Read the book: «Das Träumerlein»
Lise Gast
Das Träumerlein
Saga
Das Träumerlein
German
© 1956 Lise Gast
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711508824
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
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„Gi—sel! Gi—se—la!“
Das war Mutters Stimme. Gisela richtete sich auf, schnupfte und wischte sich mit dem Handrücken die Augenwinkel aus. Mutter durfte doch nicht merken, daß sie geweint hatte.
Sie wollte ja auch nicht weinen. Alle Ferien nahmen einmal ein Ende, jedes Kind mußte eines Tages wieder zur Schule. Daß bei ihr die Schule vom Elternhaus aus nicht erreichbar war, daß sie deshalb bei der Großmutter in der Stadt wohnen mußte, das war eben nicht zu ändern. Und sie wollte auch tapfer und vernünftig sein. Andere Kinder hatten es viel schwerer, sie mußten zu fremden Leuten in die Stadt, in Pensionen; mehreren Mädchen aus ihrer Klasse ging es so. Dagegen hatte sie, Gisela, es wirklich gut. Sie besaß die freundlichste und liebevollste Großmutter, die man sich denken konnte, und Großvater war oft wie ein lustiger Kamerad, beim Spazierengehen zum Beispiel oder auch im Winter in der Dämmerstunde, ehe Licht gemacht wurde. O nein, Gisela durfte nicht weinen, es war bitterer Undank und wirkliches Unrecht. Dankbar müßte sie sein, daß sie es so gut hatte ...
Aber da saß ein dicker Kloß in ihrem Hals, sobald sie nur daran dachte, daß übermorgen — —. Ein Tag nur noch, ein einziger, ganzer, letzter Tag zu Hause — ihr war, als bräche bei diesem Gedanken ein Damm in ihrem Herzen, und die Tränen flossen und flossen. Sie konnte nichts dafür.
Gottlob, Mutter rief nicht mehr. Sie glaubte wohl, Gisela sei nicht im Garten. Gisela hob sich auf die Knie und spähte über das halbhohe Gebüsch hinweg zum Hause hinüber. Auf der Veranda war niemand.
Gut, gut so.
Wahrscheinlich war Besuch gekommen. Gisela haßte es, wenn sie „Guten Tag“ sagen mußte, jeder Dame die Hand geben und einen Knicks machen, um immer wieder dasselbe zu hören: „Nein, bist du groß geworden! Ei ei, aber ganz die Mutter!“ Jochen machte das nichts aus. Der brachte seine mehr oder weniger gelungenen Diener an und steckte vergnügt die Schokolade ein, die er bekam. Jochen würde vermutlich auch nicht weinen, wenn er von zu Hause fort müßte, sondern sich auf die Stadt freuen und sich von den Großeltern ebenso verwöhnen lassen wie hier von Mutter.
Jochen war erst fünf Jahre alt. Er konnte noch lange Zeit hier sein, er kam erst nächstes Jahr in die Schule, und auf die Höhere noch lange nicht. Jochen hatte es gut ...
Gisela sah, während sie dies alles dachte, auf ihre Puppe herunter, die sie im Arm hielt. Es war die geliebteste Käthe-Kruse-Puppe, ein Baby, nicht so groß wie die andern Käthe-Kruse-Puppen, aber noch viel, viel entzückender. Ein „Träumerlein“, wie es im Laden hieß. Gisela fand diesen Ausdruck so nett, daß sie der Puppe gar keinen anderen Namen gegeben hatte. Sie war eben ihr Träumerlein, ihr Baby, ihr Jüngstes — sie sah zärtlich darauf hernieder und vergaß für ein paar Atemzüge ihren Kummer. Wie ein wirkliches, winziges Menschenkind sah dieses Puppenbaby aus, einfach entzückend. Gisela erinnerte sich noch ganz schwach daran, wie süß Jochen damals gewesen war, als er noch als winziges Geschöpfchen in dem hellen Korbwagen gelegen hatte. Damals war sie selbst erst sechs Jahre alt gewesen, ach, noch viel zu klein und dumm für die Aufgaben einer großen Schwester. Heute müßte man solch ein Geschwisterchen haben, es selbst baden, an- und ausziehen dürfen, ihm die Flasche geben oder es füttern und im Garten umherfahren ...
„Gisela! Wo steckst du denn?“
Es half nichts, sie mußte jetzt antworten. Vielleicht sah man nun auch nicht mehr, daß sie geweint hatte. Sie legte die Puppe in ihrem kleinen Steckkissen sorgsam auf den Rasen, halb unter das Stachelbeergebüsch, das schon anfing, winzige Blättchen zu treiben — wenn sie sich entfalteten, war man nicht mehr hier. Der Gedanke gab ihrem Herz einen schmerzhaften Stoß. Dann stand sie auf. Los Gisela, Haare aus dem Gesicht, noch einmal aufgeschnupft und dann geantwortet!
„Hier, Mutter! Ich komm schon.“
Natürlich, es war wieder Besuch da. Eine Tante, aber gottlob! eine weiße. Gisela teilte alle Tanten in weiße und schwarze ein. Weiße waren jung und lustig, sie schüttelten einem kameradschaftlich die Hand und erwarteten keinen Knicks, der doch nie tief genug ausfiel. Sie kamen mit einem Auto zu Besuch, manche ritten, und wenn Gesellschaft war, trugen sie wundervolle Abendkleider und silberne Schuhe und tanzten so leicht und schön, daß man vom Türspalt nicht wieder wegfand. Schwarze Tanten dagegen fanden alles nicht mehr so gut wie früher, weder das Kleid, das man trug — ‚viel zu kurz für solch ein großes Mädchen!‘ — noch die Trainingshose im Winter — ‚Mädchen in Hosen, aber nein!‘ — und sie waren erst zufrieden, wenn man ihnen die Hand küßte. Gisela hatte für die schwarzen Tanten neuerdings die Bezeichnung „alte Eulen“ eingeführt, die sie einmal von einem ihrer Vettern, vom Nachbargut, gehört hatte. Sie hatte diesen Ausdruck natürlich niemals in Gegenwart von Erwachsenen verwendet. Heute war aber eine weiße Tante zu Besuch gekommen, ein Glück wenigstens. „Na also, da ist sie ja schon“, sagte sie und lachte Gisela an, „guten Tag, Gisela! Deine Mutter dachte schon, du wärst verloren gegangen.“
Gisela lächelte. Man konnte nicht anders als fröhlich werden, wenn man Tante Christina ansah. Alles an ihr strahlte und lachte. Sie trug ein hellgraues Kostüm mit weißer Bluse, und ihr blondes Haar ringelte sich auf den strengen Herrenkragen herab. Gisela dachte manchmal, solch eine große Schwester müßte man haben, das wäre schön.
„Wie fein, daß ich dich noch sehe! Ich war so lange nicht hier, eine Schande!“ sagte Tante Christina. „Und bald werde ich singen: Nun ade, du mein lieb Heimatland. Da geht es fort, weit, weit fort — manchmal habe ich schon im voraus Heimweh nach euch allen und nach dem Land hier und den Bergen und Wäldern. Ob Hans mir das wird ersetzen können?“
„Er muß“, sagte Vater und reichte ihr die Zigarettenpackung hinüber. Als Tante Christina hineingriff, sah Gisela ihren Ring funkeln.
Sie hatte sich also verlobt. Alle weißen Tanten verlobten sich früher oder später, und manche blieben sogar weiß, auch wenn sie verheiratet waren und selbst Kinder hatten. Die meisten Tanten mit Kindern waren oder wurden jedoch schwarz; sie bekrittelten und erzogen einen dauernd und stellten Vergleiche an mit ihren eigenen, unvergleichlich gescheiteren und artigeren Sprößlingen. Tante Christina aber würde weiß bleiben, das wußte Gisela schon jetzt.
„Hier sind Streichhölzer, Tante Christina“, sagte sie. Wenn ich einmal groß bin, möchte ich so werden wie sie ist, dachte sie bei sich.
„Hör mal, Gisela, wir haben uns so lange nicht gesehen“, sagte die junge Tante jetzt, „ich mach dir einen Vorschlag. Du trinkst jetzt eine Tasse Tee mit uns — natürlich trinkt sie Tee, du wirst doch dieser jungen Dame keinen Becher Milch anbieten wollen — und dann fährst du mit mir hinüber nach Zipkow. Ich bin mit dem Dogcart hier. Hans bringt euch Gisela später mit dem Wagen zurück. Es darf ein bißchen spät werden, ja? Oder fährt sie morgen schon ganz früh? Ich hab gehört, daß heute dein letzter Ferientag ist, Gisela.“
„Der vorletzte, Tante Christina“, berichtigte Gisela und nahm die Tasse, die Mutter ihr reichte. Der Tee duftete so herrlich stark, und es war schön, hier bei den Großen sitzen zu dürfen.
„Umso besser! Dann kann Hans sie also noch sehen. Ich hab ihm immer gesagt, solche Kinder wie die Großendorfer laß ich mir gefallen. Jochen ist ja auch eine ganze Wonne. Aber ich würde am liebsten zuerst eine Gisela haben. Eine solche, wie du bist, wenn es das noch mal geben sollte“, setzte sie lachend hinzu. Gisela lächelte sie an.
Bei Tante Christina brauchte man nicht rot zu werden, wenn sie so etwas sagte. Sie meinte es wirklich so. Es machte einem nur das Herz warm und froh, man wurde gar nicht verlegen dadurch. Ob man es jemals lernen würde, so unbefangen und reizend zu werden wie Tante Christina?
„Na? War es nicht gut, daß ich dich entführt habe?“ fragte Tante Christina lachend, als sie zusammen auf dem hohen, leichten Wagen saßen und die Chaussee entlangrollten. Es war solch ein stiller, weicher Vorfrühlingstag, auf den Feldern stand die junge Saat zart und grün, und am Waldrand blühten die Schlehen. Es sah aus wie hingewehte Schaumflocken, schneeig weiß.
„Die letzten Tage sind immer ein bißchen schwer zu ertragen, ich weiß das noch gut von früher her. Da tut es manchmal wohl, mit andern Menschen zu sprechen und andere Tapeten zu sehen.“
„Ach ja, Tante Christina.“ Gisela saß neben der jungen Tante und sah geradeaus. Merkwürdig, daß sie mit ihr darüber sprechen konnte. Sonst mochte sie das mit niemandem tun.
„Heimweh haben wir alle, Gisela“, sagte Tante Christina jetzt und nahm die Zügel ein wenig kürzer. Der schlanke Fuchs vor dem Wagen hatte die Ohren gespitzt und warf die Beine, daß es eine Art hatte. „Alle, die wir vom Lande sind. Was denkst du, was ich mich schon davor ängstige, wegzumüssen, obwohl ich ja dorthin gehe, wo ich hin will, zu dem Mann, den ich am liebsten mag, von allen Menschen der Welt. Trotzdem ... Weißt du, was mein Vater mir einmal erzählte, als ich selbst von zu Hause fort mußte? Ich hab es nie vergessen, und es hat mich immer getröstet, wenn ich daran dachte.
Er mußte ins Kadettenkorps, mit zehn Jahren schon. Dort wurden die kleinen Steppkes hart angefaßt, so hart, wie man sich das heute gar nicht mehr vorstellen kann. Und sie waren doch noch Kinder, jung und mit weichen Herzen. Ja, da hatte er sich also sehr zusammengenommen, und bis zum Bahnhof ging es auch ganz gut. Niemand von der Familie war mitgefahren, das tat man damals nicht. Nur der alte Kutscher, der schon seinen Vater als Kind gekannt hatte, war dabei. Er trug seinen Koffer auf den Bahnsteig hinaus, und dann kam der Zug.
Und da, so erzählte Vater, da kamen ihm die Tränen. Er weinte, er konnte einfach nicht anders. Der alte Kutscher hob ihm den Koffer ins Netz und dann, ja, dann mußte er wieder aussteigen, dieses letzte Stück Daheim für den kleinen Jungen. Und da klopfte er Vater auf die Schulter, sah ihn aus seinen alten, guten, getreuen Augen an, so traurig und gleichzeitig so herzlich und warm und sagte: ‚Nur Mut, Herr General!‘ Und dann stieg er aus, und der Zug fuhr los. Vater hat das nie vergessen, sagte er.“
„Das war lieb von dem alten Kutscher!“ meinte Gisela und lachte mit nassen Augen. „Das muß ein feiner alter Mann gewesen sein!“
„Ja. Und nun kutschier du einmal, Gisela“, sagte Tante Christina und legte die Zügel in Giselas Hände, „natürlich kannst du es. Ein Mädel von einem Gut und nicht fahren können — na, also.“
Gisela fuhr die ganze Strecke bis Zipkow, und ihre Augen waren nicht mehr naß, als sie ankamen. Tante Christinas Verlobter erwartete sie an der Treppe des Gutshauses. Er war groß und sah gut aus, und Gisela fuhr mit unbewegtem Gesicht vor und war ungeheuer stolz, als sie den Bogen richtig herausbekam. Sie war kein Kind, das sich gern hervortat, aber Tante Christinas Wort: ‚Ein Mädel von einem Gut und nicht fahren können —‘ hatte sie doch angespornt. Natürlich konnte sie fahren.
Onkel Hans half ihr aus dem Wagen wie einer erwachsenen Dame. Und dann gingen sie zusammen in das hellgetäfelte Eßzimmer, wo Tante Christinas Mutter mit dem Abendessen wartete. Auf dem Tisch stand ein dicker Veilchenstrauß, der das ganze Zimmer mit seinem Duft erfüllte. Gisela knickste vor der alten Dame und setzte sich dann mit den andern zu Tisch. Mitunter war es herrlich, bei Verwandten zu Besuch zu sein.
Es wurde wirklich ein wunderschöner Abend. Erst gegen elf stieg Gisela mit Onkel Hans ins Auto, um heimzufahren. Sie hatte Schokolade bekommen für sich und Jochen, den Veilchenstrauß durfte sie für Mutter mitnehmen, und für alle zusammen trug man ihr die herzlichsten Grüße auf. Der Wagen huschte mit ihr über die nachtdunkle Straße hinüber nach Großendorf. Dort war Mutter noch wach, sie nahm ihre kleine Tochter in Empfang und brachte sie gleich ins Bett, und jetzt war Gisela mit einem Mal so müde, daß sie gar nicht mehr traurig sein konnte.
„War es schön in Zipkow, mein Giselkind?“ fragte Mutter und strich ihr über das Haar. Gisela nickte, und schon war sie eingeschlafen. Nebenan in seinem Holzgitterbettchen schnaufte Jochen seinen gesunden Kinderschlaf.
*
Das ist also nun der letzte Tag zu Hause, dachte Gisela am Morgen. Sie war dabei viel ruhiger und gefaßter als gestern. ‚Heimweh haben wir alle‘, hatte Tante Christina gesagt, es ging ihr also nicht allein so. ‚Nur Mut, Herr General!‘
Gisela mußte ein wenig lächeln, dann lief sie schnell ins Badezimmer und stellte sich unter die kalte Brause. Es war noch früh, aber der Tag sollte ja so lang wie möglich werden. Jochen schlief noch.
Gisela schlüpfte in die Kleider und schlich sich die Treppe hinunter, an der Küche vorbei. Frische, kühle Luft schlug ihr entgegen, als sie die Haustür öffnete. Ach, nirgends, nirgends roch es so gut wie daheim! Sie wußte das ja erst jetzt, seitdem sie fortgewesen war. Das erste Mal war sie ohne Tränen weggegangen, nur neugierig und aufgeregt und voller Vorfreude auf die Stadt und die Großeltern. Aber mit jeden Ferien, die sie wieder heimkam, war das Fortfahren schwerer geworden.
Die Mädel in der Stadt waren so anders als sie. Es gab auch lustige darunter, aber die waren irgendwie anders lustig, und die meisten waren affig und albern.
Gisela ging zum Stall hinüber und schlüpfte hinein. Es roch beizend hier, aber gut, sauber, — Pferde riechen nun einmal so. Sie trat zur ‚Flensburg‘ in den Stand und streichelte ihr über die weiche, schnobernde Nase.
Gisela war kein übertriebenes Sportsmädel, aber natürlich konnte sie reiten, so wie man radfahren kann, das gehörte einfach dazu. Man ritt gerne, ebenso wie man die Pferde, die Felder und den Wald liebte, die zum Gut gehörten, und die kleinen, strohgedeckten Katen und die Apfelbäume im Grasgarten. Jeder Stein hatte etwas zu bedeuten, von jedem Stück Land mußte man extra Abschied nehmen.
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