Read the book: «Einfach lesen»

Mareike Menne
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1. Auflage 2021
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-031960-8
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-031961-5
epub: ISBN 978-3-17-031962-2
mobi: ISBN 978-3-17-031963-9
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Inhaltsverzeichnis
1 1 Lesen im Studium
2 Einleitung
3 Was bedeutet »Lesen können«?
4 Was ist wissenschaftliches Lesen im Studium?
5 Was unterscheidet das Lesen im Studium vom Lesen in der Schule?
6 Was ist das »Wissenschaftliche« am Lesen im Studium?
7 Qualitätskriterien
8 Lesezweck
9 Mündigkeit und aktives Lesen
10 Wissenschaftliche Lesekompetenz für wissenschaftliche und literarische Texte
11 Zusammenfassung
12 2 Leseressourcen
13 Materielle und immaterielle Leseressourcen
14 Besonderheiten des Lesens am Bildschirm
15 Konzentration
16 3 Lesezeit
17 Schnelles Lesen
18 Langsames Lesen
19 Zeitmanagement und Leseorganisation
20 Tools
21 Lese(un)lust und Lesekrise
22 »Erledigt« und »Erfolg«
23 4 Techniken und Methoden
24 Lesen, um sich mit einem Thema vertraut zu machen
25 Lesen, um auszuwählen
26 Lesen, um zu lernen
27 Lesen, um zu analysieren
28 Lesen, um zu vergleichen
29 Lesen, um das Gelesene zu nutzen
30 Lesen, um einen Text zu verbessern
31 Epilog: Lesen in Hinblick auf den Berufseinstieg
32 Verzeichnis der verwendeten Literatur und Websites
33 Literatur
34 Links
1
Lesen im Studium
Einleitung
Dieses Buch folgt einer pragmatischen Perspektive. Es hat sich aus dem Bedarf entwickelt, den Studierende in meinen Lehrveranstaltungen und in persönlichen Gesprächen geäußert haben.
In einem Seminar im Fach Kulturwissenschaft mit 300 TeilnehmerInnen habe ich als Leistungsnachweis die Aufgabe gestellt, ein Lesejournal zu führen und abzugeben. Das Lesejournal sollte ganz klassisch bibliografische Angaben und Anmerkungen zum Textverständnis enthalten. Darüber hinaus bat ich zu jeder Lektüreaufgabe um ein Statement, welche Leseschwierigkeiten aufgetreten waren und zu welchen die Studierenden Rat suchten. Ca. 200 Lesejournale wurden eingereicht; die häufigsten Fragen zum Lesen im Studium waren:
• Wie schaffe ich mein Lesepensum in kürzerer Zeit?
• Wie gehe ich mit Texten um, die ich nicht verstehe?
• Wie finde ich die richtigen Fragen, um Texte aktiv zu lesen?
• Was sind die Kriterien der Lehrenden für »richtiges« Lesen?
• Wozu soll ich lesen, wenn die Dozentin/der Dozent in der Veranstaltung alles selbst vorträgt oder nicht auf den Text eingeht?
• Wie verliere ich nicht die Lust am Lesen?
Es sind also überwiegend pragmatische Fragen, die Lesen als Aufgabe verstehen, die es mit möglichst klugem und effizientem Ressourceneinsatz zu erfüllen gilt. »Wissenschaftlichkeit« als Lesehaltung bzw. das Lesen als durchaus auch pragmatische Aufgabe im Rahmen wissenschaftlicher Arbeitsprozesse steht eher hintan. Darum will dieses Buch eine Brücke schlagen. Es fragt danach, wie im Laufe des Studiums wissenschaftliches Lesen entstehen und eingeübt werden kann. Es ist nicht immer bewusst, dass die Art, zu lesen, die Haltung, mit der gelesen wird und der Zweck des Lesens selbst wissenschaftlicher Natur sind. Dies gilt zum einen, insofern das wissenschaftliche Lesen ein Teil von größeren wissenschaftlichen Arbeitszusammenhängen ist, zu denen auch die Recherche, das Schreiben, die Publikation und die Debatte gehören. Es gilt zum anderen, weil an das Lesen Kriterien von Wissenschaftlichkeit gelegt werden (
Was ist das »Wissenschaftliche« am Lesen im Studium,
Qualitätskriterien), die nicht beliebig sind, nicht intuitiv und insbesondere nicht gleichbedeutend mit anderen Formen des Lesens wie der Freizeitlektüre oder dem Lesen von Gebrauchstexten zur Alltagsbewältigung. Sie erhalten Hinweise auf vertiefende Lektüren.
Hinsichtlich des Lesenlernens und -lehrens im Studium hängen wir in einem Dilemma: Einerseits können wir uns als Dozierende auf die Haltung zurückziehen, nicht die Defizite der Schule zu kompensieren. Andererseits stellen wir oft fest, dass die Lesekompetenz vieler StudienanfängerInnen nicht ausreicht, um im Studium wissenschaftlich zu arbeiten. Vielfach brauchen die Studierenden eine Möglichkeit, um den Übergang vom schulischen und vergnüglichen Lesen in das wissenschaftliche Lesen zu schaffen. Die spezifischen Lesekonventionen und alles, was mit ihnen in Zusammenhang steht – die Eigenarten des Materials, die Zwecke, die Gepflogenheiten des Sprechens über das Lesen und über Gelesenes – sind Teil des Studiums und der jeweiligen geisteswissenschaftlichen Disziplinen und eben nicht der Schule. Es ist weder ein Versäumnis der Schule noch persönliche Nachlässigkeit, wenn Sie als Studierende diese fachlichen Lesekonventionen und die Anforderungen, die sich aus dem Material oder der Methode ergeben, zu Studienbeginn nicht haben. Dieses Lesen lernen Sie im Studium, genau da gehört es hin. Und zugleich wird dieser Lernprozess häufig nicht offen reflektiert, er bleibt individuell und es gibt nur wenig hochschuldidaktisches Feedback.
Es ist bemerkenswert, dass die Klagen über die nicht-lesenden Studierenden und auch das Leiden an den eigenen Schwierigkeiten beim akademischen Lesen nur selten didaktische oder organisatorische Konsequenzen haben. Eine systematische, ruhig erstellte und empirisch überprüfte akademische Lesedidaktik findet im Alltag vieler Fachlehrender keinen Raum; zu sehr sind viele mit der Anpassung der eigenen Lesestrategien an eine veränderte Umwelt beschäftigt.
Für Studierende sind allerdings mittlerweile angeleitete Selbststudien mit vielen medialen Angeboten möglich. Die meisten Lernangebote gibt es bei Schreibwerkstätten oder Zentren für Schlüsselqualifikationen, die Studien, Tutorials und Veröffentlichungen bereitstellen. Häufig fokussieren diese Angebote Speed Reading – das mag auch nachfragebedingt so sein. Doch Speed Reading, das allein der raschen Erledigung einer Hausaufgabe dient, bedient wesentliche Anforderungen des wissenschaftlichen Lesens nicht (
Schnelles Lesen). Schnelllesetechniken zielen darauf, Textinhalte und -strukturen schnell und ohne Sinnverlust zu erfassen und gut im Gedächtnis zu speichern. Die Wissenschaft definiert jedoch Zweck und Rahmen dieser Technik und erweitert die Anforderung von »Verstehen« und »Behalten«. Gleichgültig, wie schnell oder langsam Sie lesen – Lesen in der Wissenschaft zielt immer auch darauf, den Text kritisch zu prüfen und mit dem Ergebnis dieser Prüfung weiter zu arbeiten, neues Wissen zu schaffen, nicht nur die Inhalte zu erinnern.1
Insgesamt bietet der englischsprachige Markt allerdings mehr Angebote als der deutschsprachige.2 Dieses Buch möchte nun dazu beitragen, das deutschsprachige Angebot zu ergänzen. Auch will es erläutern, wie Lesen, Verstehen, Behalten und kritisches Prüfen wissenschaftlicher Texte und das Weiterarbeiten mit diesen Texten gelingen kann.
Was bedeutet »Lesen können«?
Kognitiv betrachtet erfordert das Lesen fünf intellektuelle Basisaspekte:
1) Kognition – Erkennen und Wiedererkennen von Informationen,
2) Gedächtnis – Behalten von Informationen,
3) Divergierendes Denken – logische und kreative Ideen entwickeln,
4) Konvergierendes Denken – Schlussfolgerungen und induktives Denken entfalten,
5) Bewerten – begründetes Urteil über den Text mit Blick auf die erkenntnisleitende Frage fällen.3
Nach der OECD ist Lesekompetenz (auch »Reading Literacy«) die Fähigkeit, »geschriebene Texte zu verstehen, zu nutzen und über sie zu reflektieren, um eigene Ziele zu erreichen, das eigene Wissen und Potenzial weiterzuentwickeln und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen«4.
Die Definition besteht aus zwei Teilen: der Beschreibung, was mit dem geschriebenen Text gemacht wird – er wird verstanden, er wird genutzt und es wird über ihn reflektiert – und wozu etwas mit ihm gemacht wird – um Ziele zu erreichen, um zu lernen und um am gesellschaftlichen Leben zu partizipieren. Lesekompetenz ist also nicht Lesen allein. Sie erweitert das Lesen um einen Zweck, auf den es gerichtet ist. Die beiden erstgenannten Ziele sind auf Studium und Berufstätigkeit übertragbar: Lesen, um Ziele zu erreichen, und Lesen, um zu lernen bzw. das eigene Wissen und Potenzial weiterzuentwickeln. Die Qualität der Ziele, des Wissens und Potenzials sind allerdings nicht beliebig, sondern auf den professionellen Kontext bezogen. Es gibt im Studium konkrete Studienziele, z. B. Prüfungen bestehen. Es gibt in den Fächern spezifische und fachübergreifende Ziele: reflektieren wollen, die literarische oder rhetorische Qualität beschreiben wollen, vergangene Wirklichkeiten rekonstruieren wollen, ein Modell überprüfen wollen, den Inhalt einer Quelle wiedergeben etc.
Das Leseziel – »um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen« – bedeutet in unserem beruflichen Alltag – seien wir nun Studierende oder bereits berufstätig –: lesen, um am Fachdiskurs teilzunehmen, um Diskussionen folgen zu können und unsere eigene Arbeit dazu in Bezug zu setzen. Lesen dient auch dazu, zu erfahren, welche Themen von wem auf welche Weise und warum bearbeitet wurden oder werden. Es schafft eine Wissensgrundlage, die für unser Expertentum konstitutiv ist. Es gehört zu den Kerntätigkeiten der Studierenden und AbsolventInnen geisteswissenschaftlicher Fächer, mit Texten zu arbeiten: Wir suchen und finden sie; entziffern, transkribieren, übersetzen sie; verstehen, analysieren sie; bewerten ihren Nutzen für eine Aufgabe oder ihre sprachliche Qualität. Wir nutzen Texte für Vorträge, Referate, für den Unterricht und für eigene Texte. Wir bilden einen individuellen professionellen aktiven und passiven Umgang mit Texten aus.
Das Lesen im professionellen Kontext setzt somit voraus, dass wir uns mit den spezifischen Lesekonventionen, dem Fachwortschatz, mitunter auch der Schrift- und Darstellungsvarietät vertraut machen. Das ist ein schwieriger, aber lohnenswerter Lernprozess.
Was ist wissenschaftliches Lesen im Studium?
Wissenschaftliches Lesen im Studium meint zunächst und vor allem eine Haltung zum Text. Diese Haltung unterscheidet sich von anderen Lesehaltungen: Sie begegnen dem Text nicht in der Erwartung, dass er ein Alltagsproblem lösen hilft, einen Verwaltungsvorgang auslöst oder Ihnen Entspannung und Vergnügen verschafft, sondern dass er für Ihre Forschung verwendbar ist. Sie können erwarten, dass er neue Informationen für Sie bereithält und dass er Argumente, Belege, Beispiele etc. für Ihre Hypothesen beisteuert. Das wissenschaftliche Lesen von Texten im Studium ist darauf ausgerichtet, über das reine Verstehen und die Inhaltssicherung hinauszugehen. Es kann einer Analyse, einer Kontextualisierung oder einer Verwendung in größeren Zusammenhängen dienen, also dem Einsatz in Hausarbeiten oder Referaten – oder der Diskussion im Seminar oder im Lesezirkel. Das bedeutet, dass Sie als mündige Person dem Text gegenübertreten und in eine aktive, wenngleich stille Kommunikation treten.
Der Zusatz »im Studium« ist hier wichtig, da dieses Buch keine abgeschlossene, gereifte Kompetenz beschreibt, sondern Ihnen Impulse für den Prozess der wissenschaftlichen Bildung geben möchte. Sie befinden sich in einer Übergangsphase, in der Sie nicht von Beginn an eigenständig »wissenschaftlich lesen«. Sie lernen zunächst verschiedene Praktiken wissenschaftlichen Arbeitens kennen, das Lesen ist eine davon. Während des Studiums werden Sie dazu angeleitet, teils auch dazu verpflichtet und geprüft. Das wissenschaftliche Arbeiten im Studium findet in einem institutionellen Rahmen statt und seine Ergebnisse werden bewertet. Zunehmend eigenständig setzen Sie Methoden ein und entwickeln eigene wissenschaftliche Arbeitsweisen und Arbeitshaltungen. Am Ende des Studiums steht das eigenständige Anwenden und Beherrschen wissenschaftlicher Arbeitsweisen. Das Studium ist also u. a. ein Weg zum wissenschaftlichen Lesen und dieses Buch gibt Ihnen Impulse, diesen Weg Ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen im Rahmen eines geisteswissenschaftlichen Studiums gemäß zu gestalten.
Was unterscheidet das Lesen im Studium vom Lesen in der Schule?
Welche Lesefähigkeiten sollten Studierende aus der Schule und der außerschulischen Bildung für ein geisteswissenschaftliches Studium mitbringen? Welche Lesekompetenzen können Dozierende voraussetzen?
Es gehört zur allgemeinen Lesefähigkeit, Buchstaben und Wörter mit Bedeutung versehen zu können, einen umfassenden und aktiven Wortschatz zu haben und sinntragende Wörter in einem längeren und komplexen Text zu erkennen. Startpunkt für Ihre Lesekompetenz zu Beginn des Studiums ist darum der Standard, der Ihnen mit dem Abschluss der gymnasialen Oberstufe bescheinigt ist; demnach
• verfügen Sie über Strategien und Methoden, um Texte in unterschiedlichen Medienformen zu lesen und zu verstehen,
• können Sie beim Lesen eigenständig vorgehen,
• können Sie anspruchsvolle Literatur, Sach- und Gebrauchstexte lesen und verstehen und nützliche Informationen entnehmen,
• können Sie neue Informationen mit Ihrem Vorwissen verknüpfen,
• können Sie entnommene Informationen produktiv verarbeiten,
• können Sie die sprachliche Qualität eines Textes wahrnehmen und beschreiben,
• können Sie Argumentation und Informationsgehalt von Sachtexten nachvollziehen und analysieren,
• können Sie die gesellschaftliche, ethische und philosophische Relevanz von Texten erschließen,
• haben Sie Erkenntniskategorien angelegt und können dies für neue Texte wiederholen,
• haben Sie eigene Werthaltungen zu Texten und Inhalten ausgebildet,
• können Sie Schulbibliotheken, öffentlichen Bibliotheken und ggf. auch Hochschulbibliotheken nutzen.5
Diese Kompetenzen mögen in Ihrem persönlichen Umfeld, im Verlauf Ihres schulischen Bildungswegs, in Ihrem familiären Kontext und in der Lesekultur, mit der Sie sozialisiert wurden, ergänzt und vertieft worden sein.
Mit Blick auf das Studium bedeutet dies, dass diese Fähigkeiten im Umgang mit Texten grundsätzlich vorausgesetzt werden können und zwar auch im Umgang mit wissenschaftlichen Aufsätzen und Monografien, die in den Leistungskursen der gymnasialen Oberstufe eingeführt worden sein sollen.
Nun mögen Sie einwenden, dass diese Voraussetzungen jedoch in der Realität nicht erfüllt sind. Vielleicht haben Sie einige der oben gelisteten Fähigkeiten nicht erworben, gleichgültig, ob sie nicht angeboten wurden oder Sie aus irgendeinem Grund nicht am Angebot partizipierten oder ob manche beiläufigen Lernprozesse einfach nicht explizit benannt wurden, sodass Sie nun unsicher sind, ob eine Erinnerung zu einem der oben angeführten Punkte passt.
Mitunter fördert die Perspektive von Lehrenden den Blick auf Defizite statt auf das Erlernen und Üben von Lesestrategien. Mehr oder weniger unverhohlen beklagen DozentInnen, dass StudienanfängerInnen nicht über alle erforderlichen Fähigkeiten zum erfolgreichen Studium verfügen – und die Lesefähigkeit gehöre dazu. Die Feststellung, Studierende von heute könnten keine Texte mehr lesen, ist natürlich einerseits Teil des generationellen Abgrenzungsprozesses und darüber hinaus Ausdruck der allgemeinen Verunsicherung in Veränderungsphasen. Andererseits folgen daraus konkrete Schwierigkeiten für den gemeinsamen Lernprozess, am deutlichsten spürbar in Frustration und Überforderung auf beiden Seiten. Zwei Schritte können dabei helfen, diese Frustration hinter sich zu lassen: Erstens die Anerkennung, dass Hochschuldozierende keinen einheitlichen Lehrkörper bilden und darum auch hinsichtlich des Lesens unterschiedliche eigene Erfahrungen und auch verschiedene didaktische Herangehensweisen haben. Zweitens folgt daraus die Aufgabe für Sie selbst, zu beobachten und zu wählen, mit welcher Arbeitsweise und welcher Haltung zum Lesen Sie am leichtesten umgehen können und welche Ihnen die besten Arbeitsergebnisse sichern.
Übung/Reflexion
Beschreiben Sie Ihren Wissens- und Kompetenzstand anhand der vorangegangenen Auflistung. Wo fühlen Sie sich sicher und könnten Beispiele nennen, die Ihren Wissensstand und Ihre Kompetenzen zum Ausdruck bringen? Mit welchen Textgattungen haben Sie Schwierigkeiten? Welche wurden nie (explizit) in der Schule oder im Elternhaus gelesen und gehören wesentlich zum Gegenstandsbereich des Studiums und der beruflichen Praxis von Geistes- und KulturwissenschaftlerInnen?
Wenn Sie diese Übung analytisch vertiefen möchten, fahren Sie z. B. mit der
Lesebiografie (S. 29) fort.
Im Studium weiten Sie Ihre Lesekompetenz auf den akademischen Kontext aus. Hier liegt ein wichtiger und durchaus schwieriger Unterschied im Übergang von der Schule zur Hochschule: Sie sind für Ihr Lesen selbst verantwortlich. Sie müssen die Texte oft selbst recherchieren, beschaffen und bearbeiten. Sie müssen mitunter sogar selbst die Kriterien festlegen, wann Ihr Lesen erfolgreich abgeschlossen ist. Als Erfolgskriterien können Sie eigene Fragen und Erkenntnisabsichten in der Auseinandersetzung mit Texten nutzen – und auch das Fragenstellen und gezielte Erkennenwollen müssen erst erlernt werden. Es kommen mit dem wissenschaftlichen Textkorpus Textsorten hinzu, die Ihnen bislang wenig geläufig waren, und für die es sinnvollere Lesestrategien gibt als sie von vorne nach hinten zu lesen. Manche dieser Texte sind fremdsprachig, in fremden oder alten Schriftarten, sodass Sie parallel zum wissenschaftlichen Lesen auch elementares Lesen, d. h. die Verknüpfung von Zeichen und Laut, von Wort und Sinn lernen müssen. Außerdem richtet sich die Textauswahl im Studium nach der Leitfrage oder dem Thema der Veranstaltung; sie baut nicht systematisch auf Vorwissen auf. Das erfordert die Kenntnis von Texten und Sachverhalten, die bislang nicht Teil Ihres Bildungswegs waren. Diese Lücken müssen Sie erkennen und eigenständig schließen.
Auch auf sozialer und individueller Ebene unterscheidet sich das Lesen im Studium von dem in der Schule. Die Lernenden haben unterschiedliches Vorwissen in Bezug auf das Thema und in Bezug auf die Lese- und Studienorganisation. Sie wissen, dass die Lehrpläne der Schulen nach Bundesländern variieren, dass nicht nur AbsolventInnen des deutschen Bildungssystems geisteswissenschaftliche Fächer studieren und dass nicht alle Ihrer KommilitonInnen (vielleicht auch Sie selbst nicht) direkt nach dem Abitur ein Studium begonnen haben. Insofern sind die Voraussetzungen, Fähigkeiten und individuellen Leseerfahrungen der Studierenden sehr unterschiedlich. Sie tragen auch unterschiedliche individuelle Ziele in das Seminar, von denen der Erwerb der ECTS nur eines ist: Manche tauchen in ihr Lieblingsthema ein, andere besuchen die Veranstaltung wegen der Uhrzeit, die nächsten kommen wegen der Dozentin/des Dozenten, wieder andere sind fachfremd oder Seniorstudierende. Dadurch ergibt sich eine heterogene Lerngruppe und darum kann auch der Verlauf und die Dynamik des Lernprozesses, das individuelle Vorwissen oder die Einbindung von Texten und Studierenden in die Veranstaltung nicht immer zuverlässig vorausgesagt werden.
Neu im Studium ist zuletzt, dass Sie es mit einem veränderten Tagesablauf zu tun haben und Ihren Arbeits- und Leserhythmus anpassen müssen. So gehört von nun an eine gute Arbeitsorganisation zu Ihrer Lesepraxis, um Tageszeiten ausmachen zu können, die Sie für konzentriertes Lesen über einen längeren Zeitraum hinweg nutzen können (
Zeitmanagement und Leseorganisation). Sie mögen am Vormittag auf einen Professor treffen, der seine Seminare nach dem Prinzip der Meisterlehre leitet und der Macht des Geistes und der Kraft des Textes vertraut. Am Nachmittag haben Sie eine Doktorandin als Dozentin, drei Jahre älter als Sie selbst, die auf einer befristeten Teilzeitstelle darbt und akribisch vorbereitet ist. Am nächsten Tag lernen Sie bei einem Postdoktoranden, der sich hochschuldidaktisch weitergebildet hat und für den Lehrpreis Ihrer Universität nominiert ist – hochmotiviert und voller Ideen für aktivierende Methoden. Am Nachmittag wartet eine Lehrbeauftragte auf Sie, hervorragende Expertin auf ihrem Gebiet, aber frustriert, weil sie schlechter bezahlt wird als eine VHS-Dozentin, dennoch einen Fuß in der Tür behalten will. Sie alle verfahren mit nichterledigten Leseaufgaben und der Textarbeit im Seminar unterschiedlich. Sie alle wertschätzen auch Ihre Beiträge unterschiedlich und sind nicht im gleichen Maße bereit, Lese- und Verständnisprobleme zu thematisieren und Sie in der Lösung zu unterstützen. Es ist daher Ihre Aufgabe, einen eigenen Weg zu finden.
Was ist das »Wissenschaftliche« am Lesen im Studium?
Bereits zu Beginn des Studiums können Sie die wesentlichen Informationen auch anspruchsvollen, komplexen, langen Texten entnehmen. Neu im Studium ist, dass diese Texte wissenschaftliche Texte sind, dass die zu dekodierenden Wörter Fachwörter sind, dass der Wortschatz um den Fachwortschatz erweitert werden muss und dass Sie Informationen nicht nur einzelnen Texten, sondern auch Diskursen – wissenschaftlichen Debatten oder Textgruppen, die sich um das gleiche Thema drehen – und Metatexten (Texte über andere Texte) entnehmen können.
In einem geisteswissenschaftlichen Universitätsstudium ist bereits der Kontext Ihres Lesens für das Studium ein »wissenschaftlicher«. Sie bewegen sich nun einerseits in einer akademisch-professionellen und andererseits in einer persönlich-privaten Lesewelt. Diese Welten kennen unterschiedliche Haltungen, etwa distanziert die eine, Identifikation suchend die andere. Sie kennen auch unterschiedliche Vorgehensweisen: gezieltes, ausgewähltes Lesen von Textsequenzen, etwa mithilfe von Volltextsuche, oder lineares Lesen vollständiger Texte. Sie haben unterschiedliche Ziele: Verstehen in der einen, Genießen in der anderen Welt. Viele Schwierigkeiten entstehen beim Übergang von professioneller zu privater Welt: Doppelbelegungen, Unklarheit und mangelnde Erfahrung bzw. fehlendes Selbstvertrauen, das Lesen als akademisches Lesen ernst zu nehmen. Stattdessen wird es als »Hausaufgabe« behandelt oder als Variante eines Hobbies verstanden – was der grundsätzlichen Neigung zu Studieninhalten entspricht, aber Lesehaltungen und -funktionen zu Ihrem Nachteil unangemessen verflechtet. Beides trifft die Anforderung an wissenschaftliches Lesen nicht genau. Beim wissenschaftlichen Lesen verknüpfen Sie Ihr vorhandenes Fachwissen mit neuem, fremdem Wissen und erzeugen so neue Zusammenhänge und Erkenntnisse. Sie setzten sich mit dem Lesestoff in einem analytischen Prozess auseinander. Analytisches wissenschaftliches Lesen in den Geisteswissenschaften greift auf einen großen Fundus an Methoden zurück, die bis in die klassische Antike und zu Aristoteles zurückreichen. Es hat den Anspruch, auch an solche Texte rational und distanziert heranzutreten, die emotional und manipulativ sind, mit dem Ziel, den Text, seine Wirkung und seine Ursachen zu verstehen.
Wissenschaft hat im Übrigen auch eine kreative Seite. Das Kreative an der Wissenschaft bezieht sich auf neues Wissen, grenzüberschreitende Verknüpfungen, innovative Fragen und unerprobte Praxisanwendungen. Übertragen auf kreatives wissenschaftliches Lesen bedeutet dies, eigene Fragen zu finden und Ideen zu entwickeln, wie das Gelesene genutzt werden kann, um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen, bislang unbeachtetes Material zu berücksichtigen oder ungewohnte Arbeitsweisen zu erproben.
Wenn Sie in anderen Einführungen zum wissenschaftlichen Arbeiten die Bestimmung finden, es diene der Entwicklung von »Produkten«, dann mag eine erste Reaktion sein, dass Lesen grundsätzlich unproduktiv ist. Zu den »Produkten«, die die Geisteswissenschaften hervorbringen, zählen aber wesentlich neue Texte – und diese setzen umfangreiche und reflektierte Lektüre voraus. Das bedeutet, dass Ihr wissenschaftliches Lesen zielgerichtet sein sollte – aus dem Lesen sollte etwas entstehen, etwa Antworten, Interpretationen, Beiträge, Referate, Hausarbeiten etc. Insofern ist wissenschaftliches Lesen unabdingbarer Teil von produktiven Prozessen im Studium.
Wissenschaftliches Lesen muss Diskrepanzen aushalten: eine große Menge an schnell verfügbaren Informationseinheiten, eine lange Dauer, die es braucht, diese Informationseinheiten zu sichten, zu lesen, zu verstehen und zu verarbeiten, das Wissen darum, auswählen zu müssen, und die Schwierigkeit, Entscheidungskriterien anzulegen. Ein großer Teil der wissenschaftlichen Lesearbeit findet nicht unmittelbar am Text statt, sondern im Umfeld – in der Vorbereitung, Organisation, Strategieentwicklung inklusive Ziel- und Fragenfindung, in der sinnvollen Speicherung und folgerichtigen Weiterarbeit.
Qualitätskriterien
Das wissenschaftliche Lesen folgt den Qualitätskriterien6 für wissenschaftliches Arbeiten, die Sie auch aus anderen Studientätigkeiten wie dem Schreiben oder der Recherche kennen.
1) Ehrlichkeit: Sie geben Ihre Leseergebnisse wahrheitsgemäß wieder und geben Sie auch an, was Sie zu Ihren Ergebnissen geführt hat. Ehrlichkeit meint hier, zu benennen, ob Sie z. B. einen Text im Original gelesen haben oder ob Sie den Text nach einem anderen Text zitieren und das Zitat nicht am Original überprüft haben. Beim fortgeschrittenen wissenschaftlichen Lesen überprüfen Sie anhand Ihrer eigenen fachlichen Expertise, ob die Angaben im Text wahrheitsgemäß sind oder ob es sich um manipulierte Daten, Plagiate oder Behauptungen handelt.
2) Objektivität: Sie gehen sachlich, vorurteilsfrei und mit neutraler Haltung an den Text und Ihre Leseaufgabe heran. Ihre persönliche Gefühls- und Gemütslage soll die Arbeit mit dem Text nicht beeinflussen. Sie üben sich in Selbstkontrolle, um nicht in populäre Deutungen abzugleiten oder aufgrund der Leseinhalte beeinflusst zu werden. In der Reflexion des Lesevorgangs überprüfen Sie, ob andere Personen zu denselben Ergebnissen kommen könnten.
3) Überprüfbarkeit: Ihre Aussagen zum Text sind überprüfbar und mit Belegen abzusichern. Ihre Schlüsse zum Text, Ihre Hypothesenbildung folgen logischen Prinzipien. Aus diesem Logik-Prinzip folgt die Nachvollziehbarkeit Ihrer Leseergebnisse und Deutungen.
4) Nachvollziehbarkeit: Können Sie die Ergebnisse Ihres Lesens nachvollziehbar aufbereiten, z. B. in Diskussionsbeiträgen oder Prüfungen? Tragen die übrigen Qualitätskriterien zur Nachvollziehbarkeit bei, etwa durch Belege, Fragestellungen, verständliche Sprache etc.? Gilt dies auch für den gelesenen Text? Überprüfungen und Belege können entweder aus dem Text selbst oder aus anderer, objektiv und angemessen ausgewählter Literatur stammen. Sie geben die Herkunft Ihres Materials auf eine überprüfbare und nachvollziehbare Weise an. In Ihrem Lesen überprüfen Sie die Angaben der Autorin: Sind die Quellenangaben korrekt und vollständig? Könnten Sie die angegebenen Quellen mithilfe dieser Angaben finden? Sind Gedankengang und Argumentation vollständig, schlüssig und nachvollziehbar? Kommen Sie im Nachvollzug der Argumente zu denselben Ergebnissen? Ist es möglich, die Ergebnisse zu widerlegen? Sind die Informationen und Aussagen im Text in ihrem zeitlichen Bezug korrekt? Sie überprüfen zudem die Logik der Schlussfolgerungen der Autorin und die Hierarchie, die Argumenten und Belegen zugewiesen wird. Schauen Sie genau hin, ob die Argumente untereinander und in Bezug auf das Fazit widerspruchsfrei sind oder ob Fehlschlüsse vorliegen. Wenn der Text nachvollziehbar ist, können Sie Aufbau, Argumentation und Gedankengang ohne Brüche zustimmen. Dabei können Sie auch zu dem Ergebnis kommen, dass diese Nachvollziehbarkeit aus verschiedenen Gründen nicht vorliegt.
5) Reliabilität und Validität: Reliabilität meint, dass Sie bei wiederholter Lektüre unter derselben Fragestellung zu identischen Ergebnissen kommen. Wenn sich Analyse- und Arbeitsbedingungen ändern, wirkt sich das auf die Ergebnisse aus. Validität meint, dass Ihre Ergebnisse gültig sind. Dazu gehört etwa die Überprüfung, ob die Antworten zur Frage passen, die Fragen klar formuliert sind, vor allem auch, ob die Ergebnisse des Autors – sowie Ihrer eigenen Arbeit – aussagekräftig sind. Weiter fragen Sie, ob der Autor angemessene Methoden eingesetzt und zuverlässige Ergebnisse erzielt hat.
6) Verständlichkeit: Haben Sie den Text verstanden? Können Sie den Textinhalt und Ihr Leseergebnis verständlich wiedergeben? Benutzt die Autorin eine klare und eindeutige Sprache? Sind die Ergebnisse und Thesen prägnant? Ist der Text zielgruppenorientiert verfasst und bietet Anregungen oder Wahrnehmungshilfen? Sind Layout und Typografie angemessen und leseförderlich?
7) Relevanz: Haben Sie bei der Lektüre etwas Neues gelernt? Hilft Ihnen die Lektüre, Ihre Aufgabe zu erfüllen? Hat der Text wissenschaftlichen Wert, weil er neues Wissen schafft oder neue Daten aufbereitet? Welche Relevanz haben die Untersuchungsgegenstände, die der Autor ausgewählt hat? Was verändern die Ergebnisse im jeweiligen Fachgebiet?
8) Originalität: Kommen Sie zu eigenen Leseergebnissen, oder suchen Sie im Lesen den Nachvollzug der Thesen und Vorgaben von anderen Personen, etwa Lehrenden oder RezensentInnen? Haben Sie eigenständig gearbeitet? Können Sie infolge Ihres Lesens Informationen miteinander verknüpfen? Haben Sie den Mut, einen Text gegen den Strich zu bürsten, allen Aussagen zu widersprechen, um ihn zu überprüfen? Übertragen Sie Ihre Leseergebnisse in andere fachliche Zusammenhänge, z. B. in die Ihres zweiten Fachs, und beobachten Sie, welche Veränderung sie dort bewirken und durchlaufen. Nutzen Sie Lesewerkzeuge oder -methoden, die Ihnen neu sind oder denen Sie mit Skepsis begegnen. Hat der gelesene Text den bisherigen Forschungsstand erweitert? Gibt es Besonderheiten im Vergleich zu anderen Texten – wie unterscheidet er sich? Was ist originell an dem gelesenen Text?
9) Fairness: Gehen Sie respektvoll und wertschätzend mit dem Lesestoff um? Können Sie die Leistung, die darin steckt, (an-)erkennen? Lesen Sie vorurteilsfrei hinsichtlich der Herkunft, des Geschlechts, der sozialen Schicht, des Alters etc. der Verfasserin? Geht der Verfasser wertschätzend und respektvoll mit den Texten und Arbeiten seiner KollegInnen um? Bringt er persönliche Sympathien und Antipathien, Rassismus, Sexismus zum Ausdruck? Benutzt die Autorin eine Sprache, die jedem zugänglich ist, oder erschließt sie sich nur Eingeweihten? Wurde der Autorin wissenschaftliches Fehlverhalten nachgewiesen?7
10) Verantwortung: Arbeiten Sie verantwortungsvoll und nicht fahrlässig und manipulativ? Übernehmen Sie die Verantwortung für Ihren Leseprozess? Liegen fahrlässige Fehler oder absichtliche Täuschungen im Text vor? Sind die Ergebnisse eines Textes weiterführend innerhalb oder außerhalb der Wissenschaft? Zielt der Text auf wissenschaftliche Erkenntnis und (kulturellen, sozialen, ökologischen, ökonomischen) Nutzen?
Lesezweck
»Lesen ist kein bloß kognitiver Akt. Lesen kann erschüttern, umwerfen, erheben, erleuchten. Dieser komplexe Akt legt Zeugnis ab von der ›Lesbarkeit der Welt‹ und den Erschütterungen, die das Lesen der Welttexte begleiten.«8
Wissenschaftliches Lesen im Studium ist zunächst Lesen für das Studium. Es ist kein Lesen für die Freizeit, der Lesezweck ist nicht »Entspannung«. Lesen im Studium dient dazu, Ihre fachlichen Aufgaben im Studienalltag zu bewältigen, am Fachdiskurs teilzunehmen und sich fachbezogen wissenschaftlich zu bilden. Mit dem wissenschaftlichen Lesen folgen Sie dem Ziel, Argumente und Zusammenhänge nachzuvollziehen, Texte zu verstehen, zu deuten, zu bewerten und zu verarbeiten, etwa zu neuen wissenschaftlichen Texten (wozu z. B. auch Referate zählen können). Wissenschaftliches Lesen dient dem Aufbau neuer Wissensbestände; im Studium zunächst individuell nachvollziehend und verbindend; in der eigenständigen wissenschaftlichen Arbeit auch innovativ und vermittelnd.
Tab. 1: Textgruppen mit Beispielen und Zweckvorschlägen


Dieser pragmatische Zugang entspricht allerdings nicht immer der Art, wie über das Lesen im Studium gesprochen wird. Geistes- und Kulturwissenschaften sind textaffin. Das Bekenntnis zum Lesen, insbesondere zum hingebungsvollen, konzentrierten, ökonomisch zweckfreien, genießenden Lesen, hat innerhalb der Geisteswissenschaften eine hohe soziale Bedeutung. Daraus kann das Missverständnis entstehen, wissenschaftliches Lesen bedeute, Pflichtlektüre zweckfrei zu lesen und die Texte während der Prüfungsvorbereitung zu genießen, also pragmatische Zwecke mit sozialen Funktionen zu belegen.
Es ist gar nicht so einfach, das genießende, entspannte Lesen vom konzentrierten, anstrengenden wissenschaftlichen Lesen abzugrenzen. Diese Schwierigkeit greift insbesondere dann, wenn wir Lektüren, die üblicherweise der Freizeit und Entspannung zugeordnet werden, nun als wissenschaftliche Gegenstände betrachten müssen, also z. B. Belletristik, Graphic Novels, Text-Bild-Kombinationen in unterschiedlichen Medien. Dass das Lesen von Fachtexten anstrengend ist, leuchtet rasch ein und deckt sich vermutlich mit Ihrer Erfahrung. Bei der Lektüre von Belletristik zu analytischen, wissenschaftlichen Zwecken liegt die Anstrengung häufig nicht so sehr im Textverständnis, sondern in der Aufrechterhaltung von wissenschaftlicher, analytischer Distanz. Viele Studierende geisteswissenschaftlicher Fächer haben ihre Studienentscheidung von ihrer Freizeitneigung abhängig gemacht: Sie lesen gern und mögen Bücher, sie gehen gern zu Kulturveranstaltungen und pflegen andere bildungsbürgerliche Freizeitbeschäftigungen. Das hat zur Folge, dass die Grenze zwischen Studium/Beruf und Freizeit unscharf ist, jedenfalls unschärfer als bei anderen Berufen. Das kann zu Verunsicherungen und Lesekrisen führen und Fragen der professionellen Identität aufwerfen (
Leselust und Lesekrise). Aus diesem Grund ist die Beschäftigung mit wissenschaftlichem Lesen eine Einladung, Ihre eigenen Leseerwartungen, Ihre Lesebiografie und Ihre professionelle und Ihre dilettantische Rolle zu reflektieren. Wissenschaftliches Lesen enthält die Reflexion über das Lesen.
Die Fähigkeit, über Ihr Lesen zu reflektieren, hilft Ihnen auch, Ihre Beziehung zu Text und AutorIn mündig zu gestalten. Es ist ausgesprochen anspruchsvoll, dem Text aus zwei Richtungen zu begegnen: Die eine Richtung bedeutet, sich zunächst auf ihn einzulassen und sich hineinzubegeben, um in der intensiven Lektüre zu verstehen und nachzuvollziehen. Wenn Sie mit dieser Arbeit fertig sind, kann es sich so anfühlen, als seien die gelesenen Gedanken und Informationen nun ein Teil Ihrer Gedanken und Ihres Wissens. Darauf folgt jedoch die andere Richtung: vom Text weg und in die Distanz. Sie stellen Ihre Fragen an den Text, setzen ihm Ihre Erkenntnis entgegen, überprüfen, kritisieren. Das ist insbesondere dann eine Herausforderung, wenn Sie dazu neigen, Texten hohe Autorität und unbezweifelbare Expertise zuzuschreiben oder wenn Ihr intensives Lesen mit einer Identifikation mit dem Gelesenen einhergeht – etwa mittels einer literarischen Figur oder auch aufgrund einer hohen Identifikation mit dem Autor oder einer wissenschaftlichen Richtung, der er angehört. Die Übung im wissenschaftlichen Lesen besteht darin, tief lesen zu können und zugleich eine kontrollierte Distanz zu wahren, die Ihnen ermöglicht, Ihrer wissenschaftlichen Position gerecht zu werden. Die Reflexion über das Lesen schließt die Reflexion Ihres Lernprozesses hinsichtlich Ihrer Position zum Text, zum Autor und zum Gegenstand ein.
Sie können nun überprüfen, ob Ihre Motivation zur Lektüre für Sie intrinsisch, extrinsisch oder beides ist: Spüren Sie in sich selbst den Drang, neue Informationen zu erschließen, Ihre Sprache und Ihr Denken zu erweitern, am Fachdiskurs teilzunehmen, oder brauchen Sie Impulse von Dozierenden, die Aussicht auf eine Prüfung oder eine auslaufende Finanzierung, um wissenschaftliche Texte zu lesen?
Es ist zentral, mit welcher Motivation Sie lesen. Die Entscheidung für ein geisteswissenschaftliche Studium setzt traditionell eine intrinsische Motivation voraus, eine Neigung, die Sie ans Arbeiten und damit auch ans Lesen führt, ohne dass Dozierende sich in der Rolle der Kontrolleure, Anleiter, Druckmacher verstehen. Diese Tradition kollidiert allerdings einerseits mit den Veränderungen in der Studienkultur der modularisierten Studiengänge, die mehr als die ehemaligen Magisterstudiengänge Wert darauf legen, Wissen zu festen Zeiten abzuprüfen. Sie kollidiert andererseits mit dem Verhalten vieler Studierender, denen noch eine Handhabe fehlt, die innere Motivation vor dem äußeren Druck zu schützen. Wenn jener dann ausbleibt, wird mitunter der Zweck und das Ziel der jeweiligen Aufgabe unklar, bleibt undefiniert, und bei anstrengenden Aufgaben wie dem Lesen schwieriger Texte wird es zäh. Der Wunsch, schnell damit abzuschließen, ist eine logische Konsequenz. Der Unwille wächst, wenn bei aller Anstrengung die Lektüre keinen unmittelbar einleuchtenden Zweck erkennen lässt. Um diesen Unwillen zu beheben, wenn er auftritt, hilft die Sammlung und Pflege von Studien- und Lesemotiven.
Übung: Moodboard
Moodboards – auch Vision-Boards genannt – sind Collagen, die helfen, abstrakte Themen wie »Lesen« zu visualisieren.9 Wie aus dem Wort schon hervorgeht, zielen sie nicht auf den Verstand als Leitressource des wissenschaftlichen Arbeitens, sondern auf das Gefühl, die Leitressource von Motivation. Moodboards kommen schon jahrelang im Design, Marketing und im Kultur- und Medienbereich zum Einsatz; für die wissenschaftliche Arbeit sind sie oft unbekannt.
Für ein Moodboard können Sie eine (Online-)Pinnwand, eine gerahmte Fläche, eine Zimmertür, eine Tafel oder Leinwand verwenden. Sie können Zitate, Bilder, Schlagworte, auch Materialen nutzen. Sie können ein grundsätzliches Ordnungsmuster entwickeln, etwa
• Überschrift,
• Bilder rechts,
• Texte links,
• Zitate unten,
um unterschiedliche Wahrnehmungsebenen oder Motivlagen zu gruppieren. Sie können auch Mindmap-artig collagieren und von einem Elemente zum nächsten wandern. Sie können Zitate, Bilder, Schlagworte, auch Materialen enthalten, die Sie in unserem Fall darin unterstützen, ein individuelles und motivierendes Bild vom wissenschaftlichen Lesen zu entwickeln. Dabei treffen Sie noch keine Entscheidungen, sondern sammeln, gruppieren, genießen, wägen ab, lassen sich durch Assoziationen und freie Gedanken treiben.
Ein Moodboard beim Lernen und Üben des wissenschaftlichen Lesens kann Ihnen helfen:
• Ihre Motivation zu klären und damit zielstrebiges, strategisches Arbeiten einzuleiten,
• zu berücksichtigen, dass Geistesarbeit abhängig von körperlichen und seelischen Befindlichkeiten ist, und dass die Pflege von emotionalen und seelischen Anteilen Ihrer Persönlichkeit eine der Voraussetzungen für gute wissenschaftliche Praxis ist,
• zu definieren und zu differenzieren, was wissenschaftliches Lesen für Sie bedeutet, welche Bilder vom Lesen Sie prägen,
• einen kreativen Zugang zu einem methodisch-formalisierten Tun zu finden. Den Bilddiskurs dominieren ästhetische Bilder des genießenden, hyggeligen Lesens. Das kann uns ins Konflikte stürzen, wenn wir uns z. B. bei der wissenschaftlichen Lektüre überhaupt nicht so wohlfühlen wie in der Bildsprache des Lesens - haben Sie, gibt es in unseren Fächern überhaupt eine bildliche Vorstellung vom wissenschaftlichen Lesen? Mit Mood- und Visionboards können Sie diese Bilder selbst entwerfen und gestalten.
Sie können Moodboards auch für andere thematische Arbeiten nutzen. Das Lesen z. B. für Referate und zur Klausurvorbereitung ist anstrengend. Mehr als zwanzig Minuten am Stück überfordern vermutlich zu Beginn Ihre Konzentration und Aufnahmefähigkeit. Über einen Medien- und Methodenwechsel können Sie Ihre Ausdauer steigern. Moodboards als Ergänzung des wissenschaftlichen Lesens bieten eine Variation von linear-abstrakter Arbeitsweise zu Assoziation, Gestaltung, Visualisierung und Individualität. Das kann helfen, neue Kraft für die nächsten Arbeitsschritte zu schöpfen, ohne aus dem Thema gerissen zu werden.
Übung: Reflexion
Sammeln Sie Lesezwecke und legen Sie ein Motivationsarchiv an. Nutzen Sie dazu zunächst bspw. Moodboards und Online-Sammlungen. Achten Sie dabei darauf, dass Sie aktiv Zwecke und Motive sammeln, die im wissenschaftlichen Kontext bedeutungsvoll sind. Vielleicht machen Sie ein Projekt daraus – fragen Sie Menschen Ihrer Umgebung, was sie motiviert, sich an sachliche, schwierige, lange, fremde Texte zu begeben und wie sie Unlust und Tiefs überwinden. Kommen Sie darüber ins Gespräch. Erlauben Sie sich das freie Spiel mit unterschiedlichen Zwecken und Motiven und probieren Sie aus, welche Sie leichter an die Arbeit bringen und welche sich unpassend anfühlen.
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