Read the book: «2924 Hunde und 10 Tierheime : Roman»
Inhalt
– Klappentext –
2924 Hunde und 10 Tierheime
Büro Konrad
Museum
Büro Hofenkamp & Meyer
Tierschutzzentrum Dortmund
Büro Hofenkamp & Meyer
Tierheim Berlin
Tierstation Esperanza
Sociedad Protectora de Animales y Plantas
Tierheim Obervintl
Büro Hofenkamp & Meyer
Doghome
Hotel in Georgien
Dog Organization Georgia
Hotel in Georgien
Städtisches Tierheim in Georgien
Hotel in Georgien
Pflegestelle Paris
Hotel in Georgien
Tierheim Asociatia Anima
Hotel in Rumänien
Red Panda Romania
Büro
– Die Tierheime –
– Quellen –
– Manuela Dörr –
– Mehr Bücher –
– Impressum –
– Klappentext –
»Sie fliegen nächste Woche nach Spanien. In der Nähe sind zwei der zehn besagten Tierheime. Ich war so frei, meine Sekretärin mit der Buchung Ihrer Reise zu beauftragen«, sagte Herr Hofenkamp.
»Nächste Woche? Und was wird aus dem Meeting vom Museumsprojekt am Dienstag?« Natalies Arme sanken langsam an ihrem schwarzen Kleid hinab.
»Da werden Sie nicht mehr gebraucht. Konzentrieren Sie sich auf Ihr neues Projekt – das Tierheim.«
2924 Hunde und 10 Tierheime
Büro Konrad
Kurz vor Feierabend. Die Sonne blitzte durch die deckenhohen Fenster, drang durch die halb geöffneten Jalousien und tauchte das Zimmer in ein grelles Gelb.
»Sie werden nach wie vor keine zusätzliche Werkstatt errichten? Bei dem Gewinn!«
»Ja. Ich habe bereits mit dem Architekturbüro gesprochen.«
»Das ist rausgeworfenes Geld!« Er ballte die Fäuste. »Wir sind nicht ohne Grund so weit gekommen. Wir müssen weiter, immer weiter. Wachstum! Mit einer vierten Halle könnten wir noch mehr Maschinen kaufen; expandieren. Wir könnten die Märkte in Osteuropa bedienen und neue Konsumentenkreise erreichen!«
»Nein bleibt nein!«, sagte Herr Konrad, klemmte sich seine Aktentasche unter den Arm und schritt in den Feierabend.
Museum
Strahlend blauer Himmel, wolkenlos, Sonnenschein. Der Boden raste unter den Vollgummireifen ihrer Inlineskates dahin. Die schmalen Rillen zwischen den aschgrauen Betonplatten echoten einen dumpfen, klackernden Rhythmus. Die Fahrbahn war breit; breit genug, um zu zweit nebeneinander zu fahren.
»Dass dich das nicht stört!« Natalie deutete auf Miriams Kopf. Die blonde Mähne ihrer Freundin wehte im Wind. Natalies Haare hingegen verdeckte ein Helm. Sie war dem Tipp ihrer Trainerin gefolgt und hatte ihn bei der Sportmarke ‚DeporteTuyo‘ im Internet bestellt.
»Ne«, hechelte Miriam zurück. »Wie weit … noch?«
»Da hinten ist es schon.« Wieder eine Kopfbewegung, dann neigte sie ihren Oberkörper vor, drückte sich kräftig mit den Beinen vom Boden ab und gewann an Vorsprung. »Wer als erstes da ist!« Ihre Freundin käme schon nach, aber bis zum Ziel wollte sie alles geben und sprinten.
Die Geschwindigkeit verzerrte die Bäume und ein Insekt zerschmetterte beim Aufprall an ihrer Sportbrille. Natalie nahm die Arme auf den Rücken, beugte den Oberkörper noch weiter vor und legte sich in die Kurve. Miriam hatte sich zu einem Fleck am Horizont verkleinert, umgeben von Weite.
Gleich würde sie ihn erreichen, den Rohbau sehen. Die ganze Woche hatte sie Pläne überarbeitet und kontrolliert, jetzt endlich erblickte sie das Gebäude wieder, das ihre Karriere explodieren lassen wird. Mit dem besten Jahrgangsabschluss hatte sie die Universität verlassen und war vom zweitangesehensten Architektenbüro der Stadt angeworben worden; von Hofenkamp & Meyer. Noch dazu für die Abteilung für Museumsarchitektur.
Sie gab Gas. Die ersten Schweißtropfen zerschellten auf dem Boden, andere fingen sich in ihrem Multifunktionsshirt und glitten über die Hightech-Gewebestrukturen außen am Körper entlang. Heute wird sie eine neue persönliche Bestzeit erreichen. Sie hatte sich abgewöhnt, zu häufig mit Miriam zu fahren. Die hatte noch nie mithalten können. Und jetzt, da ihr Pulsmesser jede Strecke aufzeichnete, die sie zurücklegte und die Daten zur Auswertung ins Internet sendete, verfälschte das ihren Schnitt. Ein Programm zeigte ihr den Trainingsfortschritt an und schloss alle Strecken in die Kalkulation ein – auch die, die sie mit Miriam zurücklegte.
Noch eine Kurve, bis sie es zu Gesicht bekäme. Die Büsche zu ihrer linken schoben sich zur Seite und ein Sandhügel wanderte in ihr Blickfeld. Dahinter erstreckten sich erste Mauern, gestützt von schweren Pfeilern. Bagger, Betonwischer, Werkzeuge und zwei Kräne, die hoch in den blauen Himmel ragten, lagen den ersten Fortschritten ihres Meisterwerks zu Füßen.
Gegenüber vom Gelände, in der Nähe des Rohbaus, befand sich eine glatt polierte Steinbank. Natalie gab noch einmal Gas, drückt den Knopf ihrer Sportuhr, um die Zeit zu stoppen und bremste abrupt ab.
Sie schwang sich auf die Bank, um den Bau in der Abenddämmerung zu mustern und auf Miriam zu warten. Hinter dem Gebäude konnte sie schon den Mond erkennen, gleichzeitig schienen die letzten Sonnenstrahlen auf ihren Rücken. Sie liebte diese Tageszeit. Manchmal kam sie mehrmals die Woche her, nachdem alle Bauarbeiter Feierabend hatten und wenn die Ruhe und Schönheit des Baus noch im letzten Licht der blauen Stunde schimmerte.
Sie hatte jede Phase der Planung miterlebt, den ersten Gesprächssitzungen mit dem Bauherrn und der Stadt beigesessen und die Ausgestaltung einer Etage übernommen. Ihre Ideen waren in die ersten Entwürfe eingeflossen. Sie hatte Glück, dass ein Bauleiter aus den eigenen Reihen vom Bauherrn gewählt worden war. Wann immer er es ihr anbot, fuhr sie mit zu den Baustellenbesichtigungen und umfangreichen Controllings. In den Zeiten im Büro half sie bei der exakten Planung der weiteren umliegenden Gebäude des Museums.
»Du… bist immer so schnell!« Miriam hatte die Bank erreicht und ließ sich ins Gras plumpsen. Ihr Oberkörper hob und senkte sich schnell, geräuschvoll pustete sie die Luft aus.
»Solltest vielleicht mal weniger rauchen. Ich sag dir, das kommt davon!« Natalie wandte ihre Augen nicht vom Bau ab. Zu ihren Füßen hustete Miriam trocken.
»Noch drei Monate, bis meine Probezeit vorbei ist. Dann bleibe ich noch, bis das Projekt hier zu Ende ist und dann … dann bin ich weg.«
»Warum? Weil …« Miriam holte tief Luft, setzte sich auf und sah das Museum an, oder vielmehr seine ersten Wände. »… weil du dich … mit dem Chef … noch immer nicht … verträgst?«
»Ja. Aber bevor ich gehe, brauche ich ein Empfehlungsschreiben von ihm. Mal sehen, … vielleicht behalte ich es und hänge es gerahmt an die Wand über mein Sofa.«
»Du spinnst! Ist doch nur’n Job.« Miriam kratzte mit den Fingernägeln Dreck von ihren Rollen ab.
»Aber ein genialer. Ich möchte mein Leben lang Museen planen. Dafür brauche ich die hervorragende Referenz hier. Bald stehen mir alle Türen offen. Nicht wie bei der einen Kollegin von mir, die plötzlich schwanger geworden ist und das Projekt verlassen musste. Sie wird ihren Namen vergeblich im Abschlussbericht suchen und hat damit die Chance auf eine Karriere vertan.« Natalie wandte den Blick vom Gebäude vor ihnen ab.
»Sollen wir weiter?«
»Schon.« Miriam rappelte sich auf und zerrte an ihrem nassen T-Shirt. Es löste sich mit einem leichten Schmatzen und flatterte einen Moment in der Luft, bis es wieder an ihrem Rücken klebte.
Büro Hofenkamp & Meyer
»Sprechen Sie mit den Pflegern. Finden Sie heraus, was andere Architekten übersehen haben – wir aber nicht! So mache ich das immer; ich spreche mit den Menschen, die mit dem Gebäude leben und arbeiten müssen. Wir perfektionieren die Notlösungen der Tierpfleger. Wir zeigen Lösungen auf, an die niemand denkt!« Herr Hofenkamp, Natalies Chef, warf sich in seinen schweren Ledersessel zurück und rollte samt Gefährt ein paar Zentimeter über das Laminat Richtung Glaswand.
Seit der Betreiber der Firma Konrad, ein knochiger Mann mit anthrazitfarbenem Anzug und violetter Krawatte, aus dem Büro geschlichen war, mieden alle Kollegen den Chef. Es gebe einen neuen Auftrag, der, mangels Größe und Wichtigkeit, an nur eine Person gehen sollte, munkelte man. Natalies Kollegin Theresa könnte das Projekt zugeteilt bekommen. Immer hielt Natalie ihr aber vor Augen, wie unrealistisch die Vorstellung war. Schließlich war ihr beider Fachwissen im Museumsteam unentbehrlich.
Jetzt stand sie selbst im Büro des Chefs. Beinahe wäre ihr der Kugelschreiber aus der Hand gefallen. Das hatte ihr noch gefehlt, so kurz vor dem Ziel. Gebäude besuchen zu müssen, in denen Viecher durch den Schlamm wateten und an ihr hochsprangen. Seit Anfang des Jahres war es im Büro verboten, eigene Hunde mitzubringen. Dafür hatte sie sich bei der Abstimmung eingesetzt. Wie hätten ihre Kollegen schließlich reagiert, wenn jemanden gebissen worden wäre?
»An welchen Ort hatten Sie gedacht?« Natalie verschränkte die Arme und klickte zweimal mit dem Kugelschreiber. Vielleicht nur Österreich.
»Welchen Ort? Welche Orte! Plural, meine Dame. Deutschland, Spanien, Frankreich, Osteuropa!«, rief er und Natalie zuckte bei jedem Wort zusammen. »Informieren Sie sich, welche unseren Projektvorschlag optimieren. Schließlich ist es eine Ausschreibung, zu der wir eingeladen wurden. Besuchen Sie zahlreiche Orte – aber das kennen Sie ja. Impressionen brauchen wir, so viele wie nötig, so außergewöhnlich wie möglich!«
Ihre Arme sanken langsam an ihrem schwarzen Kleid hinab, dann strich sie sich eine Haarsträhne vom Gesicht. Ihr Armband klimperte bei jeder Bewegung. Sie drückte es energisch hoch, bis es sich an der Haut festklemmte. Eigentlich reiste sie gerne, ließ das Flair einer neuen Stadt auf sich wirken und besuchte Museen als Inspiration. Aber jetzt sah sie nur noch die Mauern ihres Museums zusammenbrechen.
»Sie fliegen nächste Woche nach Spanien, nach Andalusien. In der Nähe gibt es zwei Tierheime, die mir Herr Konrad empfohlen hat. Ich war so frei, meine Sekretärin mit der Buchung Ihrer Reise zu beauftragen.«
»Nächste Woche? Spanien? Und was wird aus dem Meeting vom Museumsprojekt am Dienstag?«
»Lassen Sie das meine Sorge sein. Konzentrieren Sie sich auf Ihr neues Projekt. Das Tierheim.« Er nickte.
»Sie haben mir damals versprochen, dass ich das Museum bis zur letzten Sekunde mit im Team planen werde. Jetzt können Sie mich doch nicht vom Projekt abziehen! Außerdem bin ich nächste Woche verhindert. Da wollte ich … zu einer Fortbildung.« Natalie strich das Armband wieder hoch, das beim Gestikulieren herunter gerutscht war. Sicherlich, er war ihr Chef, und Wiederworte durfte sie nicht geben – aber sie konnte nicht anders.
»So? Eine Fortbildung von der ich nichts weiß? Der Flug ist gebucht. Gehen Sie schon rüber, Frau Leistner wird Ihnen die Daten mitteilen. Sonst müssen wir mal sehen, ob wir hier noch eine Aufgabe für Sie haben … Sie wissen, dass ich Sie nur eingestellt habe, weil Herr Wiesner ausgeschieden ist.« Er beugte sich über den Schreibtisch, sodass sein Bauch sich um die Tischkante vor ihm schlang und der dritte Knopf seines Hemdes sich in die Papiere drückte. Natalie kannte Herrn Wiesner nur aus Gesprächen mit ihren Kollegen. Talentiert soll er gewesen sein, aber dickköpfig und das missfiel dem Chef. Theresa warnte Natalie deshalb regelmäßig.
»Beim Museum werden Sie vorläufig nicht mehr gebraucht, Frau Feldt …« Er sprach so leise, dass sie es beinahe nicht gehört hätte. Aber seine Aussprache war klar und deutlich. Er begann zu schreiben, füllte ein Formular so schwungvoll aus, dass der ganze Tisch vibrierte, die daran befestigte goldene Tischleuchte zu wackeln begann und den Schatten seines Kopfes auf der Holzplatte flackern ließ.
Es hatte keinen Sinn. Herr Wiesner war zwei Semester vor ihr mit dem Studium fertig geworden. Jetzt arbeitete er in einem Zwei-Mann-Büro in der Nordstadt und plante Hinterhöfe und Parkplätze. Sie riss die Arme auseinander und dachte für einen Moment darüber nach, die Glastür hinter sich zuzuschlagen. Im letzten Moment beherrschte sie sich, das Empfehlungsschreiben und die Stelle standen auf dem Spiel, zumindest noch drei Monate.
Den ganzen Tag mied sie das Büro von Frau Leistner, obwohl es zentral am Hauptgang lag. Natalie nahm Umwege, ging durch das steinerne Treppenhaus am Hintereingang, anstatt den Fahrstuhl zu nutzen oder durchquerte die Büros ihrer Kollegen. Er sollte begreifen, dass sie sich nicht herumkommandieren ließ. Er sollte wissen, dass man sie nicht so einfach los wurde, dass sie zum Museum gehörte!
»Aber wenn du das Projekt nicht machst, ist er dich ganz einfach los«, rief Miriam. Der Wind zerrte an ihren Worten und Haaren. Sie standen auf dem Dach des Bürogebäudes um einen mickrigen Stehtisch, den jemand für die Raucher aufgestellt hatte. Sie betrachteten die grauen Wolken, die sich gemächlich voreinander schoben, während Miriam Rauchwolken zu ihnen blies. Jede Pause standen sie hier und tauschten sich über die Geschehnisse in ihren Firmen aus. Miriam hustete. Ihre Zigarette qualmte auf, bevor sie erlosch. »Der wird dich einfach rausschmeißen. Und das geht doch nicht. Kannst du dir nicht erlauben, brauchst doch das Geld und den Wisch!«
»Du solltest weniger rauchen und mehr Sport treiben«, entgegnete Natalie. Miriam ignorierte sie und aschte in die Luft.
»Du hast ja Recht. Verdammt! Aber wofür habe ich so lange studiert und mich abgearbeitet? Um bei Hofenkamp & Meyer eine Stelle zu bekommen und das in meinen Lebenslauf schreiben zu können? Vielleicht. Aber um irgendwelche Straßenhunde anzugucken? Niemals!« Sie lehnte sich an das Edelstahlgeländer. Hofenkamp & Meyer – Museumsarchitekten! Ein Tierheim ist weit entfernt von einem Museum. Da wird kein Glas verbaut, nur meterlange Gitterstäbe, hinter denen noch viel dreckigere … – wieso sollte man für ein Tierheim überhaupt einen Architekten brauchen?
»Komm, gehen wir wieder runter.« Miriam wandte sich dem Treppenhaus zu. »Warum nehmen wir eigentlich nicht den Aufzug?«
Natalie seufzte und folgte ihrer Freundin bis zur siebten Etage. Sie lauschte dem Hall von Miriams Schritten, den die nackten Betonwände zurückwarfen und steckte das Ende des Gürtels in die Schlaufe, aus der es manchmal heraus rutschte, drückte den schweren Messinggriff tief und ließ die Holztür hinter sich wieder ins Schloss schnappen.
Tierschutzzentrum Dortmund
Stundenlang hatte sie gestern Abend versucht, jemanden im Tierheim zu erreichen. Erst war besetzt gewesen und schließlich konnte die Frauenstimme am anderen Ende ihr keinen Termin geben. Sie sei dafür nicht verantwortlich. Heute Morgen hatte sie vom Frühstückstisch aus, mit Marmeladenbrötchen in der Hand, endlich den zuständigen Pfleger erreicht.
Vielleicht stimmte es, was ihre Kollegen erzählten: In Tierheimen säßen die Mitarbeiter den ganzen Tag nur herum. Dort stolperte man schließlich nicht von der einen in die nächste Sitzung.
Sie parkte ihren silbernen Golf, setzte die Ray-Ban Sonnenbrille auf und betrachtete sich im Rückspiegel. Ihre dunkel gefärbten Haare fielen am Wirbel neben dem Scheitel schon wieder zur falschen Seite. Ihre Gesichtsform glich einer krummen Banane. Natalie schob Strähnen hin und her und seufzte. Sie warf den Henkel ihrer Gucci Handtasche über die Schulter und setzte beide Füße aus der Autotür hinaus, ohne die schmutzige Gummiabdichtung zu berühren, und zog sich am Innengriff hoch.
Es schepperte. Sie drehte sich um. Ihr Handy lag in Einzelteilen auf den Steinplatten am Boden. Das hatte ihr noch gefehlt, sie brauchte es gleich. Sie bückte sich, doch als sie sich wieder aufrichtete, geriet sie ins Schwanken. Gerade rechtzeitig stützte sie sich mit Daumen und Zeigefinger am Auto ab und gewann ihr Gleichgewicht wieder, ohne den Lack mit der Hüfte zu touchieren. Ihr rechter Pfennigabsatz steckte zwischen zwei Pflastersteinen und löste sich nicht.
Ein junger Mann mit kurzen stacheligen Haaren, die von eine zarten Gelschicht in der Sonne glänzten, trat mit ausgestreckter Hand auf sie zu und stellte sich mit einem Grinsen als Paul vor. Er musste sie schon einige Minuten beobachtet haben. Sein rotes T-Shirt war eine Nummer zu groß und hing schlaff an ihm herab. Dadurch bedeckte es seine dunkelgrüne Latzhose teilweise, die bauschig in schweren Arbeitsschuhen steckte.
Natalie steckte die Teile des Handys zusammen und stopfte es in ihre Tasche, griff die Hand des Mannes und zögerte einen Moment. Kam er ihr nicht bekannt vor?
Hinter ihm erblickte sie das Tierheim. So unscheinbar und marginal, wie sie es sich vorgestellt hatte. Als sie ihren Schuh aus dem Schlitz gezerrt hatte, musterte sie den mintgrünen Farbanstrich. Moderne Gebäude waren grau, weiß oder schwarz, lenkten nicht ab, passten sich an. Jede Farbe musste sich entweder durch die Umgebung rechtfertigen oder einen anderen erklärbaren Ursprung haben. Aber hier …
»Ich bin der leitende Tierpfleger des Tierschutzzentrums. Wir hatten telefoniert. Sie kommen von Hofenkamp & Meyer, richtig?« Leitende Position! Der Mann war kaum älter als sie.
»Ich würde gerne alles anschauen, ein paar Fotos schießen«, sagte Natalie. Das würde vollkommen ausreichen. »Wo ist der Eingang?«
Sie hatte ihre Kollegen häufig begleitet und kannte das Prozedere. Trotzdem waren die anderen Projekte nicht vergleichbar. Da dachte man in Dimensionen, die als Einzelperson nicht zu greifen waren – zu komplex.
Die Fotos würde sie später in ihren Bericht einfügen, denn im Internet war sie nicht fündig geworden. Von den Stararchitekten wusste sie, dass sie auf Reisen stets fotografierten und riesige Bildersammlung zur Inspiration anlegten. Natalie hatte damit zum Ende ihres Studiums begonnen und bereits einige Ordner auf ihrem Computer angelegt.
Zwar gab es tausende Aufnahmen von Tierheimtieren im Internet, aber die nutzten ihr nicht. Entweder versanken die abgebildeten Tiere, zu hunderten in enge Käfige gepfercht, in ihren eigenen Exkrementen, oder es waren einzelne Hunde auf saftigen Wiesen zu sehen, um die sich eine Horde Bezugspersonen drängte. Niemanden schien die Architektur zu interessieren.
»Gut, also, wir befinden uns in unserem Eingangsbereich.« Paul deutete auf den gepflasterten Platz. »Wir sind ein städtisches Tierheim. Im Gegensatz zu Vereinen haben wir ein festes Budget zur Verfügung und unsere Mitarbeiter sind verbeamtet. Wir müssen nicht so viele Spenden einwerben und können uns ganz auf die Tiere konzentrieren.«
»Ist das nicht immer so?« Natalie trat auf die Eingangstür zu. Dabei blickte sie auf den Boden, noch einmal wollte sie nicht stolpern.
»Nein, viele Tierheime sind privat. Die brauchen Spenden, weil die Kommunen sie nur teilweise unterstützen.«
»Na, wenn man keine Geldsorgen hat, dann stimmt doch alles.« Natalie atmete ein. Anders als sie erwartet hatte, roch es hier nicht nach Exkrementen.
»Nicht ganz. Zum Beispiel dauert es Ewigkeiten, bis endlich mal Baugenehmigungen erteilt werden. Der neue Zwinger hinten steckt seit einem Jahr in der Planung. Dabei brauchen wir ihn dringend, bevor die Sommerferien beginnen.« Stille kehrte ein auf dem Vorplatz. Nur der Wind rauschte durch die Bäume und Autos über die nahegelegene Bundesstraße. Aus der Ferne drang ein Bellen zu ihnen. Würde Paul am Ende des Rundgangs etwa eine Spende von ihr verlangen? Dafür war sie nun wirklich nicht hier.
Er deutete auf einen angebauten Raum neben dem Haupteingang. »Das ist der Raum für Feuerwehr und Polizei. Die haben einen Schlüssel. Wir stellen abends, bevor wir das Tierheim verlassen, Futter und Wasser für Fundtiere rein.« Paul zog die Tür mit einem Ruck auf und stellte sich wie ein Portier dahinter. Natalie warf einen Blick hinein. Der komplett beige geflieste Raum war mit Käfigen bestückt, durch ein Oberlicht drang Licht hinein. Ob es den Hunden etwas ausmachte, eine Nacht in einem fremden Verschlag zu sitzen?
»Wieso kann die Polizei nicht bis zum Morgen warten?« Sie trat wieder zurück und ging seitlich in Richtung Eingangstür. In dieser Geschwindigkeit würden sie Ewigkeiten brauchen.
»Naja, die haben ja noch andere Aufgaben. Erst gestern lief ein Labrador mitten in der Nacht alleine über eine Kreuzung in der Innenstadt. In der Nähe vom Dortmunder U. Da wurde die Feuerwehr gerufen. Und, was sollen die mit einem Labrador auf der Wache?« Er ließ die Metalltür ins Schloss schnappen.
»Wer lässt denn seinen Hund mitten in der Nacht alleine rumlaufen?«
»Ach, Sie können sich gar nicht vorstellen, was alles passiert. Tiere laufen nun mal auch weg.«
»Das ist doch gefährlich.« Nathalie schauderte es. Was, wenn ihr eines nachts ein fremder Hund begegnete? Womöglich ein schwarzer Riese mit funkelnden Augen und gefletschten Zähnen.
»Wir geben den Besitzern immer vier Wochen Zeit, das Tier wieder abzuholen. Achtzig Prozent der Hundehalter kommen vorbei, aber nur zwanzig Prozent der Katzen werden wieder mitgenommen. Die Tiere kommen dann in unsere Vermittlung. Erst nach sechs Monaten dürfen wir sie endgültig an neue Besitzer übergeben. Steht so im Gesetz.«
Natalie war erneut auf die Eingangstür zugetreten und zog sie nun auf. Paul folgte ihr. Eine Frau versank in Stapeln aus bunten Zetteln, Stiften und einem alten Computer hinter der Holztheke der Rezeption. Neben ihr türmte sich ein palmenähnliches Gewächs in die Höhe. Zu ihrer Linken standen zwei Tierpfleger, die die gleiche Kleidung wie Paul trugen und sich über eine Katze namens Lulu unterhielten.
Bei Hofenkamp & Meyer hatte alles seine Ordnung. Wirklich alles. Die Tische waren in einem einheitlichen Grau furniert, Zettel und Stifte gehörten in Schubladen und Rollcontainern verstaut. Pflanzen gab es nicht – jemand musste schließlich die Zeit aufwänden, sich um sie zu kümmern.
»Bei gechippten Tieren können wir die Besitzer herausfinden und einfach anrufen«, erzählte Paul weiter.
»Gechippt?« Natalie bereute ihre Frage, denn die drei verstummten und musterten sie von oben bis unten. Sie schob die Sonnenbrille wie einen Haarreif auf den Kopf und richtete den Seidengürtel ihres Trenchcoats.
»Dem Hund wird im Nackenbereich ein Mikrochip mit einer Art Spritze injiziert. Der ist so mikroskopisch, dass er den Hund im Alltag nicht einschränkt. Der Chip funktioniert ein Hundeleben lang. Wenn er ausgelesen wird, sendet er die nötigen Infos. Das ist aber nicht überall in Deutschland Pflicht. Oft nur für als gefährlich eingestufte Hunde, also Listenhunde.« Der Tierpfleger nahm einen Flyer über Hundechips und reichte ihn Natalie. Sie wies sofort ab. Weder hatte sie einen Hund, noch benötigte sie einen Chip. Außerdem wollte sie die Architektur betrachten.
»So könnte man all die Hunde, die bei uns vor dem Tierheim ausgesetzt werden, direkt ihren Besitzern zuordnen. Mittlerweile haben wir zwar Kameras installiert, aber das hat sich rumgesprochen. Jetzt binden die Menschen ihre Hunde an einer Laterne vor dem Parkplatz an.«
»Tja, so ist das. Können Sie mir jetzt die Gehege zeigen? Ich muss gleich weiter.«
»Alle Gehege? Vielleicht fangen wir hier mit den Nagern an.« Er ging einige Schritte weiter und legte seine Hand auf eine silberne Türklinke. Natalie blieb stehen.
»Nein, ich muss nur die Hundezwinger sehen. Und vielleicht die Katzen.«
»Dann erst zu den Katzen, die sind gleich hier vorne. Die meiste Einrichtung, also Kratzbäume, Matten, Decken und Spielzeuge, sind gespendet.« Er öffnete eine andere Tür, sie gingen an einem Vogelhaus vorbei, in dem zwei Mitarbeiter die Wände schrubbten, und betraten den Innenhof.
»Wir bekommen pro Woche circa ein bis sieben Katzen, etwa fünfhundert pro Jahr. Zuerst finden wir heraus, ob sie Krankheiten haben und spezielles Futter oder Medizin benötigen. Wir hatten zum Beispiel eine Insulinkatze. Sie lebt jetzt in einer Pflegestelle. Wir haben hier kaum Kapazitäten für Spezialfälle.«
Sind doch nur Tiere, dachte Natalie und schaute sich die Katzengehege an. Die Boxen waren sehr geräumig, hatten einen Außen- und Innenbereich und boten den Tieren zahlreiche Rückzugsorte. Dabei teilten sich mehrere Katzen einen Raum. Ansonsten konnte Natalie nichts Ungewöhnliches entdecken.
»Später gebe ich Ihnen den Bauplan vom Tierheim«, versprach der Pfleger. Sie griff nach ihrem Handy und sag auf das Display. Es war gesprungen. Das hatte ihr noch gefehlt. Ausgerechnet jetzt. Sie fummelte am Einschaltknopf, doch es blieb tot. Sie fluchte, sodass eine Katze aufsprang und sich unter einer Wolldeckenkonstruktion versteckte. Dann würde sie eben nicht fotografieren.
»Gerade ist das Tierheim zum Glück sehr leer. Zu Hochzeiten haben wir mehr als einhundert Katzen hier. Obwohl wir sehr gute Hygienestandards haben, breiten sich dann schnell ansteckende Keime aus. Katzenschnupfen war auf unserer Quarantänestation einmal ein Problem. Ach so, wollen Sie die sehen?«
Natalie hörte ihm nur mit einem Ohr zu und nahm ihr schlichtes scharzes Notizbuch aus dem Seitenfach ihrer Handtasche. Sicherlich, die Viecher sind arm dran. Sie schlug die nächste freie Seite mithilfe des Lesebändchens auf. Die Katzengehege waren sauberer als sie gedacht hatte. Vom Boden könnte man essen, so gewienert war er. Die Gitter selbst? Weder verrostet, noch mitleidige Tierblicke dahinter. Einige Katzen kletterten jetzt sogar auf sie zu, andere räkelten sich im Hintergrund. Es roch frisch; keine Exkremente, keine Angst.
Paul hatte sich an die Säule zwischen den Gehegen gelehnt und betrachtete einen mehrfach geknickten Zettel. Irgendwoher kannte sie den jungen Mann. Die Art, wie er das Papier an sich drückte, um etwas zu notieren. Natalie konnte eine Tabelle mit Uhrzeiten und Texten darauf entdecken. Er fuhr mit dem Kugelschreiber Zeile für Zeile entlang. Zwischen den ordentlichen Linien prangten etliche hastig notierte Hinweise und weitere Uhrzeiten in blau, schwarz und grau.
Im Glashaus gegenüber verteilte eine Frau neues Stroh und wischte sich die Hände an ihrer grünen Latzhose ab.
»Sollen wir weiter? Ich habe noch einige Kennenlerntermine heute. Gehen wir zu den Hunden«, sagte der Tierpfleger. Natalie folgte ihm. Das Haus war größer als sie es sich vorgestellt hatte. Jeder Raum wurde genutzt – als Lagerkammer für Käfige und Decken, als Futterkammer, als Ruheraum für Katzenmütter mit ihren Kitten oder als Aufenthaltsraum für die Mitarbeiter. Die Ausschreibung gab keine Räume vor, die geplant werden sollten. Einzig das Grundstück stand bereits fest.
Paul öffnete eine Tür. Sofort hallte das Kläffen der Tiere von den Wänden wider und steigerte sich zu einem ohrenbetäubenden Lärmpegel. Natalie steckte sich die Finger in die Ohren. Dabei rutschte ihre Handtasche von der Schulter. Sie fing sie rechtzeitig auf. Paul ging weiter und schwang einen Schlüsselbund hin und her. Am Ring baumelte die Miniatur einer Discokugel. Die Spiegel waren ganz verkratzt.
Er war das! Jetzt wusste sie es. Paul! Im Klassenzimmer hatte er die Kugel immer in die Sonnenstrahlen gehalten und die Lehrer mit den blitzenden Lichtreflexionen irritiert. Hinten links hatte er gesessen und in den Pausen lautstark an seiner Schokomilch geschlürft. Ob er sie schon erkannt hatte? Im Herbst stand das nächste Ehemaligentreffen in der Gesamtschule an. Dann würden alle erfahren, dass sie nicht, wie sie im Internet vorgab, ausschließlich Museen plante, sondern auch unnütze Dinger wie Tierheime.
»Gonzo, mein großer«, Paul kniete sich hin. Vor ihm lief ein Schäferhund aufgeregt am Gitter auf und ab und beanspruchte seine volle Aufmerksamkeit. Vielleicht hatte er noch nichts bemerkt. Natalie schob die Sonnenbrille wieder ins Gesicht. Sie war in der Mitte des Ganges stehen geblieben und hatte die Handtasche vor ihre Hüfte gedrückt, um bloß keine Gitter zu berühren.
Sie betrachtete das Exemplar neben sich. Ein Speichelfaden floss aus dem rosa Maul heraus und tropfte in Zeitlupe auf den Boden, wo sich ein Rinnsal gebildet hatte. Was Miriam sich nur gedacht haben muss, als sie ihr riet, sich einen Hund anzuschaffen. Wahrscheinlich wollte sie wieder darauf hinaus, dass sie einen Freund brauchte.
Der Pfleger streichelte Gonzo durch die Gitter des künstlich beleuchteten Stalltrakts. Warum verwehrte man den Tieren die Aussicht? Bodenlange Fenster würden ihnen mehr Freiheit suggerieren. Sie dachte an Panoramaküchen in modernen Einfamilienhäusern. Der Hund drückte sich fest gegen Pauls Fingerspitzen.
»Ich kenn von allen den Namen. Manche habe ich selbst getauft«, lächelte er. »Der hier ist ein ganz Lieber. Mag aber keine Katzen, deshalb wurde er abgegeben.« Er ging zu einem etwas wuchtigeren beigen Hund. Der unterbrach sein Gebell und stellte sich ebenfalls nah ans Gitter.
»Wir analysieren unsere Tiere. Hat ein Hund Angst vor Radfahrern, spazieren wir mit dem zukünftigen Besitzer und dem Tier zu einem Radweg. Außerdem muss der neue Besitzer den Hund erst einmal kennenlernen. Für den Hund ist das hier schließlich sein Zuhause. Seit dieser Methode haben wir deutlich bessere Vermittlungschancen und fast keine Rückläufer.« Der Pfleger zeigte auf den Gang mit den Zwingern, die teilweise leer standen. Auch hier waren alle Boxen sauber. Sicherlich lag das nur an der deutschen Ordnung und Perfektion. In anderen Tierheimen musste es vor Kot und Urin nur so wimmeln. Natalie überlegte, das in ihrem Bericht zu vermerken, befürchtete aber, dass ihr Chef sie dann erst recht ins Ausland schickte. Der träumte schließlich davon, einmal den Pritzker-Preis zu erhalten. Der höchste Preis, mit dem ein Architekt ausgezeichnet werden kann. Aussichtslos. Solange er sich auf solche Projekt einließ, würde er niemals einen Preis dieser Größenordnung gewinnen.