Read the book: «Erfolgreiches Teamcoaching»
Lothar Linz
Erfolgreiches Teamcoaching
Meyer & Meyer Fachverlag & Buchhandel GmbH

Inhaltsübersicht
Danksagung
Vorwort – Unterhaching ist überall
1 Einführung in die Grundlagen des erfolgreichen Coachings
2 Basiswissen für eine gelungene Kommunikation 2.1 Das Kommunikationsmodell der vier Gesprächsebenen von Schulz von Thun (1981) 2.2 Das Beziehungsmodell der Transaktionsanalyse 2.3 Weitere wichtige Aspekte der Kommunikation
3 Was ist ein Team? Gruppenregeln und Gruppendynamik 3.1 Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Einzelteile 3.2 Was eine soziale Gruppe ausmacht 3.3 Die Gruppe ist wichtiger als das einzelne Mitglied 3.4 Jeder beeinflusst jeden 3.5 Systemische Gruppenregeln 3.6 Gruppenspezifische Regeln 3.7 Gruppendynamik 3.8 Konformität kontra Individualität
4 Der Trainer als Führungsperson 4.1 Grundregeln der Führung 4.2 Führungsstile 4.3 Führung braucht Vertrauen 4.4 Weitere Anforderungen an eine gelungene Führung
5 Gehirngerechtes Coaching 5.1 Wahrnehmung als Vereinfachung der Welt 5.2 Der Einfluss von Stress auf die Wahrnehmung 5.3 Das Bahnungsmodell des Gehirns 5.4 Die beiden Gehirnhälften
6 Das Sechs-Säulen-Modell eines effektiven Coachings 6.1 Beziehung 6.2 Inhalt 6.3 Struktur 6.4 Sprache 6.5 Zeit 6.6 Emotionen
7 Wohin wollen Sie gehen? – Die Wirkung von Zielen 7.1 Angst vor der Niederlage als Hemmfaktor 7.2 Das passende Ziel finden 7.3 Der Umgang mit Zielen 7.4 Ziele bei Jugendmannschaften
8 Lebendiges Coaching statt Kochbuchmentalität – Einführung in die praktischen Anregungen für den Traineralltag
9 Psychologische Potenziale der Saisonvorbereitung 9.1 Das gemeinsame Saisonziel 9.2 Gemeinsame Normen und Regeln 9.3 Die Teamentwicklung 9.4 Die tragfähige Führungsstruktur
10 Der Weg zum Team – Möglichkeiten der Mannschaftsbildung 10.1 Konkrete Maßnahmen der Teambildung 10.2 Teambildung durch gemeinsame Aufgaben und Gegner 10.3 Die Integration neuer Spieler 10.4 Teamkiller
11 Die Gestaltung der Teambesprechung 11.1 Grundlegende Überlegungen 11.2 Besprechungen während der Woche 11.3 Die Spielbesprechung 11.4 Die Halbzeitbesprechung 11.5 Die Besprechung unmittelbar nach dem Spiel
12 Das Coaching am Spielfeldrand 12.1 Die Grenzen Ihrer Einflussmöglichkeiten 12.2 Die Aufgaben des spielbegleitenden Coachings
13 Die Nominierungssituation 13.1 Mut zur Entscheidung und ihren Folgen 13.2 Welche Entscheidung ist richtig? 13.3 Der richtige Zeitpunkt, die beste Weise 13.4 Die Einbindung der Nichtnominierten
14 Der Sieg Davids – wie Sie als Außenseiter gewinnen können 14.1 Die Geschichte von David und Goliath 14.2 Keine Angst vor großen Namen 14.3 Vertrauen in den eigenen Sieg 14.4 Aus der eigenen Stärke handeln 14.5 Entschlossenes und überraschendes Handeln 14.6 Auf den Todesstoß vorbereitet sein
15 Wie Goliath gewonnen hätte – vom Umgang mit der Favoritenrolle 15.1 Das Handicap des Favoriten 15.2 Handlungsmöglichkeiten
16 Wie man einen Angstgegner bezwingt 16.1 Merkmale eines Angstgegners und wie ich ihnen begegne 16.2 Allgemeine Überlegungen zur Angst im Sport
17 Vor dem entscheidenden Spiel 17.1 Keine Angst vor der Niederlage 17.2 Die richtige Anspannung 17.3 Ein Finale ist etwas Besonderes 17.4 Die Abschlussbesprechung 17.5 Selbst gewinnen statt rechnen
18 Die Bewältigung von Krisen und Konflikten 18.1 Die Krise als Chance 18.2 Grundlegende Gefühle und ihre Wirkung 18.3 Sportliche Krisen – die Verarbeitung von Niederlagen 18.4 Das Selbstvertrauen wiederfinden 18.5 Heim- und Auswärtsschwäche 18.6 Verletzungspech 18.7 Möglichkeiten der Konfliktlösung 18.8 Die große Aussprache im ganzen Team
19 Der schwierige Spieler 19.1 Eigene empfindliche Punkte 19.2 Problematische Verhaltensweisen von Athleten 19.3 Ein allgemeiner Lösungsansatz 19.4 Das Kritikgespräch 19.5 Der Starspieler
20 Nach dem Erfolg 20.1 Die Anstrengung verstärken 20.2 Die Folgen zu frühen Jubels 20.3 Der Erfolgsweg nach Pat Riley (1993)
21 Besonderheiten im Coaching von Frauenmannschaften Bei Frauenmannschaften müssen Sie ...
22 Besonderheiten im Coaching von Kinder- und Jugendmannschaften 22.1 Kindheit und Pubertät als Entwicklungsprozess 22.2 Besonderheiten der Motivation 22.3 Besonderheiten im Umgang mit Kindern 22.4 Besonderheiten im Umgang mit Jugendlichen
23 Abschließende Betrachtungen zum Einsatz psychologisch orientierter Maßnahmen im Mannschaftssport
Anhang Weitere Übungen zum erfolgreichen Teamcoaching Literatur Bildnachweis
Danksagung
Inzwischen arbeite ich so viele Jahre in diesem Beruf, da hatte ich das Glück, sehr viele Athleten, Mannschaften und Trainer begleiten zu dürfen. Von euch allen habe ich viel gelernt. Die mannigfaltigen Erfahrungen sind der Schatz, aus dem ich dieses Buch schöpfen kann. Dafür möchte ich mich sehr herzlich bedanken.
Daneben gibt es viele Menschen, die in irgendeiner Form zu diesem Buch beigetragen haben. Auch wenn ich nicht jeden Einzelnen namentlich nenne, so danke ich allen, die mich unterstützt, ermutigt und begleitet haben. Ich weiß das alles sehr zu schätzen.
Und ich danke natürlich dem Verlag und meiner Lektorin, dass sie dieses Buch einer Öffentlichkeit zugänglich gemacht haben und weiterhin machen.
Vorwort – Unterhaching ist überall
Zugegeben, das Leben eines Fußballprofis unterscheidet sich grundlegend von dem eines Kreisligakickers. Und ein Bundestrainer muss ganz andere Dinge leisten, als die Trainerin eines Basketballoberligisten. Aber bei allen Unterschieden, die zu Grunde liegenden psychischen Mechanismen gelten für alle Spielniveaus in gleicher Weise.
Die bittere Leverkusener Niederlage 2000 in Unterhaching und die damit am letzten Spieltag verspielte Meisterschaft ist vermutlich noch den meisten Deutschen vor Augen. Aber dass sich am gleichen Wochenende in der Kreisliga A des Fußballkreises Rhein-Berg ein vergleichbares Drama abspielte, wer weiß das schon? Als Tabellenführer empfing der TuS Immekeppel die schon als Absteiger feststehende zweite Mannschaft des SV Refrath. Eigentlich eine klare Sache, zumal schon ein Punkt zum großen Ziel genügt hätte. Doch es kam ganz anders. Der Außenseiter gewann und Immekeppel stürzte „ins Tal der Tränen“.
Sie sehen also, Unterhaching ist überall. Was für Nationalspieler gilt, gilt auch für Freizeitsportler. Mannschaften funktionieren immer auf die gleiche Weise, Trainer führen ihre Mannschaften immer dank derselben Methoden und sie machen auch auf allen Ebenen die gleichen Fehler.
Dieses Buch ist deshalb für alle Trainer geschrieben, ob sie in der Bundesliga oder in der Landesliga arbeiten, ob sie schon 20 Jahre im Geschäft sind oder gerade ihre ersten Sporen verdienen. Ich möchte ganz bewusst eine Lücke schließen, die ich schon seit vielen Jahren beobachtet habe. Sportpsychologische Literatur wird noch immer vorwiegend für die Fachleute geschrieben. Konkrete Ratgeber hingegen existieren kaum.
Für diesen Missstand gibt es natürlich gute Gründe. Zum einen ist die Sportpsychologie eine junge Wissenschaft, sodass sie sich noch in der Entwicklung befindet. Zum Zweiten besteht die Gefahr, dass ein solcher Ratgeber als Kochbuch verstanden wird, frei nach dem Motto: Sie brauchen nur folgende Zutaten zu nehmen, dann kommt am Ende der sichere Erfolg heraus. Das funktioniert natürlich nicht! Dazu sind die Menschen viel zu komplex. Und wenn mehrere Menschen zusammenkommen, wird es noch einmal vielfältiger. Aber mit dem richtigen Verständnis hat ein solches Buch einen hohen Wert.
Nehmen Sie mein Buch als Angebot. Sie können keine Patentrezepte finden, aber es enthält hilfreiche und konkrete Anregungen. Und es kann Ihnen helfen, ein besseres Verständnis für Ihre Tätigkeit zu gewinnen. Indem Sie die wichtigsten Modelle und Mechanismen kennen lernen, die zwischen Menschen wirken, können Sie diese besser einsetzen und so zu einem größeren Gelingen Ihrer Arbeit gelangen.
Ich habe das Buch in zwei Teile aufgeteilt. Teil I beinhaltet die theoretischen Grundlagen, auf denen gelungenes Coaching basiert. Dieser Abschnitt dient Ihrem besseren Verständnis. Teil II dagegen orientiert sich ganz direkt an Ihrem Alltag als Trainer. Er versucht, Ihnen konkrete Hilfen zu geben, wie Sie die wichtigsten Situationen behandeln können, welche ich während meiner langjährigen Erfahrung als Sportpsychologe im Spitzensport als wiederkehrend erlebt habe.
Eine praktische Anmerkung möchte ich vorweg noch machen: Wenn ich im weiteren Text ausschließlich die männliche Form verwende, so hat das rein praktische Gründe. Ich hoffe, dass sich die weiblichen Leserinnen dabei genauso angesprochen fühlen.
1 Einführung in die Grundlagen des erfolgreichen Coachings
Dieses Buch richtet sich bewusst an die Praxis. Ihr Traineralltag ist es, der mich interessiert. Hierzu hoffe ich, Ihnen hilfreiche Anregungen geben zu können. Deshalb habe ich den Schwerpunkt des Buches auf den zweiten Teil („Praktische Anregungen zum erfolgreichen Teamcoaching“) gelegt.
Eine kürzlich veröffentlichte Untersuchung (Lau, Seeliger & Stoll, 2002) belegt, dass Trainer aller Sportarten den Mangel an praxisrelevanten Lösungsvorschlägen für ihre Tätigkeit beklagen. In diesem Buch finden Sie deshalb sehr konkrete Vorschläge und Überlegungen, die Ihnen in Ihrer täglichen Arbeit eine Orientierung bieten.
Es erscheint mir dennoch sinnvoll, zuvor einige wichtige psychologische Grundlagen vorzustellen. Diese werden es Ihnen erleichtern, meine späteren Anregungen zu verstehen. Außerdem sind Sie damit in der Lage, Ihr Handeln selbstständig an diesem Grundwissen auszurichten.
Ich habe mich dabei bewusst auf einige wenige, mir wichtig erscheinende Theorien beschränkt. Viele sportpsychologisch relevante Konzepte kommen in diesem Buch nicht ausdrücklich vor. Wer hierzu mehr erfahren möchte, der sei auf die zahlreiche Fachliteratur verwiesen. Leider ist diese Fachliteratur nur selten praxisbezogen und zudem für den Durchschnittsbürger sprachlich oftmals nur schwer verständlich. Ich will mich mit diesem Buch aber bewusst an alle interessierten Trainer wenden.
Mit den hier vorgestellten Grundlagen erwerben Sie ein Basiswissen darüber, wie Coaching funktioniert und was Sie dazu beachten müssen. Außerdem erfahren Sie etwas über Kommunikation, über die Grundmechanismen in Mannschaften, über Ihre Rolle als Führungsperson, über Faktoren, welche die Qualität Ihres Coachings bestimmen und über die Bedeutung und den Umgang mit Zielen.
Im zweiten Teil des Buches erleben Sie dann, wie Sie die Inhalte in konkreten Situationen Ihres Traineralltags umsetzen können.
2 Basiswissen für eine gelungene Kommunikation
Es ist für mich immer wieder verwunderlich, wie gut wir Menschen uns verständigen können, obwohl unsere Kommunikation voller möglicher Quellen für Missverständnisse ist. Genau betrachtet, ist es ja sogar so, dass niemals eine Botschaft
genau so beim anderen ankommt, wie sie von uns als Absender gemeint ist. Meine Einstellung, meine Erfahrung, meine Erwartungen, meine Beziehung zum anderen, meine aktuelle Stimmung und noch viele Faktoren mehr bewirken, dass ich Informationen nicht neutral aufnehme, sondern sie direkt in einen Zusammenhang stelle. Dieser Zusammenhang unterscheidet sich aber immer in irgendeiner Weise von dem meines Gesprächspartners, weil dieser andere Erfahrungen gemacht, andere Erwartungen entwickelt und andere Werte mitgebracht hat. Deshalb ist es auch nicht weiter seltsam, dass es, trotz aller Übereinstimmung, immer wieder zu Missverständnissen kommt. Woran das liegt und wie wir es leichter schaffen, richtig verstanden zu werden, davon handelt das folgende Kapitel.
Ich habe dieses Thema an den Anfang meines Buches gestellt, weil es von grundlegender Bedeutung ist. Aller zwischenmenschliche Kontakt läuft über Kommunikation ab. Kommunikation bildet das Medium, über das wir uns mitteilen. Beziehung in jeder Form, ob zwischen Mutter und Kind oder zwischen Trainer und Spielerin, ob zwischen zwei Freunden oder innerhalb einer Ehe, immer ist sie nur auf der Basis von Kommunikation möglich. Das Erste, womit ein Baby seine Lebendigkeit vermittelt, ist ein Schrei. Sofort beginnt es also, sich mitzuteilen und dadurch Kontakt zu seiner Umwelt aufzunehmen. Beim Coaching springt die Bedeutung von Kommunikation geradezu ins Auge. Ohne Kommunikation können Sie Ihren Athleten nichts mitteilen, sie nicht anspornen oder zu neuen Überlegungen anregen. Deshalb möchte ich Ihnen die wichtigsten Kommunikationsmodelle vorstellen, die Sie für Ihre tägliche Praxis kennen sollten.
2.1 Das Kommunikationsmodell der vier Gesprächsebenen von Schulz von Thun (1981)
Wenn Sie heutzutage auf irgendein Seminar zur Kommunikationsschulung gehen, werden Sie immer auf dieses Modell treffen. Es macht deutlich, dass jede Aussage nicht nur die reine Sachaussage vermittelt, sondern gleichzeitig drei weitere Botschaften enthält.
Eine Aussage beinhaltet zugleich:
Sachaussage
Beziehungsaussage
Appell
Selbstmitteilung
Machen wir uns das an einem Beispiel deutlich. Ein Spieler Ihrer Mannschaft kommt wiederholt zu spät zum Training. Sie begrüßen ihn mit den Worten: „Du bist ja schon wieder zu spät.“ Die reine Sachaussage ist leicht beschrieben: „Der Spieler ist später als vereinbart zum Training gekommen und das nicht zum ersten Mal.“ So sachlich und nüchtern wird Ihre Botschaft aber kaum beim Spieler ankommen und wahrscheinlich meinen Sie auch mehr als das Gesagte. Dies wird klar, wenn man sich nun die drei anderen Gesprächsebenen anschaut. Mit Ihrer Aussage treffen Sie nämlich zugleich auch eine Beziehungsaussage, einen Appell und eine Mitteilung über sich selbst. Wie diese Aussagen jeweils aussehen könnten, macht die folgende Grafik deutlich:

Das ist möglicherweise das, was Sie ausdrücken wollten. Aber das ist noch lange nicht das, was der Spieler versteht! Vielleicht hat er das Gefühl, dass Sie ihn schon seit einiger Zeit sehr kritisch beurteilen, während Sie bei anderen Spielern viel mehr durchgehen lassen. War denn nicht der Torwart zuletzt auch mehrfach zu spät, ohne dass Sie etwas gesagt haben? Spekulieren wir also mal, wie der Spieler im genannten Fall die Botschaft verstehen könnte:

Und schon haben wir ein klassisches Beispiel dafür, wie Menschen aneinander vorbeireden. Weil das, was der eine sagt, vom anderen auf jeder Ebene ganz anders verstanden werden kann. Beachten Sie besonders die Unterschiede auf der Beziehungs- und der Selbstmitteilungsebene. Hier gehen die Aussagen am deutlichsten in unterschiedliche Richtungen. Erfahrungsgemäß entstehen meist auch auf der Beziehungsebene die gewichtigsten Missverständnisse.
Eine kleine Randbemerkung sei mir hier erlaubt: An dem oben benutzten Beispiel macht sich ein typisches Problem deutlich. Die meisten Menschen neigen dazu, Kritik als einen Angriff auf ihre Person zu verstehen. Immer aber beinhaltet Kritik die Beziehungsaussage: „Du bist mir wichtig“, also eine ganz positive Botschaft. Nur hören wir das meist nicht. Dabei verhält es sich tatsächlich so. Wenn wir dem anderen nicht wichtig wären, würde er sich gar nicht die Mühe machen, uns zu kritisieren. Wie Hass immer eine Form von Liebe ist, so schließt Kritik immer eine Form der Anerkennung, der Wertschätzung, ein!
Doch zurück zum Modell. Obwohl die Selbstmitteilung und der Appell, wie wir oben gesehen haben, tatsächlich in jeder Botschaft mitschwingen, empfehle ich in der Regel, diese beiden Ebenen zu vernachlässigen. Für die Praxis wird es sonst zu kompliziert. Viel wichtiger finde ich es, die Beziehungsebene in den Blickpunkt zu rücken. Die themenzentrierte Interaktion nach Ruth Cohn, eine in den 70er Jahren häufig praktizierte Methode zur Gruppenführung, hatte folgende Grundregel: „Störungen haben immer Vorrang.“ Gemeint war damit, dass an einem Thema erst weitergearbeitet würde, wenn die Störungen auf der Beziehungsebene geklärt waren. Solange hier Unstimmigkeiten herrschen, muss die inhaltliche Arbeit zurückstehen.
In der Absolutheit ist dieses Konzept kaum haltbar, da es schnell zu einer Lähmung führt. Leicht passiert es, dass man in einer Gruppe nur noch über Beziehungsstörungen spricht und die eigentliche thematische Arbeit gar keinen Raum mehr findet. Aber es lohnt sich, diese Regelung als Anregung zu nehmen. Solange auf der Beziehungsebene Störungen bestehen, wirkt sich das immer auf unsere Verständigung negativ aus. Je bedeutsamer die Beziehungsstörung, desto gravierender die Kommunikationsstörung! Es ist sicher nicht notwendig, jeder Spannung nachzugehen. Aber jeder bedeutsamen! Gerade als Trainer ist es wichtig, dass Sie immer für die Basis einer gelungenen Beziehung zu Ihren Athleten sorgen, damit Sie diese mit Ihrem Denken und Handeln auch erreichen.
2.2 Das Beziehungsmodell der Transaktionsanalyse
Wenn wir über Beziehung als Basis einer gelungenen Kommunikation reden, dann lohnt es sich, ein weiteres Modell zu betrachten, das Beziehungsmodell der Transaktionsanalyse. Dieses macht einen wesentlichen Aspekt deutlich, auf welche Weise gerade in der Trainer-Athleten-Beziehung Kommunikation ge- oder auch misslingen kann. Begründet wurde die Transaktionsanalyse (kurz: TA) von Eric Berne (siehe z. B. Berne, 2002). Er beobachtete, dass es Beziehungsmuster gibt, die zueinander passen, und andere, die zwangsläufig zu einer Kommunikationsstörung führen.
Wir Menschen können miteinander in dreierlei Weise in Beziehung treten: über unser Kinder-Ich, unser Erwachsenen-Ich oder unser Eltern-Ich. Das bedeutet, einfach ausgedrückt: Wir können uns kleiner als unser Gegenüber fühlen, gleichwertig oder aber auch als größer als der andere empfinden. Es geht hierbei ausdrücklich nicht um objektive Realitäten, sondern darum, wie ich innerlich dem anderen entgegentrete.
Sicher kennen Sie das aus Ihrer eigenen Erfahrung: Obwohl es keinen objektiven Grund dafür gibt, fühlen Sie sich manchen Menschen gegenüber unsicher und minderwertig. Viele Menschen erleben das in der Gegenwart eines Arztes. Obwohl sie dem Arzt gegenüber völlig gleichberechtigt sind, verhalten sie sich nicht mündig, sondern kleinlaut und ehrfürchtig. So kommt es zum immer noch weit verbreiteten Bild des „Halbgotts in Weiß“.
Aus Kommunikationssicht ist gegen ein solches Verhalten nichts einzuwenden, solange der Arzt sich auch überlegen fühlt und Sie entsprechend behandelt. Wenn ein Gesprächspartner aus seinem Kinder-Ich (klein + unterlegen) handelt und der andere aus seinem Eltern-Ich (groß + überlegen), funktioniert die Beziehungsebene wunderbar. Problematisch aber wird es, wenn das zu Grunde liegende Muster nicht zusammenpasst. Was ist, wenn Sie sich dem Arzt gegenüber gleichwertig empfinden (Erwachsenen-Ich), seine Therapievorschläge also kritisch hinterfragen, er aber noch am alten Klischeebild hängt und sich deshalb für unangreifbar hält (Eltern-Ich)? Dann sind die Probleme vorprogrammiert! Abbildung 1 macht deutlich, welche Beziehungsmuster zusammenpassen und welche zu Problemen führen.
Wenn Sie das auf Ihre Situation als Trainer übertragen, dann wird sehr schnell klar, was Sie an diesem Modell lernen können. Es ist unbedingt wichtig, dass Sie mit Ihren Athleten zu einem übereinstimmenden Beziehungs- und damit Kommunikationsmuster kommen.

Das Kommunikationsmodell der TA
Konkret gesagt, heißt das: Wenn Sie mit Kindern arbeiten, dann sind Sie „der Große“. Deshalb sollten Sie hier bevorzugt aus dem Eltern-Ich heraus handeln. Wenn Sie mit erwachsenen Sportlern arbeiten, sollten Sie diese als Gleichberechtigte behandeln, es sei denn, diese wollen gerne weiterhin geführt werden, wollen gerne, dass Sie ihnen sagen, was sie zu tun und zu lassen haben. Am schwierigsten ist der Rat bei Jugendlichen. Denn diese sind genau in einer Umbruchphase vom Kind-Ich zum Erwachsenen-Ich. Oftmals wollen sie gerne schon als Erwachsene behandelt werden, obwohl sie noch kindlich denken und handeln. Das macht es für Sie als Trainer nicht leicht. Hier braucht es Fingerspitzengefühl.