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Maria Helleberg
Der Pflug des Zorns - Ein historischer Roman
Saga
Der Pflug des Zorns - Ein historischer RomanCopyright © , 2019 Maria Helleberg und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726350920
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.
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– a part of Egmont www.egmont.com
Für VT
Es saß auf der Linde ein Vogel und sang,
er sang eine Weise mit fröhlichem Klang.
Ich mag nicht mehr leben, ich sehne mich so.
Den ganzen Tag sang er, sang der Tage wohl drei,
eh’ ihn die Jungfrau erblickte dabei.
Als die Jungfrau gehört, was der Vogel gesungen,
freut’ sie sich von Herzen und auch mit der Zungen.
»Es gebe Herr Christus, der Vogel wär’ mein,
ich täte ihn setzen auf güldenen Schrein.«
Die Jungfrau ist gegangen, so weiß wie die Wand,
zu locken den Vogel mit rechter Hand.
Die Jungfrau begrüßt’ er so mild und so fein:
»Schon morgen wirst du im Himmelreich sein.«
Ich mag nicht mehr leben, ich sehne mich so.
1
GUNNAR
1324–28
Er nahm allen Mut zusammen und ging auf die hohe, spitze Tür der Kirche zu, wohl wissend, daß das ein unnötiges Risiko war. Der Pflegevater hatte ihm verboten, ohne Begleitung in die Stadt zu gehen. Es war nicht mehr wie damals in Norwegen, als sie vogelfrei und ohne Freunde gewesen waren. Dem Pflegevater standen Leute zu Diensten. Gunnar brauchte nicht allein und schutzlos zu gehen. Aber heute war er allein.
Unmittelbar vor der Tür blieb er stehen, fiel beinahe über seine eigenen Füße und bereute zutiefst seine Waghalsigkeit. Aber irgendwann mußte es ja geschehen. Der Kirchenraum öffnete sich ihm, viel zu weit, zu grau und unbekannt. Aus einer nicht einsehbaren Ecke des Chorraums strömte Gesang, legte sich wie ein klingendes Zeichen von Abneigung und Verstimmung mit leichtem Druck auf seine Brust.
Er benetzte die Finger mit Weihwasser und bekreuzigte sich, ein paar Tropfen fielen auf den grauen Steinfußboden, und ein kleiner, struppiger Hund stürzte sich blitzschnell darauf, sah dann wieder auf zu ihm, enttäuscht. Parasiten krabbelten in seinem Fell. Er machte einen Bogen um ihn und ging weiter, zaudernd und schwerfällig. Ein Grabstein ragte in Knöchelhöhe empor, er fiel fast darüber und dachte nicht einmal daran, daß die Toten das vielleicht als Verhöhnung auffassen könnten, hielt die eingepackte Figur dicht an seine Brust gedrückt. Stellte sich vor, was mit Cecilia hätte geschehen können, wenn er wirklich gefallen wäre: Es lief ihm kalt den Rücken hinunter, dann den Nacken hinauf, so daß er geradezu spüren konnte, wie die kleinen Haare sich voller Furcht sträubten.
Seine Augen suchten die großen Gerüste, dort mußte der Holzschnitzer zu finden sein. Ging den Stimmen nach, dem fremdartigen Klang: Die Mehrzahl der Meister waren Deutsche, hatte er gehört, aber er ahnte nicht einmal, wie deren Sprache klang. Dieses hier war zumindest weder Schwedisch noch Norwegisch, Sprachen, die ihm vertraut waren.
Einer der Gesellen bekam von einem größeren, älteren Mann eine Ohrfeige, und Gunnar blieb stehen, als habe ihn diese selbst getroffen. Auch hier gab es das also. Das hätte er nie gedacht.
Als Kind hatte er lange die sündige Hoffnung gehegt, seine Eltern würden die gewohnte Haut abstreifen und ihr eigentliches Ich entschleiern – daß sie sich verwandeln würden wie Tiere, die die Farbe der Jahreszeiten annahmen, weiß im Winter, grau im Sommer. Oder daß er eines Tages entdecken würde, daß er ein vertauschtes Kind war, wie in den Volksweisen. Daß er irgendwo andere, richtige Eltern hätte, und daß diese richtigen Eltern ihn liebten, glücklich und gerührt wären, ihn wiederzubekommen.
Aber das schien nie einzutreten, seine Eltern blieben sich ewig und unveränderlich gleich. Man konnte sich nicht auf ihre Wünsche einstellen, denn die Forderungen änderten sich von Tag zu Tag, ja, von Stunde zu Stunde, wenn man Pech hatte. Er hatte keine Ahnung, warum es Ohrfeigen nur so setzte, sobald er sich zeigte.
Alle anderen in der Familie hatte man nach verstorbenen Familienmitgliedern benannt: Wenn es richtig zugegangen wäre, hätte man ihn Bengt oder Arvid, Finn oder Oluf getauft. Aber er hieß Gunnar. Es gab auch keinen Heiligen mit diesem Namen: Der Name war schrecklich, altmodisch und heidnisch. Und er hatte sich damit abgefunden, daß seine Eltern ihn schlugen, weil er häßlich, klein, dunkelhaarig und dünn war.
Seine Pflegeeltern schlugen ihn nicht. Niemand in seinem neuen Zuhause schlug ihn. Das hatte zu Anfang sein tiefstes Mißtrauen erregt. Denn seine Pflegeeltern waren nicht krank, wie es sein Vater gewesen war, sie waren hübsch und sonderbar, und in ihren Augen mußte seine Häßlichkeit weit mehr auffallen. Es gab so viel an ihm auszusetzen. Er hörte schlecht und zog das eine Bein nach. Jeden Winter verbrachte er im Bett mit Augenentzündung und Fieber, die Schmerzen kamen wie kleine Fledermäuse aus der Lunge emporgewandert.
Er hatte das Gefühl, daß sich die Pflegeeltern sehr erschrecken würden, wenn sie entdeckten, daß er weder im Garten des Bischofshofes saß und Blumenkränze flocht noch in den Ställen nach den Pferden sah. Er hatte zum ersten Mal lügen müssen, um für dieses unaufschiebbare Vorhaben entwischen zu können. Aber es war die Lüge wert.
Er ließ den Gesellen fragen, ob der Meister einen Augenblick Zeit hätte – in dem klaren, knorrigen Gesicht war immer noch eine Spur von Demütigung zu erkennen. Gunnar wunderte sich. Der Geselle war nicht viel älter als er selbst. Mit nachlässig und unmittelbar über den Ohren geschnittenen Haaren, hohen Wangenknochen und schrägen Augen, einer speckigen, rötlichen Mütze. Er ähnelte jedem x-beliebigen Bauernjungen, aber er war der erste Deutsche, mit dem Gunnar je gesprochen hatte. Der Bescheid wurde in einer anderen Sprache weitervermittelt, die klang, als werde hoch oben unter dem Gaumen gesprochen, und der dicke Mann auf dem rohen, noch duftenden Holzgerüst ließ die Arbeit ruhen. Es sah aus, als ärgere er sich über die Unterbrechung. Gunnar wand sich und errötete unter dem bösen Blick. Aber der Meister trocknete seine roten, verschrammten Hände in der Schürze ab und legte seine Messer in einer Reihe in die Schale, bevor er schnaufend von oben herunterstieg.
Gunnar zitterte so sehr mit den Händen, daß ihm Cecilia aus dem beschützenden Stoffetzen fiel. Der Deutsche fing sie in der Luft auf und hielt sie ein Stück von sich weg, hustete zugleich kräftig und tat der Heiligen die Ehre an, das Gesicht ein wenig abzuwenden, bevor er den Rotz ausspuckte.
Cecilia war die einzige Figur, die er zu Ende gemacht hatte und vorzuzeigen wagte. Sie war so lang wie sein Unterarm, mit einer Laute in der einen Hand und scharfen Falten im Kleid, die Schleppe unter einen Ellbogen geklemmt, wie seine Pflegemutter, wenn sie ihr schönstes Zeug anhatte. So, wie er sie kaum jemals hatte sehen können, als sie in der Verbannung in Norwegen lebten.
Als er noch an der Figur arbeitete, schnitzte und die kleinen Äste mit den Nägeln abkratzte, war Cecilia der Mittelpunkt in seinem Leben gewesen, und er hatte überall ihre Formen gesehen. Jetzt jedoch sah er sie so, wie alle anderen die Figur empfinden mußten – unansehnlich und unfertig, es fehlte an Verzierung und auch an Gold. Der Deutsche drehte sie unbarmherzig herum, wie eine Magd ein gerupftes Huhn dreht, bevor dieses in den Kochtopf wandert. Dann wandte er sich an den Gesellen und fragte etwas in seiner harten Sprache. Der Geselle zwinkerte ein paarmal mit den Augen, um anzudeuten, daß dies eigentlich weit unter seiner Würde war und übersetzte schließlich mit schleppender Stimme:
– Meister Francke möchte gern wissen, bei wem du in der Lehre warst, kleiner Schwede?
Der Deutsche wirbelte herum, auf einmal behende und leicht, trotz seines schweren Körpers – kniff ein Auge zu und balancierte Cecilia auf seiner flachen Hand. In seinem Gesicht konnte man keine Veränderung erkennen, aber Gunnar wurde es warm vor Seligkeit, und die Zunge brachte die schönen Worte, mit denen er zu antworten versuchte, nicht heraus.
Der Mann glaubte, er habe dieses Fach gelernt, er, der nur gelegentlich mal geschnitzt hatte. Und nun wollte der Meister wissen, woher er kam, ob er zu einer Gilde oder Werkstatt gehörte, ob er ehelich geboren war und Auskunft über seine Familie geben konnte. Das war alles schwierig – er war unmündig, mußte seinen Pflegeeltern folgen, wie er es getan hatte, als der Pflegevater für vogelfrei erklärt worden war. Und während er versuchte, seine Herkunft zu erläutern, wurde ihm klar, daß Holzschnitzer wohl das war, was er zuallerletzt werden konnte. Er war zwar der verarmte Sohn eines verarmten jüngsten Sohnes, aber er entstammte dem Ängel-Geschlecht, und kein Mann, der diesen weiblichen Engel in seinem Wappen trug, konnte so tief sinken, daß er sich von seiner Hände Arbeit ernähren mußte.
So einfach war das. Sein Platz war bereits vor der Empfängnis festgelegt. Sein Schicksal hieß Lindö. Ein Hof irgendwo in Uppland. Er konnte sich nicht daran erinnern – er hatte den Hof verlassen, als er zehn Jahre alt war, ohne zu wissen, wieviel Zeit vergehen würde, bis er zurückkehren könnte. Jetzt war es ihm einerlei.
Niemand hielt ihn auf, als er sich an den Schreibern vorbeischlängelte, hinein in die fensterlose Kammer. Der trockene Geruch von Pergament und Staub benahm ihm den Atem. Er hatte noch nie außerhalb einer Kirche Bücher gesehen. Aber hier standen sie in Regalen, als hätten sie einander gezeugt – große und kleine, abgenutzte und neue, ein paar zerschlissene, andere fest an die Regale gekettet.
Auf Kalmarhus gab es keine anderen Angebote zur Zerstreuung. Seit er hierhergekommen war, hatte er sich gelangweilt – und er hatte seine Enttäuschung nicht einmal mit jemandem teilen können. Schon das Wort Hof hatte ihm das Herz in der Brust hüpfen lassen. Aber der Hof erfüllte nicht seine Erwartungen, die von den Erzählungen des Pflegevaters bestimmt worden waren. Hier auf Kalmarhus wohnten zwölf junge Männer, dazu ausersehen, dem König Magnus Eriksson zur Hand zu gehen, sollte es ihm eines Tages gefallen, Varberg zu verlassen, um sich sein Reich anzuschauen. Die Burschen schliefen zu zweit, um sich in den Winternächten zu wärmen, und bei Tische teilten sie Eßbretter und Becher. Aber keiner wollte mit Gunnar teilen, dem Neuankömmling. Wenn sie etwas brauchten, sahen sie durch ihn hindurch, als sei er aus klarem Glas. Und sie waren alle gleich – waren stark und muskulös, paßten zu den hübschen Pferden und Jagdhabichten und englischen Jagdhunden, mit denen sie von zu Hause versorgt worden waren.
Gunnar stand bei so vielen Dingen allein da, er war der einzige ohne Eltern, der einzige mit Pflegeeltern, die im Ausland gelebt hatten, der einzige, der lesen und schreiben konnte. Hier drinnen beim Kanzler wurde seine Fähigkeit geschätzt, wie er wußte, deshalb ging er zu einem der Schreiber und bat um die Erlaubnis, irgendein Buch an einem der leeren Pulte lesen zu dürfen.
Der Mann bedachte ihn mit einem kurzen Blick. Auf seinem Weg zu den Regalen grinste er einem anderen Schreiber zu, entblößte dabei große, gelbe Pferdezähne.
– Ich lese Schwedisch, fühlte Gunnar sich genötigt hervorzuheben – aber niemand hob den Blick.
– Sonst wäre dein Vergnügen auch nur so groß, daß es auf dem Hintern einer Fliege Platz hätte, mein Freund, sagte der Schreiber mit den gelben Zähnen und knallte ihm ein schweres Manuskript auf das Pult, so daß der Staub in Wolken um seine Nase stand und das schwache Licht mit einem Flackern erlosch.
Im Lesesaal war es still und kühl wie in einer Kapelle – er wußte, daß alle auf der Lauer lagen, nur auf einen Vorwand warteten, ihn hinauszuwerfen. Daß er anfinge, Krach zu machen, mit dem Schwert oder den Sporen zu klirren, zu rülpsen oder etwas anderes Unerhörtes, Unhöfliches zu tun. Aber er würde ihnen zeigen, aus welchem Holz er geschnitzt war! Die Stille war eines der Güter, die er verloren hatte, als er nach Kalmarhus mit seinen gackernden Hühnern, wiehernden Pferden und lärmenden Menschen gekommen war.
Nun hatte er die Stille wiedergefunden, und er wußte dieses Glück zu schätzen.
Als er sich am Nachmittag zur Tür hinausschlängeln wollte, wurde er von einem ungewöhnlich großen und dünnen, gebeugten Mann angehalten. Er trug die braungraue Kutte der Grauen Brüder, hatte zerschlissene Sandalen an den gichtgekrümmten Füßen und einen Strick um den Leib. Gunnar wich unwillkürlich zur Seite, drückte sich an die Wand und ließ seinen neugierig-verschreckten Blick über ein hageres, kantiges und graues Gesicht gleiten, in dem die Haut unter den Augen ein Netzwerk von roten und blauen Äderchen bildete. Ein dünner, weißer Haarkranz umschloß eine blanke, kantige Tonsur, als sei er von fremden Händen dort angebracht.
Das war der Kanzler, fiel ihm schaudernd ein. Gern hätte er sich jetzt in irgendein Mauseloch verstecken wollen. Aber der Mann hatte ihn gesehen und packte ihn: fünf Haken aus Stahl schlugen sich in Gunnars Schulter, und ein trockenes, reibendes Lachen traf sein Gesicht – und Spritzer von Spucke.
– Das ist das erste Mal, daß ich bei einem der jungen Männer erlebe, daß er die Elchjagd und das Schwerterspiel vernachlässigt, um bei uns zu lesen! sagte der Kanzler und entblößte die gelben Pferdezähne. Schlechte Zähne schienen eine der Aufnahmebedingungen im Orden der Grauen Brüder zu sein. Gunnar schämte sich seiner ungehörigen Gedanken.
Es stimmte ja, was der Mann sagte, er war anders. Er hielt sich nun einmal lieber drinnen auf und buchstabierte sich durch Traktate hindurch, als die Zeit mit all den Dingen zu vergeuden, womit sich Gleichaltrige sonst vergnügten.
Er hatte so viele Fragen, aber keine Antworten.
Am nächsten Tag kam er wieder, am übernächsten auch, und der Kanzler nahm sich die Zeit, mit ihm zu reden. Aber als Gunnar Ulfsson ängstlich von seinen Pflegeeltern erzählte, hatte er den Eindruck, dem Mönch gehe ein Licht auf. Der Onkel seines Pflegevaters war ein heiliger Mann, Bischof in Skara. Und ein anderer seiner Onkel hatte bretonische Romane ins Norwegische übersetzt. Das klang wie die Erfüllung seiner heißesten Träume: sicher, warm und allein sitzen zu können und über Liebe, Krieg, Tod und Leidenschaften zu lesen. Ohne sein Leben aufs Spiel setzen zu müssen oder sich in die Wirklichkeit hinauszuwagen. Die fleischliche Liebe in Flores und Blanseflor oder Tristan und Isolde sagte ihm nicht viel. Die hatte er aus nächster Nähe bei den Pflegeeltern miterlebt, und die Beschreibungen waren trotz allem nur schwache Nachbildungen der brennenden, furchteinflößenden Wahrheit.
Aber einer der Schreiber war dabei, die Schriften des heiligen Franziskus zu übersetzen, und diese ließen Gunnar Mund und Nase aufsperren. Die noch feuchte Schrift machte das Lesen noch unmittelbarer: als seien die Gedanken gerade geboren. Die Vögel waren seine Geschwister, Sonne und Mond seine Familie, die Welt um ihn herum fügte sich in Vollkommenheit zusammen, alle Wesen waren von Gott geschaffen und gleichberechtigt, jedes mit seiner Rolle und dem gleichen Recht zu leben. Armut war auch die Freude der Entsagung. In allen anderen Traktaten war die Kirche nur ein Aufbewahrungsort für den Glauben – bei Franziskus wurde die ganze Welt zur Kathedrale.
Von dem ganzen gelehrten heillosen Durcheinander, wie der Kanzler seine Lektüre nannte, fand nur Franziskus Widerhall. Es sah aus, als habe er seinen rechten Platz gefunden. Mit seinen dünnen Armen, schmächtigen Schultern, seinem unterentwickelten Körper, den unzureichenden Kräften und der verringerten Seh- und Hörkraft würde er schlecht für das Schicksal gerüstet sein, das ihm zugedacht war. Aber als Mönch konnte er den ganzen Tag mit dem verbringen, was er konnte: Holzfiguren schnitzen und Bücher abschreiben. Lindö konnte er als Erbe an seine jüngere Schwester gehen lassen; auf diese Weise gab er Märta eine bessere Mitgift, sicherte ihr vielleicht sogar eine gute Ehe.
Er wollte seine Pflegeeltern fragen, sobald er zu deren Hochzeit nach Hause kam. Wenn schon nicht andere, dann müßten doch sie ihn verstehen können: daß er, wenn er schrieb, mit der Welt im Einklang war und den großen Zusammenhang bestätigte, den Franziskus entdeckt und beschrieben hatte. Gunnar Ulfsson schrieb auf Kalbsleder mit einer Schwanenfeder, die er sich selbst zugeschnitten hatte, die Tinte war ein Extrakt aus Brombeeren. Alles hatte seine Ordnung: Das Stundenglas wurde mit behutsamen Händen umgedreht, das kleine Licht auf dem Lesepult regelmäßig ausgewechselt. Selbst die runden, dicken Glasstücke, die Bruder Nikulaus aus Frankreich mitgebracht hatte (und die man Glausaugen nannte), waren wie von Franziskus vorhergesehen und gesegnet.
Ruhe, Beherrschung und Nach-innen-gewandt-Sein. Eine Welt ohne harte Stimmen.
Er las die Anmerkungen zum ›Gebet an die Sonne‹ und beachtete kaum den jungen Mann, den er überhaupt noch nie beim Kanzler gesehen hatte, der nun aber schon mehrere Stunden lang in einer Ecke des Raumes saß und offensichtlich geduldig wartete. Als Gunnar mit dem Lesen fertig war und das Buch zur Seite legte, erhob sich der Gast und begrüßte ihn. Ein paar Tage zuvor, als Gunnars Messer auf den Boden gefallen war, hatte Erik Månsson es unter einem dreckigen Schaffell gefunden. Sie hatten einander begrüßt und sich mit Namen vorgestellt, entdeckt, daß sie weitläufig verwandt waren, Eriks Mutter mit dem Vater von Gunnars Pflegevater verheiratet war, oder wie auch immer das zusammenhing. Gunnar wußte so gut wie gar nichts von seiner Familie, hatte noch nie etwas von Erik, dessen verstorbenem Vater Måns oder seiner wiederverheirateten Mutter gehört. Wunderte sich ein wenig darüber, daß zwei so betagte Menschen auf die Idee kamen, eine neue Ehe einzugehen, erfuhr aber von Erik, daß das durchaus üblich sei.
Erik war mehr als schlank; er war spindeldürr und dennoch von vorteilhaftem Aussehen. Feingliedrig und schmal an Hüften und Schultern. Sein Gesicht glich dem eines Mädchens, mit glänzendem, goldenem, dünnem Haar, das ihm bis auf die kantigen Schultern hinunterhing. Lange, weiße Wimpern, blaugeäderte Schläfen, der gespannte Bogen des Nackens, dessen leichte Rundung.
Erik stand ihm geduldig gegenüber, die rechte Hand um das linke Handgelenk geschlossen, und das ganze Gewicht auf einem Bein ruhend, den rechten Fuß etwas vorgeschoben, ein Bild höfischen Benehmens.
– Du bist etwas blaß von dem ganzen Klosterstaub, den sie über dich verteilt haben, sagte Erik und lächelte, so daß die kleinen, spitzen Mausezähne zum Vorschein kamen. – Würde es dir nicht guttun, den Staub mal aus den Haaren gepustet zu kriegen? Ein bißchen frische Luft in die Nase – heute ist Elchjagd – du kannst morgen weiterlesen, die Bücher laufen nicht so schnell wie der Elchbulle!
Er hatte das herausfordernd gesagt, aber nicht verletzend. Es interessierte ihn nicht das geringste, ob Gunnar mit auf Jagd ging oder nicht. Und Gunnar war nicht klar, was er von dem Vorschlag halten sollte. Soviel wußte er jedoch: Verließ er sein Versteck, in dem er sich zwischen den Büchern wohl und geborgen fühlte, würde es schwer sein, dahin zurückzukehren. Es hieß entweder ja, und damit Anerkennung durch die Gleichaltrigen – oder nein, gleichbedeutend mit Verachtung. Und er wußte nicht, ob diese Sache die Wahl wert war.
Er bereute schon, kaum daß er zugesagt hatte – und sah den schwachen Zug von Erleichterung und Freude, der über Eriks Gesicht glitt.
Aus der Elchjagd wurde nichts. Dafür tranken sie miteinander. Tranken heftig, verbissen, geradezu selbstzerstörerisch. Gunnar versuchte, dem dahinplätschernden Gerede seines neuen Freundes zu lauschen; beschwichtigte aufkommende Zweifel, indem er sich einredete, er statte nur einen zufälligen Besuch in einer anderen Welt ab.
Später in der Nacht, als sie wirklich betrunken waren, fingen einige Streit an; sie prügelten einander und wälzten sich auf dem Fußboden in Seen von vergossenem Bier und kleistriger Asche. Das Bier schwappte aus den Krügen, ein langer, glitzernder Schwall lauwarmer Flüssigkeit. Gunnar saß wie gelähmt da, beobachtete die anderen und sehnte sich nach Ruhe.
Als sie in den Burghof gelangten, war um sie herum kalte, pechschwarze Nacht. Gunnar hatte nicht einmal mehr sein Überzeug mitnehmen können. Erik wirkte ein wenig nüchterner, an ihn hielt er sich also – sie schleppten sich in einer Reihe vorwärts, den Arm jeweils um den Hals der anderen gelegt. Eine lärmende, wackelnde Kette, die schwankte und zerbrach, sobald jemand in die Knie ging.
Gunnar stolperte und taumelte unsicher vorwärts, Schritt für Schritt, hatte das Gefühl, einen Fuß verloren zu haben, konnte nicht sehen, ob er den Boden berührte. Die Kälte biß im Gesicht, ging durch die Kleidung hindurch. Obwohl es sein größter Wunsch war, so konnte er doch nicht diesem dumpfen, glasigen Rausch entkommen.
Eine Rettung zeigte sich in der wirklichen Welt: ein Baum, gegen den er lief und um den er die Arme schlang. Gunnar blieb stehen, horchte auf seinen rasenden Puls und ließ die klammen Hände verwundert über die fühlbar krustige Rinde der Birke wandern.
Der Geruch von Schlamm und nassem Gras drang in seine Nase. Die Magenmuskeln zogen sich zusammen, er hatte den Geschmack bitterer Galle auf der Zunge. Aber er konnte wieder sehen, und das war doch immerhin ein Fortschritt.
Die anderen saßen auf Bänken um ein offenes Feuer herum. Soweit er erkennen konnte, waren auch Mädchen dabei. Zwei von ihnen sangen, eine andere spielte unbeholfen auf einer Laute. Die anderen Mädchen saßen bei den jungen Männern auf dem Schoß, zupften sie an den Haaren oder kabbelten sich kreischend. Eines der Mädchen ließ seine schweren Brüste nackt aus dem Kleid hängen. Nicht, daß sie besonders hübsch waren – er verstand nicht, warum sie sie unbedingt zeigen wollte.
Er setzte sich so hin, daß er nicht auf die Brüste sehen mußte, und bemühte sich, wach zu bleiben. Aber er mußte sich immerzu selbst daran erinnern, warum er das wollte – es war fast zuviel, ab und zu wurde ihm vor Erschöpfung schwindelig. Irgendwo im Nebelgebräu des Moores gab es einen Namen für diese Art von Mädchen, aber er konnte sich höchstens an den Ausdruck Elfen erinnern.
Und dann torkelte er an der Seite eines dieser Mädchen durch die Nacht. Endlich gelangten sie zwischen abgestorben wirkenden, gestutzten Hecken des Gartens hinein in die warme Dunkelheit eines Hauses. Es roch abgestanden und muffig, aber es war herrlich warm. Sie wollte, daß Gunnar die Leiter hinauf auf den Boden kam; aber einer seiner Füße machte ihm einen Strich durch die Rechnung, verfehlte die Sprosse, so daß er fiel, die Leiter ebenfalls. Er zog die Frau mit sich, weil er sich an ihrem Kleid festhielt.
Sie roch ebenfalls süßlich, trocken und muffig; sie lag schwer auf seinen Beinen, deshalb schob er sie freundlich zur Seite, setzte sich auf die Knie und fummelte an seinem Gürtel herum, ohne recht zu wissen, was er tat. Gürtel, Schwert und Beine waren ineinander verwickelt. Er kicherte und ließ sich wieder auf den Rücken fallen und starrte schwindelig hinauf in den schwarzen Himmel und zu ein paar Sternen. Sie half ihm, so schien es: nahm die Lederbörse vom Gürtel und leerte sie in ihre Hand. Drehte seinen Kopf mit harten Händen und rückte sein Gesicht gegen ihren Hals, wozu das auch immer gut sein mochte. Aber sie war dünn, magerer als er selbst, magerer auch als Erik. Die Haut mit fettiger Salbe eingeschmiert – der Geruch ging nur bis zum Rande des Kinns, am Hals war sie verschwitzt und schmutzig, und ihre Haut schmeckte säuerlich und salzig.
Er richtete sich auf einem Ellbogen auf, stützte das Kinn auf die Hand und ließ einen Finger mitleidig über ihren scharfen Kehlkopf gleiten und über die Sehnen, die zu den Schultern hin liefen.
Dann wand sie sich frei, fast ungeduldig, streifte mit einer müden Bewegung das Kleid vom Oberkörper, zog den Rock hoch und spreizte weit die angezogenen Beine.
Ihm wäre es lieber gewesen, sie hätte das sein lassen: er kannte sie ja gar nicht.
Sie lachte ihn aus, ein kurzes, trockenes, zutiefst höhnisches Lachen, als sie ihre Kleidung wieder zurechtzog, sich erhob und den Rock sauberklopfte, so daß der Schmutz auf ihn niederrieselte. Dann legte er sich zum Schlafen zurecht, in sich zusammengerollt, ohne die geringste Hoffnung, die Klarheit wiederzugewinnen, die ihm verlorengegangen war und die er jetzt vermißte.
Das Erwachen war schmerzhaft. Kaltes Wasser traf sein Gesicht. Er warf sich zur Seite, schützte das Gesicht mit den Armen, spürte, wie das Leben quälend zurückkehrte und die dunkle Behaglichkeit des Schlafes vertrieb. Seine Glieder gehorchten ihm immer noch nicht – die Arme schmerzten, denn er hatte verkehrt gelegen, und der Mund war trocken, ein säuerlicher Geschmack brannte im Rachen. Unter der Kleidung, die seltsam verzogen war, war ihm naßkalt von Schweiß. Sein Körper hatte den Geruch des Häßlichen, Unerklärlichen angenommen, dessen Zeuge er geworden war.
Vor ihm stand Erik mit einem Eimer in der Hand: der baumelte genau vor seinem Gesicht, das Holz war von schmalen Eisenbändern zusammengehalten, befestigt mit kleinen, unregelmäßig eingehämmerten Eisennieten. Es kam ihm vor, als sei die ganze Wirklichkeit in diesem nützlichen Gerät eingeschlossen. Er wagte, vom Eimer zu Erik hinaufzublicken, der auch nicht den Eindruck machte, als ginge es ihm gut – sie befanden sich in der Scheune, und Waffen, Kleidung, Blumenkränze und Pferdegeschirr waren im Stroh verstreut. Erik half ihm auf die Beine, und sie bahnten sich einen Weg durch Heuhaufen und schlafende Menschen.
Ihre erste Pflicht war es, die Messe zu hören; Gunnar hatte in der ganzen Zeit, die er auf Kalmarhus gewesen war, noch keine einzige versäumt. Aber heute mußte er noch vor Ende der Messe aus der Kapelle stürzen, um sich zu übergeben. Mit der Sonne und dem Tageslicht kehrte die Erinnerung zurück, ungeordnet und abscheulich. Er hatte – wider besseres Wissen, gewählt, und sein Körper war mit der Wahl nicht einverstanden.
Erik hatte seine ersten zehn Jahre bei den Brüdern im Alvastrakloster verbracht. Niemand hatte ihn darauf aufmerksam gemacht, daß das nur eine vorübergehende Unterbringung war. Sein Vater war einem Mord zum Opfer gefallen, und seine Mutter hatte sich entschlossen, eine neue Ehe einzugehen: ob es das schlechte Gewissen war oder reine Neugier, die sie nach Alvastra getrieben hatte, wußte er nicht. Er hatte seine Mutter drei-, viermal gesehen, immer nur ganz kurz – die Brüder bereiteten ihn auf die vornehme Dame vor, auf die Hofmeisterin der Königin. Aber er hatte in ihr nur eine gealterte, überarbeitete und harte Frau sehen können. Er bemühte sich, ihr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Sie hatte elf Kinder geboren, die alle gestorben waren, bevor sich Erik wie durch ein Wunder als lebenstüchtig erwies. Aber diese alte Dame – er wußte nicht, was er zu ihr sagen sollte –, sie küßte ihn auf die Wange, weil es sich so gehörte, und nahm seine Hand, hörte ihm zu, abwesend, nachsichtig.
Dann hatte er eine Zeitlang auf Åkerö gewohnt, dem großen Hof, den er von seinem Vater geerbt hatte, aber der Verwalter meinte, er sei im Wege, deshalb schickten die Mutter und der Stiefvater ihn an den königlichen Hof.
Erik sehnte sich nicht zurück nach Alvastra, das behauptete er jedenfalls: Wenn der Weg zurück versperrt war, mußte man sich mit den vorhandenen Möglichkeiten abfinden. Und er hatte gelernt, sich in dem von den Mönchen gleichermaßen mit Furcht, Respekt und Sehnsucht als Welt bezeichneten Dasein zu behaupten. Er übernahm es, Gunnar die Tischsitten beizubringen, die rechte Art, sich zu bewegen und zu benehmen, sich richtig zu kleiden und höfisch aufzutreten. Gunnar war sein Werk, eine neue, verbesserte Ausgabe seiner selbst.
Erik ähnelte einem Mädchen und benahm sich manchmal, als seien sie beide verschiedenen Geschlechts: Gewöhnlich gingen sie Hand in Hand, und wenn sie sich trafen oder trennten, küßte Erik ihn mit spitzen Lippen auf den Mund. Aber alle anderen taten das auch, Gunnar ging davon aus, daß es sich so gehörte – so wie man auch wußte, daß man die fettigen Finger im Tischtuch und nicht in den Ärmeln des Nebenmannes abzuwischen hatte.
Als sie schließlich das Bettlager teilten, entdeckte Gunnar, daß Eriks Körper Duft verströmte: Selbst sein Schweiß war süßlich und geradezu angenehm einzuatmen. Sie wärmten einander unter der dünnen Decke, erwachten mit verschlungenen Armen und Beinen. Morgens saß Gunnar immer lange da und betrachtete heimlich seinen schlafenden Freund. Erik war eigenartig und zart und hatte seidenweiche Haut, mit weißem Flaum auf den Schultern und kleinen, blonden Locken im Schritt, sonst hatte er keinerlei Haare am Körper.
Sie ähnelten einander, aber im Unterschied zu Gunnar fühlte Erik sich in seinem Körper wohl und zu Hause. Er war zartgliedrig, ärgerte sich jedoch niemals über die fehlenden Kräfte. Ihm hatte niemand gesagt, daß er es doch nicht lernen würde, mit der Armbrust zu schießen. Erik konnte alles, wußte alles und würde ihm alles beibringen, daran zweifelte Gunnar nicht. Erik war sein Zugang zur Welt, durch seine bernsteinfarbenen Augen sah er die Welt. Aber nachdem er sein Herz an Erik verloren hatte, konnte er sich nicht einmal mehr zwingen, in die Bibliothek zu gehen. Eines Tages würde er zurückkehren, wenn er Zeit hatte; aber gerade jetzt gab es so viel anderes, was er kennenlernen mußte, entschuldigte er sich selbst.
Es war nicht immer leicht, Eriks Vertrauter zu sein – gerade als er glaubte, seinen Freund in- und auswendig zu kennen, stieß Gunnar auf eine Felswand. Erik, der jeden seiner Wünsche zu spüren schien, all seine Bedürfnisse und Sehnsüchte, konnte sich mit einem Schlag in Gefühllosigkeit und Härte verschließen, und Gunnar blieb zurück, einsam und gelähmt.