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Mareike Menne

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1. Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-031960-8

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-031961-5

epub: ISBN 978-3-17-031962-2

mobi: ISBN 978-3-17-031963-9

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Inhaltsverzeichnis

1  1 Lesen im Studium

2  Einleitung

3  Was bedeutet »Lesen können«?

4  Was ist wissenschaftliches Lesen im Studium?

5  Was unterscheidet das Lesen im Studium vom Lesen in der Schule?

6  Was ist das »Wissenschaftliche« am Lesen im Studium?

7  Qualitätskriterien

8  Lesezweck

9  Mündigkeit und aktives Lesen

10  Wissenschaftliche Lesekompetenz für wissenschaftliche und literarische Texte

11  Zusammenfassung

12  2 Leseressourcen

13  Materielle und immaterielle Leseressourcen

14  Besonderheiten des Lesens am Bildschirm

15  Konzentration

16  3 Lesezeit

17  Schnelles Lesen

18  Langsames Lesen

19  Zeitmanagement und Leseorganisation

20  Tools

21  Lese(un)lust und Lesekrise

22  »Erledigt« und »Erfolg«

23  4 Techniken und Methoden

24  Lesen, um sich mit einem Thema vertraut zu machen

25  Lesen, um auszuwählen

26  Lesen, um zu lernen

27  Lesen, um zu analysieren

28  Lesen, um zu vergleichen

29  Lesen, um das Gelesene zu nutzen

30  Lesen, um einen Text zu verbessern

31  Epilog: Lesen in Hinblick auf den Berufseinstieg

32  Verzeichnis der verwendeten Literatur und Websites

33  Literatur

34  Links

1
Lesen im Studium
Einleitung

Dieses Buch folgt einer pragmatischen Perspektive. Es hat sich aus dem Bedarf entwickelt, den Studierende in meinen Lehrveranstaltungen und in persönlichen Gesprächen geäußert haben.

In einem Seminar im Fach Kulturwissenschaft mit 300 TeilnehmerInnen habe ich als Leistungsnachweis die Aufgabe gestellt, ein Lesejournal zu führen und abzugeben. Das Lesejournal sollte ganz klassisch bibliografische Angaben und Anmerkungen zum Textverständnis enthalten. Darüber hinaus bat ich zu jeder Lektüreaufgabe um ein Statement, welche Leseschwierigkeiten aufgetreten waren und zu welchen die Studierenden Rat suchten. Ca. 200 Lesejournale wurden eingereicht; die häufigsten Fragen zum Lesen im Studium waren:

• Wie schaffe ich mein Lesepensum in kürzerer Zeit?

• Wie gehe ich mit Texten um, die ich nicht verstehe?

• Wie finde ich die richtigen Fragen, um Texte aktiv zu lesen?

• Was sind die Kriterien der Lehrenden für »richtiges« Lesen?

• Wozu soll ich lesen, wenn die Dozentin/der Dozent in der Veranstaltung alles selbst vorträgt oder nicht auf den Text eingeht?

• Wie verliere ich nicht die Lust am Lesen?

Es sind also überwiegend pragmatische Fragen, die Lesen als Aufgabe verstehen, die es mit möglichst klugem und effizientem Ressourceneinsatz zu erfüllen gilt. »Wissenschaftlichkeit« als Lesehaltung bzw. das Lesen als durchaus auch pragmatische Aufgabe im Rahmen wissenschaftlicher Arbeitsprozesse steht eher hintan. Darum will dieses Buch eine Brücke schlagen. Es fragt danach, wie im Laufe des Studiums wissenschaftliches Lesen entstehen und eingeübt werden kann. Es ist nicht immer bewusst, dass die Art, zu lesen, die Haltung, mit der gelesen wird und der Zweck des Lesens selbst wissenschaftlicher Natur sind. Dies gilt zum einen, insofern das wissenschaftliche Lesen ein Teil von größeren wissenschaftlichen Arbeitszusammenhängen ist, zu denen auch die Recherche, das Schreiben, die Publikation und die Debatte gehören. Es gilt zum anderen, weil an das Lesen Kriterien von Wissenschaftlichkeit gelegt werden ( Was ist das »Wissenschaftliche« am Lesen im Studium, Qualitätskriterien), die nicht beliebig sind, nicht intuitiv und insbesondere nicht gleichbedeutend mit anderen Formen des Lesens wie der Freizeitlektüre oder dem Lesen von Gebrauchstexten zur Alltagsbewältigung. Sie erhalten Hinweise auf vertiefende Lektüren.

Hinsichtlich des Lesenlernens und -lehrens im Studium hängen wir in einem Dilemma: Einerseits können wir uns als Dozierende auf die Haltung zurückziehen, nicht die Defizite der Schule zu kompensieren. Andererseits stellen wir oft fest, dass die Lesekompetenz vieler StudienanfängerInnen nicht ausreicht, um im Studium wissenschaftlich zu arbeiten. Vielfach brauchen die Studierenden eine Möglichkeit, um den Übergang vom schulischen und vergnüglichen Lesen in das wissenschaftliche Lesen zu schaffen. Die spezifischen Lesekonventionen und alles, was mit ihnen in Zusammenhang steht – die Eigenarten des Materials, die Zwecke, die Gepflogenheiten des Sprechens über das Lesen und über Gelesenes – sind Teil des Studiums und der jeweiligen geisteswissenschaftlichen Disziplinen und eben nicht der Schule. Es ist weder ein Versäumnis der Schule noch persönliche Nachlässigkeit, wenn Sie als Studierende diese fachlichen Lesekonventionen und die Anforderungen, die sich aus dem Material oder der Methode ergeben, zu Studienbeginn nicht haben. Dieses Lesen lernen Sie im Studium, genau da gehört es hin. Und zugleich wird dieser Lernprozess häufig nicht offen reflektiert, er bleibt individuell und es gibt nur wenig hochschuldidaktisches Feedback.

Es ist bemerkenswert, dass die Klagen über die nicht-lesenden Studierenden und auch das Leiden an den eigenen Schwierigkeiten beim akademischen Lesen nur selten didaktische oder organisatorische Konsequenzen haben. Eine systematische, ruhig erstellte und empirisch überprüfte akademische Lesedidaktik findet im Alltag vieler Fachlehrender keinen Raum; zu sehr sind viele mit der Anpassung der eigenen Lesestrategien an eine veränderte Umwelt beschäftigt.

Für Studierende sind allerdings mittlerweile angeleitete Selbststudien mit vielen medialen Angeboten möglich. Die meisten Lernangebote gibt es bei Schreibwerkstätten oder Zentren für Schlüsselqualifikationen, die Studien, Tutorials und Veröffentlichungen bereitstellen. Häufig fokussieren diese Angebote Speed Reading – das mag auch nachfragebedingt so sein. Doch Speed Reading, das allein der raschen Erledigung einer Hausaufgabe dient, bedient wesentliche Anforderungen des wissenschaftlichen Lesens nicht ( Schnelles Lesen). Schnelllesetechniken zielen darauf, Textinhalte und -strukturen schnell und ohne Sinnverlust zu erfassen und gut im Gedächtnis zu speichern. Die Wissenschaft definiert jedoch Zweck und Rahmen dieser Technik und erweitert die Anforderung von »Verstehen« und »Behalten«. Gleichgültig, wie schnell oder langsam Sie lesen – Lesen in der Wissenschaft zielt immer auch darauf, den Text kritisch zu prüfen und mit dem Ergebnis dieser Prüfung weiter zu arbeiten, neues Wissen zu schaffen, nicht nur die Inhalte zu erinnern.1

Insgesamt bietet der englischsprachige Markt allerdings mehr Angebote als der deutschsprachige.2 Dieses Buch möchte nun dazu beitragen, das deutschsprachige Angebot zu ergänzen. Auch will es erläutern, wie Lesen, Verstehen, Behalten und kritisches Prüfen wissenschaftlicher Texte und das Weiterarbeiten mit diesen Texten gelingen kann.

Was bedeutet »Lesen können«?

Kognitiv betrachtet erfordert das Lesen fünf intellektuelle Basisaspekte:

1) Kognition – Erkennen und Wiedererkennen von Informationen,

2) Gedächtnis – Behalten von Informationen,

3) Divergierendes Denken – logische und kreative Ideen entwickeln,

4) Konvergierendes Denken – Schlussfolgerungen und induktives Denken entfalten,

5) Bewerten – begründetes Urteil über den Text mit Blick auf die erkenntnisleitende Frage fällen.3

Nach der OECD ist Lesekompetenz (auch »Reading Literacy«) die Fähigkeit, »geschriebene Texte zu verstehen, zu nutzen und über sie zu reflektieren, um eigene Ziele zu erreichen, das eigene Wissen und Potenzial weiterzuentwickeln und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen«4.

Die Definition besteht aus zwei Teilen: der Beschreibung, was mit dem geschriebenen Text gemacht wird – er wird verstanden, er wird genutzt und es wird über ihn reflektiert – und wozu etwas mit ihm gemacht wird – um Ziele zu erreichen, um zu lernen und um am gesellschaftlichen Leben zu partizipieren. Lesekompetenz ist also nicht Lesen allein. Sie erweitert das Lesen um einen Zweck, auf den es gerichtet ist. Die beiden erstgenannten Ziele sind auf Studium und Berufstätigkeit übertragbar: Lesen, um Ziele zu erreichen, und Lesen, um zu lernen bzw. das eigene Wissen und Potenzial weiterzuentwickeln. Die Qualität der Ziele, des Wissens und Potenzials sind allerdings nicht beliebig, sondern auf den professionellen Kontext bezogen. Es gibt im Studium konkrete Studienziele, z. B. Prüfungen bestehen. Es gibt in den Fächern spezifische und fachübergreifende Ziele: reflektieren wollen, die literarische oder rhetorische Qualität beschreiben wollen, vergangene Wirklichkeiten rekonstruieren wollen, ein Modell überprüfen wollen, den Inhalt einer Quelle wiedergeben etc.

Das Leseziel – »um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen« – bedeutet in unserem beruflichen Alltag – seien wir nun Studierende oder bereits berufstätig –: lesen, um am Fachdiskurs teilzunehmen, um Diskussionen folgen zu können und unsere eigene Arbeit dazu in Bezug zu setzen. Lesen dient auch dazu, zu erfahren, welche Themen von wem auf welche Weise und warum bearbeitet wurden oder werden. Es schafft eine Wissensgrundlage, die für unser Expertentum konstitutiv ist. Es gehört zu den Kerntätigkeiten der Studierenden und AbsolventInnen geisteswissenschaftlicher Fächer, mit Texten zu arbeiten: Wir suchen und finden sie; entziffern, transkribieren, übersetzen sie; verstehen, analysieren sie; bewerten ihren Nutzen für eine Aufgabe oder ihre sprachliche Qualität. Wir nutzen Texte für Vorträge, Referate, für den Unterricht und für eigene Texte. Wir bilden einen individuellen professionellen aktiven und passiven Umgang mit Texten aus.

Das Lesen im professionellen Kontext setzt somit voraus, dass wir uns mit den spezifischen Lesekonventionen, dem Fachwortschatz, mitunter auch der Schrift- und Darstellungsvarietät vertraut machen. Das ist ein schwieriger, aber lohnenswerter Lernprozess.

Was ist wissenschaftliches Lesen im Studium?

Wissenschaftliches Lesen im Studium meint zunächst und vor allem eine Haltung zum Text. Diese Haltung unterscheidet sich von anderen Lesehaltungen: Sie begegnen dem Text nicht in der Erwartung, dass er ein Alltagsproblem lösen hilft, einen Verwaltungsvorgang auslöst oder Ihnen Entspannung und Vergnügen verschafft, sondern dass er für Ihre Forschung verwendbar ist. Sie können erwarten, dass er neue Informationen für Sie bereithält und dass er Argumente, Belege, Beispiele etc. für Ihre Hypothesen beisteuert. Das wissenschaftliche Lesen von Texten im Studium ist darauf ausgerichtet, über das reine Verstehen und die Inhaltssicherung hinauszugehen. Es kann einer Analyse, einer Kontextualisierung oder einer Verwendung in größeren Zusammenhängen dienen, also dem Einsatz in Hausarbeiten oder Referaten – oder der Diskussion im Seminar oder im Lesezirkel. Das bedeutet, dass Sie als mündige Person dem Text gegenübertreten und in eine aktive, wenngleich stille Kommunikation treten.

Der Zusatz »im Studium« ist hier wichtig, da dieses Buch keine abgeschlossene, gereifte Kompetenz beschreibt, sondern Ihnen Impulse für den Prozess der wissenschaftlichen Bildung geben möchte. Sie befinden sich in einer Übergangsphase, in der Sie nicht von Beginn an eigenständig »wissenschaftlich lesen«. Sie lernen zunächst verschiedene Praktiken wissenschaftlichen Arbeitens kennen, das Lesen ist eine davon. Während des Studiums werden Sie dazu angeleitet, teils auch dazu verpflichtet und geprüft. Das wissenschaftliche Arbeiten im Studium findet in einem institutionellen Rahmen statt und seine Ergebnisse werden bewertet. Zunehmend eigenständig setzen Sie Methoden ein und entwickeln eigene wissenschaftliche Arbeitsweisen und Arbeitshaltungen. Am Ende des Studiums steht das eigenständige Anwenden und Beherrschen wissenschaftlicher Arbeitsweisen. Das Studium ist also u. a. ein Weg zum wissenschaftlichen Lesen und dieses Buch gibt Ihnen Impulse, diesen Weg Ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen im Rahmen eines geisteswissenschaftlichen Studiums gemäß zu gestalten.

Was unterscheidet das Lesen im Studium vom Lesen in der Schule?

Welche Lesefähigkeiten sollten Studierende aus der Schule und der außerschulischen Bildung für ein geisteswissenschaftliches Studium mitbringen? Welche Lesekompetenzen können Dozierende voraussetzen?

Es gehört zur allgemeinen Lesefähigkeit, Buchstaben und Wörter mit Bedeutung versehen zu können, einen umfassenden und aktiven Wortschatz zu haben und sinntragende Wörter in einem längeren und komplexen Text zu erkennen. Startpunkt für Ihre Lesekompetenz zu Beginn des Studiums ist darum der Standard, der Ihnen mit dem Abschluss der gymnasialen Oberstufe bescheinigt ist; demnach

• verfügen Sie über Strategien und Methoden, um Texte in unterschiedlichen Medienformen zu lesen und zu verstehen,

• können Sie beim Lesen eigenständig vorgehen,

• können Sie anspruchsvolle Literatur, Sach- und Gebrauchstexte lesen und verstehen und nützliche Informationen entnehmen,

• können Sie neue Informationen mit Ihrem Vorwissen verknüpfen,

• können Sie entnommene Informationen produktiv verarbeiten,

• können Sie die sprachliche Qualität eines Textes wahrnehmen und beschreiben,

• können Sie Argumentation und Informationsgehalt von Sachtexten nachvollziehen und analysieren,

• können Sie die gesellschaftliche, ethische und philosophische Relevanz von Texten erschließen,

• haben Sie Erkenntniskategorien angelegt und können dies für neue Texte wiederholen,

• haben Sie eigene Werthaltungen zu Texten und Inhalten ausgebildet,

• können Sie Schulbibliotheken, öffentlichen Bibliotheken und ggf. auch Hochschulbibliotheken nutzen.5

Diese Kompetenzen mögen in Ihrem persönlichen Umfeld, im Verlauf Ihres schulischen Bildungswegs, in Ihrem familiären Kontext und in der Lesekultur, mit der Sie sozialisiert wurden, ergänzt und vertieft worden sein.

Mit Blick auf das Studium bedeutet dies, dass diese Fähigkeiten im Umgang mit Texten grundsätzlich vorausgesetzt werden können und zwar auch im Umgang mit wissenschaftlichen Aufsätzen und Monografien, die in den Leistungskursen der gymnasialen Oberstufe eingeführt worden sein sollen.

Nun mögen Sie einwenden, dass diese Voraussetzungen jedoch in der Realität nicht erfüllt sind. Vielleicht haben Sie einige der oben gelisteten Fähigkeiten nicht erworben, gleichgültig, ob sie nicht angeboten wurden oder Sie aus irgendeinem Grund nicht am Angebot partizipierten oder ob manche beiläufigen Lernprozesse einfach nicht explizit benannt wurden, sodass Sie nun unsicher sind, ob eine Erinnerung zu einem der oben angeführten Punkte passt.

Mitunter fördert die Perspektive von Lehrenden den Blick auf Defizite statt auf das Erlernen und Üben von Lesestrategien. Mehr oder weniger unverhohlen beklagen DozentInnen, dass StudienanfängerInnen nicht über alle erforderlichen Fähigkeiten zum erfolgreichen Studium verfügen – und die Lesefähigkeit gehöre dazu. Die Feststellung, Studierende von heute könnten keine Texte mehr lesen, ist natürlich einerseits Teil des generationellen Abgrenzungsprozesses und darüber hinaus Ausdruck der allgemeinen Verunsicherung in Veränderungsphasen. Andererseits folgen daraus konkrete Schwierigkeiten für den gemeinsamen Lernprozess, am deutlichsten spürbar in Frustration und Überforderung auf beiden Seiten. Zwei Schritte können dabei helfen, diese Frustration hinter sich zu lassen: Erstens die Anerkennung, dass Hochschuldozierende keinen einheitlichen Lehrkörper bilden und darum auch hinsichtlich des Lesens unterschiedliche eigene Erfahrungen und auch verschiedene didaktische Herangehensweisen haben. Zweitens folgt daraus die Aufgabe für Sie selbst, zu beobachten und zu wählen, mit welcher Arbeitsweise und welcher Haltung zum Lesen Sie am leichtesten umgehen können und welche Ihnen die besten Arbeitsergebnisse sichern.

Übung/Reflexion

Beschreiben Sie Ihren Wissens- und Kompetenzstand anhand der vorangegangenen Auflistung. Wo fühlen Sie sich sicher und könnten Beispiele nennen, die Ihren Wissensstand und Ihre Kompetenzen zum Ausdruck bringen? Mit welchen Textgattungen haben Sie Schwierigkeiten? Welche wurden nie (explizit) in der Schule oder im Elternhaus gelesen und gehören wesentlich zum Gegenstandsbereich des Studiums und der beruflichen Praxis von Geistes- und KulturwissenschaftlerInnen?

Wenn Sie diese Übung analytisch vertiefen möchten, fahren Sie z. B. mit der Lesebiografie (S. 29) fort.

Im Studium weiten Sie Ihre Lesekompetenz auf den akademischen Kontext aus. Hier liegt ein wichtiger und durchaus schwieriger Unterschied im Übergang von der Schule zur Hochschule: Sie sind für Ihr Lesen selbst verantwortlich. Sie müssen die Texte oft selbst recherchieren, beschaffen und bearbeiten. Sie müssen mitunter sogar selbst die Kriterien festlegen, wann Ihr Lesen erfolgreich abgeschlossen ist. Als Erfolgskriterien können Sie eigene Fragen und Erkenntnisabsichten in der Auseinandersetzung mit Texten nutzen – und auch das Fragenstellen und gezielte Erkennenwollen müssen erst erlernt werden. Es kommen mit dem wissenschaftlichen Textkorpus Textsorten hinzu, die Ihnen bislang wenig geläufig waren, und für die es sinnvollere Lesestrategien gibt als sie von vorne nach hinten zu lesen. Manche dieser Texte sind fremdsprachig, in fremden oder alten Schriftarten, sodass Sie parallel zum wissenschaftlichen Lesen auch elementares Lesen, d. h. die Verknüpfung von Zeichen und Laut, von Wort und Sinn lernen müssen. Außerdem richtet sich die Textauswahl im Studium nach der Leitfrage oder dem Thema der Veranstaltung; sie baut nicht systematisch auf Vorwissen auf. Das erfordert die Kenntnis von Texten und Sachverhalten, die bislang nicht Teil Ihres Bildungswegs waren. Diese Lücken müssen Sie erkennen und eigenständig schließen.

Auch auf sozialer und individueller Ebene unterscheidet sich das Lesen im Studium von dem in der Schule. Die Lernenden haben unterschiedliches Vorwissen in Bezug auf das Thema und in Bezug auf die Lese- und Studienorganisation. Sie wissen, dass die Lehrpläne der Schulen nach Bundesländern variieren, dass nicht nur AbsolventInnen des deutschen Bildungssystems geisteswissenschaftliche Fächer studieren und dass nicht alle Ihrer KommilitonInnen (vielleicht auch Sie selbst nicht) direkt nach dem Abitur ein Studium begonnen haben. Insofern sind die Voraussetzungen, Fähigkeiten und individuellen Leseerfahrungen der Studierenden sehr unterschiedlich. Sie tragen auch unterschiedliche individuelle Ziele in das Seminar, von denen der Erwerb der ECTS nur eines ist: Manche tauchen in ihr Lieblingsthema ein, andere besuchen die Veranstaltung wegen der Uhrzeit, die nächsten kommen wegen der Dozentin/des Dozenten, wieder andere sind fachfremd oder Seniorstudierende. Dadurch ergibt sich eine heterogene Lerngruppe und darum kann auch der Verlauf und die Dynamik des Lernprozesses, das individuelle Vorwissen oder die Einbindung von Texten und Studierenden in die Veranstaltung nicht immer zuverlässig vorausgesagt werden.

Neu im Studium ist zuletzt, dass Sie es mit einem veränderten Tagesablauf zu tun haben und Ihren Arbeits- und Leserhythmus anpassen müssen. So gehört von nun an eine gute Arbeitsorganisation zu Ihrer Lesepraxis, um Tageszeiten ausmachen zu können, die Sie für konzentriertes Lesen über einen längeren Zeitraum hinweg nutzen können ( Zeitmanagement und Leseorganisation). Sie mögen am Vormittag auf einen Professor treffen, der seine Seminare nach dem Prinzip der Meisterlehre leitet und der Macht des Geistes und der Kraft des Textes vertraut. Am Nachmittag haben Sie eine Doktorandin als Dozentin, drei Jahre älter als Sie selbst, die auf einer befristeten Teilzeitstelle darbt und akribisch vorbereitet ist. Am nächsten Tag lernen Sie bei einem Postdoktoranden, der sich hochschuldidaktisch weitergebildet hat und für den Lehrpreis Ihrer Universität nominiert ist – hochmotiviert und voller Ideen für aktivierende Methoden. Am Nachmittag wartet eine Lehrbeauftragte auf Sie, hervorragende Expertin auf ihrem Gebiet, aber frustriert, weil sie schlechter bezahlt wird als eine VHS-Dozentin, dennoch einen Fuß in der Tür behalten will. Sie alle verfahren mit nichterledigten Leseaufgaben und der Textarbeit im Seminar unterschiedlich. Sie alle wertschätzen auch Ihre Beiträge unterschiedlich und sind nicht im gleichen Maße bereit, Lese- und Verständnisprobleme zu thematisieren und Sie in der Lösung zu unterstützen. Es ist daher Ihre Aufgabe, einen eigenen Weg zu finden.

$26.53

Genres and tags

Age restriction:
0+
Release date on Litres:
19 December 2025
Volume:
179 p. 32 illustrations
ISBN:
9783170319622
Publishers:
Copyright Holder::
Bookwire
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