Read the book: «Leopold von Ranke: Historiografische Werke»
Leopold von Ranke
Friedrich II. König von Preußen + Das Römische Imperium der Cäsaren + Savonarola + Napoleon…
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musaicumbooks@okpublishing.info 2017 OK Publishing ISBN 978-80-272-0605-6
Inhaltsverzeichnis
Grundsätze Rankescher Geschichtsschreibung
Ursprung des Christentums
Staat und Kirche
Kaisertum und Papsttum
Kaiser Maximilian I
Kaiser Karl V
Martin Luther
Luthers Einwirkung auf die deutsche Literatur
Die Türken vor Wien 1529
Karls V. Flucht aus Innsbruck 1552
Kaiser Karl V. nach seiner Abdankung
Deutsche Wissenschaft und Literatur in der Reformationszeit
Deutschland nach dem Augsburger Religionsfrieden
Ignatius Loyola
Ausbreitung der Jesuiten in Deutschland
Die Bauten der Päpste des 16. Jahrhunderts in Rom
Die Republik Venedig nach der Mitte des 16. Jahrhunderts
Philipp II., König von Spanien
Die spanische Armada. Begründung der englischen Seemacht
Elisabeth, Königin von England
Bacon und Shakespeare
Heinrich IV., König von Frankreich
Fortsetzung der Gegenreformation in Deutschland
Deutschland vor dem dreißigjährigen Kriege
Wallenstein
Der westfälische Friede
Kardinal Richelieu
Kardinal Mazarin
Ludwig XIV., König von Frankreich
Frankreichs Handel und Kolonialwesen unter Colbert
Besetzung Straßburgs durch die Franzosen 1681
Verwüstung der Pfalz durch die Franzosen 1689
Ludwigs XIV. Ausgang; Rückblick auf seine Staatsverwaltung
Karl I., König von England
Oliver Cromwell
Seekrieg zwischen England und Holland 1665 bis 1667
Wilhelm III., König von England
Friedrich Wilhelm, der große Kurfürst von Brandenburg
Staatsverwaltung König Friedrich Wilhelms I. von Preußen
Besitzergreifung von Schlesien durch Friedrich den Großen
Einrichtung der preußischen Regierung in Schlesien
Friedrichs des Großen Denk-und Regierungsweise
Ausbruch des Siebenjährigen Krieges
Der Feldzug von 1760
Friedrichs des Großen Ausgang, Rückblick auf seine Staatsverwaltung
Friedrich der Große und die deutsche Literatur
Der Rückzug aus Frankreich 1792
Der Friede zu Basel
Der Friede zu Tilsit 1807
Hardenberg, Stein und Scharnhorst
Napoleon I. und Papst Pius VII
Napoleon I. und Napoleon III
Der deutsche Zollverein
Die Ablehnung der deutschen Kaiserwürde 1849
Friedrich Wilhelm IV., König von Preußen
Der Krieg gegen Österreich 1866
Der Krieg gegen Frankreich 1870
Fürst Bismarck
Geschichte und Philosophie
Vom Einfluß der Theorie
Die großen Mächte
Aus Zwei Jahrtausenden Deutscher Geschichte
Frankreich und Deutschland
Über die Verwandtschaft und den Unterschied der Historie und der Politik
Politisches Gespräch
Über die Epochen der neueren Geschichte
Savonarola
Geschichte des Don Carlos
Das Römische Imperium der Cäsaren
Zum Kriege 1870/71
Friedrich II. König von Preußen
Zur eigenen Lebensgeschichte
Grundsätze Rankescher Geschichtsschreibung
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Grundsätze Rankescher Geschichtsschreibung
1. Ursprung des Christentums
2. Staat und Kirche
3. Kaisertum und Papsttum
4. Kaiser Maximilian I
5. Kaiser Karl V
6. Martin Luther
7. Luthers Einwirkung auf die deutsche Literatur
8. Die Türken vor Wien 1529
9. Karls V. Flucht aus Innsbruck 1552
10. Kaiser Karl V. nach seiner Abdankung
11. Deutsche Wissenschaft und Literatur in der Reformationszeit
12. Deutschland nach dem Augsburger Religionsfrieden
13. Ignatius Loyola
14. Ausbreitung der Jesuiten in Deutschland
15. Die Bauten der Päpste des 16. Jahrhunderts in Rom
16. Die Republik Venedig nach der Mitte des 16. Jahrhunderts
17. Philipp II., König von Spanien
18. Die spanische Armada. Begründung der englischen Seemacht
19. Elisabeth, Königin von England
20. Bacon und Shakespeare
21. Heinrich IV., König von Frankreich
22. Fortsetzung der Gegenreformation in Deutschland
23. Deutschland vor dem dreißigjährigen Kriege
24. Wallenstein
25. Der westfälische Friede
26. Kardinal Richelieu
27. Kardinal Mazarin
28. Ludwig XIV., König von Frankreich
29. Frankreichs Handel und Kolonialwesen unter Colbert
30. Besetzung Straßburgs durch die Franzosen 1681
31. Verwüstung der Pfalz durch die Franzosen 1689
32. Ludwigs XIV. Ausgang; Rückblick auf seine Staatsverwaltung
33. Karl I., König von England
34. Oliver Cromwell
35. Seekrieg zwischen England und Holland 1665 bis 1667
36. Wilhelm III., König von England
38. Friedrich Wilhelm, der große Kurfürst von Brandenburg
39. Staatsverwaltung König Friedrich Wilhelms I. von Preußen
40. Besitzergreifung von Schlesien durch Friedrich den Großen
41. Einrichtung der preußischen Regierung in Schlesien
42. Friedrichs des Großen Denk- und Regierungsweise
43. Ausbruch des Siebenjährigen Krieges
44. Der Feldzug von 1760
45. Friedrich der Große und die deutsche Literatur
46. Friedrichs des Großen Ausgang, Rückblick auf seine Staatsverwaltung
47. Der Rückzug aus Frankreich 1792
48. Der Friede zu Basel
49. Der Friede zu Tilsit 1807
50. Hardenberg, Stein und Scharnhorst
51. Napoleon I. und Papst Pius VII
52. Napoleon I. und Napoleon III
53. Der deutsche Zollverein
54. Die Ablehnung der deutschen Kaiserwürde 1849
55. Friedrich Wilhelm IV., König von Preußen
56. Der Krieg gegen Österreich 1866
57. Der Krieg gegen Frankreich 1870
58. Fürst Bismarck
Einleitung1
Inhaltsverzeichnis
Leopold Ranke, geboren am 21. Dezember 1795 in dem thüringischen Städtchen Wiehe, unweit Memleben an der Unstrut, stammt aus einer evangelischen Pfarrerfamilie. Der religiöse Sinn des Pfarrhauses waltete auch in dem Hause seines Vaters, der Rechtsgelehrter war und als kursächsischer Justizkommissarius eine mannigfaltige praktische Tätigkeit übte. Das heimatliche Bergland mit seinen geschichtlichen Erinnerungen an die sächsischen Kaiser und an die Reformation weckte frühzeitig in dem Knaben Liebe zum Vaterlande und zu dessen Geschichte. Eine tüchtige klassische Bildung, die ihn befähigte, später auch die neueren Sprachen in großem Umfange sich anzueignen, und sich in Schriftsteller verschiedenster Art einzulesen, erwarb er sich, nach vorbereitendem Unterricht in der nahen Klosterschule Donndorf, in der altberühmten Schulpforte unter dem gelehrten und strengen Rektor Ilgen. Erschütternde Ereignisse gingen während seiner Schulzeit über Deutschland hin; doch hatte Sachsen nicht so schwer wie andere deutsche Länder unter dem Druck der französischen Fremdherrschaft zu leiden. Gewaltsame Stöße, die der jugendlichen Entwicklung leicht gefährlich werden, blieben dem heranwachsenden Jüngling erspart; aber er erkannte, wie das Leben des einzelnen durch die großen Völkergeschicke bestimmt wird. Er nahm den Eindruck der Bewunderung, die man Napoleon entgegenbrachte, in sich auf, dann aber auch den gewaltigen Wechsel, der im Jahre 1813 eintrat. Die Befreiung des Vaterlandes gewährte die tröstliche Aussicht, unter besseren Verhältnissen ungestört sich einem wissenschaftlichen Berufe widmen zu können: mit diesem Vorsatz verließ Ranke zu Ostern 1814 die Schule und bezog die Universität Leipzig, um Theologie und Philologie zu studieren.
Bald entsagte er der Theologie, weil der damals noch herrschende Rationalismus sein Gemüt nicht befriedigte, auch weil er den Beruf zum geistlichen Amte nicht in sich fühlte. Sein Streben war auf wissenschaftliche Forschung gerichtet; dazu wiesen die klassischen Studien ihm den Weg. Besonders anregend wirkte auf ihn Gottfried Hermann, der die griechische Sprache und Literatur beherrschte wie kein anderer zu jener Zeit, zugleich ein Meister der kritischen Methode, welche die echte Überlieferung von späterem Mißverständnis zu befreien und herzustellen sich zur Aufgabe setzt. Diese Methode übertrug damals Niebuhr von der Philologie auf die Geschichtsforschung; der junge Student las die vor kurzem erschienene römische Geschichte Niebuhrs mit Begeisterung: da fand er neben scharfsinniger Prüfung des Überlieferten auch lebensvolle Auffassung vergangener Zustände. Nicht minder eifrig studierte er das klassische Geschichtswerk des Thukydides, doch daneben auch vieles andere; keineswegs dachte er schon daran, selbst Geschichtschreiber zu werden, sondern eine umfassende philologische Bildung war sein Ziel. Auch neuere Literatur und Kantische Philosophie zog ihn an; von der Theologie behielt er die Neigung zu kirchengeschichtlichen Studien. Er lebte auf der Universität in bescheidenen Verhältnissen, arbeitsam gewöhnt von Jugend auf. Sobald es anging, mußte er auf Abschluß seiner Studienzeit bedacht sein, da der Vater noch mehrere jüngere Söhne und Töchter zu versorgen hatte. Im Februar 1817 erwarb er die philosophische Doktorwürde; im Herbst desselben Jahres machte er seine erste größere Reise, meist zu Fuß. Er durchzog die Rheinlande, sah den wieder deutsch gewordenen, doch unvollendeten Kölner Dom und in Heidelberg die von den Brüdern Boisserée zusammengebrachte Sammlung altdeutscher Gemälde, die später nach München gekommen ist.
Sein nächstes Lebensziel war der Eintritt in das gymnasiale Lehramt. Da seine Heimat inzwischen preußisch geworden war und die preußische Regierung die Förderung des Schulwesens sich damals sehr angelegen sein ließ, wandte er sich nach Berlin, bestand dort im Sommer 1818 die Lehramtsprüfung und erhielt zum Herbst die Anstellung als Oberlehrer am Gymnasium zu Frankfurt a. O. Hier trat er in einen zusagenden Wirkungskreis; der Direktor, erst seit kurzem berufen, war ein von Leipzig her ihm befreundeter Schüler G. Hermanns; unter den Amtsgenossen fand er Männer, die von tüchtigem Streben erfüllt waren. Mit frischer Kraft widmete er sich den Aufgaben des Unterrichts, lehrte Latein, Griechisch, Geschichte in den oberen Klassen und verknüpfte damit die eigenen Studien, die ihn mehr und mehr zu den noch, vielfach unbekannten Quellen der Geschichte wiesen, denn mit oberflächlichen Kompendien wollte er sich nicht begnügen. Zustatten kam ihm eine ansehnliche Bibliothek, die von der 1811 aufgehobenen Universität in Frankfurt zurückgeblieben war; da fand er in altertümlichen Folianten Schriftsteller, die seine ganze Aufmerksamkeit fesselten. Mit eisernem Fleiß ging er daran, sich Auszüge daraus zu machen, um über die Zeiten des 15. und 16. Jahrhunderts ins klare zu kommen. Neben der großen kirchlichen Bewegung der Reformation, mit der er sich in dem Gedenkjahre 1817 schon näher beschäftigt hatte, trat ihm das rege politische Leben der europäischen Staatenwelt in vielen Berichten entgegen, die mannigfach voneinander abwichen: das mußte gesichtet und untersucht werden, wenn über jene Zeiten eine sichere Kunde gewonnen werden sollte. Jahrelang arbeitete er daran, ohne seinem Lehramt untreu zu werden; 1824 konnte er ein Buch herausgeben, das den Titel trug: »Geschichten der romanischen und germanischen Völker von 1494-1514«. Es ist kein abgeschlossenes Werk, sondern läßt spätere Fortsetzung erwarten, doch ohne sie ausdrücklich anzukündigen. Die einleitende Abhandlung von der geschichtlichen Einheit der sechs Hauptvölker Europas, drei romanischer und drei germanischer, eröffnet große Gesichtspunkte: in allen Wandlungen ihrer besonderen Entwicklung ist doch immer etwas Zusammenfassendes erkennbar, so auch in der Zeit der zwanzigjährigen Kämpfe, die Hauptgegenstand der Darstellung ist. Sie werden zumeist auf dem Boden Italiens ausgefochten, und dieses Land hoher Kultur, das den Ansturm der Fremden, der Franzosen, Spanier und Deutschen, nicht abzuwehren vermag, erweckt des Verfassers besondere Teilnahme; doch schildert er auch den unfertigen, gärenden Zustand Deutschlands unter dem ehrgeizigen Kaiser Maximilian in treffender Weise. England und Skandinavien greifen nur gelegentlich in die Verwicklungen ein: man merkt, daß die germanischen Nationen noch zu Größerem berufen sind, als in jenem kurzen Zeitraum hervortritt. Den vorläufigen Abschluß bezeichnet die Bildung der großen Habsburgischen Monarchie, die Europa zu umfassen sucht und zugleich die neu entdeckten Gebiete in Amerika ihr eigen nennt. Als lebendige Gestalten treten die handelnden Fürsten, Staatsmänner und Feldherren auf mit vielen einzelnen Zügen, die den sorgsam angeführten Quellen entnommen sind: man sieht, wie der Verfasser sich in jene vergangene Welt eingelebt hat. Die Darstellung hat bei der Fülle des Stoffes etwas Unruhiges, Sprunghaftes; sie liest sich nicht leicht, fesselt aber den aufmerksamen Leser.
Sehr bedeutend ist das anschließende Buch, welches Ranke sofort dem ersten folgen ließ: »Zur Kritik neuerer Geschichtschreiber«. Da wird man in seine Werkstatt eingeführt und sieht, wie er die für jene Darstellung benutzten italienischen, spanischen, deutschen, französischen Geschichtschreiber klar beurteilt und hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit prüft. Mit wenigen Strichen zeichnet er ihre persönliche Stellung, ihre Behandlung des Stoffes, ihr Verhältnis zu anderen so anschaulich, daß man volles Vertrauen zu seiner Führung gewinnt. Die kritischen Grundsätze Niebuhrs sind hier auf ein neues Gebiet angewandt; mit solcher Schärfe und Sicherheit hatte noch niemand die allerdings berühmten, aber noch wenig durchforschten Autoren, Guicciardini, Mariana, Sleidanus, Jovius, Comines u. a. zusammenfassend beurteilt. Ein Schlußkapitel »Von dem, was noch zu tun sei«, legt in ganz schlichter Weise dar, wie man nun von diesen Geschichtschreibern zu dem vordringen müsse, was ihnen selbst als Quelle diente oder dienen konnte: Urkunden, Akten, Gesandtschaftsberichten, die noch in Archiven und Bibliotheken verborgen seien, dazu auch die mehr volkstümlichen Chroniken heranziehen: allerdings ein weitaussehendes Werk, und der Verfasser verspricht keineswegs, daß er das unternehmen wolle; den Sinn dafür zu wecken, ist ihm schon viel wert. Den Anhang bildet eine höchst anziehende Abhandlung über Macchiavelli, der wegen seiner Besonderheit als politischer Schriftsteller nicht in die Betrachtung der Geschichtschreiber eingereiht werden konnte. Ranke würdigt ihn mit treffendem Urteil als genialen Vertreter einer verderbten Zeit: »Macchiavelli suchte die Heilung Italiens; doch der Zustand desselben schien ihm so verzweifelt, daß er kühn genug war, ihm Gift zu verschreiben«.
Die beiden Bücher erregten berechtigtes Aufsehen; hier wies ein mit allem Rüstzeug ausgestatteter Gelehrter der Wissenschaft neue Bahnen. Die preußische Unterrichtsverwaltung eröffnete dem Verfasser alsbald einen Wirkungskreis, der ihn zu weiterem Schaffen aufforderte; sie berief ihn zu Ostern 1825 als außerordentlichen Professor der Geschichte an die Universität Berlin. In den literarischen Kreisen der Hauptstadt fand er mancherlei Anregung; sein Leben erhob sich aus der bisherigen Einfachheit in höhere Beziehungen, die einen minder selbständigen Geist wohl hätten ablenken können. Aber bei einer natürlichen Begabung für geistreich geselligen Umgang, auch mit hochgebildeten Frauen, wie Rahel Varnhagen und Bettina v. Arnim, die beide ihn zu schätzen wußten, besaß er eine freudige Arbeitskraft und verlor seine wissenschaftlichen Ziele nie aus dem Auge. Die Königliche Bibliothek bot ihm eine umfangreiche Sammlung italienischer Aktenstücke dar, 48 Folianten, an die noch niemand, sich recht herangewagt hatte; nur Joh. v. Müller2 hatte in der kurzen Zeit, da er in Berlin lebte, hineingeblickt und auf ihre Bedeutung hingewiesen. Ranke fand bei näherer Untersuchung hier einen Schatz von Berichten venetianischer und päpstlicher Gesandter aus dem 16. und 17. Jahrhundert, wie man sie in jenen Zeiten handschriftlich vervielfältigte, um sie den Sammlungen italienischer Staatsmänner und Kirchenfürsten einzuverleiben; er schätzte sich glücklich, eine solche Sammlung in der Heimat zu finden, während die meisten noch in Italien sein mußten. Einige Bände ähnlichen Inhalts bot ihm auch die Gothaer Bibliothek dar; alsbald ging er daran, aus dem reichen Stoff nähere Anschauung zu gewinnen von den Zuständen Italiens, Spaniens, des türkischen Reiches, worüber jene Gesandten genau und eingehend berichtet hatten. So entstand ihm ein Buch, welches 1827 erschien: »Fürsten und Völker von Südeuropa. Erster Band.« Er behandelte darin die Türkei und Spanien; die italienischen Staaten sollten nachfolgen, er hat sie aber später in anderer Weise behandelt. Neben den Berichten der Gesandten benutzte er natürlich auch die Nachrichten der Geschichtschreiber. Für das türkische Reich leistete ihm die damals neuerschienene »Geschichte des osmanischen Reiches« von dem gelehrten Wiener Orientalisten Joseph v. Hammer treffliche Dienste, darin fanden sich wertvolle Angaben türkischer Geschichtschreiber; aber auch sonst lag eine beachtenswerte ältere Literatur vor, darunter deutsche, jedoch lateinisch geschriebene Werke: die gedruckten Briefe des Ghislain de Busbeck, der 1556–62 Gesandter Kaiser Ferdinands I. in Konstantinopel gewesen war, die 1584 erschienene » Turcograecia« des Tübinger Professors Martin Crusius und die Schriften des gelehrten Joh. Löwenklau (Leunclavius), der von 1582 an den Orient bereiste und 1593 in Wien starb. Für Spanien gemährten Sepulveda, Zurita, Sandoval, die Ranke schon bei seinem ersten Werke benutzt hatte, ferner Cabrera, Marina u. a. die reichlichsten Nachrichten. Aber Farbe und Leben gewann dieses Material erst recht durch die Berichte der Gesandten, die sich ebenso auf einzelne Personen und Handlungen wie auf die öffentlichen Zustände im Ganzen erstrecken. So entstanden jene trefflichen Kapitel des Rankeschen Werkes über die innere Verwaltung der beiden Reiche, über die Zustände in Kastilien und Neapel, welches lange Zeit ein Nebenland der spanischen Monarchie war. Die genauen Angaben der Venetianer über Handel und Gewerbe in Spanien, über Volkszahl, Reichtum des geistlichen Grundbesitzes, Steuerpolitik der spanischen Regierung verwertete Ranke zu einer Darstellung des wirtschaftlichen Lebens, die für spätere Forscher auf diesem reichen Gebiet der Geschichte vorbildlich geworden ist. Die Sprache dieses Buches ist fließender, voller und schöner als die seines ersten Werkes; mit lebhaftem Anteil folgt man der belehrenden Schilderung, die auch über die Ursachen des Verfalls jener einst blühenden Reiche unzweifelhafte Auskunft gibt: wie stehen am Schlusse die aufblühenden Niederlande dem sinkenden Spanien gegenüber!3
Rankes lebhafter Wunsch ging nun dahin, selbst Italien zu sehen und dort weiter zu forschen. Die preußische Regierung gewährte ihm schon im Herbst 1827 Urlaub, Geldmittel und Empfehlungen zu einer wissenschaftlichen Reise, welche reiche Früchte tragen sollte. Sein erstes Ziel war Wien, wo er einen bedeutenden Teil des alten venetianischen Archivs zu finden sicher war. Das freundliche Entgegenkommen des aus Preußen stammenden österreichischen Staatsmannes Friedrich v. Gentz4 verschaffte ihm die Erlaubnis des Fürsten Metternich, das sonst unzugängliche Wiener Staatsarchiv für seine nicht auf Österreichs Geschichte gerichteten Studien zu benutzen. Er fand hier unter anderem merkwürdige Gesandtschaftsberichte über den unglücklichen Prinzen Don Karlos, Sohn Philipps II. von Spanien, und verwertete sie in einer Abhandlung, die 1829 in den Wiener Jahrbüchern für Literatur und Kunst erschien.5 Sie ist ein Muster kritischen Verfahrens, trefflich bis ins einzelne ausgeführt: durch Gegenüberstellung der bisher von zwei entgegengesetzten Parteien in mancherlei Schriften verbreiteten Erzählungen wird der Leser nach und nach auf die Wahrheit hingeführt, die sich dann aus den neugefundenen Dokumenten unzweifelhaft ergibt. Nicht durch Richterspruch der Inquisition ist Don Karlos zum Tode verurteilt worden, sondern an Krankheit starb er in der Haft, die sein strenger Vater über ihn verhängt hatte, weil der Prinz in heftigem Zorn sich drohend gegen ihn erhoben hatte. Ferner fand Ranke in Wien bei den venetianischen Akten wichtige Nachrichten über Einsetzung und Wirksamkeit der Staatsinquisition, deren heimliches Gerichtsverfahren der sonst so glänzenden Geschichte der alten Republik Venedig oft zum Vorwurf gemacht worden ist. Er erkannte, daß die von dem französischen Geschichtschreiber Daru6 in seiner 1819 erschienenen Geschichte Venedigs gegebene Schilderung auf einem gefälschten Dokument beruhe, auf angeblichen Statuten der Inquisitoren von 1454; er zeigte, daß sie erst 1539 eingesetzt und 1600 zu selbständigerer Macht gekommen seien, allerdings eine strenge Aufsichtsbehörde, aber nicht nutzlos grausam, mehr gefürchtet als wirklich gewaltübend, während jene Statuten »in einem Sinne geschrieben sind, welcher nur nach Blut verlangt«. Ranke verfaßte eine Abhandlung darüber, legte sie aber einstweilen zurück, weil er noch weiter in die venetianische Geschichte eindringen wollte. Als nach einigen Jahren italienische Gelehrte, namentlich der Venetianer Romanin, die Sache erschöpfend in Druckschriften darlegten, kam er nicht wieder darauf zurück; die Abhandlung ist erst 1873 in den Sämtlichen Werken (Band 42) als Anhang zu der Darstellung der venetianischen Verfassung gedruckt worden.
Ein Jahr lang verweilte der unermüdliche Forscher in Wien, nicht immer mit Büchern und Papieren beschäftigt, sondern auch dem Leben der Gegenwart zugewandt und fremdartiges Volksleben, das sich hier mit dem deutschen mischte, beobachtend. Fr. v. Gentz lud ihn öfters zu sich ein und gab ihm in politischen Gesprächen Einblick in die damaligen Verhandlungen der europäischen Mächte, namentlich über Griechenlands Befreiung von der Türkenherrschaft; es war ein praktischer Kursus in der Diplomatie, dem künftigen Geschichtschreiber diplomatischer Verhandlungen sehr nützlich. Dann lernte er einen gebildeten Serben kennen, Wuk Stephanowitsch, der ihm Mitteilungen machte über den Freiheitskampf der Serben in den Jahren 1804-16, an dem er teilgenommen hatte. Ranke erkannte, daß dieses tapfere Volk der allgemeinen Teilnahme nicht minder würdig sei als die Griechen, und schrieb, um solche Teilnahme zu erwecken, das Buch »Die Serbische Revolution«, welches 1829 erschien. Er erzählte darin von der alten Heldenzeit der Serben im 14. Jahrhundert, die in ihren Volksliedern lange nachklang, von Sitten und Zuständen, dann von dem Freiheitskampfe, der damit endete, daß Serbien, von Rußland unterstützt, einen einheimischen Fürsten und selbständige Verwaltung erhielt, doch immer noch unter türkischer Oberhoheit. Es war ihm ganz erwünscht, auch einmal Ereignisse der jüngsten Vergangenheit zur historischen Darstellung zu bringen; er verabsäumte nicht, die Einwirkungen der europäischen Politik, namentlich die wechselnden Beziehungen Napoleons zu Rußland und zu der Türkei aus französischen Schriften mit heranzuziehen; die Hauptsache aber war, wie unter dem Drucke der Not sich in dem Serbenvolke ein nationales Kriegswesen und eine nationale Regierungsweise entwickelte, an die alten Sitten anschließend, allmählich sich vervollkommnend. Als später im Jahre 1842 eine neue Auflage des Buches nötig wurde, fügte Ranke eine über die weitere Entwicklung unterrichtende Fortsetzung hinzu: die dritte Ausgabe in den Sämtlichen Werken (Band 43 u. 44) konnte er mit der durch den Berliner Kongreß 1878 ausgesprochenen vollen Selbständigkeit Serbiens abschließen.
Im Herbst 1828 betrat Ranke den Boden Italiens, wo es soviel zu schauen und zu sammeln gab, daß die schriftstellerische Tätigkeit einstweilen ruhen mußte; hier reiften allmählich in ihm die weiteren Pläne für die Zukunft. Zunächst verweilte er einen Winter in Venedig, emsig mit den Schätzen des Archivs beschäftigt; im Frühjahr 1829 kam er nach Rom. Zu den Handschriftenschätzen des Vatikans erhielt er nur beschränkten Zutritt; dafür entschädigten ihn die Privatarchive vornehmer römischer Familien, die sich ihm nach und nach öffneten, namentlich durch Vermittlung des preußischen Gesandten Bunsen,7 in dessen gastlichem Hause sich auch anregendster Verkehr darbot. Wie bedeutende Eindrücke er in Rom empfing, hat er in Briefen und Aufsätzen selbst geschildert; mit sinnendem Auge betrachtete er die Werke der Kunst und das eigentümliche, überall von kirchlichen Gebräuchen durchzogene Volksleben;8 auch zu einem Ausfluge nach Neapel und Pompeji nahm er sich Zeit. Mit reicher Ausbeute an historischem Material verließ er Rom im Frühjahr 1830, wandte sich nach Florenz, wo gleichfalls bedeutende Schätze sich auftaten, hielt dann in Venedig und Mailand eine Nachlese und betrat im Januar 1831 wieder deutsches Land. In München und in dem Pfarrhause seines jüngeren Bruders Heinrich, unweit Nürnberg, verlebte er dann einige Monate ruhiger Sammlung und Erholung; nach Ostern begann er wieder seine Lehrtätigkeit in Berlin.
Reiche Belehrung und Erfahrung verdankte er dieser Reise; sie hatte ihn auf eine Höhe des Lebens geführt, die vielen verschlossen bleibt. Nun ging er daran, ihre wissenschaftlichen Früchte in Rede und Schrift nutzbar zu machen. Noch im Jahre 1831 veröffentlichte er die Schrift »Die Verschwörung gegen Venedig 1618«, zur Berichtigung der irrtümlichen Darstellungen dieses geheimnisvollen Vorganges von St. Real, dem Schiller in seinen kleinen historischen Schriften gefolgt war, und von Daru. Eine gleich nach Beendigung der Reise geschriebene Abhandlung über italienische Kunst blieb ungedruckt, bis sie später in den Sämtlichen Werken (Bd. 51 und 52) veröffentlicht wurde; eine andere »Zur Geschichte der italienischen Poesie« las er 1835 in einer Sitzung der Akademie der Wissenschaften vor und brachte sie dann in deren Schriften 1837 zum Abdruck.9 Den Hauptertrag seiner Forschungen verarbeitete er zu einem größeren Werke, der Geschichte der Päpste, als Fortsetzung seiner Darstellung der Fürsten und Völker von Südeuropa. Studien zur florentinischen Geschichte legte er einstweilen zurück; einige andere Abhandlungen zur Geschichte Italiens veröffentlichte er in einer Zeitschrift, deren Herausgabe er auf Wunsch der preußischen Regierung übernahm.
* * *
Die im Juli 1830 in Frankreich vollzogene Staatsveränderung erregte, ähnlich wie früher die große französische Revolution, mancherlei Bewegung im übrigen Europa; den einen erschien sie als ein glücklicher Erfolg des Strebens nach freieren und doch gesetzlich geordnetem Staatsleben, den anderen als neue Erhebung der revolutionären Ideen. In mehreren deutschen Staaten entstanden Unruhen, die durch Verkündigung neuer Verfassungen beigelegt wurden; in Preußen fragte man, ob es nicht Zeit sei, die im Jahre 1815 verheißene »Nationalrepräsentation« ins Leben zu rufen. Seit 1823 bestanden Versammlungen der Provinzialstände, in denen mancherlei Fragen des Staatswohls erwogen wurden; die gesetzgebende Gewalt aber stand von alters her der Regierung allein zu, und diese hatte seit dem Ende der großen Kriegszeit sich als tüchtig bewährt: sollte sie nun einem in Frankreich gegebenen Vorbilde sich anschließen und dabei die ruhige Entwicklung des Staates gefährden? In französischen und deutschen Zeitungen und Flugschriften ergoß sich heftiger Tadel über Preußens Zurückbleiben hinter den Forderungen des Zeitgeistes; dem gegenüber machte der deutsch gesinnte angesehene Buchhändler Friedrich Perthes in Gotha dem preußischen Minister des Auswärtigen Graf Bernstorff den Vorschlag, in Berlin eine Zeitschrift ins Leben zu rufen, die durch geschichtliche Belehrung dem blinden Nachahmen französischen Wesens entgegentrete und die Deutschen auf ihre eigenen Aufgaben hinweise. Der Vorschlag fand Anklang; eine von dem Minister eingesetzte Kommission beschloß die Herausgabe der Historisch-politischen Zeitschrift; zum Herausgeber ward Ranke erwählt, namentlich auf Vorschlag des ihm befreundeten Professors der Rechte v. Savigny.10 Die Zeitschrift sollte wissenschaftlich sein, nicht bloß Tagesfragen erörtern; man wünschte eine nachhaltige Wirkung zu erzielen. Ranke war nicht ohne Bedenken, doch nahm er die Wahl an, denn allerdings meinte er, daß die Geschichtsforschung sich nicht nur mit fernen Zeiten und Ländern zu beschäftigen habe, sondern auch mit dem Jüngstvergangenen, das noch unmittelbar nachwirke; Geschichte und Staatskunst standen ihm in enger Verwandtschaft, beide aufeinander angewiesen, wie er das in seiner Rede zum Antritt der ordentlichen Professur11 1836 näher nachgewiesen hat.