Read the book: «2924 Hunde und 10 Tierheime : Roman»

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Inhalt

– Klappentext –

2924 Hunde und 10 Tierheime

Büro Konrad

Museum

Büro Hofenkamp & Meyer

Tierschutzzentrum Dortmund

Büro Hofenkamp & Meyer

Tierheim Berlin

Tierstation Esperanza

Sociedad Protectora de Animales y Plantas

Tierheim Obervintl

Büro Hofenkamp & Meyer

Doghome

Hotel in Georgien

Dog Organization Georgia

Hotel in Georgien

Städtisches Tierheim in Georgien

Hotel in Georgien

Pflegestelle Paris

Hotel in Georgien

Tierheim Asociatia Anima

Hotel in Rumänien

Red Panda Romania

Büro

– Die Tierheime –

– Quellen –

– Manuela Dörr –

– Mehr Bücher –

– Impressum –

– Klappentext –

»Sie fliegen nächste Woche nach Spanien. In der Nähe sind zwei der zehn besagten Tierheime. Ich war so frei, meine Sekretärin mit der Buchung Ihrer Reise zu beauftragen«, sagte Herr Hofenkamp.

»Nächste Woche? Und was wird aus dem Meeting vom Museumsprojekt am Dienstag?« Natalies Arme sanken langsam an ihrem schwarzen Kleid hinab.

»Da werden Sie nicht mehr gebraucht. Konzentrieren Sie sich auf Ihr neues Projekt – das Tierheim.«

2924 Hunde und 10 Tierheime

Büro Konrad

Kurz vor Feierabend. Die Sonne blitzte durch die deckenhohen Fenster, drang durch die halb geöffneten Jalousien und tauchte das Zimmer in ein grelles Gelb.

»Sie werden nach wie vor keine zusätzliche Werkstatt errichten? Bei dem Gewinn!«

»Ja. Ich habe bereits mit dem Architekturbüro gesprochen.«

»Das ist rausgeworfenes Geld!« Er ballte die Fäuste. »Wir sind nicht ohne Grund so weit gekommen. Wir müssen weiter, immer weiter. Wachstum! Mit einer vierten Halle könnten wir noch mehr Maschinen kaufen; expandieren. Wir könnten die Märkte in Osteuropa bedienen und neue Konsumentenkreise erreichen!«

»Nein bleibt nein!«, sagte Herr Konrad, klemmte sich seine Aktentasche unter den Arm und schritt in den Feierabend.

Museum

Strahlend blauer Himmel, wolkenlos, Sonnenschein. Der Boden raste unter den Vollgummireifen ihrer Inlineskates dahin. Die schmalen Rillen zwischen den aschgrauen Betonplatten echoten einen dumpfen, klackernden Rhythmus. Die Fahrbahn war breit; breit genug, um zu zweit nebeneinander zu fahren.

»Dass dich das nicht stört!« Natalie deutete auf Miriams Kopf. Die blonde Mähne ihrer Freundin wehte im Wind. Natalies Haare hingegen verdeckte ein Helm. Sie war dem Tipp ihrer Trainerin gefolgt und hatte ihn bei der Sportmarke ‚DeporteTuyo‘ im Internet bestellt.

»Ne«, hechelte Miriam zurück. »Wie weit … noch?«

»Da hinten ist es schon.« Wieder eine Kopfbewegung, dann neigte sie ihren Oberkörper vor, drückte sich kräftig mit den Beinen vom Boden ab und gewann an Vorsprung. »Wer als erstes da ist!« Ihre Freundin käme schon nach, aber bis zum Ziel wollte sie alles geben und sprinten.

Die Geschwindigkeit verzerrte die Bäume und ein Insekt zerschmetterte beim Aufprall an ihrer Sportbrille. Natalie nahm die Arme auf den Rücken, beugte den Oberkörper noch weiter vor und legte sich in die Kurve. Miriam hatte sich zu einem Fleck am Horizont verkleinert, umgeben von Weite.

Gleich würde sie ihn erreichen, den Rohbau sehen. Die ganze Woche hatte sie Pläne überarbeitet und kontrolliert, jetzt endlich erblickte sie das Gebäude wieder, das ihre Karriere explodieren lassen wird. Mit dem besten Jahrgangsabschluss hatte sie die Universität verlassen und war vom zweitangesehensten Architektenbüro der Stadt angeworben worden; von Hofenkamp & Meyer. Noch dazu für die Abteilung für Museumsarchitektur.

Sie gab Gas. Die ersten Schweißtropfen zerschellten auf dem Boden, andere fingen sich in ihrem Multifunktionsshirt und glitten über die Hightech-Gewebestrukturen außen am Körper entlang. Heute wird sie eine neue persönliche Bestzeit erreichen. Sie hatte sich abgewöhnt, zu häufig mit Miriam zu fahren. Die hatte noch nie mithalten können. Und jetzt, da ihr Pulsmesser jede Strecke aufzeichnete, die sie zurücklegte und die Daten zur Auswertung ins Internet sendete, verfälschte das ihren Schnitt. Ein Programm zeigte ihr den Trainingsfortschritt an und schloss alle Strecken in die Kalkulation ein – auch die, die sie mit Miriam zurücklegte.

Noch eine Kurve, bis sie es zu Gesicht bekäme. Die Büsche zu ihrer linken schoben sich zur Seite und ein Sandhügel wanderte in ihr Blickfeld. Dahinter erstreckten sich erste Mauern, gestützt von schweren Pfeilern. Bagger, Betonwischer, Werkzeuge und zwei Kräne, die hoch in den blauen Himmel ragten, lagen den ersten Fortschritten ihres Meisterwerks zu Füßen.

Gegenüber vom Gelände, in der Nähe des Rohbaus, befand sich eine glatt polierte Steinbank. Natalie gab noch einmal Gas, drückt den Knopf ihrer Sportuhr, um die Zeit zu stoppen und bremste abrupt ab.

Sie schwang sich auf die Bank, um den Bau in der Abenddämmerung zu mustern und auf Miriam zu warten. Hinter dem Gebäude konnte sie schon den Mond erkennen, gleichzeitig schienen die letzten Sonnenstrahlen auf ihren Rücken. Sie liebte diese Tageszeit. Manchmal kam sie mehrmals die Woche her, nachdem alle Bauarbeiter Feierabend hatten und wenn die Ruhe und Schönheit des Baus noch im letzten Licht der blauen Stunde schimmerte.

Sie hatte jede Phase der Planung miterlebt, den ersten Gesprächssitzungen mit dem Bauherrn und der Stadt beigesessen und die Ausgestaltung einer Etage übernommen. Ihre Ideen waren in die ersten Entwürfe eingeflossen. Sie hatte Glück, dass ein Bauleiter aus den eigenen Reihen vom Bauherrn gewählt worden war. Wann immer er es ihr anbot, fuhr sie mit zu den Baustellenbesichtigungen und umfangreichen Controllings. In den Zeiten im Büro half sie bei der exakten Planung der weiteren umliegenden Gebäude des Museums.

»Du… bist immer so schnell!« Miriam hatte die Bank erreicht und ließ sich ins Gras plumpsen. Ihr Oberkörper hob und senkte sich schnell, geräuschvoll pustete sie die Luft aus.

»Solltest vielleicht mal weniger rauchen. Ich sag dir, das kommt davon!« Natalie wandte ihre Augen nicht vom Bau ab. Zu ihren Füßen hustete Miriam trocken.

»Noch drei Monate, bis meine Probezeit vorbei ist. Dann bleibe ich noch, bis das Projekt hier zu Ende ist und dann … dann bin ich weg.«

»Warum? Weil …« Miriam holte tief Luft, setzte sich auf und sah das Museum an, oder vielmehr seine ersten Wände. »… weil du dich … mit dem Chef … noch immer nicht … verträgst?«

»Ja. Aber bevor ich gehe, brauche ich ein Empfehlungsschreiben von ihm. Mal sehen, … vielleicht behalte ich es und hänge es gerahmt an die Wand über mein Sofa.«

»Du spinnst! Ist doch nur’n Job.« Miriam kratzte mit den Fingernägeln Dreck von ihren Rollen ab.

»Aber ein genialer. Ich möchte mein Leben lang Museen planen. Dafür brauche ich die hervorragende Referenz hier. Bald stehen mir alle Türen offen. Nicht wie bei der einen Kollegin von mir, die plötzlich schwanger geworden ist und das Projekt verlassen musste. Sie wird ihren Namen vergeblich im Abschlussbericht suchen und hat damit die Chance auf eine Karriere vertan.« Natalie wandte den Blick vom Gebäude vor ihnen ab.

»Sollen wir weiter?«

»Schon.« Miriam rappelte sich auf und zerrte an ihrem nassen T-Shirt. Es löste sich mit einem leichten Schmatzen und flatterte einen Moment in der Luft, bis es wieder an ihrem Rücken klebte.

Büro Hofenkamp & Meyer

»Sprechen Sie mit den Pflegern. Finden Sie heraus, was andere Architekten übersehen haben – wir aber nicht! So mache ich das immer; ich spreche mit den Menschen, die mit dem Gebäude leben und arbeiten müssen. Wir perfektionieren die Notlösungen der Tierpfleger. Wir zeigen Lösungen auf, an die niemand denkt!« Herr Hofenkamp, Natalies Chef, warf sich in seinen schweren Ledersessel zurück und rollte samt Gefährt ein paar Zentimeter über das Laminat Richtung Glaswand.

Seit der Betreiber der Firma Konrad, ein knochiger Mann mit anthrazitfarbenem Anzug und violetter Krawatte, aus dem Büro geschlichen war, mieden alle Kollegen den Chef. Es gebe einen neuen Auftrag, der, mangels Größe und Wichtigkeit, an nur eine Person gehen sollte, munkelte man. Natalies Kollegin Theresa könnte das Projekt zugeteilt bekommen. Immer hielt Natalie ihr aber vor Augen, wie unrealistisch die Vorstellung war. Schließlich war ihr beider Fachwissen im Museumsteam unentbehrlich.

Jetzt stand sie selbst im Büro des Chefs. Beinahe wäre ihr der Kugelschreiber aus der Hand gefallen. Das hatte ihr noch gefehlt, so kurz vor dem Ziel. Gebäude besuchen zu müssen, in denen Viecher durch den Schlamm wateten und an ihr hochsprangen. Seit Anfang des Jahres war es im Büro verboten, eigene Hunde mitzubringen. Dafür hatte sie sich bei der Abstimmung eingesetzt. Wie hätten ihre Kollegen schließlich reagiert, wenn jemanden gebissen worden wäre?

»An welchen Ort hatten Sie gedacht?« Natalie verschränkte die Arme und klickte zweimal mit dem Kugelschreiber. Vielleicht nur Österreich.

»Welchen Ort? Welche Orte! Plural, meine Dame. Deutschland, Spanien, Frankreich, Osteuropa!«, rief er und Natalie zuckte bei jedem Wort zusammen. »Informieren Sie sich, welche unseren Projektvorschlag optimieren. Schließlich ist es eine Ausschreibung, zu der wir eingeladen wurden. Besuchen Sie zahlreiche Orte – aber das kennen Sie ja. Impressionen brauchen wir, so viele wie nötig, so außergewöhnlich wie möglich!«

Ihre Arme sanken langsam an ihrem schwarzen Kleid hinab, dann strich sie sich eine Haarsträhne vom Gesicht. Ihr Armband klimperte bei jeder Bewegung. Sie drückte es energisch hoch, bis es sich an der Haut festklemmte. Eigentlich reiste sie gerne, ließ das Flair einer neuen Stadt auf sich wirken und besuchte Museen als Inspiration. Aber jetzt sah sie nur noch die Mauern ihres Museums zusammenbrechen.

»Sie fliegen nächste Woche nach Spanien, nach Andalusien. In der Nähe gibt es zwei Tierheime, die mir Herr Konrad empfohlen hat. Ich war so frei, meine Sekretärin mit der Buchung Ihrer Reise zu beauftragen.«

»Nächste Woche? Spanien? Und was wird aus dem Meeting vom Museumsprojekt am Dienstag?«

»Lassen Sie das meine Sorge sein. Konzentrieren Sie sich auf Ihr neues Projekt. Das Tierheim.« Er nickte.

»Sie haben mir damals versprochen, dass ich das Museum bis zur letzten Sekunde mit im Team planen werde. Jetzt können Sie mich doch nicht vom Projekt abziehen! Außerdem bin ich nächste Woche verhindert. Da wollte ich … zu einer Fortbildung.« Natalie strich das Armband wieder hoch, das beim Gestikulieren herunter gerutscht war. Sicherlich, er war ihr Chef, und Wiederworte durfte sie nicht geben – aber sie konnte nicht anders.

»So? Eine Fortbildung von der ich nichts weiß? Der Flug ist gebucht. Gehen Sie schon rüber, Frau Leistner wird Ihnen die Daten mitteilen. Sonst müssen wir mal sehen, ob wir hier noch eine Aufgabe für Sie haben … Sie wissen, dass ich Sie nur eingestellt habe, weil Herr Wiesner ausgeschieden ist.« Er beugte sich über den Schreibtisch, sodass sein Bauch sich um die Tischkante vor ihm schlang und der dritte Knopf seines Hemdes sich in die Papiere drückte. Natalie kannte Herrn Wiesner nur aus Gesprächen mit ihren Kollegen. Talentiert soll er gewesen sein, aber dickköpfig und das missfiel dem Chef. Theresa warnte Natalie deshalb regelmäßig.

»Beim Museum werden Sie vorläufig nicht mehr gebraucht, Frau Feldt …« Er sprach so leise, dass sie es beinahe nicht gehört hätte. Aber seine Aussprache war klar und deutlich. Er begann zu schreiben, füllte ein Formular so schwungvoll aus, dass der ganze Tisch vibrierte, die daran befestigte goldene Tischleuchte zu wackeln begann und den Schatten seines Kopfes auf der Holzplatte flackern ließ.

Es hatte keinen Sinn. Herr Wiesner war zwei Semester vor ihr mit dem Studium fertig geworden. Jetzt arbeitete er in einem Zwei-Mann-Büro in der Nordstadt und plante Hinterhöfe und Parkplätze. Sie riss die Arme auseinander und dachte für einen Moment darüber nach, die Glastür hinter sich zuzuschlagen. Im letzten Moment beherrschte sie sich, das Empfehlungsschreiben und die Stelle standen auf dem Spiel, zumindest noch drei Monate.

Den ganzen Tag mied sie das Büro von Frau Leistner, obwohl es zentral am Hauptgang lag. Natalie nahm Umwege, ging durch das steinerne Treppenhaus am Hintereingang, anstatt den Fahrstuhl zu nutzen oder durchquerte die Büros ihrer Kollegen. Er sollte begreifen, dass sie sich nicht herumkommandieren ließ. Er sollte wissen, dass man sie nicht so einfach los wurde, dass sie zum Museum gehörte!

»Aber wenn du das Projekt nicht machst, ist er dich ganz einfach los«, rief Miriam. Der Wind zerrte an ihren Worten und Haaren. Sie standen auf dem Dach des Bürogebäudes um einen mickrigen Stehtisch, den jemand für die Raucher aufgestellt hatte. Sie betrachteten die grauen Wolken, die sich gemächlich voreinander schoben, während Miriam Rauchwolken zu ihnen blies. Jede Pause standen sie hier und tauschten sich über die Geschehnisse in ihren Firmen aus. Miriam hustete. Ihre Zigarette qualmte auf, bevor sie erlosch. »Der wird dich einfach rausschmeißen. Und das geht doch nicht. Kannst du dir nicht erlauben, brauchst doch das Geld und den Wisch!«

»Du solltest weniger rauchen und mehr Sport treiben«, entgegnete Natalie. Miriam ignorierte sie und aschte in die Luft.

»Du hast ja Recht. Verdammt! Aber wofür habe ich so lange studiert und mich abgearbeitet? Um bei Hofenkamp & Meyer eine Stelle zu bekommen und das in meinen Lebenslauf schreiben zu können? Vielleicht. Aber um irgendwelche Straßenhunde anzugucken? Niemals!« Sie lehnte sich an das Edelstahlgeländer. Hofenkamp & Meyer – Museumsarchitekten! Ein Tierheim ist weit entfernt von einem Museum. Da wird kein Glas verbaut, nur meterlange Gitterstäbe, hinter denen noch viel dreckigere … – wieso sollte man für ein Tierheim überhaupt einen Architekten brauchen?

»Komm, gehen wir wieder runter.« Miriam wandte sich dem Treppenhaus zu. »Warum nehmen wir eigentlich nicht den Aufzug?«

Natalie seufzte und folgte ihrer Freundin bis zur siebten Etage. Sie lauschte dem Hall von Miriams Schritten, den die nackten Betonwände zurückwarfen und steckte das Ende des Gürtels in die Schlaufe, aus der es manchmal heraus rutschte, drückte den schweren Messinggriff tief und ließ die Holztür hinter sich wieder ins Schloss schnappen.

Tierschutzzentrum Dortmund

Stundenlang hatte sie gestern Abend versucht, jemanden im Tierheim zu erreichen. Erst war besetzt gewesen und schließlich konnte die Frauenstimme am anderen Ende ihr keinen Termin geben. Sie sei dafür nicht verantwortlich. Heute Morgen hatte sie vom Frühstückstisch aus, mit Marmeladenbrötchen in der Hand, endlich den zuständigen Pfleger erreicht.

Vielleicht stimmte es, was ihre Kollegen erzählten: In Tierheimen säßen die Mitarbeiter den ganzen Tag nur herum. Dort stolperte man schließlich nicht von der einen in die nächste Sitzung.

Sie parkte ihren silbernen Golf, setzte die Ray-Ban Sonnenbrille auf und betrachtete sich im Rückspiegel. Ihre dunkel gefärbten Haare fielen am Wirbel neben dem Scheitel schon wieder zur falschen Seite. Ihre Gesichtsform glich einer krummen Banane. Natalie schob Strähnen hin und her und seufzte. Sie warf den Henkel ihrer Gucci Handtasche über die Schulter und setzte beide Füße aus der Autotür hinaus, ohne die schmutzige Gummiabdichtung zu berühren, und zog sich am Innengriff hoch.

Es schepperte. Sie drehte sich um. Ihr Handy lag in Einzelteilen auf den Steinplatten am Boden. Das hatte ihr noch gefehlt, sie brauchte es gleich. Sie bückte sich, doch als sie sich wieder aufrichtete, geriet sie ins Schwanken. Gerade rechtzeitig stützte sie sich mit Daumen und Zeigefinger am Auto ab und gewann ihr Gleichgewicht wieder, ohne den Lack mit der Hüfte zu touchieren. Ihr rechter Pfennigabsatz steckte zwischen zwei Pflastersteinen und löste sich nicht.

Ein junger Mann mit kurzen stacheligen Haaren, die von eine zarten Gelschicht in der Sonne glänzten, trat mit ausgestreckter Hand auf sie zu und stellte sich mit einem Grinsen als Paul vor. Er musste sie schon einige Minuten beobachtet haben. Sein rotes T-Shirt war eine Nummer zu groß und hing schlaff an ihm herab. Dadurch bedeckte es seine dunkelgrüne Latzhose teilweise, die bauschig in schweren Arbeitsschuhen steckte.

Natalie steckte die Teile des Handys zusammen und stopfte es in ihre Tasche, griff die Hand des Mannes und zögerte einen Moment. Kam er ihr nicht bekannt vor?

Hinter ihm erblickte sie das Tierheim. So unscheinbar und marginal, wie sie es sich vorgestellt hatte. Als sie ihren Schuh aus dem Schlitz gezerrt hatte, musterte sie den mintgrünen Farbanstrich. Moderne Gebäude waren grau, weiß oder schwarz, lenkten nicht ab, passten sich an. Jede Farbe musste sich entweder durch die Umgebung rechtfertigen oder einen anderen erklärbaren Ursprung haben. Aber hier …

»Ich bin der leitende Tierpfleger des Tierschutzzentrums. Wir hatten telefoniert. Sie kommen von Hofenkamp & Meyer, richtig?« Leitende Position! Der Mann war kaum älter als sie.

»Ich würde gerne alles anschauen, ein paar Fotos schießen«, sagte Natalie. Das würde vollkommen ausreichen. »Wo ist der Eingang?«

Sie hatte ihre Kollegen häufig begleitet und kannte das Prozedere. Trotzdem waren die anderen Projekte nicht vergleichbar. Da dachte man in Dimensionen, die als Einzelperson nicht zu greifen waren – zu komplex.

Die Fotos würde sie später in ihren Bericht einfügen, denn im Internet war sie nicht fündig geworden. Von den Stararchitekten wusste sie, dass sie auf Reisen stets fotografierten und riesige Bildersammlung zur Inspiration anlegten. Natalie hatte damit zum Ende ihres Studiums begonnen und bereits einige Ordner auf ihrem Computer angelegt.

Zwar gab es tausende Aufnahmen von Tierheimtieren im Internet, aber die nutzten ihr nicht. Entweder versanken die abgebildeten Tiere, zu hunderten in enge Käfige gepfercht, in ihren eigenen Exkrementen, oder es waren einzelne Hunde auf saftigen Wiesen zu sehen, um die sich eine Horde Bezugspersonen drängte. Niemanden schien die Architektur zu interessieren.

»Gut, also, wir befinden uns in unserem Eingangsbereich.« Paul deutete auf den gepflasterten Platz. »Wir sind ein städtisches Tierheim. Im Gegensatz zu Vereinen haben wir ein festes Budget zur Verfügung und unsere Mitarbeiter sind verbeamtet. Wir müssen nicht so viele Spenden einwerben und können uns ganz auf die Tiere konzentrieren.«

»Ist das nicht immer so?« Natalie trat auf die Eingangstür zu. Dabei blickte sie auf den Boden, noch einmal wollte sie nicht stolpern.

»Nein, viele Tierheime sind privat. Die brauchen Spenden, weil die Kommunen sie nur teilweise unterstützen.«

»Na, wenn man keine Geldsorgen hat, dann stimmt doch alles.« Natalie atmete ein. Anders als sie erwartet hatte, roch es hier nicht nach Exkrementen.

»Nicht ganz. Zum Beispiel dauert es Ewigkeiten, bis endlich mal Baugenehmigungen erteilt werden. Der neue Zwinger hinten steckt seit einem Jahr in der Planung. Dabei brauchen wir ihn dringend, bevor die Sommerferien beginnen.« Stille kehrte ein auf dem Vorplatz. Nur der Wind rauschte durch die Bäume und Autos über die nahegelegene Bundesstraße. Aus der Ferne drang ein Bellen zu ihnen. Würde Paul am Ende des Rundgangs etwa eine Spende von ihr verlangen? Dafür war sie nun wirklich nicht hier.

Er deutete auf einen angebauten Raum neben dem Haupteingang. »Das ist der Raum für Feuerwehr und Polizei. Die haben einen Schlüssel. Wir stellen abends, bevor wir das Tierheim verlassen, Futter und Wasser für Fundtiere rein.« Paul zog die Tür mit einem Ruck auf und stellte sich wie ein Portier dahinter. Natalie warf einen Blick hinein. Der komplett beige geflieste Raum war mit Käfigen bestückt, durch ein Oberlicht drang Licht hinein. Ob es den Hunden etwas ausmachte, eine Nacht in einem fremden Verschlag zu sitzen?

»Wieso kann die Polizei nicht bis zum Morgen warten?« Sie trat wieder zurück und ging seitlich in Richtung Eingangstür. In dieser Geschwindigkeit würden sie Ewigkeiten brauchen.

»Naja, die haben ja noch andere Aufgaben. Erst gestern lief ein Labrador mitten in der Nacht alleine über eine Kreuzung in der Innenstadt. In der Nähe vom Dortmunder U. Da wurde die Feuerwehr gerufen. Und, was sollen die mit einem Labrador auf der Wache?« Er ließ die Metalltür ins Schloss schnappen.

»Wer lässt denn seinen Hund mitten in der Nacht alleine rumlaufen?«

»Ach, Sie können sich gar nicht vorstellen, was alles passiert. Tiere laufen nun mal auch weg.«

»Das ist doch gefährlich.« Nathalie schauderte es. Was, wenn ihr eines nachts ein fremder Hund begegnete? Womöglich ein schwarzer Riese mit funkelnden Augen und gefletschten Zähnen.

»Wir geben den Besitzern immer vier Wochen Zeit, das Tier wieder abzuholen. Achtzig Prozent der Hundehalter kommen vorbei, aber nur zwanzig Prozent der Katzen werden wieder mitgenommen. Die Tiere kommen dann in unsere Vermittlung. Erst nach sechs Monaten dürfen wir sie endgültig an neue Besitzer übergeben. Steht so im Gesetz.«

Natalie war erneut auf die Eingangstür zugetreten und zog sie nun auf. Paul folgte ihr. Eine Frau versank in Stapeln aus bunten Zetteln, Stiften und einem alten Computer hinter der Holztheke der Rezeption. Neben ihr türmte sich ein palmenähnliches Gewächs in die Höhe. Zu ihrer Linken standen zwei Tierpfleger, die die gleiche Kleidung wie Paul trugen und sich über eine Katze namens Lulu unterhielten.

Bei Hofenkamp & Meyer hatte alles seine Ordnung. Wirklich alles. Die Tische waren in einem einheitlichen Grau furniert, Zettel und Stifte gehörten in Schubladen und Rollcontainern verstaut. Pflanzen gab es nicht – jemand musste schließlich die Zeit aufwänden, sich um sie zu kümmern.

»Bei gechippten Tieren können wir die Besitzer herausfinden und einfach anrufen«, erzählte Paul weiter.

»Gechippt?« Natalie bereute ihre Frage, denn die drei verstummten und musterten sie von oben bis unten. Sie schob die Sonnenbrille wie einen Haarreif auf den Kopf und richtete den Seidengürtel ihres Trenchcoats.

»Dem Hund wird im Nackenbereich ein Mikrochip mit einer Art Spritze injiziert. Der ist so mikroskopisch, dass er den Hund im Alltag nicht einschränkt. Der Chip funktioniert ein Hundeleben lang. Wenn er ausgelesen wird, sendet er die nötigen Infos. Das ist aber nicht überall in Deutschland Pflicht. Oft nur für als gefährlich eingestufte Hunde, also Listenhunde.« Der Tierpfleger nahm einen Flyer über Hundechips und reichte ihn Natalie. Sie wies sofort ab. Weder hatte sie einen Hund, noch benötigte sie einen Chip. Außerdem wollte sie die Architektur betrachten.

»So könnte man all die Hunde, die bei uns vor dem Tierheim ausgesetzt werden, direkt ihren Besitzern zuordnen. Mittlerweile haben wir zwar Kameras installiert, aber das hat sich rumgesprochen. Jetzt binden die Menschen ihre Hunde an einer Laterne vor dem Parkplatz an.«

»Tja, so ist das. Können Sie mir jetzt die Gehege zeigen? Ich muss gleich weiter.«

»Alle Gehege? Vielleicht fangen wir hier mit den Nagern an.« Er ging einige Schritte weiter und legte seine Hand auf eine silberne Türklinke. Natalie blieb stehen.

»Nein, ich muss nur die Hundezwinger sehen. Und vielleicht die Katzen.«

»Dann erst zu den Katzen, die sind gleich hier vorne. Die meiste Einrichtung, also Kratzbäume, Matten, Decken und Spielzeuge, sind gespendet.« Er öffnete eine andere Tür, sie gingen an einem Vogelhaus vorbei, in dem zwei Mitarbeiter die Wände schrubbten, und betraten den Innenhof.

»Wir bekommen pro Woche circa ein bis sieben Katzen, etwa fünfhundert pro Jahr. Zuerst finden wir heraus, ob sie Krankheiten haben und spezielles Futter oder Medizin benötigen. Wir hatten zum Beispiel eine Insulinkatze. Sie lebt jetzt in einer Pflegestelle. Wir haben hier kaum Kapazitäten für Spezialfälle.«

Sind doch nur Tiere, dachte Natalie und schaute sich die Katzengehege an. Die Boxen waren sehr geräumig, hatten einen Außen- und Innenbereich und boten den Tieren zahlreiche Rückzugsorte. Dabei teilten sich mehrere Katzen einen Raum. Ansonsten konnte Natalie nichts Ungewöhnliches entdecken.

»Später gebe ich Ihnen den Bauplan vom Tierheim«, versprach der Pfleger. Sie griff nach ihrem Handy und sag auf das Display. Es war gesprungen. Das hatte ihr noch gefehlt. Ausgerechnet jetzt. Sie fummelte am Einschaltknopf, doch es blieb tot. Sie fluchte, sodass eine Katze aufsprang und sich unter einer Wolldeckenkonstruktion versteckte. Dann würde sie eben nicht fotografieren.

»Gerade ist das Tierheim zum Glück sehr leer. Zu Hochzeiten haben wir mehr als einhundert Katzen hier. Obwohl wir sehr gute Hygienestandards haben, breiten sich dann schnell ansteckende Keime aus. Katzenschnupfen war auf unserer Quarantänestation einmal ein Problem. Ach so, wollen Sie die sehen?«

Natalie hörte ihm nur mit einem Ohr zu und nahm ihr schlichtes scharzes Notizbuch aus dem Seitenfach ihrer Handtasche. Sicherlich, die Viecher sind arm dran. Sie schlug die nächste freie Seite mithilfe des Lesebändchens auf. Die Katzengehege waren sauberer als sie gedacht hatte. Vom Boden könnte man essen, so gewienert war er. Die Gitter selbst? Weder verrostet, noch mitleidige Tierblicke dahinter. Einige Katzen kletterten jetzt sogar auf sie zu, andere räkelten sich im Hintergrund. Es roch frisch; keine Exkremente, keine Angst.

Paul hatte sich an die Säule zwischen den Gehegen gelehnt und betrachtete einen mehrfach geknickten Zettel. Irgendwoher kannte sie den jungen Mann. Die Art, wie er das Papier an sich drückte, um etwas zu notieren. Natalie konnte eine Tabelle mit Uhrzeiten und Texten darauf entdecken. Er fuhr mit dem Kugelschreiber Zeile für Zeile entlang. Zwischen den ordentlichen Linien prangten etliche hastig notierte Hinweise und weitere Uhrzeiten in blau, schwarz und grau.

Im Glashaus gegenüber verteilte eine Frau neues Stroh und wischte sich die Hände an ihrer grünen Latzhose ab.

»Sollen wir weiter? Ich habe noch einige Kennenlerntermine heute. Gehen wir zu den Hunden«, sagte der Tierpfleger. Natalie folgte ihm. Das Haus war größer als sie es sich vorgestellt hatte. Jeder Raum wurde genutzt – als Lagerkammer für Käfige und Decken, als Futterkammer, als Ruheraum für Katzenmütter mit ihren Kitten oder als Aufenthaltsraum für die Mitarbeiter. Die Ausschreibung gab keine Räume vor, die geplant werden sollten. Einzig das Grundstück stand bereits fest.

Paul öffnete eine Tür. Sofort hallte das Kläffen der Tiere von den Wänden wider und steigerte sich zu einem ohrenbetäubenden Lärmpegel. Natalie steckte sich die Finger in die Ohren. Dabei rutschte ihre Handtasche von der Schulter. Sie fing sie rechtzeitig auf. Paul ging weiter und schwang einen Schlüsselbund hin und her. Am Ring baumelte die Miniatur einer Discokugel. Die Spiegel waren ganz verkratzt.

Er war das! Jetzt wusste sie es. Paul! Im Klassenzimmer hatte er die Kugel immer in die Sonnenstrahlen gehalten und die Lehrer mit den blitzenden Lichtreflexionen irritiert. Hinten links hatte er gesessen und in den Pausen lautstark an seiner Schokomilch geschlürft. Ob er sie schon erkannt hatte? Im Herbst stand das nächste Ehemaligentreffen in der Gesamtschule an. Dann würden alle erfahren, dass sie nicht, wie sie im Internet vorgab, ausschließlich Museen plante, sondern auch unnütze Dinger wie Tierheime.

»Gonzo, mein großer«, Paul kniete sich hin. Vor ihm lief ein Schäferhund aufgeregt am Gitter auf und ab und beanspruchte seine volle Aufmerksamkeit. Vielleicht hatte er noch nichts bemerkt. Natalie schob die Sonnenbrille wieder ins Gesicht. Sie war in der Mitte des Ganges stehen geblieben und hatte die Handtasche vor ihre Hüfte gedrückt, um bloß keine Gitter zu berühren.

Sie betrachtete das Exemplar neben sich. Ein Speichelfaden floss aus dem rosa Maul heraus und tropfte in Zeitlupe auf den Boden, wo sich ein Rinnsal gebildet hatte. Was Miriam sich nur gedacht haben muss, als sie ihr riet, sich einen Hund anzuschaffen. Wahrscheinlich wollte sie wieder darauf hinaus, dass sie einen Freund brauchte.

Der Pfleger streichelte Gonzo durch die Gitter des künstlich beleuchteten Stalltrakts. Warum verwehrte man den Tieren die Aussicht? Bodenlange Fenster würden ihnen mehr Freiheit suggerieren. Sie dachte an Panoramaküchen in modernen Einfamilienhäusern. Der Hund drückte sich fest gegen Pauls Fingerspitzen.

»Ich kenn von allen den Namen. Manche habe ich selbst getauft«, lächelte er. »Der hier ist ein ganz Lieber. Mag aber keine Katzen, deshalb wurde er abgegeben.« Er ging zu einem etwas wuchtigeren beigen Hund. Der unterbrach sein Gebell und stellte sich ebenfalls nah ans Gitter.

»Wir analysieren unsere Tiere. Hat ein Hund Angst vor Radfahrern, spazieren wir mit dem zukünftigen Besitzer und dem Tier zu einem Radweg. Außerdem muss der neue Besitzer den Hund erst einmal kennenlernen. Für den Hund ist das hier schließlich sein Zuhause. Seit dieser Methode haben wir deutlich bessere Vermittlungschancen und fast keine Rückläufer.« Der Pfleger zeigte auf den Gang mit den Zwingern, die teilweise leer standen. Auch hier waren alle Boxen sauber. Sicherlich lag das nur an der deutschen Ordnung und Perfektion. In anderen Tierheimen musste es vor Kot und Urin nur so wimmeln. Natalie überlegte, das in ihrem Bericht zu vermerken, befürchtete aber, dass ihr Chef sie dann erst recht ins Ausland schickte. Der träumte schließlich davon, einmal den Pritzker-Preis zu erhalten. Der höchste Preis, mit dem ein Architekt ausgezeichnet werden kann. Aussichtslos. Solange er sich auf solche Projekt einließ, würde er niemals einen Preis dieser Größenordnung gewinnen.

»Er ist gerne hier.« Der Hund neben Paul ließ die Augenlieder flackern und schubbelte seine Seite an den Händen des Mannes. »Wenn wir mit den Hunden vom Spaziergang zurückkommen, freuen sie sich auf ihren Käfig. Manche ziehen richtig an der Leine.«

»Wirklich? In dem Gefängnis hier kann man sich wohlfühlen?« Natalie zuckte zusammen. Hatte sie das wirklich ausgesprochen?

»Gefängnis, das stimmt. Aber sehen Sie es mal so, die Tiere bekommen Futter und Wasser, haben ein Dach über dem Kopf, Bewegung und werden nicht misshandelt. Es ist ihr Zuhause. Kommen Sie mit, ich zeige Ihnen noch den Außenbereich und die Ausläufe.« Draußen saß in jedem Zwinger ein einziger Hund. Manche sprangen gegen die Gitterwände, knurrten sich an oder wiederholten ihre Bewegungen ununterbrochen in immer demselben Schema. Jeder schien auf seine Art um Aufmerksamkeit zu buhlen. Sie blieben vor einem kleingewachsenen Hund stehen. Er hob immer wieder sein Vorderbein und humpelte zu ihnen herüber.

»Das ist Lilly, sie wird bestimmt nicht lange hier bleiben. Mitleidstiere werden zuerst adoptiert. Vielleicht, weil die Menschen denken, dass sie etwas besonders Gutes tun. Selbstbestätigung. Danach kommen die Jungen, Hübschen und nach Aufmerksamkeit Gierenden. Das hat zur Folge, dass schüchterne und aggressive Tiere am längsten im Tierheim sitzen, weil sie sich nicht zeigen und präsentieren«, erklärte Paul.

Nein, er konnte sie unmöglich erkannt haben, so sachlich wie er blieb.

»Das da vorne sind die Auslaufflächen. Da darf jeder Hund einige Stunden pro Tag rein. Aber wenn das Tierheim sehr voll ist, reichen die Gehege kaum aus. Neben dem Füttern und Säubern, stellen wir auch die Gruppen zusammen. Da kommen wir schnell an unsere personellen Grenzen.«

Im Gehege raste ein schwarzer Hund an ihnen vorbei, direkt in die Arme eines Mannes. Daneben sprang ein Besenförmiger mit dreieckig abstehenden Ohren wie ein Reh über die Wiese und jagte den dicken Schwarzen. Der schnaufte und schaute durch seine Glubschaugen zum Besitzer hinüber. Schließlich knurrte er das haarige Wesen an und ergriff die Flucht.

»Wir testen gerade, ob die beiden sich vertragen. Die Hündin aus dem Tierheim kennt den Besitzer schon, seinen Mops aber noch nicht. Wenn bei den ersten Begegnungen alles gut läuft, lassen wir den Besitzer mit seinen Hunden alleine.«

»Und die Ausläufe?« Natalie schaute auf die Uhr. Ein wenig Zeit konnte sie sich noch nehmen. Vielleicht stieß sie noch auf eine von diesen Innovationen, an die ihr Chef glaubte. Bisher war die Ausbeute eher ernüchternd.

»Die Ausläufe sind da hinten, auf der anderen Seite vom Tierheim. Folgen Sie mir.« Sie überquerten das gesamte Gelände, passierten das Haupthaus und die Katzengehege. Natalie bemerkte einen Hund, der hinter einem Zaun entlang trottete. Er sah aus wie einer der Schlittenhunde, die sie im Fernsehen gesehen hatte. In einer Szene wurden die Weißen mit Fleischbrocken gefüttert. Der Schnee glich einem blutigen Schlachtfeld.

»Ich sehe die Gehege. Ich glaube, das reicht mir von hier«, bemerkte sie und blieb stehen.

»Das ist nicht weit, sie dürfen sie auch mal streicheln. Eine ganz junge Quirlige ist das«, sagte der Tierpfleger und schloss das Tor auf. Natalie blieb einige Schritte hinter Paul stehen und zögerte.

»Wir brauchen nicht rein … es reicht mir so. Ich sehe alles von hier.«

»Na, zum Hund dürfen Sie sowieso nicht rein. Versicherungen … Aber wir können in den Gang gehen, da hat man einen besseren Überblick. Das brauchen Sie doch für Ihr Projekt.«

Natürlich musste sie die Ausläufe sehen, ihr blieb nichts anderes übrig. Sie drückte die Handtasche vor ihre Brust und folgte Paul.

Der Husky sprang neben ihnen am Gitter auf und ab. Er hastete wieder los und nahm Anlauf. Als er den Sand bei einer Vollbremsung zu einer Staubfontäne aufwirbelte, blitzten seine Zähne scharf hervor. Natalie hob die Arme vor das Gesicht. Sie griff nach den Henkeln der Handtasche und trat zwei Schritte rückwärts, bevor sie die Sandkörner von ihrem Marccain Trenchcoat strich. Das dürften die ersten Dreckflecken sein, noch besser. Sie zog den Taillengürtel enger.

»Die Besitzer haben nicht daran gedacht, dass ein Husky viel Bewegung und Auslauf braucht. Wohnen in einer Dreizimmerwohnung im Stadtzentrum.« Er verzog das Gesicht und rief die Hündin. Unbeeindruckt entfernte sie sich weiter, nur um im nächsten Moment wieder loszusprinten. Diesmal wich Natalie rechtzeitig aus und der Dreck flog ins Leere.

»Ich muss jetzt los«, sagte sie. Sie durchquerten das Gebäude und gingen zurück zum Eingangstor. Natalie setzte die Sonnenbrille auch zum Abschied nicht ab.

»Kann ich mehr über Ihr Projekt erfahren?«

»Es ist erstmal nur eine Ausschreibung.«

»Gut, dann bis in ein paar Wochen. Ich freue mich schon«, sagte Paul und verschwand wieder im Tierheim.

Ein Schäferhund und sein Pfleger stürmten durch die Tür. Der Köter zog den Mann hinter sich her.

»Ist das Gonzo?«, fragte Natalie.

»Ja, genau. Sind Sie die Architektin?« Der Mann versuchte bei jedem Schritt zu bremsen, verringerte das Tempo des Tieres aber nur unbedeutend.

»Ja, bin ich«, antwortete sie, drehte ihm den Rücken zu und hastete zum Wagen. Sie grub den Schlüssel aus der Tasche und stocherte im Schloss.

»Ich bin hier Ein-Euro-Jobber und gehe regelmäßig mit den Hunden Gassi. Damit die Bewegung haben und mal was anderes zu Gesicht bekommen«, fügte er hinzu, doch Natalie schwang sich schon in ihren Wagen und knallte die Tür gerade rechtzeitig vor Gonzos Nase zu. Er schreckte zurück und schnupperte an den Reifen.

Genug Tierheim, dachte Natalie und startete den Motor. Zeit für das Museumsprojekt.

Büro Hofenkamp & Meyer

»Frau Feldt, auch Fakten wie ‚Gesundheitszustand der Tiere‘ müssen Sie berücksichtigen! Solche Kleinigkeiten ebnen den Weg zu guter funktionaler Architektur. Gute? Hervorragende! Und warum haben sie geschrieben, dass die Außengehege an mehreren Orten verteilt sind? Das Warum muss da stehen.«

Ihr Chef schleuderte den Bericht auf Natalies Schreibtisch. Der sorgsam arrangierte Stapel mit den Unterlagen des Museumsprojektes hob ab und die Zettel landeten wie vertrocknetes Laub wirr auf dem Boden. Das Rascheln der Nachbarschreibtische verstummte. Aus dem Augenwinkel sah Natalie, wie ihre Kollegen angestrengter als sonst auf ihre Monitore starrten. Natürlich stellte er sie vor allen bloß, was hätte sie anderes von ihm erwarten sollen?

»Sie müssen noch viel lernen. Der Pfleger hat die Tiere durch das Gitter gestreichelt? Vielleicht lässt sich daraus ein besonderes Detail entwickeln. Eine Streichelluke oder was weiß ich! Fragen Sie Spezialisten. Finden Sie heraus, ob sich Katzen den ganzen Tag sonnen wollen, Hunde ihre Besucher lieber gleich sehen oder sie erst schnuppern möchten. Und mögen die Tiere es, wenn Menschen sie von oben herab betrachten?« Er holte Luft. »Fahren Sie nach Berlin, da ist das größte Tierheim Deutschlands. Es ist ein neuer Bau, von Dietrich Bangert.« Er drehte sich um und marschierte den Gang zwischen den Schreibtischen entlang.

In fetten Buchstaben prangte ‚Neu bis Freitag‘ auf dem Titelblatt ihres Berichtes. Sie schlug die erste Seite auf. Rote Striche schlängelten sich um ihre Wörter, vernichteten sie.

»Frau Feldt!« Sein wulstiger Kopf lugte aus dem Büro heraus, die spiegelnde Scheibe verzerrte seinen Körper unvorteilhaft. Glaskasten nannten sie den Raum, in dem nichts unsichtbar blieb, jede Lippenbewegung der Sprechenden ablesbar war.

»Haben Sie mit Frau Leistner gesprochen?« Natalie erntete einen mitleidigen Blick von Theresa, die am Schreibtisch neben ihr saß.

»Noch nicht. Gleich …«

»Jetzt!« Sein Kopf verschwand. Was blieb ihr anderes übrig? Berlin, das wäre machbar und Spanien … ihr blieb keine Wahl. Sie würde die beiden Orte besuchen, die Fehler im Bericht ausmerzen und Lösungsansätze einbauen. Als sie gestern Abend noch im Büro gesessen und Gedanken aufgeschrieben hatte, hatte Theresa ihr ihre Hilfe angeboten.

»Nein, ich schaffe das alleine.« Natalie hatte sich nicht einmal umgedreht, sondern weiter auf den Bildschirm gestarrt.

»Hüte dich davor, zu viel Zeit zu investieren«, hatte Theresa ihr geraten. Schließlich sei es nur ein unbedeutendes Projekt, ein Test vom Chef, und sie wollten doch gemeinsam mit dem Museumsprojekt erfolgreich werden. Noch hatten die Kollegen den Museumsbauplan fast so belassen. Einige Türen und Gänge seien leicht versetzt worden. Ja, noch hatte sie Zeit zurückzukehren.

Tierheim Berlin

Nach der Tierheimbesichtigung würde sie sofort wieder aufbrechen müssen und für die Hauptstadt keine Zeit haben. Einmal hatte sie Berlin mit einer Freundin erkundet, sie waren in einem der Touristenboote auf der Spree gefahren und hatten das Holocaustmuseum besucht. Diesmal würde ihr Besuch anders aussehen. Sie trug ihre Arbeitskleidung – eine gerade geschnittene schwarze Sommerhose von Hugo Boss samt passendem Blazer und eine hellgraue Bluse.

Gebäude von Dietrich Bangert hatte sie in einer Gruppenarbeit zur Recherche für eine Hausarbeit in der Universität analysiert. Von dem sechzehn Hektar großen Tierheim hatte sie aber nicht gehört, obwohl sie regelmäßig die Fachzeitschriften überflog. Die Fertigstellung des fünfundsechzig Millionen Euro teuren Architekturplans lag schon mehr als zehn Jahre zurück, vielleicht lag es daran.

Die Bahn bremste und drückte sie in den Sitz. Zwei Männer schlurften in den Vierer neben sie. Einer von ihnen zerrte an seiner Regenjacke, deren Ärmel zu kurz und deren Farbe so verblichen waren, dass sich das Gelb an manchen Stellen fast in Weiß verwandelt hatte. Natalie verzog das Gesicht. Was hatte sie in der Umgebung eines Tierheims anderes erwartet? Sie zog ihre Handtasche auf den Schoß und fluchte leise. Das Anfangsgehalt reichte nicht für ein Taxi. Sie setzte sich auf und blickte starr aus dem Fenster.

»Verdammt!« Natalie verdrehte sich, um ihren Lederschuh zu inspizieren. Staubige Erde bedeckte den Absatz. Erst vor zwei Wochen hatte sie ihn mit Miriam bei Prada erstanden. Sie nahm ein Taschentuch aus der Handtasche und wischte die Oberfläche ab. Es hatte einige Tage nicht geregnet und die Schlaglöcher im Boden waren hart und knochig. Sie zog ein weiteres Taschentuch aus ihrer Aktentasche und rieb über ihre Finger.

Unter das Zwitschern mischte sich Hundegebell. Sie durchschritt das mächtige eiserne Eingangstor und betrachtete den weiträumigen Bereich, der sich vor ihr erstreckte. Sie dachte an das Interview, dass sie über Herrn Bangert gelesen hatte. Dass das alte Tierheim Chaos gewesen sei, es weg und etwas ganz anderes her musste.

Sie wusste, dass er in der Recherchezeit einen ganzen Aktenordner mit Inspirationen angelegt hatte, weit gereist war und zahlreiche Tierheime besucht hatte. Was würde sie dafür geben, diesen Aktenordner zu bekommen. Sie zuckte mit den Schultern, passierte Café, Souvenir- und Tierzubehörshop und fragte an der Rezeption nach der Tierpflegerin, mit der sie verabredet war. Kurz darauf stellte sich ihr eine weißblonde Frau als Caroline vor. Sie befand sich im zweiten Lehrjahr zur Tierpflegerin.

»Wir zeigen bei Führungen immer erst die Nagetiere, dann die Katzen- und Hundehäuser und zum Schluss die Reptilien«, erklärte sie. Ihre Wangen waren leicht gerötet. Sie warf ihre langen Haare über die Schulter nach hinten, aber sie rutschten über ihre rote Tierpflegerjacke sofort wieder nach vorne zurück.

»Reptilien? In Tierheimen?«, fragte Natalie.

»Ja, die haben wir erst seit einigen Jahren, sollen wir sie anschauen?« Caroline drehte sich schon um und marschierte los.

»Nein, nein.« Natalie rührte sich nicht. »Für meinen Auftrag muss ich nur Katzen- und Hundehäuser sehen.« Sie wollte schließlich heute noch zurück ins Ruhrgebiet fahren, dafür musste sie den Termin hier zügig hinter sich bringen.

»Oh, gut, dann … zu den Hunden? Das ist gleich da. Ich erzähle Ihnen auf dem Weg gerne etwas über unser Tierheim.« Natalie nickte und die junge Frau änderte leicht den Kurs.

»An den Wochenenden kommen fast tausend Besucher, sie unternehmen Ausflüge hierher.«

»Einen Ausflug ins Tierheim? In den Zoo, gut. Aber ins Tierheim? Ist das nicht langweilig?«

»Nein, ganz und gar nicht. Viele Familien genießen die Atmosphäre und den Tierschutzbauernhof. Da haben wir auch Schweine und Hühner.« Caroline deutete mit der Hand in die Ferne, »hinter der Betonwand.«

»Den Bauernhof haben wir speziell für die Berliner Tierschutzjugend erbaut. Da gibt es Tierschutzlehrer, die mit Schülergruppen arbeiten. In einer Großstadt gibt es schließlich kaum mehr Tiere.«

»Was für Projekte denn? Wie man sich um sein Tier kümmert?«

»Wir klären die Kinder über Haltungsbedingungen von Haustieren auf. Manche der Kleineren denken sogar, dass Kühe lila und Hasen aus Schokolade sind. Für die Älteren gibt es Projekte über Zirkus und Massentierhaltung. Wir möchten eine Generation durch Bildung zum Nachdenken anregen.«

Natalie gefiel die Idee, den Bauernhof als Schule für Kinder zu gestalten. Wann hatte sie das letzte Mal ein echtes Schwein – nicht auf dem Teller, sondern lebendig – gesehen? Mit einem Blick auf ihre saubere Hose und die Schuhe widerstand sie dem Wunsch, sich das Gelände anzusehen. Wenigstens führten betonierte Wege über das Hauptgelände.

Sie schlenderten weiter und wurden von einem älteren Herrn in ebenfalls rotem T-Shirt auf einem Drahtesel überholt. Seine Dienstbekleidung leuchtete im Komplementärkontrast zu den efeubewachsenen Betonwänden. Zur Eröffnung des Tierheims mussten alle Wände noch grau gewesen sein, das hatte Natalie auf Bildern gesehen. Kein Wunder, dass der Bau damit auf Missmut gestoßen war. Den Menschen war der Beton zu kahl. Dass der Tierschutzverein für eine solch triste Atmosphäre so viel Geld zahle, war für viele unvorstellbar. Natalie erinnerte sich an das Uniprojekt über Dachbegrünung, bei dem sie das erste Mal in Teams gearbeitet hatten. Mit Blaukissen oder wildem Rankwein konnte man schnell begrünen, hatten sie festgestellt. Auch hier hätte man die Pflanzen von oben herab wachsen lassen und die Lücken des Efeus ergänzen können. Oder hatte man den modernen Sichtbeton, der dem Gebäude zur futuristischen Anmutung verhalf, zunächst nicht bedecken wollen?

»Zirkeling, Bellen, Springen, hoch, runter – all das sind Anzeichen für den Stress, dem die Tiere im Tierheim ausgesetzt sind. Deshalb sind die meisten Bereiche unseres Tierheims nicht mehr öffentlich zugänglich. Jeden Tag kommen andere fremde Leute, jeder will gucken und fühlen. Das ist sehr anstrengend für die Tiere, daher die begrenzten Besuchszeiten und die vielen Tore.«

Sie betraten den ersten Hundepavillon. Er bestand aus einer kreisförmigen Auslauffläche im Zentrum und drei angrenzenden Gebäuden mit Hundezwingern. Wie viele andere Tierheime war das Tierheim Berlin früher in einem zweckentfremdeten Gebäude, einem ehemaligen Schweinestall untergebracht gewesen. Die neue Anlage ist perfekt auf die Bedürfnisse angepasst. Jeder Hund kann sich in seine private Box zurückziehen, mit seinen Artgenossen über eine grüne Wiese hinweg durch die Gitter kommunizieren oder sich im inneren Teil hinter Plexiglasscheiben den prüfenden Blicken der Besucher stellen. Die Boxen sind im Kreis angeordnet. Dabei ist die vordere Konfrontationsfläche gering und der freie Rückzugsort üppig.

»Kleine Hunde werden eher adoptiert als Große. Schwarze Riesen sitzen fast ihr Leben lang im Tierheim, obwohl sie nicht gefährlicher sind und …«

»Können wir den hinteren Bereich betreten? Ich würde mir die Anlage gerne von da ansehen«, unterbrach Natalie die Pflegerin.

»Eigentlich nicht, das ist der Ruhebereich der Tiere«, sagte Caroline. »Aber wir können die zuständigen Pfleger fragen. Warten Sie kurz hier.«

In der Universität waren sie immer dazu angehalten worden, sich architektonisch wertvolle Gebäude genau anzusehen, sie zu analysieren, zu inspizieren und zu dokumentieren. Das war eine Vorbereitung für eine solche Situation gewesen. Jetzt musste sie darauf bestehen, alles zu sehen.

Caroline kam mit einer Pflegerin zurück. Sie redete etwas von ‚zum Schutz der Tiere‘, schloss widerwillig den hinteren Bereich auf und blieb demonstrativ an der Türe stehen. Natalie setzte einen Schritt hinein – ein tiefer Bass gab das Startsignal. Soprane stiegen ein und das Jaulen einer schrägen Geige schwang im Hintergrund. Dabei hatte Bangert sich doch Gedanken darüber gemacht, die Lautstärke zu reduzieren. Die Hundeboxen ordnete er in einem Rundbogen an und umgab sie von einer Mauer, um den Schall zu dämmen. Er hatte sogar vermessen lassen, wie laut Hunde bellten.

»Führen die Käfige nach innen?«, schrie Natalie ihrer Begleiterin zu, um das Konzert zu übertönen.

»Ja. Aber wir nennen sie ‚Zimmer‘. Es sind die Räume der Hunde, sind ihr Zuhause. Keine Käfige.«

Rechts von ihr sprang ein Junghund am Gitter hoch und begrüßte sie so aufgeregt, dass er bei manchen Landungen auf den Fliesen ausrutschte, auf die Seite fiel und wieder zum Gitter lief, um sich erneut in die Höhe zu katapultieren. Warum folgten die beiden ihr nicht? Nach einigen Minuten beruhigten sich die meisten Hunde, nur aus einem Pavillon gegenüber war noch ein Jaulen zu hören. Etliche Hundeaugen hefteten sich an Natalies Schritte. Es roch nach frisch gemähtem Gras, nicht nach Hund.

Wie in Dortmund sind die Zimmer sehr sauber und schmale Betonstege vor den Boxen umkreisen die Hundehäuser. Amseln flogen über die Wiese zwischen den Gebäuden, landeten in der Nähe eines Baumes und pickten auf den Boden ein. Im Tierheim mussten sie keine Angst vor Hunden haben. Hier lief alles nach strengen Regeln ab, mehr als kläffen konnten sie nicht.

Der Junghund rechts tapste jetzt mit seinen untertassengroßen Pfoten am Rand der Fliesen entlang. Er wollte spielen und saß alleine in seinem Zimmer. Hausarrest. Er drückte seine Nase nun gegen das Gitter, gierte nach ihrer Berührung. Natalie zögerte. Ihre Schuhe, der zu weiche Boden und das beklemmende Gefühl in ihrer Brust trennten sie.

»Haben Sie alles gesehen?« Die beiden Pflegerinnen am Ausgangstor flüsterten sich etwas zu, schienen sich nicht in die Welt hinter den Gittern zu wagen. Ob sie etwas von der Architektur verstanden, in der sie arbeiteten? Dass die Hundeboxen nur deshalb im Kreis angeordnet waren, damit die Tiere Menschen, die sich näherten, sofort sehen konnten?

Sie wollte Museen bauen, da interessierten sich die Menschen nicht nur für den Inhalt, sondern wussten die Architektur zu schätzen. Natalie nickte den Pflegerinnen zu, dann schritt sie an der Gitteröffnung des Geheges vorbei und zählte ihre Schritte. Der Husky hopste hinter dem Gitter parallel zu ihr. Drei, vier, fünf, fünfeinhalb. Ein Professor hatte ihr einmal geraten, ihre Schrittlänge zu vermessen und ohne Maßband die Größe eines Raumes zu schätzen. Die Methode war zeitsparend und effizient – meist wichen ihre Messungen nur um zehn Prozent ab.

Natalie sah ein letztes Mal in die eisblauen Augen des Tollpatsches, bevor sie ihren Blick abwandte, die Türe sich hinter ihr schloss und den Kleinen vor der Welt der Menschen beschützte.

»Ich würde Sie ja einmal zu einem Hund reinlassen, aber das geht aus versicherungstechnischen Gründen leider nicht. Außerdem ist das zu aufregend für den Hund«, stellte die Pflegerin fest. Es stimmte, einen Hund hatte sie bei ihren beiden Besuchen noch nicht berührt und dafür hatte sie ihren Grund.

Ihnen kam ein Elternpaar mit zwei Kinder entgegen. Die Mutter trug einen dunkelblauen Trenchcoat und ähnliche Lederpumps wie Natalie. Der Mann wirkte mit seinem Hut und der Feincordhose, als besuchte er eher ein Museum als ein Tierheim. Natalie war sich sicher, dass die Familie nicht hier wäre, wenn das Tierheim durch seine architektonische Qualität und Ästhetik nicht so reizvoll zu einer Besichtigung einladen würde.

»Na dann fragt mal«, rief die Frau und die Kinder stürmten auf die Tierpflegern zu: »Haben Sie Welpen?«

»Nein, zur Zeit leider nicht. Nur einen Stafford Terrier, aber der ist wohl nicht der Richtige für euch.«

»Wann kriegen Sie denn mal wieder kleine Hunde rein?« Die Mutter holte auf und nahm das Mädchen an die Hand. »Hier sind ja fast keine Tiere.«

»Wir sind keine Zoohandlung und bestellen unsere Tiere nicht«, bemerkte sie und verschränkte die Arme. »Schauen Sie doch regelmäßig auf unserer Website, da informieren wir über neue Hunde.« Der Vater nickte, die Mutter verzog das Gesicht.

»Na gut. Kommt, Kinder«, rief sie und die vier verließen den Pavillon.

Jetzt wusste Natalie, woran das Tierheim, die ‚Stadt der Tiere‘, wie es sich selbst nennt, sie erinnerte. Die perfekte Organisation und saubere Einrichtung entsprachen einem Tiermuseum, in dem man Lebewesen ansehen oder kaufen konnte. Es fehlten nur die Schilder an den Käfigen. Dabei wurden die Tiere auf eine Ebene mit den Menschen gestellt: Sie haben ihren Rückzugsbereich, ihr festes Zimmer, in das sie sich zurückziehen und den Blicken der Menschen entziehen können. Weder die Menschen, noch die Tiere dürfen sich frei bewegen. Sie alle sind von Mauern, Gittern und Teichen begrenzt. Der Mensch wird zu seinem und zum Schutz der Tiere ausgesperrt. Die Tiere werden zu ihrem und zum Schutz der Menschen eingesperrt. Zwei Spezies, die in der Natur im Einklang miteinander leben, werden durch den Menschen geordnet.

Natalie durfte den Auslauf im Zentrum des Pavillons betreten. Sie fühlte sich von allen Seiten beobachtet und stellte sich neben den hölzernen Thron in der Mitte.

»Sie müssen leider wieder rauskommen. Wir lassen jetzt den Staffordshire Welpen mit meinem Hund da rein«, rief ihr eine Tierpflegerin durch das Gitter zu. Die beiden Hunde standen schon vor dem Eingang.

»Die Welpen bleiben über Nacht nicht im Tierheim, die nehmen wir Pfleger mit zu uns nach Hause. Sie kümmert sich um Finchen, wenn ihr Schäferhund sich mit ihr verträgt«, erklärte Caroline.

Die beiden gingen zu den Katzenhäusern. Das gesamte Gebäude hatte zwei offene Seiten, die den Betonblock durchschnitten. Eine der beiden war die Südseite. So drang sehr viel Licht ins Innere und schaffte den Katern einen warmen, sonnigen Platz.

Aus einer Vorlesungsreihe wusste sie, dass die Herstellung und Verbauung hochwertiger Betonwände eine Kunst für sich war. Schließlich erfüllte die Ansichtsfläche eine hochgradig gestalterische Funktion. Sie hatte von einem Architekten gehört, der die Wände wie üblich vor Ort in Holzschalen gießen ließ, nur um sie anschließend sofort wieder einzureißen – falls die Struktur nicht den Vorstellungen entsprach. Die Bauarbeiter verstanden das nicht und die Leute, die später in dem Gebäude arbeiteten, genauso wenig. Ein Beweis für Miriams Theorie, dass sich die Architektur immer weiter vom Alltag entferne.

Caroline und Natalie waren vor dem Gebäude stehen geblieben und beobachteten, wie ehrenamtliche Streichelpaten die Tiere verwöhnten.

»Wenn wenig los ist, spielen sogar die Pfleger mit den Tieren.« Caroline lächelte.

Die Plexiglasscheiben zwischen und vor den Käfigen wirken wie Glasglocken. Darin befinden sich Katzen, die in eine eigene Welt eingetaucht sind. Es ist fast so viel Glas verbaut worden, wie für ihr Museumsprojekt geplant war. Sie rief sich die Pläne ins Gedächtnis. Lichtdurchflutete Gänge sollte es geben, freie Exponate in imposanten Glaskästen, die man von allen Seiten betrachten kann. Für einen Moment stand sie in dem Gebäude, dass sie schon im Computerprogramm als Animation gesehen hatte. Hier roch es nach Putzmittel und Katzenfutter.

Natalie seufzte, wie sollte sie das in ihren Bericht schreiben? Konnte sie sich auf das Museumsprojekt beziehen? Welche Informationen schätzte ihr Chef, welche waren wirklich wichtig? Beide Tierheime wurden sehr solide geführt. Vielleicht musste sie ins Ausland, um ein innovatives Tierheim zu bauen; mehr Tierheime besuchen, ihre Probleme erkennen und analysieren.

Der Berliner Tierschutzverein war für die gigantische Anlage von seinen Mitgliedern angeklagt worden. Man hätte das Geld lieber direkt den Tieren gegeben. Natalie wunderte das, schließlich hatte der Architekt genau das geschaffen, was man erwartete: Einen Ort, der nicht den schrecklichen Tierheimgrauen entspricht. Hier bekommen die Tiere einen Raum, der ihnen ein würdiges Leben erlaubt. Wie die anderen Haustiere Deutschlands. Lediglich die Bezugsperson fehlt ihnen.

Außerdem, und das fand Natalie am spannendsten, wurden Familien durch diese ausgeklügelte Architektur erst ins Tierheim gelockt. Sie unternehmen Ausflüge hierher, um sich an den Teichanlagen vom Leben der Großstadt zu entspannen.

Einen Mehrwert bieten. Warum sollte moderne Architektur nicht der Schlüssel sein? Bisher hatte sie für ihren Entwurf immer Zwingerreihen vor Augen gehabt. Was hinderte sie daran, dem Projekt ihre persönliche Note zu verleihen?

Rechts erstreckte sich ein hohes Feld, das von Kornblumen durchzogen war und links eine Schrebergartensiedlung. In der Ferne schrieen Vögel. Es roch nach Sommerwiese, nach Streunen im Gras und dreckigen Kinderhänden. Für das einzige Tierheim der Stadt hätte man keinen idyllischeren Ort wählen können: Am Rande von Berlin, abgeschieden vom Trubel der Innenstadt, in der Natur. Sogar die Stadtbewohner wurden nicht von den Tieren belästigt. Dennoch gab es diesen Ort, an dem sie ihre lästig gewordenen Haustiere loswerden konnten – eine Symbiose.

»Wie bitte?« Ein Mann beugte sich zu ihr hinunter. Er hielt sich an einer Sitzlehne der Straßenbahn fest.

Natalie räusperte sich: »Naja, was denken Sie: Welche Rolle spielen Tiere für die Menschen in einer Großstadt?«

»Tiere? Welche Tiere? Alle? Wo, Berlin?«

»Hunde. Vielleicht Berlin, ja.«

»Also meine Schwester hat einen Hund und die Kinder spielen mit ihm. Sie lieben ihn. Sie fahren ihn sogar in ihrem Puppenwagen umher und er lässt sich die Sonne auf den Bauch scheinen. Ein Hund sollte man sein!«

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Release date on Litres:
09 November 2024
Volume:
150 p. 1 illustration
ISBN:
9783738084863
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Bookwire
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