stand bereit zum Schmücken in seinem Ständer. Tina wartete auf die Rückkehr ihres Mannes und schaute durch das große Fenster auf den Wald mit seinen vielen Lichtungen. Karl hatte versprochen, pünktlich zu sein, aber Tina wusste, dass er den Abend vor dem 24. Dezember immer mit seinen Freunden verbrachte, und sie meistens bei Glühwein und Backfisch kein Ende fanden. Verträumt blickte sie auf die dunklen Tannenspitzen und genoss die Wärme des Feuers. Der Tee vor ihr in ihrer roten Lieblingstasse dampfte verlockend und ihr Kater schmiegte sich an ihre Beine. Liebevoll streichelte sie ihm den Kopf. Er schnurrte genussvoll.

Plötzlich sah sie ein Licht über den Baumwipfeln. „Eine Sternschnuppe“, dachte sie.

Aber dann hörte sie das leise Läuten von Glocken. Das Licht kam immer näher, und sie erkannte die Umrisse eines Schlittens. Überrascht stand sie auf. Schnell zog sie ihre Jacke über und warf sich den grünen Schal um den Hals. Innerhalb von Sekunden stand sie draußen vor der Tür ihres gemütlichen Fachwerkhauses und blickte neugierig auf das entgegenkommende Licht. Es wurde immer heller und Tina schloss die Augen.

Als sie sie wieder öffnete, stand ein großer Schlitten vor ihr, welcher von sechs Rentieren gezogen wurde. In dem Schlitten saß ein alter Mann mit weißem Haar und einem weißen Bart. Gekleidet war er in einen roten Mantel, und seinen Kopf zierte eine rote Mütze mit einem weißen Bommel.

„Sei gegrüßt Tina“, sprach er. „Ich habe deinen Mann gesehen. Er wird sicherlich erst in zwei Stunden bei dir sein, und ich dachte, du könntest mir in dieser Zeit ein wenig Gesellschaft leisten.“ Tina war sprachlos, aber sie konnte den gütigen Augen des Mannes nicht widerstehen und vorsichtig stieg sie in den Schlitten ein. Die Rentiere scharrten schon ungeduldig mit den Hufen. Nachdem sie in eine warme Decke eingepackt war, schnalzte der Mann mit der Zunge und der Schlitten kam langsam in Bewegung. Er wurde immer schneller und irgendwann hoben die Kufen vom Boden ab. Lautlos flogen sie durch die stille Nacht.

Tina sah ihr Fachwerkhaus unter sich und glaubte, zu träumen. Der Wind war eisig und kleine Schneeflocken schimmerten im Mondlicht. „Habe keine Angst“, sprach der Mann, „in zwei Stunden bist du wieder zu Hause. Wir müssen nur gerade eine Kleinigkeit erledigen. Es ist etwas, das wir schon vor langer Zeit hätten tun sollen. Aber stelle keine Fragen, du wirst es schon sehen.“

Tina, die gerade zu einer Frage angesetzt hatte, schloss ihren Mund. Sie waren schon eine ganze Weile unterwegs. Tina fing trotz der warmen Decke allmählich an zu frieren. Da erkannte sie etwas, an das sie schon so lange nicht mehr gedacht hatte. Es war ein zugefrorener See. Das Eis glitzerte und die Sterne spiegelten sich auf der Eisfläche. Tina lächelte. Als kleines Mädchen hatte sie dem Weihnachtsmann unzählige Briefe geschrieben, in denen sie sich wünschte, nur einmal eine Eisprinzessin zu sein. Irgendwann hatte sie aufgehört zu träumen und die Hoffnung verloren, dass ihr Wunsch jemals in Erfüllung gehen könnte. Der Schlitten landete sanft am Ufer neben dem See.

Plötzlich befanden sich glitzernde Schlittschuhe an Tinas Füßen, sie trug ein wunderschönes Kleid und eine goldene Haarspange hielt ihr blondes Haar zurück. Nach den ersten unsicheren Schritten auf der Eisfläche wurde sie immer mutiger. Sie wagte die ersten Sprünge und vergaß alles um sich herum. Andächtig schauten die Rentiere zu und eine leise Musik untermalte den Zauber des Momentes.

Tina fühlte sich wie damals, als sie noch ein Kind war; voller Glauben an den Zauber der Weihnacht. Nach dem wunderschönen Tanz näherte sie sich leichtfüßig dem Ufer und der Mann mit dem roten Mantel mahnte zum Aufbruch. Wieder wurde sie in eine warme Decke eingewickelt und der Schlitten hob erneut lautlos vom Boden ab. Nur die Glocken der Rentiere waren in der Stille der Nacht zu hören. Eine tiefe Müdigkeit breitete sich in ihrem Körper aus. Sie schloss die Augen und fiel in einen tiefen Schlaf.

Als sie die Augen öffnete, lag sie auf der Couch in ihrem Fachwerkhaus. Ihr Kater lag mittlerweile zusammengerollt auf ihren Beinen und der Tee hatte aufgehört, zu dampfen. Sie war verwirrt und schaute sich um. Der Wald lag still da und die Sterne blinkten am Himmel.

Da hörte sie einen Schlüssel im Schloss – ihr Mann kehrte nach Hause zurück. Nach einer herzlichen Begrüßung fingen sie gemeinsam an, den Tannenbaum zu schmücken.

„Es war wohl doch nur alles ein Traum“, dachte Tina. Doch beim Anbringen der Weihnachtsbaumspitze sagte Karl: „Was hast du bloß für eine außergewöhnliche goldene Haarspange im Haar! Die kenne ich ja gar nicht!“

Tina lief in den Flur und blickte in den Spiegel. Was sie sah, machte sie glücklich, und sie lächelte geheimnisvoll. „Danke“, formten ihre Lippen, während sie zu den Sternen schaute. In der Ferne war das leise Läuten von Glocken zu hören.

Dr. med. Barbara Bellmann wurde 1984 in Hagen/Westfalen geboren. Nachdem sie das Studium der Humanmedizin im Frühjahr 2010 erfolgreich beendet hatte, begann sie in Aachen ihre Facharztausbildung zum Facharzt der Inneren Medizin. Im Sommer 2013 wechselte sie an die Medizinische Klinik für Kardiologie in Berlin. Neben ihrer Arbeit als Ärztin begeistern sie Sport und Literatur. Bereits seit ihrer Jugend schreibt sie für verschiedene Verlage Artikel oder Rezensionen. Aktuell widmet sie sich Märchen und Geschichten für Kinder und Jugendliche.

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Tigerles süße Weihnachten

Ja, sie war wieder da. Der kleine Kater Tigerle war sich ganz sicher. Alle Zeichen standen dafür. Zum einen war da das Heer an Engelsfiguren, das über Nacht das ganze Haus eingenommen hatte. Sämtliche Fensterbretter und Kommoden belagerte es nun. Selbst der geschickteste Kater der Welt hätte wohl seine Schwierigkeiten damit, sich elegant im Slalom um die Figürchen herum zu winden und dabei keines mit seinem Schwanz hinunter zu fegen. Und sich als den geschicktesten Kater der Welt zu bezeichnen, das wollte sich Tigerle nun wirklich nicht anmaßen! Dafür kannte er sich selbst zu gut.

Zum anderen waren da noch die unzähligen Kerzen im ganzen Wohnzimmer. Tigerle war der Meinung, dass das Licht der elektrischen Deckenlampe doch wohl eigentlich reichen müsste, um seinen Menschen genug Helligkeit zu schenken. Auch wenn sie keine so hervorragenden Katzenaugen besaßen, wie er sie hatte. Aber das sahen die Menschen anscheinend anders. Und so machten sie ihm das Leben schwer, indem sie ihm solch lustig flackernde und tanzende Flämmchen vor die Nase stellten. Da mochte Tigerle doch sehen, ob nicht auch ein anderer, vielleicht klügerer Kater neugierig wurde und seine Nase etwas näher an das mysteriöse Flackerlicht heranführte! Huch! Bruzzel, bruzzel – Tigerle hoffte inständig, dass Schnurrbarthaare auch wieder nachwachsen!

Aber nicht nur die Engelsscharen und das Kerzenmeer deuteten darauf hin, dass sie wieder da war. Auch der himmlische Duft, der aus der Küche bis an Tigerles Körbchen heranzog und ihm in seine empfindliche Stupsnase stieg. Mmmh! Da durften ihm die Menschen nun wirklich nicht böse sein, wenn er in einem unbeobachteten Moment in die Vorratskammer schlüpfte, wo die süßen Leckereien aufbewahrt wurden. Mit einem kraftvollen, gezielten Tatzenhieb schubste er die Dose über die Regalkante. – Dong! Der Deckel der Blechdose sprang auf und schon konnte die Schlemmerei beginnen! Und dass das laute Scheppern Frauchen angelockt hatte, war für Tigerle auch kein Problem! Er legte ganz einfach den Kopf schief und blickte ihr tiiief in die Augen. „Ich habe ein wirklich, wirklich schlechtes Gewissen wegen dieses unglücklichen Missgeschicks“, hieß das in Tigerles Sprache. Da blieb Frauchen gar nichts anderes übrig, als den Kopf zu schütteln, Tigerle unterm Kinn zu kraulen und sich mit einem Seufzen daran zu machen, die Kekskrümel vom Boden aufzulesen. Tigerle war ihr bei der Beseitigung der Brösel und des Zuckerstaubs natürlich gerne behilflich. Schleck, schleck! Gern geschehen, Frauchen, keine Ursache!

Ja, ja, man musste kein Wahrsager sein, um zu wissen, was in ein paar Tagen bevorstand. Tigerle genügten die Zeichen, die er rund um sich wahrnahm. Doch das untrüglichste aller Zeichen war wohl:

Der BAUM! Groß, grün und wohlriechend! Ein Stück Natur, Freiheit, Wildheit – mitten im Wohnzimmer!

Der BAUM, der Tigerle mit allerlei glänzenden Fäden lockte, die von seinen Ästen herabhingen. Beim leichtesten Luftzug begannen sie zu tanzen! Wie schön!

Der BAUM, der große, glänzende Kugeln trug, in denen sich der Kerzenschein spiegelte. Und wenn man sie mit der Pfote ganz leicht anstupste, begannen sie, lustig auf und ab zu hüpfen! Wie lustig! Gleich noch mal! Klirr – ups! Naja, es gab ja noch viele andere von den schönen Kugeln!

Und dann war es schließlich so weit: Das Haus war voller Menschen. Beim Essen fiel das ein oder andere Stück Fisch für Tigerle ab. Danach wurden Tigerles Lieblingsschlafplätze, die Frauchen allesamt am Nachmittag noch von seinen Haaren befreit hatte, von den Menschen belagert: die Couch, der Sitzhocker, der Schaukelstuhl. Doch das machte Tigerle nichts. Zielsicher steuerte er auf den Schoß von Frauchen zu, drehte sich dreimal im Kreis und rollte sich schließlich gemütlich darin zusammen. Die Menschen hoben zum Gesang an, der Opa brummte tief, die Tante flötete hoch, alle anderen lagen irgendwo dazwischen. Warum die Menschen das Lied „Stille Nacht“ nannten, verstand Tigerle zwar nicht – von still konnte bei dem Katzenjammer nämlich gar keine Rede sein –, doch das machte ihm nichts. Er wusste nämlich, nun dauerte es nicht mehr lang. Das Fest steuerte auf den Höhepunkt zu! Der wundervollste, zauberhafteste und am heißesten ersehnte Moment des ganzen Jahres stand kurz bevor! Es mussten vorher nur noch schnell die Geschenke ausgepackt werden (Tigerle war den Menschen dabei gerne mit seinen Krallen behilflich).

Und DANN – ja DANN – war es endlich so weit: Die Torte wurde serviert! Und auf einem kleinen Glasteller, ganz für Tigerle allein: Ein riiiesiger Berg Schlagsahne! Seine Augen wurden groß, als er die schneeweiße Leckerei sah, die sich vor ihm auftürmte, und das Wasser rann ihm in seinem Schnäuzchen zusammen. Hatte ihn seine Vorahnung also tatsächlich nicht getrogen, sie war wieder da: die SCHLAGSAHNEZEIT!!!

Barbara Sokolowsky wurde 1981 in Linz (Oberösterreich) geboren. Heute lebt sie mit ihrem Partner und ihren zwei Katzen in Gmunden am Traunsee und arbeitet als Lehrerin in einer Integrationsklasse. Bereits als Kind schrieb sie in ihrer Freizeit gerne Geschichten. Vor einigen Jahren entdeckte sie ihre Liebe zum Schreiben wieder und widmet sich seitdem gerne diesem Hobby.

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Weihnachtswichteln

Ausgerechnet Jana hatte er gezogen. Jana, die er überhaupt nicht mochte. Sie war vor einigen Wochen neu in die 7a gekommen und hatte noch immer keine Freunde gefunden. Kein Wunder, so wie die aussah! Sie hatte einen hässlichen Pottschnitt und trug immer dieselben Klamotten. Außerdem redete sie fast nie. In der Pause stand sie immer in derselben Ecke und starrte auf den Boden. Und jetzt musste Jan ihr ein Geschenk im Wert von fünf Euro kaufen oder selbst etwas basteln. So hatte es die Klasse beschlossen. Gleich von Anfang an hatte Jan die Idee doof gefunden. Doch insgeheim hatte er gehofft, dass er mit etwas Glück vielleicht Emilie ziehen würde. Emilie war der Star der Klasse. Alle Jungen waren in sie verliebt. Auch er. Sie sah einfach toll aus, hatte immer diese tollen Klamotten an und hatte in der Klasse den Cupsong eingeführt. Jetzt versuchten alle Schüler, genauso zu singen wie Emilie und dabei diesen dämlichen Becher im Rhythmus zu drehen. Sogar Jan hatte sich heimlich dabei ertappt, wie er das Klatschen und das Drehen des Bechers am letzten Wochenende in der Küche geübt hatte. Der Becher war dauernd auf den Boden gefallen und er hatte das mit dem Klatschen nicht kapiert. Seine Mutter hatte ihn ausgelacht. Alles nur wegen Emilie!

Je näher die Weihnachtsfeier rückte, desto unbehaglicher fühlte sich Jan. Er hatte keine Idee, was er Jana schenken sollte, und eigentlich wollte er ihr auch gar nichts schenken. Nachher würde man ihn vermutlich auslachen und ihn immer mit Jana in Verbindung bringen. Das durfte auf keinen Fall geschehen. So hatte er beschlossen, einfach so zu tun, als hätte er das Wichtelgeschenk vergessen. War ihm doch egal, ob Jana an dem Tag ein Geschenk bekam oder nicht.

Schließlich war der 21. Dezember gekommen und die Klasse feierte Weihnachten. Zuerst wurden einige Spiele gemacht, dann trug Emilie mit ihrer besten Freundin den Cupsong vor, anschließend schaute man sich noch einen Film an und aß Chips.

„So, Kinder!“, rief schließlich Frau Meier, die Klassenlehrerin, und klatschte fröhlich in die Hände. „Es ist Zeit, dass ihr euch die Geschenke gebt und dann habt ihr Ferien!“ Durch die Klasse ging ein Raunen. Jeder wühlte in seiner Tasche und stellte das mitgebrachte Geschenk schließlich auf einen kleinen Wagen. „Vergesst die Namensschilder nicht!“, rief Frau Meier in den allgemeinen Tumult. Wenige Minuten später durfte sich jeder sein Geschenk heraussuchen. Auch Jan steuerte auf den Wagen zu. Wer ihm wohl etwas gekauft hatte? Vielleicht Emilie? Doch nachdem er alle Geschenke durchgeschaut hatte, ging er etwas enttäuscht wieder auf seinen Platz zurück.

Frau Meier hatte ihn beobachtet. „Was ist los?“, fragte sie besorgt, als sie seinen traurigen Gesichtsausdruck sah.

„Jemand hat das Geschenk für mich vergessen!“, sagte er leise. Frau Meier verdrehte die Augen. Dann klopfte sie dreimal auf den Tisch und rief: „Hört mal alle her! Wer hat jetzt nichts zum Auspacken?“ In der hinteren Ecke meldete sich jemand. Jana. „Ihr beiden kommt kurz mit mir mit!“, sagte Frau Meier, die mit vergessenen Geschenken schon gerechnet hatte. „Ich habe im Kunstraum noch zwei Notfallgeschenke!“

Widerwillig gingen Jana und Jan hinter ihrer Lehrerin her. In der Schule herrschte heute eine eigenartige Stimmung. Es war alles so anders als sonst: Es duftete nach Plätzchen, aus manchen Klassenzimmern hörte man Weihnachtsmusik, alles wirkte still und friedlich. Jan spürte eine gewisse Magie und konnte sich nicht erklären, warum.

„Ihr müsst kurz warten, ich muss erst noch suchen!“, erklärte Frau Meier und war im Kunstvorbereitungsraum verschwunden. Jan ahnte bereits, was das bedeutete.

„Das kann dauern!“, hörte er sich plötzlich sagen.

„Wieso?“, fragte Jana leise. Ihm fiel auf, dass er noch nie ihre Stimme gehört hatte.

„Frau Meier findet fast nie etwas. Schon gar nicht im Kunstvorbereitungsraum. Wenn wir hier dieses Jahr noch raus kommen, haben wir Glück gehabt!“

Jana lachte. Sie hatte ein ansteckendes Lachen. Jan lachte automatisch mit. Jana sah Jan direkt ins Gesicht. Was für schöne braune Augen sie hatte! Sie fuhr sich durchs Haar und strich sich eine Strähne aus dem Gesicht. Frau Meier kam tatsächlich nicht zurück. Eine peinliche Stille war entstanden. Jan fühlte sich plötzlich etwas unwohl. Sein Herz schlug ungewohnt schnell.

Plötzlich stand Frau Meier vor ihnen.

„Es tut mir so leid, ich habe nur noch ein Geschenk gefunden!“, brachte sie hervor. „Könnt ihr euch das irgendwie teilen? Es ist ein Bastel-Set.“

„Du kannst es haben, Jana!“, entschied Jan.

Doch Jana schüttelte verlegen den Kopf.

„Ich muss dir etwas gestehen ...!“, sagte Jana plötzlich zögerlich. Jan wurde neugierig. „Ich habe dich gezogen und dir extra kein Geschenk gekauft, weil ich dich ziemlich doof fand!“

Jan starrte das Mädchen an. Plötzlich musste er lachen. „Mir ging es auch so!“, sagte er schließlich.

„Tut mir leid!“, sagten beide gleichzeitig. Dann lachten sie wieder.

Frau Meier klatschte vor Freude in die Hände. „Jetzt kommt mit zurück in die Klasse und dann lasst uns in die Ferien gehen!“

„Fröhliche Weihnachten!“, riefen sich alle zu.

Jans Mutter staunte an diesem Nachmittag nicht schlecht, als er am Küchentisch saß und ihren Handarbeitskorb geplündert hatte. „Übst du nicht mehr den Cupsong?“, fragte sie neugierig.

„Nein, ich mache jetzt ein Freundschaftsband!“, gestand er fröhlich und er war sich sicher, dass er im neuen Jahr auch eins bekommen würde.

Dörte Müller, geboren 1967, lebt und arbeitet zurzeit in den Niederlanden. Sie hat bereits mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht und schreibt unter dem Pseudonym Carolyn2.

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Einst im Russland zur Zeit des Zarenreiches …

... wohnte in der damaligen Hauptstadt Sankt Petersburg ein junges Mädchen, die rein vom Äußeren her zerbrechlich wie eine Porzellanpuppe wirkte, mit lang gelocktem Haar, dunkel wie Zartbitterschokolade, und, im Kontrast dazu, hellen, haselnussbraunen Augen. Der Name des Mädchens lautete eigentlich Darja Morosowna. Bis zu jenem Tage, an dem ihre Eltern sie zu ihrer ersten Stunde Musikunterricht begleiteten, da sie die Begabung ihrer Tochter zum Klarinettespielen erkannt hatten.

Absichtlich vermied sie dort den Augenkontakt zu den anderen Kindern ihres Alters, fühlte sich unsicher und nervös unter all den fremden Leuten. Der ungewohnt steife Kragen ihres zimtfarbenen neuen Kleides mit den weißen Knöpfen, welches sie dem Willen ihrer Mutter nach extra für diesen Anlass hatte anziehen müssen, verstärkte ihr Unwohlsein zusätzlich. Außerdem fiel ihr auf, dass unter den übrigen Kindern bloß noch zwei weitere Mädchen waren. Bedauerlicherweise, wie sie fand, da sie sich erhofft hatte, während des Musikunterrichts einige neue Freundinnen finden zu können.

Zunächst fing der Unterricht im Beisein der Eltern ganz harmlos an, der Musiklehrer ging erstmal mit seinen neuen Schülern alle Instrumente durch, indem er ihnen Bilder zeigte und jedes Mal die Frage stellte: „Weiß jemand, wie dieses Instrument heißt?“ Bei der Klarinette – ihrem Instrument – traute das Mädchen sich endlich, sich zu melden, und der Lehrer sagte freundlich zu ihr: „Und wie ist dein Name?“ Vor lauter Aufregung stammelte sie mit geröteten Wangen: „Kla-klarinette.“ Um sie herum brachen die anderen Kinder in schallendes Gelächter aus, und sie wäre am liebsten in ihrem steifen Kragen verschwunden. Seitdem haftete ihr der Beiname Das Klarinetten-Mädchen an.

Nun waren seit dieser Begebenheit schon einige Jahre ins Land gezogen, inzwischen hatte sie ihren zwölften Geburtstag gefeiert und konnte Klarinette spielen, wie keine Zweite. Mit ihren Künsten und ihrem unermüdlichen Fleiß hatte sie längst alle anderen Schüler in ihrer Musikklasse übertroffen. Sie spielte gar so gut, dass ihre Eltern entschieden, sie für eine Aufnahmeprüfung in einem jungen Orchester anzumelden, und nun befand sie sich in aller Herrgottsfrühe auf dem Weg dorthin. Zu der wichtigsten Prüfung ihres Lebens.

Obgleich sie viel zu früh dran war, eilte sie die Morskaja-Straße entlang. Über ihr erstrahlte der winterliche Himmel in kristallklarer Bläue, und nur vereinzelte Fußgänger und hin und wieder ein Pferdeschlitten zogen an ihr vorbei. Auf dem vereisten Untergrund geriet sie ins Rutschen und konnte gerade noch, bevor sie der Länge nach hingefallen wäre, schlingernd ihr Gleichgewicht zurückerlangen. Der schwarze Kasten, in dem sie ihr Instrument transportierte, drückte ihr dabei schwer auf die Schultern. Der beißende Nordwind pfiff ihr um die Ohren, doch sie war schon froh darüber, dass es nicht auch noch schneite. Sonst hatte sie es stets geliebt, bei Schneefall mit der Zunge die Flocken aufzufangen, doch an diesem Tag blieb ihr keine Zeit für derlei Nebensächlichkeiten.

Während sie lief, spürte sie das Pochen ihres Herzens, und tausend schlimme Befürchtungen schossen ihr durch den Kopf: dass sie trotz aller Bemühungen nicht rechtzeitig ankommen oder den Prüfungsraum schlicht nicht finden würde. Oder aber, es würde alles gut laufen, und die Prüfer würden sie trotzdem nicht bestehen lassen, einfach, weil sie einen schlechten Tag hatten oder bereits von den vielen Teilnehmern, die vor ihr drangewesen wären, derart gelangweilt wären. Oder aber ihre schlimmste Angst: dass sie wirklich zu schlecht wäre, dass sie mit ihren Fähigkeiten nicht bestehen könnte. Denn außer der Musik blieb ihr nichts anderes, keine andere Begabung, nichts, was sie sonst noch aus ihrem Leben machen könnte. Klarinette zu spielen war ihre Leidenschaft, in den lieblichen Tönen konnte sie sich mit geschlossenen Augen geradezu selbst verlieren, gedankenlos eine innere Zufriedenheit verspüren, einfach glücklich sein. Was sollte sie nur tun, wenn sie trotz aller Bemühungen, dem stundenlangen, verbissenen Üben, tagein und tagaus, abgelehnt werden würde?

Sie kam an einer schmalen Brücke an, unter der ein Fluss, erstarrt in seinem eisigen Winterschlaf, friedfertig in den schwachen Sonnenstrahlen glitzerte. Erst beim Näherkommen fiel dem Mädchen die seltsame Gestalt des alten Mannes auf, der da auf der Bank in der Mitte der Brücke saß. Es war der seltsamste Mann, den sie je gesehen hatte. Ganz ohne Handschuhe, Schal oder Mütze saß er da mit seinem frostgrauen, von Blautönen durchwebten Mantel, den er nicht mal bis ganz nach oben hin zugeknöpft hatte, als würde ihm der eisige Wind um ihn herum nichts ausmachen. Das sonst so schüchterne Mädchen wunderte sich über sich selbst, als sie auf der Brücke nicht einfach schnell an dem alten Mann vorüberging, sondern auf ihn zu und fragte: „Ist Ihnen nicht kalt?“ Sie fühlte sich schlecht, weil sie so warm eingepackt war mit ihrem gefütterten Mantel, der mit Schleifchen verziert und tannennadelgrün war, den dicken Stiefeln, ihren schwarzen Fäustlingen sowie dem Schal und der schwarzen Ballonmütze.

Sie hätte ihm ihren Schal oder die Mütze angeboten, doch der Mann lachte nur in seinen vollen Bart, der vom gleichen Weiß wie Gletscherspalten war, bei näherem Hinsehen geradezu aus Schneekristallen zu bestehen schien. „Da muss schon sehr viel mehr passieren, bevor ich beginne zu frösteln.“ Seine Augen glühten amüsiert auf, wie Polarlichter in finsterer Nacht.

„Nun gut. Aber was machen Sie hier?“

„Ich warte. Auf meine Enkelin, sie ist ungefähr in deinem Alter.“

„Ach so.“

„Und was tust du hier draußen bei dieser frostigen Kälte? Du wirkst nicht so glücklich, wie ein Mädchen deines Alters sein sollte. Meine Enkelin ist da anders, unbekümmert und so quietschvergnügt, dass es die Eiszapfen zum Klirren bringen kann.“

Nachdenklich kaute sie an ihrer von der Kälte rissigen Unterlippe. Durfte sie einem Fremden so einfach davon erzählen? Doch dann überwand sie sich. Was war schon dabei, wenn sie es dem alten Herrn erzählte? „Ich habe eine sehr schwierige Prüfung vor mir. Ich soll zum Vorspielen.“ Sie deutete auf ihren Klarinettenkoffer und der Mann nickte verständnisvoll.

„Na dann lass mal hören.“ Mit zittrigen Fingern holte sie ihre Klarinette hervor und setzte ihre Lippen an das Mundstück. Im nächsten Moment erfüllten zart schmelzende Klänge die Luft und wurden vom Wind getragen und herumgewirbelt. Nachdem der alte Mann eine Weile still mit geschlossenen Augen gelauscht hatte, fing er mit einem Mal an, so dröhnend zu lachen, dass sie unwillkürlich zusammenzuckte. „Also wenn die dich nicht aufnehmen, Mädchen, dann haben die Tannenzapfen in ihren Ohren stecken!“ Nun auch lächelnd packte sie ihre Klarinette wieder ein und lief weiter. Es schien ihr wie ein Wunder, doch all die Aufregung war wie weggeblasen.

Als sie wenig später in dem Prüfungsraum vor den Prüfern stand, diesmal in einem altrosa Kleid mit Spitzenbesatz an den Ärmeln und hochgeschlossenem Kragen, verspielte sie sich kein einziges Mal und ließ die alten Herrschaften aus dem Staunen gar nicht mehr herauskommen. Nicht weit entfernt saß Väterchen Frost nach wie vor auf der Bank und lächelte bei den Klängen, die der Nordwind zu ihm herantrug, versonnen in seinen dichten Bart.

Bianca Henseler ist 21 Jahre alt und lebt in Kronshagen bei Kiel. Bereits als Kind liebte sie es, sich Geschichten auszudenken, später begann sie dann, ihre Ideen aufzuschreiben. Außer dieser großen Leidenschaft besitzt sie noch eine weitere, die alles betrifft, was mit Asien im Allgemeinen und Südkorea beziehungsweise Japan im Besonderen zusammenhängt. Ihr größter Traum ist es, nach ihrem Abitur eine ein- bis zweimonatige Sprachreise nach Seoul unternehmen zu können, um Kultur und Leute in Südkorea kennenzulernen.

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