Read the book: «Bettina auf der Schaukel»
Liz Bente L. Dæhli
Das geheimnisvolle Zimmer
Aus dem Norwegischen
von Christel Hildebrandt
Saga
1
Thor wollte nicht wegziehen, aber seine Eltern hatten das entschieden, ohne ihn zu fragen.
»Du wirst sehen, das wird schön. Denk doch nur an das große, schöne Haus. Und die Tanerud-Schule ist eine gute Schule. Das wird dir gefallen, Thor, warte nur ab.«
Thor gefiel es dort, wo er jetzt wohnte. Er konnte sich nicht vorstellen von seinem Freund Ragnar und seinen anderen Kumpels wegzuziehen. Seit sie den neuen Freizeitclub hatten, war jeden Abend etwas los. Und dann das Fußballtraining und die Spiele fast jedes Wochenende in der Saison. Das letzte Mal hatten sie ein Heimspiel gehabt und da war Rita auch gekommen. Als Thor seine Mannschaft mit 1:0 in Führung brachte, hatte er ihre Anfeuerungsrufe sogar auf dem Spielfeld gehört.
Und jetzt wollten sie ihn zwangsweise an eine Schule versetzen, wo er keine Menschenseele kannte. Wollten ihn von seiner alten Truppe wegreißen, mit der er seit der Grundschule zusammen war. Thor wurde von dem ganzen Gerede über das schöne neue Haus ganz elend, über den schönen neuen Garten und die netten neuen Nachbarn. Alles war so verdammt schön und nett! Selbst die Schule war schön!
Seit Vater das Angebot für die Stelle als Bezirksleiter der Versicherungsgesellschaft bekommen hatte, nahm es gar kein Ende mit all den »Schönheiten«, die auf Thors Vater und seine Familie warteten. Und eine davon bestand also darin, dass sie fort mussten. Ihr neuer Wohnort lag auch an der Küste. Es war eine mittelgroße Stadt, ähnlich der, aus der sie fortzogen.
»Am besten ziehen wir in den Ferien um, bevor du in der achten Klasse anfängst, dann musst du nicht mitten im Schuljahr wechseln. Es ist ja nicht so einfach überall gleich mitzukommen«, sagte Vater.
Vater und Mutter hatten Thors Leben so geplant, wie es ihnen passte. Es schien, als hätten sie schon geahnt, dass er sich auf die Hinterbeine stellen würde, und hatten ihn deshalb zunächst aus allen Diskussionen herausgehalten. Womit sie sich selbst Unannehmlichkeiten ersparten und so war das Leben einfach herrlich – fanden sie.
»Du musst dich eben weigern! Total ausflippen und den Bescheuerten spielen«, hatte Ragnar in einem ironischen Ton gesagt. Ihm gefiel der Gedanke auch nicht, dass Thor aus der Stadt wegziehen sollte. Die beiden waren an den Strand gegangen, um zu baden, aber keiner von ihnen hatte eigentlich richtig Lust ins Wasser zu springen. Eine Möwe streifte über ihre Köpfe und schrie dabei durchdringend, aber die Jungs beachteten sie gar nicht. Sie hingen seit der ersten Klasse zusammen und hatten große Pläne für den Sommer gehabt, aber gleichzeitig genügend faule heiße Tage am Strand eingeplant.
»Das nützt nichts, die haben sich entschieden. Der Kaufvertrag fürs Haus ist schon unterschrieben und der Möbelwagen bestellt. Wenn ich nicht freiwillig mitkomme, packen sie mich einfach zu all ihrem Krimskrams.«
»Wir könnten abhauen, schließlich sind ja Ferien.«
»Es hat keinen Zweck Krach zu machen, dann wird es hinterher nur umso schlimmer. Nichts kann die von ihren Plänen mehr abbringen.«
Thor zupfte sich die abgepellte Haut von einer Schulter. Er hob die tote, durchsichtige Haut hoch und betrachtete sie. Das Muster der Poren war zu feinen, dünnen Strichen zusammengefügt. Seine Haut konnte keine Sonne vertragen. Typisch für einen mit roten Haaren und Sommersprossen, dachte Thor seufzend. Er war gern in der Sonne und am Wasser. Ragnar hatte Glück, der bekam nie einen Sonnenbrand, wurde nur braun. Thor ließ die dünne Haut auf den weißen Sand segeln.
»Dann gibst du also einfach auf, oder?«, stellte Ragnar fest und seine dunkelbraunen Augen verrieten Enttäuschung. Schnell beugte er den Kopf und bürstete sich den feinen Sand aus dem dunklen Pony.
»Habe ich denn eine Wahl?« Thor hatte das Gefühl sich verteidigen zu müssen.
Ragnar murmelte etwas, das Thor nicht verstand, und rannte dann zum Wasser hinunter. Er wollte schwimmen, tauchen und alles auf dem Sandgrund ablegen.
Thor stand auf und lief hinterher. Er durchschnitt die ruhige Wasseroberfläche, auf der die Sonne mit tanzenden Reflexen spielte, und tauchte.
»Willst du nicht bald mal mitkommen und dir das neue Haus angucken?«, fragte seine Mutter mit bettelndem Blick. Thor hatte immer eine Ausrede, warum er nicht mitkonnte. Würde er mit ihnen fahren, wäre das fast, als würde er klein beigeben. Er wollte sie nicht so einfach davonkommen lassen. Es war schließlich sein Leben, das sie durcheinander brachten, wie es ihnen gerade gefiel. Bis jetzt hatten sie nicht darauf bestanden, dass er mitkam, sie ließen ihn zu Hause. Diese Feiglinge, dachte Thor. Bildet euch bloß nicht ein, dass alles in Ordnung ist, träumt ruhig schön weiter!
Im letzten Sommer hatten sie sein Zimmer renoviert, genau nach seinen Wünschen. Sie hatten es blau und weiß gestrichen und Vater hatte eine Wand mit Regalen versehen. Auf denen hatte Thor Platz für seine ganze Sammlung von Modellflugzeugen und Schiffen, die er gebaut hatte. Stundenlang hatte er daran gesessen, geklebt und die Zeichnungen studiert. Da sein Zimmer groß genug war, hatten sie auch noch eine Sprossenwand angebracht und Turnringe an der Decke befestigt. Würde er für das alles im neuen Haus, in seinem neuen Zimmer auch Platz haben?
2
Bis zu dem Tag, als der Möbelwagen kam, hatte Thor gehofft, sie würden es sich noch anders überlegen. Die letzten Tage hatten Ragnar und er am Strand verbracht. Thor hatte keinen Finger gerührt, um daheim beim Packen zu helfen. Seine Eltern konnten seinen offensichtlichen Widerwillen gar nicht übersehen. Aber sie taten, als wenn nichts wäre.
Thor und Ragnar standen unten am Briefkasten. Sie vermieden es Thors Eltern und die Möbelpacker anzusehen, die ein Möbelstück nach dem anderen zum Wagen trugen. Keiner von beiden bot seine Hilfe an. Als Thors Vater an ihnen vorbeiging, sah Thor, wie er seine Kiefer zusammenbiss, und der schnelle Blick, der ihm zugeworfen wurde, war hart und schroff. Er kannte seinen Vater gut genug, um zu wissen, dass dieser kurz davor war, die Geduld zu verlieren – aber was machte das schon? Schließlich hatten sie beschlossen umzuziehen, dann mussten sie auch zusehen, wie sie ihre Sachen hinausschafften, redete er sich selbst ein. Er wollte nicht nachgeben, nicht einmal Vaters aufsteigender Wut.
Ragnar hatte den Zettel mit Thors neuer Adresse genommen und in seine Gesäßtasche gesteckt. Keiner von beiden sagte viel. Es gab nichts mehr zu sagen, sie hatten sich im Laufe der letzten Tage alles gesagt.
»Grüßt du Rita von mir?« Thor versuchte so etwas wie ein Grinsen.
Rita ging in die Parallelklasse und er sah sie jeden Tag auf dem Schulhof, aber es wurde nie mehr als ein Lächeln und ein »Hallo« daraus. Am Tag nach dem Fußballspiel hatte sie ihm zu den Toren gratuliert. Er hatte nur ein »Danke« gemurmelt und nicht gewusst, was er sonst noch hätte sagen können.
Ragnar nickte.
»Ich werde ihr auch deine Adresse geben. Du wirst sehen, du bekommst einen Liebesbrief, getränkt mit guten Düften.«
»Rede keinen Quatsch. Ich kriege doch nur schlecht riechende Briefe von einem Typen mit Namen Ragnar. Wenn wir ausgepackt haben, kommst du für eine Woche zu uns, abgemacht?«
»Ja, klar, ich habe ja sonst sowieso nicht viel um die Ohren«, seufzte Ragnar.
»Das muss ja nicht so langweilig werden. Vielleicht kannst du im Laufe des Sommers ein paar hundert Punkte erwischen, plus einige fünfzig Punkte. Du weißt, ich halte viel von deiner Fingerfertigkeit.«
Thor wollte nicht länger über ernste Dinge reden.
»Da kannste ein Ei drauf backen!«, entgegnete Ragnar und lächelte, zum ersten Mal wieder seit langem.
Thor erwiderte erleichtert das Lächeln.
In einer Höhle im Gebirge oberhalb der Küstenfelsen lagen die bisherigen Punktetrophäen dieses Jahres. Es war noch zu früh im Sommer, als dass ihre Punktejagd eine große Ausbeute hätte vorweisen können. Zwei Bikinioberteile und ein Slip waren alles, was sie geschafft hatten. Das Oberteil gab fünfzig Punkte und der Slip hundert. Sie hatten nur einmal hundert Punkte erreicht. Die meisten schoben die Slips ganz unten unter den Wäschestapel oder in die Tasche. Es war reiner Zufall gewesen, dass sie die kleine weiße Baumwollunterhose oben auf einem Korb entdeckt hatten. Und während Thor mit einem nassen Schwimmball auf ihrer warmen Haut die Aufmerksamkeit des Mädchens voll und ganz auf sich gezogen hatte, konnte Ragnar sich den Slip schnappen und war mit ihm verschwunden, ohne bemerkt zu werden.
Wenn Thor nicht wegziehen müsste, hätte sich ihre kleine Höhle im Laufe des Sommers noch mit Herrlichkeiten gefüllt.
»Ich werde es auf jeden Fall versuchen, aber das ist nicht so einfach, wenn man allein ist«, sagte Ragnar und jetzt war das Lächeln wieder verschwunden.
»Nimm doch Espen mit, der ist in Ordnung.«
Thor konnte nichts dafür, dass er einen Stich im Zwerchfell spürte. Der Gedanke, Ragnar würde die Punktejagd mit einem anderen als ihm weitermachen, tat weh. Er wusste nicht, warum er selbst vorgeschlagen hatte, dass Espen mitmachen könnte. Vielleicht nur, weil es so schlimm war, Ragnar so ernst zu sehen, ohne das kleinste fröhliche Blinzeln in den Augen.
»Mal sehen.« Ragnar drehte sich weg und zeigte deutlich, dass ihm nicht gefiel, welche Richtung das Gespräch eingeschlagen hatte. Er nickte zum Haus hin und Thor schaute auch dorthin. Sein Vater hatte die Haustür abgeschlossen und steckte jetzt den Schlüssel in die Tasche. Als er zu den Jungs kam, nickte er Thor nur kurz zu, als Zeichen, dass dieser ihm folgen sollte. Mutter stand bereits am Auto und wartete.
»Okay, ich muss jetzt los.«
Ragnar trat gegen den Kies und warf Thor einen schnellen Blick von unten herauf zu.
»Aber du kommst mich bald besuchen, nicht wahr. Wir müssen nur erst auspacken.« Thor wusste nichts anderes zu sagen.
»Ich komme und ich schreibe dir schon bald.«
Ragnars Stimme war belegt, die Worte klangen schwer und schleppend.
Vater startete den Wagen und jedes Mal, wenn er dem Gaspedal einen ungeduldigen kleinen Tritt gab, heulte der Motor auf. Die Eltern wollten losfahren. Sie hatten hier nichts mehr zu tun. Thor überlegte, was er noch sagen könnte, fühlte sich aber ganz leer.
»Wir sehen uns«, flüsterte er und ging. Aber bevor er sich ins Auto setzte, drehte er sich noch einmal um und rief: »Schick mir die ersten hundert Punkte mit der Post!«
Vater schaltete in den ersten Gang und dann fuhren sie los. Thor schnappte sich den Walkman und setzte sich die Kopfhörer auf. Kurz darauf erfüllte die Musik seinen Kopf und er ließ seine Gedanken von den Rhythmen und dem dumpfen Bass in wilder Fahrt davontreiben, mit einem Puls, der im Viervierteltakt schlug.
Der Möbelwagen wartete bereits vor der Einfahrt zu dem neuen Haus. Mutter sprang aus dem Auto – endlich war sie da, bereit, in ihr neues, schönes Haus einzuziehen. Thor blieb sitzen. Erst als Vater die Wagentür öffnete und demonstrativ wartend wie eine Steinsäule davor verharrte, stieg er aus. Er blieb stehen und schaute sich das Holzhaus an. Eine alte, kräftige Eiche reckte ihre langen Äste an der Hauswand entlang und verdeckte eines der Fenster im ersten Stock fast vollkommen. Durch das dichte Laub schien es Thor, als sähe er, wie sich etwas hinter der Fensterscheibe bewegte. Aber er konnte nicht länger darüber nachdenken, denn schon kam seine Mutter zu ihm und fragte: »Na, wie findest du es?«
Er konnte eine große Bitte in ihren Augen lesen. Sie wollte so gern Frieden mit ihm schließen.
»Okay«, antwortete er und zuckte mit den Schultern.
Mutter sollte nur nicht denken, er würde jetzt übers ganze Gesicht strahlen und sich von dieser Schönheit überwältigen lassen.
»Geh nur rein und guck dich um, du hast das Haus ja noch nicht gesehen«, schlug sie vor.
Die Möbelpacker waren bereits dabei, die Möbel hineinzutragen und Mutter lief herum, um ihnen zu zeigen, wo alles hinsollte. Thor ging hinter ihnen die Außentreppe hinauf. Zuerst kam er in einen kleinen Windfang, der in einen größeren Flur führte, mit einer Treppe in den ersten Stock. Rechts konnte er die Küche sehen. Sie war groß, viel größer als die, die sie vorher gehabt hatten. Die Tür links führte ins Wohnzimmer. Er mochte nicht hineingehen und den Möbelpackern zwischen den Beinen herumstehen, also beschloss er ins Obergeschoss hochzusteigen. Als er die Treppe hinaufgegangen war, stand er auf einem langen, schmalen Flur mit zwei Türen auf jeder Seite. Er öffnete die erste Tür und kam ins Bad.
Nicht schlecht, dachte er, als er die Badewanne entdeckte. Sie stand auf Beinen, die wie Löwenpranken geformt waren. Die Wanne selbst war alt und die weiße Emaille an mehreren Stellen ganz gelb. Die Vorstellung, sich in der Wanne ausstrecken zu können, war verlockend. Zu Hause hatten sie nur eine Dusche gehabt. Es durchfuhr ihn, zu Hause, das war jetzt hier. Er ging zurück auf den Flur und machte die Tür hinter sich zu. Die Wände waren in einer hellgelben Farbe gestrichen, die ihm nicht gefiel. Thor wollte sich die anderen Zimmer angucken. Da gab es ein großes Schlafzimmer direkt neben dem Bad. Das hatten sich Mutter und Vater bestimmt schon ausgesucht.
Welches Zimmer war für ihn? Hatten sie das auch schon beschlossen? Vom Flur aus öffnete er eine weitere Tür. Dieses Zimmer war ziemlich groß und das Fenster zeigte auf die Eingangsfront des Hauses. Nicht schlecht, dachte Thor. Aber erst wollte er noch das letzte Zimmer sehen. Er ging wieder auf den Flur, öffnete die nächste Tür, blieb stehen und schaute sich um. Die Tapete an den Wänden war hellbraun und fleckig, die Schranktür zu einem kleinen Verschlag war braun gestrichen. Das sah ziemlich traurig aus.
Das Zimmer wirkte dunkler als das nebenan. Als Thor zum Fenster schaute, entdeckte er, woran das lag. Die große Eiche stand direkt davor und warf ihre Schatten. Das war das Fenster, das er von der Pforte aus kaum hatte sehen können. Er trat heran und schaute sich von diesem Winkel aus das Zimmer an. Es war etwas kleiner als das daneben. Und winzig klein im Verhältnis zu seinem alten Zimmer. Hier war gar nicht daran zu denken, Regale aufzustellen, damit er all seine Modelle aufreihen konnte. Die Sprossenwand und die Turnringe konnte er gleich vergessen. Dennoch gefiel ihm dieses Zimmer besser als das angrenzende. Es gab ihm das unerklärliche Gefühl zu all dem Neuen und Fremden doch dazuzugehören. Sonderbarerweise ließen ihn die braunen, trüben Wände zur Ruhe kommen. Seine Schulterblätter entspannten sich und er war nicht mehr so aufgewühlt und verbissen. Thor beschloss, dass er dieses Zimmer haben wollte. Er drehte sich um und guckte aus dem Fenster. Viel konnte er durch das dichte Laub nicht erkennen. Er wollte gerade einen der Fensterriegel anheben, als er das Gefühl hatte, als stünde jemand direkt hinter ihm. Er ließ den Arm fallen und drehte sich um. Voller Überraschung musste er feststellen, dass niemand dort war.
Mutter protestierte, als er ihr erzählte, welches Zimmer er sich ausgesucht hatte.
»Aber das ist doch viel kleiner als das andere. Willst du das wirklich haben? Das andere ist heller und wir müssen es nicht erst tapezieren.«
»Die Tapete ist schon in Ordnung.« Thor ließ sich nicht umstimmen.
Im Laufe des Nachmittags und des Abends bekam Thor sein Bett, seinen Schreibtisch und ein paar Lampen ins Zimmer. Das musste fürs Erste reichen. Die meisten seiner Sachen waren noch in den Pappkartons, die an der einen Wand gestapelt waren. Dort konnten sie bis zum nächsten Tag stehen bleiben, dachte er, als Mutter ihn zum Abendessen rief. Jetzt, wo die Küche nicht mehr leer war, wirkte sie etwas kleiner. Thor überlegte, ob er sich wohl irgendwann hier heimisch fühlen würde. Als er mit dem Essen fertig war, hatte er keine Lust länger unten zu bleiben und ging wieder in sein Zimmer. Es war ziemlich dunkel im Raum und er schaltete die Lampe an, die auf seinem Schreibtisch stand. Er zuckte zusammen, als er sah, wie sich etwas vor dem Fenster bewegte. Wind war aufgekommen und die Zweige der alten Eiche folgten dem Wind mit langsamen, geschmeidigen Bewegungen. Thor musste über sich selbst lachen. Er dachte an den Herbst und an die starken Stürme, die diese Jahreszeit mit sich brachte. Dann konnte es sicher richtig unheimlich hier werden, mit knackenden Zweigen und Regen, der gegen die Scheibe schlug. Toll!
Thor legte sich aufs Bett, blieb dort mit den Händen unter dem Kopf liegen und starrte an die Decke. Er dachte an Ragnar und ihren Abschied heute früh. Das erschien ihm jetzt bereits so fern. Dachte Ragnar an ihn? War er im Laufe des Tages am Strand gewesen und hatte sich hundert Punkte gesichert?
Thor beneidete ihn um den kurzen Weg zum Meer. Mutter hatte erzählt, dass sie hier zunächst ins Zentrum gehen mussten und von dort noch ein gutes Stück weiter, bevor sie zum Wasser kamen. Aber in diesem Augenblick spielte das überhaupt keine Rolle, das lockte ihn sowieso nicht. Allein am Strand, allein in einer neuen Stadt, wo er keinen kannte. Der ganze Sommer war versaut!
***
Er stand in einer Ecke und betrachtete den Jungen auf dem Bett. Er war ihm gefolgt, seit er aufgetaucht war, hatte am Fenster gestanden und ihn aus dem Auto steigen sehen. Der Junge guckte jetzt zu ihm auf, ohne sich darüber im Klaren zu sein, dass er dort stand. Wahrscheinlich hatte er schon geahnt, dass jemand hier war, als er ins Zimmer gekommen war, hatte sich davon aber nicht abschrecken lassen. Das war ein gutes Zeichen, ein guter Anfang.
***
Wie vorher, als er am Fenster gestanden hatte, hatte Thor wieder das Gefühl, als wäre er nicht allein. Er setzte sich im Bett auf und guckte zur Tür, aber die war immer noch geschlossen. Vielleicht war er kurz eingenickt und hatte nicht mitbekommen, wie Mutter oder Vater ihren Kopf hereingesteckt hatten? Er lauschte, ob er Schritte auf dem Flur hören konnte, aber es war ganz still. Unten im Erdgeschoss konnte er hören, dass sie noch voll im Gange waren, obwohl es schon spät am Abend war. Sicher konnte Mutter die Sachen nicht schnell genug an Ort und Stelle kriegen. Es war jetzt fast elf und Thor beschloss ins Bett zu gehen. Das war die erste Nacht in dem neuen Haus – und der Tag, den er jetzt hinter sich abschloss, war ziemlich anstrengend gewesen.
***
Er stand am offenen Fenster und betrachtete den schlafenden Jungen. Von draußen drangen Geräusche herein, die er genau kannte. Das Eichenlaub, das im Wind spielte, und ein leiser, trillernder Ton eines einzelnen Vogels, der noch nicht zur Ruhe gekommen war. Er schaute wieder zum Bett und dem Jungen darin.
»Du brauchst Zeit und ich muss Geduld haben, abwarten können.« Er wünschte sich nur, er könnte sicher sein, dass der Junge auch der richtige war.
***
The free sample has ended.