Read the book: «Ein Sommer mit Tieren»
Lise Gast
Ein Sommer mit Tieren
Zwei Mädchen in den Ferien
Saga
Ein Sommer mit Tieren
© 1971 Lise Gast
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711509265
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
Als Mutter anrief, hatte ich solches Herzklopfen, daß ich sie kaum verstand. Jetzt entschieden sich meine Ferien – Himmel, war das spannend! Ich hatte den ganzen Vormittag auf den Anruf gelauert.
„Es wird nun doch alles anders, Musch, mein Liebes“, sagte Mutter vorsichtig. Sie spricht manchmal schon mit mir wie mit einem Erwachsenen, das finde ich so toll an ihr. „Ich komme hier nicht los, muß noch vier Wochen liegen. Nein, kein Grund zur Sorge, der Arzt hat mir versprochen, daß ich dann wirklich gesund bin. Ganz, mit Garantieschein. Aber wenn ich jetzt schon aufstehe und loslege, sagt er ...“
„Du fährst jedenfalls nach Hohenstaufen, wie du es dir vorgenommen hast. Das ist für dich jetzt die Hauptsache, und du hast es verdient. Vater wird eben versuchen müssen, ohne seine große Tochter auszukommen. Aber du mußt Til mitnehmen. Bitte, Musch. Til mit seinen zehn Jahren ist nirgends unterzubringen außer dort, und er wird dir schon folgen. Du kannst ihn manchmal besser nehmen und zur Vernunft bringen als ich. Das Baby bleibt bei meiner Freundin, und die Zwillinge –“
„Muß ich die etwa auch mitnehmen?“ – mir schauderte. Ralf und Roland sind sieben, also im schlimmsten Alter. Kleinere sind süß und größere haben schon Verstand, wenigstens etwas, diese Preislage aber ist entsetzlich. Noch dazu in doppelter Ausführung – was dem einen nicht einfällt, weiß der andere. Und –
„Nein, nein, Musch, keine Angst! Die Zwillinge kommen zu Oma. Du nimmst Til mit und weiter keinen. Und ihr werdet es bestimmt wunderschön haben bei Tante Trullala.“
O ja. Tante Trullala ist Mutters ältere Schwester, meine Patentante. Sie wohnt mit ihrem Mann im Dorf Hohenstaufen, das an dem Berg liegt, der ebenso heißt – in einem Haus am Hang. Und Tante Trullala ist die geliebteste, goldenste, kugelrundeste Tante der Welt, mit braunen Kulleraugen und lachlustig wie ein Star. Ihre Söhne sind groß und aus dem Haus, es sind vier, und dann hatte sie – ja, das ist etwas sehr Trauriges. Sie hatte noch eine kleine Tochter, einen Nachkömmling, die wäre jetzt ungefähr so alt wie ich.
Aber sie ist gestorben. Das war für Tante und Onkel sehr schwer, denn sie hatten sich immer eine Tochter gewünscht.
Tante hat es auch noch nicht verwunden, das weiß ich. Wenn sie mir gute Nacht sagen kommt, sitzt sie immer noch ein bißchen bei mir – sie sagt kein Wort von Rosemarie, aber sie denkt an sie, ich spür’ das. Und dann streichelt sie mir über den Kopf und sieht mich an ...
Einmal hab’ ich sie gefragt. Es gibt Augenblicke, da kann man so was – manchmal überhaupt nicht. Aber damals merkte ich, daß sie sogar gern gefragt wurde.
„Der liebe Gott hat es richtig gemacht, daß er sie zu sich nahm“, sagte Tante Trullala leise. „Sie hatte eine Krankheit, von der sie nie wieder gesund geworden wäre – im Kopf, weißt du. Solche Kinder sind am besten beim lieben Gott aufgehoben.“
Ich verstand das. „Man kann sie auch dort liebhaben, im Himmel“, sagte ich. „Und wenn ich hier bin, spielen wir, ich wäre deine Tochter.“ Ich streichelte ihre Hände. Da lachte sie und gab mir einen Kuß.
„Machen wir, Musch. Jeden Sommer, den der liebe Gott werden läßt, ja? Hoffentlich noch viele, viele.“ Ich hatte nichts dagegen.
Ich heiße Ursula, aber so nennt mich keiner. Früher nannten sie mich Uschi, dann Usch, dann Musch, wie das in großen Familien manchmal so ist. Ich höre auf Musch, ich finde es hübscher als meinen Taufnamen, wir haben sowieso vier Ursulas in der Klasse. Til heißt eigentlich Tilman, aber wir kürzen ihn immer in Til ab. Er ist auch manchmal ein rechter Eulenspiegel. Und den mußte ich also mitnehmen.
Wenn man so viele Geschwister hat, ist man nämlich gern mal ein Einzelkind. Darauf hatte ich mich gefreut. Bei Tante Trullala hab’ ich es wie eine Königstochter – sogar die kleine weiße Zahnpastawurst drückt sie mir morgens und abends auf die Zahnbürste, legt mir die Seife zurecht und gibt mir ein frisches Frottiertuch. Und ich brauche nicht abzutrocknen – wenn viel Abwasch ist, tu ich es trotzdem, aber freiwillig – und kann morgens so lange schlafen, wie ich will. Das geht zu Hause nie, weil die Jungen so viel Krach machen. Und dann heißt es bei uns pausenlos: „Ach, Musch, könntest du fix mal –“ oder „Das macht Musch. Nicht wahr, das tust du doch, es dauert bestimmt nicht lange –“ und so weiter. So geht es eben großen Schwestern.
Aber in Hohenstaufen ist es anders, und das finde ich eben wunderschön. Nur, wenn Til mitkommt –
Ach was, es wird auch so schön werden. Til kann natürlich längst schwimmen, da ist er sicher viel im Freibad, das gleich unterhalb von Onkels Grundstück liegt, keine zwei Minuten zu gehen. Man hat von dort aus eine wunderbare Sicht zur Alb hinüber. Und aufzupassen, daß er nicht ertrinkt, braucht bei ihm keiner mehr. Er hat sogar schon den Fahrtenschwimmer.
Das alles sagte ich zu Mutter am Telefon. Sie lachte. Und dann weinte sie ein bißchen – bei Gelbsucht weint man leicht, das habe gar nichts zu sagen, erklärte sie mir schnupfend und lachte schon wieder, ich hörte es deutlich – und es kam noch „Gott behüte dich“ und „alles Schöne“ und „grüß Tante und Onkel“ – und jetzt mußten wir leider aufhören, denn der Kurort, in dem Mutter ist, liegt ziemlich weit entfernt, und da sind die Gespräche teuer. Ich atmete tief aus.
Also doch Hohenstaufen-Ferien! Gott sei Dank! Ich hob das dicke Telefonbuch hoch und klatschte es vor Freude mit voller Wucht auf das Tischchen. Das Tischchen nahm diese Behandlung übel und flog um, und es gab einen heidenmäßigen Krach. Gerade drehte sich Vaters Schlüssel in der Glastür.
Himmel, da hatte ich aber schnell wieder alles in Ordnung. Ganz harmlos stand ich da, als Vater fragte, was denn eben so geknallt habe – ich konnte mich nicht erinnern, etwas gehört zu haben. Und dann berichtete ich schnell von Mutters Anruf, und da vergaß Vater weiterzuforschen.
Das war am Tag, ehe die großen Ferien anfingen.
Wir fuhren mit dem Schnellzug nach Göppingen, dort holte uns Onkel Albrecht ab. Er hat keinen VW oder so was, sondern einen hellblauen Lieferwagen, denn er ist Ofensetzer. Seine Werkstatt ist in Göppingen. Es ist wundervoll, darin herumzukriechen und sich alles anzusehen, den riesigen Brennofen und die verschiedenen Kacheln und all das Kleinzeug, das er auch noch herstellt – Krüge und Becher und Vasen und Schüsseln. Die entwirft meist Tante Trullala, sie dreht die Probestücke auf der Töpferscheibe. Manchmal darf ich es auch versuchen. Es sieht ganz leicht aus und ist beinahe Zauberei.
Onkel Albrecht ist nicht sehr groß und hat ein rundes, glattes Gesicht mit prallen Pausbacken. Seine Auglein blinzeln vergnügt durch eine altmodische Nickelbrille, und er spricht ein bißchen sächsisch. Das finde ich goldig.
Als er mich sah, winkte er gleich begeistert, und als ich dann auf Til zeigte, tat er, als verließe ihn nun aller Mut.
„Ja Junge, du kommst mit? Aber wo willst du denn schlafen? Ich habe doch überhaupt keinen Platz in meinem Haus!“ jammerte er. Aber Til ist nicht so dumm darauf ’reinzufallen. Er lachte nur.
„Im Stall!“ sagte er. Ich hatte ihm natürlich alles erzählt – daß Onkel und Tante Schafe haben und Karnickel und Enten und –
Ja, was sie alles haben – oder besser noch bekamen, berichte ich später. Auf jeden Fall aber haben sie Platz.
Onkel fuhr uns erstmal nach Hohenstaufen. Ich hätte gern sofort die Werkstatt angeguckt, aber er meinte, die liefe uns nicht weg, und Tante Trullala wartete. Die Fahrt ist wunderschön, durch Wald, immer bergauf, mal mehr, mal weniger. Wenn man an einer bestimmten Stelle aus dem Wald herauskommt, sieht man vor sich, an den Berg gekuschelt, das Dorf Hohenstaufen liegen. Dort hält Onkel immer an, und wir blicken hinauf. Das letzte Haus ganz links ist es.
Onkel stieß die Wagentür auf, und wir sprangen hinaus, um zu winken. Das hab’ ich auch immer getan, wenn ich allein kam. Tante Trullala sieht auf die Uhr, wann wir ungefähr dasein können, und steht dann auf der Veranda, die über dem Hang liegt und von Onkel und seinen Jungen selbst gebaut ist. Dort lauert Tante Trullala mit einem weißen Bettlaken, und wenn sie den hellblauen Lieferwagen an der Ecke halten sieht, fängt sie an mit dem Bettuch zu winken. Auch diesmal klappte es auf die Sekunde. Wir sprangen und winkten mit beiden Armen und schrien laut, obwohl man das natürlich nicht hört, weil es viel zu weit ist. Aber es gehört nun mal dazu.
Dann schnurrten wir die letzte Strecke bergauf, ins Dorf hinein, hindurch und wieder ein wenig bergab. Rechts der Straße geht es einen felsigen Hang hinauf, links liegen die letzten Häuser. Das allerletzte ist es. Onkel hielt, und wir sprangen Tante Trullala, die mit einer bei ihren Rundungen erstaunlichen Behendigkeit herausgelaufen kam, genau in die Arme.
Mutter hatte wegen Til angerufen, aber sie wäre auch nicht erschrocken, wenn ich überraschend noch die Zwillinge und das Baby mitgebracht hätte. Tante Trullala kann so leicht nichts aus dem Gleichgewicht bringen.
Wir warfen unser Gepäck in den Flur und wollten gleich ins Wohnzimmer, Tante aber rief: „Vorsicht, Vorsicht! Wir haben zwei fremde Katzen im Haus, die dürfen vorläufig nicht herausgelassen werden.“
„Die Leute, denen sie gehören, sind seit vorgestern verreist, und so habe ich die beiden bei mir aufgenommen“, erklärte sie, „das eine ist eine Angorakatze, sehr schön. Seht ihr, dort sitzt sie. Sie ist ganz gutmütig, ihr könnt sie hochnehmen.“ Tante hatte die Flurtür wieder geschlossen.
„Wie heißt sie?“ fragte Til gleich und rutschte auf den Knien unter den Tisch. Sie hieß Amanda. Und sie ist wirklich schön, graublau, mit langhaarigem Fell. Ihre Augen sind ganz hell, ich hab’ so was noch nie gesehen.
Die andere war eine Siamkatze, grau, die Ohrränder und die Nasenspitze schwarz, ganz süß in der Zeichnung.
„Mit ihr muß man ein bißchen vorsichtig umgehen“, erklärte uns Tante, „sie verträgt zum Beispiel keinen Zug. Aber ihr könnt sie bei schönem Wetter mit zum Steinbruch nehmen, du weißt doch, dort hinauf, Musch“, sie deutete zum Hang, „und sie in der Sonne herumlaufen lassen. Da ist es von drei Seiten windgeschützt, ganz prima für Katzen, die sich nicht erkälten dürfen, aber an die Luft müssen sie ja genau wie Kinder.“
„Vertragen sie sich mit Rex?“ fragte ich.
Rex ist der Schäferhund, schon ein wenig alt, aber sehr lieb. Er lag vor der Eckbank und klopfte mit dem Schwanz auf die Erde zur Begrüßung. Ich ging zu ihm hin und streichelte ihn. Er hat mich bestimmt wiedererkannt.
Dann gab es kalte Milch und bunte Brote, und wir futterten. Es war alles schon ganz richtig „Hohenstaufen-Ferien“.
„Kommt sonst noch jemand?“ wollte ich wissen.
Tante lachte. „Wer soll denn noch kommen? Ihr seid meine Ferienkinder, ihr und niemand sonst. Weißt du nicht, was wir ausgemacht haben, Musch?“
Natürlich wußte ich es. Wir sahen uns zärtlich an und lachten. Tante Trullala ist prima.
Zum Schlafen bekamen wir die beiden Bubenzimmer unterm Dach. In jedem steht ein Bett und eine Couch. Das eine sieht nach Osten und das andere nach Westen. Weil wir uns nicht einigen konnten, wer welches bekommt, schrieb Tante auf einen Zettel O und auf einen Wund nahm sie in beide Hände. Nun mußten wir erst knobeln, wer wählen darf, und das war Til. Er schrie gleich „Rechts!“, und so bekam ich das Zimmer mit dem Sonnenaufgang. Ich hab’ mich sehr gefreut.
Wir gingen hinauf und packten aus. Es roch nach Holz und Farbe und nach etwas ganz, ganz klein wenig Scheußlichem – ich kann aber nicht herauskriegen, was es ist. Es gehört zum Hohenstaufen-Sommer wie die Butter zum Butterbrot, der Sattel zum Pferd. Ich schnaufte es in meine Nase hinein und war so glücklich, hier zu sein, so ganz, ganz schrecklich glücklich.
Vor allem bin ich froh, daß ich ein Zimmer für mich habe. Seit langer Zeit schon – ich glaube, ich war damals neun – ist es meine Gewohnheit, Tagebuch zu schreiben – und auch sonst noch manches. Mutter hat es gemerkt und mir zum neunten Geburtstag ein dickes Heft mit einem weichen schwarzen Deckel geschenkt, eines, wie man es in der Schule nicht hat und es also auch nicht mit anderen Heften verwechseln kann. Dahinein schreibe ich alles, was mir einfällt, manchmal auch Gedichte, solche, die ich irgendwo gelesen habe und die mir gefallen, manchmal aber auch eigene. Das ist sehr unmodern, und niemand darf es erfahren. Til, der ja nur zwei Jahre jünger ist als ich, hat natürlich überhaupt keinen Respekt vor mir und versucht, mich überall lächerlich zu machen. Einmal kam ich aus den Ferien und ließ beim Auspacken dieses Heft leichtsinnigerweise liegen, so daß es ihm in die Hände fiel. Er muß darin herumgeschnüffelt haben, denn beim Abendbrot verkündete er, wir hätten eine Dichterin unter uns und was für eine! Ob er mal was zum besten geben sollte?
Ich sah, daß es mein Heft war, das er hervorzerrte – er hatte es auf dem Stuhl liegen gehabt und saß darauf – und wollte mich schon auf ihn stürzen, aber Mutter saß zwischen uns, und ich konnte nicht hin. Til fing an, schwungvoll und mit ganz blöder Betonung:
„Das Hängelämpchen qualmt im warmen Stalle,
in dem behaglich sich zwei Kühe fühlen.
Der Hahn, die Henne, um den Sproß die Kralle,
träumen von wunderbarem Düngerwühlen –
Mistkratzen müßte das heißen“, schaltete er hier zwischen, „aber wartet mal, es kommt noch schöner!“
„Augenblick, Til“, sagte Mutter, „das kenne ich doch –“
„Wieso? Hast du es auch hier gelesen?“ fragte Til.
„Ich lese keine Tagebücher von andern Leuten“, sagte Mutter ruhig, „das ist genau dasselbe wie fremde Briefe aufzumachen. So was tut man nicht. Warte, es geht weiter ...
Der Junge pfeift auf seiner Hosenschnalle
dem Brüderchen ein Lied mit Zartgefühlen – –
Stimmt’s, Til?“
Til sah ins Heft und nickte.
„Es ist von Liliencron“, sagte Mutter, „und dir gefällt es also auch so gut, Musch, daß du es abgeschrieben hast? Jaja“, sie nickte mir zu, „ich mag es auch sehr gern.“
Da war Til ja blamiert. Ich gönnte es ihm. Jüngere Brüder wollen einem dauernd was auswischen, sie fühlen sich überlegen, weil sie Jungen sind und man selbst nur ein Mädchen, und daß sie jünger sind, versuchen sie durch doppelte Frechheit auszugleichen. Ich kann ein Liedchen davon singen.
Seitdem hab’ ich das Heft immer gut versteckt. Denn natürlich sind auch Gedichte von mir drin. Aber nach Hohenstaufen mußte ich es einfach mitnehmen, und während ich Til nebenan kramen und pfeifen und poltern hörte, schrieb ich schnell mit großen Buchstaben auf die nächste leere Seite: „Hohenstaufen. Erster Ferientag. Hurra!“
Ich weiß nicht, ob es anderen Leuten – zum Beispiel Erwachsenen – auch so geht wie mir oder ob das eine besondere Eigenschaft ist, vielleicht angeboren. Auf Pässen steht doch manchmal „besondere Kennzeichen“, und damit ist gemeint, ob man eine Warze an der Nase hat oder ein Muttermal auf dem Bauch oder sonst etwas, was nie weggeht. Bei mir müßte stehen: „Gold-Pech-Marie“ oder so ähnlich. Ich meine, eine Bezeichnung dafür, daß bei mir immer, wenn es ganz schön ist, wenn also Gold auf mich herunterregnet, plötzlich Pech dazwischen kommt. Weihnachten bekam ich einen weißen Pullover, den ich mir ganz furchtbar gewünscht hatte, zu meiner guten langen Hose. Mit Rollkragen und gerippt, also toll. Ich zog ihn sofort an, und im nächsten Augenblick – ich war noch nicht vor dem Spiegel – kippte Ralf mir den Inhalt seiner Kakaotasse über. Ralf ist noch zu klein, als daß man ihn dafür vermöbeln könnte, außerdem hatte Til ihn angestoßen. Weihnachten geht es bei uns immer recht munter zu. Ich sah das ein, aber der Pullover war verigelt, wenigstens zunächst. Ich mußte ihn ausziehen und schleunigst versuchen, den Fleck herauszuwaschen, und ich habe beinahe geweint vor Wut.
Ja, ich schreibe nicht nur Gedichte gern ab, ich lerne sie auch und sage sie auf, wenn es paßt. Alle aus unserem Lesebuch kann ich längst, ehe wir in der Schule drüber sprechen. Einmal merkte das unsere Klassenlehrerin – sie ist jung und sehr nett, schon verheiratet, aber trotzdem noch jung – und da sagte sie, ich sollte das eine Gedicht doch mal ganz aufsagen. Sie fragte mich, ob ich dazu vorkommen wollte aufs Katheder, damit ich mich dran gewöhnte, vor Leuten zu sprechen.
Ich fühlte mich geehrt und ging nach vorn, und ich blieb auch nicht stecken, obwohl es ein langes Gedicht ist, über drei Seiten. Als ich aber dann, stolzgeschwellt, in meine Bank zurückwollte, da hatte Lotte Treitschke ihren blödsinnigen Fuß vorgeschoben, ob absichtlich oder aus Dußlichkeit, weiß ich nicht, jedenfalls stolperte ich darüber und fiel der Länge nach hin, so richtig auf die Nase. Ich hab’ mal früher das Nasenbein angebrochen, das tat scheußlich weh, und seitdem ist die Nase meine empfindlichste Stelle. Sie schwoll auch sofort an und bekam die Form einer Gurke, und die Tränen sprangen mir aus den Augen. Die ganze Klasse lachte – ich muß furchtbar ausgesehen haben. Und daß ich das Gedicht, das wir doch gar nicht aufgehabt hatten, ganz gekonnt hatte, war natürlich vergessen.
So ähnlich geht es mir oft. Ich weiß das und habe schon immer Angst, klopf unter den Tisch oder sage „Toi, toi, toi!“, wenn mir mal so ganz wohl ist. Diesmal vergaß ich es, und richtig, als ich barfuß, in Shorts und bunter Bluse, die Treppe hinuntersprang, um richtig mit den Ferien anzufangen, da sah ich –
Hm, ich sah, daß Tante Trullala nicht allein war. Und ich hatte ihr so viel, so viel erzählen wollen. Aber dazu war jetzt keine Zeit, wie ich sah. Ein kleines Mädchen, kleiner als ich, vielleicht elf, stand neben ihr, die Angorakatze auf dem Arm, und sprach auf sie ein, mit einer schrillen, durchdringenden Stimme, gegen die niemand aufkommt. Sie hatte pechschwarze, zottlige Haare, die ihr in die Stirn fielen, und ein buntes Kleid an, das reichlich kurz war. Was sie sprach, verstand ich nicht, auch Tante schien es nicht recht zu verstehen. Sie beugte sich hinunter, und ich fühlte, daß ich mich fürchterlich ärgerte. Heute war ich gekommen, heute war ich den ersten Tag hier, heute gehörte Tante Trullala mir.
Ich blieb stehen.
„Wer ist denn das?“ muß deutlich in meinem Gesicht gestanden haben, obwohl ich es nicht sagte. Tante wandte sich um.
„Das ist Penny, in Wirklichkeit heißt sie Penelope, ein Kind aus dem Dorf“, erklärte sie, die Kleine unterbrechend, „ja, eigentlich nicht aus dem Dorf, aber ihr Vater wohnt jetzt hier. Zur Erholung, bis er wieder auf Reisen geht. Er ist sehr viel auf Reisen. Ihre Mutter war Griechin, daher ihr Name.“
„Eine Penelope kommt doch in der Odyssee vor“, sagte ich. Ich hatte gerade alle Sagenbücher gelesen, deren ich habhaft werden konnte. „Das ist die Frau vom Odysseus, die immer webt und wieder auftrennt und auf ihn wartet. Und sie hatte einen Hund, der Odysseus dann erkannt hat, als der zwanzig Jahre später heimkam. Sag mal, Tante Trullala, meinst du, daß ein Hund sich so weit zurückerinnern kann? Die meisten sterben doch so mit sechzehn, siebzehn – man sagt, ein Hundejahr ist wie sieben Menschenjahre. Also müßte Odysseus’ Hund hundertvierzig Jahre alt geworden sein.“
„Das ist wohl nur in der Sage so“, sagte Tante Trullala, Penny aber schrie dazwischen:
„Es gibt Hunde, die noch älter werden, ich weiß das. Ja, viel älter. Bei uns zu Hause –“ und dann strudelte sie einen Wortschwall über Tante und mich daher, daß uns ganz schwach wurde.
„Man muß ein wenig nett sein zu Penny, sie hat keine Mutter mehr“, sagte Tante später zu mir, „und ihr Vater – nun, mir gefällt er ja nicht so sehr. Dunkle Locken und Schnauzbart und schwarze Augen – er soll Schauspieler oder so etwas sein, wird erzählt, ich weiß es nicht. Wenn es stimmt, gehört er eher auf eine Schmierenbühne, wenn du weißt, was das ist.“
„Ich glaub’ schon. So ein Theater, das von einem Ort zum andern zieht und Aufführungen in Gasthäusern macht, wo beim Zugucken Bier getrunken wird“, sagte ich. „Und ein Hanswurst spielt mit, der immer dumme Witze macht – und manchmal auch welche, die nicht sehr anständig sind.“
„Ja ungefähr. Aber dafür kann Penny ja nichts.“
Ich sah Tante an und sie mich. Und dann fand ich, daß sie zwar in einer Hinsicht recht hat, in anderer aber nicht. Ein ganzes Jahr hatte ich gewartet, herkommen zu dürfen, um wieder Tante Trullalas Tochter zu sein, und nun hatte ich erstens Til mitbringen müssen und zweitens ...
„Kommt sie jeden Tag?“ fragte ich.
„Hm. Manchmal auch nicht“, sagte Tante vorsichtig. Da konnte ich mir schon denken, was uns bevorstand.
„Ja, was nicht zu heilen ist, das muß ertragen werden“, schloß Tante Trullala die Unterredung. Sie setzt manchmal an den Schluß eines Gesprächs ein Sprichwort, das kenne ich schon von früher. Hier wäre es mir lieber gewesen, sie hätte gesagt: „Entweder – Oder!“ oder: „Niemand kann zween Herren dienen.“ Das aber ist kein Sprichwort, glaube ich, sondern aus der Bibel.
Unten im Haus ist die Werkstatt. Dort verwahrt Onkel alles, was er zum Basteln braucht; da hängen die Werkzeuge an der Wand, große und kleine Bohrer und Hämmer und Zangen, am Tisch ist ein Schraubstock, und in einem Schränkchen findet man Nägel und Schrauben aller Größen und Stärken. Dort steht auch der Käfig mit den Streifenhörnchen. Das sind Tiere, ähnlich unseren Eichhörnchen, nur schmäler und mit gestreiftem Fell. Sie sind sehr, sehr scheu. Deshalb hat Onkel ihnen in ihren großen Käfig noch zwei kleine Häuschen gebaut, die runde Einschlupflöcher haben. Dahinein flitzen die kleinen Kerle, wenn sie Angst haben.
Ich kannte sie vom vorigen Jahr her und hatte mir vorgenommen, sie in diesen Ferien zutraulich zu machen. Wenn man jeden und jeden Tag zu ihnen geht und ihnen Leckerbissen hinhält – sie fressen zum Beispiel gern Erdnüsse –, dann müßten sie doch merken, daß man es gut mit ihnen meint, und sich an einen gewöhnen.
Ich bin sowieso gern in der Werkstatt. Die Fenster sind dick mit wildem Wein überwachsen, so daß man kaum hinaussehen kann. Aber die Tür steht Tag und Nacht offen, und von da aus hat man einen wundervollen Blick hinüber zu den Höhen der Alb. Wenn man hinausgeht, ist linkerhand gleich der Stall, in dem früher zwei Kühe standen. Es waren die kleinsten Kühe, die gezüchtet werden, rotbraun, ganz süß. Zu schade, daß Onkel und Tante keine mehr haben.
„Seit die Jungen weg sind, schaffen wir es nicht mehr“, erklärte Onkel, „Kühe machen eine Menge Arbeit. Aber wir mußten welche haben, weil wir so viel Milch für die Katzen brauchten –“
„Und die Katzen brauchten wir, damit die Mäuse nicht überhandnahmen“, erklärte Tante und lachte, „wir hatten ein altes Pferd, das das Heu für die Kühe hereinholte, und das brauchte Hafer. Und wo Hafer ist, sind Mäuse“, sie blinzelte Onkel zu, und er blinzelte zurück.
„Jaja, so wäscht eine Hand die andere“, schloß Tante.
Gerade als das eine Streifenhörnchen seinen Kopf zum erstenmal aus dem Schlupfloch steckte – ich hatte sicher eine halbe Stunde ganz still gestanden, während ich darauf wartete, riß Penny die Tür auf. Natürlich zuckte das Hörnchen zurück, und es war alles umsonst gewesen.
„Was ist denn?“ fragte ich wütend. Ich kann sehr schlecht still stehen und hatte mich ungeheuer zusammengenommen.
„Du sollst zu Tante kommen, schnell!“ japste Penny. Herrjeh, mußte das gerade jetzt sein!
Tante saß auf der Bank vor dem Haus, eine Frau neben ihr. Diese Frau hielt ein Weckglas auf dem Schoß, darin war Moos, und in dem Moos stand eine kleine Leiter. Oben war das Glas mit Gaze zugebunden. Wahrscheinlich ein Laubfrosch.
Ja, es war einer drin. Die Frau hob das Glas und zeigte mir, wo er sich versteckt hatte. Er hockte ganz unten an die Glaswand geklebt. Man sah die Saugnäpfe an seinen Pfötchen, die gegen das Glas gedrückt waren, und in seiner Kehle ging es auf und ab. Er war gelbgrün und ziemlich klein, etwa wie ein Fünfmarkstück.
„Ich möchte, daß er bei jemandem ist, wo er sich wirklich wohlfühlt“, sagte die Frau. Sie sah eigentlich mehr aus wie eine Dame, nicht wie vom Dorf. Später erzählte mir Tante, daß sie eine Künstlerin sei und malte und nur im Dorf wohnte. So sah sie auch aus. Lange Locken und den Mund bemalt, was eigentlich traurig wirkte – jung ist sie bestimmt nicht mehr –, und an den Füßen Schuhe, denen man ansieht, daß sie nicht zum Laufen gemacht sind. Ich staune immer, was die Leute aushalten, um das zu tragen, was in Schaufenstern ausgestellt ist. Dicke oder ganz dünne Absätze und enge oder weite Kleider, die ihnen überhaupt nicht stehen und auch ganz unbequem sind – aber das sind Dinge, die wahrscheinlich nur Erwachsene verstehen. Erklären konnte es mir jedenfalls noch niemand. „Das ist eben Mode“, heißt es. Mode – ein blödes Wort.
So ungefähr sah die Malerin aus. Und sie erzählte und erzählte – immer von „ihm“. Nach einer Weile kapierte ich erst, daß es der Frosch war, den sie meinte.
„Wie alt ist er denn?“ fragte ich einmal, als sie eine kleine Pause machte.
„Zwölf Jahre“, sagte sie. Tante wunderte sich.
„Ich hab’ mal gelesen, Laubfrösche würden höchstens vier“, sagte sie. Da aber begann die Frau zu erklären ...
„Jaja, das stimmt, aber nur bedingt. Man muß die Tierchen richtig halten, vor allem im Winter, besser: im Herbst. Die Laubfrösche wintern sich nämlich ein, wenn es kalt wird, und das können sie natürlich im Glas nicht, wenn man sie in der Wohnung behält. Da muß man ihnen helfen. Ich stelle dann, im Oktober oder November erst, je nach Witterung, das Glas auf die Kellertreppe, jeden Tag eine Stufe tiefer. Ganz vorsichtig, es darf keine Erschütterung stattfinden. Und zugedeckt muß es auch werden, jedenfalls etwas – gedämpftes Licht ist am besten. Immer tiefer, aber unten muß es frostfrei sein, und es darf natürlich kein Keller sein, in dem sich Ölheizung oder Kohle befindet oder so etwas –“
„Ja, Öl riecht häßlich“, bestätigte Tante, „aber Kohle?“
„Kohle riecht natürlich nicht“, sagte die Dame pikiert, „aber wenn man welche holt, poltert es doch. Man darf ein Tier, das Winterschlaf hält, doch nicht stören.“
Nein, das sollte man nicht. Ich halte zwar keinen Winterschlaf, gebe aber jede Woche daheim die Hoffnung nicht auf, wenigstens einen Sonntag-Morgen-Schlaf halten zu können. Und immer, aber immer kommen die Zwillinge angestürmt, und die sind schlimmer als Heizöl und Kohle zusammen.
„Jetzt im Sommer ist es natürlich etwas schwieriger, einen solchen herzigen kleinen Kerl richtig zu behandeln, ich sage das ganz frei und offen“, fuhr die Dame fort und sah mich an, gleichzeitig streng und huldvoll. Ich kam mir vor, als erteilte sie mir den Ritterschlag. „Du darfst mit ihm Spazierengehen, wenn du versprichst, sehr gut auf ihn achtzugeben. Die Zeiten, da Störche auf den Wiesen stehen, sind ja vorbei. Trotzdem darfst du ihn nicht aus den Augen lassen, das versteht sich wohl von selbst.“
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