Read the book: «Mit Büchern unterwegs»
Lise Gast
Mit Büchern unterwegs
Saga
Mit Büchern unterwegs
© 1977 Lise Gast
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711509760
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
»Und was haben Sie für den Herbst vor?«
»Im Herbst«, pflegte mein vielbewunderter Freund Münchhausen – der Balladendichter, nicht der auf der Kanonenkugel – auf diese Frage zum Ärger seiner Frau zu antworten: »Im Herbst lasse ich mich für Geld sehen.«
Damit meinte er: Ich gehe zu Lesungen auf Tournee.
Lesungen, Dichterlesungen, damals schon und heute noch immer oder wieder. Auch wer sich nicht zu den ›Dichtern‹ zählt, sondern nur zu der bescheidenen Gilde der Schriftsteller, auch Schreiberlinge genannt, wird dazu aufgefordert; von Schulen, Volkshochschulen, von Pfarrern, Jugendpflegern, ländlichen Hausfrauenverbänden. Von Büchereien, Altersheimen, Kindergärten, von der Nachbarschaftshilfe, dem Diakoniewerk, – ja sogar Strafanstalten bitten einen mitunter, zu kommen und vorzulesen. Und da die Jugendbuchwoche im Herbst stattfindet, könnte auch ich sagen: »Im Herbst lasse ich mich für Geld sehen.«
Hier möchte ich jedoch gleich betonen: Es ist nicht das Geld, das mich lockt, immer wieder mein Bündel – das heißt, meinen Bücherpack – zu schnüren, sondern der Kontakt mit dem Leser. Ich wohne auf dem Land, also hinterm Mond und muß deshalb immer wieder ausprobieren, was in meinen Büchern den Leser anspricht, auf welche Stellen er reagiert, was ihm diese Bücher lieb macht. Deshalb nehme ich alle Strapazen, die mit solch einer Reise verbunden sind, immer wieder auf mich und sage »Ja«, wenn man mich bittet. Je ferner der Termin, desto eher bin ich bereit, zuzusagen: denn ich bin keineswegs eine Reisende aus Leidenschaft, sondern am allerliebsten zu Hause. Aber um der guten Sache willen...
Das muß sich inzwischen herumgesprochen haben; denn seit einigen Jahren werde ich schon Monate vorher, fast immer telefonisch, um meine Zustimmung gebeten, und meist sage ich dann: »Jaja, bis dahin – aber rufen Sie mich bitte am Tag davor nochmal an, damit ich es nicht vergesse.« Ich notiere den Termin und gehe zur Tagesordnung über, denke im Stillen: »Bis dahin – na ja.« Wenn es dann soweit ist, paßt es mir meist überhaupt nicht in den Kram, aber zu seinem Wort muß man ja stehen.
Ich spreche hier nur von mir. Sicherlich gibt es Autoren, für die solche Reisen mit keinerlei Schwierigkeiten verbunden sind, sie freuen sich sogar darauf. Wahrscheinlich haben sie nicht so viel um die Ohren wie ich, leben in der Stadt oder besitzen zum mindesten zivile Kleidung.
Ich hab nichts anzuziehen
Ja, damit fängt es an. Mit diesem fürchterlichen, sich stets wiederholenden: »Was ziehe ich an?«
Zu Hause laufen wir in Jeans oder Reithosen herum, im Sommer barfuß, im Winter in Gummistiefeln. Dazu tragen wir die ältesten Pullis oder Blusen. Das ist kein Tick oder Arme-Leute-Look. Aber steigen Sie mal pausenlos über Zäune, schieben Mistkarren oder fangen ausgerissene Pferde ein – in anständiger Kleidung! Dann werden Sie bald auf unsere Masche kommen. Aus der Notwendigkeit wird es in Jahrzehnten zur Gewohnheit, so herumzulaufen. In unserer Einsamkeit sieht es ja keiner, auch im Auto nicht, das uns seit ein paar Jahren das Leben erleichtert. Und in den Läden der Kleinstadt, in denen wir das Nötigste kaufen, kennt man uns ja. Eleganz ist also nicht erforderlich und daher nicht vorhanden. Ich weiß, Kollegen, vor allem aber Kolleginnen, sind mir da weit überlegen. Einmal hörte ich die Lesung einer mir sehr lieben Landsmännin, Schlesierin, mit an. Ich möchte ja immer gern wissen, wie es die andern machen. Sie trug ein weißes Kostüm, Ohrringe, Ketten, sah schnucklich und mindestens zwanzig Jahre jünger aus als ich – sie ist auch jünger – und begeisterte mich. Ihr Kostüm ließ mich nicht schlafen. Aber – weiß? Weiß macht dick. Leider bin ich nicht schlank. Also ähnlich, vielleicht mattblau? In einer Frauenzeitschrift, die ich in der Vorhölle – für mich das Wartezimmer des Zahnarztes – durchblätterte, sah ich ein schickes Kostüm im Safaristil. Mein Entschluß war gefaßt. Ich kaufte mattblauen Stoff (Blau? Zu Safari? Schon das war falsch!) und ließ es mir von der Schneiderin einer meiner Töchter nähen. Das heißt, diese versprach es, und ich glaubte ihr, ungewohnt, mit solchen Damen umzugehen. So oft ich aber hinkam – sechzehn Kilometer entfernt! –, hatte sie noch keine Zeit dafür gefunden. Ein Jahr später war es endlich fertig. Meine Enttäuschung war groß. Es knitterte und sah nach der ersten Lesung aus wie alt gekauft. Ich ließ es, heimgekehrt, reinigen und schenkte es meiner Schwiegertochter.
Wie es die anderen fertigbringen, auf einer Tournee nach der vierzehnten Lesung noch auszusehen wie frisch aus dem Modeblatt geschnitten, wird mir ewig ein Rätsel bleiben. Zu jeder Gewandung tragen sie richtige Schuhe, haben hübsche Mäntel, knitterfreie Halstücher und entzückende Hütchen. Bei mir wirkt jeder Hut wie ein Scherzartikel, Schuhe besitze ich ein einziges Paar ›gute‹, und ein Halstuch, einmal umgeknüpft, sieht aus wie das, mit dem ich den Pferden daheim, wenn nötig, die Augen auswische oder es als Halsband für die Hündin verwende.
Einmal hatte ich eine Haustochter, die kümmerte sich um mein Aussehen, ehe ich losfuhr. Sie suchte mir den Pulli aus, wusch ihn und erlaubte nicht, daß ich zwei verschiedene Handschuhe mitnahm, weil ich in der Eile – wir sind immer in Eile – kein komplettes Paar fand. Sie putzte mir die Schuhe, frisierte mich, bürstete mich ab. Sogar schminken mußte ich mich unter ihrer Aufsicht.
»Nein, weniger, ganz dezent nur. Die Lippen noch etwas – haben Sie sich die Hände gewaschen?«
Natürlich habe ich. Aber ebenso natürlich habe ich inzwischen schon wieder Hunde, Kater, Pferdehufe oder Heugabeln angefaßt, im Vorbeirennen. Wir rennen immer. Also nochmal Hände waschen. »Es wird zu spät!«
Meist wird es wirklich sehr spät. Einmal fuhr sie mit mir nach Stuttgart, per Anhalter. Wir fuhren damals alle noch auf diese billige, wenn auch mühsame Art. Sie hatte mich einigermaßen zurechtgedonnert, sich auch, unter anderem trug sie Pumps. Mit denen konnte sie nicht oder doch nur schlecht laufen. Normalerweise kommen wir bis Stuttgart mit einem Wagen. Damals stotterten wir die Strecke mit dreien ab. Dazwischen liefen wir, sie litt, ich mit ihr. Im Auto wurde ihr schlecht – am Abend zuvor hatten wir die unvermutete Schwangerschaft einer Stute gefeiert und begossen. Zum Glück hatte sie eine Plastiktüte mit. Die gutherzigen Autofahrer, die sich unserer erbarmten, hielten uns für Mutter und Tochter. Mitleidig sahen sie in Karins blasses Gesichtchen.
»Sie erwartet kein Kind«, beteuerte ich immer wieder, obwohl das den Autofahrern ja eigentlich gleichgültig sein konnte. Mit Müh und Not erreichten wir den Hof, sprich das Gustav-Siegle-Haus, wo ich vor Jungbuchhändlern lesen sollte, mit Dia- und Filmvorführung. Nun aber wollte der Filmprojektor nicht so, wie wir wollten. Die jungen Leute halfen mir fröhlich, ihn zur Raison zu bringen. Das dauerte bis neun, um acht hätte die Lesung beginnen sollen. Hinterher hielt der damalige Betreuer dieser Jugend eine reizende Dankesrede und meinte, seine jungen Freunde wären sicherlich damit einverstanden, wenn sie ihren diesjährigen Betriebsausflug nicht, wie bisher geplant, in die Reutlinger Bärenhöhle, sondern lieber zu uns auf den Ponyhof machten, alle vierzig Mann. Ob es mir nächste Woche paßte.
Es paßte. Und es wurde ein ausgesprochen netter Nachmittag, meine Kinder waren gnädiger Laune und zogen mit den Ponys eine Schau ab, ein paar Besucher wollten reiten und flogen prompt aus dem Sattel, was die anderen erheiterte, zwei verliebten sich in Karin, leider zwei. Sie gerieten einander in die Haare und waren nur schwer zu beschwichtigen. Wer nicht ritt, wurde im »Kütschle« gefahren – zum Limes, zum Römerturm, durch die Fuchsklinge zurück zum Ponyhof, wo inzwischen ein Lagerfeuer entzündet worden war, um das wir noch lange sassen und sangen. Hier war es gottlob gleichgültig, wie man angezogen war.
Nun wird jeder vernünftige Mensch unserer Zeit sagen: Es gibt doch Möglichkeiten, auch unterwegs gepflegt auszusehen. Knitterfreie Pullis, bunt, damit man nicht jeden Fleck sieht, eine hübsche Halskette, lange Hosen möglichst aus einem Stoff, der nicht sofort Kummerfalten macht und unter denen die Mehrzweckschuhe nicht auffallen. Warme Jakke, kurz, wie man sie im Wagen trägt. Fertig. Genau richtig. So weit bin ich jetzt auch (in der Theorie jedenfalls). Jetzt, das ist nach einem Vierteljahrhundert jährlicher Lesungen, bei denen ich nicht richtig, also standesgemäß gekleidet war.
Ach ja, die leidige Garderobe!
Meistens kommt es anders...
Ich fahre nicht gern mit dem eigenen Wagen zu Lesungen, zumal im Herbst, wenn Nebel und Glatteis drohen. Früher war ich sowieso nicht motorisiert, und es ging auch. Es gibt ja auch die Eisenbahn.
Manche Leute, die mich anfordern, bieten mir an, mich abzuholen. So werde ich auch sicher heimtransportiert, was mir sehr lieb ist, da ich doch manchmal nach der Lesung gebeten werde, ein Glas zu trinken. Das tut nach der Konzentration des Lesens wohl.
Werde ich also abgeholt, so bin ich einige Sorgen los. Nur aufgeräumt muß sein, denn es gehört sich natürlich, die Abholenden erst einmal hereinzubitten. Eine nette Tee- oder Kaffeestunde vor dem Aufbruch bringt mitunter das, woran mir liegt: ein gutes Gespräch. Solange ich Haustöchter hatte, war das leicht zu arrangieren, doch seit ich mit zwei Enkelinnen allein lebe, ist es manchmal schwierig. Gerade liegt im Wohnzimmer ein Puzzle auf dem Tisch, halb fertig gebaut, das unter gar keinen Umständen angerührt werden darf. Oder die Kinder haben Besuch und lassen Reinhard Mey singen oder eine andere Platte dröhnen. Kinder müssen sich heutzutage frei entfalten können, sonst leiden sie später unter Frustrationen.
Ich decke also in unserer gemütlichen, holzgetäfelten Wohnküche den achteckigen Familientisch, nach alter Gewohnheit eine Stunde zu früh, weil immer etwas dazwischen kommt: ein ewig langes Telefonat, ein plötzlicher Besuch oder ein aufgeschlagenes Knie – Variationen gibt es genug. Ich überlese das Kapitel, das ich auf dem Programm habe, vertiefe mich und bin wieder nicht fertig angezogen, als es schellt...
Mitunter fahren mich auch Bekannte hin, die eine Lesung miterleben wollen. Mit Schrecken denke ich da an eine Einladung auf die Comburg bei Schwäbisch Hall. Dort hatte ich vor Jahren eine Freizeit junger Buchhändler miterlebt, acht Tage lang, zusammen mit einer Kinderbuch-Verlegerin aus Stuttgart, die sich viel um mich kümmerte, als ich, völlig unbeleckt von Fachwissen, jung und unwissend aus dem Osten kam. Wir hatten viel Spaß, badeten nachts im Kocher, spielten Völkerball, hörten interessante Vorträge und erlebten einen Beethoven-Abend von Elly Ney mit. Als ich Abschied nehmen mußte, entführte mich ein junger Buchhändler aus Jux mit seinem Motorrad auf eine entlegene Landstraße. Dort setzte er mich ab, barfuß, denn sein Kumpel hatte mir das einzige Paar Schuhe entwendet, das ich damals besaß. Ich mußte betteln, daß er mich wieder zurückfuhr.
In Erinnerung an diese unvergessene Freizeit bedeutet für mich noch immer ›Comburg‹ das gleiche wie ›Jungbuchhändler‹, und so hatte ich zugesagt, dort nicht nur zu lesen, sondern auch über das Jugendbuch zu sprechen.
Wohlgemut fuhr ich mit einem Bekannten, den ich vom Reiten her kenne, und einer meiner Töchter gen Schwäbisch Hall. Ich saß auf dem Rücksitz und blätterte in meinem Vortrag. Dabei kam mir der Brief des Veranstalters in die Hände, und ich las ihn nochmals, las ihn erst jetzt richtig zu Ende. Da erstarrte ich.
Nicht Jungbuchhändler, sondern Bewohner eines Altersheims erwarteten mich und meine lichtvollen Ausführungen. Himmel, warum las ich die meisten Briefe nicht genau! Nun mußte ich zusehen, wie ich mit einem völlig anderen Publikum klarkam.
Zum Glück war nicht ich allein eingeladen. Ich nahm einen der Jugendbuch-Autoren, die auch da waren, beiseite und sprach auf ihn ein. Daß man alten Leuten lieber etwas bieten sollte an spannendem Geschehen, als sie belehren zu wollen, er habe doch eigene Bücher da, aus denen er lesen könnte. Ich hatte auf dem Büchertisch auch eins meiner eigenen erspäht.
»Aus dem könnte ich ja lesen – und Sie vielleicht aus dem, das ich immer so spannend fand, das mit den Beduinen –« ich blätterte, meine Tochter grinste – sie durchschaute mich –, er aber ließ sich überzeugen. Gottlob, alles ging gut.
Etwas Ähnliches erlebte ich Jahre später, als ich ins Augustinum in Stuttgart eingeladen wurde und dies aus unerfindlichen Gründen für ein Kinderheim hielt. Es ist aber ein sehr großzügig gebautes Altersheim. Nun hieß es, das Programm ändern und auf ältere Leser umzupolen. Zum großen Glück enthält gerade das Buch, aus dem ich lesen wollte, auch Kapitel, die ältere Menschen ansprechen, und so war der Abend wieder mal gerettet.
Überhaupt – von Pferden hört ein jeder gern. Und meine Bücher gefallen ›Kindern‹ im Alter von sechs bis achtzig, wie mir immer wieder versichert wird. Die Kleinsten lernen damit lesen, und ältere Menschen fühlen sich in ihre Jugend zurückversetzt. Das, was meine Bücher so beliebt macht, muß etwas sein, was ewig menschlich ist: das Zusammenspiel von Kindern und Tieren. Kinder und Tiere gehören zusammen. Früher, als der Mensch noch Akkerbau und Viehzucht betrieb, war das naturgegeben, heute ist es ein ganz großer Luxus, aber ein schöner und ein von allen naturliebenden Menschen ersehnter. Gäbe es sonst in so vielen Familien Katzen, Hunde, Goldhamster, weiße Mäuse, Wellensittiche, Schildkröten, Zwerghasen und Meerschweinchen? Je mehr der Stadtmensch von der Technik umgeben ist, desto inniger sehnt er sich nach der Natur, nach dem Tier.
Vor nicht allzu langer Zeit schien es, als ob das Pferd ausgedient hätte, überrundet von der Pferdestärke des Autos, des Traktors. Heute wächst die Zahl der Pferdeliebhaber und Freizeitreiter mehr und mehr. Fast in jeder Familie gibt es eine Beziehung zum Pferd, sei es daß ein Neffe reitet oder eine Enkelin, oder Vater und Mutter samt Kindern diesem Hobby frönen.
Wer also über Pferde und Ponys schreibt, fängt die Herzen des Leserpublikums in jedem Alter. Kinder und junge Leute träumen beim Lesen von der Zukunft im Sattel und lesen deshalb diese Bücher, andere, die bereits reiten, sehen sich selbst darin wieder. Und Ältere denken an früher, als sie bei Opa auf dem Land mit Pferden zusammen waren, als sie den Hofhund streichelten und junge Kätzchen im Heu fanden, auf den dicken Ackergäulen saßen und sich als Cowboys fühlten. Der Zauber, der von Pferden ausgeht und junge Menschen in Bann schlägt, läßt nicht nach. Unseren Vorfahren waren die Pferde heilig. Ich hab oft darüber nachgedacht. Hat unsere Seele davon noch etwas bewahrt? Als wir unseren Ponyhof gründeten, war das noch etwas Besonderes, ein Wagnis. Heute gibt es viele Unternehmungen dieser Art, alles strebt zum Pferd. Laßt uns also davon erzählen und vorlesen, und dem Hörer geht das Herz auf!
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