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Lise Gast

Der kleine Ausreisser

Saga

Der kleine Ausreisser

© 1979 Lise Gast

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711508862

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

„Sie würden uns eine große Freude machen, wenn Sie blieben, Fräulein Güldenstubbe!“

Ilme sah ihren Chef, Hauptlehrer Hartwig, lachend an. „Würde ich?“ fragte sie munter. „Es ist sehr lieb, mir das zu sagen. Ich glaube es Ihnen sogar. Und ich würde auch gern wieder einmal ein Kinderweihnachten miterleben, eins mit Ungeduld und ewigen Fragen: ‚Wann klingelt es denn endlich?‘ und Beschwichtigen und wonnigem Eilen. Aber ich möchte lieber heim. Weihnachten muß man zu Hause sein.“

Er hatte die Brille abgenommen, putzte sie und setzte sie wieder auf. Sein Blick ruhte nachdenklich auf ihr.

„Zu Hause? Sie fahren doch nicht ...“

„Zu meinen Eltern? Nein, nein.“

Ihr nicht mehr ganz junges Gesicht wirkte nicht traurig, sondern wie immer, freundlich und unbefangen. Er mochte sie gern, seine Frau auch. Sie hatten damals mit ihr getrauert, als sie kurz vor der Heirat ihren Verlobten durch einen Unfall verlor, sie hatten sich um sie gekümmert und ihr später geholfen, ‚ins Tal‘ zu ziehen, in das alte, leerstehende Forsthaus, in dem sie heute noch wohnte, allein mit ihren Tieren. „Ich bleibe bei mir, bei Ilme Güldenstubbe. Bei meiner Menagerie.“ Sie lachte. Er lachte auch. Menagerie, so nannte er ihr Haus, ‚Im Tal‘ hieß es postalisch, also nicht im Dorf, sondern etwas davon entfernt. Man ging durch den Wald bergab und dann wieder ein wenig aufwärts, einen gewundenen Weg entlang, der zu ihrem einsamen Haus führte. Zu ihren zwei Häusern, besser gesagt. Das eine war früher eine Scheune und jetzt der Stall, es stand im Winkel zum andern, und über beide breitet eine sehr alte Fichte ihre Äste. Noch einen zweiten Baum gab es, etwas abseits, einen Laubbaum, und rings um die Häuser, jedenfalls an den Seiten und auf der Rückseite, wucherte Holunder, jenes Gesträuch, das nur dort steht, wo Menschen wohnen oder einstmals wohnten. Ilme hatte das immer beobachtet, wenn sie im Wald umherstrich, wo Mauerreste waren, gab es Holunder, aber nur da. Sie mochte ihn gern, diesen eigenwilligen, stark sich durchsetzenden Strauch, wenn er mit seinen weißlichen Tellerblüten im Frühjahr duftete, überwältigend stark, und im Herbst dunkelblaue Beeren trug, die ein wenig süßlich schmeckten, wenn man sie allein kochte. Man mußte die herben, auch wildwachsenden Beeren der Schlehenbüsche dazu nehmen, eine Handvoll nur, dann wurde der Saft so, wie er bei Mutter immer geschmeckt hatte, wundervoll aromatisch und dennoch wild, ungezähmt. Ilme lachte vor sich hin, sie hatte vorhin eine Flasche mit diesem Saft, den die Kinder ihres Chefs sehr liebten, heimlich in eine Ecke des Wohnzimmers gestellt, die jetzt die Weihnachtsstube war. Der Christbaum stand schon darin, wenn auch noch ungeschmückt. Heute abend würden Hartwigs ihm sein Festkleid anziehen, die Schulfeier war vorbei, jetzt durften sie für die Familie da sein.

Ilme hatte die Schultertasche umgehängt und zog die Kappe übers Haar. Sie sah sich um in dem alten, geräumigen Schulhaus – alles war geputzt und schöngemacht zum größten Fest des Jahres, am Treppenaufgang stand eine große Bodenvase mit verschiedenem Wintergrün, Tanne, Fichte, Douglastanne, auch Kiefer und sogar Stechpalme. Woher er die haben mochte? Ein paar Strohsterne hingen in dem dunklen Grün, sie beugte sich hinunter und sah sie genauer an. Sicherlich hatte Christine, das älteste der Kinder, diesen Stern gebastelt; er war kunstvoll gemacht, nicht in der einfachen Manier, wie sie es den Kindern in der Schule beigebracht hatte. Jeder einzelne Halm war zurechtgeschnitten, mit viel Sorgfalt ausgezackt, außerdem schimmerten ein paar von den verwendeten, gebügelten Strohhalmen anders als die andern. Sie mußten mit etwas Glänzendem präpariert sein. Sie muße Christine einmal fragen, wie man das machte.

Vorhin hatte sie ein Weilchen bei Christine Hartwig gestanden und sich mit ihr unterhalten. Es ging ihr schon viel besser, nur laufen konnte sie selbstverständlich noch nicht. Aber auch das würde wieder gehen, höchstwahrscheinlich jedenfalls, so sagte der Arzt. Ilme glaubte es auch. Mit Bädern, Massagen und Elektrobehandlung, mit viel Geduld und Training würde Christine eines Tages wieder laufen und herumspringen können, wie ein immer gesund gewesenes Kind, die ganze Familie war davon überzeugt. Ilme mochte das stille, immer freundliche kleine Mädchen sehr gern und unterhielt sich mit Christine, wann immer sie in Hartwigs Wohnung kam. Ob das Kind selbst daran glaubte, daß es eines Tages wieder gesund würde?

Christine war es damals, als Ilme an diese Schule kam, noch sehr schlecht gegangen, man wußte nicht einmal, ob sie durchkommen würde. Ilme hatte diese angstvolle Zeit sehr intensiv miterlebt. Auch die Wochen, als man hoffen konnte, bis sich dann aber herausstellte, daß das Kind vorläufig an den Beinen gelähmt bleiben würde, vorläufig, wie jeder betonte. Zu sehr betonte, glaubten sie wirklich alle daran? Ilme hatte die Angst und Not der Eltern geteilt und sich dadurch mehr an die Familie angeschlossen, als es sonst vielleicht geschehen wäre. Sie hatte mit den Eltern aufgeatmet, als keine Lebensgefahr mehr bestand, und hoffte nun mit ihnen, daß das Kind völlig gesund würde. Am liebsten hätte sie Christine ganz zu sich genommen in ihre Waldeinsamkeit, in die gute, klare Luft, und sie dort gepflegt. Christines Bruder war damals auch krank, und Frau Hartwig trug schwer an einer weiteren Schwangerschaft, die ihr viele Schwierigkeiten machte. So hatte Ilme immer davon geträumt, Christine zu sich zu nehmen und die Mutter zu entlasten, aber wie konnte sie das, sie hatte ja jeden Vormittag Schule und auch oft nachmittags Unterricht. In den großen Ferien hatte sie das Kind bei sich gehabt, vom ersten bis zum letzten Tag, es war eine wunderbare Zeit für sie beide gewesen. Weihnachten aber wollte Christine natürlich bei Eltern und Geschwistern sein.

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0+
Release date on Litres:
05 May 2025
Volume:
22 p. 1 illustration
ISBN:
9788711508862
Publishers:
Copyright Holder::
Bookwire
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