Read the book: «Panik-Pastor»

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MARTIN DREYER

SCM R.Brockhaus ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung Christliche Medien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.

Dieses Buch beruht auf Tatsachen. Dennoch wurden zum Schutz der Persönlichkeitsrechte einige Namen und Umstände geändert. Der vorliegende Text gibt ausschließlich die persönliche Meinung des Autors wieder.

ISBN 978-3-417-26991-8 (E-Book)

ISBN 978-3-417-26964-2 (lieferbare Buchausgabe)

Datenkonvertierung E-Book: CPI books GmbH, Leck

© 2021 SCM R.Brockaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH

Bodenborn 43 · 58452 Witten

Internet: www.scm-brockhaus.de; E-Mail: info@scm-brockhaus.de

Die Bibelverse sind, wenn nicht anders angegeben, folgender Ausgabe entnommen:

Elberfelder Bibel 2006, © 2006 by SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Witten/Holzgerlingen

Weiter wurden verwendet:

Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.

Martin Dreyer: Die Volxbibel, © 2014 Volxbibel-Verlag in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Witten/Holzgerlingen

Lektorat: Katharina Töws

Umschlaggestaltung: Grafikbüro Sonnhüter, www.grafikbuero-sonnhueter.de

Titelbild: Urban Zintel Photography, www.urbanzintel.de

Autorenbild: © Tom Norberg

Satz: typoscript GmbH, Walddorfhäslach

In Gedenken an meinen alten Freund und mein Vorbild,

Pastor Storch Karsten Schmelzer.

Ich glaube, dieses Buch hätte dir gefallen.

»Habe ich dir nicht geboten: Sei stark und mutig?

Erschrick nicht und fürchte dich nicht! Denn mit dir ist der HERR,

dein Gott, wo immer du gehst.«

Bibel, Josua 1,9

»Weil uns so viele Glaubenshelden dabei zusehen,

wie wir unser Leben mit Gott leben, lasst uns alles,

was uns dabei behindert und belastet, ablegen!

Wie bei einem Marathonlauf sollten wir alle Sachen,

die uns beim Laufen stören, wegschmeißen und das Ding

mit Gott einfach durchziehen […] Das kriegen wir nur hin,

wenn wir dabei die ganze Zeit Jesus im Blick haben.

Mit ihm hat bei uns glaubensmäßig alles angefangen,

und mit ihm wird auch alles irgendwann aufhören.

Er hat seinen Marathonlauf auch bis zum Ende durchgezogen.«

Bibel, Brief an die Hebräer 12,1-2; Volxbibel

»Wenn du zögerst, wächst deine Angst.

Wenn du etwas wagst, wächst dein Mut.«1

Mahatma Gandhi

INHALT

Über den Autor

PROLOG: Hallo Angst!

1 CHEMNITZ

November 2008

2 ESSEN

November 2009

3 SCHNEEBERG

Juni 2012

4 KENIA Juni 1998

5 WACKEN August 2014

6 NÜRNBERG Juli 2006

7 KÖLN August 2006

8 DÜREN Oktober 2011

9 DRESDEN Mai 2017

10 DENVER, USA Oktober 1985

11 ADELSHOFEN Oktober 2017

12 HAMBURG Mai 2016

13 KÖLN UND MÜNCHEN November 2014

14 OELSNITZ Juni 2019

15 DEUTSCHLAND-TOUR MIT ARNE KOPFERMANN März 2017

16 OFTRINGEN, SCHWEIZ November 2019

EPILOG

ANMERKUNGEN

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ÜBER DEN AUTOR


MARTIN DREYER


Martin Dreyer (Jg. 1965) wurde in den 90er-Jahren als Gründer der »Jesus Freaks« bekannt.

Er studierte Theologie, Psychologie, Beratungsmethoden und Pädagogik.

Heute arbeitet der Autor der Volxbibel konfessionsübergreifend als freier Theologe.

Mit seiner Familie wohnt er in Berlin.

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PROLOG: Hallo Angst!
Wie alles begann.

Meine erste Angstattacke hatte ich kurz vor einer Predigt in einem Gottesdienst im Hamburger Musikklub »Marquee«. Es war die Hochzeit einer christlichen Jugendbewegung, den »Jesus Freaks«, die ich vier Jahre zuvor in meinem kleinen Wohnzimmer gegründet hatte. Ich war bereits lange Zeit überzeugter evangelisch-freikirchlicher Christ, ordinierter Pastor und erster Vorsitzender des als gemeinnützig anerkannten Vereins der »Jesus Freaks«.

In diesem Punkt ist meine Reise wohl nicht typisch und entspricht nicht dem Klassiker, dem normalen Verlauf, wie man ihn in christlichen Kreisen immer wieder hört. Dort wird es doch meist so geschildert: In der Vergangenheit liegt die Hölle, die Gottesferne, der Teufel, Tod, Verlorenheit, Angst, Krankheit und Abhängigkeiten. Dann aber vollzieht der Berichtende einen radikalen Wandel. Es kommt zu einer Bekehrung: vom Saulus zum Paulus, vom Nichtchristen zum Christen. Und damit wird aus Hölle der Himmel, es entsteht Gottesnähe, Heilung, Befreiung. Das große Motto der Hippiebewegung aus den 70er-Jahren »Alles wird gut« wird zu einer bekennenden Wahrheit, und der neue Christ fliegt nur noch von Wolke sieben über Wolke acht immer weiter, der seligen Ewigkeit entgegen.

Doch bei mir war es anders.

Sicher gab es zuerst die Hölle mit all ihren Fehlern und Folgen, ihrer großen Verlorenheit. Und dann kam auch eine Phase des Himmels, in der Siege gefeiert, Heilung erfahren, eine Befreiung erlebt wurde. Doch dann kam sie wieder, die Hölle. Die Dunkelheit, das Manko von ungelösten Problemen, von Süchten, von Krankheiten, von Depressionen. Und es kam auch immer wieder die Angst, die in meinen Leben eine viel zu große Rolle einnahm. Fast so, als wollte sie mein Leben bestimmen, als wollte sie mich weiter beherrschen und mich nie ganz loslassen.

Die Angst kam in der Hochzeit der »Jesus Freaks« immer wieder und nahm in meinem Leben eine viel zu große Rolle ein.

Trotz dieser Angst hatte ich mit den »Jesus Freaks« meine ganz eigene Kirche gegründet. Wir feierten unsere Gottesdienste nicht in alten Kirchengemäuern. Wir gingen auf die Straße, an ausgefallene Orte, dorthin, wo sich sonst kein Christ gerne sehen lässt. Auf der Reeperbahn in St. Pauli, mitten im Rotlichtviertel, neben Prostituierten und Junkies, in dunklen Kellern und versifften Bars. Aber auch im alten Hamburger Elbtunnel oder mitten auf einem zentralen Platz im Szeneviertel stimmten wir unser Gotteslob an. Zur Kirche wurde auch das »Marquee«, ein damals stadtbekannter alternativer Musikklub in Hamburg. Er lag gleich neben der weltbekannten und immer noch besetzten Hafenstraße, mit Blick auf die Elbe und den Hamburger Hafen. In seinem Keller war jahrelang eine besonders dreckige Transsexuellen-Prostitution zu Hause. Genau dort richteten wir unser Büro ein. Der Klub war bekannt dafür, dass Bands wie »Nirvana«, »Faith No More« oder »Queens of the Stone Age« dort spielten, lange bevor sie überhaupt irgendjemand kannte. Über zufällige Umstände kam meine Gruppe in diese Klubräume rein und konnte hier am Freitagabend ihre ungewöhnlichen Gottesdienste zelebrieren, bevor das Hauptprogramm startete.


Und genau dort passierte es, dort ging mein Kampf mit der Angst los.

Warum ausgerechnet in einem Gottesdienst? Lange zerbrach ich mir darüber den Kopf. Ich konnte es nicht verstehen. Hatte der Kampf spirituelle Gründe oder doch nur menschliche? Kam er aus dieser oder aus einer anderen Welt, aus einer unsichtbaren, geistlichen Dimension? Ging es um psychologische Ursachen oder um übernatürliche, ja, sogar dämonische Fakten?

Das Selbstverständnis von Christen müsste sich doch eigentlich ganz anders anfühlen. Jesusnachfolger glauben einfach. Bedeutet: Sie vertrauen, sie vertrauen auf einen Gott. Das entscheidende Wort »Glaube« wird in moderneren Bibelversionen sehr oft mit Vertrauen übersetzt. Es geht um ein Grundvertrauen an ein allmächtiges, übernatürliches Wesen, das schon alles irgendwie gut machen wird. Eine Macht, die größer ist als wir selbst, die den Überblick hat, der man sich blind anvertrauen kann. Wie ein gigantisches Sicherheitsnetz, welches unter jedem Leben aufgespannt wurde, so sollte der Glaube wirken. »Niemand kann tiefer fallen als in Gottes Hand«, dieser Satz fällt in jeder Kirche – ständig. Angst hat keinen Platz, wo Vertrauen großgeschrieben wird. Angst und Vertrauen, das sind doch Gegensätze. Oder?

Christen sollten per se die entspanntesten Menschen der Welt sein. Fehler sind erlaubt, bei Christus waren sie das. Der Gottessohn hatte sich mit Verlierern umgeben und liebte sie trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb. Prostituierte, Zöllner, Straßenpack, Versager, Sünder, das waren seine engsten Freunde.

Zu Christus zu gehören bedeutet eigentlich auch, ein »Alles-wird-gut-Feeling« in Dauerpacht zu besitzen. Die Erlösung mit einem Gebet, Frieden im Geist, über den Dingen stehen, siegen und nicht verlieren, den Himmel auf Erden. Ohne Schuldgefühle, ohne Sorgen, ohne Ängste leben zu können. Der Gott der Bibel bezeichnet sich an einer Stelle sogar als »Friedensfürst«. Der Fürst des Friedens, der Chef des »Entspanntseins«, bei ihm ist alles friedlich und gut. Ist das nicht der Wahnsinn, ein großartiges Geschenk? Sicher, das ist es. Aber nicht bei mir. Bei mir regierte nicht der Frieden, zumindest in diesen Augenblicken. Vor jeder Predigt gab es nur eins: die nackte, schmerzhafte, tödliche Angst.


Ich weiß immer noch nicht, woher die Angst auf einmal kam. Sie war anfangs nicht da. Zumindest nicht so stark, dass sie mich behindert hätte. Lag es an einer andauernden Überarbeitung? War mir die ganze Sache mit dieser christlichen Arbeit doch über den Kopf gewachsen? Hatte ich vielleicht im göttlichen Dienst Gott selbst aus dem Blick verloren? Ging es nur noch um mich, um meinen Ruf, um meine Arbeit, um meine Jugendbewegung, und nicht mehr um ihn und um seine Kirche? Letzteres wäre zumindest eine logische Erklärung. Wenn nur noch mein Erfolg im Mittelpunkt meines Denkens stand, dass ich gut aussah, dass mein Dienst unbedingt erfolgreich sein musste, dann hätte ich allen Grund gehabt, Angst zu haben. Niemand ist perfekt. Eine schlechte Darstellung der eigenen Person, Misserfolge, so etwas kann passieren. Und zwar jedem.

Auch wenn der Verdacht für den Beobachter naheliegt: Von Beginn an war das nicht meine Einstellung. Ganz im Gegenteil, es ging mir nie um mich, sondern nur um die göttliche Sache. Dazu war ich viel zu fromm. Ich wollte, dass jeder etwas mitnimmt, dass durch meine Arbeit Menschen göttlich geholfen wird. Ich wollte auch in meiner Hochphase der Angst Verlorene retten, Kaputten Heilung bringen, das war mein vordergründiger Antrieb. Vielleicht war aber auch genau dieser Anspruch viel zu hoch und kaum zu erfüllen?

Dieses Angstgefühl ist schwer zu fassen, ich kann es nur ungenau beschreiben. Es ist eine Angst, Fehler zu machen, ja, das stimmt. Aber nicht das allein, es ist mehr. Ich habe Angst, mich zu blamieren, und ich habe Angst, dadurch der Bewegung zu schaden, ja sogar der Kirche selbst, dem Ruf des christlichen Glaubens. Ich will nicht peinlich sein. Es ist eine Angst zu versagen. Und es ist die Vorstellung, dass ich mit einem schlechten Auftritt dem Fortschritt des Glaubens im Weg stehen könnte, anstatt ihn zu fördern.

Das Gefühl genau und exakt auszumalen – es gelingt mir nicht. Die Angst ist diffus, schwer zu fassen und auch veränderbar. Und doch so real, so schmerzhaft, lähmend, zersetzend, ja, fast tödlich. Angst als pures Gefühl, das mich übermannt, vor der ich nicht fliehen kann, die die Kontrolle übernimmt, der ich nichts mehr entgegensetzen kann, weil sie so stark ist.

Es ist wie sterben. Jedes Mal vor einer Predigt sterbe ich.

Wie oft habe ich Gott angefleht, mir die Angst zu nehmen. Ich habe gefastet, Christus gebeten, mich von dieser Marter zu befreien. Seelsorge in Anspruch genommen, Therapien gemacht, Bücher gelesen, Strategien entworfen. Tabletten genommen, Medikamente geschluckt. Nichts hat nachhaltig geholfen. Sie war zu dieser Zeit immer da und begleitete mich stets. Wie ein immer wiederkehrender Dämon, der sich nicht abschütteln lässt, trotz spirituellem und psychologischem Kampf.


Der Gottesdienst, in dem die Angst zum ersten Mal kam, fand eigentlich unter keinen besonderen Umständen statt. Ich war wirklich gut vorbereitet, meine Predigt saß. Es lag eine volle Arbeitswoche hinter mir, aber trotzdem gab es genug Zeit, dass ich mich ausreichend auf den Dienst einstellen konnte. Das Thema der Predigt kam mir zugute, und ich hätte auch viel spontan dazu sagen können, selbst wenn ich mich nicht vorbereitet hätte.

Vielleicht war es die Anwesenheit von einem Reporter der TAZ. Er hatte sich in der Woche zuvor per E-Mail angekündigt, unseren Gottesdienst besuchen zu wollen. Die TAZ ist bekanntlich darauf spezialisiert, kirchliche Themen mit bissigen, verächtlichen und scharfen Worten in der Luft zu zerreißen. Der Reporter hatte mich vorher über drei Stunden interviewt und sehr viele Fragen gestellt. Das Gespräch lief eigentlich gut, ich war gelassen, freundlich und vielleicht sogar ein bisschen witzig.

Aber dann, in dem Augenblick, als der Gottesdienst anfing, spürte ich, wie es um meinen Kopf herum heiß wurde. Das Adrenalin stieg in mir auf und übernahm langsam, aber unaufhörlich die Kontrolle. Ich konnte nichts dagegen tun, es war stärker als mein Wille, meine Entscheidungskraft. Dieser Moment war das Grauen. Ich fühlte eine aufsteigende Wärme, fing an zu schwitzen und mir wurde übel. Und dann der Darm, oh ja, der Darm! Ich rannte aufs Klo und musste mich komplett entleeren. Immer wieder neu. Ich hatte Krämpfe und Schmerzen. Und ich konnte nicht fliehen, selbst wenn ich es gewollt hätte. Ich musste die Situation bestehen, ich musste da jetzt durch. Niemand wusste davon, es war mein Geheimnis. Ich wollte diese Schwäche nicht eingestehen, sie sollte nicht öffentlich werden. Es wäre eine zu große Blamage gewesen und passte nicht zum Bild eines erfolgreichen Christen. Nach einer Weile wurde mein emotionaler Zustand etwas besser, vielleicht gewöhnte sich der Körper an den harten Adrenalinausstoß. Aber kurz vor der Predigt rannte ich ein zweites Mal auf die Toilette. Alles musste raus. Wieder und wieder. Magenkrämpfe. Schlimme Schmerzen. Es war wie ein langsamer Tod, aber auch wie eine Geburt.

Schließlich war es so weit. Ich wollte mir nichts anmerken lassen. Ich wollte der große Prediger sein, der mit seinen Worten die Gemeinde begeistern und mitreißen kann. Aber an meinem Hals waren überall tiefrote, hektische Flecken. Sie waren so rot und so abgegrenzt, dass jeder, der bis zu einem Meter vor mir stand, sie sehen konnte, ja, sehen musste. Ich versuchte mich zu beruhigen. Ich sprach mir Mut zu, ich sagte Bibelverse auf, ich meditierte. Wenn es ging, bekannte ich wild irgendwelche Sünden, damit nichts zwischen Gott und mir stehen konnte. Aber ich schaffte es nicht. Das letzte Lied spielte. Die Ansage kam. Dann war ich dran. Der Gottesdienstleiter rief meinen Namen auf. Langsam ging ich den Gang entlang. Ich betrat die Bühne, das Scheinwerferlicht knallte mir ins Gesicht. Und dann starb ich.


Trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, bin ich immer noch unterwegs. Ich besuche Gemeinden, Gottesdienste, freie Werke. Ich werde eingeladen, um geistliche Wahrheiten zu verkünden, um eine biblische Predigt zu halten oder eine Lesung. Auch an öffentlichen Diskussionsrunden, Talkshows, Fernsehsendungen nehme ich teil. Man erwartet von mir Antworten und Lösungen. Vielleicht sogar eine Provokation, einen Ruf ins Leben oder einen Ruf zum Kreuz Jesu Christi.

Kirchenübergreifend werden mir Türen geöffnet, durch die ich gerne eintrete. Ich fühle mich von Gott beauftragt, auch wenn das nach einer religiösen Psychose klingt.

Wenn das nicht so wäre, würde ich diesen Job nicht machen, ich hätte schon längst aufgeben. Dieser Auftrag gibt mir ein Gefühl von spiritueller Sinnhaftigkeit. Eine Gewissheit, der richtige Mensch am richtigen Ort zum richtigen Zeitpunkt zu sein. Es ist wie eine Bestimmung, eine göttliche Berufung, eine Aufgabe nur für mich, direkt aus dem Himmel.

Darum gehe ich auf die Reise, eine Reise mit Gott durch die Gemeinden in Deutschland und in anderen Ländern. Aber immer auch eine Reise zu mir selbst, zu meinen Abgründen. Eine Reise mit mir und der Angst.

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1
CHEMNITZ
November 2008
Verkrampft und aufgeregt in einem Jugendgottesdienst der evangelischen Kirche

Als ich die Anfrage bekomme, in einer alten evangelischen Kirche in Chemnitz eine Predigt zu halten, muss ich erst mal schlucken. Chemnitz? Ist das nicht der Ort, der zu DDR-Zeiten noch Karl-Marx-Stadt genannt wurde? Ja, genau! Von 1953 bis 1990 wurde die Stadt anlässlich des Karl-Marx-Jahres nach dem großen Theoretiker des Sozialismus benannt. Aber relativ schnell nach der Wende sprachen sich in einer Abstimmung nahezu achtzig Prozent der Bevölkerung dafür aus, dass die Stadt wieder ihren ursprünglichen Namen zurückerhalten sollte.

Chemnitz ist aber nicht nur für den Namenswechsel deutschlandweit bekannt. Durch die nahe liegende Grenze zu Tschechien wird Sachsen insgesamt mit Crystal Meth geradezu überflutet, das von der WHO zurzeit als gefährlichste Droge eingestuft wird. Vor allem trifft das auf die drei großen Städte Leipzig, Dresden und Chemnitz zu. In einer Studie, die erst vor Kurzem in diversen Magazinen und Zeitungen veröffentlicht wurde, hat man herausgefunden, dass im kleinen Chemnitz mehr Crystal Meth konsumiert wird als in allen anderen Großstädten Europas. Die Studie des »European Monitoring Center for Drugs and Drug Addiction«2 untersuchte in ihrer Forschungsarbeit nicht direkt den Konsumenten oder die Kriminalstatistik, sondern ausschließlich das Abwasser der Städte, welches von den Toiletten in die Kanäle geleitet wird. Da diese sogenannte »Teufelsdroge« eindeutige Rückstände im Urin hinterlässt, die sich nur sehr langsam im Wasser chemisch abbauen, kann man die Spuren von Crystal Meth relativ leicht noch Wochen später nachweisen und Konzentrationen berechnen. Das bedeutet, dass die Menge der Droge, welche von den Einwohnern in Chemnitz pro Tag konsumiert wird, ziemlich genau bekannt ist. In dieser Untersuchung lag Chemnitz weit vor Dresden, Bratislava oder Nürnberg, obwohl deren Einwohnerzahl doppelt und dreifach so groß ist. Die Mengen wurden tatsächlich mit dreihundert Prozent über dem normalen Schnitt aller anderen deutschen Städte gemessen.

Ein weiteres Problem der Stadt ist ein sich ausbreitender Nationalsozialismus unter den jungen Menschen. Chemnitz hat sich zu einer Hochburg für rechtsextreme Straftaten in Sachsen entwickelt. Im letzten Jahr kamen auf 100 000 Einwohner 78 Straftaten mit rechtsextremem Hintergrund. Das ist deutscher Rekord.

Ich kenne Chemnitz schon länger, da ich bereits zweimal von einem bemerkenswerten christlichen Werk dorthin zum Predigen eingeladen worden bin. In dieser eher unfrommen Stadt hatte sich vor vielen Jahren ein Mann namens Tilo Reichelt aufgemacht, ein christliches Werk für junge Menschen auf die Beine zu stellen, in dem es zentral um den Glauben an Jesus Christus geht. Seine Biografie ist schnell erzählt: Als begabter Musiker und Inhaber einer Eventagentur stellt er auf der Höhe seines Erfolges plötzlich eine unendliche Leere in seinem Leben fest. Er begibt sich auf die Suche nach Erfüllung und trifft auf Gott. Reichelt erlebt durch eine spirituelle Erfahrung im Glauben eine richtiggehende Befreiung von seiner kleinen Ego-Welt und findet seinen Sinn darin, für junge Menschen in der Stadt eine Heimat mit christlichen Werten aufzubauen. Reichelt gründet sein eigenes Werk, das »New Generation«, renoviert mit Jugendlichen eine verfallene Disco und zieht seitdem Tausende junger Menschen mit seiner Arbeit an. Diese Geschichte fasziniert mich.

Heute werde ich allerdings nicht von Tilo Reichelt, sondern von einer großen evangelisch-lutherischen Kirche aus Chemnitz in ihren Jugendgottesdienst eingeladen. Und ich freue mich schon sehr auf den Einsatz.

Die Stadt ist mit dem Auto bequem unter drei Stunden von Berlin aus zu erreichen. Ich nutze die Zeit im Pkw immer gerne, um mich innerlich auf die bevorstehende Arbeit einzustellen. Nirgendwo anders kann ich besser beten, Musik oder Predigten hören als in unserem alten VW Sharan mitten auf der Autobahn. Die Ablage der Mittelkonsole wird zu meinem Altar, der Fahrersitz zu meiner Gebetsbank. Ich habe schon so viele intensive Zeiten in meiner kleinen Autokirche mit dem Schöpfer gehabt.

Das Navi scheint diesmal eine gute Strecke ausgewählt zu haben, es gibt wenig Staus und ich habe meistens freie Fahrt. »Hilfe, Gott!«, bete ich mal wieder und es muss für den da oben wie ein tiefer Seufzer klingen. »Obwohl ich mich ja eigentlich auf den Einsatz freue, fühle ich mich überhaupt nicht fit dafür! Ich bin völlig schlapp, kraftlos und ausgelaugt!«

Die letzten Nächte waren für mich der Horror. Seit einiger Zeit habe ich zunehmend Probleme mit meiner unteren Bandscheibe. Und komischerweise spüre ich die Schmerzen meist erst im Bett, weniger tagsüber. Rückenschmerzen sind etwas Furchtbares, jeder, der sie kennt, weiß, wovon ich rede. Es ist kein Schmerz, den ich mal eben ausschalten kann. Er trifft mich in der Mitte des Körpers und macht aus mir einen Krüppel. Treppensteigen, normales Gehen, sogar mich ins Bett zu legen, alles bereitet mir Schmerzen. Nachts drehe ich mich von rechts nach links, von links nach rechts, in der Hoffnung, eine möglichst schmerzfreie Schlafposition zu finden.

Dazu kommt, dass unser zweijähriger Sohn in letzter Zeit immer öfter nachts in unser Ehebett krabbeln möchte. Und der findet seine Schlafposition anscheinend noch schlechter als sein Vater. Nicht selten wache ich mitten in der Nacht auf, weil sein kleiner Zeh sich in eins meiner Nasenlöcher gebohrt hat. Na super. Wenn dann noch die Tochter dazukommt, ist an einen erholsamen Schlaf nicht mehr zu denken. Trotzdem liebe ich die beiden so sehr, dass ich sie auf keinen Fall aus dem Bett jagen möchte. Kinder sind ein großes Geschenk Gottes. Was für eine Freude haben die zwei in meine Existenz gebracht! Es ist mit Sicherheit die größte Aufgabe und die kraftaufreibendste dazu, welche Gott in das Leben eines Menschen stellen kann: Kinder großzuziehen. Ständige Müdigkeit, Stress pur, ungeahnte Ängste, dem Kind könnte etwas passieren, Sorgen vor Versorgungsengpässen, aber auch harte Wutausbrüche und unkontrolliertes Weinen, das alles bringt ein Kind in dein Leben.

Aber auf der anderen Seite braucht es nur ein Lächeln, ein Lachen, ein vergnügtes Quietschen von deinem Nachwuchs, eine herzliche Umarmung, ein Kuss und all das wird locker wettmacht. Ich weiß noch, wie ich meine Tochter immer gegen Mittag vom Kindergarten abgeholt habe, als sie noch klein war. Sie saß dort im Raum ganz konzentriert in einer Ecke und spielte mit bunten Bauklötzen. Plötzlich erblickte sie ihren Vater, sprang auf, rannte mit offenen Armen und einem großen Lächeln auf ihrem Gesicht auf mich zu und rief ganz laut: »Papaaaaa!!!« Das sind Momente, die mir mehr Kraft geben als jedes Erfolgserlebnis, jedes Lob, jeder geschriebene Bestseller und auch jeder noch so erfolgreiche Dienst für Gott.

Nachdem ich einen der wenigen Staus hinter mir habe, komme ich immer schneller voran. Der zäh fließende Verkehr hat sich endlich aufgelöst, und ich finde etwas Ruhe, um mich auf den Abend vorzubereiten. Der Pastor der Kirche hatte mir am Telefon etwas von seiner Arbeit erzählt. Vor Jahren kam sein Vorgänger auf die Idee, dass die große alte Kirche für Jugendliche umgestaltet werden müsse. Ihm wurde klar, dass junge Menschen in Chemnitz seine Kirche nicht besuchen würden, weil Kirche an sich einen schlechten Ruf hatte. Wer Spaß haben will, wer etwas erleben möchte, wer gerne seinen Horizont erweitert, der geht überallhin, aber nicht in die evangelische Kirche. Also gründete er mit einigen wenigen, aber motivierten Konfirmanden ein Team. Ziel war es, alle zwei Monate einen Jugendgottesdienst zu organisieren, der eine Ausstrahlung auf die ganze Stadt haben sollte. Zur Zeit meiner Einladung kommen bereits vierhundert Besucher zu der Veranstaltung. Der Gottesdienst wird nun heute zum fünften Mal gefeiert und immer wieder werden die Teilnehmerzahlen erneut getoppt.

Das ist eine Geschichte, die ich auf meinen Reisen schon oft gehört habe: Manchmal braucht es nur einen einzigen Menschen, einen jungen Pastor, einen Jugendleiter, einen Diakon, der genug Feuer für eine Idee hat. Er oder sie muss nicht viel mitbringen außer eine richtig gute Vision, Begeisterung, die Sprachfähigkeit, die Vision auch anderen zu übermitteln, und der Rest entwickelt sich wie von selbst. Allerdings muss diese Person, egal, ob männlich oder weiblich, großes Durchhaltevermögen mitbringen. Denn in toten Kirchen dauert es eine ganze Weile, bis der harte Boden aufgemeißelt, umgegraben und neu bepflanzt werden kann. Immer wieder höre ich, dass Träume und Ideen für eine lebendige Jugendarbeit an einem verstockten, trockenen und gealterten Kirchenvorstand gescheitert sind.

Der Pastor in Chemnitz hat zum einen die Begabung, seine Vision in Worte zu fassen, und auch das Durchhaltevermögen, diese neuen Ideen gegen alle Widerstände durchzusetzen. Und das Ergebnis lässt sich sehen.


Endlich bin ich da. Langsam fährt mein Auto auf den Kircheninnenhof und ich kann schon eine Traube von Jugendlichen auf dem Vorplatz entdecken. Der Pastor begrüßt mich freundlich und führt mich, nachdem ich meinen Koffer abgestellt habe, in einen hinteren Raum der alten Kirche. Dort sitzen ca. zwanzig aufgeregte junge Menschen. Jeder will mich begrüßen und mir seine Geschichte erzählen. So viele freundliche Gesichter auf einem Haufen, das tut gut. An jeder Ecke kann ich erkennen, wie bis ins Detail diese Veranstaltung durchgeplant und vorbereitet wurde. Das ist definitiv nicht überall so. Auf einem großen Tisch in der Mitte des Vorraums stehen ausreichend Saft und Wasserflaschen. Dazu gibt es leckere belegte Schnittchen mit Lachs, Käse, Wurst und Fleischaufschnitt. Ein reges Treiben herrscht im Raum, da noch eine Menge Vorbereitungen anstehen.

Der Pastor hat mir eine junge Frau zur Seite gestellt, die ein bisschen auf mich aufpassen soll. Ich erfahre, dass sie Lydia heißt, zwanzig Jahre alt ist und schon als kleines Kind Teil der Kirche war. »Meine Eltern haben mich hier getauft und konfirmieren lassen. Aber so richtig dabei bin ich erst, seitdem unser Pastor diesen Jugendgottesdienst ins Leben gerufen hat«, erzählt sie mir. Lydia hat ein umwerfendes Lächeln und ist wirklich sehr hübsch. Nach unserem kurzen Gespräch nutze ich die freie Zeit, um mir die Kirche einmal genauer anzuschauen.

Ich schätze, dass es sich um ein Gebäude aus dem 17. Jahrhundert handelt. Diese großen alten Kirchen wirken auf mich immer etwas bedrückend. Überall hängen Bilder von verstorbenen Menschen, die vermutlich vor Hunderten von Jahren Geld für den Bau gespendet haben. Die hohen Decken und auch der oft monströse Altar flößen mir Respekt, aber auch eine undefinierbare Furcht ein. Vor Jahren hörte ich auf einer offiziellen Führung von einem Kirchenhistoriker, dass die Architekten von der damaligen Kirchenleitung angehalten wurden, die Gebäude so hoch wie möglich zu bauen, damit die Gläubigen in der Kirche Angst und Respekt vor der Größe Gottes hätten. Es ging also nicht darum, ein schönes und imposantes Gebäude zu errichten, um darin Gottes Größe zu feiern, sondern um eine Art Angsttheologie, die Furcht vor Gott in den Herzen der Menschen wecken sollte. Ein einfacher Christ sollte sich beim Betreten einer Kirche vor Gott fürchten, vor seiner starken Hand, vor seiner Macht, vor seiner unermesslichen Größe. Für die heutige Zeit ein völlig inakzeptables Konzept, finde ich. Ein Ort des Glaubens, der Angst und Ehrfurcht erzeugen soll? Aber damals hat das vermutlich so gepasst.

Die Stimmung in dem Vorraum lockert sich immer mehr auf. Ich kann bestimmt über vierzig Mitarbeiter zählen, die sich alle dort versammelt haben. Schließlich ruft der Pastor alle zusammen, um den Ablauf des Gottesdienstes noch einmal durchzusprechen. In jedem Jugendgottesdienst gibt es ein paar immer wiederkehrende Programmpunkte. Dazu gehört neben der Begrüßung, den Ansagen, einem Anspiel, einem Musikteil und einem Gebet natürlich auch die Predigt. Für Letzteres bin ich heute zuständig.

»Liebe Leute, heute haben wir einen Gastsprecher bei uns, den Martin Dreyer«, begrüßt mich der Pastor freundlich. »Schön, dass du da bist!« Ich freue mich auch und sage noch ein paar Sätze zur versammelten Mannschaft. Dabei merke ich, wie unlocker und verkrampft ich an diesem Abend wieder bin. Warum das so ist, weiß ich gar nicht genau. Mir wird klar, dass unser Vorbereitungsteam mich als so eine Art Stargast im Programm vorgesehen hat. Vielleicht ist das der Grund für meine Angst. Die ganze Werbung, Flyer, Poster: Überall ist mein Name dick und breit aufgedruckt, inklusive Foto. Martin, der christliche Star. Martin, der große Prediger. Martin, die Rampensau. Vielleicht ist das der Grund für meine innere Verkrampfung, denn ich mag diese Rolle nicht. Sicher hat das in einem Jugendgottesdienst einen Effekt, aber ich kann mich selbst nicht als einen christlichen Star definieren. Ich kenne mich nur zu gut. Ich habe so viele Fehler. Ich habe so tiefe Abgründe. Und ich habe so eine Angst.

Manchmal frage ich mich, was wohl wäre, wenn jeder meine dunkelsten Gedanken lesen könnte, wenn alle von meinen Schwächen und von meinem Angstproblem wüssten. Ich denke, niemand würde mit mir zu tun haben wollen, niemand würde meiner Predigt zuhören.

Dazu kommt, dass ich noch nie mit hohen Erwartungen an mich angemessen umgehen konnte. Die Rolle des Underdogs gefällt mir dagegen sehr. Wenn keiner etwas von mir erwartet, dann bin ich angespornt, besonders gute Leistung zu bringen und alles zu übertreffen. Formuliert aber einer eine konkrete Erwartung an mich, schnürt es mir die Kehle zu, ich fühle mich unter Druck und dieser Druck erzeugt Angst. Angst, den Maßstab nicht zu erreichen, die hoch gelegte Latte nicht überspringen zu können. Sicher ist das nicht sehr professionell, aber so ist es nun mal.

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03 April 2025
Volume:
304 p. 7 illustrations
ISBN:
9783417269918
Publishers:
R.Brockhaus
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