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Leo Ågren
Leo Nilheims Geschichte

Roman

Aus dem Schwedischen von

Erik Gloßmann

Saga

Prolog
Leningrad 1958

Ein frohes Hurra, ein lautes Hurra

für jeden Mann, der gut gekämpft,

was immer er im Leben auch wurde,

unser Feind oder unser Freund.

Johan Ludvig Runeberg, den ich oben zitiere, schrieb seinerzeit noch ein anderes Gedicht, das er »Des Fähnrichs Markterinnerung« nannte. Der Fähnrich befindet sich auf dem Markt in Tavastehus und entdeckt unter all den Schaustellern und feilschenden Händlern einen alten einarmigen Soldaten, der von seinem Leben singt und danach mit seinem Hut herumgeht. Er sammelt Geld, um sein elendes Leben noch ein wenig fortsetzen zu können.

Ich möchte auch vom Leben eines Soldaten erzählen, eines Menschen, der nicht wie der Fähnrich aus innerer Überzeugung Soldat wurde, sondern aufgrund der Wehrpflicht. Er repräsentiert sicher viele Soldaten, er kann auch eine Stimme für die Toten sein. Aber er war auf alle Fälle der einzige Soldat, der Nina liebte und schwarze Haare auf der einen Seite des Kopfes und weiße auf der anderen hatte, und eine Narbe über der Nasenwurzel.

Ich traf ihn 1958 in Leningrad. Alles begann auf dem Newski-Prospekt. Zwei Jugendliche kamen mir entgegen, gekleidet in fast knöchellange Wintermäntel, Modell frühe dreißiger Jahre. Heiter und freundlich sprachen sie mich an und fragten, ob ich Kleidung zu verkaufen habe. Das war nicht der Fall, außerdem hatte ich vor kurzem von zwei Mädchen gehört, die alles zu Geld gemacht hatten, was sie auf dem Leib trugen, bis auf Schlüpfer, BH und Mantel. Barfuß kamen sie nach Finnland zurück, doch sie hatten ihren Spaß gehabt. Sie standen auf dem Bahnhof von Helsinki in einer Telefonzelle und riefen im Reisebüro an, um sich das Notwendigste an Kleidung zu organisieren. Auf alle Fälle benötigten sie Strümpfe und Schuhe, denn es war Spätherbst und draußen rieselten schon die Schneeflocken. Während sie darauf warteten, dass Hilfe organisiert wurde, leerten sie im Restaurant alle Wodkareserven.

Ich versuchte, den beiden Jugendlichen zu erklären, dass ich Mitglied einer Delegation war.

»Delegati«, sagte ich.

Da grinsten sie übers ganze Gesicht.

»Ooohh, Towarischtsch.«

»Finski«, versuchte ich zu erklären.

»Finski, ooohh, puukko.« Sie brachen in ein furchtbares Gelächter aus beim Gedanken an das finnische Jagdmesser, obwohl dieses vielen ihrer Landsleute einige Daumen tief ins Fleisch gedrungen war in all den Kriegen, die wir in Jahrhunderten mit Russland geführt hatten. Aber für sie schien Krieg etwas zu sein, womit man sich die Zeit vertrieb. Sie waren jung und der Große Vaterländische Krieg nur etwas, von dem die Eltern erzählten. Sie erkundigten sich, ob ich nicht wenigstens den Mantel verkaufen wolle. Aber ich konnte gerade dieses Kleidungsstück nicht entbehren, denn es war April und es schneite noch frisch über dem Newski-Prospekt.

Ich sagte ihnen, es tue mir leid, in allen Sprachen, in denen ich mich ausdrücken konnte.

Dann lief ich weiter die Straße entlang. Und die Gedanken kamen. Hier war Dostojewski gegangen, hier lief Belinski und lernte, den Zaren im Winterpalais zu hassen. Belinskis Tuberkulose-Husten schallte über die Straße, während er sich fragte, warum Dostojewski seine Begabung an Idioten und Abnormitäten vergeudete, anstatt sie zur Verbesserung der russischen Gesellschaft einzusetzen. Ja, hier waren all die Großen gegangen, außer den Kaisern, die gefahren und in schöner Regelmäßigkeit ermordet worden waren. Was hatte es aber für einen Sinn gehabt, einen Zaren zu ermorden, wenn der nächste schon bereitstand? Hier ging Puschkin, bevor er sich kaputtduellierte, und hier fuhr Lenin, genannt der Totengräber des Kapitalismus, in seinem Panzerwagen. (Er war vorsichtiger als die Zaren und starb erst einige Jahre nach dem Attentat.)

Ein scharfer Wind fegte über den Newski-Prospekt. Die nassen Schneeflocken legten sich auf mein Gesicht. Ich ließ die Zunge um meinen Mund kreisen und merkte, dass ich schlecht rasiert war. Als ich das Wasser schmeckte, musste ich daran denken, dass in Leningrad vor nicht allzu langer Zeit sogar Trinkwasser knapp gewesen war. Die Einwohner hatten Hunde und Katzen, Ratten und Menschenleichen gegessen. Aber nun ging es ihnen besser; vor mehr als zehn Jahren hatte die Hölle von Leningrad ihr Ende gefunden. Jetzt aß man hier richtige Speisen, aß und aß, lustvoll und hemmungslos; die Leute konnten gar nicht genug bekommen. Jeder Zweite war zu dick.

Gedankenlos stieg ich eine Treppe hinunter. Sie war schmierig und schmutzig von den vielen Schuhen, die an diesem Tag auf ihr herumgetrampelt hatten, und endete an einer Kellertür. Viele Menschen gingen hinein, und ich beschloss, ihnen zu folgen und nachzusehen, um welche Art von Geschäft es sich handelte. Ein Schild gab es nämlich nicht; die Russen sind nicht für so etwas. Lediglich ein vergilbter Zettel war an die Tür geheftet, auf dem die Zahl 12 stand. Das war alles, und ich glaubte aus irgendwelchen Gründen, dass hier Schlittschuhe und Stiefel verkauft würden. Doch in dem Raum, den ich betrat, stand lediglich ein Schanktisch voll mit Gläsern von dem Typ, den wir in Finnland Milchbecher nennen. Eigentlich ist es falsch zu sagen, der Tisch wäre voller Gläser gewesen. Er war übervoll, die Trinkgläser stapelten sich sogar auf dem Fußboden davor. Eine müde Kellnerin stand hinter der Theke und goss Wodka und Kognak ein. Die Gläser holte sie aus einem Spülbecken. Das Wasser darin war genauso braun wie der Kognak und hätte wohl einen relativ starken Drink ergeben. Vermutlich war dasselbe Wasser am ganzen Tag benutzt worden, und nun war es recht spät am Abend.

Müde Arbeiter standen gegen die Wände gelehnt; der Raum war voller Schneematsch, Zigarettenkippen und Tabakrauch. Es roch säuerlich nach feuchten Kleidern – und dort traf ich Leo Nilheim.

Das geschah so: Ich drängte mich zum Schanktisch vor und bestellte ein Glas Wodka. Das Wort ist leicht auszusprechen – es bedeutet übrigens »Wässerchen« –, doch schwieriger war es, nach dem Preis zu fragen. Die Kellnerin begriff auf alle Fälle, was ich wissen wollte, und antwortete, doch leider verstand ich kein Wort.

Da hörte ich eine Stimme neben mir. In klarem, deutlichem, etwas schleppendem Schwedisch sagte sie:

»Der Wodka kostet vier Rubel und zehn Kopeken.«

Es war noch vor der Währungsreform in der Sowjetunion, bevor man den Wert des Rubels verzehnfachte. Inzwischen hat ja auch die Kopeke eine gewisse Kaufkraft wiedergewonnen.

Aber zu dieser Zeit hatten wir die Taschen noch voller mit Grünspan überzogener Kupfermünzen, wenn wir Russland bereisten. Ich reichte der genervten Kellnerin einen Geldschein, der so groß war wie eine halbe Zeitungsseite, und bekam ein halbes Pfund Kupfer zurück, das ich samt einigen feuchten Zigaretten in der Tasche verstaute. Dann schaute ich auf.

Neben mir stand ein großer, etwa fünfzig Jahre alter Mann. Später erfuhr ich, dass er noch keine vierzig war. Er war sicher Sowjetbürger, denn er trug eine typisch russische Kleidung, einen abgetragenen langen Wintermantel, eine Sportmütze und derbe Lederstiefel. Er ließ eine halb gerauchte Zigarette zu den tausend anderen in den Schneematsch auf dem Boden fallen und machte sich sogar die sinnlose Mühe, darauf zu treten.

»Danke«, sagte ich verwirrt. »Mein Name ist Ågren, Leo Ågren.«

»Ich heiße ebenfalls Leo«, antwortete er. »Leo Nilheim.«

Ich bemerkte einen leichten Akzent in seiner Sprache.

»Darf ich dich auf ein Glas einladen?«, fragte ich.

»Gern«, antwortete er. »Aber ich habe mich nicht deshalb eingemischt. Ich wollte dir nur helfen, ich bin nicht pleite.« Er schwieg einen Moment, dann murmelte er »pleite, blank, pankki«, als wollte er sich etwas in Erinnerung rufen.

»Können Sie … sprichst du auch Finnisch?«

»Ja, ein wenig«, antwortete er kurz.

»Wodka?«, fragte ich.

»Lieber Kognak. Wenn man in Russland lebt, hat man Wodka und Kaviar manchmal satt.«

Ich fragte nicht weiter nach, sondern bestellte Kognak, und wir stießen an.

»Nostorodnja«, sagte ich, denn ich glaubte, das wäre das russische Wort, um sich zuzuprosten.

»Hej«, antwortete er auf Finnisch. Er hatte eine tiefe Narbe an der Nasenwurzel und Stahlplomben im Unterkiefer. Am auffälligsten aber waren seine Haare: weiß auf der einen und schwarz auf der anderen Seite des Kopfes. Für einen Moment herrschte Stille.

Ich versuchte, eine Unterhaltung in Gang zu bringen.

»Ich weiß nicht so viel über Russland, kaum mehr als das, was ich bei Dostojewski, Tolstoi und Gorki und vielleicht einigen antikommunistischen Propagandisten gelesen habe«, erklärte ich.

»Und vielleicht einigen kommunistischen«, fügte er mit einem schiefen Lächeln hinzu und bekannte dann plötzlich: »Ich weiß auch nicht so viel über Russland.«

»Aber du bist doch Russe?«, wunderte ich mich.

»Gewiss, ich bin Russe, Weißrusse sogar. Das siehst du ja an meiner Kleidung. Ich weiß, dass sie auf euch Westeuropäer plump wirkt. Mich kümmert es nicht, wie ich aussehe. Hauptsache, ich friere nicht und habe keine nassen Füße. Ich habe nie versucht, Sachen von Touristen zu kaufen … Ich achte die Gesetze«, fügte er hinzu, und das schiefe Lächeln kehrte zurück.

»Ja, das ist wohl verboten«, sagte ich.

»Natürlich, wir brauchen hier keinen kapitalistischen Modekram. Die sozialistischen Kleider wärmen gut, auch wenn sie nicht so raffiniert geschneidert sind … Und man fährt wohl in allen Ländern am besten, wenn man die Gesetze und Bestimmungen befolgt, obwohl sie natürlich manchmal etwas seltsam wirken können.«

»Ich weiß nicht viel über eure russischen Gesetze«, bekannte ich.

Er nickte.

»Du weißt vielleicht auch nicht allzu viel über eure finnischen Gesetze, denn du bekommst sie nicht in dem Maße zu spüren wie wir unsere sozialistischen Bestimmungen.«

Ich sah mich zu einem Hinweis veranlasst: »In unserer Delegation gibt es zwei Kommunisten. Ich bin einer davon.«

Wir standen im Schneematsch. Rundum unterhielt man sich, es wurde geraucht und getrunken. Er nickte:

»Alle Russen hinweisen gern darauf (hier ertappte ich ihn zum ersten Mal bei einem Fehler), dass sie Kommunisten sind, aber wenn man die zwei Ikonen nimmt, Marx und Stalin, so würden sie mit Marx ihre Hämorrhoiden kratzen und Stalin küssen.«

»Du willst damit sagen, dass du kein Kommunist bist?«, fragte ich verwundert.

Zum dritten Mal zeigte sich das schiefe Lächeln.

»Weil ich Russe bin«, erklärte er, »bin ich natürlich auch Kommunist. Ich wurde es in Finnland während des Krieges, als einige schwarz uniformierte SS-Offiziere im Gefangenenlager herumgingen und nach russischen Juden suchten. Ich glaube, an diesem Tag wurde ich Kommunist. Ich bin aber nicht sicher, ob ich nicht beide Ikonen dazu benutzen würde, mir den Hintern zu kratzen.«

»Bist du denn Jude?«

»Wie soll ich das wissen? Was bist du denn? Vielleicht Zigeuner oder vom fahrenden Volk, wie ihr sagt. Du hast schließlich schwarze Haare.«

Ich strich mir verwirrt über den Kopf.

»Ich kann doch nichts dafür, dass meine Haare schwarz sind.«

Er lachte laut auf: »Ich bin Arier auf der einen Seite des Kopfes und Zigeuner oder Jude auf der anderen. Jetzt trinken wir noch einen Kognak. Die Runde geht auf mich. Du hast es doch nicht eilig?«

»Nein, wir reisen erst nächste Woche ab.«

Er drängelte sich zur Theke durch und holte Kognak für uns.

»Skål«, sagte ich und bewunderte seine Geschicklichkeit, Münzen über den Tisch zu werfen.

Der Flüssigkeitspegel in unseren Gläsern sank, und Wärme stieg auf in meiner Brust.

»Ich wohne ganz in der Nähe«, sagte er und saugte den letzten Kognak durch die Barthaare. »Komm mit, ich lade dich auf ein paar Gläser Tee ein.«

Ehe ich mich besinnen konnte, antwortete mein Mund:

»Danke, gern.«

Es stürmte und schneite noch immer, aber nun spürte ich die Flocken wie Flaumfedern auf dem Gesicht. Ich weiß nicht, wie weit wir liefen; es dauert wohl ein Leben, um eine fremde Großstadt zu verstehen. Ich glaube aber, es war etwa ein Kilometer. Schließlich standen wir vor einem dunklen alten Haus aus karelischen Stämmen, das inmitten all der Steinkolosse unzeitgemäß wirkte.

»Komm rein, Leo«, sagte er und öffnete die schwarze, rissige Kieferntür. Eine matte Glühlampe beleuchtete das Treppenhaus; kein Mensch war zu sehen. Vorsichtig stiegen wir die Stufen hinauf, die von Generationen abgetreten waren und unter unseren Sohlen knarrten. Er warnte mich vor einem wackeligen Brett.

»Warum nagelt es keiner wieder an?«

Er lachte:

»Wenn man Bescheid weiß, ist es keine Gefahr. Du vergisst wohl, dass du jetzt in Russland bist!«

Ich schwieg, und wir stiegen weiter hinauf, bis unters Dach. Dort griff er hinter einen Balken, holte einen großen Schlüssel hervor und schloss auf.

»Bitte, hereinspaziert«, forderte er mich auf. »Willkommen in meinem Heim. Fühl dich wie zu Hause – sagt man nicht so bei euch?«

»Ja, so sagt man.«

Ich wartete einen Moment auf der Schwelle, während er im Dunkeln vorantappte. Dann leuchtete eine Wandlampe auf und warf einen rötlichen Schein in das Zimmer.

Ich trat ein, zwinkerte gegen das Licht, fummelte eine Zigarette aus der Packung und zündete sie an.

»Ja, so wohne ich«, sagte er. »Leg ab.«

Ich zog meinen feuchten Mantel aus und sank in einen großen, weichen Ledersessel. Der Raum war bequem und zugleich spartanisch möbliert. Es gab keine Gardinen; acht dunkle Fenster schauten mich schweigend an. Doch vor den Scheiben waren Töpfe mit üppig wuchernden Grünpflanzen aufgereiht, die im Schein der Lampe glänzten. Mitten im Zimmer stand ein großer Tisch, umgeben von Sesseln. In einer Ecke sah ich ein hohes eisernes Bettgestell, in einer anderen einen gewaltigen Kleiderschrank.

Ich saß schweigend und rauchte, während er den Tee zubereitete. Nicht im Samowar, den verwenden die Russen heutzutage nur noch selten; die Apparate werden von Touristen aus dem Westen aufgekauft. Stattdessen wärmte er das Wasser auf einem Spirituskocher und goss den Tee in einer ganz gewöhnlichen Kanne auf. Dann stellte er zwei Teegläser in echtsilbernen Haltern sowie eine große Schale mit Zuckerstücken auf den Tisch. Aus dem Kleiderschrank holte er eine Flasche Wodka und zwei Gläser. Er goss ein und setzte sich auf einen rot und blau gemusterten Sessel mir gegenüber.

»Bitte«, forderte er mich auf.

»Danke.«

Eine Weile schwiegen wir und pusteten auf den heißen Tee.

Ich bot ihm eine Zigarette an.

Es war ganz still im Zimmer. Das Haus stand auf einem Hof; kein Verkehrslärm drang bis hierher.

Ich suchte verzweifelt nach einem Gesprächsthema, mir fiel aber nichts ein. So saßen wir weiter, schwiegen, rauchten, bliesen in den Tee und nippten am Wodka.

Neben dem Schrank entdeckte ich ein Radiogrammophon und wollte ihn fast bitten, es spielen zu lassen.

Er saß nur da und starrte durch die schwarzen Fensterscheiben. Plötzlich, ich zuckte fast zusammen, sagte er laut:

»Dieses Haus wurde im neunzehnten Jahrhundert von österbottnischen Zimmerleuten gebaut.«

Ich schwieg; durch seine unverhoffte Ansprache hätte ich beinahe das Teeglas fallen lassen.

»Ich war in Österbotten«, fuhr er fort.

»Ach, wirklich?«, war der einzige Kommentar, der mir einfiel.

Danach schwiegen wir wieder eine ganze Weile und schauten durch die Scheiben ins Nichts. Einzelne Schneeflocken setzten sich auf das Glas und schmolzen langsam dahin. Dünne Rinnsale bildeten sich und strebten dem Fensterrahmen zu.

Ich wusste nicht, was ich von seinem heftigen Ausbruch bezüglich Österbottens halten sollte. Schließlich wagte ich zu sagen:

»Ich stamme aus Österbotten.«

»Ich hörte es an deiner Stimme.«

»Ja, das hört man vielleicht.«

»Wirklich, wenn man diese Sprache ein Mal gehört hat, erkennt man sie auf der ganzen Welt wieder. Selbst wenn du russisch gesprochen hättest, wäre mir nicht entgangen, dass du aus Österbotten stammst.«

»Wann warst du dort?«

»1944.«

Ich stutzte und schaute in sein versehrtes Gesicht.

»Dann warst du dort als … als …«

»Ja, ich war dort während des Großen Vaterländischen Krieges.«

Der Rauch unserer Zigaretten ringelte sich empor, die Teekanne dampfte leicht, die Wodkagläser waren beschlagen.

Ein kurzes Lächeln entspannte sein Gesicht:

»Auf der ganzen Welt gibt es jedenfalls keine Sprache außer dem Österbottnischen, die ein Wort für jöutas1 hat.«

Und plötzlich war das Eis endgültig gebrochen.

»Ja, ich weiß, es jöutade, 1944 Kriegsgefangener in Österbotten zu sein.«

»Natürlich jöutade es«, bestätigte er, »aber es gab andere Dinge während des Krieges, die noch entsetzlicher waren. Einen Großen Vaterländischen Krieg gewinnt man nicht, ohne einen hohen Preis für den Sieg zu zahlen. Die Gewalt hat viele Dimensionen, und ich – wie sagt man – schmeichle mir damit, einige dieser Dimensionen gesehen zu haben. Und Österbotten war nicht die schlimmste davon.«

Er ließ die Zigarette auf den Fußboden fallen und trat darauf. Die Russen haben bekanntlich einen Teil ihrer Kultur von den Franzosen übernommen, darunter auch den französischen Aschenbecher. Ich folgte seinem Beispiel und tötete meine Kippe sorgfältig mit dem Absatz.

»Man sollte um ein paar Reparaturen bitten. Obwohl das Haus bald abgerissen wird. Na ja, es kann sich vielleicht lohnen, ein bisschen Dampf zu machen. Hier wackelt, verrottet und zerfällt ein wenig zu viel.«

Er zog tief an seiner Zigarette.

»Jetzt will ich dir ein bisschen von meinem schlimmen und elenden Leben erzählen. Ich hörte, dass du Schriftsteller bist. Ich gehöre nicht zu denen, die immer sagen, ihr Leben sei ein ausgezeichneter Stoff für einen Schriftsteller. Wenn ich erzähle, dann tue ich es für mich. Sonst muss ich zu viel für mich behalten. Meine Landsleute könnten nämlich einen Teil dessen, was ich zu sagen habe, missverstehen. Deshalb halte ich sonst den Mund. Aber dir kann ich alles anvertrauen – das meiste jedenfalls.«

Und nun lasse ich Leo Nilheim erzählen. Es ist vielleicht nicht immer seine Stimme und sein Ausdruck – wenn er erregt war, sprach er mit einem Akzent –, aber es ist inhaltlich das, was er berichtete. Ich will und muss es in meiner Sprache wiedergeben.

I.
Das Dorf

Meine Eltern, mein Vater jedenfalls, waren Bauern. Ich weiß, wie Erde riecht. Ja, es ist seltsam, wie viel Gerüche im Leben bedeuten können. Einige Jahre lang lernte ich, wie Leichen und Pferdekadaver riechen. Dieser Gestank ist schlimmer als alles andere, man kann sich nie daran gewöhnen. Aber auch dem Geruch des karelischen Humus konnte ich nichts abgewinnen. Er duftete ganz anders als der bei uns. Das ist gar nicht so sonderbar. Die Erde, in die man Schützenlöcher gräbt, riecht sicher immer auf eine besondere Art. Schützenlöcher werden auf Befehl gegraben; sie dienen keinem anderen Zweck als dem kriegerischen. Deshalb müssen sie natürlich ganz anders riechen als alles andere. Das Gewühle in der Erde war eine Sinnlosigkeit der Politiker, nicht der Bauern. Und der Sohn eines Kolchosbauern aus einer der tristesten Gegenden Weißrusslands konnte sich nie mit der Art der Politiker, im Boden zu graben, abfinden. Die Humusschicht sollte mit Sorgfalt und Liebe umbrochen, gedüngt und besät werden. Dann zeigt sie vielleicht ihre Dankbarkeit, indem sie eine gute Ernte gibt. Aber die Ernte des Krieges besteht nur aus Schrecken und Leichen. Niemals aus etwas anderem.

Ja, mein Vater war Genossenschaftsbauer. Wir wohnten in einer der ältesten Hütten des Dorfes. Die ersten Jahre waren schwer. Der Ofen qualmte, und im Winter schneite es durch die Ritzen zwischen den morschen Balken. Fleisch stand fast nie auf unserem Tisch, und oft gab es nicht einmal eine Mehlsuppe. Wir Kinder bewunderten Stalin sehr, aber nur, weil wir kaum jemals ein gedrucktes Foto von einem anderen gesehen hatten. Und wer, wie der Lehrer sagte, Hunderttausende solcher Bilder verbreiten lassen konnte, musste natürlich viel mehr sein als wir. Aber trotz seiner fast göttlichen Macht konnte nicht einmal Stalin verhindern, dass wir mehrere Jahre hintereinander Missernten einfuhren. Die neue Generation, die Zukunft der Sowjetunion, wuchs unterernährt, zerlumpt und halb verwildert heran. Wundere dich deshalb nicht, dass wir nur das geschafft haben, was du heute siehst. Wir sind noch immer vor allem am Essen interessiert. Es braucht eine weitere satte Generation, um die Wohlfahrtsgesellschaft aufzubauen.

Großmutter redete manchmal vom Zaren, von einer glücklichen Periode im Leben Russlands, als niemand Not litt und keiner an Teeblättern sparen musste. Sie nannte ihn Nikolajus; manchmal glaube ich, sie brachte ihn mit einem Heiligen durcheinander. Sie war nämlich sehr religiös. Wenn wir einen Verwandten an der alten Dorfkirche beisetzten, gehörte sie immer zu denen, die am eifrigsten die Stirn auf den Boden schlugen und sich bekreuzigten. Schließlich begruben wir auch sie. Da war ich bereits groß genug, um beim Ausheben des Grabes zu helfen. Ich erinnere mich, dass auch die Erde auf dem Friedhof anders roch als der verdammte karelische Humus, in den ich einige Jahre später auf Befehl der Generale Schützengräben grub. Jedenfalls begriff ich, dass unser Dorf sehr alt sein musste, denn ich stieß auf jede Menge Knochen, ja sogar ganze Schädel, als wir Großmutters Grab vorbereiteten. Hier, an diesem gottverlassenen Platz, hatten Generationen von Menschen gewohnt, jahrhundertelang, ohne auf die Idee zu kommen, sich etwas Anderes, etwas Besseres zu suchen. Aber ich werde es ihnen zeigen, dachte ich. Wenn ich nur ein wenig älter wäre – in dieser Erde wollte ich jedenfalls nicht verwesen!

Ich kann nie an Großmutters Tod denken, ohne an meinen Papa erinnert zu werden. Nicht nur, weil die beiden fast zur selben Zeit starben, sondern weil da, bei allen Unterschieden, etwas so gleich war bei ihnen. Eines Morgens antwortete Großmutter nicht, als wir sie ansprachen. Sie lag mit geschlossenen Augen ganz still da, die Hände fest um eine Ikone geschlossen. Ihre Gesichtshaut war straffer geworden; sie sah jünger aus und wirkte viel glücklicher als im Leben.

Zwei Mal erlebte ich, dass sich mein Papa mit selbstgebranntem Wodka betrank. Vielleicht habe ich deshalb kein so gutes Verhältnis zu diesem Getränk. Papa war ein echter Revolutionär. Er hatte an der Revolution teilgenommen, war bereits damals in der Partei gewesen. Aber im Gegensatz zu so vielen anderen versuchte er niemals, im Durcheinander des Bürgerkriegs Karriere zu machen. Er nahm an der Niederschlagung der weißen Konterrevolution teil, aber als alles ruhig war, kehrte er als einfacher Kolchosbauer zurück, wissend, dass es lange dauern würde, bis der junge Sowjetstaat die Bedürfnisse aller seiner Bürger befriedigen könnte. Die Jahre vergingen, das Elend blieb. Papa wurde immer verschlossener und wortkarger. Dann kam der Abend, an dem ihm der Wodka die Zunge löste. Er sagte, dass die westlichen Imperialisten, die Kulaken, Trotzkisten und viele andere, ich erinnere mich nicht an alle, dem Sowjetvolk mehr aufgebürdet hätten, als es vielleicht auf Dauer tragen könne. Manchmal, flüsterte er, geschehe es sogar, dass er an dem großen Stalin zu zweifeln beginne. Man habe nicht das Recht, eine Generation zu opfern, eine Generation zu opfern sei, als opfere man die Menschheit. Schließlich schrie er beinahe. Er hatte gar nicht viel getrunken, aber er aß auch immer sehr wenig. Er war einer der Leiter der Genossenschaft und vielleicht der einzige, der sich verantwortlich fühlte. Er wollte nicht mehr essen, als es die anderen konnten. Er wollte sie mit seinem Beispiel überzeugen, aber das war mühsam. Er sah, wie die zwangskollektivierten Bauern draußen auf dem Acker heimlich ihre Kühe schlachteten, er sah sie in ihren Daunenbetten liegen und schlafen, als die Felder bestellt werden mussten.

»Und solche nennen unsere Führer Vorkämpfer der idealen Gesellschaft.«

Noch einmal trank er Wodka. Es war ein schöner warmer Herbsttag; wir waren beim Pflügen. Ich weiß nicht, was genau geschah; vielleicht bekam er einen Sonnenstich. Jedenfalls fiel er plötzlich hinter seinen Pferden in die Furche. Ich lief ein Stück dahinter und sammelte Steine. Schnell rannte ich hin und half ihm, sich aufzusetzen.

»Kannst du aufstehen?«, fragte ich, außer mir vor Sorge.

»Nein, nie mehr.«

Nach einer Weile zeigte er plötzlich auf eine Scheune, die nicht weit entfernt stand.

»Geh dort hin und hole ein bisschen Hafer für die Pferde. Du kannst zwei Säcke nehmen.«

Ich glaubte, er wäre verrückt geworden, sagte aber nichts und holte das Getreide. Ich musste zweimal gehen. Er blieb in der Furche sitzen.

»Jetzt kannst du versuchen, mir zu helfen«, sagte er. »Aber füttere erst die Pferde.«

Ich spannte die beiden mageren Gäule aus und schüttete ihnen einen Sack Hafer hin. Dann versuchte ich, Vater nach Hause zu bringen. Es war nicht leicht. Ich trug und schleppte ihn abwechselnd. Er schien jede Kraft in den Beinen verloren zu haben; sie gaben jedes Mal nach, wenn er stehen wollte. Ich glaube, wir brauchten für den kurzen Weg nach Hause mehrere Stunden, und als ich ihn endlich ins Bett legen konnte, war ich genauso am Ende wie er. Mit leiser Stimme bat er mich, eine Flasche Wodka zu holen. Es war die letzte, er hatte sie für Großmutters Begräbnis aufheben wollen, aber es schien, als hätte er geahnt, dass er diesen Tag nicht mehr erleben würde. Großmutters Sarg stand halb fertig in einer Ecke des Raumes, und ich überlegte, wer mir helfen könnte, ihn zusammenzunageln, jetzt, wo es auch Vater schlecht ging.

Er nahm einen tiefen Schluck aus der Flasche. Dann winkte er mich heran und flüsterte:

»Du, mein Junge, wirst den Sozialismus erleben, vielleicht auch den Kommunismus, aber reiß dir deshalb kein Bein aus. Sei nur ruhig und warte; alles kommt zu dem, der warten kann. Wenn es Ärger geben sollte wegen der beiden Säcke Hafer, dann sag ihnen, dass mir die Pferde leidtaten. Sie sind es vielleicht auch wert, einmal ein bisschen Sozialismus zu erleben.«

An weitere Worte kann ich mich nicht erinnern. Er trank die Flasche bis auf den letzten Tropfen aus und schlief ein. Seine Atemzüge wurden immer schwächer, und als ich im Morgengrauen nach ihm sah, lebte er nicht mehr. Sein Körper roch nach Fusel.

Jetzt stand ich allein im Leben. Ich wusste nicht, wer meine Mama war und wo sie sich aufhielt; Papa wollte nie von ihr erzählen. Ich hatte das unbestimmte Gefühl, dass er sie als Verräterin betrachtete, als eine, die seine politischen Ideale aufgegeben hatte. Jedenfalls musste ich mich nun um beide Beerdigungen kümmern. Ich ging zum Kolchosvorsitzenden, um die Details zu besprechen. Der Vorsitzende verausgabte sich nicht gerade. Er saß hinter seinem Schreibtisch und reinigte eine ganze Menge Pfeifen; er wusste, wie man auf den Sozialismus wartet. Es dauerte eine ganze Weile, bis er sich dazu herabließ, von mir Notiz zu nehmen.

»Nun?«

»Mein Vater ist gestorben.«

Da wurde er plötzlich lebendig. Vater war immerhin ein Pionier und einer der Initiatoren der Genossenschaft gewesen. Der Vorsitzende witterte ein Fest.

»Du kannst ruhig alles mir überlassen«, erklärte er.

Um Großmutter kümmerte er sich natürlich nicht. Die musste ich selbst, so gut es ging, unter die Erde bringen.

Ich erwähnte ja schon, dass ich half, Großmutters Grab auszuheben. Tatsächlich erledigte ich fast die ganze Arbeit allein. Die einzige Hilfe, die ich hatte, war ein alter vertrockneter Dorfpriester, der Göttlichkeit atmete für jeden Teelöffel Sand, den er aus der Grube beförderte. Er wohnte bei seiner Tochter, die ihn mit Tee und Honigkuchen beköstigte, dem Einzigen, was sein leibliches Wesen noch begehrte. Beim Begräbnis betete und sang er mit einer plärrenden Greisenstimme. Er und die anderen Alten, die mir helfen wollten, hätten den Sarg beinahe hochkant ins Grab fallen lassen; im letzten Moment bekam ich noch einen Fuß dazwischen. Ich hatte die Tattergreise am Schluss herzlich satt.

Ja, Großmutters Beisetzung fiel bescheiden aus, ganz im Gegensatz zu der meines Vaters eine Woche später. Ich musste mich tatsächlich um nichts kümmern. Fahnen wehten, Musik erklang, Redner überboten sich, und mir überließ man lediglich einige symbolische Spatenstiche. Vaters Sarg war elegant und glänzend rot gestrichen … Ich weiß, die Särge in eurem Land sind weiß. Ideologien machen selbst vor dem Tod nicht halt.

Beide Särge wurden noch einmal geöffnet, bevor man sie hinunterließ. Ich hatte den Eindruck, dass Papa noch immer nach Wodka roch. An Großmutters Sarg standen einige Alte, die jammerten und sich bekreuzigten. Rund um Papas Sarg versammelten sich junge Leute und Menschen in mittleren Jahren; Männer und Frauen mit sozialistischen Parolen auf den Lippen und dem gleichen gläubigen Gesichtsausdruck wie die kraftlosen Alten an Großmutters Bahre. Auch die Leichen schienen die jeweiligen Überzeugungen zu teilen. Es war ein furchtbarer Glaube an verschiedene Ideen, der sich während der beiden Beisetzungen offenbarte. Ich beschloss, Papas letztem Rat zu folgen. Wer die Früchte des Sozialismus genießen will, sollte sich still verhalten. Ich halte dieses Prinzip nach wie vor für vernünftig. Wenn nur nicht so ein gläubiger Ausdruck auf seinem toten Gesicht gelegen hätte! Es war, als wollte er sich selbst widersprechen … behaupten, es gäbe doch noch etwas jenseits von Not und Unrecht, Bürokratie und Egoismus. Dass es irgendwo Sozialismus gibt. Ja, ich weiß nicht.

In der Schule saß ich meistens nur da und schlief. Der Unterricht war eigentlich etwas Angenehmes, eine willkommene Unterbrechung der täglichen Langeweile. Wenn ich von dort nach Hause kam, wusste ich, dass es immer einen Hühnerstall auszumisten oder ein Beet zu jäten gab. Deshalb war es schön in der Schule. Der Lehrer war nicht gefährlich; er war über siebzig Jahre alt. In seiner Kindheit war er ein Leibeigener, eine Seele, gewesen. Jetzt war er nicht einmal mehr eine Seele. Er war nur eine trocken knisternde Unterrichtsmaschine und dazu noch ziemlich senil. Manchmal glaubte er, er lebte immer noch in der Zarenzeit; dann pflegte er vom japanischen Krieg und der Revolution von 1905 zu erzählen. Plötzlich fiel ihm wieder ein, wo er war, und er berichtete von Stalins großen Plänen. Ich erinnere mich noch an eines seiner Gleichnisse. Er sagte, der Rauch von Stalins Pfeife sei wie eine Wolke des Wohlstands, die das russische Volk und nach und nach die ganze Welt einhüllen werde. Dann sank er wieder in sich zusammen und brabbelte zusammenhanglos etwas über altslawische Verben und euklidische Geometrie. Wie er uns Lesen und Schreiben beigebracht hat, ist mir ein Rätsel. Er wusste nie, welches Fach er unterrichten sollte, und mischte alles durcheinander. Die Schule befand sich auf einem alten Bauernhof, wo es natürlich einen großen Ofen gab. Auf diesem Ofen saß ein riesiger Kater, der, so schien es uns, genauso alt war wie der Lehrer. Wenn man ihn auf eine bestimmte Weise anstarrte, wurde er furchtbar wild und begann zu fauchen und zu spucken. Aber er war zu faul, um von seinem Lieblingsplatz herabzusteigen und den Provokateur anzugreifen.

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120 p. 1 illustration
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9788711448526
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