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Marie Louise Fischer
Bleib doch, liebes Hausgespenst
SAGA Egmont
Bleib doch, liebes Hausgespenst
Bleib doch, liebes Hausgespenst (Band 5)
Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
Copyright © 2017 by Erbengemeinschaft Fischer-Kernmayr, (www.marielouisefischer.de) represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de)
Originally published 1979 by F. Schneider, Germany
All rights reserved
ISBN: 9788711719671
1. e-bogsudgave, 2017
Format: EPUB 3.0
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lindhardtogringhof.dk
Lindhardt og Ringhof Forlag A/S, et selskab i Egmont
Was ist los mit Monika?
Sacht trommelte ein warmer Frühlingsregen gegen die Fensterscheiben des Klassenzimmers. Die Schüler und Schülerinnen lauschten mäuschenstill, was Frau Hübner, die Biologielehrerin, von den Wundern der Tierwelt zu berichten wußte. Die meisten waren enttäuscht, als sie aufforderte: „Ich habe euch vom Urvogel erzählt“, sagte sie, „wie sah er aus?“
Die Finger flogen in die Höhe.
„Ingrid!“
Ingrid, ein großes Mädchen mit braunen Augen und einem braunen Wuschelkopf, als einzige Tochter eines Gymnasiallehrers immer eine Spur zu fein gekleidet – heute trug sie an einem ganz gewöhnlichen vorfrühlinghaften Schultag einen hellgrauen Faltenrock mit einem weichen, langärmeligen rosa Pullover – fuhr auf. „Halb Vogel, halb Eidechse!“
„Sehr richtig! Und woher wissen wir das?“
Diesmal durfte Norbert antworten – Norbert, ein blondgelockter Junge, dessen Eltern erst vor einem halben Jahr aus Norddeutschland nach Bayern zugezogen waren, und deres sich noch nicht ganz abgewöhnt hatte, ein spitzes „St“ zu sprechen. Noch immer wurde er manchmal deswegen ausgelacht, und obwohl er es tapfer ertrug, war er bemüht, diese Eigenart abzulegen. „Man hat …“ Er machte eine kleine Pause und sagte dann betont: „Ver-schteinerungen im Fränkischen Jura gefunden.“
Die Klasse lachte auch über dieses bemühte „Scht“ – nur Monika nicht. Obwohl sie Frau Hübner mit weit geöffneten grünen Augen scheinbar aufmerksam anstarrte, war sie mit ihren Gedanken doch weit, weit fort.
„Ssch-timmt!“ lobte Frau Hübner, und unwillkürlich betonte auch sie das „St“ wie eine Lokomotive, Den Lacher, den sie damit erntete, nahm sie nicht übel, sondern schmunzelte dazu. „Andere Ablagerungen der Erdgeschichte verrieten uns noch mehr. Die Zahl der Versteinerungen, die man erforscht hat, ist so groß, daß man sich schon ein ganz gutes Bild des Erd-Mittelalters machen kann. Wer waren damals die Herren der Erde?“
Viele Arme flogen hoch. Frau Hübners Blick überflog die Klasse. Sie stellte fest, daß Monika sich nicht gemeldet hatte.
„Monika“, fragte sie freundlich, „das mußt du doch auch wissen. Ich habe es ja gerade erst erzählt!“
Monika war erwacht, als sie ihren Namen hörte, und ihr hellhäutiges Gesicht war rot geworden. „Wa-a-as?“ stotterte sie.
„Ich habe vom Erd-Mittelalter gesprochen, Monika!“ versuchte Frau Hübner ihr zu helfen. „Wie hießen die Tiere, die damals am verbreitetsten waren? Inzwischen sind viele von ihnen schon ganz ausgestorben!“
Unvermittelt brach Monika in Tränen aus.
Die Klasse hielt den Atem an.
„Aber, Monika, warum weinst du?“ fragte Frau Hübner verblüfft. „Wegen der ausgestorbenen Reptilien? Oder weil du nicht aufgepaßt hast?“
„Ich … nein, gar nicht …“ stammelte Monika schluchzend, „… ich weine, weil …“ Unfähig, eine vernünftige Erklärung abzugeben, stürzte sie aus dem Zimmer.
Frau Hübner sah die Klasse an. „Was ist los mit Monika? Ist sie krank? Oder hat sie zu Hause Kummer? Ingrid?“
Ingrid war aufgestanden. Aber statt einer Erklärung hatte sie eine Gegenfrage: „Darf ich ihr nach … sie beruhigen?“
„Ja, lauf nur.“
Monika und Ingrid waren Freundinnen, und das wußte Frau Hübner.
Norbert meldete sich, nahm all seinen Mut zusammen und bat: „Ich auch?“
Die anderen – besonders die Schüler – lachten schallend, denn es schien ihnen überaus komisch, daß ein Junge ein Mädchen zu trösten versuchen wollte. Aber Norbert hatte es ganz ernst gemeint, denn zwischen ihm und Monika bestand eine Freundschaft, in die auch Ingrid einbezogen war.
Auch Frau Hübner war es nicht entgangen, daß die drei ständig zusammensteckten, dennoch gab sie ihre Erlaubnis nicht. „Du nicht, Norbert“, sagte sie statt dessen, „du wirst früh genug nach Schulschluß hinter das große Geheimnis kommen!“
„Was für ein Geheimnis?“ fragte Norbert und tat so erstaunt, wie er nur konnte.
„Versuch nicht, mir etwas vorzumachen! Glaubst du nicht, ich hätte längst bemerkt, wie du und die beiden Mädchen immer miteinander tuscheln? Ihr habt ein Geheimnis zusammen … aber keine Angst, ich will es gar nicht wissen. Aber ich möchte wetten, daß Monikas unmotivierte Tränen mit diesem Geheimnis Zusammenhängen!“
„Ich weiß gar nicht, was Sie meinen“, murmelte Norbert, aber er wagte nicht, der Lehrerin dabei in die Augen zu sehen, denn er wußte nur zu gut, daß sie recht hatte. Monika, Ingrid und er hatten ein Geheimnis miteinander, und es war nur zu wahrscheinlich, daß Monikas Tränen mit diesem Geheimnis im Zusammenhang standen.
Draußen, auf dem hellen, breiten Gang des modernen Hauses, das eine sogenannte Mittelpunktsschule beherbergte, hatte Ingrid den Arm um Monikas Schultern gelegt. „Heul dich nur aus“, sagte sie verständnisvoll, „was raus muß, muß raus! Und nachher erzählst du mir dann, was los ist, ja?“
Die beiden standen vor einem riesigen bunten Wandmosaik, das die „Kunst“ an dem Schulbau vertrat, aber keine von ihnen hatte Augen für die blau-grün-rot-gelb-goldene Farbenpracht.
Monika befolgte nicht den Rat der Freundin, ihren Tränen erst einmal freien Lauf zu lassen, sondern sie rang um Beherrschung. „Ich muß immer an Amadeus denken“, brachte sie schluchzend hervor, „er … er tut mir ja sooo leid!“
„Aber warum denn?“ fragte Ingrid ganz erstaunt.
„Ja, hast du denn in Relix nicht aufgepaßt?“ Monika versuchte mit den Fäusten, ihre Wangen zu trocknen. „Wie der Herr Pfarrer uns von unserer unsterblichen Seele erzählt hat?“
„Schon. Aber das ist doch eine alte Geschichte.“ Ingrid holte ein blütenweißes, zart duftendes und sorgsam zusammengefaltetes Tuch aus der Innentasche ihres Faltenrockes und reichte es Monika. „Da, putz dir die Nase!“
Monika tat, wie sie gesagt hatte. „Aber was ist dann mit Amadeus? Was ist mit seiner Seele?“
„Wahrscheinlich hat er gar keine“, meinte Ingrid gelassen.
„Waaas?“ Entsetzt riß Monika die Augen auf, und auch ihre letzten Tränen versiegten von einer Sekunde auf die andere. „Wie kannst du so etwas sagen?“
„Ich denk’s mir eben. Weil Norberts Vater doch meint, daß Amadeus ein Kobold ist.“
„Aber wie kann Norberts Vater das wissen? Er kennt Amadeus doch gar nicht.“
„Ich nehme an, Norbert hat ihm eine Menge erzählt.“
„Trotzdem! Wissen kann er es nicht! Und wenn Amadeus nun doch das ist, was er selber sagt? Wenn er doch als kleiner Junge vor zweihundert Jahren im Seerosenteich hinter unserem Haus ertrunken ist? Und wenn er nun für immer und alle Zeiten gespenstern muß?“
„Ja, dann …“, Ingrid legte den Finger an die Nase und dachte nach, „… kann ich ihm auch nicht helfen“, sagte sie endlich.
„Wie kannst du nur so herzlos sein!“ Schon wieder wurden Monikas Augen feucht.
„Reg dich bloß nicht auf! Soll ich dir mal sagen, was mit dir los ist? Du hast einfach zu wenig Schlaf.“
„Aber ich leg mich jeden Mittag hin!“
„Ja, ich weiß … du verschläfst die schönste Zeit des Tages, um Nacht für Nacht von Amadeus geweckt zu werden. Und dann fließt du auch noch über vor Mitleid um diesen Lauser.“
„Aber kannst du dir denn nicht vorstellen, wie das ist, Ingrid? Wenn man gar keine Abwechslung hat, nicht essen, nicht schlafen und nicht lesen, ja, nicht einmal lernen oder arbeiten kann? Wenn niemand einen beachtet und einem nichts anderes einfällt als dumme Streiche … na ja, ein paar kluge waren ja auch darunter. Aber kannst du dir nicht vorstellen, wie öd das sein muß und wie langweilig? Hast du denn gar kein Mitleid mit Amadeus?“
Ingrid schüttelte den Kopf. „Nein“, bekannte sie ehrlich, „höchstens mit dir!“
Es läutete zum Schulschluß, und kurz darauf kamen die anderen aus dem Klassenzimmer gestürmt. Allen voran stürzte Norbert auf die Freundinnen zu und nahm sie beiseite.
„Was ist los?“ wollte er wissen. „Warum heulst du, Moni?“
Sie zog die Nase hoch. „Tu ich ja gar nicht!“
„Moni ist unglücklich“, erklärte Ingrid in dem belehrenden Ton eines langmütigen Erwachsenen, „weil Amadeus ein so ödes Leben führen muß …“
„Ja, tut er denn das?“ fragte Norbert erstaunt.
„… und weil seine unsterbliche Seele keine Erlösung findet“, fügte Ingrid hinzu.
„Aber wie oft soll ich euch noch sagen … er hat gar keine Seele. Er ist nichts als ein Kobold!“
Monika funkelte ihn an. „Und woher willst du das wissen?“
„Alle Sym … sym … sy …“ Norbert kratzte sich am Kopf. „Verflixt, ich komm jetzt nicht drauf!“
„Meinst du vielleicht … Symptome?“ half Ingrid ihm.
„Ja, genau. Alle Symptome sprechen dafür. Das haben wir doch nun schon oft genug durchgekaut. Mein Vater sagt …“
„Aber er kennt ihn doch gar nicht!“
„Das ist deine eigene Schuld, Monika! Natürlich wär’s besser, mein Vater könnte sich selber überzeugen. So kann ich ihm immer alles nur erzählen, und das noch in verbrämter Form … durch die Blume sozusagen.“
Ingrid stimmte ihm zu. „Ich finde auch, Moni, wenn du wirklich so besorgt um Amadeus bist, dann solltest du unbedingt Norberts Vater mal einladen. Der versteht was von …“ Sie machte eine kleine Pause.
„Übernatürlichen Erscheinungen!“ ergänzte Norbert.
„Der könnte dir bestimmt helfen!“.
„Und bestimmt wird er auch versprechen, daß er nichts darüber schreibt … jedenfalls nicht so, daß man das Haus am Seerosenteich erkennt.“
Monika war schon halb überzeugt. „Meint ihr wirklich?“
„Ja“, sagten Ingrid und Norbert gleichzeitig.
Sie lachten, verhakten die kleinen Finger, schwenkten schwungvoll die Arme und riefen gleichzeitig miteinander: „Goethe! “ – „Schiller! “
„Schade.“ Nachdenklich wickelte Monika eine Strähne ihres glatten roten Haares um den Finger. „Es hat nicht geklappt.“
Ingrid wehrte ab. „Aber das ist doch nur ein dummer Aberglaube … daß man, wenn man auch das zweite Wort gleichzeitig richtig sagt, sich was wünschen kann. Das heißt: Wünschen kann man sich immer was. Es ist nur die Frage, ob es auch eintrifft. Laßt uns lieber was Vernünftiges reden.“
„Ich schlage vor, wir gehen dabei in Richtung Heimat“, sagte Norbert.
Sie zogen sich an. Ingrid schlüpfte in ihren schicken Regenmantel mit Südwester, Monika und Norbert in ihre Anoraks. Alle drei wechselten sie die Hausschuhe gegen Regenschuhe um.
„Wartet! Ich muß noch meine Sachen packen!“ Monika lief noch einmal in das Klassenzimmer und kam mit ihrer Tasche zurück.
Als sie das Schulgebäude verließen, waren einige der Busse, die die Kinder aus der weiteren Umgebung von Gerretsried nach Hause brachten, schon abgefahren. Das ärgste Gewühl war vorbei. Aber immer noch stiegen Kinder, sich schubsend, lachend, schimpfend und grölend, in die wartenden Busse.
Ein kleines Mädchen stand abseits und schluchzte bitterlich.
Norbert gab ihr einen freundschaftlichen Schubs. „Na, was ist mit dir? Willst du nicht einsteigen?“
„Ich hab meinen Bus verpaßt … er ist schon weg!“ heulte die Kleine.
„Pech!“ meinte Monika mitfühlend. „Fährt nicht einer von den anderen ungefähr in die Richtung?“
„Nein! Ich weiß nicht! Ich glaub nicht!“
„Danach solltest du dich aber mal erkundigen!“ meinte Ingrid.
Norbert griff in seine Hosentasche. „Weißt du was, hier hast du ein …“ Er brachte ein silberglänzendes Fünfzigpfennigstück auf der flachen Hand zutage und sah Monika und Ingrid fragend an. „Wie nennt ihr das noch mal?“
„Ein Fuffzigerl!“ antwortete Monika prompt.
„Ein Fuffzigerl!“ ahmte Norbert sie nach. „Dort drüben ist eine Telefonkabine …“
„Telefonhäuserl“, dolmetschte Monika.
„Ruf zu Hause an, daß irgend jemand dich abholt!“
„Ihr habt doch ein Telefon?“ fragte Ingrid.
Das Schluchzen der Kleinen war versiegt; sie nickte. „Der Nachbar!“
„Und ein Auto?“
„Naa“, sagte die Kleine breit, „der Nachbar!“
„Na, hoffentlich holt er dich! Wenn er nicht kann, wartest du eben bis zum Nachmittagsbus. Hauptsache, die Deinen wissen Bescheid.“
„Ja, vergelt’s Gott. Ich dank euch auch recht schön!“ Erleichtert lief die Kleine zur Telefonzelle.
„Wie kommst du mir vor, Norbert?“ fragte Ingrid neckend, während sie sich auf den Weg machten, „Du bist ja so großmütig wie Amadeus in seinen besten Augenblicken.“
Norbert zuckte die Achseln. „Die Kleine hat mir einfach leid getan. Jemand mußte sich ja um sie kümmern.“
„Das war sehr nett von dir, Norbert!“ Monika schenkte ihm ein Lächeln. „Aber, Himmel, bin ich froh, daß ich mich nicht Tag für Tag in so einem blöden Bus durch die Gegend schaukeln lassen muß. Hundertmal lieber gehe ich zu Fuß … selbst wenn’s regnet!“
Ingrid und Monika wohnten beide in Heidholzen, Ingrid im eigentlichen Weiler, Monika in einem Haus, das auswärts lag. Aber sie hatten ein gutes Stück Wegs gemeinsam. Norbert lebte mit seinen Eltern am entgegengesetzten Ende von Gerretsried. Aber es hatte sich eingebürgert, daß er die beiden Mädchen bis zu eben jener Kreuzung, wo sie sich zu trennen pflegten, begleitete.
„Das ist doch heute ein ganz famoser Regen!“ stellte er fest, legte den Kopf in den Nacken und versuchte, Regentropfen mit dem Mund aufzufangen. „Man spürt doch richtig, wie er alles zum Grünen und Blühen bringt!“
Monika lachte. „Ich s-püre nur“, ahmte sie den Freund gutmütig nach, „wie naß ich werde! Seht euch nur meine Knie an … und deine auch, Norbert! Bei diesem Wetter solltest du dir den Umweg sparen!“
„Und wer würde euch dann beschützen?“ fragte Norbert großspurig.
„Pudle dich nicht auf!“ gab Ingrid zurück. „Wir sind zuvor ganz gut ohne dich ausgekommen. Da feit sie nix.“
„Was soll denn nun das schon wieder heißen?“ fragte Norbert verwirrt.
„Das nichts daran fehlt … daß es eben so ist“, erklärte Monika.
Sie hatten die Kreuzung erreicht, wo sich ihre Wege trennten. Vor ihnen, jenseits einer großen Wiese, lag das Haus am Seerosenteich, breit hingelagert. Auf den ersten Blick wirkte es wie ein oberbayerisches Bauernhaus. Es hatte ein tiefgezogenes Dach, dicke Mauern und kleine Fenster. Ein Balkon mit einem hölzernen, kunstvoll geschnitzten Gitter zog sich die ganze Front des ersten Stocks entlang. Aber daß es sich nicht um ein gewöhnliches Bauernhaus handelte, war schon daran zu sehen, daß die Stallungen nicht mit dem Haus verbunden waren, sondern sich, ein niedriges, langgestrecktes Gebäude, seitwärts daneben erstreckten. Sie waren teils als Garage, teils als Unterkunft für Monikas Pferd, den guten alten Bodo, ausgebaut. In der Scheune, die zwischen dem Stall und Haus lag, hatte Frau Schmidt, Monikas Mutter, sich eine Töpferei eingerichtet.
Das große Haus sah gemütlich und friedlich genug aus, wie es da im strömenden Regen vor Monika und ihren Freunden lag. Niemand, der es nicht wußte, hätte vermutet, daß ein Geheimnis über ihm schwebte.
„Also dann … bis morgen!“ Monika betrat den Weg, der um die große Wiese führte, die durch einen hölzernen Zaun in vier Abschnitte eingeteilt war, auf denen Bodo abwechselnd grasen konnte.
„Pfüat di!“ rief Ingrid ihr auf gut bayerisch nach.
„Auf Wiedersehen!“ rief Norbert.
Die beiden blieben noch einen Augenblick stehen und blickten Monika nach. Gerade wollten sie sich zum Gehen wenden, als sie etwas sahen, das ihnen die Augen fast aus dem Kopf fallen ließ: Über Monika hatte sich etwas wie ein unsichtbarer Schirm gebildet, der das Regenwasser zu beiden Seiten dichter herabfließen ließ. Monika wandelte trockenen Fußes wie durch eine Kuppel.
Jetzt merkte sie es selber. Sie blickte nach oben: Doch, es regnete noch, aber nicht auf ihr Haupt. Die Regentropfen platschten auf einen unsichtbaren Schild, teilten sich und strömten nach rechts und links.
Monika mußte lachen und drehte sich um sich selber. Sie sah, daß Ingrid und Norbert stehengeblieben waren und ihr nachstarrten.
„Bärig, was?“ rief sie ihnen zu.
Aber den anderen hatte es die Sprache verschlagen.
Erst als Monika das Haus schon fast erreicht hatte, brachte Ingrid einen Ton heraus. „Amadeus!“
„Höchste Zeit, daß gegen diesen Burschen was unternommen wird“, erklärte Norbert im Manneston.
„Bei so etwas kann selbst der vernünftigste Mensch verrückt werden!“ stimmte Ingrid ihm zu.
„Ich spreche heute noch mit meinem Vater.“
„Lieber nicht, Norbert. Warte ab, bis Moni grünes Licht gibt. Sie könnte sonst verdammt sauer werden.“
„Auch wieder wahr.“
Mit einem Abschiedswort trennten sich Ingrid und Norbert, Ingrid, um weiter nach Heidholzen und Norbert, um nach Gerretsried zurückzugehen. Nur ungern rissen sie sich von Monikas Anblick los, obwohl von ihrem Beobachtungspunkt schon nicht mehr zu sehen war, daß Monika trocken durch den Regen schritt.
Amadeus ahnt nichts Gutes
Monika erzählte zu Hause von ihrem Erlebnis im Regen. Andere Leute hätten es vielleicht unheimlich gefunden, aber die Schmidts – Hilde, die Mutter, Liane und Peter, Monikas ältere Geschwister – waren so an die Streiche des Hausgespenstes gewöhnt, daß sie darüber lachen konnten.
Amadeus ließ zum Zeichen, daß er anwesend war, die Teller auf dem gedeckten Tisch in der Wohndiele, dem Mittelpunkt des Hauses, tanzen. Monika bedankte sich freundlich bei ihm. Dann aber, als er die Suppenschüssel hochhob und durch den ganzen Raum fliegen ließ, entschloß sie sich, ein Machtwort zu sprechen.
„Genug für heute, Amadeus!“ rief sie. „Gib Ruhe! Wir wollen jetzt endlich essen, verstanden! Wenn du nicht sofort mit dem Unsinn aufhörst, passiert was!“
Sie hatte zwar selber keine Ahnung, was sie hätte unternehmen können, wenn Amadeus sich nicht hätte einschüchtern lassen. Aber zum Glück ließ er es nicht darauf ankommen, sondem verzichtete darauf, sich weiter bemerkbar zu machen und stellte die Suppenschüssel unversehrt wieder auf den Tisch zurück.
Alle atmeten auf.
„Der raubt mir noch den letzten Nerv!“ seufzte Liane, während sie ihren Löffel in die Suppe senkte. Liane war vor wenigen Tagen sechzehn geworden. Sie hatte eine unverkennbare Ähnlichkeit mit Monika, aber sie wirkte hübscher. Ihre großen grünen Augen, die Monikas glichen, pflegte sie durch Tuschen der Wimpern und Nachziehen der ausgezupften Augenbrauen eindrucksvoller zu machen. Ihr Haar war hellblond und nicht rot wie Monikas, und sie war nicht spindeldürr wie die kleine Schwester, sondern ihre Formen hatten schon begonnen, sich reizvoll zu runden.
„Mich kann der schon lange!“ behauptete Bruder Peter, ein zwölfjähriger Junge mit struppigem blonden Haar, das, wie immer, in alle Richtungen auseinanderstrebte.
„Ihr solltet nicht so häßlich von Amadeus sprechen!“ schrie Monika und mußte schon wieder gegen Tränen kämpfen, die in ihr aufsteigen wollten.
„Du mit deinem Amadeus!“ erwiderte Liane abfällig.
Das Ölgemälde im Erker, der eine Stufe höher lag als der übrige Raum, begann zu wackeln. Dann löste es sich vom Haken und begann, quer durch den Raum zu fliegen. Es stammte aus dem 18. Jahrhundert und stellte einen Jungen mit weit auseinanderstehenden blauen Augen und einer weißen Perücke dar, sehr adrett gekleidet in einen blauen Seidenanzug, mit unter den Knien gebundenen Hosen, weißen Zwirnstrümpfen und schwarzen Schuhen mit silbernen Schnallen. Das Bild glich dem Hausgespenst, wenn es sich sichtbar machte, bis aufs I-Tüpfelchen, und Amadeus pflegte zu behaupten, eben dieser Junge zu sein.
„Schämt euch! Jetzt habt ihr ihn gekränkt!“ klagte Monika.
Die Mutter kam ihr zur Hilfe. „Ich finde auch, ihr solltet das lassen! Schließlich hat er euch nichts getan.“
„Im Gegenteil!“ rief Monika. „Ohne ihn hätten wir in diesem schönen Haus nicht mal zur Miete wohnen können … aber er hat alle anderen Leute vergrault! Und wenn er uns nicht den Schatz gezeigt hätte, hätten wir es niemals kaufen können.“
Liane ließ sich nicht beschwichtigen. „Ich pfeife auf das schöne Haus! Was hat man schon von einem Haus, in das man keine Leute einladen darf?!“
„Ach sei doch nicht so! Sicher kannst du das mal! Wenn du einen festen Termin angibst und ich vorher mit Amadeus spreche …“
Das Ölgemälde hatte eine Ehrenrunde durch den ganzen Raum hinter sich gebracht, um sich dann, so sanft, wie es sich gelöst hatte, wieder an den Haken zu hängen.
„Das wäre äußerst gnädig von deinem reizenden Gespenst“, sagte Liane in beißendem Ton.
„Es ist nicht mein Gespenst! Ich habe es nicht erfunden, das weißt du genau! Es war schon im Haus, als wir einzogen!“
„Das wissen wir doch alle“, sagte Frau Schmidt einlenkend, „laß dich nicht immer von den anderen provozieren, Monika. Sie wissen genau, daß sie allen Grund haben, dir und Amadeus dankbar zu sein.“
Monika schluckte ihre Tränen und lächelte der Mutter zu. „Danke, Mutti.“
„Und nun hört auf zu streiten und eßt die Nudelsuppe! Ich habe sie mit viel Liebe gekocht.“
„So schmeckt sie auch“, lobte Monika.
„Wenn ich glauben könnte, daß Sophia Loren ihre schlanke Linie wirklich den Spaghetti verdankt, würde ich sogar noch eine zweite Portion nehmen!“ erklärte Liane.
Alle lachten, und der Friede war wiederhergestellt.
Nach dem Essen machte Monika ihr Mittagsschläfchen. Sie hatte sich schon so dran gewöhnt, daß ihr, gleichgültig ob ihre Nachtruhe gestört worden war oder nicht, schon nach wenigen Minuten die Augen zufielen. Nach einer knappen Stunde erwachte sie von selber, dehnte und reckte sich, gähnte gründlich, fühlte sich erfrischt und stand auf. Danach kamen die Schularbeiten an die Reihe, und dann Kaspar, der große, bernhardinerartige Hund, der in einer gut ausgepolsterten Hundehütte wohnte. Er gehörte eigentlich Monikas Bruder, aber Peter nahm ihn auf seine Streifzüge in die Umgebung mit, bemühte sich auch gelegentlich, ihm Apportieren und andere Kunststückchen beizubringen. Doch er war zu bequem und zu vergeßlich, um Kaspar die tägliche Pflege angedeihen zu lassen, die ein Hund braucht, um sich wohl zu fühlen. So war es Monika, die für Kaspars Fütterung sorgte, und Monika, die ihn bürstete, ihm die Schlappohren saubermachte und die Nase eincremte.
In Begleitung von Kaspar, der freudig um sie herumsprang, lief sie dann in den Stall, um Bodo, den schweren Hannoveraner, aufzuzäumen. Bodo wieherte vergnügt, denn während der kalten Jahreszeit, wo er nicht draußen weiden konnte, war er immer besonders begierig auf einen Ausritt. Der sanfte Frühlingsregen störte weder ihn noch Monika oder Kaspar. Fast eine Stunde waren sie unterwegs, dann kamen sie durchnäßt, aber glücklich zurück. Monika rieb Bodo gründlich trocken, während Kaspar sich schüttelte, daß die Regentropfen nur so flogen. Sie nahm Kaspar mit ins Haus, weil er dort schneller trocken werden würde – in der Hoffnung, Amadeus würde sich zurückhalten. Denn wenn ein Tier die Nähe des Hausgespenstes spürte, sträubten sich ihm die Haare, und es wurde von Entsetzen gepackt.
„Laß dich bloß nicht blicken, Amadeus!“ rief sie mit geballter Faust ins Nichts hinein. „Sieh dir an, wie pudelnaß Kaspar ist! Du willst doch nicht, daß er sich erkältet? Also laß ihn gefälligst in Ruhe!“
„Mit wem sprichst du denn?“ fragte Frau Schmidt, die aus der Küche kam. Aber sofort überschaute sie die Situation. „Ach so. Ich verstehe. Nimm ein warmes Bad, Moni, und zieh frische Sachen an!“
Monika tat, wie ihr geraten war. Vergnügt aalte sie sich im warmen Wasser – bis ihr einfiel, daß sie etwas vorhatte. Sie gönnte sich noch eine kalte Dusche, sprang dann rasch aus der Wanne und zog sich an. Dann schlüpfte sie in ihre gelben Gummistiefel, lieh sich ohne viel zu fragen Lianes Regenmantel aus und bat die Mutter, ihr ihren Regenhut zu leihen.
„Was hast du vor?“ fragte Frau Schmidt.
„Ich will Vati entgegengehen.“
„Gibt’s was zu besprechen?“
„Ja.“ Monika, die keineswegs die Geheimnisvolle spielen wollte, holte den Block aus der Schublade, auf dem Frau Schmidt ihre Einkaufsnotizen zu machen pflegte. „Wegen Amadeus!“ schrieb sie auf den Zettel.
Frau Schmidt las die Mitteilung und riß sie dann rasch in kleine Fetzen – ganz sicher konnte man nicht sein, ob Amadeus am Ende auch noch lesen konnte. „Schon gut, mein Liebes“, sagte sie, „aber dann mußt du dich beeilen.“
Monika pfiff Kaspar. Aber der erhob sich nur sehr zögernd. Er war froh, daß er ein warmes Plätzchen im Haus gefunden hatte und hatte offensichtlich genug vom Regenwetter.
„Pfui, wie unsportlich, Kaspar!“ tadelte Monika ihn. „Aber von mir aus. Bleib, wo du bist. Beklage dich nicht, wenn Amadeus dich vergrault. Das hast du dir dann selber zuzuschreiben.“
Rasch gab sie der Mutter einen Abschiedskuß und lief ins Freie. Immer noch strömte das Wasser vom Himmel. Es war einer jener Landregen, die tagelang anhalten können. Monika machte er nichts aus. Mit weit ausholenden Schritten wanderte sie zielbewußt die schmale asphaltierte Straße entlang, die nach Heidholzen führte. Sie durchquerte einen kleinen Wald und pfiff dabei vor sich hin. Obwohl sie wußte, daß hier weit und breit keine Gefahr lauerte, war es ihr doch immer wieder ein wenig unheimlich, so ganz allein, ohne Kaspar und ohne Bodo, in freier Natur zu sein.
Als sie sich plötzlich gepackt fühlte, erschrak sie fast zu Tode. Kein Geräusch und kein Schritt hatte sie vor diesem Überfall gewarnt.
„Hilfe!“ schrie sie. „Lassen Sie mich los. Was fällt Ihnen ein!“
Sie trat nach hinten aus – aber da war kein Widerstand –, sie kämpfte mit aller Macht, um sich loszureißen. Starke Arme hielten sie unerbittlich umschlungen.
Nach wenigen Minuten – vielleicht waren es aber auch nur Sekunden – legte sich ihre Panik, und sie konnte wieder klar denken. Sie gab allen Widerstand auf, machte sich ganz schlapp und fragte: „Was wollen Sie eigentlich von mir?“
Darauf bekam sie keine Antwort, aber sie fühlte, wie sie zurückgezerrt wurde – nicht in den Wald, wie sie gefürchtet hatte, sondern in Richtung auf das Haus am Seerosenteich.
Monika versuchte, ganz ruhig zu atmen. Sie sah an sich herab. Deutlich fühlte sie die Arme, die sie umschlangen. Aber zu sehen war nichts von ihnen.
Plötzlich ging ihr ein Licht auf. „Amadeus! Du bist es!“ schrie sie. „Was soll der Unfug! Loslassen! Aber sofort!“
Auf der Stelle war sie frei.
Aufatmend rieb sie sich die Oberarme. „Amadeus, du solltest dich schämen!“ sagte sie streng. „Einem hilflosen jungen Mädchen im Freien aufzulauern! Das ist nun gar nicht mehr witzig. In Zukunft werde ich nie mehr ohne Kaspar Spazierengehen. Dann merke ich wenigstens rechtzeitig, wenn du in der Nähe bist.“ Entschlossen setzte sie ihren Weg fort.
Genau am Ende des Wäldchens stieß sie gegen eine unsichtbare Mauer. Sie versuchte, nach rechts, sie versuchte, nach links auszuweichen. Aber die Wand vor ihr wollte nicht weichen. Sie war nicht hart, nicht so hart, daß sie sich an ihr hätte stoßen können. Aber sie war einfach da, und sie war unüberwindlich.
„Ich weiß, daß du es bist, Amadeus!“ rief Monika. „Wahrscheinlich meinst du es gar nicht böse, es soll wohl ein Spiel sein … aber ich habe die Nase voll davon. Hör auf damit!“
Doch die unsichtbare Mauer blieb vor ihr stehen.
Monika versuchte es mit einer List. „Ah, jetzt verstehe ich, Amadeus. Hier ist die Grenze deines Reiches, wie? Über dieses Wäldchen kommst du nicht hinaus. Gib’s schon zu! Sonst würdest du dir nicht soviel Mühe geben, mich zurückzuhalten. Wahrscheinlich willst du nicht, daß ich allein mit Vati rede. Warum kommst du nicht einfach mit, wenn du kannst? Aber der springende Punkt ist … du kannst nicht!“
Von einer Sekunde zur anderen löste die unsichtbare Wand sich auf, und vor Monika war nichts mehr als der sanft strömende Regen, durch den sie ungehindert hindurchschritt.
Sie begann zu laufen, denn durch die Kämpfe mit Amadeus hatte sie Zeit verloren. Dabei überlegte sie. Es war natürlich möglich, daß Amadeus sie begleitete. Aber sie war sich ziemlich sicher, daß er es nicht tat. Ihr gegenüber pflegte er zwar vorzugeben, gänzlich frei zu sein. Aber sie hatte immer schon den Eindruck gehabt, daß er an das Haus am Seerosenteich und das Gebiet, das es umgab, gebannt war. Sein Reich hörte jenseits der großen Wiese an der Kreuzung auf, an der sie und Ingrid sich auf dem Schulweg morgens trafen und mittags wieder trennten, und auf der anderen Seite hinter der Schloßruine, die das Haus auf einem Hügel hinter dem Teich überragte. Jetzt hatte sie also noch einen dritten Grenzstrich gefunden: den Waldrand, von dem man schon den Weiler Heidholzen sehen konnte, fünf weiß gekalkte Bauernhäuser mit entsprechenden sogenannten „Beihäusern“, in denen die älteren Leute lebten und die auch an Sommergäste vermietet wurden.
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